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Alexander Batthyany

Mythos Frankl?
Geschichte der Logotherapie und Existenzanalyse 1925-1945
Entgegnung auf Timothy Pytell

Einleitung
I Methodische Kritik
1. Allgemeine und methodische Vorbemerkungen
2. Widersprüche und Recherchefehler

II Inhaltliche Kritik
1. 1925 – 1933: Vom Roten Wien zum Ständestaat
2. 1936 – 1938: Die Ärztegesellschaft für Psychotherapie und das Göring-Institut (Berlin/Wien)
3. 1940 – 1942: Am Rothschildspital
5. 1942 – 1945: Theresienstadt – Auschwitz – Kaufering – Türkheim
6. 1946: ...trotzdem Ja zum Leben sagen
7. 1946 – 1997: Nachlese – Frankl über den Holocaust
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Dr. Alexander Batthyány unterrichtet Philosophie der Psychologie und Cognitive Science am Institut für Wissen-
schaftstheorie der Universität Wien und Logotherapie und Existenzanalyse an der Universitätsklinik für Psychiatrie in
Wien.
Er leitet die wissenschaftliche Abteilung des Viktor-Frankl-Instituts in Wien. Gemeinsam mit Eleonore Frankl arbei-
tet er seit mehreren Jahren den privaten Nachlass von Viktor Frankl wissenschaftlich auf und ist Herausgeber der 12-
bändigen Werkedition von Viktor E. Frankl. Veröffentlichungen und Vorträge über philosophische Psychologie,
Theorien des Geistes und über Logotherapie und Existenzanalyse.

Kontakt:
Dr. Alexander Batthyány
Prinz Eugenstr. 18/4
A - 1040 Wien
Email:
alexander.batthyany@univie.ac.at
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Einleitung

Im Frühjahr 2005 erschien im Innsbrucker Studienverlag das Buch Viktor Frankl – Ende eines Mythos? des amerikani-
schen Autors Timothy Pytell. In diesem Buch und mehreren Artikeln in amerikanischen Journalen versucht Pytell,
das Leben und Werk Viktor Frankls in einem neuen – durchwegs negativen – Licht darzustellen. Der Autor wirft
Viktor Frankl unter anderem vor, seine politischen Ansichten und ärztlichen Handlungen in der Zwischenkriegszeit
und während des Nationalsozialismus in späteren Darstellungen nicht wahrheitsgemäß wiedergegeben zu haben.
Pytell erhebt in diesem Zusammenhang schwere Vorwürfe gegen Viktor Frankl – unter anderem habe dieser die Nä-
he des autoritären Ständestaats und (nach dem Anschluss Österreichs) der nationalsozialistischen Psychotherapiebe-
wegung gesucht und am Rothschildspital „experimentelle Forschungen“ an jüdischen Selbstmordpatienten durchge-
führt. Pytell wirft Frankl auch vor, er habe seine Leser über Details seiner dreijährigen Internierung in vier Konzent-
rationslagern getäuscht.
Die deutsche Übersetzung von Pytells Buch erschien zu Frankls hundertstem Geburtstag im Jahr 2005, also zu einem
Zeitpunkt, als zahlreiche Medienbeiträge über Viktor Frankl erschienen. Nur verhältnismäßig wenige Journalisten
haben Pytells Vorwürfe aufgegriffen, dennoch wurde eine größere Anzahl von Lesern und Hörern durch Beiträge
zum Beispiel im Wochenmagazin profil und im österreichischen Radio Ö1 (Von Tag zur Tag und Salzburger Nachstudio)
auf Pytells Arbeit aufmerksam. Im Februar 2006 erschien zudem eine Kurzrezension von Pytells Buch in dem Mo-
natsjournal Psychologie heute.
In zwei vorläufigen Gegendarstellungen – einer ausführlichen von Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Biller und einer summa-
rischen von Dr. Boglarka Hadinger – wurde auf einige der schwerwiegenderen Recherche- und Deutungsfehler
Pytells eingegangen. In dem folgenden Gespräch wurde Dr. Alexander Batthyány, Kurator des Privatarchivs von
Viktor Frankl und Herausgeber der Edition der Gesammelten Werke von Vikor Frankl, um eine offene Aussprache
und detailliertere Stellungnahme zu Pytells Vorwürfen gebeten.
Das Gespräch zwischen dem Redakteur der Zeitschrift no:os, Franz Dorner, und Alexander Batthyány fand an zwei
Nachmittagen im April, bzw. Mai 2006 in Wien statt. Anschließend wurden die während des Gesprächs verwendeten
Zitate mit Quellenbelegen versehen, um interessierten Lesern das vertiefende Selbststudium der Quellen zu ermögli-
chen. Von diesen Ergänzungen und einigen editorischen Nachbearbeitungen abgesehen (Wiederholungen und für
den unmittelbaren Diskussionsgegenstand nicht relevante Passagen wurden gestrichen) handelt es sich bei dem fol-
genden Text um den Abdruck des Gesprächs, wobei nach Übereinkunft der Gesprächscharakter aufrechterhalten
und daher nur wenige und geringfügige sprachliche Korrekturen vorgenommen wurden.
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I Methodische Kritik
1. Allgemeine und methodische Vorbemerkungen

Herr Dr. Batthyany, zu Viktor Frankls hundertstem Geburtstag ist ein Buch erschienen, das den bezeichnenden Titel „Viktor Frankl
– Ende eines Mythos?“ trägt. Der Autor erhebt schwere Anschuldigungen gegen Frankl, unter anderem behauptet er, Frankl habe, wenn
auch indirekt, mit den Nationalsozialisten kollaboriert. Sie haben dieses Buch gelesen. In einem Interview mit dem Wochenmagazin
profil sagten Sie, Pytell habe „unsauber“ recherchiert. Bevor wir ins Detail gehen: was ist Ihr Gesamteindruck vom Buch?

Ich denke, man muss dieses Buch zunächst in einem größeren Zusammenhang sehen. Wir leben in einer Zeit, in der
die meisten der während der NS-Zeit erwachsenen Zeitzeugen nicht mehr leben oder aufgrund ihres fortgeschritte-
nen Alters für Befragungen kaum mehr zur Verfügung stehen. Mit dem Abnehmen dieser direkten Zeugenaussagen
scheint es, als ob die Holocaustforschung sozusagen in eine neue Phase gekommen ist: Und zwar nimmt das Deuten
der Erzählungen in dem Maße zu – man könnte auch sagen: überhand –, in dem die Zahl der lebenden Zeugen ab-
nimmt.
Das birgt Chancen und Gefahren. Die Chancen liegen in einer reflektierten Untersuchung und Zusammenführung
der vielen einzelnen Berichte, also in einer Art Meta-Analyse. Die Gefahren liegen aber darin, dass man die Zeugen-
aussagen selbst vernachlässigt und die Geschichte zu überdeuten beginnt. Dann wird weniger der Versuch unter-
nommen, das vorhandene Material sorgfältig zu sichten und in seinem Gesamtzusammenhang zu verstehen, als es für
eigene Zwecke zu benutzen. Manchmal für gute Zwecke, manchmal – wie in diesem Fall hier – für weniger gute.
So oder so aber ist das „Verwenden“ methodisch natürlich zwiespältig zu sehen. Ein solches Vorgehen ist an sich
problematisch, wird es aber umsomehr, wenn die Stimme der Zeugen, die aufstehen könnten und sagen: „Moment,
so war es aber gar nicht!“ oder: „Ich habe das anders erlebt“ leiser wird oder ganz verstummt. Das birgt die Gefahr,
uns daran zu hindern, die wirklichen Lektionen dieser Zeit zu lernen. Und die lernen wir in erster Linie durch das,
was die Zeitzeugen selbst zu sagen haben. Wer wüsste es besser? Und sind wir es den Zeitzeugen nicht zumindest
auch irgendwie schuldig, hinzuhören? Wenn andererseits Autoren voreingenommen an die vielen Problemstellungen
der NS-Zeit herangehen, dann dienen ihnen diese Zeitzeugen mitunter nur als Material für ihre jeweils eigenen Erklä-
rungsmodelle und Konstrukte. Man degradiert die Opfer damit allzu schnell zu „Anschauungs- und Deutungsmateri-
al“ und die Zeitzeugen treten dadurch bildlich gesprochen in die zweite Reihe, während diejenigen, die – ob zu Recht
oder nicht, sei vorerst dahingestellt – die Deutungshoheit für sich beanspruchen, in die erste Reihe vorrücken. Ei-
gentlich sollte es aber umgekehrt sein: man sollte auf das hören, was uns die Zeugen sagen. Nicht zuletzt ist das auch
eine Frage des Respekts und der Würdigung derjenigen, die durch das wohl dunkelste Kapitel der Geschichte ge-
gangen sind.

Aber von Frankl gibt es ja Berichte: sein KZ-Buch und seine Lebenserinnerungen.

Ja, und sicher befindet sich hier Frankl in einer besonders exponierten Position. Sein Buch ...trotzdem Ja zum Leben
sagen gehört zu großen Zeugnissen dieser Zeit. Zweitens hat Frankl bereits unmittelbar nach der Befreiung aus seinem
letzten Konzentrationslager und nach seiner Rückkehr nach Wien einen sehr dezidierten Standpunkt gegen die Kol-
lektivschuldthese vertreten. Bei diesem Standpunkt blieb er zeitlebens. Mir erscheint das zwar nicht besonders kon-
trovers, aber offensichtlich teilen manche diesen Standpunkt nicht.

Meinen Sie, dass sein Eintreten gegen die Kollektivschuldhypothese auch bei Pytell eine Rolle spielt?

Das tut sie sicher – Pytell schreibt das ja selber. Dabei wird aber oft übersehen, dass Frankl zwar dem Kollektiv keine
Schuld zusprach, dafür aber den Einzelnen nicht aus seiner Verantwortung zu entlassen bereit war. Beides – sowohl
das pauschale Beschuldigen als auch das pauschale Vergeben – widerspricht dem, was das Wesen von Freiheit und
Verantwortung aus Sicht von Logotherapie und Existenzanalyse ausmacht. Denn die Lebensbilanz ist immer eine
Bilanz des Einzelnen. Wofür sonst kann ich Verantwortung tragen? Wofür sonst kann ich Lob und Tadel auf mich
ziehen? Natürlich gab und gibt es in manchen Epochen eine Häufung von Schuld in bestimmten Kollektiven. Aber
Kollektive bestehen aus Einzelpersonen und so werden wir am Ende wieder auf die Frage nach der Schuld des Ein-
zelnen zurückgeworfen.
Um das an einem konkreten und aktuellen Beispiel zu verdeutlichen: Es gab diese erschreckenden Bilder von Folte-
rungen irakischer Gefangener durch amerikanische Soldaten. Kein aufgeklärter Mensch käme heute auf die Idee, nun
„die Amerikaner“ dafür zur Verantwortung zu ziehen. Es scheint uns jedenfalls relativ einleuchtend, dass das bedenk-
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lich wäre. Also das Kriterium „Staatsangehörigkeit“ greift hier einfach nicht. Und nichts anderes hat Frankl gesagt: es
greift nie, auch dann nicht, wenn wir von der industriellen Vernichtung menschlichen Lebens durch die Nationalso-
zialisten sprechen. Im Gegenteil: je größer die Schuld, desto vorsichtiger müssen wir vorgehen, weil uns sonst nur
Rachegefühle leiten, wo Verstand und Besonnenheit eigentlich die besseren Instrumente wären, um diesen schwieri-
gen Themen gerechtzuwerden. Diesen Standpunkt hat Frankl seit seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager
vertreten. Wie gesagt ist das eigentlich kein allzu kontroverser Standpunkt. Viele Überlebende haben diesen Stand-
punkt vertreten.

Warum hat sich dann Pytell ausgerechnet so sehr auf Frankl eingeschossen? Haben Sie dazu eine Theorie?

Grundsätzlich ist es so, dass Frankl, gerade weil sein Lebenswerk so viel Gehör und Anerkennung gefunden hat, im
Rahmen dessen, was ich vorhin über das Überhandnehmen des Deutens gegenüber dem Hinhören beschrieben habe,
nicht nur von Pytell benutzt und angegriffen wird. Im Rahmen meiner Arbeit am Viktor-Frankl-Privatnachlass habe
ich Vergleichbares schon des öfteren gesehen. Ein Beispiel: just, als ich mich mit Pytells Buch auseinandersetzte, ist
mir ein Artikel in die Hände geraten, dessen Autor behauptet, Frankl sei in Auschwitz vergast worden. Wörtlich steht
da als Fazit:

Demnach muss nach dem Kalendarium sowie den Quellen, auf denen dieses zu fußen behauptet, Viktor
Frankl fast 53 Jahre vor seinem im September 1997 weltweit bekanntgegebenen Tode in Auschwitz vergast
worden sein. Wer war dann der Mann, der Auschwitz ein paar Tage nach dem Eintreffen des Transports aus
Theresienstadt verließ und später all die vielen Bücher schrieb?*

Der Autor dieser Zeilen, Theodore O’Keefe, ist ein bekannter Holocaustleugner und publizierte seinen Artikel in
dem revisionistischen Journal „Vierteljahreshefte für Freie Geschichtsforschung“. Dabei glaubt O’Keefe natürlich
nicht ernsthaft, dass Frankl wirklich in Auschwitz vergast wurde; er will vielmehr „nachweisen“, dass es dort gar kei-
ne Gaskammern gab und daher niemand vergast wurde. Nun nimmt das Gott sei Dank ohnehin niemand sonderlich
ernst. Aber auch dieses Beispiel zeigt, wie schnell und wie weit man sich von der Wirklichkeit der Geschichte entfer-
nen kann, wenn man voreingenommen an einen Forschungsgegenstand herantritt und die gewünschten Schlussfolge-
rungen vor, bzw. über die Recherche selbst setzt.
Nebenbei bemerkt bezieht sich O’Keefe in seinem Artikel über weite Strecken auf Pytell. Als ich Pytell während eines
Treffens im Sommer 2005 darauf ansprach, dass ein rechtsradikaler „Historiker“ seine Arbeiten für derart fragwürdi-
ge Zwecke gebraucht, meinte Pytell nur, dass das wohl „unvermeidlich“ sei. Angesichts der Tatsache, dass O’Keefe
den Holocaust als solchen relativieren möchte, erschien mir das doch als eine bemerkenswert gelassene Reaktion. Ich
würde jedenfalls anders reagieren, wenn meine Arbeiten und meine Publikationen von Rechtsradikalen für ihre ziem-
lich absurden Zwecke missbraucht würden.
Und doch glaube ich, dass Pytell in diesem Punkt Recht hatte: es sind solche Entgleisungen bei der von O’Keefe und
Pytell verwendeten Methode in der Tat „unvermeidlich“ – und zwar deswegen, weil eine so ausgeprägte Voreinge-
nommenheit und ideologische Schräglage tatsächlich mehr oder wenig zwangsläufig dazu führen muss, dass die beiden
zu falschen Schlüssen kommen. Mit anderen Worten: Pytell und O'Keefe kommen zwar zu entgegengesetzten
Schlussfolgerungen – und man muss der Fairness halber betonen, dass Pytell wohl nicht die geringste Sympathie für
O’Keefes Standpunkt hat. Aber es geht hier zunächst um die Methode, durch die die beiden zu ihren jeweiligen
Schlussfolgerungen hingeführt werden, und diese ist, bei allen ideologischen Unterschieden zwischen O’Keefe und
Pytell, dann doch wieder überraschend ähnlich. Es ist übrigens Viktor Frankl auch nicht der einzige, dessen Lebens-
bericht in dieser Weise von verschiedenen Seiten ideologisch gebraucht, bzw. missbraucht wird. Das macht die ganze
Angelegenheit allerdings auch nicht viel besser: jedenfalls ist es traurig, wie fahrlässig und respektlos hier mit dem
Andenken wehrloser Menschen und ihrer Familie umgegangen wird.

Hat Pytell Frankl eigentlich je getroffen?

Gesehen schon, getroffen nicht, dabei hätte er sehr wohl Gelegenheit dazu gehabt. Pytell war öfters in Wien und
nahm auch an den öffentlichen Feierlichkeiten zu Frankls 90. Geburtstag teil. Dort hätte er, wie er schreibt, leicht die
Möglichkeit gehabt, Frankl anzusprechen. Aber er hat es nicht gemacht, weil er, wie er wörtlich sagt: „Verachtung“

* O’Keefe, T. (2002). Viktor Frankl über Auschwitz: Wurde der berühmte Holocaust-Überlebende vergast? Vierteljahreshefte für
freie Geschichtsforschung 6(2) (2002), S. 137-139
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(S.165)* für Frankl empfand – und zwar eine anscheinend so starke, dass sie sein wissenschaftliches Interesse, sein
„Studienobjekt“ persönlich zu befragen, überragte. Pytell selbst räumt unumwunden ein, dass er „voreingenommen“
(ebda.) sei, dass er „Abscheu“ (ebda.) für Frankl empfinde, dass er „froh“ ist, „ihn nicht gekannt zu haben“ (ebda.),
usw. Das ist alles entwaffnend ehrlich, aber so ehrlich dann auch wieder nicht: Pytell versteckt diese Aussagen im
Nachwort seines Buches, statt gleich im Vorwort seines Buches offen zu sagen, dass er Frankl verachtet, verabscheut
und „froh war, ihn nicht zu kennen“ und die folgenden Überlegungen im wesentlichen nicht viel mehr sind als Aus-
druck dieser Abscheu und Verachtung, gepaart mit einer bestimmten vorgefertigten – und, wie wir sehen werden,
durchwegs angreifbaren – Meinung. Nun muss man Frankl nicht lieben, um über ihn zu schreiben, aber Abscheu und
Verachtung alleine scheinen mir keine ausreichenden Voraussetzungen dafür zu sein, eine kritische oder sonst eine
Biographie zu verfassen, zumal keine rational und schlüssig belegte.
Bemerkenswerterweise schreibt Pytell in seinem Buch, dass er neben seiner Abscheu für Frankl ihn auch deshalb
nicht persönlich angesprochen hat, weil sich Frankl und Pytell vermutlich „nicht viel zu sagen gehabt hätten“ (S.165).
Das ist seltsam, und es ist bezeichnend; und es bestätigt das, was ich eingangs über das Abtreten der Zeugengenerati-
on sagte und über das Überhandnehmen von subjektiven und nicht selten ideologisch vorbehafteten Deutungen.
Jeder Historiker – bzw. jeder, der sich einigermaßen ernsthaft mit einem Thema auseinandersetzt – wird, wenn er
darum bemüht ist, nicht nur seine eigene Voreingenommenheit zu pflegen, jede sich bietende Gelegenheit nutzen, die
Hauptperson seiner Untersuchungen anzusprechen und direkt zu befragen.
Pytell hätte auch abseits der Geburtstagsfeierlichkeiten ausreichend Gelegenheit dazu gehabt. Er schrieb seine Arbeit
großteils in Wien in den Räumen der Bibliothek des Instituts für Zeitgeschichte, also keine zweihundert Meter von
Viktor Frankls Wohnung in der Mariannengasse entfernt. Frankl hat bis ins hohe Alter Besucher empfangen; nur
Pytell hielt es nicht für nötig, Frankl anzusprechen, obwohl er zugleich meinte, ganz wesentliche und bahnbrechende
Erkenntnisse über sein Leben entdeckt zu haben. Hätte es da nicht nahegelegen, Frankl selbst darauf anzusprechen?
Er tat es dennoch nicht. Warum? Pytell behauptet dazu wie gesagt, dass sich er und Frankl ohnedies „nicht viel zu
sagen gehabt hätten“ (S.165). Dabei gewinne ich persönlich allerdings viel eher den Eindruck, als ob hier kein Histo-
riker oder Biograph spricht, der um eine seriöse biographische Untersuchung bemüht ist; mir scheint es eher, als
spräche hier jemand, der es aktiv vermeidet, mit Frankl zu reden, weil er befürchten muss, dass er mit einer Wirklich-
keit und mit Tatsachen konfrontiert wird, die sein Kartenhaus zusammenfallen lassen würden. Vielleicht erklärt dieses
Vorgehen – die Konfrontation mit Tatsachen meiden – auch einen Teil der faktischen Fehler in seinem Buch, auf die
wir wohl bald zu sprechen kommen werden.
Dazu kommt, dass Pytell sich ja nicht einmal an Frankl selbst hätte wenden müssen. In Wien gibt es den privaten
Nachlass Viktor Frankls im Viktor Frankl Schriftenarchiv, das ich nun seit rund neun Jahren leite. Wir haben Schrift-
stücke, Briefe und private Unterlagen aus dem Leben und Werk Frankls, die teilweise bis in die 1920er Jahre zu-
rückreichen. Aus aller Welt erreichen uns nahezu täglich Anfragen von Studenten, Schülern und Kollegen aus der
Wissenschaft, die auf der Suche nach einem bestimmten Briefwechsel oder älteren, vergriffenen Texten, Vorträgen
oder Vorlesungsmitschriften Frankls sind oder allgemeine Fragen zum Leben und Werk Viktor Frankls haben. Das
Archiv hat seit rund fünf oder mehr Jahren auch eine Webseite mit der Möglichkeit der Online-Abfrage. Liegt es nun
nicht auf der Hand, dass jemand, der über Frankl forscht, sich an unser Archiv wendet, also an die vollständigste
Sammlung der persönlichen Dokumente aus Frankls Leben und Werk?
Pytell hat es soweit aber vermieden, mit dem Archiv in Kontakt zu treten. Ich finde das mindestens seltsam; eigent-
lich aber glaube ich, dass hier schon die Taktik des intendierten Nichtwissens eingesetzt wurde, um rechtzeitig zu
Frankls hundertstem Geburtstag ein Buch auf den Markt bringen, das sich gut verkaufen würde, weil die Öffentlich-
keit vermehrt auf Frankl achtet und die Medien entsprechend berichten würden.

Sie erwähnten eben, dass Pytell sich nie an das Archiv gewendet hat, doch sagten Sie vorhin doch auch, Sie hätten Pytell getroffen?

Ja, ich habe Pytell zweimal im Jahr 2005 getroffen. Aber nicht weil er mich, sondern weil ich ihn kontaktierte. Das
kam so: Nachdem ich sein Buch gelesen hatte, habe ich ihn in Kalifornien angerufen. Da sagte er mir, dass er im
Sommer 2005 in Wien sei. Bei dieser Gelegenheit haben wir uns dann zweimal getroffen und länger unterhalten.

Was war Ihr persönlicher Eindruck von Pytell?

*Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich Quellenangaben im Text auf: Pytell, T. (2005). Viktor Frankl – Ende eines Mythos?
Innsbruck: Studienverlag
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Sagen wir es so: ich hielte es für unfair, wenn ich meine Kritik an Pytell nun an seiner Person festmachen würde. Wir
haben jedenfalls schnell zu einer guten und vernünftigen Gesprächsbasis gefunden. Pytell leitete das Gespräch aller-
dings mit der Forderung ein, ich solle mich dafür entschuldigen, dass ich seine Recherchen im profil-Interview als
„unsauber“ bezeichnet habe.* Ich sah dazu aber keine Veranlassung, sondern habe ihm stattdessen einige Beispiele
für unsaubere Recherchen genannt – das war so eine Art „Säbelrasseln“ am Beginn des Gesprächs. So etwas gehört
scheinbar dazu. Das Gespräch selbst lief dann allerdings wie gesagt recht gut ab.
Nun habe ich mich natürlich – wie wahrscheinlich viele andere – auch gefragt, warum Pytell eine solche Abscheu
gegen Frankl empfindet. Ich weiß es nicht und ich betrachte es auch nicht als meine Aufgabe, mich mit den Beweg-
gründen Pytells auseinanderzusetzen. Wichtiger scheint es mir, sich mit dem Resultat seiner Arbeit auseinanderzuset-
zen; damit habe ich schon genug zu tun.

Nun sind Sie aufgrund Ihrer Arbeit im Frankl-Archiv sicher besonders dazu geeignet, auf Pytells Werk zu reagieren. Was können Sie
über den Gesamteindruck sagen, den Sie bei der Lektüre des Buches gewonnen haben?

Kein guter, und das alleine schon wegen der bisweilen erstaunlichen faktischen Fehler, die sich im Buch finden. Die
sind teilweise von einem Ausmaß, wie ich es nicht einmal von meinen erstsemestrigen Studenten erwarten würde.
Zumindest würde man sich denken, dass ein Historiker in der Lage ist, leicht nachvollziehbare Lebens- und Publika-
tionsdaten aus Frankls Leben, die sogar im Internet innerhalb weniger Suchschritte zugänglich sind, erstens zu finden
und zweitens richtig wiederzugeben. Pytell hingegen irrt sich in einigen Fällen in der Datierung von Ereignissen und
Veröffentlichungen Frankls gleich um mehrere Jahrzehnte. Interessanterweise tut er das vor allem dann, wenn diese
Fehldatierungen seinen Deutungen dienen, weshalb ich hier nicht immer an echte Versehen glauben kann. Darauf
kommen wir vielleicht später zu sprechen.
Dazu kommen dann auch Fehler, die zwar für sich genommen geringfügig erscheinen, die man aber von jemandem,
der sich als „Historiker“ jahrelang mit Frankl auseinandergesetzt haben will, einfach nicht erwarten würde. Vielleicht
sind das Flüchtigkeitsfehler, aber auch solche erwartet man sich nicht in einer vermeintlich wissenschaftlichen Mono-
graphie. Das bestärkt meinen Verdacht, dass es Pytell einfach sehr eilig damit gehabt hat, ein Werk auf den Markt zu
bringen, das von dem Medieninteresse anlässlich des hundertsten Geburtstages profitieren würde.

2. Widersprüche und Recherchefehler

Können Sie vorab einige Beispiele nennen, bevor wir das Buch und die darin erhobenen Vorwürfe im Detail besprechen?

Sicher. Pytell schreibt über das Theaterstück „Synchronisation in Buchenwald“, wenn er die „Synchronisation in Bir-
kenwald“ meint, Schelers „materiale Wertethik“ wird in Pytells Buch zur „nationalen Wertethik“ (S.94), usw. Pytell nennt
Frankls Methode der Einstellungsänderung auch konsequent „Einstellungsanpassung“ (S.58) und definiert sie als
„Einflößen einer bestimmten stoischen Haltung“ (S.58) - unnötig zu sagen, dass das Gegenteil der Fall ist. Frankls
zentrales Konzept des Willens zum Sinn bezeichnet Pytell als bloße Betonung des Willens (S.86).
Pytell behauptet auch, Frankl habe zuerst nicht gewusst, wie er seine Therapie nennen solle: Existenzanalyse, Logo-
therapie oder Höhenpsychologie, habe aber nach dem Krieg „ausschließlich die Bezeichnung ‚Logotherapie’ ver-
wendet“ (S.183). Das Problem ist nur: es gibt keine einzige schriftliche Arbeit von Frankl, in der er nicht den Begriff
der „Existenzanalyse“ verwendet. Und Pytells Aussage ist auch insofern bemerkenswert, als er relativ ausgiebig und
auch nur wenige Seiten später aus Frankls Buch Logotherapie und Existenzanalyse. Texte aus sechs Jahrzehnten† aus dem Jahr
1991 zitiert. Er hätte also nicht mehr als den Buchtitel lesen müssen, denn da ist von eben jener Existenzanalyse die
Rede, die Frankl angeblich nach dem Krieg nicht mehr erwähnte.
Abgesehen von den eben erwähnten kleineren Fehlern bei Themen und Bereichen, die leicht recherchierbar gewesen
wären, kommt auf inhaltlicher Ebene hinzu, dass Pytell auch die Logotherapie und Existenzanalyse als solche zwar
ausgiebig kritisiert, diese dabei aber vollkommen falsch darstellt.
Pytell behauptet etwa, Logotherapie und Existenzanalyse seien in ihrem Wertverständnis relativistisch (S. 16 und S.
92ff.) und dass Frankl der Meinung gewesen sei, dass Sinn gefunden wird, „wenn der Einzelne in der Gemeinschaft
aufgeht“ (S.79). Es erübrigt sich zu sagen, dass in beiden Fällen das genaue Gegenteil wahr ist. Pytell behauptet
außerdem, Frankl hätte keinen (!) kategorischen Imperativ entwickelt (S.92), was ich nun besonders seltsam finde

* In: Psychotherapie: Wille zum Sinn - Viktor Frankl wäre am 26. März 100 geworden. profil 10/05
† Frankl, V.E. (1991). Logotherapie und Existenzanalyse. Texte aus sechs Jahrzehnten. Weinheim: Beltz
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angesichts der Tatsache, dass unter allen Psychotherapieschulen gerade Logotherapie und Existenzanalyse eben einen
expliziten, sogar als solchen bezeichneten kategorischen Imperativ haben. Pytell schreibt dagegen wörtlich: „Frankl
blieb dem Relativismus verhaftet, da er keine ‚kategorischen Imperative’ festmachen konnte“ (S.92). Es wäre nun
wirklich ein Leichtes gewesen, sich von Frankls kategorischem Imperativ zu überzeugen, der kommt schließlich in
nahezu jedem Buch Frankls mindestens einmal vor und wäre auch insofern schwer zu übersehen gewesen.
Irgendwie muss man sich da fragen, ob Pytell übehaupt jemals ernsthaft Frankl gelesen hat. Es sind diese Missver-
ständnisse und Fehler auch insofern bemerkenswert, als Pytell ja nicht müde wird zu betonen, wie seicht und einfach
Logotherapie und Existenzanalyse sind (S.14) und dass sie ihm keinerlei „intellektuelle Herausforderung“ böten, usw.
(S.15). Mag sein, dass Pytell das so empfindet – es fällt jedenfalls auf, dass er, wann immer er die Logotherapie (die er
andernorts merkwürdigerweise als „eine Form der Existenzanalyse“ [S.171] bezeichnet) zu erklären versucht, bereits
am Verständnis ihrer grundlegendsten und einfachsten Ideen scheitert.
Ein weiteres Beispiel: Pytell deutet ziemlich dunkel an, Frankl habe sich nach dem Krieg aus politischen Gründen für
den Monotheismus eingesetzt (S.140). Abgesehen davon, dass sich Frankl nie explizit für einen religiösen Standpunkt
eingesetzt hat – was will Pytell hier eigentlich andeuten? Dass der Polytheismus im Nachkriegsösterreich eine ernst-
hafte politische Option war? Mir war das ein Rätsel, bis ich mir die Mitschrift des Vortrages durchgelesen habe, auf
den sich Pytell in diesem Zusammenhang bezieht. Frankl hat darin vor Mitarbeitern des amerikanischen Quä-
kerhilfswerks tatsächlich nicht mehr gesagt, als dass „Volk, Reich, Führer, Blut und Boden“ falsche Götter seien.*
Wenn selbst so einfache Konzepte nicht zu Pytell vordringen, ist die Frage berechtigt: was dann eigentlich?
Nun vermute ich, dass eine ganze Reihe von Pytells Missverständnissen auch dadurch zustandekommen, dass er ei-
genen Angaben zufolge über nur sehr geringe Deutschkenntnisse verfügt und viele der frühen Texte Frankls noch
nicht ins Englische übersetzt wurden. Stellt sich allerdings die Frage, wie geeignet Pytell dann für seine Recherchen
gewesen ist: weder legt er augenscheinlich besonders großen Wert darauf, sich mit den Fakten – und zwar auch den
einfachsten Fakten – vertraut zu machen, noch kann er diese im Original lesen, wenn er sich dann doch einmal dazu
aufmachen sollte, sich den Originalquellen zuzuwenden. Das ist alles natürlich hoch problematisch und wird es noch
mehr, wenn man sich dazu noch Pytells immerhin selbst eingestandene Voreingenommenheit und Abscheu gegenü-
ber Frankl in Erinnerung ruft.
Nun ist ja das Originalmanuskript von Pytell in Englisch verfasst worden, allerdings noch nicht im Englischen in
Buchform erschienen, da Pytell dort noch keinen Verlag für sein „Werk“ gefunden hat. Die deutsche Übersetzung
fand in Österreich natürlich viel schneller einen Verlag, da man wohl hoffte, anlässlich des hundertsten Geburtstages
von Frankl entsprechendes Medieninteresse und hohe Absatzzahlen zu erreichen. Was das über die Verantwortlich-
keit von Verlegern für die von ihnen verlegten Werke sagt, will ich einmal dahingestellt sein lassen, aber Pytell sagte
mir immerhin, dass die erste Übersetzerin seines Buches den an sich recht lukrativen Auftrag nach ungefähr halber
Strecke zurückgelegt hat. Ich kann ihr das nicht verdenken. Zweifelhafter finde ich da wie gesagt schon die Entschei-
dung des Verlags, ein Buch solchen Inhalts und mit derart schweren und persönlichen Anschuldigungen ohne weitere
Prüfung über die Haltbarkeit dieser Anschuldigungen überhaupt auf den Markt zu bringen. Man kann hier schon eine
gewisse Verantwortung auch seitens der Verleger und Lektoren einfordern und sich fragen, was es über einen Verlag
aussagt, wenn er ein so offenkundig miserabel recherchiertes Buch ohne Rücksicht auf die Faktenlage einfach auf den
Markt wirft, um anlässlich Frankls hundertstem Geburtstag Profit zu machen.
Vielleicht noch als Nachsatz zum Thema „Recherche“ - dass sich Pytell nicht sonderlich intensiv mit der Logothera-
pie und Existenzanalyse auseinandergesetzt hat, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass er behauptet, es gäbe „relativ we-
nig Sekundärliteratur“ (S.15). Das halte ich bei über 700 Büchern und Dissertationen und rund 1.400 Journalartikeln
und Buchkapiteln, die in der Bibliographie des Viktor-Frankl-Instituts als Sekundärliteratur erfasst sind, dann doch
für eine Untertreibung†.

