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Heliand (um 830)

Quellenangabe: Simrock, Karl, Übers. Leipzig: Insel, 1959.

Übersetzung online bei Projekt Gutenberg. Altsächsischer Originaltext online hier.

Der Heliand ist eine altsächsische Version der vier Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, die in der Bibel das Leben von Jesus Christus beschrieben. Der Text wurde geschrieben, damit die nichtchristlichen Sachsen zum Christentum konvertieren würden.

In der Einleitung beschreibt der Dichter des Heliands die Entstehung der Evangelien durch die vier Evangelisten (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes). Es gibt kein Äquivalent von dieser Einleitung in der Bibel.

Einleitung (Fitte I)

Manche waren,

Daß sie Gottes Wort

Das Geheimnis zu enthüllen,

Hier unter Menschen

die ihr Gemüt dazu trieb,

beginnen wollten,

das der heilige Christ

herrlich vollendete

5 Mit Worten und Werken.

Uns wollten viel weiser

Leute Kinder loben

Des Herren heilig Wort,

Offenbar in ein Buch,

Die Völker folgen sollten.

die Lehre Christs,

und mit Händen schreiben

wie seinen Geboten

Doch viere nur fanden sich

10 Unter der Menge, Hilfe vom Himmel,

die Macht von Gott hatten, heiligen Geist

Und Kraft von Christ.

Von allen allein,

In ein Buch zu bringen,

Sie kor 1 er dazu

das Evangelium

die Gebote Gottes,

15 Das heilige Himmelswort. Aus dem Volke zu fördern,

Das hatten nicht andre noch da nur diese viere

20

Durch die Kraft Gottes Matthäus und Markus Lukas und Johannes:

Und des Werkes würdig:

dazu gekoren wurden. hießen die Männer, sie waren Gott lieb

der waltende

2

Gott

Hatt ihren Herzen Fest anbefohlen

Weise Worte verliehen

Daß sie erheben möchten

heiligen Geist und frommen 3 Sinn,

und großes Wissen, mit heiligen Stimmen

1 kor (from kiesen / kor / hat gekoren): to choose, to select

2 walten: to reign, to rule

3 fromm: pious

1

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Die gute Gotteskunde, In Worten dieser Welt, Herrscher verherrlichten,

die ihr Gleichnis nicht hat die so den waltenden und heillose Tat,

Frevelwerk 4 fällten

und dem tückischen Feind

Im Streit widerstünden;

denn starken Sinn hatte,

30

Milden und guten,

Der edle Urheber,

welcher der Meister war,

mit Fingern schreiben,

Sie viere sollten

der allmächtige.

Setzen und singen Was sie von Christi

und gründlich sagen, Kraft, der großen,

35

Gesehen und gehört,

das er selber gesprochen,

Gewirkt und gewiesen,

des Wunderbaren viel,

Vor den Menschen und mancherlei,

der mächtige Herr.

In der folgenden Passage geht Jesus Christus auf dem Wasser. Sie können die biblische Version von Matthäus hier lesen.

Auf dem Wasser wandeln (Fitte XXXV)

Da verliefen sich die Leute

über all dem Lande,

Das Volk zerfuhr,

da ihr Fürst entwichen war

der Gebornen mächtigster,

Hinauf ins Gebirge,

Der Waltende, nach seinem Willen.

An des Wassers Gestad 5

5

Sammelten die Gesellen sich,

die er selbst sich erkoren,

Die zwölf, ob ihrer Treue.

Sie zweifelten nicht:

wollten sie gerne

Im Dienste Gottes Über den See setzen.

Sie ließen in schneller Strömung

Das hochgehörnte Schiff

Schneiden, die lautre Flut.

die hellen Wogen 6

10

Die Sonne ging zur Rüste,

Das Licht des Tages schied, und die Seefahrer hüllte

Nacht und Nebel.

Ihr Nachen 7 trieb

Die vierte Weile

Vorwärts in der Flut. Der Nacht war genaht.

Der Notretter Christ

15

Sah den Wogenden nach.

