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ABHANDLUNGEN ZUR MUSIKGESCHICHTE

In Verbindung mit Ulrich Konrad und Hans Joachim Marx herausgegeben von Martin Staehelin

Band 5

JOACHIM LÜDTKE

Die Lautenbücher Philipp Hainhofers

(1578-1647)

VANDENHOECK & RUPRECHT IN GOTTINGEN

Mus.th.

2000.

539

Mit 4 Abbildungen und vielen Notenbeispielen

Die Deutsche Bibliothek - C1P-Einheitsaufnahme

Lüdtke, Joachim:

Die Lautenbücher Philipp Hainhofers: (1578-1647) / Joachim Lüdtke. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1999 (Abhandlungen zur Musikgeschichte; Bd. 5) Zugl.: Göttingen, Univ., Diss., 1997 ISBN 3-525-27904-3

© 1999 Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen. Printed in Germany. - Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Druck: Hubert & Co., Göttingen

^

Portraitzeichnung Philipp Hainhofers, Lucas Kilian zugeschrieben Schwarze Kreide, 162 zu 123 mm Stockholm, Statens Konstmuseer, NM H 1900/1863

Considerez s 'il vous plais [

]

les grandes difficultez ä la lecture des manu-

scripts, principalement

ä quelques noms propres

(Philipp Canaye: Lettres. 1 Paris 1645, „L'Imprimeur au lecteur")

I sometimes think it might prove useful to some, and entertaining to others; but

the world may judge for

itself

(Anne Brontg: Agnes Grey. 1847. Chapter I)

Vorwort

Die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel bewahrt ein umfangreiches, zweibändiges Manuskript mit Lautenmusik vom Beginn des siebzehnten Jahr- hunderts. Obwohl die Handschrift seit langem bekannt ist und ihr ursprünglicher Besitzer eine Vielzahl von meist am gleichen Ort aufbewahrten und vielbe- achteten Briefen, Tagebüchern und anderen Schriften hinterlassen hat, ist sie bis- her nicht das Objekt einer eigenständigen Studie gewesen. Die vorliegende Arbeit soll - über musikwissenschaftliche Fragestellungen hinaus - Philipp Hainhofers Lautenbücher im Zusammenhang mit der Lebensge- schichte ihres Besitzers und der Zeit- und Kulturgeschichte am Ende des sech- zehnten und Beginn des siebzehnten Jahrhunderts darstellen. Da bisher nur Stichpunkte und wenige, dafür aber detailliert beschriebene Ausschnitte bekannt waren, erscheint zunächst eine vollständige Biographie, die sich nicht nur in ei- nem knapp aufgefüllten Rahmen von Daten erschöpft, als Teil einer solchen Dar- stellung notwendig. Bei einem Musikaliensammler mit so breitem kulturhistori- schen Lebenshintergrund erscheint es ebenso unentbehrlich, die Musik und die Texte der Lautenbücher nach Möglichkeit in einen weiteren Zusammenhang zu stellen, als durch bloßes Aufzählen von anderen Überlieferungen in Lauten- büchern gegeben wäre. Die Bedeutung etwa eines Repertoires von geistlichen Liedern in einer Quelle aus dem konfessionellen Zeitalter kann nicht auf die von beiläufig gesammelten Stücken reduziert werden, und in einer Sammlung wie dieser treffen sich weitreichende Überlieferungen mit solchen, die nur jenem Ausschnitt der Zeit vom späten sechzehnten bis in das frühe siebzehnte Jahr- hundert angehören, in welchem die Quelle entstand. Diese Aspekte verlangen ei- ne angemessen breite Darstellung.

In der Zeit von der Fertigstellung dieser Arbeit bis zu ihrer Drucklegung bin ich auf eine Reihe von Publikationen aufmerksam geworden, die mir zunächst entgangen waren oder die erst in dieser Zeit erschienen. COELHO, Manuscript Sources (zur Auflösung von Literatur- und Quellensigeln vgl. weiter unten im Abschnitt „Zitierweise und Bezeichnungen") - Victor Coelho's überarbeitete und erweiterte Fassung seines Katalogs der italienischen Lautenmanuskripte des siebzehnten Jahrhunderts, durch die ich auf Robert Spencer's hervorragende Ein- führung zu dem Faksimile der Handschrift Werl gewiesen wurde - stand mir ur- sprünglich in der Form als Dissertation von 1989 zur Verfügung. Durch diese Veröffentlichung wurde mir die Zugehörigkeit eines Stückes in Hainhofers Lau- tenbüchern (XII/3 „Une courante francoise Joan. Perrichonius") zu einer weitläu- figen Überlieferung gewahr, was ich vorher übersehen hatte. Dies hat zu einem Nachtrag an der entsprechenden Stelle im Handschrifteninventar geführt. BAUR, Handschriftliche Eintragungen, hat mich auf vier verwandte Versionen von Stücken in Hainhofers Lautenbüchern gewiesen; auch hier waren Nachträge im

VIII

Vorwort

Inventar notwendig. KlRÄLY, Besard fügt den Daten zu Besards Leben noch des- sen Immatrikulation an der Universität Heidelberg im Jahre 1592 zu und ent- deckt sein Autograph in einer Reihe von Stücken der Handschrift Krakau 40143. CRAIG-MCFEELY, English Lute Manuscripts (Appendix 1, PL-Biblioteca Jagiel- lonska, Berlin.Mus.Ms.40143) sieht dieses Lautenbuch allerdings als Werk eines englischen Schreibers an, der sich in Deutschland oder den Niederlanden auf- hielt. Die Hinweise auf die Stadt Köln in der Handschrift sind ihr offenbar ent- gangen. BACH, Kabinettschrank und HAUSMANN, Phaeton sind der Literatur zu den von Hainhofer produzierten Kunstschränken hinzuzufügen. Ich habe ver- sucht, die Angaben von Signaturen und Fundorten auf einem aktuellen Stand zu halten. Dies betrifft etwa die heute in Karlsruhe und Stuttgart aufbewahrten Handschriften aus der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek Donaueschin- gen, deren Sigel mit Rücksicht auf vorhergehende Literatur allerdings noch auf ihren ehemaligen Fundort verweisen. Die gelegentliche Nachschau in den Find- mitteln und Verzeichnissen von Archiven und Bibliotheken brachte zu Tage, daß sich im Landesarchiv Schleswig-Holstein in Schleswig Teile der Korrespondenz Hainhofers mit dem Gottorfer Hof erhalten haben und in der Uffenbach- Wolfschen Briefsammlung der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg weitere Briefe an ihn aufbewahrt werden. Dies muß als Hinweis darauf verstan- den werden, daß eine komplette Erfassung des schriftlichen Nachlasses noch aussteht.

Den Personen und Institutionen, die das Entstehen dieser Arbeit ermöglicht und begleitet haben und ohne deren vielfältige Unterstützung sie nicht entstanden wäre, möchte ich meinen tiefempfundenen herzlichen Dank aussprechen. Zuerst und vor allem gilt er meinem akademischen Lehrer, Herrn Prof. Dr. Martin Staehelin, dem ich auch durch eine mehrjährige Tätigkeit als wissen- schaftliche Hilfskraft verbunden bin. Ein zweimonatiges Stipendium der Wolfenbütteler Dr. Günther Findel- Stiftung zur Förderung der Wissenschaften hat es mir möglich gemacht, das um- fangreiche Quellenmaterial, welches die Herzog August Bibliothek aufbewahrt, im wesentlichen in einer zusammenhängenden Arbeitsphase durchzusehen. Der Stiftung sei dafür mein besonderer Dank ausgesprochen, in den ich auch Frau Dr. Sabine Solfund Frau Dr. Gillian Bepler vom Bereich Forschung der Herzog Au- gust Bibliothek mit einschließen möchte. Der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel und dort besonders der Handschriftenabteilung danke ich für die Möglichkeit, den schriftlichen Nachlaß Philipp Hainhofers in einer besonders förderlichen Umgebung studieren zu kön- nen.

Dr. Victor Coelho (Calgary) war so freundlich, mir auf meine Anfrage die Reproduktion eines Stückes aus einer in seiner Dissertation katalogisierten Handschrift zuzusenden.

Vorwort

IX

Dr. Carl Dolmetsch und die Firma Emmett Publishing (beide Haslemere/Surrey) haben mich auf die Mikrofilmedition der Dolmetsch Library of Early Music aufmerksam gemacht. Herr Dr. Peter Kiräly (Budapest & Kaiserslautern) stellte mir in großzügiger Weise seine Informationen über Konkordanzen zur Musik in Philipp Hainhofers Lautenbüchern zur Verfügung. Das Einverständnis von Sir David Lumsden (Soham/Cambridgeshire) hat es mir ermöglicht, einen Mikrofilm seiner nicht veröffentlichten Arbeit über die Quellen der englischen Lautenmusik zu erhalten. Herrn Dr. Arthur Ness (Boston/Massachusetts) habe ich für Informationen zur Überlieferung einer Fantasie Francesco da Milanos zu danken und dafür, daß er Herrn John Robinson (Newcastle upon Tyne) auf meine Dissertationsarbeiten aufmerksam machte. Dieser war so großzügig, mir ein Exemplar seines Inventars von Hainhofers Lautenbüchern mit zahlreichen Hinweisen auf Konkordanzen zu übersenden. Viele Institutionen haben durch Auskünfte über ihre Bestände, mir zur Ver- fügung gestellte Reproduktionen oder die Erlaubnis zur Einsicht am Orte zum Fortgang der Quellenstudien beigetragen. Im einzelnen waren dies:

Stichting Toonkunst-Bibliotheek Amsterdam, Staatsarchiv Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Stadtarchiv Augsburg, Öffentliche Bib- liothek der Universität Basel, Stadt- und Kreisbibliothek Bautzen, Staatsbiblio- thek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Schweizerische Landesbibliothek Bern, Indiana University Libraries Bloomington, Universitäts- und Landesbib- liothek Bonn, University Library und Fitzwilliam Museum Cambridge, Eda Kuhn Loeb Music Library an der Harvard University Cambridge/Massachusetts, Bibliotheque Municipale & Musee Arthur Rimbaud Charleville-Mezieres, New- berry Library Chicago/Illinois, Hessische Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt, Anhaltische Landesbücherei Dessau, Fürstlich Fürstenbergische Hof- bibliothek Donaueschingen, Sächsische Landesbibliothek Dresden, Archbishop Marsh's Library Dublin, University Library Edinburgh, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Vorpommersches Landesarchiv Greifs- wald, Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky Hamburg, Nieder- sächsische Landesbibliothek Hannover, Universitätsbibliothek Heidelberg, Ti- roler Landesmuseum Ferdinandeum und Universitätsbibliothek Innsbruck, Badi- sche Landesbibliothek Karlsruhe, Deutsches Musikgeschichtliches Archiv Kas- sel, Gesellschaft zur wissenschaftlichen Edition des deutschen Kirchenlieds e.V. in Kassel, Murhard'sche Bibliothek der Stadt und Landesbibliothek Kassel, Kongelige Bibliotek Kobenhavn, Historisches Archiv der Stadt Köln, Staatliche Hochschule für Musik Köln, Biblioteka Jagiellonska Krakow, Bibliotheek der Rijksuniversiteit Leiden, Leipziger Städtische Bibliotheken, Oberösterreichi- sches Landesarchiv Linz, British Library London, Staatsarchiv Ludwigsburg,

X

Vorwort

Bayerisches Hauptstaatsarchiv und Bayerische Staatsbibliothek München, The New York Public Library for the Performing Arts, Germanisches Nationalmuse- um Nürnberg, Bodleian Library Oxford, Bibliotheque Nationale Paris, Conser- vatorio di Musica „G. Rossini" Pesaro, Närodni Muzeum Praha, Microfilm Library der Lute Society of America in Rochester/Michigan, Mecklenburgisches Landesarchiv Schwerin, Universitä degli Studi di Siena, Kungliga Biblioteket und Statens Konstmuseer Stockholm, Württembergische Landesbibliothek Stutt- gart, Archiwum Panstwowe Szczecin, Biblioteca Comunale Trento, Universi- tätsbibliothek Tübingen, Stadtbibliothek Ulm, Universitetsbibliotek Uppsala, Stiftung Weimarer Klassik / Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar, Öster- reichische Nationalbibliothek Wien, Biblioteka Uniwersytecka Wroclaw, Rats- schulbibliothek Zwickau.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

VII

Abkürzungen

XIII

Übertragungsgrundsätze

XIII

Zitierweise und Bezeichnungen

XIV

I. Einleitung

1

II. Hauptteil

1.

Biographische Darstellung

1.1.

Der familiäre Hintergrund

10

1.2.

„Herren Melchior Hainhofers und frawen Barbarae Hermannin ehelicher söhn"

11

1.3.

„Die bewegte Zeit des 30jährigen Krieges, dessen Drangsale ihm unvorenthalten blieben"

51

2.

Das Manuskript

2.1.

Beschreibung

73

Wasserzeichen 74; Lagenordnung 75; Innere Ordnung 96; Schriften und Schreiber 96.

2.2.

Zur Entstehungsgeschichte

100

2.3.

Bildschmuck und Ornamentik

103

2.4.

Sprichwörter

107

2.5.

Lautentraktate

110

2.6.

Repertoire-Sammlung

114

2.7.

Fehler, Mängel und Eigenheiten

119

2.8.

Charakter und Zweckbestimmung

128

3.

Die Musik

3.1.

Konkordanzen

141

3.2.

Bearbeitungen von Vokalmusik

3.2.1.

Geistliches Repertoire

145

3.2.2.

Weltliches Repertoire

167

3.3.

Tanzformen

206

Balli 206; Die Bergamasca 207; Branles 207; Couranten und Volten 211; Deutsche Tänze 213; Galliarden 225; Intraden 230; Padoanen 232; Passamezzi und verwandte Formen 233; Die Pavana alla Venetiana 236; Pavanen 241; Der Polnische Tanz 242; Die Romanescha 244; Die Spagnoletta 245.

3.4.

Praeludien, Fantasien und Toccaten

246

3.5.

DieBattaglia

254

XII

Inhaltsverzeichnis

III. Schlußbetrachtung

257

IV. Verzeichnisse und Bildanhang

1. Handschrifteninventar

259

2. Der schriftliche Nachlaß Hainhofers

295

3. Sigelverzeichnis

300

4. Sekundärliteratur und Editionen

321

5. Register

348

6. Abbildungen

356

Abkürzungen

a.a.O.

= am angegebenen Ort

Abb.

= Abbildung/en

App.

= Appendix

Beitr.

= Beiträge

bes.

= besonders

d.Ä.

• der Ältere

d.J.

= der

Jüngere

ders.

= derselbe

dies.

= dieselbe, dieselben

Diss.

= Dissertation

dorts.

= dortselbst

Ed.

= Edition

etc.

= et cetera

Expl.

= Exemplar

f.

= folgende

ff.

= ferner folgende

fol.

= folio, folia

Hrsg.

= Herausgeber,

i.e.

herausgegeben = id est

Jg-

= Jahrgang

mschr.

= maschinen-

Nbsp.

schriftlich = Notenbeispiel

Neudr.

= Neudruck

Nr.

= Nummer

Nrn.

= Nummern

o.J.

= ohne Jahr

o.O.

= ohne Ort

op.cit.

= opus citatum

r

= recto

Red.

= Redaktion

s.

= siehe

S.

= Seite

st.n.

= stili novi

st.v.

= stili

veteris

Tfl.

= Tafel

u.a.

= und andere

V

= verso

vgl.

= vergleiche

Übertragungsgrundsätze

Abbreviaturen und Währungszeichen sind grundsätzlich still aufgelöst. Bei der Wiedergabe von lateinischen Texten sind diakritische Zeichen fortgelassen wor- den. Für Übertragungen handschriftlicher Quellen gelten darüberhinaus die fol- genden Grundsätze:

Eine konsequente Kleinschreibung mit Ausnahme von Satzanfangen, dem Beginn von Verszeilen (bei entsprechender Wiedergabe) und Eigennamen mit zu diesen gehörenden Herkunftsbezeichnungen sowie Titeln und Anredeformen in personifizierter Bedeutung ist eingeführt worden. Offenbare Schreibfehler sind still korrigiert worden. Punkte vor Ordnungszahlen und solche vor und nach Grundzahlen sind getilgt worden, ausgenommen die nach Jahresdaten. Die Inter- punktion ist im Sinne einer Gliederung nach grammatischen Gesichtspunkten ge- regelt worden. „V" und „u" sind ihrem jeweiligem heutigen Gebrauch entspre- chend übertragen worden, konsonantisch anlautendes ,j " als „i" und das „y" als „y". Auslautendes ,j " - etwa in lateinischen Genetiven - wird als „i", Umlaute

XIV

Zitierweise und Bezeichnungen

werden in moderner Schreibweise wiedergegeben. Fehlende Akzente und Apo- strophe im Italienischen sind ergänzt worden. In Einzelfällen gibt ein vertikaler Strich den Zeilenwechsel der Quelle an. Auslassungen im Manuskript - etwa für Personen- oder Ortsnamen, die beim Schreiben nicht mehr erinnert wurden - werden durch geschweifte Klam- mern, eigene Auslassungen und Ergänzungen durch eckige Klammern gekenn- zeichnet. Marginale Einfügungen sind in spitzen Klammern in den Text inte- griert. Zweifelhafte Lesungen sind durch ein Fragezeichen, Bestätigungen durch ein Ausrufungszeichen jeweils in eckigen Klammern markiert. Offenbare Zitate - etwa die Angabe einer Singweise durch den Beginn eines mit ihr verbundenen Textes - sind durch einfache Anführungszeichen kenntlich gemacht. Auf den Versuch einer Vereinheitlichung von Datumsangaben wurde ver- zichtet, da die Quellen - besonders die Kopierbücher - nicht konsequent neuen oder alten Stil, oder beides nebeneinander angeben, und einzelne Daten nur sel- ten dem älteren oder neueren Kalender zugeordnet sind. Übertragungen aus Tabulatur und Mensuralnotation sind meist im Verhält- nis 2:1 reduziert. Abweichungen davon sind gekennzeichnet. Für das Instrument wird eine Normalstimmung in G wie folgt angenommen:

Chor: 1 2

3

4

5

6

Ton: g' d' a f

c

G

Der siebente Chor steht meist einen Ganzton unter dem sechsten in F, in Einzel- fällen aber im Quartabstand in D. Für einige wenige Stücke werden acht Chöre benötigt, der siebente in F und der achte in D.

Zitierweise und Bezeichnungen

Lokalisierungen in den Lautenbüchern weisen zunächst auf deren zwölf Teile, die mit kursiv gesetzten römischen Zahlen bezeichnet sind, und sodann auf deren jeweils eigene Blattzählung: 1/25 = Erster Teil, folio 25. Primärquellen sind mit kursiv gesetzten Sigeln bezeichnet, die in dem Verzeichnis IV.3. aufgelöst wer- den. Quellen, auf die lediglich einmalig im Text verwiesen wird, sind nicht in das Sigelverzeichnis aufgenommen worden, sondern werden direkt benannt. Fo- lioangaben ohne weitere Bezeichnung sind als recto zu verstehen, die Rückseiten sind mit einem kleinen v bezeichnet (also etwa: Kopierbuch VII, fol. 126v-128). Musikeditionen und Sekundärliteratur werden mit dem Autorennamen und einem oder mehreren Titelstichwörtern angeführt. Diese Sigel sind in der Bibliographie IV.4. aufgelöst. Auf Editionen in Form von Microfiches wird unter Nennung der Nummer des Fiche und der Abbildung verwiesen. Hinweise auf Bibelstellen werden in konventioneller Weise unter Nennung von Buch, Kapitel und Vers

Zitierweise und Bezeichnungen

XV

nach der Lutherbibel in der Fassung von 1984 gegeben. Die Geschichte der keu- schen Susanna wird also nicht als Daniel 13 bezeichnet, sondern als Apokryphe Stücke zu Daniel 1. Die Namen von Tänzen und anderen Formen sind an den heutigen musik- wissenschaftlichen Sprachgebrauch angepaßt. Es heißt also, soweit nicht Titel di- rekt zitiert werden, Galliarde oder Passamezzo, auch wo die Quellen Schreibwei- sen verwenden wie Gagliarda, Gaillarde oder Pass'e mezzo. Teile musikalischer Formen sind mit Großbuchstaben bezeichnet, bei aus- gezierten Wiederholungen steht ein Apostroph. Taktzahlen sind tiefgestellt dazu gesetzt. Eine dreiteilige Galliarde mit regelmäßig achttaktigen Teilen und ausge- zierten Wiederholungen wird also wie folgt dargestellt:

A 8 A' 8 B 8 B' 8 C 8 C 8 . Indizierte Wiederholungen werden wie folgt kenntlich gemacht:

A:|:B:|. Für Gruppen von Takten, die Wiederholungsformen oder deren einzelnen Teilen anhängen und als Zwischenspiele dienen, ist der im sechzehnten und frühen siebzehnten Jahrhundert übliche Begriff Riprese beibehalten worden 1 . Ostinate Folgen von Harmonien werden durch Stufenbezeichnungen dargestellt, senk- rechte Striche markieren dabei den Zeitraum einer Semibrevis:

| III | VII

| i | V | III | VII | i V | i |.

Grundlage der Taktzählung ist meist die Semibrevis, bei dreizeitigen Formen die perfekte Semibrevis. Bei Galliarden ist aber auch ein Aufbau aus den nächstklei-

neren Werten zu beobachten. Allemanden sind sogar zu annähernd gleichen Teilen aus Breventakten mit vier Minimen und Semibreventakten mit vier Semi- minimen als Hauptwerten aufgebaut. Schließlich ist zu bemerken, daß bei der Darstellung von Reimschemata in konventioneller Weise Kleinbuchstaben, und Ziffern zur Angabe der Silbenzah- len verwendet werden. Dort, wo es sich aus entwicklungsgeschichtlichen Grün- den oder wegen der offenbaren italienischen Herkunft von Musik anbot, haben die Bezeichnungen italienischer Versformen Verwendung gefunden.

I. Einleitung

Der Frankfurter Patrizier Zacharias Conrad von Uffenbach (1683-1734) be- suchte im Januar 1710 die herzogliche Büchersammlung in Wolfenbüttel. Auf Reisen galt Uffenbachs hauptsächliches Interesse der Besichtigung von Kunst- kammern, Kirchen und - neben weiteren anderen Sehenswürdigkeiten - der von Bibliotheken. In Wolfenbüttel geriet ihm eher zufällig der zweite Band von Philipp Hainhofers Lautenbüchern vor Augen. Den Spuren des Augsburger Kunsthändlers war Uffenbach schon bei einer vorausgegangenen Visite in der Herzoglichen Bibliothek begegnet. Er hatte in einem Manuskript mit dem Titel „De Chrysopoeia Tractatus" den Schenkungseintrag des Augsburger Philoso- phen, Theologen und Bibliothekars Elias Ehinger gesehen, welcher diese alche- mistische Sammlung verschiedener Traktate im Jahre 1630 seinem Mitbürger Hainhofer zum Präsent gemacht hatte 1 . Bei seinem zweiten Besuch mußte Uf- fenbach eine Weile warten, bis ihm der Aufbewahrungsort wertvoller Hand- schriften geöffnet wurde. Er schaute sich währenddessen einige derjenigen Bü- cher an, die außerhalb des verschlossenen Bereiches aufgestellt waren, und no- tierte:

„Unter den Mathematischen, und insonderheit denen Musicalischen erblickte ich dieses in Folio geschriebene Volumen, etwa Hand-dick, welches, ob man es gleich, weil es hier stehet, wenig geachtet, dennoch eine artige, wiewohl lächerliche Curiosität ist: Der Titel lautet also: ,Vierdter Theil Philip Haunhoferi [!] Lauten-Bücher, darinnen unterschiedliche teutsche Dänze mit ihrem darunter geschriebenen Texte laut folgendem Register Fol.3. zu finden seyn'. Es sind aber aller- hand lächerliche alte Lieder, über deren Poesie man sich nicht genug verwundem kan: Die Melo- dien sind in Tabulatur dabey; und überall sind allerhand vortrefflich saubere Kupferstiche von Lucas von Leyden, Münsterer, Dürer, und andern dazwischen geklebet. Das erste Lied fieng an:

Ainsmahls thät ich spatzieren etc. Ferner: Die Fisch im Wasser wohnen, das Gwild etc. Weiter:

Ey du lieber Botten-Bub etc. und dergleichen. Die ersten Theile von diesem sonderbaren Werke konnte ich nicht finden: der Secretarius sagte auch, sie seyen nicht vorhanden. Wenn man heut zu Tage nichts bessers auf der Laute spielen wollte, würde man wenig Zuhörer finden. Wie hoch aber die alte teutsche Lieder und Reyhen zu achten seyen, das weiset Morhof in seinem Unter- richt von der teutschen Sprache und Poesie" .

Aus Uffenbachs Urteil spricht der Geschmack seiner Zeit. Bibliophile Interessen, die sogar eine eigene Fragmentesammlung entstehen Hessen, mögen ihm weitrei- chende literarische Kenntnisse eingebracht haben, aber die Erwähnung von Mor- hofs „Unterricht" weist darauf, daß er für die Dichtung vor Opitz wenig Ver-

1 UFFENBACH, Reisen 1, S. 323, wo das Jahr 1633 genannt ist. Hainhofer gedachte der 1630 erfolgten Schenkung in einem Brief vom 12. Februar 1642 (Kopierbuch VIII, fol. 107v f.). Das Manuskript mit der Widmung vom 28. Februar 1630 trägt heute die Signatur Cod.Guelf. 36.7.Aug.2°. Im Cod.Guelf. 38.3.Aug.2° findet sich eine erweiterte Abschrift.

2

Einleitung

ständnis aufbrachte 3 . Er sah sich zudem Liedern gegenüber, die schon zu Hain- hofers Lebenszeit der populären Literatur der Liedflugschriften und handschrift- lichen Liederbücher angehörten, welcher erst im 19. Jahrhundert größeres und wohlwollendes Interesse entgegengebracht wurde. Die Bemerkung über die Ta- bulaturen der Handschrift sagt nichts über Uffenbachs Fähigkeit aus, diese spezi- elle Instrumentalnotation auch zu lesen. Er hatte sich musikalische Fähigkeiten auf der Violine und Flöte erworben, mit dem Lautenspiel aber keine Berührung gehabt 4 . Sein lautenspielender Bruder, Johann Friedrich Armand (1687-1769), wäre vielleicht in der Lage gewesen, die italienische Lautentabulatur des Hain- hoferschen Manuskriptes zu lesen 5 . Zacharias Conrad von Uffenbach erkannte wohl nur, daß er eine Tabulatumotation vor sich hatte, und konnte in den Sätzen die Aufzeichnung der Liedmelodien zu den dabeistehenden Texten vermuten. Der weitreichende Briefverkehr, den der einstige Besitzer des von Uffen- bach gescholtenen Manuskriptes geführt hatte, fand zum ersten Mal 1759, im Rahmen einer Veröffentlichung von Schreiben an die dänische Krone, Be- achtung. Der einzelne, ohne Quellenangabe publizierte Brief dokumentiert Hain- hofers Tätigkeit bei der Zusammenstellung eines Stammbuchs für Herzog Phi- lipp II. von Pommern-Stettin und sein eigenes Sammeln von Autographen fürst- licher Personen und gekrönter Häupter 6 . Die ersten Skizzen seines Lebens er- schienen drei Jahre später. Sie stammen von Paul von Stetten d.J., dessen Fami- lie schon zu Hainhofers Lebzeiten in Augsburg ansässig war. In Stettens Buch über den Augsburger Stadtadel finden sich einige Angaben über Philipp Hain- hofers Leben und ein von ihm hinterlassenes genealogisches Manuskript 7 . Stet- tens Sammlung von Lebensbeschreibungen aus dem Jahre 1778 enthält ein Ka- pitel, das Hainhofer gewidmet ist 8 . In seiner Arbeit zur Kunst- und Gewerbe- geschichte Augsburgs von 1779 berichtete Stetten schließlich von den Samm- lungen und der Bibliothek Philipp Hainhofers, die sich in Wolfenbüttel befände 9 . In der kleinen Biographie von 1778 werden auch „Notenbücher" in Wolfenbüttel

3 Op.cit. S. LXXIX ff.; MORHOF, Unterricht schreibt auf S. 381 von der „Morgenröth der Teutschen Poeterey", die 1618 „unter Hr. Opitzen hervor brach".

4 Vgl. UFFENBACH, op.cit. S. X & XXIX.

5 Vgl. PREUSSNER, Uffenbach, S. 79, mit den Nachrichten von einer Reise Johann Friedrich Armands durch Italien, wo die alte Stimmung und italienische Tabulatur weiterhin in Ge- brauch waren und er Lautenunterricht nahm.

6 SCHUMACHER, Gelehrter Männer Briefe 3, Nr. 35, S. 368. Das Schreiben ist im Kopier- buch IV, fol. 174v-175v erhalten. Der Handschriftenabteilung der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen ist unter ihren Beständen kein Original bekannt (briefliche Mitteilung vom 16. Juni 1993).

7 STETTEN, Geschichte der adelichen Geschlechter, S. 293 f. Bei dem Manuskript, daß Stet- ten auf S. 294 als „Ehrenbuch" bezeichnet, handelt es sich offenbar um die Stammensbe- schreibung.

8 STETTEN, Lebensbeschreibungen 1, S. 269-288.

Einleitung

3

erwähnt, die „größten-theils Melodien zu Meistergesängen" enthalten sollten . Dies behauptet Stetten auch noch, nachdem er die Lautenbücher in Wolfenbüttel hatte einsehen können". Er mag von den Texten der Lieder an Beispiele angeb- licher Meisterlieder erinnert worden sein, die im Repertoire der Flugschriften zu finden sind und sich oft wenig von anderen Liedern in diesen Drucken unter- scheiden 12 . Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts fühlte sich der weiter unten zitierte Wilhelm Tappert ebenfalls an den Meistergesang erinnert, wenn auch in seinem Fall die auf Jacob Grimm zurückgehende Geringschätzung dieser Dich- tung eine Rolle gespielt haben mag. Der möglichen Annahme, es handele sich wenigstens zum Teil um Beispiele von Schwankliedern oder ähnlichem aus dem Bereich des Meistergesangs, steht schon der Mangel an formeller Übereinstim- mung mit zeitgleichen Meisterliedern entgegen. In Augsburg hatte sich die Sing- schule zudem in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts auf geistliche Inhalte verpflichtet 13 . Der Dresdner Bibliothekar Friedrich Adolf Eberth, der von 1823 bis zu sei- ner Rückberufung 1825 in Wolfenbüttel tätig gewesen war, veröffentlichte im Jahr darauf die ersten beiden Hefte mit Fundsachen aus der Wolfenbütteler Bib- liothek. Drei Texte aus dem „Anderen thail P.H. lautenbucher", die Zacharias Conrad von Uffenbach wohl ebenso als lachhafte Kuriositäten eingestuft hätte wie die von ihm betrachteten des vierten Teils, stellte er an den Anfang dieser Publikationen 14 . Die eigentliche Beschäftigung mit dem Leben und den Schriften Philipp Hainhofers begann schließlich im Jahre 1834 mit der Veröffentlichung einer Rei- serelation - eines Itinerars, das als Bericht an einen Auftraggeber abgefaßt wor- den war - durch den Baron von Medem. Er gab seiner Publikation einen knappen Lebenslauf Hainhofers bei, dessen Quelle sich in einem Sammelband in Wolfen- büttel befindet 15 . In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden einige Briefe und weitere Reiserelationen herausgegeben, auch begannen sich die Literaturwissen-

10 STETTEN, Lebensbeschreibungen 1, S. 286.

11 STETTEN, Kunstgeschichte I, S. 536.

12 Vgl. etwa den Lieddruck der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Yd 7850, Nr.42: „Zehen schoene Meisterlieder".

13 Vgl. MERZBACHER, Meistergesang; SCHULTZE, Schwartzenbach.

14 EBERTH, Überlieferungen 1,,, S. 1-3 = „Mein aigens herz, main höchste zier" (U/10) & „Nun bin ich ainmahl frey von liebes banden" (II/36v) & 1, 2 , S. 1-3 • „Ziechen wir in

Portugal!" (11/25). Zu Eberth vgl. DEUTSCHES BIOGRAPHISCHES ARCHIV, Fiche 262 , 397 ff.

Das dritte Lied wurde nach Eberths Abdruck von SOLTAU, Historische Volkslieder, S. 435 - 437, und dann von GOEDEKE/TlTTMANN, Liederbuch, S. 270 f. veröffentlicht.

15 MEDEM, Hainhofers Reise-Tagebuch, S. XXI-XXXII nach: Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 60.9.Aug.2°, fol. 388^406. Dieser Sammelband enthält überwie- gend Flugschriften. Der Lebenslauf beruht auf demjenigen in der Stammensbeschreibung, fol. 61-64v & 85-89v, welcher mit einer Eintragung zum Jahre 1645 endet. Die Wolfen- bütteler Version endet mit dem Begräbnis Hainhofers im Jahre 1647.

