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Pathologie des Antriebs und der Motorik

4.1 Störungen von Antrieb und Volition

4.2 Steuerungsanomalien

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4.3 Impulskontrollstörungen

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4.4 Hypo- und Hyperkinesen

– 189

4.5 Automatismen und Stereotypien

–194

176 Kapitel 4 · Pathologie des Antriebs und der Motorik

4.1 Störungen von Antrieb und Volition

Als Antrieb (althochdeutsch: triban = treiben) wird das Konstrukt eines biopsychischen Potentials aufgefasst, das allen Initiativen und Aktivitä- ten zugrunde liegt und als dynamische Antwort auf innere und äußere Reize alle psychischen und motorischen Leistungen in Gang setzt, ohne jedoch selbst steuernd zu wirken. Es bestehen enge Verbindungen zu

4 Wachheit, Aufmerksamkeit, Reaktionsbereitschaft, Affekt, Emotionalität und Temperament. Antrieb und Reiz mit Aufforderungscharakter sind miteinander verschränkt; zum Vollzug einer Handlung ist bei schwa- chem Antrieb ein starker Reiz erforderlich und umgekehrt.

In der Philosophie des Aristoteles (384–322 v. Chr.) sind als handlungserzeugend vier Ursachen beschrieben, von denen die Wirkursache (causa efficiens) und die Formursache (causa formalis) dem psychologischen Antriebskonzept am näch- sten kommen, während die Stoffursache (causa materialis) am ehesten den An- reiz kennzeichnet, die Zweckursache (causa finalis) den Nutzen der Handlung. Mit den Stoikern wurde dieses Antriebskonzept weiter ausdifferenziert, d. h. Im- pulse, Begierden, Triebe, Affekte und Vorstellungen als Beweggründe mensch- lichen Handelns begriffen. Der römische Arzt und Philosoph H. Cardano (1501–1576) unterschied den Trieb (appetitus communis) vom freien Willen (ap- petitus intellectus). Die Forschungen der Willenspsychologie im 19. Jahrhundert richteten sich teils auf die Verknüpfungen von Antrieb und Willen mit den Affekten, so z. B. bei W. Wundt (1832–1920), dem französischen Psychologen Th. Ribot (1839–1916), dem amerikanischen Philosophen W. James (1842–1910) und dem Psychiater Th. Ziehen (1862–1950). Auf der anderen Seite setzen Philosophen wie W. Spinoza (1632–1677) den Willen mit dem Verstand gleich. Aus der Würzburger Schule der Denk- und Willenspsychologie arbeiteten in den 1920er Jahren vor allem N. Ach (1871–1946) und J. Lindworsky (1875–1939) die Eigen- ständigkeit von Antrieb und Willensakt heraus ( auch Abschn. 7.1). In der dyna- mischen Psychologie des schottischen Psychologen W. McDougall (1871–1938) stand die Auffassung im Mittelpunkt, dass der Antrieb die Wurzel jeder tieri- schen oder menschlichen Existenz sei. McDougall entwarf eine überaus differen- zierte Antriebs- und Instinkthierarchie; er betrachtete Verhalten als das Streben, Ziele zu erreichen. Zum Kern der psychoanalytischen Lehre gehört die krank machende Wir- kung von ins Unbewusste abgedrängten Antrieben. Die spätere Trieblehre S. Freuds (1856–1939), orientiert am Konzept des Instinktes (lateinisch: in-

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stinctus= »Anreizung«), berücksichtigt lediglich als Grundtriebe Sexualität (Libi- do) und Todestrieb ( auch Abschn. 3.1). In ähnlicher Form wurde der Trieb als biologische Energie für zielgerichtetes Verhalten von den amerikanischen Psy- chologen R. S. Woodworth (1869–1942) und C. L. Hull (1884–1952) definiert. Die biologische Verankerung von Trieben und Instinkten wurde durch die Verhaltensforschung empirisch belegt. Aus der Ethologie stammt das Modell ei- nes Auslösers, der als Schlüsselreiz dient, um innerlich aufgestaute Antriebsener- gie zu entladen (»psycho-hydraulisches Modell«) – erstmals 1936 vom Verhal- tensforscher K. Lorenz (1903–1989) formuliert. Aktuelle neurobiologische For- schungen ließen Zusammenhänge zwischen Antriebsveränderungen und Störungen in der präfrontalen Hirnrinde einerseits sowie den Basalganglien an- dererseits erkennen. Im neuronalen Brain-Reward-Netzwerk zur Erlangung von Wohlbefinden kommt offenbar dem N. accumbens (im limbischen System des Vorderhirns) und dem Tegmentum (im Mittelhirn) als zentrale Schaltstellen des dopaminergen »Belohnungssystems« für die Steuerung von Motivation und Antrieb besondere Bedeutung zu.

Auf psychologisch-psychodynamischer Seite ist das Analogon zum An- trieb die Motivation (lateinisch: movere= bewegen) als aktivierendes Moment zur Erreichung eines bestimmten Ziels, resultierend aus Be- weggründen, die eine Entscheidung oder Handlung intendieren. Sie stellt eine Handlungsbereitschaft (Trieb) her, die durch den Antrieb zur Handlung umgesetzt wird. Motivationsbildend ist eine vorlaufende Appetenz (lateinisch: appentia= Begehren) als Folge von Bedürfnissen. Diese scheinen auf einer abgestuften Skala von primären biologischen Triebkräften bis hin zu spirituellen Wünschen die menschlichen Motive zu beherrschen [Bedürfnishierarchie nach dem humanistischen Psycho- logen A. Maslow (1908–1970)].

Beweggründe (Motive), die den Sinn der Handlung erschließen und verständlich machen, sind zahllos; sie entspringen in erster Linie physiologischen, sodann psychologischen Bedürfnissen in allen möglichen Dimensionen. Der Drang nach Befriedigung vitaler Bedürfnisse (z. B. in Form von Hunger, Durst, Ruhe, Sexua- lität) dient der Erhaltung des Individuums oder der Art. Psychische Bedürfnisse sind z. B. Neugier, Geselligkeit, Betätigung und Anerkennung wie auch andere soziale Wünsche und Erwartungen. Ausschließlich eigenen Impulsen entstammt die intrinsische Motivation, z. B. der Selbstwirksamkeit, äußeren Anregungen die extrinsische. Die Motivationsforschung entwickelte sich in der zeitgenös- sischen Psychologie aus der Persönlichkeitsforschung zu einem eigenständigen Bereich.

