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Netzwerk und Adresse

Veronika Tacke 1

Zusammenfassung: Der Artikel schlägt vor, Netzwerke systemtheoretisch über das


Konzept der sozialen Adresse zu konzeptualisieren und im Kontext der Theorie
funktionaler Differenzierung als eine sekundäre Form der Ordnungsbildung in der
modernen Gesellschaft zu beschreiben. Im Unterschied zu Systemen, deren
Konstitution einem Primat der Problemstellung folgt, bilden sich (personale und
organisationale) Netzwerke über einen Primat der Adresse. Sie konstituieren sich
durch eine reflexive Kombination von Möglichkeiten, die mit 'polykontexturalen
Adressen' – ihrem spezifischen Profil der Inklusion und Exklusion – verbundenen
sind. Sie generieren dabei neue Problemstellungen und Steigerungsmöglichkeiten. –
Der Artikel entwickelt den Begriffsvorschlag in Auseinandersetzung mit dem sozio-
logischen Netzwerkansatz und entfaltet ihn sodann im Rekurs auf differenzierungs-
theoretische Argumente und empirische Einsichten aus der Migrations- und
Organisationsforschung.

I. Einleitung

Das sozialwissenschaftliche Interesse für Netzwerkphänomene ist in den


vergangenen Jahren sichtbar gewachsen. Dazu hat nicht zuletzt die
Organisationsforschung in der Soziologie, der Wirtschafts- und der
Politikwissenschaft beigetragen, die seit Mitte der 1980er Jahre einen
deutlichen Relevanzgewinn von Netzwerken – wenn nicht eine “Netz-
werkrevolution” (Teubner 2000, 4) – empirisch ausgemacht hat. Allein in
diesem Feld der Netzwerkforschung zeigt sich eine extreme
Unübersichtlichkeit und Uneinheitlichkeit der Beschreibungen, die aus
unterschiedlichen disziplinären Reflexionsmodi und Theorieansprüchen
ebenso resultiert wie aus der empirischen Vielfalt und kontextspezi-
fischen Heterogenität beobachteter Vernetzungsphänomene. Im Ergebnis
stehen sich heute eine Reihe sehr spezifisch gebauter Netzwerkkonzepte

1 Ich danke den TeilnehmerInnen des Bielefelder Systemtheoretischen


Kolloquiums am 29.5.00 sowie Gunther Teubner für kritische Anregungen. Mein
besonderer Dank gilt Michael Bommes, ohne dessen fortgesetzte Diskussions-
bereitschaft es den vorliegenden Text, für dessen Schwächen die Autorin allein
zeichnet, nicht gäbe.

Soziale Systeme 6 (2000), H. 2, Verlag Leske + Budrich, Opladen S.291-320.


Netzwerk und Adresse 3
gegenüber, ohne daß dabei sichtbar wird, was die verschiedenen
Phänomene gemeinsam als Netzwerke auszeichnet und also solche von
Organisationen unterscheidet. Die bestehende Schwierigkeit, “für so ver-
schiedene Verhältnisse eine einheitliche Formel zu finden” (Luhmann
2000, 408), verstärkt sich noch, wenn in Rechnung gestellt wird, daß
Netzwerke, jedenfalls für die Soziologie, nicht von vornherein einen
organisationsspezifischen Sachverhalt darstellen. Man denke, um nur ein
empirisches Beispiel zu nennen, an Netzwerke der Migration (Pries 1996;
Müller-Mahn 2000).
Im Rahmen der Systemtheorie ist auf diese jüngere Diskussion sowie
die mit dem Netzwerkproblem für sie verbundene theoretische Heraus-
forderung 2 nur zögerlich reagiert worden. Zwar kommt der
Netzwerkterm in systemtheoretischen Texten verschiedentlich und zu-
nehmend häufig vor (vgl. für einen Überblick: Kämper/Schmidt 2000,
219ff.), es wurden aber abgesehen von losen Verwendungen eigentlich
nur zwei Vorschläge für ein systemtheoretisches Netzwerkkonzept aus-
gearbeitet. Während Teubner (1992) zunächst vorgeschlagen hat, Netz-
werke als ein “echtes Emergenzphänomen” zu fassen, das sich im Modus
eines re-entry von Vertrag und Organisation – als den zugrunde
liegenden Netzwerkkonstituenten – abhebe, haben Kämper und Schmidt
(2000) Netzwerke als eine strukturelle Kopplung von Organisationen be-
schrieben und das zentrale Moment in der Inanspruchnahme von Inter-
aktionssystemen gesehen. Beide Vorschläge sind auf den Fall von
Organisationsnetzwerken hin konzeptualisiert. Sie sind dabei zum einen
in einer Weise spezifiziert (Vertrag/Organisation; Interaktion), daß sie
empirisch jeweils ganz unterschiedliche organisatorische Vernetzungs-
phänomene zu erfassen vermögen 3 und damit dann beide kein hin-
reichend allgemeines Konzept des Organisationsnetzwerkes
repräsentieren können. Hinzu kommt zum anderen, daß die hochspezi-
fischen begrifflichen Zuschnitte kaum Gesichtspunkte für theoretische
Generalisierungen auch über den Fall organisatorischer Netzwerk-
phänomene hinaus anbieten 4 .
Im Interesse an der Entwicklung eines systemtheoretisch allgemeinen

