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Campus Essen

Fachbereich Bildungswissenschaften
Professur für Klinische Psychologie
Dr. Ulrich Kobbé

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Datum 31.03.2006

Täter – Techne - Temperamente


Soziale Repräsentanzen des Umgangs mit dem Bösen

Einleitung wie intersubjektiven – Bedingungen sozia-


ler Wahrnehmung und sozialer Beurteilung.
›Gefährlichkeit‹ ist »ein relativer, Parallel zu empirischen Untersuchungen
vom gesellschaftlichen System und den î der Prävalenz und institutionellen Dyna-
aus ihm resultierenden Wertungen abhän- mik psychosomatischer Reaktionen (Kob-
giger Begriff« (Fromm, 1931, 144). Geht bé, 2002b) und
man davon aus, dass das individuelle wie î der Verhaltensattribution und kooperati-
kollektive Wahrnehmungs-, Urteils-, Ver- ven Verhaltenserwartung als Dialektik von
ständnis-, Erinnerungs- und Deutungsver- Compliance, Anpassung und/oder Unter-
mögen durch ›soziale Repräsentationen‹ werfung (Kobbé, 2000a)
(Flick, 1995) mit-/determiniert werden, so konnte daher im Rahmen einer Feldstudie
fällt auf, dass der heutige § 63 StGB, der die soziale Wahrnehmung beziehungswei-
die Unterbringung im psychiatrischen Kran- se Beurteilung durch dort tätige Behandler
kenhaus als ›Maßregel der Besserung und untersucht werden, um Anhaltspunkte da-
Sicherung‹ regelt, den Begriff der Gefähr- für zu gewinnen, wie die Herstellung des
lichkeit nicht mehr enthält. Dennoch bleibt Wissens mit sozialen Repräsentationen
gerade angesichts der Renaissance gefah- zusammen- und von anderen Faktoren in-
renabwehrender Diskurse anzuzweifeln, tersubjektiver Art abhängt. Ausgewählt wur-
dass der Gefährlichkeitsbegriff »nur Relikt de die für forensisch-psychologische Fra-
historischer Entwicklung« ist und dennoch gestellungen wesentliche Beurteilung der
als »weiterhin gültige Ideologie von ehe- ›Gefährlichkeit‹, konkreter, der ›Deliktrele-
mals [...] – einer kosmetischen Operation vanz‹ der symptomatischen Verhaltens-,
unterzogen – schnell wieder zum Vor- Reaktions- und Handlungsweisen forensi-
schein« gekommen ist (Hinz, 1987, 23). scher Maßregelvollzugspatienten. Bezüg-
Vergegenwärtigt man sich, dass es lich der allgemeinen Einstellung zur ›Ge-
trotz erheblicher Bemühungen um die me- fährlichkeit‹ von Rechtsbrechern wird in
thodische Standardisierung und Objektivie- sozialpsychologischen Arbeiten (Abele,
rung prognostischer Inventare gleichwohl 1983) auf die die, wie Rottleuthner (1973),
zu einer Überschätzung dieser Methoden Oswald (1994) und Weimar (1996) für den
und Instrumente wie zu einer ›overpredicti- Bereich der Psychologie richterlichen Ent-
on‹ der Gefährlichkeit forensischer Patien- scheidungsverhaltens zeigen konnten, we-
ten (Weber, 1998; Kobbé, 1998a) wie zur sentliche Funktion von Vorurteilsbildungen
tatsächlichen Delikt- und Rückfallrelevanz gegenüber Straftätern als beeinflussenden
von Einstellungen, Symptomen und Verhal- psychologischen Komponente hingewie-
tensweisen kommt, bedarf es einer Unter- sen.
suchung der subjektiven Praxis des Beur-
teilungsverhaltens und deren – subjektiven
2/8