178 Kapitel 4 · Pathologie des Antriebs und der Motorik

Intention (lateinisch: intentus = gespannt) bedeutet demgegenüber die Absicht, das Handeln emotional und kognitiv auf ein Ziel auszurichten. Der Wille (althochdeutsch: wellen =wollen) äußert sich – unter Abwägen von Alternativen – in dem bewussten Entschluss (und der Fähigkeit), ei- ne Handlung durchzuführen. Der vom Gestaltpsychologen K. Lewin (1890–1947) im Jahr 1926 vorgeschlagene Terminus Volition (lateinisch:

velle =Wollen) kennzeichnet als Prozess der Willensbildung vielleicht treffender die Dynamik des zielgerichteten Strebens, das auf die Ver-

4 wirklichung eines Vorsatzes bzw. Handlungsentwurfes gerichtet ist. An- trieb, Motivation, Instinkt, Bedürfnis, Intention und Volition werden unter der Sammelbezeichnung »konative Funktionen« (lateinisch: cona- tus = Trieb) zusammengefasst (Einzelheiten s. Lehrbücher der allgemei- nen Psychologie).

Ob es einen freien Willen im Sinne einer echten Wahlmöglichkeit zwischen ver- schiedenen Zielen gibt, ist umstritten. Sicherlich ist davon auszugehen, dass die als bewusst und unbeeinflusst erlebten eigenen Entscheidungen letztlich einer Bedürfnisregulierung im Sinne der Aufrechterhaltung einer vitalen Homöostase dienen. Der amerikanische Physiologe B. Libet konnte in den 1980er Jahren nachweisen, dass bereits in etwa 0,2–1 (!) s vor einer bewussten Entscheidung zu einer Handlung im Gehirn das entsprechende Bereitschaftspotential aktiviert worden war. Das Konstrukt der Willensfreiheit muss mithin zu Gunsten der An- nahme aufgegeben werden, dass die Steuerung der Willkürmotorik subkortika- len Bereichen (limbisches System, Basalganglien, Kleinhirn) entspringt und dem Bewusstsein erst mit Verzögerung zugänglich wird. Sich daran anknüpfende Dis- kussionen beinhalten u. a. auch das Problem strafrechtlicher Verantwortlichkeit bei Delinquenz, umso mehr, als zusätzlich bei Personen mit dissozialem bzw. kri- minellem Verhalten Anomalien der Hirnfunktionen beobachtet wurden. Auf der anderen Seite belegt die ubiquitär zu beobachtende Entstehung von Konflikten zumindest die Tatsache, dass widerstrebende Gerichtetheiten bzw. Impulse kollidieren können und gegeneinander abgewogen werden müssen. Zu- mindest bedingen soziales Lernen, kulturelle Gepflogenheiten und Werten- ormen, dass Primärbedürfnisse aufgrund sittlicher Entscheidungen aufgescho- ben oder zurückgedrängt werden können. Das subjektive Gefühl eines Freiheits- bewusstseins allein dürfte allerdings nicht beweisend für indeterministische Grundannahmen sein.

Antriebsstörungen (Anhormien oder Hyperhormien) äußern sich in krankhaften Defiziten oder gesteigertem Antriebsverhalten. Erstere

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können von der leichten Hemmung bis zur völligen Reglosigkeit rei- chen, Letztere von einer Umtriebigkeit bis zum Erregungszustand.

Untersuchungen ||| Verhaltensbeobachtung, diagnostisches Gespräch, Psychostatus, Fremd- anamnese ( Kap. 2),

Untersuchungen |||

Verhaltensbeobachtung, diagnostisches Gespräch, Psychostatus, Fremd- anamnese ( Kap. 2), Somatostatus.

Verhaltensbeobachtung, diagnostisches Gespräch, Psychostatus, Fremd- anamnese ( Kap. 2), Somatostatus.

Folgende Antriebsstörungen lassen sich unterscheiden:

Antriebsarmut und Antriebshemmung

Symptome der Antriebsverarmung sind eine Minderung an Anregbar- keit und Initiative, außerdem Gleichgültigkeit, Reaktionsverzögerung und Passivität bis zum Erlahmen der voluntativen Impulse (Volitions- schwäche). Die Betreffenden zeigen kraftlose oder träge Bewegungen und überhaupt eine allgemeine motorische Verlangsamung mit Aspon- tanität bis zum Stupor (lateinisch: stupor= Betroffenheit). Sie sind meist einsilbig oder gar mutistisch. Weitere Anzeichen sind Interesselosigkeit, emotionale Indifferenz und Stumpfheit. Bei der Antriebshemmung steht eher das Erleben von Gebremstwer- den und Widerstand im Vordergrund.

Das Oblomov-Syndrom als Zustand völliger Trägheit und Lethargie wurde be- nannt nach Ilja Oblomov, einer Romanfigur des Petersburger Schriftstellers I.V. Goncarov (1812–1891) von 1859.

Entscheidungs- und Willensarmut

Die mit einem Antriebsmangel einhergehende Entscheidungs- und Wil- lensarmut (Hypobulie) bis zur Willenlosigkeit (Abulie) gehört zum Bild der mangelnden Entschlussbereitschaft und Entscheidungsschwäche. Sie äußert sich in Teilnahmslosigkeit, sozialem Rückzug, Apathie und Indolenz, bisweilen mit dissozialen Konsequenzen aufgrund von Nach- giebigkeit, Haltarmut und erhöhter Suggestibilität. Psychopathologisch von zusätzlicher Bedeutung ist, dass es bei suchtkranken, depressiven und dementen Personen zu einer herab- gesetzten oder aufgehobenen Wahrnehmung (und Artikulierung) selbst vitaler Bedürfnisse (wie z. B. nach Flüssigkeit, Nahrung oder Wärme) bis hin zur Verwahrlosung mit Selbstgefährdung kommen kann ( Abb. 4.1).

