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dtv Seneca De brevitate vitae Die Kürze des Lebens

Seneca

De brevitate vitae

dtv Seneca De brevitate vitae Die Kürze des Lebens

Die Kürze des Lebens

dtv Seneca De brevitate vitae Die Kürze des Lebens

Die Frage nach dem richtigen Leben ist alt, sie war einmal das

eigentliche Thema der Philosophie.

Es gibt Sätze, die vor zweitausend Jahren geschrieben worden

sind und uns heute wieder betroffen machen, da wir von neuem

diese Frage stellen.

Eine Reihe solcher Sätze stehen in Senecas Schrift über die

Kürze des Lebens. Sie versprechen nicht kurzschlüssige Lösun­ gen; sie verheißen keine Erlösung, die hinter unserem Bewußt­ sein zurückbleibt; sie bieten nicht bequeme Dogmen oder Ideolo­

gien. Sondern sie vcnveisen auf die anstrengende Arbeit der Re­

flexion. Unser Band enthält eine Einführung in Leben, Werk und Wir­ kungsgeschichte Senecasj den lateinischen Text «De brevitate vitae» und - in Paralleldruck dazu - eine neue deutsche über­ setzung; Anmerkungen zur Sache und Literaturhinweise.

Die Ausgabe wendet sich an Kollegiaten und Studenten, aber

auch an «alte Lateiner» und an Nicht-Lateiner, die es dennoch mit der Philosophie versuchen wollen.

SENECA

DE BREVITATE VITAE

SENECA DE BREVITATE VITAE DIE KÜRZE DES LEBENS Mit Einleitung, Übersetzung und Anmerkungen hemusgcgcben von Franz

DIE

KÜRZE

DES

LEBENS

Mit Einleitung, Übersetzung und Anmerkungen hemusgcgcben von Franz Peter Wc:1iblinger

Deutscher Taschenbuch Verlag

drv zweisprachig Be g ründet von Kristof Wachinger-Langcwiesche

Neuübersetzung

1. AuAage 1976. 1). Auflage Februar 2008

Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH &: Co. KG, München

www.drv.de zweisprachig@dtv.de

Umschlagkollzept: Balk & Brumshagcn

Umschlngbild: Triumph Neptuns und der Amphitrite

Ausschnitt aus einem Fußbodenmosaik, 3. Jh. 11. ehr.,

gefunden in Consrantine (Nordafrika)

Gcsamthcrstcllllng: Köse!, Krllgzcll

Gedruckt auf säurefreiem, chlorfrei gebleichtem Papier

Printcd in Germany' ISBN 978-3-42)-°9111-4

Einleitung

Einleitung Unter Nero tritt die lateinische Literatur aus dem Schatten ihrer großen Vergangenheit heraus und erreicht

Unter Nero tritt die lateinische Literatur aus dem Schatten ihrer großen Vergangenheit heraus und erreicht mit Seneca, Lucan

und Petron ihre ersten nachklassischen Höhepunkte. Als litera­ risdler Repräsentant dieser Epoche gilt Seneca, Neros Lehrer und Erzieher, später sein politischer Berater und schließlich, wie auch Lucan und Petron, sein Opfer. Kein Schriftsteller faszi­ nierte die Jugend dieser Zeit so sehr wie er (turn autem solus

hic fere in manibus adulescentium fuit, Quintilian, 11lstitutio

oratoria 10,'1,12 5 ). Seine Tragödien und seine Prosa, die sich mit geschliffener Kürze, pointierter Formulierung und geistrei­

chem Antithesenspiel bewußt von der in langen Perioden dahin­

strömenden Redeweise Ciceros abhebt, haben auch die Nachwelt angesprochen und prägenden Einfluß auf die Literatur der Neu­

zeit ausgeübt. Senecas CEuvre umfaßte nach Quintilians Bericht (10,1/129)

et poemata et epistulae et dia10gb). Die Reden

sind nicht erhalten; zu den Dichtungen gehören Epigramme, die

TragödienHercltleslurens, Troades, Phoenissae, Medea, Phaedra, Oedipus, Agamen171011, Tl1yestes und Hercules Oetaeus, dessen

Autorschaft umstritten ist (die mit den Tragödien überlieferte Praetexta Octavia stammt nicht von Seneca), und die satirische Sduift Apocolocyntosis; philosophischen Inhalts sind die Briefe

«orationes (

)

(Epistulae morales ad Lllcilillm) und die sogenannten Dialoge.

Mit dem Wort «dialogi» meint Quintilian wohl nicht nur die zehn unter diesem Titel überlieferten Texte (Von der Vorsehllng,

Von der Standhaftigkeit des Weisen, Vom 20m, TrostsdmIt an Marcia, Vom glücklidlen Leben, Von der Muße, Von der See­ lenrulJe, Von der Kürze des Lebens, Trostscllrift an Polybius, Trostschrift an die MI/tter Helvia) sondern auch die übrigen philosophischen Schriften (Von den Wohltaten, VOll der Milde;

einige Werke sind verloren) sowie die naturwissenschaftlichen Abhandlungen, von denen nur die Naturales Quaestiones, eine

mit moralischen Ermahnungen verknüpfte Untersuchung me­ teorologischer und geologischer Erscheinungen, erhalten sind.

Es handelt sich dabei nicht um Dialoge platonischer oder aristotelisch-ciceronisdler Art, sondern um populärphllosophi­ sche Traktate (lila).<!;",), die gewisse dialogische Elemente ent­ halten: Der Autor geht auf mögliche Einwände eines fiktiven Gesprächspartners ein, wendet sich in Anreden und Fragen an den Adressaten und spricht jedes Wort im Hinblick auf ein ge­ dachtes Gegenüber. Diese Dialogform hat manches mit dem Brief gemeinsam, einer Form, deren sich Seneea in seinem gro­ ßen Alterswerk, den Epistulae morales, bedient hat. Der Gesprächston hängt eng mit der philosophischen Absicht zusammen. Philosophie ist für Seneen. die Lehre vom richtigen Leben, die Philosophen nennt er Lehrer des Menschengeschlechts (praeceptores generis humani, Epistulae morales 64,9): Wir haben die Möglichkeit, über alle zeitliche Distanz hinweg mit ihnen ins Gespräch zu kommen, sie um Rat zu fragen und unser Leben nach ihren Weisungen einzurichten (5. De brevitate 'Vitae, Kap. 14-15). Darum ist Senecas Lehre weniger theoretische Erörterung als Aufforderung, Ermahnung und Verweisung auf Beispiele

aus Geschichte und Alltag. Hier liegt ein Grund für die stete «Aktualität» Senecas. Die in De brevitate vi/ae geäußerte Kritik an der Zeitvergeudung, zum Beispiel, kann einen Leser von heute ebenso betreffen, wie sie Diderot auf si c h beziehen konnte:

«Je n'ai pas lu ce chapitre sans rougir, e'est mon histoirc.» Nicht weniger aktuell erscheint Senecas kritisches Bild der Frei­ zeit (otium), die sich von der Arbeit nur durch den Gegenstand der Beschäftigung unters c heidet; sehr zeitgemäß klingt auch seine Klage über die Selbstentfremdung des Menschen, dessen Leben in bewußtloser Aktivität aufgeht, und sein Verdikt über Wissenschaften, die nicht dem Menschen dienen. Im Mittelalter wurde Sencca wegen seiner Nähe zum Chri­ stentum geschätzt. Sein Kampf gegen die Affekte, sein Gottes­ begriff und seine Kritik an der römischen Volksreligion waren schon den frühchristüchen Autoren eine willkommene Stütze für ihre eigene Lehre. Für Tertullian ist Seneca «saepe noster» i von Laktanz, der mehrere Stellen aus verlorenen Schriften Senecas zitiert, 'wird er als «morum vitiorumque publicorum et descrip­ tor verissimus et insectator acerrimus» gerühmt; Hieronymus

reiht ihn auf Grund des (apokryphen) Briefwechsels mit Paulus

in den Katalog christlicher Autoren ein. Im ausgehenden Altertum entstanden Exzerptsammlungen aus seinen Schriften, die im Mittelalter meist als originale Werke Senecas galten. Von scinen philosophischen Schriften waren seit

dem 9. Jahrhundert vor allem die Epistulae morales, De benefi­

dis und De dementia, seit dem 12. Jahrhundert auch die Natu­ rales Quaestiones verbreitet, während die Dialogi erst durch die zahlreichen Auszüge in Rager Bacons Opus mahlS (zwischen :1266 und 1268 verfaßt) wieder «entdeckt» wurden.

Im Humanismus wurden die mittelalterlichen Verzerrungen des Senecabildes korrigiert. Erasrnus von Rotterdam erwies den Briefwechsel mit PauIus als Fälschung und betonte die Unter­

s c hiede zwischen dem römischen Philosophen und

stentum. In seinen heiden Seneca-Ausgahen (1.515 und 1529) hat Erasmus durch den Versuch, echte und unechte Werke zu sondern, und durch die Beri c htigung vieler TextentsteIlungen ein neues 5enecaverständnis begründet. Auch bei den Reformatoren war Seneca hoch angesehen:

Luther zitierte ihn mehrmals, Calvin schrieb einen Kommentar zu

De dementia. Für den Neustoizismus des 1.6. und 1.7. Jahrhun­

derts warSeneca wichtig als Vermittlerder

Die systematischen Darstellungen dieser Schule, die damals ent­

standen, fußen zu einem großen Teil auf Seneea: Schoppius'

Elementa philosoplliae Stoicae moralis (1.606) und die Manu­ ductio ad Stoicam philosophiam und die Physiologia Stoicorurn

des großen niederländischen Philologen Justus Lipsius (1547 bis 1616), dessen enge Beziehung zu Seneca auch in einer kom­

mentierten Ausgabe (1605) und in der Schrift De conslantia (1583) deutlich wird. Bis ins 1.8. Jahrhundert bleibt stoisches Denken, weitgehend dur c h Seneca repräsentiert, lebendig. Senecas unsystematisches Philosophieren, das die Tendenz zur Auflösung des Gedankens in einzelne Sentenzen in sich trägt, ist ein wichtiges Vorbild für jene Denk- und Darstellungs­ weise, die sich in der Renaissance herausbildete und in der Ge­ stalt des Aphorismus und des Essays bis heute lebendig ist. In der Vorrede zur zweiten Auflage seiner Essayes bringt Francis Bacon diese Form ausdrücklich in Zusammenhang mit Seneca:

dem Chri­

stoischen Philosophie.

«The word is late, but the thing is auncient: for Seneca's Epistles

are Essaies, that is dispersed Meditacions.» Ober

Montaignes Essais, die nicht nur formal, sondern auch inhaltlich

außer von Plutarch hauptsächlich von Seneca abhängen, führt

diese Tradition zu den französischen Moralisten, im '19. Jalu­ hundert schließlich zu Schopenhauers Aphorismen zur Lebens­ weisheit und zur Aphoristik Nietzsches, der, auch wenn er Seneeas Verknüpfung von Philosophie und Tugend scharf zu­ rückwies, doch die Lektüre dieses «großen Moralisten» empfahl. Nicht weniger als die Prosaschriften Senecas haben seine Tra­ gödien, djc einzigen erhaltenen Tragödien der Römer, die euro­ päische Literatur der Neuzeit beeinflußt. Sie waren dem elisa­ bethanischen Drama und der tragedie classique Frankreichs In­ begriff der antiken Tragödie und bestimmten lange Zeit das Verständnis der griechischen Tragiker. In Deutschland galt es im

'17. Jahrhundert als Ehrentitel für einen Dichter, ein «deutscher Seneea» genannt zu werden. Erst in der zweiten Hälfte des '18. Jahrhunderts ließ das Interesse an Senecas Dramen nach. Der Weg von der römischen zur griechischen Tragödie bei der Re­ zeption des antiken Dramas zeigt sich exemplarisch bei Lessing:

der erste Tmgiker, dem er eine ausführliche Schrift widmete, war

Seneca (Von den lateinisc1wn Trauerspielen welche unter dem Namen des Seneea bekannt sind, 1754); einige Jahre später be­

gann er sich intensiv mit Sophokles zu beschäftigen (1760).

Den Ruhm, der Senecas 'Werken bis ins 19. Jahrhundert fast

ununterbrochen gefolgt ist, begleiten von Anfang an kritische

Stimmen. Immer wieder, schon zu Lebzeiten, war Seneca An­ griffen ausgesetzt, die sich einerseits gegen seinen Stil, anderer­ seits gegen seine Person und den angeblichen Widerspruch zwi­ schen Leben und Lehre richteten. Caligula, der auch als Redner auftrat, der Ciceronianer Quin­ tilian und die Archaisten des 2. Jahrhunderts tadelten Senecas «modeme)) Schreibweise. An seinem immensen Reichtum, der zu stoischen Maximen schlecht zu passen schien, nahmen schon die Zeitgenossen Anstoß. Bei Tacitus und Dio Cnssius werden seneeafeindliche Traditionen erkennbar (gleichwohl hat Taeitus ein im ganzen positives Bild von Seneca gezeidmet). In der Neu­ zeit wurde ihm vor allem seine Verbindung mit Nero vorge-

to Lilcilius

worfen. Petrarea sch rieb in einem - über die Jahrhunderte hin -

an Seneca gerichteten Brief ;lUS schmerzlidlcr Betroffenheit: «An den grausamsten Kaiser aller Zeiten bist du geraten; als friedli­ cher Seemann bist du m.it deinem wertvoll befrachteten Schiff an einer berüchtigten und stürmischen Klippe gelandet. Warum

nur bist du dort geblieben I» (Epistolne lamilinres 24, 5 , 5 ).

Den zahlreichen Angriffen auf Seneca, dessen Name «seit un­

von Verleumdern geschän­

gefähr achtzehn Jahrhunderten (

det» werde, tritt Diclerot mit einer groß angelegten Verteid.i­

gungsschrih entgegen (Essni sur In vie de Seueque I. philosophe, sur ses ecrits ef sur fes regl1cs de Claude cl NerolI, 1799), die sich

weitgehend an der Seneca-Darstellung bei Tacitus orientiert. Die moralische Verurteilung Senecas geht vom Idealbild des stoisdlcn Weisen aus, den cr immer wieder geschilderr, :lber nie

mit seiner Person identifiziert hat. Daß er die Fehler seiner Zeit so unermüdlich anprangerte, könnte gerade darauf hinweisen,

wie sehr sein Leben davon berührt war.

)

Il

Ludus Annaeus Seneca wurde um 4 v. Chr. in Corduba gcboren. Sein Vater L. Annaeus Seneca (ca. 55 V.-40 n. ehr.), der aus einerbegüterten Ritterfamilie stammte,hatte in Rom studiert und

später don alle beruhrnten Redner gehört. Für seine drei Söhne Novatus, Seneca und Mela schrieb er eine Sammlung von De­ klamationen der Rhetoren seiner Zeit (Oratorum el rhetOrllm

sententiae divisiones colores). Sein historis c hes Werk, das die rö­ mische Ges c hichte seit der Gracchenzeit behandelte, ist verloren.

Für die philosophischen Interessen des jungen Seneea hatte der Vater in seiner altrömischen Art wenig Verständnis. Seine Gattin Helvia teilte die Liebe des Sohns zur Philosophie, konnte

ihre Neigung aber nicht entfalten. Der junge Seneca erhielt

seine rhetorische und philosophische Ausbildung in Rom. Er hörte den Philosophen Sorion aus Alexandria, der ihn für die pythagoreische Lebensweise gewann I so daß er ein Jahr lang vegetarisch lebte. Tiefen Eindruck machte auf Seneea aud1 Pa­ pirius Fabianus, der, von der Rhetorik herkommend, sich unter dem Einfluß der römischen Philosophensehule der Sextier der

praktischen Ethik zugewandt hatte, aber auch natur- und staats­ philosophische Schriften verfaßte. Außerdem war Seneca ein eifriger Besucher der Vorlesungen des Stoikers Attalus, dessen Lehre die Erziehung zur einfachen Lebensweise zum Ziel hatte.

Nach einem längeren Erholungsaufenthalt in Ägypten (bis

]1./32) wurde Seneca durch die Verbindungen seiner Tante, der Gattin des Präfekten von Ägypten, Quacstor und Senatsmit­

glied. Seine rednerische Karriere soll Caligulas Eifersucht erregt haben; nur seine Kränklichkeit, die envarten ließ, er werde ohne­ hin nicht mehr lange leben, habe ilm vor der Hinrichtung ge­ rettet.

über die Vorgänge, die bald nach dem Regierungsantritt des Kaisers Claudius im Jahr 41. zu seiner Verbannung nach Kor­

sika führten, hat sich Seneca nicht geäußert. Er scheint einer Intrige der Kaiserin Messalina zwn Opfer gefallen zu sein, die ihn eines ehebrecherischen Verhältnisses mit Julia Livilla bezich­ tigte; in dieser Frau, der jüngsten Todner des Germanicus, sah sie eine Gefahr für ihren Einfluß auf Claudius. Nach Messalinas Tod (48) wurde Seneca auf Betreiben der Agrippina, der neuen Gattin des Kaisers, aus der Verbannung zurückgerufen (49). Sie übertrug Seneca die rhetorische Ausbil­ dung ihres elfjährigen Sohnes Nero und verschaffte ihm die Prätor. Sie hoffte, durch die Rehabilitierung des damals schon berühmten Sduiftstellers in der Öffentlichkeit guten Eindruck

zu erwecken, sich Seneca zu verpflichten und für die Durchfüh­ rung ihrer ehrgeizigen Pläne zu gewinnen. Im Jahr: 54 wurde Claudius von Agrippina vergiftet. Die Prätorianer riefen Nero zum Imperator aus. Seine von Seneca verfaßte Leichenrede auf Claudius enthielt so viel übertriebenes Lob für den Toten, daß die Zuhörer in Lachen ausbrachen. Auch auf direkte Verspot­ tung des Claudius verzichtete Seneca nicht: In einer Satire, die den Titel ApocolocYl1tosis (<<Verkürbissung», so viel wie Ver­ äppelung) trägt, schildert er mit beißendem Witz die Himmel­ und Höllenfahrt des Verstorbenen. In den ersten fünf Jahren der Herrschaft Neros (das glüddidlC «quinquennium Neronis» nannte Trajan diese Zeit) erreichte Seneca den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn. Zusammen

mit dem Prätorianerpräfekten Burrus lenkte er mit Erfolg die

Reichspolitik. Scheitern mußte Seneea freilich in dcr Erziehung

seines kaiserlichen Schülers. Nero hatte bald nach seinem Regie­ rungsantritt Britanniclls, den Sohn des Cbudius und der Mes­ salina, durch Gift ermorden lassen (55), weil er ihm wegen seiner berechtigten Ansprüche auf den Prinzipat gefährlich schien. Kurz danach (55/56) widmete Seneca dem achtzehnjäh­

rigen Nero seine Schrift De elementia, eine Art Fürstenspiegel,

in dem er mit psychologischem Geschick Neros Güte rühmt, zu der er ihn doch erst erziehen will. Es scheint, daß Seneca zu denen gehörte, denen Ncro die Güter des ermordeten ßrit:lOnicus schenkte, vielleicht aufnötigte. (T3citus nennt in diesem Zusammenhang, Amtales 1.3,18, aller­ dings keine Namen.) So unbestreitbar sein Bemühen ist, Neros

Grausamkeit einzudämmen, so unvermeidlich war es, daß cr sich

durch derartige Zugeständnisse in schiefes Licht brachte. Im Jahr 58 wurdc Scneca in einen Prozeß venvickelt, in dem er zwar von einem berüchtigten und allgemein verachteten Mann angegrif­ fen, aber dennoch 50 getroffen wurde, daß er sich zu einer offi­ ziellen Rechtfertigung (De vita beota) entschloß. Die Vorwürfe

betrafen seine Feindschaft gegen die Anhänger des Claudius,

seine Beziehungen zu Frauen 31.15 dem Kaiscrhaus, seine literari­ sche Tätigkeit und seinen Rei c htum. Ein Jahr später geriet Seneca zum zweiten Mal in den Ver­ dacht, eine Mordtat Neros gebilligt zu haben: dessen Ansdllag auf seine Mutter Agrippina. Es scheint tatsächlich, daß Seneca und Burrus den Tod dicser herrschsüchtigen Frau, vor deren Einfluß sie Nero zu schützen versuchten, als etwas Unabwend­

bares hinnahmen. Die Leidenschaften des jungen Kaisers traten immer stärker hervor, sie zu zügeln gehlng Seneca und Burrus immcr weniger. Als Burrus (vielleicht durch Giftmord) starb (62), war Senec.s Einfl auf Ncro gebrochen (mors Burri infrcgit Senecae poten­ tiam, schreibt Tacitus in prägnanter Formulierung). Tacitus

schildert eine Audienz bei Nero, in der Seneca um seinen Ab­ schied und um die Rücknahme seines Vermögens ersucht. In sei­ ner auf äußerste Höflichkeit bedachten Antwort, in der die Ent­ fremdung crschreckend deutlich wird, lehnt Nero ab. Seneca zog si c h trotzdem vom Hof zurück; der endgültige

:l1

Bruch scheint im Jahr 64 vollzogen worden zu sein. In der Zeit n3m 62 entstand eine Reihe philosophischer Schriften, darunter

De aUo, die Rechtfertigung des Lebens fern vom Staat, das große naturwisscnsch3ftliche Werk (Nalurales Quaestiones) und

die Briefe an Lucilius. Bald fand Nero Gelegenheit, sich für immer von seinem Leh­ rer zu befreien (65). Er bezichtigte ihn der Teilnahme an der pi­ sonischen Versdnvörung. Ein Tribun überhradlte Senec3, der

eben von einer Reise aus Kampanien zurückgekehrt war und

in seinem Landgut vor Rom mit seiner Frau Pompeia Paulina

und zwei Freunden speiste, den Todeshcfehl. Tacitus berichtet (Anuales 1.5,62): «In aller Ruhe verlangte Seneea sein Testa­

ment. Der Centurio verbot, es ihm zu geben. Da wandte er sich

seinen Freunden zu und sagte, da man ihn hindere, sich für die erwiesene Freundschaft dankbar zu zeigen, hinterlasse er ihnen das Einzige, aber doch Kostbarste, was er besitze, das Bild sei­ nes Lebens. Wenn sie das in Erinnerung behielten, würden sie als Lohn für ihre treue Anhänglichkeit den Ruf echter Tugend

ernten. Er suchte dann ihre Tränen durdl allerhand Gesprädle

zu trocknen und sprach ihnen im ernsten Tone Mut zu. <Wo

sind die philosophischen Grundsätze, wo ist die Fassung im Unglück, auf die wir uns so viele Jahre lang vorbereitet haben?

fragte er. <Wer wußte es denn nicht, daß Nero .grausam ist? Nachdem er Mutter und Geschwister umgebracht hat, blieb ihm nichts mehr übrig, als auch seinen Erzieher und Lehrer zu er­ morden!.» Nach dem Abschied von seiner Gattin, die ihm in

den Tod folgen wollte, habe er sich die Pulsadern aufgeschnitten. Der Sterbende habe noch eine längere Rede diktiert. Seine letz­ ten Augenblicke erinnern in Tacitus' Bericht an den Tod des Sokrates: «Weil der Tod immer noch nidlt eintreten wollte, bat

Seneca seinen langjährigen treuen Freund und Arzt, Statius Annaeus, ihm das Gift zu reichen, das die zum Tode Verurteilten in Athen trinken müssen. Er hatte es schon früher herrichten lassen. Doch trank er es ohne Erfolg, weil seine Glieder bereits kalt waren und das Gift nicht mehr seine Wirkung auf den Kör­ per ausüben konnte. Endlich stieg er in warmes Wasser, be­ sprengte seine liebsten Sklaven und sagte dazu, diese Tropfen spende er dem Jupiter Liberator. Dann brachte man ihn ins

sprengte seine liebsten Sklaven und sagte dazu, diese Tropfen spende er dem Jupiter Liberator. Dann brachte
sprengte seine liebsten Sklaven und sagte dazu, diese Tropfen spende er dem Jupiter Liberator. Dann brachte

Dampfbad, wo er im Dampf erstickte. Die Leiche wurde ohne

alle Feierlichkeit verbrannt. So hatte er es selber angeordnet, zu

einer Zeit, da er noch reich und mächtig war und doch schon an

sein Ende dachte.»

