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Wolfgang Cernoch

ZUR ABSTRAKTIONSEBENE EINER HISTORISCH BETRACHTETEN


KOMMUNIKATIONSTHEORIE UND IHRE EIGENTÜMLICHEN
EREIGNISSE. VERSCHIEBUNG, UMPRÄGUNG, BRUCH

Mit dem Terminus „Verschiebung“ kann nur eine vorläufige Situierung


einer historisch interpretierbaren Abstraktionsebene der
Kommunikationstheorie erwartet werden. Welche „Ereignisse“ könnten
neben der „Verschiebung“ auf dieser projektierten Abstraktionsebene
abgebildet werden? Zu beobachten wäre, inwieweit die darin
ablesbare Verschiebung affirmativen oder bewährenden Charakter
zugeschrieben bekommt, und warum. Und wenn nicht, warum
nicht? Die veranschlagte Unfähigkeit der Kommunikationstheorie
Brandoms als Version des auf Carnap zurückgehenden
Konfirmationsholismus, auf diese Fragen eine außersoziologische
Antwort zu finden, muß als Kritik am Umgang mit dem
referenzproblem verstanden werden. Für die hier verfolgte
Absicht ist dieser Mangel ein Vorzug, weil die gesuchte
Abstraktionsebene möglichst frei von epistemologischen
Vorentscheidungen gehalten werden soll.

Der Terminus „Verschiebung“ beinhaltet auch die Verschiebung


eines „Gehalts“ außer dem Fokus der Aufmerksamkeit. Ich werde
versuchen, allmählich die Terminologie Johann Friedrich Herbarts
bezüglich des Absinkens, Hemmens und Förderns von
Vorstellungskomplexionen einzubringen, womit Sigmund Freud
(allerdings innerhalb eines individuellen Bewußtseins) auf andere
Gründe der Verschiebung von Bedeutungen, wie hier exponiert,
geschlossen hat. Diese Perspektive geht schon eine Stufe ins
Konkrete weiter, als ich die hier geplante Abstraktionsebene für
die gesellschaftlich in ihrer zeitlichen Ausdehnung betrachteten
Kommunikation veranschlage.

So kann diese Verschiebung ein bloßes, nicht weiter motiviertes


Verlieren aus dem kollektiven Gedächtnis sein. Es wird weiter
fortgehend ein Modell für Fragen der Art gesucht, wie und
weshalb es zu Umprägungen und Brüchen kommt. Deshalb ist die
folgende Unterscheidung auch unverzichtbar:
(a) In Gründen, die innerhalb der Kommunikationssphäre liegen,
indem bestimmte Inhalte kommuniziert werden, oder nicht
(Bildung, Publizistik, öffentliche Meinung und deren
Zersplitterung in Parallelgesellschaften).

(b) in Gründen, die zwar durch in (a) genannte Gründe von der
Kommunikationssphäre in Abhängigkeit geraten sind, aber doch
außerhalb der Kommunikationssphäre denotieren (in der Wissenschaft:
Präsuppositionen in der Heuristik der Wissenschaft, Skotomisierung
durch Methodenwahl und Methodenmonokultur spätestens in der
nächsten Generation; in der Ökonomie, in der Politik, schließlich wieder
in der Kultur mit der Rückbezüglichkeit der dort gefällten
Entscheidungen auf das Menschenbild)

(c) In Gründen, die uns nur mittelbar durch Verfahren bekannt sind, die
von Gründen aus (a) und (b) mitbestimmt sind.

Wie Schumpeter aufgezeigt hat, hat sich die Wirtschaft im technischen


Bereich hinsichtlich der Implementierung naturwissenschaftllciher
Kenntnisse in wirtschaftliche Katastrophen weiter entwickelt.
Demgegenüber ist der Finanzmarkt als die eine Randbedingung
aufzufassen. Die andere ist die Bedeutung eines militärisch-
industriellen Komplexes für die Implementierung eines geordneten
Transfers von Wissenschaft zu Industrie und Wirtschaft.

In diesen Beispiel sind die verschiedenen Arten von Gründen und deren
Verwickeltheit grundsätzlich leicht nachzuvollziehen.

Ich habe vor, diese eigentümliche Unterscheidbarkeit von Gründen (die


Entwürfe von Ebenen der Selbstorganisation mit sich bringen) bei
gleichzeitiger unauflöslich scheinender Verquickung zwischen

(i) letztlich nur gesetzter Objektebene,


(ii) jeweilige Ebenen deren Repräsentationen
(iii) Aussagen der Propositionen und die eingeschränkte Bedeutung der
Formen letzterer
(iv) schließlich konsquenterweise auch der Repräsentationsebene,
welche die zuvor gesetzten Objektebenen, deren Repräsentationen,
deren Propositionen und deren Aussagensystematisch aufeinander
bezieht

in systematisch-theoretischer Hinsicht und in zeitlich-prozessualer


Hinsicht zu verfolgen. Das soll u. a. zu einem vertieften Verständnis der
zum Teil im Rücken der Beteiligten liegenden wechselseitigen
Abhängigkeit von Soziologie und Geschichte führen.

Die abstrakte Begrifflichkeit der angepeilten Abstraktionsebene in


horizontaler und vertikaler Ausdehnung, die von
„Parallelgesellschaften“ (eine soziologische Charakteristik von auf der
Ebene der »Weltbilder« semantisch unterscheidbaren Dimensionen)
weitgehend unabhängig sein sollte, benötigt wegen ihrer zusätzlichen
zeitlichen Dimension, deren Eigentümlichkeit und weiteren
Differenzierbarkeit noch nicht ausgewickelt werden konnte, eine
quasi-neutrale Ausdrucksweise, die gerade nicht von näher
bestimmbaren Interpretationen geprägt worden ist, oder von der
Prägung durch einen vorgängigen Gebrauch nicht völlig absehen
kann.