180 Kapitel 4 · Pathologie des Antriebs und der Motorik

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180 Kapitel 4 · Pathologie des Antriebs und der Motorik 4 Abb. 4.1. Antriebshemmung bei Depression.

Abb. 4.1. Antriebshemmung bei Depression. (Aus Pfau 1998)

Vorkommen ||| als »Totstellreflex« unter akuter Belastung (z. B. Panik) bei Blockierung durch Willensschwäche oder

Vorkommen |||

als »Totstellreflex« unter akuter Belastung (z. B. Panik) bei Blockierung durch Willensschwäche oder

als »Totstellreflex« unter akuter Belastung (z. B. Panik) bei Blockierung durch Willensschwäche oder Entschlusslosigkeit im Zustand ekstatischer oder meditativer Versenkung unter dämpfenden Medikamenten bei chronischem Alkoholismus und Drogensucht als Begleitsymptomatik von Körperkrankheiten (z. B. bei Unterfunk- tion der Schilddrüse, Hypophyse oder Nebennierenrinde) als Ausdruck eines organischen Psychosyndroms infolge Hirner- krankung bei Depression (extrem als depressiver Stupor) bei Schizophrenie (extrem als katatoner Stupor) nach psychotischen Schüben (als postremissives Erschöpfungssyn- drom)

4.1 · Störungen von Antrieb und Volition

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Übersteigertes Wollen

Übersteigertes Wollen (Hyperbulie) kann sich in missionarischem Eifer oder querulierender Verbissenheit äußern, vor allem, wenn überwertige, fixe Ideen beherrschend werden. Vorab zeigen sich meist Intoleranz, Starrsinn, Dominanzstreben und Rücksichtslosigkeit (»mit dem Kopf durch die Wand«; auch Abschn. 8.17).

Vorkommen ||| bei Persönlichkeitsstörung unter dem Einfluss überwertiger Ideen bei hirnorganischem Abbau mit

Vorkommen |||

bei Persönlichkeitsstörung unter dem Einfluss überwertiger Ideen bei hirnorganischem Abbau mit Demenz

bei Persönlichkeitsstörung unter dem Einfluss überwertiger Ideen bei hirnorganischem Abbau mit Demenz

Bei Vorliegen einer Antriebsdissoziation sind Eigen- und Fremdan- triebsverhalten diskordant. Einschränkungen des Fremdantriebs kön- nen sich in mangelnder Reagibilität und Anregbarkeit zeigen; umge- kehrt kann eine normale Fremdanregbarkeit bei fehlender Eigenaktivi- tät bestehen.

Antriebssteigerung

Antriebssteigerung geht einher mit Angespanntheit, Dranghaftigkeit, Sprunghaftigkeit, Ideenflüchtigkeit und Logorrhoe; Überaktivität und Unruhe können sich bis zum Erregungszustand aufschaukeln ( auch

Abschn. 5.8).

Vorkommen ||| als Begleiterscheinung akuter Belastungsstörung (»Bewegungs- sturm«, kopfloses Weglaufen) nach Konsum

Vorkommen |||

als Begleiterscheinung akuter Belastungsstörung (»Bewegungs- sturm«, kopfloses Weglaufen) nach Konsum von

als Begleiterscheinung akuter Belastungsstörung (»Bewegungs- sturm«, kopfloses Weglaufen) nach Konsum von Stimulanzien (z. B. Amphetamine) oder Alkohol bei agitierter Depression (ängstliche Getriebenheit) beim maniformen Syndrom mit Umtriebigkeit und Logorrhoe, bis- weilen auch mit Gereiztheit und Aggressivität einhergehend

182 Kapitel 4 · Pathologie des Antriebs und der Motorik

Enthemmung

Enthemmung zeigt sich als distanzloses, unbeherrschtes oder unerwar- tet exaltiertes Verhalten aufgrund einer unkontrollierten Freisetzung von Affekten und Impulsen. Die Betreffenden scheinen unfähig, Reak- tionen auf an sich weniger relevante Anregungen und Reize zu unter- drücken. Unter Verlust der Selbstdisziplin können anstößige oder sogar aggressive Handlungen vorkommen; bei strafwürdigem Verhalten stellt sich im Einzelfall die Frage nach der verminderten oder aufgehobenen

4 Steuerungsfähigkeit ( weiter unten). Zu den neurologischen Enthemmungsphänomenen gehören auch bestimmte, impulshaft-automatisiert ablaufende Handlungen ( auch

Abschn. 4.5).

Vorkommen ||| bei impulskontrollgestörten, emotional instabilen Personen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss bei

Vorkommen |||

bei impulskontrollgestörten, emotional instabilen Personen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss bei hirnorganischer

bei impulskontrollgestörten, emotional instabilen Personen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss bei hirnorganischer Erkrankung, bei Oligophrenie und Demenz als Begleitsymptomatik des maniformen Syndroms ( Abschn. 5.8)

Ambivalenz

Ambivalenz (lateinisch: ambo= beide (zusammen), valere = stark sein) bedeutet das Auftreten gleichzeitig nebeneinander bestehender, oft gegenläufiger Vorstellungen und/oder Wünsche wie z. B. gleichzeitige Zu- und Abneigung (Parabulie). Hieraus resultieren Zwiespältigkeit, Ratlosigkeit und innere Zerris- senheit, nach außen hin als Unentschlossenheit, Entscheidungs- und Willensschwäche in Erscheinung tretend. Im antipsychiatrischen Kon- zept der »Beziehungsfalle« (»double bind«) wurde ambivalentes Verhal- ten in der Familie fälschlicherweise als Ursache für Schizophrenie ange- sehen.

Ambitendenz

Ambitendenz (lateinisch: tendere= spannen) wird das Vorliegen gleich- zeitig einwirkender, gegenläufiger Volitionen und Antriebsimpulse mit dem Ergebnis einer Antriebsblockade genannt, nach außen erkennbar an Reglosigkeit oder wechselnden Zuständen von Unruhe und Erstar-

4.1 · Störungen von Antrieb und Volition

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rung. Anlaufende Bewegungs- oder Handlungsabläufe werden immer wieder unterbrochen bis zur motorischen Blockade (Katalepsie).

