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Aspekte

einer ambulanten
Täterbehandlung

Materialien zum Seminar

›Praktische Aspekte
der ambulanten Behandlung von Sexualstraftätern‹

Dr. Kobbé
Professionelle Prämisse:
Behandlungsplanungsschritte (Fallkonzeptualisierung)
Professionelle Prämisse:
Klärung des – ambulanten – Settings

Ambulante Arbeit in Settings der


l primären Prävention (Prophylaxe)

l sekundären Prävention

î anstelle Freiheitsentzug (Therapieauflage)


î während des Freiheitsentzugs (als externe/r Therapeut/in)
l ambulanten Nachsorge

î nach dem Freiheitsentzug (Therapieauflage)


Professionelle Prämisse:
Klärung des Therapieverständnisses

Programmatisch fordert Vanhoeck (1999, 170) ebenso dezidiert wie


selbstkritisch,
l ›harm reduction‹, Schadensbeschränkung sei »zwar eine wichtige und
vielleicht die wichtigste Zielsetzung, doch wir müssen unseren Klienten
mehr zu bieten haben, als sie nur zu lehren, wie sie sich zu benehmen
haben«.
Denn:
l Therapie wird »Missbrauch nicht aus der Welt bannen und auch nicht
allen Rückfällen vorbeugen können«, sodass Therapieeffekte und -
erfolge »nicht nur an Rückfallprozenten« ermessen werden sollten.

Ü Wann und wie kann ambulante Arbeit


mehr sein, als ›relapse prevention‹?
Professionelle Prämisse:
diagnostische Klärungsperspektive
Professionelle Prämisse:
Indikationsstellung (Therapieperspektive)
l Was in dem vorangehenden Schema als
›Gruppentherapie‹ aufgeführt wurde, gibt die
Standards und Praxis täterbezogener
Gruppentherapien nicht hinreichend wieder.
Unterschieden werden müsste vielmehr
zwischen
î Gruppentherapien i. S. von Modulen
eines Behandlungsprogramm, z. B. Sex
Offender Treatment Program (SOTP),
Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)
etc. und
î klassischen Gruppenpsychotherapien.
Professionalität: Klärungskriterien
Prinzipien – Standards – Empfehlungen •

l Intensität des therapeutischen Angebots entspricht der Höhe


des Rückfallrisikos.
l Behandlung fokussiert auf die tatsächlich kriminogenen
Faktoren, ohne dabei einseitig oder reduktionistisch zu sein.
l Behandlung ist den individuellen Fähigkeiten und dem Lernstil
angemessen.
l Behandlung erfolgt nach einem Therapieplan mit definierten
Behandlungszielen und einem strukturierten
Behandlungskonzept.
l Behandlungsplanung impliziert auch die Erstellung eines
konkreten Interventionsplans für eventuelle Krisensituationen.
Prinzipien – Standards – Empfehlungen ‚

l Im Vordergrund der Behandlung steht zunächst der Aufbau einer


sog. tragfähigen therapeutischen Beziehung = einer Beziehung,
die ein ›Nein‹ ohne Beziehungsabbruch erträgt.
î Erfordernis einer prinzipiell zugewandten, respektvollen,
hilfsbereiten Grundhaltung = Problem bei dissozial geprägten
Tätern mit impulsiven und/oder manipulativen
Handlungsmustern.
Prinzipien – Standards – Empfehlungen ƒ

l Behandlung in der ambulanten Nachsorge setzt eine frühzeitige, schritt-


weise und umfassende Einbeziehung sämtlicher Beteiligter voraus:
î StVK, StA, Bewährungshilfe, gesetzlicher Betreuer, Arzt / Ambulanz,
komplementäre Einrichtung …
î Erfordernis eindeutiger und transparenter Klärung der jeweiligen
Zuständigkeiten.
î Erfordernis umfassender Information über psychiatrische und
forensische Vorgeschichte.
î Verbindliche Vereinbarung eines regelmäßigen Informations-
austauschs (sog. Helferrunden) aller Beteiligter zur
o Reflektion des Wiedereingliederungsprozesses,

o Abstimmung des weiteren Vorgehens,

o Einschätzung eventueller Gefahrenmomente.


Interdisziplinärer Zugang:
integrative Theorie?