4

Einleitung

schaft und die Kunstgeschichte für Hainhofer zu interessieren . Die Lautenbü- cher sind in der musikwissenschaftlichen Literatur zuerst durch Wilhelm Tappert beschrieben worden. Er veröffentlichte 1885 einen Artikel über sie, nachdem er in Wolfenbüttel beide Bände eingesehen hatte 17 . Tappert beschäftigte sich seit einiger Zeit mit Tabulatur-Notationen und ihren Übertragungen. In seiner schließlich daraus resultierenden Veröffentlichung „Sang und Klang aus alter Zeit" stellte er Jahre nach seinem Besuch in Wolfenbüttel eine Sammlung ver- schiedener Tabulaturen mit Übertragungen vor 18 . Er kannte die Beschreibung und Beurteilung Uffenbachs, den er auch zitierte. Seine eigene Meinung, die er sich wohl aufgrund der Übertragung von Exzerpten bildete, war noch schlechter als die des bibliophilen Frankfurters:

„Die Orthographie war nicht die starke Seite des Herrn Philipp Hainhofer und auch der Inhalt deutet keineswegs auf eine besonders hohe Bildungsstufe" .

„Die Musik, welche sich Hainhofer zusammenschrieb, verrät weder technische Fertigkeit im

Welche Nummern Hainhofer komponirt hat.

ist nicht ersichtlich. Im 4. Teile paradirt fol. 16 .Philipp Hainhofers Dantz', sollte der vielleicht

,von ihm selbst' herrühren? Es ist ein jämmerliches Ding. [

chon aus, welches ,Philipp Hainhofer Augustanus' dichtete. Die endlose, langweilige Reimerei erinnert an die miserabelsten Produkte des heruntergekommenen Meistergesanges"

Noch kläglicher fiel das Akrosti-

Spiel noch feinen Geschmack in der Auswahl. [

]

]

„Mit der Hausmusik des reichen Mannes in Augsburg muss es ziemlich elend bestellt gewesen sein. Anno 1604 befand sich die Welt eigentlich nirgends mehr auf dem antiquirten Standpunkte, den solche Stümpereien repräsentieren. Indess, nach 280 Jahren werden die Leute auch nicht be- greifen, wie Jemand im Zeitalter der ,Nibelungen' und des ,Parsifal' sich den ,Schunkelwalzer' abschreiben konnte" .

Tapperts Bemerkung zur populären Musik seiner eigenen Zeit deutet auf den Charakter eines Teiles von Hainhofers Sammlung hin. Die Volksmusikforschung hatte diesen Teil mittlerweile ebenfalls entdeckt: Franz Magnus Böhme nutzte die Lautenbücher als Quelle für seine Veröffentlichungen über Lied und Tanz, in denen er meist eine Melodie nach der Oberstimme der entnommenen Beispiele

16 DOERING, Beziehungen; DOERING, Pommerscher Meyerhof, HÄUTLE, Reisen I; HÄUTLE Reisen II; HORAWITZ, Tabaktrinker [über eine Beilage aus dem Cod. 8830 der Österreichi- schen Nationalbibliothek in Wien]; LESSING, Pommerscher Kunstschrank; OECHELHÄUSER, Hainhofers Bericht; SCHLEGEL, Sieben Briefe; SCHLEGEL, Achter Brief TRAUTMANN, Mayerhof.

17 TAPPERT, Hainhofer 's Lautenbücher.

18 TAPPERT, Sang und Klang.

19 TAPPERT, Hainhofer 's Lautenbücher, S. 31. Darauf, daß Tappert - der sich mit allen ihm er- reichbaren Instrumentaltabulaturen beschäftigte - die Transkription zur Lesbarmachung be- nötigte, weisen auch einzelne angemerkte Übertragungen von seiner Hand hin. Vgl. KIRSCH, Berliner Lautentabulaturen, S. 206.

20 TAPPERT, Hainhofer'S Lautenbücher, S. 32.

Einleitung

5

abdruckte . Böhmes „Altdeutsches Liederbuch" wurde später von Paul Hinde- mith benutzt, der daraus Material sowohl für die Kontrapunktaufgaben seiner Studenten wie auch für eigene Kompositionen entnahm. Der Schluß-Satz seines Bratschenkonzertes „Der Schwanendreher" variiert eine Melodie, die Böhme dem vierten Teil des Hainhofer-Manuskriptes entnahm 23 . In den Anfangsjahren dieses Jahrhunderts erschienen neben weiteren Reise- aufzeichnungen Hainhofers und kunstgeschichtlichen Artikeln zwei umfang- reiche monographische Arbeiten über Kunstkabinette, die unter seiner Leitung entstanden waren 24 . Ein erster Versuch einer biographischen Würdigung auf ei- ner ausreichend breiten Grundlage - nämlich der in Wolfenbüttel erhaltenen Quellen - wurde 1920 von dem Bibliothekar der Herzog August Bibliothek Gus- tav Milchsack gemacht. Er gab einen Überblick über das Leben und die Aktivi- täten Hainhofers als Agent des Wolfenbütteler Herzogs in den Jahren 1613 bis 1647. Die Nöte der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg verhinderten, daß diese Ar- beit in einer historischen Zeitschrift und in der Form eines wissenschaftlichen Aufsatzes erscheinen konnte. Unter denselben Zeitumständen litten auch weitere Artikel, die der Veröffentlichung von Reisebeschreibungen gewidmet waren 25 . Bevor die Zeit des Nationalsozialismus und der Verlauf des Zweiten Welt- kriegs die Reihe der Publikationen unterbrach, erweckten Hainhofers Handel mit ostasiatischer Kunst und Produkten des fernöstlichen Kunsthandwerks, und sein Briefverkehr mit dem Hof des Großherzogs der Toskana in Florenz die Auf- merksamkeit von Autoren 26 . Im Rahmen einer Arbeit über mechanische Musik- instrumente fanden darüber hinaus das Orgelwerk des Pommerschen Kunst- schranks und seine Musik Beachtung 27 . Nach dem Krieg erschien zunächst ein

22 BÖHME, Geschichte des Tanzes; BÖHME, Kinderlied und Kinderspiel; BÖHME, Liederbuch. UHLAND, Hoch- und niederdeutsche Volkslieder, S. 279, weist auf die Lautenbücher als weitere Quelle eines von ihm edierten Flugblattexts hin.

23 NEUMEYER, Hindemith, S. 188 ff. Hindemith war von dem Scherztext des Stückes offenbar so angetan, daß er sich in einem Gästebuch als „Schwanendreher" verewigte, dessen Tätig- keit - wie eine Zeichnung dazu zeigt - daraus bestand, mit Hilfe eines Kurbelrades den Schwänen die langen Hälse zu Spiralen zu verdrehen, vgl. BRINER, Hindemith, S. 151. Er saß einem Lesefehler Böhmes auf, denn in Hainhofers Lautenbüchern heißt es mit einem dem „Triezen" verwandten Wort: „Schwahnen dretzer- dantz".

24 BÖTTIGER, Kunstschrank [die biographische Darstellung daraus auch in schwedischer Übersetzung = BÖTTIGER, Konturteckning]; DOERING, Beschreibung; DOERING, Reisen [Ein Auszug daraus auch in dem Artikel ANONYM, Hainhofer'S Angaben]; LESSING/BRÜNrNG, Pommerscher Kunstschrank; MADER, Willibaldsburg; NlRRNHEIM, Hamburg im Reisetagebuche; PELTZER, Hainhofer; RlEGER, Wolffenbütteler Codex Nr. 2256; ZIMMERMANN, Silberstiftzeichnung.

25 HARTIG, Hainhofer in Bamberg; HARTIG, Unbekannte Reisen (Nr. 117, S. 1: „Bei der Not der lokalgeschichtlichen Zeitschriften dürfte eine wörtliche und fachgemäß kommentierte

Wiedergabe [

]

nicht so bald ins Werk gesetzt werden".); MILCHSACK, Philipp Hainhofer.

26 KLEIN, Seydene Bünden; KRIEGBAUM, Dokumente; REIDEMEISTER, Hainhofer und die ost- asiatische Kunst.

6

Einleitung

einzelner Artikel, der sich ein weiteres Mal auf Reisebeschreibungen stützte. Erst ein Jahrzehnt später folgten einige kunstgeschichtliche und musikwissenschaft- liche Arbeiten sowie eine Veröffentlichung über Hainhofers Tätigkeit als Korres- pondent 28 . In den Jahren 1965 und 1968 veröffentlichte die amerikanische Musikwis- senschaftlerin Julia Sutton Artikel über die Lautendrucke und die Person des Ju- risten, Autoren von historischen und medizinischen Werken und Lautenisten Jean-Baptiste Besard. Besonders in einer Darstellung, die auf ein Kapitel ihrer nicht publizierten Dissertation von 1962 gründet, ging sie auf Philipp Hainhofer und die Verbindung zwischen ihm und Besard ein 29 . Die Kunstkabinette und andere, von Hainhofer vermittelte oder auf seine Veranlassung hin hergestellte Produkte des Kunsthandwerks sind bis in jüngere Jahre hinein immer wieder Gegenstand von Arbeiten gewesen 30 . Eine Reiserela- tion wurde im Rahmen einer Arbeit über Feste am Stuttgarter Hof zum zweiten Mal veröffentlicht 31 . Beilagen und Illustrationen zu seinen Reiseberichten sowie eine Zeichnung in einem seiner Stammbücher haben kunstgeschichtliches, aber auch volkskundliches Interesse erweckt 32 . Ein genealogischer Artikel über die Familie Hainhofer auf der Grundlage der Stammensbeschreibung erschien in den siebziger Jahren 33 . Reisebeschreibungen und Korrespondenz Hainhofers sind weiterhin studiert und veröffentlicht worden 34 . Artikel über Philipp Hainhofer sind in beiden Deutschen Biographien erschienen, und auch in zwei kleineren biographischen Nachschlagewerken ist seiner mit einigen Zeilen gedacht 35 . Seine Lautenbücher sind in jüngerer Zeit im Rahmen von mehreren musikwissen-

28

BETHE, Spielbrett; GOTTRON, Kanones; HAUSMANN, Kunstschrank.; KRUMBACH, Musik

des Pommerschen Kunstschranks;

MAGER,

Willibaldsburg;

SCHMIDT, Heinrich

Schütz;

SCHMOLKE, Hainhofer.

 

29

SUTTON, Besard; SUTTON, Lute Instructions; SUTTON, Novus partus. Die auch von den Herausgebern von BESARD, Oeuvres gewählte Schreibweise seines Namens „Jean-Baptiste Besard", der in den Quellen nur latinisiert, italianisiert oder abgekürzt zu finden ist, wird in dieser Arbeit verwendet.

30

ALFTER, Kabinettschrank; BOSTRÖM, Geheime Verbindung; BOSTRÖM, Hainhofer als Ver- mittler; BOSTRÖM, Konstkap; BOSTRÖM, Kunstkammer; BOSTRÖM, Kunstschrank; BOSTRÖM, Wiederentdeckter Hainhoferschrank; HEIKAMP, Uffizien-Tribuna; HEIKAMP, Reisemöbel; LOSMAN, Minnets teater; NAU, Andreaes Münzbecher; PECHSTEIN, Visierung- en; VOIGT, Kuenstliches Werck.

31

KRAPF, Hoffeste.

 

32

GOSEBRUCH, Zeichnungsblatt; PECHSTEIN, Nürnberger Silberpokale; RADSPIELER, Reb- dorfs Kloster anläge; STEWART, Monarch ofthe Glen [auch deutsch = STEWART, Ein irrer Schottischer Hirsch]; THÖNE, Bemerkungen.

33

NEBINGER,

Patrizier Hainhofer.

Zu Philipp Hainhofer dort bes. S. 43 8 ff.

 

34

FORSTER, Weckherlin und Hainhofer; GOBIET, Briefwechsel; LANGENKAMP, Reisebe-

3 5

schreibungen; SCHELLER, Amsterdamse Aantekeningen; VOLK-KNÜTTEL, Maximilian I als Sammler; WOHNHAAS, Schott. BAER, Augsburger Stadtlexikon, S. 148 f.; BLENDINGER, Hainhofer; BOSL, Bayerische Bib- liographie, S. 289; DOERING, Hainhofer.

Einleitung

7

schaftlichen Arbeiten erwähnt und kurz betrachtet worden, und für eine musik- geschichtliche Darstellung der Landschaft Pommern wurden Passagen aus sei- nem 1834 veröffentlichten Reisetagebuch ausgewertet 36 . Die Lautenbücher ha- ben mehr als einem Dutzend musikwissenschaftlicher Editionen als Quelle ge- dient 37 . Jüngst erschien zunächst ein Inventar beider Bände und sodann ein Auf- satz, der ihnen gewidmet ist 38 . Es fehlt nach allen diesen Veröffentlichungen eine eigenständige, dem Ge- genstand und seiner Überlieferungslage angemessene musikwissenschaftliche Arbeit über Hainhofers Lautenbücher, das „Kompendium der bedeutendsten Lautenmusik jener Zeit" 39 . Auch eine übergreifende Darstellung seines Lebens und seiner verschiedenen Tätigkeiten ist wiederholt gefordert worden 40 . Hainho- fer bleibt, wie es Bernd Roeck formuliert hat, „eine Berühmtheit noch heute und zugleich trotz hervorragender Quellenlage ein Mann, über den wir fast nichts wissen" . In dieser Arbeit soll in einer Biographie Philipp Hainhofers wenigstens auf die wichtigeren Ereignisse seines Lebens und seine vielfältigen Tätigkeiten ein- gegangen werden. Das erscheint nicht nur deshalb geboten, weil einige der ge- nannten Veröffentlichungen - aus all denen keine auch nur annähernd vollstän- dige Lebensgeschichte zusammengestellt werden könnte - an entlegenen Orten publiziert oder wegen ihres Alters nicht mehr leicht erreichbar sind, sondern auch, weil die reich erhaltenen Urkunden es möglich machen, den oft engen Ho- rizont der Musikgeschichte zu verlassen und ein Musikmanuskript in den weite- ren Zusammenhang des Lebens seines Besitzers zu stellen. Hinsichtlich der Lautenbücher kann nach ihrem „Sitz im Leben" gefragt werden, also nach ihrem funktionalem Aspekt, auch um beispielhaft die Frage nach dem Zusammenhang zwischen praktischem Musizieren und überliefertem Musikbestand beleuchten zu können. Ihre einzelnen Teile und die darin enthaltenen Stücke sollen einer

36 MAY, Testudo Gallo-Germanica, S. 225 f. Mays Vermutungen hinsichtlich der Beziehung- en zwischen den Quellen beruhen allerdings auf grundsätzlichen Mißverständnissen, so spricht er auf S. 187 Hainhofers Lautenbüchem eine Wolfenbütteler Provenienz zu. SCHULZE-KURZ, Laute und ihre Stimmungen, S. 114 f., 171 & 314 f.; SCHWARZ, Pommer- sche Musikgeschichte, S. 15 f. & 22 ff.; VACCARO, Musique de luth, S. 79 und passim.

37 BAKFARK, Opera; BALLARD, Oeuvres 2; BESARD, Oeuvres; BOCQUET, Oeuvres; CATO, Preludia; DOWLAND, Lute Music; FEICHT, Muzyka Staropolska; FERRABOSCO, Collected Works; FERRABOSCO, Opera Omnia; JAKUB POLAK, Urv/ory; MERCURE, Oeuvres; REYS, Preludia; STESZEWSKA, Tance polskie I; VAUMESNIL, Oeuvres.

38 MEYER, Sources S. 302-316; TREMMEL, Lautentabulaturbücher.

39 SCHULZE-KURZ, Laute und ihre Stimmungen, S. 314.

40 FORSTER, Weckherlin und Hainhofer, S. 415: „eine umfassende Monographie wäre sehr zu wünschen"; ROECK, Stadt in Krieg und Frieden, S. 716, Fußnote 194: „Eine Monographie wäre ein Desiderat".

8

Einleitung

Betrachtung unterzogen werden, die - über die Feststellung des Vorgefundenen hinaus - Fragen nach Herkunft und Verbreitung beantworten helfen soll. Daß die Quellen in diesem Fall so zahlreich erhalten sind, hat seine Ursache in der Verbindung Hainhofers zu Herzog August d.J. von Braunschweig- Lüneburg. Ein großer Teil der Reiserelationen und anderen Manuskripte wie auch wenigstens Teile der Bibliothek Hainhofers sind nach seinem Tod in den Besitz Herzog Augusts und damit nach Wolfenbüttel gekommen 42 . Die Reisere- lationen sind in mehreren Exemplaren geschrieben worden, von denen eines an den jeweiligen Auftraggeber ging, mindestens eines in Augsburg verblieb und weitere an andere interessierte Fürstenhöfe gesandt wurden. Der daraus resultie- rende Umstand, daß sich solche Exemplare in Bibliotheken von Kopenhagen bis Wien finden, mag zu dem Eindruck geführt haben, Hainhofers Tagebücher seien verstreut . Tatsächlich aber sind unter den Wolfenbütteler Beständen Exemplare aller erhaltenen Relationen zu finden. Dazu kommen Reisetagebücher, die Hain- hofer nicht in fremdem Auftrag, sondern als persönliche Dokumente angefertigt hat, zwei Stammbücher, acht Bände Briefkopien aus den Jahren 1596 bis 1647, einige Sammelbände und verstreute Miszellen. Trotzdem ist festzustellen, daß es Lücken in diesen Quellen gibt. Die Kopierbücher enthalten - mit der Ausnahme des ersten - in der Hauptsache geschäftliche Schreiben, und diese sind manchmal nur in der Form von Notizen niedergelegt oder lediglich auszugsweise kopiert. Auch geht aus mancher Briefkopie hervor, daß es sich um ein Schreiben handelt, welches zu einem schon vorher geführten, aber bis dahin nicht dokumentierten Briefwechsel gehört. Es fehlen weitgehend Kopien der Korrespondenz mit Ge- sandten der französischen Krone, und der langjährige Briefkontakt Hainhofers mit dem württembergischen Geistlichen Johann Valentin Andreae hat wenig Spuren hinterlassen. Von den sicherlich zahlreichen Schreiben an die ersteren sind fast nur solche eingetragen worden, welche die Regelung der Korrespon- denz und besonders die Bezahlung dafür zum Thema haben, nicht aber Hainho- fers Berichterstattung und Nachrichtenübermittlung selber. Die Schreiben an Andreae beinhalten Mitteilungen zum Kunsthandel oder betreffen den Zahlungs- verkehr. Etwa eintausend Briefe, die Hainhofer nach Andreaes Zeugnis an ihn geschrieben hat, werden wohl überwiegend Dinge behandelt haben, die nicht dem geschäftlichen Bereich zugehörten, und sind deshalb nicht in den Kopierbü- chern enthalten. Das Maß an Kenntnis der geistigen Welt Hainhofers, welches sich aus diesen Quellen schöpfen läßt, bleibt im Vergleich mit den Informationen über seine geschäftliche Tätigkeit klein. Frühe, persönliche Tagebücher und Schreiben bis in das Jahr 1618 hinein enthalten Nachrichten über Hainhofers Lautenspiel, seine Lehrer und seine Lautenbücher, welche für diese Arbeit von hervorragender Wichtigkeit sind.

42 Vgl. den Schluß der Biographischen Darstellung.

Einleitung

9

Durch das Gebot, einen überschaubaren Rahmen einzuhalten, erfuhr das Interes- se an den musikalischen Quellen eine Einschränkung auf Tabulaturen für Lau- teninstrumente. Notationen für andere Zupfinstrumente, Klavier- und Ensemble- sätze sind nur in Ausnahmefällen in die Betrachtungen einbezogen worden. Hin- sichtlich der beiden letzteren Fälle ist festzustellen, daß der Mangel an bibliogra- phischer Erfassung und Katalogisierung es unvernünftig erscheinen ließ, für eine Arbeit über ein Lautenmanuskript in diese Bereiche einzudringen. Wo der Zufall oder die Sekundärliteratur auf Überlieferungen aufmerksam machten, die von Relevanz erschienen, ist darauf eingegangen worden. Der trotz dieser Einschrän- kung verbleibende, schon von der Ausdehnung der Quelle diktierte Umfang der Arbeiten legt es nahe, an eventuelle Fehler und Mängel zu denken, die aus einem Übersehen, einem falschen Ein- oder Zuordnen oder auch durch einen an der Oberfläche verweilenden Blick entstanden sein mögen. Sie fallen in jedem Fall ganz in meine Verantwortung.

II. Hauptteil

II. 1. Biographische Darstellung

II. 1.1. Derfamiliäre Hintergrund

Die Familie Hainhofer ist seit dem frühen fünfzehnten Jahrhundert in Augsburg nachweisbar. Das älteste bekannte Mitglied war der 1403 verstorbene Ulrich, Vikar der Kirche Sankt Katharinen 1 . Viele Hainhofer lebten vom Tuchhandel, angefangen mit Hans (1415-1495), doch finden sich auch Beispiele von außer- gewöhnlichen Lebenswegen wie dasjenige des Sebastian, der nach Portugal aus- wanderte und Schiffskapitän wurde. Er habe, wie es in der Hainhoferschen Fa- milienbiographie heißt, „schier die halbe weit umbfahren" 2 . Im Jahre 1500 wurde Melchior Hainhofer d.Ä. geboren. Er begann seine Laufbahn im Geschäft Jacob Hörbrots, eines mit Pelzwerk handelnden Kürsch- ners und Augsburger Bürgermeisters. Melchior machte sich 1522 selbständig. 1541 wurde er Mitglied der Gesellschaft der Kaufleutestube, in der sich die wohlhabende Kaufmannschaft Augsburgs zusammengeschlossen hatte 3 . Ihr konnten grundsätzlich alle Kaufleute angehören, soweit sie keinen Einzel- und Kleinhandel betrieben. Der Erwerb der Mitgliedschaft war mit hohen Kosten verbunden, so daß es ein Ausweis für die Zugehörigkeit zu einer höheren sozia- len Schicht war, dieser Gesellschaft beizutreten 4 . Melchiors erste Ehe mit der Kürschnerswitwe Barbara Mertz brachte ihm mit dem Vermögen seiner Frau weiteren Wohlstand 5 . Seine wirtschaftliche Situation verbesserte sich im Laufe seines Lebens immer weiter. Während er im Jahre 1546 noch einen Steuerbetrag von sechzig Gulden - entsprechend einem Vermögen von sechs- bis zwölftau- send Gulden - zahlte, waren es 1568 schon zweihundertfünfzig und 1577, im Jahr seines Todes, schließlich dreihundertfünfzig Gulden 6 . Der sich solcherma- ßen abzeichnende Anstieg seines Vermögens erscheint noch dramatischer, wenn bedacht wird, daß die Zinsen auf Barschaft und die auf das liegende Gut im Jahre 1546 mit einem und einem halben Prozent doppelt so hoch waren wie in den an- deren genannten Jahren. Je nachdem, wie sich Melchiors Besitztum zusammen-

1 Stammensbeschreibung, fol. 38; PRASCH, Epitapha Augustana, S. 6.

2 Stammensbeschreibung, fol. 42 & 47.

3 A.a.O. fol. 49.

4 ROECK, Stadt in Krieg und Frieden, S. 342-345.

5 HAGL, Grosskapital, S. 200.

Kindheit und Jugend

11

setzte, besaß er 1568 also den Gegenwert von fünfzig- bis einhunderttausend und 1577 den von siebzig bis einhundertvierzigtausend Gulden 7 . Melchiors jüngerer Bruder Balthasar (1512-1564) war sein Mitgesellschafter gewesen 8 . Die gemein- same Führung einer Handelsgesellschaft setzte sich in der Folgegeneration fort. Matthaeus (1532-1601) und Melchior d.J. (1539-1583), zwei Söhne aus der er- sten Ehe Melchior Hainhofers d.Ä., führten einen Im- und Exporthandel mit Sei- de und Samt. In den Jahren zwischen dem Tod Melchiors d.J. und dem seines Bruders geriet die Handlung in Schwierigkeiten, wie es in der Stammensbe- schreibung ohne nähere Erläuterung heißt 9 . Melchiors Frau Barbara, geborene Hörman verschied am 14. Dezember st.n. 1604. Aus ihrer Ehe waren sieben Söhne und acht Töchter hervorgegangen. Sieben weitere Schwangerschaften en- deten wohl mit Totgeburten, die Formulierung der Quelle lautet: „unrecht kind- betten" 10 . Die Familie Hainhofer hatte zuerst im Jahre 1544 durch Kaiser Karl V. einen Wappenbrief erhalten. Kaiser Rudolph II. erhob die Brüder Matthaeus und Melchior im Jahre 1578 durch einen mit erblichen Privilegien ausgestatteten Wap- penbrief in den Reichsadel .

II. 1.2. „Herren Melchior Hainhofers undfrawen Barbarae Hermannin ehelicher söhn" 1

Philipp Hainhofer wurde am 21. Juli 1578 in Augsburg als elftes der Kinder Melchior und Barbara Hainhofers geboren 13 . Nach dem Tod Melchiors am 26. Dezember 1583 zog Barbara Hainhofer mit ihren Kindern nach Ulm, nur der äl- teste Sohn blieb in Augsburg zurück. In Ulm erhielt sie einen Beisitz, bekam also Wohnrecht in der Stadt, ohne das Bürgerrecht zu erwerben 14 . In der Stammens- beschreibung ist dieser Ortswechsel auf das Jahr 1583 festgelegt und Barbara als Witwe bezeichnet. Sie sei „auß christlichem eyfer zu Gottes wort den damals in Augspurg außgeschafften predigern mit all ihren kindern, ausser dem ehesten

7 CLASEN, Steuerbücher, S. 7 f. Dort finden sich auch nähere Erläuterungen zur Differenzie- rung der Begriffe Barschaft und liegendes Gut.

8 Stammensbeschreibung, fol. 50.

9 A.a.O. fol. 53v.

10 A.a.O. fol. 54.

11 A.a.O. fol. 10 &[ll]v.

12 A.a.O. fol. [61].

13 A.a.O. fol. 54.

14 A.a.O. fol. 61; HAID, Ulm, S. 153: „Beysitzer heißen, welche in der Stadt wohnen, und den Schutz der Obrigkeit genießen, sonst aber in anderm oder in gar keinem Bürgerrechte le-

Sie bezahlen ein bestimmtes Schutzgeld". Die Stabilität der reichsstädtischen Ver-

fassungen bis zur napoleonischen Zeit sollte es erlauben, dieser auf das achtzehnte Jahr- hundert bezogenen Aussage auch für das späte sechzehnte Jahrhundert Gültigkeit zuzuspre- chen.

ben. [

]

12

Biographische Darstellung

söhn Christoff," nachgereist 15 . Philipp Hainhofer brachte diesen Umzug über vier Jahrzehnte später, als die Stammensbeschreibung entstand, mit den Ereignis- sen des sogenannten Kalenderstreits einerseits und denen des Streits über die Einsetzung der evangelischen Prediger andererseits in Verbindung. In Augsburg hatte sich an der Übernahme der Kalenderreform Papst Gregors XIII., die durch den Rat der Stadt am Anfang des Jahres 1583 beschlossen worden war, ein Kon- flikt entzündet. Teile der evangelischen Bevölkerungsmehrheit der Stadt rea- gierten - von den Predigern und besonders dem Superintendenten Dr. Georg Müller angestachelt - auf die Maßnahme mit Unruhen, in denen sich neben dem Mißtrauen, die Kalenderreform möge eine Unterdrückung der evangelischen Re- ligion bedeuten, auch Unzufriedenheit mit der Stadtverfassung artikulierte. Zu den Folgen des sich entwickelnden Konflikts gehörte die Ausweisung Müllers im Juni 1584, in deren Verlaufes beinahe zu einem blutigen Aufstand kam. Die Amtsentlassung von elf weiteren evangelischen Geistlichen erfolgte erst 1586 nach einer Ausweitung der Streitigkeiten auf das Recht zur Einsetzung der evan- gelischen Prediger. Der Kalenderstreit war inzwischen formell beigelegt worden, schwelte aber untergründig weiter, und beide mit einem gewissen zeitlichen Ab- stand aufeinanderfolgenden Konflikte sind inhaltlich nicht ohne weiteres vonein- ander zu trennen 16 . Die heftigen Unruhen um die Person des Superintendenten Müller sollen mehrere tausend Augsburger aus der Stadt getrieben haben 17 . Vielleicht zog Barbara Hainhofer in dieser Zeit nach Ulm. Die Angabe, daß Philipp Hainhofer „in die 8 jähr" in Ulm blieb, deutet aber eher auf das Jahr 1586 hin und damit auf die Ausweisung der evangelischen Prediger, denn nach den frühesten Einträgen in eines seiner Stammbücher war er 1593 noch in Ulm, be- vor er 1594 von Augsburg aus zum Studium nach Padua gesandt wurde 1 . Am 4./14. Dezember 1604, dem Todestag von Barbara Hainhofer, trug Philipp Hain- hofer in das Manual ein, daß seine Mutter nach „außschaffung doctor Georg Millers und der anderen predicanten" einige Jahre in Ulm und in Ißny verbrach- te. Der vorgesehene Platz für die Jahreszahlen blieb allerdings leer 19 . Hainhofer merkte in einem Eintrag aus dem Jahr 1603 an, daß er zusammen mit seinem Bruder mehr als drei Jahre bei einem Ulmer namens Anastasius Demier gelebt habe 20 . Barbara Hainhofer mag also wohl 1591 allein für einige Jahre nach Isny

15 Stammensbeschreibung, fol. 61.

16 KALTENBRUNNER, Kalenderstreit; ROECK, Stadt in Krieg und Frieden, S. 125 ff.

17 ROECK, Stadt in Krieg und Frieden, S. 131.

18 Stammensbeschreibung, fol. 61; Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 210 Extravag., S. 51: Eintrag des Johann Baptist Hainzel, Ulm, 08. Oktober 1593; S. 176: Ein- trag des Ulrich Schermar, Ulm 1593; S. 317: Eintrag des Nicolaus Silzlin, „praeceptor su- premas classis in schola ulmensi", 9. Oktober 1593; S. 333: Eintrag des Johannes Krafft, Rechenmeisters in Ulm, 15. Oktober 1593.

19 Manual, fol. 165v.

Kindheit und Jugend

13

gezogen sein. Philipp und sein jüngerer Bruder Hieronymus haben, wenn diese

Annahme richtig ist, die letzten Jahre ihrer Zeit in Ulm bei einer anderen Familie verbracht. 1594 begann die Studienzeit Philipp Hainhofers. Am 2. Mai reisten er und sein Bruder Hieronymus, begleitet von ihrem Präzeptoren Hieronymus Bechler,

von Augsburg

als „Bechelius Augustanus" vier Jahre zuvor in Tübingen immatrikuliert gewe- sen 22 . Aus dem Eintrag in die Tübinger Matrikel geht nicht hervor, welcher Fa- kultät er zugehörte, doch seine Rolle als Präzeptor der Brüder Hainhofer, die in Italien juristische Studien betreiben sollten, und sein späterer Lebensweg legen nahe, daß er Angehöriger der juristischen Fakultät war 23 . Der Weg führte zunächst über Innsbruck und dann wohl über Brixen, Bozen und Trient nach Padua, das am 10. Mai erreicht wurde 24 . Auf dieser, östlich der alten Via Claudia Augusta über den Brennerpaß führenden Route erfolgte jeden- falls einige Jahre später die Rückreise nach Augsburg. Am 14. Juni wurde Phil- ipp Hainhofer von einem Lehrer namens Caspar Torelli in die Ars Musica einge- führt 25 . Der im heutigen Sansepolcro bei Lucca geborene und in Padua tätige To- relli hatte im Vorjahr in Venedig bei Vincenti seine „Canzonette a tre voci" ver- öffentlicht, denen 1594 der wiederum in Venedig, aber diesmal bei Amadino gedruckte „Secondo libro delle Canzonette a tre, et a quatro voci" folgte. Zu sei- nen späteren Werken gehören die im Jahr 1600 erschienene Vertonung der Pa- storal-Fabel „I Fidi Amanti" des Ascanio Ordei und eine Reihe von Gedichten, die er teilweise auch selbst in Musik setzte 26 . Er war Mitglied der Accademia de-

nach Padua ab 21 . Bechler, am 21. November 1570 geboren, war

21 A.a.O. fol. 1. Padua gehörte zur Republik Venedig, wodurch protestantische Studenten dem möglichen Zugriff der römischen Inquisition weitgehend entzogen waren. Venedig hielt sich - sicherlich auch mit Rücksicht auf die merkantilen Verbindungen mit Deutschland - in Fragen des Glaubensbekenntnisses solange von Eingriffen in die Natio Germanica fern, wie von dort keine Provokationen ausgingen oder Rom ein Vorgehen einforderte. Vgl. KESSEL, Duitse Studenten.

22 PFEILSTICKER, Dienerbuch 1, § 1671.

23 PFEILSTICKER, op.cit., nennt im § 1671 zwei Daten, zu denen Bechler in Tübingen immatri- kuliert worden sei. Bei dem Eintrag vom 11. Juni 1588 ist aber der Vorname „Hieremias" genannt, welcher am 16. September 1590 zum Baccalaureus artium und am 21. Februar 1593 zum Magister artium graduierte, vgl. HERMELINK, Matrikel Tübingen, S. 661, Rekto- rat 209 Nr. 33 & S. 675, Rektorat 212 Nr. 74. Dies macht es unwahrscheinlich, daß beide Einträge dieselbe Person meinen. Die Vornamen sind unterschiedlich, und Hiere- mias/Hieronymus müßte nach seiner ersten Immatrikulation wieder exmatrikuliert gewesen sein, bevor er sich am 25. April 1590 erneut immatrikulierte, darauf im September Bacca- laureus wurde, und schließlich diese wie auch die spätere Graduierung dem Eintrag über seine erste Immatrikulation zugefügt wurde.