Sie haben das wissenschaftliche Niveau angesprochen. Bevor wir auf die eigentlichen Inhalte des Buches kommen, ist es vielleicht interes-
sant, sich auch die Vorgangsweise Pytells genauer anzusehen. Es gibt ja doch einen Unterschied zwischen Recherchefehlern und der Deu-
tung von an sich unbestrittenen Sachverhalten.

Sicher - zwischen Fehlern und Fehldeutungen besteht ein bedeutender Unterschied und wir werden vermutlich im
Laufe dieses Gesprächs auf viele Fälle zu sprechen kommen, in denen eines das andere bedingt und umgekehrt. Ganz
allgemein wird Pytells Verständnis des Verhältnisses von Recherche und persönlicher Sicht an mehreren Stellen

* Frankl, V.E. (1947). Der Platz der Religion in der Welt von heute. Mahnruf, 6 (Juli 1947)
† Vgl. http://www.viktorfrankl.org/d/bibD.html
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überdeutlich, und entspricht auch hier jedenfalls nicht dem Standard, den wir üblicherweise an wissenschaftliche Da-
ten und ihre Deutung ansetzen.
Ein Beispiel dazu: Pytell schreibt, ein Nachweis dafür, dass Frankl sich ungefähr ab Ende der 1920er Jahren von der
sozialistischen Bewegung gelöst habe, sei, dass er in einem Übersichtsartikel über die Tätigkeit in der Jugendberatung
berichtet, dass die Mehrzahl der Jugendlichen ihn wegen familiärer und sexueller Probleme aufgesucht hätte.* Pytell
kommentiert das wie folgt:

Der Bruch mit der linken Politik wurde auch klar, als er deklarierte, dass die meisten Jugendlichen wegen se-
xueller und familiärer Probleme die Beratungsstellen aufsuchte. (S.55)

Ich finde diesen augenscheinlich relativ harmlosen Satz wirklich interessant. Er offenbart wesentlich mehr über
Pytells Arbeitsweise als über Frankls seinerzeitiges Denken. Anscheinend nimmt Pytell nämlich an, dass Frankl, wenn
er sich weiterhin der linken Politik verpflichtet gefühlt hätte, die von ihm erhobenen Daten dahingehend manipulie-
ren hätte sollen (oder auch nur können), dass die Mehrzahl der jugendlichen Beratungsfälle politische oder soziale
Probleme besprechen wollte. Das mag zunächst wie eine Kleinigkeit erscheinen, aber man muss sich fragen, was für
ein Verhältnis zu objektiven Gegebenheiten ausgerechnet ein Historiker hat, wenn er davon ausgeht, dass man Daten
je nach persönlichen Sichtweisen und Vorlieben umdeuten und umformulieren kann oder soll? Dabei besteht das
Wesen einer seriösen Untersuchung doch gerade darin, dass die Person oder die persönlichen Einstellungen desjeni-
gen, der die Daten erhebt, auf die Daten selbst keinen Einfluss hat. Ansonsten müsste man ja eigentlich gar keine
Daten erheben, sondern kann gleich dazu übergehen, die rein subjektiven Ansichten des jeweiliges Autors zu präsen-
tieren.
Ich halte das auch deswegen für wesentlich, da Pytell selbst in seinem Buch seiten- und kapitelweise Fakten und Zita-
te derart verzerrt und entstellt, dass die Tatsachen der Theorie unterworfen, statt, wie im Idealfall einer akademischen
Auseinandersetzung üblich, die Theorien den Tatsachen angenähert werden.
Und es passt in eben dieses Wissenschaftsverständnis, wenn Pytell auf Seite 59 seines Buches zu einer besonders
perfiden Methode greift, die nicht mehr nur mit Ungenauigkeiten und einem äußerst beliebigem Verhältnis zu Daten
operiert, sondern schlicht und einfach mit Unterstellungen. Zunächst zum Hintergrund: Pytell beschreibt darin
Frankls Bemühungen, der Apathie und Verzweiflung junger Arbeitsloser zu begegnen.
Frankl versuchte in seiner Beratungstätigkeit, den jungen Arbeitslosen zum Verständnis zu verhelfen, dass ihr Da-
seinssinn nicht damit steht und fällt, ob sie einer regulären Arbeit nachgehen können. Vielmehr wollte er ihnen zei-
gen, dass es nicht zuletzt auch davon abhängt, wie diese jugendlichen Arbeitslosen mit der Arbeitslosigkeit umgehen
– dass sie also nicht nur Opfer ihres sozialen Schicksals sind, sondern auch Gestalter ihres eigenen Lebens. Frankl
berichtet in seinem Artikel etwa von einem jungen Arbeitslosen, der die unfreiwillig hinzugewonnene Freizeit dazu
nutzte, Englisch zu lernen; er berichtet auch von freiwilligen Helfern, die ihre Fähigkeiten und ihre überschüssige Zeit
nicht ungenutzt verstrichen ließen, sondern sich für eine Sache einsetzten, für die sich einzusetzen sinnvoll war. In
meinen Augen ist das einer der ersten wirklich logotherapeutischen Artikel Frankls, verfasst in den Jahren 1932/33.
Der Artikel verdient aus mehreren Gründen ein längeres Zitat – erstens kann man in diesem auch innerhalb der Lo-
gotherapie viel zu wenig beachteten Artikel die Wurzeln der Logotherapie deutlich erkennen, zweitens ist die Datie-
rung (1932/33) interessant, da Pytell in seinem Buch später behaupten wird, die Logotherapie habe sich erst Jahre
später entwickelt. Aber darauf kommen wir später. Ich wollte hier nur zunächst zeigen, wie unsauber und unfair Py-
tell in seinem Buch arbeitet, wenn es ihm nur darum geht, Frankl anzugreifen – in Abwesenheit guter Gründe zur
Not auch mit frei erfundenen „Ergänzungen“:

Dem als apathisch, depressiv, neurotisch charakterisierten Typus des Jugendlichen fehlt eben – und das kann
nicht genug betont werden – weniger die Arbeit an sich, die berufliche Tätigkeit als solche, als das Be-
wusstsein nicht sinnlos zu leben.
Die Jugend schreit mindestens so sehr wie nach Arbeit und Brot nach einem Lebensinhalt, einem Ziel und
Zweck des Lebens, nach einem Sinn des Daseins. Junge Menschen, welche mich [...] aufsuchten, baten mich
verzweifelt, sie mit Botengängen zu beschäftigen oder stellten mir groteske Anträge. (Einer wollte unbedingt
immer nach der Sprechstunde, das heißt, nachdem viele Leute in meiner Wohnung gewesen waren, das Vor-
zimmer aufräumen). [...]

*Frankl, V.E. (1929). Selbstmordprophylaxe und Jugendberatung. Münchner Medizinische Wochenschrift. 4. X. 1929. (Wieder abge-
druckt in: Frankl, Viktor E. [2005]. Frühe Schriften 1923 – 1942. Herausgegeben und kommentiert von Gabriele Vesely-Frankl. Wien:
Maudrich).
10
Andererseits jedoch lernen wir Burschen und Mädel kennen, die man als wahre Heroen ansprechen muss.
Mit knurrendem Magen arbeiten sie in irgendwelchen Organisationen, sind zum Beispiel als freiwillige Helfer
in Büchereien tätig oder versehen Ordnerdienst in Volkshochschulen. Sie sind erfüllt von der Hingabe an ei-
ne Sache, an eine Idee, vielleicht gar an einen Kampf um bessere Zeiten, um eine neue Welt, die auch das
Problem der Arbeitslosigkeit lösen würde. Ihre leider im Übermaß vorhandene Freizeit ist ausgefüllt von
nützlicher Beschäftigung. Ich habe das Empfinden, dass man die junge Generation unterschätzt: hinsichtlich
ihrer Leidensfähigkeit (man sehe sich manche trotz allem heitere Gesichter an) und hinsichtlich ihrer Lei-
stungsfähigkeit.*

Frankl schließt mit einem kompakt formulierten Motto, das nach wie vor auch in der heutigen Logotherapie als Leit-
linie für die Verwirklichung von Einstellungswerten gelten kann: Dem leidenden Menschen ist es aufgegeben, „Not
zu ertragen, wenn es nötig ist, und zu beheben, wenn es möglich ist“ (ebda.). Frankl schreibt, dass der jugendliche
Arbeitlose auch eine sinnvolle Aufgabe finden könne, wenn er sich etwa politisch engagiert. Frankl war ja selbst we-
nige Jahre zuvor für einige Zeit als Funktionär in der Sozialistischen Mittelschuljugend aktiv gewesen. So schreibt
Frankl dann weiter in seinem Artikel, der Jugendliche könne sich „vielleicht gar an einen Kampf um bessere Zeiten,
um eine neue Welt, die auch das Problem der Arbeitslosigkeit lösen würde“ engagieren. Soweit so gut. Bei Pytell liest
sich das Zitat ganz anders, denn Pytell ergänzt diesen Satz auf einmal mit den Worten „sei es in der Heimwehr, die
eine in Österreich entstandene faschistische Bewegung war, oder in der expandierenden nationalsozialistischen Be-
wegung“ (S.59).
Pytell macht das relativ geschickt, denn so, wie er den Satz zu Ende führt, muss beim Leser der Eindruck entstehen,
dass Frankl selbst auf diese Bewegungen (anerkennend, oder sie zumindest als denkbare Alternativen duldend) Bezug
nimmt. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein – und wenig könnte widersprüchlicher innerhalb Pytells
eigener Darstellung sein, da dieser erstaunlicherweise wenige Zeilen zuvor schreibt, dass Frankl mit demselben Arti-
kel „den Austromarxismus wiederbelebt“ habe (S.59).
Das ist an sich eine bemerkenswerte Aussage, die sich zudem natürlich nicht besonders gut mit dem Vorwurf ver-
trägt, Frankl habe in irgendeiner Weise eine Anbindung an den Austrofaschismus gesucht – was ungefähr ebenso
falsch ist wie die vorhergehende Behauptung, Frankl habe mit demselben Artikel den Austromarxismus wiederbelebt.
Zwei Deutungen eines inhaltlich leicht zugänglichen Artikels. Beide widersprüchlich und beide gleichermaßen unrich-
tig, denn beide verfehlen das eigentliche Anliegen Frankls: die Not der jugendlichen Arbeitslosen zu lindern.

Pytell zitiert Frankl in seinem Buch – wie ist es möglich, dass er dabei nicht selbst merkte, dass seine Deutungen nicht den Tatsachen
entsprechen?

Diese Frage kann ich Ihnen auch nicht beantworten, denn ich weiß es nicht – jedenfalls weiß ich aber, wie sehr die
Fakten unter Pytells vorgefertigten Theorien leiden müssen. Das zeigen vor allem auch jene Passagen seines Buches,
in denen er Frankl zitiert und dann, obwohl er die jeweiligen Zitate Frankls schwarz auf weiß vor Augen haben muss,
immer noch nicht versteht oder ihren Inhalt anzuerkennen gewillt ist.
Pytell schreibt etwa im ersten Kapitel seines Buches, Frankl hätte in seinem 1926 verfassten Artikel „Psychotherapie
und Weltanschauung“† behauptet, Intellektuelle seien Neurotiker (S.42). Das ist natürlich ganz unsinnig, schließlich
war Frankl selbst ein junger Intellektueller. Frankl hat in diesem Artikel vielmehr erstmals die wichtige Auffassung
zum Ausdruck gebracht, dass es rationale – oder „intellektuelle“ – Weltanschauungen gibt, die nicht krankhaft sind,
aber den Verlauf einer Psychotherapie beeinflussen können, weil der Patient sich etwa aus weltanschaulichen Grün-
den ohnehin nichts von seiner Psychotherapie oder Heilung verspricht. Frankl beschreibt darin, dass es auch eine
innere intellektuelle Zustimmung zum Heilungsprozess und zur Therapie seitens des Patienten geben muss, damit die
Therapie wirklich so wirken kann, wie sie im Idealfall wirken soll, nämlich hin auf eine Lebenshaltung, aufgrund derer
Leben gelingen kann – und zwar auch dann, wenn der Betroffene inneren Widerständen und äußeren Problemen
begegnet. Wieder ist das ein Fall, in dem Pytell den Sinn einer Aussage Frankls schlicht umkehrt.

* Frankl, V.E. (1933). Wirtschaftskrise und Seelenleben vom Standpunkt des Jugendberaters. Sozialärztliche Rundschau, 4: 43-46.
(Wieder abgedruckt in: Frankl, Viktor E. [2005]. Frühe Schriften 1923 – 1942. Herausgegeben und kommentiert von Gabriele Vesely-Frankl.
Wien: Maudrich).
† Frankl, V.E. (1926). Psychotherapie und Weltanschauung. Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie. III: 250-252.

(Wieder abgedruckt in: Frankl, Viktor E. [2005]. Frühe Schriften 1923 – 1942. Herausgegeben und kommentiert von Gabriele Vesely-Frankl.
Wien: Maudrich).
11
Und es geht noch weiter: Frankl schreibt in demselben Artikel auch, dass er nur wenige Jahre zuvor noch an ein
„universales Ausgleichsprinzip“ geglaubt habe, aber durch Alfred Adler und die Individualpsychologie eines Besseren
belehrt worden sei. Pytell zitiert diese Stelle sogar – nur, um noch auf derselben Seite, wenige Zeilen weiter darunter,
zu schreiben: „Frankl verwendete so Adlers Wille zur Macht, um gleichzeitig sein ‚universales Ausgleichprinzip’ [...] als
Erklärungen für eine negative Sicht des Lebens heranzuziehen“ (S. 43, Hervorhebung AB). Frankl schreibt schwarz
und weiß und mit unmissverständlichen Worten, dass er das Modell des „universalen Ausgleichsprinzips“ aufgegeben
habe; Pytell will das scheinbar aber gar nicht zur Kenntnis nehmen und fasst den Artikel in einer Weise zusammen,
die schlicht und einfach das Gegenteil nahelegt, nämlich dass Frankl den universalen Ausgleich und Adlers Willen zur
Macht miteinander zu einem erweiterten Modell der negativen Lebenssicht vermengte. Bedauerlich genug, dass Pytell
nicht selbst aufgefallen ist, dass seine Deutung von Frankls Artikel nicht mit Frankls eigenen Worten in Einklang
gebracht werden will; aber ich frage mich auch, was sich die Lektoren des Verlags gedacht haben, als sie das gelesen
haben. Wir kommen später vermutlich auf zahlreiche ähnliche Fälle zu sprechen, wenn wir uns mit den Haupt-
vorwürfen Pytells gegen Frankl auseinandersetzen.
Ich will auch noch etwas anderes Grundsätzliches anmerken, und das ist die Sprache, die Pytell verwendet. Er dürfte
sich dessen bewusst sein, dass er viele unhaltbare Dinge behauptete. Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären,
dass Pytell immer wieder zu Formulierungen wie: „das könnte bedeuten“, „es scheint ...“, „vielleicht ...“ usw. zurück-
greift. Das Problem ist aber, dass die mit diesen hypothetischen Formulierungen abgeschwächten Deutungen dann
im Laufe des Buches durch bloße Wiederholung zu „Fakten“ werden und dann mit einer Überzeugung vorgetragen
werden, die nahelegt, dass die bloße Tatsache, dass Pytell in einem vorherigen Kapitel eine Vermutung äußerte, diese
schon im nächsten zur Wahrheit werden lässt.
Gemessen daran hegt Pytell auf der anderen Seite ein nahezu ins Grenzenlose auswucherndes Misstrauen gegen
Frankls eigene Berichte. Beispielsweise schreibt Pytell wörtlich in seinem Kapitel über Frankls Tätigkeit als Jugendbe-
rater:

Frankl behauptete, dass Adlerianer unter den freiwilligen Beratern an den Jugendberatungsstellen zu finden wa-
ren, darunter Erwin Wexberg und Rudolf Dreikurs ... (S. 54, Hervorhebung AB).

Tatsache ist jedenfalls, dass Frankl das nicht nur behauptete. Die Plakate und Flugblätter der Jugendberatungsstellen
sind ja zum großen Teil erhalten geblieben und im Verzeichnis der freiwilligen Helfer stehen Wexberg und Dreikurs
neben vielen anderen Adlerianern. Auch hier wieder wäre es ein Leichtes gewesen, selbst herauszufinden, dass Frankl
nicht nur eine Behauptung aufstellte, sondern lediglich berichtete, wer ihm bei seiner Initiative geholfen hat. Pytells
angedeutete Skepsis ist umso merkwürdiger, als diese Plakate in einigen auch Pytell verfügbaren Quellen abgelichtet
sind, unter anderem in Was nicht in meinen Büchern steht*. Pytell zitiert immerhin daraus und hätte sich folglich nur die
Abbildungen etwas genauer anschauen müssen. Immerhin macht das ein durchschnittlich interessierter Leser auch.
Und von jemandem, der sich selbst als Historiker versteht, sollte man ebenfalls ein zumindest geringes Interesse an
den verfügbaren Quellen einfordern können. Und so geht das Seite um Seite weiter. Seinen unglücklichen Höhepunkt
findet das alles in Pytells „Beschreibung“ und Deutung von Frankls Leben und Wirken zwischen den Jahren 1933
und 1945.

Ich danke Ihnen für diese erhellenden Erläuterungen. Gehen wir nun vielleicht auf Pytells Hauptkritiken ein: diese beziehen sich ja, wie
Sie sagen, hauptsächlich auf Frankls Positionen zu Faschismus und Nationalsozialismus. Pytell erhebt ja wirklich schwere Vorwürfe
gegen Frankl. Aber wenn ich Ihnen so zuhöre, weiß ich nicht, ob und wie detailliert man darauf überhaupt noch eingehen soll.

Nun, das ist das Dilemma. Wenn der Holocaustleugner O’Keefe schreibt, dass Viktor Frankl in Auschwitz vergast
wurde, dann nimmt das niemand ernst. Bei Pytell ist das anders. Immerhin gab und gibt es wirklich genügend Men-
schen, die mit ihrer eigenen Vergangenheit in der NS-Zeit unehrlich umgegangen sind, ihre Mitschuld verschwiegen
haben oder schlicht auszublenden versuchten, was sie in dieser Zeit getan oder zu tun unterlassen haben. Daher ist es
durchaus verständlich, wenn einige Leser, erstmals mit Pytells Vorwürfen konfrontiert, zunächst einmal vor einem
Rätsel stehen: Man ist verunsichert und natürlich kommen Zweifel auf, schließlich kann niemand gleich wissen, wie
systematisch Pytell schon die einfachsten „Fakten“ verzerrt, wie konstruiert sein Modell und wie voreingenommen er
selbst ist – was er ja, allerdings erst im Nachwort, einräumt. Ich kann diese Verunsicherung daher auch einigermaßen
verstehen, weil man sich nicht erwarten würde, dass ein Historiker Daten und Fakten derart durcheinanderbringt,

* Frankl, V.E. (1997). Recollections. An Autobiography. New York: Plenum Press


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bzw. auch zusammendichtet, wie dies bei Pytell der Fall ist. Obendrein liest wie gesagt kaum jemand zuerst das
Nachwort, in dem Pytell schließlich seine Voreingenommenheit eingesteht und auch offenlegt, wie viel Verachtung
und Abneigung er gegenüber Frankl empfindet. Zu den Vorwürfen selbst: Vielleicht gehen wir das schrittweise
durch.

II Inhaltliche Kritik
1. 1925 – 1933: Vom Roten Wien zum Ständestaat

Gehen wir nun Pytells Anschuldigungen der Reihe nach durch. Beginnen wir beim Austrofaschismus Österreichs vor dem Anschluss an
Hitlerdeutschland. Pytell behauptet, Frankl habe eine Affinität zum Austrofaschismus gehabt und sei deswegen auch Mitglied der Vater-
ländischen Front geworden.

Ja, und das ist natürlich eine besonders abwegige Idee, vor allem, wenn man sich vor Augen führt, wie Pytell die von
ihm angeblich entdeckte „Affinität zu Schuschnigg“ begründet. Pytell bezieht sich dabei auf einen kleinen Absatz in
Frankls biographischer Schrift Was nicht in meinen Büchern steht. Das ist seine einzige Quelle, aufgrund der er diese An-
schuldigung zu konstruieren versucht.
Frankl berichtet in diesem Absatz, wie er den Abend des Anschlusses Österreichs an Hitlerdeutschland im Jahr 1938
erlebte. Frankl hielt an diesem Abend einen Vortrag an der Volkshochschule in dem Gebäude der Wiener Urania, als
plötzlich die Tür aufgestoßen wurde und ein SA-Mann den Vortrag unterbrechen wollte. Der Mann blieb breitbeinig
und in voller SA-Uniform im Türrahmen stehen. Nun waren bis dahin die Nazis in Österreich illegal gewesen –
Schuschnigg und seiner Vaterländischen Front war es ja ein zentrales Anliegen gewesen, einen drohenden Anschluss
Österreichs an Hitlerdeutschland zu verhindern, weshalb unter anderem die Mitgliedschaft in der NSDAP und natür-
lich erst recht bei der SA verboten war.
Und jetzt kommt die kritische Stelle: Frankl schreibt nun in seiner Biographie, dass er sich daraufhin fragte, wie es
unter Schuschnigg angehen konnte, dass ein SA-Mann in voller Montur auf die Straße geht. Ich halte das für eine
ziemlich naheliegende Frage und einen verständlichen Ausdruck der Verwunderung. Aber Pytell leitet aus dieser ei-
nen erstaunten Frage: „Hätte es das unter Schuschnigg gegeben?“* ab, dass Frankl „Affinität“ zu Schuschnigg emp-
fand (S. 67). Ein weiteres Indiz für Frankls vermeintliche Affinität zu Schuschnigg sieht Pytell darin, dass Frankl über
denselben Abend des Anschlusses weiter berichtet:

Ich eilte nach Hause, singende, jubelnde und johlende Demonstranten füllten die Praterstraße. Zu Hause
fand ich meine Mutter weinend vor, soeben hatte sich Schuschnigg im Radio vom Volke verabschiedet, jetzt
spielten sie eine unsäglich traurige Melodie.†

Zwar erwähnt Frankl das in der von Pytell zitierten Stelle seiner Autobiographie gar nicht, doch schreibt Pytell (ver-
mutlich nicht zu Unrecht), dass Frankl versuchte, seine Mutter zu beruhigen, bzw. zu trösten (S.66). Ich weiß nicht,
wie Sie das sehen, aber als Jude vor die Wahl zwischen einer Regierung unter Schuschnigg oder einer Regierung unter
Hitler gestellt zu sein ... wir können froh sein, dass uns diese Erfahrung erspart bleibt. Wir wissen aber immerhin,
dass die Besorgnis Frankls und seiner Mutter guten Grund hatte: wenige Jahre nach dem Anschluss wurde Frankl
und seine gesamte Familie (ausgenommen der nach Australien emigrierten Schwester) in die Konzentrationslager
deportiert. Pytell wirft übrigens in diesem Zusammenhang eigentlich den Juden Wiens insgesamt vor, dass sie „die
Gefahr verdrängten“. Und er hält auch Freud vor, zu „indifferent“ gewesen zu sein (S. 67). Ich halte das für
anmaßssend, zumal es doch sehr leicht ist, im nachhinein – mit der Distanz von knapp 70 Jahren – den Menschen
seinerzeit vorzuhalten, nicht gewusst zu haben, welchen Weg Österreich vor dem Anschluss nehmen würde. Gerade
Historiker sollten sich der Gefahr bewusst sein, mit dem Wissen der Geschichte den damaligen Generationen vorzu-
halten, die Zukunft nicht gekannt zu haben. Pytells Vorwurf den Juden Wiens, auch Freud gegenüber, hat zudem den
unangenehmen Unterton des Vorwurfs, selbst an dem, was dann ab 1938 kommen sollte, zumindest Mitschuld zu
tragen: „Sie hätten es ja verhindern können“. Diese Argumentation mündet im ungünstigen Falle in einen reinen
Revisionismus, den eben jene Leute vertreten, mit denen vermutlich und verständlicherweise auch Pytell lieber nichts
zu tun haben möchte.

* Frankl, V.E. (1995). Was nicht in meinen Büchern steht. Lebenserinnerungen. Weinheim: Beltz, S. 55
† ebda.
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Jedenfalls stellt Pytell aufgrund dieses kurzen Zitats die Behauptung auf, dass Frankl Schuschnigg nicht nur nach-
trauerte (wie gesagt: die Alternative hieß Hitler), sondern sich auch mit der Schuschnigg-Regierung irgendwie arran-
gierte und sich ihr anbiederte. Belege dafür nennt Pytell nicht, formuliert diese ziemlich haltlose Vermutung zugleich
aber nicht als Vermutung, sondern als Tatsache. Den Nachweis bleibt er allerdings schuldig; und den zu finden wäre
auch schwierig gewesen, denn auch hier passt Pytells Behauptung nicht mit den Fakten zusammen. Denn immerhin
wissen wir verbrieft, dass Frankl an der psychiatrischen Klinik am Steinhof über Jahre hinweg trotz herausragender
Referenzen und der Veröffentlichung einiger wichtiger Arbeiten nicht pragmatisiert wurde – eben weil er Jude und als
solcher dem antisemitischen Stadtrat im katholischen Ständestaat nicht willkommen war. Frankl war damit wenn
überhaupt Opfer des frühen austrofaschistischen Antisemitismus.
Weiters hat Pytell in Frankls Angestelltenakt aus dieser Zeit einen Hinweis darauf gefunden, dass Frankl wohl Mit-
glied der Vaterländischen Front war. Pytell schreibt triumphierend, dass das doch nun sicher beweise, dass Frankl mit
dem Austrofaschismus sympathisierte – Pytell behauptet sogar wörtlich, Frankl sei sicher „vom Faschismus fasziniert
gewesen“.* Das ist ein wichtiger Punkt: und ich weiß nun nicht, ob das eine absichtliche Irreführung des Lesers oder
nur eine Unkenntnis der tatsächlichen historischen Begebenheiten ist. Beides spräche nicht für Pytell.
Jedenfalls ist es eine historische Tatsache, dass alle Angestellten öffentlicher Institutionen, also auch die Angestellten
des Psychiatrischen Krankenhaus am Steinhof, in dem Frankl ja seinerzeit arbeitete, automatisch als Mitglieder der
Vaterländischen Front eingetragen wurden. Es handelte sich um keinen freiwilligen, aus politisch motivierten Grün-
den gewählten Eintritt, sondern um eine Zwangsmitgliedschaft. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass die Be-
diensteten darüber nicht einmal eigens befragt oder informiert wurden, da dies seinerzeit sozusagen normaler Be-
standteil des Arbeitsvertrags, bzw. der Aufnahme des Arbeitsverhältnisses gewesen ist. Pytell enthält diese Informati-
on seinen Lesern vor, da sie seiner daraus abgeleiteten „Affinität“ (und wenig später „Faszination“) Frankls für den
Faschismus zuwiderliefe.
Als ich Pytell darauf ansprach, dass er hier sehr gezielt mit der wahrscheinlichen Unkenntnis der historischen Ver-
hältnisse bei seinen Lesern spielte, nahm er das daher auch ziemlich gleichgültig hin. Ich halte das für eine besonders
unfaire Taktik: Denn natürlich kann man Pytell nicht direkt vorhalten, dass seine Leser nicht alle ausgebildete Histo-
riker sind und die Verhältnisse des Ständestaats hinreichend kennen. Aber ich glaube, das er so gut wie ich wusste,
dass das eigentlich eine umso unfairere Taktik ist, mit Unwissen der meisten Leser zu spielen – und zwar sowohl den
Lesern gegenüber als natürlich auch Frankl und seiner Familie gegenüber.
Jedenfalls – das also sind zusammengefasst die drei „Argumente“, die Pytell für Frankls behauptete „Faszination“ für
den Austrofaschismus anführt: Das erste missdeutet Frankls nachvollziehbare Verwunderung und ernsthafte Besorg-
nis, als er erstmals in Wien mit einem uniformierten SA-Mann und mit den den Nationalsozialisten zujubelnden Mas-
sen auf der Straße konfrontiert wird und fordert anscheinend implizit von Frankl, dass er seiner verzweifelten Mutter
nicht zur Seite hätte stehen sollen – wobei mir nicht klar ist, inwiefern Frankls Verhalten anders gedeutet werden
könnte, denn als das, was unter diesen Umständen nun einmal die normalste Reaktion war: Verwunderung und Be-
sorgnis. Dass sich ein Jude unter diesen Umständen am Tag des Anschlusses an Hitlerdeutschland wohl eher nach
Schuschnigg sehnen als sich auf Hitler freuen sollte, halte ich für naheliegend. Daraus aber eine Zustimmung oder gar
„Faszination“ gegenüber dem antisemitischen und durchaus nicht demokratischen christlichen Ständestaat abzuleiten
– dessen Opfer ja Frankl selber war –, halte ich hingegen für eine groteske Verdrehung der Tatsachen.
Pytells zweites „Argument“ ignoriert Frankls Biographie und seine Ausgrenzung als jüdischer Arzt am Steinhof, und
das dritte ist ein Spiel mit der Unkenntnis der historischen Tatsachen: alle öffentlichen Bediensteten wurden automa-
tisch bei der Vaterländischen Front eingetragen. Ist das nun ein versehentliches Fehldeuten der Tatsachen oder eine
bewusste Täuschung? Was immer es sein mag, es ist jedenfalls nicht richtig. Jedem, der hier noch Zweifel hat, emp-
fehle ich es, die Frühen Schriften von Frankl zu lesen und nach politischen Spuren einer nur geringfügigen Zustimmung
Frankls zum Austrofaschismus zu suchen. Wenn überhaupt, so hat sich Frankl zu dieser Zeit wohl noch immer der
sozialpsychiatrischen Idee der Sozialfürsorge für Jugendliche verbunden gefühlt, wobei allerdings auch das nicht ganz
richtig ist, da Frankl sich ungefähr ab 1928 dem Personalismus Max Schelers zuwandte, womit Kollektivbewegungen
gleich welcher Art mit seinem Denken nicht mehr im Einklang standen. Auch das ist seinen Publikationen zu ent-
nehmen.

2. 1936-1938: Die Ärztegesellschaft für Psychotherapie und das Göring-Institut (Berlin/Wien)

* In: Psychotherapie: Wille zum Sinn - Viktor Frankl wäre am 26. März 100 geworden. profil 10/05
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Pytell behauptet, dass Frankl ab den späten 1930er Jahren am nationalsozialistischen Göring-Institut in Wien gearbeitet und dort seine
Logotherapie entwickelt hat. Könnten Sie sich dazu vielleicht auch äußern?

