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Robert von Rimscha Die Bushs Weltmacht als Familienerbe scanned by unknown corrected by kb Die
Robert von Rimscha
Die Bushs
Weltmacht als
Familienerbe
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Die Präsidentschaftswahl in den USA steht vor der Tür. Nach den beiden
Kriegen in Afghanistan und Irak, die noch keinen Frieden brachten, wankt
die Macht des George W. Bush. Reicht die Unterstützung der
Geldaristokratie Amerikas, um die Bush-Dynastie am Ruder der Weltmacht
zu halten? Was macht die Bushs für Amerikaner wählbar?
Wer Amerika verstehen will, muss die Familie Bush verstehen. Robert von
Rimscha schildert den Aufstieg einer umstrittenen Familie zu einer der
mächtigsten der Welt.

ISBN: 3-593-37309-2 Verlag: Campus Erscheinungsjahr: 2004 Umschlaggestaltung: mancini-design, Frankfurt

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

Buch

Sie sind keine Sympathieträger. Sie sind zweimal gegen Saddam Hussein in den Krieg gezogen – und stolpern gern über ihre eigenen Sätze. Die Bushs: Keine andere Familie verkörpert die Verflechtung von privaten Interessen und amerikanischer Politik so wie diese. Die Zugehörigkeit zur Geldaristokratie und ein Netzwerk aus Familien- und Geschäftsfreunden in zentralen gesellschaftlichen Positionen sind wichtige Erfolgsfaktoren dieser mächtigen Dynastie. Doch gerade in Europa wird die Familie noch immer unterschätzt. Die Wahl des eigenschaftslosen George Bush sen. verursachte Ratlosigkeit; die Wahl seines scheinbar minderbemittelten Sohnes wurde mit völligem Unverständnis quittiert. Dabei repräsentieren die Bushs ein republikanisches Amerika, dem sie sich mindestens so sehr anpassen, wie sie es prägen. Beide, die Bushs wie ihr Amerika, werden populistischer, religiöser, konservativer. Mit einem Präsidenten, einem Ex-Präsidenten und einem Gouverneur sind die Bushs heute so tief in der politischen Landschaft der USA verwurzelt, dass wir selbst die Wahl eines dritten Bewohners des Weißen Hauses namens Bush erleben könnten.

Autor

Autor Robert von Rimscha leitet die Parlamentsredaktion des Tagesspiegel in Berlin. Von 1996 bis 2000 arbeitete

Robert von Rimscha leitet die Parlamentsredaktion des Tagesspiegel in Berlin. Von 1996 bis 2000 arbeitete er als USA- Korrespondent in Washington; l986 bis 1989 studierte er in Boston. Er ist Autor mehrerer Bücher, darinnen Die Kennedys – Glanz und Tragik eines amerikanischen Traums (Campus, 2001). Er schreibt Meinungsbeiträge unter anderem für die Los Angeles Times und die International Herald Tribune und wurde im Mai 2003 mit dem Arthur-E-Burns-Preis für Kommentare zum transatlantischen Verhältnis auszeichnet.

Inhalt

Einleitung: Europas Aufstand gegen die Bush-Welt

6

I. Die Heimat

20

1. Geld, Ruhm und ein Schädel

21

2. Poppy und Bar

33

3. Privilegierte Nomaden

41

4. Im Schatten Reagans 64

5. Republikanische Freiheit

80

II. Die Macht

93

6. Weiter ein Stellvertreter 94

7. Vom verlorenen Sohn zum Aufsteiger 113

8. Karriere in Eile

122

9. Öl, Banken und Lobbys

148

10. Familienbande 169

180

III. Die Welt 192

11. Misstöne und andere Malheurs

12. Feind Saddam

193

13. Feind Osama

208

14. Nachschlag Saddam

224

15. Der Terror, die Angst und Europa

249

16. Deutschland

259

Ausblick: Eine Dynastie?

288

Zeittafel

308

Quellen

314

EINLEITUNG:

EUROPAS AUFSTAND GEGEN DIE BUSH-WELT

Der 23. Mai 2002 war ein sonniger Tag in Berlin. Ein leichter Wind wehte durch den Innenhof des neuen Kanzleramts und ließ die Flaggen der Bundesrepublik Deutschland und der Vereinigten Staaten von Amerika flattern. George W. Bush hatte an diesem Donnerstag fast zwei Stunden lang mit Gerhard Schröder zusammengesessen. Jetzt schritten beide hinaus in die Sonne und bezogen hinter ihren dunkelblauen Stehpulten Position. Höflich ließ Schröder seinem Gast den Vortritt. Wie ihm Berlin denn gefalle, wurde der US-Präsident gefragt. Leider habe er nicht viel von der Stadt sehen können, räumte Bush ein. Und gab eine erstaunlich offenherzige Erklärung hierfür. »I live in a bubble!«, meinte Bush, hob dazu die Hände in die Luft und deutete ein Kichern an, das er durch seine typische nickende Kopfbewegung unterstrich. Dazu beugte er sich kurz tief hinab, bis er fast mit der Stirn sein Mikrofon berührte. »Ich lebe in einer Seifenblase!«, oder auch: »Ich lebe unter einer Käseglocke!« Bush ergänzte: »Das passiert halt, wenn Sie der Präsident sind. Ich habe das gewusst, als ich ins Amt kam; also beklage ich mich nicht.« Da war er wieder, der George W. Bush, wie ihn die Welt kennt. Gesteht ganz unverwandt, dass er von der Welt oder von Berlin nichts mitbekommt. Waren diese offenen Worte dummdreist oder einfach nur entwaffnend, waren sie unverstellt oder naiv, menschlich allzu menschlich, anbiedernd oder peinlich? Dass Bush in einer Seifenblase lebt, würden viele seiner Kritiker unterschreiben. Bush, die Marionette der

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Energieindustrie, die biedere Fassade der neokonservativen Falken, der missratene Sprössling einer Dynastie, der nur mit Abermillionen an Wahlkampfspenden aus seinem aristo- kratischen Unterstützerkreis an die Macht gehievt werden konnte. Bush, der religiöse Eiferer, der Krieger mit seinem plumpen Schwarz-Weiß-Raster – dies sind nur einige der gängigen Bilder von diesem Mann. Dass er die Komplexität der realen Welt nicht versteht, dass er mit einem seltenen Minimum an Erfahrung und Einblick ins mächtigste Amt der Welt gelangte – all diese harschen Urteile über seine Person schien Bush mit fünf knappen Worten bestätigen zu wollen. »I live in a bubble!« George W. Bush als das aktuelle Spitzenprodukt der Bush- Dynastie ist natürlich alles andere als ein Mann, der gleichsam vom Himmel fiel. Er mag von vielen Dingen abgeschottet in einer Seifenblase leben, aber er bewegt sich natürlich in seinen Kreisen, und zwar in einem höchst realen, komplexen Netz aus seiner Familie, den Spitzeninstitutionen der amerikanischen Gesellschaft und seinen Geschäftskontakten. In einem Beziehungsgeflecht also, das eher für Zielstrebigkeit denn Zufälligkeit steht. Nur: Die Welt außerhalb Amerikas hatte oft den Eindruck, dass der US-Präsident in der Tat in seiner ganz eigenen, von Verkürzungen, Schematisierungen, Übertreibungen und Illusionen geprägten Seifenblasenwelt lebte. Erfolgreich wie selten eine andere Familie zuvor besetzten die Bushs mit genauem Kalkül die Schlüsselpositionen des Landes, angefangen vom Abgeordneten über den Senator bis zum Botschafter, vom CIA-Chef über den Gouverneur bis zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. Wie also konnte es passieren, dass der Spross einer solchen Familie im Ausland als durchsichtiges Leichtgewicht wahrgenommen wurde, als gedankenloser Traumtänzer, als ebenso trotteliger wie gefährlicher Kriegstreiber? Schon über den Vater, George Bush, hatte die Welt gespottet und gelästert. Schon er – und wegen der

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Namensähnlichkeit wird der Vater hier stets als George Bush geführt, während der Sohn immer George W. Bush heißt – war linkisch und unbeholfen aufgetreten, hatte sich verhaspelt und verschluckt. Und auch der Vater hatte gegen Saddam Hussein Krieg geführt. Sein Sohn erschien der Welt nun als die Karikatur all der Schwächen seines Vaters und Vorvorgängers. »Wir sollten nicht den Fehler begehen, Bush ernst zu nehmen!«, grummelte der renommierte amerikanische Schriftsteller Norman Mailer am 3. Juli 2003 in der ZDF- Sendung »Berlin Mitte« und amüsierte sich dann selbst über seinen eigenen Witz. Bush als Schießbudenfigur – dies ist eine weit verbreitete Haltung der Spötter und Kritiker. Doch ist sie angemessen? Brauchen wir George W. Bush nicht ernst zu nehmen? Hat er, hat seine Politik, hat jenes Amerika, dessen Außenwirkung er prägt, so wenig Gewicht? Was wird die kommenden Jahre prägen? Wer bestimmt im globalen Maßstab, was geschieht und was unterbleibt? Die nüchterne Antwort muss wohl lauten: Amerika. Weltmacht, Supermacht, Hypermacht. Hegemon, Schurkenbestrafer, unverzichtbare Nation. Jedenfalls wird in Washington ein Land regiert, das dem Rest der Welt enteilt scheint. Politik, Militär, Wirtschaft: Amerika ist führend. Und die Kultur? US-Massenware gedeiht im abgelegensten Winkel der Welt. Amerikas beste Universitäten können es jede für sich mit ganzen europäischen Staaten aufnehmen, was die Ausbeute an Nobelpreisen anbelangt. Fast die Hälfte der deutschen Doktoranden entschwindet inzwischen aus gutem Grund in die USA. Gut, bei Cellisten, Autoexport und Geografiebildung hält Deutschland noch mit. Dennoch: So viel Übermacht war nie. Ganz ernsthaft diskutiert die Außenpolitikelite in Washington, ob ihr Land sich nicht das Etikett »Imperium« aufkleben solle. Was bleibt dem Rest der Welt? Teilhabe? Auflehnung? Die Neue Welt verstand sich stets in Abgrenzung zu Europa, als das bessere Andere. George W. Bush hat im Herbst 2002 in

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Warschau gesagt, aus den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts sei »ein einziges nachhaltiges Modell für nationalen Erfolg hervorgegangen: Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft«. Die felsenfeste Überzeugung, dass Amerika etwas Universelles hervorgebracht hat, etwas, das erwiesenermaßen ideal für alle wäre, ist etwas ganz anderes als der aggressive Impetus des Imperialismus. Die USA sehen sich als Gesellschaft, zu der die halbe Welt liebend gern beitreten würde, ließe man sie nur. Amerika sieht sich eben nicht als Land, das erobern und besetzen muss. Letztlich vertraut Amerika auf weiche Macht, nicht auf harte. Nun gibt es aber Phasen, in denen die harte Seite dominiert. Nach dem 11. September 2001 gab Amerika Bush das Mandat zu kämpfen – und er tat es. Solche Dominanz löst Reaktionen aus. Doch was wäre die Alternative zur alleinigen Macht? Die prekäre Balance zwischen zwei Mächten wie im Kalten Krieg? Beide Bush-Präsidenten, der erste als 41. Präsident in der amerikanischen Geschichte von 1989 bis 1993 und der zweite als Nummer 43 seit 2001, haben nach dem Fall der Mauer versucht, jenes »window of opportunity«, das »Fenster der Möglichkeiten«, zu nutzen, das die Geschichte aufstieß. Dieses Fenster wird sich wieder schließen, wenn Peking eine Weltmacht regiert. Seine Lehrlingszeit hat der außenpolitische Novize George W. Bush damit verbracht, sich auf China einzustellen. Denn in Peking vermutet Washington den erwachenden Rivalen, jene Macht, die Amerika dereinst Paroli bieten wird. Der 11. September hat die Prioritäten vertauscht, denn die aktuelle Bedrohung, nicht die potenzielle künftige, steht obenan. Bush 43 versucht nun, ein Amerika zu formen, das allein bestehen kann. Die ursprüngliche Vision von Bush 41 sah vor, mit einem geeinten Europa an der Seite in die unsichere Zukunft zu schreiten. Wären drei Mächte besser? Bei denen eine stets voll Misstrauen prüft, ob sich die beiden anderen gegen einen selbst

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verbünden? Solche Rivalitäten könnten tödlich enden, sobald das labile Gleichgewicht kippt. Keine Macht? Zumindest keine, die auch mit Waffen Ansprüche geltend macht? Europa ist intern auf diesem Weg, doch die Grenze liegt da, wo das Vertrauen auf Institutionen und Völkerrecht fehlt. Die Welt hat es nicht leicht mit ihrer Übermacht. Es gibt viele, die sich dem Amalgam aus Kapitalismus, Globalisierung und Freizügigkeit lieber nicht ausgesetzt sähen. Hier indes ist Amerika oft eher der Sündenbock als der Täter. Die USA sind auch deshalb das Ziel des Terrors geworden, weil Amerika ein so wunderbar großes, offenes Gefäß ist, in das sich an Abneigung, kaschierter Bewunderung, Widerwillen und Hass alles hineinlegen lässt, was in dem einen oder anderen Erdenwinkel ausgebrütet wird. Demokratie ist für viele Araber kein Regierungssystem, sondern das Synonym für Pornofernsehen und Fast-Food-Ketten. Dieses Widersprüchliche in der Wahrnehmung der USA ist auch in Europa fühlbar. Wir sehen im Kino gern US-Filme und ärgern uns, dass im Kino so viele US-Filme laufen. Wir studieren gern in Amerika und ärgern uns, dass es zum guten Ton gehört, in den USA studiert haben zu müssen. »Wir hassen unser Paradies«, hat eine Schriftstellerin aus Pakistan diese Zerrissenheit einmal beschrieben. In Wirtschaftskraft, Bevölkerungszahl und Lebensart liegt Europa nicht zurück. Wir erheben keine Ansprüche – und bekommen deshalb unseren Platz zugewiesen. Amerika ist heute eine Herausforderung an Europa. Wenn wir weltpolitikfähig würden, wäre vieles entkrampft. Das müsste nicht bedeuten, dass wir mit Truppen jeden Krisenbrand austreten, sondern dass Berlins Politik Nordkoreas Raketen oder Algeriens Islamisten als Problem wahrnehmen müsste. Und zwar als unseres und als ein lösbares, Weltpolitikfähig bedeutet auch, die Fragen ernst zu nehmen, die George W. Bush stellt. Vor allem jene, die er aus Enttäuschung heraus anders stellt, als sein Vater George Bush

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sie noch formuliert hat. Nach dem 9. November 1989, dem Tag des Falls der Berliner Mauer, unter George Bush also, hat es sich abgezeichnet. Nach dem 11. September 2001, als der Terror zuschlug, unter George W. Bush also, ist unübersehbar geworden, welches die zentrale Frage ist. Auch Deutsche stellen sie, Arno Lustiger beispielsweise. Anfang der 40er Jahre überlebte Lustiger Hitlers Konzentrationslager. Am 14. Mai 2003 saß der Frankfurter Schriftsteller im Festsaal von Kloster Bentlage in Rheine. Dort, im katholisch konservativen Münsterland, sprach der deutsch- jüdische Publizist bei einer Podiumsdiskussion über die Lage nach dem Irakkrieg vom »Glück der ganzen Welt«. Er meinte George W. Bushs Feldzug gegen Saddam Hussein. Den Deutschen warf das Diktaturopfer Lustiger Geschichts- vergessenheit vor und bekräftigte seine extreme Minderheitenposition: »Wer wenn nicht wir müssen«, so argumentierte er, »im Kampf gegen Tyrannen an der Seite Amerikas stehen?« Viele im »alten Europa« – hier macht die berühmt-berüchtigte Unterscheidung von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld leider Sinn – sind fest davon überzeugt, dass Europa zivilisierter, besser und gerechter als Amerika sei. Ein hoher französischer Diplomat beispielsweise hat im Vorfeld des Irakkrieges seinen Verbündeten in der »Koalition der Unwilligen« gegen George W. Bush zugerufen: »Wir sind so viel menschlicher!« Bundespräsident Johannes Rau sagte in einer Rede am 19. Mai 2003, es zeuge von »richtigem Gespür«, wenn man die »gemeinsame Haltung der Völker Europas« gegen den Irakkrieg als »Grundstein einer europäischen Nation« betrachte. »Irak« wurde zu einem Codewort für die legitime Kritik an Amerikas Exzessen, verkörpert durch Bush. In der Irak-Debatte wurde wieder einmal ein alter europäischer Verdacht an die Oberfläche gespült: Amerika handelt falsch,

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vereinfacht, überschätzt sich, ist naiv und brutal zugleich. Der alte Bush deutete es an, und der junge Bush belegt es. Es ist Amerika, das gebremst werden muss, es ist Bush, der gestoppt werden sollte, weil sich doch die USA als wahrhaft überlegen und einzigartig sehen. Nicht Europa stellt sich über alles, nicht Europa ist gefährlich, sondern das amerikanische Sendungsbewusstsein in seiner törichten Selbstüberschätzung. Lustiger, die Minderheit, sieht es genau anders herum. Er weiß, dass Amerikas Überlegenheitsgefühl, der Glaube, »simply the best« zu sein, nicht komparatistisch gemeint ist, sondern der Selbstvergewisserung dient. Er weiß, dass es einem Land wie Amerika gelingt, sich unhinterfragt für das beste der Welt zu halten, ohne gleichzeitig jemand anderen gering zu schätzen. Er weiß, dass Amerika seine Einzigartigkeit ohne Trotz und Häme vertritt, wie sie in Europa so populär sind. Er weiß, dass die USA ihre Selbstsicherheit nicht aus einem aggressiven Aufbegehren heraus beziehen. Indessen hegt Lustiger jenen Verdacht, der sich auch immer mehr Amerikanern aufdrängt:

Das traumatisierte Deutschland zieht aus seiner Geschichte die falschen Schlüsse, setzt zur europäischen Identitätsstiftung auf Antiamerikanismus, verheddert sich zwischen seinen Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen einerseits und dem Anspruch, moralischer Lehrmeister zu sein, andererseits. Dafür ist der Irak nur ein Indiz, jahrzehntelange Reformdebatten sind ein weiteres. Wo das historisch traumatisierte Deutschland gelähmt scheint, hat Amerika aus dem Schock des 11. September Kraft geschöpft. Deshalb sieht Amerika die Deutschen als eine Nation, die sich selbst in die Bedeutungslosigkeit manövriert. Es gibt kluge Beobachter in den USA, die die Deutschen als Volk erleben, das bereit scheint, an seinen Widersprüchen unterzugehen, und dies gar noch als Tugend der Macht- und Anspruchslosigkeit preist. Jedenfalls verstellt die einstige Freundschaft über den Atlantik hinweg, die George Bush noch beschwor, nun nicht länger den Blick auf das Trennende. Der

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US-Publizist

Ralph

Peters

begrüßte

in

einem wütenden

Pamphlet

gar

die

»längst

überfällige

Scheidung«

der

transatlantischen Partner. Deutschland muss sich fragen, ob es dieses Wegdriften von Amerika will. Ob es diesen Prozess betreibt und befördert – oder ob es ihn eindämmen und gar umkehren sollte. Zunächst siegte das Befördern. Im Jahr 2003 sah es so aus, als wäre George W. Bush der unfreiwillige Geburtshelfer einer europäischen Nationalidentität. Freilich einer Identität, die sich gegen das Bush-Amerika, seine Arroganz und Militärstärke richtete und das »alte Europa« enger zusammenführen sollte. Bushs Irak- Feldzug war der Katalysator eines breit angelegten Besinnungsdiskurses über Zweck, Wert und Charakter der Alten Welt. In einer Rede auf dem Berliner SPD-Sonderparteitag am 1. Juni 2003 formulierte Gerhard Schröder das Credo des alten Europas: »Ein starkes, und zwar sozial wie innovativ starkes Europa, ein von Sozialdemokraten gestaltetes Europa ist heute notwendiger denn je«, sagte der Bundeskanzler. »Es wird gebraucht, weil wir Europäer – und das vor allem aufgrund unseres einzigartigen europäischen Modells der sozialen Teilhabe, des Interessenausgleichs und der Sozialstaatlichkeit – der ganzen Welt etwas zu bieten haben. Etwas, das gegen die gefährliche Tendenz zu Konfrontation und Unilateralismus eine Alternative der gerechten Entwicklung und des geteilten Wohlstands aufzeigen kann.« Das Feindbild war natürlich Bushs Amerika, das angeblich nicht über diese alteuropäische Kraft zum Ausgleich verfügt, obwohl sein ganzes System auf »checks and balances« aufgebaut ist. Amerika, das ein stabileres Rentensystem und höhere Gesundheitsaufwendungen hat, verfügt angeblich nicht über ein Sozialsystem. Amerikas Außenwirkung kommt einer »gefährlichen Tendenz« gleich. Schröder und – in präsidial zurückhaltenden Andeutungen – auch Rau benutzten Klischees

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vom brutalen Amerika zur kulturellen Aufwertung dessen, was sie Europa nannten, womit allerdings nur die kriegsfeindlichen Kontinentaleuropäer gemeint waren. Friedfertigkeit wurde so zum aktiven Kern der westeuropäischen Seele. Damit wären die Polen, Tschechen, Balten und Bulgaren, deren demokratische Regierungen allesamt Bushs Irak-Kurs unterstützten, aus dem zivilisiertesten aller Weltteile herausdefiniert. In der äußersten Konsequenz beschrieben Schröder und Rau ein Europa, das am ehemaligen Eisernen Vorhang endete – um nicht zu sagen: das die Berliner Mauer geistig neu erstehen ließ. Jene ebenso simple wie brutale Trennlinie, die einzureißen George Bush maßgeblich geholfen hatte. Der SPD-Vordenker aus den Zeiten der Ostpolitik, Egon Bahr, prophezeite in seinem 2003 erschienenen Buch über den »deutschen Weg«:

»Ohne Emanzipation von Amerika, das seiner hegemonialen Mission folgt, ist Deutschland auf dem Weg zur Kolonie.« Gemeint war damit aber nicht nur die Außenpolitik. Dies machten Gernot Erler und Michael Müller, beide stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, in einem Positionspapier Anfang November 2003 deutlich. Hinter der innerdeutschen Reformdebatte stehe etwas viel Größeres, argumentierten Erler und Müller, nämlich die »Systemauseinandersetzung« mit Amerika: ob der neoliberale Kapitalismus nach US-Vorbild oder eine erneuerte soziale Demokratie europäischer Prägung triumphiere. Rau, Schröder, Bahr und viele bundesrepublikanische Intellektuelle im, aber auch weit jenseits des linken Lagers erhielten die Antwort auf ihre Thesen am 17. Juli 2003, als Großbritanniens Premier Tony Blair vor beiden Kammern des amerikanischen Kongresses auftrat. Blair blies zum Großangriff auf die Vorstellung von einem gaullistischen Europa als Korrektiv Amerikas: »Heute gibt es in der internationalen Politik keine gefährlichere Theorie als jene, wir müssten die

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Macht Amerikas durch die Macht rivalisierender Mächte ausgleichen, durch verschiedene Pole, um die sich Nationen scharen. Eine solche Theorie wäre vielleicht im Europa des 19. Jahrhunderts sinnvoll gewesen. Heute ist sie ein Anachronismus, die so wie traditionelle Vorstellungen von Sicherheit entsorgt werden muss. Und sie ist gefährlich, weil wir nicht Rivalität, sondern Partnerschaft brauchen, einen gemeinsamen Willen und ein verbindendes Ziel angesichts einer gemeinsamen Bedrohung.« So viel hat George W. Bushs Amerika mit Europa zu tun. So sehr fordert der US-Präsident zum Widerspruch heraus. So sehr polarisiert er. Der Irak-Streit und das dahinter stehende Postulat, Europa müsse sich gegen Amerika zur Wehr setzen, kam aus US-Sicht der bitteren Erkenntnis gleich, dass der von George Bush 1989 in die Arme geschlossene Bruder aus der Alten Welt sich aus dem amerikanischen Orbit lieber verabschieden möchte. Was Bush 41 herbeigeträumt hatte und wofür er praktische Politik betrieb, die »partners in leadership«, zerrann seinem Sohn. Nie hätten sich Europa und die USA näher sein können als nach dem Fall von Mauer und Kommunismus. Nach dem 11. September 2001 sah es kurzzeitig so aus, als bestünde diese Chance zur Nähe erneut. Doch bald wurde klar, dass sich Amerika und Europa selten fremder gegenüberstanden als unter Bush 43. Realisten in den USA sagen: Nie wurde die Illusion des alten Bush deutlicher widerlegt als unter dem jungen Bush. Teils liegt dies am unterschiedlichen Naturell und Stil beider Bush-Präsidenten. Teils liegt dies indes auch daran, dass Europa nie verstand, inwieweit beider Politik doch derselben Linie folgte, wie sehr also das Ja zum Mauerfall folgerichtig in das eiserne Nein zum Terror und seinen Helfern münden musste. Die Ambivalenz, mit der der Rest der Welt nach Amerika blickt, macht sich des Öfteren an Personen fest. Bill Clinton war den Europäern sympathisch. Der britische Historiker Timothy Garton Ash hat geschrieben, Clinton sei »sagen wir mal: ein

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Ehren-Europäer« gewesen. Dieses Europa verzieh es Amerika nie, dass es sich Ende 2000 erdreistete, »seine« Clinton-Gore- Regierung abzuwählen. Clinton selbst kokettierte manchmal auf riskante Art und Weise mit seinem Status als Europas liebster US-Präsident, etwa wenn er über seinen Nachfolger die sarkastische Bemerkung fallen ließ: »Bush würde auch den Reichstag bombardieren, wenn ihm das Wählerstimmen einbrächte.« George W. Bush hegt keine Pläne, Berlin militärisch anzugreifen. Dass ihm viele Europäer auch das zutrauen würden, mag indes eine korrekte Annahme Clintons sein. George W. Bush schlagen in Westeuropa Ablehnung, Verachtung, ja Hass entgegen. In ihm sehen viele all das, was sie an den USA ablehnen. Schon dem älteren Bush standen die meisten Westeuropäer reserviert gegenüber, trotz all seiner Verdienste um die deutsche Einheit: War er doch der Erbe des gering geschätzten Ronald Reagan und zugleich jener, der 1991 den ersten Aufstand der Bettlaken wegen des Kriegs der USA gegen Saddam Hussein erzwang.