24 Manual, fol. lv.

25 Manual, fol. 2v: „14. iuni principium posui artis musicae, magister vocatus Caspar Torelli".

14

Biographische Darstellung

gli Aweduti in Padua 27 . Der Unterricht durch Torelli dauerte vorerst nur einen Monat, am 14. Juli stellte der Komponist seine Besuche ein 28 . Im September wurde er aber wieder aufgenommen 29 . Wie lange Torelli diesmal seinen Unter- richt gab, hat Hainhofer nicht festgehalten. Aus der Bezeichnung als „ars musi- ca" mag geschlossen werden, daß Torelli nicht so sehr praktisches Musizieren lehrte, als vielmehr eine Einführung in die quadriviale Kunst der Musik gab 30 . Für Torelli scheint die Tätigkeit als Musiklehrer nicht ungewöhnlich gewesen zu sein, denn in der Dedikation von „I Fidi Amanti" an einen Francesco Rosini gab er an, während zweier Jahre „Maestro di Musica" von dessen Söhnen gewesen zu sein 31 . Im Mai des Folgejahres bekam Philipp Hainhofer den ersten Unterricht im Lautenspiel. Sein Lehrer war Nicolo Legname, der ihn für einen Scudo monat- lich unterrichtete 32 . Legname ist durch zwei Veröffentlichungen von Kanzonet- ten bekannt. Im Titel der zweiten, 1608 datierten, bezeichnete er sich als Padua- ner und Lautenspieler, wodurch die Identifizierung dieses Musikers mit dem Lautenlehrer Hainhofers mit genügender Sicherheit möglich ist . Im Unter- schied zu Torelli scheint er nicht in die Wohnung seiner Schüler gekommen zu sein, sondern in eigenen Räumlichkeiten unterrichtet zu haben, denn in Hainho- fers Register von Eintragungen seines Wappens, die meistens Stammbücher be- treffen, findet sich auch ein Vermerk darüber, daß er seinem Lautenlehrer eine Darstellung des Hainhoferschen Wappens auf dessen Schule gegeben habe . Unter der Anleitung Legnames scheint sich Hainhofer eine Zeitlang intensiv mit dem Lautenspiel auseinandergesetzt zu haben. Darauf weisen nicht wenige mit „Nicolai" gekennzeichnete und die „Balli padovani la maggior parte di Nicoiao" betitelten Stücke in den Lautenbüchern. Die Übereinstimmungen von Namen, die im Manual, in einem von Hainhofers Stammbüchern unter den Einträgen aus

27 MAYLENDER, Accademie d'Italia, S. 423.

28 Manual, fol. 3: „14. iulii cessavit venire cantor".

29 A.a.O. fol. 5: „24. septembris iterum venit cantor, nos docendi musicam".

30 Offenbar haben die Brüder Hainhofer in Padua nicht alleine juristische Studien betrieben. Auf eine Beschäftigung mit Gegenständen der Facultas Artium wird durch gelegentliche Notizen Philipp Hainhofers im Manual hingewiesen, etwa auf fol. 2 die über den Besuch der Lesung eines Doktor Antonius Riccobonus über Ciceros „Oratio pro Archipoeta".

31 TORELLI, Fidi Amanti, Abbildung der Dedikation auf S. [III].

32 Manual, fol. 8v: „9. may fundamentum posui testudinis apud Nicolaum Legname, pro solvi

singulis mensibus 1 scudi".

33 Legname, Nicolo: „Amiila libro secondo di canzonette a tre voci di Nicolo Legname Pado- vano sonatore di lauto". Venedig (Raverio) 1608, s. VOGEL, Vokalmusik Italiens 1, S. 363.

Von dem ersten Buch ist kein erhaltenes Exemplar nachgewiesen, vgl. SCHLAGER, Einzel- drucke 5, S. 289. Ein Inventar der Kasseler Hofkapelle aus dem Jahre 1613 verzeichnet den ersten Druck: „II primo libro de Canzonette a .3. voci di Nicolo legname, 3. weiße perga- ment bücher lit. E.", s. ZULAUF, Hofkapelle zu Cassel, S. 109, Nr. 60.

Kindheit und Jugend

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dieser Zeit und in den Lautenbüchern zu finden sind, weisen auf die musikali- sche Aktivität in Hainhofers Umgebung. Dies betrifft etwa den Grafen Jan Albin von Schlick (1579-nach 1628), von dem Hainhofer eine Galliarde bekam und später in sein Lautenmanuskript eintrug 35 . Am 14. Juli wurde er beim abend- lichen Lautenspielen von einem Erdbeben überrascht, das ihn vornüber fallen ließ 36 . Der Unterricht bei Legname währte nicht lange, denn mit Datum vom 20. Dezember 1595 notierte Hainhofer, daß seine Beschäftigung mit der Laute nicht weiter fortgesetzt wurde, und daß er auch schon etwa zwei Monate lang damit aufgehört habe 37 . Den Familiennamen seines ersten Lautenlehrers hatte Hain- hofer Jahre später, als er das Musikerregister seiner Lautenbücher schrieb, ver- gessen. In deren „Register dem lautenmaister namen" trug er ihn nur als „Nico- laus { } Patavinus" ein, der Platz für den Familiennamen zwischen den beiden Wörtern blieb leer 38 . Im Manual sind Beobachtungen über Musikalisches meist nur in sehr knap- per Form niedergelegt. Typisch ist die zwar wertende, aber kaum etwas über das Gewertete mitteilende Notiz, daß bei einer Gelegenheit eine besonders schöne Musik zu zwei und drei Chören gemacht wurde 39 . In ihrer Kürze und ihrem Ge- halt scheint diese Anmerkung musterhaft zu sein für Notizen aus späterer Zeit, die meist auch nur aus einer Einschätzung des Gehörten als lieblich oder gut be- stehen, oft zusammen mit der Angabe, zu wieviel Chören musiziert wurde. Ein- mal erregten in einer Prozession mitgeführte und ihm offenbar unbekannte Mu- sikinstrumente Hainhofers Interesse. Er beschrieb sie als Instrumente, welche man aufeinanderschlägt, und als ein Päucklein mit Schellen, die mit der Hand

35

VI/I7v. „Gagliarda belissima dominus Albinus comes a Schlick dono dedit"; Manual, fol. lOv f.; Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 210 Extravag., S. 3: „Johannes Albinus Schlick comes a Passaun et baro a Weiskirchen benevolentiae et amicae recorda- tionis causa haec apposuit Patavii Antenoris. 11. februarius anno 96." Graf Jan Albin Schlick verlor nach der Schlacht am Weißen Berge als Anhänger der utraquistischen Partei seine Besitztümer und wurde von Kaiser Ferdinand geächtet. Die Falkenauer Linie der Reichsgrafen Schlick erlosch mit dem Tod seines Sohnes im Jahre 1666. Vgl. DEUTSCHES

BIOGRAPHISCHES ARCHIV, Fiche 1109, 324-363 , bes. 325 ff. & LORENZ, Quellen des drei-

ssigjährigen Krieges, S. 532, Anmerkung 37. Die Identifizierung des in den Lautenbüchem allerdings nur abgekürzt „D.Alb.comes a Schlick" genannten mit dem schon 1592 verstor- benen Letzten der Ellbogen-Linie, Albrecht, bei TREMMEL, Lautentabulaturbücher, S. 12, ist vor allem deshalb schwer verständlich, weil Tremmel auf eben jenes Nachschlagewerk verweist, aus welchem das Deutsche Biographische Archiv am oben erwähnten Ort den Artikel über die Familie Schlick abbildet.

36

Manual, fol. 9v: „14. iulii anno 95. nocta hora 2. magnus extitit terromotus [!], ut aedes, imo tota civitas et montes foris tremarent, et ego, ludens in testudine, pronus ceciderim".

37

Manual, fol. 11 v: „20. decembris non amplius addiditur testudinem. Hat under diß auch bey 2 monat außgsezt ghabt".

38

1/7.

39

Manual, fol. 15: „di piü viddimo [

]

la chiesa et il monasterio della Cittella, ove le mo-

nache ogni dorne, richa fanno buonissima musica a 2 et 3 chori".

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Biographische Darstellung

geschlagen werden 40 . Dazu finden sich zwischen den Zeilen kleine Zeichnungen von einem Paar Zimbeln - den Instrumenten, die „man auf einander klopft" - und von einer Schellentrommel - dem Päucklein mit Schellen, „an welche man mit handen klopft". Eine Anzahl von Ausflügen und Reisen, welche die Brüder Hainhofer und ihr Präzeptor während der Zeit in Italien machten, hat ihren Niederschlag im Manual gefunden. In Florenz notierte Philipp Hainhofer, daß es in der Galerie des Großherzoglichen Palasts einen großen, aus Ebenholz gefertigten und mit

Edelsteinen geschmückten „Schreibtisch" zu

Kunstschränke dieser Art und kleinere Kunstmöbel von Augsburger Handwer- kern fertigen. Die Kopierbücher enthalten zahlreiche Schreiben, mit denen diese Prunkstücke und ihre bescheideneren Verwandten angeboten wurden. Einer der Hainhoferschen Kunstschränke gelangte als Geschenk des Erzherzogs von Tirol an den Großherzog von Florenz in dessen Palast, dorthin, wo Hainhofer viel- leicht die erste Anregung zur Produktion seiner Kunstmöbel erhalten hatte. Er war als „stipo tedesco" berühmt und ist auch heute noch erhalten 42 .

Der zweite Studienort Philipp und Hieronymus Hainhofers war Siena. Am 28. April 1596 immatrikulierten sich dort beide zusammen mit ihrem Präzepto- ren 4 . Im August desselben Jahres beendete Philipp Hainhofer seine Studien in Siena mit einer Lesung und Disputation über einen Paragraphen aus den „Insti- tutionen", der im sechsten Jahrhundert durch den oströmischen Kaiser Justinian besorgten Sammlung des römischen Rechts 44 . Aus dem Jahr 1596 stammen die ersten im Kopierbuch I erhaltenen Briefe, die - wie ein Register im Manual aus- weist - aber durchaus nicht seine frühesten Schreiben waren. Vielleicht hätten die früheren Briefe weiteren Aufschluß über Hainhofers Lautenunterricht bei Ni-

sehen gab 41 . Hainhofer ließ später

40 A.a.O. fol. 27: „ivimus a Santa Maria della Neve, ibi est celebratum festum, nee proeul dis- tabat a patroni vinea, transiit processio cum instrumentis inter quibus etiam talia instru- menta erant, welche man aufeinander klopft, darnach ein beuglin mit schellen, an welche einer mit handen klopft".

41 A.a.O. fol. 17: „In der gallderia [!] hat man unß gewisen ein trisor oder Schreibtisch so fier den herzog gemacht wirdt, alß von ebeno, ist sehr groß, und alles mit edelgestein, Jaspis, la- zarus, granetlen, berlen und anderen mehr schönen und großen steinen eingelegt, nach dem allerzierlichsten".

42 HEIKAMP, Uffizien-Tribuna; HEIKAMP, Reisemöbel; ALFTER, Kabinettschrank, bes. S. 46-

57.

43 WEIGLE, Matrikel Siena, S. 132, Nrn. 2657-2659.

44 Stammensbeschreibung, fol. 61. Den Text über den vierten Abschnitt des Titels 20 („de le- gatis" = von Vermächtnissen, nicht von Gesandten, wie offenbar im Gedenken an eine von Hainhofers späteren Tätigkeiten manchmal angenommen worden ist) aus dem zweiten Buch der „Institutionen" hat Hainhofer im Manual, fol. 28v-34v, festgehalten. Die Aus- fertigung der Universität Siena, von deren Existenz Medem berichtete, ist laut einer brieflichen Nachricht der Universität nicht mehr feststellbar. Vgl. MEDEM, Hainhofers Rei- se-Tagebuch, S. VI. Die „Institutionen" sind jüngst ediert worden von BEHRENDS, Corpus Iuris Civilis. Der Abschnitt, über den Hainhofer las, findet sich dort auf S. 104.

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colo Legname oder sein Musizieren geben können, was diejenigen aus dem Jahre 1596 leider nicht tun. Sie können aber dazu beitragen, ein Bild des Lebens zu zeichnen, das er während seiner Studienzeit außerhalb der Beschäftigung mit dem juristischen Fach führte. Die persönlichen Beziehungen zu Landsleuten er- scheinen oft in einem sehr privaten Licht. An Daniel Eberz in Venedig etwa ging - ohne daß der eigentliche Anlaß aus der Briefkopie klar wird - ein Trostschrei- ben, das diesen, der offenbar Schwierigkeiten mit seiner Umgebung hatte, auf- richten sollte. Eberz müsse sich zurückhalten, damit keine Situation entstünde, in der sich Hainhofer etwa genötigt fühle, seinen Bekannten mit körperlicher Ge- walt zu verteidigen, wie dies gegen einen venezianischen Gondoliere schon ein- mal geschehen sei 45 . Gegenüber dem ebenfalls in Venedig weilenden David Koch entschuldigte er sich für das Ausbleiben eines Briefes damit, daß er wäh- rend der Hitze der Hundstage lieber beim kühlen Wein säße als Briefe schreibe 46 . Hainhofers Zeit in Italien endete mit einer Besichtigungsreise bis nach Rom und Neapel, deren Sehenswürdigkeiten wie die des gesamten Italienaufenthaltes sich in einer zweiten Handschrift, die neben dem Manual geführt wurde, be- schrieben finden 47 . Die Rückreise aus Italien führte über Trient, Bozen, Brixen und Innsbruck. Augsburg wurde am 5. November 1596 erreicht 48 . Am 22. No- vember wurde Hieronymus Bechler verabschiedet, der sich zu seinem Vater Za- charias begab. Der Eintrag über diese Trennung mag etwas über das Verhältnis aussagen, das sich zwischen den Brüdern Hainhofer und Bechler entwickelt hat- te. Philipp Hainhofer schrieb, daß Bechler beim Fortgang Tränen vergoß. Statt des Familiennamens seines scheidenden Präzeptoren setzte er zuerst an, „Hain- hofer" zu schreiben, strich den angefangenen eigenen Familiennamen dann und setzte den richtigen dahinter 49 . Es ist aber auch denkbar, daß sich hier ein Hang zur Selbststilisierung oder zumindest das Bemühen dokumentiert hat, eine dem Moment angemessene Szene zu erfinden. Sein eigener Aufenthalt in Augsburg dauerte nur kurz. Am 29. November reiste er mit einer Gesellschaft von Augs- burg ab, welche die Augsburger Georg von Stetten, Ludwig und Sigismund Rem - der am Folgetag wieder zurückreiste - , einen Hercules Martelli aus Bologna

45 Kopierbuch I, fol. 14-16 vom 6. Juni 1596, hier 15v: „enthalte dich dar wider etwas für zu nemmen, den ich wolt nit gern, daß man solches von dir solt sagen in meiner gegenwart, ich dürfft mich sonst von deinetwegen wiederumb rauffen, wie zu Venedig mit dem gundulier, darffst drumb nit kleinmuetig werden, ob man schon vil von dir sagt, sondern bleib frisch alß wie ein hecht, so würst desto balder pesser".

46 A.a.O. fol. 27 f. vom 29. Juli 1596, hier 27v: „halt mirs zu guetem, es sein der hundtäg, ich schreib nit gern vil drin, siz lieber beim kuelen wein, wolt Gott, ich kündt dir auch ein glaß vol in eim brief nauß schückhen, dan er zu Venedig nit so kuel ist".

47 Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 60.22.Aug.8°.

48 Manual, fol. 48v.

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Biographische Darstellung

und einen Pferdeknecht umfaßte 50 . Über Frankfurt am Main, das Hainhofer we- nig schön fand, und den Ort Frölingen - den betreffend er sich über mangelnden Komfort beklagte - erreichte die Gruppe schließlich Köln 51 . Über seine bevor- stehende Abreise dorthin hatte Hainhofer mehrere Bekannte informiert. An Leonhard Paller in Verona etwa schrieb er, daß er dorthin ginge, um die franzö- sische Sprache zu lernen 52 . Nachdem er in Köln angelangt war, benachrichtigte er Hieronymus Bechler in Ulm und Sigismund Rem in Augsburg über die An- kunft im Hause eines Jacques Honthuis, der eine private Schule unterhielt 53 . Sei- nem Bruder Hieronymus, der mit der Aussicht, nach Italien zurückzukehren, in Augsburg geblieben war, berichtete er in einem Brief vom 26. Dezember 1596, daß es in Köln Pest-Erkrankungen gebe, dies wegen der Größe der Stadt aber kaum zu bemerken sei 54 . Hieronymus Bechler erfuhr, daß Hainhofer die Gele- genheit habe, die flämische Sprache zu erlernen, da Honthuis und seine Frau aus Brabant kämen, und daß Französisch schwieriger zu erlernen sei als Italienisch, was vor allem an der Aussprache liege 55 . Aus einem Brief vom Monat März des Folgejahres ist erstmals wieder von einer musikalischen Betätigung Philipp Hainhofers zu erfahren. Einer der in der Privatschule von Honthuis lebenden Schüler bekam Lautenunterricht. Hainhofers Interesse am Instrumentenspiel scheint dadurch wieder erwacht zu sein. An sei- nen älteren Bruder Christoph, der die Verwaltung der Gelder in Händen hatte, von denen seine Ausbildung bezahlt wurde, sandte er eine Abrechnung seiner Lebenshaltungs-Kosten während der bis dahin in Köln verbrachten Zeit. In dem dazugehörigen Brief bat er um die Übersendung einer Laute, da er in Köln weder ein passendes gebrauchtes Instrumente fand, noch es sich leisten konnte, ein neues zu kaufen:

50 A.a.O. fol. 61.

51 A.a.O. fol. 61 v: „Francofortum civitas est mediocris elegantiae"; fol. 63: „7. decembris in prandio fuimus zuo Frölingen ligt im waldt, haben muessen schwarz haberbrot essen und sonst nit vil zum besten ghabt". Die ersten Briefe aus Köln finden sich im Kopierbuch I, fol. 44 ff.

52 Kopierbuch I, fol. 39v f. vom 25. November 1596, hier 39v.

53 A.a.O. fol. 44, undatierter Brief: „sono in casa di Giacomo Hetusio"; fol. 45, Brief vom 20. Dezember : „Io sono in casa di Giacomo Heuthusio". Die Schreibweise „Jacques Honthuis" ist aus späteren Dokumenten übernommen, so etwa einem Brief einer Familienangehörigen Honthuis', der sich als Abschrift a.a.O. fol. 90 findet.

54 A.a.O. fol. 49, Brief an Claudio Buonagionti in Siena, 26. Dezember 1596: „mio fratello Girolamo e per tornar alla primavera in Italia"; fol. 50v f., Brief an Hieronymus in Augs- burg, Stefanstag [= 26. Dezember] 1596, hier fol. 51: „die pest auch alhie ein wenig re- giert".

55 A.a.O. fol. 58 & 71. Einer der folgenden Briefe auf fol. 73 ist dann allerdings schon in Französisch abgefaßt. Ein im Manual auf fol. 5 erwähnter Unterricht in der „lingua galli- ca", welcher durch einen Doktor Tiberius 1594 in Padua erfolgte, wird wohl von grund- sätzlicher Natur gewesen sein.

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„Endlich so were mir höchlich gedient, wan du mir auß der meß ein italianischen dictionarium, und die instituta Justiniani mit den regulae juris darbey schückhest, der herr vetter Melchior würdts wol wissen wie es ist, wans auch fueglich sein kündte, ein allte lautten, damit ich daß, so ich gelernet habe, nit widerumb vergesse, ich khan hie kain allte kriegen mit 7 chor. Und für ein newe wollen sie 2 reichstaller. Wan ich auch erlaubmus hette, so wolt ich den sommer über die lautten wiederumb lernen, dan ein excellent meister täglich ins hauß khombt, noch ein anderen zulernen, er der meister ist ein gebomer franzoß, khündte alß neben zue die sprach lernen, über daß ist er lang zue Rohm gwest, khündt auch daß italian mit ihm üben, wolte in anderem desto fleissiger sein, und es widerumb rein bringen, schreib mir derohalben, waß ich thun solle" .

Er hatte zu dieser Zeit also keine eigene Laute zur Verfügung. Dies mag darauf hindeuten, daß er zeitweise das Interesse an dem Instrument verloren hatte. Vielleicht hatte er sogar seit dem Abbruch des Unterrichts bei Legname in Pa- dua, also seit über eineinhalb Jahren, nicht mehr Laute gespielt. Die vorgestellte Möglichkeit, neben dem Lautenunterricht und gleichsam im selben Zuge Franzö- sisch und Italienisch zu üben, wie auch das Versprechen, einen Ausgleich für die aufgewendeten Mittel und die Zeit für die Beschäftigung mit dem Lautenspiel zu schaffen, weisen darauf hin, daß sich Christoph Hainhofer die weitere Ausbil- dung seines jüngeren Verwandten streng auf eine Tätigkeit in der familiären Unternehmung gerichtet vorstellte. Philipp Hainhofer bettelte geradezu darum, eine gebrauchte Laute zu bekommen und Unterricht nehmen zu können. Im April begann er dazu noch einen Gesangsunterricht bei einem Pietro 57 . Die Identität Pietros, der offenbar Unterricht im mehrstimmigen Gesang (= „cantare in com- pagnia") gab, bleibt ungeklärt. Er war Franzose, wie ein weiter unten zitierter Brief ausweist, hieß also eigentlich Pierre 58 . Soweit die Briefkopien und das Ma- nual diese Beurteilung zulassen, hat Philipp Hainhofer in diesem Fall nicht um Erlaubnis oder die Gewährung von Mitteln nachfragen müssen. In einem späte- ren Brief legte er entgegen dem vorgenannten Eintrag in das Manual dar, daß Jacques Honthuis die Bezahlung übernahm, was diesen Umstand vielleicht erklä- ren kann 59 . Am 5. Mai begann der Lautenunterricht, und im Manual ist der Name des Lehrers genannt: Jean-Baptiste Besard, Franzose aus Besancon. Hainhofer be- zeichnete ihn als höchst vorzüglichen Meister und vermerkte auch den Preis von zwei Kölnischen Talern monatlich, den er seinem Lehrer für den Unterricht zahlte 60 . Besard wurde um das Jahr 1567 in Jussy bei Besancon in der Franche-

56 Kopierbuch I, fol. 74-75, hier 75. Die Briefkopie ist datiert „Datum Colin den 20. merz an- no 97".

57 Manual, fol. 64v: „16. aprilis commincia cantare in compagnia appresso il maestro messer Pietro, gli pago al mese 1 dallero colonese".

58 Kopierbuch I, fol. 76v f., Brief an Hieronymus Bechler, Christi Himmelfahrt [= 5./15. Mai] 1597, hier fol. 77.

59 A.a.O. fol. 85-87, Brief an Christoph Hainhofer aus dem September 1597, hier fol. 85v.

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Biographische Darstellung

Comte als Sohn einer Familie geboren, die durch Verheiratung dem Adel ver- bunden war 61 . 1587 wurde er Lizentiat und Doktor beider Rechte der Universität von Dole 62 . In ein Stammbuch Philipp Hainhofers trug er sich jedoch als „Kan- didat der Rechte" ein:

„Nobilissimo et eximiae spei domino, domino Phillippo Hainhofero Augustano in perpetuam

suae observantiae memoria manu propria haec posuit Joannes Baptista Besardus Bisuntinus, le- gum candidatus Coloniae Agrippinae 25 iulii 1597.

Conando addiscimus"

.

In den Kölner Universitätsmatrikeln der Jahre bis 1597 ist sein Name nicht zu finden 64 . Er war also wohl nicht zu weiteren Studien dorthin gekommen. Hainho- fer war von den Fähigkeiten des Lautenisten Besard offenbar sehr beeindruckt. In einem Brief vom 5. Mai - also dem Tag des Unterrichtsbeginns - schrieb er an Hieronymus Bechler, daß er fähige Lehrer sowohl für den Gesang wie für das Instrumentalspiel habe. Beim Singen werde ihm die richtige Aussprache des Französischen beigebracht und beim Instrumentalspiel ein leichterer Gebrauch der Hand gelehrt. Beide Lehrer seien Franzosen, die zudem Latein, Italienisch und auch einiges Deutsch verstünden, und jeder sei in seiner Kunst in höchstem Maße erfahren und gelehrt. Dies gehe so weit, daß der Lautenmeister die padua- nischen Lautenisten Giovanni Antonio Terzi und Hortensio Perla, wie überhaupt jeden italienischen Lautenisten mit Ausnahme desjenigen des Herzogs von Fer- rara nicht hoch schätze. Besard spiele „mit wunderbarer Süße auf den Saiten", unterrichte aber nicht jeden, es sei denn aus Gefälligkeit 65 . Der beim Herzog von Ferrara in Diensten stehende italienische Lautenist ist wohl mit jenem Laurencini

offenbar mit einigem zeitlichen Abstand von ihrem Datum, denn ihr folgt direkt und ohne irgendeinen sichtbaren Bruch, der auf einen Nachtrag deuten könnte, die weiter unten zi- tierte Nachricht vom Ende des Unterrichts nach einigen Wochen.

61 BESARD, Oeuvres, S. XI.

62 CASTAN, Besard, S. 29.

63 Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 210 Extravag., S. 485.

64 KEUSSEN, Matrikel Köln, Zeitraum 1587-1597 auf den S. 147-181.

65 Kopierbuch I, fol. 77: „nee desunt magistri in musica cum vocale tum instrumentali me erudientes; in vocali idioma gallicum recte pronunciandi docentes; in instrumentali manu facilior modo (quam ante hac factu) applicantes, ambo vero magistri accedunt aedes meas, suntque ambo galli, uterque etiam callet linguam latinam, italicam, et non nihil germani- cam, et quilibet scientiae suae peritissimus et doctissimus, adeo ut testudinis magister floc- ce pendeat Patavii Bergamascum, Hortensium, et quemlibet Italiae magistrum excepto illo quem alit Dux Ferrariensis. At ut verum fatere, mira suavitate fidibus canit, nee quemlibet nisi ex gratia instituit." Über Terzi wie Perla ist zu wenig bekannt, um die Identifizierung mit den paduanischen Lautenisten „Bergamasco" und „Hortensio" eindeutig zu machen. Terzi nennt sich im Titel seiner Publikationen „Giovanni Antonio Terzi da Bergamo". Über eine Tätigkeit in Padua ist nichts bekannt. Dies gilt auch für Perla. In seinem Fall ist es der Vorname, der keinem anderen bekannten italienischen Lautenisten der in Frage kommen- den Zeit zuzuordnen ist, und die Titulierung Perlas als „Hortensius Perla Patavinus" in der Autorenliste von Besard 1603, fol. Cv, was die Identifizierung nahelegt.

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zu identifizieren, den Besard einige Jahre später im Titel seines ersten Druckes von Lautenmusik, dem „Thesaurus Harmonicus", als Autoren nannte 66 . Zu den spärlichen biographischen Nachrichten über diesen „Lorenzino Bolognese", von dem nicht einmal der weitere Name bekannt ist, gehört, daß er auf Kosten von Herzog Ottavio Farnese bei dem Lautenisten Fabrizio Dentice und dem Kompo- nisten und Gambenvirtuosen Orazio Bassani in Parma ausgebildet wurde. Da- nach trat er in die Kapelle Farneses ein und blieb dort bis 1586. Nur in den Jah- ren 1570 und 1571 hielt er sich zeitweise in Rom und Tivoli auf. Vor 1589 trat er in die Dienste des Kardinal Montalto in Rom, wo er zum „eques auratus" ernannt wurde. Er starb am 23. September 1608 67 . In Tivoli soll er dem Kardinal d'Este gedient haben, um 1571 dem Mantuaner Hof und danach dem Kardinal d'Este zu Ferrara. Auch soll er in Rom als Organist tätig gewesen sein 68 . Laurencini war „eques auratus", also Ritter vom Goldenen Sporn, aber das Vorkommen von Autorenbezeichnungen wie „The Knight of the Lute" oder „Eques Romanus", die sich manchmal neben seinem Namen in derselben Quelle finden, macht das Eingrenzen der Überlieferung seiner Lautenmusik schwierig 69 . Im Vorwort des „Thesaurus Harmonicus" bezeichnete Besard ihn als seinen einstigen Lehrer 70 . Am Hofe des Landgrafen Moritz von Hessen gab er 1597 an, lange Zeit in Italien die Kunst des Lautenspiels („ars testudinaria") gelernt zu haben. Philipp Hainho- fer erfuhr von ihm, daß er sich lange in Rom aufgehalten habe 71 . Er scheint also vor 1597 einige Jahre in Rom verbracht zu haben und dort von Laurencini unter- richtet worden zu sein. Der Unterricht bei Besard währte nicht lange. Der zitierte Eintrag in das Manual vom 5. Mai 1597 schließt mit der Angabe, daß Hainhofer wegen einer Abreise nach Holland nicht ganz zwei Monate Unterricht bei ihm gehabt habe, in einem Brief ist von drei Monaten die Rede 72 . Die Abreise war eine Flucht, denn in Köln flackerte die Pest auf. Jacques Honthuis versuchte zunächst, mitsamt seiner Familie und seinen Schülern der Krankheit in das nahe Elbersfeld - heute ein Stadtteil von Köln - zu entfliehen. Am 7. August hatte Hainhofer noch von Köln aus seinem Bruder Hieronymus geschrieben, dieser möge ihm Lautensaiten

66 „Thesaurus Harmonicus Divini Laurencini Romani, Nee Non Praestantissimorum Musi- corum". Köln (Grevenbruch) 1603 = Besard 1603.

67 FABRIS, Falconieri, S. 23.

68 ElTNER, Quellen-Lexikon 6, S. 221.

69 Dowland 1610, S. 22 & 24; Besard 1603, Liste der „Nomina Authorum" auf fol. Cv; die beiden ersten Namen sind „Laurencinus Romanus" und „Eques Romanus".

70 Besard 1603, fol. 3 der ,Praefatio authoris ad candidum philomusum': „Divinus ille artifex Laurencinus Romanus instruetor quondam meus".

71 ROMMEL, Hessen, S. 404, Fußnote 124 & ZULAUF, Hofkapelle zu Cassel, S. 91 , Anm. 2. Beide nennen weder den Fundort für diese Nachricht noch ein genaueres Datum. Kopier- buch I, fol. 75, Brief vom 20. März 1597 aus Köln an Christoph Hainhofer in Augsburg.

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Biographische Darstellung

senden (und die Bezahlung über seinen Onkel Melchior oder durch seine Mutter regeln lassen, Christoph Hainhofer sollte davon wohl nicht erfahren); am Folge- tag ging ein Brief an den früheren Weggefährten Hercules Martelli nach Ant- werpen, in dem Hainhofer erklärte, man wolle wegen der Pest nach Elbersfeld oder Düsseldorf reisen 73 . Besard scheint die Stadt während der Pestepidemie ebenfalls verlassen zu haben. Er bot sich im Jahre 1597 in Kassel als Lautenlehrer an und erhielt ein Gnadengeschenk, also eine Geldzahlung, die Musikern, welche eine Stellung su- chend umherzogen, gewährt wurde 74 . Obwohl das genaue Datum dieses Ereig- nisses nicht bekannt ist, bietet es sich im Wissen um den Pestausbruch in Köln an, es in den späteren Monaten des Jahres zu vermuten und nicht davon auszuge- hen, er sei früh im Jahr aus Italien kommend in Kassel gewesen, um dann nach Köln zu ziehen und sich dort als Lautenlehrer zu etablieren, dessen Schülerkreis einige Monate nach seiner Ankunft schon zwanzig Personen umfaßte 75 . Viel- leicht gibt die zeitliche Diskrepanz zwischen Hainhofers Angaben, er hätte - be- ginnend mit dem 5. Mai - wegen der Abreise nach Holland keine zwei oder drei vollen Monate Unterricht bei ihm gehabt und der erst im September zunächst mit dem Umzug nach Elbersfeld beginnenden Flucht vor der Pest einen Hinweis da- rauf, daß es die Abreise des Lautenisten war, welche die Lektionen unterbrach. Honthuis und seine Schüler brachen erst spät im Jahr nach Amsterdam auf. Besard jedenfalls suchte in Kassel um Anstellung nach, freilich erfolglos, denn Landgraf Moritz hoffte zu dieser Zeit noch, den englischen Lautenisten John Dowland in seine Dienste bringen zu können. Dowland war im Jahre 1594 in Kassel gewesen. Offensichtlich hatte er den Landgrafen bei dieser Gelegenheit sehr beeindruckt, denn Moritz von Hessen sandte ihm noch im Februar 1598 ein Schreiben, in dem er eine Stellung an seinem Hof anbot, die aber schließlich im selben Jahr mit dem französischen Lautenisten Victor de Montbuisson besetzt wurde 76 . Hainhofer war am Anfang des Monats September mit Jacques Honthuis in Elbersfeld, wo dieser ein Haus für seine Familie und die Schüler finden wollte. Von dort schrieb er den schon angeführten Brief an seinen Bruder Christoph in Augsburg, in dem steht, daß Besard zwanzig Schüler habe und von jedem nicht weniger als zwei Kölnische Taler nehme. Den Unterricht - auch den im mehr-

73 Kopierbuch I, fol. 81: „7. augusti anno 97. in Cologna. Scripsi frater Hieronymus ut mittat cordas per il luto, et che faccia pagar quelle il signore Melchior over che la signora madre la metta nel conto"; a.a.O. fol. 81v: als Begründung dafür, daß ein Umzug geplant sei, heißt es, dies geschehe „per l'amor'della peste".

