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Hermann Häring

Glaubwürdig in die Zukunft“ – Eine Hinführung

1. Veränderte Zeiten eine sachgemässe Reaktion

„Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns in ihnen.“ Dies mussten seit 50 Jahren auch die katholischen Reformbewegungen der deutschsprachigen Länder erfahren. Es begann mit Priester- und Solidaritäts- gruppen, die für mehr Christenrechte und Ökumene kämpften, sich oft mühsam mit ihren Bischöfen aus- einandersetzten. Bald engagierten sich Gemeindemitglieder, die in den Gemeinden immer mehr Bedeu- tung erlangten. In einer weiteren Phase differenzierten sich die Gruppen nach konkreten Sachinteressen. Sie traten ein für mehr Partizipation in den Gemeinden und die Abschaffung des Zölibats, für die Rechte von Frauen oder gegen die Diskriminierung von Homosexuellen und griffen vor Ort soziale Interessen auf. Impulse der Friedensbewegungen, der Begreifungstheologie und andere politische Optionen kamen hin- zu. In Österreich und in Deutschland wurden 1995 innerkirchliche Anliegen durch das damalige Kirchen- Volksbegehren in fünf zentralen Anliegen neu gebündelt: Aufbau einer geschwisterlichen Kirche, volle Gleichberechtigung der Frauen, freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht-zölibatärer Lebensform, positi- ve Bewertung der Sexualität und ein freundliches Gesicht des Evangeliums. Außerkirchliche Anliegen wa- ren dadurch nicht berührt, aber in anderen Bewegungen konzentriert.

Heute, nach weiteren 20 Jahren, hat sich die Gesamtszene der Reformarbeit dramatisch geändert. Die oft formulierten Forderungen sind an der Basis zwar akzeptiert, doch Reformen werden immer noch blo- ckiert. Die Gemeinden schrumpfen zusehends und die Bedeutung außerkirchlicher Arbeit hat massiv zu- genommen. Die Reformgruppen der ersten Stunde sind aus Überalterung oder Resignation stark ge- schwächt. Der Zusammenbruch der Gemeindepastoral (Priestermangel) und die voranschreitende Säku- larisierung lähmen die bisherige Reformarbeit, die sich immer mehr in Einzelgruppen zersplittert.

Angesichts dieser Situation trafen sich auf Initiative der Herbert Haag Stiftung für Freiheit in der Kirche (Luzern) seit März 2013 die Vertreter von Reformgruppen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz in mehreren Sitzungen, um dieser inhaltlichen und organisatorischen Zersplitterung durch neue Vernet- zungen entgegenzuwirken. Beteiligt waren Vertreter der Plattform Wir sind Kirche Österreich, der Kir- chenVolksBewegung Wir sind Kirche Deutschland, der Tagsatzung.ch Schweiz und der genannten Stif- tung.

Ziel war eine vorläufige Verständigung über Sinn und Perspektiven einer solchen inhaltlichen, möglicher- weise auch einer technischen Vernetzung, die ihrerseits in internationale Netzwerke eingebettet ist. Diese stärkere Vernetzung soll der wachsenden Zersplitterung der Reformarbeit im deutschsprachigen Raum entgegenwirken und die gegenseitige Verständigung über Grundsatzfragen und organisatorische Aufga- ben fördern. Dazu sollte ein fundierter Grundlagentext erarbeitet werden. Dieser Grundlagentext wurde am 27. November 2014 in Innsbruck unter dem Titel „Glaubwürdig in die Zukunft“ verabschiedet. Aus der genannten Zielsetzung erklären sich Aufbau und Konzeption der Erklärung.

2. Ein Rahmentext voll innerer Pluralität

Die Erklärung „Glaubwürdig in die Zukunft“ entwickelt kein zugespitztes Reformprogramm, das zu einer bestimmten Art von Reformarbeit mit genau ausgearbeiteten Zielen anleitet. Er reagiert vielmehr auf die Vielfalt von legitimen Reformzielen, die unter den Reformgruppen leben und verfolgt werden. Das ist auch ein Grund für die Länge des Textes. Er will einen Rahmen bieten, in dem sich alle Gruppen mit ihren Absichten und Theoriebildungen zu Hause fühlen können. Das Signal soll lauten: Eine zeitgemäße Erneu- erung der Kirche kann nicht monopolisiert werden. Sie muss den unterschiedlichen Situationen von Ge- meinden und Gruppen entsprechen. Alle Nöte und Missstände müssen zu Wort kommen, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht kompatibel sind oder einander durchkreuzen. Die Situation von Kirche und Gemeinden muss also in ihrer ungeschmälerten Vielfalt ans Wort kommen. Es geht um innerkirchliche und sozialkritische, um pastorale und strukturelle, um machtpolitische und spirituelle Fragestellungen. In einer säkularisierten Kultur müssen sowohl die inner- als auch die außerkirchliche Arbeit ins Auge ge- fasst werden, ferner die Tatsache, dass das Handeln von Christen meist ein durch und durch weltliches Gesicht trägt. Unabhängig von ihrer Kirchlichkeit gewinnen die „sachlichen“ Herausforderungen einer Nachfolge Christi immer größeres Gewicht: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