I!l

Die Schrift De brevitate vi/ae läßt sich einigermaßen sicher da­

tieren (s. dazu B. Hambüchen, Die Datierung 'VOll Senecns Schrift Ad Pnulinum De brevitate vitae, Diss. Köln 1966) : Da Seneca

18,5 vom Tod Caligulas spricht, muß das Werk nach 41 geschrie­ ben worden sein. Eine genaue Bestimmung der Abfassung ergibt

sich aus dem Amt des Adressaten Paulinus, der die praefectura annonae (Getreideverwaltung) innehatte; wenn diese Amtsbe­ zeichnung bei Scneca auch nicht genannt wird, so läßt die Be­

sdueibung der Tätigkeit doch die Identifikation zu. Da dieses Amt von 14-48 C. Turranius (Tacitus, Allllaies 1,7,2; 11a1,1;

wohl identisch mit dem in De brevitate vitae 20,4 erwähnten

Turranius, s. Anm. 83) bekleidete, und von 55-62 Faenius Rufus (Tacitus Amlales 1),22,1i 14,51,2) praefectus annonae war, muß die Amtszeit des Paulinus entweder zwischen 48 und 55

oder nach 62 angesetzt werden. Aus De brevitate vitae 1),8 er­

gibt sich nun der Zeitpunkt, vor dem die Schrift verfaßt wurde:

Seneca erwähnt, Sulla habe als letzter Römer das Pomerium

(s. Anm. 58) erweitert; obwohl Seneca über den Vortrag eines Antiquars berichtet, besteht kein Grund zu bezweifeln, daß er dies vor der Porneriumserweiterung des Claudius (Frühjahr 49 )

geschrieben hat. Damit bleibt für die Abfassung der Zeitraum

von Oktober 48 (Amtsantritt des Paulinus) bis et\\'a Mai 49. Daß Seneca an mehreren Stellen so auf die Vielbeschäftigten (occupati) hinweist, als habe er sie lebendig vor Augen (aspice, perrera, interroga 2,4; audies 3-5; eum video 8,'1; vide 11,1; cum videaffi 12,5), scheint auf seine Anwesenheit in Rom zu deuten. Da er Anfang 49 aus der Verbannung zurückkehrte, wird

die Schrift in die ersten Monate dieses Jahres zu datieren sein. Der Inhalt des Werks, die Aufforderung zur vita contempla­ riva, zum Rückzug aus der aktiven politischen Tätigkeit, scheint mit Senecas äugerer und innerer Lage in dieser Zeit übercinzu-

stimmen - freilich fehlen sichere Zeugnisse hierfür. Daß Seneca, mehr als fünfzigjährig, das Treiben der

stimmen - freilich fehlen sichere Zeugnisse hierfür. Daß Seneca, mehr als fünfzigjährig, das Treiben der occupati in Rom als Verirrung, Verrücktheit betrachtet, wird man wohl nidn nur

als popularphilosophische Topik, sondern als Ergebnis seiner Erfahrungen in den acht Jahren der Verbannung erklären dür­ fen. Auch Tacitus' Bericht (Amlales 12,8), Agrippina habe Se­

neca mit der Rückberufung aus dem Exil zugleich (simul) die Prätur verschafft, steht nicht im Widerspruch zu der in Dc bre­ vitale vitae geforderten Abkehr von den Staatsämtern; denn im

Jahr 49 war Scneca sidler nicht amtierender Prätor, allenfalls Titularprätor oder praetor designatus für das Jahr 50. Zudem ist es nicht ausgeschlossen, daß Seneca das Prätorenamt und die Erziehung Neros gegen seinen Willen übernehmen mußte, weil

er Agrippina wegen ihrer Fürsprache verpflichtet war. Daß er nach der Rückkehr aus der Verbannung den Wunsch hatte, sich

dem otium zu widmen, aber durch Agrippinas Pläne daran ge­ hindert wurde, deutet ein Scholion zu Juvenal (5,1°9) an. Die Erziehertätigkeit freilich ist nicht tmbedingt ein Widerspruch

zu Senecas Aufforderung, kontemplativ zu lehen. Trotz dieser Beziehung zwischen Werk und Leben wäre es verfehlt, De brevitate vitae als Bekenntnisschrift zu verstehen. Der Inhalt wird auch von der Person des Adressaten bestimmt. Was Paulinus betrifft, so sind wir weitgehend auf Vermutungen angewiesen. Möglicherweise war er mit Senecas (zweiter?) Gat­

tin Pompeia Paulina verwandt, vielleicht war er ihr Vater. Nicht

zu klären sind die konkreten Gründe für Senecas Appell an ihn,

dem Staatsdienst den Rücken zu kehren. Dadurch wird jedoch das Verständnis der Schrift kaum verstellt, da sie sich, auch wenn sie inhaltlich und sprachlich auf den Adressaten Rücksicht nimmt, durchaus an das allgemeine Publikum wendet (vgl. die Anreden in der 2. Person Plural; auch die Du-Apostrophen richten sich, wie es im Diatribenstil üblich ist, nicht immer an den individuellen Adressaten).

IV

Daß das menschliche Leben nur kurze Zeit währt, ist eine allge­ meine Erfahrung, die in der antiken Literatur immer wieder

das menschliche Leben nur kurze Zeit währt, ist eine allge­ meine Erfahrung, die in der antiken

zum Ausdruck kommt: als Klage über die Flüchtigkeit der Zeit, über das rasche Vergehen der Jugend, über die Endlichkeit des Menschenwesens. Die stoische Philosophie antwortet auf diese Erfahrung mit ihrer Bestimmung der Tugend, die sie nach .so­ kratischer Tradition mit dem Wissen identifiziert und für das höchste und einzige Gut erklärt. Das Glück, die Eudaimonia,

hängt in keiner 'Weise von der Dauer des Lehens, sondern allein von der Verwirklichung der Tugend und der Weisheit ab. Dieses eine wahre Gut, sapientia und virtus, stirbt nicht, sondern hat Bestand und ewige Do.uer; es ist das einzige Unsterbliche, das

Sterblichen zuteil wird (Epistulae morales 98,9)'

(mors naturae

Der physische Tod ist ein Gesetz der Natur

lex est, Naturales Quaestiones 6J}2(12). Angesichts der unabän­

derlichen und allgemeinen Vergänglichkeit, die der Weise aner­ kennen wird, verliert der Unterschied zwischen kurzer und lan­

ger Lebenszeit an Bedeutung (nihil interesse inter exiguum

tempus et longum, Naturales Quaestiones 6,)2,9). So ist die

brevitas vitac für stoisches Denken kein Problem. Welche Ab­

sicht verfolgt Seneca also mit ciner Schrih übcr dicses Thema? Während er im 49. Brief von der bedrohlichen Nähe des Todes spridu und sich mit stoischen Dogmen gegen dieses Gefühl zu wappnen sucht, scheint in De brevitate 'Vitae jedes existentielle

Motiv zu fehlen. Der Grund dafür ist wohl nicht so sehr die Tatsache, daß dieses Werk in einer Epoche seines Lebens ent­

stand, in der ihn der Gedanke an die Vergänglichkeit noch nicht

so stark bedrängte, als vielmehr der besondere Zweck der Schrift. De brevitate 'Vitae steht in der Tradition der Werbeschriften

für die Philosophie (ngoTgm,,"O'). Senee. fordert Paulinus auf, sein schwieriges und mühevolles Amt aufzugeben und sich der vira contemplativa zu widmen, die allein wirkliches Leben sei. Diese protreptische Absicht tritt erst in der zweiten Hälfte der Schrift in den Vordergrund: in der Beschreibung der Vorteile eines philosophischen Lebens (Kap. 14-15) und in dem kon­ kreten Appell an den Adressaten, sich aus dem Staatsdienst zu­

rückzuziehen (Kap. 18-19). Das Thema dcs Werks scheint damit nicht unmittelbar ver­ bunden zu sein. Den Ausgangspunkt bildetdic allgemein mensch­ liche Klage über die Kürze des Lebens. Seneca weist diesen Vor-

Ausgangspunkt bildetdic allgemein mensch­ l i c h e Klage über die Kürze des Lebens. Seneca

wurf gegen die Natur entschieden zurück und stellt die These

( dagegen, das Leben sei nur dann kur.l, wenn mon die Zeit nicht I

zu nutzen versteht. Das ist der leitende Gedanke, der sich viel­

fach variiert, mit einer Fülle von Beispielen illustriert und durch

zahlreiche Argumente belegt durch die ganze Schrift zieht. Gleichwohl ist das G3nze nicht eine Reihung beliebig vertausch­

barer Variationen eines einzigen Motivs, sondern die planvolle

Entfaltung des Grundgedankens, die Schritt für Schritt auf das protreptismc Ziel zuführt.

Um seine These zu veranschaulidlcn, zeigt Seneca zunächst

in einer langen Reihe von Beispielen, wie die Menschen ihr LC-j

\ ben verschwenden. Sie bedenken nicht, daß sie sterblich sind

(mortalitatis oblivio, 3/5). Daher schieben sie das wahrhaft er­

füllte Leben in die Zeit des Ruhestandes (otium), ohne irgend­

eine Garantie für ein so langes Leben zu besitzen. Durch die

Einführung des Begriffs «otium» setzt Seneca den Gegensatz von verkehrter und richtiger Verwendung der Zeit mit der Anti­ these von politischer Aktivität und Rückzug aus dem Staats­ dienst gleich. Drei historische Exempla von Politikern, die si c h

{
{

nach dem otium sehnten und über ihre Tätigkeit für den Staat \ kl3gtcn, ohne sie jedoch aufzugeben, führen in eindringlicher

Steigerung vor Augen, welche Nachteile dieses Gesdläh mit sich

bringt: Mühen und Gefahren (Augustus), Unfreiheit und Ver­

zweiflung (Cicero), öffentliches und privates Unheil, ein Leben,

das durch Mord oder Selbstmord endet (Livius Drusus). Doch diese Antithese ist zu eng gefaßt: Nicht nur die poli-

tisch Tätigen vergeuden ihr Leben, sondern 3uch jene, deren Aktivität sich nur auf Trunk und Unzucht erstreckt. Dieser er­ weiterte Begriff des «Deschäftigtseins» (occupatio), der 3uch die Lebensform der CPtAl150voL umfaßt, leitet über zu der These, ein occupatus könne überhaupt nichts richtig tun, �m wenigsten lebeIl (7, 3 ). Die Identifikation von erfülltem Leben lmd otium

J

(),S) wird hier, negativ formuliert, wiederholt: Leben im eigentlichen Sinn und Besdläftigung sind unvereinbar. Die Aus­ gangsthese kann d3mit zu der Formel präzisiert werden, am kür- tMP zesten sei das Leben der Beschäftigten (brevissimam esse occu­ patorurn vitam, 1.0,1.).

Y.r"

Na c h vers c hiedenen Beweisen für diesen Satz enveitcrt Seneca

�6

den Begriff occupatio zum zweiten Mal: Zu den occupati kön­ nen auch Menschen gehören, die im otium leben (12,2 H.). Das

Paradox einer Muße voll Beschäftigung führt nun zur Bestim­

mung dessen, was unter otium eigentlich zu verstehen sei. Wenn

die Muße auch frei von occupario sein muß, so ist sie doch auch nicht deren Gegenteil im Sinne völliger Untätigkeit und Er­

schlaffung, die das Bewußtsein der eigenen Körperlichkeit zer­ stört (12,6-9). Auch körperliche Aktivität um der Gesundheit

willen ist nicht wirkliche Muße, ebenso wenig wie manche gei- stige Tätigkeit, etwa die überflüssige Wissenschaft der Philolo­

gen und Historiker (13,2-9).

Wahres otium, und damit wahrhaft erfülltes Leben, besteht

in philosophischer Beschäftigung (14) . Erst hier wird das mehr­

fach vorbereitete Bild des richtigen Lebens (5,); 7,5; 7.9; 10,4;

11.,2) konkretisiert. Wer sich der Philosophie widmet, VerfÜgt)

I

( über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er tritt ins Ge­

spräch mit den Denkern aller Zeiten. So weitet sich sein Leben

ins Unendliche (1.4-1.5). Nach einem Blick auf d.:ls neg.:ltive Ge­

genbild, das kurze und sogar in Genuß und Freuden sorgen- volle Leben der oceupati, wendet sich Sencea an den Adressaten

und fordert ihn auf, den Staatsdienst aufzugeben und sich ganz

jenem philosophischen otium zu widmen, das ihn zu Größerem,

Erhabenerem führen wird als seine bisherige Tätigkeit. Am

Schluß kehrt Seneca zu den occupati zurück und schildert unter

einem anderen Aspekt ihr Elend noch einmal: Ihr Tun ist nicht

nur beklagenswert, sondern auch unwürdig. Als effektvolles Beispiel für die wenig ehrenvolle Geschäftigkeit betagter Männer

führt er Turranius an, den Amtsvorgänger des Paulinus. überblickt man den Gedankengang von De brevitate vitae, so wird deutlich, ,vie die für die Struktur des Ganzen konstitutive Antithese von occupatio und otium über mehrere Verschiebun­

von occupatio und otium über mehrere Verschiebun­ gen des Begriffs occupatio zu einer spezifischen Bestimmung

gen des Begriffs occupatio zu einer spezifischen Bestimmung des otium führt, für das Seneca den Adressaten gewinnen wiIl. Die erste Hälfte der Schrift besteht hauptsädlIich in der Beschreibung des falschen lebens der occupati, dem das wahre Leben im otium in knappen Andeutungen entgegengesetzt wird. In der zweiten

Hälfte tritt der Begriff des otium in den Mittelpunkt; d.:ls wahre otium wird von der falsch verstandenen Muße abgehoben und

in breiter Schilderung konkretisiert. Als Kontrast dazu weist Seneca immer wieder auf das verfehlte Leben der occupati (so­

gar innerhalb der Schilderung des wahren otium verzichtet er nicht auf das negative Gegenbild: "4,) f.), deren Unglück immer deutlicher wird. Aus der Verschiebung der Gewichte von der Darstellung der occ upatio zur Schilderung des otium, die das protreptische Mo­ tiv allmählich hervortreten läßt, ergibt sich eine Zweiteilung der Schrift. Der übergang von der ersten zur zweiten Hälfte ist fließend. Scnccas methodische Bemerkung im 10. Kapitel bildet

keine wirkliche Zäsur. Er deutet hier zwar den Beginn eines durch ein neues Darstellungsverfahren gekennzeichneten Abschnittes an, der in der Rhetorik argumentatio genannt wird (Beweis­ führung); und in der Tat enthalten die Kapitel IerI? mehr Argumentation als die übenviegend deskriptive erste Hälfte der Schrift - aber ein grundsätzlicher Unterschied besteht nicht. Gewiß könnte man das Ganze in ein rhetorisches Gliederungs­ schema bringen: exordium (Einleitung: 1), narratio (Darstellung des Falles: 2-9), propositio (Präzisierung des Sachverhalts, hier:

brevissimam esse occupatorum vitam, 1.0,1), argumenatio (10,2 bis 17), pcraratio (Schluß: 18-20). Die argumentatia wiederum könnte man nach rhetorischem Muster in positive und negative Beweise oder, wie es P. Grimal vorschHigt, nach inhaltlichen Kategorien (utile - honestuID, nützlich - ehrenvoll) einteilen. Doch mit Gliederungen dieser Art wird man dem Aufbau der Schrift kaum gerecht. Sie stellen konventionelle Fonnen dar, mit denen Seneca spielt; die wesentlichen Strukturelemente, Antithese und variierende Wiederholung, lassen sich jedoch nicht daraus ableiten, sondern nur aus der psychagogischen Ab­ sicht des Autors. Erst die neuere Forschung hat durch diese Erkenntnis das alte Urteil überwunden, Senecas Schriften seien sdllecht komponiert. Die literarische Gestaltung dient dem moralischen Ziel: non dc1ectent verba nastra, sed prosint (Epis/illae morales 75,s). De bretJifale vitae fordert zum philosophischen Leben, zum ßlO'!:

t)EWPljtlY.O" .uf. Um dieser protreptischen Absicht Wirkung zu verschaffen, führt Seneca dem Leser in immer neuen Bildern das verkehrte Leben der occupati vor Augen. Immer 'wieder

verschaffen, führt Seneca dem Leser in immer neuen Bildern das verkehrte Leben der occupati vor Augen.

erscheint der eine Gedanke, das Lehen der occupati sei kurz,

aber jedesmal in neuem Licht, als Resultat verschiedenster Argu­

mentationen, jedesmal formal variiert. Er soll sich dem Leser

einprägen, soll ihn aufrütteln. Nicht weniger effektvoll als die

Motivwiederholung ven'iendet Seneca die Antithese. Wieder und wieder stellt er dem verfehlten Leben der Beschäftigten das

Bild des erfüllten Lebens entgegen. Der Kontrast des Negativen,

dessen Schilderung in De brevitate vitae den größten Raum einnimmt, läßt das der Philosophie gewidmete Leben um so

strahlender erscheinen.

Auch die Sprache wird vom Zweck des Werkes bestimmt. Da

der Leser erst für die Philosophie gewonnen werden soll, ver­ meidet Seneca die philosophische Terminologie so weit wie

möglich. Er paßt sich dem Adressaten in den zahlreichen Aus­

drücken aus der Finanzsprache an: collocare anlegen (1,3)' irn­ putare aufs Schuldkonto anrechnen (2,5), ad computationem

revocare Bilanz ziehen (3,2), delegare überweisen, in reditu esse

Gewinn bringen (11,2.).

Aus Rücksicht auf den mit philosophischen Fragen nicht ver­

trauten Adressaten unterläßt Seneca jede Auseinandersetzung

mit anderen Schulen. Nicht auf philosophische Dogmen kommt

es ihm an, sondern allein auf die Hinwendung zum philosophi­

schen Leben überhaupt. Zwar bleibt die stoische Grundposition

erkennbar (vor allem im Bild des Weisen), aber das Ideal des

zurückgezogenen Lehens trägt durchaus epikureische Züge.

Durch die bewußte Aufhebung aller dogmatischen Differen­

zen im Ideal der vita contemplativa, durch den Appell an die

Erfahrung konkreter Lebenssituationen, durch die Vermeidung

der philosophischen Fachsprache spricht De brevitate vitae auch

heute noch den Leser unmittelbar an. Auch an ihn, nicht nur an Paulinus und dessen Zeitgenossen, wendet sich Seneca, der den Sinn seines otium im Nutzen für die Nachwelt sah: «Ich habe mich nicht nur von den Menschen, sondern auch von den äuße­

ren Angelegenheiten, in erster Linie von meinen eigenen, zu­ rückgezogen: Für die Nachwelt arbeite ich.» (Epistulne nrorales

8,2).

in erster Linie von meinen eigenen, zu­ rückgezogen: Für die Nachwelt arbeite ich.» (Epistulne nrorales 8,2).

L. ANNAEVS SENECA AD PAVLINVM DE BREVITATE VITAE

I, t Maior pars mortalium, PauHne, de naturae malignitate conqueritur, quod in exiguum acvi gignimur, quod harc tarn veloeiter, tarn rapide dati nobis tcmporis spatia decurrant, a.deo ut exceptis aclmoclum paucis ccreros in ipso vitae apparatu vita destituat. Nec huie publico, ut opinantur, maID turbo. tantum er imprudens vulgus ingemuit, cIarorurn quoque virorum hic adfectus querellas evocavit. Tnde il1a maximi rneclicorum exclamatio est: «vitam brcvem esse, longam artern.» Inde Aristotelis eum rerum natura exigentis minime conveni­ ens sapienti vira lis: «aetatis illam animalibus tanturn inclulsissc, ut quina aut dena saecula educerent, hornini in tarn muIta ae magna genito tanto citeriorem terminwn stare.» Non exiguumrcmporis habemus,sed multurn perdidimus. Satis Ionga vita et in maximarum rerurn consummationem Iarge data est, si tota bene coIlocaretur; scd ubi per Iuxum ae neg­ legentiam diffluit, ubi nulli bonae rci irnpen­ ditur, ultima demum necessitate cogentequam ire non intelleximus transisse sentimus.

" lta cst: non aecipirnus brevem vitam sed fcci- mus, nee inopes eius scd prodigi sumus. Sieut arnplae et regiae opcs, ubi 3d malum dominum pervencrunt, momento dissipantur, atquamvis modieac, si bono eustodi traditae sunt, usu crcseunt, ita actas nostra bene disponcnti rnul­ turn patet. 2,' Quid de rcrum n3tura querimur? Illa sc be- nigne gessit: vita, si uti seias, Ionga est. At alium insatiabilis tenet avaritia, alium in su­

20 pcrvaeuis laboribus operosa sedulitas; alius

SENECA

AN PAULINUS üBER DIE KüRZE DES LEBENS

Die meisten Mens c hen, Paulinus

gunst der Natur: Nur für eine kurze Spanne Zeit werden wir geboren, die uns gegebene Frist läuft so schnell, 50 stürmisch ab,

daß das Lehen alle Menschen mit Ausnahme von ganz wenigen

mitten in der Vorbereitung auf das leben verläßt. über dieses, wie man glaubt, allgemeine Übel haben nicht nur gewöhnliche

leute und die unwissende Masse geseufzt; auch bei berühmten Männem hat dieses Gefühl Klagen hervorgerufen. Daher der

bekannte Ausruf des größten aller Ärzte 2: «Kurz ist das Leben, lang die Kunst.» Daher der zu emem Philosophen gar nicht pas­

sende Streit des AristotclesJ, der mit der Natur rechtete: «Den

Tieren hat sie 50 viel Lebenszeit bewilligt, daß sie fünf oder zehn Generationen lang leben, dem Menschen aber, der zu so Vielem

und so Großem geboren ist, ist ein so viel früheres Ende be­

stimmt.» Wir haben nicht wenig Zeit-nur vertan haben wir viel davon. Da7Leben ist la ng genug und reicht aus zur Vollendung größter Taten, wenn es als ganzes gut angelegt würde "; sobald es aber durch Verschwendung und Achtlosigkeit zerrinnt, sobald es

nur für s c hlechte Zwecke verwendet wird, dann merken wir erst

vom äußersten Verhängnis bedrängt, daß es vergangen ist - daß es vergeht, haben wir nicht erkannt.