Untersuchung zur Affektlogik: Keywords des Seminars waren die Motiva-


tion, die narzisstische Verführbarkeit der
Vorurteilsstrukturen TherapeutInnen, die Auswirkungen der
Die Fragestellung der (emotionalen) Auseinandersetzung mit Quanten archai-
Reaktionen auf Straftäter muss sich zwangs- scher Destruktivität, Wut, Hass und Per-
läufig auch in den professionellen Einstel- version.
lungen, Reaktionsbereitschaften und Hand- Diese Durchführung eines Seminars
lungsmustern – in ›Temperamenten‹ und mit nicht-forensischen PsychotherapeutIn-
deren affektiver Logik – niederschlagen, nen zu deren ›malignen Erfahrungen‹ in
die man den Übertragungsphänomenen zu- der Arbeit mit Tätern ergab die Möglichkeit,
rechnen kann. die affektlogische (Vorurteils-)Struktur der
Als die 6. Arbeitstagung des Wil- TeilnehmerInnen (n = 12) versuchsweise
dunger Arbeitskreises für Psychotherapie exemplarisch mit Hilfe eines ›Semanti-
(WAP) 1991 unter dem Tagungsthema schen Differentials‹ aufzuklären.
›Selbstzerstörung – Weltzerstörung – Vom Aus der Graphik (Diagr. 1) lässt sich
Umgang mit dem Bösen‹ stattfand, ergab ersehen, dass forensischen Patientten auf
sich die Gelegenheit zur Durchführung ei- einer 6-stufigen bipolaren Skala zwischen
nes Seminars mit dem Titel ›Maligne Erfah- +3 und -3 folgende Eigenschaften mit Mit-
rungen – Der Straftäter, sein Therapeut telwerten über +1,5 respektive -1,5 attribu-
und das Böse‹ (Kobbé, 1991). Ausgehend iert wurden: trostlos – klein – kalt – unklar –
von der Arbeit Strasser über die kriminal- unruhig – krank – gespannt – traurig – un-
wissenschaftliche »Erzeugung des Bösen« vertraut – unschön – feige – unfrei –
in der Konfrontation mit »Verbrechermen- schlecht – unangenehm – aggressiv. Inter-
schen« (Strasser, 1984) diskutierten die pretiert man dieses Ergebnis als Ausdruck
Teilnehmerinnen, in wie weit sich das so genannter ›persönlicher Konstrukte‹
Selbstverständnis von TherapeutInnen im (Kelly, 1986) mit dichotomer Struktur, so
Maßregelvollzug auch darauf bezieht, das lassen sich diese subjektiven Bedeutungs-
eigene ›Böse‹ im zwangsuntergebrachten räume mit Hilfe einer ›Repertory Grid Tech-
Patienten zu kontrollieren und worin sich nik‹ (Riemann, 1986; Kobbé, 2004, 215-
beide Anteile komplementär zueinander 216) näher aufklären.
verhalten.

viel - w enig
tot - lebendig
aggressiv - friedlich
unangenehm - angenehm
gut - schlecht
geordnet - ungeordnet
frei - unf rei
statisch - dynamisch
nah - fern
feige -mutig
schön - unschön
unvertraut - vertraut
traurig - heiter
gespannt - entspannt
krank - gesund
ruhig - unruhig
uninteressant -
klar - unklar
kalt - w arm
klein - groß
trostlos - hoff nungsvoll
aktiv - passiv
aufregend - langw eilig
schw ach - stark
hoch - tief
abstoßend - anziehend
-2,5 -2 -1,5 -1 -0,5 0 0,5 1 1,5 2 2,5

Diagr. 1: Semantisches Differential der (Vor-)Urteilsstruktur


3/8

FA 1 FA 2 FA 3 FA 4 FA 5 FA 6 FA 7 FA 8 FA 9 FA 10
Spannung Potenz Aversion Distanz .

K_ 1 abstoßend
K_ 2 hoch
K_ 3 stark
K_ 4 aufregend
K_ 5 aktiv
K_ 6 trostlos hoffnungsvoll
K_ 7 klein groß
K_ 8 kalt warm
K_ 9 unklar klar
K_10 interessant
K_11 unruhig ruhig
K_12 gesund krank
K_13 gespannt entspannt
K_14 heiter traurig
K_15 vertraut unvertraut
K_16 schön unschön
K_17 mutig feige
K_18 nah fern
K_19 dynamisch
K_20 frei unfrei
K_21 geordnet
K_22 schlecht gut
K_23 angenehm unangenehm
K_24 aggressiv
K_25 leblos Diagr. 2: Repertory Grid der (Vor-)Urteilsstruktur
K_26 viel wenig

