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GRA F

HERMAN N

KEYSERLIN G

DAS

SPEKTRU M

EUROPA S

wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes,

den wir vor Gott haben

sollten

Paulus

Dritte Auflage

• Elftes bis dreizehntes Tausend

NIEL S KAMPMAN N

VERLA G

/ HEI D EL B

ER G

Copyrigh t

19 28

All e

Rechte

vorbehalte n

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319

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Da s Baltiku m

367

D e r

Balka n

399

Europ a

 

435

280 Die

aristokratische

Zukunft

sein, weil es in vielen guten Hinsichten, die demokra- tische Einrichtungen fördern, noch zurück ist. Aber das Problem kann jetzt ja als prinzipiell gelöst gelten. Aller weitere Fortschritt kann gerade wegen des Sieges der Demokratie, den der VersaiUer Vertrag besiegelt hat, gemä ß dem Gesetz des historischen Kontrapunkts, nur noch von der Idee der Aristokratie her kommen.

DIE

SCHWEIZ

)

283 C

T TNTE R Völkern bietet meines Wissens kein zweites

solch Beispiel intimer Tragik, wie das Schweizer Volk. Intime Tragödien sind drückender als alle, die sich vor der Öffentlichkeit abspielen, weil hier kein Ulr- ichen in der Vorstelltmg, bei sich und anderen, kein Bemitleidet-, kein Bewundert-Werden die Wiridichkeit positiv kompensiert. Un d am schlimmsten wirken sich solche Tragödien aus, die den sie Erleidenden selbst nicht bewußt werden, die sich womöglich befriedigt fühlen dabei. Denn dann führt der Widerstreit zwischen Vorstel-

lung und Wirklichkeit zwangsläufig, auf Grund psycho- logischen Gesetzes, zu desto tmerfretdicheren objektiven Erscheinungen. Hier Hegt die Ursache der meisten see- lischen und wohl auch körperÜchenVerbUdungen, welche Bedrückte aufweisen; die Zufriedenen unter diesen sind nicht die besten, sondern vielmehr die schlechtesten, denn aus positivem Ha ß kann positive Liebe werden, während Bescheidimg beim Niedrigen keinen Keim mög- hcher Befreiung in sich trägt. Die Schweizer sind nun freilich kein bedrücktes Volk. Sie gehören vielmehr zu denen in Europa, die zuerst ihre Selbstbestimmung er- rangen. Aber das Eigentümliche und Tragische zugleich

ist eben, daß was „a n sich" gut ist, dank einer Besonder-

284 Schweizer

Häßlichkeit

heit von Umstände n auf einen großen und jedenfalls den augenfälligsten Te ü der Bevölkerung wie Bedrük- kung gewirkt hat. Deshalb ist richtiges Verstehen des Schweizer Zustandes fü r aUe vo n Bedeutung: alle Völke r können, wenn die Befriedung Europas fortschreitet, in die Lage des Schweizerischen kommen.

Zunächst ZTIT Natur: Diese herrliche Bergwelt ist

offenbar nicht hold. Wie

dem

ich in der Zeit nach 1918, da alle Welt i n der Schweiz das Vorbild des künftige n Europas sah, meinerseits den Historiker Johannes Müller studierte und einen be- rühmte n Gelehrten des Landes dazu beglückwünschte, daß die Schweizer so viel früher als andere Ver- nunft bewiesen hätten, erwiderte er, schweizerisch- grimmig lachend: Sie vergessen unseren endemischen Kretinismus. Zweifelsohne ist die Natur an vielem schuld. Nicht nur der Kropf, der ganz außerordentliche Schönheitsmangel des Volks geht gewiß zu einem nicht geringen Te ü auf ihren Einfluß zturück. Mit ihr zusam- men hängt sicher auch das Schwyzer Dütsch. E s mögen im Lauf der Jahrtausende andere als germanische Dia- lekte auf Schweizer Boden geredet worden sein — Aus- sprache und TonfaU waren gewiß schon bei den Pfahl- bauern die gleichen. Un d sie sind fürchterlich. Warum für dieses Bergvolk gerade Häßlichkeit charakteristisch ist, und nicht, wie bei den Kaukasiern, Schönheit, läßt sich zunächst nicht erklären. Wahrscheinlich liegen die Urverhältmsse hier ähnlich wie bei den Tibetanern und den anderen Bergvölkern am Fuß e des Himalayas. Nach der Eben e zu verwischen sich die Eigentümlichkeite n der Schweizer Bergstämme , doch der unwahrscheinlich breite

Menschen fü r die Dauer

Schweizer braucht engsten Rahmen

285

Rücken, i n der Uniform des eidgenössischen Gendarmen karikiert, das bald Steinerne, bald Knorrige der Ge- sichter, der spannerraupenartige Gang und die aU- gemeine Anmutlosigkeit bekunden auch hier unverkenn- bar den physiologischen Zusammenhang mit der Land - schaft. Die eigenthchen Bergschweizer nun, und die sind der Kern der Rasse, haben etwas Gnomen- un d Troglodytenhaftes. In ihren Adern fUeßt sicher aUer- ältestes Blut, so wie denn Mime rassisch älter als Sieg- fried war.

Nun erscheinen diese Menschen, wo sie i n dem ilinen ursprünglich gemäßen Zustand verharren, nicht allein, wie unter gleichen Umstände n überaU der Fa U ist, echt, sondern überdies liebenswert. Der alte

eidgenössische Geist, den ich so oft in Bergdörfern erlebt habe, jener Geist der Unabhängigkeit, der Unbeugsam- keit, der zähe n Arbeit, der Hüfsbereitschaf t un d der SchUchtheit, ist absolut schön. Aber er erhält sich in

seiner Schönheit, wie jede Lebenserscheinung, nur

i n

den ih m gemäße n Verhältnissen . Ic h kenne einen Self- mademan, der bei aUer rücksichtslosen Geschäftstüch- tigkeit nicht nur ein anständiger, sondern ein angeneh- mer Mensc h war , solang e er i n einer Dreizimmerwoh - nung lebte, der aber voUkommen demorahsierte, ja satanisch wurde, nachdem er ein ganzes Haus bewohnen konnte. So erscheint Schweizertum nur schön, wo sein traditioneUer Geist den ih m entsprechenden Rahmen beibehalten hat. Un d der mu ß eng sein, sehr eng, wie ein steü ausgehöhltes Bergtal.

Diese

einzig

echte

Schweiz

ist

nun

leider

lange

nicht

mehr

die,

welche

Europa,

außer

auf

Hoch-

286 Schweiz als Sinnbild

Europas

touxen, die i m

noch einmal, wo sie richtig eingerahmt erscheint, zum Liebenswertesten gehört, was es auf unserem Kon- tinente gibt, spielt im Bilde der Schweiz, welche Europa angeht, kaum mehr eine RoUe. Europäisch bedeutsam sind heute einzig Zürich, Genf, die Schweizer Insti-

tutionen, die schweizerische Neutralität und das Men- schentum, das diesen vom nationalen Standpunkt nicht wesenthch schweizerischen Umständen entspricht. Be- deutsam sind die Schweizer heute nicht wegen üirer Geschichte und nicht wegen ihrer nationalen Sonder- art, sondern insofern, als neue „Schweizer" entstehen könnten. Das könnte nämUch wirklich so kommen: wie die Juden einerseits wohl eine Rasse, vor aUem aber ein sozialer Typus sind, der unter ähnhchen Bedingungen immer wieder ähnlich entsteht, so sind die heu- tigen Schweizer in erster Linie ein psychologischer Typus. Daraus aUein erklärt sich, wieso neuerdings sogar solche, die erst persönlich als Kinder ein- wanderten, ebenso echte Schweizer werden köimen, so wie Europa die Schweizer sieht, wie nach Amerika Aus- gewanderte zu Amerikanern werden. Vo r hundert und weniger Jahren war dies nicht der FaU. Heute ist es so. Unter diesem psychologischen Gesichtspunkt und unter ihm aUein wiU ich ein Bü d der heutigen Schweiz ent- werfen, so wie ich es sehe.

zu merken bekommt. Ja , diese eckte Schweiz, Herzen aller guten Schweizer weiterlebt und,

Ich vergUc h die heutige n Schweizer , wie sie aUein aus der Entferntm g sichtbar un d fü r die heutige "Welt

bedeutsam

sind, mit den Juden. Beide Völker sind in

Analogie

von Schweizern und Juden

287

der Ta t dadurc h gekennzeichnet, da ß ih r Sosein vie l

Rasse un d physischer Umwelt bedingt ist, psychischen Umständen , unter denen sie

leben. Bei den Juden hegen diese Umständ e einerseits in ihnen, andererseits außer ihnen. InnerUch wirkte

der geistige Anspruch , das auserwählt e VoUc z u sein.

