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G. W. Cernoch

DIE VIERFACHE SEZESSION DES KANTSCHEN KANONS


VON THEORIE UND PRAXIS
Versuch zur Vermittlung des Kantschen Kanons mit der
philosophischen Sezession seit Reinhold und Fries
in Hinblick auf Brentano nach Michael Benedikt

Kommentar zum Schlußwort des dritten Bandes von »Verdrängter Humanismus-Verzögerte Aufklärung«,
Bildung und Einbildung. Vom verfehlten Bürgerlichen zum Liberalismus. Philosophie in Österreich
(1820-1880), Hrsg. Michael Benedikt, Reinhold Knoll, Verlag Edituria Triade, Klausen-Leopoldsdorf,
Ludwigsburg, Klausenburg 1995 S. 867 ff..

1. Der erste, der transzendentalanalytische Kanon der Erscheinung

Erster Kanon (von Reinhold zu einer analytischen Einheit von Vorstellungen


methodisch zusammengezogen) ist der Kanon des Verstandes:
»Dieselbe Funktion, welche den verschiedenen Vorstellungen in einem Urteile
Einheit gibt, die gibt auch der bloßen Synthesis verschiedener Vorstellungen in
einer Anschauung Einheit, welche, allgemein ausgedrückt, der reine
Verstandesbegriff ist« (B 104, K.r.V.)
Die Methode bestünde darin, die Handlung im Urteil nicht nur auf
Anschauungsarten und ihrer Inhaltsmannigfaltigkeit zu differenzieren,
sondern vielmehr sie auch aus den relationalen Handlungen und ihrem
Verbalisieren entsprechend herauszulösen und sie in die modalen
Voraussetzungen unserer je verschiedenen Handlungsstruktur einzubringen.
Der allmählich stattfindende Übergang von der Klassenlogik zur
Aussagenlogik wird von Benedikt schon in der Deduktion beansprucht.
(Schluß, Bd. 3)

These 1: Die philosophische Sezession, durch Bolzanos »Ansprüche und


Konzepte des Ideals« gegenläufig als Bruch gegenüber angeblicher
Subjektivität unterstützt, wird durch Herbart fortgesetzt und zu einem
gemäßigten Realismus nivelliert. Diese Nivellierung komme erst ein
Jahrhundert später zum Tragen. (Die Thesen entstammen einem Vortrag von
Michael Benedikt zu Franz Brentano in Sopron 1995)


Offensichtlich hat die These 1 zu Brentano inhaltlich mit dem ersten Kanon
Kants zu tun: Die Sezession besteht eben in der wechselweisen einseitigen
ii

Zuspitzung auf die im ersten Kanon angesprochenen Positionen des


Verstandes und der Sinnlichkeit, die aller Synthesis vorausgesetzt sind. Nun
räumt auch Kant in beiden Fassungen der ersten Kritik dem Verstand insofern
den Vorrang gegenüber der Sinnlichkeit ein, indem jener diese im
Erkenntnisurteil zu bestimmen hat. Es scheint so, als ob die Neuerung Kantens,
im Rahmen der transzendentalen Logik auch die Sinnlichkeit für a priori
notwendig zu halten, bei Reinhold dazu geführt hat, vor dem Hintergrund des
gern falsch verstandenen »ästhetischen Rationalismus« Baumgartens, das
Erkenntnisurteil mit dem ästhetischen Urteil Kantens zu verwechseln bzw. zu
identifizieren. Gewissermaßen im Gegenzug hat Bolzano im Konzept der
Wahrheiten an sich, die erst im subjektiven Urteil die Sinnlichkeit benötigen,
die Stellung der reinen Verstandesbegriffe im Schematismus übersehen, und
die, über die Kategorien hinausgehenden, Noumena als reine oder bloße
Verstandeswesen zu kritisieren verabsäumt.


Brentano hat die Einteilung der Seelenvermögen seit Kant geändert; nicht
mehr die Auseinandersetzung um den Vorrang des Erkenntnisurteiles
(Verstand) oder des ästhetischen Urteiles (Sinnlichkeit), sondern die
Auseinandersetzung um den Vorrang des Existentialurteiles oder des
Erkenntnisurteiles ist nunmehr seit Herbart zentral. Diese Unterscheidung
nach Urteilsarten soll auch den Ursprung der Evidenz in einem Urteil, das einer
nicht dem Verstand (den Verstandesbegriffen) unterworfenen Reflexion
entspringt und deren Urteil nur subjektiv auf Allgemeinheit Anspruch erheben
kann, sichern. Statt die transzendentale Reflexion in der Amphibolie der
Verstandesbegriffe zu untersuchen, wird bei Brentano diese Reflexionsart vom
nicht-reflektierenden Urteil der Feststellung des Daseins und zugleich des
Daßseins ersetzt. Brentanos Begriff der Evidenz ist also trotz mannigfaltiger
Probleme mitnichten ein psychologischer.