Sicher kann ich das. Zunächst muss man aber sagen, dass Pytell ja tatsächlich noch viel weitergeht: Er behauptet als
Fazit des Buchkapitels, auf das Sie sich hier beziehen nämlich, dass Frankl „eine Annährung an die NSDAP“ suchte
(S.87).
Es scheint mir übrigens in diesem Zusammenhang doch erwähnenswert, dass selbst in den wenigen Medien, in denen
Pytells Werk zitiert wurde, kein Journalist bereit war, diese Aussage Pytells zu kolportieren. Das mag zwei Gründe
haben: erstens ist der Vorwurf, Frankl habe sich der NSDAP angenähert, offensichtlich zu bizarr, um auch nur annä-
hernd ernstgenommen zu werden. Und er wird zweitens auch dadurch nicht überzeugender, dass Pytell darauf be-
steht, dass Frankl sich vor dem Anschluss den Nazis „angenähert“ haben soll. Das macht nämlich selbst in der Bin-
nenlogik Pytells wenig Sinn, da Pytell ja Frankl zugleich auch als dem Austrofaschismus zugeneigt und wiederum kurz
zuvor als den „Austromarxismus wiederbelebend“ bezeichnet – und damit in beiden Fällen als politischen Gegner
der Nationalsozialisten. Pytell behauptet damit ja nicht weniger, als dass Frankl das politisch Unmögliche möglich
machte und sich zur gleichen Zeit drei einander ausschließenden Ideologien angeschlossen habe. Wir wissen hinge-
gen gesichert aus dem Archiv, dass Frankl zu diesem Zeitpunkt sein politisches Interesse längst erheblich verloren
hatte, weil er nicht mehr an die Kraft des Kollektiv, sondern an die Bedeutung der Person glaubte; Frankl war ja wie
gesagt gerade in diesen Jahren dem Werk Max Schelers (Personalismus) begegnet. Faschismus, Marxismus und Nati-
onalsozialismus sind hingegen entschiedene Kollektivideologien, die sich eben nur in der Masse realisieren lassen,
während Frankl zu dieser Zeit bereits seine ganze Hoffnung und auch seine psychologischen Forschungsschwer-
punkte auf das Individuum setzte.
Drittens ist dieses Kapitel in Pytells Buch außerordentlich verwirrend geschrieben und von der logischen Argumen-
tation her ziemlich unstimmig aufgebaut.

Bleiben wir beim schwersten Vorwurf: Wie begründet Pytell seine Behauptung, Frankl habe sich der „deutschen Psychotherapiebewegung“
der Nationalsozialisten angenähert?

Gut, gehen wir hier – wie Pytell – schrittweise vor. Ich lege nur zunächst Wert noch einmal darauf, dass wir hier nicht
nur die These diskutieren, Frankl habe sich der deutschen Psychotherapiebewegung angenähert. Pytell versteigt sich
ja vielmehr in die Behauptung, dass Frankl die Nähe der NSDAP gesucht habe.
Pytell argumentiert dabei wie folgt: Im Jahr 1934 veröffentlichte Frankl einen Artikel mit dem Titel „Ein häufiges
Phänomen bei Schizophrenie“*. In diesem Aufsatz beschreibt Frankl das von ihm sogenannte Corrugatorphänomen
– und zwar hatte Frankl beobachtet, dass seine schizophrenen Patienten beim Sprechen einen bestimmten Typus von
Gesichtszuckungen aufwiesen. Ein ähnliches Phänomen war zwar zuvor bereits von Bleuler beschrieben worden,
Frankl fiel aber auf, dass die von ihm beobachteten Zuckungen der Stirnmuskulatur sich von dem von Bleuler be-
schriebenen „Wetterleuchten“ dadurch abgrenzten, dass sie vorwiegend beim Sprechen auftraten. Das „Cor-
rugatorphänomen“ – das Pytell übrigens mit Bleulers „Wetterleuchten“ verwechselt (S.68) – ist nebenbei bemerkt
nach wie vor Gegenstand der zeitgenössischen Schizophrenieforschung. Pytell findet „zwei Dinge an diesem Artikel
wesentlich“. Ich zitiere das jetzt einmal wörtlich, weil das auch zeigt, wie Pytell seine „Argumente“ konstruiert:

[Es] waren zwei Dinge an diesem Artikel wesentlich. Zum ersten zitiert Frankl Carl Gustav Carus. Inhaltlich
gesehen ist die Erwähnung Carus [...] nicht besonders interessant. Carus war jedoch eine wichtige Quelle, auf
die sich die deutschen Psychotherapeuten des Dritten Reichs beriefen, als es darum ging, eine Tradition zu
schaffen, die die Rolle Freuds leugnete. Frankls Zitat war eine erste Andeutung – und nichts anderes als eine
Andeutung – dafür, dass er sich der deutschen Psychotherapiebewegung zuwandte. (S.68).

Abgesehen davon, dass das eine ziemlich bemühte Konstruktion ist, bin ich wahrscheinlich nicht der einzige, dem der
Name Carus erst einmal nichts sagte. Und so, wie Pytell das hier darstellt, bin ich daher wohl auch nicht der einzige,
der zunächst angenommen hat, dass es sich bei Carus tatsächlich um einen wichtigen Vordenker der „deutschen Psy-
chotherapiebewegung“ und Kritiker der Psychoanalyse gehandelt haben könnte. Das liegt jedenfalls nahe, bzw. wird

*Frankl, Viktor E. (1935). Ein häufiges Phänomen bei Schizophrenie. Zeitschrift für Neurologie und Psychiatrie, 152, 161–162. (Wieder
abgedruckt in: Frankl, Viktor E. [2005]. Frühe Schriften 1923 – 1942. Herausgegeben und kommentiert von Gabriele Vesely-Frankl. Wien:
Maudrich).
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hier nahegelegt, zumal Pytell in der bloßen Erwähnung des Namen Carus ja immerhin „eine erste Andeutung“ der
Zuwendung Frankls zur deutschen Psychotherapiebewegung der Nationalsozialisten sieht.
Pytell erwähnt aber vorsorglich nicht, dass Carl Gustav Carus – übrigens ein Zeitgenosse und Briefpartner Goethes
und Alexander von Humboldts – Leibarzt am sächsischen Hof war und einer der Mitbegründer der modernen ver-
gleichenden Anatomie. Und Carus ist, wie ich mittlerweile weiß, innerhalb der Medizingeschichtsforschung ein Klas-
siker: Nach ihm ist unter anderem das Uniklinikum Dresden benannt, einige bedeutende Wissenschaftspreise und -
auszeichnungen tragen seinen Namen, usw. Rein zeitlich und von seinem Wirkungsprofil her lässt sich Carus (1789-
1869) zunächst also schwer mit der von Pytell implizierten Rolle in Einklang bringen.
Aber die nächste und vielleicht wichtigere Frage lautet: Und inhaltlich? Lässt sich Carus verwenden, um „die Rolle
Freuds zu leugnen“? Es haben die Nationalsozialisten zwar alles und jeden für ihre Zwecke missbraucht, aber ausge-
rechnet Carus scheint mir kein allzu guter Kronzeuge gegen Freud zu sein – denn erstens hat sich Carus durch seine
frühen Erkenntnisse über die Rolle des Unbewussten als „Schlüssel zur Erkenntnis vom Wesen des bewussten See-
lenlebens“ als einer der Vorgänger der Tiefenpsychologie etabliert und zweitens haben sich und tun es auch weiterhin
– eben aufgrund seiner historischen Position – viele Psychoanalytiker auf Carus bezogen, bzw. andere Freud vorge-
worfen, Carus zwar wahrscheinlich gekannt, aber nicht als Quelle angegeben zu haben.
Jedenfalls hätte sich Frankl nach Pytells Lesart ebenso „verdächtig“ gemacht, wenn er eine der folgenden historischen
Persönlichkeiten zitiert hätte: Goethe, Novalis, Schopenhauer, Hegel, Nietzsche, Leibniz, usw. Denn alle diese Na-
men dienten den Nazis dazu, eine romantisierende Sicht auf die „germanische Seele“ und die „deutsch-nationale
Tiefenpsychologie“ zu entwickeln.* Allerdings dienten dieselben Namen unter anderem auch Thomas Mann im Exil
dazu, seine beeindruckenden Rundfunkvorträge gegen die Nationalsozialisten zu halten. Die von Pytell beschriebene
„erste Andeutung dafür, dass sich Frankl der deutschen Psychotherapiebewegung zuwandte“ist also ausgesprochen
konstruiert und arbeitet wiederum mit ziemlich unfairen Mitteln.
Und nebenbei besagt das von Frankl verwendete Carus-Zitat, dass Menschen aller Kulturen und Volksgruppen mit
der Stirne runzeln, wenn sie verwirrt sind. Das also ist Pytells „erster Hinweis“: er stammt von einem Klassiker der
vergleichenden Anatomie und Vordenker der Psychoanalyse und behandelt das Phänomen des Stirnrunzelns. Man
halte dagegen, dass dies als „Hinweis“ gedeutet wird von jemandem wie Pytell, dessen Arbeit heute, rund 60 Jahre
nach der Befreiung der letzten Konzentrationslager, von aktiven Holocaustleugnern und ganz offen bekennenden
Antisemiten wie O’Keefe für ihre Zwecke verwendet wird und der diesen Umstand dann bloß mit dem Wort „un-
vermeidlich“ zu quittieren weiß. Ich will es Ihnen und den Lesern überlassen, Pytells Argumentation in diesem Punkt
auf ihn selbst anzuwenden und vor diesem Hintergrund zu Ende zu denken.
Soviel zum ersten Hinweis.

Nun schreibt Pytell ja in dem oben zitierten Abschnitt, dass „zwei Dinge an diesem Artikel wesentlich“ seien.

Ja, allerdings: Den zweiten Hinweis bezieht er aber gar nicht mehr auf den besagten Artikel, sondern auf die Psychiat-
rische Klinik am Steinhof an der Frankl seinerzeit arbeitete. Auch hier würde ich gerne Pytell selbst zu Wort kommen
lassen:

Der zweite wesentliche Hinweis ... (S.68)

... beachten Sie übrigens, wie Pytell seine Leser hier sprachlich manipuliert: Eben noch handelte es sich bei dem Ca-
rus-Zitat um „nichts anderes als eine Andeutung“ (S.68) – und wie wir gesehen haben, gibt das Carus-Zitat nicht
einmal das her. Aber schon einige Zeilen weiter ist dasselbe Carus-Zitat der erste von zwei „wesentlichen“ Hinwei-
sen. Außerdem schrieb Pytell ja eingangs, dass der Artikel zwei Hinweise berge; der zweite – „wesentliche“ – Hinweis
geht allerdings wie gesagt auf den Artikel gar nicht mehr ein. Er lautet vielmehr wie folgt:

Der zweite wesentliche Hinweis [für Frankls Annährung an die NSDAP] war Frankls Vorgesetzter in der
Klinik Am Steinhof, Dr. Alfred Mauczka, Direktor und Landes-Sanitätsrat. Mauczka wurde am 15. April
1940 ‚Anwärter’ der Nationalsozialistischen Partei und war ‚Kriegsteilnehmer’. Dass Mauczka Nationalsozia-
list wurde, ist keine überraschende Entwicklung ... (Pytell beschreibt dann weiter, dass es seinerzeit viele Na-
zis am Steinhof gegeben habe und diskutiert allgemein die Frage, wie sich Nationalsozialismus und Psycho-
therapie zueinander verhalten. Er erwähnt Frankl dann für eineinhalb Seiten gar nicht mehr). (S.68ff. )

*Vgl. auch Cocks, G. (1985). Psychotherapy in the Third Reich. The Göring Institute. Oxford: Oxford University Press, S.41 und S.55,
88
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Das ist der zweite „wesentliche Hinweis“ und ich frage mich natürlich, wie vermutlich die meisten Leser, worin nun
eigentlich dieser „zweiter wesentlicher Hinweis“ wirklich bestand: Welche logische Beziehung zu Frankl und seiner
politischen Orientierung mag wohl die Tatsache haben, dass sein Vorgesetzter im Klinikstab sechs Jahre nach dem
Erscheinen von Frankls Artikel Parteianwärter der NSDAP wurde? Bedauerlicherweise äußert sich auch Pytell nicht
näher dazu, sondern belässt es bloß bei dem Andeuten von Schuld durch Gemeinschaft – wo doch bei einem Vorge-
setzten die Gemeinschaft nicht einmal gesucht, sondern von den Außenumständen diktiert wird. Und mit derselben
Argumentationslinie kann man bald jeden Österreicher, und sei er selbst noch so unverdächtig, der Annäherung an
den Nationalsozialismus beschuldigen, da es wohl keinen Menschen in jener Zeit gab, der nicht jemanden gekannt
hätte, der der Versuchung erlegen ist, sich mit dem Nationalsozialismus einzulassen. Man muss sich immerhin vor
Augen halten, dass Pytell die politische Orientierung von Frankls Vorgesetzten als einen von zwei „wesentlichen
Hinweisen“ präsentiert.
Ich finde Pytells Hinweis auf Mauczka aber aus einem anderen Grund interessant: Er bietet nämlich eine weitere gute
Erklärung dafür, weshalb Frankl als Jude jahrelang bei den Pragmatisierungen von der Klinikleitung am Steinhof
übergangen wurde, während jüngere „arische“ Ärzte anstandslos pragmatisiert wurden. Bzw. wäre das ein interessan-
ter und historisch verwertbarer Hinweis, wenn sich Pytell nicht fortwährend als eine insgesamt zu unverlässige Quelle
erweisen würde, um zu gesicherten Schlussfolgerungen gleich welcher Art zu finden. Laut Wolfgang Neugebauer,
dem Leiter des Archivs des österreichischen Widerstands jedenfalls war „Mauczka einer der wenigen Nichtnazis am
Steinhof“*, was nun Pytells „zweiten wesentlichen Hinweis“ noch weniger haltbar macht.
Wie dem auch sei – fest steht wohl, dass es am Steinhof in der Tat viele Nazisympathisanten und Antisemiten gab
und dass diese Frankl das Leben und Arbeiten am Steinhof nicht gerade leicht machten. Frankl berichtet ja auch in
seiner Autobiographie davon, wie sehr er sich am Steinhof nach dem Leben bei den Eltern in der Leopoldstadt sehn-
te. Das erscheint mir angesichts des damaligen politischen Klimas am Steinhof gut nachvollziehbar. Pytell, der sich ja
auch sonst mit Deutungen nicht gerade zurückhält, geht darauf wenig überraschend mit keinem Wort ein.
Und Pytell lässt – wohl wieder aus gutem Grund – zudem einen interessanten Aspekt von Frankls Arbeit am Steinhof
unerwähnt, auf den ich an dieser Stelle auch deswegen hinweisen möchte, weil er erstens auch innerhalb der Logothe-
rapie verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit erfährt und zweitens wohl die beste – weil historisch belegte und abge-
sicherte – Auskunft über Frankls damaliges Denken gibt. Frankl berichtet in einem Artikel, der 1935 im Mitteilungsblatt
der Vereinigung jüdischer Ärzte publiziert wurde, von der von ihm und einem Kollegen organisierten Jom Kippur-Feier
für psychotische jüdische Patienten am Steinhof:

Ungefähr 40 Kranke wurden Erew Jom Kippur im sogenannten Kursaal des Pavillons 2 versammelt. Trotz
des improvisierten Charakters der Feier entbehrte die Stimmung im kleinen Saale nicht der Weihe. An der
Breitseite stand ein mit rotem Samttuch bedeckter Kasten, der die Thora enthielt, davor ein Tisch mit Leuch-
tern, daneben ein Pult für den Vorbeter. [...] Da erscheint Rabbiner Béla Fischer. [...] Leise, innig, singt er
nach der uralten Melodie das Kol nidre. Einige Kranke summen die Gebete im überlieferten Tonfall mit.
Viele aber bleiben teilnahmslos; der Strom des inbrünstigen Gebets hat sie noch nicht erfasst, noch nicht
miteinander verbunden und eingestellt auf fromme Hingabe.
Noch führen einzelne Halluzinanten leise Selbstgespräche und ihr leerer Blick irrt ziellos im Saale umher. Da
wendet sich der Rabbiner zu ihnen - Menschendienst ist auch Gottesdienst -, er beginnt deutsch zu sprechen.
Eindringlich schildert er ihnen den Sinn des soeben [...] Gesagten – und sie merken auf! So geht es eine
Stunde hindurch, am nächsten Tage sechs Stunden. Bald hatte er heraus, was der kranken Seele nottut: sie
der Wahnwelt entreißen, die Aufmerksamkeit immer aufs neue erkämpfen – die Kranken beschäftigen. Viel
Einfühlung, Anpassung und Geduld und Kontaktfähigkeit war nötig zu diesem Werk. †

Sieht so „eine Annäherung an das Programm der nationalsozialistischen Psychotherapie“ aus? Zumindest nicht aus
meiner Sicht – und wahrscheinlich auch nicht aus der Sicht Pytells, was erklären könnte, weshalb er diesen Artikel

* Neugebauer, W. (1997). Wiener Psychiatrie und NS-Verbrechen. (Referat im Rahmen der Arbeitstagung "Die Wiener Psychiatrie im 20.
Jahrhundert). Wien: Institut für Wissenschaft und Kunst, 20./21. Juni 1997. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Wider-
standes
† Frankl, Viktor E. (1935c). Kol nidre auf dem Steinhof. Mitteilungsblatt der Vereinigung jüdischer Ärzte II (1935), Nr. 22, 6 – 7.

(Wieder abgedruckt in: Frankl, Viktor E. [2005]. Frühe Schriften 1923 – 1942. Herausgegeben und kommentiert von Gabriele Vesely-Frankl.
Wien: Maudrich).
17
seinen Lesern vorenthält und auch in sein relativ vollständiges Schriftenverzeichnis von Frankls Zwischenkriegs-
publikationen nicht aufgenommen hat.

Pytell behauptet und kritisiert, dass Frankl sich an der Arbeit am Göring-Institut in Wien beteiligt habe. Was hat es damit auf sich?

Zunächst muss man festhalten, dass das, was Pytell als „Göring-Institut“ bezeichnet, eigentlich Internationale Allge-
meine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie (AÄGP) heißt und 1927 von Goldstein, Hahn, Arthur Kronfeld,
Ernst Kretschmer und Wladimir Eliasberg gegründet wurde und heute noch mit rund 8.000 Mitgliedern eine bedeu-
tende und aktive wissenschaftliche Gesellschaft ist. Ein Jahr nach ihrer Gründung (1928) hatte die AÄGP bereits 400
Mitglieder, darunter auch die drei Personen, die neben Freud eine bedeutende Rolle in der wissenschaftlichen und
ideengeschichtlichen Entwicklung Frankls (und der österreichischen Psychotherapie im allgemeinen) hatten: Alfred
Adler, Oswald Schwarz und Rudolf Allers.
Nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland gründete Matthias Heinrich Göring, ein Verwandter des späte-
ren Reichsmarschalls Hermann Göring, eine eigene deutsche Sektion der Gesellschaft, die relativ eigenständig inne-
rhalb der weiterhin unter dem Vorsitz C.G. Jungs stehenden überstaatlichen Organisation der AÄGP (mit Mit-
gliedern in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Schweden, Polen, der damaligen Tschechoslowakei, Ungarn, Spa-
nien, Frankreich und Holland) existierte.
Erst 1936 wurde dann in Berlin in einem weiteren Schritt der ideologischen Ablösung von der Internationalen Ge-
sellschaft aus der deutschen Sektion heraus das „Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie“ gegrün-
det – das erst war dann das sogenannte deutsche „Göring-Institut“. Pytell schreibt fälschlicherweise, dass das Göring-
Institut im März des gleichen Jahres – 1936 – auch in Wien eine Ortsgruppe aufgebaut habe (S.69), aber das stimmt
rein faktisch nicht. In Österreich wurde in diesem Jahr eine Filiale oder Sektion der Internationalen Gesellschaft gegrün-
det, also ausdrücklich nicht des Göring-Instituts. Es ist allgemein bekannt, dass das Göring-Institut erst 1938, also
natürlich erst nach dem Anschluss in Österreich einen Ableger gründete, bzw. dass sich die Österreichsektion der
Internationalen Gesellschaft 1938 auflöste und in dem Göring-Institut aufging.* Alles andere wäre auch insofern hi-
storisch undenkbar gewesen, als das Göring-Institut ja ein explizit nationalsozialistisches Programm verfolgte und ein
solches eben gerade unter dem Naziverbot der Vaterländischen Front undurchführbar gewesen wäre.
Das ist nun natürlich ein sehr bedeutsamer „Fehler“, insofern Pytell erst aufgrund dieser Fehldatierung behaupten
kann, dass Frankl am Göring-Institut in Wien tätig war. Pytell behauptet damit allerdings, dass Frankl an einem Insti-
tut arbeitete, dass noch gar nicht gegründet worden war. Das ist sein Hauptvorwurf. Aber selbst hier ist Pytell in sei-
nen Datierungen nicht besonders konsequent, denn ohnehin variiert das von ihm angegebene Datum der Gründung
und Auflösung des Göring-Instituts fortlaufend und je nachdem, welches für seine Konstruktionen gerade besonders
dienlich ist: einmal vermittelt Pytell den Eindruck, das Göring-Institut sei 1933 gegründet worden (z.B. S.68), dann
wieder 1936 (z.B. S.69). Dann behauptet Pytell, dass das Institut 1938 wieder aufgelöst wurde, aber wenige Zeilen
später schreibt er, dass es bis 1945 „seinen halbstaatlichen Charakter weiter behielt“ (S.69), was wohl voraussetzt,
dass es auch noch nach 1938 existierte. Das von Pytell behauptete Auflösungsdatum 1938 mag sich aber auf die
Österreich-Sektion der Internationalen Gesellschaft beziehen und wäre dann durchaus richtig – nur verschweigt Py-
tell diese Zäsur zwischen dem Bestehen der Österreich-Sektion Internationalen Gesellschaft und der Gründung eines
Wiener Ablegers des Göring-Instituts; andernfalls könnte er ja nicht behaupten, Frankl habe bei letzterem mitgewirkt.

Aber Pytell behauptet doch, Frankl habe an vier Seminaren des Wiener Göring-Instituts teilgenommen?

Zwei Dinge dazu: erstens reden wir hier nicht vom Göring-Institut, sondern von der Österreich-Sektion der Interna-
tionalen Gesellschaft; zweitens beschränkte sich Frankls „Teilnahme“ ohnehin nur darauf, an vier Vorträgen als Zu-
hörer zugegen zu sein. Pytell gibt dazu (richtigerweise) als Quelle einen Tätigkeitsbericht für das Jahr 1936, erschienen
im Zentralblatt für Psychotherapie (1937) an. In eben dem besagten Heft findet sich auch die eindeutige und klarstellende
Fußnote über den Ort und Veranstalter dieser Vorträge (S.9): Sie fanden ausdrücklich an der „Landesgruppe Öster-
reich der Internationalen allgemeinen ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie“ statt†. Alles andere wäre wie gesagt
nicht möglich gewesen, da das Wiener Göring-Institut ohnehin noch nicht existierte und die eigenständig arbeitende,
nationalsozialistische Deutsche Gesellschaft für Psychotherapie in Wien zu dieser Zeit noch gar keinen Ableger hatte.

* Cocks, G. (1985). Psychotherapy in the Third Reich. The Göring Institute. Oxford: Oxford University Press, S.92ff.; 270f.
† Zentralblatt für Psychotherapie, Bd. 10 (1937), S. 9
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Allerdings kann man wohl relativ sicher davon ausgehen, dass auch Sympathisanten des Nationalsozialismus an der Wiener Gruppe
teilnahmen. Handelt es sich um die Unterscheidung der Institutionen, die Sie vornehmen, nicht vielleicht bloß um eine Formalie. Vielleicht
unterschieden sich die Institutionen nur nominell voneinander?

Nein, wir reden hier tatsächlich nicht nur von Formalfragen, welche Gesellschaft wann und unter welchem Namen
gegründet wurden. Das zeigt sich auch programmatisch an den vier Vorträgen, bei denen – neben vielen anderen –
Frankl in der Zuhörerschaft anwesend war. Das Programm gibt nämlich beim besten Willen nicht das her, was Pytell
zu konstruieren versucht. Es ist interessant zu sehen, dass es sich bei der Wiener Arbeitsgruppe der Allgemeinen
Ärztegesellschaft auch von der inhaltlichen Arbeit und Ausrichtung her keineswegs um eine „deutschtümelnde“ Insti-
tution handelte. Das belegen sowohl die Themen, die während der Vorträge besprochen wurden, als auch die anwe-
senden Personen. Ich habe die folgenden Angaben aus den am Institut für Psychologie der Universität Wien auflie-
genden Archivunterlagen der Internationalen Ärztegesellschaft für Psychotherapie.
Die von Frankl beigewohnten Vorträge hatten folgende Themen: im ersten und zweiten hielt H. Kogerer ein Referat
über die Grenzen der Psychotherapie (31.3. und 5.5.1936), im dritten Vortrag (3.11.1936) berichtete Kogerer über
eine Tagung der europäischen Vereinigung für psychische Hygiene in London; am vierten Referat (dies war auch das
letzte, an dem Frankl anwesend war), hielt Erwin Stransky seinen zu recht umstrittenen Vortrag über Rasse und Psy-
chotherapie (1.12.1936).*
In diesem Zusammenhang erscheint es mir wichtig, eine weitere Stelle in Pytells Buch zu erwähnen, die, wie ich mitt-
lerweile von Geoffrey Cocks weiß, auf einem Druck- oder Übersetzungsfehler zu beruhen scheint. Auf Seite 76 von
Pytells Buch steht:

Cocks fasst Frankls Kommentar [von Stranskys Vortrag in der Österreichischen Landesgruppe der Ärztege-
sellschaft – Einfügung AB] wie folgt zusammen: „... wie auch immer Stranskys unbewusste Motivation aus-
gesehen haben mag, er versuchte mit seinem Beitrag Fragen des therapeutischen Bündnisses zwischen Ariern
und Juden und der ‚Arisierung’ der psychoanalytischen Theorie zu behandeln.“ [...] (S.70).

Tatsächlich handelt es sich bei diesem Zitat um eine von Geoffrey Cocks verfasste Zusammenfassung einer Arbeit von
Erwin Stransky und nicht um Frankls Zusammenfassung. Hierbei dürfte es sich um einen Fehler des Verlags oder der
Übersetzer handeln. Im Original verweist Cocks im selben Zusammenhang darauf, dass Frankl eine andere Position
als Stransky vertreten hat.† Das ist also einigermaßen verwirrend, aber jedenfalls ein wichtiger Hinweis für die Leser
von Pytells Buch.
Während der Veranstaltungen an der Wiener Sektion der Internationalen Gesellschaft anwesend waren laut Protokoll
neben Viktor Frankl unter anderem Karl Nowotny (Mitbegründer der Internationalen Vereinigung für Individualpsy-
chologie), Wladimir Eliasberg (emigrierte 1938), Erich Wellisch (emigrierte 1938), H. Loewy (sein Schicksal ist unbe-
kannt), Josef Berze, Otto Kauders (nach 1945 Vorsitzender der Österreichisch-Amerikanischen Ärztegesellschaft und
Vorstand der Neurologischen Universitätsklinik Wien), Rudolf Allers (emigrierte 1938) und vermutlich auch Oswald
Schwarz (emigrierte 1938). Allesamt also Personen, die, wie wir nachweislich wissen, nicht mit den Nationalsoziali-
sten zu kollabieren geneigt (oder unter „rassischen Gesichtspunkten“ auch nur dazu geeignet) gewesen wären. Wiede-
rum lässt Pytell auch das – vielleicht aus seiner Sicht mit gutem Grund – unerwähnt.
Fassen wir das nochmals zusammen, weil das ein bisschen verwirrend sein mag: Frankl wohnte Vorträgen bei, die
von der Österreichsektion der Internationalen AÄGP und nicht am Wiener Göring-Institut organisiert wurden. Letz-
teres wäre auch deswegen unmöglich gewesen, weil das Wiener Göring-Institut erst nach dem Anschluss gegründet
wurde, während Pytell richtigerweise angibt, dass Frankl die vier Vorträge im Jahr 1936, also vor dem Anschluss und
der Gründung des Wiener Göring-Instituts besuchte.
Vor diesem Hintergrund muss man auch Pytells weitere Behauptungen lesen und werten – etwa, wenn er sagt, dass
Frankl seine Logotherapie in dem (seinerzeit wie gesagt noch gar nicht existierenden) „Göring-Institut institutionell
zu verankern hoffte“ (S.73). Das ergibt kein sehr stimmiges Bild, zumal auch die ohnehin politisch unverdächtige
Österreich-Sektion der Internationalen Ärztegesellschaft eine kurzlebige und verhältnismäßig inaktive Initiative war.
Und wir sollten auch nicht vergessen, dass Frankl zu dieser Zeit bereits vor dem Hintergrund seiner Erfahrung mit
der Individualpsychologischen Vereinigung wusste, dass er seine Logotherapie und Existenzanalyse am besten unge-
hindert durch institutionelle Bindungen frei entwickeln könnte. Daher stellt sich neben der von Pytell fälschlicherwei-

* Protokoll der Gründungsversammlung der Landesgruppe Österreich [der internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft
für Psychotherapie]. Zentralblatt für Psychotherapie, Bd. 10 (1937), S. 7f.
† Cocks, G. (1985). Psychotherapy in the Third Reich. The Göring Institute. Oxford: Oxford University Press, S. 102f.; 272f.
19
se konstruierten Teilnahme Frankls am inexistenten Wiener Göring-Institut grundsätzlich die Frage, ob Frankl eine
solche Verankerung überhaupt anstrebte (die Aktenlage spricht dagegen); und wenn schon, warum er sich ausgerech-
net die ohnehin kaum aktive und kurzlebige österreichische Ortsgruppe der Ärztegesellschaft dafür ausgesucht haben
sollte. Aber das ist relativ nebensächlich. Entscheidend ist, dass Pytell aus der Teilnahme an vier Vorträgen eine Mi-
tarbeit konstruieren will; und, dass er aufgrund seiner historischen Fehldatierung des Gründungsdatums des Wiener
Göring-Instituts Frankl diesem statt der Wiener Sektion der Internationalen Gesellschaft zuordnet.
Wenn ich eingangs sagte, dass dies ein sehr verwirrendes Kapitel in Pytells Buch sei, so meinte ich eben diese zweifa-
che Verkehrung der Tatsachen durch Pytell. Ich würde jedem, der an diesem Thema interessiert ist, das hervorragend
recherchierte Standardwerk von Geoffrey Cocks* empfehlen, um eben jene Übersicht zu gewinnen, die Pytell seinen
Lesern vorenthält und ich hier wahrscheinlich auch nicht viel besser vermitteln konnte.

Darf ich Sie vielleicht noch eines fragen – Sie sprechen vom Göring-Institut und seinem Vorstand Matthias Göring. In einer Rezension in
der Psychologie heute und im Salzburger Nachtstudio, einer Sendung des österreichischen Rundfunks, für das Sie ja auch inter-
viewt wurden, wird aber immer wieder gesagt, der Vorstand des Instituts sei eine Cousine von Göring, also eine Frau, gewesen. Das ist
zwar ein kleineres Detail, aber vielleicht können Sie das kurz erklären?

Ich kann es zumindest versuchen. Der Vorstand des Instituts war jedenfalls Matthias Göring; von einer Cousine, die
in diesem Bereich tätig gewesen sein soll, ist mir nichts bekannt. Möglich ist aber, dass Matthias Görings Ehefrau
gemeint sein soll. Diese war Krankenschwester und Psychotherapeutin, allerdings war sie organisatorisch meines
Wissens nicht sonderlich mit dem Göring-Institut verbunden.
Diese Geschichte sagt vielleicht mehr über die Art und Weise aus, wie Journalisten mit Informationen umgehen als
über unser Thema im eigentlichen Sinne. Jedenfalls hat Elisabeth Nöstlinger, die Programmgestalterin des Salzburger
Nachtstudio, Viktor Frankls Enkelsohn – Alexander Vesely – und mich zu diesem Thema interviewt. Ich hatte wäh-
rend dieses Interviews nicht wirklich den Eindruck, als ob sie Pytells Buch überhaupt gelesen hatte und dieser Ein-
druck wurde dann bestätigt, als die Sendung am 23. März 2005 im ORF-Radio gesendet wurde und ich da zum ersten
Mal hörte, dass angeblich eine Cousine von Hermann Göring dem Institut vorstand. Obwohl ich Elisabeth
Nöstlinger später auf diesen Fehler aufmerksam machte, stand noch zwei Jahre später auf der Webseite des Salzbur-
ger Nachstudios in einem von Nöstlinger verfassten Text, dass das Institut „von einer Cousine Hermann Görings
geleitet“ wurde.†
Ich vermute einmal, dass S. Fritsch, die den Kurzartikel in Psychologie heute ‡ schrieb, das Buch von Pytell auch nicht
sonderlich genau gelesen, dafür aber die Kurzzusammenfassung auf der ORF-Webseite als Grundlage ihres Artikels
genommen hat. Anders kann man sich nicht erklären, dass auch sie von einer Cousine Hermann Görings schreibt;
und vielleicht erklärt das nebenbei auch, weshalb ihre Rezension so unkritisch ausfiel. Denn man müsste sich das
Buch schon selber oder zumindest etwas genauer ansehen, um seine zahlreichen Widersprüchlichkeiten und Irrefüh-
rungen zu bemerken. Andererseits sollte genau das von einem Rezensenten nicht zuviel verlangt sein. Pytell spricht
jedenfalls über Seiten hinweg von Matthias Göring als Gründer, und nicht als Gründerin, des Instituts – es ist gar
nicht so einfach, das zu überlesen, wenn man das Buch selbst zur Hand nimmt.