2 Die Herausforderung besteht für diese Theorie mit Universalismusanspruch nicht


nur darin, auch noch dieses soziale Phänomen beschreiben zu können, sondern
mehr noch darin, einen Unmöglichkeitsverdacht auszuräumen. Er lautet, die
Systemtheorie greife mit der Prämisse, daß Offenheit Geschlossenheit voraus-
setze, “bei der Beschreibung prinzipiell nicht begrenzter Zusammenhänge ins
Leere” (Hessinger u.a. 2000, 66; ähnlich: Weyer 2000, 245).
3 Die Beschreibungen lassen zwar, empirisch gesehen, einen Überschneidungs-
bereich erkennen, sind aber wechselseitig nicht inklusiv: Während die Unter-
scheidung Vertrag/ Organisation nicht geeignet erscheint, auch Fällen nicht-
vertraglicher, vertrauensbasierter organisatorischer Beziehungsnetzwerke zu ent-
sprechen, sind beispielsweise Fälle des sogenannten 'Franchising' nicht plausibel
im Rekurs auf die Inanspruchnahme von Interaktion beschreibbar.
4 Es wird sich im weiteren allerdings zeigen, daß die Vorstellung der Konstitution
von Netzwerken über einen reflexiven Modus (Re-Entry) plausiblere Anschlüsse
bietet als die Annahme der Interaktionsabhängigkeit von Netzwerken.
4 Veronika TackeTF FT
und respezifizierbaren Netzwerkkonzeptes werde ich vor dem Hinter-
grund dieser Ausgangslage im weiteren nicht den Weg der Aus-
einandersetzung mit vorliegenden systemtheoretischen Begriffsvor-
schlägen gehen. Vielmehr werde ich allgemeiner ansetzen und diese
beiden Vorschläge ebenso wie die handlungstheoretischen Kontroversen
in der organisationsbezogenen Netzwerkdebatte, zu denen die beiden
systemtheoretischen Vorschläge erkennbare Affinitäten aufweisen, zu-
nächst auf Distanz bringen 5 .
Auf Distanz bringen werde ich auch zunächst Fragen, die sich in der
Systemtheorie mit dem Netzwerkproblem unmittelbar zu stellen
scheinen. Ist ein Netzwerk ein System? Hat es eine Umwelt? Sollte man
eine zusätzliche Ebene der Systembildung einführen? 6 Es scheint, daß
Fragen dieser Art die systemtheoretische Diskussion vorschnell auf eine
falsche Fährte gelockt haben. Auch dies zeigen die beiden genannten Bei-
träge. Während Teubner mit der Emergenzthese eine Ergänzung der
Systemtypologie Funktionssysteme/Organisationen/Interaktionen 'ober-
halb' von Organisationen vorschlug, wollen Kämper und Schmidt das
Netzwerkkonzept 'nach oben' begrenzt wissen 7 , es aber 'nach unten' hin
für Interaktionen öffnen (vgl. Kämper/Schmidt 2000, 235). Die Suche
nach der adäquaten Systemebene für die Beschreibung von
(Organisations-)Netzwerken hat, so gesehen, die vorgelagerte und
generellere Frage verdeckt, welche Rolle eigentlich der gesellschaftlichen
Ausdifferenzierung sowohl für die Konstitution wie für die
Differenzierung von Netzwerkphänomenen in der Gesellschaft zu-
kommt.
Vor diesem Hintergrund werde ich im folgenden einen system-
theoretisch allgemeinen Begriffsvorschlag unterbreiten, der das Netz-
werkproblem zugleich im Kontext der Theorie funktionaler
Differenzierung zu erfassen sucht, ohne es allerdings direkt aus der
Differenzierungsstruktur der modernen Gesellschaft herzuleiten. Der
Vorschlag lautet, daß Netzwerke sich über Adressen (vgl. Fuchs 1997;
Stichweh 2000) – genauer: über die reflexive Kombination der mit
polykontexturalen Adressen verbundenen Möglichkeiten – konstituieren,