Manchen erscheinen viele Passagen der Erklärung geradezu traditionell. Das ist gut so, denn Tradition an sich ist nichts Schlechtes. Erneuerungsarbeit verlangt viel Geduld und Kleinarbeit. Im Zentrum müssen nicht unbedingt revolutionäre Aktivitäten stehen, die mehr neue Konflikte verursachen als dass sie Wun- den heilen. Die Erklärung weicht aber auch keinen Konfliktstoffen aus, wenn sie von der Sache Jesu her geboten sind.

Hinzu kommt, dass kein Reformversuch von vornherein eine Erfolgsgarantie in sich trägt. Viele Versuche sind schon gescheitert und viele werden noch scheitern, müssen im Laufe der Jahre korrigiert oder ganz aufgegeben werden. Oft ändern sich die Zeiten schneller als der gute Wille helfen kann. Dennoch haben auch diese Versuche ihr Recht. Wenn sie vom Geist Jesu getragen werden, sind sie so lange zu respek- tieren, bis sie von einem besseren Programm überholt werden. Deshalb haben Reformgruppen einander in gegenseitigem Respekt zu begegnen, einander zu unterstützen und gegebenenfalls zu kooperieren.

Nur eine solche innere Pluralität ermöglicht eine Vernetzung und Kooperation von möglichst vielen, die ihre Reformarbeit zum Wohle der Menschheit als Nachfolge Jesu gestalten wollen und sie in diesem Sinn verstehen. Zu ihnen gehören gegenseitige Toleranz und Hörbereitschaft, die Koordination von Denk- und Lebensstilen innerhalb und außerhalb der Kirche, von christlichen und humanen Werten und von religiö- sem und säkularisiertem Sprechen und Denken. Diese innerkirchliche Solidarität muss von einem interre- ligiösen Geist, von ökumenischer Offenheit und einem helfenden Blick auf Mensch und Gesellschaft ge- prägt sein. An diesem Punkt sieht sich die Erklärung durch den neuen synodalen Stil von Papst Franzis- kus bestätigt. Es gilt, seine erneuernde geschwisterliche Spiritualität weiterzutragen und ihn mit allen Kräften zu unterstützen.

3. Vision in zwei Stufen

Nur dann ist Reformarbeit gegen Verhärtung und Resignationen gefeit, wenn sie von einer überragenden Vision getragen ist, die auch die Grenzen der Kirche überflügelt. Sonst wird sich eine jede Aktivität ir- gendwann zur Machtpolitik verhärten und wie alle Ideologien an ihren eigenen Irrtümern und Wider- sprüchen zugrunde gehen. Dies war schon immer eine große Gefahr der Kirche. Viele große Reformen hätten in Katastrophen geendet, wären nicht rettende Figuren wie Franz von Assisi oder Ignatius von Loyola aufgestanden, um neue Wege zu weisen. Die große Vision, die unsere kleine Reformarbeit des All- tags trägt, muss deshalb deren aktuellen Ziele überschreiten und zu kritischen Richtungsänderungen in- spirieren können. Nur so wird es möglich, konkrete Zielvorgaben zu revidieren, also in einer neuen Epoche oder in unerwarteten Situationen neu zu formulieren. Es stellt sich also die Frage aller Reform: Ist die Vi- sion, die unsere Erneuerung beseelt, der menschlichen Wirklichkeit wirklich voraus?

Als Christinnen und Christen berufen wir uns auf die urbiblische und jesuanische Vision vom Reich Got- tes. Sie überschreitet unseren Alltag. Ihre Verwirklichung bedarf immer neuer Mühe, eines neuen Nach- denkens und neuer Praxisversuche. In einer Zeit der Kirchenkrise, in der wir auf allen Kontinenten mit großen religiösen, kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Krisen konfrontiert sind, sollten wir uns konsequenter denn je auf diese große Vision konzentrieren. Wichtiger denn je ist also ein Blick auf diese weltweite Vision, die auch in der Verkündigung Jesu der Gründung der Kirche vorausgeht. Es geht um das Reich Gottes, in säkularer Sprache um das Reich der Freiheit, das hier und jetzt unter uns beginnen soll. Diesem Reich gegenüber kann auch unsere konkrete Kirchenwirklichkeit immer nur bruchstückhaft sein.

Die weltweite Vision eines Reiches der Freiheit ist programmatisch zusammengefasst im Jesuswort „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes hat begonnen“ (Mk 1,15). Es zielt nicht auf die Kirche, sondern auf eine weltweite Gemeinschaft, in der befreite und befriedete Menschen in Gerechtigkeit und gegenseitiger Ver- söhnung zusammenleben können. Dieses Reich spart keine Dimension menschlicher Wirklichkeit aus. Es ist an keine nationalen, kulturellen oder religiösen Grenzen gebunden, schließt also eine säkulare Weltge- staltung ein. Seine Verwirklichung erfordert den ständigen Kampf gegen die Strukturen des Todes, die immer gegenwärtig sind. Dazu gehört der Einsatz für Benachteiligte und Entrechtete.