Es wird daher wenige Leser geben, die dieses Buch ohne Vorbehalte zur Hand nehmen. Allerdings ist es nicht der vorrangige Sinn und Zweck dieses Bandes, diese Vorbehalte zu zerstreuen. Wohl aber soll hier Verständnis für Zusammenhänge geweckt werden, die sich Deutschen auf den ersten Blick vielleicht nicht erschließen. Auch dann, wenn Amerika auf eine für uns unverständlichen Art und Weise handelt, gibt es Motive, Gründe, Antriebe. Versuchen wir zu ergründen, ob die Familie Bush mehr hervorgebracht hat als »schießwütige Cowboys«, wie Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis einmal meinte. Bemühen wir uns, zu verstehen, was eine Politik antreibt, die viel mit Öldollars, Todesstrafe, Abtreibungs- gegnerschaft und dem sturen Verteidigen des Rechts auf Waffenbesitz zu tun hat. Vielleicht ist das ja nicht alles. Vielleicht wird sich ja zeigen, dass die Bushs selbst das

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Ergebnis höchst unterschiedlicher und widersprüchlicher amerikanischer Traditionen sind. Vielleicht wird es ja eine spannende Reise ins Herz der amerikanischen Macht. Und hinein in eine Familie, die die Spielregeln Amerikas meisterhaft beherrscht. So, wie vor ihr nur die Kennedys. Dieses Buch mischt Anekdotisches und Analytisches, denn es geht davon aus, dass sowohl Personen als auch Strukturen im Zentrum stehen müssen, wenn die Geschichte einer einflussreichen Familie erzählt werden soll. Die zentralen Akteure der Bush-Saga sind drei Personen: Vater George, Mutter Barbara und ihr Sohn George W. Dessen Bruder Jeb, der Gouverneur von Florida, spielt eine der wichtigeren Nebenrollen. Die jüngere Bush-Präsidentengattin, Laura, nimmt keine prominente Rolle ein. Vor allem, weil ihr fehlt, was für die drei Hauptpersonen gilt: Sie hat keine Autobiografie geschrieben. Daher fehlen viele persönliche Einblicke in ihr Denken – Einblicke, die beispielsweise Barbara Bush gestattet hat. Hinter den Mitgliedern der Familie Bush steckt indes ein entscheidendes Stück amerikanischer Nachkriegsgeschichte. Wie die Aristokratie Neuenglands versuchte, sich neuen Räumen und neuen Lebenskonzepten zu öffnen, auch materiell Eigenständigkeit zu erstreiten, wie die gesellschaftlichen Umwälzungen der späten 60er und 70er Jahre nahezu spurlos an George Bush vorbeigingen, die liberalen Impulse seiner Frau verstärkten und den Sohn zutiefst verunsicherten, wie aus der Auseinandersetzung mit Ronald Reagans Amerika der 80er für den Vater ein Job im Weißen Haus und für den Sohn ein neues Weltbild erwuchs: Dies sind Wechselwirkungen zwischen National- und Familiengeschichte, deren Folgen heute die tagesaktuelle Weltpolitik mit prägen und damit auch die transatlantische Debatte und das deutsche Bild von Amerika. So ist dies eben kein amerikanisches, sondern ein deutsches Buch über die Bushs. Deutsch ist nicht nur der Autor,

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Deutschland ist auch die Kontrastfolie, die zur Beschreibung vieler transatlantischer Probleme und Wahrnehmungen herangezogen wird. Deutsch sind die Vorbehalte gegen die USA im Allgemeinen, gegen amerikanische Republikaner im Besonderen und gegen die Bushs ganz speziell. Die Auseinandersetzung mit ihnen will kritisch sein – nicht aus Gegnerschaft, sondern um einer realistischen Einschätzung willen. Realismus ist auch die Leitschnur für den Blick auf das Leben und das Werk der Bushs. Dabei steht nicht die Finanz- oder Gesundheitspolitik der beiden Präsidenten Bush im Zentrum, sondern ihre Außenpolitik mit ihren vielschichtigen Antrieben. Denn sie macht die Bushs für uns bedeutsam. Außenpolitik bedeutet hier allerdings nicht, sich vorrangig um die Ergebnisse der einen oder anderen NATO-Besprechung zu kümmern. Vielmehr geht es um die gedanklichen Grundlagen und die konzeptionelle Ausrichtung, also um die kulturelle Prägung der Leitlinien für außenpolitisches Handeln. Ein weiterer Schwerpunkt sind die geschäftlichen Aktivitäten und Verflechtungen der Bushs. Die Richtschnur namens Realismus heißt hier dreierlei: erstens ungeschminkt die Enge jenes Beziehungsgeflechts zu beschreiben, das zwischen Ölfirmen und den Bushs ohne jeden Zweifel besteht. Und obschon es durchaus bedenkliche Abhängigkeiten zu nennen gibt, finden hier verschwörungstheoretische Ansätze, wonach die Bushs nur die Marionetten der Energieindustrie sind, keinen Raum. Zweitens ist zu beleuchten, inwieweit ein solches Netz eine Anomalie oder vielmehr typisch für Amerika ist, inwieweit die US-Gesellschaft also generell die Nähe von Unternehmern und Politikern, von Wirtschaftslobbys und politischer Macht kennt, befördert oder gar braucht. Drittens wird zu prüfen sein, ob das System namens USA jenseits all seines Idealismus gerade in den Bushs deutlich macht, dass es darauf angelegt ist, marktwirtschaftlichen Interessen zu dienen – nicht aber ihnen im Wege zu stehen. Die deutsche Vorstellung vom Staat, der gegen

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das freie Spiel der pekuniären Kräfte ein Ideal von »sozialer Gerechtigkeit« durchzusetzen versucht, deckt sich eben nicht mit amerikanischen Traditionen. Dies bedeutet nicht, dass die Politik in den USA sich als Selbstbedienungsladen für die Wirtschaft versteht. Es bedeutet aber sehr wohl, dass gerade die Bushs und gerade Texas für eine Ordnungspolitik stehen, in der wenig Platz ist für eine Regierung, die sich als Hemmnis der Wirtschaft oder als Korrektiv zum Markt versteht. Der ältere Bush hatte in Europa kaum eine Chance, zum Sympathieträger zu werden, weil der Schatten Ronald Reagans zu lang war. Der jüngere Bush hatte in Europa nie eine Chance. In einer Anhörung vor dem US-Kongress über den Stand des transatlantischen Verhältnisses am 17. Juni 2003 sagte der ehemalige polnische Vizeverteidigungsminister Radek Sikorski:

»Die Europäer lehnten Präsident Bush ab, noch ehe er eine einzige wichtige Entscheidung in der Außenpolitik traf.« Bush wurde zur Projektionsfläche für einen Widerwillen, der sich auf Amerika insgesamt bezog. Auf ein Amerika, das so gar nicht sein wollte. Das sich selbst ganz anders sah. Das Projekt der Familie Bush war es indes nie, Europa zu gefallen. Sondern einem Amerika, das sich rasant wandelte. Dieser Wandel wiederum, die Summe der zahlreichen Verschiebungen in Amerikas Gesellschaft während des zurückliegenden halben Jahrhunderts, nötigte den Bushs ein Maß an Anpassung ab, das einmalig ist. Dies war der Preis, den die Bushs mit Freuden zu zahlen bereit waren, um an der Macht zu bleiben – in stets neuem Gewand. Hierin liegt das Spannende an einer Reise hinein ins Allerheiligste einer einmaligen Familie. Denn selten ist es schwerer, zu entscheiden, wer nun wen mehr geprägt hat:

das Land seine Mächtigen oder die Mächtigen ihre Welt.

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I.

DIE HEIMAT

1. Geld, Ruhm und ein Schädel

Wie bei vielen Familien liegt auch viel Frühes aus der Historie der Bushs im Dunkeln. Aus dem Nebel jener Jahre ragen anekdotische Bruchstücke hervor. Bereits dort sind zwei Stränge sichtbar, welche die Bush-Familie über Generationen prägen sollten. Da war zum einen die erfolgreiche wirtschaftliche Betätigung als Unternehmer und Investor. Und da war zweitens die Auseinandersetzung mit Politik, Gewalt und Krieg. Die ersten Episoden aus den Familienannalen, die sich mit Geld und Kriegsruhm beschäftigen, sind allerdings alles andere als Ruhmesblätter. Alles begann mit peinlichen Stolpereien, mit unvorsichtigen Tritten mitten in Fettnäpfe hinein. Der Ahnherr der Familie ist der Pfarrer James Smith Bush, der von 1825 bis 1889 lebte. Doch erst sein Sohn Samuel Bush (1863-1948), der Urgroßvater von George W. Bush, sollte die Familie aus dem Religiösen ins Ökonomische führen und so den Aufstieg der Familie einleiten. Da sie nicht der alten Oligarchie der USA entstammte, brauchte sie Unterstützung. Diese boten einerseits die freundschaftlichen Bande zu einflussreichen Familien wie den Rockefellers und den Harrimans, Besitzer der größten Investmentbank der damaligen Welt, und andererseits die sozialen Kontakte, die sich aus den Verbindungen der Studienzeit ergaben. Die ehemaligen Absolventen amerikanischer Hochschulen bleiben sich in Alumni- Netzwerken gegenseitig eng verbunden; auch die Verpflichtung zur Unterstützung ihrer Alma Mater besteht ein Leben lang. Bei den Bushs war es die elitäre Yale-Universität in Connecticut knapp nördlich von New York City, der die Familie verpflichtet war. Doch Yale bot nicht nur Bildung der Spitzenklasse. Eine hohe Ehre war es für die Studenten auch, in einen der

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sagenumwobenen Geheimbünde aufgenommen zu werden. Der wichtigste dieser Clubs hieß »Skull and Bones« (»Schädel und Gebeine«) und kokettierte nicht nur in seinem Namen mit dem gruseligen Charme der Piraterie. Das Geflecht aus familiären Kontakten, Alumni-Vereinen und Geheimbünden hatte einen Zweck. Es sollte jedem Mitglied optimale Aufstiegschancen garantieren. Es waren folglich wirtschaftliche, nicht politische Aktivitäten, die den Bushs den Weg ebneten. Ein entscheidender Kontakt in diesem sozialen Netz, der jahrzehntelang halten sollte, wurde 1913 geknüpft. In diesem Jahr begann Prescott Bush, der 1895 geborene Sohn Samuel Bushs, sein Studium in Yale. Darauf war er standesgemäß in den fünf davor liegenden Jahren an der St. George’s Episcopal Preparatory School im neuenglischen Zwergstaat Rhode Island gleich neben Connecticut vorbereitet worden. In Yale traf Prescott Bush nun auf einen anderen Erstsemester namens E. Roland (»Bunny«) Harriman. Dessen älterer Bruder Averell Harriman hatte gerade sein Yale-Examen gemacht und sollte Bankier, US-Botschafter in Moskau, nach dem Zweiten Weltkrieg Botschafter für Europa, Gouverneur des Bundesstaates New York und als Präsidentenberater eine der treibenden Kräfte hinter dem Vietnamkrieg werden. 1916 wurden »Bunny« Harriman und Prescott Bush in den elitärsten Geheimbund der Yale-Examenskandidaten aufgenommen, eben in die morbide Organisation der Blutsbrüderschaft »Skull and Bones«. In Europa tobte gerade der Erste Weltkrieg. Während Samuel Bush in der amerikanischen Rüstungsindustrie arbeitete, diente sein Sohn Prescott »so um die zehn oder elf Wochen«, wie er später einmal sagte, in Europa. Bis zu 79 Prozent einzelner Waffen, die die US-Armee im Ersten Weltkrieg einsetzte, stammten von Firmen, die Samuel Bush vertrat. Prescott sollte dem schnöden Mammon, bislang einziger Gefährte und sichtbarstes Symbol des Bushschen Familienaufstiegs, etwas

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Ehrenvolleres hinzufügen – wenn auch nur für kurze Zeit:

Kriegsruhm. Am 8. August 1918 fand sich ein Artikel in der Heimatzeitung der Bushs, der Sensationelles verkündete. »Für außergewöhnliche Tapferkeit während der akuten Gefährdung führender alliierter Kommandeure erhält Ortsansässiger französischen, englischen und amerikanischen Orden«, hieß es in der Unterzeile des Berichts. Prescott Bush habe »eine internationale Würdigung, vielleicht ohne Vorbild im Leben eines amerikanischen Soldaten«, erhalten. Sowohl das »Kreuz der Ehrenlegion« als auch das »Victoria-Kreuz« und das »Distinguished Service Cross« seien Bush verliehen worden, weil er eine heranfliegende deutsche Mörsergranate mit seinem aufgepflanzten Bajonett in der Luft zwar nicht aufgespießt, aber so umgeleitet habe, dass sie die beiden Generäle, denen er gerade das US-Lager zeigte, nicht gefährden konnte. Innerhalb von 24 Stunden hätten die Generäle seine Auszeichnung veranlasst. Doch die Familie konnte sich nur vier Wochen lang an dem Ruhm des damals 23-Jährigen erfreuen. Dann erschien auf der Titelseite derselben Zeitung in Columbus, Ohio, die folgende Nachricht: »Ein Telegramm meines Sohnes Prescott Bush informiert uns, dass er nicht wie hier vor einem Monat berichtet ausgezeichnet wurde. Er ist in allerhöchster Besorgnis, dass ein Brief, der als Spaß geschrieben worden ist, wohl missinterpretiert worden sein könnte. Er teilt mit, dass er kein Held ist, und bittet mich, dies zu erklären.« Unterschrieben war der kleine Kasten mit »Flora Sheldon Bush. Columbus, Sept. 5.« Der erste Versuch der Bushs, mit Kriegsruhm in Verbindung gebracht zu werden, war gründlich danebengegangen. Spott begleitete die Familie seither. Prescotts Enkel George W. sollte der Nächste sein, über dessen militärische Karriere Beobachter sich gerne mokierten. 1918 ist auch das Jahr, auf das eine weitere Skurrilität der

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Bush-Saga datiert wird, die jedoch erst zur Jahreswende 1999/2000 an die Öffentlichkeit kam. Stammesführer der Apachen im US-Bundesstaat Arizona debattierten damals, ob sie die sterblichen Überreste ihres einstigen Häuptlings Geronimo, der einer der letzten indianischen Widerstandskämpfer gegen die Landnahme durch den weißen Mann war, exhumieren und Geronimo dann würdig auf Stammesland begraben sollten. Ein Brief flatterte den Stammesältesten auf den Tisch, der sie davon unterrichtete, dass der Schädel Geronimos ohnedies nicht in jenem Grab zu finden sein würde, das alle Welt für Geronimos hielt. Der Kopf des Kriegshäuptlings, so stand in dem Schreiben, befinde sich im fernen Connecticut, im Städtchen New Haven. Genauer: in der Universität Yale, im Haus der dort ansässigen Geheimorganisation »Skull and Bones« – als Ehrenschädel. Dem Brief lagen zwei Fotos bei, von denen eines einen menschlichen Schädel zeigte, und das andere den lebenden Geronimo. Die Apachen bohrten nach und gelangten schließlich in den Besitz eines Dokuments von 1933, das wie ein Auszug aus der geheimen Geschichte des Yale-Bundes wirkte. Hier stand nun, dass sich Prescott Bush 1918 mit zwei weiteren Geheimbündlern Zugang zum Friedhof von Fort Sill verschafft und das Grab Geronimos geöffnet habe. Der Schädel war offenbar entfernt und nach New Haven entführt worden. Bekannt ist, dass »Skull and Bones«-Mitglieder für streng geheime Rituale Totenschädel verwenden, sich selbst als Skelette verkleiden und auch mal Vampire oder den Papst spielen. 1988, 70 Jahre nach der vermutlichen Geronimo-Entführung, machten sich drei Stammesälteste der Apachen gemeinsam mit ihrem Anwalt auf nach New York. Dort kam es zu drei Begegnungen mit Geheimbündlern, deren Anwalt und Jonathan Bush, Bruder des damaligen Vizepräsidenten der USA, George Bush. »Wir haben einen Schädel, den wir Geronimo nennen«,

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hätten die Geheimbündler ihnen gesagt, so einer der Apachen. Und dann kam es tatsächlich zu einer Schädelübergabe. Nur handelte es sich offenbar um den Kopf eines Kindes, und die Apachen lehnten dankend ab. Hier endet diese Episode. Beide Parteien kamen nie überein, die Sache zu klären, und ob in Geronimos Grab etwas fehlt, ist bis heute ungeklärt.

Die angebliche Heldentat im Ersten Weltkrieg und die Geronimo-Affäre waren für Prescott Bush letztlich nur peinliche Zeitungsmeldungen im Vergleich zu dem Beitrag, der im Juli 1942 die Titelseite der New York Herald Tribune zierte. In diesem Sommer litt Prescott Bush nicht nur unter der schwülen Hitze an der amerikanischen Ostküste. Plötzlich stand seine Karriere vor dem Ruin, sein Ruf war gefährdet, alle politischen Ambitionen standen auf dem Spiel. Unter der Schlagzeile »Hitlers Engel hat drei Millionen in US-Bank« deckte die Zeitung die Zusammenarbeit der Union Banking Corporation mit dem NS-Regime in Deutschland auf. Bush war einer der sieben Direktoren der Bank – und jener »Engel«, der die Nazis mitfinanziert hatte. Prescott Bushs Schwiegervater George Herbert Walker, 1875 geboren, war Anfang der 20er Jahre ein gemachter Mann. Für den geschäftlichen Erfolg brachte er außergewöhnliche physische Voraussetzungen mit. Walker war in seiner Jugend Schwergewichtsboxer – ein meistens siegreicher zudem. Er ging gern auf die Jagd, spielte Golf, trank viel Scotch und verprügelte seine Söhne. Eines seiner Enkelkinder würde ihn einst als »harten alten Bastard« charakterisieren. Walkers Heimat war am Mississippi, im US-Bundesstaat Missouri. Er besaß aber auch eines der luxuriösesten Appartements in Manhattan und mehrere Häuser an der nördlichen US-Ostküste. Walker leitete eine Geschäftsbank in New York City namens W.A. Harriman & Company. 1922 reiste deren Eigentümer Averell Harriman, der ältere Bruder von Prescott Bushs Yale-

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Kumpan, nach Berlin, wo er eine Filiale seiner Bank gründete. Dort traf er Fritz Thyssen, der für Deutschlands ökonomische und politische Zukunft schwarz sah und dringend nach einem Standbein in den USA suchte. In Rotterdam hatten die Thyssens kurz zuvor eine holländische Handelsbank gekauft, und deren Direktor wurde nun nach New York geschickt, um mit Walker, dem Chef für das operative Geschäft, und Harriman zu reden. Das Ergebnis der Verhandlungen bestand in der Gründung der Union Banking Corporation (UBC), die im selben Gebäude residierte wie die Harriman-Bank: 39 Broadway. Während der nächsten Jahre verkauften Walker und Harriman deutsche Staatsanleihen im Wert von über 50 Millionen Dollar an US-Investoren. 1926 holte Walker seinen Schwiegersohn Prescott Bush als Vizepräsident zu UBC, und dieser wiederum stellte mehrere seiner Kommilitonen aus der Yale- Abschlussklasse von 1917 an. Der Fokus der Arbeit Bushs lag auf zwei Stahlwerken in Schlesien. Währenddessen finanzierte Thyssen über seine holländische Bank den Erwerb von Immobilien durch Adolf Hitler. Hitler und Thyssen wurden Freunde. Eine der beiden schlesischen Stahlfabriken, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Auschwitz gelegen, wurde von Thyssen und Flick an UBC verkauft. Bush, inzwischen Generaldirektor der Bank, überführte das Werk in die Silesian American Corporation. Sechs Tage nach dem Überfall auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 unterschrieb US-Präsident Roosevelt den »Trading With the Enemy Act«, der Geschäftsbeziehungen zu NS-Deutschland unter Strafe stellte. Prescott Bush schaffte es, noch fast ein ganzes Jahr lang das Stahlwerk neben dem KZ Auschwitz weiterzuführen, als sei nichts gewesen – die meisten Beschäftigten waren längst Zwangsarbeiter aus Kriegs- gefangenen- und Konzentrationslagern. Im Oktober und November 1942 platzte den US-Behörden schließlich der Kragen. UBC und Silesian American Corporation wurden

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direkter Regierungskontrolle unterstellt; alle Geschäfte mit Deutschland waren nun nicht mehr nur untersagt, sondern effektiv unterbunden. Erst 1951, nach dem Tod Thyssens, gaben die US-Behörden UBC an Harriman zurück, und alle Eigentümer ließen sich ihren Anteil versilbern. Prescott Bush erhielt 1,5 Millionen Dollar. Mit diesem Geld finanzierte er den Start seiner eigenen politischen Karriere und den Aufbau des ersten Unternehmens seines Sohnes George, der Ölfirma Overbey Development Company. Als George Bush 1980 nach seiner Wahl zum Vizepräsidenten das Familienvermögen – inklusive des Erbes seines Vaters – in Treuhandverwaltung übergab, suchte er sich als Treuhänder seinen Jagdfreund William Farish III. aus, einen der reichsten Männer in Texas. Dessen Großvater wiederum hatte die Zusammenarbeit zwischen Standard Oil und dem deutschen Chemie-Riesen IG Farben geleitet. Der spätere Präsident Harry Truman, damals noch Senator, hatte den älteren Farish in aller Öffentlichkeit als jemanden bezeichnet, dessen Geschäftsgebaren an »Landesverrat« heranreiche. Im Vergleich zu Farish nahmen sich die Sünden Prescott Bushs jedenfalls gering aus. Jüdische Organisationen in den USA fordern bis heute, die Bush-Familie solle 1,5 Millionen Dollar an einen Entschädigungsfonds oder an Holocaust-Gedenkstätten geben. Denn Prescott Bush habe in Amerika jenes Geld beschafft, das Thyssen dann Hitler zum Aufbau seiner NSDAP-Strukturen übergeben habe. Und während des Krieges seien mit Bushs Hilfe Zwangsarbeiter ausgebeutet und jene Waffen geschmiedet worden, die später alliierte Soldaten töteten. Periodisch tauchen diese Vorwürfe und Forderungen in den USA auf. In den 40er Jahren allerdings schaffte es Prescott Bush, das Blatt zu wenden. Weder die Presse noch seine politischen Gegner benutzten die UBC-Geschichte später während seiner Wahlkämpfe. Dies lag vor allem daran, dass Bush es geschafft hatte, sich ein neues Image aufzubauen. Er

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hatte just zum Zeitpunkt des Bekanntwerdens der UBC- Verwicklungen ehrenamtlich den Vorsitz der United Service Organization übernommen: Kreuz und quer reiste er durch die USA und trieb Millionen Dollar an Spendengeldern ein, die der Stärkung der Moral der US-Truppen zugute kamen. Prescott Bush war dadurch erstmals in seinem Leben eine Person von landesweiter Bedeutung geworden. Dass er kurz zuvor – wie Tausende andere Amerikaner auch – ein kleines Rädchen in jener Maschine gewesen war, die die Finanzierung des Hitler- Regimes indirekt unterstützt hatte, war dagegen nie landesweiter Gesprächsstoff geworden.