Der Wind wehte mächtig,

die Wogen heulten,

Ein Unwetter erhob sich,

4 der Frevel: iniquity

5 das Gestad(e): shore, beach

6 die Woge, -n: wave(s)

7 der Nachen: dinghy, small boat

2

Den Stamm umströmend.

Wider den Wind die Männer:

Ihre Seele sorgenvoll:

Angestrengt steuerten

ihr Herz war bewegt,

sie wähnten selber nicht,

20

Die starken Steurer, Vor des Wetters Wut. Selber auf dem See Zu Fuße wandelnd:

das Gestad zu erreichen Da sahn sie den waltenden Christ geschritten kommen, in die Flut mocht er nicht,

In den See versinken,

da seine Kraft ihn,

25

Die heilige, hielt.

Das Herz war in Furchten,

Den Männern der Mut, Sie zu täuschen täte.

daß es der mächtige Feind Da sprach ihnen Trost zu

Der heilige Himmelskönig,

daß er ihr Herr wäre,

Ihr mächtiger Meister:

»Nun sollt ihr Mut,

30

Festen, euch fassen,

ohne Furcht sei euer Herz,

Gebaret mutig!

Gottes Geborner bin ich,

Sein eigener Sohn:

wider den See will ich euch,

Den Meerstrom schützen.«

 

Da sprach der Männer einer

35

Vom Rand des Schiffes,

der ruhmwerte Mann,

Petrus der gute:

»Keine Pein soll mir machen

Des Wassers Wut,

wenn du der Waltende bist,

wie mich im Herzen dünkt.

Unser Herr, der gute,

So heiß mich zu dir gehn

über die zürnende Flut,

40

Trocken über die Tiefe,

wenn du der Teure bist,

Der Menschen Mundherr.«

Da hieß ihn der mächtige Christ

Ihm entgegengehn:

und gerne gehorcht' er,

Stieg aus dem Stamme, Fort zu seinem Fürsten.

und stapfend ging er, Die Flut ertrug

45

Den Mann durch Gottes Macht,

bis sein Mut begann

Die Tiefe zu scheuen,

da er treiben sah

Die Wogen mit dem Winde,

denn Wellen umwallten ihn

Rings, hohe Strömung.

Wie das Herz ihm zweifelte,

Wich das Wasser,

und in die Woge

50

Versank er, in den Seestrom.

Da schrie er empor

Zu dem Gottessohne

und begehrte flehentlich, 8

Daß er ihm hilfreich nahte,

da er in Nöten war,

In harter Bedrängnis. Empfing und faßt' ihn

Der Herr der Völker und fragte sogleich,

55

Warum er verzweifle.

»Du solltest nicht zagen,

8 flehen: to plea, to pray

3

60

65

70

75

Denn wisse in Wahrheit,

Hier in der See

Nachgeben, wo du gingest,

Im Herzen hieltest.

Der Not dich entnehmen.« Der Herr, bei den Händen. Wieder fest unter den Füßen,

Sie beide, bis sie

Aus dem Strome stiegen

Der Gebornen bester.

Und die Strömung gestillt:

Die Seesegler,

Trotz des Wassers Wut.

daß des Wassers Strom

deinem Schritt nicht mochte

wenn du Glauben fest

Nun will ich dir helfen,

Ihn nahm der Allmächtige, Da ward ihm die helle Flut und fort gingen

über Bord des Schiffes

und am Steuer niedersaß

Da war die breite Flut

zum Gestade kamen sie,

zusammen ans Land

Da dankten sie dem Waltenden,

9 mit Wort und Tat,

Verherrlichten den Herrn,

Fielen ihm zu Füßen

Weislicher Worte. Er war es selber,

Wahrhaft auf dieser Welt,

Über den Mittelkreis, Das Leben zu fristen, Wider des Wassers Wut.

den hehren,

und sprachen viel

Sie wußten nun, der Sohn des Herrn,

der Gewalt besitze

den Menschen allzumal

wie er auf der Flut getan

9 hehr: sublime