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GEORG GOELZER – MENSCHHEITSWEG MITTEN-DURCH,

ODYSSEUS UND PARZIVAL UND IHRE KREISE

9. Iwein und Harpin-Rennewart


Der Hauptgrund, warum man Wolframs Willehalm als unvollendet empfindet, ist
die Tatsache, dass wir in dieser Erzählung nichts mehr erfahren darüber, wie es
im Weiteren Rennewart ergangen ist. Rennewart – dies kann nicht sein ursprüng-
licher Name gewesen sein – war der Sohn Terramers und der Bruder von Arabel-
Gyburc, der durch Kaufleute der Brust seiner Amme entrissen und geraubt, von
ihnen aufgezogen und darauf dem römischen Kaiser verkauft worden war. Lud-
wig wusste nichts von seiner Herkunft, hatte aber den Adel in ihm erkannt; doch
weil er die Taufe verweigerte, musste Rennewart Küchendienste leisten. Wolfram
sagt von ihm, er sei genauso schön, stark und unerfahren gewesen wie Parzival, –
aber seine Wesensart war dennoch eine völlig andere; in seinem Empfindungs-
wesen verbarg sich eine Wildheit, die ans Brutale grenzte und ganz unvermutet
hervorbrechen konnte. Als ihm das Gehänseltwerden durch die anderen Küchen-
jungen und die Knappen einmal zuviel wurde, packte er den einen und «schleu-
derte ihn mit einem Schwung an eine Steinsäule, so dass der Knappe wie ein fauler
Apfel durch den Wurf zerplatzte». Durch seinen Zorn verloren auch zwei Köche
das Leben; dem einen, der Rennewarts Bartflaum mit einem glühenden Span
versengt hatte, ging es besonders schlimm, und im Schildern dieser Begebenheit
wird auch Wolfram extrem derb, ja fast zynisch:
Der so geweckte Knappe band ihm wie einem Schaf Arme und Beine zusammen und
warf ihn ohne zu zögern unter einen Kessel in die helle Glut. So verlor der sein Le-
ben. Rennewart liess ihn nicht mit Salz bestreuen, sondern häufte Glut und Kohlen
auf ihn. Der Herr von der Vogelweide hat einmal von Braten gesungen. Dieser Bra-
ten hier war gross und fett, er hätte seiner Dame wohl gereicht, die er immer so herz-
lich verehrt hat.1
Aber wegen seiner adligen Erscheinung und seiner Dienstwilligkeit und weil
er ein ausgesprochen tauglicher Mensch war, erliess man ihm jedwede Strafe.
Willehalm führte ihn, dessen Herkunft er vielleicht ahnte, als seinen persönlichen
Knappen mit in den Krieg. Rennewart selbst, den die Entführer aufgeklärt hatten,
war froh um diese Gelegenheit, seinem Vater und seinen Verwandten es heim-
zahlen zu können, dass sie, wie er glaubte, ihn in seinem erniedrigenden Los völ-
lig im Stich gelassen hatten; denn von ihren ergebnislosen Forschungen nach
ihm hatte er nichts erfahren.
Als Waffe liess sich der junge Recke eine mit Eisen beschlagene vierkantige Stan-
ge anfertigen, die andere kaum zu heben vermochten. In seiner tölpelhaften Un-
bedachtsamkeit vergass er dann aber beim Vorrücken gegen den Feind, der sich
von Orange zum Meer zurückgezogen hatte, die Stange mitzunehmen, und Wil-
lehalm liess sie mit einem Karren holen. An einem günstigen Ort wurde ein Zwi-
schenlager gemacht.