5 Die beiden systemtheoretischen Vorschläge weisen deutliche Affinitäten zu hand-


lungstheoretischen Positionen in der Netzwerkdebatte auf: auf die Vorstellung
des vertraglichen Kontinuums Markt – Netzwerk – Hierarchie in der Transaktions-
kostentheorie (Williamson 1996) reagiert Teubner mit der These, daß Netzwerke
auf einem Re-Entry von Vertrag / Organisation beruhen. Wo dagegen persönliche
Vertrauenbeziehungen ins Zentrum des Netzwerkkonzepts gerückt werden (Powell
1990; Mahnkopf 1994), setzen Kämper und Schmidt mit ihrem Vorschlag an, die
Inanspruchnahme von Interaktion zentral zu stellen.
6 Diese Fragen formulierte ein Gutachter der Sozialen Systeme mit Bezug auf eine
vorherige Fassung des Textes.
7 Das ist überraschend, zumal Luhmann an entsprechender Stelle betont: “Die
richtige Systemreferenz für dieses Problem (symbiotische Verhältnisse zwischen
Organisationen, V.T.) ist dann auch nicht die Einzelorganisation, sondern die Ge-
sellschaft, die Organisationen benutzt, um laufende Turbulenzen abzufangen”
(Luhmann 1992, 124).
Netzwerk und Adresse 5
wobei die mit Adressen verbundenen Möglichkeiten auf Leistungen und
Modi der Inklusion von ausdifferenzierten Systemen beruhen. Netz-
werkbildung setzt damit funktionale Differenzierung voraus 8 . Der An-
lage der Systemtheorie entsprechend, werde ich das Netzwerkproblem
nicht, wie im soziologischen Netzwerkansatz üblich, sozialstrukturell
einführen, sondern beobachtungstheoretisch begründen und von dort
her dann im weiteren auf den Gesichtspunkt struktureller Stabilisierung
zurückkommen. Ich werde den Ausgangspunkt für die Entwicklung des
Vorschlages beim sozialstrukturell gebauten Netzwerkansatz in der all-
gemeinen Soziologie nehmen (II.) und sodann an empirischen Beispielen
schrittweise entfalten, wie sich Netzwerke über die Suche nach Adressen
konstituieren, wie sie sich stabilisieren und wie sie an Strukturen
funktionaler Differenzierung partikulare Möglichkeiten und
Steigerungspotentiale generieren (III.). Ich werde abschließend das Ver-
hältnis von System und Netzwerk noch einmal am Fall von
Organisationen betrachten (IV.).

II. Netzwerktheorie und Systemtheorie

Netzwerke sozialtheoretisch: Konstitution oder Kontingenz?

Mit dem Netzwerkansatz ist in der Soziologie bis heute eher eine 'uni-
verselle' Methode zur formalen Analyse von Sozialstrukturen als eine
ausgearbeitete Sozialtheorie angesprochen (Trenzzini 1998). Gleichwohl
liegen dem Ansatz sozialtheoretische Annahmen zugrunde, die ihn als
eine “strukturelle Handlungstheorie” (Burt 1982) erkennbar machen, die
einem “antikategorialen Imperativ” der Handlungserklärung folgt (vgl.
Emibayer/Goodwin 1994, 1414). Der klassischen Fronstellung öko-
nomischer und normativer Handlungsmodelle, die beide als
subjektivistisch zurückgewiesen werden, weicht der Netzwerkansatz
aus, indem er das Schisma durch die Annahme der Kontextabhängigkeit
des Handelns substituiert. Angenommen wird, daß Handeln kontext-
abhängig in dem Sinne ist, daß Handelnde sich in ihrem Handeln stets

