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Tagungsband KnowTech 2010

Enterprise 2.0-Fallstudien
– Aus Erfahrung lernen –

Dr. Alexander Richter, Universität der Bundeswehr München1,


Prof. Dr. Stefan Smolnik, European Business School2,
Dr. Nils Urbach, European Business School,
Philip Räth, European Business School,
Prof. Dr. Michael Koch, Universität der Bundeswehr München,
Prof. Dr. Andrea Back, Universität St. Gallen 3,

Abstract. Die Einführung einer IT-Lösung stellt ein Unternehmen


vor Herausforderungen auf technischer, organisationaler und
sozialer Ebene. Insbesondere im Bereich des Wissensmanagements
steht aufgrund sich dynamisch ändernder Konstellationen der
innerbetrieblichen Zusammenarbeit eine große Palette an möglichen
Gestaltungsmöglichkeiten zur Disposition. Die Berücksichtigung
dieser Parameter hängt dabei von einer Vielzahl von Faktoren wie
der IT-Landschaft oder der Organisationskultur des Unternehmens
ab. Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, Erfahrungen bisheriger
Einführungsprojekte zu sammeln und spezifische Gestaltungs- und
Aneignungsformen von Informationstechnologien in Bezug auf den
Unternehmenskontext zu beschreiben. Das Enterprise-2.0-
Fallstudien-Netzwerk „E20Cases“ hat sich daher zum Ziel gesetzt,
durch eine kostenfrei zur Verfügung gestellte Sammlung von
Fallstudien über den Einsatz von Social Software in Unternehmen
zum Erfahrungsaustausch zwischen Unternehmen aller Größen und
Branchen beizutragen.

1
Forschungsgruppe Kooperationssysteme, Universität der Bundeswehr München,
85577 Neubiberg, {alexander.richter | michael.koch}@kooperationssysteme.de
2
Institute of Research on Information Systems (IRIS), European Business School,
65375 Oestrich-Winkel, {stefan.smolnik | nils.urbach | philip.raeth}@ebs.edu
3
Competence Network Business 2.0, Universität St. Gallen, 9000 St. Gallen,
andrea.back@unsig.ch
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1. Motivation
Aufgrund des großen Erfolgs von Facebook und LinkedIn haben im Jahr
2007 drei große internationale Unternehmen diskutiert und evaluiert, wie
vergleichbare Informationssysteme eingesetzt werden könnten, um die
innerbetriebliche Kommunikation und Zusammenarbeit effektiver zu
unterstützen. Obwohl das Vorgehen in den drei Unternehmen und der
Einsatzbereich der Plattformen durchaus vergleichbar waren, zeigte sich in
einer vergleichenden Studie [RiR09], dass am Ende ganz verschiedene
Faktoren den entscheidenden Ausschlag für den Einführungserfolg einzig-
und-derselben IT-Lösung gaben.
Ausgehend von diesem Beispiel lässt sich auch im Allgemeinen feststellen,
dass sich aufgrund der Vielzahl und Komplexität verschiedener
Geschäftsprozesse und Arbeitspraktiken Informationsinfrastrukturen
zunehmend schwieriger modellieren lassen [Wul09]. Diese Entwicklungen
stellen sowohl Praktiker als auch Forscher der Wirtschaftsinformatik vor
eine große Herausforderung: Es wird zunehmend schwieriger, klare und
einheitliche Regeln zu entwerfen, nach denen die Informationstechnologien
konzipiert, eingeführt und genutzt werden sollen. Dabei hängt das Vorgehen
stark von der Art und Weise bestehender Strukturen bzw. vom
Unternehmenskontext ab. Um diese Aspekte hinreichend zu
berücksichtigen, sollte ein praxistauglicher Leitfaden, welcher
Anhaltspunkte für die Einführung und Nutzung bieten soll, eine Vielzahl
technischer, organisationaler und sozialer Aspekte abbilden. Gleichzeitig ist
jedoch eine Sammlung von Regeln allein nicht ausreichend. Vielmehr sollte
ein IT-Verantwortlicher sich individuelle Anregungen von
Anwendungserfahrungen verschiedener Unternehmen einholen können.
Auf der Basis dieser Überlegungen erscheint es zielführend, Fallstudien zu
sammeln, in denen die Erfahrungen verschiedener Unternehmen gebündelt
werden. Durch Fallstudien können Gestaltungs- und Aneignungsformen von
Informationstechnologien in ihrem Kontext beschrieben werden.
Während solche Fallstudien bereits seit mehreren Jahren kontinuierlich
erhoben, auf Kongressen vorgestellt sowie in Zeitschriften und Büchern
publiziert werden (z.B. [BGT09, KoR09]), finden sich bisher keinerlei
geeignete Informationsinfrastrukturen, die diese effizient auffindbar und
wiederverwendbar machten.
An dieser Stelle setzt die Idee des Enterprise-2.0-Fallstudiennetzwerks an.
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2. Zielsetzung des Enterprise-2.0-Fallstudiennetzwerks