Kehren wir zu Pytell zurück – Pytell schreibt, dass Frankls wichtigster Beitrag zum Göring-Institut ein Artikel in dessen Vereinsorgan,
dem Zentralblatt für Psychotherapie gewesen sei und Frankl die Logotherapie „am Göring-Institut“ entwickelt habe.

Das ist einfach und schnell erklärt, denn hier handelt es sich um dieselbe „Verwechslung“ wie oben: Das Zentralblatt
für Psychotherapie war das Organ der Internationalen AÄGP, und nicht, wie Pytell schreibt, des Göring-Instituts. Das
ist deutlich ersichtlich schon am Titelblatt von Band 10 (1937) – das ist die von Pytell inkriminierte Ausgabe, in der
Frankl den besagten Artikel veröffentlichte. Dort steht schwarz auf weiß als editorische und bibliographische Quel-
lenangabe: Zentralblatt für Psychotherapie [...], Organ der Internationalen Allgemeinen Gesellschaft für Psychotherapie.

Hatte denn das Göring-Institut eine eigene Zeitschrift?

Das Göring-Institut hatte ein eigenes Beiheft als Organ für die nationalsozialistischen Psychotherapeuten, während
das Zentralblatt seit 1930 herausgegeben wurde – Herausgeber war C.G Jung in seiner Eigenschaft als Vorstand der

* Cocks, G. (1985). Psychotherapy in the Third Reich. The Göring Institute. Oxford: Oxford University Press
† http://oe1.orf.at/highlights/33913.html
‡ Fritsch, S. (2006). Der „Fall Viktor Frankl“. Psychologie heute, Feb. 2006, S. 79
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Internationalen AÄGP, Rudolf Allers war ab 1933 in Österreich als Redakteur für Buchrezensionen tätig. Wenn Py-
tell behauptet, dass das Zentralblatt ein Organ des Göring-Instituts gewesen sei, wären Jung und Allers ja Redakteure
des Mitteilungsblatts einer Institution gewesen, die erst drei, bzw. sechs Jahre später gegründet wurde. Hierbei dürfte
es sich jeweils um Folgefehler seiner ursprünglichen Fehldatierung handeln.
Wir haben es hier kurz gesagt mit einer Verwechslung zu tun, obwohl rätselhaft bleibt, wie Pytell diese Verwechslung
unterlaufen konnte, da die Jahreszahlen auch unter logischen Gesichtspunkten eine solche Verwechslung an sich
unmöglich machen: Man kann schließlich im Jahr 1930 nicht das Mitteilungsblatt einer Institution herausgeben, die
erst 1933, bzw. 1936 gegründet wird (und in Österreich überhaupt erst 1938 gegründet wurde).

Und inhaltlich? Vielleicht bezieht sich Pytells Kritik ja nicht nur auf den – von ihm falsch angegebenen – Erscheinungsort, sondern auch
auf den Inhalt von Frankls Artikel?

Inhaltlich ist der im Zentralblatt publizierte Artikel Frankls („Zur geistigen Problematik der Psychotherapie“) eine
überaus deutliche Absage an das Programm der deutschen Psychotherapiebewegung.* Sogar Pytell kann mit einem
Mal nicht umhin, zu schreiben, dass es sich bei Frankls Artikel um „eine Distanzierung von dem, was ausdrücklich
die Mission des Göring-Instituts beim Aufbau des Nationalsozialismus war“ (S.74) handelte und anerkennt, dass
Frankl „in ehrenvoller Weise gegen den Missbrauch der Psychotherapie“ durch die Nationalsozialisten argumentierte
(S.75).
Ich überlasse es daher dem Leser, sich einen Reim daraus zu machen, wie Pytell auf die Idee gekommen sein mag,
dass ein Artikel, der sich gegen die ausdrückliche Mission des Göring-Instituts wendet, Ergebnis oder Ausdruck von
Frankls Versuch sein konnte, sich an der österreichischen Landesstelle eben dieses Instituts zu etablieren – wie gesagt
ganz abgesehen davon, dass das Institut zu diesem Zeitpunkt erst zwei Jahre später in Wien seine Pforten öffnen
sollte. Pytell schreibt trotzdem einige Seiten später in seinem Buch, dass Frankl mit diesem Artikel „offenkundig hoffte,
die Logotherapie und Existenzanalyse im Göring-Institut etablieren zu können“ (S.79).

Wie argumentiert Pytell hier? Wie lautet seine inhaltliche Analyse des Artikels von Frankl?

Ich glaube, Pytell missdeutet den Artikel grundlegend. So gibt er zwar korrekt wieder, dass Frankl sich in seinem Ar-
tikel gegen einen „Oktroi der Weltanschauungen durch die Psychologie und Psychotherapie“ wendet. Dann aber hat
er eine sehr seltsame Idee. Denn die Tatsache, dass Frankl in diesem Artikel zur weltanschaulichen Enthaltsamkeit
durch den Therapeuten aufrief, deutet Pytell dann mit einem Mal wie folgt um:

Jedenfalls ging es Frankl in seinem Artikel auch darum, der Psychotherapie des Nationalsozialismus taktisch
entgegenzukommen, indem er sich nicht allzu festlegte. [...] Frankls Forderung, dass es nicht zu einem Oktroi
der Weltanschauungen kommen sollte, schien ins Bild zu passen (S.80).

Dieses angebliche „Entgegenkommen“ und „Ins Bild zu passen“ bedeutet an dieser Stelle in folgendes Bild zu pas-
sen: Göring definierte den Programmschwerpunkt der nationalsozialistischen Psychotherapiebewegung als das Be-
streben „sich eine psychotherapeutische Medizin im Geiste der nationalsozialistischen Weltanschauung zu Eigen zu
machen und diese zu praktizieren“ (zit. nach S.69). Ich überlasse es Ihnen, zu verstehen, wie Frankl, der sich aus-
drücklich gegen dieses Programm zur Wehr setzt, mit dieser Kritik den „Nationalsozialisten taktisch entgegenkom-
men“ sein soll.
Pytell hält Frankl wohl vor, dass er sich „nicht allzu festlegte“ (vermutlich, weil Frankl sich dafür einsetzte, weltan-
schaulich-politische Ideologien ganz aus der Therapie herauszuhalten), da er weltanschauliche Zurückhaltung seitens
des Psychotherapeuten einforderte. Das Problem ist, dass Pytell damit aber genau jenen Fehler macht, vor dem
Frankl gewarnt hat: Psychotherapie ist kein Weltanschauungsunterricht, sondern stellt die Bemühung dar, seelisch
kranken und notleidenden Patienten zu helfen. Pytell kritisiert, kriminalisiert sogar genau diese ärztliche, bzw. psycho-
therapeutische Zurückhaltung. Nur kritisiert er nicht bloß, sondern behauptet zugleich auch, Frankl habe, da er für
weltanschauliche Enthaltsamkeit eintrat, den Nazis quasi durch Passivität und Zurückhaltung taktisch in die Hände
gespielt. Pytell übersieht aber, dass die weltanschauliche Enthaltsamkeit des Therapeuten gegenüber dem Patienten

*Frankl, Viktor E. (1937). Zur geistigen Problematik der Psychotherapie. Zentralblatt für Psychotherapie 10, 33-75. (Wieder abge-
druckt in: Frankl, Viktor E. [2005]. Frühe Schriften 1923 – 1942. Herausgegeben und kommentiert von Gabriele Vesely-Frankl. Wien:
Maudrich)
21
im Grundverständnis einer jeden ethisch vertretbaren Psychotherapie liegt. Mit „taktischem Entgegenkommen“ hat
das nichts zu tun, mit Medizinethik aber umso mehr.
Grotesk wird es aber, wenn Pytell in einem zweiten Schritt daraus ableitet, Frankl habe nur die geringste Sympathie
für den Nationalsozialismus gehegt oder von Psychotherapeuten eingefordert, sich die politische Gesinnung der Pa-
tienten zu eigen zu machen oder diese zu unterstützen. Wir werden gleich darauf kommen. Jedenfalls wäre im Sinne
der Franklschen Argumentation falsch, wenn der Psychotherapeut dem Patienten politische Ideologien anbietet. We-
der Zustimmung noch Ablehnung des politischen, religiösen oder sonstig gearteten weltanschaulichen Bekenntnisses
des Patienten steht zur Frage, wenn der Patient Hilfe für eine seelische Erkrankung sucht, ganz abgesehen davon,
dass wohl kaum ein Patient in die Therapie geht, um sich von einer Weltanschauung heilen zu lassen. Mag es im Ein-
zelfall also auch noch so bedauerlich sein, aber die politische und weltanschauliche Freiheit des Patienten gilt es zu
würdigen, es sei denn, der Patient bringt sie selbst als Teil seines Problems zur Sprache. Hinzu kommt, dass wir unter
den damaligen Umständen ohnehin davon ausgehen können, dass sich ausgerechnet nationalsozialistisch gesinnte
Patienten sicher nicht an den jüdischen Psychiater Frankl gewendet haben.
Jedenfalls: die Forderung nach weltanschaulicher Zurückhaltung ist auch keine Besonderheit der Logotherapie und
Existenzanalyse: Konsequenterweise müsste Pytell nämlich dieselbe Vorhaltung etwa auch der Psychoanalyse, der
Verhaltenstherapie und eigentlich allen psychotherapeutischen Schulen gegenüber machen. Aber so einen Vorwurf
kann eigentlich nur erheben, wer in der Psychotherapie fachfremd ist. Denn es wäre nicht zuletzt ein gravierender
Autoritätsmissbrauch, wenn der Psychotherapeut nicht nur Heilung anböte, sondern zugleich auch konkrete Weltan-
schauungen aufoktroierte. Interessanterweise ist das genau ja das, was die nationalsozialistische Psychotherapie zu
bewerkstelligen versuchte – und was Frankl kritisierte: der Missbrauch der Psychotherapie als Instrument einer ideo-
logischen Indoktrination.

Nun kann man aber einwenden, dass der Nationalsozialismus ein aus bekannten Gründen einmaliger Sonderfall sei.

Und das stimmt auch. Aber wer nur etwas Einblick in die Logotherapie hat, weiß, dass sie versucht, den Ratsuchen-
den an eine möglichst sinnvolle Selbstentscheidung auch in Hinblick auf Welt- und Menschenbild heranzuführen. Es
versteht sich von selbst, dass damit die lebensfeindliche Ideologie des Nationalsozialismus vom Sinnbegriff der Logo-
therapie von vorneherein ausgeschlossen wird. Nur geht es hierbei nicht um eine „politische Heilung“ des Patienten,
sondern um eine Wiederherstellung einer Versöhnung zwischen Patient und Welt. Eine kollektivistische Ideologie
wie der Nationalsozialismus ist eindeutig innerhalb der Logotherapie den Kollektivneurosen zuzurechnen und schon
dadurch nicht mit der Logotherapie vereinbar. Wenn Frankl also den Therapeuten vor einer ideologischen Über-
frachtung der Therapie warnt, dann hat er gewiss vor allem den Nationalsozialismus gemeint – denn dessen therapeu-
tisches Programm kritisiert er ja auch explizit. Man muss sich schon auch vor Augen halten, dass Frankl diesen Arti-
kel in einer Zeit schrieb, als die Bedrohung der weltanschaulichen Zurückhaltung in der Psychotherapie vom Natio-
nalsozialismus und nicht von dessen Gegnern ausging.
Mich verwundert Pytells Herleitung hier daher auch deswegen, weil er ja offenkundig Zugang zu Frankls Zwischen-
und Vorkriegsarbeiten hatte und daraus leicht hätte ersehen können, dass der logotherapeutisch-existenzanalytische
Sinnbegriff explizit lebensfeindliche Haltungen ausschließt und ablehnt. Tatsächlich gibt es von Frankl eine bemer-
kenswerte Arbeit aus dieser Zeit, in der er sich ausdrücklich und scharf gegen die Absicht der deutschen Psychothe-
rapeuten äußert, die NS-Ideologie in die Psychotherapie zu tragen; wir werden darauf wohl gleich zu sprechen kom-
men.

Pytell wirft Frankl indirekt vor, sich überhaupt dieses Themas angenommen zu haben.

Ja, Pytell macht außerdem auch viel Aufhebens darum, dass sich Frankl einem seinerzeit natürlich hochaktuellen
Thema zuwendet: Der Frage nach der Beziehung zwischen Psychotherapie und Weltanschauung. Auch daraus leitet
er offenbar ab, dass sich Frankl irgendwie innerhalb der NS-Psychotherapiebewegung bekannt machen wollte. Ob-
wohl mir ein Rätsel bleibt, wie das ausgerechnet mit einem Artikel möglich sein soll, der sich gegen das Problem der
nationalsozialistischen Psychotherapie wendet.
Pytell übersieht darüber hinaus zwei weitere wesentliche Dinge aus Frankls Werkgeschichte: Erstens, dass Frankls
erste post-psychoanalytische Arbeit (1925)* sich bereits diesem Thema zuwendete (wie auch zahlreiche Nachkriegs-

* Frankl, Viktor E. (1925). Psychotherapie und Weltanschauung. Zur grundsätzlichen Kritik ihrer Beziehungen. Internationale
Zeitschrift für Individualpsychologie III, 250-252. (Wieder abgedruckt in: Frankl, Viktor E. [2005]. Frühe Schriften 1923 – 1942. Herausge-
geben und kommentiert von Gabriele Vesely-Frankl. Wien: Maudrich).
22
publikationen Frankls), woraus folgt, dass er das Thema nicht deshalb aufgriff, weil sich auf einmal auch die deutsche
Psychotherapiebewegung dafür interessierte – zudem noch unter ganz anderem, nämlich buchstäblich umgekehrtem
Vorzeichen. Zweitens muss noch einmal betont werden, dass Frankl an das Thema, das ihn offenbar schon lange
beschäftigte, anknüpfte, um die deutsche Bewegung zu kritisieren.
Ein „taktisches Entgegenkommen“ – zumal noch, wenn es von einem jüdischen Wiener Psychiater kommt – sähe
anders aus; Frankl hätte etwa zu den damaligen Kontroversen um den Weltanschauungsoktroi einfach schweigen und
sich anderen, seinerzeit weniger verfänglichen Themen zuwenden können. Viele haben diese Option seinerzeit ge-
wählt und sind recht gut damit gefahren. Frankl hat sie dagegen nicht gemieden; er hat mit seinem Artikel deutlich
und unmissverständlich Position bezogen.

Pytell behauptet, dass Frankl diesen Artikel später bewusst leugnete und leitet auch daraus ab, dass Frankl hier etwas zu verbergen
gehabt haben könnte. Was können Sie dazu sagen?

Ja – ich halte das für ein weiteres Indiz dafür, dass Pytell diesen Artikel grundlegend falsch einordnet, wenn er düster
andeutet, dass Frankl seinen Artikel später „kaum erwähnte“ (S.71). Das würde möglicherweise in der Binnenlogik
Pytell Sinn machen, wenn der Artikel wirklich eine taktische Annäherung an die deutsche Psychotherapiebewegung
beinhaltete. Pytell behauptet auch, dass dieser Artikel:

[...] in den meisten seiner Bücher im Literaturverzeichnis nicht aufscheint. Wird der Artikel erwähnt, so ge-
schieht dies eher verschämt und mit der Jahreszahl 1938, nicht 1937 (S.71, Hervorhebungen AB).

Die Datierungsfrage klärt Pytell selbst mit dem Hinweis auf das unregelmäßige Erscheinen des Zentralblatts auf (S.71):
Das Zentralblatt wurde verspätet in Druck gegeben, wodurch die Ausgabe für das Jahr 1937 tatsächlich erst 1938 und
in der Bibliographie des Journals tatsächlich auch formal richtig als so datiert geführt wird. Das Heft erschien aller-
dings vor dem Anschluss und wie gesagt war sein Erscheinen eigentlich für das Jahr 1937 vorgesehen.
Ich kann aber nicht verstehen, wie Pytell auf die Idee gekommen ist, Frankl selbst hätte seinen Artikel kaum, und
wenn dann nur „verschämt“ erwähnt. Denn erstens findet sich der Aufsatz in meines Wissens in jeder
Franklbibliographie, was ich auch deswegen wissen sollte, weil ich als Herausgeber der Gesammelten Werke Frankls
diese Liste immer wieder aktualisiere.
Zweitens hat Frankl den Aufsatz vielmehr explizit zu seinen „Glanzstücken“ erhoben, indem er ihn in den von ihm
selbst sorgfältig zusammengestellten Übersichtsband über sein Gesamtwerk, den Sammelband Logotherapie und Exi-
stenzanalyse – Texte aus fünf Jahrzehnten (1987), und nochmals in die erweiterte Ausgabe Logotherapie und Existenzanalyse –
Texte aus sechs Jahrzehnten (1992) aufgenommen hat – von immerhin rund 480 alternativ zur Verfügung stehenden
deutschsprachigen Aufsätzen und Vorträgen.
Ich finde Pytells dunkle Andeutung umso verwunderlicher, als er diesen Sammelband ja selbst in seiner Literaturliste
führt. Er hätte also wirklich bloß ins Inhaltsverzeichnis schauen müssen, um sich davon zu überzeugen, dass Frankl
den Artikel nicht verschämt versteckte, sondern eben durch Aufnahme in den Band verhindern wollte, dass er in
Vergessenheit gerät. Warum? Weil Psychotherapie in der Praxis damals wie heute keine weltanschauliche Schulung
ist, sondern der Versuch der therapeutischen Hilfe für Menschen, deren Leben in der einen oder anderen Form brü-
chig und unsicher geworden ist oder von einer psychischen Erkrankung überschattet ist.

Pytell nimmt als nächstes auf einen Artikel Frankls – „Seelenärztliche Selbstbesinnung“ – Bezug, von dem er schreibt, dass Frankl sich
darin vollends an die Psychotherapie des Nationalsozialismus annäherte. Was sagen Sie dazu?

Nun, konkret handelt es sich dabei um einen Artikel, der in der vom Husserl-Schüler Dietrich von Hildebrand
herausgegebenen Zeitschrift Der Christliche Ständestaat erschienen ist. Bevor ich auf Pytells Argumentation eingehe, will
ich kurz den Hintergrund Dietrich von Hildebrands und seiner Zeitschrift erläutern. Diese Veröffentlichung Frankls
ist nämlich wirklich hochinteressant und ihre Bedeutung ist in der Logotherapie bislang völlig zu Unrecht noch gar
nicht richtig wahrgenommen worden. Der Christliche Ständestaat wurde als ein Forum gegen den Nationalsozialismus
und gegen jedwede Art des Antisemitismus gegründet. Entgegen dem, was man von der Namensführung der Zeit-
schrift her annehmen könnte, handelt es sich nicht um eine unverhohlen Schuschnigg-treue Publikation, sondern um
die katholische Antwort auf die Gefahren von Antisemitismus und Nationalsozialismus. Hildebrand beschrieb das
Programm seiner Zeitschrift in eigenen Worten wie folgt:
23
Was Europa braucht, ist nicht eine Reform des Nationalsozialismus, sondern eine völlige Liquidierung des-
selben*;

und Ebneth schreibt in einer historischen Abhandlung zu Hildebrands Zeitschrift:

Der katholische Philosoph Dietrich von Hildebrand, vor den Nationalsozialisten nach Österreich geflüchtet,
hat in der Zeitschrift Der Christliche Ständestaat Erstaunliches veröffentlicht und veröffentlichen lassen. Die zu-
tiefst antichristliche, weil antipersonale Blut- und Rassenlehre des Nationalsozialismus ist von Hildebrand auf
das Schärfste attackiert worden. [...] Hildebrand hat auch Tendenzen des katholischen Antijudaismus ohne
Umschweife angegriffen.†

Es wird Sie nicht überraschen, wenn ich Ihnen sage, dass Pytell diese Information seinen Lesern vorenthält. Vermut-
lich muss er das auch, da es ihm vor diesem Hintergrund sicherlich schwerfallen würde, Frankls Veröffentlichung im
Christlichen Ständestaat als – ich zitiere jetzt wörtlich aus Pytells Buch: „einen Schritt weiter in Richtung Annäherung an
die Psychotherapie des Nationalsozialismus“ (S.82) zu bezeichnen. Pytell würde damit ja nahelegen, dass Hildebrand
und sein Kreis, dessen Organ und Sprachrohr der Ständestaat ja war, sich für die nationalsozialistische Psychotherapie
einsetzten oder sich zumindest willig dafür instrumentalisieren ließen. Das war natürlich nicht der Fall, was umso
deutlicher wird, wenn man sich die Mühe gibt, Frankls Artikel inhaltlich durchzugehen.
Zum Artikel selbst ist zu sagen, dass Frankl hier seine Kritik an der nationalsozialistischen Psychotherapie wiederholt
und dabei auch erstmals Haeberlin, Gauger und Göring als Vertreter dessen, was Frankl als Missbrauch der Psycho-
therapie beschreibt, zitiert und ihre Arbeiten einer verständlicherweise etwas grimmigen Kritik unterzieht.
Die Genannten – Haeberlin, Gauger und natürlich Göring – waren allesamt überzeugte Nationalsozialisten, die dar-
auf abzielten, die Psychotherapie „judenfrei, deutsch und nationalsozialistisch“ zu machen.
Frankls Artikel im Christlichen Ständestaat ist eine ausgesprochen interessante und auch unter einem politischen Ge-
sichtspunkt ziemlich couragierte Arbeit. Wie Pytell auf die Idee kommt, ausgerechnet dieser ausdrücklich gegen das
Programm der nationalsozialistischen Psychotherapie gerichtete Artikel stelle seitens Frankl „einen Schritt weiter in
Richtung Annäherung an die Psychotherapie des Nationalsozialismus“ (S.82) dar, ist mir bislang ein Rätsel geblieben.
Fassen wir zusammen: Frankl wendet sich in einer explizit anti-nationalsozialistischen Zeitschrift offen gegen die
Vordenker der nationalsozialistischen Psychotherapiebewegung. Aber was macht Pytell daraus? Ich zitiere wörtlich:

Obwohl Frankl seine Forderung, dass die Psychotherapie es zu vermeiden habe, den Patienten Weltan-
schauungen aufzuzwingen, wiederholte und anzudeuten schien, dass die genannten Personen [Gauger,
Haeberlin und Göring] Gefahr liefen, genau das zu tun, identifizierte er sich dennoch mit diesem Fokus auf
Weltanschauungen und akzeptierte es somit (S.84, Hervorhebung AB).

Eigentlich muss man diese Zeilen gar nicht kommentieren. Pytell sagt hier erneut, dass sich Frankl mit dem Verhält-
nis zwischen Psychotherapie und Weltanschauung auseinandersetzt („Fokus auf Weltanschauungen“) – das stimmt.
Pytell vergisst aber anscheinend innerhalb eines Halbsatzes, dass Frankl schreibt, dass Gauger, Haeberlin und Göring
vormachen, wie Psychotherapeuten nicht arbeiten dürfen. Bleibt wiederum die bloße Tatsache, dass sich Frankl auch
mit dem Problem des Verhältnisses von Psychotherapie und Weltanschauung beschäftigt – wie gesagt ein nahelie-
gender Gegenstand zu dieser Zeit, und obendrein einer, welchen Frankl bereits mehr als ein Jahrzehnt zuvor in gänz-
lich anderem Zusammenhang bereits zu seinem Thema gemacht hatte. Aber für Pytell folgt daraus, dass sich Frankl
„dennoch mit dem Fokus auf Weltanschauungen identifizierte und es somit akzeptierte“ (S.84). Es reicht dieser Ar-
gumentationsfigur zufolge also aus, sich kritisch mit einem Thema auseinanderzusetzen, um es „somit zu akzeptie-
ren“ – auch wenn man zu entgegengesetzten Schlussfolgerungen kommt wie die kritisierte Position. Das sagt Pytell
hier; und er sagt es wie gesagt zudem über einen Artikel, der in einer explizit anti-nationalsozialistischen Zeitschrift
erschienen ist. Ich weiß nicht, ob Pytell damit behaupten will, dass auch Dieter von Hildebrand und sein Kreis „das
nationalsozialistische Verständnis über das Verhältnis von Psychotherapie und Weltanschauung somit akzeptierten“.
Pytell schreibt weiter:

* Hildebrand, D., zit.n. Laun. A. (1992). Dietrich von Hildebrands Kampf gegen den Nationalsozialismus. Fragen der Moraltheologie
heute, I: 212-215
† Ebneth, R. (1976). Die österreichische Wochenschrift „Der Christliche Ständestaat“. Deutsche Emigration in Österreich 1933-1938. Re-

gensburg. Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag.


24
Angesichts der Tatsache, dass dieser Artikel am Vorabend des Anschlusses entstand, könnte man argumen-
tieren, dass Frankl darauf aus war, seine eigene Version der deutschen Psychotherapiebewegung in Öster-
reich zu etablieren (S.84).

Abgesehen davon, dass diese Idee – wie ich hoffentlich einigermaßen schlüssig gezeigt habe – aus gleich mehreren
voneinander unabhängigen Gründen wenig Sinn macht, will ich hier nochmals auf Pytells Wortwahl hinweisen: an
dieser Stelle heißt es noch: „könnte man argumentieren ...“; eine Seite später heißt es bereits ohne weitere Argumenta-
tionslinie, dass sich Frankl „deutlich in Richtung einer führenden Rolle [innerhalb der deutschen Psycho-
therapiebewegung] positionieren wollte“. Und noch später – und wiederum ohne weitere zwischenzeitig vorgelegte
Belege oder Argumente fasst Pytell die Ergebnisse dieses Kapitels wie folgt zusammen: „Frankl tat seine Sympathie
für die psychologische Theorie des Nationalsozialisten kund und arbeitete mit dem Wiener Göring-Institut zusam-
men“ (S.160). Das ist kompakt formuliert und bedauerlicherweise dann auch die Version, die im Salzburger Nachtstu-
dio, im profil und in der Psychologie heute kolportiert wurde. Ich habe Pytell hier übrigens beim Wort genommen und ihn
gebeten, mir zu zeigen, wo Frankl auch nur implizit „seine Sympathie für die Nationalsozialisten kundtat“ – unnötig
zu sagen, dass er das nicht konnte. Dass er dennoch diese Anschuldigungen wider besseren Wissens gegenüber je-
manden aufstellt, der nur wenige Jahre später mit seiner gesamten Familie dann für drei Jahre in den Konzentrations-
lagern derselben Nazis, die ihm angeblich so sympathisch waren, interniert gewesen ist, macht das Ganze nicht harm-
loser und auch nicht gerade geschmackvoller.
Die eigentliche Entdeckung in Bezug auf die politischen und historischen Hintergründe dieses Artikels ist aber, dass
Frankl in einer wichtigen in Österreich noch erscheinenden anti-nationalsozialistischen Zeitschrift einen Artikel ge-
gen die Hauptproponenten und Ansichten der deutschen Psychotherapiebewegung veröffentlichte. Das sagen die
Fakten. Dass auch diese noch in Pytells Händen gegen Frankl gewendet werden, finde ich dann eher zweitrangig und
uninteressant.
Wir können also im Gegensatz zu Pytell zusammenfassend festhalten, dass Frankl im Rahmen seiner Möglichkeiten
bereits vor dem Anschluss gegen die nationalsozialistischen Einflüsse in der Psychotherapie eingetreten ist: zwei sei-
ner pointiertesten Artikel aus dieser Zeit sind bemerkenswert hellsichtige Kritiken dessen, was nur Monate später in
dem dann neu gegründeten Göring-Institut auch in Wien gelehrt werden sollte.
Soviel dann auch zur Frage, ob Frankl auch nur geringstes Interesse daran gehabt haben könnte, sich einer Bewegung
anzuschließen, deren Grundprämissen im diametralen Gegensatz zu seinem eigenen Verständnis standen, für das er
zu diesem Zeitpunkt seit über zehn Jahren und bisher auch in seinen anderen Publikationen eingetreten ist. Und wir
können davon ausgehen, dass Frankl auch auf der Gegenseite auf wenig Sympathie traf: Die Nazis dürften nun wahr-
lich kein Interesse an einem jüdischen Psychiater gehabt haben, dessen bis dahin veröffentlichten Werke für all das
standen, das die nationalsozialistische Psychotherapiebewegung „ausmerzen“ wollte.
Kurz: Frankl hatte – außer Kritik – kein Interesse an der deutschen Bewegung; und die Nazis hatten – außer Abscheu
und Misstrauen gegenüber der „Wiener jüdischen Psychiatrie“ – kein Interesse an Frankl. Der einzige, der bisher den
Versuch machte, über diese Fakten hinweg eine Annäherung beider zu konstruieren, ist Pytell.

3. 1940 – 1942: Am Rothschildspital

Ich würde vorschlagen, dass wir nun zum nächsten Kapitel kommen. Es ist allgemein bekannt, dass Frankl wie viele seiner jüdischen
Kollegen aus Wien emigrieren wollte und mehrere Jahre auf ein Amerika-Visum wartete. Als das Visum kam, ließ er es verfallen, um
bei seinen Eltern zu bleiben, bzw. war Frankl ja dann am Wiener Rothschildspital tätig und stand dadurch unter Deportationsschutz.
Pytell und einige der Rezensenten seines Buches sagen, dass Frankl „für die Nazis als Judenbehandler“ gearbeitet hätte. Wenn ich das
richtig verstehe, ist das aber ganz falsch?

Ja, aber das halte ich für einen kleineren Punkt. Es ist richtig, dass auch Frau Nöstlinger im Salzburger Nachtstudio den
Eindruck erweckte, Frankl habe „für die Nazis“ am Rothschildspital gearbeitet. Das verrät zwar eine bemerkenswerte
Unkenntnis, vielleicht auch ein gewisses Desinteresse an den tatsächlichen historischen Umständen, hat aber weniger
mit Pytell selbst zu tun. Das Rothschildspital war in Wien bald die einzige Anlaufadresse für die Juden Wiens und
hatte eine große Notaufnahmeabteilung, wo die zahlreichen Opfer der nationalsozialistischen Übergriffe behandelt
wurden. Die SS führte dort laufend Razzien durch. Außerdem durften jüdische Ärzte sich unter den Nazis nicht
mehr als Ärzte bezeichnen, sondern wurden zu sogenannten „Judenbehandlern“ degradiert, bzw. als Fachärzte
„Fachbehandler für Juden“ genannt. Wenn nun einige der Rezensenten geschrieben haben, dass Frankl nach dem
25
Anschluss „den Beruf eines Judenbehandlers angenommen“ habe, ist das also nicht viel mehr als eine späte, wenn
auch vielleicht ungewollte, Verhöhnung Frankls und zahlreicher weiterer jüdischer Ärzte, deren ärztliche Berufung
ihnen von den Nationalsozialisten abgesprochen wurde.
Pytell begeht diesen Fehler nicht; aber er schreibt etwas nicht minder Verhöhnendes: nämlich, dass Frankl sein Ame-
rika-Visum verfallen ließ und in Wien blieb, weil „anscheinend [seine] therapeutischen Techniken der paradoxen
Intention, der Förderung von Einstellungswerten und der Psychologie der Weltsichten zur Überzeugung führte, dass
das Konzentrationslager sein Betätigungsfeld sein sollte“ (S.97). Das ist ausgesprochen geschmacklos, zumal Pytell
damit ja im Grunde nichts anderes sagt, als dass Frankl in Wien blieb und es eigentlich gar nicht abwarten konnte, bis
er deportiert würde, um dann endlich seiner neu erkannten Berufung nachzugehen, im KZ „paradoxe Intention und
Förderung von Einstellungswerten“ zu betreiben. Pytell impliziert damit auch, dass Frankl bewusst die Deportation
seiner Eltern in Kauf nahm, um „im KZ Psychotherapie machen“ zu können. Nun will ich mir eigentlich gar nicht
vorstellen, was sich Pytell gedacht haben mag, als er das schrieb. Aber bei aller selbstbekannten Abscheu und Verach-
tung, die Pytell gegenüber Frankl empfindet – man darf sich von einem Historiker etwas mehr Ernsthaftigkeit und
auch einen respektvolleren Umgang mit dem Andenken der Opfer der Konzentrationslager wünschen.
Frankls biographischen Bericht, dass er sein Amerikavisum verfallen ließ, nachdem sein Vater ihm das aufgehobene
Bruchstück der Zehn Gebote aus der von den Nationalsozialisten zerstörten Synagoge zeigte, tut Pytell dagegen mit
den knappen Worten ab, das sei bloß ein „vermeintlich mystisches Zeichen“ (S.97).