Lebens-

bedingungen, dem furchtbaren Druck, dem sie in ihrer Mehrzahl beinahe ihre ganze Geschichte lang ausgesetzt waren, widerstanden, we ü ihre Rehgion eine Einstellung verlangte und durchsetzte, die das Sich-selbst-Treu- bleiben und Durchhalten trotz aUem zum a priori ihres Volkstum s machte. So beharrten sie seit Moses bei ihrem Gesetz un d die dazu .erforderhche geistige Spannung ist der eigenthche Seinsgrund ihrer unge- heuren Lebenskraft. Hier ist der Geist sogar der eigent- liche Seinsgrimd der rassischen Eigenart: die Ostjuden sind nur zum Te ü Semiten und Exogamie war von jeher häufig genug, vo m Einfluß der Umwelt zu schweigen, u m die völkische Sonderhchkeit, faUs Geist dies nicht verhinderte, zu zerstören. Vo n auße n wieder- um wirkte das psychologische Moment der parasitären Stellung der Juden unter den anderen Völkern im gleichen Sinne typisierend. So darf man wirklich sagen, daß die Juden vor allem ein psychisch bedingtes Volk sind. Ebendeshalb entarten sie so leicht, nicht nur morahsch sondern auch physisch, sobald sie ihrem Ge- setze untreu werden oder i n eine SteUung geraten, der sie nich t angepaß t sind . Al s konservativstes un d gesetzestreuestes aUer Völker müsse n sie verderben, wenn sie aufhören , i m strengen Sinne Juden zu sein.

weniger von als von den

Die Juden haben

den grenzenlos

ungünstige n

288 Analogie

von Schweizern und Juden

Durch jahrtausendelange Vei-folguug typisiert, gleichen sie chemischen Körpern, die nur unter hohem Atmo- sphärendruck zustande kommen; hört der Druck auf, so verlieren sie ihre Sonderfähigkeite n un d vergehen. Bei den Schweizern nun liegen die typenbildenden Umständ e ganz an den anderen, denn sie haben keine große Idee, die sie vertreten. Den n die schweizerische Freiheit und Verfassung kann mit der Bedeutung des

werden, dieser magna

Intim -

alten Testaments kau m verglichen

Charta des Ethos auf Erden. Hier setzt denn das

Tragische ein, von demich zu Anfang sprach. Die übrige Welt sieht in den Juden kein auserwähltes Volk, aber diesem Umstand sind diese innerHch angepaßt. Nu r seltene Romantiker unter ihnen versuchen je anderen Völkern gegenüber als Volkheit großzutun. Fü r die

hedsame

den Stoffwechsel

anderen

sind die Juden

mehr oder weniger

Parasiten; sie befördern als Händle r

oder sie zersetzen. Die Schweizer sind ihrer wahren Stellung gar nicht angepaßt. Sie fühlen sich nicht aUem

nach wie vor als Land und Volk bedeutsam, i m gleichen Sinn wie Deutsche, Engländer, Franzosen; sie halten nicht nur nach wie vor auf geradezu rührende Weise aufrichtig daran fest, da ß das Althergebracht-Eidge- nössische vor aUem zählt : sie halten sich als Nation

und Idee fü r vorbildHch. In den Augen der

übrigen Welt existieren sie aber ausschHeßHch als Wirts- volk und Wirtslamd im weitesten Verstand, so wie die Juden als Händler. Ihres Landes wahre europäische Bedeutung Hegt darin, der ideale „dritte Ort" zu sem. Und dies kann gar nicht anders sein. Da ß die Schweizer überhaupt fü r andere und Größere sichtbar leben, ver-

gesamten

Die europagültigen

Schweizer

Typen

289

rückt

schafft eme schiefe, fü r die

bituation,

SelbstgefüU

fü r diese

nicht nur

genau

es

Dauer verbüden d wirkende

Diskrepanz

dem

in

den Bedeutungsakzent,

zwischen

wie

die

der Juden und dem ihrer Wirtsvölker

Das

Schweizerisch-Völkische erfordert einen so engen Rah-

men, da ß jede Erweiterung desselben, schon gar jedes

des Urbilds zer-

stört. Das gute Schweizertum ist unentrinnbar scholle-

So wirkt der von der Scholle so oder anders

Losgelöste zwangsläufig unerfreuHch; was fü r den Berg-

mehr fü r einen Gesandten in

Paris. Gelangen Schweizer oft nicht nur als Gastwirte,

sondern

zu

Bedeutung und zu Ansehen, so Hegt dies

um

bestimmte Funktionen handelt, fü r welche „zufäUig" em Volksstamm besonders geeignet erscheint. So steUt

die

geborener

über die schweizerische Nicht-Angepaßtheit Gesagte

gleich

seit

immer

also die Gastwirte i m weitesten Verstand, die Pastoren

jenen

häßliche

Eigenschaften

entwickelt

hat.

Heraustreten

gebunden.

aus

ihm , das Positive

fuhrer gut ist, ist es nieht

Pastoren

und

Arzte,

Weltsekretäre,

europäischer

daran,

da ß

es

auch- als

und

genannten

Präsidenten,

KontroUeure

sich

bei

den

Schiedsrichter

Ämtern

Schweiz

wohl

auch

den

größte n

hier

am

Prozentsatz

das

we ü

„Kongreßtiere".

Doch

die

mu ß ich

besten,

erstmaHg

einschränken:

typisierten

nicht

längster

Zeit

Schweizer (das Wort

verstanden)

europäisch,

eidgenössisch

und

die

Arzte wissen

meist,

da ß ihre

moderne

RoUe

eben

auf

der

Funktion,

nicht

der Nation beruht, die

gewissermaßen

sprechend innerHch frei; die sind ein unbedingt wert-

ent-

Privatsache

ihre

ist.

Die

sind

voUer Bestandte ü der europäischen GeseUschaft. Hans

19

290 Warum

Schweiger ohne Weltstellung

Badrutt vom Palace-Hotel in St, Moritz z. B . rechne ich direkt zu den zählenden PersönHchkeiten dieser Zeit. Desgleichen sind viele Schweizer Ärzte, viele Geistüche von internationalem Ru f im besten Sinne Europäer. Gewiß entsprechen sie keinem aristokra- tischen Ideal und sind deshalb, da dieses das absolut

Höhere ist, den guten Europäern aus andern Ländern seehsch dort allein ebenbürtig, wo das spezifisch Schwei- zerische überwunde n erscheint; aber sie sind ebensogut, wie die besten bodenständigen (nicht europäisierten) Amerikaner, deren Typus ja auch ein bäuerischer und provinzlerischer ist. Auch die sieh in Wohltätigkeit, also i m Geist des Roten Kreuzes auslebenden Schweizer

wären hier zu nennen, wenn es sich nicht

sondere Berufung, wie bei Ordensleuten, handelte, die unter allen Völkern vorkommt und in der Schweiz nicht häufiger als anderswo. Aber bei der Mehrheit fehlt leider, im Unterschied von den Juden, die psy- chische Anpassung vollkommen. Dies ist denn der Grund, warum dem Schweizer als nationalem Typus

j ede SteUrmg unter den anderen Völkern fehlt—ic h meine

wieder nich t den bodenständigen Dörfler, sondern den weithin sichtbaren, in weiteren Verhältnissen wirken- den, und er trägt genau so die Verantwortung fü r alle, wie jedes Volk als solches selbstverständhch i m FaUe einer Niederlage die Verfehlungen seiner Regierung zu büße n hat. Ist diese Tatsache nicht Gemeingut der öffenthchen Meinung, so hegt dies daran, da ß kaum ein repräsentativer Europäer auf den Gedanken kommt, mit Schweizern zu verkehren, währen d diese selbst sieh wiederum instinktiv zurückhalten; sie fühlen, da ß ihr

dabei u m be-

Fremdenindustrie

als Nationalberuf

291

Lebensstü jeder werbenden Kraft entbehrt. Dabei gibt

es aber kaum einen Fremden, der die öffeuthchen Ein- richtungen der Schweiz nicht als vorzüglich, wenn nicht

der zur Erholung und zur

Kur nicht besonders gern in diesem schönen Lande weüte. Wie soUte die Diskrepanz zwischen dem, als was sie sich un d anderen erscheinen, zumal wo sie tmbewuß t

bleibt, in den Seelen der Schweizer nicht zu den be- dauerhchsten Verdrängungen führen?