1 Dass sich in dieser makabren Darstellung der Hinweis auf Menschenfresserei verbirgt, ist im

Hinblick auf den Zusammenhang, den wir hier verfolgen, auf eine gruselige Art bemerkenswert.
Am anderen Morgen machte sich das Heer auf gegen die Heidenmacht. Da konnte
man unzählige Trompeten und andern Kampflärm hören. Rennewart wollte wieder
bei allen auf einmal sein, an der Spitze des Zuges und am Ende, bei jenem Haufen
dort und hier bei diesem; alle wollte er sehen, ihre Schilde und mehr noch ihre Fah-
nen – bis er die Stange wieder vergessen hatte... Hatte er sich gestern schon sehr ge-
schämt, so war seine Scham heute doppelt so gross.
Dieses Vergessen wurde dann aber von allergrösster Bedeutung für das Christen-
heer, denn Rennewart lief jetzt zu Fuss los, um die Stange zu holen, und auf dem
Rückweg traf er in einem Engpass auf die in Gegenrichtung ziehenden Heeresab-
teilungen, die von Willehalm nicht nahe stehenden Fürsten angeführt wurden
und die sich entschlossen hatten, die weichen Arme ihrer Frauen den Lanzen und
Schwertern der Heiden vorzuziehen.
Als Rennewart sie in voller Flucht erblickte, stürmte er wutschnaubend auf sie zu.
Noch ehe er mit einem nur ein Wort gewechselt hatte, lagen schon fünfundvierzig
von ihnen erschlagen.
(Spätestens an dieser Stelle taucht das Bild vor uns auf, wie der wilde Tydeus
nach seiner Vermittlungsmission in Theben auf dem Rückweg zum Heer des
Adrastos von den fünfzig ihm auflauernden Thebanern neunundvierzig in den
Tod schickte.) Als man immer noch nicht begriff, mähte er mit seiner Stange
nochmals viele nieder wie Halme, bis sich die abgefallenen Heeresgruppen
schliesslich zur Umkehr bewegen liessen. Willehalm unterstellte sie dem jungen
Stangenträger und gab ihnen den Schlachtruf «Rennewart!», und sie kämpften
dann in der folgenden Schlacht auch recht tapfer. (Ruhmreich sind sie aber den-
noch nicht heimgekehrt; die genannte Geschichtsfälschung wird ganz im Einver-
nehmen mit jenen Fürsten Frankreichs vollzogen worden sein, die sich durch
ihre anfängliche Flucht mit Schande bedeckt hatten.)
Rennewart selbst aber wütete in den feindlichen Reihen wie ein Dämon, und er
befreite auch die acht auf einem Schiff gefangen gehaltenen Verwandten Wille-
halms. Als der Sieg erfochten war, bestand für niemanden im Christenheer ein
Zweifel daran, dass es ohne Rennewart diesen Sieg nicht gegeben hätte. Daher
überkam Willehalm ein unbeschreiblicher Schmerz, als es sich am Schluss der
Kampfhandlungen zeigte, dass der junge Held spurlos verschwunden war. Auf
eines der Feindesschiffe konnte er sich nicht begeben haben, da am Ufer bis zu-
letzt gekämpft wurde und er dabei gesehen worden wäre; er muss sich im Sieges-
taumel der Streiter im letzten Augenblick hinter die Reihen der Kämpfer unbe-
merkt zurückgezogen haben. Aber mit welchem Ziel?
Man hat verschiedentlich versucht, vor allem im Hinblick auf die von Wolfram
dargestellte zarte Liebe zwischen Rennewart und der Kaisertochter Alysse, die
Geschichte weiterzudichten, auch Werner Greub in seinem «zehnten Buch Wille-
halm». In dieser Schilderung eines «möglichen» Verlaufs der Ereignisse findet am
Schluss die Kaiserin, die sich dagegen wehrt, ihre Tochter Alysse einem heidni-
schen Küchenjungen zur Frau zu geben, durch Rennewart und dieser durch Wil-