Ja, es ist nicht so, daß wir ein kurzes Leben bekommen, son­ dern wir haben es kurz gemacht; und wir sind damit nicht man­

gelhaft ausgestattet, sondern wir gehen nur verschwenderisch damit um. Wie ein gewaltiges, königliches Vermögen, wenn es an einen schlechten Besitzer geraten ist im Nu verschleudert wird, ein noch so bescheidenes jedoch durch Nutzung wächst, wenn es einem übergeben worden ist, der es gut behütet, so bietet unser Leben dem, der es gut einteilt, weip;n Spielraum.

beklagen sich über die Miß­

einteilt, weip;n Spielraum. beklagen sich über die Miß­ Was klagen wir über die Natur? Sie hat
Was klagen wir über die Natur? Sie hat sich freigebig gezeigt: das Leben ist lang,
Was klagen wir über die Natur? Sie hat sich freigebig gezeigt:
das Leben ist lang, wenn man es zu gebrauchen versteht. Aber
den einen hält unersättliche Habsucht gefangen, den anderen
mühevolleJktr
in überflüssigen Anstrengungen; der
eine trieft vom Wein, der andere ist vor Trägheit starr; den

2 3

tigat ex alienis iudiciis suspcnsa semper am­ bitio, alium rnercandi praeceps cupiditas circa

omnis terras, ornnia maria spe lucri ducit; quosdam torquet cupido militiae nurnquam

non aut alienis periculis intentos aut suis an­

xios; sunt quos ingratus superiorum cultus

2

voluntaria servitute consumati multos aut af­

fectatio alienae fortunae nut suae cura deti­ nuit; plerosque nihil eertum sequcntis vaga et inconstans et sibi displicens levitas per nova consilia iaetavit; quibusdam nihil quo eursum

derigant plaeet, sed mareentis oscitantisque

fata deprendunt, adeo ut quod apud maxi­

mum poetarum more oraculi dictum est verum

esse non dubitem: «exigua pars est vitae qua

vivimus.» Ceterum quidem omne spatium non vita sed tempus est.

J

Urgent et circumstant vitia undique nee re- surgere aut in dispecturn veri attollere oculos sinunt, sed demersos et in eupiditatem infixos

premunt, numquam iBis recurrcre ad se lieet. Si quando aliqua fortuito quies contigit, veIut

profondo mari, in quo post ventum quoque

volutatio est, fluctuantur nee umquam illis a 'eupiditatibus suis otium stat.

4

De istis me putas diccrc quorum in confesso mala sunt? Aspice iIlos ad quorum felicitatem concurritur: bonis suis cffocantur. Quam mul­

tis divitiae graves sunt ! Quam multorum elo­

quentia et cotidiana ostentandi ingenii exerci­ tatio sanguincm educitl Quam multi eontinuis voluptatibus pallent! Quam multis nihil liberi relinquit circumfusus clientium papulus! Om­ nis denique istos ab infimis usque ad summos

advocat, hic adest, iIle peric1itatur,

22 ille defendit, ille iudicat,nemo se sibi vindieat,

alius in aIium consumitur. Interroga de istis

pererra: hic

einen zermürbt Ehrgeiz, der immer von fremder Meinung ab­

hängig ist, den andern treibt blindwütige Gier nac h Geschähen
hängig ist, den andern treibt blindwütige Gier nac h Geschähen

in der Hoffnung auf Gewinn kreuz und quer durch alle Länder, alle Meere; manche quält die Leidenschaft für den Kriegsdienst,

da sie stets auf Gefahren für andere bedacht sind oder sich vor eigener Gefährdung ängstigen; w ieder andere gibt es, die die

undankbare Ergebenheit vor Höhergestellten in freiwilliger

Knechtschaft aufreibt; viele hat das Streben nach dem Glück der anderen oder die Sorge um das eigene ganz in Beschlag ge­ nommen; sehr viele, die kein bestimmtes Ziel verfolgen, hat

haltlos schwankende Unbeständigkeit, die sich selbst nicht leiden kann, in immer neue Pläne getrieben; manche finden an nichts

Gefallen, worauf sie zusteuern könnten, sondern in Schlaffheit un d im Dämmerzustand trifft sie der
Gefallen, worauf sie zusteuern könnten, sondern in Schlaffheit
un d im Dämmerzustand trifft sie der Tod an, so daß ich nicht an

der Wahrheit jenes Satzes zweifeln kann, der bei einem großen DichterS wie ein Orakel ausgesprochen ist: «Nur einen kleinen

Teil des Lebens leben wir.» Die ganze übrige Dauer ist ja nidlt Leben, sondern bloß Zeit.

Von allen Seiten bedrängt und umzingelt das Laster die Men­

schen und läßt nicht zu, daß sie sich aufrichten und die Augen

zur Betrachtung der Wahrheit erheben, sondern drückt sie nie­

der und hält sie tief in ihre Leidenschaft verstrickt; nie können sie zu sich kommen 6. Wenn zufällig einmal Ruhe eintritt, wirft

es sie noch hin und her, wie auf hoher See, wo auch nach dem Sturm noch Wogen rollen, und niemals lassen ihre Begierden sie in Frieden.

Du glaubst, ich spreche von denen, über deren üblen Zustand

es keinen Zweifel gibt? Schau die an, denen man wegen ihres Erfolgs die Tür einrennt: sie ers ticken an ihrem Glück. Wie vielen ist ihr Reichtum eine Last! Wie vielen S.1ugt die Bered­ samkeit und das Präsentieren ihrer Begabung, das sie täglich üben, alle Lebenskraft aus! Wie viele sind ganz bleich von ihren pausenlosen Vergnügungen ! Wie vielen läßt der Schwarm von

Klienten, der sich um sie drängt, kein bißchen Freiheit! Kurzum, geh sie alle durch, vorn Niedrigsten bis zum Höchsten : der eine sucht einen Rechtsanwalt, der andere ist selbst einer; dieser ist Angeklagter, jener Verteidiger, ein dritter Richter - niemand nimmt sich für sich selbst in Anspruch, einer verzehrt sich für

'.

.

quorum nomina ecliscuntur, his illos clinosci videhis notis: ille illius cultor est, hic illiusi suus nemo est.

notis: ille illius cultor est, hic illius i suus nemo est. Deinde dementissima quorundam indignario est:

Deinde dementissima quorundam indignario est: queruntur de superiorum fastidio, quod ipsis adire volentibus non vaeaverint. Audet quisquam de alterius supcrbia gued, qui sibi ipse nunquam vaeat? Ille tarnen te, quisquis es, insolenti quidem vultu sed aliquando re­

spcxit, ille aures suas ad tua verba demisit,

ille te ad latus suum reeepit: tu non inspi­ ecre te urnquam, non auclire dignatus es.

Non cst itaque quod ista officia euiquam im­ putes, quoniam quidem, eum illa faeeres, non esse eum aHo volebas, sed teeurn esse non poteras. 3, 1 Omnia lieet quae unquam ingenia fulserunt in hoe unum eansentiant, nunquam satis hane humanarum mentium caliginem mirabuntur:

praeclia sua oeeupari a nullo patiuntur et, si exigua eontentio est de modo finium, ad la­ pides et arrna diseurrunt; in vitam suam inee­ dere alias sinunt, immo vero ipsi etiam pos­ sessores eius futures inducunt; nerno inveni­ tur qui pecuniam suam dividere velit, vitam unusquisque quam multis distribuit! Adstrieri sunt in eontinendo patrimonio, simul 3d iac­ turam temporis ventum est, profusissimi in eo euius unius honesta avaritia est.

tibet itaque ex seniorum "turba comprendere aliquem: «Pervenisse te ad ultimum aetatis humanae videmus, centesimus tibi vel supra premitur annus; agedum, 3d computationem aetatem tuam revoca. Duc quantum ex isto tempore creditor, quantum arnica, quantum

24

rex, quantum cliens ahstulerit, quantum lis

25

uxoria, quantum servorum coercitio, quan-

quantum 2 4 rex, quantum cliens ahstulerit, quantum lis 2 5 uxoria, quantum servorum coercitio, quan-

den andern. Frag nach denen, deren Namen man auswendig

lernt 7! Du wirst sehen, man unterscheidet sie nad, folgenden Merkmalen: der ist für jenen, jener für diesen da - niemand für sich selbst. Ganz unsinnig ist unter diesen Umständen die Entrüstung mancher Leute, die sich über die verächtliche Behandlung von seiten Höhergestellter beklagen, weil diese keine Zeit für sie

hatten, als sie vorgelassen werden wollten. Da wagt jemand, der für sich selbst nie Zeit hat, sich über den Hochmut eines anderen zu beklagen? Er hat dir, wer immer du bist, zwar mit überheb­ lichem Blick, aber doch irgendwann einmal seine Aufmerksam­

keit gegönnt, hat sich herabgelassen, dir Gehör zu schenken, hat dich an seine Seite geholt - du hast es nie für wert erachtet,

dich anzuschauen, anzuhören. Du hast daher keinen Grund, je­ mandem solche Höflichkeiten als seine Schuld zu verbuchen, da du ja, als du sie erwiesest, nicht mit einem anderen zusammen­ sein wolltest, sondern mit dir nicht zusammensein konntest. Wollten alle großen Denker, deren Glanz jemals erstrahlt ist, in diesem einen Punkt übereinstimmen - niemals könnten sie

sich genug wundern über eine solche Verdüsterung des mensch­ lichen Geistes: lhre Landgüter lassen die Leute von niemandem in Besdllag nehmen, und wenn der kleinste Streit über den Grenzverlauf entsteht, rennen sie nach Steinen und Waffen; in ihr Leben aber lassen sie andere eindringen, ja sie holen selbst sogar dessen künftige Besitzer herbei; niemand findet sich, der sein Geld verteilen möchte, doch unter wie viele teilt ein jeder sein Leben auf! Zugeknöpft sind sie, wenn es darum g!:ht, das Vermögen zusammenhalten; sobald es aber bloß um Zeit­ aufwand geht, sind sie wahre Verschwender mit einem Gut, bei dem als einzigem der Geiz etwas Anständiges ist. Ich möchte daher einen aus der Schar der Alten festhalten und zu ihm sagen: «Wie wir sehen, bist du an die äußerste Grenze des menschlichen Lebens gelangt; hundert Jahre oder mehr lasten auf dir. Nun denn, zieh die Bilanz deiner Lebenszeit! Rechne aus, wieviel die Gläubiger, wieviel die Geliebte, wieviel der Patron s, wievicl der Klient von dieser Zeit weggenommen hat, wieviel der Streit mit der Gattin, wieviel die Züchtigung der Sklaven, wieviel das geschäftige Umherlaufen in der Stodt;

)

turn officiosa per urbem diseursatio; adiee morbos quos manu fecimus, adice quod et sine usu iacuit: videbis te pauciores annos

habere quam numeras. Repete memoria tecum quando certus consilii fueris, quotus quisque

dies ut destinaveras recesscrit, quando tibi usus tui fuerit, quando in statu suo vultus,

quando animus intrepidus, quid tibi in tarn 10ngo aevo facti operis sit, quam multi vitam

tuam diripuerint te non sentiente quid perde­ res, quantum vanus dolor, stulta laetitia, avida cupiditas, blanda conversatio abstulerit, quam

exiguum tibi de tuo relictum sit: intelleges te immaturum morl.»

Quid ergo est in causa? Tamquam semper victuri vivitis, nunquam vobis fragilitas vestra

succurrit, non observatis quantum iam tem­

poris transierit; velut ex pleno et abundanti

perditis, cum interim fortasse ille ipse qui alicui vel homini vcl rei donanu dies ultimus sit. Omnia tamquam mortales timctis, omnia tamquam imrnortales concupiscitis.

Audies plerosque dicentes : «3 quinquage­

sirno anno in otium seecdarn, sexagesimus me

aonus ab officiis dimittet.» Et quem tandem longioris vitae praedem aceipis? Quis ista

sicut disponis ire patietur? Non pudet te reIi­ quias vitae tibi reservare et id solum tempus bonae mcnti destinare quod in nullam rem conferri possit? Quam serum est tune vivere incipere eum desinendum est! Quac tarn stulta mortalitatis obIivio in quinquagesimum et sexagesimum annum diffcrrc sana consilia et inde vclle vitam inchoare quo pauei perduxe­ flInt! 4, 1 Potentissirnis et in ahurn subbtis homini-

26 bus excidere voces videbis quibus otium op-

4

2 6 bus excidere voces videbis quibus otium op- 4 2 7 t e n t

nimm die Krankheiten dazu, die wir uns durch eigene Schuld zugezogen haben9, nimm auch noch dazu, was ungenutzt liegen­ geblieben ist: du wirst sehen, daß du weniger Jahre behältst, als du alt bist. Bring dir in Erinnerung, wann du fest bei einem Entschluß geblieben bist, wie wenige Tage so verlaufen sind, wie du es dir vorgenommen hattest, wann du über dich selbst

verfügen konntest, wann dein Gesicht seine natürlichen Züge

bewahrte, wann dein Gemüt ohne Angst war, was du in so langer Lebenszeit zustandegebracht hast, wie viele dein Leben ausgeraubt haben, ohne daß du merktest, was dir verloren ging, wieviel dir grundloser Schmerz, törichte Freude, gierige Leiden­ schaft und tändelnder Umgang weggenommen haben, wie we­ nig dir von dem, was dir gehört, übriggeblieben ist - du wirst

erkennen, du stirbst zu früh . » 10 Was ist nun schuld daran? Ihr lebt, als ob ihr immer leben würdetll, nie kommt euch eure Vergänglichkeit in den Sinn, ihr bemerkt nicht, wievie1 Zeit schon vergangen isti wie wenn ihr

sie in Hülle und Fülle hättet, verschwendet ihr sie, während unterdessen vielleicht gerade jener Tag, den ihr irgendeinem

Menschen oder irgendeiner Sache widmet, euer letzter ist. Alles

fürchtet ihr wie Sterbliche, alles begehrt ihr, wie wenn ihr un­ sterblich wäret. Sehr viele wirst du sagen hören: «Vom fünfzigsten Jahr an will ich mich ins ruhige LebenU zurückziehen, das sechzigste Jahr wird mich von allen Verpflichtungen entbinden.» Wen be­

kommst du denn als Bürgen für ein längeres Leben? Wer wird

alles so vonstatten gehen lassen, wie du es bestimmst? Schämst

du dich nicht, die überbleibsel des Lebens für dich aufzusparen und allein diejenige Zeit für hohe Gedanken IJ vorzusehen, die für nichts anderes zu verwenden ist? Wie spät ist es, erst dann mit dem Leben zu beginnen, wenn man es beenden muß! Was für ein törichtes Vergessen der Sterblichkeit, vernünftige Vor­ sätze auf das fünfzigste und sechzigste Jahr zu schieben und in

einem Alter das Leben anfangen zu wollen, bis zu dem es nur wenige bringen! Man wird beobachten, daß mächtigen und hochgestelltenMän­ nem Worte entfallen, wonach sie ein zurückgezogenes Leben wünschen 14, preisen, allen Gütern vorziehen. Sie begehren biswei-

Cupiunt interim cx iIIo fastigio suo, si tuto lieeat, deseendere; nam, ut nihil extra laeessat

aut quatiat, in se ipsa fortuna ruit. .J Divus Augustus, eui dii plura quam ulli

praestiterunt, non desiit quietem sihi preeari

et vaea.tionem a re publiea. peterei munis eius

sermo a.d hoe semper rcvolutus est, ut spc­

raret ooum; hoc labores SUOS, etia.m si fa.1so,

dulci tarnen oblecta.bat solacio, aliquando se

J vic tu.rum sibi. In quadam ad senatum missa

cpistula, eum requiem suam non vacua.m fore dignitatis nee a priore gloria discrepantem

pollicitus esset, hace verba inveni : «5cd ista

fieri spedosius quam promitti possunt. Me

tarnen cupido temporis optatissimi mihi pro­

vcxit ut, quoniam rcrum laetitia moratur

a.eihuc, praeciperem aliquid voluptatis ex ver- borum dulecdine.» Tanta visa est res otium ut ilIam, quia U511 non poterat, cogitatione

praesumeret.

Qui omnia

viclebat

ex

se

uno

pendentia, qui hominibus gentibusque for­ tunam dabat, iIlum diem lnetissimus cogitabat

qua rnagnitudincm suam cxueret.

diem lnetissimus cogitabat qua rnagnitudincm suam cxueret. Expertus erat quantum ilIa bona per omnis terras fulgentia

Expertus erat quantum ilIa bona per omnis terras fulgentia sucloris cxprimerent, quan­

tum oecultarum sollicitudinum tegerent. Cum

c ivibus primurn, deindc eum coUegis, novis­ sirne eum adfiniblls coael'us arrnis deeernerc mari terraque sanguinem fudit. Per Maeeclo­ niarn, Siciliam, Aegyptum, Syriam Asiarnquc ct ornnis prope oras bello drellactus Rornana

eaede lassos exercitus ad externa bella c onver­ tit. Dlim Alpes paeat immixtosque mediae pad et imperio hostes perdornat, dum ultra Rhenum et Euphratem et Danuvium terminos movet, in ipsa urbe Murenac, C aepionis, Le­ pidi, Egnati, alioTUm in cum mucrones a.euc-

6 bantur. Nondum horum effugerat insidias:

len (falls es ohne Gefahr möglich ist) von ihrer Höhe herabzu­ steigen; denn auch wenn von außen keine Beunruhigung oder

Erschütterung eintritt-das Glück stürzt in sich seIhst zusammen. Der verewigte Augustus, dem die Götter mehr als irgend­ einem gewährt haben, betete unablässig um Ruhe für sich und hatte immer den Wunsch, von Staatsgeschäften frei zu sein; alle

seine Gespräche kamen immer wieder auf diesen Punkt zurück, daß er auf Muße hoffe; mit
seine Gespräche kamen immer wieder auf diesen Punkt zurück,
daß er auf Muße hoffe; mit diesem wenn auch trügerischen, 50
doch süßen Trost, er werde irgendwann einmal für sich selbst
da sein, machte er seine Mühsal erträglicher. In einem Brief an

den Senat 15, in dem er versprach, sein Ruhestand werde nicht ohne politische Würde 16 sein und nicht im Widerspruch zu sei­

nem früheren Ruhm stehen, habe ich folgende Worte gefunden:

«Das kann man aber glanzvoller wahrmachen als versprechen. Doch hat mich das Verlangen nach der von mir so sehr ersehn­ ten Zeit dazu gebracht, daß ich mir, da ja die Freude an der Ver­ wirklichung noch auf sich warten läßt, aus der Süße der Worte im voro.us etwas von dem Genuß verschaffe.» So wichtig schien ihm die Muße, daß er sie in Gedanken vorwegnJhm, weil er sie

nicht verwirklichen konnte. Er, der sah, daß alles von ihm allein

abhing, der über das Schicksal von Menschen und Völkern ent­

schied, dachte mit größter Freude an den Tag, an dem er sich

seiner hohen Stellung entledigen könne. Er hatte erfahren, wieviel Schweiß ihm jenes Glück abver­ langte, das über alle Länder erstrahlte, wieviel verborgene Sor­ gen es überdeckte. Gezwungen, zuerst mit den Bürgern 17, dann

mit den Amtsgenossen und schließlich mit seinen Verwandten im Waffengang um die Entscheidung zu kämpfen, hat er zu Wasser und zu Lande Blut vergossen. Durdl Makedonien, Sizi­ lien, Ägypten, Syrien, Kleinasien und fast alle Küstenländer im Krieg herumgetrieben, wandte er die Heere, die des Römermor­ des müde waren, auswärtigen Kriegen zu. Während er die AI­ penländer befriedete und die Feinde bezwang, die mitten in den

Frieden und mitten in das Reich eingedrungen waren, während er die Grenzen über den Rhein, über EuphT3t und Donau hin­ ausschob, da schärften schon in der Hauptstadt Murena, Caepio, Lepidus, Egnatius und andere ihre Dolche gegen ihn. Er war ihren Anschlägen noch nicht entronnen, da setzten seine Tochter

30

3'

filia et tot nohiles iuvenes aduIterio velut sacrarnento aclacti iam infractam aetatem ter­

ritabant plusque et herum timencla eum An­ tonio muHer. Haec ulcera rum ipsis memhris absciderat: alia subnascehantur; velot grave multa sanguine corpus parte semper aliqua

rumpeharur. Itaque adum optabat, in huius spe et cogitatione labores eius residebant, hoc votum erat eius qui vati campores faeere pote­ rat. 5, ' M. Cicero inter Catilinas, Clodios iactatus Pompeiosque et (rassos, partim manifestos inimicos, partim dubios amicos, dum fluctua­

tur cum re publica et illam pessum euntem tenet, novissime ahductus, nee secunclis rebus quietus nee adversarum patiens, quotiens il1um ipsum consulatum suum non sine causa sed sine fine lauclatum detestatur ! Quam flehiles voces exprimit in quadam ad Atticum epistula

iarn victo patre Pornpeio, adhuc filio in Hispa­ nia fracta anna refovente! «Quid agam» in­ quit «hic; quaeris? Moror in Tusculano meo semiliber.» AHa deinceps adicit quibus et prio­ rem aetatem cornplorat et de praesenti queri­ tur et de futura desperat. Semiliberum se dixit Cicero : at rne hereules

nunquam sapiens in tarn humile nomen pro­ cedet, nunquarn serniliber erit, integrae sem­ per libertatis et solidae, solutus et sui iuris et altior ceteris. Quid enim supra eum potest

esse qui supra fortunam est? 6, 1 Livius Drusus, vir aeer et vehemens, eum leges novas et mala Gracchana movisset, stipa­ tus ingenti totius Italiae coctu, exitum rerurn non pervidens, quas nec agere licebat nec iam liberum erat semel indloatas relinquere, exse­ cratus inquietam a primordiis vitam dicitur dixisse: uni sibi ne puere quidern unquam

und zahlreiche junge Männer aus dem Adel ", durch ihre ehe­ brecherische Beziehung wie mit einem Treueid an sie gebunden,

den schon vom Alter Gebeugten in Schre c ken; noch mehr und zum zweiten Mal mußte man eine Frau in der Verbindung mit einem Antonius fürchten. Diese Geschwüre 19 hatte er samt den Gliedern abgeschnitten; andere wuchsen nach; es war wie ein Körper, der durch den Druck des vielen Blutes immer wieder an

irgendeiner Stelle aufbri c ht. Deswegen wünschte er sich Ruhe; in der Hoffnung auf sie und im Gedanken an sie ließen seine Strapazen nach; das war der Wt.msch eines Mannes, der die Macht hatte, Wünsche zu erfüllen. Marcus Cicero, Männem wie Ca tilina und Cloclius, Pompeius und Crassus, teils offenen Feinden, teils zweifelhaften Freunden ausgesetzt, während er zusammen mit der Republik ins Wan­ ken gerät und sie in ihrem Untergang aufzuhalten sucht; zuletzt

hinweggerissen, weder im Glück ruhig noch im Unglück gedul­ dig - wie oft venvünscht er gerade sein Konsulat, das er nicht ohne Grund, aber ohne Maß gepriesen hatte 20 ! Was für kläg­ liche Worte äußert er in einem Brief an Atticus 21, als Pompeius,

der Vater, schon bcsiegt war, dcr Sohn aber in Spanien die zer­

brochene Heeresmacht noch zu erneuern suchte! «Was ich hier tue», sagt er, «fragst du? Ich halte mich in meinem Tusculanum auf, nur zur Hälfte frei.» Er fügt dann noch anderes hinzu, worin er über sein vergangenes Leben jammert, sein gegenwlir­

tiges beklagt und an seiner Zukunft verzweifelt. «Nur zur Hälfte frei» nannte sich Cicero. Ein Weiser wird bei Gott nie zu einer so niedrigen Bezeichnung kommen, nie halbfrei sein, immer im Besitz unversehrter und unerschütter­ licher Freiheit, ungebunden, sein eigener Herr und hoch über allen andem. Denn was kann über dem sein, der über dem Schicksal steht?

