Sie sind auf Seite 1von 10

Kollaboratives Lernen: Peacewiki – eine Fallstudie

Monika Neumayer (2007)

Ein Wiki als virtuelle Plattform und das Wiki-Prinzip des gleichberechtigten Editierens
und Verlinkens als demokratische Kommunikationsstruktur bilden die Basis für das
hier vorgestellte kollaborative Lernszenario. Peacewiki1 war der Versuch, die
webgestützte Zusammenarbeit an Texten in ein formelles Lernvorhaben2 zu
integrieren. Die hier vorgestellte Fallstudie soll analysieren, inwieweit Artikulation,
Partizipation und Gemeinschaftsbildung als Funktionen informeller Netzwerke auch
institutionell organisiertes Lehren und Lernen methodisch aufwerten können. Das
Projekt reagiert mit diesem Ansatz auf eine Wandel der Bedeutung und Nutzung des
Internets, die vielfach mit dem Begriff Web 2.0 umschrieben wird und sowohl die
virtuelle Alltagskommunikation verändert, als auch neue Potentiale für die
Lernkommunikation eröffnet.

Definiert man Lernen aus konstruktivistischer Perspektive als einen aktiven


Aneigungsprozess, bei dem in sozialer Interaktion Wissen geschaffen wird, so sind
webbasierte Interaktionsangebote ein Teil der relvanten Lernumwelt und ermöglichen
praktisch orientierte, kontextuelle Lerneffekte. Der angestrebte Effekt war eine
tiefergehende Lernerfahrung im Sinne von Kompetenzentwicklung
[Schachtner/Neumayer 2007]. Die individuellen Lernaktivitäten waren dabei die
themenzentrierte Exploration, die Rezeption und Reflexion von Texten und die
Artikulation von Fragen. Gemeinsame Lernaktivitäten waren das Recherchieren und
Diskutieren von Ergebnissen und vor allem die praktische Erfahrung mit virtuellen
Öffentlichkeiten, wie sie Neue Medien hervorbringen. Das Peacewiki kompilierte
parallel zum Lernprozess die Artefakte der Studierenden, also Interviews,
Reportagen, persönliche Reflexionen, multimediale Collagen, Radiofeatures,
Fotographien und theoretische Analysen sowie literarisch inspirierte Texte. Das
gemeinsame Lernen war aufgabenbezogen. Die Aufgabe, inhaltlich verschiedene
1
http://peacewiki.uni-klu.ac.at entstand im WS 2005/2006 und SS 2006 im Rahmen der Seminare
„Virtuelle Räume – Neue Öffentlichkeiten.“ und „.Globalisierung und Neue Medien.“ unter der Leitung
von Dr. Prof. Christine Schachtner, Professorin an der Alpe Adria Universität Klagenfurt und unter
meiner Mitarbeit als Projektkoordinatorin.
2
Für eine Unterscheidung von informellem, non-formellen und formellem Lernen siehe: European
Commission Hg.[2000].
Aspekte sowie praktische und theoretische Ansätze der Friedensarbeit und
-forschung zu beleuchten, steht in engem Kontext zum Thema virtuelle Öffentlichkeit.
Die theoretische Auseinandersetzung wurde durch das praktische Agieren im
Peacewiki ergänzt. Peacewiki war als Plattform der gemeinsamen Arbeit an Texten
in jeder Phase öffentlich zugänglich, das heißt sowohl den Studierenden als auch
allen Netcitizens.

Die Thematik Frieden stellt ein Thema dar, das auch für sehr heterogene Gruppen
von Studierenden konsensfähig ist, da es als sinnvolles Ansinnen begriffen wird. Das
Thema erweist sich als sehr kontroversiell, sobald es um die definitorische
Eingrenzung und die Mittel und Wege der Friedensführung und –stiftung geht. Die
Studierenden erlebten und reflektierten hier bewusst Subjektivität, nahmen Vielfalt
wahr, diskutierten ideologische und religiöse Standpunkte [Schachtner/Neumayer
2006]. Die integrierte Diskussion mit Studierenden des amerikanischen Champlain
Colleges in Vermont via WebCT Message-Board erlaubte interkulturelles Lernen.

