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Ein Leben für Kinder

Martha Häfliger-Räber lebt seit fünfzig Jahren auf dem Oberlehn.

16 Kinder brachte Martha Häfliger-Räber zur Welt. 7 Kühe im Stall mussten für das
Auskommen der Familie reichen. Das Leben einer Menzberger Bäuerin.

BV. Martha Häfliger-Räber hat in ihren 89 Lebensjahren wahrscheinlich mehr erlebt als
manch Weitgereister. Aufgewachsen auf dem Hof Hinterlang-Hubel in Hergiswil, zog sie nach
ihrer Heirat auf dessen Eltern Hof in Holzwegen. Kurze Zeit später kam ihr erster Sohn zur
Welt. 1940 brannte der Hof ihrer Schwiegereltern ab. Statt auf der Baustelle stand Gottlieb als
Soldat an der Schweizer Grenze. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die junge Familie auf den
Oberen Grossenberg. Vier Kühe mussten für das Auskommen reichen. Später zogen Häfligers
auf den Mittleren Grossenberg und schliesslich am 15. März 1956 auf das Oberlehn in
Menzberg. 16 Kinder gebar Martha. Ihr zweiter Sohn, Josef starb im Alter von fünfeinhalb
Jahren an einer Lungen- und Hirnhautentzündung. Trotz ihres ereignisreichen Lebens, zieht
Martha freundliches Lächeln aufschneiderischem Geschichtenerzählen vor.

Eine Fussballmannschaft mit Ersatzspielern


Bei zeitweise fünfzehn Kindern auf dem Oberlehn hätten die Häfliger-Kinder eine eigene
Juniorenfussballmannschaft gründen können. Sogar vier Ersatzspieler hätten sie zur
Verfügung gehabt. Tschuttet haben Häfligers trotzdem wenig. Erstens, weil der Ball dauernd
in irgend ein Tobel gerollt wäre und zweitens, weil bei 15 Kindern am Mittagstisch und sieben
Kühen im Stall alle hart mitarbeiten mussten, damit alle Hosen geflickt, die Jüngsten
gewickelt und die hungrigen Mäuler am Abend gestopft waren. Marthas Tage begannen
morgens um sechs und abends, wenn die Kinder im Bett waren, sass sie an der Nähmaschine
und flickte, was die Kinder am Tag zerrissen. „Vor zwölf Uhr abends schlief ich selten ein“,
erzählt sie.
Streng war die Windelzeit, in der während vielen Jahren immer eines der Kinder war,
manchmal mehrere gleichzeitig. Um ihrer Mutter beim Waschen zu helfen, bekam die älteste
Tochter Ida jeweils am Montagnachmittag frei. Über den ganzen Hoger neben Stall flatterten
am Ende eines Waschtags die Windeln an der Leine.

Fünfzehn Kinder in zwei Zimmern


Fünfzehn Kinder erforderten teilweise ein pragmatischeres Vorgehen als heute üblich. Zum
Beispiel beim Schlafen: Das Wohnhaus auf dem Oberlehn hat neben dem Eltern- zwei
Kinderzimmer. Damit jedes Kind auf weicher Unterlage schlafen konnte, stellten Häfligers
diese mit Betten voll, in denen die Häfliger-Kinder zu zweit oder dritt schliefen. „Ein Schrank
blieb in den Zimmern kein Platz mehr“, erinnert sich Marthas Tochter Ida, die nach dem
Willen ihrer Mutter eigentlich Klara heissen sollte. Für die Namen der Kinder war zwar
Gottlieb zuständig, bei Ida wünschte sich die Mutter aber, sie solle Klara heissen. Ein „Klärli“
wollte Gottlieb aber nicht. So änderte er auf dem Weg vom Grossenberg zur Kirche Romoos
den Namen in „Ida-Klara“ und stellte die Mutter nach der Taufe vor vollendete Tatsachen.
Heute lacht Martha über diese Geschichte.
Einfluss nehmen auf Gottliebs Entscheidung konnte sie nicht, da Ida, wie damals üblich,
schon drei Tage nach der Geburt getauft wurde. Maria lag während den Taufen ihrer Kinder
und dem anschliessenden Festtagsessen erschöpft im Wochenbett. An ein Ereignis erinnert sie
sich noch heute: Einmal gab die Wirtin des Kreuz’ Romoos das Taufdessert für die Mutter mit
nach Hause.

Katholisch von Amtes wegen


Getauft haben Häfligers ihre Kinder in den katholischen Kirchen in Menzberg und Romoos,
obwohl Maria evangelisch-reformiert ist. Die Frage nach der Konfession brauchten sich die
jungen Eltern bei der Taufe des ältesten Sohnes gar nicht zu stellen: Die Kanzlei Romoos
erklärte, eine andere, als die katholische Konfession einzutragen sei gar nicht möglich.
Ansonsten lebte es sich auch in strengkatholischen Zeiten als Reformierte nicht schlechter
erzählt Martha Häfliger. Sie sei halt weniger zur Kirche gegangen, „aber gebetet haben wir
viel“, beteuert sie.

Lieber Oberlehn als fruchtbare Felder


Etwa einmal jährlich nahm Martha den Weg zur evanglisch-reformierten Kirche in Wolhusen
auf sich. Oft war dies das einzige Mal im Jahr, dass sie den Menzberg verliess, denn fürs
Einkaufen im Tal war Gottlieb zuständig. Selbst im Dorf Menzberg war sie selten. Die
Kommissionen im Dorf erledigten die Kinder. „Ich hatte ja anderes zu tun“.
Den Wunsch öfter vom Oberlehn weg zu kommen hegte sie nicht. „Ich wusste ja nichts
anderes und war gerne bei den Kindern“, begründet sie. Denn diese seien sehr lieb gewesen.
Gestritten wurde selten auf dem Oberlehn. Alle kommen regelmässig heim aufs Oberlehn zu
Besuch.
Im Sommer besuchten jeweils die Talbauern auf das Oberlehn um nach ihren auf der Alp
gesömmerten Rindern zu schauen und um in Häfligers Stube ein Kafi zu trinken. Die kargen
Oberlehner Hänge mit den fruchtbaren Feldern der Talbauern tauschen wollen hätte sie nie.
„Bei denen sieht man ja nirgends hin“. Bei ihrer Heirat sei es Gottliebs grösster Wunsch
gewesen auf einer Alp zu leben. 1956 ging der Wunsch in Erfüllung.

Vom Pächter zum Bauer


Schon seit Jahren führt Marthas Sohn Walter den Hof in zweiter Generation weiter. Auf dem
Oberlehn spielen inzwischen Marthas Grosskinder. Mit Marthas fünfzigjährigen Jubiläum
ging für die Familie Häfliger ein alter Wunsch in Erfüllung: Die Familie Schnyder verkaufte
das Oberlehn an ihren Sohn. „Ich war immer zufrieden“, schaut Martha Häfliger auf ihre
Leben zurück. „Heute freue ich mich dass ich einen guten Verstand hatte und bete täglich, am
nächsten Morgen zu erwachen“, sagt sie bescheiden und lächelt freundlich.

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