Vorkommen ||| bei Schizophrenie bei emotionaler Instabilität mit Neigung zu rasch wechselnden Ideen und Impulsen

Vorkommen |||

bei Schizophrenie bei emotionaler Instabilität mit Neigung zu rasch wechselnden Ideen und Impulsen bei

bei Schizophrenie bei emotionaler Instabilität mit Neigung zu rasch wechselnden Ideen und Impulsen bei Zwangsstörung ( Abschn. 7.4)

Mutismus

Mutismus ist das krankhafte Schweigen bis zur völligen Stummheit (la- teinisch: mutus = stumm). Es zeigt sich in Form einer schweren Sprech- hemmung bei intaktem Sprechvermögen. Zugrunde liegt ein Verlust des Sprechantriebs als Ausdruck einer Antriebshemmung infolge Rat- und Hilflosigkeit, angst- oder konflikthafter Ambivalenz. Das (willentliche) Nichtsprechen ist hingegen meist Ausdruck von Gekränktheit oder ge- hemmter Aggressivität ( auch Abschn. 5.4).

Untersuchungen ||| Verhaltensbeobachtung, Psychostatus, Fremdanamnese ( Kap. 2), Somatostatus.

Untersuchungen |||

Verhaltensbeobachtung, Psychostatus, Fremdanamnese ( Kap. 2), Somatostatus.

Verhaltensbeobachtung, Psychostatus, Fremdanamnese ( Kap. 2), Somatostatus.

Vorkommen ||| als Schreckerlebnis, im Schock oder bei Panik im Dämmerzustand bei schwerer Depression (mit

Vorkommen |||

als Schreckerlebnis, im Schock oder bei Panik im Dämmerzustand bei schwerer Depression (mit Stupor einhergehend)

als Schreckerlebnis, im Schock oder bei Panik im Dämmerzustand bei schwerer Depression (mit Stupor einhergehend) im Zustand psychotischer Katatonie bei Hirntumor oder Hirnentzündung (meist mit Stupor)

184 Kapitel 4 · Pathologie des Antriebs und der Motorik

Zusammenfassung Veränderungen von Antrieb und Volition können sich als Aktivitäts- defizite bis zum Stupor oder

Zusammenfassung

Zusammenfassung Veränderungen von Antrieb und Volition können sich als Aktivitäts- defizite bis zum Stupor oder
Veränderungen von Antrieb und Volition können sich als Aktivitäts- defizite bis zum Stupor oder Mutismus

Veränderungen von Antrieb und Volition können sich als Aktivitäts- defizite bis zum Stupor oder Mutismus oder als Steigerung bis zur Enthemmung zeigen. Einander entgegengesetzt gerichtete Impulse treten als Ambivalenz oder Ambitendenz in Erscheinung.

4 4.2

Steuerungsanomalien

Selbstkontrolle (französisch: contreóle=Gegenliste) und Steuerungs- vermögen (althochdeutsch: stiuren= das Steuer bedienen) bezeichnen die Fähigkeit, das eigene Verhalten den gesellschaftlichen Normen und kulturellen Gepflogenheiten anzupassen. Dies bedeutet die Fähig- keit, sozial unerwünschte Impulse und überschießende Aktivitäten regulieren oder notfalls abblocken zu können ( auch Abschn. 4.1).

Selbstbeherrschung und Mäßigkeit als Kraft, den Trieben und Instinkten zu wi- derstehen, gehören der platonischen Philosophie zufolge – neben Weisheit, Tap- ferkeit und Gerechtigkeit – zu den vier Kardinaltugenden.

Beeinträchtigungen dieser Kontrollfunktionen, die enge Beziehungen zu Antrieb, Motivation und Volition ( auch Abschn. 4.1) haben, äußern sich in unbesonnenem, sprunghaftem, häufig auch dissozialem oder umgekehrt ängstlich-angespanntem Verhalten ( auch Abschn. 4.3). Die Beurteilung des Steuerungsvermögens und der Fähigkeit zur Selbstkontrolle spielt im Bereich der forensischen Psychologie und Psy- chiatrie eine bedeutsame Rolle in Bezug auf die Einschätzung der Schuldfähigkeit bei Delikten (strafrechtliche Verantwortlichkeit). In diesen Fällen ist zu beurteilen, ob der Betreffende in der Lage ist (oder war), gemäß den gesetzlichen Normen Herr seines Handelns zu sein (§§ 20 bzw. 21 StGB).

4.2 · Steuerungsanomalien

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Untersuchungen ||| Diagnostisches Gespräch, Selbstschilderung, Verhaltensbeobachtung, Psychostatus, Fremdanamnese (

Untersuchungen |||

Diagnostisches Gespräch, Selbstschilderung, Verhaltensbeobachtung, Psychostatus, Fremdanamnese ( Kap. 2).

Diagnostisches Gespräch, Selbstschilderung, Verhaltensbeobachtung, Psychostatus, Fremdanamnese ( Kap. 2).

Das Steuerungsvermögen kann schwach entwickelt, herabgesetzt, gelo- ckert oder anderweitig verändert sein. Die Betreffenden erscheinen in diesen Fällen impulsiv, salopp, distanzlos oder unbeherrscht. Im sozia- len Bereich zeigen sich Tendenzen zur Unachtsamkeit, Labilität, Sprung- haftigkeit und Haltarmut.

Vorkommen ||| bei emotional instabilen, suggestiblen Personen bei Borderline-Persönlichkeitsstörung ( auch Kap.

Vorkommen |||

bei emotional instabilen, suggestiblen Personen bei Borderline-Persönlichkeitsstörung ( auch Kap. 8) unter

bei emotional instabilen, suggestiblen Personen bei Borderline-Persönlichkeitsstörung ( auch Kap. 8) unter Drogen, Alkohol und anxiolytischen Medikamenten bei Minderbegabung und hirnorganischer Störung bei Demenz beim maniformen Syndrom

Gegenteilig zeigt sich eine straffe, strenge Selbstkontrolle in Verlegen- heit, Gehemmtheit und einem überkontrolliert-verspannten Verhalten bis hin zu einer allgemeinen Verkrampftheit.