lehalm den Tod. Damit dies geschehen kann, muss Ludwig in einigem Abstand
dem Heereszug Willehalms bis nach Orange nachfolgen. Dies steht jedoch nicht
nur mit der geschichtlichen Überlieferung im Widerspruch, die zu bezweifeln es
hier keinerlei stichhaltigen Grund gibt, sondern auch mit den Gepflogenheiten
eines Kaisers und erst recht mit dem Charakter Ludwigs. Und ausserdem wider-
spricht eine solche Darstellung Wolframs eigener Ausführung, denn nach ihm
hatte Ludwig in Laon seinen Heerführern gesagt: «Keinen von Euch soll es ärgern
oder wie Feigheit anmuten, wenn ich hier zurückbleibe. Im Kampf bin ich nur ein
einzelner Mann; so aber kann ich Euch viel besser helfen.» (Dass es trotzdem Feig-
heit war, steht auf einem anderen Blatt; nicht wenige Herrscher stellten sich an
die Spitze ihres Heeres, wie es auch Ludwigs Vater Karl getan hatte.)
Warum sollte man hier aber auch etwas erfinden? Unsere Frage an dieser Stelle
müsste lauten: Gibt es nicht irgendwo in dem grossen Komplex der Erzählungen
zu den Geschehnissen jener Zeit Hinweise – wenn auch vielleicht nur bildhaft
maskierte – auf das weitere Leben einer solch auffallenden Gestalt wie Renne-
wart? Im Willehalm wird immer wieder auf den Parzival hingewiesen und in die-
sem Werk unter anderem auf die Abenteuer von Lanzelot, Erek und Iwein (Iwan).
Es geht hier um eine grosse Sinfonie von menschlichen Beziehungen, von der
jedes Werk nur einen Ausschnitt schildert. Wenn die Lebensbahn von Willehalm
und Rennewart am Ende vom Willehalm sich wieder teilt und im Parzival der
Faden aufgegriffen wird, der sich von Willehalm weiterspinnt, so kann in einer
anderen Darstellung der mit Rennewart zusammenhängende Faden weiterge-
sponnen worden sein, wobei es dann aber auch wieder zu neuen Verknüpfungen
gekommen wäre.
Es gibt in diesem Zusammenhang zwei dynamisch in Beziehung stehende Ge-
meinschaften, diejenige der Gralsburg und diejenige der offener in der Welt ste-
henden Artusrunde; Willehalms Weg führt unmittelbar in den Gralskreis hinein,
und wir haben gesehen, wie der von Matribleiz weiterführende Weg über seinen
Nachfolger Ither zunächst zu Artus führt. Sollte Rennewart irgendwo in den Dar-
stellungen über diese Gemeinschaften vorkommen, so wird er eher in der Ver-
bindung mit Vertretern der Artusrunde zu finden sein, zumal es gerade die Auf-
gabe der Artusritter war, «auf Abenteuer» durch die Lande zu ziehen und im
Kampf für das Recht Menschen in Not zu helfen und die Wildheit menschli-
cher Gemüter zu dämpfen und somit für den Gralsimpuls aufzu-
schliessen. 1 Wildheit aber lebte auf eine ganz besondere Weise in der Seele
Rennewarts; gerade weil ihm ein hoher Adel und eine grosse Kraft eigen waren,
hatte es kaum einer nötiger als er, vom Artusimpuls berührt zu werden, um ein-
mal den Weg zu einem fruchtbaren Wirken finden zu können.
Versuchen wir uns in Rennewarts seelische Situation hineinzuversetzen, in der er
sich am Ende der Schlacht von Alischanz befand: Er hatte eine unübersehbare
Anzahl seiner eigenen Landsleute, auch Verwandte, erschlagen und entscheidend
dazu beigetragen, dass sich sein eigener Vater völlig gedemütigt und körperlich
und seelisch wund und gebrochen (es war Willehalm gewesen, der ihn verwundet

