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wobei der Narrative Criticism vielleicht mehr geschätzt wird, als er wirklich von Nutzen ist (z. B. 356: "three levels of readers: the first-time reader, the implied rea- ders, and present-day readers"). In der Synoptischen Frage vertreten die Autoren die übliche Form der Zweiquellentheorie ohne die Belastung durch das IQP und dessen fragwürdiges Q-Modell, verraten aber keinerlei Kenntnis der Probleme, die mit der Erforschung der Minor und Major Agreements verbunden sind (vgl. dazu A. Fuchs, Plädoyer ftir das Gestrige? - Anfrage an Michael Wolter, in: SNTU 34 [2009] 207- 246; ders., Spuren von Deuteromarkus, Bd. I-V, Münster 2004.2007; ders., Defizite der Zweiquellentheorie, Frankfurt a. M. 2009). Als rasche Grundinformation leistet das Buch aber sehr gute Dienste.

Linz

Albert Fuchs

Andreas LINDEMANN, Die Evangelien und die Apostelgeschichte. Studien zu ihrer Theologie und zu ihrer Deutung (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 241), Tübingen: Mohr Siebeck 2009. VIII, 422 S., gebunden. ISBN 978- 3-16-150041-1. EUR 114,-

Lindemann legt in vier Kapiteln (MkEv, Logienquelle/lk Doppelwerk, JohEv sowie Theologie und Hermeneutik der Evangelien) 14 bereits veröffentlichte und zwei neue Beiträge zu exegetisch-theologischen Fragen vor. In der Einleitung eines jeden Kapi- tels geht er u. a. auf neuere Arbeiten zu den von ihm behandelten Themen ein.

Der Versuch einer Rekonstruktion der Überlieferungsgeschichte der Perikope vom Ährenraufen am Sabbat führt zum Ergebnis, dass Mk 2,23f.27f. ein Apophtheg- ma bildete, Mk 2,28 (Christi Herr-Sein über den Sabbat), Mk 2,25f. (Hinweis auf das Verhalten Davids) dagegen nacheinander als Kommentar eingefügt wurde. Damit

"war die Frage nach der Funktion des Gesetzes im Beziehungsfeld von Gott, Mensch und Welt" nicht nur neu gestellt, sondern auch beantwortet worden. Durch das Weg-

lassen von Mk 2,27 ("Der Sabbat ist um des Menschen willen geworden

Mt und Lk wohl das Missverständnis ausschließen, dass der Mensch Maß und Norm aller theologischen und ethischen Normen ist. Weil sie dadurch die Konsequenz des Herr-Seins Jesu über den Sabbat für den Menschen ausgeschaltet haben, kann nach dem Urteil Lindemanns nur der Mk-Text theologisch verbindlich sein. Wie beim Ährenraufen ist die Konkretion in Mk 3,1-6 (Heilung einer verkrüppelten Hand am Sabbat) erkennbar fiktional. Jesu Haltung zum Sabbat dürfte historisch richtig wie- dergegeben sein, wofür auch die Authentizität von Mk 2,27 spricht.

") wollen

Die "Erzählung vom Sämann und der Aussaat (Mk 4,3-8)" ist eine ursprunglich weisheitliehe Erzählung, "die am Beispiel der Aussaat den Zusammenhang zwischen