Vorkommen ||| bei Ängstlichkeit und Selbstunsicherheit bei erhöhter Aufmerksamkeit bzw. unter Stress (z. B. in

Vorkommen |||

bei Ängstlichkeit und Selbstunsicherheit bei erhöhter Aufmerksamkeit bzw. unter Stress (z. B. in uner- wünschter

bei Ängstlichkeit und Selbstunsicherheit bei erhöhter Aufmerksamkeit bzw. unter Stress (z. B. in uner- wünschter Gesellschaft, in Konfliktsituationen, bei Schmerz) bei Zwangsstörung beim depressiven Syndrom

186 Kapitel 4 · Pathologie des Antriebs und der Motorik

Zusammenfassung Veränderungen des Vermögens zur Steuerung und Selbstkontrolle zeigen sich entweder in Unbeherrschtheit

Zusammenfassung

Zusammenfassung Veränderungen des Vermögens zur Steuerung und Selbstkontrolle zeigen sich entweder in Unbeherrschtheit
Veränderungen des Vermögens zur Steuerung und Selbstkontrolle zeigen sich entweder in Unbeherrschtheit und Haltarmut

Veränderungen des Vermögens zur Steuerung und Selbstkontrolle zeigen sich entweder in Unbeherrschtheit und Haltarmut oder in Zwanghaftigkeit, Gehemmtheit und Verkrampftheit.

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4.3

Impulskontrollstörungen

Impulse (lateinisch: impulsus =Anstoß) werden mehr oder weniger ab- rupte und spontane, unkontrollierte Antriebe und Handlungsanläufe bezeichnet, denen meist keine bewussten Entschlüsse oder gar feste Ab- sichten vorausgehen. Eine Minderung des Impulskontrollvermögens zeigt sich in einer herabgesetzten Fähigkeit, solchen sprunghaften Anstößen Widerstand entgegenzusetzen und sie unter Kontrolle zu halten ( auch Abschn. 4.2). Charakteristisch dafür sind wiederholte unbesonnene Aktivitäten ohne vernünftige und nachvollziehbare Motivation, die sich oft sozial be- denklich oder schädigend auswirken. Die Betroffenen neigen aufgrund verminderter Frustrationstoleranz und Kontrollschwäche zu Affektaus- brüchen, Jähzorn oder anderen unberechenbaren Reaktionen ( auch Abschn. 5.4). Nach außen entsteht dadurch das Bild von Launenhaftig- keit, Unstetigkeit und Bedenkenlosigkeit. Aus den Defiziten an Selbstreflexion und willentlicher Kontrolle des Verhaltens resultieren gelegentlich dissoziale bzw. strafbare Handlungen in Form von Gewalttätigkeiten, die zur Überprüfung der Schuldfähigkeit führen, insbesondere dann, wenn eine Erinnerungslosigkeit (psycho- gene Amnesie) behauptet wird ( Kap. 6). Eine Ausweitung von Impuls- kontrollschwäche kann zu dranghaften Handlungen führen mit den Merkmalen eines süchtigen Verhaltens ( Abschn. 8.14). Dieses äußert sich in einem zwanghaften Drang zu Aktivitäten, die bisweilen planlos und unmotiviert wirken, häufig auch soziale Konflikte mit sich bringen; sie dienen allerdings der (kurzzeitigen) Reduzierung emotionaler Ange- spanntheit ( auch Abschn. 7.4). Hierzu gehören:

4.3 · Impulskontrollstörungen

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Pathologisches Spielen

Zwanghaftes Glücksspiel (z. B. Münzautomaten, Roulette, Wetten, Würfeln, Kartenspiel, Lotto u.Ä.), das die Vorstellungswelt zunehmend beherrscht und eine allmähliche soziale Desintegration mit Zerfall persönlicher Bindungen und Beziehungen sowie schließlich Verwahr- losung zur Folge hat. Die »Spielerkarriere« beginnt mit der Phase eines als positiv erlebten Anfangsstadiums, eingeleitet und stimuliert durch Gewinne, gefolgt von einer Gewöhnungsphase, einer Verlustphase mit wachsenden finanziellen Problemen infolge Schulden und schließlich ei- ner Verzweiflungsphase mit Selbstvorwürfen und Depressivität. Ab- stinenz führt zur Unruhe und Reizbarkeit. Spieler an Glücksspiel- automaten und Wetter sind eher jüngere Personen aus unteren Schich- ten, Spielbankbesucher eher Personen mit höherer Schulbildung und gutem Einkommen.

Pathologische Brandstiftung (Pyromanie)

Triebhaft-zwanghaftes Feuerlegen ohne erkennbares Motiv (griechisch:

py´r = Feuer). Vorlaufend verspüren die Betreffenden meist Unruhe und Angespanntheit. Brandstifter – oft sozial isolierte Menschen mit Min- derwertigkeitsgefühl – haben ein auffallendes Interesse an Feuer und Brandbekämpfung; die Brandlegung selbst ist mit Faszination, Lust- gefühl und vorübergehender Spannungsabfuhr verbunden.

Pathologisches Stehlen

Zwanghaftes Stehlen ohne vernünftigen Grund bzw. ohne Bereiche- rungstendenz (früher: Kleptomanie). Wie bei der Pyromanie gehen der Diebstahlhandlung anwachsende Spannungsgefühle und Erregtheit voraus (»Jagdfieber«), gefolgt von einem Gefühl der Erleichterung und Selbstbestätigung während der Tat. Häufig schließen sich jedoch Nie- dergeschlagenheit und Schuldgefühl an.

Dipsomanie

Periodisch auftretendes Alkoholtrinken (griechisch: dìpsa= Durst) mit meist tagelangen Trinkexzessen (»Quartalssäufer«). Zwischenzeitlich gibt es wochenlange Abstinenzphasen, jedoch mit allmählich ansteigen- der innerer Unruhe und zunehmendem Drang nach Alkohol.

188 Kapitel 4 · Pathologie des Antriebs und der Motorik

Zwanghaftes Sammeln

Obsessives Zusammensuchen aller möglichen, angeblich irgendwie nützlichen Gegenstände (»Sammeltrieb«) bis hin zur völligen Vermül- lung der Wohnung (»Vermüllungssyndrom«). Die Betreffenden (»Mes- sies« – englisch: mess =Unordnung) – meist depressive, psychotische oder ADHS-Personen – verlieren schließlich jegliche Übersicht über die gehorteten Sachen und werden dadurch in ihrer eigenen Lebenswelt drastisch eingeschränkt. Grenzwertig ist das zwanghafte Kaufen (»Kauf-

4 rausch«).