Im Ergebnis resultierte ein varimax- deutlich, dass diese jeweils nur in zwei
rotiertes 10-Faktorenmodell, das 96,99 % Sektoren, davon primär in einem Sektor,
der Varianz erklärt und aus dem sich erse- des modellhaft dreidimensional aufge-
hen lässt, dass die vorgenannten Attribute spannten, graphisch darstellbaren ›Kompo-
auf den Faktoren 1 ›Spannung‹, 4 ›Po- nentenraums‹ angeordnet sind: Dies betrifft
tenz‹, 5 ›Aversion‹ und 10 ›Distanz‹ laden. î für die Dimensionen 1 / 2 den Sektor A / C,
Verfolgt man dabei die Verteilung der Kon- î für die Dimensionen 1 / 3 den Sektor A / C,
strukte im semantischen Raum, so wird î für die Dimensionen 2 / 3 den Sektor B / C.

DIMENSIONEN 1 2
Dim 2
!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!
! ! ! 1.00
! ! ! 0.90
! ! ! 0.80
! ! ! 0.70
! ! ! 0.60
! ! ! 0.50
! klein unangenehm ! ! 0.40
! feige • • kalt • trostlos ! ! 0.30
! gespannt • traurig • •• • !• unvertraut ! 0.20
! aggressiv • krank ! unruhig ! 0.10
!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!•-!--!--!--! DIM 1
! ! !-0.10
! unklar • • unschön • unfrei !-0.20
! ! • schlecht !-0.30
! ! !-0.40
! ! !-0.50
! ! !-0.60
! ! !-0.70
! ! !-0.80
! ! !-0.90
!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!
-1 -.8 -.6 -.4 -.2 0.0 .2 .4 .6 .8 1.

Diagr. 3: Semantischer Raum der Dimensionen 1 & 2


4/8

DIMENSIONEN 1 3
Dim 3
!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!
! ! ! 1.00
! ! ! 0.90
! ! ! 0.80
! krank • !• unvertraut ! 0.70
! ! ! 0.60
! gespannt • • feige ! ! 0.50
! traurig • • unangenehm ! ! 0.40
! aggressiv • ! ! 0.30
! trostlos • ! ! 0.20
! ! ! 0.10
!--!--!--!--!--kalt • --!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--! DIM 1
! ! !-0.10
! ! !-0.20
! ! • schlecht !-0.30
! ! • unruhig !-0.40
! ! • unfrei !-0.50
! ! !-0.60
! ! !-0.70
! ! !-0.80
! ! !-0.90
!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!
-1 -.8 -.6 -.4 -.2 0.0 .2 .4 .6 .8 1.

Diagr. 4: Semantischer Raum der Dimensionen 1 & 3

DIMENSIONEN 2 3
Dim 3
!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!
! ! ! 1.00
! ! ! 0.90
! ! ! 0.80
! ! • unvertraut ! 0.70
! ! ! 0.60
! !gespannt •• feige ! 0.50
! !traurig • •• unangenehm ! 0.40
! ! ` klein ! 0.30
! ! • trostlos ! 0.20
! ! ! 0.10
!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!• kalt-!--!--!--!--!--!--! DIM 2
! ! !-0.10
! ! !-0.20
! schlecht • ! !-0.30
! !• unruhig !-0.40
! unfrei • ! !-0.50
! unklar • ! !-0.60
! ! !-0.70
! ! !-0.80
! ! !-0.90
!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!--!
-1 -.8 -.6 -.4 -.2 0.0 .2 .4 .6 .8 1.

Diagr. 5: Semantischer Raum der Dimensionen 2 & 3


5/8

90
In der formalen Analyse der dreidi- 80
mensionalen Repräsentation der auf den 70
60
Faktoren 1, 4, 5 und 10 ladenden Konstruk- 50
te lässt sich ersehen, dass die Ähnlich- 40
keitsbeziehung der Konstrukte zueinander 30
keineswegs so eng sind, wie dies die Re- 20
10
duktion auf einem gemeinsamen Faktor

