Sie sind auf Seite 1von 1

Kultur 11

Samstag, 3. September 2016 / Nr. 203

Neue Zuger Zeitung

Erste Doku über den Zuger Stierenmarkt

ZUG Noch nie wurde dem Traditionsanlass eine würdige Publikation gewidmet – bis jetzt. Zu Beginn des diesjähri­ gen Stierenmarktes stellt Herausgeber Heiri Scherer die Früchte aufwendiger Arbeit vor.

ANDREAS FAESSLER andreas.faessler@zugerzeitung.ch

So wie die Olma zu St. Gallen, die Mustermesse zu Basel oder der Auto- Salon zu Genf gehören, so ist Zug un- trennbar mit dem Stierenmarkt ver- bunden. Dieser hat den anderen ge- nannten Grossanläs- sen eines ganz deut- lich voraus: Er ist viel älter. Zum 126. Mal werden kommende Woche auf dem Areal beim Uptown – auch der Veranstaltungsort ist seit jeher derselbe geblieben–die präch- tigsten Braunviehbullen aufmarschie- ren und die Neugier von Tausenden Besuchern aller Bevölkerungskreise auf sich ziehen.

Noch nie gesehenes Bildmaterial

Der Zuger Stierenmarkt 2016 lockt indes mit einer Besonderheit: Pünktlich zu Beginn wird die erste umfassende Publikation über das renommierte Tra-

ditionsspektakel vorgestellt. «Muni – der

Zuger Stierenmarkt» heisst das 212 Sei- ten mächtige Buch, herausgegeben von Heiri Scherer, der bereits im vergange- nen Jahr mit dem Buch «Most» auf dem Gebiet der lokalen Volkskunde von sich

reden gemacht hat. Die Entstehung

seiner neusten Buchidee beruht auf dem

Zusammenspiel von Zufällen.

Bei der Recherche im Rahmen des Obstverband-Jubiläums im Ringier-Ar- chiv stiess Heiri Scherer auf bisher nie

veröffentlichtes Bildmaterial vom Zuger

Stierenmarkt. Und in Meggen, wo Sche- rer geboren und aufgewachsen ist, tauch- te bei einer Altpapiersammlung plötzlich ein altes Jungviehregister seines Vaters auf, der seines Zeichens Zuchtbuchfüh-

rer gewesen war. Davon hatte Heiri

Scherer selbst nichts gewusst. Jetzt waren die Vorzeichen ominös genug, ein Kon- zept für das erste Stierenmarkt-Buch zu

erstellen. «Dabei war mir wichtig, dass es etwas Handfestes werden soll. Das

heisst, mir schwebte nicht etwa einfach ein herkömmlicher Bildband vor, son- dern ein Werk, in dem die Anteile von

Foto- und Textmaterial ausgewogen

sind», führt Scherer aus. Schnell hatte er

mit Lucas Casanova, Direktor Braunvieh Schweiz, und mehreren kompetenten Fachautoren mit persönlicher Erfahrung

mehreren kompetenten Fachautoren mit persönlicher Erfahrung wichtige Exponenten auf seiner Seite. Ihre fundierten,

wichtige Exponenten auf seiner Seite. Ihre fundierten, amüsanten und tief- gründigen Texte setzten den reichen Bildanteil mit Material von Ringier, aus dem Archiv für Agrargeschichte, dem Braunvieh-Verband und weiteren Quel- len in ein Gleichgewicht. Die Textbei- träge stammen von zumeist regional verwurzelten Schreibern aus allen er- denklichen Kreisen – Politik, Wissen-

schaft, Wirtschaft, Kunst, Literatur –, oder es sind Menschen, die mit dem Stieren- markt faktisch gross geworden sind und so manche heitere Anekdote zu erzählen wissen. Eine hochkarätige Fotoserie in Schwarz-Weiss von der Zuger Fotografin Alexandra Wey verleiht dem Gesamtwerk einen visuellen künstlerischen Aspekt. Mit dem vorliegenden Buch ist dem landesweit angesehenen Zuger Tradi-

Buch ist dem landesweit angesehenen Zuger Tradi- tionsspektakel ein umfangreiches Ge- samtwerk gewidmet,
Buch ist dem landesweit angesehenen Zuger Tradi- tionsspektakel ein umfangreiches Ge- samtwerk gewidmet,
Buch ist dem landesweit angesehenen Zuger Tradi- tionsspektakel ein umfangreiches Ge- samtwerk gewidmet,

tionsspektakel ein umfangreiches Ge- samtwerk gewidmet, welches den Stie- renmarkt von seinen Anfängen bis ins Heute mit eindrucksvollem Detailreich- tum be- und hinterleuchtet, den ge- schichtlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekten gleicher- massen Rechnung trägt. Und jetzt, wo das fertige Werk auf dem Tisch liegt, zeigt sich Herausgeber Heiri Scherer

Bild oben: Herausgeber Heiri Scherer mit seinem Buch zum Zuger Stierenmarkt.