Dazu läßt sich auch für Brentano zwischen Bolzano und den Vertretern der
deutsch-katholischen Romantik in Wien eine Tradition konstruieren (aber wohl
nicht rekonstruieren), die in dem von Beneke auftragsmäßig vermittelten
Herbartianismus noch die österreichische Spielart der Nivellierung der
zwischen Reinhold und Fries ausgemachten philosophischen Sezession
kenntlich werden läßt. Herbart zwischen der Willensausbildung anhand des
stufenweisen Sachunterrichts (vgl. auch Bolzanos »ideales Lehrbuch«) und der
gefühlsmäßigen Gewöhnung des Charakters an das Schöne und Sittliche in das
Bild der »philosophischen Sezession« zu stellen, zeigt aber nur die eine Seite
iii

der Problemstellung. Herbarts Unterscheidung vom Existentialurteil und dem


kategorischen Urteil als Vorläufer der zentralen Stellung des bloßen
Existentialurteiles bei Brentano läßt nicht nur Brentano als Abweichung des
installierten Paradigmas hervorspringen, sondern macht schon bei Herbart
anhand der Einsetzung des hypothetischen Urteils, um das kategorische Urteil
(derart bloß eine Angelegenheit der Bestimmung der Washeit) erst zur
Modalität der Assertion zu bringen, die Grenzen des Konzepts der
»philosophischen Sezession« deutlich oder macht die Erweiterung der
Untersuchung der Sezession ins Verstandesurteil und im ästhetischen Urteil
notwendig. Hier wäre der Rückgang auf das »Grundurteil« des »vorkritischen«
Kants (ein Urteil über einer und nur einer Eigenschaft bzw. Merkmal) und dem
ästhetischen Urteil einerseits und dem kategorischen Urteil und der
Widerlegung des ontologischen Gottesbeweises in der K.r.V. (die Aufhebung
des »Allerrealsten«) andererseits notwendig, um dieser Spannung zwischen
Antizipation, Assertion und Evidenz sachlich gerecht zu werden.

2. Der zweite, der transzendentalanalytische Kanon der Ontologie

Zweiter Kanon: Zwischen A und B: »Die Bedingungen der Möglichkeit der


Erfahrung überhaupt sind zugleich die Bedingungen der Möglichkeit der
Gegenstände der Erfahrung.“ (A 111, B 198). In A betrifft dieser Satz sowohl
die Zeit, welche Reihe und Inhaltlichkeit der Erscheinungen ermöglicht, ebenso
wie auch derjenigen (reversiblen) Zeit einer Erscheinung, welche [allerdings]
durch Ordnungsformen wie Existenz als Permanenz, Ereignis oder
Zusammensein determiniert ist. Die Stelle nach B der ersten Kritik ist erst im
Ansatz der alle Erfahrungsordnung bedingenden Grundsätze B 197 f.
vorgestellt und bedingt auch als Grenzwert in der Zweiten Antinomie die
Irreversibilität von Wirkung.

These 2: [Es handelt sich um eine dreifache Sezession, nämlich]


a) Zwischen dem kategorialen Begriff des konstituierten Gerüstes der
Erfahrungs-Objektivität und der Einheit des Fortschrittes unserer
Wissenschaftsentwürfe auf dem Boden materialer Abstraktion des Ideals
unserer Erfahrung


Die Unterscheidung in reversible Zeit der bloßen Erfahrung anhand der
Kontinuation sukzessiver Erscheinungen und irreversibler Zeit der Erfahrung
iv