74 ZULAUF, Hofkapelle zu Cassel, S. 91 & Anm. 2.

75 Kopierbuch I, fol. 85-87v, Brief an Christoph Hainhofer aus Elbersfeld, September 1597, hier fol. 85v.

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stimmigen Gesang - habe Honthuis bezahlt . In das Manual hatte Philipp Hain- hofer im Mai - wie oben erwähnt - dagegen eingetragen, daß er selbst Besard bezahle. Vielleicht wollte er Christoph mit einer kleinen Lüge davon abhalten, sich über verschwendetes Geld zu beklagen. Der Umzug nach Elbersfeld war keine erfolgreiche Schutzmaßnahme gegen die Pest, denn am 10. September mußte Hainhofer in einem weiteren Brief an Christoph vom Ableben einer Tochter des Jacques Honthuis berichten. Er schrieb zwar - sicherlich zur Beruhigung -, daß man nicht wisse, welche Krank- heit zu diesem Todesfall geführt habe und daß es keine Anzeichen für die Pest gegeben habe, doch isolierte die Bevölkerung Elbersfelds die ganze Gruppe da- nach. Honthuis entschied sich dafür, nach Amsterdam zu ziehen, wie Philipp sei- nem Verwandten am 10. Oktober unter Verwendung des niederländischen Be- griffs „vertreckhen" für das Abreisen mitteilte 78 . In der Folgezeit mehrten sich die Erkrankungen in Hainhofers Umgebung. Schließlich mußte auch er mit Me- dizin versorgt werden. Über den Verlauf der Epidemie in Köln überliefert das Manual Geschichten, die in ähnlicher Form wohl bei jedem Pestausbruch im Umlauf waren, etwa von Menschen, die sich abends zum Schlaf niederlegten und am folgenden Morgen tot aufgefunden wurden. Andere seien gar beim Anklei- den von der Krankheit gefallt worden. Seine Handschrift auf den Seiten des Ma- nuals, auf denen die Ereignisse dieser Zeit festgehalten sind, wirkt fahrig und schwach 79 . Er scheint aber bald wieder gesundet zu sein. In seinem später für die Stammensbeschreibung verfaßten Lebenslauf heißt es zu diesen Ereignissen:

„Im augusto anno 1597. hat er sich propter grassantem pestem, dann in selbiger statt in die 33 tausend menschen gestorben sein sollen, mit andern von Cölen 5 meil weit nach Elverfeld für 3 monat bege- ben, und weil die pest daselbst auch in seines heim hauß kommen, demselben ein kind und zween

costgenger hinweg genommen, so hat er sich mit seim costherm [

]

in Hollandt begeben"

80

.

Jacques Honthuis, seine Familie und einige Schüler, unter denen sich auch Hain- hofer befand, schifften sich auf dem Rhein ein. Nach einer oft verzögerten Reise wurde zunächst Rotterdam erreicht. Dann führte der Weg über Delft, Den Haag

77 Kopierbuch I, fol. 85v aus dem oben erwähnten Brief an Christoph Hainhofer: „Hon porei primieramente trovare un vecchio et usato liuto, che fusse da vendere, meno d'essermi pre- stato dal maestro, ä tal'che fui sforzato di comprarmene un nuovo, imparai 3 mesi d'un ec- cellentissime et fedelissime maestro, chi hebbe da 20 Scolari, et di ciascuno non volse meno di 2 dalleri colonesi pe'l [!] mese. Di piü pagai per 3 mesi il maestro della musica, hebbi in uno di cantare se non 2 mesi per l'amor dell'parole francesi, ma mio padrone m'hä pagato

essendo nissuno di tutti in casa si sicuro

tanto, di cantare ancora un altro in compagnia [

nel cantare come io et Joan Pattista Hainzel".

]

78 A.a.O. fol. 90v-91v, hier 90v: „Um welcher oberwenten ursach willen unser patron resol- viert ist morgen wills Gott mit seim ganzen haußgesündt nach Colin zuziehen, alda seine Sachen richtig zumachen, und in Holandt vertreckhen nach Ambsterdam".

79 Manual, fol. 71 v ff. Die Beschreibung des Umzugs nach Elbersfeld beginnt auf fol. 67v.

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Biographische Darstellung

und Haarlem zum Zielort 81 . Der erste Brief aus Amsterdam datiert vom 20. De- zember 82 . Auch hier fand Philipp Hainhofer einen Lehrer für sein Instrument, dessen Name aus seinen Aufzeichnungen aber leider nicht hervorgeht. Im Febru- ar 1598 schrieb er an Christoph in Augsburg, daß er nach eineinhalb Monaten den Unterricht im Lautenspiel beendet habe und auch nicht wieder aufnehmen wolle, da der Lehrer zu viel von ihm verlange und das Musizieren für seine zu- künftige Tätigkeit nicht wichtig sein würde. Wie schon in früheren Briefen an Christoph Hainhofer wird das Bemühen deutlich, seinem älteren Bruder zu erklä- ren, daß die musikalische Ausbildung keinesfalls als Vergeudung von Zeit und Geld anzusehen sei. Es sei gut, daß das für den gerade beendeten Unterricht auf- gewandte Geld nicht vertan sei, denn auf einem solchen Musikinstrument spielen zu können, sei ein Zeitvertreib für den Kranken, dem Schwermütigen ein Trost, eine Erholung für den Geist, erfreue das Herz, sporne zum Studium an und sei darüber hinaus eine Zierde für einen jungen Studenten. In Gesellschaft anderer würde er - der Laute spielen könne - nicht als Rohling und Tölpel, sondern als Kenner und Liebhaber der Künste erscheinen. Die Laute sei das sanfteste und süßeste Instrument vor allen anderen, und sie sei auch das schwierigste und for- dere Geduld 83 . Der folgende Brief an Christoph, datiert vom 21. Februar 1598, ist im Un- terschied zu vielen der vorangegangenen vollständig auf Deutsch geschrieben. Er beginnt mit der Bitte um Erlaubnis, in das Haus des Handelsmanns Hunger in Amsterdam ziehen zu dürfen, um dort in die Handlung eingeführt zu werden und erste Berufserfahrungen zu sammeln. Die Studien sollten dabei nicht ganz ver- gessen werden, und Hunger sei auch des Französischen und Italienischen mäch- tig. Dieser unvermittelt auftretende Eifer, sich in die Arbeiten einer Handelsfirma einführen zu lassen, findet seine Erklärung vielleicht in einem Postscriptum, welches ausdrücklich nur für die Augen des Christoph Hainhofer gedacht war. Diesem war wohl hinterbracht worden, daß Philipp zu Marie, der Tochter von

81 Manual, fol. 76 ff: „Designatio itineris suscepti Ambsterdamum versusque anno 97.".

82 Kopierbuch I, fol. 96-97.

83 A.a.O. fol. 102-102v , hier 102 f.: „Io ho qui imparato sonar del liuto un mese e mezzo , fi- nita questo mese pagare il maestro, et poi lascierö d'imparare piü, perchö lui mi dimanda troppo, et mio ordinario non importerä. Se bene quest'argento non e mal speso. Perche il saper'giocare su qualche instrumento musicale, e un passa tempo aH'ammaleo, consolatio-

ne

al milanconico, recreatione del spirito, rallegrazione del cuore, incitatione a gli studi, et

di

piü un ornamento ad un giovane studente, acciö che, essendo lui in compagnia degli altri,

non sia solo il rozzo et goffo, ma il sciente et amatore dell'arte, et si come il liuto e il piü dolce et soave instromento tra gli altri, cosi e il medesimo liuto ancora il piü difficile et in- tricose. Et vuolse non [? = hon?] la pazienza". Mit einer ähnlichen Formulierung endet

Hainhofers kleiner Traktat in 1/5: „die lauten will unverdroßne und fleissige leut haben, dan

es ain schweres aber lieblichs instrument ist zu lehmen und zuspilen". Hier äußert sich eine

Apologetik des Lautenspiels, wie sie verschiedentlich auch in den Drucken zu finden ist, so etwa in der Rede „Zu dem Leser" im zweiten Lautenbuch Hans Newsidlers: „Der ander theil des Lautenbuchs". Nürnberg (Petreius) 1536, fol. A"v-A ln .

Kindheit und Jugend

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Jacques Honthuis, eine freundschaftliche Beziehung unterhielt, vielleicht sogar, daß beide eine jugendliche Liebe verband. Es muß wohl eine Art „Brandbrief aus Augsburg gekommen sein, denn in dem Postscriptum erklärte Philipp, es sei wohl richtig, daß er und die Tochter des Hauses sich oft träfen, jedoch geschähe dies alles in Ehren und in den Bahnen der Schicklichkeit. Er habe sich mit ihr unterhalten, um sein Französisch und Niederländisch zu üben. Es sei gar nicht möglich gewesen, sie zu meiden, da sie dort, wo die Lehrer sich aufhielten, zu nähen pflegte 4 . Daß Christoph Hainhofer von Nachrichten über eine mögliche Liebesver- strickung seines jüngeren Verwandten alarmiert worden war, mag an dem Wunsch gelegen haben, einer nicht standesgemäßen Verbindung vorzubeugen. Sicherlich hatte auch die Heiratsplanung innerhalb des sozialen Netzes, dem die Familie Hainhofer angehörte, einiges Gewicht. Die Familien der städtischen Oberschichten waren durch gegenseitige Verheiratung vielfältig miteinander verbunden, was sich in veröffentlichten Augsburger Dokumenten leicht verfolg- bar abzeichnet 85 . In den von Haemmerle 1936 veröffentlichten Hochzeitsbüchem hat Bernd Roeck 652 Eheschließungen der Jahre 1572 bis 1618 gezählt, die zwi- schen Angehörigen stubenfähiger Familien geschlossen worden waren. Er fand dagegen nur 39 Ehen, die er als „Mesalliancen" wertet . Eine Verheiratung mit Familien außerhalb dieser lokalen Oberschicht wurde sicherlich nur dann be- grüßt, wenn damit die eigenen Planungen begünstigt oder eigene Positionen be- festigt werden konnten. Eine Verbindung mit der Familie Honthuis wäre aus der Sicht der Hainhofer wohl ein Mißgriff gewesen. Schon der soziale Unterschied zwischen den wohlhabenden Händlern und der Familie des Privatlehrers aus Brabant war beträchtlich. Daß Postscriptum an Christoph Hainhofer ist als einzi- ges Dokument von dieser Verwicklung geblieben. Es hat seinen Zweck, den Verwandten zu beruhigen, also wohl erfüllt.

84 A.a.O. fol. 103v f.: „War ist, daß ich bey der dochter und sie bey mir offt ist, drumb es nicht in Unehren oder zu unglegner zeit, sondern wann ich soll nach ordinariis horis ain exercitium haben und sie ohne daß nehet, so erzehl ich ihr bißweilen waz ich etwan glesen hab, in franzoß oder niderlandisch, damit ich dise ergriffen und die ander sprach durch usum verbessern möchte, und hab daß nit nur ich allein jederzeit gtan, sondern auch alle andere die im hauß waren, iha zuo Colin wol muesen für sie khommen, dan sie allzeit im haußdennen genehet mit den maistres, und sonst kain anderer blotz zuo kurzweilen gwest. Zuo mir ist sie bißweilen khommen zuzuhören, wan ich auf der lautten gspilt, und wan sie waß bracht, von mir holen wollen, etwan ein weil stehn blieben scherzen". Der Name von Honthuis' Tochter wird erst in späteren Briefen Hainhofers genannt, die er diesem nach seiner Abreise aus Amsterdam sandte und dabei stets auch „damoiselle Marie" (a.a.O. fol. 137) beziehungsweise die „dochter jonfrou Marie" grüßen ließ (a.a.O. fol. 143).

85 HAEMMERLE, Erstes Hochzeitsbuch; HAEMMERLE, Hochzeitsbücher; WARNECKE, Hoch- zeitsbuch; Zur Vernetzung der Augsburger Oberschicht im 16. und frühen 17. Jahrhundert am Beispiel der Familien, welche die obersten Ämter der Stadt besetzten vgl. SlEH- BURENS, Oligarchie.

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Biographische Darstellung

Philipp Hainhofer hat die Zeit in den Niederlanden zu zahlreichen Ausflügen ge- nutzt. An Hieronymus Bechler schrieb er am 21. Februar 1598, daß er fast alle hauptsächlichen Städte Hollands besichtigt und ihre Denkwürdigkeiten in dem Manual festgehalten habe. Bechler war schon 1596 von Köln aus darüber unter- richtet worden, daß die Aufzeichnungen in diesem Itinerar weitergeführt würden. Vielleicht hatte er Hainhofer ursprünglich dazu angeregt, diesen Brauch beson- ders zu pflegen 87 . Im Manual findet sich unter anderem eine Abschrift vom Epi- taph des Erasmus in Rotterdam, eine Beschreibung des winterlichen Eislaufs der Niederländer und die einer Art Segelwagen, wie ihn später auch Zacharias Con- rad von Uffenbach am gleichen Ort sah . Hainhofers Darlegungen über die Laute und ihr Spiel, welche er im Februar 1598 an Christoph Hainhofer gesandt hatte, scheinen eine Erwiderung von des- sen Seite erfahren zu haben. Am 31. März schrieb er, daß er sich, was die Laute betreffe, so verhalten wolle, wie es Christoph am meisten gefiele 89 . Der ältere Bruder hätte die Beschäftigung mit dem Instrument offenbar am liebsten unter- bunden, denn Philipp hatte zehn Tage früher notiert, daß er Geld für Lautensaiten ausgegeben, dies aber nicht angegeben habe, womit er offenbar meint, daß diese Ausgabe in den Abrechnungen, welche Christoph erreichten, nicht auftauchte . Seine Ausbildung scheint nun sehr auf eine spätere Tätigkeit in der Schreibstube der Firma Hainhofer ausgerichtet gewesen zu sein. Dem Bruder Hieronymus schrieb er nach Augsburg, daß er als Beleg für seine Fortschritte Muster ver- schiedener Schriften, in denen er sich übe, an Christoph gesandt habe. Diese

87 Kopierbuch I, fol. 106-107, hier 106v: „omnes fere praecipuas Holandiae urbes perspexi, et notabilia libello subnotavi"; fol. 44: „Quanto al libretto del viaggio, mai non restaro di scrivere".

88 Manual, fol. 82; fol. 85: „In disem landtt ists breuchlich daß sie deß wünters, alß gfroren ist, auf hülzinen schuech die unden eisinen haben, auf dem eiß fahren, sehr lustig zusehen"; fol.[90a]v [= das Blatt zwischen 90 und 91 ist bei der jüngeren Nummerierung nach dem Beschnitt des Buchblockes ungezählt geblieben] die mit Skizzen versehene Beschreibung des Segelfahrzeugs und einer Art Automobil. Hainhofer nennt den Ort „Schrefflingen" (a.a.O. fol. 90 v); UFFENBACH, Reisen 1, S. C: Uffenbach hat auf einer Reise in die Nie- derlande im frühen achtzehnten Jahrhundert in Scheveningen einen Segelwagen besichtigt, der damals wohl als über hundert Jahre alt galt, denn er merkt an, daß in einer Arbeit „de Rebus Belgicis aufs Jahr 1600" nichts von diesem Fahrzeug berichtet sei. Die Amsterdam betreffenden Notizen Hainhofers aus dieser Zeit sind veröffentlicht worden von SCHELLER, Amsterdamse Aaentekeningen.

89 Kopierbuch I, fol. 112-113, hier 112: „Sul liuto mi faccio cosi intendere che Vostra Signo- ria ascoltando sentirebbe piü diletto et giocondita".

90 A.a.O. fol. 111: „Item 21. marzi pro fidibus sive chordis in testudinem L ne faciat mentio-

nem J.PH

der Währungszeichen war hier nicht möglich. Das

zweite ist vielleicht eine Abbreviatur für „denario", ohne daß dies einen Schlüssel dafür an die Hand gibt, welche Währung überhaupt gemeint ist.

de .3.'/ v d no ". Die Auflösung

Kindheit und Jugend

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Schriften umfassten für das Französische und das Deutsche jeweils eine Fraktur, eine Kurrent, eine Kanzleischrift und weitere andere . Im September 1598 verließ Philipp Hainhofer Amsterdam und kehrte, nach- dem er sich zunächst auf dem Seeweg nach Hamburg begeben hatte, in seine Heimatstadt Augsburg zurück. Seinem Bruder Hieronymus, der sich inzwischen in Verona aufhielt, schrieb er noch aus Amsterdam einen Brief, in dem er dessen Situation in Italien mit der seinigen verglich. Hieronymus hätte warmes, trocke- nes Wetter und guten Wein, er selber kaltes, feuchtes Wetter und schlechtes Bier. Er sei, schloß Philipp Hainhofer nach weiteren Vergleichen, an dies alles „gut gewöhnt", er habe es also satt 92 . Am 25. September st.n. brach er nach Hamburg auf. Den direkteren Weg über Köln hatte er seinem Onkel Matthaeus Hainhofer gegenüber als unsicher „des feindts halber" bezeichnet 9 . Der „feindt" - die spa- nischen Truppen in den Niederlanden - hatte nach einer Phase der Immobilisie- rung wieder Kraft gewonnen, nachdem König Philipp IL von Spanien im Februar ein neues Abkommen mit den Bankiers, die ihn finanzierten, abgeschlossen und im Mai einen Friedensschluß mit Frankreich erreicht hatte. Die Truppen Philipps IL hatten, bevor dieser am 13. September gestorben war, durch die Eroberung ei- niger Städte, die für eine mögliche Rheinüberquerung von Wichtigkeit waren, den Schiffsweg von Amsterdam nach Köln in ihre Reichweite gebracht. Auf die dadurch entstandenen Gefahren bezog sich Hainhofer seinem Onkel gegenüber 94 . Die Schiffsreise führte zunächst zur Insel Vlielandt, wo ungünstige Winde und eine Flaute das Schiff über eine Woche lang im Hafen aufhielten. Nach der Abfahrt erführ er dann die Unbilden der Reise über das Meer - während eines Sturmes wurde er seekrank:

„daß schiff sehr danzete, und die wollen über daß schiff nauß flogen. Kain gsundt stund hab ich

mir auf dem meer ghabt [ men" .

tag und nacht übergeben muesen, biß wir ins sueß wasser khom-

]

Hamburg wurde am Anfang des Monats Oktober 1598 erreicht 96 . Von dort reiste Hainhofer über Lüneburg, Magdeburg, Leipzig, Jena und Nürnberg nach Augs- burg, wo er am 30. Oktober st.n. ankam 97 . Er wird bald angefangen haben, in der

91 A.a.O. fol. 114: „An bruder Christoff hab ich den conto geschückht, und von verschrifften ein französisch und deutsche fractur, französisch und deutsche canzley, französisch kleine schrifft, ein französisch kauff auf der practic, ein romanische schrifft, ein herz mit franzö- sisch buchstaben geschrieben".

92 A.a.O . fol. 124 f., Brief vom 7. September 1598: „Sono degiö [?] ben'avezz o di tutto" .

93 A.a.O . fol. 127v f., Brief ohne Tagesdatum vom September 1598, hier 127v.

94 Zu den geschilderten Vorgängen in den Niederlanden s. PARKER, Aufstand der Niederlan- de^. 278 f.

95 Manual, fol. 97v.

96 A.a.O. fol. 99v. Die Hamburg betreffenden Aufzeichnungen im Manual sind veröffentlicht worden von NlRRNHEIM, Hamburg im Reisetagebuche.

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Biographische Darstellung

Schreibstube der familiären Firma zu arbeiten, auch wenn die Briefkopien und anderen Dokumente vorerst nichts darüber enthalten. Sein jüngerer Bruder, der sich im Frühjahr 1599 nach Venedig begeben hatte, bekam von ihm im März ei- nen Brief gesandt, in dem Philipp in Erinnerungen über die gemeinsam in Italien verbrachte Studienzeit schwelgte, und dabei auch an ein Kielklavier erinnerte, das sie in dieser Zeit wohl besessen oder zur Verfügung gehabt hatten 98 . In das Manual trug er in der Folgezeit einige Reisen zu Hochzeitsfeierlichkeiten von Verwandten und Fahrten zu den Messen in Frankfurt ein 99 . 1601 heiratete Philipp Hainhofer die Regina Waiblingen Die Nachricht über seine Verlobung mit der vier Jahre jüngeren Augsburgerin verbreitete er gleich- zeitig mit Einladungen zu der Hochzeit, die am 19./29. Oktober des Jahres im Haus der Brauteltern stattfand 100 . Im Folgejahr heiratete auch sein jüngerer Bru- der Hieronymus 101 . Zur Gelegenheit der Hochzeit Philipp Hainhofers entstanden einige Gedichte, die sich in einem Sammelband erhalten haben. Wenigstens zwei davon sind auch vertont worden: der Sammelband enthält eine fünfstimmige Komposition des Fuggerischen Organisten Christian Erbach (1568/73-1635) und eine achtstimmige Hochzeitsmotette auf den Text eines Joseph Ligellus aus Nürnberg 102 .

98 Kopierbuch I, fol. I50v-I52, Brief vom 11. März 1599, hier fol. 151: „Rivolgare (speranza

mia) nella mente vostra [

dove cosi havete piü caggione di raddolcirvi nei belli libri, over sul'vostro appicordo." Mu- sik in Klaviernotation aus den Händen der Brüder Hainhofer scheint sich nicht erhalten zu

haben. „M. Hainehofers danntz" auf fol. 90 f. von 2° Cod. 469 der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek, einer 1597 und folgend datierten Orgeltabulatur, weist wohl eher auf einen der älteren Verwandten namens Melchior. Der Hinweis von GOTTWALD, Musikhandschrif-

ten Stadtbibliothek Augsburg, S. 13, auf „Philipp Hainhofers Dantz" in IV/I6r

de Tänze sind nicht miteinander verwandt.

]

una bella strada sopra un canale, che guardareste scmpre fuora,

ist irrig. Bei-

99 Manual, fol. 11 Ov ff.

100 Kopierbuch I, fol. 179v ff, Briefe an Daniel Eberz in Venedig, Hieronymus Bechler, der inzwischen Untervogt in Pforzheim war, und an Jacques Honthuis in Amsterdam. Diese Briefe sind im September in Frankfurt, also während der Herbst-Messe, geschrieben wor- den; Stammensbeschreibung, fol. 61v.

101 Manual, fol. 121 v.

102 Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 39.7.Aug.2°, fol. 758: „Nelle nozze del molto magnifico Signore Filippo Haimhover [!] et della magnifica signora Regina Wai-

blingerin augustani composto dal Christiano Erbach organista del illustrissimo signor Mar- co Fuggeri"; fol. 759-763v: die fünf einzelnen Stimmen der Komposition „Ninfe del chiaro

a Jo-

sepho Ligello Noribergensi"; fol. 766-773v: die acht einzelnen Stimmen der doppelchöri- gen Komposition „Cum Deus qui pondera torquet"; fol. 775-789v: weitere vier Arbeiten

zum selben Anlaß von einem J. B. Massarengo (ein Verwandter des Komponisten und Dichters Giovanni Battista Massarengo, Parma 1569-1596 oder danach?), dem Augsburger Prediger und Pestarzt Joachim Lindenmayr, einem Georg Braun und dem Theologiestu- denten Heinrich Hempel aus Weimar.

lico"; fol. 765-765v: „Epithalamion sapphicum in nuptias [

]

Philippi Hainhoferi [

]

Händler in Augsburg

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Nach den Aufzeichnungen über seine Zeit in Padua, Siena, Köln und Amsterdam trug Hainhofer als nächsten umfangreicheren Gegenstand eine Reise nach Mün- chen in das Manual ein, zu der er am 13. Juli 1603 mit seinem Schwager Daniel Rem und anderen aufbrach 103 . Er besichtigte dort unter anderem die herzoglichen Kunstsammlungen. Im August wurde er für eine Verwandte tätig, die in Nürn- berg lebende Witwe Leonora Rem, deren Sohn in Italien studieren sollte . Hainhofer kümmerte sich um die Unterbringung von Georg Rem und andere damit zusammenhängende Dinge. Nachdem sich das Haus von Pietro Bocciardi in Siena, das in früheren Jahren den Brüdern Hainhofer und Hieronymus Bechler Unterkunft geboten hatte, als zu teuer herausgestellt hatte, fand er durch Bocci- ardis Vermittlung ein günstigeres Quartier 105 . Im Folgejahr reiste Georg Rem nach Italien. Eine Rechnung, in der nicht nur die Kosten für seine Unterbrin- gung, sondern auch für einen Tanz-, einen Lautenlehrer und den Ankauf einer Laute enthalten waren, überstieg immer noch die Mittel Leonora Rems. Hainho- fer schrieb an Bocciardi und den Gastgeber, Laertio Gabrieli in Siena, daß über- flüssige Kosten gestrichen werden sollten und sich Georg Rems Ausbildung auf das Nützliche konzentrieren solle 106 . Nachdem die finanziellen Schwierigkeiten ihre Regelung gefunden hatten, entwickelte sich kurz darauf Rem selber zu ei- nem Problem. Er wollte sich mit einer Gruppe deutscher Landsleute auf den Weg nach Rom und Neapel begeben. Der Umgebung, welche ihm eigentlich bestimmt war, hatte er sich unter anderem deshalb entzogen, weil er - der protestantische Deutsche im katholischen Italien - keinen rechten Gottesdienst besuchen konn- te. Hainhofer schlug ihm vor, sich mit dem Karmeliter Francesco Pifferi, der ihm ein geistiger Beistand sein könne, in Verbindung zu setzen 107 . Auch sollte sich Rem doch zu Gabrieli begeben und nicht vermeintlicher Bedrängnisse wegen Reißaus nehmen. Offenbar hat sich die Angelegenheit in der Folge beruhigt. Ge- org Rem kehrte im Folgejahr nach Nürnberg zurück, und mit einem Brief an Pietro Bocciardi, den Hainhofer am 20./30. September 1605 auf der Herbstmesse in Frankfurt schrieb, endete dieser Verwandtendienst 108 .

Zehn Tage nach der Geburt der ersten Tochter des Ehepaares Hainhofer starb am 4./14. Dezember 1604 Philipp Hainhofers Mutter, die geborene Barbara

103 Manual, fol. 127[a]v ff. (es gibt zwei als 127 gezählte Blätter); HARTIG, Unbekannte Rei- sen.

104 Hainhofer war über seine Frau mit Leonora Rem verwandt. Vgl. MEDEM, Hainhofers Rei- se-Tagebuch, S. 4.

105 Kopierbuch I, fol. 203-204v, Brief vom 4./14. August 1603; fol. 204v-211, Briefe vom August bis November 1603.

106 A.a.O. fol. 236v-240v, Briefe vom 12. und 26. August 1604.

107 Pater Francesco Pifferi ist in den Jahren 1594 bis 1597 als Lektor für Mathematik an der Universität von Siena tätig gewesen, s. MARRARA, Studio di Siena, S. 236, 238, 240 & 241, wo er allerdings als Kamaldulenser bezeichnet ist.

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Biographische Darstellung

Hörman 109 . Ihr Vermögen wurde unter die Erben aufgeteilt. Sie hatte nach dem Tode ihres Mannes im Jahre 1583 sein Geschäft weitergeführt 110 . Die oben ge- schilderte Funktion ihres Sohnes Christoph als Verwalter der Mittel zur Ausbil- dung Philipp Hainhofers, wie auch ihr Wegzug vom Sitz der Hainhoferschen Handlung in Augsburg sprechen dafür, daß dies nur nominell geschah und sie keine tatsächliche Tätigkeit in der Führung des Unternehmens innegehabt hat 1 ". Christoph war im Jahre 1583 der älteste lebende Sohn von Melchior und Barbara Hainhofer und blieb bei ihrem Umzug in Augsburg zurück. Er war am 18. Fe- bruar 1565 geboren worden und 1583 sicherlich schon fest in die Familienunter- nehmung eingebunden" 2 . Wer von der älteren Verwandtschaft Philipp Hainho- fers noch an der Firma beteiligt war, bleibt unbekannt. Daß es mehrere gewesen sein müssen, geht aus einem Brief vom Anfang des Jahres 1606 hervor, den Philipp an seinen Verwandten David Wolff in Ißny schrieb. Dort heißt es, daß zwischen ihm und seinem Bruder Hieronymus einerseits und den älteren „Vet- tern" andererseits Unstimmigkeiten hinsichtlich der Geschäftsführung herrsch- ten, so daß „wir unß nach ehe separiern, alß bey ainander bleiben möchten"" 3 . Er bemühte sich bald nach dem Tod seiner Mutter, einen selbständigen Handel aufzubauen, was sich in den Briefen aus der zweiten Hälfte des Jahres 1605 mit zunehmender Deutlichkeit abzeichnet. Gleichzeitig scheint er aber auch an Tä- tigkeiten in fremden Diensten interessiert gewesen zu sein, denn in einem Brief vom August entschuldigte er sein spätes Schreiben an seinen Verwandten Tobias Hörman damit, daß er zwischenzeitlich für Christoph Fugger gearbeitet habe" 4 . Ab November nahm der Briefverkehr mit einem Jacob Schad in Ulm breiten Raum ein, in dem es um den Handel mit Büchern, Kunstgegenständen und ande- rem ging 1 . Bei einem Augsburger Uhrmacher, der in der Vergangenheit für den Italien-Export der Firma Hainhofer gearbeitet hatte, ließ er auf Bestellung Uhren fertigen" . Seit 1603 importierte Hainhofer Asiatica und andere Exotica über Amsterdam, wie er einem Adressaten mitteilte, den er als Kunden zu gewinnen hoffte . Private Schreiben finden sich nun seltener, und ein Liebesbrief, den er

109 Manual, fol. 164 & 165.

110 HAGL, Grosskapital, S. 164.

111 HAGL, Grosskapital, S. 162, nennt Florenz als Hauptsitz der Firma von Matthaeus und Melchior Hainhofer. Aus dem durchgesehenen Material geht nicht hervor, daß dies im späten 16. Jahrhundert und danach auch nur der Form nach der Fall war. Das eigentliche Zentrum des Unternehmens war Augsburg.

112 Stammensbeschreibung, fol. 59v.

113 Kopierbuch II, fol. 38v-40, Brief vom 15. Januar st.n. 1606, hier 39v.

114 A.a.O.

115 A.a.O. ab fol. 26v.

116 A.a.O. fol. 30v-31v, Brief vom 14./24. November 1605 an einen Georg von der Chrues in Breslau.

fol. 2I-22v , Brief vom 11./21. August 1605, hier fol. 21 .

Händler in Augsburg

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im Namen seines Verwandten und Genossen seiner Studienzeit Johann Baptist Hainzels verfasste, bildet unter den anderen Kopien fast ein Kuriosum. Der an die Rosina Christlin gerichtete Brief enthält unter anderem drei Strophen eines Liedtexts, der sich auch in Hainhofers Lautenbüchem findet" 8 . Inzwischen be- schäftigte er zwei Schreiber, deren Hände sich vereinzelt auf den Seiten des Ko- pierbuchs II finden 119 . Im Jahr 1605 wurden Philipp Hainhofer und sein jüngerer Bruder Hierony- mus Mitglieder im Augsburger Großen Rat 120 . Nach dem Schmalkaldischen Krieg, in dem Augsburg auf der Seite der Gegner des Kaisers stand, hatte Kaiser Karl V. auf dem Reichstag des Jahres 1548 die Zunftverfassung aufgehoben und das alte Patrizierregiment wieder eingesetzt. Die Änderung der Stadtverfassung entsprach kaiserlichen Interessen, da sie die Vorherrschaft der protestantischen Bevölkerungsmehrheit beendete und Augsburg durch die Wiedereinführung der Regierung der vorwiegend katholischen Patrizier wieder enger mit der kaiserli- chen Seite verband. Ein Rückschwung im Zuge eines protestantischen Aufstands 1552 blieb eine kurze Episode. Die Augsburger Stadtregierung war seitdem in den Großen, den Kleinen und den Geheimen Rat aufgegliedert. Der Große Rat hatte überwiegend repräsentative Funktion. Demgegenüber war der Kleine Rat das eigentlich entscheidende Organ der Stadtregierung. Der Geheime Rat - aus- schließlich von Patriziern besetzt, die aus dem Kleinen Rat gewählt wurden - war dessen oberstes Gremium, in dem die Arbeit des Kleinen Rates bestimmt und vorbereitet wurde . In den Anfangsjahren des siebzehnten Jahrhunderts begann Hainhofer für eine eigene Kunstkammer zu sammeln. Dazu nutzte er auch seinen Kreis von Verwandten und Bekannten, aus dem ihm Artificialia und Naturalia zukamen, al- so zum Inventar einer Kunstkammer beidermaßen zugehörige Produkte des menschlichen Wirkens wie der Natur 1 . Sein Interesse für die Sammlungen an-

Angebot von Asiatica und einer Nachfrage angeschrieben, die ein Stammbuch betraf, in welchem er Einträge hochgestellter Personen sammelte. Dieses nicht erhaltene Stammbuch ist Gegenstand zahlreicher Schreiben in den Kopierbüchern.

118 A.a.O. fol. 61v-72v: „Copia eines buelbriefs, so ich PH. nomine Johannis Baptistae Hain- zely an die jungfraw Rosinam Christlin alß sein buelschafft geschrieben und geschüchet habe"; fol. 65v: „die fisch im wasser wohnen", s. IV. 1., Handschrifteninventar, IV/10v-l I.

119 A.a.O. fol. 15v-16v: ein Brief, der bis auf einen Nachsatz von Hainhofer in einer anderen Hand geschrieben ist; fol. 79, Wechsel mit Beginn eines neuen Absatzes von Hainhofers Hand zu dieser zweiten, die durch ausgeprägte Rechtsneigung gekennzeichnet ist; fol. 91 v ff, eine dritte Hand mit runder Buchstabenzeichnung.