Pytell und auch Sibylle Fritsch (in Psychologie heute) gehen auch kritisch darauf ein, dass Frankl am Rothschildspital den Spitznamen
„Nerven-Goebbels“ hatte.

Ja, und sehen Sie, das ist wieder einer der Fälle, wo sich Pytell im eigenen Interesse besser selbst den Gefallen getan
hätte, seine eingangs erwähnte „Abscheu“ und „Verachtung“ für einen Moment beiseite zu stellen und Frankl selbst,
oder wenigstens bei uns im Archiv nachzufragen – oder noch einfacher: Frankls Lebenserinnerungen etwas genauer
zu lesen, denn letztere gibt er ja auch als Quelle für diese Passage an. Denn dann hätte er sich diesen Fehler und sei-
nen, wie ich finde, ziemlich spöttischen in Klammern dazugesetzten Kommentar, ersparen können. Pytell schreibt
nämlich:

[Am Rothschildspital] war Frankl Leiter der Neurologie und erhielt aus Spaß (und nicht ohne Grund) den
Spitznamen ‚Nerven-Goebbels’ (S.97).

Als Quelle für dieses Zitat gibt Pytell die Lebenserinnerungen Frankls an – dort steht allerdings etwas anderes:

Jahre später, als ich schon Primarius an der Neurologischen Poliklinik war, gab ich für meinen Mitarbeiterstab ei-
nen Empfang. Meine Frau machte einen Arzt betrunken, nur um herauszubekommen, welchen Spitznamen
ich unter meinen Mitarbeitern hatte. Endlich plauderte er es aus. Man nannte mich „Nerven-Goebbels“
(Hervorhebung AB).*

Frankl bekam den Spitznamen „Nerven-Goebbels“ also natürlich nicht am Rothschild-Spital, was angesichts der
damaligen Verhältnisse seitens des jüdischen Ärztestabes ohnehin ziemlich ungewöhnlich gewesen wäre, sondern
nach seiner Befreiung aus dem KZ und seiner Rückkehr ins befreite Wien an der Poliklinik. Nun finde ich diese Ge-
schichte aber auch etwas kurios, und so wurde ich auch neugierig und habe daher Viktor Frankls Ehefrau, Eleonore
Frankl, dazu befragt, die mir diese Geschichte bestätigte und mir auch erklärte, wie es zu diesem Spitznamen in
Frankls Mitarbeiterstab kam: Diese Episode geschah um 1948, als Frankl in Folge seiner Internierung in den Kon-
zentrationslagern noch leicht hinkte† und, wie die Fotos aus dieser Zeit auch zeigen, immer noch ausgesprochen ab-
gemagert war – wie auch Goebbels. Soviel dann auch zu Pytells unverhohlen höhnischem Kommentar, Frankl habe
diesen Spitznamen „nicht ohne Grund“ bekommen: als Folge seiner Internierung in vier Konzentrationslagern und
vor allem den Zwangsarbeiten im Winter 1944 zog Frankl ein Bein leicht nach und war zudem abgemagert. Passend
zum Hinken hat Pytell dieses Kapitel seines Buches übrigens auch noch mit der spöttelnden Überschrift „Der Herr
Doktor stolpert dahin“ versehen.

*Frankl, V.E. (1995). Was nicht in meinen Büchern steht. Lebenserinnerungen. Weinheim: Beltz, S. 58
† Vermutlich eine Folge der Zwangsarbeit im Konzentrationslager Kaufering im Winter 1944. Ein 1945, nach der Befreiung
erstelltes ärztliches Attest diagnostiziert neben „ausgedehnten Hungerödemen, Tachycardien und einem Myocardschaden“ auch
„Erfrierungen aller drei Grade an Fingern und Zehen“.
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Obendrein war Frankl weithin als hervorragender Rhetoriker bekannt und zumindest in den unmittelbaren Nach-
kriegsjahren galt Goebbels noch als der Prototyp eines gewandten, wenn auch gefürchteten Rhetorikers. Diese drei
Gemeinsamkeiten: Statur, Hinken und rhetorische Begabung führten dann dazu, dass Frankl nach dem Krieg von
einigen Ärzten seiner Abteilung den Spitznamen „Nerven-Goebbels“ bekam. Das kann man sehen, wie man will,
aber daraus ausgerechnet Frankl einen Vorwurf zu machen, scheint mir sehr weit hergeholt und etwas zu bemüht.
Immerhin musste seine Frau den besagten Arzt erst einmal betrunken machte, bis er endlich den Spitznamen verriet;
Frankl dürfte also bis dahin nichts davon gewusst haben. So oder so kann man Frankl nicht vorhalten, wie er von
seinen Mitarbeitern an der Poliklinik genannt wurde. Man kann aber Pytell vorhalten, selbst diesen Sachverhalt noch
so zu verdrehen, dass er diese Episode kurzerhand ins Rothschildspital verlegt und dieser Spitzname nun Frankl statt
dem nicht unbedingt treffsicheren Geschmack seiner Mitarbeiter nachgetragen wird. Bedauerlich ist auch, dass das
bisher jeder Rezensent einfach übernommen hat, ohne das nachzuprüfen, was ja angesichts der verfügbaren Literatur
wirklich ein Leichtes gewesen wäre.

Es ist allgemein bekannt, dass Frankl zeitlebens ein ausgesprochener Gegner der sogenannten „Euthanasie“ war und zuerst alleine,
später mit Otto Pötzl, psychisch kranke jüdische Patienten vor der Euthanasie rettete, indem er falsche Diagnosen ausstellte und die Pa-
tienten im jüdischen Altersheim unterbrachte, wo sie dann von Frankl stabilisiert und behandelt werden konnten. Pytell scheint das zu
bezweifeln. Er schreibt, Frankl habe die „Sabotage“ erstmals in den späten Sechziger Jahren, ein paar Jahre nach Pötzls Tod im Jahre
1962 erwähnt (S.99). Bezweifelt Pytell etwa auch das?

Ja, das tut er tatsächlich. Pytell sagte mir bei unserem Treffen im vergangenen Sommer, dass er glaubt, dass Frankl bis
zum Tode Pötzls im Jahr 1962 wartete und, kurz gesagt, es sich hier um einen nachträglichen Versuch handle, Pötzl
zu rehabilitieren und sich selbst als „Helden darzustellen“.
Ich kann in diesem Zusammenhang nur wiederholen, dass die Türen des Archivs für jeden offen stehen. Pytell hätte
nur bei uns nachfragen müssen, bzw. hätte er auch nur auf der Webseite des Archivs nachsehen müssen. Dort findet
sich seit Jahren unter dem Stichwort „Pötzl“ folgender Archiveintrag:

Nummer: 12704
Art: Korrespondenz II
Beschreibung I: Briefwechsel
Beschreibung II: 3 Briefe
Beschreibung III: 6 Blätter
Person 1: V. E. Frankl
Person 2: Bürgermeister v. Wien
Frankl Datum: 21.08.1945
Anmerkung / Inhalt: Frankl bestätigt, dass Prof. Otto Pötzl Juden vor dem Tod bewahrte

Es wäre also bei einer nur etwas bemühteren Recherche ein Leichtes für Pytell gewesen, sich mit eigenen Augen da-
von zu überzeugen, dass Frankl nicht erst ab 1962 „behauptete“ (S.99), dass er, bzw. er und Pötzl das nationalsoziali-
stische Euthanasieprogramm durch Falschdiagnosen und Überweisungen ins jüdische Altersheim in der Wiener
Malzgasse sabotierten. Einige Durchschriften von diesbezüglichen Zeugenaussagen Frankls liegen im Archiv auf. Sie
wurden unmittelbar nach der Rückkehr nach Wien im Jahr 1945 verfasst, bzw. haben wir auch weitere Bestätigungen
aus den Jahren 1946 und 1948 im Nachlass. Zudem liegen auch Briefwechsel mit vormaligen Kollegen vor, in denen
Frankl von den von ihm und Pötzl unternommenen Versuchen, die Euthanasie zu sabotieren, berichtet und sich mit
ihnen über die damalige Aktion austauscht. Es ist übrigens bekannt, dass auch einige andere Ärzte zum Mittel der
falschen Diagnose griffen, um ihre jüdischen Patienten zu schützen. Ich weiß nicht, ob Pytell die Tatsache, dass es
Ärzte gab, die durch bewusste Falschdiagnosen Patienten zu retten versuchten, allgemein in Frage stellt, oder ob er
dies nur bei Frankl tut. Jedenfalls stehen hier zahlreiche Aussagen von Zeitzeugen und auch Originaldokumente ge-
gen die Aussage Pytells, bzw. seine Bereitschaft, an den Mut dieser Ärzte zu glauben.

Als nächstes kommen wir zu dem wohl schwerwiegendsten Vorwurf Pytells: Pytell behauptet, dass Frankl am Rothschildspital „medizini-
sche Experimente“ an jüdischen Patienten durchgeführt habe.

Nun, zunächst zu den Fakten: Das Rothschildspital war eine der letzten Kliniken in Österreich, die jüdische Patienten
überhaupt behandelt hat. Frankl arbeitete dort als Primararzt für Neurologie, nachdem er seine eben erst eröffnete
27
Privatpraxis nach dem Anschluss Österreichs schließen musste. Das Spital hatte einen großen Notaufnahmebereich –
eine Folge der laufenden Übergriffe auf die in Wien verbliebenen Juden durch die SS, die Gestapo und auch durch
die Allgemeinbevölkerung. Insbesondere ab Anfang der 1940er Jahre nahm dann auch die Zahl an Patienten, die
nach Selbstmordversuchen in die Notaufnahme des Spitals eingeliefert wurden, stark zu.
Nun haben Patienten, die nach einem Selbstmordversuch in ein Krankenhaus eingeliefert werden, häufig eine
Selbstmordmethode (z.B. Betäubungs- und Schlafmittelüberdosierungen, Kopfschüsse, etc.) gewählt, die unter ande-
rem auch eine neurologische Behandlung erforderlich machen. Frankl behandelte diese Patienten selbstverständlich –
wie wir gleich sehen werden, ist das allein bereits Grund genug für Pytell, Frankl aufs Schärfste zu kritisieren. Frankl
entwickelte zudem als Primarius der Neurologie eine eigene Behandlungsmethode für bereits vom Klinikstab aufge-
gebene Patienten mit schweren Schlafmittelvergiftungen.

Pytell schreibt, dass diese Patienten bereits für tot erklärt geworden seien (S.102).

Das ist eigentlich eine Nebensache, aber vielleicht dennoch der Rede wert: Pytell ist zwar kein Mediziner, aber er wird
bestimmt nicht ernsthaft glauben, dass Frankl eine Methode gefunden hat, mittels derer man medizinisch zertifizierte
Tote wieder zum Leben erwecken kann. Das ist nur scheinbar ein nebensächliches Detail – aber da Pytell über zwei
Seiten seines Buches hinweg über die medizinische Zweckmäßigkeit von Frankls Eingriff spekuliert, spielt es dann
doch eine Rolle. Denn wenn er selbst in so grundsätzlichen Fragen irrt, hebt das nicht eben das Vertrauen in sein
generelles medizinisches Urteilsvermögen. Pytell unternimmt dennoch den laienhaften Versuch, als Historiker auf-
grund eines 1918 erschienen Artikels über die therapeutisch nicht zweckmäßige Zufuhr von Luft (!) in die Hirnvent-
rikel den Nachweis zu erbringen, dass Frankls operativer Eingriff nicht erfolgreich sein konnte (S.103). Wie wir wis-
sen, haben Frankls Bemühungen aber einigen Patienten wirklich das Leben gerettet, aber tot waren sie selbstverständ-
lich noch nicht.
Tatsächlich wurden diese Patienten vom Klinikstab der Notaufnahme also als „verloren“ aufgegeben, mit anderen
Worten: sie wurden einfach nicht weiterbehandelt, was ihren sicheren Tod bedeutete. Ich erwähne das nicht, weil ich
den Ärzten einen Vorwurf machen wollte. Vielmehr muss man das auch vor dem Hintergrund der Zustände am
Rothschildspital verstehen und sich wohl auch die damalige Situation am Spital vor Augen führen.

Vielleicht können Sie mehr über die damalige Situation des Spitals sprechen?

Das Rothschildspital wurde 1873 eröffnet und war ursprünglich als 100-Bettenhaus konzipiert gewesen und Teil einer
weitflächigen Versorgungsstruktur der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wiens.
1938 erging dann aus Berlin der reichsweit gültige Erlass, dass jüdische Patienten nur noch in „jüdischen Anstalten“
ärztlich behandelt werden durften – womit die gesamte medizinische Versorgung der jüdischen Bevölkerung Wiens
und Umgebung nun dem Rothschildspital zufiel. Dem Bericht der Österreichischen Historikerkommission ist zu ent-
nehmen, dass die Zustände am Spital seither „katastrophal“ waren, da das Haus unter diesen Umständen natürlich
vollkommen überbelegt und der Klinikstab entsprechend überlastet war.* Mir ist die genaue Zahl der seinerzeitigen
Belegung des Rothschildspitals zwar nicht bekannt, aber ein späteres von dem Bericht der Historikerkommission
zitiertes Protokoll nennt die Zahl von über 1.400 stationären Patienten, die 1943 mit der endgültigen Schließung der
Nachfolgeorganisation des Spitals deportiert wurden; dabei sind die ambulant behandelten Patienten gar nicht mitge-
zählt.† Das lässt uns zumindest erahnen, welche Zustände an dem auf nur 100 Betten angelegten Rothschildspital
seinerzeit geherrscht haben und wie überlastet die Ärzte dort gewesen sein müssen.
Anzunehmen ist jedenfalls, dass unter dem enormen Druck, unter dem die Ärzte in der Notaufnahme standen, bis-
weilen auch eilige und vorschnelle Entscheidungen über Leben und Tod der Patienten getroffen werden mussten, die
unter anderen Umständen möglicherweise anders ausgefallen wären – nämlich zugunsten einer weiteren Behandlung
der Patienten. Auch Frankl war deshalb davon überzeugt, dass einige der Patienten zu früh ihrem Schicksal, dem
sicheren Tod, überlassen wurden, dass sie also nicht wirklich ausreichend behandelt wurden. Da er zudem die besagte
neue Behandlungsmethode entwickelt hatte, Gegenmittel unter Umgehung der Bluthirnschranke durch einen chirur-
gischen Eingriff direkt an ihrem Wirkungsort in den hauptsächlich von der Vergiftung betroffenen Hirnarealen zu
verabreichen, war er umso weniger bereit, diese Patienten einfach ihrem Schicksal zu überlassen, ehe er nicht sein
Bestes versucht hatte, sie zu behandeln. Also wurden sie auf seine neurologische Abteilung verlegt, wo es ihm ge-

* Vgl. die Einträge in: http://www.historikerkommission.gv.at/


† Ebda.
28
meinsam mit seinen Mitarbeitern auch tatsächlich in einer Reihe von Fällen gelang, diese ursprünglich als todgeweiht
aufgegebenen Patienten wiederzubeleben. Seine neue Behandlungsmethode war also erfolgreich.
Wahrscheinlich mit der Unterstützung durch einen vormaligen Kollegen aus der Kliniktätigkeit am Steinhof veröf-
fentlichte Frankl auch noch einen Artikel über diese Behandlungsmethode. Es war dies seine letzte Veröffentlichung
vor der Deportation nach Theresienstadt. Sie konnte unter den gegebenen politischen Umständen natürlich nicht
mehr in Deutschland oder Österreich erscheinen, wurde aber im September 1942 in einem renommierten Schweizer
Medizinjournal publiziert.* Frankl berichtet, dass die Veröffentlichung wohl nur durchging, weil die Kriegsparteien
anscheinend hofften, die von ihm entwickelte Methode der direkten Arzneimittelgabe auch an Kriegsverwundeten
einsetzen zu können. Pytell macht daraus kurzerhand eine „offensichtliche Zusammenarbeit mit den Nazis“ (S.106).

Was sagen Sie zu diesem schweren Vorwurf Pytells?

Zunächst deutet Pytell ganz allgemein die Tatsache, dass Frankl am Rothschildspital Selbstmordpatienten zu retten
versuchte, im Verlauf seines Buches sehr unterschiedlich. Der einzige gemeinsame Nenner dieser verschiedenen
Interpretationen ist aber, das Pytell Frankls ärztliches Wirken am Rothschildspital durchwegs negativ beurteilt. Sein
Vorgehen hat, wie wir bereits gesehen haben, durchaus Methode: Pytell arbeitet mit Unterstellungen und Vermutun-
gen, die binnen weniger Seiten zu „Tatsachen“ gerinnen. Ich will daher im folgenden versuchen, Pytells Vorwürfe
zunächst zu gliedern, bzw. seinen Argumentationsaufbau nachzuzeichnen.
Pytell behauptet zunächst, dass die Standards der Wiener medizinischen Schule in der Zwischenkriegszeit „höchst
fragwürdig“ gewesen seien (S.101). Als Beispiel für diese „höchst fragwürdigen Standards“ nennt Pytell die Einfüh-
rung der Schocktherapien bei Psychosen und interessanterweise auch die pharmakologische Behandlung der Psycho-
sen (S.101). Insgesamt fasst Pytell die Arbeiten der Wiener medizinischen Schule wie folgt zusammen: „Kurzum: die
medizinische Praxis der Wiener Ärzte war in der Zwischenkriegszeit eben von experimentellen und oft gewaltsamen
Techniken gekennzeichnet (S.101).“ Dieses Stichwort reicht Pytell aus, um fortan konsequent auch von Frankls Ret-
tungsversuchen als „experimentelle Forschung“ zu sprechen.
Weiters ist Pytell der Meinung, dass Frankl nicht dazu berechtigt gewesen sei, die in die Notaufnahme des
Rothschildspitals eingelieferten Patienten zu retten zu versuchen (S.106f.) und darüber hinaus, dass die Eingriffe, die
Frankl in seinen Lebensrettungsversuchen setzte, noch nicht ausreichend erprobt waren und beklagt, dass ihnen keine
ausgiebigen Testreihen mit Tierversuchen vorangingen (S.104). Das kommt unter den damals gegebenen Umständen
im Rothschildspital der Forderung gleich, diese Patientengruppe mit schweren Vergiftungen gar nicht zu behandeln.
Und wirklich meint Pytell drittens, dass die Tatsache, dass Frankl überhaupt willens war, jüdische Selbstmordpatien-
ten in der Notaufnahme, bzw. auf seiner Station zu behandeln, moralisch falsch war und auf eine „Kollaboration mit
den Nationalsozialisten“ hinauslief (S.107).
In einem vierten Schritt führt Pytell diese Thesen zusammen und kommt so zu der Aussage, dass Frankl im Auftrag
oder zumindest unter der wohlwollenden Duldung der Nationalsozialisten an Juden experimentelle medizinische
Forschungen durchführte (S.109).
Weil die ersten beiden Thesen nicht so sehr eine Kritik an Frankl im speziellen, sondern am Selbstverständnis der
Wiener Medizin im allgemeinen sind, will ich im folgenden zunächst auf die dritte und vierte These eingehen, zumal
Pytell sein Argument ja auch vor allem auf diesen aufbaut. Pytell vertritt in diesem Zusammenhang daher ganz
offendie Ansicht, dass es falsch gewesen sei, jüdische Selbstmordpatienten zu retten.

Wieso das? Frankl war doch Arzt und als solcher verpflichtet, Patienten die ärztliche Hilfe zukommen zu lassen?

Das fragte ich Pytell bei unserem Gespräch auch, aber er antwortete mir dasselbe, was auch in seinem Buch zu die-
sem Thema steht: nämlich, dass er vor dem Hintergrund seines „starken amerikanischen Individualismus“ (S.165) der
Meinung sei, dass man die Selbsttötungsabsicht eines Menschen ohne Wenn und Aber „respektieren“ müsse. Diese
Meinung Pytells ist natürlich an sich eine legitime philosophische Sichtweise, allerdings zugleich auch eine sehr an-
greifbare Position aus Sicht der zeitgenössischen Medizin und natürlich insbesondere der Psychiatrie.
Pytell behauptet aber darüber hinaus, dass der Selbstmord der Juden ein politischer „Widerstand im weiten Sinne“
gewesen sei (S.107). Dabei beruft er sich auf einen Artikel des Holocaustforschers Kwiet† – und das ist auch über
viele Seiten Pytells einzige Quelle für die Behauptung, dass der Selbstmord „unter diesen Bedingungen eine politische

* Frankl, V. E. (1942). Pervitin intrazisternal. Ars Medici (Schweiz), 32, 1, 58–60. (Wieder abgedruckt in: Frankl, Viktor E. [2005].
Frühe Schriften 1923 – 1942. Herausgegeben und kommentiert von Gabriele Vesely-Frankl. Wien: Maudrich).
† Kwiet, K. (1984). Suicide in the Jewish Community. Leo Baeck Year Book 38
29
Dimension“ annahm oder zumindest annehmen konnte. Pytell beruft sich wie gesagt auf Kwiet, lässt aber wohlweis-
lich die Tatsache unerwähnt, dass Kwiet mit dieser Theorie innerhalb der Holocaustforschung eine durchaus umstrit-
tene Sonderposition vertritt. Aber es ist ihm Kwiets überaus kontroverse Hypothese natürlich als Quelle für die Be-
hauptung willkommen, dass Frankl, da er als Arzt die in die Notaufnahme aufgenommenen Patienten zu retten ver-
suchte, „den jüdischen Widerstand“ in Form des Selbstmords brach (S.106f.). Nur wenige Seiten später – mittlerweile
kennen wir diese Methode bereits – „grenzten diese Handlungen an Kollaboration“ (S.109). Und wieder etwas später
wird daraus folgende „Feststellung“:

Frankl war also bereit, mit dem Nazi-Regime zusammenzuarbeiten [... denn] er brach den Widerstand (in
Form von Selbstmord) gegen die Nationalsozialisten (S.109).

Pytell ignoriert dabei, dass die Tatsache, dass überhaupt Patienten nach Selbstmordversuchen in die Notaufnahme
aufgenommen wurden und einige von ihnen als todgeweiht aufgegeben wurden, darauf hinweist, dass das
Rothschildspital generell Selbstmordpatienten behandelte. Will Pytell also andeuten, dass die Ärzteschaft des
Rothschildspitals – also das Krankenhaus der Israelitischen Kultusgemeinde – den jüdischen Widerstand gebrochen
hat und damit „das System der Herrschaft noch effektiver zu machen“ (ebda.) versuchte? Pytell geht auf diese Frage
nicht ein, er erwähnt aber lobend das Gegenbeispiel der Berliner Ärzte, die darüber debattierten, ob sie jüdischen
Patienten große Schlafmitteldosen zur Verfügung stellen sollten, um ihnen den Selbstmord zu erleichtern.
Obwohl ich denke, dass Pytell diese Diskussion ausgesprochen oberflächlich führt, will ich an dieser Stelle auf einen
aus ärztlicher und medizinethischer Sicht entscheidenden Unterschied hinweisen: Die Berliner Ärzteschaft diskutierte
(mehr übrigens auch nicht) darüber, ob es richtig sei, Patienten, die in der gegebenen politischen Situation keine an-
dere Lösung als den Selbstmord sahen (von Widerstand ist hier zunächst keine Rede), Schlafmittel auszuhändigen.
Die Situation im Rothschildspital war aber eine grundlegend andere: Die Belegschaft der Notaufnahme war neben
den zahlreichen Opfern gewaltsamer Übergriffe auch mit bewusstlosen, d.h. unansprechbaren Patienten konfrontiert,
die es nach Maßgabe einer jeden humanistischen Medizinethik natürlich zu retten galt, zumal ja gar nicht sicher aus-
gemacht war, weshalb die Patienten überhaupt Vergiftungserscheinungen aufwiesen.
Es wäre nun höchst vermessen, wenn Pytell als Nichtmediziner behauptete, er kenne den Prozentsatz der politisch
motivierten Selbstmordversuche, die seinerzeit in die Notaufnahme des Spitals aufgenommen wurden. Und es ist
noch vermessener, wenn er implizit die in seinen Augen „politisch und moralisch richtige“ Alternative einfordert,
Frankl und der weitere Klinikstab hätten sozusagen auf Verdacht hin diese Patienten sterben lassen sollen, weil ja
möglicherweise ein unbestimmter Prozentsatz seinen Selbstmordversuch als politischen Widerstand definierte – voraus-
gesetzt, dass es solche Fälle überhaupt gab und vorausgesetzt auch, dass solche Fälle ins Spital eingeliefert wurden.
Denn es waren diese unansprechbaren Patienten natürlich auch nicht in der Lage, Auskunft über das Motiv ihres
Selbstmordes zu geben. Ganz allgemein gilt aber: Wenn wir Pytells Forderung wirklich ernst nehmen (und auf die
Gegenwart übertragen), einige Selbstmordmotive auf bloßes Gefühl hin anders zu werten und die Patienten entspre-
chend anders zu behandeln, wo soll man dann die Grenze ziehen? Ist ein Selbstmordversuch aus politischen Grün-
den zu respektieren, dann stellt sich sogleich die Frage, wie sich Ärzte verhalten sollen, die diesen politischen Grün-
den nicht zustimmen? Im Fall des Nationalsozialismus ist das ja noch verhältnismäßig leicht zu beurteilen, aber wie
verhält es sich in weniger eindeutigen Fällen? Diese Position scheint mir zu einer gefährlich willkürlichen und ideolo-
giegebundenen Hilfsethik hinzuführen, die wir im 21. Jahrhundert gerade durch die politischen Entgleisungen der
letzten 90 Jahre zu überwinden gehofft haben.
Nun trägt Pytell ja mit seiner Position politische Debatten in ein Tätigkeitsfeld, dessen Aufgabe es eigentlich sein
sollte, Patienten unabhängig von Alter, Geschlecht, Hautfarbe und politischem oder religiösem Bekenntnis zu behan-
deln. Und es bleibt die Frage: Wenn die Selbstmordabsicht aufgrund ihres Motivs bewertet wird, warum sollen dann
nur politische Motive zählen? Warum nicht Liebeskummer oder finanzielle Probleme? Die Frage wird natürlich er-
heblich brisanter, wenn es um die Selbstmordabsichten psychisch Kranker geht: Pytell lässt uns nämlich auch im
Unklaren darüber, ob er der Meinung ist, dass Frankl, bzw. der gesamte Klinikstab des Rothschildspitals auch andere,
d.h. Nicht-Selbstmordpatienten mit Vergiftungserscheinungen, oder auch psychisch kranke Selbstmörder nicht be-
handeln und einfach sterben hätte lassen sollen.
Darüber hinaus muss man sich insbesondere bei der von Pytell konstruierten Kollaboration Frankls mit den Nazis
vor Augen halten, dass die (aktive oder bloß geduldete, passive) Tötung von „lebensunwertem Leben“ – und dazu
zählten im Nationalsozialismus eben auch psychisch Kranke, also die Patientengruppe mit der weitaus höchsten
Selbstmordrate – natürlich viel eher mit den Zielen der Nationalsozialisten in Einklang stand als die Rettung lebens-
gefährdeter jüdischer Patienten. Und weiter muss man auch in Betracht ziehen, dass sich Pytell mit seiner Auffassung
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in direktem Widerspruch zur allgemeinen und geltenden Rechtsprechung der Mehrheit der modernen demokrati-
schen Staaten befindet – denn es ist auch gesetzlich geregelt, dass unterlassene oder gar weltanschaulich-selektive
Hilfeleistung nicht nur moralisch falsch, sondern auch gesetzlich strafbar ist; das gilt natürlich noch in verschärfter
Form für Mitglieder der helfenden Berufe.
Demgegenüber wissen wir verbürgt, dass der Klinikstab offenbar mehrheitlich hinter Frankls Rettungsversuchen
stand, wenn sich auch seine Assistentin, Dr. Rappaport, angesichts der Aussichtslosigkeit der Patienten dagegen aus-
sprach.* Und es ist zum Beispiel bekannt, dass der Primarius der Chirurgie, Dr. Reich, sich die Durchführung von
Frankls Operationstechnik entweder selbst nicht zutraute, oder aufgrund der Überbelegung des Spitals schlicht keine
Zeit hatte, sich um diese Patienten zu kümmern.† Ich vermute eher ersteres, da allgemein bekannt war, dass Reich
sich überhaupt weigerte, neurochirurgische Eingriffe vorzunehmen, während Frankl als Primarius für Neurologie
natürlich dazu befähigt war.

Pytell hält Frankl in diesem Zusammenhang allerdings auch vor, dass dieser gar nicht in der Lage gewesen sei, diese Eingriffe durchzu-
führen, da Frankl keine Zusatzausbildung in Neurochirurgie hatte.

Dazu ist zum einen zu sagen, dass die Tatsachen eine andere Sprache sprechen, insofern Frankl den Eingriff nicht
nur selbst entwickelt hat, sondern auch offenkundig recht erfolgreich einsetzte, da es ihm gelang, die Patienten wieder
zu Bewusstsein zu bringen. Er war also nicht nur in der Lage, sondern hatte auch den gewünschten therapeutischen
Erfolg damit.
Und wenn Pytell schreibt, dass Frankl „keine Zusatzausbildung in Neurochirurgie“ hatte, dann ist das schon deswe-
gen nicht verwunderlich, weil neurochirurgische Facharztausbildungen überhaupt erst Jahrzehnte später eingeführt
wurden (wie auch die Ausgliederung der Disziplin der Neurochirurgie aus der Neurologie im allgemeinen). Frankl
konnte eine solche explizite Fachqualifikation also nicht erwerben, weil es sie noch nicht gab. Zudem wissen wir, dass
Primarius Reich Frankl auch außerhalb seiner regulären Bereitschaftszeit ins Spital berief, damit er Patienten mit
Schlafmittelvergiftungen behandelte,‡ Frankls Behandlungsversuche also unterstützte und förderte. Wäre Frankl vom
Fach her nicht dazu geeignet gewesen, hätte das Spital wohl kaum seine Dienste dafür in Anspruch genommen, bzw.
offenbar auch gefordert.
Wir können demnach grundsätzlich drei Dinge festhalten: zumindest unter den uns bekannten Primarärzten und
vermutlich auch der Klinikleitung des IKG-Krankenhauses wurde Frankls Eingriff als letzte lebensrettende Akut-
maßnahme zur Behandlung von Schlafmittelvergiftungspatienten gefördert, wenn nicht überhaupt gefordert. Zwei-
tens hatte Frankl offenbar zurecht erkannt, dass die Notaufnahme einige Patienten bisweilen vorschnell ihrem
Schicksal überließ, drittens hatte er eine therapeutisch erfolgreiche Behandlungstechnik entwickelt, um eben diese
Patienten zu behandeln.
Hier tut sich nun eine entscheidende Weggabelung auf: der Nichtmediziner Pytell betrachtet die Tatsache, dass
Frankl auch noch am Rothschildspital, als die medizinische Fürsorge für den einzelnen Patienten aufgrund der schie-
ren Notlage weniger Beachtung finden konnte, dem hippokratischen Eid gerecht wurde, als moralisch falsch. Pytell
beklagt mit keinem Wort, dass das Spital unter den gegebenen Umständen kein voll funktionsfähiges Krankenhaus
sein konnte, inkriminiert aber stattdessen Frankls Versuch, zumindest auf seiner Abteilung wirklich „alles, was thera-
peutisch möglich ist, auch zu tun“.
Ich halte das nun für eine vollkommene Umkehrung einer jeglichen humanen Medizinethik. Mir scheint zugleich, als
ob sich Pytell dessen gar nicht bewusst ist, dass er hier eine ethisch ausgesprochen leichtsinnige und angreifbare Posi-
tion vertritt. Und ich denke, wenn er dieses offener darlegen und nicht hinter der abwegigen Anklage verstecken
würde, dass Frankl und der Klinikstab der Notaufnahme im Rotschildspital durch ihre ärztliche Tätigkeit den „jüdi-
schen Widerstand“ brachen, bzw. mit den Nazis kollaborierten, wäre auch die Mehrzahl der Rezensenten spätestens
an dieser Stelle ausgestiegen.
Pytell behauptet übrigens auch – ohne Quellenangabe natürlich –, dass Frankl seine Tätigkeit als Primararzt am
Rothschildspital „als heroischen Widerstand gegenüber den Nazis darstellte“ (S.108) und dass diese Schilderung „jeg-
licher Grundlage entbehrte“ (ebda.). Das ist aber eine ebenso unsinnige wie falsche Unterstellung: Frankl hat seine
ärztliche Tätigkeit nie politisch gedeutet – die Politisierung des Selbstmordes ist wie gesagt eine historische Position,
die Pytell von Kwiet übernommen hat. Frankl hat sie nie geteilt. Frankl verstand es vielmehr als seine selbstverständ-
liche ärztliche Pflicht, Patienten nicht einfach frühzeitig aufzugeben, bzw. zu früh aufgegebene Patienten zu retten.