Livius Drusus 22 war ein energischer und hitziger Mann; als er neue Gesetze eingebracht und gracchis c hes Unheil angerichtet hatte, umdrängt von einern gewaltigen Zulauf aus ganz Italien, und nun nicht mehr überblickte, wie die Dinge ausgehen wür­ den, die er weder vorwärtstreiben durfte noch liegenlassen konnte, nachdem sie einmal begonnen hatten - da soll cr sein von Anfang an ruheloses Leben verfluch t und gesagt haben, ihm

sie einmal begonnen hatten - da soll cr sein v o n Anfang an ruheloses Leben
ferias eontigisse. Ausus est enim et pupillus adhue et praetextatus iudicibus reos eommen­ dare et

ferias eontigisse. Ausus est enim et pupillus adhue et praetextatus iudicibus reos eommen­

dare et gratiam suam foro interponere tarn effieaciter quidern ut quaedam iudicia eonstet

:z

ab illo rapta. Quo non crumperet tarn inrna­

turo. o.rnbitio? Scires in rnalum ingens et pri­

vaturn et publieum evasuram tarn praeeoquem

audaeiam. Sero itaque querebatur nullas sibi ferias contigisse a puero seditiosus et fora

gravis. Disputatur an ipse sibi manus attulerit;

subito enim vulnere per inguen aeeepto eon­

lapsus est, aIiquo dubitante an mors eius vo­

luntaria esset, nu110 an tempestiva.

J

Supervacuum est eommemorare plures qui,

eum aliis feIicissimi viderentur, ipsi in se

verum testimonium dixerunt perosi arnnern

actum annorum suarurn. Sed his quereIlis nee

alias mutaverunt nee se ipsos, nam eum verba

eruperunt, adfeetus ad eonsuctudinem rela­

buntur.

4

Vestra rne hercules vita, lieet supra miIIe

annos exeat, in artissimum eontrahetur: ista vitia nulluffi non saeeulum devorabunt; hoc

vero spatium, quad quamvis natura eurrit

ratio diIatat, eito vos effugiat neeesse est; non

enim adprenditis nee retinetis vel ocissimae omnium rei moram facitis, sed abire ut rem supervaeuam ac reparabiIem sinitis.

7, r In primis autem et iIIos numero qui nulli rei nisi vino ac libidini vacant; nuIli enim turpius

oecupati sunt. Ceteri, etiam si vana gloriae imagine teneantur, speciose tarnen errant;

lieet avaros rnihi, lieet iraeundos enumeres vel odia exereentes iniusta vel belIa, omnes J2 isti virilius peccant; in ventrem ae libidinem

al1ein seien nicht einmal in der Kindheit freie Tage vergönnt gewesen. Noch minderjährig und in Knabenkleidung 1) hatte er es nämlich gewagt, vor den Richtern für Angeklagte einzutreten und seinen Einfluß auf dem Forum einzusetzen, und zwar so wirksam, daß einige Urteilssprüche bekanntlich ganz von ihm bestimmt wurden. Wohin hätte so früher Ehrgeiz nicht ausarten

sollen? Man hätte wissen müssen, daß so frühreife Verwegenheit

zu ungeheurem Unheil ausschlagen würde, für sein eigenes Le­ ben wie für den Staat. Zu spät also klagte er, ihm sei keine freie Zeit vergönnt gewesen, er, der von Kind an ein Unruhestifter und eine Last für das Forum gewesen war. Man diskutiert, ob er selbst Hand an sich gelegt hat; er brach nämlich auf einmal mit einer Wunde im Unterleib zusammen; mancher hatte Zweifel, ob

sein Tod freiwillig war, niemand, ob er zur rechten Zeit eintrat. Es wäre überflüssig, noch mehr Menschen zu erwähnen, die ihrer Mitwelt über alle Maßen glücklich schienen, aber sich selbst gegenüber die Wahrheit bezeugten in ihrem Haß gegen alles, was sie in ihrem Leben getan hatten. Mit diesen Klagen haben sie freilich weder andere noch sich selbst geändert, denn wenn

die Worte sich Luft gemocht haben, sinken die Leidenschaften

in ihre alte Gewohnheit zurück. Das Leben, das ihr führt, mag es auch über tausend Jahre währen, wird wahrhaftig auf eine winzige Spanne zusammen­ schrumpfen : Solche Laster werden ein Jahrhundert nach dem anderen verschlingen. Diese eure Lebenszeit freilich, die dem

natürlichen Ablauf zum Trotz von der Vernunft ausgedehnt

wird, muß euch schnell entfliehen; denn ihr ergreift sie nicht noch haltet ihr sie fest oder bringt gar das Schnellste von allen Dingen zum Verweilen, sondern laßt es wie etwas Oberflüssiges und Ersetzbares vergehen. Vor allem aber rechne ich hierher auch jene, die nur für Wein und vVollust Zeit haben; denn niemand hat eine schändlichere I3eschäftigung. Wenn die anderen auch von einem trügerischen Bild des Ruhms gebannt sind, 50 hat ihr Irrtum doch etwas Glanzvolles; du magst mir die Habsüchtigen, magst mir die Jähzornigen aufzählen oder diejenigen, die ungerechte Feind­ seligkeiten oder Kriege entfachen - sie alle vergehen sich auf eine noch ziemlich mannhafte Weise. An schandbarer Seuche lei-

34

3 5

proiectorum inhonesta tabes est. Ornnia isto­ rum tempora excute, aspice quam diu corn­ putent, quam diu insidientur, quam diu time­ ant, quam diu calant, quam diu colantur, quantum vadimonia sua atque aliena occu­ peot, quantum convivia, quae iam ipsa officia sunt: viclehis quemadmodum illos respirare non sinant vel mala sua vel bana.

Denique inter amnes convenit nullam fern bene exerceri posse ab homine occupato, non eloquentiam, non liberales disciplinas, quando districtus animus nihil altius recipit sed om­ nia velut incu1cata respuit. Nihil minus est hominis occupari quam viverei nullius rei difficilior scientia est. Professares aliarum artium vulgo multique sunt, quasdam vero ex his pueri aclmoclum ita percepisse visi sunt ut etiam praecipere possent: vivere tota vita dis­ cendum est et, quod magis fortasse mirabe-

4

ris, tota vita discendum est mori. Tot maximi viri relictis omnibus impedimentis, eum di­ vitiis, offieiis, voluptatibus renuntiassent, hoe unum in extremam usque aetatem egerunt ut vivere seirent; plures tarnen ex his nondurn se seire confessi vita abicrunt, nedum ut isti seiant. Magni, mihi erede, et supra humanos crrores eminenris viri est nihil ex suo tempore dclibari sinere, et ideo eius vita longissima est quia, quantumeurnque patuit, totum ipsi vaeavit. Nihil incle incultum otiosurnque iacuit, nihil sub aHo fuit, neque enirn quicquam repperit dignum quod cum tempore suo pcrmutaret custos eius parcissimus. Itaque saris iIli fuit. Is vero neccsse est defuisse cx quorum vita multum populus tuHt. 6 Nec estquod pures non illos aliqu.:mdo inteI- legeredamnumsuum:plerosquecerte audies ex

l

vita multum populus tuHt. 6 Nec estquod pures non illos aliqu.:mdo inteI- legeredamnumsuum:plerosquecerte audies ex l

det dagegen, wer sich der Völlerei und der Unzucht in die Arme geworfen hat. Prüfe einmal die ganze Lebenszeit dieser Men­

schen, schau, wie lange sie sich mit Rechnungen, wie lange mit Intrigen beschäftigen, wie lange sievoll Furcht sind, wie lange sie jemanden hofieren, wie lange sie sich hofieren lassen,wievielZeit eigene und fremde Verabredungen 24 beanspruchen, wieviel die

Gelage, die schon regelrechte Dienstpflichten sind: du wirst sehen, wie ihr Wohl und ihr Wehe sie nicht zu Atem kommen lassen. überhaupt sind sich alle darüber einig, daß ein Mensch, der beschäftigt ist, nichts mit Erfolg ausüben könne, nicht die Be­

redsamkeit, nicht die freien Künste, da ein zerstreuter Geist nichts tiefer aufnimmt, sondern alles wie etwas nur Eingetrich­ tertes wieder ausspuckt. Nichts kann ein vielbeschäftigterMensch weniger als leben; nichts ist schwerer zu erlernen. Lehrer anderer Künste gibt es allenthalben und in großer Zahl; in manchen von diesen Fertigkeiten sind sogar, wie man sehen konnte, schon Knaben so beschlagen, daß sie Unterricht erteilen könnten. Leben muß man ein Leben lang lernen, und - darüber wirst du dich vielleicht noch mehr wundem - ein Leben lang muß man sterhen lernen2s• So viele bedeutende Männer haben, nachdem sie alles, was sie hinderte, hinter sich gelassen und ihrem Reichtum, ihren Ämtern, ihren Vergnügungen entsagt hatten, bis ins höchste Alter einzig danach getradltet, daß sie zu leben verstünden; trotzdem ist die Mehrzahl von ihnen mit dem Be­ kenntnis gestorben, sie wüßten es immer noch nicht - ge­ schweige denn, daß es die anderen wissen. Glaub mir, ein großer und über menschliche Irrtümer erha­ bener Mann bringt es fertig, sich von seiner Zeit nichts neh­ men zu lassen, und deswegen ist sein leben so lang, weil alle Zeit, die ihm zur Verfügung stand, ganz für ihn frei war. Nichts blieb daher ohne Pflege und ungenutzt liegen, nichts war von einem anderen abhängig, denn er hat nichts gefunden, was einen Tausch mit seiner Zeit wert gewesen wäre, über die er mit pein­ lichster Sparsamkeit wachte. Deshalb hat sie ihm genügt. Den­ jenigen aber muß sie knapp geworden sein, aus deren leben die Leute viel weggenommen haben. Aber du darfst nicht glauben, jene würden ihren Verlust nicht eines Tages einsehen. Sicher die meisten von denen, die die

honestas rniserias exclamare interdum:
honestas rniserias exclamare interdum:

iis quos magna fclicitas gravat intcr clienuum

greges aut eausarum aetiones aut eeteras

«vivere

mihi non lieet!» Quidni non Beeat? Omnes

ilIi qui te sibi advocant tibi abdueunt. Ille reus, quot dies abstulit? Quot ille eandidatus? Quot illa anus efferendis heredibus lassa?

Quot ille ad irritandam avaritiam captantium simulatus aeger? Quot ille potentior amicus,

qui vos non in amicitiam scd in apparatu

habet? Dispunge, inquam, et reeense vitae

tuae dies: videbis pancos admodum et reiculos

apud te resedisse.

dies: videbis pancos admodum et reiculos apud te resedisse. 8 Adseeutus ille quos optaverat fasees cupit

8 Adseeutus ille quos optaverat fasees cupit ponere et subinde dicit: «quando hic annus

praeteribit?» Faeit ille Iudos quorum sortern sibi obtingere magno aestimavit: «quando»

inquit «istos effugiam7» Diripitur ille toto

foro patronus et rnagno eoneursu ornnia ultra

quam audiri potest camplet: «quando») in­ quit «res proferentur?» Praecipitat quisque vitarn suam et futuri desiderio laborat, prae­ sentium taedio.

9 At iHe qui nullurn non tempus in usus suos

eonfert, qui ornnes dies tarnquam vitarn ordi­

n3t, nec optat crastinum nec timet. Quid enim est quod iam ulla hora novae voluptatis pos­

sit adferre? Omnia nota, omnia ad satietatem percepta sunt. De cetero Fors Fortuna, ut volet,

ordinet: vita iam in tuto est. Huic adici potest, detrahi nihil, et adici sie quernadmodum sa­

turo iam ac pleno aliquid cibi: quod nce desi­ derat et capit.

10 Non est itaque quod quernquam propter

eanos aut rugas putes diu vixissc: non ille diu

vixit sed diu fuit. Quid enim, si illum rnultum

putes navigasse qucrn saeva tempestas a portu

Last großen Erfolgs zu tragen haben, wirst du im Schwa_rn1

ihrer Klienten oder in Gerichtsverhandlungen oder in anderen

ehrenvollen Mühseligkeiten manrnmal ausrufen hören: «Mir ist es nicht vergönnt zu leben!» Warum soUte es ihnen vergönnt sein? Alle, die dich als Anwalt für sich beanspruchen, entziehen

dich dir. Wie viele Tage hat dir jener Angeklagte gestohlen? Wie viele jener Amtsbewerber? Wie viele jene Alte, die von den Begräbnissen ihrer Erben erschöph ist? Wie viele jener, der sich krank stellte, um die Habgier der Erbschleicher zu reizen? Wie viele jener allzu mächtige Freund, der euch nicht zu seinen Freun­ den, sondern zu seiner Ausstattung zählt? Mach die Rechnung,

sage ich, und zähle die Tage deines Lebens: du wirst sehen, daß dir sehr wenige verbliehen sind - gerade jene, die andere nicht brauchen konnten. Hat einer das ersehnte Amt erlangt, so wüns c ht er es nieder­ zulegen und sagt immer wieder: «Wann wird dieses Jahr vorbei

sein?» Jener veranstaltet Spiele, und es hat ihm viel bedeutet,

daß ibm der Auftrag durch das Los zufiele. «Wann», sagt er, «werde ich diese Spiele hinter mir haben?» Auf dem ganzen Forum reißt man sich um jenen Mann als Verteidiger, und mit riesigem Gedränge erfüllt er alles, weiter als man ihn hören kann. «Wann werden Geri c htsferien sein?» fragt er. Jeder üher­ stürzt sein Leben und leidet an der Sehnsucht nach dem Kom­ menden und am Ekel vor dem Gegenwärtigen. Der hingegen, der jeden Augenblick zu seinem Nutzen ver­ wendet, der jeden Tag so einteilt, als wäre er sein Lehen 16, sehnt sich nicht nach dem folgenden Tag und fürchtet si c h nicht davor. Was könnte denn noch irgendeine Stunde an neuer Lust brin­

gen? Alles ist bekannt, alles bis zur Sättigung genossen. üher das andere mag das Glück nach Belieben verfügen - das Le­ ben ist schon in Sicherheit. Diesem Menschen kann man noch etwas dazugeben, wegnehmen nichts; und dazugeben so wie einem schon völlig Gesättigten noch etwas Speise: er nimmt es, hat aber kein Verlangen danach.

Wegen grauer Haare und Runzeln brauchst du daher nicht zu glauben, einer habe lang gelebt. Er hat nicht lang gelebt, son­ dern ist lang dagewesen. Wäre es denn nicht Unsinn zu glauben, der habe eine weite Seereise unternommen, den ein wilder

exceptumhuc et illuc tuHt ae vicibus vcntorum ex diverso furentium per eadem spatia in or­ bem egit? Non ille multum navigavit sed multum iactatus est.

8, 1 Mirari soleo eum video aliquos tempus pe- tentes et eos qui rogantur facillimos i illud uterque spectat propter quod tempus petitum est, ipsum quidem neuter: quasi nirnl petitur, quasi nihil datur. Re omnium pretiosissima luditur; fallit autcm illas quia res incorporalis est, quia sub ocul05 non venit ideoque vilis­ sima aestirnatur, immo paene nullum eius pretium est.

Annu3, congiaria homines carissime acci- piunt et in is aut laborem aut operam aut diUgentiam suam locant; nemo aestimat tem­ pUS; utuntur illo Iaxius quasi gratuito. At eosdem aegras vide, si mortis periculum pro­ piU5 admotum est, medicorum genua tangen­ tes, si metuunt capitale supplicium, omnüt sua, ut vivant, paratos irnpendere ! Tanta in illis discordia adfectuum est. J Quodsipossetquernadrnodumpraeteritorum annorum cuiusque numerus proponi, sie futu­ rorum, quomodo illi, qui paucos viderent superesse, trepidarent, quomodo illis parce­ rem! Atqui facHe est quamvis exiguurn dis­ pensare quod certum est; id debet scrvari diligentius quod nescias quando deficiat. Nec est tamenquodputes illos ignorarequam eara res sit: dicere solent eis quos valdissime diligunt paratos se partern annorum sllorum dare. Dant nec intellegunt. Dant :lutem ita ut sine ilIorum incremento sibi detrahant, sed hoc ipsum undc detrahant neseiunt; ideo

sibi detrahant, sed hoc ipsum undc detrahant neseiunt; ideo 38 tolerabilis est illis iactura detrimenti latentis.

38 tolerabilis est illis iactura detrimenti latentis.

Stunn schon beim Auslaufen aus dem Hafen überfallen und

hierhin und dorthin getragen und im Wechsel der gegeneinander wütenden Winde immer dieselbe Bahn im Kreis herum getrie�

ben hat? Er hat nidü eine weite Seereise unternommen, sondern ist viel herumgeworfen worden.

Ich muß mich immer wundern, wenn ich sehe, wie manche

Menschen um Zeit bitten und die anderen sich ohne weiteres

darum hitten lassen; beide amten auf das, weswegen um Zeit

gebeten wurde, keiner auf sie selbst: wie wenn ein Nichts erbe­

ten, ein Nichts gegeben würde. Mit dem Allerkostharsten treibt

man ein Spiel; aber man nimmt es nicht wahr, weil es etwas

Unkörperlichcs ist, weil man es nicht zu Gesicht bekommt; deswegen schätzt man es so gering ein, ja mißt ihm fast keinen

Wert bei.

Das Jahresgehalt und Geldspenden nehmen die Menschen sehr gern in Empfang, und dafür verdingen sie ihre Arbeitskraft

oder ihre Mühe oder ihre Sorgfalt; niemand schätzt die Zeit;

allzu achtlos macht man von ihr Gebrauch, als ob sie nichts

kostete. Aber sieh dir dieselben Menschen an, wenn sie krank sind, wenn die Todesgefahr nähergerückt ist, wie sie die Knie der Ärzte anfassen, oder wenn sie das Todesurteil fürchten, wie

sie ihren gesamten Besitz zu opfern bereit sind, nur um 3m le­ ben zu bleiben. So widersprüchlich sind ihre Gefühle! Könnte man freilich die künftigen Jahre eines Menschen

gleich den vergangenen angeben, wie würden diejenigen zittern,

die nur noch wenige vor sich sehen, wie sparsam würden sie mit

ihnen umgehen ! Nun ist es aber leicht, etwas noch so Kleines

einzuteilen, wenn sein Umfang feststeht; doch mit größter

Sorgfalt muß man hüten, wovon man nicht weiß, wann es zu Ende ist. Trotzdem darfst du nicht glauben, diese Leute wüßten nicht,

wie wertvoll die Sache ist: Immerzu sagen sie denen, die sie be­ sonders gern haben, sie seien bereit, ihnen einen Teil ihrer Jahre

zu schenken. Sie geben ohne zu begreifen. Sie geben nämlich so, daß sie sich um etwas bringen, ohne daß die anderen et\vas

davon hätten. Aber eben das, wovon sie sich etwas entziehen, kennen sie nicht; deswegen ist ihnen der Schaden erträglich,

bleibt doch der Verlust verborgen.

Nemo restituet annos, nemo irerum te tibi reddct; ibit qua coepit actas nec cursum suurn aut revocabit aut supprimet; nihil tumultua­bitur, nihil admonebit vclocitatis suae: tacita labetur. Non illa se regis imperio, non favore populi

bitur, nihil admonebit vclocitatis suae: tacita

labetur. Non illa se regis imperio, non favore

populi longius proferet: sicut missa est a

primo die eurret, nusquam devertetur, nus­

quam remorabitur. Quid Het? Tu occupatus

es, vita festinat; mors interim aderit, cui, velis

ooHs, vacandum est.

9, I Potestne quicquam (srultius esse quam) sen-

sus hominum, eorum dico qui prudentiam iactant? Opcrosius occupati sunt: ut melius

possint vivere, impendiovitae vitarn instruunt.

Cogitationes suas in Iongum ordinant; rnaxi­

ma porro vitae iactura dilatio est: illa primum

quemque extrahit dicm, illa eripit praesentia

dum ulteriora promittit. Maximum vivendi

impedimentum est expectatio, quae pendet ex

crastino, perdit hodiemum. Quod in manu

fortunae positum est disponis, quod in tua dimittis. Quo spectas? Quo te extendis? Om­

nia quae ventura sunt in incerto iacent: pro­

tinus vive!

