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Kultur

Mittwoch, 31. August 2016 / Nr. 200

Neue Zuger Zeitung

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Der «Wetterblätz» aus Baar für ein Konstanzer Wahrzeichen

BAAR/KONSTANZ Fasnachtsleidenschaft verbindet. Eine enge Freundschaft zwischen einer Konstanzer und einer Baarer Zunft half, ein berühmtes Wahrzeichen der Stadt am Bodensee auf Vordermann zu bringen und zum Denkmal von nationaler Bedeutung zu erheben. Bekrönt wird das Monument bis heute von einer Wetterfahne, deren «geistige Heimat» im Kanton Zug liegt.

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Blätzlebuebe toll. Der Baarer bot seine Hilfe an. Er kreierte für die Konstanzer einen Blätzlebueb für eine Serie von Fasnachtsplaketten mit vier Wertstufen. Deren Verkauf sollte das bescheidene Budget aufstocken. «Unsere Freunde aus Baar waren übrigens die ersten, welche Plaketten kauften», sagt Hug. Auch das Zunftblatt der Konstanzer Fasnächtler, der «Hahnenschrei», trug ein Narrensignet von Geny Hotz. Über- dies entwarf der Baarer ein Spenden- barometer am Schnetztor. Der Verkauf der von Hotz gestalteten Plaketten brachte schliesslich so viel Geld ein, dass das Barometer nicht mehr reichte. «Da setzte Geny der Skala kurzerhand einen Blätzlebueb in den Wolken auf», erinnert sich Heinz Hug amüsiert. Der Gesamtbetrag für die Restaurie- rung des Schnetztores von 1,9 Millionen

Von der Spitze des Schnetztors in Konstanz schaut der Blätzlebueb, den Eugen Hotz entworfen hat, über die Stadt.

Bilder Andreas Faessler

«Ich habe mich mit Geny Hotz immer blind verstanden. In ihm sah ich mein Alter Ego.»

HEINZ HUG, EHEMALIGER ZUNFTMEISTER DER BLÄTZLEBUEBE KONSTANZ

HUG, EHEMALIGER ZUNFTMEISTER DER BLÄTZLEBUEBE KONSTANZ Die Grafik, welche Geny Hotz 1975 für die Schnetztor-

Die Grafik, welche Geny Hotz 1975 für die Schnetztor- Initiative kreiert hat.

PD

Mark kam schneller zusammen, als sich die Konstanzer hätten träumen lassen. «Das haben wir zu einem grossen Teil Genys Entwürfen zu verdanken, welcher das Vorankommen des Projektes genau verfolgt hat. Selbst einflussreiche Leute spendeten grosszügig», sagt Heinz Hug. Nachdem die Lokalredaktion des «Süd- kuriers» einen Artikel mit der Über- schrift «Die Blätzlebuebe liebäugeln mit dem Schnetztor» publiziert hatte, war es die Bürgerschaft, welche an der Ini- tiative der Zunft Gefallen fand. Mit Ausnahme des Konstanzer Oberbürger- meisters Helmle zeigte die Stadtregie- rung anfänglich kein grosses Interesse an dem Projekt. Mit namhaften Spon- soren aus Industrie, Handel und Ge- werbe und vor allem mit der Spendier- freudigkeit der Bürger kam die Sache aber in Schwung. 1978 wurde das Schnetztor zum Denkmal von nationa- ler Bedeutung erhoben und konnte somit auch von Mitteln des Landes Baden-Württemberg profitieren. Dann kam der Tag, als bei Heinz Hug eine Kartonrolle aus Baar eintru-

delte. Der Inhalt: ein Entwurf für eine Wetterfahne auf der Spitze des Schnetz- tores. «Geny wusste nämlich, dass die alte Wetterfahne so gut wie hinüber war», sagt Hug und erzählt, wie er beim Auspacken des Rolleninhaltes so ge- rührt wie entmutigt zugleich war. Einer- seits war da natürlich die Freude über den überaus gelungenen Vorschlag – ein Blätzlebueb mit der obligaten Prit- sche in der Hand –, aber andererseits zweifelte Hug, dass die Stadt die Her- stellung einer neuen Wetterfahne auch noch unterstützen würde. Ein relativ kleines, aber wichtiges Detail am Ent- wurf dürfte schliesslich für den positi- ven Bescheid seitens Behörden ent- scheidend gewesen sein. Hug: «Auf die Spitze der Wetterfahne setzte Geny das Konstanzer Wappen. Dieses überragt den Blätzlebueb, ist also das bekrönen- de Element des Schnetztores.»