120 Stammensbeschreibung, fol. 61v.

121 Zur Auflösung der Zunftverfassung s. LUTZ, Augsburg und das Reich, S. 41 f. Eine kurze Darstellung der Aufgliederung der Augsburger Stadtregierung im siebzehnten Jahrhundert findet sich in: AUSSTELLUNGSKATALOG Holl, S. 39.

122 Kopierbuch II, Brief vom 27. Dezember 1605 an Hieronymus Bechler, fol. 37v-38, hier fol. 37v: „wen mir ainer etwan solches frembdes, es sey jezt von rebus naturalibus oder artifi- cialibus, in mein khunstkhämmerlein schenckt, so geschücht mir mehrers Wohlgefallen dar-

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Biographische Darstellung

derer führte zu neuen Bekanntschaften. Hans Ulrich Krafft etwa war von Hain- hofer, der sich dessen Kunstkammer ansehen wollte, in Geißlingen besucht wor- den. In einem Dankbrief sprach er eine Gegeneinladung aus und übersandte Krafft ein bleiernes Schälchen und eine künstliche Taube für dessen Samm- lung 123 . Krafft war früher Handelsbediensteter der Augsburger Firma Manlich gewesen. Bei deren Konkurs führte er die Vertretung in Tripolis und wurde dort aufgrund von Gläubigerforderungen von 1574 bis 1577 festgehalten 124 . Hainho- fer bezahlte für ihn das Einbinden des autobiographischen Manuskriptes, in dem er diese Erlebnisse niedergelegt hat. Krafft besuchte Hainhofer im Jahre 1611 in Augsburg und ist in zwei von dessen Stammbüchern mit Einträgen vertreten, de- ren einer schon im Jahre 1608 getätigt worden war und daher wohl auf eine frü- here Visite verweist 125 . Der andere bezieht sich mit seiner Datierung in das Jahr 1576 und einer Unterzeile in arabischen Buchstaben auf die Zeit in Tripolis, während der Krafft dieses Alphabet - nicht aber die arabische Sprache - gelernt hatte und bei Gelegenheiten wie dieser das Gelernte nutzte, um seinen Namen in arabische Charaktere zu kleiden 126 . Am 4./14. November 1606 - wenige Tage, nachdem Philipp Hainhofer und seiner Frau eine zweite Tochter geboren worden war - besuchte Herzog Wilhelm V. von Bayern Hainhofer in dessen Haus. Er besichtigte in Begleitung von Marx Fugger Hainhofers Kunstkammer und kaufte ihm bei dieser Gelegenheit einige Exotica ab 127 . Im Juli des Folgejahres berichtete Wilhelm seinem Sohn, dem re- gierenden bayerischen Herzog Maximilian, von diesem Besuch. Hainhofer hatte dem „alten heim" - wie Wilhelm im Gegensatz zu Maximilian, dem „regieren- den heim", genannt wurde - mehrfach von seinen Handelsgütern angeboten 128 .

an, alß wan er mir baar gelt gebe"; fol. 40v^tlv , Brief an Daniel Eberz in Ißny vom 16./26. Januar 1606; fol. 15v-16v, Brief an Tobias Hörman in Kauffbeuren vom 16. Juli st.n. 1605.

123 A.a.O. fol. 30-30v, Brief vom 23. November st.n. 1605.

124 HASZLER, Reisen; ROTH, Bankrott der Firma Manlich.

125 HASZLER, Reisen, S. 428 f.; Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 210 Ex- travag., S. 440 f.

126 Augsburg, Grafische Sammlung der Stadt, Stammbuch Philipp Hainhofers. Dauerleihgabe der Industrie- und Handelskammer Augsburg. Ohne Signatur, ohne Seiten- oder Blattzäh- lung.

127 Manual, fol. 199v: „Adi ultimo october / 10. november 1606. vormittag 1/4 nach zehen uh- ren hat unser herr Gott mein hertsliebe haußfraw mit einer jungen dochter erfrewet"; a.a.O. fol. 200v: „Adi 4./14. november 1606. sein ihr durchlaucht herzog Willhalm in Baym etc. mit heim Marxen Fuggern vormittag nach 7 uhren zu mir in mein kunststüblin khommen, und biß nach 10 uhren darin geblieben, auch für gülden 200 von meinen indianischen Sa- chen abkauft, und haben sich ihr durchlaucht gar gnedig und familiär erzaigt".

128 STIEVE, Witteisbacher Briefe, S. 717 f: „Schick Euch auch ein Schreiben von einem burger von Augspurg, welchen ich ausser der religion für einen erbam und verstendigen jungen man halte, der auch wol studirt hat und daneben ein handelsman ist, wie ich denn in seinem haus allerlei frembde und selzame Sachen und ein halbe kunstcammer gesehen. Vileicht (one masgebung) kunt Ihr ine probiern, da Ir von Sachen, deren er im schreiben meidung thuet, was bederffet, im darumb auf ein widerkauf zueschreibet und sehet, wie er proce-

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Dieser wurde auch tatsächlich einer seiner Kunden und Auftraggeber, bis Wil- helm im Jahre 1623 von einer angeblichen Beteiligung Hainhofers an antikatho- lischen Umtrieben erfuhr und die Verbindung zu ihm abbrach. Ein Schreiben, in dem sich Hainhofer verteidigte, hat offenbar keine Wirkung gehabt. Der Herzog ist nicht wieder an ihn herangetreten 129 . Im Februar 1607 übernahm Philipp Hainhofer die Tätigkeit seines verstor- benen Onkels Hieronymus Hörman als Korrespondent für Gesandte der französi- schen Krone. Hörman war längere Zeit krank gewesen, und Hainhofer hatte die Korrespondenz seit über zwei Jahren in seinem Namen geführt 1 . Die Übernah- me der Korrespondenz war durch eine Reihe von Briefen vorbereitet worden, in denen Hainhofer vorgestellt und als Nachfolger Hörmans eingeführt wurde . Abrechnungen über die Korrespondenz seines Onkels, die Hainhofer zugunsten von dessen Witwe aufstellte, und die Anknüpfung an dessen Dienste bestimmen den Inhalt vieler folgender Briefe. Besonders die Durchsetzung der Ansprüche von Hörmans Witwe scheint einige Mühen gekostet zu haben. Im Juni zog er da- zu sogar einen Juristen bei, der mit Hinweis auf das belegende juristische „In- strument" den Fall noch einmal darlegte 132 . Hainhofers Tätigkeit bestand wohl überwiegend im Abliefern gesammelter Nachrichten und Zeitungen. Ein regel- rechter Briefwechsel - wie in späteren Jahren mit deutschen Fürsten - zeichnet sich in den Kopierbüchem nicht ab. Trotzdem fehlen hier Briefkopien, denn er wird nicht ohne Anschreiben lediglich gesammelte Informationen adressiert und abgesandt haben. Vielleicht hat er mit der Korrespondenz auch die als Referenz- instrument schlecht verzichtbaren Kopierbücher seines Onkels übernommen und weitergeführt, ohne daß diese sich später in seinem Nachlaß fanden.

diert; und weil er mich 2 mal gebeten schrift- und mündlich, so wollet mich zu einer gele- genheit wissen lassen, was ich in vertrösten oder schreiben mecht. Grüst mir Eur liebe ge- mahel und bleibe ich alzeit Eur getreuer vatter. Schleisshaim den letzten julii 607. Wil- helm.". Schon Stieve vermutete, daß es hier um Philipp Hainhofer gehe, dessen Name in diesem Brief nicht genannt wird.

129 Kopierbuch V, fol. 554v, Brief aus München vom 5. August 1623 mit der Mitteilung, daß Hainhofer künftig nicht mehr für Herzog Wilhelm arbeiten werde, da er „mit seinen glau- bens genossen wider die catholische correspondiert"; a.a.O. fol. 555-559v, Antwortbrief Hainhofers vom 11. August 1623.

130 Stammensbeschreibung, fol. 61 v. Hörman war der Bruder von Philipp Hainhofers Mutter, s. STETTEN, Lebensbeschreibungen, S. 275.

131 Kopierbuch II, fol. 102-103, an den französischen Gesandten Canaye in Venedig, 12. Janu- ar 1607; fol. 105v-106, an Canaye, 26. Januar; fol. 107v-108v, an den königlichen Rat Cammartin in Solothurn, undatiert. Philippe Canaye, Seigneur de Fresnes (1551-1610), war in den Jahren 1601 bis 1607 Gesandter in Venedig. Vgl. HAUSER, Sources, S. 79 f. Teile seines Briefverkehrs - darunter Schreiben an die französischen Gesandten Bongars, de Berny, de Baugy und Cammartin, für die Hainhofer korrespondierte - sind fünfunddreißig Jahre nach seinem Tod ediert worden: CANAYE, Lettres. Zu Jacques Bongars (1554-1612) vgl. HAUSER, Sources, S. 76-78.

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Biographische Darstellung

Hainhofers vielfältiger Handel, der inzwischen Kunstsachen, Tiere, Textilien, Uhren, Zeitungen und anderes umfaßte, hatte ihn mit der Zeit offenbar bekannt gemacht. Im Januar 1610 wurde er mit der Beschaffung von Wildgeflügel und anderen Waren für eine Zusammenkunft der evangelischen Union beauftragt, welche seit Beginn des Jahres und bis in den Februar hinein in Schwäbisch Hall tagte. Nachdem zuerst ein Kontakt über einen Justus Bloch geknüpft worden war, dem er - offenbar auf dessen Anfrage - Enten, Wachteln, Fasanen und Orangen, aber auch Zeitungen angeboten hatte, wurde Hainhofer im Namen ei- nes anonym bleibenden Auftraggebers über einen Boten mit der Lieferung von „federwildpret" betraut 133 . Dem württembergischen Küchenmeister in Schwä- bisch Hall, an den Hainhofer die bestellten Eßwaren lieferte, berichtete er im Verlauf dieser Beschaffungsaktion über eine Preissteigerung, welche durch das Aufkaufen von Nahrungsmitteln für die Unionstagung verursacht wurde' 4 . Bald schrumpfte auch das Warenangebot, und Hainhofer mußte zuerst vermelden, daß es schwierig sei, noch Geflügel zu bekommen, und wenig später, daß Wildgeflü- gel gar nicht mehr zu finden sei 135 . In das Jahr 1610 fiel auch der Beginn von Hainhofers Verbindung mit dem Herzog Philipp II. von Pommern-Stettin, die bis zum Tod des Herzogs 1618 dauerte und für Hainhofer sowohl wegen der Ein- künfte, die er aus dem Handel mit dem Stettiner Hof erzielte, als auch wegen der Ratsbestallung, die er 1617 erhielt, von einiger Wichtigkeit war. Hieronymus Bechler stellte Hainhofer im April des Jahres ein Schreiben des Herzogs zu. Philipp II. suchte den Augsburger als Korrespondenten zu gewinnen und verwies in seinem Schreiben auf die in beider Wappen zu findenden „Wilden Männer" (ein häufiges Element heraldischer Darstellungen) und die beiderseitigen Interes- sen an Sprachen und an den Künsten 136 . Die Lebensführung Hainhofers wurde im Laufe der Jahre immer mehr von seiner durch Erkrankungen geschwächten Konstitution bestimmt. Im Jahre 1606 waren es noch kleinere, aber dauernde Beschwerden gewesen, gegen die er im Mai durch die Anwendung einer Hauskur Abhilfe suchte 137 . Im August 1609 war er zweimal kurz hintereinander im „leder bad" - dem Dorf Leder, das sich im Besitz der Familie Fugger befand -, und im selben Monat in Begleitung des Augsburgers Dr. Geizkofler in Ebenhausen, einem „bad und saurbrunnen", wo er sich einer Trinkkur unterzog und zu gleicher Zeit auch der Augsburger Mitbür-

133 Kopierbuch III, fol. 32v-35, Brief an Justus Bloch in Kulmbach oder Bayreuth, 7. Januar 1610; fol. 54-57v, Brief an denselben vom 13./23. Januar 1610.

134 A.a.O. fol. 79v: „es würdt in allen preysen alles aufkaufft, ehe mans zur statt bringt, und gibt dise hallische zusamen kunfft unß alhie aine rechte theurung".

135 A.a.O. fol. 99v-101, Brief vom 6. Februar 1610 & fol. 104v-105, Brief vom 11. Februar

1610.

136 Stammensbeschreibung, fol. 61v.

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ger und Komponist Adam Gumpelzhaimer kurte 138 . Hainhofer wurde in Eben- hausen von seinem ehemaligen Präzeptoren, Hieronymus Bechler, besucht. Bei- de reisten im Anschluß an die Kur zunächst nach Stuttgart, wo sie die Kunst- kammer, die Musikinstrumente und die Bibliothek des Lautenisten Paul Jenisch besichtigten 139 . Die Gelegenheit, auf Reisen - etwa zu oder von den Frankfurter Messen - von der direkten Route abzuweichen, um Besichtigungen zu ermögli- chen, nahm Hainhofer oft wahr. Immer wieder auftretende Krankheitsanfälle ha- ben ihn spätestens in dieser Zeit dazu gebracht, von den Trinksitten der Gesell- schaft seiner Zeit Abstand zu nehmen. Er wurde weitgehend ein „abstemius", wenn auch seine Enthaltsamkeit keinesfalls grundsätzlicher Art war . Bei guter Gesundheit war er dem Weingenuß nicht abgeneigt, und bei einer Gelegenheit kurierte er sogar einen seiner Krankheitsanfalle, indem er „ain Becher Braun- schweigischer Mumb und ain Glaß spanischen Wein außtrunken" 141 . Auch der Eichstätter Fürstbischof Johann Konrad von Gemmingen, den Hainhofer im Mai des Jahres 1611 im Auftrag Herzog Wilhelms V. von Bayern aufsuchte, war kränklich und trank normalerweise keine Alkoholika. Johann Konrad hoffte da- durch die Gicht zu mildem 142 . Hainhofers Weigerung, bei einem Abendessen mit einem Bediensteten des Fürstbischofs einen Trunk auf Johann Konrads Gesund- heit zu tun, fand bei diesem volles Verständnis: er halte auch mehr vom andäch- tigen Gebet als vom gottlosen Saufen 143 . Aus der Relation über diese Reise und den anschließenden Besuch zur mündlichen Berichterstattung in München geht nicht eindeutig hervor, zu wel- chen Zwecken Hainhofer abgesandt worden war. Es kann aber geschlossen wer- den, daß Wilhelm V. (oder über dessen Person sein Sohn, der regierende bayeri-

138 A.a.O. fol. 234 ff, bes. fol. 246: Liste von Personen, die gleichzeitig mit Hainhofer in Ebenhausen waren.

139 A.a.O. fol. 242v & 244: „zum Paulo Jenisch gangen, sein stambuch, musikalische Instru- menten und buecher gesehen". Jenisch war Lautenist der Stuttgarter Hofkapelle, vgl. SlTTARD, Musik und Theater 1, S. 34 & 46. Die jährlichen Geldzuwendungen aus seiner Stellung beliefen sich laut Sittard (S. 34) auf etwa einhundertsechzig Gulden. Das scheint nicht genug, umfangreiche Sammlungen zusammenkaufen zu können.

140 In Hainhofers Reiserelationen ist immer wieder das „Zutrinken" und „Bescheidsagen" be- schrieben, bei dem der Zutrinkende seinem Gegenüber ein oft voluminöses gefülltes Trink- gefaß überbringen ließ, daß dieser zu leeren hatte. Die Sitte, einem ankommenden Gast ei- nen Willkommensgruß in Form eines Pokals voll Wein zu übergeben, ließ sogar eigens da- für gedachtes Geschirr entstehen, vgl. AUSSTELLUNGSKATALOG Welt im Umbruch 2, S. 358 ff. mit der Beschreibung und Abbildung des Willkommenspokals der Familie Geizkofler.

141 MEDEM, Hainhofers Reise-Tagebuch, S. 38.

142 HÄUTLE, Reisen I, Abdruck der Relation über die Reise nach Eichstätt auf den S. 15-54, hier S. 33: „Ihre Fürstliche Gnaden haben mir von allen speisen selbst fürgelegt und auss

dreyerley weinen ainss gebracht, sonsten trinkhen sie nur ain gesotten wasser [

ben, weil sie vermainen, dardurch Chyra: et Podagram zu compescieren"; Kopierbuch IV, fol. 21v-25, Brief an Herzog Wilhelm V., 6. Mai 1611; Stammensbeschreibung, fol. 61v f.

darum-

]

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Biographische Darstellung

sehe Herzog Maximilian) die Position des Eichstädter Fürstbischofs in politi- schen Angelegenheiten erkunden lassen wollte. Johann Conrad von Gemmingen sah sich von Nachbarn umgeben, die teils der evangelischen, teils der katholi- schen Seite angehörten. In seiner eigenen Politik scheint er sich deshalb einige Zurückhaltung auferlegt zu haben. Der katholischen Liga hatte er sich fem- gehalten, auch hatte er eine Warnung entgegennehmen müssen, sich nicht mit Tmppen zu versehen 144 . Fast wie ein ironischer Kommentar zur militärischen Machtlosigkeit des Fürstbischofs wirkt Hainhofers Bemerkung, die er vor einem Schmuckstück in Form eines mit Diamanten gefüllten Feldgeschützes - einer „Karrenbüchs" - machte. Er wies sein Gegenüber darauf hin, daß Geld und mo- bile Sachwerte ein kriegerisches Potential aufheben können, indem dieses aufge- kauft oder die Soldaten bestochen werden:

„wan Ihre Fürstliche Gnaden mit solchen carthaunen under die kriegsleüth 14? schiesse, so wurde sie etwan mehr, als mit veldtgeschüz und ihre musqueten ausrichten"

Diese Mission führte dazu, daß Hainhofer die Entstehung des „Hortus Eystetten- sis" (Altdorf 1613) aus einiger Nähe verfolgen konnte und auch ein wenig damit zu tun hatte. Das Eichstätter Blumenbuch ist ein aufwendiges Tafelwerk, dessen Darstellungen und Texte die Pflanzen aus den Gärten wiedergeben und beschrei- ben, welche Johann Conrad um seine Residenz, die Willibaldsburg, anlegen ließ 146 . Hainhofer vermittelte offenbar bei der Beschaffung von Pflanzendarstel- lungen, die als Vergleichsstücke oder zusätzliche Vorlagen benötigt wurden 147 . Im Februar 1613 - Johann Conrad von Gemmingen war inzwischen verstorben - konnte er Ferdinand von Bayern, dem Kurfürsten von Köln, berichten, daß das Werk seiner Vollendung entgegengehe 148 . Er bemühte sich, Druckprivilegien da- für zu erhalten und schrieb deshalb unter anderem nach Florenz, Paris und Brüs- sel . Am Ende des Jahres begann er, für den Druck zu werben. Illuminierte Ex-

144 Kopierbuch IV, fol. 100: „in kain ligam eingelassen, dan der Margraf habe gleich anfangs

]

zu dem so grenze er mit Neuburg, mit der Margrafschafft, mit Nürnberg, mit der obern Pfalz, mit Baym, mit Dillingen".

145 A.a.O. Die Formulierung ist vorgeprägt, vgl. Franck, Sebastian: „Sprichwörter / Schöne / Weise / Herrliche Clugreden / und Hoffsprüch". 1 & 2 Frankfurt/Main (Egenolff) 1541, Faksimile ildesheim etc. 1987, hier 1, fol. 33: „Mit guldin spiesen kriegen. Mit silberin büchsen unnd kuglen schiessen".

146 Vgl. AUSSTELLUNGSKATALOG Bibliothek Augsburg, S. 68.

147 Kopierbuch IV, fol. 26~26v, Kopie eines Schreibens von Johann Conrad von Gemmingen an Wilhelm V. von Bayern vom 1. Mai 1611 betreffs Darstellungen von Blumen und Tie- ren ; a.a.O. fol. 128v-137v , Brief nach Stettin vom 10. August 1611, fol. 133v f.: über das Entstehen des Eichstätter Blumenbuches.

148 Kopierbuch V, fol. 17-18v, Brief vom 27. Februar 1613, hier fol. 18.

geschriben, er solle kaine

Soldaten werben, man komme sonsten leichtlich an einander [

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emplare sollten die beträchtliche Summe von 500 Gulden kosten, während sol- che, die ohne diese von Hand anzufertigende Kolorierung der Darstellungen ver- kauft werden sollten, für einen Bruchteil dieser Summe angeboten wurden 15 . Von Eichstätt reiste Hainhofer zur Berichterstattung direkt nach Mün- chen 151 . Er nutzte die Gelegenheit zu Besichtigungen und hielt sich unter ande- rem während zweier Tage in der Kunstkammer auf . Auch die zwei Bände mit den Vertonungen der Bußpsalmen von Orlando di Lasso und denjenigen mit Motetten Cipriano de Rores - heute die Mus. Ms. A.I & II und Mus. Ms. B der Bayerischen Staatsbibliothek - sah Hainhofer. Über die Musik hat er sich nicht geäußert, nur über die Miniaturen Hans Muelichs. Sie erschienen ihm in ihrem Stil veraltet 153 . Der Zusammenhalt der Firma Hainhofer hatte sich über die Jahre immer mehr gelockert, und inzwischen bestand das Unternehmen wohl nur noch nomi- nell und aufgrund übriggebliebener gegenseitiger Verpflichtungen. Eine Be- scheinigung für den Augsburger Maler Hans Rottenhammer, die sich unter den Briefkopien findet, war gegen Ende des Jahres 1609 noch im Namen von Mat- thäus Hainhofer und seiner Gesellschafter ausgestellt worden 154 . Nicht ganz an- derthalb Jahre später schrieb Philipp Hainhofer nach Stettin, daß er und seine beiden Brüder - also Christoph und Hieronymus - noch mit dem Vetter Mel- chior Hainhofer verbunden seien, mit dem sie sich aber gerne vergleichen wür- den, um zu einer Trennung zu kommen 155 . Melchior, 1560 geborener Sohn von Matthaeus Hainhofer, dem Bruder und Geschäftspartner von Philipp Hainhofers

150 A.a.O. fol. 54-54v, Notiz über einen Brief nach Stettin vom 18. Dezember 1613; fol. 57v- 58, Notiz über einen Brief an de Leon in Venedig vom 17. Januar 1614 & fol. 58-6 lv, un- datierter Brief an einen ungenannten Empfänger in Genua. De Leon wurde das „Florilegi- um Eystettense" für 14 Gulden angeboten. Der Genueser Adressat bekam ein Angebot über ungebundene Exemplare, für die 34 Einheiten einer nicht identifizierten Währung gefordert wurden.

151 Die Relation der Münchener Reise von 1611 wurde veröffentlicht von HÄUTLE, Reisen I, S. 55-148, und jüngst von LANGENKAMP, Reisebeschreibungen, S. 136-201. Die 1632 in ZEILLER, Itinerarium, auf S. 277 ff. veröffentlichte Beschreibung Münchens beruht auf der von Hainhofer (Häutle S. 66 ff), welche bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein zitiert wurde, vgl. LANGENKAMP, op.cit. S.34 f. Zumindest Hainhofers Stettiner Reiserelation von 1617 ist ebenfalls von Zeiller benutzt worden, wie ein Vergleich seiner Beschreibung der Schloßkirche von Stettin auf der S. 378 mit dem Abdruck der Reiserelation Hainhofers bei MEDEM, Hainhofers Reise-Tagebuch, S. 19, zeigt.

152 HÄUTLE, Reisen I, S.

153 HÄUTLE, Reisen I, S. 82 f.

154 Kopierbuch III, fol. 22v-23.

155 Kopierbuch IV, fol. 37v, Brief vom 15. Mai 1611: „Ich und meine zwen brueder steckhen noch hinder unserem vettern Melchior Hainhofer, dessen haimbkunft wir gern von Prag se- hen umb die conti mit einander zu saldieren und unser thun alß dan nach gelegenhait anzu- stellen, Gott gebe wir mit gueter satisfaction von ihme kommen".

61 .

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Vater, war 1609 oder 1610 Hofkammer-Rat von Kaiser Rudolph IL geworden 156 . Die Hofkammer war als Finanzbehörde des kaiserlichen Hofes für dessen Unter- halt zuständig. Melchior scheint die Rats-Stelle deshalb erhalten zu haben, weil er Rudolph II. Kredite gewährte oder vermittelte. 1609 wurde er durch ein Schreiben nach Prag beordert, in dem eine Geheimangelegenheit als Grund für die Aufforderung zu dieser Reise genannt war. Seine Rats-Bestellung erfolgte zwei Monate später, ohne daß er dafür bezahlt worden wäre. Die Hofzahlamts- rechnungen verzeichnen in der Folge eingehende Zahlungen in Höhe von vier- undzwanzigtausend Gulden, die durch ihn dem Kaiser zuflössen . Die Kopier- bücher enthalten eine Notiz vom Dezember 1609 über ein Schreiben an Melchior in Prag, in dem - neben Angelegenheiten des Kunsthandels und Philipp Hain- hofers Stammbuch - von zusammenzubringendem Geld die Rede ist. Die ge- wünschte Vertraulichkeit mag der Grund dafür gewesen sein, daß die Kreditbe- schaffung für den kaiserlichen Hof sich nur in wenigen weiteren Briefen nieder- geschlagen hat 158 . Daß das Verhältnis zu Melchior in dieser Zeit nicht ungetrübt war, zeigt auch ein Brief aus dem März 1610, in dem ihm von seinen Verwand- ten in Augsburg ein gutes Übereinkommen bestätigt wurde, womm er offenbar in einem vorangegangenen Brief nachgefragt hatte 159 . Über die Schreibstube Philipp Hainhofers führte offensichtlich auch der Versuch, den Erzherzog der Toskana und den Herzog von Bayern zum Einschreiten in einer anderen Angele- genheit der kaiserlichen Hofkammer zu bewegen 160 . Herzog Maximilian von Bayern um die Förderung von kaiserlichen Belangen zu bitten, wird wenig Er- folg gehabt haben. Als Hainhofer im Jahre 1612 - nach dem Tod Rudolphs IL im Januar des Jahres war dessen Bruder Matthias zum Kaiser gekrönt worden - den

156 STEUER, Außenverflechtung, S. 201, nennt das Jahr 1609; in der Stammensbeschreibung, fol. 58, ist der Antritt des Amtes in das Jahr 1610 gelegt. Nach einer brieflichen Mitteilung des Staatsarchivs Ludwigsburg befinden sich im dortigen Familienarchiv Geizkofler Briefe an Melchior Hainhofer und seine Frau Eleonora, geborene Langenmantel, aus den Jahren 1606-1615, in denen es um eine Kreditsache geht. Der erste Kontakt ist also wohl über den Reichspfennigmeister Zacharias Geizkofler erfolgt.

157 STEUER, Außenverflechtung, S. 109 f.

158 Kopierbuch III, fol. 22-22v, Notiz über einen Brief an Melchior Hainhofer in Prag zwi- schen einem Brief an den kaiserlichen Antiquar Daniel Fröschel vom 18. Dezember 1609 und der Kopie einer Bescheinigung für den Maler Hans Rottenhammer vom 26. Dezember; fol. 26v-30v, Brief an Melchior Hainhofer in Prag vom 6. Januar 1610.

159 A.a.O. fol. 111-112, Brief an Melchior Hainhofer in Prag vom 26. März 1610.

160 A.a.O. fol. 264-264v, Brief von Philipp Hainhofer an den Großherzog der Toskana; fol. 266v-267v, Kopie eines Briefes an denselben von Christoph Hainhofer; fol. 267v-268, Kopie eines kaiserlichen Schreibens an denselben, datiert vom 3.11.1611(11. März?); fol. 268v-269 Brief von Christoph Hainhofer an die Großherzogin der Toskana mit der nachge- stellten Bemerkung Philipp Hainhofers: „Dise und 2 vorgehende supplicationes hab ich für mein bruder Christoff gemacht" (fol. 269); fol. 324-324v, Brief an Kaiser Rudolph vom 28. März 1610 & fol. 324v-326, Brief von Melchior und Christoph Hainhofer an den bayeri- schen Herzog.

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bayerischen Herzog um eine Intercession bat, durch die Melchior seine inzwi- schen verlorene Stelle als Hofkammerrat wiedererlangen sollte, beschied ihn Maximilian denn auch, daß sein Verhältnis zum Kaiser dafür zu schlecht sei Die gewährten Kredite sind offenbar nie wieder zurückgezahlt worden. Im Jahre 1614 klagte Hainhofer, daß er durch Melchior einen Verlust von mehreren tau- send Gulden erlitten habe und sich zudem um dessen Frau und Kind kümmere, und noch 1637 schrieb er über Melchiors Versäumnis, seine Forderungen in Hö- he von zehntausend Gulden gegenüber dem Prager Hof ausreichend zu beurkun- den 162 . Herzog Philipp IL von Pommern-Stettin war innerhalb einer Jahresfrist für Hainhofer zum regelmäßigen Abnehmer von Büchern, Kunstsachen und ande- rem geworden. Unter den Sendungen, die im August des Jahres 1611 nach Stet- tin abgingen, waren Lautensaiten, die Hainhofer für einen ungenannten Dritten besorgt hatte, einen der Brüder Philipps IL, wie aus einem späteren Brief hervor- geht 1 . Hainhofer stellte in Aussicht, von diesen in München besorgten Saiten so viele zu beschaffen, wie begehrt würden, auch könne er aus Italien Sieneser Sai- ten erhalten, und er habe seinem Bmder nach Italien geschrieben habe, dieser solle Florentiner Saiten beschaffen 164 . Ihm waren, wie er fortfuhr, diese als be- sonders gute Sangsaiten empfohlen worden, als er in Italien und in den Nieder- landen Laute spielen lernte 165 . In dem genannten späteren Brief beschrieb er sein Lautenmanuskript und dessen Entstehung. Er habe es im ersten Jahr seiner Ehe - die Hochzeit fand am 29. Oktober 1601 statt - geschrieben und sich dafür Papier in besonderer Stärke anfertigen lassen, eigens ein Rastral aus Italien importiert, die von ihm im Laufe der Zeit gesammelten Lautenstücke niedergeschrieben, das Manuskript binden lassen und für eine Ausstattung mit gesammelten und auch eigens angefertigten Graphiken, auf denen musikalische Instrumente abgebildet seien, gesorgt. Er bot an, Exzerpte aus diesem Manuskript, in welchem viele gute Stücke von berühmten Meistern seien, zu übersenden. Da dieses Dokument bis-

161 Kopierbuch IV, fol. 379v-380v, Brief nach Stettin vom 10. Oktober 1612 mit einem Zusatz zur Relation über die Reise nach München im selben Jahr.

162 Kopierbuch V, fol. 77-78 , Brief nach Stettin vom 29. Mai 1614, hier fol. 77v; Kopierbuch VII, fol. 213-217, Brief an eine Frau Barmeth in Wien in Sachen der Ausstände ihres ver- storbenen Mannes beim kaiserlichen Hof, hier fol. 215v.

163 A.a.O. fol. 226-228v, Brief vom 28. Dezember 1611.

164 Kopierbuch IV, fol. 137v aus einem Brief vom 10. August 1611: „hiemit 5 duzet müncher lauten saithen die ich dem müncher botten mit von dar zu bringen anbefolchen und er mir eben in paceto gelifert hat, gefallen sie nun demjenigen für den sie eure Fürstliche Gnaden gnedig begehren, so will ich auf andeuten beschriben [= schriftlich bestellen] soviel man will, und auch durch mein bruder ein pacetto senesischen saithen, die man jeder zeit für sehr guet gehalten, schreiben".

165 Sangsaite ist eine Bezeichnung für den höchsten, einzeln besaiteten Chor der Laute. Mün- chen, Siena und Florenz sind in verschiedenen weiteren Quellen als Herstellungs- oder Handelsorte für Saiten genannt, vgl. Dowland, John: „Other necessary observations belong- ing to the lute". In: Dowland 1610, S. 13-19, hier S. 14; VACCARO, Musique de luth, S. 58.