Ziel des Enterprise-2.0-Fallstudiennetzwerks (http://www.e20cases.org) ist
es, Fallstudien zum Einsatz von Social Software im Unternehmen (unter
dem Schlagwort Enterprise 2.04) zu sammeln und somit einen
Brückenschlag zwischen wissenschaftlichen Ergebnissen und praktischen
Anwendungen zu ermöglichen.
Bei den Bemühungen der Initiatoren steht jedoch nicht die technische
Realisierung einer unterstützenden Plattform im Vordergrund, sondern die
Aggregation und Bereitstellung einer großen Anzahl von Fallstudien und
damit die Unterstützung des Transfers von Erfahrungswissen vor allem
zwischen Unternehmen aller Größen und Branchen. Auf Basis der
Sammlung von Metadaten zu allen Fallstudien soll die Identifikation und
Mehrfachnutzung ermöglicht werden.
Einerseits sollen Praktiker von den Erfahrungen anderer Unternehmen
lernen. Andererseits wird Wissenschaftlern die Möglichkeit geboten, ihre
Fallstudien zeitnah in der, u.a. über die die Deutsche Nationalbibliothek
verfügbaren, Schriftenreihe des Fallstudiennetzwerkes zu veröffentlichen.
So soll ein gemeinsamer Lernprozess entstehen, an dem sich disziplin- und
branchenübergreifend jeder beteiligen kann. Es soll eine gemeinsame
Wissensquelle geschaffen werden, die allen Interessierten offen steht.

Hierzu richtet sich das Netzwerk vor allem an:


• Praktiker – die lernen wollen, zu welchem Zweck Social Software
in Unternehmen eingesetzt werden kann und was bei der
Einführung beachtet werden sollte
• Wissenschaftler – die Daten (in Form von Fallstudien) zum
Einsatz von Social Software in Unternehmen benötigen – z.B. für
vergleichende Analysen
• Lehrende – die gut dokumentierte Fallbeispiele für die Lehre
einsetzen möchten
• Medienvertreter – die Beispiele für die Relevanz und Bedeutung
des „Web 2.0“ in Unternehmen suchen

4
Dabei steht der von Andrew McAfee [McA06] geprägte Begriff Enterprise 2.0 in
diesem Beitrag für das große Potenzial von Web-2.0-Technologien bzw. Social
Software, wie Wikis und Weblogs, zur Unterstützung der unternehmensinternen und
-übergreifenden Zusammenarbeit [RiB10].
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Die Initiatoren des Enterprise-2.0-Fallstudiennetzwerks sind ein Team von


Universitätsinstituten, die sich mit dem Einsatz von Social Software in
Unternehmen (und der Transformation der Unternehmen dadurch)
beschäftigen.