Gerade die allgemein vertretene


Denkfigur des so genannten
›bio-psycho-sozialen‹ Störungsmodells
wird allzu oft im Sinne eines zwar
›politisch korrekten‹, dafür aber
undifferenzierten »Plastikworts« dazu
verwendet,
î strittige Konzepte und »vorhandene
Gegensätze zu über decken,
î notwendige Auseinandersetzungen
zu verhindern und
î fruchtbare Spannungsverhältnisse
vorschnell aufzulösen«.
(Finzen 1998)
Interdisziplinärer Zugang:
Ü integrative multiprofessionelle Praxis

Das ›bio-psycho-soziale‹ Störungsmodell enthält Möglichkeiten der


mehrdimensionalen Behandlung, der interdisziplinären Kooperation, der
Vernetzung von medizinischem, psychologisch-psychotherapeutischem,
milieutherapeutischen, sozialpädagogischen, juristischen Ansätzen.

Ü
Interdisziplinärer Zugang:
Ü bifokale Strategie

Die auf einem ›bio-psycho-sozialen‹ Störungsmodell basierende Ableitung


mehrdimensionaler Behandlung folgt einer generellen Modellvorstellung.
der interdisziplinären Kooperation, der Vernetzung von medizinischem,
psychologisch-psychotherapeutischem, milieutherapeutischen,
sozialpädagogischen, juristischen Ansätzen.
Interdisziplinärer Zugang:
Ü bifokale Strategie

l Die auf einem ›bio-psycho-sozialen‹ Störungsmodell basierende


Ableitung mehrdimensionaler Behandlung folgt zunächst lediglich einer
generellen Modellvorstellung.
l Für dissozial strukturierte Persönlichkeiten konstatiert Rauchfleisch
dann aber sehr konkret:
»Viele Probleme, in der wir einen solchen [Klienten] verstrickt sehen,
sind nicht ›nur innerpsychischer‹ oder ›nur sozialer‹ Art, sondern
Resultat einer komplizierten Wechselwirkung beider Faktoren und aus
diesem Grunde letztlich nur bifokal bearbeitbar.«
Prinzipien – Standards – Empfehlungen „

l Ambulante Nachsorge versorgt Klienten in Umbruchsituationen, neuen


Anforderungen und Herausforderungen, mithin Krisenzeiten:
î Dies erfordert ein ggf. niedrigschwelliges Angebot und ein zwar
regelhaftes sowie eindeutiges, zugleich aber flexibles Vorgehen
(Gefahr des ›Verhakens‹ rigide-defensiver Überzeugungen des
Betroffenen mit – zu – starren institutionellen Regeln).
l Ambulante Nachsorge erfüllt Funktionen der individuellen (psycho-)the-
rapeutischen Hilfe, psychologischen Beratung, sozialen Betreuung wie
der (Ab-)Sicherung und Kontrolle.
î Abwägung zwischen Persönlichkeitsrechten, angemessener
Behandlung und Sicherheitsansprüchen
o Therapeuten als ›social cops‹?

o (Selbst-)Kontrollfrage: ›Was ist daran therapeutisch?‹


Empirische Qualitätsmerkmale
einer ambulanten Täterbehandlung

Ü therapeutische (fallbezogene) Kriterien


Ü institutionelle Kriterien
Qualitätsmerkmale:
Ü therapeutische (fallbezogene) Kriterien

l geregelter und unbeschönigter Informationstransfer


= realistische Informationsübergabe stationär > ambulant
l Sicherstellung einer aktuellen, umfassenden Diagnostik
l geregelter Informationstransfer v. a. zu Entwicklungen des Klienten
l Passung von Behandlungssetting und -ansatz
= Kombinationstherapie (psycho-, pharmako-, sozialtherapeutisch)
l adäquat ausgestaltete Weisung oder Auflage
= passende Strukturvorgaben
l adäquate (Kontra-)Indikationsstellung
= passende Vorabselektion
l geregelte Risikoeinschätzung
l belastbare therapeutische Beziehung
= tragfähiger therapeutischer Kontrakt
Qualitätsmerkmale:
Ü institutionelle Kriterien