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her unbekannt war und wesentliche Informationen zur Entstehung der Quelle enthält, soll die Passage aus dem Brief, welche die Lautenbücher betrifft, hier in einiger Breite wiedergegeben werden:

„Um die müncher sehen habe ich geschrieben, hoffe sie über 8 tag gewiß zuzuschicken, wan sie heut nit kommen und weil, alß ich in Italia und in Niderlandt die lautten zu spülen gelemet habe, ich die sengesaitten für alle andere der perfection halber habe hören rüemen, so habe ich meinen brueder begrüest, daß er um marto nach Florenz wolle beschreiben und heraus scheuken [!], da- mit Eure Fürstliche Gnaden herr bruder, mein auch gnädiger fürst und herr möge die prob ma- chen, welche besser seyen. Ich habe im ersten jähr meiner ehe, da ich noch besser die weil allß iezt gehabt, alle meine lauten stucklen, die ich hin und widerumb gecolligiret, in 2 volumina zu samen geschrieben und in 12 thail abgetheilt, in schon türgisch leder lassen bünden, hüpsche stuckhe vornenher lassen dareinn mahlen, und waß ich von kupfferstuckhen, do musicalische in- strumenta bey sein, überkommen künden darzwischen gemacht und ein 200 gülden uncosten aufgewendt, alles selbs geschriben und gelinirt, wie ich mir dan habe ein lienir kam von Venedig komen, und sonder dickhen papir auff der mühlen macht lassen. Im ersten volumine sein gaistli- che hymni, psalmen, kirchen geseng und lieder: item muteten, madrigali, canzoni, villanelle, arie und sonst weltliche lieder, item praeludi, praeambuli, fantasie, ricercate, passionate und musicali- sche toccate oder leufflen begriffen. Das ander volumen helt in sich teutsche tenz, passo e mezzo mit ihre riprehse et saltarelli in underschiedtlichen clavibus und vielen verkerungen, italianische und franzosische gagliarde, pavane, battaglie, barriehe' [!], padovanische denz, groser Hem denz, pollnische dänz, spagnolette, entrate, mascherate, volte, und sein viel guethe stucklen von den be- rümbten maistern darunder, wan Ihre Fürstliche Gnaden weil sie sich der lautten delectirn, gnä- digst was von meinen sachen begern, so wil ich gern mit gelegenheit, was mich am besten dunckt und damit Ihr Fürstliche Gnaden am meisten mochte gedient sein, ausschreiben und Ihr un- derthenig über senden, zuwissen daß alles in italianischer tabulatur mit Ziffern und nit mit den buchstaben auf franzosisch, auch nit auff die teutsch art ist, und bin ich Ihm Fürstlichen Gnaden umb seiner Fürstliche Gnaden willen, wo es mir immer müglich ist, auch underthenig ganz er-

,

bietig

.

u

166

Im Februar darauf bekundete er erneut seine Bereitschaft, eine Auswahl von Stücken nach Pommern zu senden:

„Der seneser lautten seitten wirdt mein bruder nit vergessen, und soll von leicht baldt herauß schicken, und so Eure Durchleuchtige Gnaden herre brudern, mein auch gnediger fürst und herr, von meinen stücklin was begert, wil ichs Ihr Fürstlichen Gnaden gern ausschreiben und un- derthenig zu senden"

In den folgenden Briefen finden sich keine weiteren Nachrichten, welche dieses Angebot betreffen. Jahre später versandte Hainhofer seine Lautenbücher im Ganzen nach Pommern. Dort blieben sie einige Monate in den Händen des Her- zogs Ulrich, der also wohl Empfänger der Saiten gewesen war, welche Hainhofer nach Stettin geschickt hatte. Im Frühjahr 1618 schrieb er an Herzog Ulrich, daß er es mit Dankbarkeit sähe, wenn er die Lautenbücher - die er ihm im vorigen

166 Kopierbuch IV, fol. 227-228.

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Dezember zugesandt habe - bei Gelegenheit wieder zurückbekäme. Sie seien ei- genhändige Originale und sollten seinen Nachkommen zur Erinnerung dienen:

„Im jüngst verflossnen monat december habe Eurer Fürstlichen Durchlaucht auf dero mündtlich gnadigstes zusprechen meine 2 lauttenbücher in folio in roth türckhisch leder eingebunden zu durchsehen, ich gehorsamst zugeschickt, wan nun Eure Fürstliche Gnaden solche werden durch- geblättert haben, so soll mir aine sondere gnad, wan Eure Fürstliche Gnaden mir solche gelegen- lich widerumb gnädigst zuschickhen werden, alldieweilen ichs mit aigner hand zusammen ge- schrieben, kein copias von habe, und meinen kindem zum gedechtnus und nachvolge solche gern auferhalten wolte"

Hainhofer war 1617 in Stettin gewesen und hatte den jüngsten Bmder des Her- zogs Philipp IL von Pommem-Stettin dort kennengelernt. Herzog Ulrich stellte er in der Relation über diese Reise als einen großen Liebhaber der Jagd dar, von einer eigenen musikalischen Betätigung des Fürsten vermerkte er nichts. Ebenso wie die stets knappe Behandlung des Themas Musik überhaupt mag dies am We- sen der Reiserelation liegen, vielleicht auch an den Umständen der Begegnung. In den Briefen Hainhofers ist eindeutig einer der pommerschen Herzöge ge- meint, wenn vom Empfänger der abgesandten Lautensaiten die Rede ist. Es muß deshalb ein persönliches Interesse Herzog Ulrichs an den Lautenbüchem bestan- den haben, seine Musiker waren sicherlich nicht die letztendlichen Rezipienten der Musik in der Sammlung. Die pommerschen Herzöge unterhielten jeweils ei- ne eigene Hofmusik, und bei einer Gelegenheit während des Aufenthaltes von Philipp Hainhofer spielten Musiker Herzog Ulrichs auf: „vor der Tafel Herzogen Ulrichß Lautenisten und Violisten gehabt" 169 . Die Listen an den pommerschen Hof versandter oder diesem angebotener Bücher enthalten selten Musikalien. Unter diesen ist nur ein Druck zu finden, der Lautenmusik enthält: Cesare Negris Tanztraktat „Le Gratie d'Amore", dessen Tanzmelodien Sätze in Tabulatur bei- gegeben sind 170 . Es fehlt daher an Informationen darüber, welche Musik am En- de der zweiten Dekade des siebzehnten Jahrhunderts an den pommerschen Höfen musiziert wurde. Immerhin scheint Hainhofer seine eigene Sammlung von Lau- tenstücken nicht als derart veraltet angesehen zu haben, daß er sie dort nicht vor- stellen mochte.

168 Kopierbuch V, fol. 274-276, Brief an Herzog Ulrich in Stettin, 8./18. April 1618, hier fol.

275.

169 MEDEM, Hainhofers Reise-Tagebuch, S. 86. Zu den Hofkapellen der pommerschen Herzö- ge vgl. SCHWARZ, Pommersche Musikgeschichte, S. 14.

170 Kopierbuch IV, fol. 198-200v, Brief an an den Händler Prospero Lombardo in Mailand vom 8. Dezember 1611, Liste gewünschter Bücher, fol. 198v: „1. Gratie d'amore del trom- bone."; fol. 273-277v, Brief nach Stettin vom OL/11.03.1612, Bücherliste, fol. 277: „le gratie d'amore". Der Beiname „II Trombone" ist im Titel des Druckes genannt: „Le gratie d'amore di Cesaire Negri Milanese detto il Trombone", Mailand (Pontio & Piccaglia) 1602.

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Biographische Darstellung

In den Jahren vor seinem Besuch in Stettin wurde Hainhofer mit einigen Reisen beauftragt, auf denen er meist Herzog Philipp II. repräsentierte 171 . Er nahm 1615 den Juristen Dr. Georg Nathan in Dienste, der bis zu seinem Tod im Jahre 1645 Geschäftsdiener Hainhofers blieb und ihn im Krankheitsfall auch einmal in sonst eigenhändig geführter Korrespondenz vertrat 17 . Im Juni 1615 begab er sich in den Kurort Wildbad. „Schwindel" und „Hauptblöde", die vielleicht als Sympto- me einer Kreislauferkrankung zu deuten sind, hatten ihn vorher einmal derart ge- plagt, daß er um sein Leben fürchtete 173 . Im März 1616 nahm Hainhofer als Abgesandter Philipps IL von Pommem- Stettin in Stuttgart an den Feiern zur späten Taufe des Württembergischen Prin- zen Friedrich teil - das Kind war schon am 19. November des Vorjahres geboren worden 174 . Die Texte der Lieder und anderen Gedichte für die Aufzüge und Tän- ze dieses Festes stammten weitgehend von dem württembergischen Sekretär und Dichter Georg Rudolf Weckherlin, der später als englischer Staatssekretär zu ei- nem Ansprechpartner Hainhofers wurde, als dieser seine Korrespondenz- und Handelsaktivitäten auszudehnen suchte 175 . Bei den Festlichkeiten in Stuttgart war er Zeuge von musikalischen Darbietungen, die wohl einen eindrucksvollen Teil der Repräsentationen bildeten. In seiner Relation hielt er davon wie ge- wöhnlich nur wenig fest. Er notierte, daß musiziert wurde und zu wieviel Chö-

171

HÄUTLE, Reisen 1 & HÄUTLE, Reisen II S. 209-249 & 250-267. Die Relationen über die Besuche in München liegen auch in einer kritischen Neuedition von LANGENKAMP, Reise- beschreibungen, vor.

172

Kopierbuch V, fol. 162v-166, Brief an einen Dr. Langjahr in Linz betreffs der Kosten für Hainhofers Korrespondenz mit den Österreichischen Landständen. Er habe Nathan eigens wegen dieser Korrespondenz angenommen. Zu Nathan s. weiter: FALCKENHEINER, Univer- sität Marburg S. 113: „Nathan, Georg (Augustanus) 1605"; MENTZ, Matrikel Jena, S. 220:

„Nathan, Geo., Augustan. 1606 b [= 2. Semester des Jahres], 38"; WACKERNAGEL, Matrikel

Basel, S. 124 [September 1611]: „22. Georgius Nathan, Augusta-Vindlicus - 1 1b [

]

In

Basel: 1612 8. IX. dr.iur.utr., 1612 10. IX. sein Eintrag ins Stammbuch des Simon Gry- naeus (Bd. 2, 352)"; STAEHELIN, Beziehungen 37, S. 296, rechnet Nathans Eintrag zu de- nen, die von Hausgästen des Grynaeus getätigt wurden. HAEMMERLE, Hochzeitsbücher, Nr. 2136; HAEMMERLE, Erstes Hochzeitsbuch, Nr. 2259: Nathan heiratete 1615 die Witwe Sa- bine Haug, geborene Vohler. GOBIET, Briefwechsel, S. 116, Brief 151.

173

Stammensbeschreibung, fol. 62v: „Anno 1615. im junio, ist er des schwindeis halber in das Wildbad geraiset". In einem Brief an den Händler Prospero Lombardo vom 3. Juni 1615 ist präziser von den „bagni chiamati Wiltbad, vicini a Argentina" die Rede (Kopierbuch V, fol. 152-153v, hier 153v). Gemeint ist also wohl der noch heute existierende Kurort gleichen Namens. Kopierbuch V, fol. 147-149, Brief nach Stettin vom 20. April 1615 mit der An- kündigung der Reise zur Kur in Wildbad, hier fol. 149: „Ich [habe] diesen wünter über offt gefürchtet, es möchte etwan unser herr Gott in meinem Schwindel und hauptblöde was an- ders mit mir fürnemen".

174

OECHELHÄUSER, Hainhofers Bericht; KRAPF, Hoffeste 1, S. 315-358.

Händler in Augsburg

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ren, aber nie, was gespielt oder gesungen wurde, oder wer es komponiert hatte Gewissenhaft war er dagegen bei der Angabe der Zahlen von Trompetern und Paukern, welche die ankommenden Fürsten begrüßten, ihre Aufzüge während des Festes begleiteten und bei anderen Gelegenheiten spielten. Hier liegt wohl auch die Erklärung dafür verborgen, warum Hainhofer den Musikaufführungen in seinen Berichten so wenig Beachtung schenkte. Der Gegenstand seines Re- portes war nicht die erklungene Musik, sondern das Maß an repräsentativer Prachtentfaltung. Die einzige längere Beschreibung einer musikalischen Szene in der Stuttgarter Relation beschränkte er auf die Kostümierung und Ausrüstung der Aufführenden und einige wertende Worte. Die auftretenden Instrumentisten wa- ren als Landsknechte des vorangegangenen Jahrhunderts verkleidet und spielten auf Instrumenten, die äußerlich als Waffen erschienen 177 . Ihnen gesellten sich Vokalisten zu, und beide Gruppen musizierten dann abwechselnd:

„Vast umb 11 uhrn inn der nacht ist man erst zur tafel gangen, unnd allss man ein weil gesessen,

seindt die musicanten aus dess Regierenden Herrn vorgemach [

teutschen soldatenkleidem schwartz vnnd gelb mit aussgezogenen ermein, langen hosen vnnd lätzen vnnd sammätin hochen bareten mit federten, alles new, mit irem spil der trommell vnnd pfeiffen vorher aufgetreten, immer baar vnnd baar vmb die fürstentafell herumb gezogen, alls 2 mit langen raissspiessen [!], 2 mit schlachtschwertem, 2 mit streittaxten, 2 mit hellenparten vnnd 2 mit musketen, vnnd wie sie vmb die tafel herumb kommen, haben sie ihre obwehren abge- nommen, 2 hauffen, den ainen oben, den andern vnden bey der tafel gemacht, vnd aus iren ob- wehren ein häuf nach dem andern gar lieblich angefangen zue musiciem. Alls sie nun ein weil allso musica instrumentali gemusiciert und echones gemacht, so ist darnach musica vocalis auch darein gangen, und haben sies zum 3. machl verkeil, und dise vermaindte landtsknecht durch ire knäbelbärt auf den waffen guete arbeit gemacht"

inn die ritterstuben in alten

]

Die Stuttgarter Kindstaufe war im übrigen deshalb bis auf den 10. März verscho- ben worden, weil die Köpfe der evangelischen Union zu Beratungen über deren Fortsetzung zusammengebracht werden sollten 179 . Hainhofer berichtete darüber aber nichts, jedenfalls nicht in seiner Relation über dieses Ereignis. Jean-Baptiste Besard kam im Jahre 1617, vielleicht auch schon in den spä- ten Monaten des Vorjahres, nach Augsburg und nahm Kontakt zu seinem frühe- ren Lautenschüler Philipp Hainhofer auf. Besard hatte 1603 in Köln eine um- fangreiche Anthologie von Lautenmusik - den „Thesaurus Harmonicus" - und im Folgejahr den fünften Band eines historischen Werkes, den „Mercurii gallo-

176 Als Beispiel sei hier zitiert, daß „man so baldt die fürsten kommen, inn der kürchen auf 4 choren angefangen zue musiciem, drey chor seindt herunden gegen einander über, und der 4te chor oben bey der orgell gewest". Vgl. OECHELHÄUSER, Hainhofers Bericht, S. 285.

177 Bei theatralischen Aufführungen waren verkleidete Instrumente nicht unüblich. Vgl. WrNTERNITZ, Musical Instruments, S. 211-225 & Tfl. 90-96.

178 OECHELHÄUSER, Hainhofers Bericht, S. 295 f. Dieses Zitat ist ausnahmsweise wie ein di- rekt aus der handschriftlichen Quelle übertragener Text nach den angegebenen Übertra- gungsgrundsätzen behandelt worden.

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Biographische Darstellung

belgici, sive rerum in Gallia et Belgio [

rum nuncii, tomus quintus", veröffentlicht 180 . Über seine weitere Lebensge- schichte in den Jahren bis zu seinem Erscheinen in Augsburg ist bisher nur we- nig bekannt geworden. Zwei kurze Aufenthalte in seiner Heimatstadt Besancon im Jahre 1605 und 1613/14 dienten der Regelung rechtlicher Angelegenheiten zwischen ihm und seiner Frau, die anscheinend alleine dort lebte, während Besard sich in Köln oder anderen Ortes aufhielt, und der Erbschaft seines 1613 verstorbenen Vaters 181 . Eine Formuliemng Besards in einem kleinen Dmck, der anläßlich von Hainhofers Reise nach Stettin erschien, mag dahingehend inter- pretiert werden, daß er sich vor der Ankunft in Augsburg ebenfalls in Besancon aufgehalten hatte 182 . Im Jahre 1617 erschien bei David Franck in Augsburg zu- erst eine deutsche Fassung von Besards Instmktionen zum Lautenspielen 183 . Das medizinische Sammelwerk „Anthrum Philosophicum", in dessen Dedikation er auf das Jahr 1597, als er und Hainhofer in Köln zusammentrafen, verweist, er- schien im Juli. Es ist den vier pommerschen Herzögen gewidmet 184 . Im Septem-

ab anno 1598 usque ad annum gesta-

]

180 Zum „Thesaurus Harmonicus" vgl. GARTON, Thesaurus Harmonicus. Zu dem „Mercurius gallobelgicus", Köln (Kempensis/Grevenbruch) 1588-1610, und einer gleich betitelten, ebenfalls in Köln (bei Lutzenkirchen) 1603-1611 erschienenen Publikation vgl. JONGE, Mercurius & HAUSER, Sources, S. 117, Nr. 2811.

181 BESARD, Oeuvres, S. XIII f.; SUTTON, Besard S. 2 f.

182 „Post tot, quot dixi, annorum intervallum, quum Providentia me in inclytam Vindelicorum Augustam, clarissimam sacri romani imperii urbem liberam, patriam tuam celeberrimam, e Vesontione, perantiqua et ipsa ea celebri sacri imperii libera civitate, patria mihi dilectissi- ma, adduxisset" (Besard, Jean-Baptiste: „Ad nobilissimum praestantissimum clarissimum virum dominum Philippum Heinhoferum". Augsburg (Franck) 1617. Exemplar: Wolfen- büttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 38.25.Aug.2°, fol. 525/alte Zählung 228).

183 Besard, Jean-Baptiste: „Isagoge in artem testudinariam. Das ist: Gründlicher Underricht über das Künstliche Saitenspil der Lauten". Augsburg (Franck) Juni 1617, Faksimile Genf 1983. Die Monats-Datierung dieses und die der beiden folgend genannten Drucke stützen sich auf die Vorworte Besards. Vgl. SUTTON, Lute Instructions.

184 Besard, Jean-Baptiste: „Anthrum Pilosophicum". Augsburg (Franck) Juli 1617. Ein Auszug aus der Dedikation ist zuerst bei CASTAN, Besard, auf S. 26 aus dem Zusammenhang geris- sen zitiert und als Schilderung des Lebensweges Besards interpretiert worden, was spätere Autoren übernahmen. Die Passage bezieht sich aber auf das „Anthrum philosophicum" sel- ber, nicht auf dessen Autoren. Sie lautet zusammen mit dem ihr vorangehenden Satz:

„Estote igitur Serenissime [!] Reverendissime [!] Illustrissimi Principes, operis nunc huius, infima cum observantia precor Patroni optimi. Prodiit ex urbe Romana, Colonia olim splendidissima, hodieque Germaniae inter multas clarissima, urbs Augusta Vindelicorum:

quo ego, quum non ita pridem venissem, reperto ibi Nobili, et Magnifico viro, Domino PH1LIPPO HEINHOFERO, eiusdem urbis Cive Patricks, meo viginti abhinc annis, in libe- ralium studiorum cultu condiscipulo" (fol. [a4] f.) = „Durchlauchtigste, ehrwürdigste, vor- nehmste Fürsten, Ihr sollt also nun, bitte ich mit untertänigster Ehrerbietung, die adeligen Schutzherren dieses Werkes sein. Es kam aus einer römischen Stadt hervor, ehemals be- deutendster Kolonie und heute inmitten vieler Städte Deutschlands die strahlendste, der Stadt Augsburg: wo ich, nachdem ich vor kurzer Zeit [dorthin] gekommen war, alsdann den edlen und hochgeschätzten Mann, Herrn Philipp Hainhofer, Patrizier derselben Stadt, vor zwanzig Jahren mein Mitschüler in der Pflege der freien Studien, auffand". Hainhofer stieg

Händler in Augsburg

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ber folgte schließlich der Musikdruck „Novus Partus", welcher Ensemblesätze,

I O C

Lautenduos und Musik für Laute solo enthält . Dem „Novus Partus" ist die Mühe, welche die Offizin Franck mit seiner Herstellung gehabt haben muß, deutlich anzusehen. Franck hat außer diesem Buch offenbar keine Musik gedruckt, und das Fehlen von Ausrüstung zur Re- produktion von Noten und Tabulatur spiegelt sich im Ergebnis wieder. Sowohl für die mensural notierten Instrumentalstimmen von Ensemblesätzen wie auch für die Tabulaturen wurde auf ein Verfahren zurückgegriffen, welches eigentlich fast schon obsolet war: sie wurden in Platten geschnitten. Das Erscheinungsbild des „Novus Partus" ist daher sehr uneinheitlich. Den fein gesetzten Textseiten und einem beeindmckenden Kupferstichportrait Besards von dem Augsburger Stecher Lukas Kilian (1579-1637) folgen grob erscheinende Noten - zuerst als Einzelstimmen und dann in Partitur - und Tabulaturen, deren Erscheinungsbild dem der Beispiele aus Vorstermans „Livre plaisant et tres utile" gut zu verglei- chen ist. Dieser Dmck - eine Bearbeitung des zweiten Teils von Sebastian Vir- dungs „Musica getutscht und aussgezogen" (Basel 1511) - erschien allerdings achtundachtzig Jahre vor dem „Novus Partus" 186 . Am 3. August, während an dem Lautendmck noch gearbeitet wurde, brach Philipp Hainhofer zusammen mit dem Kunsttischler Ulrich Baumgartner nach Stettin auf, um zwei Erzeugnisse des Augsburger Kunsthandwerks persönlich zu überbringen. Ein später „Pommerscher Kunstschrank" genanntes Kabinett und der „Meyerhof, eine von mechanischen und hydraulischen Antrieben belebte Miniatur einer fürstlichen Landwirtschaft, waren in mehrjähriger Arbeit unter seiner Leitung entstanden. Von dem Kabinett sind nur noch Teile des einstmals über viele Fächer und Laden verteilten Inhaltes im Berliner Kunstgewerbemu- seum zu besichtigen, der von Baumgartner gefertigte Ebenholzschrank selber ist im Zweiten Weltkrieg verbrannt. Der Meyerhof ist nur noch durch Beschreibun- gen und zeitgenössische Zeichnungen dokumentiert 187 . Beim Aufbruch Hainhofers lag der Tod seines älteren Sohnes gerade zwei Wochen zurück. Philipp Hainhofer d.J. war 1612 geboren worden, Herzog Phi- lipp IL von Pommer-Stettin einer seiner Paten. Im Kunstschrank reiste sein Por- trait im Vordergrund eines Bildes von dem Augsburger Maler Anton Mozart mit,

erst 1632 in den eigentlichen Stadtadel auf. Er ging aber selber mit der Bezeichnung Patri- zier recht frei um. Vgl. weiter unten über den Kontakt mit dem englischen Gesandten Wotton im Jahre 1618.

185 Besard, Jean-Baptiste: „Novus partus sive Concertationes Musicae". Augsburg (Franck) September 1617, Faksimile Genf 1983. = Besard 1617.

186 Vorsterman, Guillaume (Hrsg.): „Livre plaisant et tres utile pour apprendre a faire et or- donner toutes tabulatures". Anvers 1529.

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Biographische Darstellung

welches den Besteller und seine Umgebung, den Überbringer und die beteiligten Augsburger Handwerker in einer fiktiven Übergabeszene vereinigt . Die Rela- tion über diese Reise läßt keine Bedrückung über den Tod des Kindes erkennen. Sie zeichnet sich im Gegenteil durch eine gewisse Heiterkeit aus, die sicherlich das Ergebnis der Bemühung ist, den fürstlichen Auftraggeber angenehm zu un- terhalten 189 . Philipp IL von Pommem-Stettin war zu jener Zeit der wichtigste Auftraggeber Hainhofers, der als Korrespondent, Bücher- und Kunstlieferant sowie als gelegentlicher Abgesandter für ihn tätig war. Schon die Beschreibung des Weges nach Stettin ist durch eingestreute Anekdoten und Notizen aufgelok- kert, die an sich in keiner der Reiserelationen fehlen, hier aber einen recht großen Raum einnehmen 190 . Auch die Korrespondenz mit dem Stettiner Hof zeichnet sich durch ein offensichtliches Bemühen aus, zu unterhalten. Ein immer wieder ausgeführtes Thema ist der Alkoholkonsum der Handwerker und Künstler, die im Auftrag Hainhofers arbeiteten und - wenn seine Schilderungen beim Wort genommen werden - vor lauter Trunkenheit gar nicht in der Lage gewesen sein sollten, diese Arbeiten auszuführen 1 '. Am 24. August kamen Hainhofer, der immer wieder von seinen „Schwindel und Hauptblöde" oder auch „Trummel" genannten Anfällen geplagt wurde, und Baumgartner in Stettin an. Während des mehrwöchigen Aufenthaltes begleitete Hainhofer Herzog Philipp IL, dessen Frau Sophie von Schleswig-Holstein- Sonderburg und den jüngeren Bmder, Herzog Ulrich, auf Ausflüge und Jagden.

188 Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen Preußischen Kulturbesitzes Berlin, Inven- tar-Nummer P 183a.

189 In einer Ausfertigung, die wohl aus Hainhofers persönlichen Beständen stammt, ist der Er- wähnung des Todes seines Sohnes allerdings ein von Jacob von der Heyden herausgegebe- ner Stich beigefügt, der einen Satz aus Jeremia 9.20.[21.] zitiert und illustriert: „Der Todt ist zu unseren fensteren hereyen gefallen und in unsere Palläste kommen" (Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 23.2.Aug.2°, fol. 4); darauf folgt - vom gleichen Herausgeber - die Darstellung eines Todes, der mit einer Armbrust auf den Betrachter zielt. Die Perspektive des Bildes ist - ähnlich den parallelen Blickachsen der „verfolgenden Au- gen" mancher Portraits - so gehalten, daß eine Veränderung des Betrachterstandorts den Armbrustbolzen weiterhin auf ihn gerichtet erscheinen läßt. Der dazugehörige Texte lautet:

„Fleuch wa du wilt, des todtes bild, stätz auff dich zielt".

190 Zum Ort Greventhal etwa ist vermerkt: „alda man muetroß nimmt und den berg hinauf mü- de roß machet". Vgl. MEDEM, Hainhofers Reise- Tagebuch, S. 5, oder S. 9 die Wiedergabe eines Leipziger Scherzepitaphs: „Hie iacet extinetus valde venerabilis saufaus, ille, dum vi- xit, valde mane at brantwein ixit; Vom brandwein, zum bitter=bier; Und ist also entschlafen hier".

191 Etwa Kopierbuch III, fol. 291v-295v, Brief nach Stettin vom 27. Februar/9. März 1611, hier fol. 295: Achilles Langenbuchner (Emailleur, Verfertiger von Landschaftsmodellen und Musikautomaten) „wartet vom morgens biß abents dem sauffen ab und helt sein mise- rere im würtshauß"; oder Kopierbuch IV, fol. 15v-21v, Brief nach Stettin vom 4. Mai 1611, hier fol. 19v: Künstler, die Christoph Hainhofer in Florenz kennengelernt hatte, „sein 2 ver-

Händler in Augsburg

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Er unternahm kleinere Besichtigungsreisen und saß regelmäßig an der Tafel sei- nes Auftraggebers, der sich - ebenso wie Hainhofer selbst - oft frühzeitig zu- rückziehen mußte und von den Trinksitten der Zeit Abstand hielt. Der gesund- heitliche Zustand Philipps IL wurde von Hainhofer mit einer Formuliemng be- schrieben, die durch den Gebrauch von Latinismen so weit von seiner eigenen Schriftsprache dieser Zeit abweicht, daß es sich nur um ein Zitat oder eine ge- suchte Formulierung handeln kann:

„Das pedal wird dem herzog underweilen von flüssen geplagt und debilitiert; Ihre Fürstliche Gnaden aber nehmen es alß eine göttliche väterliche haimsuchung gar geduldig auf, und erfreuen sich, daß nur der köpf wol auf ist, als der mehr regieren muß dann die fuße"

Während des gesamten Aufenthaltes scheint der jüngste der pommerschen Her- zöge ständig um Hainhofer gewesen zu sein. Herzog Ulrich war noch unverhei- ratet, als jüngster der Brüder einiger Verpflichtungen ledig und somit dazu frei, seinen kränkelnden Bmder als Gastgeber zu vertreten 193 . Als gegen Ende des Monats September die Vorbereitungen für den Rück- weg nach Augsburg begannen, sammelte Hainhofer Material für einen Dmck, der die glücklich verlaufene Reise feiern sollte 194 . Nicht alles, was ihm in Stettin und später in Augsburg präsentiert wurde, fand Eingang in die Publikation, wie ein Blatt mit einem handschriftlichen Gedicht zum Thema ausweist, auf dessen Außenseite ein Vermerk besagt, es sei nicht für eine Veröffentlichung geeig- net 1 5 . Diese „Carmina gratulatoria" sind in mehreren Exemplaren erhalten, ebenso wie eine aus demselben Anlaß entstandene Veröffentlichung, in der ein zeittypischer Hang zur Vielsprachigkeit sich in einer Ansammlung von Texten ausdrückte, welche unter anderem auf Arabisch, Äthiopisch und Chaldäisch ver- faßt oder in diese Sprachen übersetzt wurden 1 6 . Manuskript blieben offenbar die

192 MEDEM, Hainhofers Reise-Tagebuch, S. 21. Der vermehrte Gebrauch von Fremdwörtern ist bei Hainhofer erst sehr viel später - in den frühen dreißiger Jahren - anzutreffen.

193 Neben Philipp II. und Ulrich lebten 1617 noch die Herzöge Franz und Bugißlaf.

194 MEDEM, Hainhofers Reise-Tagebuch, S. 109.

195 Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 38.25.Aug.2°, fol. 523: „Philippus Heinhöver fürstlicher gnadennn wohlbestellte factor und fühmemer handelsman. In Augs- purg 1617." Vermerk auf der Außenseite: „NB. dise rythmi seindt zum truck nicht dien- lich".

196 Die „Carmina gratulatoria amicorum in felicissimum her", Augsburg (Franck) 1617 und „Ioannis Melchioris Maderi votum pentakaidekaglotton", Augsburg (Franck) 1618, sind in den Handschriften Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 23.2.Aug.2°, Cod.Guelf. 6.6.Aug.2° und Cod.Guelf. 83 Extravag. jeweils beide zu finden; der Cod.Guelf. 38.25.Aug.2° enthält ein fragmentarisches Exemplar von Maders Druck. Das Interesse an Sprachen ist durch die Polyglottenbibeln des sechzehnten Jahrhunderts vorbe- reitet. Es drückt sich in Werken wie dem „Thesaurus polyglottus: vel dictionarium multi- lingue; ex quadringentis circiter Unguis constans", Frankfurt/Main 1603 und der „Paroe- miologia polyglottos", Leipzig (Grosius) 1605 des Historikers und Linguisten Hieronymus

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Biographische Darstellung

Kompositionen von Musikern wie dem am Stettiner Hof tätigen Christoph Ste- cher, den Augsburgem Adam Gumpelzhaimer, Christian Erbach, Gregor Aichin- ger, Bartholomeus Hartmann und Philipp Zindelin, deren Texte wiederum in ver- schiedenen Sprachen wie Hebräisch (dieses allerdings in lateinischen Buchsta- ben), Latein, Spanisch, Englisch und auch Deutsch abgefaßt sind 197 . Gumpelz- haimer, Stecher und Zindelin lieferten doppelchörige Kompositionen zu acht Stimmen, letzterer aber auch ein „Air de la court ä 3". Hinweise auf eine Auffüh- rung dieser Musik haben sich nicht gefunden. Besard verließ Augsburg im Herbst, um eine Stellung an einem der deut- schen Höfe zu suchen. Offenbar gedachte er mit dem medizinischen Werk „An- thrum philosophicum" für sich zu werben, wie aus einem von Hainhofer verfaß- ten Empfehlungsschreiben hervorgeht. Die Stettiner Reiserelation enthält eine kurze Notiz, die besagt, daß Hainhofer ihm während seiner Rückreise nach Augsburg solche Briefe für die Höfe in Dresden, Berlin und Stettin geschrieben habe, als sich beider Wege in Leipzig kreuzten 198 . Keiner davon ist in dem 1617 geführten Kopierbuch enthalten, das offenbar in Augsburg geblieben war. Ab- schriften von Briefen und andere Dokumente, die auf dem Wege entstanden sein mögen, können nur separat existiert haben . Der Brief nach Stettin ist im Origi- nal erhalten. Hainhofer erklärt in ihm zunächst, er sei durch den Tod seines Soh- nes Philipp so niedergeschlagen, daß es eines Anstoßes durch Besard bedurft ha- be, seine Korrespondenz wieder aufzunehmen:

„Als beschicht diß allein auf freündtliches ansuchen deß edlen und hochgelehrten heim Johan Baptist: Besardi. so ein franzoß und beeder rechte doctor, auch ein exellenter lautenischt [!], wel- cher weilens sich under anderm auch nach Pommern zubegeben, und daselbst Eure Fürstliche Gnaden seine underthönig dinste underthönig anzubieten, insonderheit auch demselben ein schön

Mengisius (1554/55-1616) aus, durch die eine Reihe von toten wie lebenden Sprachen ne- ben denen der Bibelüberlieferung quasi zur Verfügung gestellt wurden.

197 Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 23.2.Aug.2°, fol. 495 ff.

198 Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 11.22.Aug.2°,

fol. 24 lv: „Am 21.

oktobris [in Leipzig] in der herberg bey der Guldinen Ganß mit ainem wackeren gelehrten pommerischen nobili, Caspar von Normann, fürstlich radzivilischen gehaymen-rath und canzlem, der alle malzeit auf mein losament asse, und disen abent auch der Johannes Bapti- sta Besardus Vesontinus, ain exellent lautenist, und mein gewester maister zu Coelln, auch der Lebzelter meine gaste waren" (auch gleichen Ortes im Cod.Guelf. 83 Extravag., fol. 110-1 lOv = 105-105v der Zählung innerhalb der Relation); a.a.O. fol. 243: „Nachmittag [= des 22. Oktobers] hab ich meinem gnädigsten Fürsten und Herrn in Pommern geschrieben, dem Besardo recommandationes nach Dreßden, Berlin und Stetin gemacht, zu abent wider bey mir behalten" (auch Cod.Guelf. 83 Extravag. 111 = 106).

199 Der letzte Eintrag im Kopierbuch V, fol. 252-253, ist ein undatiertes Schreiben, in dem auf einen empfangenen Brief mit Datum vom 4. August 1617 verwiesen wird. Danach folgt auf fol. 253-254 ein Schreiben an die Großherzogin von Florenz vom 10. November des Jah- res.