3. Vorgehen: Sammlung und Erhebung von Fallstudien


Das Enterprise-2.0-Fallstudiennetzwerk unterscheidet mit den vier
Kategorien „Orange“ sowie „Gold/Silber/Bronze“ verschiedene
Detaillierungs- und damit Qualitätsgrade von Fallstudienbeschreibungen.
Die höchste Reifungs- und Qualitätsstufe sind Fallstudienbeschreibungen,
die in einem Peer-Review-Verfahren im Kreis der Enterprise-2.0-
Fallstudiennetzwerk-Initiatoren – meist erst nach ggf. mehreren
Überarbeitungszyklen – akzeptiert werden.
Um sowohl für Praktiker als auch für Wissenschaftler und Dozenten
anwendbar zu sein, werden diese Fallstudien entlang eines standardisierten
Fallstudienrasters nachvollziehbar und möglichst vergleichbar von
unabhängigen Experten aus der Wissenschaft dokumentiert.
Darüber hinaus ist es sehr willkommen, wenn Fallbeispiele, die in die
Kategorien „Gold/Silber/Bronze“ eingestuft wurden, zu sogenannten
„veröffentlichten Fallstudien“ der Kategorie „Orange“ weiterentwickelt
werden.
Für die Einordnung in die verschiedenen Kategorien werden folgende
Kriterien herangezogen:
Orange:
• Fallstudienrasterkonform
• Akzeptiert im Peer-Review-Verfahren durch einen der
Herausgeber der Schriftenreihe des Enterprise-2.0-
Fallstudiennetzwerks
Gold:
• In inhaltlicher Tiefe den Fallstudien der Kategorie „Orange“
vergleichbar, jedoch nicht entsprechend des Fallstudienrasters
dokumentiert
• Für den Einsatz als Fallstudie für die Lehre geeignet und für
wissenschaftliche Artikel zitierbar, z.B. Buchkapitel oder Artikel
in Fachzeitschriften
Silber:
• Steckbriefartige Fallbeispiele von ca. 2-5 Seiten Text
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• Geeignet für die Darstellung einzelner Aspekte von Anwendungen;


es fehlen jedoch einige Angaben sowie inhaltliche Tiefe
Bronze:
• Steckbriefartiges Fallbeispiel, jedoch weitgehend ohne textliche
Erläuterung (d.h. beispielsweise nur Präsentationsfolien oder
einseitiger Blogpost)
• Steckbriefartiges Fallbeispiel, das in einem übergeordneten Text
erwähnt ist, ohne allein Themengegenstand zu sein

4. Ausblick
Aktuell befindet sich das Enterprise-2.0-Fallstudiennetzwerks im
fortgeschrittenen Entwicklungsstadium. Eine Vielzahl der hinterlegten
Fallstudien befindet sich in den Kategorien „Silber“ und „Bronze“; diese
Fallstudien sind demzufolge in steckbriefartiger Form dargestellt.
Vorrangige Zielsetzung ist es daher, die Anzahl der Fallstudien der
Kategorie „Orange“ (und auch „Gold“) durch die Erstellung neuer
Fallstudien weiter auszubauen. Im Besonderen ist der Ausbau weiterer
ausführlicher und qualitativ hochwertiger Fallstudien für die Zielgruppen
der Praktiker, Wissenschaftler und Lehrenden von Bedeutung, da diese auf
detaillierte Darstellungen angewiesen sind.
Aufbauend auf der grundsätzlichen Erweiterung der Fallstudienbasis ist ein
weiteres Ziel des Enterprise-2.0-Fallstudiennetzwerks, eigene, auf den
Fallstudien des Netzwerks basierende, wissenschaftliche
Veröffentlichungen im Bereich Enterprise 2.0 voranzutreiben und diese in
entsprechenden Fachzeitschriften zu platzieren. Somit werden die
Potenziale für wissenschaftliche Publikationen, die auf den auf der
Plattform bereitgestellten empirischen Daten basieren, verdeutlicht.