Der jüngere Farish diente George W. Bush später als Botschafter in London. Es war kein diplomatischer Routineeinsatz. Im Vorfeld des Irak-Krieges war Farish einer der Emissäre in heikler Mission, die von Bush mehrfach auf höchst delikate Visiten beim Kriegsgegner Frankreich geschickt wurden. Beide, Farish und Bush, telefonierten damals fast täglich. Aus der alten Familienfreundschaft war eine Zusammenarbeit auf höchster politischer Ebene geworden. Solche Familienbande sind zentral für das Funktionieren Amerikas. Dies mag zunächst erstaunen, gelten die USA doch als Paradies des Egalitären, als Schmelztiegel für Fremde aus aller Welt, als die Gesellschaft, die den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär ermöglicht, dem Einzelnen also ohne Vorbehalte und Standesdünkel begegnet. Seit es Amerika gibt, ist dieser Blick auf die US-Gesellschaft ein durchgängiges Motiv. Seinen berühmtesten Ausdruck fand es in den Kommentaren des französischen Amerika-Reisenden Charles Alexis de Tocqueville in der Konsolidierungsphase der Republik Anfang des 19. Jahrhunderts. Tocqueville warnte vor der »Tyrannei der Masse«: Amerikas Demokratie werde einen Totalitarismus der Zahl hervorbringen, eine Gleichmacherei des Geschmacks, eine Verwechselbarkeit der Oberfläche. Diese

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Beschreibung ist bis heute gültig für die immer gleichen Strip Mails, Designer Outlets, Fast-Food- und Entertainment-Ketten, die die Physiognomie Amerikas bestimmen. So alt wie diese Kulturkritik an der Uniformität Amerikas ist die Gegenthese. Sie sieht nicht die Masse der Gleichen, sie sieht dahinter mit ideologiekritischem Impetus die Aristokratie der Wenigen. Das Streben nach Glück, jener in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung garantierte Schutz des »pursuit of happieness«, sei nur eine Fassade, die der Oligarchie den Machterhalt umso einfacher mache. Denn die Vererbung von Privilegien fällt dann nicht besonders schwer, wenn es vererbbare Privilegien offiziell gar nicht gibt. Dieser Teil Amerikas legt viel Wert darauf, in Eliteschulen und Country- Clubs, in diesem angesehenen Rotary-Club oder in jenem »social register«, auf Hochzeitsseiten der maßgeblichen Blätter und nach dem Examen im richtigen Alumni-Club seinen Anspruch anzumelden, also überall dort, wo die Zugehörigkeit zur Spitze der Gesellschaft definiert wird. Amerika ist hierarchischer und eher statusbetont als Deutschland. Ausnahmen bestätigen die Regel. Bill Clinton kam, anders als seine Frau Hillary, von ganz, ganz unten – wie in Deutschland Gerhard Schröder. Doch die übrigen politischen Führungsfiguren kommen in der Bundesrepublik eher aus der breiten Mitte der Gesellschaft, wie Helmut Kohl oder Helmut Schmidt, während sie in den USA öfter aus der Spitze der Gesellschaft stammen. Zeitgleich zum Aufstieg der Bushs vollzog sich auch der Aufstieg der Kennedys. Finanziell waren sie noch erfolgreicher, aber sozial hatten sie als irische Katholiken aus Bostons Hafenschenken ungleich höhere Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Denn Geld allein reichte in dieser Aristokratie nicht, wichtiger war die richtige Abstammung. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, der die amerikanische Gesellschaft von vielen Reisen und Begegnungen her bestens kennt, hat

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einmal prägnant zusammengefasst, um was für eine Art von Zugehörigkeit sowohl die Bushs als auch die Kennedys in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts rangen: »Im Grunde wird Amerika von 200 Familien beherrscht, die entscheidende Verantwortung tragen.« Dorthin, in die Stratosphäre amerikanischer Macht, wollten sich die Bushs katapultieren. Es gelang. Die Privatschule Andover, die Universitäten Yale oder Harvard, »Skull and Bones«: Sie alle sind ein Beleg für die Zugehörigkeit zu Amerikas Aristokratie. Heute gilt dies für die Universitäten noch immer, wenn auch unter völlig anderen Vorzeichen. In den späten 60er und 70er Jahren hatten sich die Universitäten umgestellt: Sie wurden von Institutionen zur Wahrung der Aristokratie zu Einrichtungen der Meritokratie, der Leistungselite unabhängig von der sozialen Herkunft. Statt Abstammung zählten nur noch Noten, um den Aufnahme- bescheid zu erhalten. Dieser Wandel begann, nachdem die Bushs und Kennedys Yale und Harvard bereits durchlaufen hatten. Zu ihrer Zeit galt noch, dass dem Sohn eines Absolventen die Aufnahme praktisch garantiert war. So zog die US-Gesellschaft ihre republikanischen Dynastien heran – nicht so viel anders, als dies auch in Großbritannien, in Frankreich, Spanien oder Italien geschieht.

Jeder Aspekt der Lebensführung sollte signalisieren, wo man sozial stand. Auch der Urlaubsort einer Patrizierfamilie wollte wohl bedacht sein. Die Bushs entspannten sich seit den 30er Jahren in Florida. Averell Harriman, der befreundete Bankier, hatte 1931 eine Insel, die der Küste vorgelagert war, umgestaltet, ausgebaut und in einen Rückzugsraum für die wirklich Wichtigen verwandelt. Die Insel, nördlich von Palm Beach gelegen, heißt Jupiter Island. Sie ist 800 Meter schmal und 15 Kilometer lang. Der Grundbesitz wurde nur an streng ausgewählte Personen verkauft, und die Sicherheits- vorkehrungen waren scharf: Jeder Angestellte musste seine Fingerabdrücke speichern lassen. Den Augen der Öffentlichkeit

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entzog man sich auf Jupiter Island gern. Bis heute ist es nicht erwünscht, dass Journalisten die einzige Brücke nach Jupiter Island überqueren. Denn dort erholen sich Industriellenfamilien wie die Mercks und die Mallons und wollen lieber ungestört bleiben.

und die Mallons und wollen lieber ungestört bleiben. Die frühe Bush-Dynastie in drei Generationen: der

Die frühe Bush-Dynastie in drei Generationen: der republikanische US- Senator Prescott Bush (Mitte) im Kreis seiner Familie. Der spätere 41. US- Präsident George Bush steht in der hinteren Reihe links mit Sohn George W. Davor sitzt Georges Ehefrau Barbara mit Sohn Neil auf dem Schoß, davor steht in kurzen Hosen der spätere Gouverneur von Florida, Jeb Bush.

Ihre Nachbarn, die Harrimans und die Bushs, sprachen indes längst nicht mehr nur über Geld. Nach dem Zweiten Weltkrieg war klar, dass im Zeichen des Kalten Krieges künftig die Wirtschaft der politischen Großwetterlage untergeordnet sein würde. Nicht das freie Spiel der ökonomischen Kräfte, sondern die Systemauseinandersetzung mit dem kommunistischen Block

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sollte bestimmend sein. Für Familien, die Einfluss haben wollten, bedeutete dies, dass beispielsweise Geheimdienste, Energielieferanten und Rüstungsindustrien künftig einen nie gekannten Stellenwert haben würden. Dies waren Überlegungen, die auch den jungen George Bush beschäftigten. Denn es waren die Themen, die sein Umfeld diskutierte.

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2. Poppy und Bar

Vater Prescott Bush gab damals als Beruf noch Bankier an. Doch die Kontakte aus der New Yorker Finanzwelt und der exklusiven Atmosphäre von Jupiter Island hatten längst den Weg in die Politik geebnet. Kleinere Parteiämter auf Landesebene hatte Prescott Bush bereits innegehabt. Jetzt sollte es das Oberhaus in Washington sein, der Senat. 1950 scheiterte ein erster Anlauf knapp. 1952 gewann Bush dann eine »byelection«, eine Zwischenwahl, die nötig geworden war, weil der alte Senator während seiner Amtszeit starb. Die vorgeschaltete innerparteiliche Vorwahl hatte Bush vor allem dank seiner Yale-Freunde gewonnen. Die hatten bei der entscheidenden Abstimmung – offene Vorwahlen für alle Wähler wie heute gab es damals noch nicht – fast die Hälfte des stimmberechtigten Publikums gestellt. 1956 wurde Prescott Bush in seinem Amt für eine reguläre, sechsjährige Amtszeit bestätigt. 1961 kündigte er an, auf eine erneute Wiederwahl verzichten zu wollen. Prescott Bush vertrat in der US-Bundeshauptstadt seine Heimat Connecticut und kümmerte sich, ohne groß aufzufallen, vorrangig um finanz- und wirtschaftspolitische Themen, aber auch um Maßnahmen zum Flutschutz, zur Stadterneuerung und zur Drosselung des Kostenanstiegs bei öffentlichen Ausschreibungen. Als ideologisch gemäßigter, wirtschaftsnaher Politiker ohne Faible für scharfe Kontroversen über »Kulturthemen« wie Moral und Religion stand Prescott Bush für eben jenen Typus des Republikaners, der heute kaum noch im allgemeinen Bewusstsein ist: großbürgerlich liberal, philantropisch weltoffen, aristokratisch konservativ. Ein gemessenes, kühles Auftreten war ihm stets mindestens so wichtig wie ein Erfolg in Sachfragen. Es gab allerdings auch

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eine Schattenseite dieses neuenglisch großbürgerlichen Typus des Republikaners. Die Toleranz hörte in Religionsfragen rasch auf. In der Welt des Prescott Bush war man auf Katholiken nicht gut zu sprechen. »Papst-Hörige« galten als zutiefst unamerikanisch. Und ein mehr oder weniger latenter Antisemitismus war in solchen Kreisen allgegenwärtig. In diese ebenso vermögende wie einflussreiche Politiker- und Unternehmerfamilie wurde George Bush am 12. Juni 1924 hineingeboren. Er wuchs in den noblen Vororten gleich nördlich von New York City auf. Die meiste Zeit über lebte die Familie in einem prächtigen Anwesen an der Grove Lane im Stadtteil Deer Park der Gemeinde Greenwich. Das elterliche Heim teilte sich der kleine George mit seinem älteren Bruder Prescott jun. und seinen jüngeren Geschwistern Nancy und Jonathan. Als Nachzügler kam 1938 ein fünftes Kind hinzu, William, der zeitlebens »Bucky« genannt wurde. Für die Alltagsarbeit standen den Bushs vier Angestellte zur Verfügung, eine Köchin, ein Fahrer, ein Kindermädchen und eine Frau, die für das Putzen und das Bedienen zuständig war. Der spätere Präsident sollte sich im Nachhinein vor allem an das Spielen auf der ausladenden Veranda erinnern. Dabei war eine Bushsche Kindheit kein Spiel. Zucht und Ordnung waren ebenso zentrale Werte in der Erziehung der Kinder wie ihren Wissensdurst anzuregen und die Leistungsbereitschaft und Konkurrenzfähigkeit des Nachwuchses zu stärken. Das Eliteinternat von Andover war für ihn als die richtige Vorbereitung auf das College ausgewählt worden. Dort errang George Bush nicht weniger als 25 Posten, Auszeichnungen und Ehrenämter. So war er der Kapitän der Fußball- ebenso wie der Baseballmannschaft. Am wichtigsten allerdings war die Zugehörigkeit zu dem Geheimbund AUV (»Auctoritas, Unitas, Veritas« – »Autorität, Einheit, Wahrheit«), dessen prominentestes Mitglied ein junger Rockefeller war. George Bush, ein mäßiger bis guter Schüler und ein guter bis sehr guter

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Sportler, gliederte sich ein und entsprach dem Leistungs- und Fortschrittsdenken seiner Eltern. Seine spätere Frau Barbara entstammte ähnlichen Verhältnissen. Sie wurde 1925 in New York City als drittes von vier Kindern von Marvin und Pauline Pierce geboren. Ihr Vater arbeitete für den McCall-Konzern, dessen Vorstandschef er 1946 wurde. Den Pendelzug aus dem Vorort Rye hinein nach Manhattan teilte sich Marvin Pierce mit Prescott Bush. Familie Pierce wohnte im Ortsteil Indian Village, wo man seine Nachbarn, deren Haustiere und Sorgen gut kannte. Andernorts waren die Häuser zwar noch ein wenig größer und die Bankkonten praller gefüllt, aber notleidend war die Familie des Absolventen des berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) Marvin Pierce nicht, auch wenn Tochter Barbara im Rückblick bekannte: »Wir hatten nur ein Auto.« Gewichtiger war wohl ein anderes ökonomisches Problem:

»Meine Mutter gab stets mehr Geld aus, als mein Vater verdiente.« In dieser Hinsicht sollte sie dem sparsameren Elternteil, dem Vater, nachfolgen. Daheim ging es zwar behütet, aber sittsam und streng zu. Über die Erziehungsmethoden im Wandel der Generationen hat Barbara Bush auf ihre unverblümte Weise gesagt: »Meine Mutter schlug uns recht hart, entweder mit der Rückseite ihrer Haarbürste oder mit einem hölzernen Kleiderbügel. Ich schlug auch meine eigenen Kinder, aber nicht so hart, wie es meine Mutter tat.« Im Elternhaus der Barbara Bush wurde viel gelesen. Die Encyclopaedia Britannica stand zur Stillung jeden Wissensdurstes bereit. Die Mutter brauchte nicht selbst zu kochen, dafür gab es Hausangestellte. Damit hatte sich die Familie wieder einen Status erarbeitet, der eine Generation zuvor verloren gegangen war. Barbaras Großvater, Scott Pierce, stammte aus Pennsylvania, wo die Familie erheblichen Grundbesitz besessen und zahlreiche Kirchen gestiftet hatte. In

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den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts war Scott Pierce verarmt. Als Versicherungsvertreter in Dayton, Ohio, schlug er sich mehr schlecht als recht durch. Barbaras Mutter war eines von vier Kindern des Rechtsanwalts James Robinson in Ohio, der es bis zu einem Sitz am Obersten Gerichtshof des Bundesstaates brachte. Nach seinem Tod entwickelte sich seine Witwe zu Barbara Bushs heimlich bewunderter Lieblingsoma: Sie machte den Führerschein und fuhr in einem Wohnwagen durch Mexiko, die USA und Kanada. Der einzige Bruder der Mutter, Jim, war ein Alkoholiker, der sich mit seiner Sekretärin aus dem Staub machte und Frau und Kind sitzen ließ. Beide zogen fort, und Barbara Bush erfuhr nie, was aus ihnen wurde. Ihr Bruder Scotty, fünf Jahre jünger als sie selbst, war jahrelang schwer krank und musste sich endlosen Operationen unterziehen. Ganz so heil, wie sie es selbst schildert, war Barbara Bushs Welt also nicht. Im Alltag der jungen Barbara Bush war die Tanzschule von Miss Covington der Schauplatz kleiner Dramen. Wie offenbar überall auf der Welt mochten auch die Jungs von Rye die Tanzschule nicht sonderlich. »Um zu vermeiden, wieder das letzte Mädchen zu sein, das gewählt wird«, stand Barbara Bush stets auf, um den Part eines Jungen zu tanzen. Ihre Mutter verbot ihr dieses Rollenspiel schließlich. Die zehnte, elfte und zwölfte Klasse verbrachte Barbara Bush im Mädcheninternat Ashley Hall in Charleston, South Carolina. Da hatte sie bereits eine Erfahrung hinter sich gebracht: »In der neunten Klasse sind meine Freunde und ich sehr behutsam dazu übergegangen, in einer gemischten Gruppe mit Jungen und Mädchen umherzuziehen. Ich glaube wirklich, dass wir viel mehr Spaß hatten als unsere Kinder später im selben Alter. Drogen, Sex und Gewalt wurden uns eben nicht ständig aus dem Fernseher entgegengeschleudert.«

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Barbara Bush hat über ihr Leben gesagt: »Kein Mann, keine Frau, kein Kind hatte je ein besseres Leben.« Als 16-Jährige lernte sie bei einem Weihnachtstanz 1941 in Greenwich einen jungen Mann namens »Poppy Bush« kennen. So wurde George von aller Welt gerufen, weil seine Mutter ihren Mann »Pop« (»Vati«) nannte. George war eben der kleine Mann – »Poppy«. Noch am selben Abend, im Schlafzimmer ihrer Mutter, berichtete Barbara Pierce von der Begegnung beim Tanz. Bereits am nächsten Morgen wusste ihre Mutter ihr zu berichten, der junge Bush stamme aus »einer sehr guten Familie«. Barbara Bushs Kommentar lautete: »Sie hätte ein FBI- Agent sein sollen!« Bush, damals noch Schüler an der Phillips Academy in Andover, lud Barbara Pierce im Frühjahr 1942 auf seinen Abschlussball ein, den »Senior Prom«. Eigentlich hätte auf die Schule das College folgen sollen. Doch mitten im Zweiten Weltkrieg war kein Platz für eine solche Lebensplanung. Direkt nach dem Schulabschluss, am 12. Juni 1942, seinem 18. Geburtstag, trat Bush in die Marine ein. Um von den neuen Kameraden ernst genommen zu werden, fehlte indes noch die Verlobte an seiner Seite. George Bush besorgte sich also von Barbaras Mutter ein Foto der Angehimmelten. Sie sandte aber eines, das mehrere Jahre alt war und die Tochter mit einem Lieblingsspielzeug zeigte. Viele Jahre später bemerkte Barbara Bush über das Foto: »Dieses Bild ließ es so aussehen, als hätte er eine Romanze mit einer Zwölfjährigen gehabt!« Barbara arbeitete den Sommer über in einem Kaufhaus. Zahlreiche Briefe gingen hin und her. Anfang Juni 1943 war George Bush nach der erfolgreichen Absolvierung einer Flugschule in Texas der jüngste Marinepilot der USA. Der Einsatz im Pazifik-Krieg wartete auf ihn. Barbara Pierce hatte die Schule beendet und einen Studienplatz am Smith College in Massachusetts ergattert. Dann hatte George 17 Tage lang Ausgang, und beide reisten zum ersten Mal gemeinsam nach

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Kennebunkport in Maine. Dort war der ganze Familienklan versammelt. Barbara kam gut mit den künftigen Verwandten zurecht. Nur Georges Bruder Pres neckte sie ein wenig und sorgte dafür, dass vom Familienpferd »Barsil« der Spitzname »Bar« auf die Freundin des Bruders überging. Ein Spitzname, der lebenslänglich haften bleiben sollte, auch wenn die meisten annehmen mussten, es handele sich nur um eine Kurzform des Vornamens. Bevor der Urlaub jedenfalls vorbei war, verlobten sich »Bar« und »Poppy« – heimlich. Doch das währte nicht lange. Auf dem Smith College, einer liberalen Hochschule nur für junge Frauen, die gerade damit begonnen hatte, auch afroamerikanische Studentinnen aufzunehmen, entzog sich Barbara Pierce den Verkupplungsversuchen ihrer Kommilitoninnen so auffällig, dass schließlich das Gerücht die Runde machte, sie und ihre Stubenkameradin seien ein lesbisches Paar. Um dem zu entgehen, blieb nur eines: Barbara Pierce und George Bush mussten ihre verschwiegene Verlobung publik machen. Als Barbara bei ihrer Familie anrief, war sie vollkommen verblüfft. Niemand war überrascht. »Du Depp!«, meinte ihr Bruder Jimmy. »Jeder im Umkreis von einer Meile hat doch gemerkt, dass ihr euch liebt!« Bei der Indienststellung seines Schiffes »San Jacinto« schenkte George seiner Barbara einen Verlobungsring. Dann hieß es Abschied nehmen. Den geplanten Besuch der Universität Yale verhinderte der Kriegseinsatz. George Bush wurde bei seiner letzten Mission im Pazifik abgeschossen. Sein Fallschirm verhedderte sich im Heck seines Bombers vom Typ »Grumman Avenger«. Seine beiden Kameraden an Bord wurden getötet. Bush trieb verletzt im Meer, in Sichtweite der Japaner. Deren örtlicher Kommandeur wurde nach dem Krieg wegen Kannibalismus vor Gericht gestellt. Er pflegte die Leber von US-Piloten zu verspeisen. Ein amerikanisches U-Boot suchte nach Bush, und zwei Kameraden

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aus der Marine beschossen sich nähernde japanische Schiffe. Die Familien daheim in den USA verbrachten drei schreckliche Tage des Wartens. Gut vier Jahrzehnte später, im Dezember 1987 während einer Rede in Ohio, erinnerte sich Bush auf merkwürdige Weise an die Kriegsepisode: »Ich wurde abgeschossen, und ich trieb dahin auf einem kleinen gelben Rettungsteil, wobei ich einen Rekord im Paddeln aufstellte. Ich dachte an meine Familie, meine Mutter und meinen Vater, und die Stärke, die ich von ihnen bekam. Ich dachte an meinen Glauben, die Trennung von Staat und Kirche.« Im Rückblick machte er sich über sich selbst lustig. Dabei entging er nur haarscharf dem Tod. Bush wurde gerettet, und 1944 war der Krieg für ihn beendet. Ein weiterer großer Schritt wartete auf ihn und Barbara: die Ehe. Beider Eltern mussten für die Minderjährigen – Ende 1944 war George 20, Barbara war 19, volljährig wurde man damals mit 21 – eine Heiratserlaubnis unterzeichnen. Jahre später sollten die Kinder der Bushs ihre Eltern fragen, warum sie denn so früh heirateten. Barbara Bushs Antwort lautete:

»In Kriegszeiten ändern sich die Regeln. Man wartet nicht auf morgen, wenn man etwas tun möchte.« Auch Georges älterer Bruder Prescott nahm dieses Motto ernst. Silvester 1944 heiratete er in Miami seine Verlobte Beth Kauffman; eine Woche später, am 6. Januar 1945, heirateten George und Barbara Bush daheim in Rye. Es folgten acht Monate, während derer das junge Paar quer durch die USA zog, da Georges Stationierungsort beständig wechselte. Barbara Bush musste viel lernen: wie man ein billiges Zimmer zur Untermiete findet, oder dass man seidene Unterwäsche nicht zu heiß waschen darf. Ihre Vermieterinnen mokierten sich über ihre Fehler; und Verwandte auf Besuch meldeten in die Familienzentralen, das Paar wohne mitten im Rotlichtbezirk. Im Herbst 1945 nahm Bush sein Studium in Yale auf. Gemäß

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dem »GI Bill«, dem Gesetz über die Förderung der weiterführenden Ausbildung ehemaliger Soldaten, bezahlte der Staat die Hochschulgebühren. Zweieinhalb Jahre lang sollte die junge Familie in New Haven, Connecticut, wohnen, damals eine gute Autostunde nördlich von New York City. In drei verschiedenen Wohnungen residierte das Paar, je nachdem, ob der Vermieter Hunden oder Kindern gegenüber aufgeschlossener war. Denn als George Bush seinen Bachelor nach drei Studienjahren im Mai 1948 in der Tasche hatte, war er längst Vater. Stolze 60 amerikanische Pfund (27,2 Kilo) hatte Barbara Bush während ihrer ersten Schwangerschaft zugenommen. Noch Jahre später bedauerte sie augenzwinkernd:

»Leider wog mein Sohn keine 60 Pfund.« Dieser Sohn, George Walker Bush, wurde am 6. Juli 1946 geboren. George Bush war nun auch Vater. Vor allem aber war er ein guter Student, ein von seinem Land ausgezeichneter Kriegsheld, der Star der Baseballmannschaft von Yale und Mitglied skurriler Geheimbünde. Er besaß reichlich Geld und wichtige Freunde. Er hatte alles, was man in den USA brauchte, um Erfolg zu haben. Nichts stand ihm im Wege, um finanziell, gesellschaftlich oder politisch voranzukommen. Nur eines fehlte George Bush noch. Er hatte noch nicht bewiesen, dass er die ererbten wie die erlernten Werkzeuge zu etwas Eigenständigem einsetzen konnte. Der Welt hatte er dies noch nicht bewiesen – und sich selbst auch nicht.