Die originäre Form eines Wikis funktioniert nach dem Motto:„Jeder darf alles“ --
Seiten editieren, umschreiben, löschen, neue Seiten anfügen, Inhaltsstrukturen
erzeugen und verändern. Inzwischen gibt es viele Wiki-Anwendungen, die
differenzierte Zugangsbedingungen und eine komplexe Rechtevergabe ermöglichen.
Die Teilnehmenden haben demokratisch beschlossen, dass nur sie selbst
Veränderungen vornehmen durften. Das verwies Außenstehenden zwar auf andere
Kommunikationskanäle, verhinderte jedoch Vandalismus durch nicht registrierte User
und Wiki-Spam. Das Funktionieren eines solchen Systems in formellem Kontext
kann damit erklärt werden, dass die Kollaboration konkreten Nutzen für alle ergab,
wie auch in den Reflexionsarbeiten der Studierenden mehrfach geäußert wurde.
Dieser Nutzen zeigt sich in den Funktionen Artikulation, Partizipation und
Gemeinschaftsbildung.

Webbasierte Lernkommunikation

Da die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Neuen Medien und Informations-


und Kommunikationstechnologien ein relativ junges Feld darstellt, kann Forschung in
diesem Gebiet von den herkömmlichen Einzeldisziplinen kaum bewältigt werden. Es
entstehen neue interdisziplinäre Fachbereiche. CSCL – computer supported
collaborative learning – ist jene Disziplin, die sich bisher am intensivsten mit
vergleichbaren Lernarrangements wie dem hier besprochenen Peacewiki
auseinandersetzt. Hier fließen sehr unterschiedliche Konzeptionen und Paradigmen
zusammen, in deren Rahmen das hier vorgestellte Projekt als Lehr- und
Lernnetzwerk klassifizierbar ist: einerseits, weil Peacewiki nicht darauf abzielt, aus
einer integrierten institutionellen Lern- und Kursmanagementplattform heraus zu
agieren und keine instruktionstechnologische Position einnimmt; andererseits, weil
es weniger an der Technologie und ihrer Weiterentwicklung interessiert ist, als daran,
mit frei zugänglichen Softwareprodukten und Internetservices zu experimentieren
und sie auf ihre Adaptivität hinsichtlich kollaborativer Lernaktivitäten zu testen.

An dieser Stelle ist eine terminologische Klärung angebracht: Während in der


englischsprachigen Literatur bereits in der Anfangsphase des Fachbereiches die
Begriffe cooperative und collaborative 3 voneinander abgegrenzt wurden, werden die
beiden Begriffe im deutschsprachigen Diskurs oft synonym verwendet. Kooperatives
und kollaboratives Lernen sind Formen des gemeinsamen Lernens und schließen
einander nicht aus, bezeichnen aber unterschiedliche Relationen: Im kooperativen
Lernzusammenhang wird miteinander an einem gemeinsamen Produkt gearbeitet.
Die Art der Zusammenarbeit ist vergleichbar einem Puzzle, in dem die Kombination
der Teile durch ihre Ausprägung vordefiniert ist. Die Kooperation orientiert sich am
vorher festgelegten Endergebnis. Das Puzzle kann von der Vorlage nicht abweichen.
Im Gegensatz dazu orientiert sich Kollaboration nicht am Endprodukt, sondern
fokussiert Prozesse, konkret: Transformationen, die zu einem Lerneffekt führen. Eine
Problemstellung strebt einer Lösung zu, sie findet diese jedoch mitunter in
unvorhersagbarer Qualität und Form.

Die hier definierte Kollaboration basiert auf computervermittelter Kommunikation, die


das Internet nicht als ausschließlich distributive Technologie für Lehrinhalte nützt,
sondern als Instrument sozialer Interaktion. Dies geschieht mit Social Software, die
sich dadurch definiert, dass sie computervermittelt soziale Interaktion ermöglicht und
„den Aufbau und das Selbstmanagement einer Community fördern und unterstützten
muss“, sowie der Community erlaubt „sich selbst zu regulieren“ [Alby, 2007: 87].
3
Zur Terminologie-Debatte s. a. Panitz [1996], Dillenbourg [1999] Palloff/Pratt [2005:9], Hinze
[2004:23] sowie Carell/Herman [2005:75] u.a.,
Inwieweit sind solche Anwendungen nun für die Einrichtung einer virtuellen offenen
Lernumgebung geeignet. Wikis und Weblogs sind die in diesem Zusammenhang
bisher am häufigsten eingesetzten Formate. Sie wurden in mitunter sehr
unterschiedlichen Lernszenarios eingesetzt und erforscht4 und bilden die technische
Basis der für Lehr- und Lernnetzwerke notwendigen offenen Lernumgebung [vgl.
Schulmeister, 2005: 6]. Software an sich ist als technische Voraussetzung
notwendige, aber nicht ausreichende Bedingung für Kollaboration im virtuellen
Raum. Nicht die Software ist das Werkzeug sondern die webbasierte
Lernkommunikation, die stattfindet und die Art wie sie strukturiert und organisiert
wird.