5. Inhalt und Einordnung des Vortragsangebots


Der Inhalt unseres angebotenen Vortrags umfasst die Darstellung von
Motivation und Zielsetzung der vorgestellten Enterprise-2.0-Fallstudien-
plattform, ihrer Zielgruppen sowie des Vorgehens bei der Erhebung und
Begutachtung von Fallstudien.
Eine weitere Zielsetzung ist es, Unternehmensvertreter auf die
Fallstudienplattform aufmerksam zu machen, so dass sie diese für
unternehmensinterne Projekte nutzen können. Auch sollen Mitarbeiter von
Unternehmen, die intern schon Social Software einsetzen, motiviert werden,
eine Fallstudie entsprechend des Fallstudienrasters zu dokumentieren und
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auf der Fallstudienplattform zu veröffentlichen. Abschließend geben wir


einen Ausblick auf weitere geplante Aktivitäten.
Bei unserem Beitrag handelt es sich um einen anwendungsorientierten
wissenschaftlichen Beitrag. Der Vortrag richtet sich sowohl an
professionelle Anwender und das Management von Unternehmen als auch
an Wissenschaftler. Er kann dem Leitthema „Kollaboration im
Unternehmen 2.0“ zugeordnet werden.

Tags: Enterprise 2.0, Web 2.0, Social Software, Collaboration,


Fallstudien

Kontaktinformationen der Autoren


Prof. Dr. Michael Koch, Dr. Alexander Richter
Forschungsgruppe Kooperationssysteme
Universität der Bundeswehr München
Werner-Heisenberg-Weg 39
85577 Neubiberg
{michael.koch | alexander.richter}@kooperationssysteme.de
http://www.kooperationssysteme.de
http://twitter.com/kochm, http://twitter.com/arimue

Prof. Dr. Stefan Smolnik, Dr. Nils Urbach, Philip Räth


European Business School (EBS)
Institute of Research on Information System (IRIS)
Rheingaustraße 1
65375 Oestrich-Winkel
{stefan.smolnik | nils.urbach | philip.raeth}@ebs.edu
http://iris.ebs.edu
http://twitter.com/ssmolnik

Prof. Dr. Andrea Back


Competence Network Business 2.0
Universität St. Gallen
Müller-Friedberg-Strasse 8
9000 St. Gallen
andrea.back@unsig.ch
Tagungsband KnowTech 2010

www.business20.unisg.ch
http://twitter.com/aback

Vortragende:
Prof. Dr. Andrea Back, Universität St. Gallen
Prof. Dr. Michael Koch, Universität der Bundeswehr München

Literatur
[BGT09] Back, A.; Gronau, N.; Tochtermann, K.: Web 2.0 in der
Unternehmenspraxis, Oldenbourg, München, 2009.
[KoR09] Koch, M.; Richter, A.: Enterprise 2.0 – Planung Einführung und
erfolgreicher Einsatz von Social Software im Unternehmen,
Oldenbourg, München, 2009.
[McA06] McAfee, A.: Enterprise 2.0 – The Dawn of Emergent
Collaboration, MITSloan Management Review 47 (3), S. 21-28, 2006.
[RiB10] Richter, A.; Bullinger, A. C.: Enterprise 2.0 – Gegenwart und
Zukunft. Vorschlag einer Forschungsagenda, Tagungsband der
Multikonferenz Wirtschaftsinformatik, 2010.
[RiR09] Richter, A.; Riemer, K.: Corporate Social Networking Sites –
Modes of Use and Appropriation through Co-Evolution, Tagungsband
Australasian Conference on Information Systems, 2009.
[Wul09] Wulf, V.: Theorien sozialer Praktiken zur Fundierung der
Wirtschaftsinformatik: Eine forschungsprogrammatische Perspektive,
In: Becker, J.; Krcmar, H.; Niehaves, B. (Hrsg.): Wissenschaftstheorie
und Gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik, Springer/Physika, S.
211-224, 2009.