Das Bedeutsamste und dabei Tragischste ist nun, daß sich besagte Diskrepanz in der neuentstehenden Welt zwangsläufig verschärfen muß. Unter den Besten der schweizerischen Jugend wird eine Renaissance des echt helvetischen Geists erstrebt. Aber wie soU der in den heutigen so weit gewordenen Verhältnissen weiter- oder auch nur aufleben ? Ist ein Volk einmal auf be- stimmte Weise in die Umwelt eingefügt, und ist die Um - welt mächtiger als es selbst, dann ergeht es ihm nicht anders wie dem Einzelnen: es paß t sich nicht nur äußerhch, sondern auch innerhch an. E s ist ausgeschlossen, da ß der Geist der Rüthzeit , j a sogar der des „Fähnlein s der sieben Aufrechten" außerhalb intimster Kreise herr- schend bhebe; bald werden auf ih n bezügliche National- feiern nieht mehr bedeuten können, als solche der Er - innerung an sagenhafte Vorzeit. In der neuen Welt müsse n die Schweizer immer mehr ein reines Wirts- volk werden, sofern sie ihre Selbständigkeit be- halten woUen; Fremdenindustrie im weitesten Ver- stand ist da ihr gottgewoUter Beruf; was sie sonst" treiben, ist im großen bedeutimgslos. Das kleine Land als solches, das dank besonderen Umstände n das Bü d

19*

als vorbüdhc h anerkennte,

292 Genfs Zukunft:

StellenvermittlungshÜTO

eines mittelalterliclien Freistaats i n die Moderne hin- überrettete, wird im inniger zusammenhängenden Europa tmmögUch mehr bedeuten können , als eine irgendwie besonders gut verwaltete Stadt. Wahrschein- hch wird sie weniger bedeuten, weil es ih r immer schwerer fallen wird, als internationaler Mittelpunkt, den sie darsteUt, einen wirkhch eigenen, we ü ur- sprünghchen Geist zu entwickeln. Denn noch einmal:

der Rüthgeist ist in weitere Verhältnisse nicht export- fähig. Überdies ist das Weite dem Engen an suggestiver Kraft absolut überlegen; es gab noch keinen FaU , wo ein Dorf seinen Geist auf eine Metropole übertrug. Wie soU z. B . Genf ein anderes Schicksa l blühen , als ein einziges riesenhaftes Organisations- und SteUenvermitt- lungsbüro zu werden? Wie soU das unaufhaltsam wachsende und sich internationaHsierende Zürich nicht

sich den althergebrachten Schweizer Zustand ? Wie soU das, was innerhalb des Kantöiü i ge-

schieht, noch je irgendwelche Bedeutung gewinnen? Der ursprünghche nationale Typu s des Schweizers m u ß immer mehr dem rein funktioneUen weichen, zumal die neue Situation die ZufiJir fremden Bluts zwangsläxifig noch steigern wird — schon heute ist sie groß — und natürhch immer mehr solche sich als Schweizer naturalisieren lassen werden, denen die Schweizer Situa- tion und Mentahtät von Hause aus kongenial ist. Un d das sind heute grundsätzUch nicht mehr Freiheitshelden. Selbstverständhch wird der Schweizer Bauer, der Schweizer Senn, der Schweizer Bergführer bleiben, was er war. Der Bauer verändert sich nie. Doch nicht er kann den Geist der weiteren Geschichte bestimmen.

bald fü r sprengen

Schweizer und jüdisches

Ressentiment

293

Nicht unähnlich, noch einmal, ist der Judentypus entstanden. Un d bedenkt man, da ß auch der Jude vor- wiegend, unangenehme Eigenschaften hat, so versteht man leicht, warum gleiches in so hohem Grade von den Schweizern güt . Ei n außerordenthches Ressentiment herrscht unter ihnen gegen aUe innerhch Freieren, als sie es sind. Nu r ist es, wenn ich mich nicht sehr irre, noch größer als das bekannte jüdische Ressentiment: es muß ja größer sein, denn hier hat äußere Zwangslage bisher überhaupt nicht innere Anpassung erzwungen. So leiden die siegreichen Franzosen unter dem Zu - sammenbruch der alten Welt mit ihren Werten mehr als die besiegten Deutschen. Be i den Jude n ist aUe Rück - besinnung aiLf einstige Größe schließhch Romantik ; zu lange ist sie vorüber, und dann war die nationale Größe nie weit her. Die orthodoxe Lehre sagt ja geradeheraus, daß Gott die Juden ob ihrer Schlechtigkeit wiUen aus- erwählt hat, um eben dank ihr die erforderliche Un - endlichkeitsspaimung herzusteUen zwischen Gott und Mensch. Die Schweizer können tatsächhc h auf eine große Geschichte zurückbhcken. Sie haben wirkHch unter den aUerersten die poHtischen und sozialen Ideale der moder- nen Menschheit reaUsiert. Sie haben aUein dadurch, da ß sie sich übe r sechshundert Jahre aUseitiger Übermach t gegenüber behaupteten. Bewundernswertes geleistet. Ferner sind sie heute wirklich poHtisch und sozial nicht aUein, sondern auch morahsch (im Sinn des französischeii le moral) in besserem Gleichgewicht als manche anderen Völker. Un d nun fühlen sie, da ß sie in der modernen Welt keine irgendwie bedeutsame RoUe spielen noch spielen können. Sie fühlen, aber können nicht verstehen.

294 Schweiz heute

rückständig

Betrachten wir jetzt die Schweizer Situation von einem höheren Standort aus und gehen wir dabei nicht vo m seehschen Zustand des Schweizer Bauern , sondern de r Schweizer aus, die sich als Führer Europas fühlen. Das tun nämhch außerordentUch viele; es tun

dies eigenthch alle, die vom Ausland her ins Auge fallen. Dies gilt zumal von den meisten schweizerischen Presse- leuten. Auch das UnerfrerJiche am Schweizer Zustand

Beweis der Wahrheit, da ß eine Bewegimg, die

gesiegt hat, eben damit erledigt ist. Das Pochen der Schweizer auf Freiheit in einer Welt, i n der diese Gemeingut geworden, gehört vom Standpunkt der an- deren ins Kapitel der kapitohnischen Gänse. Die Ge- schichte der Kidtur bewegt sich nie geradhnig, sondern in Zyklen. Daraus aber folgt, da ß gerade Linien einer- seits nur oberhalb des organischen Kulturwerdens, an- dererseits nur innerhalb eines gegebenen Zyklus sinn- voll zu konstruieren sind, imd auch hier jeweils nur kurze Strecken entlang. Sobald ein neuer Zyklus be- gonnen hat, hegt das Fortschrittsmotiv nicht mehr in der noch so hohen Vollendung des überlebenden Alten, sondern beim noch so barbarischen Jungen. So lag es am Ende der Antike nicht bei den Alexandrinern, son- dern den Germanen. Dies ist der Grund, warum alle verstehenden Geister des Westens immer mehr den aus dem vorigen Jahrhundert überkommenen Fortschritiis- begriff verwerfen. E r war nicht immer falsch; er war so lange sinngemäß, als er als Sinnbild aufstei- genden Lebens gelten konnte. Dies ist er ja auch heute bei den meisten Völkern des Ostens, die darum mit den gleichen Kategorien gut arbeiten, die bei uns versagen.

ist ein

Schweiz bei Reformation

stehen geblieben

295

Im Westen ist er's nicht mehr, weil er keinem lebendigen Wachstum mehr zum Sinnbild dient. Die fortgeschrit- tensten Länder im Sinn der Ideale des 19. Jahrhunderts sind heute, soweit ich urteilen kann, neben der Schweiz Neuseeland und Schweden, denn dort ist der größten Zahl das „fortgeschrittenste" Leben gewährleistet; dort herrscht auch die konsohdierteste soziale Morahtät. Doch in Neuseeland, wo die soziale Fürsorge ihr heutiges Höchstmaß erreicht hat, kommt keine Initiative mehr auf; dort ist über Wohlstand und Wohlleben hinaus nichts mehr zu wollen. In Schweden hat das Volk auf so hoher Stufe ein so voUkommenes inneres Gleich- gewdcht erreicht, da ß aUe Dynami k i n Statik eingemün - det ist. In der Schweiz nun mag es materieU noch so wechselnd gehen: institutioneU ün d moraUsch ist sie dermaßen saturiert, da ß ihren Bewohnern die bloße Idee eines möghche n Fortschritts i m großen über ihren Zustand hinaus unmittelbar widersinnig vor- kommt; zumal sie innerhch bei der Reformation stehen gebheben sind; was seither geschah, zog ihre Seelen nicht mehr in Mitleidenschaft. Nu n sind die Schweden und Neuseeländer in der glückUchen Lage, für absehbare Zeit auf traditioneUe Ar t weiterleben zu können; sie sind „Selbstversorger", wie es in der Kriegs- zeit hieß . So sind sie zwar veränderungsfeindJich, doch ohne Ressentiment; ihre Selbstzufriedenheit ist nicht aggressive Selbstgerechtigkeit; sie sind Phäaken , keine Pharisäer. Die Schweiz ist keine Selbstversorgerin; sie ist auf Zwischenhandel angewiesen in jedem Sinn; sie muß , u m zu leben, an den Veränderungen des Welt- zustandes teünehmen . Doch sie tut es nur äußerhch.