l Transparenz, Klarheit und Struktur der ambulanten Arbeit


l Haltung einer bedingten Fürsorge der Therapeuten
l persönliche Anbindung = personelle Kontinuität
l Kriseninterventionsmöglichkeiten
l Zusicherung, Verfügbarkeit, Bereitstellung an forensischem
Fachwissen
l Informationstransfer, Beratung, Supervision
l wenig Reibungsverluste durch Interessen- und Rollenkonflikte
l geregelte Risikoeinschätzung
l passende Strukturvorgaben (Terminvorgaben, Wohnortnähe …)
l Sicherstellen qualitätssichernder Maßnahmen,
l Supervisionen, Teamsitzungen, Netzwerkarbeit
Therapeutische Aspekte
der Problemstellungen
ambulanter Täterbehandlung

Stichworte:
Ü Agieren – ›enactment‹
Ü Grenzfragen – Grenzsetzungen
Ü Symptomatik – Resilienzfaktoren
Ü Beziehungsverhalten – Bindungsformen
Ü reflexive Funktionen
Interaktion & Aktion u

l Ambulante Nachsorge wird – anders als die stationäre Täterbehandlung


– mit Gefährdungen durch konkretes (Re-)Agieren des Betreffenden
konfrontiert, dies
î als Gefährdung der Therapie,
î als Gefährdung Dritter,
î als Selbstgefährdung (Suizid, Deliktrückfall) .
l Hierzu merkt Rauchfleisch an, »das handlungsmäßige Inszenieren, die
Externalisierung innerer Konflikte in der Aussenwelt« stelle »eines der
charakteristischsten und therapeutisch am schwersten angehbaren
Merkmale der dissozialen Persönlichkeiten« dar.
l Anstelle des psychoanalytischen Begriffs ›Agieren‹ schlägt er den von
Sandler gewählten Begriff ›enactment‹ (Aufführung, Darstellung,
Inszenierung) vor.
l Dieses Handeln erfolgt impulsiv, ist mehrfach determiniert, erfüllt
vielfältige Schutz-, Ausdrucks- und Kompensationsfunktionen.
Interaktion & Aktion v

l In diesem ›enactment‹ manifestiere sich »nicht nur eine Unfähigkeit zu


verbalisieren«, sondern Handeln auch als eine »Sonderform der
Kommunikations- und Äußerungsweise«.
l D. h. es enthalte u. U. wichtige Informationen für den Therapeuten
î über das Ausmaß der intrapsychischen Konflikte,
î bzgl. der habituierten Konfliktlösungsmuster im extramuralen Alltag,
î bzgl. der Wiederholungs- / Reinszenierungstendenz und –dynamik
î Hinsichtlich der Unfähigkeit zur Antizipation und des einhergehenden
›punktiformen‹ (= ganz auf den Augeblick ausgerichteten) Erlebens.
l Eine ›Agieren‹ innerhalb der Therapie kann mitunter aber auch kein
Abwehrphänomen, sondern – i. S. eines ambivalenten Versuchs – einen
Versuch darstellen, etwas Neues zu erproben.
l Das Entwickeln somatischer Symptome deutet hingegen auf einer
Konfliktverarbeitung auf der körperlichen Ebene hin und wäre damit eher
ein Indikator für die psychische Gesamtbelastung.
Interaktion & Aktion w

l Ambulante Nachsorge impliziert daher nicht nur Grenzsetzungen durch


juristische Auflagen und deliktpräventive Ge- und Verbote.
l Es besteht zugleich eine therapeutische Indikation zur protektiven
Setzung, realitätsbezogenen Verdeutlichung, einübenden Antizipation
von Grenzen.
î Dies dient nicht nur der Bearbeitung oder Verhinderung von
Grenzüberschreitungen inner- und außerhalb der Therapie, sondern
eben auch einer Strukturierung des Klienten i. S. einer Vorbeugung
vor grandioser Illusionsbildung, Absturz in Strukturlosigkeit etc..
Interaktion & Aktion x
Ü Deliktinszenierung / Deliktrückfall