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3. Privilegierte Nomaden

Direkt nach dem Yale-Abschluss kam für den Kriegshelden der Sprung ins Unbekannte. George Bush erzählte Freunden, er habe sich nach seiner Rettung im Pazifik ausführliche Gedanken über seine Zukunft gemacht. Schon in den langen nächtlichen Stunden als Ausguck auf dem U-Boot habe er sich entschieden, einen Beruf zu ergreifen, der mit konkreten Dingen zusammenhing. Mit Banken oder Investitionsmanagement wollte er nichts zu tun haben. Er und Barbara erwogen sogar, Farmer zu werden, beschlossen nach der Lektüre einiger Fachbücher aber, dass die Landwirtschaft doch nicht das Richtige für sie sei. George Bush nahm schließlich eine Stelle im Konzern Dresser Industries an. Der Vorstandsvorsitzende war ein gewisser Henry Neil Mallon, der zusammen mit Prescott Bush die Collegebank von Yale gedrückt hatte und auf Jupiter Island ein Nachbar war. Mallon war ein enger Wegbegleiter der Familie und wurde von den jüngeren Bushs als »Onkel« bezeichnet. Er wurde vollends zum Liebling des Nachwuchses, als er George gegenüber Prescott in Schutz nahm: Beim Baseballspielen hatte der Ball die Windschutzscheibe des Bushschen Familienautos zertrümmert; George zitterte vor dem Zorn seines Vaters. Doch Mallon sagte, er sei es gewesen. Der Traum von der eigenständigen Existenz schien im Schoß eines alten Familienfreundes zu enden. Doch George Bush hatte seinen Traum nicht verraten, er hatte nur eine problemlose Erfüllung im Kopf. Zuerst wollte er Erfahrungen bei der Dresser-Tochter Ideco weit entfernt im für ihn so fremden Südwesten der USA sammeln. Am Tag nach seiner Abschlussfeier in Yale setzte er sich in seinen neuen, roten Studebaker, den ihm seine Eltern zum Collegeexamen geschenkt

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hatten. Mit dem Auto ging es nach Odessa in Texas. Barbara und der kleine George W. blieben zunächst bei den Walker- Großeltern in Maine. Als der junge Vater eine Unterkunft gefunden hatte, kamen Frau und Sohn mit dem Flugzeug nach. Damals dauerte der Flug von der Ostküste nach Westtexas zwölf Stunden. Von seinem ersten Gehalt, 375 Dollar im Monat, konnte sich das junge Paar nur eine bescheidene Unterkunft leisten. Immerhin besaßen sie den ersten und einzigen Kühlschrank der Straße. Die Toilette teilte man sich mit den zwei Prostituierten in der Nachbarwohnung, sofern diese nicht wieder irrtümlich alles abgeschlossen und die Bushs damit ausgesperrt hatten. Im Garten wohnten mehrere Maultiere, Ziegen und Hühner. Aus den Privilegierten wurden Pioniere. Der Stoff, der Odessa am Laufen hielt, war Öl, jenes Öl, das Amerikas boomende Nachkriegswirtschaft so dringend brauchte. Für Barbara Bush war das erste sinnliche Erleben des neuen texanischen Lebenselixiers alles andere als angenehm. Eines Nachts kurz nach ihrer Ankunft in Odessa wachte sie auf, weil ein beißender Gestank sich im Schlafzimmer ausgebreitet hatte. Panisch weckte sie Mann und Kind und stürmte ins Freie, um zu sehen, wo es denn nun brannte. Nachbarn beruhigten sie und erklärten, es habe sich doch nur der Wind gedreht, und dann rieche man eben, was in der nahen Raffinerie verarbeitet werde. Das Elitäre ihrer Ostküstenherkunft wurde im wilden Westtexas rasch relativiert. »Sagen Sie mal, Sie sind doch Akademiker?«, fragte ein Kollege den jungen George Bush. Der antwortete brav, er habe einen Abschluss von Yale. Sein Gesprächspartner dachte einen Moment lang nach und bekannte dann, nie von dieser Bildungseinrichtung gehört zu haben. Kopfschüttelnd wandte er sich ab und murmelte: »Schade!« Dem Mann tat Bush einfach nur leid. Eine andere ortsübliche Sitte der neuen Heimat bereitete Barbara heftiges Kopfzerbrechen. Texas war damals »high and

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dry«: In den meisten Landkreisen war Alkohol verboten. Umso verlockender – und im Zweifel ungebremster – war der Genuss von Bier und Bourbon. Man musste aber einem privaten Club angehören oder sich in den wenigen »wet counties« ausstatten, jenen versprengten Kreisen, in denen Alkohol ausgeschenkt wurde. Bei einer Weihnachtsfeier von Ideco gab es reichlich zu trinken. Ein Kollege brachte Bush anschließend nach Hause. Genauer gesagt lud er Bush in der Einfahrt ab, indem er ihn von der Ladefläche seines Pickup-Trucks purzeln ließ. »Es hat lange gedauert, bis ich George dies vergessen ließ!«, erinnerte sich Barbara Bush später. Doch bei aller Wildwestrauheit blieben die Privilegien der Herkunft stets in Reichweite. Langsam ging es, an stets anderen Orten, die Karriereleiter im Konzern empor. Vom Frühjahr 1949 an waren die Bushs kurz in Kalifornien, wo die Tochter Robin geboren wurde. George Bush arbeitete für zwei verschiedene Töchter des Dresser-Imperiums, für Pacific Pumps und für Security Engineers Company, einen Hersteller von Bohrköpfen für die Rohölförderung. Barbara Bush hat viele Erlebnisse aus dieser Zeit als »nachträgliches Heranwachsen« bezeichnet. Hierzu zählte für sie eine Episode mit der Nachbarsfamilie. Eines Tages kamen die vier Kinder schreiend aus dem Haus gerannt: Der Vater bringe die Mutter um. Die Bushs riefen die Polizei zu Hilfe. Bei deren Ankunft wurde es bei den Nachbarn plötzlich ruhig, dann kam die Mutter – blutverschmiert und mit einem blauen Auge. Es sei alles in Ordnung, sagte sie. Die Polizei zog ab. Barbara Bush sah sich in einer Welt, in der die sittsamen Regeln, die sie von ihrem wohlbehüteten Zuhause kannte, wenig galten. Die Nachbarn vergaben ihr nie, dass sie die Polizei zum Zeugen ihrer privaten Probleme gemacht hatte.

in

Midland, in einem staubigen Städtchen, über dem sich der berühmte »hohe Himmel« von Texas wölbte. Heute hat die

1950,

mitten

im Ölboom,

landeten

die

Bushs

endlich

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Stadt rund 100.000 Einwohner, doch damals waren es nur 20.000. Midland mochte an der Oberfläche zwar unansehnlich sein, im Boden indes schlummerte ein Schatz. Die Stadt hatte sich zum Verwaltungszentrum der jungen Ölindustrie gemausert. Und die lebte davon, dass Midland sich mitten in einem geologischen Becken befand, unter dem aus dem Perm stammende Öl- und Gasreserven gigantischen Ausmaßes lagerten. 20 Prozent der gesamten US-Vorkommen befanden sich dort, Die Bushs waren nicht die einzigen Ostküstler, die es hierher verschlagen hatte. Barbara Bush hat die Assimilation unbekümmert beschrieben:

»Wir alle waren entwurzelt worden, wir hatten alle kleine Kinder, und wir hatten alle viel Spaß. Die Frauen traten der Midland Service League bei; die Männer spielten Football. Wir alle arbeiteten für das kleine Theater und den YMCA und volontierten im Krankenhaus. Die meisten von uns waren aktiv in der Kirche. George war Vorstandsmitglied, und wir beide unterrichteten in der First Presbyterian Church die Sonntagsschüler.« Dies waren die ersten Schritte der Familie Bush hin zur kulturellen und sozialen Vertexanisierung. Denn von der Ostküste nach Westtexas zu ziehen, das war nicht einfach nur ein Umzug. Das war das Eintauchen in einen Lebensraum mit völlig anderen historischen Traditionen und Werten. Die Umarmung dieser Werte und dieser Einstellungen – es sollte das große Projekt der Bushs werden, und die Voraussetzung für die Erringung und Verfestigung von Macht.

Die Bushs fanden in Texas Traditionen, die den ihren diametral entgegenstanden. Das Wort »Texas« stammt aus indianischen Sprachen. Es ist eine Variante des Begriffs für »Freund« oder »Verbündeter« und wurde ursprünglich von den Spaniern benutzt, wenn sie die lokalen Ureinwohner meinten. Das heutige Texas hat sowohl eine Nord-Süd- als auch eine Ost-West- Ausdehnung von rund 1.300 Kilometern. Drei US-

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Bundesstaaten sind einmal eine eigenständige Republik gewesen, aber nur Texas verstand sich stets, ein wenig wie Bayern in der Bundesrepublik, als Nation. Neben Alaska ist es der flächenmäßig größte US-Bundesstaat; in der Bevölkerungsstatistik ist Texas seit 1994, als es New York überholte, die Nummer zwei hinter Kalifornien, dem Dauerrivalen, der anderen Exrepublik. »Der Schlüssel zur texanischen Geschichte ist, dass dies ein Ort ohne aristokratische Vergangenheit ist, ein Staat, der nicht von Plantagenbesitzern oder Plutokraten geformt wurde, sondern von Bauern im Dreck«, schreiben die US-Politologen Michael Barone und Grant Ujifusa. Vor allem aus Tennessee kamen jene Südstaatler, die Texas Anfang des 19. Jahrhunderts, als es noch Teil von Mexiko war, besiedelten. Sie wollten angloamerikanische Freiheit und schwarze Sklaverei. Nach der Unabhängigkeit von Spanien wurde Santa Anna Diktator von Mexiko. Die Texaner rebellierten, und 1836 errangen sie ihren unabhängigen Staat. Er blieb es knapp zehn Jahre, dann erfolgte 1845 der Beitritt zu den USA als 28. Bundesstaat. Enthusiastisch verließ man die Union 1861 wieder, um sich der Konföderation der Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg anzuschließen. Doch ein richtiger Teil des klassischen Südens war Texas nie. Seine historischen und kulturellen Prägungen waren ganz eigener Natur. 1899 wurde Öl entdeckt; 1901 folgte bereits der erste größere Streik der Ölarbeiter. Die Zeit, in der die Baumwolle das einzige Exportprodukt war, ging rasch zu Ende. Texas wurde vorübergehend zum größten Ölproduzenten der Welt. Es begann der rasante Aufstieg eines, wenn auch reichlich großen, so doch gottverlassenen Winkels zu einer der modernsten Regionen der Welt. Seit den 60er Jahren entstanden High Tech-Firmen. Die Doppelstadt Dallas-Fort Worth wurde ein Zentrum der Rüstungsindustrie; San Antonio wurde zum Standort der Biotech-Spitze; der Großraum um die Landeshauptstadt Austin

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begann, dem Silicon Valley in Kalifornien und der Gegend westlich von Boston als Standort für Computerfirmen Konkurrenz zu machen. Die Ölkrise der 70er Jahre und die Rezession Anfang der 80er, verbunden mit einem Zusammenbruch des Immobilienmarktes, machten Texas zwar schwer zu schaffen. Doch der Staat brachte gute Voraussetzungen für eine Erholung mit. Denn schon in den 40er Jahren hatte man begonnen, nicht nur auf die Förderung von Öl und Erdgas zu setzen. Mehr und mehr rückten das technische Know-how und die finanzielle Begleitung in den Vordergrund. Texas wurde zu der Gegend mit der dichtesten Konzentration von Spezialisten für die Förderung fossiler Brennstoffe und für die Finanzierung solcher Vorhaben. Die 90er Jahre über wurden in Texas mehr neue Arbeitsplätze geschaffen als in jedem anderen US-Bundesstaat. Wäre Texas eine eigenständige Republik – und im störrischen Unabhängigkeitsempfinden vieler seiner Bürger ist Texas dies –, wäre die Republik zwischen Mexiko und den USA die elftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. »Das, wovon Texaner träumen, das können sie auch tun«, pflegte George W. Bush später als Gouverneur zu sagen. Dem rauen Image der Pioniere, der Liebe zu Cowboyhüten und - stiefeln, stand immer etwas anderes zur Seite. Texas begriff sich als Modellfall für die USA, als Gesellschaft, die einen eigenen Weg ging. Eine Einkommenssteuer wurde nie eingeführt. Das soziale Netz garantierte nie mehr als das nackte Überleben. Strafen waren drakonisch; die Kriminalität war stets hoch. Doch zugleich war Texas stets weltoffener als Kalifornien – und zwar nach Süden. Während an der Westküste mit hohen Steuern die Infrastruktur ausgebaut wurde, die es dann gegen mexikanische Einwanderer zu verteidigen galt, setzte Texas auf enge Kooperation mit dem Nachbarn jenseits des Rio Grande. Die NAFTA, die Freihandelszone von Kanada, den USA und Mexiko, war ganz wesentlich ein texanisches Projekt. Die wichtigsten Politiker beider Parteien stritten für die NAFTA.

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»Man kann Mexiko nicht einmauern. Unsere Kulturen sind völlig miteinander verwoben«, sagte George W. Bush einmal. Es gehört zu den Widersprüchlichkeiten amerikanischer Politik, dass das konservativrustikale Texas seine spanisch- sprachige Bevölkerung stets herzlicher willkommen hieß als das liberale, angeblich so weltzugewandte Kalifornien. Barone und Ujifusa haben das Modellhafte an Texas, die Wurzel seines Sendungsbewusstseins, folgendermaßen beschrieben: »Die vergangenen 25 Jahre können zumindest als der Beginn der Texanisierung der USA gesehen werden. Niedrige Steuern und High Tech, wenige Hürden wider den Erfolg, aber ein wenig ausgeprägtes Sicherheitsnetz, der Abschied von der Abhängigkeit von Landwirtschaft und Öl, das Überspringen der Ära großer Industrien und starker Gewerkschaften, für die die Bundesstaaten an den Großen Seen stehen, den liberalen kulturellen Werten beider Küsten bewusst aus dem Weg gehen:

Das ist der texanische Weg, und mehr und mehr Amerikas Weg.« Und es sollte auch der Weg der Bushs werden. Den Neubürgern erging es gut in Texas. 1953 wurde George W.s Bruder Jeb geboren, 1955 kam Neil, benannt nach dem Familienfreund Neil Mallon. Ein Jahr später wurde Marvin geboren, und 1959 kam als Nachzüglerin die Schwester Dorothy. Im gleichen Jahr zog die Familie in die texanische Metropole Houston. George W. Bushs ansonsten heitere und unbeschwerte Kindheit in Midland, mitten in der betulichen Atmosphäre der 50er Jahre, ist von einem einzigen schrecklichen Ereignis überschattet.

Im Oktober 1953 war er sieben Jahre alt, als seine Schwester Robin kurz vor ihrem vierten Geburtstag in einem New Yorker Spezialklinikum an Leukämie starb. Der Blutkrebs, damals eine weitgehend unbekannte Krankheit, war ein halbes Jahr zuvor diagnostiziert worden. George und Barbara Bush hatten zunächst keine Ahnung gehabt, um was es sich da handelte und

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wie ernst die Lage war. Der junge George wusste, dass Robin krank war, doch er erfuhr nicht, dass seine kleine Schwester im Sterben lag. Als ihr Ende kam, waren beide Eltern an ihrer Seite. Es folgte eine schlichte Trauerfeier in New York, dann wurde der Körper des kleinen Mädchens für Forschungszwecke freigegeben. George und Barbara Bush eilten nach Hause. In Midland angekommen, fuhren sie sofort zur Schule, die George W. besuchte. Dort informierten sie ihren Sohn vom Tod der Schwester. »Warum habt ihr mir nichts gesagt?«, hat der Junge seine Eltern mehr als einmal gefragt. Seine Mutter Barbara ringt noch heute mit sich, ob das Verheimlichen damals die richtige Antwort gewesen war. Für die ganze Familie war Robins Tod das traumatische Ereignis der Familiengeschichte. Die Bushs lebten damals in einem Vierzimmerhäuschen an der West Ohio Street. Der Vater war viel beschäftigt, er hatte ein kleines Unternehmen zu leiten, war häufig auf Reisen und plante seine politische Karriere. Barbara Bush war auf sich allein gestellt – auch in ihrer Trauer. Sie selbst hörte ein paar Wochen später, wie ihr erstgeborener Sohn einem Freund sagte, er könne jetzt leider nicht mit ihm spielen, auch wenn er dies wolle. Er habe mit seiner Mutter zu spielen, denn die sei einsam. »Ich dachte immer, ich sei für ihn da. In Wahrheit war er für mich da«, hat Barbara Bush die Beziehung zu ihrem Sohn beschrieben. George W. Bush wurde der Aufheiterer, der Nette, der Clown, der Witzige. Er wurde kein schwermütiges Kind, das sich in Bücher vergrub – er wurde spontan und spaßig, da es rings um ihn an Schwermut und Belastung wahrhaft genug gab. Jahre später sollte der Alkohol eine große Rolle bei der Fortschreibung dieses Verhaltens spielen. Einmal, bei einem Footballspiel, sagte George jun., er wäre gern seine tote Schwester Robin. Der erschrockene Vater erkundigte sich nach dem Grund. »Ich wette, dass sie von da oben viel mehr vom

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Spiel sehen kann als wir hier«, sagte sein Sohn. Ein andermal fragte der kleine George seinen Vater, wie seine Schwester denn bestattet worden sei: liegend oder im Stehen? »Schockierte Stille« habe sich im Raum verbreitet, berichtet Barbara Bush. Vater George sagte, er sei sich da nicht so sicher, warum sein Sohn dies denn wissen wolle? Nun ja, antwortete der kleine George, er habe in der Schule gerade gelernt, dass die Erde sich drehe, und er wolle einfach wissen, ob seine tote Schwester einen Teil ihrer Zeit auf dem Kopf stehend verbringe. Das wäre doch witzig! Barbara Bush rang monatelang mit sich, ehe sie wieder festen Boden unter den Füßen verspürte. Ihr dunkles Haar wurde in dieser Zeit silbergrau. Ein paarmal versuchte sie, es zu färben, was in kleinen Katastrophen allerlei Art endete. Schlussendlich entschied sie sich, eben bereits als junge Mutter ergraut durchs Leben zu gehen. Später sollte sie im Kreise der Familie den Spitznamen »Silberfuchs« tragen. Ganz in der Tradition der freiwilligen Gemeinschaftsarbeit gründete sie zum Andenken an ihre tote Tochter die Bright Star Foundation, eine Stiftung zur Förderung der Leukämieforschung. Auch ihr Mann rang schwer mit dem Tod Robins. Nach außen ließ er sich wenig anmerken, doch ein Brief, den George Bush seiner Mutter schrieb, zeigt die tiefe Trauer, die in seinem Heim Einzug gehalten hatte:

»Liebe Mama, … Es herrscht in unserem Hause eine Leere. Die rennende, pulsierende Rastlosigkeit der vier Jungs, wie sie sich bemühen, zu lernen und zu wachsen; ihre athletischen Arme und Beine und Brustkörbe; ihre fröhlichen Stimmen, wenn die Welt sie umarmt … dieses ganze Wunder braucht ein Gegengewicht. Wir brauchen gestärkte, hell strahlende Mädchenblusen, die all die am Knie zerrissenen Jeans und die Baseballkappen ergänzen. Wir brauchen weiches, blondes Haar, das diese Meckischnitte relativiert. Wir brauchen ein Puppenhaus, das sich gegen all diese Forts und Sportschläger

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und Tausende von Baseballkarten wehrt… Wir brauchen einen echten Weihnachtsengel – einen, der keine Schnittwunden unter der Kleidung hat. Wir brauchen jemanden, der Angst hat vor Fröschen. Wir brauchen jemanden, der weint, wenn ich mich laut ärgere – und nicht dagegenhält. Wir brauchen eine Kleine, die küssen kann, ohne Kaugummi, Marmelade oder Ei zu hinterlassen. Wir brauchen ein Mädchen.«

Die zweite Rolle, die George W. zu spielen hatte, war die des Hilfserwachsenen für seine kleinen Geschwister. Mitte der 60er Jahre war er es, der seine Mutter in die Klinik fuhr, als sie eine Fehlgeburt erlitt. Zu Hause wohnte er damals schon nicht mehr. Getreu der Familientradition hatte die Erziehung an der Ostküste stattzufinden. Als 15-Jähriger kam George W. Bush auf jenes Jungeninternat Phillips Academy in Andover im Bundesstaat Massachusetts, das bereits sein Vater besucht hatte. Bush war ein mäßiger Schüler und, dies ist in den USA mindestens ebenso wichtig, ein aktiver Sportler, allerdings ebenfalls mit nur passablem Ergebnis. Dennoch war er populär. George jun. galt als stets witzig, manchmal vorlaut, sehr kameradschaftlich, als alles andere als dünkelhaft. Sein Spitzname in Andover lautete »die Lippe«. Andover ist eine der besten und der elitärsten »prep schools« der USA: Die Einrichtung dient der Vorbereitung für Amerikas Führungsschicht auf das College. Bei Bush sollte das College natürlich Yale sein – erneut wie bei seinem Vater. Und wie der Vater kam der Sohn in die Burschenschaft »Delta Kappa Epsilon« und in den Geheimbund »Skull and Bones«. 1999 wurden per Indiskretion George W. Bushs Collegenoten bekannt. Ein Dreierstudent war er, guter Durchschnitt also. Eine der besten Punktzahlen errang er in Philosophie: 88 von 100 Punkten. Er war kein Superhirn wie die eher erfolglosen Präsidenten Hoover, Carter und Nixon – und kein Beinahesitzenbleiber wie die eher erfolgreichen Präsidenten

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Reagan und Roosevelt. Zwei Wochen vor dem Yale-Abschluss, im Sommer 1968, bewarb George W. Bush sich für eine Ausbildung in der Nationalgarde von Texas, Abteilung Luftwaffe. Amerika hatte damals die Wehrpflicht. Und üblicherweise bestand für die Air National Guard eine lange Wartefrist, da Hunderte versuchten, auf diesem Wege dem aktiven Einsatz in Vietnam zu entgehen. In Südostasien starben Woche für Woche 350 junge Männer aus den USA. Vor allem viele Studenten versuchten nahezu alles, um »the Nam« zu entgehen. Bill Clinton ging als Austauschstudent nach England, Al Gore schließlich als Fotograf nach Vietnam. Für alle US-Politiker dieser Generation war die Kriegsteilnahme die entscheidende Gewissensfrage ihres jungen Lebens.

die entscheidende Gewissensfrage ihres jungen Lebens. Die Intelligenz der USA: Seine witzige und zuweilen vorlaute

Die Intelligenz der USA: Seine witzige und zuweilen vorlaute Art brachte ihm in Andover viele Sympathien ein. George W. Bush war ein mäßiger Schüler, als Klassenclown jedoch bei Mitschülern sehr beliebt. Für Jahrbuchfotos posierte er bevorzugt in ungebügelten Hemden oder anderweitig unkonventionell – wie hier im Jahr 1964.