Clamat ecce maximus vates et velut divinonia quae ventura sunt in incerto iacent: pro­ tinus vive! ore instinetus salutare carmen canit: Optima

ore instinetus salutare carmen canit:

vates et velut divino ore instinetus salutare carmen canit: Optima quaeque dies miseris mortalibus aevi prima

Optima quaeque dies miseris mortalibus aevi prima fugit. «Quid eunctaris» inquit, «quid cessas? Nisi

oecupas, fugit.» Et eum oeeupaveris, tarnen fugiet; itaque eum eeleritate ternporis utendi

veloeitate certandum est et vclut cx torrenti

) rapido nec semper ituro cito hauriendum. Hoc

quoque pulcherrime 3d exprobrandam infini­ tam eunctationem quod non optimam quam­ que aetatem sed diem dicit. Quid securus et in tanta temporum fuga lentus menses tibi et ::mnos er longarn seriem, ureumquc aviditati

Niemand wird dir die Jahre zurückholen, niemand wird dich dir noch einmal wiedergeben ; das leben wird gehen, wie es be· gonnen hat, und seinen Lauf weder umkehren nod, anhalten; es wird keinen Liirm machen, nicht an seine Geschwindigkeit erinnern: lautlos wird es dahinfließen. Nicht auf Befehl eines Königs, nicht durch die Gunst des Volkes wird es sich verlängern; wie es 3m ersten Tag seinen Lauf begonnen hat, wird es weiterlaufen, nirgends wird es abweichen, nirgends ver­ weilen. Was wird geschehen? Du steckst in Geschäften, das Le­ ben eilt dahin; unterdessen wird der Tod vor dich treten, für den du Zeit haben mußt, ob du willst oder nicht. Kann es etwas Törichteres geben als das Denken der Men­ schen, ich meine jener, die sich ihrer Klugheit rühmen? Allzu mühsam sind sie beschäftigt: auf Kosten ihres Lebens richten sie ihr leben ein, um besser leben zu können. Sie legen ihre Pläne auf lange Sicht an. Aber der größte Verlust an Leben ist das Aufschieben : es entreißt uns einen Tag nach dem andern, es bringt uns um das Gegenwärtige, indem es Entferntes verspricht. Das größte Hindernis für das Leben ist die Erwartung, die am Morgen hängt und das Heute vertut. Du schaltest mit dem, was in der Hand des Schicksals liegt; was in deine Hand gelegt ist, läßt du dir entgehen. Worauf richtet sich dein Blick? Wo­ nach streckst du die Hand aus? Alles Zukünftige liegt im Unge­ wissen. Jetzt gleich lebe! Sieh, es verkündet der größte Dichter27 und singt, wie vom Mund des Gottes begeistert, den heilbringenden Spruch :

«Gerade der beste Tag des Lebens entflieht den armen Sterblichen zuerst.» «Was zauderst du?» sagt er damit. «Was säumst du? Greifst du nicht zu, so entflieht er.� Und selbst wenn du zugegriffen hast, wird er entfliehen; gegen die Geschwindigkeit der Zeit muß man darum durch die Schnelligkeit ankämpfen, mit der man sie nutzt; es ist wie bei einern reißenden Wildbach, dessen Wasser man schnell s c höpfen muß, da es nicht immer fließen wird. Auch dadurch tadelt der Dichter sehr treffend das endlose Zaudern, daß er nicht sagt «gerade das beste Alter�, sondern «gerade der beste Tag». Was breitest du sorglos und ruhig, ob­ wohl die Zeit dahinstürmt, Monate und Jahre in langer Reihe

tuae visum est, exporrigis? Dc die tecurn 10- quitur et de hoc ipso fugiente.

4 2

4 Num dubium cst ergo quin prima quaeque optima dies fugiat mortalibus miseris, id cst occupatis? Quorum puerilis adhuc animos scnectus opprimit, ad quam inparati inermcs­ que perveniunti nihil enim provisum est:

subito in mam necopinantcs inciderunt, acec-

J dere earn cotidie non senticbant. Quemad­ modum aut sermo aut lectia aut aliqua inten­ tior cogiratio iteT facientis decipit et pervenissc ante sciunt quam adpropinquassc, sie hoc irer vitae adsiduum et citatissimum, quod vigilan­ tes dormientesque eadem gradu facirnus, oc­ cup�l.tis non apparet nisi in fine. 10, I Qllod propusuisi in partes velimct 3rgumen- ta diducerc, multa mihi occurrent per quae probcm brevissim<lm esse oeeupatorum vitam. Solcbat dicere Fabianus, non ex his eathedra­

riis philosophis sed ex veris et :m tiquis, contra

adfectus impetu non subtiIitate pugnandum, nee minutis vulneribus sed incursu averten­ dam adern. Non probat cavillationes; eos enim comundi debere, non veIlicari. Tarnen, ut iIlis error exprobrctur suus, doeendi, non tanturn deplorandi sunt. In tria tempora vita dividitur: quod fuit, quod est, quod futurum est. Ex his, quod agimus breve est, quod aeturi sumus dubium, quod egimus certum. Hoc est enim in quod fortuna ius pcrdidit, quod in nuHius arbitrium reduei potest. Hoc amittunt oecupatii nec enim illis vaea.t praetcrita respieere et, si vaeet, iniu­ cunda est pacnitendae rei rceordatio.

et, si vaeet, iniu­ cunda est pacnitendae rei rceordatio. J Inviti itaquc adtempora male exacta anirnum

J Inviti itaquc adtempora male exacta anirnum

revocant nee audcnt ea retemptare quorum

vor dir aus, ganz wie es deiner Gier gefällt? Vom Tag spricht der

Dichter mit dir, und gerade davon, daß er so flüchtig ist. Gibt es nun etwa einen Zweifel, daß immer der erste Tag, der doch der beste ist28, den armen Sterblichen, das heißt den Viel­

beschäftigten, entflieht? Immer noch kindlich ist ihr Gemüt, wenn das Greisenalter sie überfällt, in das sie unvorbereitet und

ungerüstet gelangen; denn für nichts ist vorgesorgt: ahnungslos sind sie plötzlich hineingeraten; daß es täglich näherrückte, nah­ men sie nicht wahr. Wie Gespräch oder Lektüre oder angespann­ teres Nachdenken Reisende täuscht, und sie sich am Ziel sehen, bevor sie merken, daß sie näher gekommen sind, so wird diese

ununterbrochene rasche Lebensreise, die wir im Wachen und im Schlafen mit derselben Geschwindigkeit unternehmen, den Viel­ beschäftigten erst am Ende bewußt. Wollte ich meine These in einzelne Punkte und Argumente zerlegen 29, so böte sich mir wohl vieles an, womit ich beweisen könnte, daß das Leben der Vielbeschäftigten am kürzesten ist. Fabianus, nicht einer von den' heutigen Kathederphilosophen, sondern einer von den wahren Philosophen alten Schlags, hat immer gesagt, gegen die Leidenschaften müsse man mit Gewalt

kämpfen, nicht mit feinsinnigen Worten, und man könne ihre Front nicht mit leichten Venvundungen, sondern nur im Sturm­ angriff zum Weichen bringen. Sophistisches Gerede)O billigt er nicht; denn zermalmen müsse man die Leidenschaften, nicht necken. Trotzdem muß man jene Leute belehren, um ihnen ihren Irrtum klarzumachen, und darf nicht nur klagen über sie. In drei Zeiträume gliedert sich das Leben: Vergangenheit, Ge­ genwart und Zukunft. Die Zeit, in der wir gerade leben, ist kurz;

die Zeit, in der wir leben werden, ist zweifelhaft; die Zeit, in der wir gelebt haben, ist sicher. Denn gegen diese hat das Schicksal sein Recht verloren, sie kann in niemands Machtbereich zurück­ gebracht werden. Diesen Teil lassen sich die Vielbeschäftigten entgehen; denn sie haben keine Zeit, in die Vergangenheit zu­

rückzuschauen. Falls sie aber Zeit haben, so ist doch die Erin­ nerung an etwas, das man bereuen muß, unangenehm. Ungern richten sie daher ihre Gedanken auf Lebensabschnitte, die sie schlecht verbracht haben, und wagen nicht, nochmals an die zu rühren, deren Fehler, auch wenn sie sich damals durch

lenocinio subripiebantur, retractando pates­ cunt. Nemo, nisi quoi omnia acta sunt sub eensura sua, quae numquam fallitur, libenter ., se in praeteritum retorquet; illc qui multa ambitiosc eoneupiit, superbe eontempsit, im­ potenter vieit, insidiose deeepit, avarc rapuit, prodige effudit, nceesse est memoriam suam timeat. Atqui haee est pars temporis nostri saera ae dedieata, omnis humanos casus super­ grcssa, extra regnum fortunae subducta, quam non inopi3, non metus, non morborum ineur­ sus cX3gitet; haee ncc turbari nee eripi potest; perpetua eius et intrepida possessio est. Sin­ guli tantum dics, et hi per momenta, praesen­ tes sunt; at praetcriti temporis omnes, eum iusseritis, aderunt, 3d arbitrium tuum inspici se ac detineri patientur, quod faeere occupatis non vaeat.

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4 5

J

Sceurae et quietae menüs est in omnes vitae suae partes diseurrerc; oeeupatorum animi, velut sub iugo sint, flcetere se ae respieerc non possunt. Abit igitur vita eorum in profundum et ut nihil prodcst, lieet quanturnlibet ingeras, si non subest quod exeipiat ae servet, sie nihil rcfert quantum temporis detur, si non est ubi subsidat:perquassos foratosque animos trans­ mittitur.

6

Praesens tempus brevissimum est, adeo qui-

11,1

dem ut quibusdam nullum vidcatur; in cursu enim semper est, fluit et praeeipitatur; ante desinit esse quam venit nee magis moram patitur quam mundus aut sidera, quorum inrcquieta scrnpcr agitatio nurnquam in eodern vcstigio manet. Solum igitur ad oeeupatos praesens pertinet tempus, quod tarn breve est ut arripi non possit, et id ipsum iltis districtis in multa subdueitur. Dcnique vis seire quarnnon diu vivant? Vide

den Reiz einer augenblicklichen Lust der Wahrnehmung entzo­ gen haben, bei erneutem Durchdenken ans Tageslicht kommen. Nur wer alle seine Handlungen der eigenen PrüfungJt, die sich niemals täuschen läßt, unterzogen hat, wendet sich gern zu sei­ ner Vergangenheit zurück; wer vieles voll Ehrgeiz angestrebt und voll Hochmut verachtet hat, unbeherrscht erzwungen und heimtückisch erschlichen, voll Habgier an sich gerissen und ver­ schwenderisch durchgebracht hat, muß seine Erinnerung fürch­ ten. Und doch ist das der geheiligte und geweihte Teil unserer Zeit; er ist allen menschlichen Zufällen entrückt und der Herr­ schaft des Schicksals entzogen; nicht Not, nicht Furcht, nicht der Ansturm der Krankheiten vermögen ihn zu beunruhigen; er kann einem weder gestört noch entrissen werden; er ist ein dauerhafter und sorgenfreier Besitz. Nur einzelne Tage sind ge­ genwärtig, und die nur für Augenblicke; doch alle Tage der Vergangenheit werden vor euch hintreten, wenn ihr es verlangt, werden sich nach deinem Belieben betrachten und festhalten las­ sen; die Vielbeschäftigten haben dazu keine Zeit. Ein sorgloser und ruhiger Geist kann alle Phasen seines Le­ bens durchlaufen; die Vielbeschäftigten sind, wie wenn sie unter einem Joch stünden, unfähig sich umzuwenden und zurückzu­ blicken. Ihr Leben verläuft folglich in einen Abgrund, und wie ein Gefäß nichts nützt - man mag hineinschütten so viel man will- wenn kein Boden vorhanden ist,der das Hineingeschüttete auffängt und bewahrt, so ist es gleichgültig, wieviel Zeit einem gegeben wird, wenn sie nicht irgendwo einen Halt finden kann :

durch einen zerrütteten und durchlöcherten Geist rinnt sie hin­ durch. Sehr kurz ist die Gegenwart, so kurz, daß sie manchen gar nicht vorhanden zu sein scheint; denn immer ist sie im lauf, fließt und stürzt dahin; sie hört auf, bevor sie gekommen ist, und sie duldet ebensowenig ein Verweilen wie das Weltall oder

die Gestime, die in ihrer stets rastlosen Bewe

ung niemals an

derselben Stelle bleiben. Die Vielbeschäftigten··also haben es allein mit dieser Gegenwart zu tun, die so kurz ist, daß sie sich

nicht fassen läßt, und eben sie entzieht sich ihnen, deren Auf­ merksamkeit auf viele Dinge verstreut ist. Willst du ein für allemal erfahren, wie kurz die Zeit ist, die

p:

quam eupiant ruu vivere. Deerepiti senes paueorum annorum aceessionem votis rnen­ dicant, rninores natu se ipsos esse fingunt; rnenclacio sibi bbndiuntur et tarn libenter se fallunt quam si una fata decipiant. 1am vero eum illos aliqua inbecillitas mortalitatis ad­

monuit, quemadmodum paventes moriuntur, non tarnquam exeant de vita sed tamquarn extrahantur. StuItos se fuisse ut non vixerint c1amitant et, si modo evaserint cx illa valetu­ dinc, in otio victuros; tune quam frustra para­ verint quibus non fruerentur, quam in eassum omnis eeciclerit labor eogitant. At quibus vita proeul ab omni negotio agitur, quidni spatiosa sit? Nihil ex iIla delegatur, nihil aHo atque alio spargitur, nihil inde

fortunae traditur, nihil neglegentia interit, nihil largitione detrahitur, nihil supervacuum est: tota, ut ita dieam, in reditu est. Quantula­ eurnque ita abunde sufficit, et ideo, quando­ que ultirnus dies venerit, non eunetabitur sa­ piens ire ad mortern ceeto gradu. [ 2, r Quaeris fortasse quos occupatos vocem? Non

est quod me solos putes dieerc quos a basiliea

immissi demum canes eiciunt, quos aut in sua vides turba speciosius elidi aut in aliena con­ ternptius, quos offieia domibus suis evocant ur alienis foribus ilIidant, aut hasta praetoris infarni Iucro et quandoque suppuraturo excr­ cet.

praetoris infarni Iucro et quandoque suppuraturo excr­ cet. Quorundam otium occupatum est: in villa aut in
praetoris infarni Iucro et quandoque suppuraturo excr­ cet. Quorundam otium occupatum est: in villa aut in

Quorundam otium occupatum est: in villa aut in lecto suo, in media solitudine, quamvis ab omnibus recesserint, sibi ipsi molesti sunt:

quorum non otiosa vita dicenda est sed desi­ diosa occupatio. IIlum tu otiosum vaeas qui Corinthia, paucorum furore pretiosa, anxia subtilitate condnnat et maiorcm dierum par-

sie leben? SdlilU, wie begierig sie sind, lang zu leben. Abgelebte Greise betteln mit Gelübden um Zugabe weniger Jahre, sie ma­ men sich selber vor, jünger zu sein; mit einer Lüge schmeicheln sie sich und betrügen sich seIher 50 gern, wie wenn sie damit zugleich auch den Tod hinters Li c ht führten. Und wenn nun erst eine Krankheit sie an ihre Sterbli c hkeit erinnert hat, wie sterben sie voller Angst, nicht als ob sie aus dem Lehen schieden, son­ dern als ob sie aus ihm herausgerissen würden).! Töricht seien sie gewesen, daß sie nicht geleht hätten, schreien sie, und wenn sie nur dieser Krankheit noch entronnen seien, würden sie in Muße leben; dann bedenken sie, wie vergeblich sie erworben haben, was sie nicht genießen sollten, wie all ihre Anstrengung fehlgeschlagen ist. Doch wer fern von jedem Geschäft lebt, warum sollte dessen Leben nicht lang sein? Nichts davon wird anderen überwiesen, nichts hierhin und dorthin verstreut, nichts dem Zufall überlas­ sen/ nichts fällt der Nachlässigkeit zum Opfer, nichts geht durch Verschenken verloren, nichts ist überflüssig: das ganze Leben ist, sozusagen, eine Anlage, die sich voll verzinst. Daher reicht es vollauf aus, wenn es auch noch 50 kurz ist, und deswegen wird der Weise, wann immer der letzte Tag gekommen ist, ohne Zögern mit festem Schritt in den Tod gehen. Du fragst vielIeidlt, welche Leute ich vielbeschäftigt nenne? Du darfst nicht glauben, ich meinte nur solche, auf die man erst Hunde hetzen muß, um sie aus der Markthalle zu vertreiben, solche, die du entweder im glanzvollen Gedränge ihres eigenen Klientenschwanns oder in einer ziemlich rücksi c htslosen fremden Schar eingezwängt siehst, solche, die die Pflicht aus dem Hause ruft, damit sie an fremde Türen klopfen, oder denen die Lanze des Prätors3} wegen des sdländlichen Gewinns, der irgendwann einmal herauseitern 3.; wird, keine Ruhe läßt. Nein, bei rnandlen ist auch die Muße voll von Geschäften: in ihrem Landhaus oder auf ihrem Ruhelager, mitten in der Ein­ samkeit - sie mögen sich noch 50 sehr von allem zurückgezogen haben - fallen sie sich selbst zur Last: man kann ihr Leben nicht ein Leben in Muße nennen, sondern Geschäftigkeit im Nichtstun. Der, meinst du, lebe in Muße, der korinthische 35 Ge­ fäße/ die durch die Verrücktheit einiger Leute wertvoll geworden

tem in aeruginosis lamellis consumit? Qui in

ceromate (nam pro facinus! ne Romanis qui­ dem vitiis laboramus) sectator puerorum

rixantium sedet? Qui unctorum suorum gre­ ges in aetatum et colorum paria diducit? Qui

athletas novissimos pascit?

) Quid? 1110s otiosos vocas quibus apud ton-

sorem multae horae transmittuntur, dum de­

cerpitur si quid proxima nocte subcrevit, dum de singulis capillis in consilium itur, dum aut

disiecta coma restituitur aut deficiens hinc

atque illinc in frontem compell irur? Quomodo

irascuntur si tonsor paulo neglegentior fuit,

tamquam virum tonderet! Quomodo excandcs­

cunt si quid ex iuha sua decisum est, si quid

extra ordinem iacuit, nisi omnia in anulos suos reciderunt! Quis est istorum qui non

malit rem publicam suam turbari quam co­

mam? Qui non sollicitior sit de capitis sui

decore quam dc salute? Qui. non comptior esse malit quam honestior? Hos tu otiosos vocas

inter pechnern speculurnque occupatos?

Quid illi gui in cornponendis, audicndis,

discendis camids operati sunt, dum vocem, cuius rectum cursurn natura et optimum et simplicissimum fceit, in flexus modulationis inerpissimac torquent, quorumdigiti aliquod intra se carmen metientes semper sonant, quorum, eum ad res serias, etiam saepe tristes

adhibiti sunt, exauditur tacita modulatio? Non

habent isti otium sed iners negotium. Convivia mc hercules horum non posuerim inter vacantia tempora, cum videam quam solliciti argentum ardinent, quam diligentcr exoletorum suorum tunicas succingant, quam suspensi sint quarnodo aper a coco exeat, qua

ceIeritate signa dato gIabri ad rninisteria

suorum tunicas succingant, quam suspensi sint quarnodo aper a coco exeat, qua ceIeritate signa dato gIabri

sind, mit ängstlicher Genauigkeit ordnet und den größten Teil

seiner Tage bei Blechen voll Grünspan zubringt? Der auf dem

RingplatzJ6 sitzt (denn, welche Schande, nicht einmal mehr an

römischen Lastern leiden wir!) als eifriger Anhänger junger

Burschen, die rniteinander raufen? Der die Herden seiner gesalb­ ten Sklaven nach Alter und Farbe in Paare einteilt? Der die

Athleten unterhält, die gerade der letzte Schrei sind? Meinst du, jene leben in Muße, die viele Stunden beim Bar­

bier verbringen, in denen ausgezupft wird, was et\va in der letz­

ten Nacht nachgewachsen ist, Stunden, in denen man über jedes

einzelne Haar zu Rate geht und zerzaustes Haar wieder in Ord­

nung bringt oder, wenn es gelichtet ist, von hier und dort in die Stirn zusammenkämmt? Wie zornig sie werden, wenn der Bar­

bier ein wenig zu nachlässig war, als ob er einem Mann die

Haare schnitte )?! Wie sie in Weißglut geraten, wenn von ihrer

Mähne etwas abgeschni tten worden ist, wenn etvvas unorden t­

lieh lag, wenn nicht alles in die richtigen Locken gefallen ist!

Wer von diesen Leuten möchte nicht lieber den Staat durchein­

ander geraten lassen als seine Frisur? Wer wäre nicht um den

Putz seines Hauptes in größerer Besorgnis als um dessen Ge­

sundheit? Wer möchte nicht lieber hübsch zurechtgemacht sein

als anständig? Soll man jemanden einen «Menschen in Muße»

nennen, der nur mit Kamm und Spiegel beschäftigt ist?

Und jene, die mit dem Komponieren, dem Anhören und Ein­

studieren von Liedern beschäftigt sind, wobei sie die Stimme,

der"die Natur einen sehr guten und ganz einfachen Tonfall ver­

liehen hat, in alberne melodische Schnörkel verdrehen? Deren

Finger immer trommeln, weil sie innerlich den Takt eines lie­

des schlagen J8? Die man, auch wenn sie zu ernsten, oft sogar

traurigen Angelegenheiten zugezogen sind, leise vor sich hin­

summen hört J9?

müßige Beschäftigung.

Ihre Gastmähler40 möchte ich bei Gott nicht zur Freizeit rechnen, wenn ich sehe, wie besorgt sie das Silber ordnen, wie

gewissenhaft sie die Tunica ihrer Buhlknaben hochgürten, in welcher Spannung sie sind, wie dem Koch der Eber geräti mit

welchem Tempo auf ein Zeichen hin die glatten Bürschlein zum

Servieren auseinanderlaufen, mit welcher Kunstfertigkeit das

sondern

Diese Menschen haben keine Muße,

diseurrant, quanta arte seindantur aves in frusta non enormia, quam euriose infelices pueruli ebriorum sputa

diseurrant, quanta arte seindantur aves in frusta non enormia, quam euriose infelices pueruli ebriorum sputa detergeant: ex his ele­ gantiae lautitiaeque fama captatur et usque eo in omnes vitae secessus mala sua iIlos sequuntur, ut nec bibant sine ambitione nee edant.

Ne illos quidem inter otiosos numeraveris qui sella se et leetiea huc et illuc ferunt et ad gestationum suarum, quasi deserere illas non liceat, horas occurrunt, quos quando Iavari debeant, quando natare, quando cenare alius admonet: usque eo nimio delieati animi lan­ guare solvuntur, ut per se seire non possint an esuriant. Audio quendam ex delieatis (si modo deliciae voeandae sunt vitam et consuetudinem hu­ IDJnam dediscere), eum ex balneo inter manus elatus et in sella positus esset, dixisse inter­ rogando: «iam sedeoh Hune tu ignorantem an sedeat putas seire an vivat, an videat, an otiosus sit? Non facile dixerim utrum magis miserear si hoc ignoravit an si ignorare se finxit.

6

magis miserear si hoc ignoravit an si ignorare se finxit. 6 8 MuItarum quidem rerum oblivionem

8

MuItarum quidem rerum oblivionem sen- tiunt, sed multarum et imitantur; quaedam vitia illos quasi felieitatis argumenta delectanti nimis humilis et contempti hominis videtur seire quid facias. I nune et mimos muIta men­ tiri ad exprobrandam luxuriam puta. Plura me hereules praetereunt quam fingunt et tanta incredibilium vitiorum copia ingenioso in hoc unum saeeulo processit, ut iam mimorum

9

arguere possimus neglegemiam. Esse aliquem qui usque eo delieiis interierit, ut an sedeat alteri creclat! Non est ergo hic otiosus, aHud illi nomen imponas: aeger est, immo mortuus esti ille otiosus est cui otii sui et senSl1S est.