Wenn es um Wiederholung geht, um die irrationale Reinszenierung eines


handlungsleitenden imaginären Skripts, so stellt sich die Frage nach den
Gründen für dessen Realisierung zu gerade diesem Zeitpunkt mit gerade
diesem Opfer.
Bezogen auf die therapeutische Interaktion hat die Deliktinszenierung
mitunter eine durchaus dialektische Funktion, indem sie einerseits eine
intersubjektive Kluft zwischen Täterklient und Psychotherapeut/in
überbrückt und andererseits zugleich dafür sorgt, dass der intersubjektive
Abstand gewahrt bleibt bzw. reguliert wird. Zu prüfen wäre also
strukturdiagnostisch,
• auf welche Weise der therapeutische Prozess im Tatvorfeld dazu
beigetragen hat, den Einbruch dieser - die Distanz garantierenden -
Abwehrstruktur zu triggern, bzw.
• warum diese latente, deliktrelevante Dynamik während der
Behandlung nicht erkannt wurde / werden konnte.
Grenzfragen ambulanter Therapie

Interaktion = Aktion?
Reden = Sprechen?
…oder doch eher Sprachhandeln?
Argumentation = Argumentaktion?

Was also,
• wenn der Täter verbal nicht ›erreichbar‹ ist?
• wenn ›Beziehung‹ nicht gelingt?
• wenn Sprechen ohne Wirkung, ohne innere und/oder äußere
Konsequenzen bleibt?
• wenn der Täter nicht ›vertragsfähig‹ ist?
• wenn kein ansatzweise (selbst-)reflexiver Dialog möglich wird?
• wenn die Konfrontation mit best. Handlungen nicht ausgehalten wird?
Grenzsetzung ambulanter Therapie

Problem- und Risikofaktoren:


• Suchtmittelkonsum
• Komorbidität
• Bindungs- / Beziehungsprobleme
• ausgeprägte kognitive Verzerrungen
• sexuell deviante Phantasien
• fortgesetzte (sexuelle) Aggression
• Selbstkontrollprobleme & Impulsivität
• ausgeprägt unempathische & dissoziale Einstellungen
• fortgesetzte einschlägige Delinquenz
Abgrenzungen

Mithin bedarf es
• eines differenzierten Modells der Störung oder Verstörung,
• einer Identifizierung und Untersuchung
î der Determinanten,
î der Dynamik,
î der Struktur,
î des ›Themas‹,
î des Motivs,
î des Beziehungsmusters
der symptomatischen (Tat-)Handlungen.
Grenzsetzungen

l Kernberg konstatiert, gerade durch erhebliches Agieren, aber auch durch


andere lebens- oder behandlungsbedrohende Situationen werde »die
technische Neutralität ständig gestört, bedroht oder eingeschränkt, und
ein erheblicher Teil des Therapeuten wird sich darauf konzentrieren
müssen, immer wieder zu ihr zurückzukehren«.
l In diesen Fällen müsse der Therapeut mithin »besonders darauf achten,
dass er nur interveniert, wenn er wieder zu einer technisch neutralen
Haltung zurückgefunden hat«. Das bedeutet:
î Ein Setzen notwendiger Grenzen innerhalb einer Therapie – und erst
recht innerhalb ambulanter Tätertherapien – ist unabdingbar.
î Diese Grenzen müssen u. U. auch wiederholt mit dem Klienten
besprochen werden.
î Und diese Grenzen müssen ggf. wiederholt modifiziert werden, ohne
dabei beliebig zu werden.
î (Selbst-)Kontrollfrage: ›Was ist daran therapeutisch?‹
Zielsetzung ambulanter Therapie

Resilienzfaktoren:
• kognitive Flexibilität
• kommunikative Fertigkeiten
• Zuversicht, Optimismus
• Selbstkontrolle
• Empathiefähigkeit
• Zieleinstellung (Zielerwartung, Zielbindung)
• Zukunftsperspektiven
• Realitätsbezug
• Selbstwertgefühl
• Selbstwirksamkeit

Zielsetzung:
• Aktivierung protektiver Ressourcen und Resilienzfaktoren
• anstelle Focussierung von Problemfaktoren und Defiziten
sog. nicht-perverse Bewältigungsmechanismen
Schorsch et al. 1985, 66-67