296 Schweizer schlimmster

Pharisäer

niclat innerlich. So fühl t sie sich bei allem Glauben an

ihre Vorbildhchkeit doch wesenthch unsicher. Dies

ergibt denn die weltberühmte Schweizer Selbstgerechtig-

keit. Damit gelange ich zu dem, was jedem NichtSchweizer am Schweizer, der nicht in kleinen Verhältnissen lebt oder nicht auf einen der betrachteten funktionellen Typen hin typisiert ist, als Grundcharakteristik in die Augen springt. Es gibt heute keinen schhmmeren Phari- säer auf Erden als den begüterten, gebildeten und zumal den schreibenden Schweizer. Ma n lese nur, wie die Schweizer Zeitungen allen Völkern von selbstverständ- hch eingenommener höherer Tribüne aus Lektionen erteilen; man höre sie als entscheidend die Tatsache proklanueren, da ß Zürich oder Genf von Rußlands Zu - kunftsmöglichkeiten nichts hält ; man lese zumal, wie Genfer Blätter in anmaßendster Form die Ansprüche

beraubter Minoritäten ablehnen und ihnen allenfalls zu- gute halten, da ß der To n ihrer Eingaben beweise, wie- viel ihnen am Genfer Urteil hegt. Der Pharisäer ist nun der ein e Mensch, fü r den es kein Weiterkommen gibt. Es gibt kein mögHches Weiterkommen fü r ihn, we ü er endgültig verkrampft ist; sein ganzes Wesen ist sta- chehchte Abwehr; er steUt einen analytischen Fall dar durch und durch. Ich persönhch habe davon einen höchst possierhchen Beweis erlebt. Einiges von dem

1926

unter dem Titel „Forts chritthche und rückständige Völker" im „Weg zur Vollendung". Selbstverständhch nahm mir kein Neuseeländer und erst recht kein Schwede meine Betrachtungen übel. Der „Berner Bund" dagegen

vorhergehend Gesagten veröffenthcht e ich schon

Das

Schweizer Minderwertigkeitsgefühl

297

reagierte so unwahrscheinhch grob, mit solchen Be-

schimpfungen meiner Person, da ß ich die Gelegenheit wahrnahm, persönhch teünahmslos, ein völkerpsycho- logisches Experiment anzusteUen. Ich, der ich auf Angriffe sonst nie erwidere, schrieb einen überaus höf- hchen Antwortbrief. Prompt wurde dieser abgedruckt; nur mit einem noch gröberen Nachwort. Ich schrieb wieder, noch höfhcher. Die Antwort war noch gröber. So ging es eine ganze Weü e hin und her. Das Material nun, das ich auf diese Weise zusammenbekam, ist reich genug, u m mir zu erlauben, das Ergebnis meines Experiments als konklusiv anzusehen. Erstens schrieb

der „Bund " vo n Haus e aus

als Vorkämpfe r der Schweiz

dagegen, da ß ich auf einzelne Aufsätze hin unvorteil- hafte AUgemeinurteüe fällte: also war er ermächtigt dazu. Dan n freute der Ton zweifelsohne seine Tausende von Lesern. Kein Schweizer trat öffenthch gegen sein Vorgehen auf. Statt dessen griffen kleine Provinzblätter den Fa U in noch saftigerer Weise auf. Vo r aUem aber verdanke ich dieser Kontroverse einen Segen von Privatbriefen aus der Feder mir persönhch uiüiekannter Eidgenossen, wie mir solche kein Feind irgendwelcher anderer Abstammung je sehrieb, deren To n und Wort-

laut fü r mich den letzten Zweifel am Sinn des Tat- bestandes begraben. Hier handelt es sich um Patho- logisches: um die Abreaktion extremen Minderwertig- keitsgefühls. Dieses Pathologische aber ist fü r den psychoanalytisch Gebüdeten restlos zu erklären aus der tragische n Situation , i n der sich das Schweizer Volk befindet, tmd deren Nicht-Reahsieren im BewiüJt- sein.

298 Schweiz Karikatur

Deutschlands

Hier wäre denn der Ort, einige Worte über das Schwei- zerisch-Nationale zu sagen. Sicher äußerte sich die schweizerische Verkrampftheit nicht so, wenn die Schweizer nicht Deutsche wären. Das sind sie nun so sehr, da ß das nationale Schweizertum als Karikatur des Deutschtums am besten zu bestimmen ist. Denn der Deutsch-Schweize r hat der Schweiz diesen Typu s

gegeben, die erst später dazu gekommenen Welschen sind nur angeschweizerte Romanen. Der Weltkrieg mit seinen Folgen hat es bewiesen. Nirgends findet Leon Daudet ein so großes und begeistertes Pubhkum, wie in der französischen Schweiz, und speziell von Lausanne zirkuhert das Witzwort: „Peut-etre que Paris pardon- nera un jour aux AUemands; Lausanne—jamais." Die französischen Schweizer sind ihrem Wesen nach fran- zösische Protestanten aus besonders enger Provinz, die in der Fusion mit dem wesenthch deutschen Schweizer- tum an Feinheit und Eleganz verloren und dafür ein gut

Te ü

betreffende deutsche Untugend unübersetzbar gut be- stimmt) eingetauscht haben; so wirken sie heute im ganzen als die schhmmsten der französischen Bourgeois — als die schhmmsten, weil sie die im-schlichtesten, aufdring- hchsten sind; sie fühle n sich eben sowohl als Franzosen wie als Schweizer nicht ganz sicher. Die Schweiz ist unter allen Umständen die Karikatur des Deutsch- land, das zwangsläufig entstehen wird, fedls die jetzt herrschende demokratische Ordnung und die Bevor- mimdung seitens der anderen Mächte andauert. Denn dann wird auch Deutschland bedingungslos neutral bleiben müssen, u m sich zu halten. Dan n wird diese

Derbheit im d pompousness (wie der Englände r die

Gegensatz von Gerechtigkeit und Billigkeit

299

Neutrahtät auch ih m sehr großen materiellen Gewinn bringen. Un d dementsprechend wird der Typu s des „Neutralen" national-bestimmend werden. — Also: der Kantönh-Geis t ist die Karikatur des deutschen Parti- kularismus. Die Bedeutung der Bodenständigkeit in der Schweiz ist die Übersteigerung des allgemein deutschen Heimatsgefühls; in der Schweiz bedeutet Bodenständig- keit beinahe noch so viel wie Bürgerschaft in den antiken Republiken. Die Neutrahtätsstellung der Schweiz ist der Höchstausdruc k dessen , woz u deutsch e „Sachlich - keit" im Schhmmen führt: dem voUkommenen Über- wiegen des BiUigkeits- über den Gerechtigkeitsgedanken. Die Bühgkeitsforderun g bedeutet nämlic h i n allem die Negation des Gerechtigkeitssinns, denn sie setzt Gleich-

unabhängig vom Wert. W o Gerechtigkeit

güt, mu ß der jeweüs Entscheidende den Mut zur Partei-

I nähme haben; nämhch zur Parteinahme fü r das quah- tativ Bessere. Geraten ein Heüiger und ein Schurke in Konfhkt, so ist es zwar „bilHg", wenn sich beide auf

' berechtigung

mittlerer Linie begegnen, so da ß beider Interessen ge-

wahrt bleiben, doch

unschädhch gemacht wird. Vom Billigkeitsstandpunkt hat kein Schiedsrichter Höheres zu tun , als zwischen zwei Tatbeständen , unabhängi g vo m Wert, ein Kom - promiß zu schaffen, was keinerlei persönHches Risiko üivolviert, denn jedes Urteü läßt sich rein sachhch motivieren. Hier entscheidet tatsächhch Unparteilich-

einzig gerecht, da ß der Schurke

keit, aber eben damit Feigheit und letzthch Gemeinheit.