1
«Die Ritter der Artusschen Tafelrunde nahmen den Sonnengeist, das heisst den vorchristlichen
Christus, in ihr eigenes Wesen auf. Dann sandten sie ihre Sendlinge hinaus nach ganz Europa,
um die Wildheit der astralischen Leiber der europäischen Bevölkerung zu bekämpfen, zu läu-
tern, zu zivilisieren, denn das war ihre Aufgabe.» R. Steiner, Vortrag vom 21. 8. 1924 (GA 240).
hatte) in sein Land zurückziehen musste. Sein Bedürfnis nach Rache für die ver-
meintliche Verstossung war befriedigt. Bekanntlich führt jedoch die Befriedigung
eines starken ungeläuterten Dranges, besonders wenn dieser den Menschen lan-
ge Zeit vorwärtsgetragen hat, zu einer Art seelischer Ohnmacht; die treibende
Kraft, die den Menschen leitet und zusammenhält, fällt in sich zusammen und
macht den Raum frei für das Aufsteigen von Regungen, die unterdrückt worden
sind. Zu diesen Regungen aber gehörte bei Rennewart vor allem diejenige, der die
blutsmässige Verbindung mit seinem Geschlecht zugrunde lag. Wer die Psyche
des Menschen nur ein wenig kennt, wird sich sagen müssen, dass der junge ara-
bische Fürstensohn plötzlich empfunden haben muss, dass er sich selbst ge-
schlagen hat. Ein unsäglicher Jammer muss in seiner Seele aufgestiegen sein. Der
Rache im betäubenden Blutrausch folgt die zum Erwachen führende Reue. Die
Geister der von ihm Erschlagenen begannen ihn zu peinigen, ja vielleicht sogar
zu «besetzen». Und er wird empfunden haben, dass die Annahme der Taufe, die
ihm den Weg zu Alysse geöffnet hätte, nun noch mehr als vorher für ihn ausge-
schlossen war. Das Leben an einem christlichen Fürstenhof war für ihn, der jetzt
kein Küchenjunge mehr war, unmöglich geworden, und auch die Rückkehr zum
Vater verboten ihm seine Scham und sein Stolz. Er sass buchstäblich zwischen
den Stühlen, und da zuviel junge Lebenskraft in ihm war, um selbst Hand an sich
zu legen, blieb ihm nur der eine Ausweg – derjenige, den Wolfram selbst mit
einem leicht zu übersehenden Satz andeutet: «In die Berge ritten viele aus seinem
[Terramers] Heer, von denen dann nicht wenige erschlagen wurden.» Diese geflo-
henen Kämpfer mussten sich entweder in Gefangenschaft begeben, sich irgend-
wie bis zu einem arabischen Gebiet durchschlagen, was äusserst schwierig gewe-
sen sein dürfte – oder Raubritter werden. Das Raubrittertum war damals – und ist
im Grunde heute noch, in vielfältigster Form und auf allen Ebenen – durchaus
eine Lebensart. Sogar von dem jüngsten Bruder Willehalms, Heimrich dem Sche-
tis (dem Armen), wird gesagt:
«Er besass nicht so viel Land, wie ein Zelt einnimmt. Keine andern Einkünfte stan-
den ihm zu, als was der Tapfere den Feinden als Beute abjagte. Seine rechte Hand
war ihm gleichsam um den Lanzenschaft festgewachsen; er war ein gefährlicher
Gegner im Zweikampf.»1
Sollten sich die in die Berge Geflohenen als Raubritter einem Rennewart ange-
schlossen haben – wobei sie sich zu einem Gebiet ausserhalb der Reichweite von
Willehalms Einfluss durchgeschlagen haben werden –, wird es ihnen in ihrem
neuen Beruf ungewöhnlich gut ergangen sein.
Zur inneren Befriedigung einer stürmischen Seele konnte jedoch dieses Leben
allein nicht führen; der unterbewusste Drang, eine innere Wandlung zu finden
durch die Artuskreis-Mission, das Wilde in den Seelen zu zähmen, wird unauf-
hörlich in Rennewart rumort haben. Zu welchem der auf Abenteuer ausreitenden
Ritter der Tafelrunde aber sollte ihn seine Führung hinlenken? Es konnte dies nur
derjenige sein, der den Impuls in sich trug, gerade mit dem besonders Unheimli-