im Vergleich diskontinuierlich auftretener Epochen von Vergangenheit,


Gegenwart und Zukunft verzeichnet in der Tat nicht nur den Unterschied von
(sinnlicher) Anschauung und per se intellektueller Erfahrung, der eben schon
für die Erklärungen der kontinuierlichen Erscheinungen in der Anschauung
beansprucht wird (Kausalität), sondern auch erstens die Veränderung des
beobachteten Commerciums wie auch zweitens die Veränderung der Episteme
der beobachtenden intersubjektiven Gemeinschaft der Wissenschafter. Diese
Unterscheidungen sind nun vor allem in der Analytik der ersten Kritik der
Vernunft zweifelos unterbelichtet, obwohl in der Dialektik gerade im zweiten
Sinn mehrfach Anlässe zu finden sind, die Geschichtlichkeit konkreter
einzelwissenschaftlicher Systematik unter dem Vernunftideal (Berichtigung als
Zweck) für zukünftig veränderbar zu halten (etwa in: Von dem regulativen
Gebrauch der Ideen der reinen Vernunft, B 670 ff./ A 642 ff.). Die
Systematisierung der mittels der Verstandesbegriffe insgesamt jeweils
erreichten Erkenntnisse zur Wissenschaft ist erst recht Angelegenheit der
praktischen Vernunft; und zwar eindeutig in einem anderen Sinne, wie etwa
die Regeln der Verstandeshandlung selbst im Experiment bereits auch als
Regeln der technisch-praktischen Vernunft anzusehen sind: Die Hinordnung
der Vernunft auf ein Ideal der Totalität geht nicht nur auf ein Ideal der Totalität
der dem Menschen gegenüberstehenden Naturwissenschaften, sondern tritt
schon ein in die Geschichte, die sich nur zwischen den Polen einer
Ontoteleologie einerseits und einer Ethicoteleologie andererseits denken läßt.
Das gehört noch zur Bedingung der Möglichkeit, nicht nur den Unterschied,
sondern auch den Zusammenhang zwischen Bedingungen der Möglichkeit der
Erfahrung und der Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung
als solchen einzusehen.

Damit ist der Fixierung des erkenntnistheoretischen Programms in der


Analytik der ersten Kritik auf das Newtonsche Paradigma mit der Beachtung
der verschiedenen Formen des empirischen Regressus bereits selbst auch für
die Naturwissenschaften einer Öffnung zu den Konzepten des historischen
Wissenschaftsfortschrittes gegenüber gestellt worden.


Brentanos Entwürfe zur Kategorienlehre sind gerade bezüglich des möglichen
Wissenschaftsfortschrittes systematisch gar nicht so klar. Vielmehr bleiben
Brentanos Entwürfe in der Perspektive einer letztlich ahistorischen
Sprachverfaßtheit stehen, welche — wie auch immer unbewußt — auf das von
Leibniz in der Logik selbst aufgegebenen Konzept von letzten, die wirklichen
v

Aussagen über Realität repräsentierenden Elemente der natürlichen Sprachen


beruht. Das Verhältnis von Sprache und Handlung scheint ausgeblendet zu
sein. Die die ganze Arbeit Brentanos durchziehende Bemühung, die eigentliche
von der uneigentlichen Redeweise zu unterscheiden, verweist letzlich auf diese,
allerdings klandestin bleibenden, Voraussetzung der Sezession von Theorie
und Praxis. Gerade Brentanos Epochenlehre scheint ein Indiz dafür zu sein, daß
für ihn der sogenannte Wissenschaftsfortschritt bloß Angelegenheit der
zwischen Religion und Mystizismus liegenden Epoche des Pragmatismus bleibt
— gewissermaßen als der dieser ausgezeichneten Epoche eigentümliche
Aberglaube.

3. Der dritte, der transzendentaldialektische Kanon der Erfahrung

Der dritte Kanon betrifft den Begriff der Selbstorganisation im Verhältnis von
Zufall und geregelter Wechselwirkung, deshalb auch gemäß zweier prinzipiell
differenzierten Zeitordnungen, »welcher Begriff der Forderung unserer
Vernunft in der Ersparung der Prinzipien günstig, in sich selbst keinen
Widerspruch unterworfen [erste Zeitordnung] und selbst der Erweiterung des
Vernunftsgebrauches mitten in der Erfahrung [zweite Zeitordnung], durch die
Leitung, welche eines solche Idee auf Ordnung oder Zweckmäßigkeit gibt,
zusätzlich, nirgend aber einer Erfahrung auf entschiedene Art zuwider ist.«
(K.r.V., B 651).

These 2 b) Die strikte Handlungsverbindlichkeit gegenüber der


Wiedervereinigung zwischen Rechts- und Tugendnorm im weltbürgerlichen
Codex der Menschenrechte.