Was auch i n Deutschland seit VersaiUes — ic h wiU nich t

sagen immer mehr, aber doch sehr unerfreuHch deut- hch — in die Erscheinung tritt, ist in der Schweiz

300 Neutralität

ist

Gesinnungslosigkeit

konsolidierter Nationalcharakter. Un d zwar haben die Umständ e dort eine Hypertrophie der Unparteiischkeit

im schhmmsten

vo n je zwischen Mächtigen lavieren; sie mußt e Ge- schäfte machen, u m zu leben, wie es gerade ging. Daraus ergab sich zwangsläufig vollkommene Gesinnungslosig- keit auf allen Gebieten, wo persönliches und nationales Interesse dies praktisch erscheinen läßt. Neutrahtä t an sich schon ist recht eigenthch Gesinnungslosigkeit. Sie ist, wie der große Ethiker Albert Schweitzer jüngst so erfreuhch stark betont hat, an sieb unethisch^; zwischen Neutrahtät tmd Schiebertum fehlt jede feste Grenze. Wird sie nun gar, vo m Unbewußte n her beurteilt, nicht aus innerer Schiedsrichter-Anläge, sondern zu persön- hchem Vorteil geübt, so mu ß sie verbildend wirken, und zwar zwangsläufig mehr von Jahr zu Jahr. Selbstver- ständlich sind i m FaUe der Schweiz die Umstände schuld. Aber gleiches kann auch der Eingeweidewurm für sich sagen. Un d sind Schweizer in anderen Hin- sichten desto aufrechter, zeigen sie desto mehr Ideahs- mus dort, wo ihre Interessen dies gestatten, sind sie

auch sachhch und büh g i m besten Sinn — z. B . in

der Asylfrage — , so ändert das doch nichts an der anderen Seite, desto weniger, als dieses Gute Erbe aus andersgearteter Vergangenheit ist und deshalb unter den neuen Verhältnissen aussterben kann. Auc h hier erweist es sich, da ß aUe Schweizer Tu - genden einen engen Rahmen voraussetzen. Bheb das einzelne Bergdorf neutral, wo sich die Städte stritten, so war dies nicht verwerfhch, denn des Dörflers

Sinn herbeigeführt. Die Schweiz mußt e

also

1 Vgl. Kultur

und Ethik,

S. 250.

Neutralität

ist

Gesinnungslosigkeit

301

Horizont reicht tatsächhch nicht bis zur Stadt; hier entscheidet das Motiv, da ß er seine SchoUe gegebenen- falls todesmutig verteidigt hätte. Doch beim Baseler, beim Zürcher, beim Berner Patrizier früherer Tage lagen die Dinge schon anders, und ganz anders hegen sie bei der heutigen beinahe als Großmacht anerkannten neu- tralen Schweiz; ganz anders Hegen sie bei jedem ein- zelnen Schweizer, dessen psychologische Struktur ver- bietet, die „Achtimg " vor dem anderen, was immer er tue, als letztes Motiv gelten zu lassen. Neidich las ich auf einem Hause eines Schweizer Bergdorfs die Auf - schrift: „De r eine betracht's, der andere acht's, der dritte veracht's, was macht's!" Bei jedem Gebüdeten und i n höherer sozialer SteUung BefindHchen bedeutet solche wertfremde Gesinnung ganz einfach Gesinnungs- losigkeit.

Und wenn die deutsche BüHgkeit und Sachhchkeit in der Schweiz ihre Karikatur findet, so tut es auch die deutsche „Persönhchkeit", die überaU herrschende Sach- lichkeit kompensiert. In Deutschland, wo immer nur von der Sache geredet wird, entscheiden weit mehr als in Frankreich letzthch persönhche Motive; das zeigt sich vor aUem i n der PoHtik und in Gelehrtenfehden. In der Schweiz tritt das gleiche grotesk i n die Erschei- nung. Ich zitiere aus einem Aufsatz „Drei Jahre Schweiz" von Herbert Schäffler, dessen Inhalt offenbar von den Schweizern selbst nicht beanstandet wird, da ihn der löbHche Berner „Bund " höchstselbst abge- druckt hat: „Ic h erlebte eine Reihe von Wahlen, Pfar- rerswahlen, in der Presse, Lehrerwahlen in meinem quasi-Berufsbereich. D a bin ich als Demokrat vor dem

302 Volkswüle

als

Kegelklubwille

Volk ersckrocken. Es wurde da von Mackenscliaften,

Umtrieben, Eifersücbteleien, Eigennützigkeiten gespro-

cben, die fü r micb völlig

lage rasch trübten. Der Volkswille stand plötzhch als KegeUdubwille, als Gesangvereinswille, als pohtisch- parteihch bedingter KommissionswiUe, als Lokalchque oder Freimaurerzusammenhalt da. Auch das würde mich nicht erschrecken, wenn ich nicht verschiedenthch das Gefühl gehabt hätte, da ß schheßhch von sachhchen Gesichtspimkten kaum noch etwas zu hören war. Eine Reihe von Schweizern, mit denen ich diese Dinge durch- sprach, steckten mir noch ganz andere Lichter auf." Und weiter: „Eine andere Frage erhebt sich dem den- kenden Betrachter angesichts der Nachkriegsentwick- lung. Das Schweizervolk ist zahlenmäßig nicht stark. Es wird zu internationalen Aufgaben, zu Missionen aUer möghchen Ar t immer stärker herangezogen. E s wächst wie kein anderes in die Organisation des Völkerbundes hinein (schon gibt es, wie ein vor mir geprüfter Abitu- rient, ein Gienfer Adhger, zu erkeimen gab, i n Genf eine ,Völkerbundskarriere', die man bereits in den mittleren Gymnasialjahren sich vornehmen kann). Geht die Ent- wicklung auf dem sich immer deuthcher abzeichnenden Wege weiter, so wird die Schweiz mehr und mehr Aus- gleichplattform fü r die europäische, ja fü r die Welt- pohtik. Un d da fragt sich der, der die Schweiz hebt, ob hiermit nicht ein sehr starkes Schicksal auf Schultern gelegt wird, die nicht immer dem allem gewachsen sein könnten. Diese Frage stand zum ersten Male an einem Winterabend vor drei Jahren vor meinen Augen, als mir Ahnungslosem ein Schweizer erzählte, da ß die inter-

unerwartet das Bild der Sach-

Internationale

Ämter

Schweizer

Versorgungen

303

nationalen Möghchkeiten einen Ausgleich schaffen helfen für die ungenügende Dotierimg und vor allem Pensio- nierung hoher eidgenössischer Beamter. Ich war über

diese Ansicht der mir sehr ernsten internationalen Dinge etwas verblüfft und hielt das Vorgebrachte fü r persön- hche Meinung. Bei anderen Gelegenheiten hörte ich als Ergänzimg, da ß der Direktor einer solchen internatio- nalen Stelle ja doch nicht so viel zu tun habe, da ß die Arbeit ja mehr ,unter ihm ' erledigt werde. E s darf doch mit aller Bescheidenheit gesagt werden, da ß die Welt schwerhch den Haa g un d Genf un d die Berner xmd sonstigen internationalen Ämter als Versorgungsstellen betrachtet. Die ernste Frage ist nun die: Wird die Schweiz immer imstande sein, den großen, ihrer har- renden weltpohtischen Aufgaben gerecht zu werden? Wird man immer Dutzende von klugen, energischen Persönhchkeiten fü r die zu besetzenden, immer wich- tiger werdenden Ämte r un d Kommissionsposten zurVer- fügung haben, oder wird dort die Reihenfolge: ,Jetzt ist der Thurgau dran — jetzt mu ß die juristische Fakul- tät einer anderen Universität drankommen' auch Gel- tung erlangen? Das sind ernste Dinge, und je Heber jemand die Schweiz ist, desto mehr mu ß ihm daran

Hegen, da ß sie nach treten ist."