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George W. Bush wurde nicht nur auf keine Warteliste gesetzt, er wurde sogar noch am Tag seiner Bewerbung vereidigt. Sein Vater war zu dieser Zeit bereits Abgeordneter aus Houston im amerikanischen Repräsentantenhaus. Fast alle in der Militärhierarchie waren stolz darauf, einen VIP-Sohn in ihrer Einheit begrüßen zu können. Offiziell wurde stets dementiert, das Spielenlassen von Beziehungen habe zu einer Sonderbehandlung Bushs geführt. Bush selbst hat eingeräumt, er habe in Vietnam nicht in der Infanterie dienen wollen, was ihm geblüht hätte, wäre er eingezogen worden. Er habe wie sein Vater Kampfpilot werden wollen. Die Ausbildung dauerte zwei Jahre, die Mindestverpflichtung für die Reserve vier Jahre. George W. Bush hat diese Zeit als seine »Nomadenjahre« bezeichnet. Er arbeitete als Aushilfskapitän für kleine Luftfahrtgesellschaften, genoss das Nachtleben und war auch öfters über Monate hinweg ohne Beschäftigung außerhalb der Nationalgarde, für die er nur gelegentlich noch Bereitschafts- dienste oder Reserveübungen absolvieren musste. Das war kein Preis, das war eine Gnade. Vietnam, dem Horror seiner Generation, wo sein späterer Außenminister Colin Powell das tägliche Grauen als Führer einer kleinen Einheit im Dschungel erlebte, entging George W. Bush – ebenso wie viele andere Privilegierte seiner Generation. Sollte er selbst ein schlechtes Gewissen angesichts seiner Drückebergerei gehabt haben, sollte sich dieses schlechte Gewissen in seinem unsteten, ziellosen Leben dieser Jahre niedergeschlagen haben – öffentlich bekannt hat er sich nie dazu. Ein deutscher Politiker aus der Generation seines Vaters, Altbundeskanzler Helmut Schmidt, hat sich Gedanken gemacht, was der Dienst in Vietnam für den jungen Bush bedeutet hätte. Nach dem Irak- Krieg 2003 sagte Schmidt: »Mir wäre es lieber, wenn der gegenwärtige US-Präsident Soldat im Vietnamkrieg gewesen wäre, dass dies Teil seiner Lebenserfahrung wäre, bevor er selbst einen Krieg ausgelöst hätte. Der bisherige Lebensweg hat

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es George W. Bush sehr leicht gemacht.« Für Bush jun. war Vietnam abgehakt. Im September 1973 fuhr ein mit Sprühfarben verzierter alter Wagen nach Cambridge, der Zwillingsstadt von Boston in Massachusetts. In dem Auto saß ein mit Spannung erwarteter neuer Student der Harvard Business School: George W. Bush, dessen Vater gerade den Vorsitz der Republikanischen Partei übernommen hatte. Doch der junge Bush sah nicht wie der typische Student der Kaderschmiede aus, und er benahm sich auch nicht so. Die anderen mochten Karrieren an der Wall Street planen – George W. Bush saß in den Vorlesungssälen meist in der letzten Reihe, kaute auf seinem Kaugummi und legte Wert darauf, in einem ungebügelten Freizeithemd für das honorige Jahrbuch abgelichtet zu werden. Für den Harvard-Besuch hatte er sich vorzeitig von seiner Reservistentätigkeit befreien lassen. Er wollte in Cambridge lernen, wie man Unternehmer wird. Und er wollte endlich herausfinden, was er mit seinem Leben anstellen sollte.

Die Ostküste hielt ihn nicht. 1975, gleich nach dem Abschluss, war er zurück im staubigen Westen von Texas. Ein wenig Startkapital war aus seinem Collegefonds übrig geblieben. Nun begann die allmähliche Verbürgerlichung des George W. Bush. Morgens hatte er einen dreiminütigen Weg zur Arbeit in einem Büroturm in Downtown Midland zu fahren. Wie sein Vater zuvor lernte er das Ölgeschäft als Angestellter und wurde bald sein eigener Herr. Er trug altmodische Kleidung und fuhr weiterhin ein reichlich betagtes Auto. Von elitärem Schick oder Repräsentationsgehabe war überhaupt nichts im Wesen und Auftreten dieses jungen Mannes zu spüren. In der Mittagspause traf er alte Freunde, meist aus der gemeinsamen Schulzeit, zum Joggen. Abends war er auf Partys, in Bars oder im Kreise seiner Freunde zu finden.

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Um einem Einsatz im Vietnamkrie g zu entgehen, bewarb sich George W. Bush bei der

Um einem Einsatz im Vietnamkrieg zu entgehen, bewarb sich George W. Bush bei der Nationalgarde von Texas, Abteilung Luftwaffe – und wurde trotz langer Wartelisten außergewöhnlich schnell vereidigt. Das Foto entstand im Juli 1970 während einer militärischen Übung.

Unter den jungen Frauen galt er als attraktiv und beliebt, wenn auch ein wenig unstet. Natürlich machte ihn seine Herkunft zum begehrten Junggesellen, doch seine Herkunft war es auch, von der er so wenig wie möglich bekannt machte. 1977 lernte er Laura Welch kennen, eine etwas schüchterne Bibliothekarin aus seinem weitverzweigten Bekanntenkreis daheim in Midland. Nach nur drei Monaten heirateten beide. 1981 wurden die

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Zwillinge Jenna und Barbara geboren. Was das Heiraten und den Nachwuchs anbelangte, war George W. von seinem kleinen Bruder Jeb längst überholt worden. Im Februar 1971 unterrichtete Jeb Bush in der mexikanischen Stadt Leon Englisch. Dies war Teil eines Austauschprogramms seines Internats Phillips Academy. In Leon lernte er Columba Garnica Gallo kennen, die er im Februar 1974 heiratete. Bald kamen die Kinder George P, Noelle und Jeb jun., genannt Jebby. Jeb trat zur katholischen Kirche seiner Frau über; beide sollten bis 1999, dem Umzug nach Tallahassee, Floridas Regierungshauptstadt, Mitglieder der Epiphany-Gemeinde in Miami sein.

Während seine Kinder heranwuchsen und ihren eigenen Weg im Leben suchten, setzte Vater George Bush seinen geschäftlichen Erfolg und seine alten Kontakte zum Wechsel in die Politik ein. 1950 hatte Bush sen. seinen Abschied von Dresser genommen, nicht ohne zuvor die Zustimmung von Neil Mallon, dem Schulfreund seines Vaters und Vorstandsvorsitzenden seines Arbeitgebers, einzuholen. Mit seinem Nachbarn John Overbey und der finanziellen Unterstützung seines Onkels Herbert Walker gründete Bush seine erste eigene Ölfirma, Bush- Overbey Oil Development Company Inc. Barbara sah ihren Mann kaum noch. George Bush war ständig unterwegs, um nach lukrativen Explorationsvorhaben Ausschau zu halten und sich um die Finanzierung von Probebohrungen zu kümmern. 1953 fusionierte Bush-Overbey mit einem ähnlichen Kleinunternehmen der befreundeten Liedtke-Brüder. Nach einem Marlon-Brando-Film nannten sie das neue Unternehmen Zapata Petroleum Corp. Barbara Bush charakterisierte die folgenden Jahre als eine »Zeit des Risikos und der Hoffnung«. 1966 verkaufte George Bush seine Anteile für eine Million Dollar. Im wortkargen, aber freundlichen Westtexas verfestigte sich Bushs salopper, oft schnoddriger Tonfall, jene Abneigung gegen

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pathetisches Sprechen, die er später in dem Bekenntnis gipfeln ließ, sich für das »vision thing«, das »Visionen-Ding«, nicht zuständig zu fühlen. In den 60er Jahren wurde aus dem Unternehmer Bush dann endgültig der Politiker. Bis in diese Zeit hinein war Texas demokratisch geprägt. Schließlich waren es die Republikaner unter Abraham Lincoln gewesen, die den Bürgerkrieg für den Norden geführt hatten, und umgekehrt war die Wirtschaftspolitik des »New Deal« des Demokraten Roosevelt etwas gewesen, von dem der kleine Mann in Texas in den 30er Jahren während der Depression besonders profitiert hatte. Bush stieg in das Rennen um Wahlämter ein, als sich diese jahrzehntealte Parteibindung zu lockern begann. Die Lokalpolitik ließ er weitgehend aus. 1962 wurde er Vorsitzender der Republikaner im riesigen Landkreis Harris County. 1963 forderte er den amtierenden demokratischen Senator heraus, gewann zwar die innerparteilichen Vorwahlen, verlor aber dann inmitten der Sympathiewelle, die den Demokraten nach dem Mord an Kennedy entgegenschlug. 1966 klappte es schließlich – Bush errang zwar keinen Sitz im Senat, aber dafür einen neu geschaffenen im Repräsentantenhaus, eine Frucht des Bevölkerungszuwachses in Texas. Doch der Senat, der Gipfel der politischen Karriere seines Vaters, blieb weiterhin George Bushs Ziel. Er gab seinen sicheren Sitz im Unterhaus nach zwei jeweils zweijährigen Legislaturperioden auf und versuchte erneut, ins Oberhaus zu gelangen. Bush verlor. Zur Entschädigung erhielt er Anfang 1971 auf Geheiß des Weißen Hauses den Posten eines US- Botschafters bei den Vereinten Nationen in New York. George und Barbara Bush bezogen ihr Appartement im Waldorf, das die offizielle Residenz des amerikanischen Botschafters bei der UNO war. Barbara Bush verärgerte gleich einen Teil der New Yorker Elite, als sie zwei geliehene Monet- Gemälde an den Eigentümer zurückgab. Sie wollte amerikanische Kunst an den Wänden hängen haben. Kontrovers

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war auch die eine oder andere Aktion des neuen Herrn Botschafters. Als der Film The Godfather (Der Pate) erschien, registrierte George Bush, dass die ganze Stadt in Aufregung war, und jeder den Streifen so rasch wie möglich sehen wollte. Flugs organisierte er eine Privatvorführung in einem Kino, das er für den Abend anmieten ließ. Bei jedem Schuss, der im Film fiel, bei jedem Gangster, der gemeuchelt wurde, bei jedem Blutstropfen, der von der Leinwand triefte, wurde den Bushs mulmiger. Um sie herum saßen schließlich ihre Gäste, Diplomaten aus aller Welt, die vor allem eines wussten: New York City ist die Hauptstadt des Verbrechens, hier werden über 10.000 Morde pro Jahr verübt, die Straßen sind unsicher, die Nächte und der Central Park erst recht, und Manhattan sollte man grundsätzlich nicht verlassen. Als die verunsicherten Zuschauer aus dem Kino schritten, kam ihnen ein Zeitungsjunge entgegen. Zu allem Überfluss schrie er ihnen die aktuellste Schlagzeile entgegen: »Mafia-Mord in New Jersey!«

Schlagzeile entgegen: »Mafia-Mord in New Jersey!« Die ganze Familie war zum Wahlkampf bereit, nur George W.

Die ganze Familie war zum Wahlkampf bereit, nur George W. nicht:

Barbara, Dorothy, Marvin, Neil, Jeb und George Bush (von links nach rechts) während des Wahlparteitags der Republikaner im Jahr 1964.

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George Bush verstieß gern gegen diplomatische Regeln. Statt seine Gäste zu sich bringen zu lassen, holte er sie persönlich am Aufzug ab. Den britischen Außenminister überraschte er an einem Sonntagmorgen um sieben Uhr am Telefon mit der Idee, doch einen Ausflug ins Umland zu machen. Barbara Bush hatte ihn daran gehindert, bereits um sechs anzurufen. Der Ausflug sollte im Besuch eines vogelkundlichen Lehrpfads gipfeln, doch dieser hatte bereits geschlossen. Botschafter Bush hievte die Gattin des Londoner Ministers und jene des britischen Botschafters bei der UNO einfach über den Zaun. Die Männer kletterten dann ebenfalls auf das Gelände und begannen ihren Spaziergang. Bis der Wärter des Anwesens sie entdeckte und seine Hunde losließ. Irgendwie gelang es Bush, Wärter und Hunde zu besänftigen. Die Gruppe verließ den Park durch einen regulären Ausgang, und der Sicherheitsmensch des britischen Ministers gab nur trocken zu Protokoll, dies sei nun tatsächlich »eine Premiere« für ihn gewesen. Die sparsame Barbara Bush, die später beim Ball zur Inauguration ihres Gatten Schuhe für 29 Dollar tragen sollte, brach einmal in Tränen aus, als das Waldorf ihr eine Rechnung über 900 Dollar überreichte – für einen Imbiss für sie selbst und ein paar Freundinnen. Gatte George Bush machte sich unterdessen modischer Kapitalverbrechen schuldig, als er Barbara in einem hellroten Kleid nicht nur auf einen freudigen Empfang, wie er ihr versprochen hatte, sondern vorher noch kurz zur Totenfeier für einen verstorbenen lateinamerikanischen Expräsidenten mitnahm, ein Termin, bei dem er sich einfach kurz sehen lassen musste. Barbara Bush, die vor Scham fast im Boden versank, rächte sich später auf ihre Weise und attestierte ihrem Gemahl öffentlich: »George trägt fraglos manchmal recht seltsame Kleidung!« Da war das kurze Gastspiel in New York auch schon fast wieder vorüber. Bush kam mehr und mehr ins Umfeld Richard Nixons und wurde, als der Präsident 1972 in Bedrängnis geriet,

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kurz darauf Vorsitzender der Republikaner – der Vorstopper des Watergate-geschädigten Nixon. Der hatte nicht nur den Einbruch in das Wahlkampfhauptquartier der gegnerischen Demokraten zu verantworten, sondern litt politisch vor allem unter seinen von Verfolgungswahn geleiteten Versuchen, das Geschehene mit immer neuen Tricks an der Grenze und jenseits der Legalität unter den Teppich zu kehren. Diese Vertuschung, das »Cover- up«, wurde für Nixon zum Todesstoß, nachdem aus dem Einbruch im Appartementkomplex namens Watergate die größte Regierungsaffäre der modernen US-Geschichte geworden war. Es drohte ein »Impeachment«, ein Prozess zur Amtsenthebung.

Für deutsche Verhältnisse mag es erstaunlich klingen, dass ein nahezu unbekannter Exunternehmer, Exabgeordneter und Botschafter Vorsitzender einer Partei wird, doch die amerikanischen Verhältnisse sind anders. Der »Chairman of the Republican National Committee« ist weniger Parteichef als Generalsekretär. Seine Aufgabe ist vor allem die Koordination der Arbeit zwischen der Bundespartei und den Parteien auf der Ebene der Einzelstaaten, die Kontrolle des Finanzapparats und die Umsetzung zentraler Themen vor Ort. Die eigentlichen Führer der US-Parteien sind nicht die nominellen Vorsitzenden, sondern der Präsident, so er denn aus der jeweiligen Partei stammt, und die Fraktionschefs im Kongress.

Bushs Engagement half nichts. Nixon musste gehen, und sein Nachfolger Gerald Ford deckte Bush mit Versorgungsposten ein. Bereits im Herbst 1974 schrieb Bush in einem Brief an seine Frau: »Ich kann diesen Job nicht mehr lange machen, falls er gut gemacht werden soll. Nach den Wahlen braucht es frisches Blut.« Der neue Präsident Ford bot Bush die Botschafterposten in London und Paris an, also die prestigeträchtigsten, die zur Verfügung standen. Bush lehnte ab und erbat einen Posten, der offiziell noch nicht einmal den Rang eines Botschafters mit sich brachte: Leiter der ständigen

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Vertretung der USA in der Volksrepublik China. Abenteuerlust und der Wunsch, den Watergate-Sumpf so weit wie möglich hinter sich zu lassen, waren wohl die ausschlaggebenden Motive. Barbara Bush jedenfalls kommentierte die einsame Entscheidung ihres Gatten in unzweideutiger Manier: »Es wäre eine Untertreibung, wenn ich behaupten würde, ich wäre einfach nur sprachlos gewesen.« Ford gab Bush den Posten – unter der Voraussetzung, dass er bereit war, mindestens zwei Jahre lang in Peking zu bleiben.

war, mindestens zwei Jahr e lang in Peking zu bleiben. Der amerikanische Präsident Richard Nixon (Mitte)

Der amerikanische Präsident Richard Nixon (Mitte) gibt am 11. Dezember 1970 im Weißen Haus bekannt, dass der Republikaner George Bush (links), Abgeordneter des Repräsentantenhauses, neuer UN-Botschafter wird. Rechts der bisherige UN-Botschafter Charles W. Yost. Doch Bushs eigentliches Ziel blieb der Sitz im US-Oberhaus.

Barbara Bush trat die Reise nach China mit Zögern und durchaus auch mit Grausen an. Es gefiel ihr aber erstaunlich gut. In der kleinen Exilgemeinde im Diplomatenviertel Pekings war

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sie ihrem Mann so nahe wie selten. Auf ausgedehnten Reisen lernte sie eine Welt kennen, die das Fremdeste war, was eine Frau ihrer Herkunft erwarten durfte. Noch Jahre später tingelte Barbara Bush mit ihrer privaten China-Diashow durch die USA und erzählte mit wohligem Gruseln von den Absurditäten der Volksrepublik. Keine Arbeitslosigkeit im Kommunismus? »Wenn wir unseren eigenen Haushalt ansahen, verstanden wir schnell, wie das ging«, meinte Barbara Bush. Drei Köche hatte das Regime für die amerikanischen Gäste abgestellt. Drei, die zusammen eine Mahlzeit am Tag zubereiteten. Barbara Bush witterte und fand allerorts Ineffizienz. Sie fuhr auf ihrem Fahrrad quer durch die Metropole, wurde eine Expertin für die Architektur und Geschichte der Verbotenen Stadt und stieß schließlich den Stoßseufzer »Gott sei Dank, sie sind Menschen!« aus, als sie bemerkte, dass sich alternde Chinesen ihre grauen Haare schwarz färbten – millionenfach. Zu den nettesten Humoresken in Barbara Bushs Erinnerungen zählt die Beschreibung eines typisch chinesischen Empfangs. Er verlief, wenn man die Beobachtung der Frau Botschafter ernst nimmt, in vier Wellen. Zunächst kümmerten sich die jeweiligen Gastgeber um ihre hochrangigen chinesischen Gäste. Dann kamen Botschafter, dann sonstige Vertreter. Als vierte Welle schwappte von hinten stets das in den Saal, was Barbara Bush eine »Miet-Meute« nannte, eine große Zahl Chinesen unerklärlicher Herkunft, die wenig sagten, aber offenbar dazu dienten, »some serious eating« zu tun, also unglaubliche Mengen an Nahrung vom Büfett in ihre Mägen zu befördern. Am 2. November 1975 erhielt Bush ein Geheimschreiben: Er solle nach Washington zurückkehren und Chef des CIA werden. Seinen vier Geschwistern schrieb er daraufhin einen Luftpostbrief: Er war besorgt, dass vor allem die Halbwüchsigen in der großen Bush-Familie unter dem neuen Posten leiden könnten. »Er ist ein Friedhof für die Politik, und er ist vielleicht

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der härteste Job in der ganzen Regierung«, schrieb Bush über den Geheimdienst-Chefsessel. Er habe sich gefragt, was wohl sein eigener Vater über den Posten gedacht hätte. »Ich glaube, er hätte gesagt: ›Es ist deine Pflicht.‹ Es ist meine Pflicht, und ich werde es tun.« Bestärkt in seinem Entschluss sah er sich auch durch einen Anruf von George W. Den hatten seine Eltern gebeten, doch einmal sehr diskret auch bei seinen Geschwistern vorzufühlen, ob ein CIA-Chef in der Familie akzeptabel sei. George W. rief zurück und sagte nur: »Kommt heim!« Seine Mutter rätselte lange, ob ihr Ältester tatsächlich seine Geschwister um Rat gefragt hatte, oder ob er einfach nur die Familie wiedervereinigen wollte. George Bushs Zeit bei der UNO in New York, später dann jene in China und die sich anschließende Arbeit als Chef des CIA gehören zu seinen bekanntesten Posten, ehe er Vizepräsident wurde. Dabei waren alle drei Einsätze kurzfristige Engagements. Keine zwei Jahre lang führte er die US- Vertretung bei der Weltorganisation. Nur ein gutes Jahr, von Oktober 1974 bis Dezember 1975, war Bush Amerikas höchster Repräsentant im kommunistischen Riesenreich. Und nicht einmal ein Jahr lang, von Januar bis November 1976, stand er hernach an der Spitze des Auslandsgeheimdienstes der USA. In den beiden letzten Positionen geriet er in engen Kontakt mit einem Mann, der während der 60er und 70er Jahre als Jungstar der Republikaner galt. Es handelte sich um Donald Rumsfeld, der 1962, als 30-Jähriger, erstmals in den Kongress gewählt worden war, sich dann der Armutsbekämpfung unter Nixon widmete und schließlich NATO-Botschafter in Brüssel wurde. Dort überlebte Rumsfeld den Watergate-Skandal. Nixons Nachfolger Ford holte Rumsfeld als Stabschef ins Weiße Haus. Für den anderen Jungstar der Partei, den in China weilenden George Bush, hatte Rumsfeld nur Spott übrig. Der Posten in Peking sei ein »mieser, unwichtiger Job«, ließ er intern wissen. Als George Bush von Peking zum CIA wechselte, wanderte

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Rumsfeld vom Weißen Haus an die Spitze des Pentagon – seine erste Runde als Verteidigungsminister. Bush war davon überzeugt, dass Rumsfeld seine Finger dabei im Spiel hatte, dass er nun die Spionage der USA leiten sollte. Er selbst hatte den Posten ja als »Friedhof« bezeichnet. Es galt gemeinhin als undenkbar, dass jemand noch ein Wahlamt würde erringen können, der sich die Hände an der düsteren Arbeit des Geheimdienstes schmutzig gemacht hatte – oder von seinen Gegnern zumindest öffentlich so darstellbar sein würde. Und wer außer Rumsfeld, die andere große Nachwuchshoffnung der Republikaner, könnte ein Interesse am Abschieben Bushs auf den Karrierefriedhof haben? Die Spannungen zwischen George Bush und Donald Rumsfeld dauerten an. Bereits während der gemeinsamen Zeit im Kongress Ende der 60er Jahre hatte Rumsfeld Bush verachtet, weil dieser sich »für Freundschaften, Öffentlichkeitsarbeit und Meinungsumfragen mehr interessiert als für harte, politische Inhalte«, wie es der Watergate-Aufklärer Bob Woodward beschrieben hat. Rumsfeld sah im älteren Bush noch ganz den alten Republikaner patrizisch neuenglischer Prägung und schrieb ihm ein »Rockefeller-Syndrom« zu: Bush sei stets bereit, willig zu dienen, aber es mangele ihm an Zielen. Als CIA-Direktor sei Bush schwach und lasse sich von Außenminister Henry Kissinger manipulieren. Kein Wunder, dass Rumsfeld später in der Reagan-Regierung und sogar unter dem Demokraten Clinton wichtige Regierungsämter bekleidete. Nur unter der Präsidentschaft George Bushs bekam er keinen Job. Erst unter dessen Sohn, seiner Ansicht nach kein Leichtgewicht mit Gutmenschen-Syndrom, stieg Rumsfeld wieder in die höchste Ebene der US-Politik ein.