Artikulation, Partizipation und Gemeinschaftsbildung

Ein Großteil der Social Software Produkte, die in offenen Lernumgebungen


eingesetzt werden, sind als Open Source Projekte eine Alternative zu proprietären
Lernmanagement Systemen mit frei zugänglichem Quellcode und werden von einer
weltweiten Community weiterentwickelt. Aus konkreten Bedürfnissen heraus
produziert eine kollektiv und global agierende Community neue Software, die dann
von allen gleichermaßen genutzt, adaptiert und weiterentwickelt werden kann. Aus
der Überschneidung von Entwicklung und Anwendung resultiert ein Prozess
partizipativer Softwaregestaltung. 5 Wikis sind Systeme, die konkreten
Interaktionsbedürfnissen entgegenkommen. Sie begünstigen kollaboratives Arbeiten
an Texten und funktionieren leicht chaotisch und basisdemokratisch. Entsprechen
diese Vorraussetzungen dem pädagogischen Handlungskonzept, können Wikis als
Lernplattform genutzt werden. Wikis sind ursprünglich nicht für den Einsatz in
formellen Lernsituationen gemacht. Lernende adaptieren sie im informellen und non-
formellen Bereich als Teil ihrer persönlichen Lernumgebung, wo sie ihnen jene
Freiheit geben, die ihrer Lernkultur entspricht und eine neue Qualität der
Zusammenarbeit ermöglichen. Da Lernende in institutionellen Bildungseinrichtungen
heute über Kompetenzen aus informellen Lernnetzwerken verfügen, ist die Idee der
virtuellen Lernnetzwerke und -gemeinschaften auf formelle Bildungsvorhaben

4
Beispiele dafür finden sich bei Bloh [2002], Carell/Hermann [2005], Jadin/Wagenender [2006],
Richardson [2006] u.a.
5
vgl. Bath [2005] Hammel [2003]
übertragbar. Die Informationsgesellschaft entwickelt sich von der Lernkultur des
Frontalunterrichts zu einer Kultur demokratisch orientierter Lernkommunikation, die
Sinnzusammenhänge verhandelt. Internet und Social Software dienen der
Wissenskonstruktion als Plattform für Artikulation und Partizipation und ermöglichen
virtuelle Gemeinschaft. Diese drei Funktionen sind in informellen Lernnetzwerken
beobachtbar und konstituierend. In der folgenden Tabelle wird der Versuch
unternommen, diese drei Ebenen aufzuschlüsseln.
Artikulation Partizipation Gemeinschaftsbildung
Was findet statt? Argumentation; Diskussion; Kontroverse Gruppenbildung; Allianzen,
Meinungsäußerung
Was ist das Botschaft Verhandelte Zielsetzung und ihre
Ergebnis? Bedeutungen Modifikation
Welche Rolle spielt Unterstützung Unterstützung der Gewährleistung eines
die Software? kognitiver Leistungen Interaktion und des geteilten Arbeitsraumes,
[externes Gedächtnis Austausches Visualisierung sozialer
Lerninhalte sammeln, Relationen
strukturieren und
organisieren]
Was nutzt es dem Individuelle Soziale Lerneffekte Erfahrung, Interessen zu
Individuum? Transformation teilen und gemeinsam zu
vertreten
Inwiefern wird an Darstellung und gegenseitige Kollaboration wird durch
Öffentlichkeit Präsentation; Bezugnahme; virtuelle Gemeinschaft und
teilgenommen? Produktion von Diskussion; Bezugnahme als Teil eines öffentlichen
Artefakten; auf und Partizipation am Diskurses sichtbar.
veröffentlichte öffentlichen Diskurs.
Meinung

Welche Ergebnisse bringt die Anwendung dieser Kriterien in der Analyse eines Wikis
in formellen Lernsituationen mit institutionellem Hintergrund und zeitlicher
Begrenzung?