8 Der im weiteren auszuarbeitende Zusammenhang von Netzwerkbildung und


Systemdifferenzierung erläutert, warum das Konzept der Adresse – und nicht
das der Person – für den Vorschlag herangezogen wird. Analog der Unter-
scheidung von Person und Rolle, die nur auf der Seite der Rolle
Individualisierung vorsieht, sieht die Unterscheidung von Person und Adresse
nur auf der Seite der Adresse Polykontexturalität vor. Die Form Person ist da-
gegen systemtheoretisch bestimmt als “attribuierte Einschränkung von Ver-
haltensmöglichkeiten” (Luhmann 1995b: 148) und steht für die Notwendigkeit
der Kontinuität und Disziplin des Erwartens im Zusammenhang des Problems
der doppelten Kontingenz (ebd.: 149).
6 Veronika TackeTF FT
auf konkrete andere Handelnde beziehen und auf diese Weise immer
schon in soziale Beziehungen zueinander treten, die das Handeln
kontextuieren, es – mit Granovetter (1985) gesprochen – “einbetten”. Aus
der Annahme der wechselseitigen Konstitution von 'sozialem Handeln'
und 'sozialen Beziehungen' (als Sozialstrukturen) geht hervor, daß Netz-
werke in diesem Ansatz als unhintergehbarer sozialer Sachverhalt
aufgefaßt werden. Sie können in ihren formalen Struktureigenschaften
untersucht und verglichen werden 9 , sie können im Rahmen dieser
Theorie aber nicht von anderen Formen sozialer Strukturbildung unter-
schieden werden. Netzwerke können dann grundsätzlich nicht als
kontingentes Phänomen beschrieben werden.
Auf die Kontingenz von Netzwerkarrangements machen aber
empirische Beobachtungen aufmerksam, beispielsweise in der jüngeren
Unternehmensforschung, die in den vergangenen Jahren nicht weniger
als einen historischen Übergang von einem fordistischen zu einem
“Netzwerkparadigma der Industrieentwicklung” (Hessinger et al. 2000,
31) konstatiert hat. Obwohl sicher nicht alle der neuerlich registrierten
Formen der Unternehmensvernetzung als historisch neu gelten
können 10 , zeigen diese Forschungen doch, daß es erst im Zuge durch-
greifender Veränderungen in der globalen Ökonomie und in Reaktion
auf gesteigerte organisatorische Unsicherheitspotentiale zum Auf- und
Ausbau vertrags- und vertrauensgestützter interorganisatorischer Netz-
werke kommt. Aber auch jenseits der weitreichenden Diagnose einer
historischen Kontingenz solcher Unternehmensvernetzungen läßt sich
diesen Forschungen entnehmen, daß einzelne Organisationen bzw. deren
Mitglieder Netzwerkbeziehungen eingehen, aufbauen und nutzen können
– aber sie müssen es eben nicht; sie tun es nicht durchgängig, sie tun es
nicht notwendig dauerhaft und sie tun es nicht in jedem
organisatorischen Funktionsbereich. Auch in diesem Sinne sind Unter-
nehmensnetzwerke als ein kontingentes soziales Phänomen zu be-
trachten und zu erfassen.
Auf die empirische Entdeckung und den Bedeutungsgewinn von
Netzwerken ist in der Organisationsforschung allerdings nicht mit einer