Händler in Augsburg

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werck und buch, so er jungst in luce edirt und drucken lassen, Anthrum philosophicum intituliert, underthönig zu präsentieren [entschlossen hat]"

Er endet mit Formulierungen, welche die Bedeutung des Empfehlungsschreibens gegenüber der Kunst und Tugend Besards - wie sie in seinem „Anthrum philo- sophicum" aufscheinen - hemnterspielen. Die Drucklegung der in Augsburg erschienenen Werke Besards muß einige Zeit in Anspruch genommen haben, während der er sich wohl in der Stadt auf- hielt, um die Publikation des „Anthrum philosophicum" zu redigieren. Der „No- vus partus" und die „Isagoge in artem testudinariam" wurden von einem Tiroler namens Stephan Michelspacher herausgegeben 201 . Michelspacher ist der Autor einer Hainhofer gewidmeten „Cabala, Spiegel der Kunst unnd Natur: In Alchy- mia", Augsburg 1615, und des anatomischen Werks „Pinax Microcosmographi- cus", welches ebenfalls 1615 - ohne Ortsangabe, aber wohl in Augsburg und bei Franck - erschien und Philipp Hainhofer gewidmet ist

Neben dem erwähnten Empfehlungsschreiben hat Besard in Hainhofers Schriften nur wenige Spuren hinterlassen. Die oben erwähnten „Carmina gratu- latoria" enthalten eine „oratiuncula" Besards, die auch als Einblattdruck er- schien 203 . Ein Eintrag in das Stammbuch, welches Hainhofer auf der Reise nach Stettin mitführte, ist von Besard in Leipzig - also im Oktober - geschrieben worden 204 . Unter die Sprüche:

„Rara fides avis est, fraus regnat ubique dolusque; Fide Deo, sie fraus nulla dolusque nocent. Mein Hoffnung steht zu Gott allain, Drumb mir kein Trug kan schädlich seyn."

200 Greifswald, Vorpommersches Landesarchiv, Rep. 4 0 III , Nr . 9c , fol. 17 f., Brief Philipp Hainhofers an Herzog Philipp II. von Pommem-Stettin, datiert 12./22. Juli 1617. Das Schreiben ist im Oktober abgefaßt worden, die Datierung auf den Juli mag als Verweis auf den Tod des Sohnes Philipp am 19. Juli 1617 verstanden werden. Die Unterstreichungen im Text sind wohl in Stettin vorgenommen worden.

201 Besard 1617, Titelblatt: „Stephanus Michelspacherus Tirolensis, ex manuscripto authoris"; „Isagoge in artem testudinariam", Titelblatt: „In Verlegung Steffan Michelspachers". Die Angabe von ElTNER, Quellen-Lexikon 6, S. 470, daß Michelspacher „in 1617 auf dem Titel als ein berühmter Lautenist bezeichnet" sei, ist falsch.

202 Für die weiteren Ausgaben beider Drucke und die anscheinend erst 1634 in Amsterdam er- schienenen Tafeln des „Pinax" vgl. ZACHERT, Verzeichnis, S. 1131.

203 Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 23.2.Aug.2°, fol. 447-492: „Carmina

Philippus Hainhoferus". Augsburg (Franck)

1617, hier fol. 454-455 = S. 9-12 des Druckes; Besard, Jean-Baptiste: „Ad nobilissimum praestantissimum clarissimum virum dominum Philippum Heinhoferum". Augsburg (Franck) 1617. Exemplar: Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 38.25.Aug.2°, fol. 525/alte Zählung 228.

204 Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 84.5.Aug.l2°, S. 472. Dieses Stamm- buch ist ein Exemplar von Simon Schambergers „Speculum Morale, Instar Albi Amicorum. Sittenspiegel / Deß Menschen sonderbar Leben belangend: An statt eines Stammen oder Gesellennbuchs zugebrauchen", Franckfurt (Schamberger) 1614, dessen Seiten oben Sinn- sprüche tragen, unterhalb derer Platz für die Einträge ist.

gratulatoria amicorum in felicissimum iter [

]

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Biographische Darstellung

setzte Besard das Sprichwort:

„Les montaignes ne se recontrent pas, mais bien les hommes"

(= Die Berge begegnen einander nicht, wohl aber die Menschen ), und fügte daran die an Hainhofer gerichtete kurze Erwähnung der Orte, an denen sie zu- sammentrafen, nämlich Köln, zwanzig Jahre später Augsburg und schließlich Leipzig:

„Nobilissimo viro domino et fautori colendo. Coloniae Ubierum primo viso, inde Augustae Vin- delicorum post lustra quatuor, postremo Lipsiae domino Philippo Heinhofero".

Im Unterschied zu dem zwanzig Jahre vorher in Köln geschriebenen Stamm- bucheintrag bezeichnete sich Besard nun nicht mehr als Candidatus Juris, sonder als „IVD", als Juris Utriusque Doctor. Mit diesen Nachrichten endet die Kennt- nis vom Leben Besards vorläufig. In den Briefkopien und Reiserelationen Phi- lipp Hainhofers ist er nicht wieder erwähnt. Wenn er in Stettin angekommen und in Dienste genommen worden wäre, würde die Korrespondenz Hainhofers si- cherlich etwas darüber enthalten. Hätte Besard sich von anderen Orten aus mit Hainhofer in Verbindung gesetzt, so würde dieser es nicht versäumt haben, ihn als Vermittler möglicher Geschäfte einzusetzen. Hinweise auf Besards weitere Lebensgeschichte mögen sich in noch zu entdeckenden Archivalien von Höfen in Mittel- und Ostdeutschland oder auch im ferneren europäischen Osten finden. Vielleicht hat er sich später aber auch in eine andere Richtung gewandt. Der Dreißigjährige Krieg mag seine Spuren getilgt haben. Hainhofer und Baumgartner waren am 2. November wieder zurück in Augsburg. Am 3. Februar 1618 verstarb Philipp IL von Pommem-Stettin. Unter den Kondolenzschreiben, die Hainhofer am 23. Februar/5. März an die Witwe und die Brüder des Verstorbenen sandte, sticht dasjenige an Herzog Franz - der die Nachfolge Philipps II. antrat - durch den Wunsch hervor, die bisherigen Dienste weiterhin leisten zu dürfen 206 . Dieser Anknüpfungsversuch, Bemühun- gen um eine Bestätigung der Ratsbestallung und um die Befriedigung seiner Geldforderungen von mehr als zehntausend Gulden sind die Themen vieler fol- gender Briefe. Zu einem endgültigen Abgleich seiner Konten ist es nie gekom- men.

205 Vgl. DUKES, Rabbinische Blumenlese, S. 18; TENDLAU, Sprichwörter, S. 220 Nr. 699.

Der Dreißigjährige Krieg

51

II. 1.3. „Die bewegte Zeit des 30jährigen Krieges, dessen Drangsale ihm unvor- enthalten blieben " 207

Hainhofer bemühte sich um das Jahr 1618, seine Tätigkeit als Korrespondent und seinen Handel nach England auszudehnen. Der von ihm angeschriebene engli- sche Gesandte in Venedig, Sir Henry Wotton (1568-1639), versuchte ihn da- raufhin als Geheimagenten anzuwerben. Hainhofer, von dem Wotton annahm, er habe in Augsburg die Fäden des Postverkehrs in Händen, sollte Sendungen aus der Feder von Jesuiten und solche, die zwischen englischen Priestern in Rom und England wie auch anderen Ortes gewechselt wurden, abfangen und an den Staatssekretär Sir Robert Naunton weiterleiten. England lebte in ständiger Furcht vor einer katholischen Verschwömng. Am 21. August 1618 schrieb Wotton an Naunton, er wolle nach Augsburg reisen und die Sache in Hainhofers Hände le- gen 208 . Da dieser weder die Befehlsgewalt über die Augsburger Post hatte noch Patrizier war - als welcher er sich Wotton gegenüber offenbar ausgegeben hatte - mußte die Idee des englischen Gesandten schon im Ansatz scheitern 209 . Trotz- dem kam eine Korrespondenz zustande. Hainhofer übersandte im Folgejahr ei- nen Brief Wottons an Herzog Maximilian nach München und schrieb mit Bezug auf Wotton an den englischen König 210 . Dem Herzog Joachim Ernst von Hol- stein schrieb er zwei Jahre später, daß er mit ihm einen Briefwechsel unterhal- te 211 .

Hainhofers Sammlungen waren inzwischen zu einer Sehenswürdigkeit für Durchreisende geworden. Beginnend mit dem Jahr 1619 verzeichnet die Stam- mensbeschreibung die Höhergestellten dieser Besucher. Andere, weniger promi- nente Personen, haben in Hainhofers Stammbüchern ihre Spuren hinterlassen. Auch er wird sich in manches Album eingetragen haben, das ihm vorgelegt wur- de. Hier kann nur auf dasjenige des böhmischen Mediziners, Alchemisten, Auto- ren eines emblematischen Werkes und Dichters Daniel Stolzius von Stolzenberg

207 MEDEM, Hainhofers Reise-Tagebuch, S. XI.

208 SMITH, Wotton 2, S. 147.

209 SMITH, op.cit. S. 147: „it may please his Majesty to understand that there is in Augusta one Philipp Hainhoffer, a Patricius ofthat small Community". Hainhofer war sich wohl bewußt, daß er nicht aus dem Patriziat stammte. In einem Brief an Herzog August d.J. von Braun- schweig-Lüneburg vom 5. Mai 1622 bat er darum, in der Unterschrift eines Gelegenheits- gedichtes, welches er auf Herzog Augusts kryptographisches Buch geschrieben hatte, im Dmck nicht als Patrizier, sondern als „cittadino augustano" bezeichnet zu werden, „damit nit hiesige leut mainen, ich wolle mehr auß mir selber machen, weder ich nit bin" (Kopier- buch V, fol. 458v f.). Einige Jahre vor dem Kontakt mit Wotton hatte er Herzog Philipp II. von Pommem-Stettin darauf hinweisen müssen, daß auch einflußreichen Augsburgem auf der Post die Briefe geöffnet wurden, vgl. SCHLEGEL, Sieben Briefe, S. 6.

210 Kopierbuch V, fol. 361-362v: Brief an Herzog Maximilian vom 9. Juni 1619; fol. 364:

Brief an die „Sacra Maesta dell Gran Bretagna" vom 8. Juni 1619.

52

Biographische Darstellung

verwiesen werden 212 . Zu den Besuchern des Jahres 1620 gehörte der aus Vilnius stammende polnische Adlige Stanislaus Kasimir Rudomina Dusiacky, dessen Eintrag lautet:

„Amicus fictus in re certa cemitur. Stanislaus Casimirus Rudomina Dusiacki, Littanus II. maii anno 1620"

Rudomina - Dusiacky bezeichnet die Herkunft der Familie von dem Gut Dusiat in Polen - ist durch seine Namensnennung, die Bezeichnung als Litauer und die Wappendarstellung in Hainhofers Stammbuch als Mitglied des in Vilnius ansäs-

sigen Zweiges seiner Familie zu identifizieren 214 . Er war im selben Jahr in Pa-

dua, wo ihm ein heute in Krakau

Das Manuskript ist offenbar vor dem Eintrag der Widmung und vielleicht ur- sprünglich für den persönlichen Gebrauch eines Musikers angelegt worden 216 . Bei dem großen zeitlichen Abstand zu Hainhofers Lautenbüchem, deren Reper- toire zu einem Teil in Padua gesammelt worden ist, mag es verwundem, daß es Beziehungen zwischen einigen Stücken festzustellen gibt. Die größte Zahl davon ist aber lediglich über ein verbreitetes Modell verwandt 217 . Nur bei zwei Stücken kann von Konkordanzen im engeren Sinn ausgegangen werden 218 .

aufbewahrtes Lautenbuch gewidmet wurde 15 .

212 Zu Stolzius s. Hll.D, Stolcius, bes. S. 34, 219 & 235. Stolzius besuchte Hainhofer 1624 und trug sich in eines von dessen Stammbüchern ein (Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 210 Extravag., S. 429). Hainhofer tätigte wiederum einen Eintrag in das Album seines Besuchers (Uppsala, Universitätsbibliothek, Walleriana Nr. 11247, fol. 247).

213 Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 210 Extravag., S. 338. Das Zitat lautet eigentlich: „Amicus certus in re incerta cemitur", vgl.: CICERO, De amicitiae, S. 184. Den Eintrag begleitet die Darstellung des Wappens der Familie Rudomina, die auf silbernem [!] Schild drei schwarze Büffelhörner zeigt.

214 POTOCKI, Poczet herbow, S. 734 (diese und andere Seiten des eingesehenen Exemplars der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen sind handschriftlich ergänzt.); NlESIECKY, Ko- rona Polska 3, S. 906-910 ; ZERNICKY-SZELIGA, Der Polnische Adel 2, S. 295 f.: „Rudomi- na W. Traby. - Lithauen 1400. W.: in Blau [!] 3 Jagdhörner mit goldener Schnur; Helm- schmuck 3 gleiche Homer in offenem Adlerflug.; OSTHOFF, Santino Garsi, S. 56, hat die Familie anhand anderer Arbeiten identifiziert, ohne dort weitere Angaben zu Stanislaus Ka- simir finden zu können.

215 Krakau 40153, fol. 82: „AI mio carissimo signore Stanislao Casimiro Rudomina Dusiacki". Neben der Widmung, die auf einer der letzten Seiten des Manuskriptes eingetragen ist, fin- det sich sein Name noch auf der Deckelinnenseite, einem Vorsatzblatt - das auch die Datie- rung „Anno 1620 Padova" trägt - dem Titelblatt und dann zuletzt auf der Innenseite des Rückdeckels.

216 GARSI, Werke, S. 6.

217 Etwa die „Barriera", die „Aria del Gran Duca" oder die „Ghirometta".

218 Dies sind Il/15v „Canzonetto" und VI/23v-24 „Gagliarda la contessa di Sala". Die Unter- schiede, welche durch die verschiedene Zeitlage der Quellen und die Einrichtung für ein grösseres Instrument begründet sind - Krakau 40153 ist auf einen 13-chörigen Arciliuto oder Liuto Attiorbato ausgerichtet - bleiben besonders im ersteren Fall sehr klein.

Der Dreißigjährige Krieg

53

In den folgenden Jahren erlitt Hainhofers Wirtschaften die Folgen einer Inflation und er selber eine schwere Krankheit, die ihn durch chronische Schmerzen vom Arbeiten wie vom Schlafen abhielt und sich trotz Kuren, die zuletzt aus Einrei- bungen mit „menschenschmalz, ochsenmarcktht und schweinschmeer" bestan- den, nicht besserte. 1623 wurde er sogar zeitweise bettlägerig . Die Erkrankung scheint ihn sogar vom Sammeln von Stammbuchblättern für sein heute nicht mehr nachzuweisendes Album mit Autographen hochgestellter Personen abge- halten zu haben, denn zwischen dem März 1622 und dem Juli 1624 fehlen alle Hinweise auf diese Aktivität, die sonst regelmäßig ihre Spuren hinterlassen hat 220 . Die Inflation der Jahre 1620 bis 1623 wurde durch das Horten von Hartgeld und die Spekulation mit dessen Wertänderungen ausgelöst. Sie war durch die große Zahl der umlaufenden Münzen, in der sich die politische Vielfalt Deutschlands spiegelte, vorbereitet 221 . Die Versuche Hainhofers, seine Ausstän- de beim pommerschen Hofe einzufordern, wurden durch den Wertverfall zusätz- lich erschwert. Der Zahlungsweg, der nicht direkt vom Stettiner Hof zu Hainho- fer führte, sondern über einen Dritten abgewickelt wurde, brachte wegen des sich verschlechternden Wertes des in Süddeutschland verbreiteten Guldens gegenüber dem in Norddeutschland üblichen Reichstaler und deren sich ändernder Relation zu den kleineren Münzen, vor allem dem Kreuzer und dem Batzen, für Hainhofer beträchtliche Verluste 222 . Die Spekulationen der „verflucht hipper und kipper" ließen die Warenpreise nach oben schnellen, und Hainhofers Ansuchen um Be- zahlung, die er an den nach dem Tod von Herzog Franz inzwischen nachgerück-

219 Kopierbuch V, fol. 437-441, Brief an einen Dr. Johan Gnon [?] vom 15./25. August 1621. Christoph von Layningen ist a.a.O. fol. 37v als württembergischer Gesandter bezeichnet. Vgl. PFEILSTICKER, Dienerbuch 1, §§ 32, 1653 und 1708. Bei den Stuttgarter Tauffeierlich- keiten von 1616 fungierte er als Oberhofmeister, vgl. OECHELHÄUSER, Hainhofers Bericht; Kopierbuch V, fol. 492-492v, Brief an Georg Forstenhäuser in Nürnberg, 8. Februar 1623, hier fol. 492v: „meins bösen schenckelß halber, der mich bettlägerig fielt".

220 Der vorläufig letzte Brief in einer Stammbuchangelegenheit: Kopierbuch V, fol. 456, Notiz über einen Brief an einen Bellacomba in Turin vom 24. März 1622; danach erst wieder:

a.a.O. fol. 516-517, undatiertes Memorial an den Cardinal Ursino, gefolgt von einem Schreiben an den Kaiser Ferdinand vom 3. Juli 1624. Möglicherweise hat die Inflation der Jahre 1620-1623 ebenfalls einen Einfluß auf Hainhofers Sammeltätigkeit ausgeübt.

221 Vgl. ALTMANN, Kipper- und Wipperinflation. Der zuerst von Sir Thomas Gresham (1519- 79) festgestellte Zusammenhang zwischen dem Erscheinen minderwertigen Geldes und der dadurch verursachten Verdrängung des hochwertigen („Gresham-Gesetz") kann unter ähn- lichen Voraussetzungen auch in der Geschichte der Republik Venezien beobachtet werden. Vgl.: CRIVELLARl, Venedig, S. 193 ff.

222 Kopierbuch V, fol. 423v-424, Brief nach Stettin vom 31. März 1621. Der Batzen hatte nach Hainhofers Darlegung von 1618 bis 1621 etwa 50 Prozent an Wert verloren. Eine direkte Zahlung - die Münzen erreichten Hainhofer in einem versiegelten Sack - fand nur aus- nahmsweise statt, vgl. a.a.O. fol. 445v-446v, Brief an Friderich von der Osten in Stettin vom 14./24. November 1621.

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Biographische Darstellung

ten Herzog Bogislav von Pommern richtete, wurden immer dringlicher . Auch begnügte er sich nicht mehr mit dem Briefverkehr, sondern sandte einen Johan- nes Honthemius - offenbar einen Geschäftsdiener - nach Stettin, der dort mehre- re Monate verblieb 224 . Hainhofer versuchte ohne viel Erfolg eine Besserung sei- ner Bezahlung, die Begleichung alter Ausstände und eine neuerliche Ratsbestal- lung zu erhalten. Er handelte weiterhin mit Stettin, wenn auch in weit geringerem Umfang als früher. Saiten für Lauten und Streichinstmmente, die er aus Florenz importierte und nach Stettin weitersandte, werden wohl für die Instmmentisten des Herzogs bestimmt gewesen sein 225 . Eine Ratsbestallung erhielt Hainhofer im Jahr 1625 von Herzog August d.J. von Braunschweig-Lüneburg 226 . Dieser bediente sich zu der Zeit seines Augs- burger Agenten, um Möglichkeiten zu erkunden, eine Stellung am kaiserlichen Hof zu erhalten. Die Aussichten auf eine bevorstehende Vakanz der Stelle des Reichshofrats-Präsidenten zerschlugen sich anscheinend sehr schnell 27 . Weitere Schreiben, in denen verschlüsselte Namen verwendet wurden, mögen ebenfalls zu dieser Aktivität gehört haben, die schließlich bei dem Amtsinhaber, Vratislav Graf von Fürstenberg (1584—1631), den Verdacht aufkommen ließ, gegen ihn werde intrigiert. Hainhofer erklärte ihm in einem Schreiben, daß Herzog August eine Hofstelle zu erlangen versuche, da sein Bmder ihm seit einiger Zeit das

223 A.a.O. fol. 453-454v, Brief an Herzog Bogislav vom 9. Februar 1622; fol. 505-506, Brief an denselben vom 4. Oktober 1623. Der übliche Begriff für die Münzspekulanten war „Kipper und Wipper". Eine Ausnahme scheint das engere bayerische Gebiet gewesen zu sein, hier ist der Ausdruck „Theuerung" überliefert. Vgl. ALTMANN, Kipper- und Wipper- inflation, S. 8.

224 Kopierbuch V, fol. 503v-504, Brief an Herzog Bogislav vom 24. Juli/3. August 1623 mit der Nachricht über die Entsendung von Honthemius; fol. 519, Notiz über einen Brief an Honthemius vom 4. Juli 1624, dessen Verhalten in der Sache der Stettiner Ausstände be- treffend. Die Identität dieser Person bleibt trotz ihres Auftauchens in vielen Briefen und an- deren Schriften ungeklärt. Hainhofer hat ihn als Kölner bezeichnet , vgl. a.a.O. fol. 530 f.:

„Mr. Jean Honthemius de Coulongne"; Kopierbuch VI, fol. 11 v—12, Brief an einen Mylord Hay vom 6. März 1625 mit der Erwähnung des „Jean Houthemius [!] bourgeois de Coulo- gne". Vielleicht handelt es sich um einen Verwandten seines früheren Kölner Kostherren Jacques Honthuis.

225 A.a.O. fol. 29v-31v, Brief an Herzog August in Hitzacker vom 14. August 1625, mit dem eine Kopie der pommerschen Ratsbestallung übersandt wurde, die Hainhofer nach seiner Rückkehr von Stettin 1617 erhalten hatte und die „die herren successores nit gehalten"; fol. 28, Brief an Herzog Bogislaw in Stettin vom 22. Juni/2. Juli 1625 mit der Bitte um neuerli- che pommersche Ratsbestallung und Besserung der Bezahlung für seine Korrespondenten- tätigkeit; fol. 38v, Notiz über einen Brief und die Sendung von „lauten und geigen saiten

1625; desgleichen fol. 39 -

auß

Florenz" an den gleichen Empfänger vom 17./27. September

39v vom 20./30. September 1625.

226 Stammensbeschreibung, fol. 63.

Der Dreißigjährige

Krieg

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Einkommen sperre, daß er aber niemanden verdrängen wolle . Möglicherweise wollte der Herzog auf diese Weise seine Erbschaftsansprüche, welche er seit dem Jahr 1620 am Wiener Hof verfocht, nachdrücklich in Erinnerung bringen 229 . Hainhofers Tätigkeit in dieser vertraulichen Angelegenheit scheint der Grund für seine Ratsbestallung gewesen sein. Sie datiert vom 30. September und ging den Erkundungen als unmittelbar voraus 230 . Die Stadt Leipzig hatte ihren Haushalt seit längerer Zeit durch die Aufnah- me fremder Gelder und die dadurch anfallenden Zinszahlungen belastet. Darüber hinaus hatte der Leipziger Händler Thomas Lebzelter den Rat der Stadt im Jahre 1617 veranlaßt, für den Gegenwert von dreihunderttausend Gulden Minen aus dem Besitz der Grafen Mansfeld zu übernehmen. Der Krieg und die Kipper- und Wipperinflation führten dazu, daß Leipzig 1625 zahlungsunfähig wurde 231 . Hainhofer war 1618 von einem anderen Mitglied der Familie Lebzelter - Wolf- gang - veranlaßt worden, in Angelegenheiten von Darlehen an die Stadt Leipzig tätig zu werden. Durch seine Vermittlung flössen der Stadt mehrere tausend Gul- den zu. Da auch er selber als Darleiher auftrat, wurde er vom Bankrott Leipzigs, der sich ihm 1624 in Zinsausständen ankündigte, ebenfalls betroffen . Seine über Jahre immer wieder vorgebrachten Bitten und Mahnungen sind wohl er- folglos geblieben. Die Leipziger Finanzverwaltung wurde unter die Überwa- chung einer kurfürstlichen Kommission gestellt, die sie bis 1688 unter Aufsicht behielt 233 . In der zweiten Hälfte des Jahres 1627 brach in Augsburg eine Epidemie aus, die im folgenden Februar zunächst überstanden zu sein schien. Ihr erneutes, sehr viel stärkeres Aufflackern im April darauf forderte zahlreiche Todesopfer, und erst 1629 hatte sich die Lage wieder beruhigt 234 . Die Seuche scheint in den ärme- ren Bevölkerungsschichten sehr viel stärker gewütet zu haben als in den wohlha- benden. Hainhofer war offenbar in keiner Weise direkt betroffen, denn die Epi- demie spielt in seinen Briefen aus dieser Zeit ebensowenig eine Rolle wie in der

228 A.a.O. fol. 50-51, Schreiben an Herzog August in Hitzacker vom 25. Dezember 1625 und 22. Januar 1626; fol. 52v-55, Brief an Vratislav Graf von Fürstenberg vom 1. Januar 1626.

229 Vgl. GOB1ET, Briefwechsel, Brief 797.

230 Stammensbeschreibung, fol. 63.

231 KROKER, Leipzig S. 123 f. Zu Thomas Lebzelter (1570-1632) s. SCHMERTOSCH VON RIESENTHAL, Lebzelter.

232 Kopierbuch V, Briefe an Lebzelter in Leipzig und Quittungskopien für übermitteltes Geld auf fol. 327v-328, 332v-333, 403^04, 406v, 413v^»14 & 450v-453; 545-546, Briefe an einen Georg Pfanzelt und die Frau des Wolfgang Lebzelter in Sachen von Zinsauständen; 550v-551 ein Mahnschreiben an den Rat der Stadt Leipzig wegen Zinsverzugs, dazu 55 lv - 552 die Kopie des Schreibens eines Dr. Maximilian Mayer an den Rat der Stadt Leipzig in derselben Sache.

233 KROKER, Leipzig, S. 125.

234 ROECK, Stadt in Krieg und Frieden, S. 636 ff; Hainhofer hatte schon im Februar 1626 auf die in Augsburg „hin und wider" aufflackernde Pest hingewiesen, s. Kopierbuch VI, fol. 62-64v, Brief vom 16./26. Februar 1626, bes. fol. 64 f.

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Biographische Darstellung

Stammensbeschreibung. Noch im Jahr 1628 reiste er nach Innsbruck. Er über- brachte einen von Erzherzog Leopold von Österreich in Auftrag gegebenen Kunstschrank, der dem Großherzog von Florenz zum Geschenk gemacht werden sollte 235 . Wie auch schon 1617 wurde er von Ulrich Baumgartner begleitet 236 . Ein mechanisches Musikinstrument in diesem Luxusmöbel war zum Spielen ei- nes Stückes eingerichtet, welches Hainhofer sehr geschätzt zu haben scheint. Auch der Musikautomat im Pommerschen Kunstschrank produzierte eine Versi- on dieser Komposition, welche auch in den Lautenbüchem enthalten ist:

Baldassare Donatos „Se pur ti guardo, dolce anima mea", das Hainhofer offenbar zuerst als deutsches geistliches Lied ansah:

„Allain nach dir herr Jesu Christe verlanget mich etc., welches auch den Italianischen text hat:

,Se pur ti guardo, dolce anima mia'. ain ueberauß schon uhralt musicalisch stuckh"

Die Erwähnungen von Musikaufführungen in Innsbruck, denen er beiwohnte, blieben so knapp, wie er sie auch in anderen Relationen hielt. Ein Sänger, der wohl durch Echo-Imitationen den Effekt von drei einander antwortenden Stim- men erreichte, und ein Streicher, der auf seinem Instmment mehrstimmiges Spiel vorführte, wurden erwähnt:

„ain musicant alda gewest, so nur allain mit 3 stimmen gesungen, alß wann Ihrer 3. ainander

„aine lieblich tafel music, und sonderlich ain Frantzösischer geiger, (der auf ai-

antwortteten. [

ner geigen 3 stimmen macht)"

]

Ein einziger Musiker wurde von Hainhofer mit seinem Namen benannt, ein Spa- nier, der bei der Nachtmahlzeit an der Tafel zur Gitarre oder vielleicht auch zur Vihuela sang:

„ain sjpagnolo, genannt Navarra, zu Mantova wohnhafft, in die guitarren ueber tisch gesun- gen"

Am Ende des Monats August 1629 begab sich Hainhofer als Mitglied einer De- legation der evangelischen Bürgerschaft Augsburgs an den Dresdner Hof. Die sogenannte „Jesuitische Reform", welche in der Folge des von Kaiser Ferdinand II. erlassenen Restitutionsediktes stattfand, brachte unter anderem ein Verbot der Ausübung der protestantischen Religion in der Reichsstadt. Dies hatte eine Emi- gration von mehreren tausend Bürgern zur Folge. Der protestantische Herzog Jo-

235 Der „stipo tedesco" genannte Kunstschrank wird heute im Palazzo Pitti in Florenz aufbe- wahrt, s. HEIKAMP, Uffizien-Tribuna, S. 228 ff.

236 DOERING, Reisen, S. 31-111. Der Schluß dieser Relation, der von Doering gekürzt wurde, ist in größerer Vollständigkeit veröffentlicht von DUSSLER, Reisen, S. 125-130, besonders S. 128 ff.

237 DOERING, Reisen, S. 128ff. Zwei Intavolierungen und beide Texte finden sich in l/25v-27.

238 DOERING, op.cit. S. 56: Tischmusik am Osterfest des 23. April; S. 58.

Der Dreißigjährige Krieg

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hann Georg von Sachsen, der sich erst 1630 gegen Ferdinand II. stellte, ließ sich zu einem Schreiben an den Kaiser bewegen. Wie bei vorigen Versuchen, Ein- spruch gegen einen kaiserlichen Übergriff zu erheben, blieb sein Protest ohne Wirkung und wurde wohl auch von vornherein als aussichtslos angesehen Augsburg mag aufgmnd seines starken Symbolwertes für den deutschen Prote- stantismus das Objekt gewesen sein, an dem die Konfessionspolitik des Kaisers ein Exempel statuieren sollte 241 . Die evangelischen Augsburger wurden aus ihren Stellen verdrängt, angefangen von den Zünften bis hin zum Rat der Stadt. Im Verborgenen blühte eine Kultur der Pasquille und Spottlieder. Am 1. März 1630 wurde der Fischer Christoph Glatz verhört, der aufgrund einer Denunziation festgenommen worden war. Er hatte „Ain trauriges liet von wegen des abgstelten predig ampts in Augsburg" gesungen und wurde dafür zunächst an den Pranger gestellt und dann der Stadt verwiesen. Die Intervention von Personen aus der Oberschicht, unter denen sich auch Hainhofer befand, öffnete ihm aber bald wie- der die Tore 242 . Im Gedenken an den Zweck der Reise nach Dresden kann es verwundem, daß Hainhofer in seinem Bericht darüber auch einige Beobachtun- gen zur Musik am sächsischen Hof festhielt. Dazu gehören die über eine Gmppe von Hackbrett- und Xylophonspielem und jene über eine Tafelmusik, bei der auf „ainem gar langen neuen instmment, ainer harpfen lauten" musiziert wurde, wel- ches Hainhofer leider nicht näher beschrieb 243 . Bei der Besichtigung der Dresd- ner Instrumentenkammer nahm er eine aus Elfenbein gefertigte Laute aus Padua (oder im paduanischen Stil?) in die Hand und spielte sogar ein wenig darauf 244 . Während Hainhofer in Dresden war, befand sich der Kapellmeister Heinrich Schütz auf Reisen. Er war 1628 nach Venedig aufgebrochen, wo er fast zwei Jahrzehnte früher Schüler Giovanni Gabrielis gewesen war und 1629 der erste Teil seiner „Symphoniae sacrae" erschien 245 . Hainhofer hatte für die Reise 1 Wechsel zur Verfügung gestellt. Als er aus Dresden wieder nach Augsburg zu-

240 ROECK, Stadt in Krieg und Frieden, zitiert auf S. 667 aus einem Schreiben vom September 1629: „Chursachsen hat abermalen ein sehr beweglich Schreiben an Kais. Maj. abgehen lassen, mit der Execution seines Edicti innezuhalten, ja dasselbe gar abzustellen und das sinkende Reich in Frieden zu bringen. Ich halte aber, man werde es lassen ein Schreiben sein, und werden die Jesuvitae nach ihrer Gewohnheit sagen: der Hans Georg in Sachsen hat sich abermals erzürnet".

241 ROECK, op.cit. S. 658.

242 ROECK, op.cit. S. 669 f.

243 DOERING, Reisen, S. 141-248. Dort auf S. 208 die Erwähnung von „1 disch mit hackbret- tierer, dises sein musicanten mit dem hackbrett und hültzinen glächter" in der kleinen Hofstube, und auf S. 230 die Beschreibung der Tischmusik auf Harfe und Harfenlaute.

244 Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 11.22.Aug.2°, fol. 466v: „1 schone weisse helfenbainine paduaner lauten, an dero ich, als ich nur ain wenig daraufgeschlagen, lieblichen resonantz gefunden".

245 Hainhofer bemerkte in seinem Dresdener Reisebericht: „des ChurfÜrsten capellmaister Heinrich Schüz ist ietzt in Lombardia, noch mehr musicalische instrumenten einzukauffen" (= Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 11.22.Aug.2°, fol. 467).