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menschlichem Tun und dessen möglichen Folgen beschrieben und dabei die Inter- pretation der Intention nach im Grunde dem Leser überlassen hatte" (66). Nun soll sie allegorisch erklären, dass Misserfolg in der Missionstätigkeit weder dem Verkün- diger noch dem gesäten Wort anzulasten ist. Die Erzählepisoden in Mk 4,35-41; 5,1-20; 5,21-43 wurden offenkundig wegen ihrer Thematik (Machttaten Jesu) zusammengestellt; Mk 6,1-6a reflektiert dagegen darüber, warum Jesus in Nazaret keine Wundertaten vollbracht hat. Für die jetzt vor- liegende Sturmstillepisode (Mk 4,35-41) ist wahrscheinlich der Evangelist verant- wortlich. Der Vorwurf der Jünger gegenüber Jesus (Mk 4,38b) ist rur die Leser nachvollziehbar, insofern sie sich in einer ähnlichen Notlage befinden. Entsprechend zielt Jesu Antwort (V. 41) aufAdressaten, die, obwohl Christen, noch keinen Glauben haben. Die nach einem Wunder zu erwartende Akklamation bleibt aus und soll of- fenbar den Adressaten überlassen werden. Mk 5,1-20 (der Besessene von Gerasa) liegt offenkundig eine Erzählung von einem Exorzismus und dem Untergang einer Schweineherde zugrunde. Mk geht es um Heidenmission. Gott erbarmt sich auch solcher Menschen (Mk 5,9), die bislang nichts von ihm wussten, und schenkt ihnen neues Lehen. Die Erzählung von der hlut- flüssigen Frau ist ein Pendant zu der vom Besessenen von Gerasa. Beiden gewährt Jesus eine neue Existenz. Bei der Erweckung der Tochter des Jatrus (Mk 5,22-24.35- 43) ist Jesus anders als bei der blutflüssigen Frau, die aufgrund ihres Glaubens geret- tet wurde, der allein Handelnde. Alle von Mk erzählten Wundertaten Jesu erklären offen, wozu Jesus die Menschen aufgerufen hat: zum Evangelium. Wo dieser Glaube fehlt, geschehen keine Wundertaten (Mk 6, 1-6a).

In der Heilungserzählung vom epileptischen Kind in Mk 9,14-29 werden die Symptome der Krankheit in einem breiten, bei Mt und Lk ausgelassenen Dialog zwi- schen Jesus und dem Vater detailliert beschrieben. In der griechischen Antike gilt die Epilepsie als "heilige Krankheit", weil man einen solchen Kranken unter einem göttlichen Fluch sieht. Für den christlichen Erzähler bewirkt eine gott- und men- schenfeindliche Macht diese Krankheit, bei der der Mensch sein Personsein zu ver- lieren scheint. Wegen der Lautlosigkeit nach einem kurzen Schrei zu Beginn des Anfalls gilt der böse Geist als stumm. Weil der Kranke während des Anfalls und kurze Zeit danach nicht ansprechbar ist, gilt er auch als taub. Jesus überwindet die Taubheit durch die Anrede des "tauben" Geistes. Um die Macht der Epilepsie zu be- kämpfen, ist der Mensch nach Mk auf Gott angewiesen.

Mk 9,33-37 und Mk 10,13-16 handeln von Jesu Umgang mit Kindern. Nach Mk 10,14b fordert Jesus gegen den Widerstand der Jünger (V. 13) mit der Begründung, dass ihnen die Gottesherrschaft gehöre, dazu auf, die Kinder zu ihm kommen zu

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lassen. Diese Heilszusage bestätigt Jesus dadurch, dass er Kinder umarmt und segnet (V. 16). Für die nachösterliche Gemeinde heißt das, dass Kinder an der Zugehörig- keit zu ihr nicht behindert werden dürfen. Alles spricht dafür, dass die Kindertaufe in den meisten Gemeinden praktiziert wurde.

Die so gut wie unverändert übernommene Grabesgeschichte Mk 16,1-8 wird durch die ihr vom Evangelisten zugewiesene Stellung zur authentischen Osterbot- schaft. Zusammen mit dem Verzicht von Erscheinungsberichten stellt das Schweigen der Frauen (V. 8) sicher, dass die Auferweckung Jesu den Lesern unvermittelt von dem jungen Mann verkündigt wird (V. 6), die dadurch die Botschaft auf dieselbe Weise empfangen wie die Frauen.

Zu Beginn des 2. Kapitels stellt Lindemann kritische Fragen zu Umfang, Gattung, Wortlaut und Entstehungsgeschichte der Logienquelle, deren schriftliche Existenz für ihn unverrückbar feststeht. Dabei hält er u. a. fest, dass die Logienquelle uns nicht näher an den historischen Jesus heranführt, als das MkEv oder das Sondergut bei Mt und Lk.