Artikulation
Anhand von gesammelten Informationen werden Argumente und Meinungen
entwickelt. Wissen wird als subjektive Sicht auf einen Lerninhalt artikuliert. Peacewiki
dient als Werkzeug, das gedankliche Abläufe unterstützt. Inhalte werden aufbereitet,
bisheriges wird hinterfragt, dekonstruiert und rekonstruiert. Die virtuelle Plattform
dokumentiert als informationeller Wissensspeicher laufend das, worüber
nachgedacht wird.
Partizipation
Im Prozess des Meinungsaustauschs und der Diskussion werden
Sinnzuschreibungen ausgehandelt. In Hinblick auf die Dimension der Teilnahme an
Öffentlichkeit erweitert sich in der Partizipationsfunktion die Selbstdarstellung um das
Element der konkreten Bezugnahme auf andere und um das der Teilnahme am
öffentlichen Diskurs. Das Wiki unterstützt Austausch und Kontroverse, die auf
Textebene stattfinden, Werkzeuge zur Konversation stehen nicht zur Verfügung.

Gemeinschaftsbildung
Im öffentlichen Diskurs erscheint das Peacewiki als gemeinsames Ganzes, als Werk
eines Kollektivs von Autoren. Innerhalb dieses Autorenkollektivs gibt es jedoch
Rollenentwicklung und -zuschreibungen, die unter anderem durch die
Selbstwahrnehmung als Teil dieses Kollektivs und durch gegenseitige Bezugnahme
beeinflusst sind. Diese Gruppenprozesse werden durch das Peacewiki nur in
geringem Ausmaß unterstützt und sichtbar gemacht.

Die Analyse des Geschehens im Peacewiki hinsichtlich dieser drei Ebenen zeigt,
dass vor allem die Artikulationsfunktion genutzt wurde. Die gegenseitige
Bezugnahme wurde durch Verlinkung und in Textäußerungen offensichtlich,
erreichte jedoch kaum jene Dichte, die mit der in ausschließlich virtuellen
Netzwerken vergleichbar ist. Bezüglich der Partizipation funktionierte Peacewiki
weniger als Plattform der Diskussion, denn als Statement der Gruppe[n] im größeren
Zusammenhang einer Weltöffentlichkeit. Diskussionen zwischen den Teilnehmenden
fand in lokaler Ko-Präsenz beziehungsweise über andere virtuelle
Kommunikationskanäle statt. Hinsichtlich der Gemeinschaftsbildung erfüllte
Peacewiki vorrangig die Funktion einer gemeinsamen Publikationsfläche. Da sehr
viel an sozialem Geschehen [Kennenlernen, Gruppenbildung, Rollenverteilung] in
den non-virtuellen Bereich verlegt wurde, konnte die gemeinschaftsbildende Funktion
der Plattform nur eingeschränkt beobachtet werden. Um auch die Funktionen der
Partizipation und Gemeinschaftsbildung in den virtuellen Raum zu übertragen, sollte
die textbasierte Kollaboration um andere Formen der virtuellen Zusammenarbeit
[Videokonferenz, Chat, Forum] erweitert werden. In informellen virtuellen Netzwerken
sind die beiden Funktionen deshalb ausgeprägter, weil sie – anders als bei
Peacewiki – kein gemeinsames non-virtuelles Geschehen verbindet.

Lernbegleitung

Die drei Funktionsbereiche werden durch Situation [technische Gegebenheiten, Art


des Lernvorhabens] und individuelle Faktoren [Lernkultur und Kompetenzen der
Lernenden] beeinflusst. Informelle Lernnetzwerke entstehen aus spontaner
Kollaboration, während sie in formellen Bildungsvorhaben entworfen und initiiert
werden. Wie kann Kommunikation in virtuellen Räumen mit dem Ziel eines
gemeinsamen und individuellen Lerneffektes organisiert und gestaltet werden? Im
hier beschriebenen Fall wurde ein begleitendes Phasenmodell zur Unterstützung der
virtuellen Zusammenarbeit angewandt, bei dem es sich um eine Adaption des
Modells Cognitive Apprenticeship [Collins/Brown/Newman, 1989] handelt. Die
Aspekte des Modellings, Coachings, Scaffoldings, Fadings wurden in der
Lernbegleitung sequenziell umgesetzt. Articulation und Reflection treten in allen vier
Phasen auf. Im Modelling wird das Ziel vermittelt und die Aufgabe entwickelt, es
werden Referenzmodelle besprochen, sowie Eigeninitiative und Aktivität angeregt.
Beim Coaching stehen Beratung und praktische Hilfe im Vordergrund. In der Phase
des Scaffoldings geht es um die Förderung der Selbstorganisationskompetenz der
Gruppe. Im Fading ziehen sich Initiatoren zurück, die Kollaboration läuft
selbstorganisiert weiter. Das Vorgehen nach diesen Prozessphasen erwies sich als
praktikabel, um eine virtuelle Kollaboration anzuregen und zu begleiten.