* Frankl, V.E. (1995). Was nicht in meinen Büchern steht. Lebenserinnerungen. Weinheim: Beltz, S. 58
† Ebda., S. 57
‡ Ebda., S. 65
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Das galt und gilt für Frankl, und auch für die meisten Ärzte innerhalb der zivilisierten Welt, am Rothschildspital
ebenso wie in der Zeit vor und nach dem Krieg. Pytell vertritt andererseits die Meinung, dass die Ärzteschaft des
Rothschildspitals ihre Patienten selektiv behandeln und Selbstmordpatienten – zumindest manche – ihrem Schicksal
überlassen hätte sollen. Mit „Heroismus“ hat diese Entscheidungsfrage aber ihrem Wesen nach gar nichts zu tun – es
geht hier vielmehr primär um die Frage der ärztlichen Berufung und damit um den verbindlichen Auftrag, zu heilen
und zu helfen.
Pytell schließt dieses Buchkapitel dann mit den folgenden Worten:

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass – wenn er die führenden Nazi-Psychotherapeuten 1937 und 1938 zi-
tierte und später Forschungsarbeiten an einem unter Nazi-Verwaltung stehenden Krankenhaus unternahm –
Frankl sich sehr bemühte, Zugeständnisse gegenüber dem Regime zu machen. Doch dies war nicht aus-
schlaggebend, denn gerade als sein Artikel über die Experimente im September 1942 erschien, wurde er nach
Theresienstadt deportiert. Der Versuch [den Nationalsozialisten entgegenzukommen] war kläglich gescheitert
und ‚der Mandarin’ konnte nur verzweifelt weiter dahinstolpern (S.110).

Abgesehen von dem nicht besonders mühevoll zurückgehaltenen Hohn über Frankls Deportation – betrachten wir
diese „Zusammenfassung“ noch einmal rückblickend im Detail:

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass – wenn er die führenden Nazi-Psychotherapeuten 1937 und 1938 zi-
tierte ...

Darauf bin ich weiter oben schon eingegangen – Pytell lässt hier die entscheidende Tatsache unerwähnt, dass Frankl
Gauger, Haeberlin und Göring in Hildebrands anti-nationalsozialistischem Journal zitierte, um diese „führenden Na-
zi-Psychotherapeuten“ scharf zu kritisieren.

... und später Forschungen an einem unter Nazi-Verwaltung stehenden Krankenhaus ...

Das ist schlicht und einfach falsch. Der Abschlussbericht der Historikerkommission belegt das Rothschildspital als
das letzte in Wien unter Führung der Israelitischen Kultusgemeinde stehende Spital. Außerdem wurden dort regel-
mäßige Razzien durch die SS durchgeführt. Vielleicht versteht Pytell das als Nazi-Verwaltung.

... [dass] Frankl sich sehr bemühte, Zugeständnisse gegenüber der Regierung zu machen. Doch dies war nicht
ausschlaggebend, denn gerade als sein Artikel über die Experimente im September 1942 erschien, wurde er
nach Theresienstadt deportiert.

Das haben wir eben besprochen – aber rein sprachlich greift Pytell hier zu einem ausgesprochen unfairen Trick:
Pytells Verständnis zufolge war die Wiener Medizin insgesamt „höchst fragwürdig“, „aggressiv“ und „experimentell“.
Frankl war in Wien und Mediziner, folglich war auch sein ärztliches Handeln „experimentell“; weiters folgt Pytell der
umstrittenen Sichtweise Kwiets, wonach der Selbstmord innerhalb der jüdischen Bevölkerung als „Widerstand im
weiteren Sinne“ zu verstehen sei. Also brach laut Pytell die Belegschaft des Rothschildspitals den jüdischen Wider-
stand, weil sie die in die Notaufnahme eingelieferten Selbstmordpatienten behandelte, statt sie einfach sterben zu
lassen. Und weil dieser Widerstand sich gegen die Nazis richtete, bezeichnet Pytell das Bemühen um lebensgefährdete
Patienten als Kollaboration mit den Nazis. Hier handelt es sich nicht um ein logisch aufgebautes Argument, sondern
um eine Verkettung sprachlicher Verzerrungen und historisch wie politisch und medizinethisch kaum haltbarer An-
nahmen Pytells. Ich will mir übrigens nicht ausmalen, wie Pytell „argumentieren“ würde, wenn Frankl seine Patienten
nicht behandelt hätte.

Pytell bezieht sich in seiner Diskussion dieser Lebensrettungsversuche auf ein Interview mit Tom Corrigan im Jahr 1981. Offenbar hat
Frankl damals zum ersten Mal davon berichtet?

Ich habe mir das Interview mit Corrigan angehört – vielleicht zunächst einige Worte zum Hintergrund dieses Inter-
views: Corrigan wollte einen Film über Frankl drehen und interviewte Frankl zu diesem Zweck ausführlich und be-
sprach mit ihm das Drehbuch. Das Gespräch fand 1981 statt und wurde auf Tonband aufgezeichnet. Pytell schreibt
dazu folgendes:
32

Hatte Frankl etwas zu verbergen? Es sah ganz so aus – denn als er mit Corrigan über die Experimente zu
sprechen begann, meinte er einleitend, diese Einzelheiten aus seinem Leben seien „fast niemandem bekannt“.
Er sagte Corrigan auch, diese Details seien nur für ihn und Joseph Fabry bestimmt und dürften „nicht ohne
ausdrückliche Genehmigung verwendet werden“. Er fügte hinzu, dass „diese Details zwar nicht von Nutzen
sein können ... aber vielleicht interessant sind“ (S.164).

Das klingt nun wirklich recht mysteriös und konspirativ, obwohl es von vorneherein eigentlich wenig Sinn machen
würde, ausgerechnet in einem auf Tonband aufgenommenen Gespräch mit einem Filmemacher biographische Details
zu besprechen, die man aus welchen Gründen auch immer geheimhalten möchte. Jedenfalls habe ich mir das (mehr-
stündige) Interview angehört und war nicht besonders überrascht, dass Pytell auch diese Quelle entstellt wiedergibt.

Wovon ist denn in dem Gespräch mit Corrigan die Rede? Verpflichtet Frankl Corrigan wirklich zum Schweigen?

Nicht zum Schweigen, aber er bittet um Zurückhaltung – Frankl sagt an mehreren Stellen wirklich, dass viele Details
des Interviews für den Film nicht von Nutzen sein können. Und weiters sagt Frankl auch an mehreren Stellen, dass
dieses Interview nicht ohne seine ausdrückliche Genehmigung verwendet werden solle. Bei Pytell liest sich das aller-
dings so, als habe Frankl das ausdrücklich auf seine Lebensrettungsbemühungen am Steinhof bezogen. Aber das
stimmt nicht – Frankl beschreibt vielmehr unmittelbar nach der Bitte, vor weiteren Verwendungen des Interviews mit
ihm Rücksprache zu halten, wie er nach 1938 trotz seines Ausschlusses aus dem Österreichischen Alpenverein aus
„rassischen Gründen“ seinen gelben Stern von der Kleidung abnahm und mit seinem Jugendfreund Hubert Gsur
noch ein einziges Mal vor der Deportation klettern ging. Aus Freude, noch einmal einen Berg zu besteigen, küsste
Frankl den Felsen buchstäblich. Wenn wir Pytells Argumentation folgen wollen, war es das, was Frankl „offensicht-
lich verbergen wollte“.
Wenn Frankl in diesem Zusammenhang um Zurückhaltung bat, dann deswegen, weil er auch sonst im Verlauf des
Gespräches mehrfach versuchte, das Drehbuch zum Film nicht zu sentimental ausfallen zu lassen, sondern eher in-
haltlich und ideengeschichtlich auf die Entwicklung und Verbreitung der Logotherapie hinzuweisen. So bat Frankl
auch um Zurückhaltung, als er in demselben Interview beschrieb, wie er seine erste Frau Tilly kennen- und lieben
lernte. Erst später erzählte er dann von der Zeit am Rothschildspital und wie er seinerzeit versuchte, Selbstmordpa-
tienten zu retten. Von Geheimhaltung ist hier keine Spur; wie gesagt diente das Interview dazu, Material für einen
biographischen Film über Frankl zu sammeln, mit Frankl selbst als Quelle.

Bleibt noch die allgemeinere Frage, ob Frankl andernorts einen Grund sah, seine Lebensrettungsversuche am Rothschildspital geheimzu-
halten oder zu verbergen und sie, wie Pytell behauptet, generell lieber unerwähnt ließ. Stimmt das?

Sicherlich nicht. Verbergen schaut anders aus, vor allem, wenn man bedenkt, dass Frankl nachweisbar schon ab 1947
(und nicht erst, wie Pytell behauptet, ab 1981) über die Lebensrettungsversuche öffentlich referiert hat – meines Wis-
sens zum ersten Mal nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager vor der Österreichischen Neurologischen
Gesellschaft in Wien* – 1947 (und davor 1946 in einem Brief an den im Londoner Exil lebenden Oswald Schwarz)†.
Hätte Frankl nur irgendeinen Grund gehabt, seine Lebensrettungsversuche geheimzuhalten, hätte er sie bestimmt
nicht unmittelbar nach dem Krieg vor einer versierten Kollegenschaft in der Österreichischen Neurologischen Ge-
sellschaft vorgetragen, in seinen zahlreichen weiteren biographischen Vorträgen erwähnt und dann nochmals in ei-
nem auf Tonband aufgezeichneten Interview mit einem Filmemacher (Corrigan) und später in seiner Autobiographie
zur Sprache gebracht. Was mich an dieser Anschuldigung auch verwundert, ist, dass Pytell selbst einen öffentlichen
Vortrag Frankls in San Diego aus dem Jahr 1972 zitiert, in dem er von seinen Lebensrettungsversuchen berichtet
(S.106). Insofern verstehe ich selbst in der Binnenlogik Pytells nicht, wieso dieser andeutet, Frankl habe von Corrigan
Geheimhaltung gefordert, wo doch nun wirklich nichts mehr geheimzuhalten gewesen wäre, weil Frankls Wirken am
Rothschildspital durchwegs seit 1945 und davor bekannt und öffentlich zugänglich gewesen ist.

*Tagungs- und Vortragsprogramm 1947. Wien: Österreichische Gesellschaft für Neurologie.


†Brief an Oswald Schwarz, 2. Februar 1946. In: Frankl, V.E. (2005). ...trotzdem Ja zum Leben sagen. Und ausgewählte Briefe 1945-1949.
Edition der Gesammelten Werke. Wien: Böhlau, S. 125
33
Zum Abschluss dieses Kapitels: Wie würden Sie die Lebensrettungsversuche Frankls eigentlich aus heutiger medizinethischer Sicht beur-
teilen?

Ich möchte mit einer Gegenfrage antworten: Damals wie heute – was soll man sich von einem Arzt anderes erwarten,
als dass er heilt, hilft und Leben rettet, soweit es in seiner Macht steht, und wann und wie es nur geht?
Und interessanterweise – und ich erwähne das, um Frankls Lebensrettungsversuche am Rothschildspital in einen
größeren und etwas unaufgeregteren medizinethischen Zusammenhang zu stellen – hat das Journal New Scientist un-
längst einen Artikel veröffentlicht, der von einem vergleichbaren Eingriff (direkte Injektion von Arzneimittel in die
betroffenen Hirnareale) bei einem 18-jährigen Creutzfeld-Jakob-Patienten berichtet* – auch hier handelte es sich um
eine Notmaßnahme und um einen aufgrund der geringen Erfahrungen verhältnismäßig experimentellen Eingriff, der
allerdings von den Kommissionen und dem Höchstgericht in Großbritannien dennoch genehmigt wurde, da keine
andere Hoffnung für den Patienten bestand.†
Nicht nur war der Eingriff erfolgreich; der Patient war aufgrund der direkten Arzneimittelgaben ins Gehirn binnen
weniger Eingriffe außer Lebensgefahr – was Pytell ja als Nichtmediziner aufgrund seiner Quelle aus dem Jahr 1918
generell als Möglichkeit in Abrede gestellt hat. Um auch die ethischen Fragen, die hier und im Rahmen der Lebens-
rettungsversuche Frankls aufkommen, etwas in Perspektive zu rücken, will ich den Vater des Jungen, der diesem
„Experiment“ ausgesetzt wird, zu Wort kommen lassen:

Yes, this is an experimental treatment, but we are not experimenting for experiment’s sake. We don’t know if
it will work. But if he dies, I will know I did everything I could. My wife and I will know in our hearts that we
tried everything and that his death will not have been in vain.‡

(Übs.: Ja, das ist eine experimentelle Behandlung, aber wir experimentieren nicht um des Experimentierens
willen. Wir wissen nicht, ob es funktionieren wird. Aber sollte er sterben, werde ich wissen, dass ich alles ge-
tan habe, was ich tun konnte. Meine Frau und ich werden in unserem Herzen wissen, dass wir alles versucht
haben, und dass sein Tod nicht umsonst gewesen ist).

Es ist bemerkenswert, wie sehr sich diese Aussagen mit Frankls Schlusswort seines 1942 publizierten Artikels zu sei-
nen Lebensrettungsversuchen decken:

Im übrigen mag es erwähnenswert sein, dass wir bei der Behandlung von Suizidanten uns auf den Stand-
punkt stellen, dass alles, was therapeutisch möglich ist, auch getan werden soll. Denn wir teilen nicht die
Meinung, dem „Schicksal“ seinen Lauf zu lassen und ihm nicht „in die Hände zu fallen“. Vielmehr sind wir
der Ansicht, dass wir zu retten haben, wenn wir können (zit. nach Pytell S.105).§

Möglicherweise tut sich hier auch erneut die Weggabelung der Betrachtungs- und Zugangsweisen auf: Pytell sieht
nicht den einzelnen Patienten in seiner Beziehung zum Arzt als Helfer, sondern das Kollektiv jüdischer Patienten und
jüdischer Ärzte unter ausschließlich historischen und politischen Gesichtspunkten. Diese Patienten waren aber in
erster Linie Menschen, keine politischen Projektionsflächen – ebenso wie der junge CJD-Patient nicht nur eine ano-
nyme Größe der Medizinethik ist, sondern als eine konkrete Person sein Umfeld vor die Herausforderung stellt, zu
helfen, wo und wie es zu helfen geht.
Vielleicht erklärt diese unterschiedliche Zugangsweise auch, warum Pytell Frankl im selben Zusammenhang vorwirft,
dass er seine Mitopfer „nicht unterstützte“ (S.109). Unterstützung heißt in diesem Zusammenhang tatsächlich: ein-
fach sterben lassen oder nach der seinerzeitigen Anregung einiger Berliner Ärzte folgend den Patienten Überdosen
von Schlafmitteln auszuhändigen. Ich will Pytell seine Meinung unbenommen lassen, aber ich denke, dass wir uns
noch einmal vor Augen halten sollten, dass er damit eine in meinen Augen zurecht umstrittene Sonderposition so-
wohl in der politischen Deutung als auch Medizinethik des Selbstmordes, bzw. der lebensbedrohlichen Erkrankung
im allgemeinen vertritt.

* http://www.newscientist.com/article.ns?id=dn3254
† „In December, a High Court judge concluded that any risk from the drug's use was acceptable as without the treatment
Jonathan, and another 15-year-old girl, were certain to die.“ Ebda.
‡ http://www.newscientist.com/article.ns?id=dn3254
§ Frankl, V. E. (1942). Pervitin intrazisternal. Ars Medici (Schweiz), 32, 1, 58–60. (Wieder abgedruckt in: Frankl, Viktor E. [2005].

Frühe Schriften 1923 – 1942. Herausgegeben und kommentiert von Gabriele Vesely-Frankl. Wien: Maudrich).
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Dies ist nicht der Ort, das zu vertiefen. Pytell präsentiert auch keine Argumente, die seine Position erhärten würden,
sondern begnügt sich damit, mit Unterstellungen und persönlichen Angriffen zu „argumentieren“. Das ist nicht im-
mer sehr geglückt und oft auch schlicht pietätlos. So auch, wenn Pytell abschließend anmerkt, dass Frankl, seine El-
tern und seine erste Frau Tilly „groteskerweise“ trotz der von Pytell immer noch behaupteten Kollaboration mit den
Nazis ins KZ deportiert wurden und sich doch wahrscheinlich „glücklich schätzten“ (S.113), „nur“ nach
Theresienstadt und nicht gleich nach Auschwitz geschickt worden zu sein (S.113). Obwohl man Pytell vielleicht zugu-
te halten kann, dass er immerhin auf der gleichen Seite einräumt, dass das von ihm so bezeichnete „privilegierte
Ghetto nicht viel anders als ein Konzentrationslager war“ (ebda.) – wenn Pytell die Deportation Frankls und seiner
alten Eltern und seiner ersten Frau als „grotesk“ beschreibt, ist das jedenfalls eine der weniger naheliegenden Be-
zeichnungen, die einem unter normaleren Umständen zum Thema Deportation ins Konzentrationslager einfallen.

5. 1942 – 1945: Theresienstadt – Auschwitz – Kaufering – Türkheim

Pytell deutet in der Einleitung seines Kapitels über Frankls Zeit im Konzentrationslager an, dass Frankl ein Faible für Grenzerfahrun-
gen hatte. Das klingt, wenn man bedenkt, dass Frankl drei Jahre in Konzentrationslagern verbrachte und dort seine gesamte Familie
verlor, ziemlich zynisch.

Nicht nur zynisch, sondern auch abwegig. Ich halte das zwar trotz allem für einen kleineren Punkt, aber es bietet eine
weitere Gelegenheit, Pytells mangelnde Ernsthaftigkeit und Seriosität selbst angesichts des Konzentrationslagers auf-
zuzeigen.
Pytell argumentiert hier wie folgt: Frankl war leidenschaftlicher Bergsteiger und das Bergsteigen führt einen manch-
mal an die Grenzen der eigenen Kräfte. Frankl sagte ja bei Gelegenheit, dass das Bergsteigen sich von vielen anderen
Sportarten dadurch unterscheide, dass man in erster Linie mit sich selbst und nicht mit anderen im Wettbewerb stün-
de. Zum Stichwort „Grenzerfahrung“ fällt Pytell dann noch ein, dass Frankl gemeinsam mit Pötzl 1952 eine Arbeit
über die seelischen und psychophysiologischen Reaktionen bei Bergunfällen, bzw. bei Absturzerlebnissen veröffent-
lichte.* Pytell hat diesen Artikel scheinbar nie gelesen, denn er behauptet, dass Frankl und Pötzl mit „kontrollierten
Abstürzen“ (S.112) experimentierten. Pytell stellt sich das offenbar so vor, dass die beiden sich selbst und vielleicht
auch andere Versuchspersonen einen Berg „kontrolliert“ hinunterstießen und ihre Reaktionen protokollierten, um
„die Ästhetik der Angst“ (S.112), vor allem der „Todesangst“ (ebda.) zu untersuchen. In einem weiteren Schritt zitiert
Pytell Frankls Aussage, wonach der „Wunsch des Menschen dahin geht, die Grenzen seines Potentials zu erforschen,
seine äußersten Möglichkeiten“ (Frankl, zit. n. Pytell S.112).
Und schon hat er alle Zutaten zusammengefügt, um sich zur Aussage zu versteigen, dass Frankl durch seine Deporta-
tion nun endlich die lang herbeigesehnte Gelegenheit hatte, seine „Haltung der Angstfreiheit“ und Interesse für die
„Ästhetik der Angst – [insbesondere] der Todesangst“ „auch in die nächste Phase seines Lebens [einzubringen] – die
der Konzentrationslager“ (ebda.). Das ist für sich genommen irgendwie albern und wird im Gesamtzusammenhang
taktlos, wenn wir uns daran erinnern, dass Pytell weiter oben behauptete, dass Frankl gar nicht wegen seiner Eltern in
Wien blieb, sondern weil er im Konzentrationslager „paradoxe Intention und Einstellungsanpassung betreiben“ woll-
te. Stellt sich allerdings nebenbei die Frage, warum Frankl unter diesen Umständen überhaupt ein Amerikavisum
beantragen hätte sollen.
Jedenfalls: Die tatsächlichen Begebenheiten lässt Pytell unerwähnt: Kein Wort etwa von der Verzweiflung, die Frankl
über die Deportation seiner Eltern und seiner erste Frau Tilly äußerte. Kein Wort auch über die vielen scheinbar
kleinen Nebensächlichkeiten, die sich schon im Vorfeld der Konzentrationslagererfahrung zu den alltäglichen Gräuel
des Nationalsozialismus verdichteten, bevor Frankl im September 1942, wie Pytell schreibt, schlussendlich dann die
Gelegenheit bekam, die „Ästhetik der Todesangst“ und seine „Suche nach Grenzerfahrungen“ während seiner drei-
jährigen Internierung in vier Lagern „einzubringen“ (S.112).

In Theresienstadt wurde Frankl, wie viele weitere Ärzte, der Abteilung für Krankenbetreuung zugeordnet. Hier begegnete er auch dem
Berliner Rabbiner und Vordenker des liberalen Judentums Leo Baeck. Baeck, der in Theresienstadt durch im Geheimen abgehaltene
Vorträge und Predigten die Lagerinsassen zu ermutigen versuchte, bat auch Frankl, Vorträge zu halten. Mit Hilfe von Erich Munk,
dem medizinischen Leiter der Krankenbetreuung und dessen Assistenten Karel Fleischmann richtete Frankl zudem eine mobile psycholo-
gische Beratungsstelle in Theresienstadt ein. Die sogenannte „Stoßtruppe“ setzte sich aus Ärzten und freiwilligen Helfern zusammen, die

*Frankl, V.E. & Pötzl, O. (1952). Über die seelischen Zustände während des Absturzes. Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie,
123 (1952), 362-280
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den seelisch in Not geratenen Theresienstädtern Trost spendeten. Die Stosstruppe kümmerte sich vor allem um die Schwachen und Hilflo-
sen in Theresienstadt: die Älteren, Kranken, psychisch Leidenden. Eine weitere wichtige Aufgabe sah die Gruppe freiwilliger Helfer darin,
den Aufnahmeschock der Neuankömmlinge in Theresienstadt zu lindern. Wann immer Frankl auf selbstmordgefährdete Bewohner des
Theresienstädter Ghettos hingewiesen wurde, suchte er diese auf, um ihnen eine Gelegenheit zur Aussprache zu bieten.
Pytell kritisiert auch das, bzw. konstruiert er auch hieraus eine „Kollaboration“. Können Sie dazu kurz Stellung nehmen?

Zunächst ist zu sagen, dass Berkeley in seinem Standardwerk über Theresienstadt anerkennend von diesen Bemü-
hungen um die Insassen des Ghettos berichtet. Berkeley schreibt auch, dass die Zahl der Selbstmorde in
Theresienstadt durch diese Initiativen stark abnahm.* Pytell kommentiert das folgendermaßen:

Dennoch waren Frankls humanitäre Bemühungen von größter Wichtigkeit für das ordnungsgemäße Funk-
tionieren des Lagers (S.114f.).

Nun muss man wissen, dass der Kontrollwahn der Nationalsozialisten tatsächlich mit jedem Selbstmord in den Kon-
zentrationslagern vor eine schwere Probe gestellt worden sein dürfte. Die SS „ahndete“ Selbstmorde, indem sie nach
dem Prinzip der Sippenhaftung Verwandte und Mitgefangene der Selbstmörder bestrafte. Darauf stützt Pytell auch
seine Behauptung, dass „Frankl wieder eine Nische gefunden habe“ und die gemeinsame Beratungsarbeit von Leo
Baeck, Karel Fleischmann, Regina Jonas – übrigens die erste Rabbinerin Europas – und eben auch von Frankl „von
größter Wichtigkeit für das ordnungsgemäße Funktionieren des Lagers“ (S.114f.) gewesen sei.
Die Nazis befürchteten, dass eine hohe Selbstmordrate die nach außen hin propagierte „hohe Lebensqualität“ des
sogenannten „Musterghettos Theresienstadt“ in Frage stellen würde. Daher drohten sie denjenigen, die Selbstmord-
absichten hatten, an, dass sie ihre Familienmitglieder und Lagerkameraden drakonisch bestrafen würden. Man kann
wohl nur erahnen, wie verzweifelt die Selbstmörder Theresienstadts gewesen sein müssen, wenn sie trotz des Wis-
sens, dass sie mit ihrem Selbstmord ihre nächsten Verwandten in Gefahr brachten, an ihrer Absicht festhielten. Das
Leiden war also groß. Pytell führt dagegen zwei einfache Tatsachen zu einem schwerwiegenden Vorwurf zusammen.
Die erste Tatsache: dass die Gruppe um Frankl, Fleischmann und Jonas versuchte, die seelische Not dieser Menschen
zu lindern; die zweite Tatsache: die Lagerleitung von Theresienstadt fürchtete zu hohe Selbstmordziffern unter den
Internierten. Diese beiden Tatsachen reichen ihm bereits aus, um zu unterstellen, dass die „Nazis diese Initiative gut-
hießen“ (S.115) und damit dunkel anzudeuten, dass mit anderen Worten die Gruppe um Frankl, Fleischmann und
Jonas nicht als Seelsorger, sondern sozusagen als Ordnungskräfte, vielleicht sogar auch als Imagewerber und -pfleger
des Ghettos handelten.
Pytell erwähnt dabei wohlweislich nicht, dass die Gruppe um Frankl, Fleischmann und Jonas im Untergrund arbeitete
– wohl arbeiten musste. Er erweckt dadurch im Gesamtbild sehr geschickt den falschen Eindruck, Frankl habe diese
Initiative in Übereinkunft mit oder Unterstützung der Lagerleitung gesetzt. Und er vergisst auch, dass sich Frankl mit
dem Thema Selbstmord und Selbstmordverhütung bereits seit der Zeit der Jugendberatung, also den 1920er Jahren,
und dann inbesondere während seiner Tätigkeit am Steinhof und nicht zuletzt auch am Rothschildspital auseinander-
gesetzt hatte. Nun stellt sich die Frage: Was liegt für einen Psychiater, der sich bereits jahrzehntelang der Selbstmord-
verhütung gewidmet hat, näher, als auch unter den erbärmlichsten Umständen in Theresienstadt noch den Versuch
zu unternehmen, den in seelisch in Not geratenen Menschen dort zu helfen? Hätte Frankl etwa tatenlos und apa-
thisch zusehen sollen, wie sich Menschen das Leben nehmen – etwa gegen den elektrisch geladenen Zaun laufen, der
das Lager umspannte – und dabei noch ihre jeweiligen Angehörigen in Gefahr bringen? Zudem hatte es sich der
„Stoßtrupp“ ja vorgenommen, den Aufnahmeschock der Neuankömmlinge von Theresienstadt zu lindern – auch auf
Geheiß von Leo Baeck hin, der als engagierter Rabbiner (ebenso wie Regina Jonas als Rabbinerin und Frankl und
Fleichmann als Ärzte) zudem auch naheliegender Ansprechpartner und Vertrauensperson im Lager war. Sollte diesel-
be Gruppe dann auf einmal denen gegenüber die Ohren verschließen, die sich aus schierer Verzweiflung das Leben
nehmen wollten – nur, weil die Lagerleitung gegen den Selbstmord eintrat, weil sie um das Image vom vermeintlichen
„Musterlager“ Theresienstadt fürchtete?
Wie bereits zuvor (Rothschildspital) müssen wir uns die Alternative vor Augen halten: will Pytell wirklich die Alterna-
tive vorzuschlagen, dass die Gruppe in Theresienstadt nicht helfen hätte dürfen und notleidende Kameraden im Lager
nicht trösten hätte sollen? Schließlich behauptet er ja, dass die Gruppe, und natürlich insbesondere Frankl, durch ihr
seelsorgerliches Bemühen „in eine prekäre Lage zwischen den Nationalsozialisten und der Gemeinschaft der Gefan-
genen“ geriet (S.115). Naheliegenderweise hätte sich die Gruppe nicht in diese von Pytell behauptete „prekäre Lage“

* Berkeley, G. (1993). Hitler's Gift: The Story of Theresienstadt. Boston: Branden Books
36
gebracht, wenn sie nichts unternommen hätte; fragt sich allerdings, wie Pytell dieses beurteilt hätte. Ich vermute:
ebenfalls negativ.
Halten wir also fest, dass die beiden zentralen Vorwürfe Pytells gegenüber Frankl darauf hinauslaufen, dass Frankl
auch unter den zunehmend schwierigen Umständen der nationalsozialistischen Diktatur und auch noch im Lager
versuchte, im Rahmen seiner medizinischen Möglichkeiten, seiner ärztlichen Berufung und seiner humanistischen
Gesinnung seinen Mitmenschen zu helfen, während Pytell – vielleicht wiederum geprägt von seiner „philosophischen
Haltung“ des „amerikanischen Individualismus“ – vermutlich wenig bis gar nichts an Frankls Verhalten auszusetzen
gehabt hätte, wenn dieser nichts getan und sich lediglich um sich selbst gekümmert hätte. Ich überlasse es nun Ihnen
und den Lesern, für sich selbst zu entscheiden, welche Handlungsweise sie für die richtigere halten.
Ich will allerdings auch noch unter historischen Gesichtspunkten ergänzend anfügen, dass Frankls seelsorgerliche
Tätigkeit in Theresienstadt Folgen hatte, die sich weder mit Pytells „philosophischer Position“ noch mit seiner Deu-
tung der Seelsorgetätigkeit in Theresienstadt gut in Einklang bringen lassen. Erstens liegen im Archiv einige Briefe
von ehemaligen Theresienstädtern auf, die sich bei Frankl für die seinerzeitige Hilfe bedanken. Das sind teilweise
ausgesprochen bewegende Dokumente und Zeugnisse eben jener Form von Menschlichkeit, die Pytell zu inkriminie-
ren versucht.
Und zweitens teilte die Theresienstädter Lagerleitung Pytells Einschätzung, dass Frankls, Jonas’ und Fleischmanns
Arbeit von „größter Wichtigkeit für das ordnungsgemäße Funktionieren des Lagers“ (S.114) gewesen sei, allem An-
schein nach nicht: Denn alle drei wurden binnen eineinhalb Jahre nach Einführung des geheimen Beratungsdienstes
1944 nach Auschwitz deportiert. Fleischmann wurde am 23. Oktober, Regina Jonas am 2. Dezember 1944 in Au-
schwitz-Birkenau vergast. Pytell lässt dieses „Detail“ unerwähnt. Das wundert mich nicht, denn es lässt sich natürlich
schwer erklären, weshalb die Lagerleitung von Theresienstadt ausgerechnet die drei Personen, deren Arbeit sie als
„von größter Wichtigkeit für das ordnungsgemäße Funktionieren des Lagers guthießen“ in das Vernichtungslager
Auschwitz deportieren würden.
Vielleicht muss man es an dieser Stelle so offen sagen: Pytell entehrt die Opfer der Nationalsozialisten, wenn er auch
noch die wenigen Momente der Menschlichkeit, die unter diesen Umständen noch möglich waren, als „Kollaborati-
on“ umdeutet. Diese „Kollaboration“ führte Frankls engste Mitarbeiter immerhin in die Gaskammern von Ausch-
witz. Pytell sagt, dass sie als Kollaborateure starben. Und Frankl sagte später, die Besten hätten nicht überlebt. Wer
weiß es wohl besser?