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4. Im Schatten Reagans

Mit George Bushs Posten in China und beim CIA waren die 70er Jahre so gut wie vorbei. George W. Bush musste entscheiden, was er mit seinem bis dahin so unsteten Leben anfangen sollte – und sein Vater musste sich überlegen, ob und wann er seinen großen Sprung nach vorn wagen wollte. Nach Überbrückungsjobs in der Wirtschaft während der Jahre unter dem demokratischen Präsidenten Jimmy Carter kam die Gelegenheit für ihn mit den Präsidentschaftswahlen 1980. George Bush wollte nun selbst der erste Mann im Staat werden. Doch Ronald Reagan gewann die republikanische Nominierung und dann auch das Weiße Haus. Nach seiner Niederlage gegen Reagan bei den Vorwahlen war George Bush zu der Republican Convention 1980 ohne große Erwartungen angereist. Barbara Bush gab gar die Devise aus:

»Hurra, keine Politik mehr!« George Bush war unmittelbar vor seiner eigenen Rede auf dem Parteitag mitgeteilt worden, dass Reagan sich für Expräsident Gerald Ford als Vize entschieden habe. George und Barbara schienen damit leben zu können, ihr Sohn Jeb hingegen schritt in der Hotelsuite seines Vaters aufgeregt an der Bettkante hin und her und klagte: »Das ist nicht fair! Das ist nicht fair!« Obwohl sie doch angeblich keine Lust mehr auf das Leben als Politikergattin hatte, beschreibt auch Barbara Bush die Stimmung als düster:

»Es war wie ein Begräbnis.« Doch es folgte eine rasche Wiederauferstehung. Das Telefon klingelte, Ronald Reagan war dran. Ob Bush sein Vize werden wolle, fragte der Kalifornier. Bush sagte zu. Ganz überraschend hatte Reagan den unterlegenen Parteirivalen Bush zum Vizepräsidenten gekürt. Neil Bush war gerade mit seiner Frau

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Sharon Smith, einer Lehrerin, auf Hochzeitsreise in Österreich. Tags darauf fand sich dort das Foto seines Vaters auf der Titelseite. Neil Bush spricht kein Deutsch – der freundliche Kioskbesitzer bot indes eine Rohübersetzung an. So erfuhr er, dass die Karriere des George Bush noch lange nicht beendet war. George Bush hatte erneut einen Herrn, dem treu zu dienen war. Er tat es. Acht Jahre lang war er die Nummer zwei im Weißen Haus. Und Ronald Reagan war damit zum Fixpunkt geworden, auf den sich ganz praktisch der erste und später ideologisch der zweite Bush-Präsident beziehen mussten. Am Anfang erntete Reagan Kopfschütteln, gerade in Übersee. Ein Schauspieler? Ein ballernder Wildwestheld? Ein ehemaliger Sportreporter? Präsident der USA? Plakate von Reagans Filmen aus den 50er Jahren wurden herausgesucht und mit Antinachrüstungssprüchen versehen. Waren die Amerikaner jetzt völlig verrückt geworden? Aus der scheinbar bizarren Episode wurde eine Epoche, und die Welt lernte etwas hinzu. Ronald Reagan war 1980 nicht nur mit 51 Prozent der Stimmen ins Weiße Haus gewählt worden, weil Carter unglücklich amtierte. Amerika sollte genau das bekommen, was es wollte. Die Welt merkte dies spätestens, als Reagan sich 1984 mit einem Erdrutschsieg gegen Walter Mondale eine zweite Amtszeit sicherte. Das hatte es lange nicht mehr gegeben. Die ersten beiden Jahre seiner Präsidentschaft verliefen wirtschaftlich turbulent. Die Arbeitslosigkeit schoss auf knapp zehn Prozent, ein Rekord nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Staatsschulden wuchsen ins Unermessliche, die Steuerbelastung der Mittelklasse und der Reichen nahm ab. Der Verteidigungshaushalt legte am Budget zu. Der Dollar schwankte unter Reagan zwischen 1,50 und 3,50 DM, und die Börse erlebte den schwärzesten Tag seit der Großen Depression. In Amerika war Geld zu machen, also floss Geld dorthin. In Amerika gab es damit viel Geld, also musste es verteuert

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werden. Daher wuchsen die Zinsen. Und die lockten noch mehr Geld an. All dies war Teil eines rabiaten Strukturanpassungs- programms, das Reagan in transatlantisch ideologischem Schulterschluss mit der Londoner Freundin Maggie Thatcher durchführte. George Bush hatte bereits im republikanischen Vorwahlkampf von 1980 seinem damaligen Kontrahenten Reagan gesagt, wie wenig er von dessen radikaler Angebotspolitik hielt: »Vodoo-Economics« sei das, keine seriöse Lenkung der Wirtschaft also, sondern karibischer Hokuspokus. Reagan blieb stur. Er glaubte an die »Trickle- down«-Wirtschaft, die These, dass der Wohlstand von den Reichen zu den Ärmeren heruntertröpfelt, sofern die Wohlhabenden nur weniger Steuern zu zahlen haben. Zunächst jedoch verschärfte Reagans Neoliberalismus nur die inneren Spannungen. Doch im dritten Amtsjahr begann ein Boom, der die Wiederwahl sicherte und den Amerikanern sieben Jahre lang das Gefühl von Stabilität vermittelte. Eine solche Versicherung brauchten sie auch, denn die politische Großwetterlage war alles andere als stabil. Wäre man Ronald Reagan wohlgesonnen, so könnte man ihn als den Sieger im Kalten Krieg sehen. Mit der Nachrüstung als seinem brisantesten Einzelschritt rüstete er die Sowjetunion zu Tode. Er stand für das, wogegen eine ganze Generation junger Deutscher protestierte. Als er Mitte der 80er Jahre am Brandenburger Tor rief: »Öffnen Sie dieses Tor, reißen Sie diese Mauer ein, Herr Gorbatschow!« – da ahnte niemand, dass die Wirklichkeit diese Worte nur fünf Jahre später eingeholt haben würde. Vision oder Einfalt? Bei Reagan war beides nie weit voneinander entfernt. Er war jedoch nicht, wie viele glaubten, ein harter Ideologe der Rechten. Zwar war er konservativ, aber im Geldausgeben spendabler als die meisten Linken. Er schimpfte auf den Apparat der Bürokratie und die Regelungswut – und weitete doch deren Macht, Personal und Finanzkraft aus.

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Der »Teflon-Präsident« und sein loyaler Diener. Lächelnd stehen der wiedergewählte US-Präsident Ronald Reagan und

Der »Teflon-Präsident« und sein loyaler Diener. Lächelnd stehen der wiedergewählte US-Präsident Ronald Reagan und sein Vizepräsident George Bush am 18. November 1984 auf den Stufen des Kapitols in Washington. Seinen Spitznamen verdankte Reagan der Tatsache, dass Kritik an seiner Politik nahezu konsequenzlos an ihm abperlte. George Bush war acht Jahre lang die Nummer zwei im Weißen Haus, bevor er selbst zum Präsidenten gewählt wurde.

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Er war eben kein Purist oder Programmatiker. Er war einfach gestrickt und doch gleichzeitig so komplex wie sein Land. Vor allem war er Patriot. Er glaubte an das »Reich des Bösen«. Das war nicht Analyse, das war Sinngebung. Die Ostküsteneliten, die soziale Heimat der Bushs, und die Intellektuellen verachteten Reagan. Die meisten Amerikaner aber haben an ihn geglaubt. Als er sich in den Ruhestand nach Kalifornien verabschiedete, bescheinigten ihm zwei Drittel seiner Landsleute, ein guter Präsident gewesen zu sein. Heute ist der City-Flughafen von Washington – ausgerechnet in der von ihm gehassten Bundeshauptstadt – nach ihm benannt, und treue Anhänger verlangen, dass sein Gesicht als fünftes Präsidentenantlitz am Mount Rushmore in den heiligen Bergen der Sioux verewigt wird. Längst vergessen sind die präsidialen Peinlichkeiten wie das Gedenken mit Helmut Kohl in Bitburg bei den Soldatengräbern, in denen auch SS-Getreue lagen, oder all jene verpatzten Reden und vertauschten Notizzettel, die Reagan mehr als einmal so aussehen ließen, als habe er nicht die geringste Ahnung, wo er war und wofür er stand. Eines war Reagan aber ganz gewiss: ein Meister der schlichten Symbolik. Schlicht konnte pathetisch heißen, wenn er die Auftritte im Weißen Haus zu bombastischen Inszenierungen werden ließ, gleichzeitig dort aber weniger kritische Pressefragen zuließ als irgendein Präsident vor oder nach ihm. Reagan galt als der »große Kommunikator«, weil er ein großer Vereinfacher war, der das Herz ansprach. Man nannte ihn den Teflon-Präsidenten, weil Kritik nie an ihm haften blieb. Aber er war auch alles andere als ein Diplomat, denn als solcher hätte er die Sprechprobe beim Radio 1984 nicht dazu verwandt, den Beginn der Bombardierung der Sowjetunion in fünf Minuten anzukündigen. Die Fähigkeit, glaubwürdig zu vereinfachen, und sein Hang zur patriotischen Symbolik sollten jene Eigenschaften sein, die George Bush gründlich abgingen, denen George W. Bush aber in Krisenzeiten nacheifern würde.

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Reagan, der am 6. Februar 1911 zur Welt kam, wuchs im Mittleren Westen auf. In seiner Jugend war er Mitglied der Demokratischen Partei, weil er Roosevelts »New Deal« unterstützte. Seine Mutter war streng religiös, der Vater Handwerker und Alkoholiker. Im Widerstreit zwischen beiden entwickelte Reagan seine Vorliebe für Autonomie. In Dixon, einer Kleinstadt in Ohio, fand Reagan seine erste Berufung. Als Teenager war er dort im Sommer sechs Jahre lang Rettungsschwimmer. 77 Ertrinkende zog er aus dem Rock River: Reagan, der Retter wurde geboren. Auch dies war ein fast mythisches Urbild, wie es den Bushs zeitlebens fehlen würde. Am christlichen Eureka-College im benachbarten Bundesstaat Illinois schloss Reagan 1932 mit einem Bachelor in Soziologie und Wirtschaft ab. Obwohl Amerika in der Großen Depression steckte, fand Reagan einen Job beim Radio in Iowa. Legendär wurde er für seine Fähigkeit, auch über ungesehene Baseballspiele lebendig zu berichten – Statistiken reichten ihm zum Nachzeichnen der Spielzüge. 1937 nutzte er sein Schauspieltalent und seine Fantasie und zog nach Hollywood, wo er in über 50 Filmen nur einmal den Schurken spielte. Aus der ersten Ehe mit Jane Wyman von 1940 bis 1948 ging die Tochter Maureen hervor. In diese Zeit fällt auch seine erste politische Kampagne. 1946 bestreikten kommunistische Gewerkschaften die Filmindustrie. Reagan versuchte, zu vermitteln. Er bekam stapelweise Morddrohungen. Aus dem Demokraten wurde ein konservativer Republikaner und überzeugter Antikommunist, der als FBI-Informant arbeitete und 1947 vor dem »Ausschuss für unamerikanische Umtriebe« aussagte. 1952 heiratete er seine Schauspielerkollegin Nancy, es folgten die Kinder Patti und Ronald, der später über seinen Vater sagte:

»Wir haben nie ein ernsthaftes Gespräch gehabt.« Die Filmkarriere von Ronald sen. lag Mitte der 50er Jahre weitgehend danieder. Reagan fand einen neuen Job als

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Repräsentant des Elektrogeräteherstellers GE. Acht Jahre lang hatte er eine wöchentliche Fernsehsendung und bereiste ausgiebig das Land. Er testete seine Botschaft und sich selbst. Im Jahr 1964 hielt er eine Fernsehrede für den erzkonservativen Republikaner Barry Goldwater und entdeckte sein zweites großes Thema neben dem Antikommunismus: den Widerstand gegen eine überbordende Bundesregierung. Dies war ein Thema, das George W. Bush dereinst kopieren sollte. Der Außenseiter, der aus dem wahren Amerika aufbricht, um in Washington aufzuräumen – seit Reagan war dies das Dauermotiv der Republikaner, geborgt indes auch von Demokraten wie Clinton. George Bush und Al Gore waren auch deshalb Clinton und Bush jun. unterlegen, weil Letztere das Reagan-Motiv der Erlösung und Erneuerung aus dem Herzen des Landes besser verkörpern konnten. Der spätere 40. Präsident der USA war, wie Richard Nixon Kalifornier, doch statt des intriganten Watergate-Finsterlings verkörperte er den gutgläubigen Charmeur. Der einstige Sportjournalist, Altfilmstar und Exgewerkschaftsboss mit dem Cowboyimage hatte Anfang der 60er Jahre seine Rolle gefunden: als Gegner des gesellschaftlichen Aufbruchs in den USA, als Vertreter des älteren, besseren Amerikas. Von 1966 bis 1974 war er Gouverneur Kaliforniens. Als ein Reporter ihn beim Amtsantritt fragte, was für ein Landesvater er denn werden wolle, antwortete er gewitzt: »Ich weiß es nicht. Gouverneur habe ich noch nie gespielt.« Statt Richard Nixon hätte er 1968 fast die republikanische Nominierung für den Kampf ums Weiße Haus gewonnen, 1976 schlug er beinahe Gerald Ford. Doch 1980 sollte es klappen – und Reagan war der älteste Präsident, der je das Amt angetreten hatte. Man sah es ihm nicht an. »Amerika vom Gift des Selbstzweifels retten und von der Orientierungslosigkeit befreien« – das war sein Motto. 44 Staaten stimmten für ihn, nur sechs für Jimmy Carter. In

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Amerikas Parteienlandschaft hinterließ er eine Wählergruppe, die nach ihm benannt wurde: die »Reagan Democrats«. Das waren gemäßigt konservative Südstaatler, für die die Republikaner seit jeher unwählbar gewesen waren, weil sie die Partei Abraham Lincolns, des Nordens und der Emanzipation war. Die amerikanische Besonderheit, dass der konservativste Landesteil fest in den Händen der Demokraten war, wurde durch Reagan beendet. Er eroberte, was erst Bill Clinton später teilweise zurückgewinnen konnte: den Süden. Und eben diesen Süden versuchte der Neutexaner George W. Bush später durch die Umarmung evangelikaler Religiosität an sich zu binden. Auch in diesem Punkt sollte sich Reagan als der wahre geistige Vater von Bush jun. erweisen. Reagan prägte eine Ära: Deregulierung, vor allem in der Luftfahrt, Flexibilisierung, Individualisierung und viel verfügbares Geld – das von den Erben gepumpt worden war. All dies zusammen bewirkte einen dramatischen Modernisierungs- schub, für den der Gesellschaftstypus des Yuppies, der unter Reagan entstand, symptomatisch war. Der Präsident mochte alt sein, seine Profiteure waren jung, städtisch und gebildet. 25- jährige »stock broker«, die zwei Jahre nach ihrem Hochschulabschluss Hunderttausende an der Börse erspielten, wurden zum Sinnbild ihrer Zeit. Wer einen Film über Reagans Amerika drehen wollte, nannte ihn »Greed«, »Gier«. Bret Easton Ellis hat in seinem Roman American Psycho dieser Dekade ein literarisches Denkmal gesetzt; das andere war Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten. David Lynch wurde berühmt, weil er in seinen Filmen die Neurosen unter der glitzernden Oberfläche beschrieb. Neue Begriffe wurden wichtig: »Junk Bonds« beispielsweise, hoch spekulative Risikopapiere. Oder »feindliche Übernahme«: Für Abermilliarden gepumpten Geldes kauften Börsenspekulanten altehrwürdige Firmen auf, zerschlugen sie und verkauften die Trümmer gewinnbringend. Reagan setzte erst die Nachrüstung durch, dann plante er den

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Doppelschlag: Abrüstung und Verteidigung aus dem All. Sein SDI-Projekt, »Krieg der Sterne« genannt, war der Plan einer weltraumgestützten Raketenabwehr. Er war bezeichnend für den 40. Präsidenten: Man wusste bei ihm nie so genau, ob er fantasierte – oder ob ihm etwas genial Einfaches und allemal Sinnvolles eingefallen war. George W. Bush würde mit seiner »Missile Defense« später jedenfalls auch diese Reagan-Vision fortführen. Damals jedoch war die Stimmung mindestens ambivalent. Im November 1983 sahen über 100 Millionen Amerikaner den Film The Day After über die dramatischen Folgen eines Nuklearkrieges. Die »Freeze«-Bewegung gegen weitere Rüstungswettläufe war auf ihrem Höhepunkt. Reagans Tochter Patti unterstützte den Aufruf gegen die Politik ihres Vaters und sprach auf Massenkundgebungen. Der sowjetische Staatschef Andropow nannte Reagan »verrückt« und verglich ihn mit Hitler. Doch dann, im Oktober 1986 in Island und schließlich in Genf, einigte sich Reagan mit Gorbatschow auf die weitgehende Verschrottung der Interkontinentalraketen. Aus Reagan dem Rüster war Reagan der Friedensbringer geworden. Die »Nulllösung« bei den Mittelstreckenwaffen war auch eine dieser Ideen gewesen, die viele für versponnen gehalten hatten, die Reagan angeblich nur vorschob – bis er sie realisierte. Als »den letzten Romantiker« bezeichnete Moskaus stellvertretender Außenminister Bessmertnyk den US-Präsidenten, der im Grunde seines Herzens einfach nur an das Gute und dessen Triumph glaubte. Im Mai 1988 war Reagan dann in der russischen Hauptstadt. In der US-Botschaft empfing er 100 Dissidenten. Ob er denn noch an das »Reich des Bösen« glaube, wurde der US- Präsident gefragt. »Das waren andere Zeiten«, lächelte Reagan. In wahrhaft anderen Zeiten, nach dem 11. September 2001, sollte sich George W. Bush an Reagans »Reich des Bösen« erinnern und für seine Feinde einen ähnlichen Begriff wählen:

»Achse des Bösen«.

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Reagans Außenpolitik blieb turbulent. In Beirut tötete eine Autobombe 241 amerikanische Soldaten. Amerika besetzte Grenada, eine kleine Insel in der Karibik, weil Marxisten dort angeblich US-Bürger gefährdeten. In Wahrheit hielten Reagans Sicherheitsberater einen neuen Tourismusflughafen für ein Aufmarschfeld von Kubanern und Sowjets. Wenn es eine Weltgegend gibt, die für Reagans strengen Antikommunismus den höchsten Preis bezahlt hat, dann Mittelamerika. Honduras wurde zum Trainingscamp für rechte Milizen in Nicaragua, El Salvador und Guatemala. Hunderttausende starben in einem Stellvertreterkrieg der Supermächte.

Zur größten Affäre in Reagans Amtszeit wurde ein Randaspekt dieses schmutzigen Gefechts, ein Aspekt, der Mittelamerika, die Krisenregion der 80er Jahre, mit der künftigen Krisenregion, dem Nahen Osten, verband – es war die »Iran-Contra-Affäre«. Nach der Theorie in Washington erlaubte die Kooperation mit den gemäßigten Kräften innerhalb der iranischen Führung, sanft auf die Freilassung jener Geiseln einzuwirken, die die Islamistenmiliz Hisbollah jahrelang im Libanon festgehalten hatte. Schließlich finanzierte Teheran die Hisbollah. Kooperation hieß in diesem Fall auch, dass die USA die Mullahs im Iran mit Waffen unterstützten. Den Gewinn aus den Rüstungslieferungen leiteten Reagans Mitarbeiter wie der notorische Oberst Oliver North allerdings weiter an die Contras in Nicaragua, die dort die marxistische Regierung der Sandinisten bekämpften. Als »das moralische Äquivalent unserer Gründungsväter« pries Reagan diese Rebellen. Doch die Außenpolitik schien zur Operette zu verkommen. Eine Clique im Weißen Haus hatte Weltmacht gespielt und dabei gegen geltendes Gesetz verstoßen: Der Kongress hatte jede Hilfe für die Contras untersagt. Und gegenüber dem Iran gab es ein Waffenembargo. »Wir haben keine Geiseln gegen Waffen getauscht«, dementierte Reagan folglich.

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Es folgten surreale Szenen in der US-Hauptstadt. Zu Thanksgiving wollte Ronald Reagan die traditionelle Begnadigung eines Truthahns zelebrieren, doch die Reporter im Weißen Haus hatten keine Lust auf gespielte Harmonie. In die Feiertagseintracht riefen sie ihre Fragen hinein: »Wer wird Vorsitzender des Untersuchungsausschusses?« Reagan beugte sich über den Truthahn und fragte den Vogel: »Willst du antworten?« Die Journalisten gaben nicht locker. »Wussten Sie von den Contras?«, riefen sie Reagan zu. »Ich weiß, dass er gut schmecken wird!«, beschied der Präsident. Es dauerte lange, bis sich Reagan zu seinem entscheidenden Fernsehgeständnis durchrang. Es enthielt drei Kernbotschaften. Erstens sei die illegale Weiterleitung der Gewinne aus dem Irangeschäft an die Contras »ein Fehler« gewesen, zweitens habe er persönlich von dieser Verwendung nichts gewusst, drittens übernehme er die volle politische Verantwortung. Reagan stand mit dem Rücken zur Wand; er durchlebte seinen größten Skandal. Doch sein Volk nahm ihm ab, nicht über die Details informiert gewesen zu sein. Für George Bush, der sich im Windschatten hielt, galt dies weniger. Reagans Sicherheitsberater Robert McFarlane, der direkte Vorgesetzte von Oliver North, sagte über den Vizepräsidenten: »Er war lückenlos informiert und unterstützte die Entscheidung.« Der Achse Bush-McFarlane standen Außenminister George Shultz und Verteidigungsminister Caspar Weinberger gegenüber. Insbesondere Weinberger und McFarlane waren Intimfeinde. McFarlane zeichnete sich durch eine »nervtötende Art der ausdruckslosen Nichtteilnahme« aus, wie Colin Powell aus dem Weißen Haus berichtete. Weinberger trieb dieser McFarlane »in den Wahnsinn«, so Powell. McFarlane war es auch gewesen, der in einem Geheimpapier vom 17. Juni 1985 den Anstoß zu jenen Schritten gegeben hatte, die später im Iran- Contra-Skandal publik wurden. Er sah sich in der Nachfolge Henry Kissingers. So, wie der das Undenkbare gewagt hatte, das

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Gespräch mit China, so schlug McFarlane in seinem Dossier vor, dem Iran Waffen zu liefern. Weinberger las das Dokument und kritzelte auf den Umschlag: »Dies ist fast zu absurd, als dass man es kommentieren könnte… Das ist, als würden wir (den libyschen Staatschef) Gaddhafi zu einer netten Plauderstunde nach Washington einladen.« Der Verteidigungs- minister gab intern kund, was er von der vorgeschlagenen Annäherungsstrategie hielt: »Die einzigen Moderaten im Iran liegen auf dem Friedhof.« Die Allianzen, die sich damals im Weißen Haus Reagans bildeten, prägten noch die Zusammensetzung des Kabinetts von George W. Bush. Sowohl Colin Powell als auch Richard Armitage, ein weiterer Mitarbeiter Weinbergers, sollten Bush 43 dienen. Sie alle hielten wenig von George Bush. Weinbergers Einschätzung, dass der Vizepräsident nicht nur »lückenlos informiert« war, sondern die Iranpolitik und die Rüstungslieferungen auch aktiv unterstützt hatte, wurde später von Shultz bestätigt: »Natürlich wusste er Bescheid.« Bush sei schließlich Teil einer in sich geschlossenen Regierung gewesen. Und eben dies war das Problem. Der Vizepräsident der USA hat laut Verfassung keinerlei Aufgabe außer der Vertretung des Staatsoberhauptes und der formellen Leitung des Senats. Welches Arbeitsgebiet er findet, was er tut – jeder Amtsinhaber muss dies neu definieren. George Bush vertrat Reagan auf Reisen. Vor allem die Häufung von Staatsbegräbnissen, des Öfteren in Moskau, führte dazu, dass für die Flüge des George Bush bald das spöttische Motto geprägt wurde: »You die, I fly« (»Man stirbt, ich fliege«). Doch vor allem kümmerte Bush sich um die Organisationsstruktur und die Abläufe des Regierungsapparats. Als Exgeheimdienstchef schuf er Ausschüsse und Kommissionen, Räte und Kleinstrunden, die mehr oder weniger willkürlich zusammengestellt waren – und mehr oder weniger geheim. Bush verstand sich selbst als Fixpunkt im Netz der

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Verbindungen, die im Weißen Haus zusammenliefen. Reagan, der wenig Muße für Akten- und Detailarbeit hatte, überließ ihm diese Rolle gern. Nach der Affäre Iran-Contra machten sich mehrere Aufklärer daran, Bushs Rolle nachzuzeichnen. Der damalige Leitartikler des Boston Globe fasste die Ergebnisse dieser Untersuchungen zusammen: Bush sei »enthusiastisch für den Verkauf amerikanischer Waffen an den Iran« eingetreten; der Vizepräsident habe »eindeutig nicht die Position von Außenminister Shultz oder Verteidigungsminister Weinberger geteilt, die beide die unglückselige Strategie ablehnten«. Dennoch ging er im Skandalsumpf nicht unter. »Hätte ich viel mehr davon gewusst, was wirklich vor sich ging, dann hätte ich geraten: Macht das nicht!«, sagte Bush später. Und in seiner Autobiografie Looking Forward schob Bush die Verantwortung für den mehrfachen Gesetzesbruch jenen zu, über die man »nur begrenzt Kontrolle« gehabt habe. Damit meinte er allerdings nicht den quasiautonomen Stab Oliver Norths unter McFarlane, damit meinte er Israel. Über den Partner an der Ostküste des Mittelmeeres waren 1985 und 1986 zwei größere Waffen- lieferungen an den Iran abgewickelt worden. Israel sollte schuld sein? Oliver North jedenfalls erhielt im November 1985 eine handschriftliche Notiz Bushs. Der Vizepräsident dankte darin für »deinen Einsatz und deine unermüdliche Arbeit mit dem Geisel-Ding und mit Mittelamerika«.