9 Vermutlich ist schon oft gesagt worden, daß der Netzwerkansatz auf eigentüm-
liche Weise formal bleibt. Muster sozialer Beziehungen werden unter Zuhilfe-
nahme mathematischer Modellierungen und Matrizenrechnungen in ihrer
Dichte, Komplexität, Transitivität usw. sichtbar gemacht. Schnell drängt sich
dann die Frage auf, inwiefern der Netzwerkanalytiker eigentlich etwas be-
obachtet, was so – zumal in seiner Gesamtheit – eigentlich niemand anders be-
obachtet bzw. beobachten kann. Die Netzwerktheorie präsentiert sich als über-
legener Beobachter, der die Gesellschaft von außen beobachtet, das Verhältnis
seiner Beobachtungen zu den Beobachtungen im Gegenstandsbereich aber nicht
aufklärt.
10 Man denke beispielsweise an die Wiederentdeckung regionaler Unternehmens-
netzwerke in Norditalien (Piore/Sabel 1985). Ihr Überraschungswert beruhte auf
der Beobachtungsfolie eines fordistischen Produktions- und Regulationsregimes
– und damit auf Annahmen der historischen Durchsetzung, Dominanz und
Effizienz von 'netzwerkfrei' operierenden vertikal integrierten Großunternehmen.
Netzwerk und Adresse 7
entsprechenden Ausarbeitung des Verhältnisses von Organisation und
Netzwerk reagiert worden, sondern mit einem Austausch organisations-
theoretischer gegen netzwerktheoretische Beobachtungskategorien.
Davon zeugt nicht zuletzt die steile Karriere des embeddedness-Konzepts
in der wirtschafts- und organisationssoziologischen Forschung. Genau
dieser theoretische Zugriff auf das Phänomen impliziert aber, den Unter-
schied von Organisation und Netzwerk und damit die empirische Be-
sonderheit und Kontingenz von Netzwerken zwangsläufig zum Ver-
schwinden zu bringen. Denn das in der Tradition der soziologischen
Netzwerktheorie stehende embeddedness-Konzept kann auch
Organisationen nur als Netzwerke beschreiben. Anstatt also zu ver-
stehen, was Organisationssysteme tun, wenn sie Netzwerke bilden, wird
der Zusammenhang von Organisation und Netzwerk vollständig in
Netzwerkbeziehungen aufgelöst. – Entsprechendes gilt für andere
empirische Netzwerkfälle.
Ersichtlich geht es um Theorieoptionen, die in Bezug auf Problem-
stellungen gewählt werden können und mit ihren jeweiligen Folgen ge-
wählt werden müssen. Denn um den Preis einer konsistent gebauten
Theorie kann das Netzwerkkonzept nicht gleichzeitig den Sinn der
Konstitution von Sozialität 11 und der Kontingenz des sozialen Sachver-
haltes annehmen, den es bezeichnet. Sofern Netzwerke, gleich welcher
Art und Erscheinung, als besondere, kontingente soziale Phänomene
erfaßt und beschrieben werden sollen, bedarf es dann einer Theorie, in
der das zu spezifizierende Problem des Netzwerkes nicht schon mit
einem ihrer Grundbegriffe zusammenfällt. Diese Möglichkeit bietet die
Systemtheorie mit ihren Grundbegriffen des sozialen Systems und der
Beobachtung. Sie betreibt die Spezifizierung von Problemen grundsätz-
lich nicht auf der Ebene sozialtheoretischer Grundbegriffe, sondern
macht sie zur Aufgabe von Gesellschaftstheorie. Das heißt dann, das
Problem des Netzwerkes im Kontext einer Theorie der modernen,
funktional differenzierten Gesellschaft zu klären.

Netzwerke gesellschaftstheoretisch: Primat der Adressen?

Obgleich der Netzwerkansatz als Sozialtheorie und universell ver-


standene Methode der Analyse von Sozialstrukturen keine prinzipielle
Differenz zwischen der modernen Gesellschaft und ihren Vorläufern
kennt und entsprechende Unterscheidungen auch explizit zurückweist
(Granovetter 1985), läßt sich mit den Beobachtungsmitteln der System-
theorie zeigen, daß dieser Ansatz in seinen Grundannahmen an
Strukturen funktionaler Differenzierung gebunden ist – dies allerdings,