1 Auch Robin Hood war ein – in den Erzählungen idealisierter – Raubritter. Heimrich der Schetis

allerdings kämpfte ebenfalls im Dienste anderer Herren.


chen in der Seele zu ringen. Wir haben gesehen, wie der Rennewart entsprechen-
de wilde Tydeus als Frevler des Abartigen eine gewisse Wesensverwandtschaft
zeigte mit Salmoneus, der sich in seiner Wahnbetörtheit mit Fackelschleudern
und Donnergetöse als Zeus aufgeführt hatte. Eine sich mit Blitz und Donner auf-
spielende Gestalt aber tritt uns nur in einer (auch im «Parzival» erwähnten) Aben-
teuergeschichte der späteren Zeit entgegen: im Yvain von Chrétien bzw. Iwein
von Hartmann von Aue. Hier wird von einem Wunderbrunnen berichtet, der ein
vernichtendes Unwetter erzeugte, sobald man sein Wasser mit einem goldenen
Becken auf eine smaragdene, mit Rubinen besetzte Steinplatte goss: «vil schiere
[alsogleich] dô gesach ich / in allen enden umbe mich / wol tûsent tûsent blicke
[Blitze]: / dar nach sluoc alsô dicke [mächtig] / ein also kref-tiger donerslac / daz ich
ûf der erde gelac.» Es war Iwein, der dieses Abenteuer bestand und Askalon be-
siegte, der bisher alle ihn durch sein technisches Brunnenspiel Herausfordernden
getötet hatte, – wobei er auch dessen Gemahlin für sich gewann. Als die Entspre-
chung von Salmoneus, dem Vater der Kretheus-Gattin Tyro und somit Vorfahren
unter anderem von Pelias, Jason, Admetos und Amphiaraos – dieser hatte Tydeus
das Gehirn seines Gegners zugeworfen –, tritt aber Askalon, den man durch den
Vergleich im Kreis von Ludwig, Alysse, Willehalm und seinen Verwandten erwar-
ten würde, nicht in der Willehalm-Geschichte auf, sondern er wird von der Geis-
tesführung in den Umkreis von Artus hineingestellt, damit er den ebenfalls ex-
trem überspannten Rennewart wie ein Magnet untergründig dorthin zieht, wo er
den notwendigen «Entwicklungsstoss» empfangen kann.
Geschildert wird, wie Iwein, ein enger Freund Gaweins, in der Begleitung von
einem zahmen Löwen zu einem Schwager von Gawein kommt, der auf seiner
Burg bedroht wird von einem Riesen, dessen einzige Waffe eine grosse
und schwere Stange ist, die Chrétien sogar als vierkantig darstellt wie die von
Rennewart. Um diese Geschichte richtig zu verstehen, muss man sich wieder ins
Bewusstsein rufen, dass sich die Tafelrundenerzählungen von Wolframs Darstel-
lungen dadurch unterscheiden, dass sie die Ereignisse zum grössten Teil in ima-
ginativ gesteigerter und fantasievoll ausgeschmückter Form wiedergeben; den-
noch geht es aber auch nicht nur um Bilderlebnisse (siehe die Einleitung). Der
Riese Harpin war seelisch ein Riese, äusserlich aber ein irdischer Mensch; dies
deutet auch Hartmann von Aue selbst an, indem er den Burgherrn sagen lässt, er
erdulde Schmach und Not durch einen M a n n, der so beschaffen sei, dass man
sich ihm gegenüber nicht wehren könne, und indem er darstellt, wie der
«Riese» auf einem Ross dahergeritten kam (Pferde können keine Riesen tragen!).
Gemeint ist ganz einfach, dass Harpin ein «Riese an Kraft» war, dem man auf
üblichem Wege nicht beikommen konnte. Wenn die Frau des Burgherrn als
Schwester Gaweins dargestellt wird, drückt sich darin eine seelenverwandtschaft-
liche Beziehung zum Artuskreis aus, und das Bestreben Harpins, ihre Tochter zu
rauben, ist das Bild seiner untergründigen Sehnsucht, sich mit der Seele des Ar-
tuskreises zu verbinden. Ins Bildhafte hinein übertrieben ist sicher auch die
Schilderung, wie er das Land verwüstete, sechs Söhne des Burgherrn gefangen
nahm und zwei davon erhängte. Sollte der «Riese Harpin» (Chrétien: «Harpin
vom Berge») – der Name klingt an «Harpune» an – tatsächlich der «Raubritter
Rennewart» sein, so kann man sich durchaus denken, dass er sich als Waffe wie-
der eine Stange zugelegt hatte (gegen Ende der Schlacht hatte er mit dem Schwert
gekämpft, weil ihm die Stange zerborsten war), doch wahrscheinlicher ist, dass
der «Riese mit der Stange» die imaginative Gestalt ist, die erscheinen kann, wo
sich – in einer Geistesschau oder im Traum – das Urmächtige im Seelenwesen des
scheinbar unbezwinglichen Raubritters vor das innere Auge stellt.
Dass hier Übersinnliches mit im Spiel war, zeigt das Eingreifen des Löwen in
Iweins Kampf mit Harpin; ohne diese Hilfe wäre es um Iwein geschehen gewesen.
Der Löwe in dieser Geschichte kann kein irdisches Wesen gewesen sein; er hatte
sich Iwein zugesellt, nachdem dieser ihm geholfen hatte, einen Drachen zu be-
zwingen. Dass die Menschen auf der Erde den Verstorbenen in ihrem läuternden
Ringen mit eigenen und fremden Seelengewalten entscheidende Hilfe leisten
können, ist zu allen Zeiten ein auf Erfahrung beruhendes Wissen gewesen und
sogar in kirchlichem Zusammenhang anerkannt; indem aber der Verstorbene
durch solche Hilfe frei wird für ein helfendes Wirken seinerseits, gewinnt sich der
auf ihn hinorientierte Mensch einen Beistand für seine Aufgaben auf der Erde.
Das Wirken aus dem Geistbereich heraus drückt sich in der Darstellung auch
darin aus, dass der Löwe Harpin von hinten angriff und ihm Kleid und Fleisch
vom Rücken herunterzog – geistiges Einwirken wird vornehmlich aus einer Welt
«hinter» uns kommend erlebt, und Rennewart wurde in seiner Seele für ein sol-
ches Wirken aufgeschlossen. Ob Iweins Schwertstoss in Harpins Herz auch äus-
serlich zu verstehen ist, mag dahingestellt bleiben; jedenfalls empfing der wilde
Mensch in seiner Begegnung mit dem Artusritter Iwein einen tiefgehenden An-
stoss zur Läuterung seines ungestümen Wesens, einer Läuterung, die allein ihm
den Weg zu neuen Entwicklungsmöglichkeiten erschliessen konnte.