Die als dritter Kanon vorgestellte Erweiterung der Erfahrungsgrundsätze ist
also nicht nur als die schon im zweiten Kanon bedachte Möglichkeit der
Neuorientierung der Systematisierung von Erkenntnissen inmitten des
Erfahrungsprozesses als bloß jeweils linearen Wissenschaftsfortschritt einer
Einzelwissenschaft zu verstehen, sondern erlaubt auch, nur jeweils hinsichtlich
der Spannung zwischen Ontoteleologie und Ethicoteleologie pragmatisch
aufgestellte Prinzipien der praktischen Vernunft einzuspielen. Mehr als diese,
selbst nur negativ auftretende, Ermöglichung ist dem dritten Kanon in dieser
Fassung von M. Benedikt allerdings nicht zuzumuten. Die selbst wissentlich
dialektischen Formulierungen Kantens diesbezüglich bleiben aber entweder in
vi

den verschiedenen Fassungen im Prokrustesbett zwischen engen und weiten


Pflichten eingespannt oder sind im Ideal, das der Erfahrung nicht am weitesten
entfernt, sondern — gegenüber aller theoretischer Erfassung — am nächsten
liege, bloß der jeweilig positiven anthropologischen Ganzheit des Individuums
geschuldet, ohne deshalb schon dessen historische Dimension und seine
Stellung in der Geschichte der Emanzipation auch methodisch und
systematisch ins Auge fassen zu können.


Die Vereinigung von Rechts- und Tugendnorm im Weltbürgerlichen mag so
eine romantische Interpretation der Unfertigkeit und Offenheit des Kantschen
Gedankengangs sein; vielmehr spricht einiges dafür, daß auch die individuell
wie gattungsmäßige Realisierung des Weltbürgertums in eben der Kluft
zwischen Recht und Tugend zu stehen kommt. Was Brentano angeht, so dürfte
sein heilsgeschichtlicher Optimismus rein ontotheologischer Natur sein: »Wir
erschließen mit Sicherheit eine erste, in sich selbst notwendige, unfehlbare
Ursache als determinierendes Prinzip der Weltentwicklung, und sie verbürgt
uns einen unendlichen Aufstieg der gesamten Schöpfung zu immer höherer
Vollkommenheit als einzige jener Ursache angemessene Wirkung.« (aus der
Einleitung zu »Vom Ursprung der Sittlichkeit«, 1955, von O. Kraus. Kraus
verweist auf F. Brentano, »Vom Dasein Gottes«). Diese überhöhte und zugleich
völlig abstrakte Art des Optimismus hat mich gleich zuerst an die Schwierigkeit
erinnert, die ich mit der Bedeutung der Ästhetik (vgl. die letzen zehn der 24.
Sätze Leibnizens) für das quantitas perfectionis hatte.

Während Kants kategorischer Imperativ die communio mei et tui originaria


mit einer logischen Form der communio primavea ersetzt, woraus der
Anspruch auf Bürgerlichkeit hinsichtlich der Zivilisierung (Recht) und der
Anspruch auf Weltbürgerlichkeit hinsichtlich der Humanisierung (Tugend)
erwächst, scheint Brentano gleich die christliche Mystik Eckeharts zur
Grundlage seines Optimismus der zukünftigen Vereinbarkeit von Recht und
Tugend zu machen. Benedikts dritter Grundsatz der philosophischen Sezession
dürfte also zu weit gehen — während sein Versuch der Fundierung der
Weltbürgerlichkeit inmitten der Dialektik der K.r.V. im dritten Kanon
eindeutig zu kurz greift.

4. Der vierte, der transzendentaldialektische Kanon der Objektivität


vii

Betrifft den vierten Kanon der reinen Vernunft, welchem zuerst der Schein
einer bloß spekulativen Auflösung genommen wurde, den Bolzano und einige
seiner Nachfahren mit Bezug etwa auf die Schematisierung des Ideals als Raum
unterstellt hatten. Kant hingegen läßt sich auf diese so dringend nötige
Spekulation nicht ein und setzt sein Occham‘ sches Messer in Schwung, um —
entgegen Habermas — den Schein, das unser Ideal am weitesten von der
Erfahrung sei (B 596), aufzudecken: »Die reine Vernunft enthält also, zwar
nicht in ihrem spekulativen, aber doch in einem gewissen praktischen, nämlich
dem moralischen Gebrauche, Prinzipien der Möglichkeit der Erfahrung,
nämlich solcher Handlungen, die den sittlichen Vorschriften gemäß in der
Geschichte des Menschen anzutreffen sein könnten ... . Dem nach haben die
Prinzipien der reinen Vernunft in ihrem praktischen, namentlich aber dem
moralischen Gebrauch, objektive Realität.« (B 835).

These 2 c): Die Verbindung des ästhetisch-teleologischen Reflexion zu einer


doktrinalen Synthesis der Religion.