11 In der organisationsbezogenen Netzwerkdebatte wird dieses Problem der Unver-


einbarkeit manchmal übersehen – mit der Folge so unsinniger Annahmen wie
der, daß es sich bei Netzwerken um soziale Beziehungen handelt, die eben
sozialer sind als andere soziale Beziehungen (vgl. Powell 1990, 300).
8 Veronika TackeTF FT
wie ich kurz anhand der Unterscheidung stratifikatorischer und
funktionaler Differenzierung sichtbar machen möchte, auf eigentümliche
Weise.
Auf der einen Seite vermittelt die Netzwerktheorie den Eindruck,
daß sie die Vorstellung einer primär stratifikatorisch differenzierten Ge-
sellschaft kontinuiert, weil sie sozialstrukturellen “Positionen” und
“Bindungen” (Thorelli 1986) einen “kausalen Primat” (Hessinger et al.
2000, 31) einräumt. Unter Bedingungen der gesellschaftlichen Strati-
fikation sind soziale Beziehungen durch Rangordnungen und Zuge-
hörigkeiten bestimmt und Teilnahmebedingungen an Kommunikation in
diesem Sinne durch sozialstrukturelle status-role-sets (Burt 1982)
definiert. Auf der anderen Seite kann nicht übersehen werden, daß die
Netzwerktheorie selbst nur als Reflexion auf jene spezifisch moderne
Einsicht und Erfahrung verstanden werden kann, daß sich soziale und
zeitliche Bindungen und sozialstrukturelle Positionierungen gesellschaft-
lich verflüssigen. Eine Netzwerktheorie macht überhaupt erst unter dem
Gesichtspunkt Sinn, daß soziale Beziehungen nicht als
gesellschaftsstrukturell festgelegt, sondern als reflexiv herstellbar ver-
standen werden. Insofern kann man sagen, daß der Netzwerkansatz jene
gesellschaftsstrukturelle Differenz voraussetzt, die sie leugnet: den Über-
gang von einer primär stratifikatorisch zu einer primär funktional
differenzierten Gesellschaft, die auf einer gesellschaftsweiten Durch-
setzung reflexiver Beobachtungsweisen 'sozialer Beziehungen' beruht.
Setzt die Netzwerktheorie, so gesehen, zwar einerseits die Freigabe
sozialer Beziehungen von durchgreifenden gesellschaftlichen
Konditionierungen voraus, dunkelt sie aber hinsichtlich der reflexiven
Erzeugung sozialer Beziehungen andererseits ab, daß die Freistellung
aus gesellschaftsstrukturell zugewiesenen Positionen und Teilnahme-
bedingungen an Kommunikation mit neuen Konditionierungen und
selektiven Spezifikationen von Kommunikationen einher geht. Diese be-
ruhen, das hat die differenzierungstheoretische Tradition von Marx über
Weber und Parsons zu Luhmann gezeigt, auf der sinnlogischen Aus-
differenzierung und Autonomisierung gesellschaftlicher Teilbereiche.
“Soziale Beziehungen”, das sah schon Weber, sind “ihrem Sinngehalt
nach aufeinander gegenseitig eingestellt” (Weber 1980, 13), und sie ge-
raten, so formuliert es Luhmann schließlich aus, mit der sinnlogischen
Ausdifferenzierung der Gesellschaft in den “Inklusionssog von Funktions-
systemen” (Luhmann 1997, 738) – und werden darüber hinaus auch durch
Organsiationen und Interaktionen in je spezifischer Weise selektiv
konditioniert.
Was die Netzwerktheorie übersieht ist, daß der Übergang von einer
gesellschaftlichen Differenzierungsform zur anderen mit einem
radikalen Wechsel der Inklusionsmodi von Individuen einher geht.
Funktionale Differenzierung ist möglich nur, wenn Individuen nicht
mehr eine Position in der Sozialstruktur einnehmen (Totalinklusion),
sondern – auf der Grundlage von Exklusion ('Freisetzung') – nunmehr
unter je eingeschränkten Gesichtspunkten und unter Absehung von
Netzwerk und Adresse 9
anderem an differenzierten Kontexten der Kommunikation teilnehmen
(Inklusion). Schichtabhängige, auf gesellschaftliche Positionen bezogene
status-role-sets werden delegitimiert und an deren Stelle treten die
funktionsspezifischen Rollenasymmetrien (Produzent/Konsument,
Lehrer/Schüler, Arzt/Patient usw.) (ebd., 739). Das bedeutet, daß sich
nunmehr von den jeweiligen Systemkontexten her entscheidet, unter
welchem spezifischen Gesichtspunkt Individuen als Adressen für
Kommunikation in Anspruch genommen werden und für den Fortgang
der jeweiligen Kommunikation für relevant (Inklusion) oder irrelevant
(Exklusion) gehalten werden (Luhmann 1995a, 241). Die Systeme –
Funktionssysteme, Organisationen und Interaktionen – regeln selbst,
welche Themen sie aufgreifen und sie regeln entsprechend, welche Position
sie Personen verleihen (Luhmann 1997, 738f.). Die Positionen, die erwarbar
machen, was erwartet werden kann, wechseln mit den Sinnbezügen und
sind nicht beliebig von einem Systemkontext in einen anderen übertrag-
bar. – Der Professor muß geduldig warten, bis der Friseur dem