Poriomanie

Plötzliches, unmotiviertes Weglaufen oder Wegfahren (griechisch: po- reìa=Wanderung) vom Wohnort oder Arbeitsplatz ohne erkennbare Vorbereitung, meist ohne bestimmtes Ziel (»dissoziative Fugue«).

In den aktuellen Diagnoseschemata von ICD-10 und DSM-IV wird die Poriomanie unter der Bezeichnung »dissoziative Fugue« der Gruppe der »dissoziativen Störun- gen« (Konversionsstörung) zugerechnet. Pathologisches Spielen, pathologische Brandstiftung und pathologisches Stehlen und andere unreflektierte Impulshand- lungen hingegen gehören zu den »abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle«, zu denen auch wiederholt auftretende, impulshafte Verhaltens- störungen mit Reizbarkeit und Aggressivität gezählt werden.

Untersuchungen ||| Fremdanamnese, Verhaltensbeobachtung, Psychostatus, Psychometrie ( Kap. 2).

Untersuchungen |||

Fremdanamnese, Verhaltensbeobachtung, Psychostatus, Psychometrie ( Kap. 2).

Fremdanamnese, Verhaltensbeobachtung, Psychostatus, Psychometrie ( Kap. 2).

Vorkommen ||| bei gestörter Persönlichkeit mit Neigung zu emotionaler Labilität, Sensitivität, verminderter

Vorkommen |||

bei gestörter Persönlichkeit mit Neigung zu emotionaler Labilität, Sensitivität, verminderter Belastbarkeit und

bei gestörter Persönlichkeit mit Neigung zu emotionaler Labilität, Sensitivität, verminderter Belastbarkeit und Frustrationstoleranz sowie Dissozialität unter Drogen- oder Alkoholeinfluss beim maniformen Syndrom bei Demenz oder anderen Formen der Hirnleistungsschwäche (z. B. Oligophrenie) seltener bei psychotischer Störung

4.4 · Hypo- und Hyperkinesen

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Zusammenfassung Minderung oder Verlust von Steuerungsvermögen und Selbstkontrolle äußern sich in spontanen,

Zusammenfassung

Zusammenfassung Minderung oder Verlust von Steuerungsvermögen und Selbstkontrolle äußern sich in spontanen,
Minderung oder Verlust von Steuerungsvermögen und Selbstkontrolle äußern sich in spontanen, unmotivierten Handlungen

Minderung oder Verlust von Steuerungsvermögen und Selbstkontrolle äußern sich in spontanen, unmotivierten Handlungen oder drang- haft-impulsiven Verhaltensweisen. Damit zusammenhängende Straf- taten führen in der Regel zu einer Überprüfung der Steuerungsfähig- keit bzw. Schuldfähigkeit des Betroffenen.

4.4 Hypo- und Hyperkinesen

Während Motorik (lateinisch: movere= bewegen) der beobachtbaren oder anderweitig registrierbaren Bewegungsabläufe umfasst, beinhaltet der enger gefasste Begriff Psychomotorik eher die Gesamtheit der Bewe- gungsabläufe, an denen psychische Funktionen steuernd oder zumin- dest kontrollierend (bewusst oder unbewusst) beteiligt sind, d. h. sämt- liche Ausdrucks- und Leistungsbewegungen. Die Psychomotorik ent- wickelt sich – als Resultat der Hirnreifung und Sozialisation – von ein- fachen Greif- und Zeigebewegungen bis hin zum Vollbild des motori- schen Verhaltensrepertoires einschließlich der Sprache. Die unwillkürli- chen, vegetativ gesteuerten Reaktionen (beispielsweise bei Angst- und Schreckverhalten) können hiervon als Psychomotilität abgegrenzt wer- den.

Sensomotorik (Sensumotorik) heißt die Komplexität der Reizaufnahme und -antwort, gebunden an das sensomotorische Nervensystem (Afferenz und Effe- renz). Hier besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Verhalten (visumotorische Koordination).

Einfluss auf Art und Intensität der Psychomotorik haben – abgesehen von dem zur Verfügung stehenden Bewegungsapparat, der Muskeltonus, Kraft und Gelenkigkeit vermittelt – biologische und psychische konsti- tutionelle Grundeigenschaften wie Temperament (»persönliches Tem- po«), Aufmerksamkeit, Koordinationsvermögen, Reaktionsgeschwin- digkeit, Volition und Antrieb. Zusätzlich steuernd wirken Einstellung, Bedürfnis und Motivation. Im zentralen Nervensystem wird die Willkür-

190 Kapitel 4 · Pathologie des Antriebs und der Motorik

motorik über die motorischen Rindenfelder und die Pyramidenbahn, die unwillkürliche Motorik über das subkortikale extrapyramidale Sys- tem vermittelt. Die meisten motorischen Fähigkeiten für den Alltag wer- den durch Lernen automatisiert und im prozeduralen Gedächtnis ge- speichert (wie z. B. Gehen, Radfahren, Schwimmen und andere rhythmi- sierte und repetitive Bewegungsabläufe). Dem aktuellen Ich-Bewusst- sein entzogen, schaffen sie dadurch Freiraum für neue Lernerfahrungen. Im Ausdrucksverhalten erhält die Erfassung und Interpretation mo-

4 torischer Störungen für die Psychopathologie eine besondere Bedeutung

( auch Abschn. 2.4).

Motorische Störungen äußern sich im klinisch-psychopathologi- schen Bereich als Beeinträchtigungen der körperlichen Bewegungen und Beweglichkeit, sofern sensorische oder andere psychologische Ein- flüsse eine Rolle spielen. Im Übrigen fällt deren Beschreibung in das Ge- biet der Neurophysiologie und klinischen Neurologie. Beeinträchtigungen der Psychomotorik beruhen zwar häufig, aber nicht immer auf Antriebsstörungen. Am Beispiel des katatonen Stupors zeigt sich, dass es – trotz starker innerer Angespanntheit – über eine Antriebsblockade zur Bewegungsarmut und zum Verharren in körper- licher Erstarrung kommen kann.