Geflügel in ja nicht zu große Stücke zerlegt wird, mit welchem Eifer die unglücklichen Bübchen das Erbrochene der Betrunkenen aufwischen. Dadurch sucht man den Ruf feinen Geschmacks und luxuriöser Lebensart zu gewinnen. Und so weit folgen diesen Menschen ihre Verkehrtheiten bis in jeden Winkel ihres Privat­ lebens, daß sie weder trinken noch essen, ohne affektiert zu sein. Nicht einmal bei jenen wüst du von einem Leben in Muße sprechen, die sich in Tragsessel und Sänfte hierhin und dorthin begeben und sich pünktlich zu den Stunden ihrer Promenaden41 einfinden, als dürfe man sie nicht versäumen; die ein anderer dann erinnert, wann sie baden sollen, wann schwimmen, wann speisen : durch die übermäßige Erschlaffung ihrer verzärtelten Geisteskraft werden sie so geschwächt, daß sie von sich aus nicht wissen, ob sie Hunger haben! Ich höre, von diesen Genießern (wenn man es überhaupt Ge­ nuß nennen kann, menschliche Lebensgewohnheiten zu ver­ lernen) habe einer, als er auf Händen aus dem Bad gehoben und in einen Sessel gesetzt worden war, gefragt: «Sitze ich schon?» Glaubst du, dieser Mensch, der nicht weiß, ob er sitzt, weiß, ob er lebt, ob er sieht, ob er Muße hat? Ich könnte nur schwer sa­ gen, ob idl es jämmerlicher finden soll, wenn er es wirklich nicht gewußt hat oder wenn er nur so getan hat, als wisse er es nicht. In vielen Fällen erleben diese leute zwar echte VergeßIichkeit, in vielen aber stelleh sie sich nur so; manche Schwächen machen ihnen Spaß, als wären sie Beweis ihres Glücks; nur zu ganz niedrigen und verächtlichen Menschen scheint es ihnen zu pas­ sen, daß einer weiß, was er tut. Nun geh hin und glaube, vieles sei nur eine Erfindung der Schauspieler4!, die damit die Genuß­ sucht anprangern wollten! Ach, sie übergehen mehr als sie er­ dichten, und die Zahl unglaublicher Laster hat in unserem nur in diesem einen Punkt begabten Zeitalter so zugenommen, daß wir den Mimen schon Nachlässigkeit vorwerfen können. Es gibt also jemanden, der durch Wohlleben so weit verkommen ist, daß er sich auf einen andern verlassen muß, ob er sitzt! Nein, das ist keiner, der in Muße lebt, du mußt ihm einen anderen Namen beilegen: Krank ist er, oder vielmehr: tot; in Muße lebt, wer auch das Bewußtsein von seiner MuBe besitzt. Dieser Halb-

Hic vero semivivus, cui ad intellegendos COT­ poris sui habitus indice opus est, quomodo potest hic ullius tcmporis dominus esse? 13,1 Persequi singulos longum est quorum aut latrunculi aut pUn aut excoquendi in sole cor� poris' Clira consumpserevitarn. Non sunt atiosi quorum voluptates multum negotii hahent. Nam de illis nemaduhitavit quin operase nihil agantqui litterarum inutiliurn srudiis detinen­ tUf, quae iam apud Romanos quoque magna ffi3nus est.

Graecorum iste morbus fuit quaerere quem numerum Ulixes remigum habuisset, prior scripta esset Ilias an Odyssia, praeterea an eiusdem esset .luctoris, aHa deinceps huius notae quac, sive contineas, nihil tacitam con­ scientiam iuvant, sive proferas, non dachor viclearis sed molcstior.tUf, quae iam apud Romanos quoque magna ffi3nus est. J Ecce Rom3nos quoque invasit inane studium

J Ecce Rom3nos quoque invasit inane studium supervacua discendi. His diebus audivi quen­ dam referentem quae primus quisque ex Ro­ manis ducibus fecisset: primus navali proelio Duilius vicit, primus Curius Dentatus in triumpho duxit elephantos. Etiamnunc ista, etsi ad veram gloriam non tendunt, circa civilium tarnen operum exempla versanturi non est profutura talis scicntia, est t3men quae nos speciosa rerurn vanitate detineat. <I Hoc quoque quaerentibus remittamus quis Romanis primus persuaserit navem conscen­ dere (Claudius is fuit, Caudex ob hoc ipsum appellatus, quia plurium tabularum contextus caudex 3pud antiquas vocatur, unde publicac tabulae codices dicuntur et naves nune quo­ que quae, ex antiqua eonsuetudine, com­ meatus per Tiberim subvehunt codicariae vo­

5

2

cantur).

lebendige ::tber, der, um seinen Körperzustand wahrzunehmen 43, jemanden braurnt, der ihn ihm anzeigt - wie kann der Herr sein über irgendeinen Augenblick seines Lebens? Es würde zu weit führen, ::tlle einzeln durchzugehen, deren Leben vom Brettspiel oder vom Ballspiel oder von der Sorge, den Körper in der Sonne ausdörren 44 zu lassen, aufgezehrt wor­

den ist.

Die leben nimt in Muße, deren Vergnügungen viel

Mühe machen. Denn bei denen, die vom eifrigen Studium nutz­

loser Wissenschahen ganz in Besduag genommen sind, wird niemand bezweifeln, daß sie auf mühsame Weise nichts tun; auch bei den Römern gibt es schon eine stattliche Schar davon.

Es war eine griechische Krankheit, zu untersuchen, welche Zahl von Ruderern Odysseus gehabt habe, ob die Ilias oder die

Odyssee zuerst geschrieben worden sei, ferner, ob sie von dem­

selben Verfasser stammten, und noch andere Fragen dieser Art, die, wenn man sie bei sich behält, unser Bewußtsein, von dem

nichts n3ch außen dringr45, in keiner Weise fördern, und wenn man sie äußert, einen nicht gelehrt, sondern eher 11isrig erschei­ nen lassen.

Ja, aum die Römer hat der sinnlose Eifer befallen, überflüs­ siges zu lernen 46. Dieser Tage hörte ich jemanden einen Vortrag darüber halten, was jeder von den römisdlcn Heerführern als erster getan habe: In einem Seegefecht h3t 31s erster Duilius47

gesiegt, Curius Dentatus48 h3t als erster EIef3nten im Triumph­ zug mitgeführt. Wenn diese Dinge auch vom wahren Ruhm weit entfernt sind, so bleiben sie doch immer noch im Bereich von

Beispielen staatsbürgerlicher Leistung; solches Wissen wird keinen Nutzen bringen, vermag uns aber doch durch den Glanz der �n sich unwichtigen Ereignisse zu fesseln. Auch die Frage wollen wir uns gefaHen 13ssen, wer die Römer ills erster beredet hat, ein Sdüff zu besteigen (es war Claudius49, der eben des­ wegen Caudex genannt wurde, weil mehrere zusammengefügte Bretter bei den Alten caudex hießen, won3ch die öffentlidlen

Gesetzestafeln als ,codices bezeichnet werden und nach alter Ge­ wohnheit 3ud\ jetzt noch die Schiffe, die den Tiber hinauf Wa­ ren befördern, codicariae heißen).

Gewiß mag auch das nicht ganz unwichtig sein, daß Valerius

Corvinus primus Messanam vicit et primus ex

farnilia Valeriorum urbis captae in se translato

nornine Messana appellatus est paulatirnque

vulgo perrnutante litteras Messalla dictus.

Num et hoc cuiquarn curare permittes, quad

Messalla dictus. Num et hoc cuiquarn curare permittes, quad primus L. Sulla in circa leones salutos

primus L. Sulla in circa leones salutos dedit,

cum alioquinalligati darentur, ad eonficiendos eos missis a rege Boccho iaeulatoribus? Et hoc

sane remittatur. Num et Pompeium primum in Circa elephantorum duodeviginti pugnam

edidisse commissis more proeli noxiis homini­

bus ad ullam rem bonam pertinet? Princeps

civitatis et inter antiquos principes (ut fama

tro.didit) bonitatis eximiae memorabile putavit

spectaculi genus novo more perdere homines.

«Depugnant? Parum est. Lancinantur? Parum

est: ingenti mole animalium exterantur!»

Satius erat ista in oblivianem ire, ne quis postea patens disccrct invideretque rei minimeLancinantur? Parum est: ingenti mole animalium exterantur!» humanae. 0 quantum caliginis mentibus nastris obicit

humanae. 0 quantum caliginis mentibus

nastris obicit magno. felicitas! nie se supra

rerurn naturam esse tune credidit, eum tot

miserorum hominum eatervas sub aHa eaela

natis beluis obicerer, cum bellum inter tarn

disparia animalia eommitteret, eum in con­ spectum papuli Romani rnultum sanguinis funderet mox plus ipsum fundere coacturus; at idem postea Alexandrina perfidia deceptus ultimo mancipio transfodiendum se praebuit, turn demum intellecta inani iactatione cogno­

minis suL

Sed ut illa revertar unde decessi et in eadem materia ostendam supervacuam quorundamturn demum intellecta inani iactatione cogno­ minis suL diligentiam: idem narrabat MeteUum victis in omnium 54

diligentiam: idem narrabat MeteUum victis in

omnium

54 Romanorum ante currum centum et viginti

55 captivos elephantos duxissCi Sullam ultimum

Sicilia

Poenis

triumphantem

unum

Corvinus50 als erster Messana besiegt hat und als erster aus der

Familie der Valerier dadurch, daß man den Namen der erober­

ten Stadt auf ihn übertrug, «Messana» genannt wurde und spä­

ter, weil das Volk allmählich die Laute veränderte, Messala hieß. Wirst du aber jemandem zugestehen, sich auch darüber den

Kopf zu zerbrechen, daß als erster 1. SullaSt im Zirkus Löwen

frei laufen ließ (während sie sonst angekettet gezeigt wurden), weil von König Bocchuss� Schützen gesandt worden waren, die

sie erlegen sollten? Meinetwegen, man mag auch das zulassen. Aber daß Pompeius 53 als erster im Zirkus einen Kampf von

achtzehn Elefanten aufführen ließ, wobei Verbrecher gegen sie wie in einem richtigen Gefecht antreten mußten, dient etwa

dieser Bericht irgendeinem guten Zweck? Der erste Mann im Staat und unter den großen Persönlichkeiten der alten Zeit (wie

die Sage überliefert) ein außerordentlich gütiger Mensch, hielt

es für eine bemerkenswerte Fonn des Schauspiels, auf neuartige

Weise Menschen umzubringen. «Sie kämpfen auf lehen undTod?

Das ist zu wenig. Sie werden zerfleischt? Das ist zu wenig: zer­ malmt werden sollen sie von der ungeheuren Masse der Tiere !»

Es wäre besser, solche Dinge gerieten in Vergessenheit54, da­ mit sie nicht später ein Mächtiger kennenlernt und voll Neid auf

diese unmenschliche Tnt blickt. 0 wieviel Finsternis wirft großes Glück über unseren Geist! Pompeius glaubte damals über der

Natur zu stehen, als er sd1arenweise unglückliche Menschen diesen Bestien vorwarf, die aus fremden Breiten stammen, als

er einen Kampf zwischen so ungleichen lebewesen beginnen ließ, als er viel Blut vergaß vor den Augen des römischen Vol­ kes, das er bald zwingen sollte, selbst noch mehr zu vergießen;

doch derselbe Mann ließ sich später, von alexandrinischer Treu­ losigkeit getäuscht, vom niedrigsten Sklavenss töten - da end­ lich erkannte er, was für ein hohles Prahlen in seinem Bcina­

men s6 1ag.

Aber um dorthin zurückzukehren, von wo ich abgeschweift bin, und die überflüssige Gründlichkeit mancher Leute am glei­ chen Stoff darzulegen: derselbe Autor erzählte, Metellus57 habe nach dem Sieg über die Punier in Sizilien bei seinem Triumph

als einziger Römer vor seinem Wagen hundertzwanzig erbeu­ tete Elefanten hertreiben lassen; SulIa habe als letzter Römer

Romanorum protulissc pomerium, quod nun­ quam provinciali sed Italko agro adquisito proferre rnoris apud antiguas

Romanorum protulissc pomerium, quod nun­

quam provinciali sed Italko agro adquisito

proferre rnoris apud antiguas fuit. Hoc seife rnagis prodest quam Aventinum montem extra

pomcrium esse, ut ille adfirmabat, propter

alteram ex duabus causis, aut guod plebs eo seccssisset, aut quod Remo auspicante illo

loco aves non addixissent, aHa deinceps in­ numerabilia quae aut farta sunt mendaciis aut similia. Nam ut concedas omnia eos fide bona

dicere, ut ad praestationem scribant, tarnen cuius i5ta errores minuent? Cuius cupiditates prernent? Quem fortiorern, quem iustiorem,

quem liberaliorernfadent? Dubitare se interim Fabianus nester aiebat an satius esset nullis studiis admoveri quam his implicari.

5 6

14, I Soli omnium otiosi sunt gui sapientiae va-

cant, soli vivunt; nec enim suam tantum aeta­

tem bene tucntur: amne aevum suo adiciunt;

quicquid annorum ante illos actum est, illis adquisitum est. Nisi ingratissimi sumus, illi

clarissimi saerarum opinionurn eonditores no­

bis nati sunt, nobis vitam praeparaverunt. Ad res puleherrirnas ex tenebris ad lueem erutas alieno labore deducimur; nullo nobis saeeulo

interdictum est, in omnia admi tti mur et, si

magnitudine animi egredi humanae imbecilli­ tatis angustias libet, rnultum per quod spatie­ mur ternporis est.

Disputare eum Socrate lieet, dubitare cum Carneade, eum Epieuro quieseere, hominis naturam eum Stoicis vineere, eum Cynicis exeedere. Cum rerurn natura in eonsortium omnis aevi patiatur ineedere, quidni ab hoc exiguo ct eadueo tcmporis transitu in iIla toto nos demus animo quae inmeosa, quae aeterna

eadueo tcmporis transitu in iIla toto nos demus animo quae inmeosa, quae aeterna 57 sunt, quae

57 sunt, quae eum melioribus eommunia?

das Pomerium58 3usgedehnt, desscn Envcilcrung bei den Altcn

nie üblich war, wenn Provinzialgebiet, sondern nur wenn itali­

scher Boden envorben worden war. Dics ist aber immer noch wissenswerter, als daß der Aventinhügel59, wie jener Autor be­ hauptete, aus einem der folgenden zwei Gründe außerhalb des

.Pomeriums liege: entweder weil die Plebs dorthin ausgezogen 60

sei oder weil bei

Vögel nimt günstig gezeigt hätten - und so weitcr unzählige andere Dinge, die ennveder voll von Lügen oder von der Un­

wahrheit nicht weit entfernt6Z sind. Denn selbst wenn man zu­ gibt, daß sie alles in gutem Glauben sagen und für die Wahr­

heit dessen, was sie schreiben, bürgen können - wessen Irrtü­ mcr wird denn so etwas mindern? Wessen Begierden niederhal­ ten? Wen wird es tapferer, wen gerechter, wen anständiger ma­ chen? Er zweifle zuweilen, sagte unser Fabianus, ob es nicht

besser sei, sich gar keinen Studien zu widmen, als sich in soIche

zu venvickeln.

Remus' Vogels c hau 61 sich an jenem Ort dic

Remus' Vogels c hau 61 sich an jenem Ort dic In Muße sind allein jene, die

In Muße sind allein jene, die für die Philosophie Zeit haben;

nur sie leben wirklich; denn sie hüten nicht nur die eigene Le­ benszeit gut, sondern verstehen jede Zeit der eigenen hinzuzufü­

gen; wieviele Jahre auch vor ihnen dahingegangen sind, sie ha­ ben sie zu ihrem Besitz gemacht. Wenn wir nicht ganz unfähig

sind, Wohltaten anzunehmen, so sind all die berühmten Begrün­

der ehrwürdiger Lehren für uns geboren, haben uns das Leben

vorbereitet. Zu den schönsten Dingen, die durch anderer Men­

schen Mühe aus dem Dunkel ans Licht geholt worden sind, wer­ den wir geleitet; kein Jahrhundert ist uns versagt, zu allen haben

wir Zutritt; und wenn wir durch die Kraft des Geistes die Beschrän­

kungen der menschlichen Schwachheit übers c hreiten wollen, so haben wir einen weiten Zeitraum, den wir durchwandern können. Wir haben die Möglichkeit, mit Sokrates zu diskutieren 63, mit Kameades zu zweifeln, mit Epikur uns in ein ruhiges Leben

zurückzuziehen, mit den Stoikern die menschliche Natur zu besiegen, mit den Kynikern sie hinter uns zu lassen. Da uns

die Natur in Gemeinschaft mit jedem Zeitalter treten läBt, warum sollten wir uns nicht von dieser kurzen und vergänglichen über­

gangszeit mit ganzem Herzen dem zuwenden, was unendlich und ewig ist und uns mit den Besseren verbindet?

über­ gangszeit mit ganzem Herzen dem zuwenden, was unendlich und ewig ist und uns mit den
) Isti, qui per officia diseursant, qui se alios- que inquietant, eum bene insanierint, eum

) Isti, qui per officia diseursant, qui se alios-

que inquietant, eum bene insanierint, eum om­

nium limina eotidie perambulaverint nee uIlas

apertas fores practerierint, eum per diversis­

simas domos meritoriam salutem cireumtule­

rint, quorum quemque ex tarn irunensa et va­

riis eupiditatibus distrieta urbe poterunt vide-

re! Quam multi erunt quorum illos aut som­ nus aut luxuria aut inhumanitas summoveat!

Quam multi qui ilIos, eum diu torserint, simula­

ta fcstinatione transeurrant! Quam multi per refertum clientibus atrium prodire vitabunt et

per obseuros aedium aclitus profugient, quasi

non inhumanius sit deeipere quam excludere!

Quam multi hesterna erapula semisomncs et

graves illis miseris suum somnum rumpenti­

bus ut alienum exspeetent, vix adlevatis labris

insusurraturn rniliens nornen oscitationc su­

58

5 9

perbissima reddent!

I-Ios in veris officiis morari plltamus, lieet

dicamlls, qui Zenonem, qui Pythagoran eotidie

er Demaeriturn ceterosque antistites bonarum

artium, qui Aristotelen et Theophr:lstum va­ lent habere quam familiarissimos. Nerno ho­

rum non vaeabit, nemo non venientem ad se

beatiorern, arnantiorern sui dimittet, nerno

quernquam vaeuis a se manibus abire patie­ tur; naete eanveniri, interdiu ab omnibus mortalibus possunt. 15, I Horum te rnori nemo coget, ornnes doeebunt;

horum nemo annos tuos eonterit, suos tibi

ornnes doeebunt; horum nemo annos tuos eonterit, suos tibi .l contribuit; nullius ex his senno periculosus

.l

contribuit; nullius ex his senno periculosus

erit, nullius arnicitia capitalis, nullius surnp­

tuosa observatio. Feres ex iIlis quicquid voles;

per illos non stabit, quominus, quantum plu- rimum ceperis, haurias. Quae illum felicitas,

quam pulchra senectus manet qui se in herum clientelam contulit! Habebit rum quibus de

Wenn die besagten Leute, die von einer Verpflichtung zur nächsten rennen und sich und andere verrückt machen - wenn

sie sidt tüchtig ausgetobt64 haben, wenn sie ihren täglichen Rundgang zu jedermanns Sdnvelle gemacht haben und an kei­

ner offenen Tür vorbeigeg:mgen sind, wenn sie in den entle­ gensten Häusern ihre bezahlte Aufwartung gemacht haben -

wie wenige werden sie antreffen in der unermeßIichen und von

den verschiedensten Leidenschaften zerrissenen StJdt! Wie viele

wird es geben, deren Schlaf oder Schwelgerei oder Unhöflichkeit

sie fortweist! Wie viele wird es geben, die sie erst lange auf die

Folter spannen und dann unter dem Vorwand, in Eile zu sein,

stehen lassen! Wie viele werden es vermeiden, durch das mit

Klienten vollgestopfte Atrium zu gehen, lind durch verborgene

Hauseingänge das Weite suchen, als ob eine Täuschung nicht

noch unhöflicher wäre als eine Abweisung! Wie viele werden,

vom gestrigen Rausch noch schläfrig und benommen, den Ar­

men, die ihren eigenen Schlaf unterbrechen, um einen fremden

abzuwarten, auf den mit kaum geöffneten Lippen tausendmal

geflüsterten Namen mit hochmütigem Gälmen antworten 65!

Nur die widmen, wie wir glauben, ihre Zeit wirklichen Ver­

pflichtungen, wenn man so sagen darf, die mit Zenon, die täg­

lieh mit Pythagoras und Demokrit und den übrigen Großen

der edlen Wissenschaften, die mit Aristoteies und Theophrast

vertrautesten Umgang haben wollen. Jeder von diesen wird

Zeit haben, jeder wird den, der zu ihm kommt, glücklicher und

als seinen noch besseren Freund entlassen, keiner wird einen

mit leeren Händen von sich weggehen lassen; bei Nacht und bei

Tag können sie von allen Sterblichen besucht werden. Von ihnen wird keiner dich zu sterben zwingen, alle werden es dich lehren; von ihnen reibt keiner deine Jahre auf, seine eigenen gibt er dir dazu; nie wird es gefährlich sein, wenn du mit einem von ihnen sprichst, nie wird dein leben bedroht sein,

weil du mit einem von ihnen befreundet bist, nie wird es kost­

spielig sein, wenn du einern von ihnen Ehre enveist. Alles was

du willst, wirst du von ihnen bekommen; an ihnen wird es nicht liegen. wenn du nicht so viel aufnimmst, wie du fassen könn­ test. Welches Glück, welch schönes Greisenalter envartet den, der sid\ ihnen angesdllossen hat! Er wird Menschen haben, mit

Glück, welch schönes Greisenalter envartet den, der sid\ ihnen angesdllossen hat! Er wird Menschen haben, mit

minimis maximisque rebus dcliberet, quas cle se cotidie consiliat, a quibus <ludiat verum sine contumeli<l., laudetur sine adulatione, ad quorum se simiHtudinem effingat.