1. Faktorpol 2. Faktorpol .
1 Vermeiden von Nähe / von Verbind- Suche nach Abhängigkeiten,
lichkeit, Sich-Entziehen, Opponieren, kindliches Anlehnen, passives
Verweigern von Gefühlen Anpassen, Unterwerfung
2 manipulative, indirekte Aggression,
Projektion, Funktionalisieren, Ent-
werten, Delegation von Verantwortung
3 Flucht in eine phantasierte Idealwelt /
phantasierte totale Beziehung
4 offene Aggression und Abgrenzung, Harmonisieren, Bagatellisieren
demonstrierte Unabhängigkeit,
Stereotyp von Stärke, Opponieren,
5 Selbstaggression, Selbstsabotage,
Sich-unbeliebt-Machen
6 Rückzug aus Beziehungen, soziale wahlloses Eingehen von
Isolierung, narzisstischer Rückzug Beziehungen
7 Kompensation durch Leistung
und Anpassung
Merkmalskombinationen bei Sexualstraftätern
Schorsch et al. 1973, 141-150

Faktor I progrediente Verlaufsform devianten Sexualverhaltens (vgl. Giese 1962)


Faktor II sozial definierbare Randständigkeit
- soziale Instabilität i. S. unsteter Lebensführung
- Zeichen allgemeiner Verwahrlosung
- Zugehörigkeit zur unteren sozialen Unterschicht
- allg. Neigung zur Aggressivität
- vermehrter Alkoholkonsum
- zur Tatzeit ohne feste Arbeit
- nicht-sexuelle Kriminalität

Faktor III pädagogisch-ästhetisches Syndrom


Faktor IV psychologisch beschreibbare Randständigkeit
- Spätentwickler mit retardierter Persönlichkeitsentfaltung
- asthenische / kontaktgestörte / selbstunsichere Persönlichkeit
- Neigung zu Ressentiments
- Überschamhaftigkeit als Ausdruck eines konfliktreichen,
unfreien Verhältnisses zur Sexualität
Symptombedeutung und Grundproblematik

Ausdrucksgehalt des Symptoms Grundproblem

Demonstration von Männlichkeit Genderproblematik,


Ausweichen vor Genitalität männl. Identitätsproblematik

Bewältigung von Wut und Hass


Oppositioneller Ausbruch Aggressionsproblematik
Erleben von Omnipotenz

Bestätigung von Selbstwirksamkeit Störung des Selbsterlebens,


der narzisstischen Balance
Auffüllen innerer Leere

Verleugnung von Scham und Schuld Beziehungsproblematik


Identifikatorische Wunscherfüllung
Charakteristika ambulanter Täterarbeit u

l potentiell drohende Gefahr sozialer Verelendung


î fundamentale existentielle Probleme materieller, finanzieller, sozialer
und beruflicher Art
l Erfordernis relativierter Veränderungserwartungen
î charakteristische und erheblichen Defizite in den Problembereichen
Sozialisation, Beziehungs- und Kontaktfähigkeit
l aktive Lebenshilfe als therapeutisches Erfordernis
l supportive Maßnahmen als therapeutisches Erfordernis
î wesentlicher Schwerpunkt auf der Identifikation, Entwicklung und
Einführung von Aktiva und identitätssupportiver Maßnahmen
î sich antizipatorisch auf die aktuelle Lebenswelt des Patienten
einlassen.
Charakteristika ambulanter Täterarbeit v

l Notwendigkeit reifungsförderlicher Strukturen


î Einsatz therapeutischer Maßnahmen, die der psychischen Reifung
und Weiterentwicklung des Patienten und dazu dem Ziel der
Verselbständigung, Entwicklung von Autonomie, Selbstverant-
wortung, Eigenverantwortung und Eigeninitiative des Klienten
dienlich sind.
î Vermeidung entwicklungshinderlicher Maßnahmen (unnötige
Reglementierung, Entmündigung, Bevormundung, Passivierung)
l Beachtung des Kränkungspotentials
î Zusammentreffen der bei Tätern ggf. anzutreffenden mangelnden
Frustrationstoleranz, Kontaktstörung, hohen Ambivalenz mit Angst
vor Abhängigkeit bei gleichzeitig gewünschter (Autoritäts-)Bezie-
hung
î Erfordernis, diesem Double-bind adäquat zu begegnen
Stichwort ›Beziehungsmuster‹