Von dieser biblischen und jesuanischen Weltvision unterscheidet die Erklärung „Glaubwürdig in die Zu- kunft“ die Vision einer Kirche, die kein Selbstzweck werden darf, sondern auf das Reich Gottes ausgerich- tet ist. Auch diese Vision trägt die Würde der christlichen Verheißung. Sie aber muss wissen: Die Kirche Jesu Christi ist immer auf eine Welt bezogen, der sie zu dienen hat. Als Geschöpfe Gottes haben die Welt und die Menschen Priorität. Die Kirche ist in all ihren Formen und Äußerungen diesem übergeordneten Ziel verpflichtet. So hat auch alles kirchliche Versagen darin seinen Grund, dass es sich dem Reich Got- tes oft nicht unterordnet. Nur wenn diese Verhältnisbestimmung zwischen Reich Gottes und Kirche klar durchgehalten wird, kann die Reformarbeit Erfolge erzielen.

4. Programm und Verwirklichung

Die Erklärung „Glaubwürdig in die Zukunft“ soll der kirchlichen Reformarbeit und deren gegenseitigen Vernetzung neue Impulse geben. Dabei ist in einer hochdifferenzierten Gesellschaft mit ihren äußerst komplexen Problemen die gegenseitige Kooperation von großer Bedeutung. Nur wenn sie stimuliert, ent- schlossen und selbstkritisch vorangetrieben wird, kann sie die wachsenden Aufgaben bewältigen. Sie muss innerkirchliche Aufgaben übernehmen, sich zugleich anderen Kirchen, Religionen und zu einer sä- kularen Welt gegenüber öffnen. Stärker denn je müssen wir soziale Arbeit leisten, ohne in einen leeren Aktionismus zu versinken. Wir müssen innerkirchliche Widerstände bewältigen, ohne die hohe Bedeutung von Kirche und Kirchlichkeit zu vergessen. In den west- und mitteleuropäischen Staaten können die Kir- chen vor Ort ihre gesellschaftliche Relevanz nur dann erhalten und stärken, wenn sie in der zivilen Gesell- schaft vor Ort so präsent sind, dass sich die Zurückgebliebenen und in Not Geratenen auf sie verlassen können. Zugleich dürfen wir in dieser Arbeit unsere spirituelle Identität nicht verlieren, die wir aus der Botschaft Christi schöpfen. Nur wer in kirchlichen Gemeinschaften dazu bereit und fähig ist, die Aufga- ben miteinander, in steter Kommunikation und Aufgabenteilung, in aktiver gegenseitiger Partizipation zu schultern, wird in dieser gottfernen und zugleich gottnahen Zeit bestehen können.

Die Erklärung enthält also eine wichtige Botschaft. Wort für Wort wurde sie intensiv durchdacht, durch- diskutiert und durchformuliert. Sie will keine neue Reformgruppe begründen und keine der bestehenden Reformgruppen bevorzugen. Sie will nur allen vorschlagen, den Geist der Kooperation zu intensivieren. Die kleineren Gruppen sollten erkennen, dass die größeren ihnen gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die größeren Gruppen sollten sich klar machen, dass sie auch von den Erfahrungen der kleineren profitie- ren können. Wer sich nach wie vor als eine selbstgenügsame Insel begreift, wird im Klimawandel bald un- tergehen.

Doch letztlich hängt es von den Leserinnen und Lesern ab, welche Wirkung die Erklärung erzielen kann. Sie muss schon im Geist der Hoffnung und der gegenseitigen Partizipation gelesen werden, um erfolg- reich zu sein. Offen ist auch, auf welche Weise und auf welchen Ebenen sich die angemahnten Vernet- zungen vollziehen. Die technischen Netzwerke sind wohl ebenso wichtig wie die althergebrachten Me- thoden der Zusammenkünfte, der Vorträge und der Diskussionen.

Die Erklärung endet mit folgenden Worten: Die Folgerung lautet deshalb nicht Resignation … Sie muss lauten: Neugier und selbstkritische Neubesinnung. Wir sind uns dessen gewiss, dass wir am Beginn einer neuen Zukunft stehen. Dafür bürgen die große Weltvision und unser Eintreten für die gleiche Würde aller Menschen, denen unsere Leidenschaft gilt. Und dahin führt uns die prophetische Kirchenvision, die uns Jesus von Nazaret geschenkt hat. So wird uns erst allmählich klar, was Christsein in Kooperation mit anderen Religionen angesichts einer globalen Zukunft bedeuten kann: Siehe, ich mache alles neu!(Off 21,5)

(21. 12. 2015)