Und wie das Schweizer Volk i n seiner Sachlichkeit und BüHgkeit die Karikatur des Deutschen darsteUt, so tut es dies in seiner Bürgerhchkeit. E s ist das Proto- typ eines Kleinbürgervolks; es ist absolut auf den klei- nen Mann hin typisiert. Auch der deutschen Mehrheit fehlen die adehgen Instinkte, sie erkennt diese aber

möghchs t vielen Seiten gut ver-

304 Plebejismus

als Ideal

immerliiii als höherwertig an. In der Schweiz hat histo- rische Entwicklung bedingt, daß deren Bewohner Bestes, ihr Freiheitsbewnßtsein und ihr Mannesmut, in Gegen- satzstellimg zu jeder Ar t von Vornehmheit erwuchsen. So ist denn Plebejismus dort heute Ideal. Unter kleinen und armen Leuten oder solchen in niederer SteUung führt dies, wie gesagt, zu keiner Häßhchkeit, denn da entsprechen sich eben Sinn und Ausdruck. Bei sozial Höherstehenden hingegen hat es das zur Folge, warum kein feinerer Mensch die Schweizer als solche mag, und warum nur aus der Ar t geschlagene Schweizer in Gesin- nung und Form „europagültig" wirken. Seit langem stu- diere ich die Aus drucksweise der Schweizer besonders

bessere Deut-

sche „überlegen" sagt, sagt der Schweizer „pfiffig". Das Schweizer Synonym fü r selbstbewußt ist „wichtigtue- risch". W o jener höchstenfaUs das Wort „Gemeinheit" verwenden würde, braucht dieser „Niedertracht". E r

genau, denn sie läßt tief bhcken. W o der

sagt „ruchlos", wo der Deutsche höchstens „häßhch" sa- gen würde. Lässige Freiheit heißt er „Liederhchkeit", Schroffheit „ruppig". Die aUgemein-deutsche Grob- heit erlebt i n der Schweiz eine phantastische Über- ,

Steigerung.

zu einer Kulttir der Häßhchkeit führt, sondern eben rein, d. h. kulturlos häßhch bleibt. Doch genug davon. Jedem Kenner der Schweiz werden auf meine Ausführungen hin viele andere ParaUelen einfaUen. Nur noch fünf harmlosere Vergleichs-Beispiele von Deutsch- land und der Schweiz. Auch in Deutsehland ist der höhere Mensch notwendig isohert; es gibt da keine anerkannten Ehten wie in Frankreich. Aber in der

Was aber doch nie, wie i n HoUand,

Schweizer als Gastwirtsvolk

305

Schweiz mu ß er sich unmittelbar verstecken: so groß sind dort der Neid un d der Abscheu gegenüber mensch- hcher Überlegenheit, Auch in Deutschland gibt es Kastenunterschiede, Aber sie hegen offen vor Augen, weshalb Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu ihnen

keine Verdrängung schafft. Die Genfer „gens bien", die Züricher obersten Fünfhundert, die Baseler Patrizier hingegen leugnen offizieU jedes Ungleichheitsbewußt- sein, schheßen sich dafür aber faktisch desto herme- tischer ab; was denn gar oft bis zum Erstickungstod der Seele fiihrt . Auc h der bedeutend e Deutsch e is t grundsätzhch nicht repräsentativ, wie der bedeutende Franzose, sondern Kontrastprodukt gegenüber der Ma- jorität. In der Schweiz gü t gleiches in dem Maß, da ß nicht nur der bedeutende, sondern schon der angenehme Schweizer aus höheren Kreisen, auBer i n ganz seltenen FäUen, als solche Ausnahme wirkt, da ß jeder ihn in- stinktiv außerhalb des Rahmens seines Volkes sieht und beurteilt, (Hier wäre denn die Gelegenheit, öffenthch zu sagen, da ß ich die angenehmen und vornehmen Schweizer, die ich kenne, aus meiner Charakteristik ausnehme, ZweifeUos gibt es auch außerhalb der Ge- werbe, die von sich aus einen europagiütigen Schweizer Typus schaffen, viele Schweizer, die den Vergleich mit jedem anderen Europäer aushalten,) Auch der Deutsche

ist geborener Gastwirt. W o er hinkommt, sich als solcher. Das Schweizer Volk ist i m

als Gastwirtsvolk schlechthin zu bestimmen, wie andere Völker als Krieger- und wieder andere als Seefahrer-

Völker. Endhch: auch der Deutsche tritt gern in Fremdendienst. In der Schweiz war das Reislaufen 20 .

bewähr t er selben Sinn

306

 

Schweizer

Anti-Aristokratismus

jeher

nationale

Angelegenheit.

Die Schweizer

der

nicht

mehr

regierenden

Päpste

ist

die

von

Garde

amüsantes t denkbare Persiflage des Schweizergeists.

Ni m zur sinnbüdhche n Bedeutung des Schweizer Zustands im Zusammenhang Europas. Dazu knüpfe

ich an den Gedanken des vorletzten Abschnitts wieder an. Die Schweizer sind das Volk des äußersten mir bekannten Ressentiments, ressentimentvoller noch als die Juden, weil sie ihrer modernen Stellung psychisch nicht angepaßt sind. Sie fühlen sich nach wie vor als Pioniere der Freiheit, des Fortschritts. Das sind sie nieht mehr. Den n die Freiheit, die sie meinten un d vertraten, ist seither Gemeingut geworden; sie sind insofern ihre eigenen Klassiker. Der Liberahsmus ist heute, wie an- läßhch Itahens ausgeführt, jedes Beschleunigungs- motives bar. So muß jeder Hochmut auf ihren Zustand hin verbildend wirken. Un d der Hochmut der Schweizer ist ungeheuerlich. Da ß er hier Stolz auf „Schhchtheit", „Gediegenheit" oder „Gleichheit" ist, anstatt auf ande- res, ändert nichts am psychologischen Tatbestand. Vor allem aber wirkt ihr Anti-Aristokratismus heute un- mittelbar seelentötend. E r hatte zur Zeit Geßlers selbst- verständhch hohen Sinn. Heute, wo aller Feudalismus abgebaut ist, wo Kampf gegen Vornehmheit nicht mehr

nur gegen innere Freiheit

bedeutet, bedeutet er nichts Besseres mehr wie Kampf für niedrige gegen höhere Gesinnung. Un d da natürHch alle nicht ganz uninteUigenten Schweizer ahnen, wie die Dinge tatsächhch Hegen, so ist die Folge Seehsch-Häß- lichstes. Bei der Mehrheit äußert sich dies in Scheel-

Kampf fü r äußere, sondern

Feigheit vor öffentlicher

Meinung

307

sucht und Grobheit. Bei den besseren Einzelnen als eine besondere Art Verschlagenheit. Den wirkHch Guten aber fehlt im letzten der Freimut. Nur zu natürHch. Während meiner Weltreise trug ich auf einem Maskenball das Gewand eines orientahschen Despoten un d -s'ersteUte entsprechend auch mein Gesicht. Trotzdem es Maske war, stürzten sechs freie Schweizeriimen keifend auf mich zu und schimpften: so etwas würde bei uns in

der Schweiz nicht erlatd3t. Ganz gewi ß ist

dort heute

jede Vornehmheit — ich meine gerade die echte — in den Augen der Mehrheit verpönt . Ei n hervorragender Schweizer mu ß in seiaem Land beinahe ebenso Versteck spielen, wie ein Monarchist in Sowjet-Rußland. Dort tritt der Fluch aUer Demokratie am stärksten zutage, nämhch die Feigheit gegenüber der öffenthchen Mei- nung. Auch i n Amerika gilt diese als beinahe götthc h letzte Instanz; sonst aufrechte Männer strecken selbst- verständhch vor ihr die Waffen, und sei schreiendstes Um-echt im Spiel. Jeder, außer dem Helden, denkt eben instinktiv zunächst an seine nächste LebensmögHchkeiti Beim Angelsachsen ergibt dies trotzdeni kein häßhches Gesamtbild, we ü er (zumal der Brite) wesentlic h sozial ist; d. h. ih m geht die Gemeinschaft ehrHch, weil von innen heraus, dem SonderwiHen vor. Der Schweizer ist, als Deutscher, asozial. Darum ist seine Vornehm - heitsfeindschaft ein Häßhches schlechtweg.