6. 1946: ...trotzdem Ja zum Leben sagen

Frankl schreibt ja auch in seinem zweiten, nach der Rückkehr nach Wien verfassten Buch ...trotzdem Ja zum Leben sagen, dass die
Besten nicht überlebt hätten. Pytell kritisiert nun an diesem Buch, dass Frankl seine Leser bewusst irreführt. Können Sie das vielleicht
kommentieren?

Ja – Pytell behauptet, dass Frankl seine Leser und Zuhörer über seine Zeit in Auschwitz täuschte und verschwiegen
hat, wie lange er sich in welchem der vier Lager, in denen er zwischen 1942 und 1945 interniert war, aufhielt. Nun ist
allgemein bekannt, dass Frankl nach drei oder vier Tagen von Auschwitz nach Kaufering, ein Außen- und Filiallager
von Dachau verlegt wurde. Pytell meint aber, dass Frankl seine Leser über seine tatsächliche Aufenthaltsdauer in
Auschwitz irregeführt habe (S.130f.), mit anderen Worten: belogen habe. Pytell behauptet sogar, er selbst habe „ent-
hüllt, dass Frankl nur drei Tage in Auschwitz gewesen“ sei (S.167, Hervorhebung AB), was natürlich nahelegt, dass
Frankl alles daran setzte, seine Leser zu täuschen. Nun kenne ich als Herausgeber der Gesamtausgabe wahrscheinlich
die meisten biographischen Texte und Vorträge Frankls und kann diesen Vorwurf nicht nachvollziehen: Frankl hat
nie etwas anderes behauptet. Nun reicht es im Grunde zur Widerlegung dieses Vorwurfs aus, einfach die zahlreichen
Quellen zu zitieren, in denen Frankl sagt, er sei nur einige Tage in Auschwitz gewesen, und von denen gibt es mehr
als genug – ich kenne andererseits keinen biographischen (oder sonst einen) Vortrag Frankls, der etwas anderes nahe-
legen oder auch nur andeuten würde. So auch in seinen Vorlesungen in Amerika – da wurde Frankl öfters gebeten,
zum Semesterende einen biographischen Vortrag zu halten. Frankl griff ja, insbesondere, wenn er oft zum selben
Thema befragt wurde, gerne auf stehende Formulierungen zurück. In Bezug auf die Aufenthaltsdauer in den diversen
Lagern sagte er meist:
37
Ich war aber nur wenige Tage im Lager Auschwitz und bin dann zwei Tage lang in einem Viehwaggon nach
Kaufering, einem Filiallager von Dachau, transportiert worden. Danach kam ich nach Türkheim.*

Soviel dann zu Pytells „Enthüllung“.


Aber es geht Pytell ohnehin nicht nur darum, Frankl eine (vermeintliche) Lüge über seine tatsächliche Internierungs-
dauer in Auschwitz vorzuwerfen; er will ihm vielmehr auch die Legitimation absprechen, sich als Psychiater und Zeit-
zeuge zu Auschwitz zu äußern, weil er seinem Empfinden nach „zu kurz“ in Auschwitz war. Pytell meint weiters,
dass Frankl Auschwitz für seine Zwecke „benutzte“, was umso schwerer wiegen soll, da er ja ohnehin „nur ein paar
Tage“ dort war. Pytells Vorwurf lautet zusammengefasst, dass Frankl in seinem Buch ...trotzdem Ja zum Leben sagen die
Unwahrheit sagt, insofern dieses Buch in der „Wiedergabe der Tatsachen widersprüchlich und nicht im Mindesten
frei von Täuschungen ist“ (S.130f.). Diese „Täuschungen“ beziehen sich erstens auf die Dauer von Frankls Aufent-
halt in Auschwitz und in Folge zweitens auf seine Befähigung, sich in seinem Buch ...trotzdem Ja zum Leben sagen oder
seinen anderen Werken überhaupt zu Auschwitz zu äußern. Natürlich begibt sich Pytell hier auf gefährlichen Grund
und man kann ihm leider nicht zugutehalten, dass er mit dieser Hypothek besonders behutsam umginge.

Was sagen Sie zu dieser Anschuldigung?

Wir haben bereits gesehen, wie oft Pytell objektive Sachverhalte verdreht oder übergeht, um sie seiner sehr eigenen
Version der Geschichtsschreibung anzupassen. Pytell steht in diesem Fall allerdings eine noch viel einfachere Metho-
de zur Verfügung: er braucht nur die zahlreichen Stellen zu übergehen, an denen Frankl deutlich sagt – und ich zitiere
jetzt aus dem Einleitungskapitel von ...trotzdem Ja zum Leben sagen:

Vorweg sei gesagt, dass die Erlebnisse, auf die sich die folgenden Zeilen beziehen, sich weniger mit Vorgän-
gen in den berühmten, großen Lagern befassen, als mit solchen in den berüchtigten Filiallagern, den Depen-
dancen der größeren. Es ist aber bekannt, dass gerade diese kleineren Lager ausgesprochene Vernichtungsla-
ger waren.

Pytell behauptet dagegen:

Obwohl Frankl behauptete, die Wirklichkeit der Erfahrungen von Auschwitz wiederzugeben, sieht die
Wahrheit so aus, dass er den schlimmsten Gräuel der Lager entkam (oder sie leugnete) (S.131).

Ich habe lange versucht, diese beiden Sätze – Frankls Einleitungssatz und Pytells Vorwurf – miteinander in Einklang
zu bringen. Es gelingt mir einfach nicht. Ist denn nicht gerade Auschwitz eben eines der berühmten, großen Lager,
von denen Frankl ausdrücklich schreibt, auf das sich seine Schilderungen „weniger“ beziehen?
Pytell beanstandet aber, dass Frankl dann doch immerhin rund 30 Seiten seines Buches seinen Erfahrungen in Au-
schwitz widmet. Nun kann man Frankl hier bestenfalls vorhalten, dass er sich dann mehr mit Auschwitz beschäftigte,
als er es vorhatte, als er seine Einleitung verfasste. Aber ich halte das für einen doch sehr kleinlichen Vorwurf, auf
den einzugehen mir auch wenig interessant erscheint: Der Vollständigkeit halber will ich aber anmerken, dass Frankl
tatsächlich weit weniger als ca. ein Fünftel seines Buches dem Aufnahmeschock im Vernichtungslager Auschwitz
widmet und sich hauptsächlich mit dem Erleben in den kleineren Außen- und Filiallagern befasst. Aber wird das
Abzählen von Seitenzahlen dem Grauen, dem Frankl begegnete, gerecht? Pytell fordert anscheinend von Frankl, er
hätte den Aufnahmeschock in Auschwitz, die Trennung von seiner ersten Frau Tilly, den Verlust des Urmanuskripts
der Ärztlichen Seelsorge, die Ungewissheit des Schicksals seiner in Theresienstadt zurückgelassenen (eben verwitweten)
Mutter, usw. nach einem bestimmten arithmetischen Schlüssel so knapp beschreiben sollen, dass es seiner in Tagen
bemessenen Zeit im Lager entsprach. Wir sollten aber auch nicht vergessen, dass Frankls Mutter nur wenige Tage
nach ihm und Tilly nach Auschwitz deportiert und unmittelbar nach ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkenau vergast
wurde. Frankl hat sein Buch ...trotzdem Ja zum Leben sagen daher auch „der toten Mutter“ gewidmet (Pytell lässt auch
das unerwähnt).
Auschwitz hatte also fraglos eine zentrale – eine bedrückend zentrale – Bedeutung innerhalb der dreijährigen Inter-
nierungszeit Frankls in vier Konzentrationslagern. Und ein Historiker sollte sich eigentlich dessen bewusst sein, dass

*Dieses Zitat etwa ist entnommen aus einem biographischen Vortrag, den Frankl im Rahmen der von ORF organisierten Dis-
kussionsreihe „Zeitzeugen“ am 26. Juni 1985 in Salzburg hielt; im Archiv liegen zahlreiche weitere Vorträge auf, in denen
dasselbe Zitat nahzu wortgleich vorkommt.
38
Geschichtsschreibung sich nicht nach dem Maß der objektiv vergangenen Zeitspannen richtet, sondern nach dem,
was innerhalb dieser Zeitspannen geschah.
Zugleich denke ich, dass man zwischen Frankls autobiographischen Lebenserinnerungen und dem Buch ...trotzdem Ja
zum Leben sagen unterscheiden sollte. ...trotzdem Ja zum Leben sagen erschien bekanntermaßen zuerst anonym und war
ursprünglich gar nicht als offen deklarierter biographischer Bericht Viktor Frankls vorgesehen. Frankl schreibt ein-
gangs von ...trotzdem Ja zum Leben sagen:

Es handelt sich sonach um eine Erlebnisschilderung, also weniger um einen Tatsachenbericht; die Erlebnis-
seite dessen, was so tausendfältig von Millionen erfahren wurde, soll hier dargestellt werden: das Konzentra-
tionslager „von innen gesehen“ – vom Standort des unmittelbar Erlebenden. Nicht den großen Gräueln gilt
daher diese Darstellung – jenen Gräueln, die ohnehin schon vielfach geschildert wurden (ohne deshalb allent-
halben auch geglaubt worden zu sein) –, sondern den vielen kleinen Qualen oder, mit andern Worten, der
Frage: Wie hat sich im Konzentrationslager der Alltag in der Seele des durchschnittlichen Häftlings gespiegelt?

Frankl wollte mit diesem Buch also keine allgemeine biographische Dokumentation seiner Jahre in den Konzentrati-
onslagern vorlegen, sondern vielmehr seine innere Sicht auf die Erlebnisse in den Lagern beschreiben. Nicht zuletzt
deswegen schildert er zahlreiche Eigenerlebnisse in der dritten Person.
Pytell hat diese Absichtserklärung aber entweder überlesen oder es aus anderen Gründen vorgezogen, sie zu ignorie-
ren und auch seinen Lesern vorzuenthalten. So oder so wird damit aber die Idee, dass Frankl sich in seinem Buch
seiner Erfahrung in Auschwitz gleichsam „brüstete“, um sich aus der Opferrolle heraus zu profilieren, aus wenigstens
drei Gründen nicht besonders überzeugend: Erstens konnte sich Frankl schwerlich mit einem anonym erschienen Buch
zum Helden stilisieren. Zweitens konnte er das noch weniger, als er wie gesagt zahlreiche Eigenerlebnisse zusätzlich
in der dritten Person schilderte und sich selbst als Autor gar nicht zuschrieb. Drittens hat Frankl es ohnehin
buchstäblich vom ersten Tag nach seiner Befreiung an abgelehnt, sich über seine Opferrolle zu identifizieren, bzw.
sich über seine Opferrolle identifizieren zu lassen.
Und mit seiner Aussage, es sei seine posthume „Enthüllung, dass Frankl tatsächlich nur drei Tage in Auschwitz ge-
wesen war“ (S.167), beansprucht Pytell eine Entdeckung, für die es nicht viel mehr gebraucht hätte, als Frankls auto-
biographische Schriften zu lesen. Man würde erwarten, dass ein Historiker, der eine historische Figur der Lüge be-
zichtigt, auch zumindest ein Zitat vorzuweisen hat, in dem der Beschuldigte auch wirklich der Lüge überführt wird.

Und Pytell tut das nicht?

Er tut es nicht, weil er es nicht kann. Denn es ist Pytell, nicht Frankl, der seine Leser irreführt, wenn er behauptet, er
habe enthüllt, dass sich Frankl nur einige Tage in Auschwitz aufhielt. Dazu kann man nur noch einmal darauf hinwei-
sen, dass Frankl seit seiner Befreiung und Rückkehr nach Wien nie etwas anderes behauptet hat. Warum sollte er
auch? Frankl hat es nach den Erfahrungen in den Lagern und nachdem beinahe seine gesamte Familie ausgerottet
wurde beileibe nicht nötig gehabt, seine Leidensgeschichte auch noch „aufzubessern“.
Zurück also zur Kernfrage – hat Frankl gelogen und seine Aufenthaltsdauer in Auschwitz verlängert, oder auch nur
verschwiegen und angedeutet, länger dort gewesen zu sein? Nein. In ...trotzdem Ja zum Leben sagen schildert Frankl
seine Eindrücke in Auschwitz: er beschreibt die überfüllten Baracken und die katastrophale Ernährungssituation: in
den vier Tagen in Auschwitz habe er lediglich eine Ration Brot bekommen.* Unmittelbar danach beschreibt er seine letz-
te Selektion in Auschwitz, im Zuge derer er dann ins Dachauer Außenlager Kaufering verlegt wurde. Obwohl Frankl
in ...trotzdem Ja zum Leben sagen versucht, einen in erster Linie inneren Erlebnisbericht vorzulegen, in dem die äußeren
Daten eine verhältnismäßsig untergeordnete Rolle spielen, lassen seine Angaben über die Aufenthaltsdauer in Au-
schwitz und den beiden Dachauer Außenlager an keiner Stelle Zweifel.
Außerdem hat Frankl genug in den Lagern erlebt, als dass er es nötig gehabt hätte, seine Geschichte dramatischer zu
gestalten, als sie es ohnehin war. Im Gegenteil – er hat zeitlebens den „psychologischen Exhibitionismus“ zu vermei-
den versucht, den derartige Berichte oft aufweisen. Jedenfalls, um zur eigentlichen Frage zurückzukommen: vom
ersten Tag an nach seiner Rückkehr nach Wien hat Frankl niemanden darüber im Unklaren gelassen, wie lange er in
welchem Lager interniert war. In seinen Vorträgen hat er stets von „drei Tagen“ oder „wenigen Tagen“ gesprochen.
Wenn Pytell das bezweifelt, dann entweder, weil er sich insgesamt keine große Mühe gegeben hat, die Quellen zu
recherchieren; oder, weil er es darauf anlegt, Frankl misszuverstehen. In beiden Fällen ist das nicht Frankls Problem.

* Frankl, V.E. (2005). Gesammelte Werke Band 1. (Hrsg. von Alexander Batthyány, Karlheinz Biller, Eugenio Fizzotti). Wien: Böhlau, S.50
39

Können Sie vielleicht kurz noch darauf eingehen, wie Sie es meinten, wenn Sie sagen, dass ...trotzdem Ja zum Leben sagen kein im
eigentlichen Sinne biographischer Bericht ist?

Gerne. Zunächst: ...trotzdem Ja zum Leben sagen ist absolut ein autobiographisches Buch; aber man muss hier und dort
über einige Vorkenntnisse der Franklbiographie verfügen, um die einzelnen Episoden exakt zuordnen zu können,
weil Frankl in diesem Buch wie gesagt bisweilen selbsterlebte Episoden in der Perspektive der dritten Person be-
schrieb. Ganz entgegen dem Eindruck, den Pytell erwecken will, ist es nämlich gerade nicht so, dass sich Frankl in
seinen biographischen Schriften zum Helden hochstilisiert. Im Gegenteil; oft sind gerade die „heldenhaften“ Stellen
jeweils in der dritten Person beschrieben. Ein Beispiel: In seinem ersten nach der Rückkehr nach Wien verfassten
Buch, der Ärztlichen Seelsorge, berichtet Frankl von der Rekonstruktion der Ärztlichen Seelsorge im Konzentrationslager:

Uns ist folgender Fall bekannt: In einem Konzentrationslager lagen in einer Baracke ein paar Dutzend Fleck-
fieberkranke beisammen. Alle waren delirant bis auf einen, der den nächtlichen Delirien auszuweichen be-
müht war, indem er nachts absichtlich wach blieb; die fieberhafte Erregung und geistige Angeregtheit jedoch
nützte er dazu aus, dass er ein noch unveröffentlichtes wissenschaftliches Buchmanuskript, das ihm im Kon-
zentrationslager fortgenommen worden war, im Verlauf von 16 Fiebernächten rekonstruierte, indem er im
Dunkeln auf winzige Zettel stenographische Stichworte hinkritzelte.*

Wir wissen heute natürlich, dass es sich bei diesem „ihm bekannten Fall“ um Frankl selbst handelt. In ...trotzdem Ja
zum Leben sagen berichtet Frankl – zunächst anonym – davon auch in der ersten Person. Frankl war es also offenbar
wirklich ernst damit, sein KZ-Buch anonym erscheinen zu lassen und zur Wahrung seiner Anonymität hat er folglich
manche Eigenerlebnisse zudem noch anonymen Personen zugeschrieben. Mit anderen Worten: inhaltlich gibt es
keine Überraschungen, wenn man Frankls Lebenserinnerungen, die in den ersten beiden Bänden der Edition der
Gesammelten Werke aufgenommenen Dokumente aus dem privaten Nachlass und ...trotzdem Ja zum Leben sagen ge-
genliest. Pytell hingegen dürfte sich nicht allzu große Mühe gegeben haben, dies zu recherchieren; anders kann ich
mir den hämischen Kommentar zur eben zitierten Textstelle über die Rekonstruktion der Ärztlichen Seelsorge jeweils
nicht erklären:

Frankl schuf „Distanz“ zu seiner todesähnlichen Erfahrung durch die Fleckfiebererkrankung, indem er in der
dritten Person davon erzählte. Damit konnte er sich zum Überleben gratulieren. Auf gewisse Weise über-
wand damit Frankl bereits die Erfahrung (S.119).

Mir ist dieser Kommentar auch deswegen unerklärlich, weil Frankl die von Pytell behauptete „auf gewisse Weise da-
mit sich bereits“ abzeichnende Überwindung und Distanz unmittelbar nach Niederschrift dieser Zeilen wieder auf-
gab: nur Tage später beschrieb er dieses Erlebnis in ...trotzdem Ja zum Leben sagen in der ersten Person. Von Distanz ist
dort keine Spur – im Gegenteil handelt es sich hierbei um eine sehr bewegende Stelle in ...trotzdem Ja zum Leben sagen,
auf die Frankl in seinem Buch gleich zweimal eingeht. Und wie unpassend Pytells Anmerkung ist, Frankl habe sich
selbst zum „Überleben gratuliert“, zeigen auch die unmittelbar nach der Befreiung und Rückkehr nach Wien verfass-
ten Briefe. Dazu ein Auszug aus genau jener Zeit, auf die sich oben zitierten Zeilen Pytells beziehen:

So bin ich jetzt ganz allein geblieben. Wer kein analoges Schicksal hat, kann mich nicht verstehen. Ich bin
unsäglich müde, unsäglich traurig, unsäglich einsam. Ich habe nichts mehr zu hoffen und nichts mehr zu
fürchten. Ich habe keine Freude mehr im Leben, nur Pflichten; ich lebe aus dem Gewissen heraus … Und so
habe ich mich wieder etabliert, so diktiere ich jetzt mein Manuskript um, gleichzeitig für den Verlag und für
die Habilitation. Aber mich kann kein Erfolg freuen; alles ist gewichtlos, nichtig, eitel in meinen Augen, zu al-
lem habe ich Distanz. Es kann mir nichts sagen, nichts bedeuten. Die Besten sind nicht zurückgekehrt (auch
mein bester Freund [Hubert Gsur] ist enthauptet worden) und haben mich allein gelassen.
Im Lager glaubte man schon, den Tiefpunkt des Lebens erreicht zu haben – und dann, als man zurückkam,
musste man sehen, dass alles nicht dafür gestanden, dass das, was einen aufrecht erhalten, zunichte geworden

* Frankl, V.E. (2005). Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. Wien: Deuticke
40
ist, dass man zur Zeit, als man wieder Mensch geworden, noch tiefer, in ein noch bodenloseres Leiden sinken
konnte. Da bleibt einem vielleicht nichts als ein bisschen weinen und ein bisschen in den Psalmen blättern.*

Ich überlasse es Ihnen und dem Leser, selbst zu beurteilen, ob das die Worte eines Mannes sind, dem nach dem Ver-
lust seiner nächsten Verwandten und seiner ersten Frau nichts besseres einfällt, als „sich selbst zum Überleben zu
gratulieren“.

Sie sagten vorhin, Pytell würde Frankl die Legitimität absprechen, sich überhaupt zu Auschwitz zu äußern. Können Sie das vertiefen?

Ich kann es nicht anders formulieren: Es gibt einen irgendwie beklemmenden Unterton in Pytells Aussage, dass
Frankl sich deswegen nicht zu den Gräuel von Auschwitz äußern konnte, weil er ihnen entkam (S.131). Ich weiß
nicht, ob Pytell diesen Vorwurf auf alle Überlebenden der Selektionen von Auschwitz ausdehnen möchte. Jedenfalls
argumentiert Pytell hier in klassisch revisionistischer Art und Weise: Den Revisionisten gleich welchen politischen
Hintergrunds geht es ja darum, die Zeugen von Auschwitz mundtot zu machen, bzw. ihre Glaubwürdigkeit zu
unterminieren, damit sie ihre eigene Deutung und Sichtweise der Lager in den Vordergrund stellen können. Das
heißt, die Berichte der Augenzeugen werden zuerst dekonstruiert und dann nach eigenen ideologischen Vorgaben
rekonstruiert. Es gibt dazu eine Schlüsselstelle in Pytells Kapitel über die Deutung des Holocaust – sie drückt mit
eigenen Worten aus, was wir auch eingangs besprochen haben: dass mit dem Altern und Aussterben der Zeugenge-
neration der seinerzeit erwachsenen Opfer des Holocausts Revisionisten dazu übergehen, die Zeugenaussagen in den
Hintergrund und ihre eigenen oft weltanschaulich und politisch vorgefertigten Ansichten in den Mittelpunkt zu stel-
len. So auch Pytell – er schreibt etwa:

Wir müssen sensibel sein, weil für den Überlebenden, der traumatisiert ist und unter der Schuld leidet, ein-
fach am Leben zu sein, die Erinnerung sowohl problematisch als auch täuschend ist. Eine ehrliche Beschäfti-
gung und Abrechnung mit der Vergangenheit ist daher eine Leistung, die selten zu finden ist. Vielleicht kön-
nen wir erst jetzt, am Ende des 20. Jahrhunderts beginnen, uns Klarheit zu verschaffen [...] (S.121).

Das ist eine bedenkliche Sichtweise, auf deren Grundproblematik Frankl selbst in anderem Zusammenhag in seinen
psychiatrischen und psychologischen Stellungnahmen zum Konzentrationslager eingeht, wenn er etwa schreibt:

Während der Außenstehende zuviel Distanz hatte und kaum sich einzufühlen vermochte, hatte derjenige, der
„mittendrin“ stand und sich schon eingelebt hatte, schon längst viel zu wenig Distanz. Mit anderen Worten, das
grundsätzliche Problem lag darin, dass man annehmen musste, der Maßstab, der an die deformierte Lebenswirk-
lichkeit angelegt werden sollte, sei selber verzerrt.

Im Gegensatz zu Pytell kommt Frankl aber zum Schluss, dass die Ähnlichkeit der Aussagen unabhängig voneinander
befragter Zeitzeugen grundsätzlich deren Glaubwürdigkeit erhärte:

Trotz dieser gleichsam erkenntniskritischen Bedenken wurde von seiten psychopathologischer und psychothera-
peutischer Fachmänner das einschlägige Material ihrer Selbst- und Fremdbeobachtung, die Summe ihrer Erfah-
rungen und Erlebnisse, zu Theorien verdichtet, von denen nicht allzu viel als subjektiv abzustreichen ist; stim-
men sie doch im wesentlichen so ziemlich miteinander überein.†

* Brief an Wilhelm Boerner, 14. Sept. 1945. In: Frankl, V.E. (2005). Gesammelte Werke Band 1. (Hrsg. von Alexander Batthyány, Karl-
heinz Biller, Eugenio Fizzotti). Wien: Böhlau, S.184
† Frankl, Viktor E. (1961). Psychologie und Psychiatrie des Konzentrationslagers. In: Psychiatrie der Gegenwart, Band III. Berlin:

Springer, 743-759
41
Pytell geht darüber mit einem Programm einer „ehrlichen Beschäftigung und Abrechnung mit der Vergangenheit“
unter gleichzeitiger Infragestellung der Erinnerungen der eigentlichen Zeugen einfach hinweg.
Wie gesagt ist das eine ausgesprochen problematische Sichtweise: nachdem die Generation der Holo-
caustüberlebenden ihrer Freiheit und Würde beraubt wurde, ist es natürlich hochbedenklich, wenn Pytell ihr auch
noch das Recht auf ihre Erinnerung nehmen will („sowohl problematisch als auch täuschend“).
Außerdem habe ich ganz entschiedene Zweifel daran, dass ausgerechnet Pytell, der ja nicht einmal in der Lage ist, die
meisten der Zeugenaussagen in ihrer Originalsprache zu lesen, der Richtige ist, um 60 Jahre später die „selten zu fin-
dende Leistung“ erbringen zu können, „Klarheit über den Holocaust zu verschaffen“ (S.121).
Meine Zweifel begründen sich auch damit, dass wir im Verlauf des bisherigen Gesprächs gesehen haben, wie nachläs-
sig Pytell mit Quellen, Daten und Sachverhalten umgeht und wie oft er Daten und Sachverhalte verschweigt, wenn
sie nicht in sein vorgefertigtes Bild passen, und wie oft er sie umdeutet, damit sie in sein vorgefertigtes Bild passen.
Wenn Pytell also weder den Augenzeugen Beachtung schenken will, noch in der Lage oder willens ist, die Quellen
richtig wiederzugeben – was, außer seiner persönlichen vorgefertigten Meinung, bleibt dann noch übrig? Und wie
kann dann ausgerechnet er in der Lage sein wollen, sich oder uns Lesern „Klarheit über den Holocaust“ zu verschaf-
fen?
Und es bleibt immer noch die Frage: Wer wüsste es besser als die Überlebenden, wer kann besser vom Unvorstellba-
ren Zeugnis geben als die, die es selbst erlebten? Das ist allgemein ein Dilemma für Revisionisten, die daraufhin zur
bekannten Methode greifen, die Glaubwürdigkeit der Zeitzeugen zu hinterfragen. Pytell wendet diese Methode auch
an.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Es gibt zahlreiche Beispiele. Pytells gesamtes Buch stellt ja den Versuch einer De- und Rekonstruktion von Frankls
Leben und Werk dar. Nehmen wir ein konkretes Beispiel zum Thema Auschwitz: Die übliche Fahrtzeit der Ge-
fangenentransporte von Theresienstadt nach Auschwitz betrug zwei Tage. Pytell merkt an, dass Frankl schrieb, sein
Transport nach Auschwitz sei „mehrere Tage und Nächte“ unterwegs gewesen (S.116), obwohl er bei einer üblichen
Transportdauer von zwei Tagen unmöglich mehr als eine Nacht im Viehwaggon nach Auschwitz verbringen hätte
können. Mit anderen Worten: Wenn Frankl schreibt, seine Mitgefangenen und er seien „mehrere Tage und Nächte“
unterwegs gewesen, erweckt das den falschen Eindruck, dass Frankl vielleicht auch zwei oder mehr Nächte auf
Transport war.
Dazu fällt mir ein: Auf einer Logotherapietagung in München im Jahr 2005 wurde von Aktivisten einer rechtsextre-
men Splittergruppe der Aufsatz eines revisionistischen Historikers verteilt, der sich wie Pytell mit der Glaubwürdig-
keit der Erinnerungen der Zeitzeugen des Holocaust beschäftigt. Der Autor befasste sich in Bezug auf Frankl in ers-
ter Linie mit der Frage, ob seine Schilderung des inneren Befreiungserlebnisses wirklich so stattgefunden haben kön-
ne. Frankl schreibt gegen Ende von ...trotzdem Ja zum Leben sagen:

Dann gehst du eines Tages, ein paar Tage nach der Befreiung, übers freie Feld, kilometerweit, durch blühen-
de Fluren einem Marktflecken in der Umgebung des Lagers zu; Lerchen steigen auf, schweben zur Höhe,
und du hörst ihren Hymnus und ihren Jubel, der da droben im Freien erschallt. Weit und breit ist kein
Mensch zu sehen, nichts ist um dich als die weite Erde und der Himmel und das Jubilieren der Lerchen und
der freie Raum.*

Der Autor des Artikels stellt diesen Bericht in Frage, weil Frankl von „blühenden Fluren“ schreibt, aber laut seinen
Recherchen im Frühjahr 1945 die Witterungsverhältnisse es „unwahrscheinlich erscheinen lassen“, dass die Fluren
wirklich bereits blühten. Das ist ungefähr das Niveau, das auch in Pytells Kritik, dass Frankl von „mehreren Tagen
und Nächten“ statt von „zwei Tagen und einer Nacht“ schreibt, zum Ausdruck kommt. Dieses Vorgehen folgt der-
selben Methode und hat dasselbe Ziel: Das Diskreditieren der Augen- und Zeitzeugen.
In dem einen wie dem anderen Fall wird zu diesem Zweck ein verhältnismäßig nebensächliches Detail in den Mittel-
punkt gestellt, um von dem eigentlichen Inhalt abzulenken, bzw. um diesen in Frage stellen zu können. Und in dem
einen wie dem anderen Fall wird die nächstliegende Erklärung außer Acht gelassen: etwa, dass Frankl Ende April
1945 aus dem Lager entlassen wurde und das geschilderte Erlebnis einige Tage später, also vermutlich Anfang Mai
1945 stattgefunden hat – folglich im Frühsommer, weshalb wir auch davon ausgehen können, dass die Fluren tat-

* Frankl, V.E. (2005). Gesammelte Werke Band 1. (Hrsg. von Alexander Batthyány, Karlheinz Biller, Eugenio Fizzotti). Wien: Böhlau, S.114
42
sächlich bereits blühten und die Lerchen aufstiegen. Oder, dass sich Frankl in einem überfüllten und abgedunkelten
Viehwaggon befand und unter diesen Umständen nachweisbar auch nicht ausgezehrte Menschen schnell ihr Zeitge-
spür verlieren und die Dauer einer mehrtätigen Reise nicht auf die Stunde genau angeben können. Wie gesagt sind
das angesichts der eigentlichen Gräuel, von denen hier die Rede ist, Kleinigkeiten, bzw. Kleinlichkeiten, auf die ein-
zugehen irgendwie unwürdig und die Mühe an sich nicht Wert wäre, würden die jeweiligen Autoren damit nicht so
verquere Absichten verbinden.

7. 1946 – 1997: Nachlese – Frankl über den Holocaust

Gehen wir nun vielleicht auf Pytells Diskussion von Frankls Werk nach seiner Befreiung ein.

Gut. Pytell hält Frankl folgendes vor: Er sagt, dass Frankl „zwei verschiedene Haltungen vertrat, wie die Erfahrung
der Konzentrationslager seine psychologische Theorie beeinflusst hatte“ (S.123). Pytell gibt zwar ein Zitat Frankls
wieder, in dem dieser ausdrücklich sagt, dass „die Menschen denken, ich sei mit einer brandneuen Psychotherapie aus
Auschwitz gekommen. Das ist nicht der Fall“ (zit n. S.123). Aber er beklagt, dass Beacon Press, der amerikanische
Erstverlag der Ärztlichen Seelsorge (The Doctor and the Soul) im Jahr 1959 in der Buchwerbung den Eindruck vermittelte,
Frankl habe die Logotherapie und Existenzanalyse im Konzentrationslager entwickelt.

Pytell wirft Frankl vor, der Werbetext vermittle einen falschen Eindruck?