1000 Franken aus Baar

Bei einem der Besuche des Kont- rolleurs vom Landesdenkmalamt ent- rollte Heinz Hug den Entwurf der

das prächtige Schnetztor in

Konstanz. Bloss zwei, drei Steinwürfe hinter dem Kreuzlinger Zoll führt der Weg durch den markanten, spätmittel- alterlichen Turm direkt in die maleri- sche Konstanzer Altstadt. Das hervorragend in Stand gehalte- ne Stadttor aus dem 14. Jahrhundert gilt als Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung. Es ist von einst dreissig Wehrtürmen neben zwei anderen das letzte erhaltene Tor der heute fast komplett verschwundenen Konstanzer Wehranlage. Dass es nach all den Jahrhunderten und zeitweiligem Ver- fall heute so frisch und strahlend den Eingang zur Altstadt markiert, ist unter anderem auch einem illustren Baarer zu verdanken, der mit seinem künst- lerischen Können eine neue Marke über den Dächern der Konstanzer Altstadt setzte.

Es begann in Siebnen SZ

Wir reden von niemand Geringerem als Eugen «Geny» Hotz (1917–2000), weitherum bekannter Baarer Ehrenbür- ger, Künstler und Ur-Fasnächtler. Die Geschichte, warum es dazu kam, dass Geny Hotz in der deutschen Bodensee- metropole ein nachhaltiges Zeichen ge- setzt hat, beginnt mit einer zufälligen

HINGESCHAUT

Begegnung: Anno 1965 trafen sich Fas- nächtler aus allen Himmelsrichtungen an einem Narrentreffen in Siebnen SZ. Auch Heinz Hug, nachmaliger Zunft- meister der Konstanzer Blätzlebuebe, war da, sass am Nebentisch des Ehe- paares Hotz und kam schnell mit den beiden ins Gespräch über Gott, die Welt und natürlich die Fasnacht. «Geny hatte eine Zigarette im Mundwinkel stecken und zeichnete irgendwann flugs einen Räbegäuggel auf einen Bierdeckel», er- innert sich der heute 85-jährige Heinz Hug. Zwei Jahre nach dem Treffen trudel- te in Konstanz aus Baar überraschend eine Einladung zu einem Maskentreffen ein. Hug erkannte auf dem Briefbogen sofort den Räbegäuggel vom Bierdeckel und erinnerte sich an die freundliche Begegnung. So fuhren bald zwei Busse, gefüllt mit Blätzlebuebe von Konstanz, in die Zentralschweizer Gemeinde, amüsierten sich prächtig – und kamen wieder. Auch die Baarer gingen nach Konstanz auf Besuch. Es war eine star- ke Freundschaft mit regem Austausch zwischen der Räbe-Zunft und den Blätzlebuebe entstanden. «Eine sehr herzliche Verbindung», beschreibt es Hug. Zu der Zeit fehlte den Blätzlebuebe noch immer ein «Stammsitz», eine Zunftstube. Auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie wurde den Fas- nächtlern nach zwei zunächst vorge- schlagenen Objekten auf Wunsch das Schnetztor aufgeschlossen. «Doch war es damals in einem desolaten Zustand, hatte es doch Jahrzehnte leer gestan- den», erinnert sich Heinz Hug. «Aber ich war sofort Feuer und Flamme für den Turm, auch wenn eine Instand- setzung sehr viel Aufwand bedeutete.» Zur Verfügung standen zu dem Zeit- punkt magere 6000 Mark.

