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03.06.

2010

Kein Staat ist wie Israel


Von Reuven Merhav

Es gibt keinen anderen Staat innerhalb der westlichen Welt wie Israel, das eine Last auf seinen
Schultern trägt, deren Schwere den Toren Gazas gleichkommt – die Last eines feindlichen Regimes an
einer entblößten Grenze, das seine Mitmenschen mit Terror misshandelt, das Mord und Entführung
betreibt im Gewand eine armen palästinensischen Samson, dem man zu essen und zu trinken geben
muss. Und es gibt keinen anderen Staat, der wie Israel bei dieser Last auch in Krisensituationen den
internationalen Medien freien Zugang gewährt – einschließlich derer aus der arabischen Welt, auch
derer, die entstellte Dinge verbreiten und das Feuer anheizen - obwohl die Wahrheit jedem bekannt ist:
Es herrscht kein Hunger in Gaza, die notwendige Versorgung verläuft ordnungsgemäß, Israel liefert
weiter Wasser und Strom, und just in diesen Tagen sind Dutzende von Kranken aus Gaza in
staatlichen Krankenhäusern behandelt worden, auf Kosten des israelischen Steuerzahlers.

Man stelle sich die Dinge anders herum vor: Irgendein Staat gestattet dem Flaggschiff einer Lügen-
und Sudelmission, aus einem Hafen in seinem Hoheitsgebiet auszulaufen, an Deck bewaffnete
Kämpfer und hochrangige Geistliche, die teils in der Vergangenheit auf frischer Tat beim
Waffenschmuggeln an ‚militante’ Organisationen erwischt wurden, deren Waffen gegen Zivilisten
gerichtet sind.
Man stelle sich vor, dass das Schiff mit dem Segen der staatlichen Obrigkeit Kurs auf ein
muslimisches oder arabisches Territorium nimmt, in welchem ein territorialer Konflikt stattfindet, der
Zugangsbeschränkungen für ungeprüfte Güter notwendig macht. Wie würde die Türkei, ein wichtiger
Staat, der weiß, was das Völkerrecht ist, sich verhalten? Schließlich wurde sie selbst in der
Vergangenheit von internationalen Elementen angegriffen wegen ihrer berechtigten Sensibilität
gegenüber der Souveränität ihrer Grenzen zu Land und zu See. Als jemand, der zur Zeit des
Ausbruchs des Zypernkonflikts im Jahr 1975 in der Türkei war, als große türkische Truppenverbände
in den Norden der Insel einfielen, wo sie noch heute stehen, kann ich verbürgen, dass die israelische
Reaktion auf die Flottille angemessen und kontrolliert war.

Ich stelle mir vor, wie sich Jordanien und andere arabische Staaten in einer ähnlichen Lage verhalten
hätten, und wir alle erinnern uns, wie die PLO-Leute zu uns flüchteten, als der verstorbene König
Hussein im September 1970 entscheid, dass er von ihrem Terror genug hatte. Daher beeindrucken
mich die Proteste von dort nur schwer. Vergessen wir nicht, dass zwischen den Aufrufen, die Krise
friedlich beizulegen, auch ein ägyptisches Angebot zur Hilfe in der Sache gehörte, das allerdings von
den Organisatoren der Flottille abgeschmettert wurde.

Es besteht kein Zweifel, dass wir schweren Angriffen in den Medien ausgesetzt werden, von Feinden,
neutralen Instanzen und auch von Freunden. Die bewaffneten Soldaten der Spezialeinheit, die beim
Sturmangriff auf Zivilisten, einschließlich von Frauen und Alten, fotografiert wurden, stellen kein
herzerquickendes Schauspiel dar. Ein Bild ist mehr wert als Tausend Worte, und ich hoffe, dass die
wahren Bilder von Flottillenpassagieren in Aktion, gemeinsam mit einer umfassenden und
unermüdlichen Aufklärungskampagne unter Einsatz elektronischer Medien, die in Millionen von
Häusern dringen , Israels vorübergehende Not lindern werden.

Ein besondere Aktion, jenseits der Brandlöschung, ist sowohl unter den israelischen Arabern als auch
unseren Nachbarn nötig, insbesondere innerhalb der türkischen Bevölkerung und unseren vielen
Freunden dort – angesichts der erklärten Feindseligkeit ihres Ministerpräsidenten.

Unsere Feinde werden wir nicht überzeugen können – aber sowohl in der Region als auch in der Welt
können wir Schäden minimieren, wenn wir vernünftig handeln: wahre Bilder zur richtigen Zeit
vorlegen und Kanäle öffentlichen Einflusses mit den diplomatischen verbinden.
Wir müssen uns nur daran erinnern, was im September 2005 geschah, als Israel sich einseitig und
vollständig aus dem Gaza-Streifen zurückzog. Es beweis damals deutlich seinen Unwillen, über
Hunderttausende Araber zu herrschen, seine Entschlossenheit zu einer intelligenten und angemessenen
Politik und seine Friedensbereitschaft, trotz aller Schwierigkeiten. Das ist eine beispielhafte
Errungenschaft, die bleibt und den schlagenden Beweis für die Fähigkeit einer demokratisch
gewählten Regierung liefert, schwere Entscheidungen zu fällen sowohl mit einer entscheidenden Tat
wie dem Rückzug aus dem Gaza-Streifen als auch bei einer wichtigen taktischen Tat wie der
Verhinderung von Provokation an den Toren Gazas.

Reuven Merhav ist Vorstandsmitglied des Rats für Frieden und Sicherheit und war Generaldirektor
des israelischen Außenministeriums.

(Yedioth Ahronot, 01.06.10)