denn die Schweiz als immittelbar

abschreckendes Sinn bü d dessen, w^ozu ein innig zusam- menhängendes Europa von morgen leicht auch ander- Weitig werden kann. Mit Absicht setzte ich meine Be- trachtungen über dieses Land unmittelbar denen über

20*

Und

hier erscheint

308 Das Ideal des kleinen

Manns

Ungarn nach; ich wollte mich nicht wiederholen. Vor- nehmheit steht absolut höher als Unvornehmheit, der Edle absolut über dem bürgerhch Gesinnten. Würde Europa je i n diesem Sinne schweizähnlich, dann wäre es

mit dem, was Europa von jeher und immer wieder groß machte, aus. Betrachten wir noch einmal, und jetzt von anderem BHckpunkt aus, das psychologische Bü d der heutigen Schweiz. Das Schweizerische ist ressen- timentbehaftet wie kein zweites Volk, we ü dessen Selbst- bewußtsein den wirkhchen Verhältnissen nicht ent- spricht. Die Schweiz wähnt das Land der Freiheit zu sein und ist heute in Wahrheit das der äußersten Enge, nämhc h im letztlich über aUen Wert entscheidend inner- Hchen Sinn. Im Mittelalter war äußere Kleinstaaterei aUgemeine Lebensform ; sie wurde dmc h innerHchen UniversaUsmus kompensiert, i m Sinn des Goetheschen „äußerUch begrenzt, innerHch unbegrenzt". Dies galt damals auch von der Schweiz. Heute entspricht bei ihr das Innerhche dem ÄußerHchen. Dementsprechend ist die Schweiz heute in alle n Hinsichten Provinz. Dies aber ist die unmittelbare Folge der Demokratisierung. Gerade die Schweiz war j a bis zu Napoleon eines der aristokratischst strxdctiuierten Gebüde — wie der Mensch einmal ist, kan n niu: das Ideal der Weite den

In der

modernen Schweiz herrscht gerade das Ideal der Enge;

denn das ist eins mit dem Ideal des kleinen Manns.

Darauf beruht einerseits gewiß, was als die pohtische

der Schweizer güt : auf das Elementare

hin ist am leichtesten Verständigung mögHch, und ebenso von diesem her, denn nur in der Blüte, büdHch

äußerhch Beengten innerlich weit erhalten

VorbüdHchkeit

Nachteile sozialer

Vorbildlichkeit

309

gesprochen, nicht an der Wurzel, unterscheiden sich die Menschen voneinander. Aber diese VorbüdHchkeit besteht andererseits auf Kosten der Möghchkeit höheren und freieren Menschentums, Den n sie komm t letztHch dadurch zustande, da ß der Einzige zugunsten der Mehrheit jede Bedeutung verhert. AUe Menschen- werte nun verwirklichen sich durch den Einzigen hin- durch. Insofern ist soziale Gesinnung als letztes Wort unbedingter Minderwertigkeitsbeweis: sie darf und soll das erst e Wor t sein; zunächs t mu ß das „politisch e Tier", das der Mensch ist, in möghchst günstigen Ver- hältnissen leben. Dan n aber hat aUer Nachdruck auf dem Einzigen zu ruhen, we ü erst die Dimension der Einzig- keit, wie dieses Christus zuerst erkannte, den Menschen im Unterschied vom Tiere macht. Doch zurück zur sozial-poHtischen Problematik, A m Beispiel der Schw^eiz muß den Einsichtsfähigen endgültig klar werden, wie zwangsläufig ein auf einen kleinen Rahmen hin typisierter und nun in weite Verhältnisse gelangter Mensch, so er nicht innerHch weit ist, verdirbt. Der un- abhängige Schweizer Dörfler, wie er zu Geßlers Zeiten bestimmte und noch heute lebt, ist in seiner Schhchtheit und Bedürfnislosigkeit unstreitig ein höherer Mensch. Aber der psychologisch gleich gebhebene Mensch als reich gewordener Bürger ist es nicht. In ih m verwandeln sich die ererbten Tugenden in Laster. Nu n hat die Generationen lang befolgte Neutrahtät die Schweizer Oberschichten reich, zum Te ü unermeßhc h reich ge- macht. Un d wie überaU die materieUe Macht entschei- det, so Hegt trotz aUer Verfassung auch in der Schweiz auf ihnen der faktische Bedeutungsakzent; i m FaUe

310 Geld muß ausgegeben werden

der Schweiz schort allein deswegen, weil sie allein in der Lage sind, am internationalen Leben anders wie als Fremdenindustrielle teilzunehmen. Diese, reichen , Schweizer nun aber sind gesinnungsmäßig erst recht kleine Leute. Hier setzt der Fluch des ursprünghchen calvinischen Geistes ein. Der Wohlstand mu ß in der Lebenshaltung verheimhcht werden. Das gü t nicht nur von Genf, wo die Nachwirkungen des calvinischen SpitzelM^esens, welches jeden seinen Wohlstand zu ver- bergen zwang, bedingt, daß noch heute vielfache Müho- näre fast ohne Dienstboten leben, sondern sogar vom

froheren,

auch die reichen Schweizer ärmhch. Desto mehr aber leben sie fü r ihren Besitz. Sie sind keine Calvinisten im

Sinn der Pügerväter, welche zwar Reichtum auch nicht genießen durften, doch desto mehr zur Ehre Gottes mit ih m wuchern mußten : sie denken und fühlen im Sinn des Sparstrumpfs des Kleinbürgers.

we ü Zwingh-beseelten Zürich. So leben denn

„Gediegenheit" ist ihr eines Ideal. Sie verstehen über-

haupt nicht auszugeben. Nu n ist der eine Sinn

Geldes, ausgegeben zu werden. Freüich soll man zu- nächst Geld haben oder verdienen. Ohne materieUe Macht ist Ideales im großen nicht zu verwirklichen in dieser materieUen Welt; deshalb verbüdet, innerlich,

jeden, der nicht geborener Asket ist, äußere Beschränkt-

des

heit. Un d nur der äußerhch nicht

sondern Mächtige ist bis auf seltene Ausnahmen innerhch ganz frei. Auch deshalb steht der Grand- seigneur den Höchsttypu s des Menschentumes dar. Der Grandseigneur nun hat nur, um zu geben; hält er Haus, vermehrt er seinen Besitz, so tut er's, um

bloß Unabhängige,

 

Sparen

verdirbt die Seelen

311

immer

und

mehr

geben

zu

können.

Darf Sparen

beim

kleinen

Mann

als

Tugend

gelten,

so nur des-

zunächst einmal später aus sich

ein höheres, weiten Verhältnissen gewachsenes Gleich- gewicht zu entwickeln. Geld sinnvoU ausgeben ist nämhch viel schwerer, als Geld sammeln; deshalb kom- men auf Millionen redhcher Sparer, die ihren anima- hschen Trieb zum Vorrat-Sammeln ausleben, nur wenige, die richtig auszugeben wissen.Aber tatsächhch ist Sparen

halb, we ü er, sozial beurteüt Kind,

haushalten

lernen

muß , um

dann

Seele immer verheerend. Zu -

nächst verstärkt es den Trieb zur Sicherung, den

schhmmsten Hemmschuh auf dem Weg ziu: inneren Frei-

mit dem WiUen zum

Risiko. Un d zwangsläufig mündet es schheßhch ein im Geiz, diesem schhmmsten und gottlosesten aUer Laster. So sind denn auch die Demokratien, die einen irgendwie höheren Menschentyp entwickelt haben, über das bürger- hche Sparideal hinaus: in Amerika ist Grundsatz, auszu- geben was man verdient. Selbstverständhch soUte Geld nicht vertan werden, solange es Armut gibt. Aber so paradox dies Hinge: gelegentUches Vertun und Verständ- nis fü r solche „Liederhchkeit" schaden einem Volk viel weniger, als aUzu große Ehrbarkeit. Hier, wenn irgend- wo, hat der Sünder vor dem Gerechten den Vortritt. Wer viel Geld hat, dem ist oberste Pfhcht , es sinn-

voU

auszugeben versteht, der, nicht der Leichtfuß, hat kein Recht darauf. In der Schweiz nun tun vielfache

Mühonäre so, als hätte n sie keine dreitausend Fränkh

vom

Standpunkt

der

heit, denn diese steht und fäUt

auszugeben .