›Bindungstypen‹

l unsicher-vermeidend gebunden
(unsicher-distanziert)
l stark vermeidend
l vermeidend durch neutrales Ignorieren

l unsicher ambivalent gebunden


(unsicher-verwickelt)
l ambivalent-feindselig
l ambivalent-passiv

l sicher-zuversichtlich gebunden l unsicher-kontrollierend gebunden


l sicher-reserviert (unverarbeitet)
l sehr sicher (sicher-autonom) l kontrollierend-feindselig
l sicher-abhängig, l kontrollierend-übertrieben unbekümmert
dabei geringfügig desorganisiert l kontrollierend-übertrieben fürsorglich
Bindung & Beziehung •
Selbstmodell : Arbeitsmodell
Bindung & Beziehung ‚
Bindung & Beziehung ƒ
Typen des Bindungsverhaltens

l keine Anzeichen von Bindungsverhalten


l undifferenziertes Bindungsverhalten
l übersteigertes Bindungsverhalten
l gehemmtes Bindungsverhalten
l aggressives Bindungsverhalten
l Bindungsverhalten mit Rollenumkehr
l psychosomatische Symptomatik im Bindungsverhalten
Bindung & Beziehung „
Bindung : therapeutische Beziehung

l Der Therapeut als sichere Basis für die Selbstexploration des


Patienten
l Reflektion der inneren Arbeitsmodelle hinsichtlich gegenwärtiger
Beziehungen.
l Prüfung der therapeutischen Beziehung: z. B. symmetrische,
komplementäre, reziproke, einseitige, narzisstische,
sadomasochistische, distanzierte, manipulative, sich unterwerfende,
abhängige usw. Beziehungsformen
l Bearbeitung bisheriger Bindungserfahrungen, Wiedererleben und
Verarbeiten von Emotionen, Auflösen von einseitig-negativen
Bewertungen
l Realitätsorientierte Bearbeitung und Modifikation von inneren
Arbeitsmodellen
Bindung & Beziehung …
Reflexivität : kognitive Motivationsmodelle

Banzer konstatiert:
l Die komplexe Determinierung therapiebezogenen Verhaltens wird
durch kognitive Motivationsmodelle zur Behandlung von Straftätern
relativ gut erklärt. Über dieses Modell kann gut vorhergesagt
werden, ob Patienten sich in der Haftsituation um Therapie
bemühen oder nicht. Es verdeutlicht diverse Erwartungs- und
Bewertungsaspekte mit darunter der persönlichen Situation des
Gefangenen, dessen Perspektiven, Copingstrategien, Bewertung
von Psychotherapie als Handlungsmöglichkeit etc.
l Einschlägige Untersuchungen bestätigen die Annahme, dass
Strukturvorgaben, Homogenität des Setting, Ausgestaltung und
Führung der Behandlung für deren Akzeptanz und damit auch die
Motivation des Betroffenen eine Rolle spielen.

Ü
l Der andere Aspekt betrifft die Qualität der reflexiven Funktionen:
Bindung & Beziehung †
Reflexivität : Struktur reflexiver Funktionen

l fehlende bzw. vermeidende reflexive Funktion


î konkretistische, verallgemeinernde Erklärung von Verhalten
î kein Bezug auf geistig-seelisches Befinden
l fragliche bzw. niedrige reflexive Funktion
î Bemühen um ›mentalisierende‹ Sprache
î trotz detaillierter Ausführungen nur klischeehafte, zu viele – aber
diffuse und unintegrierte – ›Einsichten‹
l eindeutige bzw. mittlere (durchschnittliche) reflexive Funktion
î explizites Bezugnehmen auf mentale Zustände
î konsistentes Modell geistig-seelischer Zustände
î Erkenntnis, dass Verhalten durch innere Zustände bestimmt wird
l deutliche bzw. hohe reflexive Funktion
l hohe bzw. außergewöhnliche hohe reflexive Funktion
Bindung & Beziehung ‡
Reflexivität : Beeinträchtigung reflexiver Funktionen

l Klassifikation der Beeinträchtigungen reflexiver Funktionen


• feindselige Ablehnung von Reflexivität
• unintegrierte, bizarre Reflexivität
• Vermeiden bzw. Verleugnen reflexiver Funktionen
• verzerrte, „self-serving“ Reflexivität
• naive, vereinfachende Reflexivität
• überanalysierende, hyperaktive Reflexivität