J Solemus dicerc non fuisse in nostra potestate quos sortirernur parentes, forte nobis datC's:

nobis vero ad nostrum arbitrium nasci lieet. Nobilissimorum ingeniorum familiae sunt; elige in quam adscisci velis; non in nomen tantum adoptaberis, sed in ipsa bona quae non cront sordide nec maligne custodienda ; maiora fient qua illa pluribus diviseris. Hi tibi dabunt ad aetemitatem iter et te in ilIum locutn, ex qua nemo deicitur, sublevabunt. Haec una ratio est extcndcndae rnortalitatis, immo in immortalitatem vertcndae. Hanares, moni­ menta, quicquid aut decretis ambitio iussit aut operihus exstruxit, cito subruitur, nihil non longa dernolitur vetustas et movet; at iis, guae consecravit sapientia, nocerc non potest; nulla aholebit aetas, nulla deminuet; sequens ac deinde semper ulterior aliquid 3d veneratio­ nem eonferet, quoniam quidem in vicino ver­ satur invidia, sirnplicius longe posita miramur. Sapientis ergo multum patervitai non idem illum gui ceteros terminus cludit; solus gene­ ris humani legibus solvitur, ornnia illi saecuIa ut deo serviunt. Transit tempus aliquod: hoc recordatione comprendit; instat: hoc utituri venturum est: hoc praecipit. Longam illivitam faeit omnium temporum in unum conlatio. 16, I Illorum brevissima ac sollicitissima aetas est qui praeteritorum obliviseumur, praesentia neglegunt, de futura timent: eum ad extrema venerunt, sero intellegunt miseri tarn diu se,

dum nihil agunt, occupatos fuisse. Nec esl

60 quod hoc argumento probari putes longarn

.,

fuisse. Nec esl 60 quod hoc argumento probari putes longarn ., 61 illos agere vitam guia

denen er über die kleinsten und über die bedeutendsten Dinge nachdenken, die er täglich über sich um Rat fragen kann, von denen er die Wahrheit ohne Kränkung, ein lob ohne Schmei­ chelei vernimmt, nach deren Bild er sich formen kann. Wir sagen immer, es habe nicht in unserer Macht gestanden, welche Eltern wir bekommen, da sie uns durch Zufall gegeben sind: in Wahrheit aber können wir über unsere Herkunft selbst entscheiden. Es gibt Familien der edelsten Geister. Wähle, in welche du aufgenommen werden willst; nicht nur ihren Namen wirst du bekommen, sondern auch ihre Güter, und zwar solche, auf die du nicht mit armseliger Knausrigkeit aufpassen müssen wirst; sie werden sich vergrößern, an je mehr du sie verteilst. Sie werden dir den Weg zur Ewigkeit weisen und dich an jenen Ort emporheben, von dem niemand herabgestürzt wird. Das ist das einzige Mittel, unser sterbliches leben auszudehnen, ja so­ gar in Unsterblichkeit zu venvandeln. Ehrungen, Denkmäler, was immer die Ehrsucht entweder durch öffentliche Beschlüsse angeordnet oder durch Bautätigkeit aufgerichtet hat, stürzt schnell ein, das Alter zerstört und erschüttert alles; doch dem, was die Weisheit geheiligt hat, kann es nichts anhaben; kein Zeitalter wird es vertilgen, keines mindern; das nächste und jedes weitere wird etwas zur Verehrung beitragen, da sich der Neid ja beim Naheliegenden aufhält, während man das Ent­ fernte unbefangener bewundert. Weit ausgebreitet ist also das Leben des Weisen; ihn um­ schließt nicht dieselbe Begrenzung wie die übrigen Menschen; er allein untersteht nicht den Gesetzen des Menschengeschlech­ tes; alle Jahrhunderte dienen ihm wie einem Gott. Eine Zeit ist vergangen - er hält sie in der Erinnerung fest. Eine Zeit ist ge­ genwärtig - er nutzt sie. Eine Zeit wird kommen - er nimmt sie vonveg. Die Zusammenfassung aller Zeiten in eine einzige ver­ schafft ihm ein langes Leben. Am kürzesten und unruhigsten ist das leben derer, die das Vcrgangene vergessen, das Gegenwärtige nicht beachten und für die Zukunft in Furcht sind: zu spät sehen sie ein, wenn sie ans Ende gekommen sind, die Armen, daß sie so lange beschäf­ tigt waren, ohne wirklich et\vas zu tun. Du mußt auch nicht glauben, es sei ein Beweis für die länge ihres Lebens, daß sie

cant: vexat illos imprudentia incertis adfecti­ bus cr incurrentibus in ipsa quae metuunt;

martern saepe ideo optant quia timent. Illud quaque argumentum non est quod putes diu viventium, quod saepe illis langus vidctur

dies, quod, dum veniat condictum tempus cc­ nac, tarde ire horas queruntuT; n\lII1., si quan­ da illos deseruerunt occupationes, in ario relicti

aestuant nec quomodo id disponant ut extra­ hant sciunr. Itaque ad occupationem aliquam

tendunt et quod interiacet amne tempus gra­ ve est, tarn,roe hereules, quam eum dies munc­

ris gladiatorii edictus est, aut eum alicuius

alterius vel spectaculi vel volupratis

expectatur

constitutum, transilire medios dies velunt. Omnis ilIis speratae Tei longa dil:ttio est: at

mud tempus quod amant breve est er praeceps breviusque multo SUD vitio; aliunde enim aHo

transfugiunt et consistere in una cupiditate non possunt. Non sunt illis longi dies, sed invisi; n.t contra quam exiguae noctes viden­ tur, quas in conplexu scortorum aut villo exigunt! Inde etiam poetarum furor fabulis

humanos errores alentium, quibus visus est Iuppiter voluptatc concubitus delenitus dupli­ casse noctem. Quid aliud est vitia nostra incen­ dere quam auctores illis inscribcrc deos et dare morbo exemplo divinitatis excusatam licentiam 7 Possunt istis non brevissimae videri noctes quas tarn care rnercantur? Diem noctis expectatione perdunr, noctem lucis metu. 17, t Ipsae voluptates eorum trepiclae et variis ter- roribus inquicta.c sunt subitque cum maxime exsultantis soUicita cogitatio: «haee quam diu Ab hoc adfectu reges suarn flevere potemiam, nec iIlos magnitudo fortunae suae

62

delectavit, sed venturus aliquando finis e:aer-

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6 3 ruit. eum per magna camporum spatia por-

ruit. eum per magna camporum spatia por-

m.:mchmal den Tod herbeirufen: ihr Unverstand quält sie mit

Leidensdlaften, die ständig wechseln und gerade dem verfallen,

was sie fürchten; den Tod wünschen sie oft deswegen, weil sie Angst vor ihm haben. Auch das darfst du nicht als Beweis für ein langes Leben auffassen, daß ihnen derTag oh lang erscheint, daß sie, bis die festgesetzte Zeit des Mahles kommt, klagen, die Stunden vergingen so langsam; denn wenn die Geschäfte sie einmal im Stich gelassen haben, dann wird es ihnen unbehaglich

in ihrer Muße, und sie wissen nicht, wie sie die freie Zeit ein­ teilen sollen, um sie herumzubringen. Deshalb nehmen sie Zu­ flucht zu irgendeiner Beschäftigung, und alle d3zwischenliegende Zeit ist ihnen unerträglich, bei Gott genau so, wie sie die Zwi­ schentage überspringen möchten, wenn der Tag eines Gladia­ torenspiels angekündigt ist oder der Termin irgendeines ande­ ren Schauspiels oder Vergnügens erwartet wird. Jeder Aufschub eines erhofften Ereignisses ist für sie bng; aber kurz und flüchtig ist die Zeit, an der sie Gefallen finden, und sie wird durch ihre eigene Schuld noch viel kürzer; denn sie laufen von einer Sache zur anderen und können nidu bei einer einzigen Leidenschaft bleiben. Nicht lang, sondern verhaßt sind ihnen die Tage; wie kurz erscheinen ihnen dagegen die Nächte, die sie in den Armen ihrer Dirnen oder beim Wein verbringen! Daher auch der Wahnsinn der Dichter 66, die mit ihren Ge­ schichten den menschlichen Verirrungen Nahrung geben: Nach ihnen hat Jupiter, von der Lust des Beischlafs bezaubert, die Nacht verdoppelt 67. Schürt man nicht unsere Laster, wenn man ihnen Götter als Urheber zuschreibt und der krankhaften Lei­ denschaft durch göttliches Beispiel entschuldigte Freiheit gibt?

Müssen diesen Menschen die Nächte nicht sehr kurz vorkom­ men, die sie so teuer erkaufen? Den Tag verlieren sie in Envar­ tung der Nacht, die Nacht aus Furcht vor dem Licht. Selbst ihre Genüsse sind voller Angst und durch allerlei Sduedcen beunruhigt, und gerade wenn sie am ausgclassensten

sind, beschleicht sie der sorgenvole Gedanke: «Wie lange wird das währen?» Bei diesem Gefühl haben Könige über ihre Macht geweint, und die Größe ihres Glücks hat ihnen keine Freude bereitet, sondern das Endc, das einmal kommen würde, hat sie in Schrecken versetzt. Als der hochmütige Perserkönig68 sein

rigeret exereitum nee numerum cius sed men­ suram conprenderet Persarum rex insolentis­ simus, lacrimas profudit quod intra cenrum annos nemo ex tanta iuvcntute superfuturus esset; at illis admoturus erat f\ltum ipse qui flebat perditurusque alios in mari, alios in terra, alios proelio, alios fuga et intra exigllum tempus consumpturus illos quibus eentesimum annum timebat.

tempus consumpturus illos quibus eentesimum annum timebat. ) Quid quod gaudia qlloque eorum trepida sunt? Non

)

Quid quod gaudia qlloque eorum trepida sunt? Non enim �olidis causis innituntur sed eadem qua oriunturvanitate turbantur. Qualia autem putas esse tempora etiam ipsorum con­ fessione miser\l, cum haec quoque quibus sc attollunt et super homincm efferunt parum sincera sint?

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Maxirna quaeque bona sollicita sunt nee uBi

fortunac minus bene quam optimac ereditur; aHa felicitate ad ruendam fclicitatem opus est et pro

fortunac minus bene quam optimac ereditur; aHa felicitate ad ruendam fclicitatem opus est et pro ipsis quae successerevotisvota facienda sunt. Orone enim quod fortuito obvcnit insta­ bile est; quod altius surrcxerit,' opportunius est in oeeasum. Neminem porro casura delec­ tant; miserrimam ergo necesse est non tantum brevissimam vitam esse eorum qui rnagno parant labore quod maiore possideant. Ope­ rose adsecuntur quaevolunt, anxii tcnent quae adsecuti sunt; nul1a interim numquam am­ pHus redituri ternporis ratio est: novae occu­ pationes veteribus substituuntur, spcs spem excitat, ambitionem ambitio. Miseriarum non finis quaeritur, sed rnateria mutatur. Nostri nos honores torserunt: plus temporis alieni auferunt. Candidati laborare desimus: suffra­ gatores incipimus. Accusandi dcposuirnus molestiam: iuclicandi nanciscirnur. Iudex desit esse: quaesitor est. Alienorum bonorum rner­ cennaria procuratione consenuit: suis opibus

Heer in einer riesigen Ebene ausbreitete und nicht seine Zahl, sondern nur seinen Umfang abschätzen konnte, vergaß er Trä­ nen, weil in hundert Jahren von so vielen jungen Männern keiner mehr am Leben sein würde; doch er selbst war es, der ihnen das Verhängnis bringen sollte, über das er weinte, und sie teils auf dem Meere, teils zu Lande, teils im Kampf, teils auf der Flucht zugrunde gehen lassen und in kurzer Zeit die aufreiben sollte, für die ihm vor dem hundertsten Jahr bange war. Ja, noch mehr : sind nicht auch die Freuden dieser Menschen voller Angst? Denn sie ruhen nicht auf festem Grund, sondern dieselbe Nichtigkeit, aus der sie entstehen, macht sie unsicher. Was aber, glaubst du, müssen das für Zeiten sein, die sogar nach ihrem eigenen Bekenntnis unglücklich sind, wenn auch die, in denen sie sich erheben 69 und in übermenschliche Höhen auf­ schwingen, ganz und gar nicht ungetrübt sind? Gerade die größten Güter beunruhigen uns, und das höchste Glück verdient am wenigsten Vertrauen; um Glück zu erhalten, ist anderes Glück vonnöten, und gerade für die Gelübde, die Erfüllung gefunden haben, muß man Gelübde ablegen. Denn aIIes, was einem durch ZufaII zuteil wird, ist unbeständig; was sich höher erhoben hat, neigt um so mehr zum Untergang. Nun hat aber niemand Freude an etwas, das zu fallen droht; sehr · unglücklich also, nicht nur sehr kurz muß das Leben derjenigen sein, die mit großer Anstrengung etwas erwerben, das sie dann mit noch größerer besitzen. Mühsam erreichen sie, was sie wol­ len, ängstlich halten sie fest, was sie erreicht haben. Dabei rech­ net man überhaupt nicht mit der Zeit, die nie mehr wiederkehren wird: neue Beschäftigungen treten an die Stelle der alten; eine Hoffnung erregt die andere, ein ehrgeiziger Plan den andern. Man sucht nicht ein Ende des Elends, man ändert nur seinen Anlaß. Unsere eigenen Ehrenämter haben uns gequält - mehr Zeit nehmen uns die fremden. Wir mühen uns nicht mehr flir die eigene Kandidatur ab - als Wahlhelfer für andere beginnen wir uns jetzt zu plagen. Die Last des Anklagens haben wir ab­ gelegt - die des Rechtsprechens übernehmen wir. Einer hat auf­ gehört, Richter zu sein - nun ist er Vorsitzender des Gerichts­ hofes. Einer ist mit bezahlter Verwaltung fremder Güter alt geworden - nun wird er vom eigenen Reichtum in Anspruch ge-

distinetur. Marium caliga dimisit: consulatus· exercet. Quintius dictaturam propcrat perva­ dere: ab aratre revocabitur.

distinetur. Marium caliga dimisit: consulatus· exercet. Quintius dictaturam propcrat perva­ dere: ab aratre revocabitur. Ibit in Poenos nondum tantae maturus rei Scipio; victor

HannibaIis, vietor Antiochi, sui eonsulatus deeus, fraterni sponsor, ni per ipsum mora sit,

eum love reponeretur: civiles servatorern agi­

tabunt seditiones et post fastiditos a iuvene diis aequos honores iam senem contumacis eilii delectabit ambitio. Numquam derunt vel feliees vel rniserae sollicitudinis causae; per

oecupationes vita trudetur; otium numquam agetur, semper optabitur.

18, I Excerpe itaque te vulgo, Pauline earissime, et in tranquüliorerr: portum non pro aetatis spa­ tio iactatus tandem reeede. Cogita quot fluetus subieris, quat tempestates partim privatas sustinueris, partim publicas in te converteris; satis iam per laboriosa et inquieta documenta

exhibita virtus est; experire quid in orio faciat. Maior pars aetatis, eerte melior rei publicae data sit; aliquid temporis tui sume etiam

tibi. Nec te ad segnem aut inertem quietem voco, non ut somno et earis turbae voluptatibus

quidquid est in te indolis vividae mergas; non est istud adquiescere; invenies maiora omni­ bus adhuc strenue traetatis operibus, quae repositus et securus agites. Tu quidem orbis terrarum rationes adminis� tras tarn abstinenterquam alienas, tarn diligen� ter quarn tuas, tarn religiose quam publicas. In

officio amorem eonsequeris in quo odium vi­ tare diffieile est. Scd tarnen, mihi crede, satius est virae suac rationem quam frurnenti pubIici nosse. Istum animi vigorem reTUrn maxima­ rum capacissimum a ministerio honorifico

suac rationem quam frurnenti pubIici nosse. Istum animi vigorem reTUrn maxima­ rum capacissimum a ministerio honorifico

nommen. Den Marius 7° hat das Militär freigegeben - das Kon­ suhlt hält ihn in Atem. Quintius 71 beeilt sich, die Diktatur hin­ ter sich zu bringen - man wird ihn vom Pflug zurückrufen. Scipio 72 wird gegen die Punier ziehen, nodl nicht alt genug für ein so großes Unternehmen; Sieger über Hannibal, Sieger über Antiochus, Zierde seines Konsulates, Bürge für das Konsulat seines Bruders; geböte er nicht selbst Einhalt, würde man ihn Jupiter an die Seite setzen - Bürgerunruhen werden dem Retter zu schaffen machen, und nach den göttergleichen Ehren, die er als junger Mann verschmähte, wird ihm als Greis nur noch der Stolz auf sein eigensinniges Exil Freude machen. Nie wird es an glücklichen oder unglücklichen Anlässen zur Unruhe feh­ len; von einer Beschäftigung zur andern wird das Leben gedrängt werden; Muße wird nie Wirklichkeit, immer nur Wunsch sein. Darum sondere dich von der Masse ab, liebster Paulinus, und zieh dich endlich in einen stilleren Hafen zurück, nachdem du mehr, als es deinem Alter entspräche, herumgeworfen worden bist. Bedenke, wie vieleWogen du über dich hast ergehen lassen, wie viele Stürme du teils im Privatleben ausgehalten, teils in der Öffentlichkeit auf dich gerichtet hast; deine Tüchtigkeit hat sich in Proben, die mit Mühe und Unruhe verbunden waren, schon genug enYiesen; prüfe nun, was sie in der Mußezeit leistet. Der größere Teil deines Lebens7J, sicher der bessere, mag dem Staat gewidmet sein; etwas von deiner Zeit vefW'ende auch für dich ! Aber ich rufe dich nicht zu träger und tatenloser Ruhe, nicht dazu, daß du im Schlaf und in Genüssen, die die Masse liebt, a1l das versinken läßt, was an lebendigen Talenten in dir ist; dergleichen heißt nicht zur Ruhe kommen; größere Aufgaben wirst du finden als alle bisherigen, die du entschlossen in die Hand genommen hast, Aufgaben, die du in sorgenfreier Zurück­ gezogenheit erfüllen kannst. Du verwaltest die Rechnungsbücher des Weltreiches74 gewiß so uneigennützig wie fremde, so sorgfältig wie deine eigenen, so gewissenhaft wie öffentliche. Du gewinnst Zuneigung in einem Amt, in dem es schwer ist, dem Haß zu entgehen. Trotz­ dem aber, glaube mir, ist es besser, den Stand des eigenen Le­ bens als den des staatlichen Getreides zu kennen. Wende diese zu Größtem fähige Geisteskraft von einem zwar ehrenvollen,

quidcm sed parum ad beatam vitam apto revoca ct cogira non id egissc tc ab aetate prima omni cultu studiorum liberalium, ut tibi multa milia frumcnti bcne cornrnittcren­ tur: maius quiddam et altius de te promise­ ras. Non derunt et frugalitatis cxactae homines et laboriosac operae; tanto aptiora exportandis oneribus tarda iumcnta sunt quam nobiles equi, quorum generosam pcmicitatem quis umquam gravi sarcina pressit? Cogita prae­ teren. quantum sollicitudinis sit ad tantarn tc molern obieere: (um ventre tibi humano nego­ tium cst; nee rationcm patitur nee aequitate mitlgatur ncc ulla prece flcctitur populus esuricns. Modo modo intra paucos iIlos dies quibus C. Cacsar perit (si quis inferis scnsus est hoc gravissime ferens quod decedebat populo Ro­ mano superstite) scptem aut octa certe dierum cibaria superesse! Dum ille pontes navibus iungit et viribus impeei Iudit, aderat ultimum malorum obsessis quoquc, alimentorum eges­ tas; exitio paene 3C hme constitit ct, quae famem scquitur, rerurn omnium ruina furiosi et externi et infeliciter superbi regis imitatio. Quem tune animum habuerunt illi quibus erat mandata frurnenti publici cura, saX3, fer­ rum, ignes, Gaium exccpturi? Summa dissimu­ latione tantum inter viscera latentis mali tcgebant, eum ratione scilicet; quaedam enim ignorantibus aegriscuranda sunt; causa multis moricndi fuit morbum suum nosse. 19, I Rccipe te 3d haec tranquilliora, tutiora, maiora! Simile tu putas esse utrum cures, ut incorruptum et a fraude advehentium et a

68 neglegentia frumentum tr:msfundatur in hor-

8 neglegentia frumentum tr:msfundatur i n h o r - fi 6 9 rea, ne conccpto

fi

aber für ein glückliches Leben nicht sonderlich geeigneten Amt ab! Bedenke, daß du es mit all der Pflege der Wissenschaften von frühester Jugend an nicht darauf abgesehen hattest, daß dir viele tausend Scheffel Getreide in sichere Obhut gegeben wer­ den könnten. Etwas Größeres und Höheres hattest du von dir erhoffen lassen. Es wird nicht fehlen an Männem, die genauestens wirtschaf­ ten können und tatkräftig arbeiten; für den Transport von Lasten sind träge Zugtiere doch viel besser geeignet <11s edle Rosse - wer hat deren rassige Behendigkeit je durch schweres Gepäck gehemmt? Bedenke außerdem, wie viele Sorgen du dir schaffst, wenn du eine solche Last auf dich nimmst: mit dem Magen der Menschen hast du es zu tun; hungert das Volk, so duldet es kein vernünftiges überlegen noch läßt es sich durch Rechtlichkeit besänftigen noch von einer Bitte umstimmen. Erst kürzlich, in jenen wenigen Tagen, zu der Zeit als G<1ius Caesar75 umk<1m (der, wenn die Toten noch eine Empfindung haben, sich am meisten darüber ärgerte, daß er starb und das römische Volk ihn überlebte), waren Lebensmittel nur noch für sieben oder allenfalls acht Tage vorhanden! Während er Schiffs­ brücken schlagen76 ließ und mit den Kräften des Reiches sein Spiel trieb, trat das Obel ein, das au c h für Belagerte das äußer­ ste ist: M,:mgel an Nahrungsmitteln; Untergang fast und Hun­ gersnot und, was dem Hunger folgt, allgemeiner Zusammen­ bruch waren der Preis für das Nachäffen jenes wahnwitzigen und unheilvoll hochmütigen fremdländischen Königs 77. Wie mochte damals denen zumute sein, die für das staatliche Getreide zu sorgen hatten und nun damit re c hneten, Steine, Schwerter, Feuer, ja den Gaius 78 selber über sich ergehen lassen zu müssen? Mit größter Verstellung verbargen sie das arge im Innem schwärende übel, aus gutem Grund freilich: manches muß ohne Wissen der Kranken behandelt werden; die Kenntnis ihrer Krankheit hat schon vielen den Tod gebracht. Zieh dich zurück zu dem, was ruhiger, sicherer, größer ist! Es sei wenig Untersdlied, meinst du, ob du dich darum kümmerst, daß das Getreide ohne Besdlädigung durch Betrug oder Nach­ lässigkeit der Lieferanten in die Speicher geschüttet wird ;' daß es nicht Feuchtigkeit fängt und dadurch verdirbt und sich cr-

ut ad mensuram pondusque respondeat, an ad haec sacra et sublimia accedas sciturus, quae ma�eria sit dei, quae voluntas, quae candida, quacforma, quis animum tuum casus expectet� ubi nos a corporibusdimissos natura componat; quid sit quod huius mundi gravissima quae­

que in medio sustineat, supra levia 5uspendat,

in sumrnum ignem ferat, sidera vidhus 5uis

excitet, cetera cleinceps " ingentibus plena mira­ eulis?