Bilder unten (v. l.): Stier Optimist wird 1962 zum schönsten des Landes gekürt. Zwei zufriedene Viehhändler auf dem Zuger Stieren- markt im Jahr 1957. Je schlechter das Wetter, desto besser das Geschäft für die Zuger Buben, die sich fleissig als Schuhputzer ein paar Batzen verdienen.

Bilder Alexandra Wey/PD

ein paar Batzen verdienen. Bilder Alexandra Wey/PD zu Recht stolz und erfreut. «Meine persönlichen

zu Recht stolz und erfreut. «Meine persönlichen Erwartungen an das Buchprojekt sind übertroffen worden. Ich hätte nicht gedacht, dass es in solchem Umfang möglich sein wird, und glaube, dass wir damit jetzt eine würdige Referenz an den Zuger Stieren- markt haben», sagt der Luzerner, der selbst auf einem Bauernhof gross ge- worden ist und seit 1968 nach dem Umzug in den Kanton Zug regelmässig den Stierenmarkt miterlebt hat.

Testosteron vs Rosarot

Erschienen ist «Muni – der Zuger Stierenmarkt» beim Verlag NZZ Libero, wie bereits mehrere andere Publikatio- nen von Heiri Scherer. «Der Identifika- tionsfaktor und die kulturgeschichtliche Bedeutung spielen bei solchen Büchern eine grosse Rolle», sagt Simon Rütti- mann, der für die Medienarbeit von NZZ verantwortlich zeichnet. «Der He- rausgeber hat sich auf fundierte, lust- volle Art einem lokal stark verankerten Thema angenähert. Das dürfte auf gros- se Resonanz stossen.» Damit liegt der Verlag mit Sicherheit nicht falsch, ist doch das erste Buch zum Zuger Stieren- markt nicht nur inhaltlich ein sorgfältig erarbeitetes, bislang einmaliges Zeit- dokument, sondern auch bei der Ge- staltung haben sich sowohl Herausgeber als auch Verlag zu einer kleinen, aber

«Meine Erwartungen an das Buch sind übertroffen worden.»

HEIRI SCHERER, HERAUSGEBER

effektiven Besonderheit hinreissen las- sen: So ist die Schriftfarbe auf dem Umschlag, der einen von Testosteron strotzenden Siegermuni in Schwarz- Weiss zeigt, in zartem Magenta gehalten, und so auch das Buchzeichen. «Das gibt der geballten Maskulinität, mit welcher Stiere naturgemäss assoziiert werden, einen sanften Einschlag, wenn man das Buch in der Hand hält», be- gründet Heiri Scherer diese Farbwahl. Ohnehin sind sämtliche Fotografien – ob historisch oder neuzeitlich – bewusst nicht in Farbe gedruckt. Dafür aber in hochwertigem Duplexverfahren.

Die Buchpräsentation

Die Buchvernissage erfolgt am Diens- tag, 6. September, am Abend vor Be- ginn des 126. Stierenmarktes. Sie findet statt in der Festhütte auf dem Stieren- marktareal. Apéro ab 18.30 Uhr, um 19 Uhr Präsentation des Buches durch den Herausgeber Heiri Scherer, Markus Zemp (Präsident Braunvieh Schweiz), Lucas Casanova (Direktor Braunvieh Schweiz), Peter Moser (Archiv für Ag- rargeschichte), Ignaz Staub (Journalist) und Peter Hegglin (Ständerat Kanton Zug). Der Kaufpreis des Buches liegt bei 48 Franken.

Neue Bilder von F. Nussbaumer

ZUG red. Ab heute bis und mit 11. September stellt die Zuger Künst- lerin Françoise Nussbaumer ihre neuen Werke aus. In der Altstadt- halle zeigt sie Gemälde, die sie vor allem während ihrer Aufenthalte in Südfrankreich sowie in der Heimat – am Zugersee oder auf dem Linden- berg – gemalt hat. Es sind Landschaftsbilder, die ge- nauso von der Farbkombination wie vom grosszügigen Pinselstrich leben. Meist auf eine Weise von Ruhe, Idylle und Romantik durchdrungen, dass sie zum längeren Betrachten und zum Eintauchen in die Szenerie verleiten – der Eindruck variiert spannenderweise jeweils je nach Entfernung des Betrachters zum Bild. Auch grossformatige Werke mit filigraner Ornamentikmalerei sind ausgestellt. Diese sind hingegen nicht in der freien Natur, sondern im Atelier entstanden. Die Ausstellung von Françoise

Nussbaumer in der Altstadthalle ist bis und mit Sonntag, 11. September, täglich geöffnet von 12 bis 19 Uhr.