Ein Signet für den «Hahnenschrei»

Der Ehrgeiz war aber gross genug, und auch Geny Hotz fand die Idee der

angedachten neuen Windfahne, der spontan Gefallen fand. Mit dem Segen der vorgesetzten Stelle wurde Heinz Hug beim Baubürgermeister vorstellig, dem der «Wetterblätz» für das Stadttor ebenfalls auf Anhieb gefiel. Man stell- te sogleich das Gesuch für einen ent- sprechenden Kredit mit dem Rat, dass die Wetterfahne mindestens manns- hoch angefertigt werden solle. Aus Baar empfing man in Konstanz dabei eine Spende von 1000 Franken vom Räbevatter für die Herstellung der Schnetztor-Wetterfahne. Die entspre- chende Niederschrift hängt noch heu- te gerahmt in der Zunftstube. Heinz Hug suchte sogleich einen versierten Schlosser in Konstanz, der Geny Hotz’ Entwurf ausführen sollte. Dieser war im Schmiedemeister Wer- ner Sauter dann auch gefunden. Er lieferte eine insgesamt 1,90 Meter hohe Wetterfahne mit einer Stange aus Edelstahl. Die Fasnachtsfigur aus 4 Millimeter dickem Kupferblech mit den neckischen, als Durchbrüche ge- stalteten Blätzle misst knapp 1,50 Meter. «Die Wetterfahne basiert auf einem Rillendrehlager mit Kugel- kranz», beschreibt Hug. «Denn der Schlosser hatte den Auftrag, dass sie sich wartungsfrei drehen soll.» Reparaturen wären auf der Spitze des Turmes schliesslich umständlich und aufwendig. «Die Anfertigung auf diese Art hat sich bestens bewährt», stellt Hug fest. «Und der Schmiede- meister ist noch heute stolz darauf, dass er den Auftrag erhalten hat.»

Landesweit einzigartig

Seit Ostern 1979 schaut von der Spitze des Schnetztores der von Geny Hotz entworfene Blätzlebueb über die Stadt und bis hinüber ins Schweizer- land, wo er ja im Grunde herkommt. «Dass die Figur einer örtlichen Fas- nachtszunft ein Stadttor schmückt, dürfte deutschlandweit einzigartig sein», fügt Heinz Hug an. Von Beruf war der 85-jährige Kon- stanzer Eisenbahner. Von 1973 bis 1990 war er der Zunftmeister der Blätzlebuebe. Dem ehemals leiden- schaftlichen Fasnächtler und seinem tatkräftigen Engagement hat es die Zunft folglich zu verdanken, dass sie eines der denkbar schönsten Zunft- lokale besitzt. Heute überlässt Heinz Hug das bunte Fasnachtstreiben in Konstanz lieber dem Nachwuchs. Die freundschaftlichen Verbindun- gen zu der Gemeinde im Kanton Zug sind durch den Generationenwandel und insbesondere seit dem Ableben von Geny Hotz und seiner Frau Anne- marie eingeschlummert. Seinen Baa- rer Passionsgenossen hat der Kons- tanzer aber noch in allerbester Erin- nerung und gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er von ihm erzählt. «Geny war ein wunderbarer Mensch. Stets gab er sich bescheiden, und er mochte nie im Vordergrund stehen. Wir haben uns immer blind verstan- den, uns sprichwörtlich ergänzt. In ihm sah ich mein Alter Ego.» Auch für seine Kunst war dem Baa- rer Heinz Hugs Bewunderung sicher. «Was er schuf, war und ist wunder- voll», schliesst Hug seine Erinnerun- gen. Damit lenkt er – ohne es konkret zu erwähnen – wieder auf den stolzen Blätzlebueb auf dem Schnetztor, wel- cher für die Zigtausenden Besucher der Bodenseestadt sichtbar stilles Zeugnis ablegt von dieser einstmali- gen, engen Freundschaft zwischen der Stadt am Bodensee und der Räben- metropole im Zugerland.

ANDREAS FAESSLER andreas.faessler@zugerzeitung.ch

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