Reagans Amerika erlebte eine Zeit des Fiebers, der Überhitzung, fast des Wahns. Ikonen seiner Zeit waren die Platin-Kreditkarte und Kokain. Dieses Rauschhafte der 80er Jahre glich am ehesten der Stimmung, die in Berlin 1999 oder 2000 herrschte: Alles ist jung, alles ist möglich, neue Firmen gedeihen, die Aktien steigen ins Schwindelerregende. Unter Reagan fasste indes auch, vom Weißen Haus lange ignoriert, die Jahrhundertseuche Aids Fuß: in Krankenzimmern, auf Friedhöfen, im kollektiven Bewusstsein, das jäh einen düsteren Gegenpol zum

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gesellschaftlichen Rausch akzeptieren musste. Reagan setzte viel an Energie frei. Viel davon diente der Selbsttäuschung. Die Rechnung, ein zusammengebrochenes Sparkassensystem – bei dem die Rolle der Bushs an späterer Stelle beleuchtet werden wird – und ein Schuldenberg einmaligen Ausmaßes, mussten die Nachfolger bezahlen. Aber auch immateriell ist Reagans Hinterlassenschaft zum Teil ernüchternd. Vor allem mit der These, dass Amerika, »this great country of ours«, wie Reagan gern sagte, tatsächlich das größte Projekt der Menschheitsgeschichte sei, haderten die Amerikaner zwar nie. Solche Gewissheiten hörten sie nach Watergate, dem Vietnamkrieg und der Ölkrise unter Jimmy Carter gern. Dennoch blieben Unsicherheiten. Zu schön, um wahr zu sein:

Der Eindruck, so sei die Reagan-Zeit gewesen, beschlich viele US-Bürger. Nach Reagan aufwachen hieß für viele seiner Landsleute, gleichsam verkatert zu sein. Bush 41, der Nachfolger, sollte viel von diesen Zweifeln zu hören bekommen. Dass Reagan in zweiter Ehe verheiratet war, störte die Amerikaner kaum, nicht einmal dann, wenn der Präsident zum Thema Moral sprach. Dass Ehefrau Nancy sich von Astrologen beraten ließ und mit Frank Sinatra und dessen Mafia-Freunden allzu eng befreundet war, wurde erst später bekannt. Die Kinder schrieben schmähliche Bücher über ihre Eltern. Doch Ronald Reagan, der Mann des Optimismus, glaubte an das Happy End. Und wie im Film kam es – immer wieder und anders, als erwartet. Im März 1981 überlebte der Präsident ein Attentat, später auch eine schwere Krebsoperation. Er half der Nation, die Tragödie des kurz nach dem Start explodierten Weltraumtransporters »Challenger« zu überwinden, die sich weit tiefer ins amerikanische Bewusstsein eingefressen hat, als in Europa bekannt. Und als dann die Zeit des rüstigen Rentnerdaseins vorbei war, als die Präsidentenbibliothek eingeweiht und

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genügend Leitbilder in die Kameras der Fernsehanstalten gewandert waren, als es ruhig um Reagan wurde, meldete er sich ein letztes Mal. Ein bewegender Brief berichtete den Amerikanern, ihr Altpräsident leide an Alzheimer. »Ich beginne nun die Reise in die Abenddämmerung meines Lebens. Für Amerika wird stets ein heller Morgen folgen!«, schrieb er. Seitdem war es Nancy Reagan, die bei gelegentlichen Auftritten den Bürgern vom Schicksal ihres Mannes berichtete. Beim Staatsakt für den toten Richard Nixon stand er noch einmal neben Gerald Ford, Jimmy Carter, George Bush und Bill Clinton. Seine Tochter weinte. Nicht wegen Nixon, sondern wegen ihres Vaters. Nun rückte die Familie zusammen – am Bett eines Mannes, der langsam starb. Die Entfremdungen und der Streit der Washingtoner Jahre waren vergessen. Seine Gegner haben Reagan anfangs verlacht, bald aber gehasst. Der Cowboy aus Hollywood, der Politik auf ein cleveres Rollenspiel zu reduzieren schien, war mehr. Dass viel Schein zum Weißen Haus gehört, hat Reagan gut gewusst. Doch der naive Chancy Gardener aus Hal Ashbys Film Being There, in dem Peter Sellers einen Gärtner spielt, den der Zufall an die Macht trägt, war er nicht. Teils fremdgesteuert, zuweilen eine Marionette der Rüstungslobby und der Waffenbürokraten – gewiss. Aber Ronald Reagan hat eine Epoche geprägt. Seine Regentschaft war kein Zwischenspiel, sondern ein Kulminationspunkt. Im Kern haben die Bürger der USA gemerkt, dass hier einer sich selbst treu bleibt und eben nicht den Präsidenten mimt, sondern nur sich selbst spielt. So gewann er bei seinen Anhängern auch weniger Bewunderung als Zuneigung, und viele seiner Gegner zollten ihm Respekt. Und in eben jene riesigen Schuhe sollten nun innerhalb von nur zwölf Jahren zwei Mitglieder der Familie Bush treten, denen alles zu fehlen schien, was Reagan hatte: Charme, Charisma, Instinkt, Redegewandtheit und natürliche Bürgernähe. Was die Amtszeiten von Vater und Sohn Bush jeweils im Kern

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kennzeichnete, war die höchst unterschiedliche Antwort auf die Herausforderung, die im Namen Reagan steckte. Aus George Bush, geprägt in den unübersichtlichen 60er und 70er Jahren, wurde ein Nachlassverwalter, ein Nachspiel. Die Deutschen erinnern sich an ihn, weil er ihnen zur Wiedervereinigung verhalf. Amerika aber hat George Bush schnell vergessen. Sein Sohn, geprägt von der angeblichen Klarheit der 80er Jahre, fand eine andere Antwort auf Reagan. Er wollte ebenso simpel und luzide sein. Und so nahm er die Chance wahr, die sein Vater vertat, die Chance, dass auch aus seiner Präsidentschaft eine Ära werden könnte.

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5. Republikanische Freiheit

Die von Richard von Weizsäcker erwähnten »200 Familien« bilden in den USA das Zentrum der Macht und werden als »permanent government«, als »Dauerregierung« beschrieben. Im Gegensatz dazu ist eine Präsidentschaft nur vorübergehend, sie ändert nichts an der grundlegenden Machtverteilung. Mit Jimmy Carter und Bill Clinton eroberten Ende des 20. Jahrhunderts je ein Vertreter der Mittel- und der Unterschicht, beide hoch begabt und die Durchlässigkeiten Amerikas nutzend, das Weiße Haus. Amerika lebte immer von der Spannung zwischen diesen beiden Extremen: Auf der einen Seite gab es eine Kaste, die sich aristokratisch gebärdete und abschottete. Sie erhob Anspruch auf politische Macht und wirtschaftliche Führung und lebte die Vererbbarkeit solchen Einflusses vor. Dies war aber nur möglich, weil ihr gegenüber das hoch flexible Milieu jener bestand, die aus dem Nichts in höchste Ämter gelangen konnten. Die Vererbbarkeit von Macht erscheint Demokraten als unvereinbar mit der Republik als Staatsform. Die USA indes haben sich seit ihrer Gründung und auch schon in der Vorbereitung der Unabhängigkeit das alte Rom als Vorbild genommen. Schon die Gründerväter dachten darüber nach, wie eine Republik der Größe Roms entstehen und wie sie Zerfall, Tyrannei und Monarchie vermeiden kann. Die Beschäftigung mit der antiken Klassik, die Vertrautheit mit den wichtigsten Autoren der römischen Republik – dies alles nimmt im Bildungskanon der amerikanischen Führungsschicht einen ungleich höheren Stellenwert ein als in der modernen Bundesrepublik. Es ist dies ein Erbe, das Amerikas Demokratie direkt von der britischen übernommen hat. Und so stieß auch in den USA die Idee auf Gegenliebe, dass es

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eine »senatorische Klasse« geben könne, eine Schicht wohlhabender Führungsfiguren, die reich genug sind, um nicht von Interessengruppen abzuhängen, die politisch unabhängig genug sind, um nicht der letzten populistischen Wendung hinterhereilen zu müssen, und die intellektuell selbstständig genug sind, um ihr Denken nicht den organisatorischen Interessen fest gefügter Parteien unterordnen zu müssen. Als »disinterested«, im positiven Sinne nicht interessiert, hat Thomas Jefferson, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776, diese Geisteshaltung beschrieben. Die Bushs sind das Paradebeispiel einer Familie, die sich selbst als Bestandteil dieser »senatorischen Klasse« im altrömischen Stil betrachtet, die sie wiederum auch stets mit wandelte und neu erfand. Denn das Modell der Führungskaste, deren Mitglieder auch dann mitregieren, wenn sie einmal ohne Wahlamt sind, war selbst einer steten Veränderung unterworfen. Es war dies eine Veränderung, die niemand perfekter für sich zu nutzen verstand als die Familie Bush. Der Zwittercharakter der USA als besonders durchlässig und zugleich besonders hierarchisch fällt vielen Europäern auf. Ein sichtbares Indiz ist das Nebeneinander des Mythos, vom Tellerwäscher zum Millionär werden zu können, und der faktisch oft starren Ungleichheit im Ökonomischen. Die Tatsache, dass trotz einer breiten Mittelschicht die Einkommens- und Vermögensverteilung in den USA extrem uneinheitlich sind, scheint die meisten Bürger nicht groß zu stören oder gar zu politischen Initiativen zu führen. Die Amerikaner nähren sich vom Mythos der Machbarkeit im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, also der Option, das eigene Schicksal überwinden zu können, einer Option, die bereits in der Unabhängigkeitserklärung als »pursuit of happiness« festgeschrieben wurde. Das beste Mittel, dynastische Ambitionen mit demokratischen Prinzipien zu verbinden, ist der Wandel oder zumindest die

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Neudefinition der Werte, die man vertritt. Denn nur wer sich den Veränderungen der Gesellschaft stellt, kann Anspruch darauf erheben, diese auch zu repräsentieren. Amerika wandelte sich im 20. Jahrhundert entscheidend. Die Bushs gingen mit, mal notgedrungen, mal in vorderster Front. Aus der Gründerzeit Ende des 19. Jahrhunderts kam die Tradition des ungezügelten Kapitalismus, für die George Herbert Walker steht. Beim demokratischen Pendant der Familie, bei den Kennedys, war dies der Finanzjongleur Joe, der Vater von John F. Kennedy. Der Erste Weltkrieg bedeutete dann für die Großfinanz einen unglaublichen Internationalisierungsschub. Schließlich war Amerika durch die Selbstzerfleischung Europas zur Weltmacht aufgestiegen. Dieser Trend setzte sich in den Zwischen- kriegsjahren fort und gipfelte im Zweiten Weltkrieg. Nun waren die USA nicht mehr eine Weltmacht, sondern die Supermacht. Für Familien aus der »senatorischen Klasse« hieß dies, dass neben die freie Wirtschaft der enorm ausgeweitete Staat mit seinen Sicherheitsinteressen als neues Arbeitsfeld trat. Eine Familie, die im Zentrum der Macht stehen wollte, konnte sich nicht länger darauf beschränken, Spitzenposten in Banken, Versicherungen, Unternehmen oder führenden Anwalts- kanzleien zu besetzen. Die Rüstungsindustrie und die entstehenden Geheimdienste traten hinzu. Wieder vollzogen die beiden Gründerväter George Herbert Walker wie Joe Kennedy diese Anpassung mit. Walker verkaufte Kriegsgerät für die Schlachtfelder in Europa; der alte Kennedy ließ unter dem damaligen Marine-Staatssekretär Roosevelt Kriegsschiffe bauen. Es ist auch kein Zufall, dass die jeweils nächste Generation aktiv im Zweiten Weltkrieg kämpfte. Doch sowohl der so deutschlandfreundliche George Bush wie auch der Wahl- Berliner John F. Kennedy kamen im Pazifik zum Einsatz, also gegen Japan, nicht gegen Deutschland. Während Kennedy sich nach dem Krieg auf die Politik beschränkte und erst Abgeordneter, dann Senator wurde, deckte

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George Bush jenes breitere Spektrum ab, das der Auffächerung amerikanischen Einflusses eher entsprach. Ölwirtschaft, Washingtons Politik, der Aufenthalt in China, das Jahr als Geheimdienstchef: Bush knüpfte auch biografisch jene Fäden zusammen, aus denen Amerika das Netz seiner Macht und seines Einflusses gesponnen hatte. So, wie der Zweite Weltkrieg die Sicherheitsbedürfnisse des Staates verändert und einen neuen Komplex aus Industrie, Militär und Sicherheitspolitik hervorgebracht hatte, so wandelten sich die Anforderungen an eine Topfamilie nach den gesellschaftlichen Umbrüchen der späten 60er und 70er Jahre erneut. Diesmal war die maßgebliche Entwicklungslinie inneramerikanischer Natur, es ging um das kulturelle Selbstverständnis der Republikanischen Partei. Amerikas Konservative mussten ihre Haltung gegenüber dem Rassenkonflikt im eigenen Land neu überdenken, sie mussten mit Libertinage und neuen Lebensentwürfen umgehen. Weniges schien nach 1968 unpopulärer als eine skierotische Führungsschicht mit vererbten Privilegien und altbackener Weltanschauung. Die Antwort, die Amerikas Rechte fand, hieß Reagan. Nationaler Stolz statt Vietnamtrauma, Patriotismus statt Gesellschaftskritik, Populismus statt Elitegehabe – das war die Mischung seiner Reaktionsmuster, die ihn so höchst erfolgreich machte. Reagans Antworten fielen nicht vom Himmel. Sie waren Anpassungsleistungen, innerparteiliche Modernisierungs- schübe, umweltadäquate Verhaltensänderungen. Der weiße, angelsächsische Protestant, kurz »WASP«, also der gebildete, entrückte Neuengländer als dominante Figur des Republikanismus hatte endgültig ausgedient. Ein Prescott Bush wurde undenkbar. Er war jetzt zum weltfremden Snob geworden. Ende des 20. Jahrhunderts konnte ein US-Politiker nur gewinnen, wenn er sich als Anti-Establishment, Anti- Washington, also als Vorkämpfer des kleinen Mannes verkaufte.

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Der Republikaner der 80er und 90er Jahre musste das Gegenteil seines Ahnherrn sein. Vieles, was George W. Bush von George Bush unterscheidet, ist eine Fortschreibung von Anpassungen in diese Richtung. Zwei entscheidende Dimensionen dieses Wandels im vorherrschenden Erscheinungsbild republikanischer Spitzenpolitiker sind die Einbeziehung einer Region, des Südens und Südwestens der USA, und einer Religion, des evangelikalfundamentalistisch ausgerichteten Protestantismus. So war George W. Bushs religiöse Wiedergeburt, die später noch ausführlich beschrieben wird, eben nicht nur ein persönliches Ereignis, sondern auch ein – vielleicht unbewusster – dynastischer Schachzug: Wenn sie keine rationale Strategie zur Machtkonservierung war, so war sie doch zumindest eine ideale Parallelentwicklung. Für die Bushs bedeuteten neue Heimaten stets auch mehr Macht. »Wiedergeborener Christ« und »Texaner« zu sein waren zwei Schritte in diese Richtung, zwei nötige Schritte. George Bush ging einen, George W. Bush beide. Kann so viel Wandel glaubhaft sein? Kann eine Partei und können ihre Spitzenvertreter sich so oft häuten? Ist das zu viel der Anpassung? Wo bleibt bei einer solchen Dauerverpuppung die Kontinuität? George, Barbara und George W. Bush haben alle Autobiografien geschrieben. Doch keiner von ihnen hat reflektiert, warum er oder sie eigentlich Republikaner ist. So selbstverständlich und naheliegend war die parteipolitische Heimat. Die Mitgliedschaft bei den Republikanern war die konsequente Folge der eigenen Herkunft, die Verlängerung der Familientradition in die öffentliche Rolle hinein. Zugleich gilt aber auch: Die Partei bot einen flexiblen Rahmen. Eine Begrenzung durch fest gefügte Ideologietraditionen gab es nicht. Republikaner zu sein, das war keine Einschränkung, es war eine Möglichkeit. Aber für die Bushs eben eine gegebene, keine wirklich gewählte. Eine Periode des Nachdenkens, welcher

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Partei man sich denn nun anschließt, durchlebte Reagan. Für die Bushs stellte sich diese Frage nicht. Anders als in Deutschland sind die Grundwerte, Ausrichtungen und Strategien einer Partei wie die der Republikaner sehr variabel. Dies liegt zutiefst in der amerikanischen Geschichte begründet: Der Wandel ist Programm, er war es stets. Seit über zwei Jahrhunderten lebt die Republik namens USA mit einem Zweiparteiensystem. Europäer sind daran gewöhnt, die Demokraten als eher links und die Republikaner als eher rechts einzuordnen. Amerikas Geschichte hat aber dafür gesorgt, dass in einem derart einfachen Raster viele Brüche unberücksichtigt bleiben. Der schwarzen Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre beispielsweise, den Organisationen von Martin Luther King und seinen Mitstreitern, stellten sich weiße Politiker entgegen, die durchweg Demokraten waren. Einer der legendärsten Rassisten der jüngeren US-Geschichte, der viermalige Präsidentschafts- kandidat George Wallace, der lange Gouverneur von Alabama war, stammte aus der Partei von Bill Clinton und Al Gore. Umgekehrt war der Präsident, der die Sklaven nach dem amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 befreit hatte, ein Republikaner: Abraham Lincoln. Es ist richtig, dass heute die amerikanischen Demokraten eher mit europäischen Sozialdemokraten der zentristischen, reformierten Linie wie dem Briten Tony Blair und die Republikaner eher mit den christdemokratischen Mitte-Rechts-Parteien zu vergleichen sind. Richtig ist aber auch, dass George W. Bush einer Familientradition entstammt, die für ein ganz anderes Republikanertum steht. Vor allem in den früh industrialisierten Regionen im Nordosten der USA entstand nach dem Bürgerkrieg eine wohlhabende Klasse von modernen, liberalen Patriziern, die in Banken, Versicherungen oder Großunternehmen ihr Geld machten, als Mäzene aktiv wurden und sich für reformistische Stiftungen einsetzten. Es waren

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fromme Protestanten, die in den eher auf Bedächtigkeit und Besinnung denn auf Gospel und Ekstase ausgerichteten Kirchen engagiert waren, sich wohltätigen Zwecken verschrieben, weltweite Kontaktnetze pflegten und sich als aufgeklärte, bildungsbeflissene, dem Gemeinwohl verpflichtete Staatsbürger sahen. Eine berühmte Familie aus diesem Umfeld sind die Rockefellers, eine andere die Harrimans. Auch die Bushs stammen aus diesem Umfeld der Profiteure des »Gilded Age«, der amerikanischen Entsprechung der deutschen Gründerzeit. Man muss sich dieses Milieu, in dem viel Wert auf Erziehung, Anstand und Tugendhaftigkeit gelegt wurde, ein wenig wie das Hamburger Großbürgertum vorstellen. So, wie die Hamburger Patrizier oft Sozialdemokraten waren, so neigten die altehrwürdigen, liberalen Familien Neuenglands oft den Republikanern zu. Unten, in den Südstaaten, hassten viele Weiße die Republikaner, denn die hatten Lincoln und die Sklavenbefreiung über sie gebracht. Die Schwarzen dagegen beteten Lincoln und seine Partei an. Fast 100 Jahre lang waren die südlichen Bundesstaaten der ehemaligen »Konföderation« durchgehend demokratisch kontrolliert. Der konservativste Landesteil, der Süden, war – unter Weißen – paradoxerweise demokratisch. Im Norden waren die Demokraten vor allem in der Arbeiterschaft stark vertreten. Aber auch die neuen katholischen Einwanderer aus Irland oder Polen waren Kernwähler der Demokraten. Sie waren schließlich keine WASPs und wurden vom britischstämmigen Establishment verachtet. Es ist kein Zufall, dass der erste Ire und der erste Katholik im Weißen Haus der Demokrat John F. Kennedy aus Neuengland war. Denn dort waren seit 1945 die WASPs in die Minderheit geraten. Überspitzt formuliert schienen die Ungehobelten, die Hinterwäldler, der Pöbel und die Rassisten Demokraten zu sein. Wer immer sich ein wenig »Refinement« zugute halten konnte, wer immer also gebildet, wohlerzogen und kulturbeflissen war,

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der machte sein Kreuzchen bei den Republikanern. Er pflegte die Clubs seiner Universitäts-Alumni, suchte die Mitgliedschaft in exklusiven »Country Clubs«, verbrachte seinen Urlaub in schützenden Enklaven wie Jupiter Island und hatte ebenso viel Geld wie Angst davor, der Gier oder des Geizes bezichtigt zu werden. Mit diesem Weltbild wuchsen sowohl Vater als auch Sohn Bush auf. Es ist nur sehr schwer zu beantworten, was an den Veränderungen und Anpassungen der Bushs Fassade ist und was Substanz hat. Dass George W. Bush eher als sein Vater die Herzen der Amerikaner ansprach, dürfte indes damit zusammenhängen, dass sein ganzes Wesen die neue Dominanz des religiösen Südens spiegelte. George Bush hingegen blieb zeitlebens stark dem Republikanerbild seiner Ahnen verhaftet. Wie sehr er damit als zerrissener Mensch wahrgenommen wurde, ist an den unzähligen abfälligen Bemerkungen über George Bushs Heimat ablesbar. Bush 41 wurde berühmt als der Mann, der nicht weiß, wo er herkommt, der mal Connecticut und mal Maine, mal Massachusetts und mal Texas als seine Heimat angab. Im flexiblen Amerika ist ein Umzug keineswegs verwerflich. An Bush konnte dies als Vorwurf nur kleben bleiben, weil sich hinter den Ortswechseln mehr verbarg: die intuitive Erkenntnis der Amerikaner, dass sie in ihm einen wahrhaft Heimatlosen vor sich hatten. Das Bild hingegen, das Europäer von republikanischen Politikern in den USA haben, ist durch die jüngste Vergangenheit geprägt. Wer ist der Inbegriff des Republikaners? Reagan. Da ist die mentale Herkunft aus Hollywood, die Schwarz-Weiß-Malerei, die Vorliebe für Showeffekte. Seine Wirtschaftspolitik war nicht konservativ im Sinne des Vertrauens auf einen starken Staat, sie war liberal. Als Person stand Reagan je nach Geschmack für den »ganzen Kerl« oder eben für den »schießwütigen Cowboy«, immer bereit, die Komplexität der Welt auf einen simplen Nenner zu bringen.

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Reagan war es, der das neuenglische, patrizierhafte Bush-Erbe um den neuen Mainstream-Republikanismus der 80er Jahre ergänzte: um das Populäre und das Patriotische. George W. Bush ist zu großen Teilen als der Versuch zu verstehen, aus Reagans Erfolg einerseits und aus der Herkunft seines Vaters andererseits die optimale Fusion herzustellen, die beiden so unterschiedlichen Kernströmungen innerhalb seiner Partei also miteinander zu verbinden. Was für Reagan Hollywood und der Westen war, das Korrektiv zum Patrizierhaften also, war für Bush jun. Texas und die Ölindustrie.