Hassheu

Racheung
0

Schameu

Erregungm
sexuellem
nahezulegen scheint, wenngleich die An-

Langeweilee
Wut
Angst

Mitleid

Abscheu

Schuldgefühle
ordnung im selben Sektor eines Raums ge-
ringer Dimensionalität auf eindeutige Ähn-
lichkeitsbeziehungen hinweist. So macht
die versuchsweise Benennung dieser Fak- Diagr. 6: ›Welche Gefühle darf ein Mitarbeiter im
Maßregelvollzug – etwa beim Lesen von Krankenge-
toren zwar einerseits möglich, die abstrak- schichten – empfinden?‹ (in %)
ten forensischen Patienten zugeschrie-
benen Eigenschaften und hiermit korre- In der Tat findet sich diese Tendenz
spondierenden affektiven Reaktionen im – nicht bezüglich ›unstatthafter‹ Racheim-
Sinne pulse, sondern auch bezüglich anderer
î einer beunruhigenden – mithin unlustvol- Emotionen (Hass, Langeweile, sexuelle Er-
len – Anspannung des Beurteilenden, regung), aber auch Scham und Schuld –
î einer depotenzierenden – destituierenden deutlich ausgeprägt bei dem untersuchten
– Imagination bedrohlicher Alterität, Klientel psychotherapeutischer Seminarteil-
î einer subjektiv aversiven Reaktion auf die nehmerInnen ohne Maßregelvollzugspraxis
Projektion aggressiver Intersubjektivität, (schraffiert). Während die erste Gruppe
î einer subjektiv entwertenden Reaktion diese Reaktionen vermutlich verleugnet,
auf die projektiv-identifikatorische Ideali- scheinen sich die anderen Befragten dieser
sierung des anderen Anteile bewusst(er) zu sein und reflek-
zu skizzieren, doch vereinfacht ein solches tiert(er) und/oder selbstkonfrontativ(er) mit
Vorgehen die zweifelsohne äußerst kom- ihnen umzugehen.
plexen intra- und intersubjektiven Bezie-
hungen.
Untersuchung zur Affektlogik:
Untersuchung zur Affektlogik: Antipathien
Dispositionen Ein weiterer Untersuchungsansatz
von Schott & Nunnendorf bezog sich auf
Diese ließen sich unter Bezugnah- die Frage nach den bewussten Gegenüber-
me auf vorhergehende Felduntersuchun- tragungsbereitschaften aggressiver Art.
gen von Schott & Nunnendorf (1989) be- Auch diese Befunde (grau markiert) ließen
züglich der emotionalen Disposition und sich mit der vorgenannten eigenen Gruppe
ausgelösten affektiven Reaktionen in einer von n = 12 psychotherapeutischen Fach-
zweiten Untersuchung desselben Teilneh- kräften (schraffiert) replizieren.
merInnenkreises (Kobbé, 1991) weiter dif-
ferenzieren.
60
Die emotionalen Reaktionen von n 50
40
= 36 MitarbeiterInnen des Maßregelvoll- 30
zugs (grau markiert) kommentieren Schott 20
Tendentenechkeit

& Nunnendorf (1989, 102) wie folgt:


regressivechkeit

10
mangelndeechkeit

0
Ansprüchlichkeitn

Introspektionsfähig

»Insgesamt scheinen distanzierende Gefüh-


keine Antwort
Unechtheit

Widerstand

Sonstiges

le, die sich vermutlich gegen die Tat oder den Täter
richten, eher als legitim empfunden zu werden. Auf-
keit

fällig ist die niedrigste Nennung bei ›Rache‹, einem


Gefühl oder Ressentiment, das in der Normalbevöl-
kerung vermutlich außerordentlich weit verbreitet
ist.«
Diagr. 7: ›Was ärgert Sie besonders an Patienten?‹
6/8