Unter der Überschrift "Einheit und Vielfalt im lukanischen Doppelwerk" ver- gleicht Lindemann zunächst zwei offenkundig parallel gestaltete Reden: Jesu An- trittsrede (Lk 4,16-30) und die Pfingstpredigt des Petrus (Apg 2,14-41142). Während Jesu Rede erfolglos blieb, war der Petrusrede großer Erfolg beschieden. Lk will da- durch sagen, dass Jesu Leben ebenso begonnen hat, wie es endete, nämlich mit einer Katastrophe, während das Wirken der Kirche, geleitet durch den von Jesus verheiße- nen Geist, von Anfang an sehr erfolgreich gewesen ist. Es folgt ein Vergleich der Wundererzählungen und der Wundersummarien und des Abendmahls und der Mahl- gemeinschaft im LkEv und in der Apg. Lindemanns These, das Abendmahl (Lk 22,14-20) werde nach Lk offenkundig anders als das Brotbrechen, das mit dem Her- renmahl nichts zu tun habe, nicht wiederholt, halte ich für unwahrscheinlich. Lk berichtet in seinen drei Summarien (Apg 2,42-47; 4,32-37; 5,12-16) gerafft über Aspekte des Gemeindelebens. Lk fordert keine Gütergemeinschaft, sondern Besitzverzicht zugunsten Bedürftiger in der Gemeinde. Die Verteilung der zur Ver- fugung gestellten Mittel soll unter sorgfältiger Aufsicht der Apostel geschehen. Das große religiöse Interesse des äthiopischen Eunuchen, eines wohlhabenden und einflussreichen Beamten, wurde weder im Jerusalemer Tempel noch aus der Schriftlektüre, sondern durch die Jesuspredigt des Philippus und durch die Taufe be- friedigt. Lk zeigt damit, dass religiöses Interesse durchaus ein Anknüpfungspunkt für die Missionspredigt sein kann. Im 3. Kapitel widerlegt Lindemann zunächst E. Käsemanns These, Joh vertrete einen "naiven Doketismus". Hätte er Recht, müssten auch dessen Anthropologie und

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Ekklesiologie doketisch sein, was sie nachweislich nicht sind. So weiß sich die Ge- meinde gerade als von der Welt geschiedene zu ihr gesandt. Joh will seinen Lesern nach 1,17 zu verstehen geben, dass die Gemeinde in der ungebrochenen Tradition des Mosegesetzes lebt und die nicht an Jesus glaubenden Juden diese biblische Tradition missverstehen und missachten. Die Rede von Gesetz und Gnade in Joh 1,17 betont die heilsgeschichtliche Kontinuität bei denen, die er- kennen, dass das Gesetz auf Christus verweist und dass das Gesetz nur von diesen verstanden werden kann. In seinem 4. Kapitel zeigt Lindemann zunächst, dass von einer Theologie der synoptischen Evangelien gesprochen werden kann, wenn man einräumt, dass Theo- logie auch in erzählender Weise dargestellt werden kann. Den Jesuserzählungen der drei Evangelisten liegt tatsächlich eine jeweils reflektierte theologische Konzeption zugrunde. Die Untersuchung zur Hermeneutik der exegetischen Diskussion der Wunderer- zählungen kommt u. a. zu dem Ergebnis, dass es ein Missverständnis sei, nur dann von einem Wunder zu sprechen, wenn etwas geschehen ist, was sich anscheinend nicht erklären lässt. Die Wundererzählungen sollen in Unordnung Geratenes in Ord- nung bringen. Der letzte Beitrag gilt dem Jesusbild der Evangelien. Jesus wird in den Evangelien als Jude in seiner jüdischen Umwelt dargestellt. Für alle Evangelisten ist Jesus ex- klusiv der "Sohn Gottes", der "Menschensohn" und sogar der "Herr". Zur Zeit der Niederschrift der Evangelien war die Völkermission normal. Aber erst im Auferste- hungszeugnis erfahren die Adressaten, dass das Christusgeschehen auch den Nicht- juden gilt, so dass niemand einen Grund hat, Jesus zurückzuweisen. Die kurze Übersicht dürfte gezeigt haben, dass ein Studium und eine Auseinan- dersetzung mit den dargebotenen Beiträgen allemal lohnt.

Bonn

Heinz Giesen

William LOADER, The New Testament with Imagination. A Fresh Approach to its Writings and Themes, Grand Rapids / Cambridge: William B. Eerdmans 2007. X, 206 S., paperback. ISBN 978-0-8028-2746-3. USD 16,- / GBP 8,99

W. Loader, Professor am Research Council der Murdoch University, Perth, West- australien, hat nach Jahrzehnten der Lehre mit diesem Buch eine Einführung in das Neue Testament vorgelegt, bei der die Leser den Autoren gewissermaßen über die Schulter schauen können und an ihren kirchlichen und theologischen Problemen be-

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