Assistenten die Haare geschnitten hat (Luhmann).
Die Konditionierung der Teilnahme von Individuen an
Kommunikation durch ausdifferenzierte soziale Sinnbezüge ist die
Schaltstelle, an der netzwerk- und systemtheoretische Beschreibungen
auseinander laufen. Ausdifferenzierung bedeutet, daß die Systeme sich
über je eigene Problemstellungen konstituieren, für die sie sodann Personen
als Adressen suchen und als Zurechnungspunkte für Mitteilungen an-
steuern. In der Netzwerktheorie gibt es keinen solchen sinnlogischen
Primat systemspezifischer Problemstellungen, der dann die Erzeugung
von Adressen und entsprechenden 'sozialen Beziehungen' konditioniert.
Vielmehr gilt in der Netzwerktheorie – systemtheoretisch formuliert –
ein Primat der Adressen.
Diesen Primat der Adressen gesellschaftstheoretisch aufzufassen,
hieße, wie gesehen, einem Mißverständnis der Netzwerktheorie zu
folgen, das einer defizitären Spezifikation der strukturellen Bedingungen
der Inklusion und Adressierung von personalisierten Anderen in der
modernen Gesellschaft entspringt. Wenn man – dieses Mißverständnis
ausräumend – den Primat der Adressen zugunsten des Systembegriffs
aufgibt, bleibt allerdings die Möglichkeit bestehen, das Netzwerkkonzept
als eine Operationalisierung von Systemtheorie zu nutzen, es begrifflich
also in den Rahmen ihrer differenzierungstheoretischen Annahmen ein-
zufügen und ihr methodisches Rüstzeug fruchtbar zu machen. Das Ver-
hältnis von System und Netzwerk wäre dann grundsätzlich so zu ver-
stehen, daß die Problemstellungen und Leitgesichtspunkte aus-
differenzierter Systeme zunächst Teilnahmebedingungen festlegen, auf
deren Grundlage dann Netzwerke – im Sinne selektiver Ansteuerungen
von adressierbaren Positionen – zum systeminternen Strukturaufbau bei-
tragen 12 . Die Frage ist dann allerdings, wie Netzwerke dies machen, wie
12 Anschließbar im Hinblick auf einzelne Systemtypen wären hier etwa Argumente
zum Strukturaufbau von Märkten über systeminterne Beobachtungspositionen
(Baecker 1988, White 1981) oder – im Kontext von Organisationen – Be-
10 Veronika TackeTF FT
wie sie sich konstituieren und welches die Gesichtspunkte sind, unter
denen solche Positionen als Adressen – auf der Basis genereller
Teilnahmebedingungen – selektiv angesteuert werden.
Der im weiteren vorgeschlagene und an empirischen Beispielen ent-
faltete Konzeptualisierungsvorschlag beruht darauf, den Primat der
Adressen ernst zu nehmen, ihn aber empirisch zu verstehen. Er gilt dann
für Netzwerkbildungen, nicht aber für Systembildungen in der Gesell-
schaft. Das heißt: Anders als Systeme (Primat der Problemstellung für
die Suche nach Adressen) bilden sich Netzwerke über die Ansteuerung
von Adressen (Primat der Adressen für die Suche nach Problem-
lösungen, Problemstellungen und Steigerungsmöglichkeiten). Netzwerk
und System bilden sich empirisch komplementär, wobei allerdings der
gesellschaftstheoretische Primat der Systemdifferenzierung ein asym-
metrisches Verhältnis von System und Netzwerk impliziert 13 . Insofern
die moderne Gesellschaft primär durch Strukturen funktionaler
Differenzierung gekennzeichnet ist, sind Netzwerkbildungen als Formen
sekundärer Ordnungsbildung aufzufassen.
Das zu prüfende Argument ist, daß Netzwerkbildungen an Be-
obachtungen der Kombinierbarkeit von Adressen ansetzen und sich
konstituieren unter dem Gesichtspunkt der über Adressen zugänglich
werdenden Möglichkeiten sowie im Hinblick auf das mit der Verknüpf-
barkeit dieser Möglichkeiten verbundene Potential.
Als Form der sekundären Ordnungsbildung beruht Netzwerk-
bildung auf Voraussetzungen funktionaler Differenzierung. Notwendige
Bedingung für die Genese von Netzwerken ist funktionale
Differenzierung dabei nicht nur, weil es erst in ihrem Zuge zu einer
durchgreifenden Adressenfreigabe kommt, sondern vielmehr, weil erst
diese Differenzierungsform jene “polykontexturalen Adressen” (Fuchs
1997) erzeugt, deren reflexive Beobachtung und Kombinatorik Netz-
werkbildungen ausmacht 14 . Damit ist aber noch keine hinreichende
Voraussetzung für die Konstitution sowie die strukturelle Erhaltung von
Netzwerken begründet. Die These ist, daß jene Potentiale, die an der
Kombinierbarkeit der Möglichkeiten von Adressen entdeckt und im
reflexiven Bezug dieser Möglichkeiten aufeinander generiert werden,
Netzwerke (je spezifisch und partikular) konstituieren und strukturell zu
stabilisieren vermögen. Die Konstitution von Netzwerken setzt
Strukturen funktionaler Differenzierung dabei insofern voraus, als die