Zu diesem Ergebnis stellen Schott deutet die relativ geringe Berücksichtigung


& Nunnendorf (1989, 105-16) fest: der Begriffsgruppe ›eigene Gefühle und
»Hier zeigt sich […], dass sich etwa die Bedürfnisse‹ [durch die von Schott & Nun-
Hälfte der Antworten auf negative Eigenschaften des nendorf untersuchte Gruppe (grau mar-
Patienten (Ansprüchlichkeit, regressive Tendenzen), kiert)], dass solche Gefühle und Bedürf-
die andere Hälfte auf die Gestaltung der Arbeitsbe- nisse möglicherweise verdrängt oder nicht
ziehung durch den Patienten (Unechtheit, Wider- als legitim akzeptiert werden. Bekannter-
stand, mangelnde Introspektionsfähigkeit) bezog.
maßen können aber gerade auf diesem
Bei den Eigenschaften, die beim Patienten Gebiet Probleme (unbearbeitete Gegen-
nicht gemocht werden, handelt es sich sowohl um übertragungsreaktionen) entstehen. Das
passiv-orale (Ansprüchlichkeit) sowie um anale Hal-
tungen (regressive Tendenzen) mit schizoiden Antei- Akzeptieren und die Bearbeitung von eige-
len. In ausgeprägtem Maße stellen aber die Formen nen Gefühlen und Bedürfnissen […] ist da-
von Beziehungsabbruch (Unechtheit, Widerstand) her von besonders großer Bedeutung. An-
Beispiele anal aggressiven Verhaltens dar, die of- dererseits lässt sich anhand der großen
fenbar als besonders unangenehm empfunden wer- Zahl von Nennungen bei ›arbeitsbezogener
den.
Motivation‹ vermuten, dass die Mitarbeiter
Dies ist um so bemerkenswerter, weil bi im Maßregelvollzug – jedenfalls die Teil-
dieser Frage kein einziges Mal etwa hohe Aggressi- nehmer der Arbeitsgruppen – hoch enga-
vität, Gefährlichkeit oder störende sexuelle Äußerun-
gen genannt wurden.« giert und motiviert sind, bzw. durch team-
bezogene und selbständige Arbeit sehr
Auch hier zeigt sich bei den psycho- stark motiviert werden können« (Schott &
therapeutischen Fachkräften außerhalb der Nunnendorf 1989, 101). – Diese Motivati-
Forensischen Psychiatrie ein insofern an- onshaltung stellt sich bei der eigenen Un-
deres Selbst- und Fremderleben, als ein tersuchungsgruppe (schraffiert) anders dar:
Teil der oben genannten Verhaltensweisen Nicht nur erfolgten deutlich weniger Nen-
als weniger oder gar nicht kränkend bezie- nungen von Motiven, sondern die Anteil ei-
hungsweise verärgernd erlebt, dafür über gener Bedürfnisse und Gefühlslagen ist mit
unter ›Sonstiges‹ die von Schott & Nunnen- 27,9 % aller Antworten gegenüber 21,0 %
dorf in ihrer Stichprobe vermissten fremd- bei der ersten Gruppe zeigt auf, dass Ein-
aggressiven Verhaltensweise (Drohen, A- stellung, Selbstbild, Selbstreflexion und
gieren) genannt werden. Selbsterleben in engem Zusammenhang
stehen.

Untersuchung zur Affektlogik:


Motive Diskussion
Aufschluss über die diese Unter- Als exemplarische Teilergebnisse
schiede bedingenden Faktoren lässt sich bieten die seminarbegleitenden ›Diagnosti-
unter Umständen aus der unterschiedli- ken‹ einen punktuellen Einblick in die über-
chen Beantwortung der nachfolgenden determinierte Verschränkung von intra- und
Frage zu ›erlaubten‹ Motiven einer Tätig- intersubjektiven Dynamiken. Dabei manife-
keit in der Forensischen Psychiatrie gewin- stiert sich in diesen Facetten, dass die
nen: Unmittelbarkeit der Übertragung zwar af-
60
fektiver Natur ist und sich als »Erscheinung
50
eines Gefühls«, eines starken Affekts des
40
Hasses oder der Liebe, zeigt (Lacan 1951,
30
225), dass die Übertragung jedoch nicht in
20

10
dieser Emotionalität, sondern in der durch
0
die Emotionen verdeckte strukturelle inter-
arbeitsbezogene unspezifisches eigene Gefühle subjektive Beziehung besteht. Wie anhand
Motivation Interesse und Bedürfnisse der oben im einzelnen herausgearbeiteten
(Neugier,
Abwechslung … ) affektiven Qualitäten nachvollziehbar ist,
gehören diese der Ordnung des Imaginä-
Diagr. 47: ›Welche Motive, im Maßregelvollzug zu ren an, doch kennzeichnet Lacan die Über-
arbeiten, halten Sie für legitim?‹ tragung zugleich auch als Bestandteil des
Da die Fragestellung – wenn auch Symbolischen, als Akt eines symbolischen
nur indirekt – Aufschluss über die eigenen (Aus-)Tauschs, einer symbolischen Über-
beruflichen Wertvorstellungen gibt, »be- tragung im Sprechen.
7/8