Individuelle und situationsspezifische Faktoren

An Hochschulen stößt man auf hohe Diversität hinsichtlich der Cyber-Lernkultur, der
infrastrukturellen Zugangsbedingungen und der Multimediakompetenz. So besteht
die Generation der jungen Studierenden großteils aus Cybercitizens, die Generation
der Lehrenden und die reiferen Studierenden haben hier oft Dissidentenstatus und
drängen mehr oder weniger nach Integration. Lernen mit Medien setzt
Lernkompetenz sowie Medienkompetenzen voraus oder muss anstreben diese zu
entwickeln und zu fördern, wenn eine Institution die Vorzüge dieser Neuen Medien
für sich nutzen will.

Die technologischen Gegebenheiten unterschiedlicher Social Software Produkte


beeinflussen die Ausprägung der oben erwähnten drei Ebenen. So zeigt der
Vergleich zwischen Wikis und Weblogs, dass Wikis bezüglich der Artikulation und
Partizipation andere Strukturen bereitstellen als die stark identitätsbezogenen
Weblogs, welche die Artikulation eines Autors darstellen.6 Weblogs bilden kein
Kollektiv aus, sondern über gegenseitiges Kommentieren und ein Reputationssystem
von Verlinkungen nur lose Strukturen, ähnlich einer Crowd of Wisdom [surojeksfy].
Aus technik-soziologischer Sichtweise agiert Technik indem sie in ihren Produkten
gesellschaftliche Strukturen, Zusammenhänge und Rollenzuschreibungen
materialisiert. Im Designprozess werden die Voraussetzungen für Zugangs- und
Partizipationsmöglichkeit festgelegt. Technik kann hier sowohl als Agent der
Veränderung von Lernkultur funktionieren, als auch als Reproduzent bestehender
Strukturen.

Situationsaspekte formeller Bildungsvorhaben: Peacewiki ist der Versuch, die


Funktionalitäten eines Lernnetzwerkes für ein formelles Bildungsvorhaben zu
adaptieren. Es ist zeitlich begrenzt, der gemeinschaftskonstituierende Zweck der
Kollaboration endet mit dem Abschluss des Seminars und einer individuellen
Leistungsbeurteilung mit institutionellem Charakter. Im informellen oder non-
formellen Lernen urteilt das Individuum selbst über den Nutzten der
Zusammenarbeit. Die Entwicklung einer adäquaten Leistungsbeurteilung für formelle
Lernnetzwerke sollte diese reflexive Selbstbeurteilung formalisieren und explizit
machen.

„Media will never influence learning“7

Neue Medien und der Einsatz neuer Technologien verändern nicht die kognitiven
Prozesse des Lernens, wohl aber die gesellschaftliche Vorstellung, Bedeutung und
6
Hier nicht berücksichtigt: Multi-authoring Blogs und Community-Blogging
7
Titel und Kernaussage eines Artikels von Richard E. Clark [1993]
Organisation von Lernen. Die Tendenz zu mehr sozialer Interaktion und direkter
Partizipation im virtuellen Raum [Stichwort: Web 2.0] lässt sich auch für das Lernen
in multimedialen Umgebungen ausmachen. Inwiefern Technik die oben genannten
Funktionen im Lern- und Bildungskontext erfüllt, hängt davon ab, wie weit der
Handlungsfreiheit und Eigenverantwortlichkeit der Teilnehmenden Raum gegeben
wird. Jede neue Form der Interaktion im virtuellen Raum kann als Herausforderung
für Lehrende und Lernende gesehen werden, damit zu experimentieren und sie
sinnvoll für ihr Lernen und Lehren zu adaptieren. Im virtuellen Raum, wie im non-
virtuellen „lernt der Lernende beim Lernen zu lernen“ [Swertz, 2006].