Untersuchungen ||| Verhaltensbeobachtung, Psychostatus, Fremdanamnese, Psychometrie ( Kap. 2), Somatostatus.

Untersuchungen |||

Verhaltensbeobachtung, Psychostatus, Fremdanamnese, Psychometrie ( Kap. 2), Somatostatus.

Verhaltensbeobachtung, Psychostatus, Fremdanamnese, Psychometrie ( Kap. 2), Somatostatus.

Zu unterscheiden sind folgende quantitative Veränderungen:

Hypokinese

Verarmung an Bewegungen, u. U. bis zur Reglosigkeit (Akinese) im Stu- por bzw. der Katatonie ( Abb. 4.2) (griechisch: kinein= bewegen). Der Betroffene zeigt kaum spontane Bewegungen, die Mimik erstarrt, sprachliche Mitteilungen bleiben aus ( auch Abschn. 4.1). Oft entsteht der Eindruck von Apathie, Verstörtheit oder Ratlosigkeit.

4.4 · Hypo- und Hyperkinesen

Abb. 4.2. Katatoner Stupor. (Nach Bleuler u. Bleuler 1983)

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Katatoner Stupor. (Nach Bleuler u. Bleuler 1983) 191 4 Vorkommen ||| bei Meditation oder in Trance
Vorkommen ||| bei Meditation oder in Trance als Reaktion auf Psychotraumatisierung bzw. als Schreckreaktion im

Vorkommen |||

bei Meditation oder in Trance als Reaktion auf Psychotraumatisierung bzw. als Schreckreaktion im Rahmen einer

bei Meditation oder in Trance als Reaktion auf Psychotraumatisierung bzw. als Schreckreaktion im Rahmen einer Panik- oder Katastrophenreaktion (»Totstellreflex«) bei Ermüdung bzw. unter dämpfenden Medikamenten bei Depressivität (ausgeprägt: als depressiver Stupor) im katatonen Stupor (bei gleichzeitiger innerer Anspannung) bei psychotischen Patienten auch als Ausdruck einer Ambitendenz ( auch Abschn. 4.1) bei fortgeschrittener Demenz und anderen Hirnabbauerkrankungen beim Parkinson-Syndrom bei Hirnentzündung und Hirndruck bei schweren, konsumierenden Körpererkrankungen mit Erschöp- fung (Chronic-fatigue-Syndrom)

Hyperkinese

Gesteigerte Motorik mit Impulsivität, Bewegungsunruhe und Getrie- benheit bis hin zur motorischen Erregtheit, in extremer Form als Tob- sucht ( Abb. 4.3). Die überschießenden unwillkürlichen Bewegungen können plötzlich und raptusartig oder als anhaltende, dranghafte Ruhe-

192 Kapitel 4 · Pathologie des Antriebs und der Motorik

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192 Kapitel 4 · Pathologie des Antriebs und der Motorik 4 Abb. 4.3. Hyperkinetisches Verhalten (»Zappelphilipp«).

Abb. 4.3. Hyperkinetisches Verhalten (»Zappelphilipp«). (Nach Möller et al. 1996)

losigkeit in Erscheinung treten. Die Betroffenen zeigen dann z. B. eine ziellos gesteigerte Motorik mit Umherlaufen oder Umhertrippeln, Schreien, Gestikulieren, Händeringen, Nesteln oder Kratzen, bisweilen mit Auto- oder Fremdaggressivität einhergehend. Zu den zirkumskrip- ten Hyperkinesen zählen das clownartige Grimmassieren in Form des »Faxensyndroms« und die neuroleptikabedingten Kau- und Schmatzbe- wegungen.

Vorkommen ||| bei emotional instabilen Kindern als Aufmerksamkeitsdefizit-Hyper- aktivitäts-Syndrom (ADHS); im

Vorkommen |||

bei emotional instabilen Kindern als Aufmerksamkeitsdefizit-Hyper- aktivitäts-Syndrom (ADHS); im Erwachsenenalter

bei emotional instabilen Kindern als Aufmerksamkeitsdefizit-Hyper- aktivitäts-Syndrom (ADHS); im Erwachsenenalter zusätzlich mit ver- mehrter Erregbarkeit, Affektlabilität und Desorganisiertheit verge- sellschaftet unter Alkohol oder Drogen in Form des katatonen Bewegungssturms bei schizophrener Psy- chose (Motilitätspsychose) bei manischer Erregtheit unter Neuroleptikamedikation (z. B. als Parkinsonoid, Akathisie/ Tasikinesie, Spätdyskinesie)

4.4 · Hypo- und Hyperkinesen

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bei neurologischen Erkrankungen extrapyramidaler Ursache (Tremor, Athetosen, Dyskinesien und choreiformen Bewegungsstörungen)

Katalepsie

Starres Verweilen in unnatürlicher Haltung, das oft über lange Zeit durchgehalten werden kann (griechisch: katalepsis=Angriff). Hierzu gehören auch eine bizarr anmutende, puppenhafte Gelenkigkeit mit un- gewöhnlicher Beweglichkeit der Gliedmaßen (Flexibilitas cerea).

Vorkommen ||| im Rahmen spezieller Körpertherapien (z. B. Yoga, Bioenergetik) bei katatoner Schizophrenie

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im Rahmen spezieller Körpertherapien (z. B. Yoga, Bioenergetik) bei katatoner Schizophrenie

im Rahmen spezieller Körpertherapien (z. B. Yoga, Bioenergetik) bei katatoner Schizophrenie

Negativismus

Sperren gegen jede von außen induzierte Bewegung, entweder in Form von Verweigern oder sogar aktivem Dagegenhalten bei innerem Wider- stand (lateinisch: negativus = verneinend). Äußerlich erscheint das Ver- halten dadurch überkontrolliert-erstarrt.