Vis tu relicto solo mente ad ista respicere! Nune, dum calet sanguis, vigentihus ad me­ liora eundum est! Expectat te in hoc genere Nune, dum calet sanguis, vigentihus ad me­ liora eundum est! Expectat te in hoc genere vitae multum bonarum artiurn, amor virtutum atque usus, cupiditatum oblivio, vivendi ac

moriendi scientia, alta rerum guies.

20/1 Omnium quidem occupatorum eondiciomi- sera est, eorum tarnen rniserrima gui ne suis

quidem laborant occupationihu5, ad alicnum

dormiunt sornnum, ad alicnum ambulant gradum, arnare et odisse, res omnium liher­

Timas, iubentur. Hi si volent seire quam brevis ipsorum vita sit, cogitent ex quata parte sua

sit.

eum videris itaque praetextam saepe iam 5umptarn, eum eelebre in foro nomen, ne in­brevis ipsorum vita sit, cogitent ex quata parte sua sit. videris: ista vitae damno parantuT. Ut

videris: ista vitae damno parantuT. Ut unus ab illis numeretur annus, omnis aonos suos conterent. Quosdam, antequam in summum arnbitionis eniterentur, inter prima luctantis aetas reliquiti quosdam, cum in consummatio­

nem dignitatis per mille indignitates crupis­ sent, misera subit cogitatio laborasse ipsos in titulum sepulcri; quorundam ultima senectus, durn in novas spes ut iuventa dispanitur, inter conatus magnos er inprobos invalida defecit. Foedus ille quern in iudieio pro ignotissimis Iitigatonbus grandern natu et imperitac coro-Quosdam, antequam in summum arnbitionis eniterentur, inter prima luctantis aetas reliquiti quosdam, cum in consummatio­

hitzt; daß es dem Maß und Gewicht entspricht - oder ob du an diese heiligen und erhabenen Dinge herangehst, um zu erfah­ ren, aus welchem Stoff Gott besteht, was sein Wille79, sein Zu­ stand, seine Gestalt ist; welches Schicksal deine Seele erw'artet; wohin uns die Natur versetzt, wenn wir vorn Körper befreit sind; welches Prinzip die schwersten Teile unseres Weltalls in der Mitte hält80, die leichten darüber schweben, das Feuer an die höchste Stelle aufsteigen läßt, die Gestirne in ihren wechseln­ den Bahnen antreibt; und was sonst voll gewaltiger Wunder ist? Willst du nicht den Erdboden hinter dir lassen und mit dem Geist auf dies alles blicken ! Jctzt, solange das Blut warm ist, muß man kraftvoll auf das Bessere zugehen! In dieser Art Leben er­ warten dich eine Fülle edler Wissenschaften, Liebe zur sittlichen Vollkommenheit, die im Handeln verwirklicht wird, Vergessen der Begierden, Wissen vom Leben und Sterben, tiefe Seelenruhe. Gewiß ist die Lage a11er Vielbeschäftigten zu beklagen, am beklagenswertesten ist aber doch die Lage jener, die sich nicht einmal für ihre eigenen Beschäftigungen abmühen, sondern sich in ihrem Schlaf nach fremdem Schlaf richten, ihre Schritte dem Gang eines anderen anpassen, sich liebe und Haß, das Freieste von allem, befehlen lassen. Wenn diese wissen wollen, wie kurz ihr Leben ist, sollen sie überlegen, welch kleiner Teil davon ihnen gehört. Wenn du daher eine Purpurtoga81 siehst, die schon oft an­ gelegt worden is.t, wenn du einen Namen hörst, der auf dem Forumgefeiertwird, dann sei nicht neidisch : diese Dingegewinnt man auf Kosten des Lebens. Daß ein einziges Jahr nach ihnen gezählt wird82, dafür werden sie alle ihre Jahre opfern. Manche hat das Leben, bevor sie sich zum hohen Ziel ihres Ehrgeizes hinaufarbeiten konnten, schon im Ringen mit den Anfangs­ schwierigkeiten verlassen; manchen ist, nachdem sie sich zur Vollendung ihrer Würde durch tausend Würdelosigkeiten durch­ geschlagen haben, der jammervolle Gedanke gekommen, sie hätten sich nur für ihre Grabinschrift abgequält i manch hohes Greisenalter ist, während darin wie in der Jugend neue hoff­ nungsvolle Pläne geschmiedet wurden, mitten in großen und übertriebenen Unternehmungen kraftlos erloschen. Abstoßend ist einer, den in hohem Alter bei einer Gerichtsverhandlung für

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72 nae assensiones eaptantem SPIrItuS liquit; turpis ille qui vivendo lassus eirius quam laborando inter ipsa

nae assensiones eaptantem SPIrItuS liquit; turpis ille qui vivendo lassus eirius quam laborando inter ipsa officia collapsus est; tur­ pis quem accipiendis inmarientem rationibus diu tractus risit heres.

4 Praeterirequod mihi oceurrit exemplum non possum: C. Turannius fuit exactae diligentiae senex, qui post annum nonagesimum, eum vacationem praeuratianis ab C. Caesare ultro accepissct, camponi se in lecte et velut exani­ mern a circumstante familia plangi iussit. Lugebat domus otium domini senis nec finivit antc tristitiam quam labor iIli suus restitutus est. Adeone iuvat oeeupaturn mari? Idemplerisque animus est: diutius eupiditas illis laboris quarn facultas est; eum inbecilli­ tate eorporis pugnant, senectutem ipsam nullo aHo nomine gravem iudicant quam quod illos seponit. Lex a quinquagesimo anno militem non legit, a sexagesima senatorem non eitat:

difficilius homines a se otium inpetrant quam a lege.

6 Interim, dum rapiunturet rapiunt, durn alter alterius quietem rumpit, dum rnutuo miseri sunt, vita est sine fruetu, sine valuptate, sine ul10 profeetu animi; nemo in eonspicuo mar­ tern habet, nemo non procul spes intcndit, quidam vero disponunt etiam illa quae ultra vitam sunt, magnas moles sepulcrorum et operum publicorum dedieationes et ad rogum mUTIcra et ambitiosas exequias. At me hereules istorum funera, tamquam minimum vixerint, ad faees et cercos dueenda sunt.

et ambitiosas exequias. At me hereules istorum funera, tamquam minimum vixerint, ad faees et cercos dueenda

ganz gewöhnliche Streithähne, während er nach dem Beifall der

unkundigen Zuhörer haschte, der Atem verlassen hat; schimpf­ lich ist, wer, vorn Leben schneller ennattet als von seiner Arbeit,

mitten in seinen Amtsgeschäften zusammengebrochen ist;

schimpflich, wer vom lang hingehaltenen Erben ausgelacht wur­

de, als er über seinen Abrechnungen starb. Ein Beispiel, das mir eben einfällt, kann ich nicht übergehen:

C. Turannius 8) war ein alter Mann von pünktlichstem Fleiß; als er mit mehr als neunzig Jahren von Gaius Caesar ohne Ersuchen

die Entlassung aus dem Prokuratorenamt erhalten hatte, ließ er sich auf ein Bett legen und von der umstehenden Dienerschaft

wie einen Toten bejammern. Das ganze Haus klagte über den

Ruhestand des greisen Herrn und hörte mit der Trauer nicht

eher auf, als bis ihm sein mühevolles Amt wiedergegeben wurde. Macht es denn so viel Freude, bis in den Tod beschäftigt zu sein?

Die meisten haben diese Einstellung: ihr leidenschaftlicher Wunsch nach Arbeit hält länger an als ihre Fähigkeit dazu; sie kämpfen mit der Schwäche ihres Körpers und das Greisenalter

selbst halten sie nur deswegen für beschwerlich, weil es sie zur Seite schiebt. Das Gesetz zieht vom fünfzigsten Lebensjahr an

keinen mehr als Soldaten ein, vom sechzigsten 3n beruft es

keinen mehr in den Senat - von sich selbst erlangen die Men­

schen weniger leicht Muße als vom Gesetz. Doch während sie sich drängen lassen und drängen, während

der eine des andern Ruhe stört, während sie wechselseitig un­

glücklkh sind, verläuft ihr Leben ohne Gewinn, ohne Genuß, ohne irgendeinen geistigen Fortschritt; niemand hat den Tod vor Augen, jeder richtet seine Hoffnungen in die Ferne, manche treffen doch tatsächlich Vorkehrungen für das, was jenseits des Lebens liegt, für riesige Grabmale, für die Einweihung öffentli­ cher Bauwerke, für Leichenspiele am Scheiterhaufen und prunk­ volle Beisetzungen84. Doch bei Gott, ihre Leichenbegängnisse

sollen bei Fackeln und Kerzenlicht85 stattfinden, wie wenn sie nur ganz kurze Zeit gelebt hätten.

ZlIm Inteil1isclJeI1 Te:rt

Grundlage der Textüberlieferung von De brevitate vitae ist der Codex Ambrosianus C 90 (A), der wohl aus dem H. Jahrhun­ dert stammt und sich seit 1.60) in der Bibliorheca Ambrosi:ma

in Mailand befindet. Der vorliegende Text beruht auf der Aus­

gabe von P. Grimal, Paris 1959

rungen in der Interpunktion weicht er an folgenden Stellen da­ von ab:

2,:1 fortunae codd. delI.: formae A, Grilllal.

2,4 exercitatio: spario A, sui oceupatio Castiglioni, Grimal; als mögliche Alternative erwähnt Grhflnl exercitatio; dafür sprechen die zahlreichen Verbindungen des Wortes mit Begriffen aus dem Bereich der Redekunst, wie exercitatio diccndi (Cie.), declamandi exercitario (Sen. Contr. 2 pr. 4 ), verborum eligendorum cxercitatio (Quint.).

7, 6 non Mndvig: hinc A, Grimnl.

7,9 desiderat et capit Madvig: desiderat capit A, Grimnl. 8,4 unde detraham Madvig: ancletraant Korrektor von A, an detrahant GrimnI. 9, I Potestne quicquam (stultius esse quam) sensus hominum,

eorum dico nach Bourgerys Vorschlag Potestne quicquam (stul­ tius esse qllam qllorundam) senSlIS, hominum eorum dico: Pot­ est ne quicquam sensus hominum eorum dico A. Es gibt zahl­ reiche Verbesserungsversuche, die zum Teil auch den folgenden Satz verändern; so GrimaI: Potestne quicquam (esse) sensu hominum, forum dito qui prudentiam iactant, operosius? 10, ' probat A: probabat Grimal. 12, l unctorum DnlJ!mmlll: iunctorum A, iumentorum Gerlz,

Außer geringfügigen Ände­

Grimal.

12,6 admonet: usque Gertz: admonet; et usque A, Grimnl. 18,J gravissime ferens quod decedeb:1t Bomgery: gratissime ferens quod dicebat A, gratissime forens quod (sibi) dicebat

Grimal; gravissime Erasmus, cleeedebat Pirlcianlls. 19, I voluntas codd. delt.: voluptas A, Grimal.

Anmerkungen

Ausführliche philologische Erlöuterungen enthalten die Ausga­ ben von H. Dahlmann und P. Grimal (5. Literaturhinweise), die auch dem Folgenden zugrunde liegen.

1.

Pauline: s. Einleitung 5. 13 f.

2.

maximi medicorum: Hippokrates, Aphorismen '1,1. : {, ß(o�

ß QUXu;, 1] BE TEIVll �uxQ�.

3.

tadelt die Kritik an der Natur; nach stoischer Auffassung hat die Natur, die mit Gott, Vernunh, Vorsehung identisch ist (s. Diog. Laert. 7,135; Sen. De ben. 4,7; Nat. Quaest. 2.45), in der Welt alles zum Besten gestaltet (s. Cicero De nato deorum 2,73 ff.). Der Klage über die malignitas der Natur setzt Seneca

Seneca

Aristotelis

mini11le COllVeniellS sapienti viro lis:

die stoische These von der benignitas naturae entgegen (2,1). - Das Zitat ist wohl nicht Aristoteies, sondern Theophrast zuzu­ schreiben, auf den auch Cicero (Tusc. disp. 3,69) den Gedanken zurückführt. Aristotcles rechnet den Menschen zu den langle­

bigsten Lebewesen (De long. er brev. vitae 466 a).

4. collocaretur: Seneca vcnvendet hier und immer wieder in diesem Dialog Metaphern, die aus der Gesdläftssprache stam­ men. Diese Sprache ist dem Adressaten vertraut (5. Einleitung

5. 19) : die Lebenszeit als Kapital. das man gur anlegen muß.

5. maximum poetarum : Es ist nicht klar, um welchen Dichter es

sich handelt. Gewöhnlich bezeidmet Seneca mit diesem Aus­ druck Horner oder Vergil (Ep. 63,2 poetarum Graecorum maxi­ mus; De brev. 9,2 maxirnus vates). Der zitierte Satz (Paraphrase eines Verses oder ungenau zitiert oder korrupt überliefert) stammt aber nicht von ihnen. H. Dahlmann (Drei Bemerkungen zu Seneca De brevitate vitae, Hermes 76, 1.941., S. looff.) ver­ suchte Simonides als Autor zu erweisen. In der Formulierung läßt sich das Zitat jedoch eher mit einem Menandervers verglei­

chen

(Fragment 340 Ml'y.Q6v TL tOÜ ßlOU �at atEVOV �W�lEV

x e 6 vov), s. H. Baumgarten, Vitam brevem esse, longam 3rtcrn. Das Proömium der

xe6 vov), s. H. Baumgarten, Vitam brevem esse, longam 3rtcrn. Das Proömium der Schrift Senecas Dc brevitate vitae, Gyrnn3- sium 77, 1970, }1} f. Der Ausdruck maximus poetarum wider­ legt diese Vermutung nicht, da SencC3 zuzutr3uen ist, daß er ein

Zitat einem Autor fälschlich. zuschreibt (vgl. oben 1,2; Nat. Quaest. 4 a, 2,2 Ovid statt Tibull).

6. recurrere ad se: Nicht zu sich selbst kommen, nicht bei sich

sein, sich selbst entfremdet sein - darin liegt die Wurzel des fal­

schen Lebens der meisten Menschen. Dieser Gedanke beruht auf der stoischen Theorie der Oikeiosis: Danach besteht der erste Trieb des Menschen in der Hinwendung zum eigenen Ich, das m3n als sich zugehörig (olxElov) empfindet. Mit dieser Hinwen­ dung verbindet sich Selbstliebe, die sich als Selbsterhaltungs­

trieb äußert; jedes Lebewesen sucht das, was seinem Leben för­

derlich, und meidet, was ihm schädlich ist. Diese Unterscheidung

setzt die Wahrnehmung der eigenen Konstirution voraus ; zu­

erst erkennt der Mensch nur seine körperliche, mit zunehmender

Reife auch seine seelische und vernunftgemäße Konstitution, den Logos (die ratio), als sein wahres Wesen. Daraus entstehen die Wertbegriffe, die für das richtige, d. h. vernunftgemäße Leben

Voraussetzung sind: «gut» ist, was die ratio, die das Wesen des Menschen ausmacht, fördert und vervollkommnet; s. dazu Diag. Laert. 7,85; SVF 3,43 ff.; Sen. Ep. 121. Zum Begriff des Eigenen s. B. Groethuysen, Philosophische Anthropologie, München und

Berlin 1928, S. 55 f.

7. quorum nomina edisCll11tur: Man mußte die Namen einfluß­ reicher Personen kennen, um sie in der Öffentlichkeit grüßen zu können. Es gab eigene Sklaven, die die Aufgabe hatten, ihrem

Herrn die Namen solcher Personen zu nennen (nomenclatores); vor allem bei der Bewerbung um ein Amt erhoffte man sich da­

von Vorteile.

8. rex: Hier bezeidmet das Wort den Patron, den Reicheni s.

Sen. De ira JAJ,l; vgI. Horaz Ep. l,7,J7; Sat. 2,2,45; der Parasit nennt so seinen Gönner: Plautus Capt. 92.

Reicheni s. Sen. De ira JAJ,l; vgI. Horaz Ep. l,7,J7; Sat. 2,2,45; der Parasit nennt so

9. morbos quos mmlll !ecimus: Etwa durch übertriebenen Ta­

felluxus; vgl. Sen. Ep. 95, 25-29.

10. te immatuTII11l mori: Die Vorstellung, die Menschen stür­ ben, auch wenn sie ein hohes Alter erreichen, als Kinder, weil sie

nur wenige Jahre wirklich gelebt hätten, findet sich auch am Ende des Textes (20,6).

1.1. tamql/am semper victuri 'Vivitis : Zu den Grundtorheiten der

Menschen gehört ihre Neigung zu vergessen, daß sie sterblich

sind (mortalitatis oblivio, ),5); vgl. Cons. ad Pol. U,"; Cons. ad Mare. 11,1.

12. otiU11T: Das Wort bezeichnet zunächst nur die von Geschäf­

ten, speziell von politischer Tätigkeit freie Zeit, also dienstfreie

Feiertage und vor allem die Zeit nach Abschluß der politischen Laufbahn. Inhaltlich ist die freie Zeit dadurch noch nicht be­ stimmt: sie kann mit Nichtsnm, Vergnügen oder geistiger Be­

schäftigung ausgefüllt werden.

Seit Cicero wird otium auch als Bezeichnung für eine beson­

dere Fonn der Tätigkeit in der freien Zeit verwendet: für die wissenschaftliche und philosophische Beschäftigung. Otium in diesem Sinne erhält den gleichen Rang wie die politische Tätig­

keit. S. dazu E. Burck, Vorn Sinn des otium im alten Rom, in:

Römische Wertbegriffe, hrsg. v. H. Oppermann, Dannstadt

"967, 5. 50 3 -5'5.

In der Schrift De tranquillitate animi (Ober die Seelenruhe). abgefaßt um 5 9/60 n. Chr., empfiehlt Seneca, sich dem otium zu widmen, wenn man an der Ausübung der politischen Tätig­ keit gehindert wird; in De otio (Ober die Muße), einem Werk, in dem sich Seneca für seinen im Jahr 62 n. Chr. erfolgten Rück­ zug aus dem politischen leben rechtfertigt, versucht er zu bewei­ sen, daß auch ein rein kontemplatives leben mit der stoischen lehre vereinbar ist. Die Ambivalenz des Begriffes otium zeigt die Schrift De bre­ vitate vitae: neben dem wahren otium, das der Philosophie ge­ widmet ist, gibt es jenes wertlose/ das sich von den negotia und officia nur scheinbar tmterscheidet: Freizeit, in der die Entfrem-

dung vom richtigen leben, die in blinder Aktivität aufgehende Beschäftigung in der Form kräfteverzehrender Ausschweifung oder sinnlosem «Hobby» wiederkehrt - otium als desidiosa oceupatio (1.2,2) oder iners negotium (12,4).

13. bonne menti: Der Begriff umfaßt vernünftiges Denken und

moralische Integrität.

1.4.

nach otium, weil sie den Sturz aus ihrer hohen Position fürduen,

otium oprellt: Den Gedanken, die Mächtigen sehnten sich

spricht Seneca in ähnlicher Weise in Ep. 94,73 f. aus.

15. In quadam ad senatum epistula: Der Brief ist nicht sicher zu

datieren. Sueton (Augustus Kap. 28) erwähnt zwei Zeitpunkte, zu denen sich Augustus mit dem Gedanken trug, seine Macht niederzulegen: das erste Mal nach der Niederlage des Antonius, das zweite Mal während einer längeren Krankheit im Jahr 28 v. Chr. «Aber auf Grund der überlegung, daß er als Privatmann immer gefährdet sein werde und daß es unklug sei, die Regie­ rung mehreren Personen anzuvertrauen, behielt er die Mncht in seinen Händen, wobei es zweifelhaft bleibt, ob der Erfolg oder die Absicht besser waren.» H. Dahlmann (Komm. zur St.) ver­ gleicht die Worte, die Dio Cassius (5),9,1) AuguslUs am 1). Jan. 27 im Senat aussprechen läßt, mit dem bei Seneca zitierten Brief:

als Dank für seine Verdienste erbitte er sich nur, man möge ihm erlauben, nunmehr in Ruhe zu leben.

16. requ.iem (

) 11011 vacuam fore dig/litatis: Augustus scheint

hier auf Ciceros berühmte Formel eum dignitate otium (Pro Sestio 98) anzuspielen; s. dazu E. Burck, Vom Sinn des otiurn

im alten Rom (s. o. Anm. 1.2) i M. Fuhrmann, Gymnasium 67, "960, s. 48"-500.

1.7. Cmn civibus pril1lll111

Ereignisse auf:

: Seneca zählt folgende historische

Bürgerkriege: gegen Antonius im bellum Mutinense (43 v. Chr.), gegen Brutus und Cassius bei Philippi (42 v. Chr.), gegen L. Antonius und Fulvia, den Bruder und die Gattin des Triumvirn Antonius, im bellum Perusinum (40 v. Chr.) ;

gegen L. Antonius und Fulvia, den Bruder und die Gattin des Triumvirn Antonius, im bellum Perusinum

2. Krieg gegen die Amtsgenossen: im Jahr 36 v. Chr. wurde

Lepidus ausgeschaltet; 32-30 v. Chr. Krieg gegen Antoruus;

). Krieg gegen Verwandte: Antonius war von 40 bis 32 v. Chr. mit Octavia, der Schwester Octavians, verheiratet; Sextus Pom­

peius, den Octavian )6 v. Chr. in Sizilien besiegte, war ein Verwandter der Scriborua, der zweiten Frau Octavians;

4. Die L1.ndernamcn verweisen auf die Kämpfe mit den Caesar­ mördern (M.eedoni.: Sieg bei Philippi Okt. 42 v. ehr.), mit 5extus Pompeius (Sieili.: 37-36 v. ehr.) und Antonius (Aegyp­

tus, Syria, Asia: )0 v. Chr.) ; 5. «Befriedung» der Alpenvölker durch Tiberius und Drusus 15-1) v. Chr.; Vorrücken der Reichsgrenzen über Rhein und

Donau hinaus durch die Feldzüge des Drusus in den Jahren

12-9 v. ehr. und des Tiberius in den J.hren 8-7 v. ehr. und 4-6 n. ehr.; bei den Verh3ndlungen des Augustus-Enkds C.

Caesar mit dem Partherkönig im Jahr 1 n. Chr. wurde der Euphrat als Reichsgrenze bestätigt; Senecas Darstellung über­ treibt die außenpolitischen Erfolge des Augustus. Um der rheto­

rischen Wirkung willen stellt cr einen Synchronismus her zwi­ schen den politischen Taten des Augustlls und den Verschwö­

rungen gegen ihn: Verschwörung des A. Terentius Varro Mu­

rena und Fannius Caepio im Jahr 2) v. Chr., des Aemilius Le­

pidus (Sohn des Triumvirn Lepidus) 3' v. ehr., des M. Egna­ tius Rufus 19 v. Chr. Zu den Verschwörungen gegen Augustus

vgl. Sen. De eiern. 1,9; über Seneeas Augustus-ßild P. Jal, Ima­ ges d'Auguste ehez Sencque, Rev. des tt. Lat. 35, '957, S. 242

-264.

18. folia el tot