Ja. Mehr kann er auch Frankl nicht vorhalten, weil dieser immer darauf bestanden hat, dass seine Leser und Hörer
wissen, dass die Logotherapie bereits vor der Deportation ausformuliert wurde. Anders wäre ja auch nicht erklärbar,
weshalb Frankl den Verlust der Urfassung der Ärztlichen Seelsorge („sein geistiges Kind“) in Auschwitz so bedauerte,
anders wäre auch Frankls Redewendung vom experimentum crucis – dem entscheidenden Test – der Logotherapie im
Lager wenig sinnvoll, da man nur das der Probe der Wirklichkeit stellen kann, was bereits existiert, also im Fall der
Logotherapie bereits formuliert und ausgearbeitet ist.
Ich halte es jedenfalls für unsinnig, den Werbetext von Beacon Press ausgerechnet Frankl vorzuhalten. Jeder Autor
weiß, wie Werbetexte von Verlagen zustande kommen und wie wenig Einfluss man darauf als Autor hat – vor allem,
wenn er auf einem anderen Kontinent lebt und das dazu noch in den 1950er Jahren, als der Briefverkehr zwischen
Österreich und den Vereinigten Staaten immer noch unverhältnismäßig lange dauerte. Zufälligerweise habe ich das
selbst in Hinblick auf die amerikanische Ausgabe von ...trotzdem Ja zum Leben sagen erlebt – und das trotz der heutigen
Kommunikationsmöglichkeiten: als im Herbst 2006 ein amerikanischer Verlag die Neuausgabe eines Buches von
Viktor Frankl plante, schilderte die Verlegerin mir begeistert, wie die neue Ausgabe aussehen und dass sie ein biogra-
phisches Nachwort beinhalten würde. Nun wird man aus Erfahrung klug: jedenfalls bot ich an, das Nachwort inhalt-
lich korrekturzulesen. Zwei Wochen später bekam ich eine Email mit dem Nachwort und der Bitte, dieses innerhalb
eines Tages korrigiert zurückzusenden – was angesichts der „wenigen Daten“, die es zu überprüfen gelte, hoffentlich
möglich sei. Tatsächlich fanden sich in dem Nachwort nur wenige Daten – aber genügend davon war falsch.
Ich kann also aufgrund dieses jüngsten Falles immerhin erahnen, wie es seinerzeit Viktor Frankl ergangen sein muss,
als er mit den Werbeabteilungen seiner Verlage kämpfte. Im Archiv liegt außerdem ein erbitterter Beschwerdebrief
Frankls an Beacon Press vor, in dem er sich über die unrichtigen Angaben und ausdrücklich über den Inhalt dieses
Werbetexts beklagt, woraufhin dieser von Beacon Press auch bald zurückgezogen wurde.
Außerdem muss man es schon darauf anlegen, Frankl diesen Werbetext anlasten zu wollen. Im Werbetext heißt es
nämlich, dass „diese Form der Psychotherapie [...] durch die harte Schule der Luftschutzkeller und Bombenkrater, in
Konzentrationslagern und Kriegsgefangenenlager Form annahm“ (zit. n. S.123). Würde Pytell dies wirklich ernst
nehmen und Frankl für den Autor oder auch nur für die zustimmende Quelle dieser Zeilen halten, läge es viel näher,
zu fragen, ob und warum Frankl von sich behaupten solle, er sei in „Luftschutzkellern und Kriegsgefangenenlagern“
gewesen.
Angesichts dessen, sowie der Tatsache, dass Pytell ja selbst Frankls dezidierte Aussage zitiert, er habe die Logothera-
pie lange vor der Deportation verfasst, entsteht der Eindruck, dass es sich auch hierbei um ein kalkuliertes Missver-
ständnis Pytells handelt.

Oder vielleicht auch nur um ein Missverständnis?


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Vielleicht auch das, oder einfach nur Unsicherheit darüber, welche Entstehungsgeschichte Pytell der Logotherapie
zuschreiben soll. Jedenfalls geht er hier sehr inkonsequent vor, denn er schreibt ja im Vorwort seiner Arbeit: „Der
Holocaust nahm eine zentrale Position in der Entwicklung von Frankls Denken ein und war die treibende Kraft hint-
er seiner Auseinandersetzung mit dem Existentialismus und dem Nihilismus“ (S.17). Das ist eine bemerkenswerte Be-
hauptung, wenn man bedenkt, dass Pytell offenkundig einige der zentralen vor der Deportation Frankls verfassten
Schriften gelesen hat und teils recht ausgiebig zitiert. Vor allem passt dies schlecht in die von Pytell zugleich aufge-
stellte Behauptung, Frankl habe die Logotherapie und Existenzanalyse „am Göring-Institut“ entwickelt, bzw. dort
etablieren wollen. Wie wir gesehen haben, sind beide Datierungen falsch, abgesehen davon, dass sie beim besten Wil-
len nicht in Einklang miteinander zu bringen sind.

Welche Kritik äußert Pytell noch an Frankls Diskussion des Holocaust?

Nun, das nächste, was ich erwähnen will, ist zwar keine Kritik Pytells, aber es zeigt doch, wie wenig letzterer Frankl
verstanden hat – mehr noch, wie wenig Mühe er sich gegeben hat, Frankl zu verstehen. Zum Beispiel fasst Pytell den
Inhalt und das Anliegen der Ärztliche Seelsorge wie folgt zusammen:

Frankl rekapituliert [darin] seine Kritik an Freud und Adler [...]. Die phänomenologischen Arbeiten Heideg-
gers und Binswangers zitierend, formuliert Frankl, was den Menschen einzigartig macht und vom Tier unter-
scheidet. [...] Eines der wesentlichen Anliegen Frankls nach Auschwitz war die Abgrenzung des Menschen
vom Tier (S.125).

Ich überlasse es dem Leser, in dieser Kurzzusammenfassung die Ärztliche Seelsorge nur annährend wiederzufinden.
Erinnern wir uns zugleich daran, dass Pytell die Logotherapie für banal und einfach hält; verstanden hat er sie aber
scheinbar trotzdem nicht. Pytells Diskussion der Ärztlichen Seelsorge scheint mir aber auch deswegen bedeutsam, weil
er die Theorie vertritt, Frankl habe „mit der Aufarbeitung bereits gegen Ende seiner Internierung in den Lagern [be-
gonnen], als er unter der Belastung seiner Typhuserkrankung schrieb“ (S.124).
Es ist natürlich ziemlich inkonsequent, wenn Pytell nur wenige Seiten zuvor Frankl vorwirft, dieser habe bewusst den
falschen Eindruck erweckt (oder auch nur geduldet), die Logotherapie und Existenzanalyse sei in den Konzentrati-
onslagern entstanden und dann selbst behauptet, das Haupt- und Grundwerk der Logotherapie und Existenzanalyse
sei eben im Lager entstanden, was ja wie gesagt ausdrücklich nicht der Fall ist. Das Ganze wird auch dadurch nicht
besser, dass Pytell zugleich behauptet, dass Frankl die Logotherapie am Vorabend des Anschlusses 1938 bereits am
Göring-Institut etablieren wollte. Wie auch immer, kurz gesagt wendet Pytell falsche Erklärungsmodelle sowohl auf
die Entstehung als auch den Inhalt und die Schwerpunkte und Anliegen der Ärztlichen Seelsorge an. Das erklärt auch,
weshalb Pytell in seiner weiteren Diskussion der Ärztlichen Seelsorge durchwegs davon ausgeht, die zentralen Kernge-
danken der Logotherapie und Existenzanalyse seien „nach Auschwitz“ (S.127), aber noch im Konzentrationslager
Türkheim entstanden. Pytell schreibt dazu:

Die Maxime, die Frankl der Periode in seinem Leben nach Auschwitz voranstellte: Lebe so, als ob Du zum
zweiten Mal lebtest [usw.]. Frankls Erleichterung darüber, dass er überlebt hatte, ist in der Aussage „Lebe, als
ob Du zum zweiten Mal lebtest ...“ klar erkennbar (S.127).

Ebenso „klar“ erkennbar ist Pytell zufolge, dass Frankl sein Verständnis der Vergänglichkeit als Ort der Bewahrung
des Gewesenen erst nach dem Verlust seiner Angehörigen als mehr oder minder offensichtliche Rationalisierung-
und Distanzierungsinstrument von der Trauer über ihr Ableben verfasst:

Nun, da eine Katastrophe seine Familie getroffen hatte, fügte er die Behauptung hinzu, dass die Vergänglich-
keit nicht als etwas aufgefasst werden kann, dass dem Leben den Sinn nimmt, denn ‚Gewesen-sein ist auch
noch eine Art von Sein’ [...] Frankls neuer Versuch ... (S.125).

Das Problem ist: Pytell zitiert hier durchwegs Stellen, die wörtlich aus der vor der Deportation verfassten Urfassung
entnommen sind. Bekanntlich hat Frankl das Original in der Desinfektionskammer von Auschwitz verloren. Zwei
Durchschriften verblieben in Wien: Eine konnte 1942 in die Gefängniszelle von Frankls Jugend- und Kletterfreund
Hubert Gsur geschmuggelt werden, als dieser auf die Vollstreckung seines Todesurteils wegen „Zersetzung der
Wehrmacht und versuchten Umsturzes“ wartete. Es ist nicht bekannt, was mit Hubert Gsurs Durchschrift geschah;
44
sie wurde vermutlich von der Gefängnisleitung vernichtet. Das andere Exemplar befand sich während des Krieges in
der Obhut von Paul Polak, der es Frankl nach der Rückkehr nach Wien wieder zurückgab.
Pytells Diskussion des in der Ärztlichen Seelsorge diskutierten Schuld- und Reuebegriffs bezieht sich ebenfalls aus-
nahmslos auf Passagen, die der vor der Deportation verfassten Urfassung entnommen sind. Er führt folglich alle diese
Zitate mit der falschen Prämisse zusammen, sie seien noch in Frankls letztem Lager entstanden und dann nach der
Befreiung detaillierter niedergeschrieben worden. Und er kommt in Folge zu der ebenso falschen Schlussfolgerung,
dass Frankls „seltsam optimistische Reaktion zweifelsohne die Schuldfrage umging und ‚nützlich’ war“ (S.129).
Was mich an diesen Kommentaren Pytell auch irritiert, ist nicht nur, dass sie nachweisbar falsch sind, sondern auch
die Bestimmtheit, mit der er seine Deutungen vorstellt: nicht ein Schatten des Zweifels lässt sich bei ihm finden,
wenn er „zweifelsohne“, „eindeutig“, „ganz klar“ Behauptungen aufstellt, die in keiner Weise mit den eigentlichen
Daten und Befunden übereinstimmen.
Nun wären dies alles noch relativ harmlose Fehler, würde Pytell sich nicht auf der Grundlage dieser Überlegungen zu
der abschließenden Behauptung versteigen, dass Frankls Denken auf die Sichtweise hinauslaufe, „dass jene, die im
Lager waren, nicht stark genug waren, um die Bedingung dort auszuhalten“ (S136) oder die Toten „selbst schuld
waren an der Sinnlosigkeit ihres Todes“ (S.138) seien. Wie sich das mit Frankls Aussagen, dass die Besten nicht über-
lebt haben und dass „manchmal die zarter Konstituierten das Lagerleben besser überstehen konnten als die robuste-
ren Naturen“ vereinbaren ließe, lässt Pytell unbeantwortet.
Ich empfehle jedem, der hier noch Zweifel hat, Frankls Rede „in memoriam“ zu lesen, die er im Andenken an die in
den Konzentrationslagern ermordeten Kollegen am 25. März 1949 in der Gesellschaft der Ärzte in Wien hielt:

Unsere toten Kollegen haben ehrenvoll bestanden. Sie haben uns bewiesen, dass der Mensch es in der Hand
hat, auch unter den ungünstigsten, den unwürdigsten Bedingungen noch Mensch zu bleiben – wahrer Mensch und wahrer
Arzt. Was denen, die diesen Beweis erbrachten, zur Ehre gereicht, soll aber uns eine Lehre sein, soll uns leh-
ren, was der Mensch ist und was er sein kann.*

Für pietätlos halte ich es auch, wenn Pytell daraufhin schreibt, Frankls „leeres Heldentum schien die Weltsicht der
Nationalsozialisten widerzuspiegeln“ (S.137), also für das Recht des Stärkeren eintreten. Muss man das kommentie-
ren? Ich hoffe nicht.

Kommen wir zum Abschluss unseres Gesprächs vielleicht noch auf Pytells Diskussion von Frankls Ablehnung der Kollektivschuld zu
sprechen.

Es wird wahrscheinlich niemanden verwundern, dass Pytell auch in diesem Punkt mit Frankl nicht übereinstimmt.
Genauer gesagt findet Pytell nicht nur wenig Gutes, sondern gar nichts Gutes an Frankls Position. Dieses Motiv zieht
sich ja, wie wir gesehen haben, wie ein roter Faden durch Pytells Abhandlung. Allerdings muss man an dieser Stelle
einräumen, dass Pytell nicht der einzige ist, der Frankl vorwirft, „zu versöhnlich“ gewesen zu sein. Nur tut Pytell
Frankl mehr Unrecht als viele andere, die sich dem Thema informierter annähern, wenn er schreibt, Frankl habe „den
Part des Versöhners“ übernommen, „nachdem erst sein beruflicher Status wiederhergestellt war“ (S.153). Das stimmt
einfach nicht – Frankl hat sich unmittelbar nach seiner Befreiung gegen die Kollektivschuldthese ausgesprochen. Bei
diesem Standpunkt blieb er zeitlebens.
Der Vollständigkeit halber – und auch, weil Frankls Standpunkt bisweilen verkürzt dargestellt wird, muss man aber
auch ergänzend hinzufügen, dass Frankl keineswegs ausnahms- und bedingungslos zu vergeben bereit war. Er hat
keinen Hehl daraus gemacht, dass er nur denjenigen gegenübertreten wollte, die zumindest bereuten, was sie zwi-
schen 1938 und 1945 getan oder zu tun unterlassen haben.
Zu Pytells Diskussion der Kollektivschuldfrage muss man sagen: Gemessen daran, dass Pytell hier eine ganze Reihe
interessanter Gegenpositionen zur Verfügung gestanden wären, ist seine Diskussion der Kollektivschuldproblematik
ausgesprochen flach. Ein Beispiel: Frankl war sich als Psychiater und Psychologe der wissenschaftlichen Unhaltbar-
keit der Hypothese bewusst, dass die „deutsche oder österreichische Seele“ in besonderer Weise zum Holocaust prä-
disponiert gewesen sei. Der – übrigens durch bekannte sozialpsychologische Befunde wie das Milgram-Experiment†
oder Zimbardos Gefängnisstudie‡ erhärteten – Aussage Frankls, der zufolge „grundsätzlich jedes Land imstande sei,

* U.a. in: Frankl, V.E. (2006). Gesammelte Werke Band 2. Wien: Böhlau, IV.3
† Milgram, Stanley (1963). Behavioral Study of Obedience. Journal of Abnormal and Social Psychology, 67, 371-378
‡ Zimbardo, Philip G. (1971). The Power and Pathology of Imprisonment. Congressional Record. First Session on Corrections, Part II,

Prisons, Prison Reform and Prisoner's Rights: California. Washington, DC: U.S. Government Printing Office
45
das Verbrechen des Holocaust zu begehen“ hat Pytell etwa nicht mehr als den trotzigen Satz entgegenzuhalten:
„Grundsätzlich ja, doch in Wirklichkeit war es Deutschland mit der Unterstützung Österreichs“ (S.155). Das ist ba-
nal, denn genau das ist ja der Ausgangsbefund, vor dessen Hintergrund sich die Frage überhaupt erst stellt, ob diese
beiden Länder besonders prädisponiert sind oder nicht. Frankl geht es aber gerade darum, andere Länder und Natio-
nen bereits vor den Anfängen vergleichbarer Entgleisungen zu warnen, und das geht eben nur dann, wenn man diese
Länder darauf hinweist, dass auch sie vor den Verführungen solcher Art nicht a priori gefeit sind.
Ansonsten weiß ich nicht, ob Pytell Frankls Argumente nicht versteht, oder bloß nicht verstehen will, wenn er etwa
schreibt, Frankl habe die Ansicht vertreten, dass es keine eigentliche Schuld während des nationalsozialistischen Re-
gimes gegeben habe, weil „jede einzelne Person bloß ein unbedeutendes Rädchen im Getriebe sei, das im totalitären
System gefangen war“ (S.155). Das widerspricht so gut wie allem, was Frankl je zum Problem der Schuld im allge-
meinen und zum Problem der Schuld im Nationalsozialismus gesagt hat – Frankl verband sein Argument gegen die
Kollektivschuld ja vielmehr ausdrücklich mit der Anerkenntnis von Individualschuld und sagte insbesondere in Hin-
blick auf die Holocaustfähigkeit jeder Nation:

Eine Verhütung der Wiederholung solcher Exzesse in der Geschichte hat vielmehr zur Voraussetzung, dass
wir die Gefahr als eine Gefahr sehen, die schlechterdings im Menschen lauert – in jedem einzelnen Men-
schen jedes einzelnen Volkes und zu jeder Zeit!*

Pytell behauptet hingegen, Frankl „machte also das nichtssagende ‚System’ – und nicht die betreffenden Menschen –
für den Nationalsozialismus und den Holocaust verantwortlich“ (S.155). Pytell hätte wirklich nicht mehr machen
müssen, als Frankls Äußerungen zu diesem Thema zu lesen, um zu wissen, dass das eine vollkommene Umkehrung
von Frankls Perspektive ist. Frankl wurde nicht müde, zu sagen, dass es eben auf die Entscheidungen des Einzelnen
ankam – und eben nur, oder vornehmlich auf diesen.† Das ist ja auch die Grundlage von Frankls Kritik an der Kol-
lektivschuldthese.
Pytell kehrt aber auch diese gleich zweimal um sich selbst (in eine Art Kollektivunschuldhypothese), wenn er behaup-
tet: „Frankl nahm für sich und das österreichische Volk eine moralisch überlegene Stellung in Anspruch“ (S.161). Wie
sich diese Behauptung mit Frankls folgenden Aussagen in Übereinstimmung bringen lässt, verschweigt Pytell:

Wer jenes Taktgefühl uns Opfern gegenüber tatsächlich besitzt, der rede lieber nicht allzu viel von dem Leid,
das Deutsche über Österreich gebracht haben. Denn er frage erst die Opfer selbst, er frage die Österreicher,
die in den Konzentrationslagern waren, – und, er wird von ihnen erfahren, wie die Wiener SS, aller übrigen
SS voran, gefürchtet war! Er frage die österreichischen Juden, die den 10. November 1938 in Wien miterlebt
hatten, und dann in den Konzentrationslagern, von ihren altreichsdeutschen Glaubensgenossen zu hören be-
kamen, um wie viel milder die deutsche SS am gleichen Tage, demselben Befehl von oben gehorchend, vor-
gegangen war!‡

Es gibt viele vergleichbare Stellen in Pytells Abschlusskapitel, die nur auf eine unreichende Kenntnis der Biographie
und Bibliographie Viktor Frankls zurückzuführen sein können – wohlwollend betrachtet, d.h. wenn wir nicht an-
nehmen wollen, dass Pytell auch hier seine Leser bewusst in die Irre führt.
Es ist nun etwas müßig, die vielen vergleichbar kleineren und größeren Fehlgriffe Pytells zu diesem Thema aufzuzäh-
len. Daher will ich aus meiner Liste etwas beliebig einen Punkt herausgreifen, den ich für eine weitere wesentliche
Verkennung der wirklichen Umstände halte:

Frankl verspürte offensichtlich eine Verpflichtung, nach Wien zurückzukehren, um den Nationalsozialisten
zu verzeihen (S.153)

Das zeugt nicht nur von Pytells mangelhaften Kenntnis von Frankls Biographie – tatsächlich ist er nach Wien zu-
rückgekehrt, um nach seiner Mutter und seiner ersten Frau zu suchen, über deren Schicksal (die Mutter wurde in
Auschwitz vergast, seine erste Frau starb an den Folgen der Internierung kurz nach der Befreiung des Lagers Bergen-

* Frankl, V. E. (1946). Lebenswert und Menschenwürde. In: Niemals vergessen! Ein Buch der Anklage, Mahnung und Verpflichtung.
Ausstellungskatalog. Wien: Jugend und Volk. In: (2006). Gesammelte Werke Band 2. Wien: Böhlau
† Vgl. die Textsammlung in: Frankl, V.E. (2006). Gesammelte Werke Band 2. Wien: Böhlau, IV.3
‡ Frankl, V.E. (1946). Zum letzten Mal: Das verhängte Fenster. Wien: Viktor-Frankl-Schriftenarchiv In: Frankl, V.E. (2006). Gesam-

melte Werke Band 2. Wien: Böhlau


46
Belsen) er noch nichts erfahren hatte –, es ist diese Behauptung schlicht absurd. Es ist ja Frankls Kündigungs-
schreiben erhalten geblieben, das er seinerzeit in Bad Wörishofen hinterlegte, um seine Entscheidung, mit dem nächs-
ten illegalen Transport nach Wien zurückzukehren, zu begründen. Frankl schreibt darin:

Ich fahre nach München, weil ich dort nach einer Gelegenheit suche, um nach Wien zurückzukehren. Dort
muss ich nach meiner alten (herzkranken) Mutter und nach meiner jungen Frau suchen; beide waren wie ich
im Konzentrationslager und wir wurden dort voneinander getrennt. Bis jetzt habe ich von ihnen keine Nach-
richt.
Selbstverständlich habe ich die Absicht, aus Wien wieder zurückzukehren und meine Verwandten – sofern
ich sie finde – mitzubringen. Das ist für mich eine eindeutige Gewissensentscheidung, über die zu diskutieren
ich nicht bereit bin, da sie für mich nur allzu klar ist. Einst habe ich mich geweigert, in die Vereinigten Staa-
ten zu gehen, obwohl ich ein Visum hatte: Ich konnte meine alten Eltern während des Krieges nicht alleine
in Europa zurücklassen! Also blieb ich bei ihnen – andernfalls wäre ich nicht in die Konzentrationslager ge-
bracht worden. Ich bereue in keiner Weise, mich so entschieden zu haben. Es war für mich schlicht eine Fra-
ge der Verantwortung; niemand konnte mich davon entbinden. Nun ist es dasselbe: Ich habe das sichere und
bestimmte Gefühl, dass ich gehen muss, um meine Mutter und meine Frau zu finden. Und ich denke, dass
Sie mir glauben werden, dass mir dies einzig von meinem Gewissen vorgegeben wird. Denn es wäre selbst-
süchtig von mir, wenn ich hier weiterarbeiten würde – auch wenn ich es vorziehen würde, hier zu bleiben, wo
es mir ermöglicht wird, zu arbeiten und unter guten Bedingungen zu leben.*

Soviel zu Pytells Idee, Frankl wäre nach Wien zurückkehrt, nicht um nach seinen Verwandten und Freunden zu su-
chen, sondern weil er nichts besseres zu tun hatte, als den Nationalsozialisten zu verzeihen – nebenbei denselben
Nationalsozialisten, die seinen Vater, seine Mutter, seine Frau, sein ungeborenes Kind, seinen Bruder und viele
Freunde und Bekannte Frankls auf dem Gewissen hatten.
Was ich an Pytells Arbeit in diesem Zusammenhang bedrückend finde, ist sowohl die Unzulänglichkeit seiner Re-
cherchen als auch der Mangel an Respekt vor Frankls eigenem Schicksal und dem Schicksal seiner Familie; abgesehen
davon, dass Pytells Ausführungen ohnehin nicht gerade stimmig sind. Vielleicht bedarf es aber auch einer besonderen
Gabe und eines ausgeprägten Mutes zur Geschmacklosigkeit, wenn Pytell schreibt, dass Frankl letztendlich „durch
die Gewalttaten von Auschwitz moralisch geläutert worden sei“ (S.161). Geläutert wovon? Dieser Satz ist nicht nur
geschmacklos, sondern macht auch im Gesamtkontext von Pytells Sicht wenig Sinn, wenn Pytell sich davor doch alle
Mühe gegeben hat, zu zeigen, dass Frankl doch „ohnehin nur ein paar Tage“ in Auschwitz gewesen sei und daher
auch nicht befugt sei, sich zu diesem Thema eingehender zu äußern. Zugleich schreibt Pytell am Ende seines Buches
den folgenden – wie ich finde überaus rätselhaften – Satz:

Als Überlebender hatte jeder in Frankls Generation irgendeine Grundschuld (S.157).

Pytell begründet diese Ansicht einer Kollektivschuld der überlebenden Opfer nicht weiter, aber ich vermute, dass er
auf Grundlage dieses philosophischen Modells überhaupt erst den Versuch unternahm, eben auch Frankl „irgendeine
Grundschuld“ anzudichten und dabei ergriffen und umgedeutet hat, was ihm in die Hände kam. Wie wir gesehen
haben, auch auf Kosten der historischen Wirklichkeit, und sei sie so unbestreitbar wie Jahreszahlen oder der Name
von Institutionen, oder auf komplexerer Ebene medizinethische Wertungen. So und nicht anders kann ich mir auch
nur erklären, warum Pytell so leichtfertig auch andere an sich über jeden Verdacht erhabene Personen in die Nähe
des Nationalsozialismus, oder zumindest des Faschismus rückt. Alfred Adler hält er für „autoritär“ (S.39), von Char-
lotte Bühler schreibt er, sie sei vielleicht antisemitisch, aber jedenfalls konservativ „und manche meinen, faschistisch“
(S.54) gewesen (allerdings ohne zu sagen, wer diese „manche“ sind). Zu Leo Baeck äußert Pytell: Weil er in
Theresienstadt die Last auf sich nahm, den Ghettoinsaßen nicht zu sagen, was er über das Vernichtungslager Au-
schwitz wusste – Baeck meinte, die Situation der Internierten sei auch so schon schlimm genug gewesen -, behauptet
Pytell, dass Baeck den Nazis geholfen habe, Zwangsarbeitskräfte kampflos für sich zu gewinnen. Also lautet sein Ver-
dikt: „äußerst zweifelhaft“ (S.188). Selbst Max Weber wird von Pytell unter Generalverdacht gestellt: Pytell deutet
nämlich im Haupttext seines Buches an, Weber hätte vielleicht, wenn er nur lange genug gelebt hätte, „Sympathien
für das Gedankengut der Nationalsozialisten gehabt“ (S.93).

* Brief an Cpt. Schepeler, Juni 1945. In: Frankl, V.E. (2005). Gesammelte Werke Band 1. Wien: Böhlau, S. 121
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Die Grundprämisse von Pytells Anschuldigungen und Denunziationen scheint zu lauten: nicht nur hatte „jeder Über-
lebende in Frankls Generation irgendeine Grundschuld“ (S.157), sondern auch diejenigen, die vor der Machtergrei-
fung der Nationalsozialisten eines natürlichen Todes starben, stehen zunächst einmal unter dem Generalverdacht der
Kollaboration oder Hinwendung zum Nationalsozialismus. Damit kehrt Pytell die Beweislastfrage um – eine Metho-
de, die geschichtswissenschaftlich unhaltbar ist und typischerweise genau von jenen eingesetzt wurde, in deren Nähe
Pytell die genannten Personen rücken will.
Sofern Pytell überhaupt bereit ist, jemandem keine Grundschuld zuzusprechen, dann wohl nur denjenigen, die die
KZs nicht überlebten; aber auch das stimmt nicht ganz, weil Pytells Argumentation zufolge etwa Regina Jonas und
Karel Fleischmann als Kollaborateure in den Gaskammern von Auschwitz umgebracht wurden, da sie zuvor in
Theresienstadt versuchten, ihre Lagerkameraden zu trösten und vom Selbstmord abzuhalten. Das alles ist sehr pro-
blematisch, und – das sei mir als abschließende Bemerkung erlaubt – ich halte das auch unter moralischen Gesichts-
punkten für zutiefst falsch. Denn was wir hier diskutierten, ist nicht nur theoretisch relevant: Pytell hat ein Gerücht in
die Welt gesetzt, das Frankl als Opfer des Nationalsozialismus – und mit ihm seine Familie, seine Freunde und seine
erste Frau – in einer perfiden Weise erneut zum Opfer werden lässt.
Lassen Sie mich das erklären: Ich weiß nicht, ob Pytells Buch viele Leser überzeugen wird – ich habe meine be-
gründeten Zweifel. Aber die wenigen Rezensionen, deren Verfasser sich augenscheinlich kaum die Mühe gegeben
haben, Pytells Buch überhaupt zu lesen (siehe z.B. Sybille Fritsch in Psychologie heute) und entsprechend unkritisch
kolportieren, dass Pytell nachgewiesen habe, dass Frankls Lebenslauf „dunkle, bzw. braune Flecken“ habe, haben zur
Verbreitung dieser unbegründeten Anschuldigungen beigetragen. Wieviele der Leser sind es, die nun aufgrund dieser
Rezension glauben, dass Frankl vom Faschismus fasziniert, die Nähe der nationalsozialistischen Psychotherapiebewe-
gung suchte und für die Nazis „mit Juden Experimente durchführte“ usw.? Und wie wenige dieser Leser werden zum
Beispiel dieses Buch oder die hervorragende Stellungsnahmen von Professor Karlheinz Biller oder Frau Dr. Boglarka
Hadinger lesen?
Es gehört zu den Tiefpunkten der Verhöhnung eines Opfers des Nationalsozialismus, diesem sein Opfersein abzu-
sprechen und aufgrund einer wie auch immer begründeten Abscheu und Verachtung als Kollaborateur zu bezeich-
nen. Wir reden hier also nicht mehr nur von einer kollektiven Beschuldigung und Verurteilung der „gesamte Genera-
tion der überlebenden“ Opfer des Holocaust durch Pytell, sondern von dem Andenken an einen Menschen, der,
wenn ich das so plakativ sagen darf, in den Baracken und auch noch nach seiner Befreiung Momente tiefster men-
schlicher Verzweiflung durchlebte und es sich dennoch nicht nehmen ließ, in seiner Berufung als Arzt und Psychiater
tausende Menschen zu trösten und zu heilen, die seiner Hilfe und Aufmerksamkeit bedurften; und der wohl auch in
seinen Erfahrungen die Grundlage für den besonderen Auftrag fand, ein Werk zu schaffen, dass die Psychologie und
Psychiatrie um die Sinndimension und Anerkennung der Unbedingtheit der menschlichen Würde bereicherte.

Herr Dr. Batthyany, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.


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Personenindex

Adler, A.
Allers, R.
Baeck, L.
Berkeley, G.
Berze, J.
Biller, K-H.
Bleuler, E.
Bühler, C.
Carus, C.G.
Cocks, G.
Corrigan, T.
Ebneth, R.
Eliasberg, W.
Fischer, B.
Fleischmann, K.
Frankl, E.
Freud, S.
Fritsch, S.
Goebbel, J.
Goethe, J.W. v.
Goldstein, D.
Göring, H.
Göring, M.H.
Grosser, T.
Gsur, H.
Hadinger, B.
Haeberlin, A.
Hahn, D.
Hegel, G.H.W.
Heidegger, M.
Hildebrand, D. v.
Hitler, A.
Humboldt, A. v.
Jonas, R.
Kauders, O.
Kogerer, H.
Kretschmer, E.
Kronfeld, A.
Kwiet, K.
Laun, A.
Leibniz, G.
Loewy, H.
Mann, T.
Mauczka, A.
Milgram, S.
Munk, E.
Neugebauer, W.
Nietzsche, F.
Nöstlinger, E.
Novalis, F.
Nowotny, K.
O’Keefe, T.
49
Polak, P.
Pötzl, O.
Rappaport, E.
Reich, D.
Scheler, M.
Schopenhauer, A.
Schuschnigg
Schwarz, O.
Stransky, E.
Weber, M.
Wellisch, E.
Zimbardo, P.G.
50

Danksagungen

Mein erster Dank gilt Herrn Franz Dorner, Redakteur der Zeitschrift no:os, für die Idee dieses Gesprächs und seine
auszugsweise Erstveröffentlichung in einer Sondernummer von no:os (2:2006).
Besondere Danksagungen ergehen an Univ.-Prof. Dr. Geoffrey Cocks (Julian S. Rammelkamp Professor of History,
Albion College, Albion, Michigan) und Univ.-Prof. Dr. Manfried Rauchensteiner für die fachliche und kritische
Durchsicht der Erstversion dieses Gesprächs, sowie die zahlreichen wertvollen historischen Hinweise und Korrektu-
ren. Danksagungen ergehen auch an meinen Assistenten an der wissenschaftlichen Abteilung des Viktor-Frankl-
Institus in Wien, Herrn Georg Kranz für seine sorgfältigen Korrekturen der Endfassung des Manuskripts.
Gedankt werden soll auch dem Bibliotheksdienst der Arbeiterkammer Wien, dem Dokumentationsarchiv des Öster-
reichischen Widerstands in Wien, der Fachbibliothek für Psychologie der Universität Wien, der Bibliothek der Sig-
mund-Freud-Privatstiftung in Wien, dem Institut für Geschichte der Medizin in Wien, dem Alfred-Adler-Archiv für
Individualpsychologie und der Staatsbibliothek Berlin (Archivabteilung) für die freundliche Unterstützung bei den
Recherchearbeiten.