Es handelt sich hier offensichtlich nur um die Heraushebung der Prinzipien der
praktischen Vernunft, die schon im zweiten, insbesondere aber im dritten
Kanon bereits kenntlich geworden sind. Das, was schon im zweiten Kanon
Kants notwendig geworden ist, um die Freiheit der Handlung gegenüber der
Erfahrung schon anhand bloßer Zweckmäßigkeit im dritten Kanon weiter zu
bestimmen, wird nunmehr zu dem einen Argument der Objektivität einer
sittlichen Handlung. Allerdings: Nicht die im Rahmen der schon durch den
dritten Kanon auch empirisch bestimmten bloßen Möglichkeit der Handlung,
auch subjektive Kriterien der Zweckmäßigkeit in der Naturerkenntnis
einspielen zu können, soll nunmehr allein schon die Objektivität garantieren
können, sondern eben wieder erst die Sittlichkeit, welche durch die logische
Form des kategorischen Imperativs zu denken aufgegeben worden ist, wird
zum letzten Kriterium der Objektivität von Erkenntnis überhaupt. Das geht bis
zum Wahrheitsanspruch der in sich selbst praktischen theoretischen Vernunft
zurück.

Das ist nun mehrfach zu interpretieren: Im Wesentlichen geht es um die


Wahrhaftigkeit des Einzelnen gegenüber dem Anspruch des Gattungswesen,
um die Wahrhaftigkeit des Einzelnen im Rahmen einer Gemeinschaft der
Wahrheitsuchenden (Wissenschaft), und letztlich um die Wahrhaftigkeit aller
Betroffener in der Frage um das Verhältnis von Allgemeinwohl und
viii

Einzelwohl im Rahmen der politischen Entscheidung. Damit ist auch schon


dem seit dem zweiten Kanon eingeführten Wissenschaftsfortschritt der
Anspruchsrahmen — allerdings ohne Garantie — vorgeschrieben worden.


Nun ist schon der dritten These der philosophischen Sezession (These 2 b)
vorgehalten worden, daß sie bloß romantisch-idealistisch sei, und das zu recht:
denn nur der Vorgriff auf den vierten Kanon hat den Schritt zum dritten
Kanon überhaupt erst erlaubt, allerdings ohne deshalb die gewünschte
Vereinbarung von Recht und Tugend im Weltbürgertum garantieren zu
können. Eigentlich gibt es gar keine dauerende empirische Grundlage, die
vierte These der philosophischen Sezession (These 2 c) zu formulieren, nur die
empirische Bestätigung der empirischen Möglichkeit. Die Vereinbarung der
ästhetischen und teleologischen Reflexion zu einer doktrinalen Synthesis der
Religion bleibt also ebenso rein spekulativ, wie die Vereinbarung von Recht
und Tugend im Weltbürgertum schon spekulativ geblieben ist. Daraus ist zu
schließen, daß zwar das Ideal des Rechtsstaates und der Weltbürgerlichkeit
transzendental gerchtfertigt werden kann, aber nicht die Erwartung einer
sicheren Erreichung dieses Zustandes oder dessen Dauer.

Brentano hat letztlich mit solchen nicht ausreichend bedachten dialektischen


Formulierungen Kants allerdings keine Schwierigkeiten: Was ist das Prinzip
des Optimums der Vereinbarung verschiedener Motive in einem Zweck und
widerstreitende Zwecke unter einem Endzweck? Die Verbesserung der
allgemeinen Zweckmäßigkeit. Bezeichnenderweise unter Auslassung der Idee
des Weltbürgertums ist gerade sein ontotheologischer Optimismus nur eine
der vielen zeitgenössischen Versionen der spekulativen Vereinbarung der
ästhetisch-teleologischen Reflexion. Insofern bleibt Brentano in seiner
Rückgewendetheit zur thomistischen Scholastik davon verschont, die vierte
These der »philosophischen Sezession« als Ideologe einer Einzelwissenschaft zu
beanspruchen, so wie es etwa die Marxisten anhand der kritischen Betrachtung
der Ökonomie oder die rassistischen Vorläufer des Nationalsozialismus
anhand eines biosoziologischen Geschichtsentwurfes versucht haben.

Die doktrinale Idee der Synthesis der ästhetischen und der teleologischen
Reflexion erweist sich so sowohl als spekulatives Glied des Kantschen Kanons
wie als Glied der »philosophischen Sezession«; allerdings allein als ersteres
bleibt diese Idee erträglich, weil als Ideal der ganzen Urteilskraft eben der
Frage nach dem Primat des Konzept des Erkenntnisurteils oder des
ix

ästhetischen Urteils bereits von je her enthoben. Die bloß spekulativ gedachte
Möglichkeit einer reinen Synthesis von ästhetischer und teleologischer
Urteilskraft droht m. E. zur Idee der reinen Erhabenheit einer Totalität zu
führen; ohne Hinleitung zu irgendeinem Inhalt — es sei denn der bloßen
Spiegelung der Idee der Autarkie.