Alma und Gustav Mahler im Wettstreit vereint

LUCERNE FESTIVAL Was im Leben nicht möglich war: Im KKL führte das Orchester aus Rotterdam Werke von Alma Mahler und ihrem übermäch­ tigen Gatten zusammen.

Claudio Abbado hat nur den ersten

Satz dirigiert, andere haben es gar nicht getan: nämlich das Fragment der zehn- ten Sinfonie von Gustav Mahler aufzu- führen. Nach Riccardo Chailly, der es am Lucerne Festival zweimal aufführte (2000 und 2009), setzte am Donnerstag auch der Kanadier Yannik Nézet-Séguin mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra das Fragment aufs Programm.

Die Meinungen darüber, ob man die aus Mahlers Skizzen eingerichtete Sin-

fonie Nr. 10 aufführen soll, gehen noch immer auseinander. Fakt ist, dass sich die Version, die der englische Musik- wissenschaftler Deryck Cooke in Zu-

sammenarbeit mit Berthold Gold-

schmidt sowie Colin und David Matt-

hews einrichtete, durchgesetzt hat. Aber ganz konnte auch sie im nicht ganz

ausverkauften KKL-Konzertsaal die

Zweifel aus dem Weg räumen.

Komponierte Ehekatastrophe

Denn selbst das Adagio ist nicht voll-

ständig ausgearbeitet. Eindrücklich aber

ist so oder so, wie die Bratschen gleich zu Beginn eine feier-

liche Stimmung er- zeugen, bevor die

hohen Streicher und

Posaunen das Ada- gio-Thema anstim- men, das in einen Gesangsstrom von Bruckner’schem Aus-

mass mündet. Umso erschreckender der fortissimo einbre-

chende Choral mit dem sich auftürmen-

den dissonanten Neuntonakkord und der enervierend laut insistierenden So-

lotrompete – unzweideutige Spuren der Lebenskrise, die Mahler nach der Tren- nung von Alma heimsuchte.

Ein Einbruch war das auch bei Yannik Nézet-Séguin (41), der 2008 in Rotterdam Valery Gergiev an der Spitze abgelöst

hat. Aber wie er ihn vorbereitete, wie er die Spannung erzeugte, indem er die Streicher ins kaum wahrnehmbare Pia- nissimo zurücknahm, hatte noch etwas von einer Inszenierung an sich. Im unmittelbar an das zweite Scher- zo anschliessenden Finale wird das Adagio-Thema wieder aufgegriffen, und auch der Katastrophen-Akkord erscheint w ieder. Hier identifizierte sich der Dirigent un-

eingeschränkt mit der Mahler’schen Tonsprache und staute die Energie

fast bis zum Zerreis- sen, wobei das Or- chester richtig auf- blühte. Die Soloflöte hatte den fried- lichen Ausklang bereits zu Beginn des

Satzes vorbereitet und unterstrich ihn nochmals kurz vor Schluss. Weniger Überzeugungskraft in der rund 80-mi- nütigen Sinfonieversion erreichten demgegenüber die beiden ungleichen Scherzi und das kurze Purgatorio. Da muss das Orchester doch viel Roh- material vor sich herschleifen, das

Die Vertonungen verraten das Wien des Jugendstils und der Sezession.

Gustav Mahler bestimmt ausgearbeitet hätte, aber punktuell gab es auch da immer wieder zündende Momente und blitzende Ideen.

Sinnliche Alma-Mahler-Lieder

In der fast gleich grossen Besetzung präsentierte sich das Orchester bereits zu Beginn, als es bei den sechs vom Brüderpaar Matthews orchestrierten Lie- dern von Alma Mahler die Mezzosopra- nistin Sarah Connolly begleitete. Hatte Mahler der Gattin das Komponieren zunächst verboten, setzte er sich gegen Ende seines Lebens für sie ein. Die sechs ausgewählten Gedichte atmen ganz den Zeitgeist, und auch die Vertonungen verraten das Wien des Jugendstils und der Sezession. Im Auf- und Abwogen des harmonisch vieldeutigen und recht üppigen Or- chesterparts drohte die Stimme in tieferen Lagen bisweilen zu versinken, strahlte aber in den manchmal bis zur Emphase gesteigerten Höhepunkten umso mehr Sinnlichkeit und Leucht- kraft aus.

FRITZ SCHAUB

kultur@luzernerzeitung.ch