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Biographische Darstellung

rückkehrte, warteten Schütz und die Musiker Kaspar Kittel und Francesco Castelli schon über eine Woche auf ihn. Der Lautenspieler und Theorbist Kittel war auf Kosten des sächsischen Kurfürsten einige Jahre in Italien ausgebildet worden. Den Violinisten Castelli - ehemals in Diensten des Herzogs von Man- tua, wie Hainhofer anmerkte - hatte Schütz auf der Reise angeworben. Sie hiel- ten sich noch einige Tage in Augsburg auf und musizierten vor ihrer Weiterreise für eine Gesellschaft, die Hainhofer in sein Haus geladen hatte:

glücklich nach hauß gelangt, hab ich die auß Italia gekhomne,

und schon 8 teg in Augspurg auf mich wartenden musicis (nemlich heim Hainrich Schuzen, churfürstlichen capellmaister, Caspar Kittel lautanisten und theobisten, (den der ChurfÜrst in dem 6 ten jähr in Italia verleget und sua liberalitate lehrnen hat lassen) und den signore Francesco

Castelli <quondam serenissimi Ducis Mantuae vertreflichen violinisten> vor mir gefonden, wel- che mir umb die ihnen gemachte wexel gedanket, sich noch ain baar teg hie auf gehalten, und, alß ich sie in mein hauß geehret, mich und etliche bekh ihnen zu ehren geladene fraind ihre lieb- liche khunst hören lassen, denen wir, ob es gleich sonsten haist: ,es ist khain so guet lied, man würd sein mued', noch so lang zu gehöret hetten, dan wie ,elcke vogelken singht, alß het gebeckt ist', also haben dise musici, daß sie ihr zeit in der music wol angelegt haben, auch gnug zuer- khennen geben"

„Alß ich nun mit Gottes hilf [

]

Es ist schwer zu entscheiden, ob Hainhofer in bewußter Weise Selbstdarstellung betrieb, indem er von Freunden schrieb, die den Musikern zu Ehren geladen worden waren, nachdem er offenbar angesetzt hatte, das Wort „bekhandte" zu schreiben. Er wird es aber nicht versäumt haben, sich mit diesem Hauskonzert vor seinen Bekannten in ein gutes Licht zu setzen. Mit der Landung schwedischer Tmppen begann im Jahre 1630 der Eingriff König Gustav Adolfs in das Geschehen des Dreißigjährigen Krieges. Sein Vor- marsch nach Süden brachte ihn schließlich in die Nähe Augsburgs, und die Stadt mußte eine Belegung bayerischer Tmppen aufnehmen . Kurz vor dem schließ- lichen Abmarsch der bayerischen Besatzungstruppen und dem Einzug Gustav Adolfs in die Stadt handelte sich Hainhofer durch unvorsichtige Formulierungen in einem Brief nach der seit Monaten in schwedischer Hand befindlichen Stadt Nürnberg ziemliches Ungemach mit dem Militär ein. In dem Schreiben, das Ge- org Nathan in Hainhofers Namen geschrieben und dieser unterzeichnet hatte, wurde berichtet, daß die bayerischen Kräfte unter ihrem Obristen Bredow nur schwach an Zahl seien und die Reiterei im Freien nächtige, nämlich: „daß die reutter wie die ohlberger auff der gassen pemoctieren muessen" 248 . Der Briefbote

246 Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 11.22.Aug.2°, fol. 526 (auch im Cod.Guelf. 37.32.Aug.2°, fol. 321 und Cod.Guelf. 38.2.Aug.2°, fol. 256 f.). Hainhofer fügt gelegentlich Sprichwörter auf italienisch, französisch oder wie hier niederländisch ein. Daß jeder Vogel singe, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, findet sich auch auf den Sprich- wortseiten in einen Lautenbüchern: 1/lOv.

247 ROECK, Stadt in Krieg und Frieden, S. 682.

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wurde durchsucht und das Schreiben geöffnet. Der Vergleich mit dem Schlaf der Jünger Jesu Christi am Ölberg wurde von den bayerischen Reitern als Beschimp- fung interpretiert. Hainhofer bekam eine Belegung von Reitern und deren Pfer- den in sein Haus und wurde dort arretiert. Seine Geschäftsräume, Vorratskam- mern und Sammlungen wurden versiegelt. Schließlich wurde ihm eine Forderung nach Zahlung von zweitausend Reichstalem vorgetragen 249 . Dies alles machte seine Lage binnen kurzem so peinlich, daß befreundete Augsburger für die Ver- sorgung seines Haushaltes von außen sorgen mußten 250 . Er verstand es aller- dings, das Verhältnis zu seiner Belegung - die ebenso wie ihr Obrist durchgän- gig von evangelischer Konfession war - im Laufe einiger Tage soweit zu bes- sern, daß er schließlich am 14. April aller Beschränkungen und Bedrängungen ledig wurde 251 . Die Versorgung der Belegung und Schenkungen, durch die er sich letztendlich freikaufte, hatte ihn in der kurzen Zeit eintausendeinhundert Reichstaler gekostet, was ihn zu der Formuliemng veranlaßte:

„Gott verleihe, daß dises mein gröstes unglückh sey"

Am 18. April traten die Stadtpfleger an Hainhofer heran, um durch ihn die Hal- tung der evangelischen Bürgerschaft zur Übergabeforderung der angerückten schwedischen Seite zu erfragen 5 . Eine von Hainhofer einbemfene Versamm- lung der Evangelischen war zunächst durch gegen ihn gerichtete Proteste gefähr- det. Sein Kontakt zu den Stadtpflegern wurde als Einlassen mit der katholischen Sache interpretiert, und er wurde damit bedroht, aus dem Fenster geworfen zu werden - wie es 1618 zu Prag geschehen sei. Schließlich überwog aber die Zu- stimmung, und nachdem die Versammlung sich auf eine gemeinsame Haltung geeinigt hatte, begab sich eine Abordnung zu den Augsburger Stadtpflegern 254 . Zwei Tage darauf zog die bayerische Besatzung aus Augsburg ab. Unter den ein- rückenden schwedischen Tmppen befand sich der Proviant-Kapitän und Quar- tiermeister Johann Martin Hirt, ein früherer Bediensteter Hieronymus Bechlers und vormals kaiserlicher Soldat, der sich in Hainhofers Haus einquartierte 255 . Hirt heiratete später eine Tochter Hainhofers und übernahm nach dessen Tod seine Dienste als Bücheragent für Herzog August d.J. von Braunschweig- Lüneburg. Am 24. des Monats hatte Hainhofer Gelegenheit, dem schwedischen

249 A.a.O.

250 A.a.O. fol. 4.

251 A.a.O. fol. 5.

252 A.a.O. fol. 8.

253 Stammensbeschreibung, fol. 85v.

254 Schwedisches Tagebuch, fol. 10 f.

255 Hirt, 1588 geboren, war 1609 als Reisebegleiter auf Reisen und 1611/12 als Schreiber ftlr Bechler tätig gewesen. 1612 mußte er - eigentlich schon angenommen - als Stadtschreiber von Wildbad hinter einem anderen Bewerber zurücktreten. Ab 1619 war er kaiserlicher Ka- vallerist. In schwedische Dienste war er 1631 getreten. Vgl. OTTE, Hirt, bes. S. 42 ff.

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Biographische Darstellung

König Gustav Adolf die Geschichte seiner zeitweisen Arretierung zu erzählen . Die Situation der evangelischen Bürgerschaft Augsburgs, die im Zuge der Je - suitischen Reform" von 1629 weitgehend zurückgedrängt worden war, verbes- serte sich mit dem Einzug der schwedischen Tmppen schlagartig. Dafür wurde nun die katholische Seite ihrer Stellungen beraubt. Heinrich Schütz sandte aus Dresden einen Brief an Hainhofer, in dem er - nach der Bitte um die Beschaf- fung von transalpinen Musikalien und nach verschiedenen Nachrichten aus Dresden - ihm und „unsern mitt-Christen zu Augspurgk wegen der wiedererlan- geten gewissensfreyheit" gratulierte 257 . Für Hainhofer begann die Zeit der schwedischen Besatzung in Augsburg mit einem größeren Geschäft. Ein Kabi- nettschrank, der - ähnlich reich gebildet und ausgerüstet wie der Pommersche Kunstschrank - offenbar fertiggestellt zur Verfügung stand, wurde vom Rat für die beträchtliche Summe von sechstausendfünfhundert Reichstalem angekauft und Gustav Adolf von Schweden zum Geschenk gemacht. In der Stammensbe- schreibung ist dies so geschildert, daß der Vorschlag der Schenkung - und damit des Ankaufs - von dritter Seite gemacht wurde und der Rat der Stadt ihn darauf in Gang gesetzt habe 258 . Einige Tage später wurde Hainhofer durch die Ratswahl am 29. April zu einem der drei Stadtbaumeister, was die Zahlung der Kaufsum- me für den Kunstschrank an ihn fast ein wenig wie Bereichemng im Amt er- scheinen läßt 259 . Auch die Idee einer Übereignung mehrerer Dörfer hat Hainhofer als von au- ßen an ihn herangetragen dargestellt. Der mit den schwedischen Tmppen in die Stadt gekommene Pfalzgraf August habe ihn bei einem Gespräch über ein von Hainhofer zu vermittelndes Anleihen für die schwedische Kriegskasse gefragt, ob er bei Gustav Adolf nicht eine „gnad" ausbitten wolle und dabei gleich zwei in der Umgebung gelegene Dörfer als Gegenstand dieser Bitte vorgeschlagen. Hainhofer beschrieb seine Reaktion auf den Schenkungsvorschlag als zurück- haltend. Zwar würde er gerne ein Geschenk erhalten, wüßte aber gar nicht, wo- mit er es verdient habe und um was er bitten solle. Pfalzgraf August machte sich darauf erbötig, die Angelegenheit zu befördern, die sich aber im Folgejahr - lan-

256 Schwedisches Tagebuch, fol. 17.

257 MÜLLER, Schütz-Briefe, S. 115-118, hier S. 117. Dieser Brief ist offenbar schon von LA MARA, Musikerbriefe, auf den S. 70 ff. publiziert worden, im Göttinger Exemplar dieser Veröffentlichung aber nicht enthalten, da hier die S. 66-81 fehlen. Das Original verwahrt die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky unter der Signatur Sup.ep. 48, 457.

258 Schwedisches Tagebuch, fol. 22.

259 A.a.O. fol. 31v; ROECK, Stadt in Krieg und Frieden, S. 601: „Hinter den 25066 fl. [Schen-

genannt werden, verbergen sich vor allem die

den der Kunstagent Philipp Hainhofer für

Gustav Adolph von Schweden beschafft hatte. Das Pikante daran war, daß Hainhofer nicht nur der Empfänger der Aufwendungen war, sondern als einer der Baumeister auch Leiter der Behörde, die diese Gelder zu verrechnen hatte".

kungen der Stadt Augsburg], die für 1633 [

]

Ausgaben für einen kunstvollen Schreibtisch [

]

Der Dreißigjährige Krieg

61

ge nachdem Gustav Adolf in der Schlacht bei Lützen gefallen war - durch Hain- hofers Weigemng, einen Donationsbrief anzunehmen, zerschlug. Dabei spielte wohl nicht so sehr eine Rolle, daß ihm andere als diejenigen Dörfer geschenkt werden sollten, um die er schließlich gebeten hatte, sondern daß die Lage der schwedischen Seite und damit ihrer Verbündeten inzwischen unsicher schien Gustav Adolf von Schweden hatte bald nach seinem Einzug in Augsburg ei- ne Reihe von evangelischen Familien in den Patrizierstand erhoben, was in erster Linie als Maßnahme zur Verschiebung der Kräfteverhältnisse im Augsburger Rat zu verstehen ist, welche auch in der Zukunft den eigenen Einfluß in der Regie- rung der Reichsstadt sichern sollte. Die Spitze des Augsburger Rates wurde durch die Erhebung der sogenannten „Schwedischen Geschlechter" evangelisch dominiert. Hainhofer gehörte zu den Augsburgern, die auf diese Weise in den ei- gentlichen städtischen Adel aufstiegen 261 . Vielleicht ist eine Portraitzeichnung Hainhofers, die Lukas Kilian zugeschrieben wird, in diesem Jahr entstanden. Gegenüber dem Übergabebild aus dem Pommerschen Kunstschrank vom Jahre 1617 zeigt sie einen deutlich gealterten Philipp Hainhofer, der - mit geschlitztem Wams, Halskrause und Mantel bekleidet und mit einem Degen ausgerüstet - als leicht nach links gewandte Halbfigur dargestellt zu seiner rechten Seite hin aus dem ovalen Bildrahmen herausschaut 262 . Die Nachricht vom Tode des schwedischen Königs in der Schlacht von Lüt- zen am 16. November 1632 erreichte Hainhofer während eines Besuchs des württembergischen Theologen Johann Valentin Andreae (1586-1654). Andreae, der zu dieser Zeit Superintendent von Calw war und mit Hainhofer seit einigen Jahren brieflich verkehrte, hatte zusammen mit einem Bekannten den Kunst- schrank für Gustav Adolf besichtigt und befand sich in Hainhofers Haus, als die Nachricht eintraf 263 . Er ist einer der interessantesten Menschen in Hainhofers

260 Schwedisches Tagebuch, fol. 40v & Stammensbeschreibung, fol. 86.

261 A.a.O. fol. 85v: „Adi 27. aprilis ist er unnd seine vorhin von römischen kaysem geadelte familia, neben andern geschlechtem der mehreren gesellschaft, von den allten evangeli- schen patriciis auch in numerum patriciorum adoptiert unnd aufgenommen worden". Die Gesellschaft der Mehrer (auch: Socii Patriciorum) umfaßte Familien, die durch Verheira- tung mit dem Patriziat verbunden und - bei entsprechender wirtschaftlicher Stellung - mit diesem gesellschaftlich gleichgestellt waren. Vgl. BÄTORI, Augsburg, S. 21.

262 Stockholm, Statens konstmuseer, Inventar-Nummer NMH 1900/1863. Vgl. die Abbildung vor dem Inhaltsverzeichnis. Das Übergabebild aus dem Pommerschen Kunstschrank:

Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Kunstgewerbemuseum, Inventar-Nummer P 183a. Die Datierung von BOSTRÖM, Hainhofer als Vermittler, S. 155 in die Zeit „um 1635" kann im Wissen um den Verlauf der Stadtgeschichte nicht angenommen werden.

263 ANDREAE, Vita, S. 123: „Dehinc conductus Andreae Reinhardi veteris amici adii Joh. Con- radum Goebelium urbis antistitem, et Philippum Heinhoferum aedilem praenobilem, li- terarum commercio jam conciliatum, cujus favorem monstrata nobis est ingentis pretii et in- finiti artificii cista scriptoria, munus Augustae urbis augustissimo regi suo liberatori Gusta- vo nuper oblatum. Cui perspiciendo dum medium diem impendimus, obruit nos paulo post

62

Biographische Darstellung

Bekanntenkreis und vielleicht tatsächlich eine der wenigen herausragenden Ge- stalten im Deutschland dieser Zeit, wie Veronica Wedgwood schreibt . An- dreaes zeitweise Verbindung mit Personen, unter denen die Rosenkreuzer-Idee entstanden sein mag, und sein anonym publiziertes Buch „Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz" (Straßburg 1616) haben dazu geführt, daß ihm die Gründung des Rosenkreuzer-Ordens oder doch zumindest die Autorenschaft an allen dreien der angeblichen originalen Rosenkreuzer-Schriften - der „Fama", „Confessio" und der „Chymischen Hochzeit" - zugesprochen wurde. Er wäre somit der geistige Urheber all dessen gewesen, was jemals als Rosenkreuzer- Bewegung existierte und heute noch besteht, obschon er in späteren Schriften gegen die Rosenkreuzer Stellung bezog und schon die „Chymische Hochzeit" sich von der „Fama" und „Confessio" inhaltlich deutlich absetzt 265 . Andreaes ei- gentliche Bedeutung liegt wohl in seinen späteren Schriften und der Wirkungs- geschichte, die einige von ihnen hatten. Veröffentlichungen, mit denen er die Bildung gelehrter Gesellschaften in Gang bringen wollte, mögen durch seine Verbindung zu Johann Arnos Comenius und über diesen zu Samuel Hartlib eine gewisse Rolle bei der Entstehung der 1662 gegründeten Royal Society of Scien- ces gespielt zu haben. Auch Hainhofer hat er einmal einen solchen Dmck über- sandt 266 . Damit wurde eine weitere Verbindung zu Hartlib berührt, denn Hainho- fers Neffe Hieronymus hatte in England Kontakt zu dessen Kreis 267 . Bei der Re- form der württembergischen Kirche war Andreaes Rolle eminent, und dies mag dazu geführt haben, daß ihn Herzog August d.J. von Braunschweig-Wolfenbüttel in Fragen der kirchlichen Organisation seines Herrschaftsgebietes zu Rate zog 268 . Auf welche Weise die Verbindung zwischen Hainhofer und Andreae zu- stande kam, bleibt noch zu klären. In Hainhofers Schriften ist sie zuerst durch ei- nen Brief an Herzog August aus dem Jahre 1623 dokumentiert, in dem er ein

in Heinhoferianis elegantissimis aedibus luctuosissimum de herois invictissimi obitu nunci- um".

264 WEDGWOOD, Der 30jährige Krieg, S. 42. Es mag Zufall sein, daß unter den vier Personen, die sie als Beispiele für solche Männer nennt - Heinrich Schütz, den Dichter Martin Opitz, den Augsburger Architekten Elias Holl und eben Andreae - nur Opitz nicht zu Hainhofers Bekannten gehörte.

265 MONTGOMERY, Cross and Crucible I, S. 160 ff, statuiert, daß Andreae nie wirklich den Ideen seines Tübinger Bekanntenkreises, in dem die „Fama" und „Confessio" wohl ent- standen, anhing. DÜLMEN, Andreae, S. 74 ff, geht offenbar davon aus, daß Andreae der Verfasser der „Fama" war, muß aber wiederholt darauf hinweisen, daß diese Ansicht un- bewiesen bleibt. OTTE, Andreas Verfasserschaft, weist auf einen inneren Widerspruch zwi- schen der „Confessio" und einer gesicherten Schrift Andreaes.

266 MONTGOMERY, Cross and Crucible I, S. 211 ff, bes. S. 221, Fußnote 207.

267 BEPLER, Hieronymus Hainhofer, S. 122 ff.

Der Dreißigjährige Krieg

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Schreiben von Andreae zitiert . Vielleicht hatte Andreaes Interesse an Kunst, die er sammelte, ihn zu einem Kunden Hainhofers werden lassen. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich eine Freundschaft, die durch die Tätigkeit beider für Herzog August gefestigt wurde. Mit Hainhofer mag ihn auch ein musikalisches Interesse verbunden haben. Andreae hatte in seiner Jugendzeit in Tübingen Ci- ster- und Lautenunterricht genommen. Obwohl er dies in seiner Autobiographie als Nebensächlichkeit erscheinen läßt, weist die Schenkung einer Laute in späte- rer Zeit vielleicht auf eine andauernde Beschäftigung mit dem Instrument hin Es ist schwierig, sich aus den Briefkopien Hainhofers ein Bild davon zu machen, wie weit er an der Ideenwelt Andreaes teilnahm. Die Kopierbücher überliefern oft nur Teile von Briefen, manchmal lediglich knappe Notizen. Das meiste ist überdies Geschäftspost, und rein private Schreiben finden sich nur im Kopier- buch I in größerer Zahl. Es ist dagegen leicht, aufgrund von Einzelfunden den Eindmck zu gewinnen, daß Hainhofer einen recht engen geistigen Horizont be- saß. Monteverdi erscheint einmal als Kapellmeister in Venedig, bei dem Musi- kalien erhältlich sind, und Galileo Galileis Ruf scheint bei Hainhofer allein in seiner Fertigkeit als Hersteller von optischen Geräten begründet gewesen zu sein, so daß nach seinem Tod ein Augsburger Handwerker als Galileis Nachfolger gelten konnte 271 . Die Öffentliche Bibliothek der Universität Basel bewahrt einige Briefe Andreaes an Hainhofer. Obwohl es sich hier um Einzelstücke handelt, de- nen der Zusammenhang mit dem Briefwechsel, aus dem sie stammen, manchmal deutlich fehlt, zeugt doch jeder einzelne von der Vertrautheit zwischen beiden und weist über den Bereich von Kunsthandel, Korrespondenzgeschäften und Zahlungsverkehr hinaus 72 . Während der Jahre, in denen Augsburg von schwedischen Tmppen besetzt war, verlor Hainhofer zuerst seinen Bmder Hieronymus, der im Dezember 1632 einem Schlag erlag. Hieronymus war seit 1614 für die Firma Honoldt tätig gewe-

269 Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 96 Novor., fol. l-2v. Das Schreiben selber ist undatiert, der Band enthält Briefe aus den Jahren 1623-1645 in chronologischer Reihenfolge.

270 ANDREAE, Vita, S. 19: „Et ne insulsus essem, chely[e] etiam ac testudine ludere Joh. Dür- vius docuit, cujus nulla vita mea vel puduit, vel poenituit"; S. 195: „Frid. Casimirus Ca- nofzgius vir nobilis testudinem ebumeam dono dedit, ob id non preatereundus".

271 Kopierbuch VIII, fol. 14, Brief an Herzog August in Braunschweig, 9./19. April 1640: „der capellmaister Monteverde di Venetia meim jungen vetter angezaigt, daß er der zeit nichts schöners von compositionen habe, weder in dem gesandten getruckhten catalogo della pi- gna aufgezeichnet"; a.a.O. fol. 177v-178v, Brief an Johann Valentin Andreae in Stuttgart, 15./25. September 1642, hier fol. 178 f.: „vorhin ist der Galileus de Galileis in perspettiva et optica arte zu Florenz beruembt gewesen, jezt füret diser Wisel den ruem". Zu Johann Wiesel vgl. KEIL, Wiesel.

272 Basel, öffentlich Bibliothek der Universität, Ms. G 2 I

15,1, fol. 162; Ms. G I 28, fol. 83-

84, 98, 102-105. Dieser Sammelband enthält weitere an Hainhofer gerichtete Briefe verschiedener Autoren. In Wolfenbüttel werden weitere Schreiben Andreaes an Hainhofer verwahrt: Herzog August Bibliothek, Cod.Guelf. 74 Novissimi 2°.

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Biographische Darstellung

sen 273 . Hainhofers Ehefrau erlag im August des Folgejahres einer Erkrankung, an der sie einige Monate gelitten hatte 274 . Die Tochter Judith, mit einem Mitglied der Familie Rem verheiratet, starb 1634 „an der hitzigen krankhait" 275 . Im Spät- sommer des Jahres 1634 wurde es erneut notwendig, sich mit der Frage ausein- anderzusetzen, ob die Stadt kampflos übergeben oder Widerstand gegen anrük- kende Tmppen geleistet werden sollte, nur waren im Vergleich zu 1632 die Ver- hältnisse diesmal umgekehrt. Nun waren es bayerische Kräfte, die auf das schwedisch besetzte Augsburg marschierten. Der Rat wollte aushalten und ver- ständigte sich zunächst darauf, daß jeder beim Abwehrkampf persönlich ein- stehen sollte 276 . Die anschließende Belagemng der Stadt führte zu einem Hun- gerwinter von äußerster Grausamkeit, der schließlich die Übergabe erzwang. Hainhofers Aufzeichnungen berichten zwar von Teuemng und Hunger, aber ein Bild der Zustände innerhalb Augsburgs, wie sie andere Chronisten schildern, läßt sich aus seinem Tagebuch nicht herauslesen 77 . Im Februar war der Rat bereit, Verhandlungen mit der bayerischen Seite aufzunehmen. In einem Gespräch mit dem Obristen aus dem Winckel und eini- gen von dessen Offizieren ergriff auch Hainhofer das Wort und legte dar, daß die elenden Verhältnisse in der Stadt und die Befürchtung, durch längeren Wider- stand besonders harte Übergabebedingungen zu provozieren, es ihm klug er- schienen ließen, bald zu einer Verhandlungslösung zu kommen 278 . Gouverneur aus dem Winckel akzeptierte die Ratsentscheidung. Am 27. März, nach Ab-

273 Schwedisches Tagebuch, fol. 48: „Adi 16. decembris nachmittag zwischen 2 und 3 uhren ist mein herzlieber brueder Hieronymus Hainhofer inn seinem berueff inn der herren Hanoldt

Schreibstuben, darinnen er um die 18 jähr lang seinem heim treulich und fleissig gedienet,

[ ]

ganz schnell und seelig dahin gangen apoplexia taxus".

274 A.a.O. fol. 52: „Bedachten 7. ten august hat Gott der allmechtige nach seinem ohnerforsch- lichen willen und raht meine herzallerliebste haußfraw Reginam, gebome Waiblingeren, auß diesem zergenglichen jammerthal zue seinen gottlichen gnaden abgefordert".

275 A.a.O. fol. 64v.

276 A.a.O.

fol. 63: „Adi 15. augusti hat mann im klainen raht, und volgenden 16. ten dato im

grossen raht die umbfrag gehalten, ob jeder leib ehr guet und blut beim gemainen evangeli- schen wesen und bey seinem vatterlandt auffzusezen und fechten wolle, zu welchem anwe-

sende sich ainhellig erklert, und ja ' gesprochen haben".

277 A.a.O. fol. 69v: „So ist auch fürkommen, daß mancher aine küh bis auf 70 und 80 reichsta-

und geessen worden, das pfund

schmalz um 16 bazen bezahlt". ROECK, Stadt in Krieg und Frieden, zitiert S. 17 f. Auf-

zeichnungen und Nachrichten über den Hungerwinter 1634/35, welche Hainhofers Anga- ben blaß erscheinen lassen.

278 Schwedisches Tagebuch, fol. 73v f.: „Ich sagte, weil die noth in allen gaßen rede und so

so sehe ich nicht, wie man mit einem leidentlichen ac-

cordo (in dem uns sonderlich die religion und prophanfrieden und continuati des offenen exercitu augustane confessionis bestätigt werde) länger cunctieren könne, sondern je eher man darzu thun, je beßer es verhoffentlich seye, hergegen je länger man vergebens auf eine succurs mit täglicher zuwachsung der noth warte, je duriore conditiones wir bekommen werden".

viel menschen hunger sterben, [

ler [

]

verkauft, auch küh- und kälberhäut gesotten, [

]

]

Der Dreißigjährige Krieg

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Schluß der Übergabeverhandlungen, verabschiedete er sich mit Handschlag von den Senatoren des Rates und zog am Folgetag ab . Der Stadt Augsburg, nun wieder in kaiserlicher Hand, wurde eine Zahlung von achtzigtausend Gulden auferlegt. Um eine Senkung dieser Fordemng zu er- reichen, sandte der Rat eine Abordnung, der auch Hainhofer angehören sollte, zum bayerischen Kurfürsten. Er lehnte diesen Auftrag aber ab, da er befürchtete, als Mitverantwortlicher für die Plünderung der Münchner Sammlungen angese- hen zu werden 280 . Gegenstände, die Gustav Adolfs Tmppen aus München mitge- bracht hatten, scheinen zeitweise im Hause Hainhofers gelagert worden zu sein 281 . Er hatte also einen Gmnd, in Augsburg zu bleiben. Im darauffolgenden Jahr waren seine Bedenken aber offenbar ausgeräumt. Herzog August von Braunschweig-Lüneburg entsandte ihn zum bayerischen Kurfürsten, um diesen für den am 22. Mai 1636 geborenen braunschweigischen Prinzen Ferdinand Al- brecht zum Paten zu bitten. In München erfuhr er, daß Bestände der Kunstkam- mer, die von den schwedischen Tmppen geraubt worden waren, mittlerweile wieder zurückgebracht werden konnten Im letzten Quartal des Jahres 1636 nahm Hainhofer den aus Höchstadt an der Donau stammenden Georg Anckel in seine Dienste. Der 1618 geborene Anckel hatte in seiner Heimatstadt drei Jahre lang als „Junge und Schreiber" des Bürgermeisters gedient. Er wurde Hainhofers Schreiber und Gehilfe bis zu des- sen Tod und danach von Herzog August in Dienste genommen . Johann Martin Hirt, der 1632 mit den schwedischen Truppen nach Augsburg gekommen war, heiratete am 1. Dezember 1636 Hainhofers Tochter Barbara. Er war zu diesem Zeitpunkt württembergischer Forstmeister zu Kirchheim an der Teck 284 .

279 A.a.O. fol. 77v.

280 A.a.O. fol. 79: [am 7. April 1635] „ist herr Daniel Hainzel und herr Doctor Zacharias Stenglin zu ChurfÜrstlicher Durchlaucht in Bayern nach Braunau gereiset, milderung der 80m florin zu erlangen. Dahin ich per maiora vota im raht erwehlt, ich auch schon bewilli- get hätte, weil ich aber vermerkt, daß bey Ihro Durchlaucht ich wegen der kunstkammer in verdacht, samb ich mitgeplündert, da ich doch nicht aus der Stadt kommen, hab ich nicht traut, mich entschuldiget".

281 A.a.O. fol. 79v f.: „Und hab ich hei m commissario Meermann wegen in Verwahrung ge- halten und heim general Wahl überliefert und in churfürstliche kunstkammer gehörige Sa- chen eine memorial übergeben, so der Churfürstlichen Durchlaucht übersandt worden, in hofhung, meine verarrestierte Stammbücher sollten dadurch relaxiert werden".

282 Der Bericht ist veröffentlicht von HÄUTLE, Reisen II, S. 268-314, und jüngst von LANGENKAMP, Reisebeschreibungen, S. 250-283.

283 HÄRTEL, Anckel, S. 240 f.; NEBINGER, Patrizier Hainhofer, nennt auf S. 448 , Fußnote 48 , den 18. August 1618 als Datum der Taufe Anckels.

284 Stammensbeschreibung, fol. 76v. Die gleiche Quelle nennt ihn auf fol. 87 „der Königlichen Mayestäten zu Ungarn und Bohem forstmaister" zu „Kirchaim und Teckh", was dadurch zu erklären ist, daß Württemberg zu dieser Zeit in der Hand kaiserlicher Tmppen war. Hirts Dienstherr war deren Oberbefehlshaber König Ferdinand III., der künftige Kaiser.

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Biographische Darstellung

Der kurbayerische Reitergeneral Jan von Werth wurde im Jahre 1642 nach vier- jähriger französischer Kriegsgefangenschaft gegen den schwedischen Feldmar- schall Gustav Hom ausgetauscht und begab sich anfänglich nach Augsburg, wo er am 4. April die Sammlungen Philipp Hainhofers besichtigte. Zu diesem Be- such hatte ihn Hainhofer schon im Jahr zuvor eingeladen, nachdem er von sei- nem Sohn Georg Ulrich, der sich in Kontakt mit Werth befand, von dessen be- vorstehender Freilassung erfahren hatte 285 . Er war 1638 in der Lage gewesen, über Georg Ulrich, der in Paris bei einem dort ansässigen Mitglied der italieni- schen Händlerfamilie Lumaga wohnte, Briefe an und von General Werth und dessen Mitgefangenen General Enkefort weiterzuleiten 286 . Georg Ulrich war im Dezember des Jahres 1630 vom Kurfürstentag in Regensburg aus in der Reisege- sellschaft des französischen Gesandten de Leon (für den Hainhofer ehemals kor- respondiert hatte) und des Kapuziner-Paters Joseph - Kardinal Richelieus Bera- ter - nach Paris gereist 287 . Er traf am 2. April 1642 wieder in Augsburg ein, wo ihm die schlechte Situation, in der sich die Geschäfte seines Vaters befanden, wohl schnell deutlich wurde. Schon Jahre vorher scheint er mit dem Gedanken

285 Kopierbuch VIII, fol. 48v^l9v, Brief an Jan von Werth in Nancy vom 21. Februar 1641, hier fol. 49: Georg Ulrich möge Werth „bald hieher beglaitten, und mir die ehr gönnen wolle, Ewren Ehren auch die streitbare heroische hande zu küssen". General Werth wird dieser Brief vorgelesen worden sein, er war Analphabet. Vgl. LAHRKAMP, Jan von Werth,

S. 5; Stammensbeschreibung, fol. 88v: „welcher de Werth den 4. aprilis sambt einem patre

jesuita, dem obristen Umgelter, obristen leutnant Francesco Orani, hauptman Ypsoden, hauptman Ferdinand Zehen unnd andern cavallieren bey ihme Hainhofer seine kunstsachen gesehen, und darauf die mittag malzeit bey ihme eingenommen".

286 Kopierbuch VII, fol. 428v-429, Brief an den Grafen Kurz in München vom 04. September 1638; fol. 451v-452 , Brief an denselben vom 28 . Januar 1639; fol. 478 f., Brief an den Apotheker Hermann Denss in München vom 3. April 1639. Denss (auch: Dens) wurde von Hainhofer als Faktor Werths bezeichnet. Er sei ein Kölner, also vielleicht ein Verwandter

des bislang nicht näher identifizierten Autoren von Denss 1594. Vgl. GOBIET, Briefwechsel,

S. 668, Brief Nr. 1280; Kopierbuch VII, fol. 516-516v, Brief an den Oberleutnant Franco

d'Orani in Heilbronn vom 19. August 1639, unter anderem in Sachen der Verbindung zu Enkefort nach Paris.

287 Kopierbuch VIII, fol. I05v-110v, Brief an Lucas Friedrich Beheim in Nürnberg vom 12. Februar 1642, hier 109v f.: Georg Ulrich sei „bißhero Ihrer Exellenz hofmaister, cammerer, kuchinmaister, secretarius, und alles miteinander ducente nunc annual itinere et detentione ipsius Exellenziae, den ich in 12 jähr und seider anno 1630, alß ihne legatus gallus mon- sieur de Leon und der Pere Joseph mit sich in Franckhreich gefUert, nit gesehen, würdt ver- hoffentlich sich hie in bälde sehen lassen"; Stammensbeschreibung, fol. 88v. Pere Joseph (1577-1638) war als Beobachter zum Kurfürstentag gesandt worden, aber im Ansehen der Zeit wie der folgenden Jahrhunderte der wichtigere französische Abgesandte, auch wenn sei