Deshalb habe ich an eine Terminologie mit herbartianischen Wurzeln


gedacht, deren Verfremdungskapazität mir aus dem 19. Jahrhundert
bekannt ist. Allerdings reicht die dort entwickelte Terminologie nicht
aus, um alle relevanten Phänomene zu beschreiben. U m
„ P hä nome ne “ z u b e schr e ib e n, d ie a ls solche e r st mit
d e r Ab sicht d e r E r r ichtung e ine r ge e igne te n
Ab str a k tionse b e ne z ur E r r e ichung d e r B e fä higung,
e ine T he or ie mit H yp othe se n b ild e n z u k önne n,
üb e r ha up t in d e n K r e is d e r Aufme r k sa mk e it tr e te n,
sind b e stimmb a r e R e la tione n z wische n d e n E le me nte n
d ie se r vor lä ufige n und a b str a k te n P hä nome nologie
n ö t i g . Ich ziehe deshalb vor, in allgemeinen und kollektiven
Konkretisierungsschritten bei der Unterscheidung des mittleren
Pearsons in System, und Systemhierarchien einerseits und einer nicht
näher spezifierten Struktur einer teilweisen oder anderen Art von
Selbstorganisation andererseits zu bleiben.

in einem erst jeweils zu charakterisierenden Zusammenhang (minimale


Interpretation) sind die Ereignisse, die auf dieser Abstraktionsebene
abgebildet werden können, vorwiegend von Gründen bestimmt, die
außerhalb der Abstraktionsebene liegen. Insofern ist auch die zeitliche
Dimension keineswegs näher bestimmt, nur als von der Zeitlichkeit der
Performation oder Rekapitulation verschieden bestimmt worden.
Obwohl die Ereignisse der Abstraktionsebene auf die historische
Charakterisierung der Zeit abzielen, wird mit der Terminologie der
Abstraktionsebene die in den Blick genommene Geschichtlichkeit der
Zeit gerade nicht erreicht. Das soll aber auch nicht deren unmittelbare
Aufgabe sein.

Die Rede ist von Ausdrücken wie

Verschiebung,
Umprägung,
Bruch als Gelegenheit für gleichzeitig erfolgende oder später sich
einstellende Reflexion (die sogenannte „Dialektik“ zwischen
oppositionellen Positionen oder Kräften),
Bruch als unmittelbarer Ausdruck der Spontaneität eines grundsätzlich
darstellbaren Systems (Fulguration),
schließlich Bruch als Ausdruck der Spontaneität eines Systems von
Systemen oder als Folge der Annäherung oder Entfernung von
Systemen von Systemen.

Diese wegen ihrer Vorläufigkeit und Konstruiertheit gleich abstrakten


Ausdrücke sind nicht selbst Elemente einer Theorie, sondern sollen
Theorien aufeinander beziehen. Erst dann kann eine eigene Theorie der
Geschichte in Erwägung gezogen werden. Die gesuchte
Abstraktionsebene hat selbst keinerlei ontologische Konnotation und
entspricht auf der Ebene der linguiistischen Verzweigungen in
grammatikalischen, logischen und semantischen Aspekte der
Einklammerung der Bilder (Robert Zimmermann als Vorläufer) oder
bloßen Vorstellungen und Begriffe in der transzendentalen Epoché der
Lebenswelt von Edmund Husserl. Anders als Husserl oder auch ich in
anderen Zusammenhängen verfolge ich hier aber nicht das
transzendentale Erkenntnissubjekt und deren Psycholgien des
Urteilens.

Die situierte Abstraktionsebene ist auch keine der klassischen


Ideenlehre, ich gehe hier von einer kultursoziologischen Perspektive
aus, die ich kommunikationstheoretisch interpretiere, um möglichst
allgemein (nicht möglichst abstrakt) die Veränderungen der Episteme,
welche den jeweiligen historischen Ideen als Teil eines Ensembles eines
»Weltbildes« zu Grunde liegen, verzeichnen zu können. Meine
theoretische Absicht liegt insofern Husserl näher als Brandom, obwohl
ich hier die Kommunikationstheorie und nicht die transzendentale
(oder nur postulatorische) Psychologie zur Erstellung der gesuchten
Abstraktionsebene aller Repräsentationen heranziehen will. Auf dieser
Ebene sollen beide Ansätze samt deren semantischen Horizonte
nochmals verzeichnet werden können, ohne die Epistemologie zur
logischen Identifizierung von etwas zu benutzen.

Auf dieser Ebene sollen Verschiebungen, Umprägungen und Brüche der


für die Dynamik der Gesellschaftsentwicklung relevanten Episteme
verzeichnet werden. Diese Episteme müssen nicht logisch kohärent
sein, aber für relevante Perspektiven in verschiedenen Kombinationen
und Auslassungen die semantische und logische Kohärenz
begünstigen. Die Beschreibung ihres hermeneutischen Funktionierens
führt zu soziologischen, ökonomischen und politischen Konzepten, wie
die Gesellschaft in einer Epoche funktioniert. Die situierte
Abstraktionsebene soll die Brücke sein, um die epistemischen
Bedingungen der historischen Veränderung der relevanten Episteme
herauszufinden. Diese Brücke ist zugleich die Brücke zwischen
Soziologie und Geschichte, wie sie schon in der ersten Hälfte des
Zwanzigsten Jahrhunderts verschiedentlich angedacht worden ist.