In diesen – offensichtlicheren – affek- (1956, 275) als »Drängen des Signifikan-


tiven Reaktionen handelt es sich sowohl ten« und macht zugleich auf den intersub-
um narzisstisch auf das reflexive Subjekt jektiven Charakter dieses Haftens »am
und sein Selbstbild bezogene Liebesgefüh- imaginären Widersinn der Identifizierung
le als Form imaginärer Gegenseitigkeit und mit dem anderen« aufmerksam. Dieses
illusorischer Phantasie der Aufhebung und »Drängen eines Sprechens« erinnere nicht
Leugnung von Differenz, des Einsseins mit nur daran, »dass das Unbewusste wesent-
dem anderen, als auch um die zugleich – lich Sprechen, Sprechen des anderen«, ist,
Ambivalenz erzeugende – Aggressivität als sondern auch daran, dass es nur als be-
autoaggressive Spannung gegenüber dem deutungsvoll (an-)erkannt werden kann,
Selbstbild wie fremdaggressive Infragestel- wenn diese anderes es »zurücksendet«
lung des benötigten – in Hassliebe ver- (Lacan 1956, 274), was in der zwanghaften
langten und zurückgewiesenen – anderen. Wiederholung unbewusst zu bewirken ge-
Insofern ist der affektive Übertragungsan- sucht wird.
teil ein, wie oben ersichtlich, mehr oder
Wenn denn ›Psychotherapie‹, und
weniger bewusster Widerstand , der als
so erst recht wohl auch forensische Psy-
»Effekt des Ichs« auf der imaginären Ach-
chotherapie, eine (therapeutische) Kunst
se der Spiegel des Selbst im anderen an-
darstellt, wie sie Gregor von Nazianz1 als
gesiedelt ist und dazu dient, sich das durch
techne technon – – (Foucault,
ein bedeutungsvolles – deutendes, in die-
1983, 116), als ›Kunst der Künste‹ be-
ser Verdeutlichung bewusst machendes –
schrieb, dann bedarf es angesichts der in
Sprechen des Anderen bedrohte Begehren
dieser Feldstudie etwas eingehender be-
als (unbewusstes) Subjekt zu bewahren,
forschten sozialen Repräsentationen, ihrer
sprich, temporär die Integration des Ob-
affektiven ›Logiken‹ und (Wiederholungs-
jekts in die signifikante Kette zu verhindern
)Dynamiken, in der Arbeit mit Tätern einer
In ihrem parallel bestehenden Wiederho-
professionellen Haltung, deren selbstrefle-
lungsaspekt tendiert der/die Betreffende
xiver Aspekt als spezifische Form der ›See-
dazu, sich quälenden Situationen wieder
lenführung‹ – techne technon eben – un-
und wieder auszusetzen, diese zwanghaft
abdingbar ist und von Foucault (1984) als
zu reinszenieren und dabei sein Unbe-
»Ethik einer Sorge um sich«, als eine spe-
wusstes zu artikulieren. Dieses ›Skript‹ frü-
zifische Form der ›Selbstsorge‹ ausgear-
her verinnerlichter intersubjektiver Struktu- beitet wurde (Foucault, 1989).2
ren (Kobbé 1998c, 670-671) bezeichnet
Lacan

1
Gregor von Nazianz, ¥ ~334, † ~390, grch. Kirchenlehrer,
Bischof vom Sasima (Kappadokien), Metropolit von Kon-
stantinopel
2
Nachtrag: Für den forensisch-psychotherapeutischen Ar-
beitsbereich siehe auch Kobbé (2008).
8/8

Literatur3
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Dr. Ulrich Kobbé


Universität Duisburg-Essen
- Campus Essen -
D-45117 Essen
ulrich@kobbe.de

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aktualisiert 05/2010.