Literatur

Alby, T.(2007), Web 2.0. Konzepte, Anwendungen, Technologien, München: Carl Hanser
Verlag.
Bath, Corinna (2005), Partizipative Softwaresystemgestaltung: sozio-technische Ansätze
und Skandinavische Schule, Projekte von und für Frauen – Empowerment,
Methodenentwicklung und neue Vorgehensmodelle. Auszüge aus einem
unveröffentlichten Manuskript (14 Seiten).
Bloh, E., Lehmann, B. (2002), Computergestütztes kooperatives Lernen. In B. Lehmann &
E. Bloh (Hg.), Online-Pädagogik. Grundlagen der Berufs- und Erwachsenenbildung.
(S. 146–182) Hohengehren: Schneider Verlag.
Carell A./Hermann Th.(2005), Computerunterstütztes kollaboratives Lernen an der
Hochschule zwischen Fremd und Selbststeuerung. In: The shift from Teching to
Learning. Konstruktionsbedingungen eines Ideals, Hg.: Welbers U./Gaus O.,
Blickpunkt Hochschuldidaktik – Arbeitsgemeinschaft für Hochschuldidaktik. Bielefeld:
Bertelsmann
Clark, Richard E.(1993), Media will never influence learning. In: Educational Technology
Research and Development, Vol. 42, Nr. 2, S. 21-29.
Collins, A., Brown, J., & Newman, S. (1989). Cognitive apprenticeship: Teaching the crafts
of reading, writing, and mathematics. Knowing, learning, and instruction: Essays in
honor of Robert Glaser. Lauren B. Resnick (Ed.) Hillsdale, NJ:Erlbaum Associates,
S. 453-494.
Dillenbourg, P. (1999) What do you mean by collaborative learning In P. Dillenbourg (Ed)
Collaborative-learning: Cognitive and Computational Approaches. (S. 1-19). Oxford:
Elsevier.
European Commission, Eurostat (2000), A Memorandum on Lifelong Learning, European
Commission, Unit E-3, Education, health and other social fields.
Hammel, M. (2003), Partizipative Softwareentwicklung im Kontext der
Geschlechterhierarchie. Hamburg: Peter Lang.
Hinze, U. (2004), Computergestütztes kooperatives Lernen. Einführung in Technik,
Pädagogik und Organisation des CSCL. Münster: Waxmann.
Palloff R.M./Pratt K.(2005), Collaborating Online, Learning Together in Community. San
Francisco: Jossey Bass.
Panitz, T. (1996), Collaborative versus. cooperative learning- A comparison of the two
concepts. Ted's cooperative learning and WAC web site,
http://home.capecod.net/~tpanitz/tedsarticles/coopdefinition.htm (300507).
Schachtner, Ch./Neumayer M.(2007), Peacewiki – Reflexionen über eine virtuelle
Lernumgebung (Teil 1) , in: merz Medien + Erziehung Zeitschrift für
Medienpädagogik, 51.Jg Nr.1 Februar 2007, (S 51-57) München: Kopaed.
Schachtner, Ch / Neumayer, M (2006), Peacewiki der Alpen-Adria-Universität:
Kollaboratives Lernen – Lernen für den Frieden. Jahrbuch des Friedenszentrums der
Alpe-Adria-Universität (S.164 – 171) Klagenfurt: Drava.
Schulmeister, R. (2004), Didaktisches Design aus hochschuldidaktischer Sicht – Ein
Plädoyer für offene Lernsituationen. In Rinn, U.; Meister, D. M. (Hrsg.), Didaktik und
Neue Medien, (S.19–49)
Surowiecki, James (2004). The Wisdom of Crowds: Why the Many Are Smarter Than the
Few and How Collective Wisdom Shapes Business, Economies, Societies and
Nations. Brown: Little
Swertz, Ch. (2006), Statement, persönliches Protokoll der Autorin, Podiumsdiskussion zum
Thema „Wie lernen wir im Netz?“ Tagung Learning Communities, 09. - 11. Nov.
2006, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.
Richardson, W (2006), Blogs, Wikis, Podcasts. – and Other Powerful Web Tools for
Classroom. Corwin Press/Thousand Oaks – California, US.
Wageneder, G. & Jadin, T. (2007). eLearning2.0 - Neue Lehr/Lernkultur mit Social
Software?. In: Günther, J. & Forum Neue Medien Austria (Hrsg.). Tagungsband der
13. FNMA-Tagung. 17. & 18. November 2007. (auch:
http://wageneder.net/artikel/fnma-13.html; 310107)