Wer nicht

ein hohes Einkomme n

jährhch

zu

verleben,

und

das

ganze

Volk

sieht

eine

312 Schweizer das unadelige

Volk

Tugend darin. Sie sparen, sparen, sparen, sparen grenzen- los. Ihnen fehlt absolut das Verständnis fü r das Ideal der schenkenden Tugend. Fragt man solche kleinbürger- hche Krösusse i n ihren jungen Jahren, warum sie sich dies und das nicht leisten, so erwidern sie: wir haben noch nicht geerbt. Später sparen sie fü r ihre Kinder.

Diese „Tugend" ist nun der tiefste Grund der morah-

des heutigen Schweizer Typs. Ja ,

schen Häßhchkei t

leider ist es so: die Schweizer sind heute das unadeUge Volk par excellence. Vo n provinzieller Enge als Wert, von Kleinbürgertum als Ideal her kann höheres Menschentum unmöghc h erblühen. Un d zwar weniger

denn je in der modernen, sehr weit gewordenen Welt. Das Bürgerzeitalter ist historisch um. Un d wenn auch

einzig ein seigneuriales groß sein kann, so ist sogar ein proletarisches besser als ein bourgeoises. Der zurück- gedrängte Bourgeois wird dementsprechend immer klei- ner tmd häßhcher. Dieser Prozeß ist beim schweize- rischen Volk in klassischer Klarheit zu verfolgen. So kann denn den Schweizern nur eine nationale Psycho- analyse helfen. Sie müssen sich ihren wahren Zustand

den Schweizern, die als Typen der

neuen Schweizer Situation schon angepaßt sind, fehlt

ja auch heute alles wesenthch Häßhche. Diese müssen

zur Norm werden. Die heutige Schweizer Selbstgerechj tigkeit mu ß sich in echte Bescheidenheit verwandele.

Schweiz mu ß einsehen, da ß auch auf ihrem Boden

die alte Zeit vorbei ist und da ß sie neuwerden muß . Da ß sie vorwärts , nicht rückwärts zu bhcken, da ß sie ihren Stolz nicht auf ihrer Vergangenheit, sondern dem WiUen einer höheren Zukunft zu begründen hat.

eingestehen . Bei

Die

Die Schweiz am Scheideweg

313

Wird es dazu kommen? Das weiß ich nicht. Soviel aber kann ich sagen: wenn es dahin kommt, dann, aber dann aUein wird die Schweizer Menschheit wieder schön 'werden. Dan n wird der Schweizer Stolz auf Boden- ständigkeit nicht mehr beengend und verbüdend wirken, wie er es heute tut. Die Schweizer Menschheit war ja so lange schön, als sie ihre Sendung ihrem wahren Sein gemäß atiffaßte. Die Schweizer waren bisher das Volk der Meinen Leute. Sind sie's noch, dann dürfen sie nur das woUen, was kleinen Leuten ziemt; und als solche haben sie tatsächhc h eine Menschheitssendung. Ei n sehr großer Te ü aUer Menschen gehört nun einmal diesem Typu s an. Deren Rechte zu vertreten, ist eine ganze Nation dieses Typ s besonders berufen; sie ist überhaupt dazu berufen, fü r die Schwachen gegenüber den Mächtigen einzustehen. Heute tut dies mehr denn jemals not, tmd es ist jammerschade, da ß die schweize- rische öflfenthche Meinimg gerade in dieser Zeit wie nie vorher unterdrückter Minoritäten im aUgemeinen

auf der Seite der Große n un d Mächtige n steht.; . Oder aber die Schweizer sind keine kleinen Leute mehr: dann müssen sie sich an neuen Normen bilden. Unter aUen Umstände n muß , soU die Schweiz zu neuer Schönheit erblühen, der Pharisäismus der Demokratie und sozialen Gesinnung aufhören. Noch einmal: Komm t es

> dahin, da ß die Schweiz

sich innerhch erneuert,

dann

kann sie, die als geographisch-pohtische Gegebenheit natürhch bestehenbleiben wird imd soU, ohne Zweifel auf neue Weise ein wertvoUer Bestandte ü Europas werden. Was ich meine, erläutert vieUeicht am besten eine Analogie, die sich ein jeder i n seine Privatsprache

314 Weg zur Schweizer

Erneuerung

übersetzen möge. Bald nach dem deutseben Umsturz wetterte Riebard Strauß einmal vor mir gegen den mög- Hcben Anschluß Österreichs an Deutschland: dann werde das letzte deutsche Kunstland verpreußt werden.' Ich erwiderte: ich sehe die Lage anders. Gerade dann kann Wien zu einer reinen Kunststadt werden. Alle Bureaus der deutschsprachigen Länder werden dann in Berhn zusammengelegt werden, wo sie ortsgemä ß sind.

Zum Ausklang noch ein paar Worte über die Eigen-

bedeutenden Schweizers, wie er bisher

als isoherte Sondererscheinimg war un d fü r die Dauer hoffentlich zum nationalenVorbüd werden wird. Denn da die Schweiz nicht mehr innerhch eng bleiben kann , ebne in immer schhmnierem Provinziahsmus zu versauern, tun auch ihr heute Vorbüder aus höheren Menschheits-^ Sphären not. Wen n sie nicht bald anerkennt, da ß der Schweizer Durchschnittsbürger nicht Vorbüd ist, so ist sie als Kulturfaktor erledigt und nur mehr dazu da, im Rahmen gesicherter NeutrahtätssteHung Phüister zu mästen. Die Schweiz mu ß sich fortan an dem Typus polarisieren, den heute am besten Carl Gustav Jung vertritt. Auch der bedeutende Schweizer ist grund- sätzhch ein rauher Mann, ein Bär , ein Produkt von Urgestein und zähem Bauerntum. Aber er ist zugleich auf seine besondere Weise vornehm. E r ist unabhängig, im wahren Siim bescheiden, im echten Sinne schhcht. Er ist vor aUem neidlos. Mit den besten Europäer- typen hat er nur wenig ÄhnHchkeit. Desto mehr jedoch mit den besten Vertretern des alten, heute aussterbenden Amerika. Un d das ist wohl verständhch. Der Amerikaner

tümhchkei t des

Konvergenz

von Schweizer und Amerikaner

315

ist das Produkt der Verpflanzung eines ursprünghch Beengten in sehr große Weite. Seine Großzügigkeit er- wuchs in ursprüngHcher GegensatzsteUung zu feudaler Vornehmheit. Seinen Reichtum schuf der Geist nicht des ritterhchen Eroberers, sondern des Puritaners. Amerika und die Schweiz sind also insofern innerhch verwandt, als in beiden FäUen der Volkstypus nicht von freien Herren, sondern von freien Bauern seine Prägimg erhielt und in beiden FäUen traditionsmäßig kleine Leute mit entsprechenden Idealen und Normen später reich wurden. So tun die Schweizer nicht un- recht, wenn sie die Vorbüder zu ihrem neuen, größere innere Weite erfordernden Zustand i n Amerika und nicht in Europa suchen. Äußere und innere Weite stehen in Korrespondenzverhältnis. Der innerlich Überlegene ist dem äußerhch Reichen physiolo- gisch verwandt. Deshalb steht die Kleinheit der Schweiz einer Amerikanisierung im Guten nicht entgegen, wenn nur der bedeutende, d. h. der inner- hch weite Mensch und nicht, wie bisher, der kleine Manu als nationales Vorbüd güt . AUerdings setzt die Wahlverwandtschaft mit Amerika der Entwicklungs- möghchkeit der Schweizer ihrerseits enge Grenzen. Das eigenthche Amerika ist im selben Sinn das Land der

kleinen Stadt, wie die Schweiz das des Kantönh . Richtig adehge Gesinnung ist dort als Typus unbekannt. So ist ein reiches Ausschlagen seiner Natur und deren VoUendung im höchsten Sinn dem Amerikaner im Europäersinne kaum erreiehbar. Es ist es schon nicht

mit

wegen

seinen Idealen von standardization und normalcy: was

seines

bestimmenden

Gleicbbeits glaub ens,

316 Ausnahme,

nicht Regel

Vorbild

der Mensch vo n sich glaubt, das wird er; Differen- zierung setzt Anerkennung vor Unterschieden voraus und dementsprechend Kultur die Anerkennung der Ausnahme und nicht der Regel als Vorbild. Aber über sein ursprünghches Format und seine ursprünghche Quahtät bis zur Sprengung der Urform hinauszuwachsen, ist nie- mandem beschieden. Un d jede Seele sucht sich wohl den Körper, der ihr entspricht.

J

DIE

NIEDERLAND E