Vorkommen ||| im Rahmen von mutistischem Trotzverhalten bei katatoner Schizophrenie

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im Rahmen von mutistischem Trotzverhalten bei katatoner Schizophrenie

im Rahmen von mutistischem Trotzverhalten bei katatoner Schizophrenie

Zusammenfassung Hypo- und Hyperkinesen sind quantitative Störungen der Psycho- motorik in Form pathologischer Defizite

Zusammenfassung

Zusammenfassung Hypo- und Hyperkinesen sind quantitative Störungen der Psycho- motorik in Form pathologischer Defizite
Hypo- und Hyperkinesen sind quantitative Störungen der Psycho- motorik in Form pathologischer Defizite oder Überschüsse

Hypo- und Hyperkinesen sind quantitative Störungen der Psycho- motorik in Form pathologischer Defizite oder Überschüsse von Bewe- gungen. Katalepsie ist eine körperliche Starre.

194 Kapitel 4 · Pathologie des Antriebs und der Motorik

4.5 Automatismen und Stereotypien

Bei den Stereotypien (griechisch: stereós= starr, ty´pos=Gepräge) handelt es sich um eher qualitative Bewegungsstörungen in Form monoton wie- derholter, mehr oder weniger sinnlos erscheinender Handlungs- oder Sprechabfolgen.

4 Bewegungs- und Sprechstereotypien

Bewegungsstereotypien (Parakinesen) äußern sich beispielsweise als Gesten oder einfache, ticähnliche Bewegungen, die – teils auf groteske Weise – ohne erkennbaren Sinn und Zweck zwanghaft wiederholt wer- den wie z. B. Reiben, Wischbewegungen, Kratzen, Blinzeln, Grimassie- ren (motorische Schablonen). Komplexere Handlungsabläufe zeigen sich z. B. in ständigem Hin- und Hertrippeln, Auf- und Abwandern, Händereiben, Rumpfschaukeln oder paramimischem Grimassieren. Sprechstereotypien sind sich wiederholende, inhaltsleere und wie automatisiert ablaufende Lautgebungen (Verbigeration). Eine Sonder- form stellt das Tourette-Syndrom dar ( auch Abschn. 8.10).

Vorkommen ||| bei lebhaften Kindern und Jugendlichen (auch als »Übersprungs- handlung«) bei diffuser

Vorkommen |||

bei lebhaften Kindern und Jugendlichen (auch als »Übersprungs- handlung«) bei diffuser hirnorganischer Schädigung

bei lebhaften Kindern und Jugendlichen (auch als »Übersprungs- handlung«) bei diffuser hirnorganischer Schädigung (z. B. nach Enzephalitis, bei schwerer Oligophrenie oder Demenz) als einfache motorische Ste- reotypien bei katatoner Schizophrenie und chronischer schizophrener Erkran- kung als komplexere Haltungs-, Handlungs- und Sprechstereotypien

Echopraxie

Echopraxie (griechisch: echó=Widerhall, prássein= Tun, Handeln) heißt das automatenhafte, sinnlose Nachahmen von Bewegungen oder der Mi- mik anderer (Echomimie), bisweilen verbunden mit echohaften Wort- und Satzwiederholungen (Echolalie). Sogar längere verbale Passagen können bis in die Details wortgetreu nachgesprochen werden, obgleich

4.5 · Automatismen und Stereotypien

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deren Sinn offensichtlich nicht verstanden wird. Echopraxie und Echo- lalie gehören zu den Befehlsautomatismen ( unten).

Vorkommen ||| bei erhöhter Suggestibilität bei Oligophrenie bei schizophrener Psychose bei Enzephalitis

Vorkommen |||

bei erhöhter Suggestibilität bei Oligophrenie bei schizophrener Psychose bei Enzephalitis

bei erhöhter Suggestibilität bei Oligophrenie bei schizophrener Psychose bei Enzephalitis

Automatismen

Automatismen (griechisch: autós= von selbst) sind nichtbeabsichtigte, aber auch willkürlich nicht zu unterdrückende Bewegungen. Die Betrof- fenen zeigen z. B. ruckartige oder schleudernde, ausfahrende Bewegun- gen der Gliedmaßen, im mimischen Bereich Kauen, Schmatzen, Schnal- zen oder Pusten. Es gibt auch Befehls- und Nachahmungsautomatismen; hierzu zählen Formen des »Zwangsgreifens« mit der Unfähigkeit zum Loslassen (»Magnetapraxie«). Bei dem »Alien-hand-Syndrom« wird die Ausführung von Handlungen durch ungewollte, nicht zu unter- drückende Aktivitäten einer Hand gestört oder sogar unmöglich ge-

macht ( auch Abschn. 8.11).

Vorkommen ||| bei Tic-Erkrankung bei neurologischer Systemerkrankung (z. B. Chorea Huntington) bei chronischer

Vorkommen |||

bei Tic-Erkrankung bei neurologischer Systemerkrankung (z. B. Chorea Huntington) bei chronischer Psychose unter

bei Tic-Erkrankung bei neurologischer Systemerkrankung (z. B. Chorea Huntington) bei chronischer Psychose unter neuroleptischer Langzeitmedikation als Dyskinesie

Zu den Automatismen gehören außerdem die abrupten, ticartigen Zu- ckungen des Kindes- und Jugendalters, die häufig Ausdruckscharakter haben (französisch: tic). Einfache motorische Tics zeigen sich z. B. als Blinzeln, Zwinkern, Schulterzucken, Grimassieren, Schnalz- und Lutsch- bewegungen, Schnüffeln und Kratzbewegungen. Vokale Tics sind z. B. Räuspern, Husten, Zischen oder Bellen, komplexe Tics z. B. Springen, Hüpfen, Trippeln, Grußbewegungen oder Sich-schlagen.

196 Kapitel 4 · Pathologie des Antriebs und der Motorik

Zusammenfassung Stereotypien sind qualitative Störungen der Psychomotorik mit monotoner Wiederholung bezüglich der

Zusammenfassung

Zusammenfassung Stereotypien sind qualitative Störungen der Psychomotorik mit monotoner Wiederholung bezüglich der
Stereotypien sind qualitative Störungen der Psychomotorik mit monotoner Wiederholung bezüglich der Bewegungsabläufe

Stereotypien sind qualitative Störungen der Psychomotorik mit monotoner Wiederholung bezüglich der Bewegungsabläufe (Auto- matismen) einschließlich sprachlicher Entäußerungen.

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