Als George W. Bush seinem Vater schließlich nachfolgen sollte, haben auch Nordkorea, Marokko, Jordanien und Syrien einen alten Herrscher durch dessen Sohn ersetzt. Eine Ehrengalerie demokratischer Regierungssysteme ist das nicht gerade. Die Gründe für diesen Hang zum Ersatzkönigtum in den USA sind äußerst komplex. Denn es handelte sich dabei nicht um eine einmalige Angelegenheit. Schon in der Gründergeneration der Vereinigten Staaten saßen Vater und Sohn der Familie Adams im Weißen Haus. Später folgte auf den Präsidenten Theodore Roosevelt sein Cousin Franklin D. Roosevelt im höchsten Staatsamt. Und es war auch nicht so, als hätten die Amerikaner bei den Präsidentschaftswahlen am 7. November 2000 die Wahl zwischen einem Elitezögling und Präsidentensohn auf der einen und einem Aufsteiger aus rauen Verhältnissen auf der anderen Seite gehabt. George W. Bush und sein demokratischer Rivale Al Gore waren beide Ziehkinder der politischen Elite: Geld, Beziehungen und eine erstklassige Erziehung waren gegeben. Es war eine Wahl zwischen zwei Versionen eines retardierenden Moments. Mit Reagan und Clinton haben die USA zwei Präsidenten gehabt, die den Homo Faber, den »selfmade man«, verkörperten. »Selfmade« war an George W. Bush und Al Gore

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herzlich wenig. Deshalb zuckte das Land mit den Schultern. Deshalb auch war die Kritik am System, an der Art und Weise, wie politische Karrieren nur durch Millionenspenden ermöglicht werden, so laut wie noch nie. Das Volk mag die Vergewisserung im Vertrauten, doch es reagiert mit sichtlichem Unbehagen, wenn die Verteidigung der Familienehre ein Leitmotiv der Demokratie wird. Großbritannien, für die USA noch immer der wichtigste Vergleichsmaßstab in Sachen politische Kultur, hat zwar eine Monarchie und ein Oberhaus. Doch einen Premier, dessen Ahnherr auch Premier war, gab es noch nie. Amerika, dem der König fehlt, pendelt hin und her zwischen der Familiensaga à la »Camelot«, dem Hof der Kennedys, von dem in der Verfassung nichts steht, und, zur Erneuerung, den Machttypen aus dem Urgrund. Weder Bush jun. noch Gore begeisterten – eben weil sie nichts weiter waren als die aktuelle Personalofferte etablierter Politk- klans. Bill Clinton, ein Aufsteigertyp wie Gerhard Schröder, konnte da mehr Emotionen wecken. Es sind Figuren wie Clinton, die die Demokratie als überzeugende Leitbilder zuweilen braucht. Die Durchlässigkeit sozialer Strukturen lässt sich nicht besser belegen als am Beispiel eines Regierungschefs, der in Armut und in Unkenntnis des eigenen Vaters aufwuchs, was für Clinton und Schröder gleichermaßen gilt. Doch woher kommt die seltsame Neigung Amerikas, das Aufsteiger-Unikat durch ein Establishment-Serienprodukt zu ersetzen? Der Zufall jedenfalls kann es nicht sein, der im Jahr 2000 aus knapp 280 Millionen Amerikanern ausgerechnet Bush und Gore als die Besten auswählte, zwei Männer, die auch noch die Vornamen ihrer Väter trugen. Solcher Nepotismus beschränkte sich nicht auf die beiden Spitzenkandidaten. Gleich fünf Kennedys durften beim Nominierungsparteitag der Demokraten im August 2000 in Los Angeles Reden halten. Hillary Clinton wurde Senatorin in New York, noch ehe sie aus dem Weißen Haus ausgezogen war. Drei

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Witwen saßen Anfang 2000 im US-Repräsentantenhaus, nachdem sie erst ihren verunglückten Männern gefolgt waren und dann in Wahlen bestätigt wurden. Namen und Bekanntheit sind heute in der US-Politik jenes Kapital, das durch nichts zu ersetzen ist. Der jüngste Abgeordnete im Repräsentantenhaus, der 1970 geborene Harold Ford, vertritt den Wahlbezirk in Memphis am Mississippi im US-Bundesstaat Tennessee, den sein gleichnamiger Vater zuvor 22 Jahre lang repräsentiert hatte. In jüngster Zeit saßen im 100-köpfigen US-Senat, einer direkten Nachbildung des altrömischen Vorbildes, fünf Parlamentarier, deren Väter auch bereits Senator gewesen waren. Die Lust an den Dynastien ist etwas, das die Amerikaner in diesen verwirrenden Globalisierungs-, Multikulturalismus- und Zuwanderungszeiten zusammenhält. Dynastien schaffen Vertrautheit, und Vertrautheit macht Heimat aus – in jeder Partei. Dynastien suggerieren Nähe, Geborgenheit, Schutz. Man kennt sich. Das beruhigt in unruhigen Zeiten. Dazu kam, was die Wahlen 2000 angeht, eine weitere Emotion aus der Seifenopernwelt, das schlechte politische Gewissen. Weil Millionen es nach der Affäre um die ganz besondere Praktikantin Monica Lewinsky bereuten, im November 1992 George Bush vor die Tür gesetzt und stattdessen den Hallodri Clinton hereingeholt zu haben, strich der Sohn die Wiedergutmachung ein. Wie sehr die Amerikaner selbst George W. Bush ursprünglich als Klon seines Vaters begriffen, zeigt sich an zwei Episoden. In der Frühphase des ersten Wahlkampfs des Juniors, als er sich 1977 um einen Sitz im Repräsentantenhaus bewarb, gab sein Gegenkandidat Kent Hance eine Erhebung über die Stärken seines Konkurrenten in Auftrag. Hance wollte sich auf Bushs Profil einstellen können. »Die Umfrage war fertig, und der wichtigste Grund, weshalb sich Leute für Bush aussprachen, war seine ordentliche Leistung in China«, erzählte Hance später. Dabei war es bekanntlich der Vater gewesen, der in Peking als Botschafter Pionierarbeit

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geleistet hatte, nicht der Sohn. Dieses Muster sollte sich im Präsidentschaftswahlkampf von 2000 wiederholen. Die Texaner selbst hatten natürlich inzwischen begriffen, dass ein anderer Bush sie als Gouverneur regierte. Doch die US-Bürger insgesamt gaben in einer Meinungsumfrage im Spätsommer 1999 an, George W. Bushs hervorragendste Qualifikation sei seine außenpolitische Erfahrung. Die aber hatte der Vater, nicht der Sohn. Dem Projekt Restauration, der internen Triebfeder des 2000er- Wahlkampfs, war der Älteste und Namensgleiche dienlicher als der jüngere Bruder Jeb. Jeb wurde zwar lange als der politisch Erfolgversprechendere gehandelt, aber er war zum Katholizismus übergetreten und mit einer Mexikanerin verheiratet. Kurz: Jeb Bush wäre der ideale Kandidat für die nächste Verpuppung der Partei, für die Anpassung an die Lateinamerikanisierung und Katholisierung der USA, nicht aber für eine in Teilen rückwärts gewandte Wiedergutmachung, eben George W. Bushs Wahlsieg 2000. Doch die Präsidentschaftswahl von 2000 war der Endpunkt in einem Duell, dessen Ausgang alles andere als vorbestimmt war. Der Weg der Königskinder war verschlungen. Vor allem George W. Bush musste mehr Felsbrocken aus dem Weg räumen, als er je gedacht hätte. »Ich habe die Hälfte seiner Freunde geerbt, aber alle seine Feinde«, sagte er über seinen Vater. Zwar war der mit seinem eigenen Aufstieg für den Sohn der entscheidende Wegbereiter. Zu Recht sieht ihn die Welt als solchen. Weniger offen liegen die Anteile, zu denen Bush 41 für Bush 43 bestenfalls Pfadfinder und Wegweiser war, oft aber auch ein Schild mit einem Pfeil in die Vergangenheit. Mit dem 11. September sollte in George W. Bush das Korrektiv zu seinem Vater, der Geist Ronald Reagans, auferstehen. Erst nach dem Terror wurde klar, wie sehr die Heimat des Sohnes sich von der des Vaters wirklich unterschied.

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Die beiden ältesten Bush-Brüder Ge orge W. und Jeb verbindet vieles, politisch wie auch privat.

Die beiden ältesten Bush-Brüder George W. und Jeb verbindet vieles, politisch wie auch privat. Eigentlich wurde Jeb lange Zeit als der erfolgversprechendere Politiker gehandelt, doch die Präsidentschaftskandidatur ging nicht an ihn. Das Verhältnis der beiden Brüder zueinander ist davon jedoch unbeschadet geblieben.

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II.

DIE MACHT

6. Weiter ein Stellvertreter

Als George Bush 1988 endlich selbst Präsident werden wollte, tauchte das Gespenst des Iran-Contra-Skandals erneut auf. Es ging um dessen Anfänge, die im Wahlkampf von 1980 lagen und nicht weniger bizarr sind als die Iran-Contra-Affäre selbst. Damals soll sich eine Episode zugetragen haben, die in den USA lange nur mit äußerst spitzen Fingern angefasst wurde. Es ging um eine Geschichte, die eine Melange aus halbseidenen Zeugen, dürftigen Beweisen, wilden Spekulationen, aus Spionagekrimi und politischer Verunglimpfung ist. Im Zentrum dieses Thrillers steht eine ungeheuerliche Behauptung: Das Reagan-Bush-Team habe des eigenen politischen Vorteils willen die Leiden von 52 amerikanischen Geiseln im Iran verlängert. Oder, noch schärfer formuliert: Bush habe Amerikaner an die Mullahs in Teheran verkauft, um selbst im Schlepptau Reagans als Vize an die Macht zu gelangen. Die Theorie ist unter dem Schlagwort »October Surprise« bekannt geworden – allerdings erst Jahre später. 1980 trieb eine Furcht die Republikaner um: dass es dem glücklosen Jimmy Carter gelingen könnte, unmittelbar vor der Wahl im November ein Kaninchen aus dem Hut zu zaubern. Was am effektivsten sein würde, war klar: die Freilassung der Botschaftsgeiseln in Teheran. Im Iran hatten die Anhänger Ayatollah Khomeinis nach dem Sturz des Schahs 1979 die amerikanische Botschaft belagert und dort seither US-Bürger als Geiseln festgehalten. Ganz Amerika nahm Anteil am Schicksal der Gefangenen und band gelbe Schleifen um Zäune, Strommasten und Bäume im Vorgarten. Die »Yellow Ribbons« wurden zum Symbol des Mitgefühls – und der eigenen Ohnmacht, die Amerika verzehrte. Für die Republikaner konnte es trotz aller Anteilnahme nur ein taktisches Ziel geben: Carter die Gelegenheit zu einer »October

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Surprise« zu vermasseln. Im Zentrum der Hypothese steht ein knapp bemessener Zeitraum. Es geht um 21 Stunden zwischen dem späten Abend des 18. Oktober 1980 und dem frühen Abend des darauf folgenden Tages, um die Zeit zwischen Bushs Rückkehr von einer Wahlkampfreise und einer Rede, die der Vizekandidat in der US-Hauptstadt hielt. Strittig und bis heute ungeklärt ist, ob Bush eilig nach Paris flog und dort Emissären der Mullahs das Versprechen abnahm, die US-Geiseln auf keinen Fall noch in der Amtszeit Carters freizulassen. Im Gegenzug sollen großzügige Rüstungslieferungen und die Freigabe eingefrorenen iranischen Vermögens versprochen worden sein. Ein lukrativer Deal mit dem Todfeind, so es ihn denn wirklich gegeben haben sollte: Macht gegen Geld und Waffen. Vier Zeugen gibt es, die sich mit unterschiedlicher Glaubwürdigkeit und mit unterschiedlicher Detailkenntnis anführen lassen. Zwei sind Amerikaner, die angeben, freie Mitarbeiter des CIA gewesen zu sein. Richard Brenneke aus Oregon, ein Geschäftsmann und Waffenhändler, sagte vor einem Bundesgericht der USA aus, er sei bei den Pariser Treffen zugegen gewesen. Brenneke trat als Zeuge für seinen Freund Heinrich Rupp auf, einen in Deutschland geborenen und zuletzt in Colorado wohnenden Goldhändler und Piloten. Rupp saß wegen Betrugs in Haft, als Brenneke sich für ihn verwandte. Brenneke zufolge nahmen William Casey, damals Reagans Wahlkampfchef, und Donald Gregg vom National Security Council des Weißen Hauses an den Verhandlungen teil. Rupp sagte gegenüber dem Boston Globe in einem Telefongespräch aus dem Gefängnis, Bush sei ebenfalls dabei gewesen: »Er war da – kein Vielleicht, kein Aber, kein Möglicherweise.« Kenneth Quails, Manager der Charterfluggesellschaft Tiger Air, deren Maschinen Brenneke und Rupp benutzt haben wollen, sagte in einem Telefonat, das heimlich aufgezeichnet und der US-Presse zugespielt wurde, über die Geiseln und Bush: »Die leben doch,

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oder? Wen kümmert es, wenn er erst da war und dann gelogen hat? Fakt ist, er hat einen Deal gemacht. Im Nahen Osten macht man ständig solche Deals. Irgendein Kartoffelbauer in Iowa ist jetzt vielleicht sauer auf Bush und will seine Amtsenthebung. Aber die, die sich in der Welt auskennen, sagen doch eher: Die haben getan, was getan werden musste.« Rupp behauptet, eine Maschine vom Typ BAC 111 für den Frankreichflug benutzt zu haben. Ein solches Flugzeug besitzt auch ein Geschäftspartner der Bushs namens Salim bin Laden, auf den später noch näher eingegangen wird. Eine Variante der »October Surprise«-Geschichte führt jedenfalls bin Laden statt Tiger Air als den Bereitsteller des Transportmittels gen Paris an. Bush, Casey und Gregg streiten strikt ab, in Paris gewesen zu sein. Keiner der drei kann indes beweisen, dass er andernorts war. Kreditkartenbelege, die später auftauchten, machen es wahrscheinlich, dass Brenneke sich in Wahrheit an der US- Westküste aufhielt und vor Gericht über seinen angeblichen Paris-Aufenthalt log. Glaubhafter als Brenneke und Rupp sind ohnedies die anderen beiden Zeugen. Barbara Honneger, die nach der Wahl im Weißen Haus an prominenter Stelle für Reagan arbeiten sollte, gibt an, am 22. Oktober 1980 habe ihr ein Wahlkampfhelfer des Reagan-Bush-Teams triumphierend versichert, man brauche vor einer »October Surprise« Carters keine Angst mehr zu haben, da »Dick einen Deal geschlossen hat«. Und Irans erster Revolutionspräsident Abdulhassan Banisadr war 1986 der Erste, der öffentlich von einem Deal in Paris sprach. Banisadr, inzwischen von Khomeini ins französische Exil gedrängt, hatte Jimmy Carter, dem politischen Opfer der angeblichen Aktion, mitgeteilt, es gebe da »eine Einigung, an der McFarlane und Bush beteiligt waren«. Carter wiederum berichtet von dieser Äußerung Banisadrs in einem Brief von 1988, der in einem US-Magazin veröffentlicht wurde. Jenseits der Mutmaßungen gibt es Fakten, die gesichert sind.

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Reagan und Bush hatten 1980 eine Sonderarbeitsgruppe geschaffen, der zahlreiche hohe Offiziere angehörten. Eine Aufgabe dieser Gruppe bestand darin, auffällige Bewegungen von Waffen oder Soldaten zu verfolgen. Es galt, die »October Surprise« abzuwehren, dass nämlich Carter die Geiseln von Teheran mit Waffengewalt befreien und damit die Wahl gewinnen würde. Zumindest wollte man frühzeitig Bescheid wissen. Klar ist auch, dass die Reagan-Bush-Mannschaft bemüht war, Carters Fachmann für die Geiselverhandlungen, Herbert Cohen, abzuwerben. Bushs Bruder Prescott lud Cohen zu einem Mittagessen in den Yale Club in New York City ein, um ihn zum Wechsel in das republikanische Team zu bewegen. Unbestritten ist auch, dass sich drei hochrangige Berater von Reagan und Bush – darunter Reagans Chefaußenpolitikberater Richard »Dick« Allen sowie der spätere Nationale Sicherheitsberater Robert McFarlane – Anfang Oktober 1980 in Washingtons L’Enfant Plaza Hotel mit einem Iraner namens Lavi trafen. Dieser bot genau jenen Handel an, der dann angeblich in Paris festgezurrt wurde. Zuletzt deutete Reagan während einer Wahlkampfveranstaltung am 21. Oktober, also unmittelbar nach der fraglichen Zusammenkunft in Frankreich, an, er habe einen Geheimplan zur Befreiung der Geiseln. Einen Tag später hörte Honneger dann, dass »Dick« Allen für den Pariser Kuhhandel verantwortlich sei. Am 23. Oktober ließ der Iran in seinen Verhandlungen mit Carter über die Freilassung der Geiseln plötzlich seine bisherige Kernforderung fallen: dass bereits vom gestürzten Schah bezahlte Ersatzteile für Rüstungsgüter freigegeben und geliefert werden müssten. Brauchte Teheran etwa von Carter nicht mehr zu verlangen, was Reagan und Bush gerade zugesagt hatten? Und schließlich: War es ein Zufall, dass die Geiseln letztlich genau 15 Minuten nach der Vereidigung Reagans freigelassen wurden? Begannen aufgrund dieses Deals schon zwei Monate nach Reagans Amtsantritt die geheimen Waffenlieferungen der

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USA an Iran, wobei Israel als Mittelsmann benutzt wurde? Waffen übrigens, die der Iran im gerade ausgebrochenen ersten Golfkrieg gegen den Irak Saddam Husseins, den Angreifer, so dringend zu seiner Verteidigung brauchte? Mansur Farhang, damals Irans Botschafter bei der UNO, sagte in der Rückschau: »Ich bezweifle, dass das die Sorte Abmachung ist, wo man Fingerabdrücke zurücklässt. Aber ich bin persönlich davon überzeugt, dass es da diese Interessenübereinstimmung gab, diese Verständigung.« Stansfield Turner, damals CIA-Chef, erklärte knapp zehn Jahre später: »Ich habe keine harten Beweise für einen Deal gesehen, aber ich bin überzeugt, dass es einige Treffen gab, die zu einem Deal geführt haben könnten.« Ein weiterer Name in dem Verwirrspiel passt bestens in das Tableau gleich berühmter wie mysteriöser Figuren. Robert Benes, früher französischer Geheimdienstler, soll Bushs Parisreise organisiert haben. Benes ist der Großneffe des Gründers der Tschechoslowakei – dessen Tochter wiederum die Ehefrau von Zbigniew Brzezinski ist, dem Sicherheitsberater Carters. Robert Benes soll seine Berichte über den Deal von Paris an den damaligen französischen Geheimdienstchef Alexandre de Marenches übergeben haben, der wiederum die heiklen Papiere mit in die USA nahm, als er Ende 1980 den gewählten – aber noch nicht vereidigten – neuen Präsidenten Reagan besuchte. Frankreich, so die These, wollte den USA signalisieren, welch brisantes Material man gegen das neue Spitzenduo in der Hand hielt. Keine dieser Mutmaßungen ließ sich erhärten. Doch die Geschichte sollte ihr Eigenleben entfalten – acht Jahre später, als Bush nicht mehr Vize werden wollte, sondern Präsident. Als erste seriöse Zeitung berichtete der Boston Globe am 23. Oktober 1988 in großer Aufmachung über den vermeintlichen Handel, bei dem George Bush in Paris die Haftdauer der 52 amerikanischen Geiseln gegen Waffenlieferungen im Wert von

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35 bis 40 Millionen Dollar verlängert haben soll. Drei Wochen lang recherchierten führende Reporter der Zeitung in den USA, im Nahen Osten und in Europa. Dennoch war der Tenor dieses breit angelegten Artikels zurückhaltend, denn schlüssige Beweise waren nicht aufgetaucht. Doch die Terminierung und Platzierung der Geschichte waren an sich schon von Bedeutung. Denn die Frage, ob 1980 eine »October Surprise« zugunsten von Carter vereitelt wurde, kam genau zwei Legislaturperioden später ans Licht, ausgerechnet in der Heimat des Demokraten Mike Dukakis, der Bush im Duell um die Reagan-Nachfolge im Weißen Haus besiegen wollte. Die verpatzte »Oktober- Überraschung« von 1980 wurde 1988 Wahlkampfmunition – gegen Bush. Diese »October Surprise« war definitiv keine Fiktion. 300 zornige Amerikaner zogen vor Bushs Hauptquartier in Massachusetts und beschimpften den republikanischen Kandidaten. Der angebliche Vorfall von 1980 fügte sich bestens in das Bild, das die Kritiker sich von Bush während seiner acht Jahre als Vizepräsident gemacht hatten. Denn das Damoklesschwert, das nun, 1988, über dem Kandidaten hing, hieß – wie 1980 – Iran. Nur war diesmal nicht der ominöse Deal gemeint, sondern die Iran-Contra-Affäre, deren Aufarbeitung fast das ganze Jahr 1987 über angedauert hatte. Aus den Verstrickungen von Iran- Contra konnte sich Bush nur mit Mühe befreien, und das Letzte, was er brauchen konnte, waren Enthüllungen, die diesen Skandal im Nachhinein bis in die Anfangszeit seiner Arbeit im Weißen Haus verlängerten. Wie viel er von der Verschiebung von Waffen an den Iran gegen die Freilassung von US-Geiseln aus dem Libanon und die Weiterleitung der Erlöse an die nicaraguanischen Contra- Rebellen wirklich wusste, wird wohl erst vollständig zu klären sein, wenn alle Akten freigegeben werden. Bushs angebliche Parisreise bleibt äußerst zweifelhaft. Mittlerweile gilt zumindest als erwiesen, dass James Baker, von 1989 an Bushs

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Außenminister, im Herbst 1980 Gespräche mit hochrangigen Vertretern Irans führte – eine Variante, für die angesichts der sehr engen Kontakte der Bush-Familie zu Baker viel spricht. Offiziell war es Bakers Ziel, zu klären, wann mit der Heimkehr der Geiseln gerechnet werden durfte. Inoffiziell war klar, dass die Republikaner verhindern wollten, dass Carter zum Profiteur einer Freilassung wurde. Carter seinerseits streute gegenteilige Informationen. Er verriet seinem Umfeld, dass er fest davon ausging, die Freigelassenen noch während des Wahlkampfes zu Hause in den USA willkommen heißen zu können. Dazu kam es nicht. Carter war politisch tot, Bush aber hatte alles überlebt – sowohl den angeblichen Handel von 1980 als auch seine erwiesene Mitschuld an der Iran-Contra-Affäre. 1988 war Bush endlich, was er ursprünglich schon 1980 hatte sein wollen: Präsidentschaftskandidat der Republikaner.

Es war ein seltsamer Wahlkampf. Gegenüber dem demokratischen Gouverneur von Massachusetts, Mike Dukakis, lag Bush zunächst in den Umfragen weit zurück. Dann setzte eine Reihe von Peinlichkeiten ein, die die Abstimmung im November zugunsten des Republikaners entschieden. Dukakis, ein kleiner, griechischstämmiger Mann, hatte sich in seinen drei Amtszeiten als Gouverneur des Neuenglandstaates einen Ruf als Haushaltssanierer und wirtschaftlicher Pragmatiker erworben. Auf seinen Fahnen stand das »Massachusetts Miracle«, die Umwandlung des einstigen Industriestaates in ein High Tech- Land. So, wie aus dem Ruhrgebiet ohne Kohle und Stahl eine Region der neuen Medien und der Dienstleistungsindustrie wurde, so hatte Dukakis versucht, an den Ausfallstraßen rund um Groß-Boston Unternehmen aus den neuen Branchen Software und Biotechnologie anzusiedeln. Dukakis selbst war ein zwiespältiges Wesen. Nach seiner ersten Amtszeit als G