schreibungen der Relevanz informeller Netzwerke der Kommunikation (vgl.


Luhmann 2000, 25).
13 Zu beachten ist hier, daß ein gesellschaftstheoretischer Primat nicht gleichzu-
setzen ist mit einem empirischem Primat.
14 Hinzu kommt – darauf komme ich zurück – eine unter Bedingungen funktionaler
Differenzierung strukturspezifisch hohe Offenheit primärer für sekundäre
Strukturbildungen. Sekundäre Strukturbildungen kamen zwar auch in
stratifikatorisch differenzierten Gesellschaften vor. Bekanntlich haben Märkte,
Zünfte, Universitäten etc. den Übergang in eine andere Differenzierungsform
vorbereitet. Die gesellschaftlichen Primärstrukturen waren aber strukturspezi-
fisch nicht in gleicher Weise offen für sekundäre Strukturbildungen.
Netzwerk und Adresse 11
über diese Art der reflexiven Adressenkombinatorik erst zugänglich
werdenden und neu geschaffenen Möglichkeiten (Problemlösungen,
Problemstellungen und gegebenenfalls Steigerungseffekte) auf
Leistungen ausdifferenzierter Systeme beruhen und entsprechende In-
klusionen von Individuen und Organisationen, den möglichen Adressen
der Netzwerkbildung, voraussetzen. Insofern Netzwerke sich an
Strukturen funktionaler Differenzierung ernähren und stabilisieren, sind
sie Parasiten (vgl. Hutter/Teubner 1993).

III. Strukturmerkmale von Netzwerken

Bevor gezeigt und schrittweise entfaltet wird, wie Netzwerke über


Adressenkombination zustandekommen, sind in knapper Form einige
Ausgangspunkte darzulegen. Sie betreffen die Konstruktion und
Funktion von Adressen in der Kommunikation, die Frage, welche Art
von Adressen für Netzwerkbildung in Frage kommen und in welcher
Weise die Kommunikation über Adressen disponiert. Ausgehend von
Adressenspeichern der Kommunikation (Adressbüchern) werde ich
sodann erläutern, wie es zur Konstitution und im weiteren dann zur
Stabilisierung von Netzwerken kommt.

Adressen

Eine soziale Adresse ist ein in der Kommunikation für Kommunikation


erzeugtes Zurechnungsartefakt, ein mehr oder weniger ausgearbeitetes
Profil aus Eigenschaften und Verhaltensweisen, mit dem personalisierte
Andere in der Kommunikation identifiziert und ausgestattet werden und
mit dem die Kommunikation als Unterstellung operiert (Fuchs 1997;
Luhmann 1995b; Stichweh 2000). An Eigennamen, die soziale Adressen
elementar auszeichnen, lagern sich dabei in der Kommunikation eine
Vielzahl weiterer Unterscheidungen an, die sie zu “komplexen
Adressen” machen (ebd.). Dazu gehören zum einen jene Komponenten,
die alltagssprachlich als Adresse zusammengefaßt werden und im Sinn-
horizont der Erreichbarkeit auf Zugänge hinweisen: wenigstens eine An-
schrift, meistens eine Telefonnummer, in wachsendem Maße eine e-mail-
Adresse. Kontur gewinnen soziale Adressen aber erst durch ihr “mehr
oder minder spezifisches Inklusions-Exklusions-Profil” (Fuchs 1997, 63),
das auf Geschichten und Karrieren der Teilnahme an differenzierten
Systemkontexten zurück- und damit zugleich auf Horizonte der
Relevanz für weitere Kommunikationen vorausweist. Als “Positiv im
Negativ der Exklusion” (ebd., 64) eröffnen Adressen Möglichkeiten und
schließen anderes aus. “Niemand ist in allen kommunikativen Hin-
12 Veronika TackeTF FT
sichten adressabel und jeder ist in allen ihm zugänglichen
Kommunikationskontexten auf verschiedene Weise eingeschlossen/aus-
geschlossen” (ebd., 63). Adressen sind in der modernen Gesellschaft
keine scharf limitierten, in einer Schicht lokalisierten 'dichten' Adressen,
sondern der gesellschaftlichen Differenzierungsform entsprechend
'polykontextural' konstituiert. Polykontexturale Adressen sind dabei dis-
lozierte Adressen in dem Sinne, daß sie “jenseits des Namens, der sie
minimal identifiziert, differente Ausprägungen in den wechselnden
Kontexten” aufweisen (ebd., 69). Sie werden als Partialadressen immer
nur kontextabhängig aktualisiert, wobei mit Kontextabhängigkeit –
anders als in der Netzwerktheorie – Sinnhorizonte der Kommunikation
und entsprechend systemspezifisch konstituierte Unterscheidungen und
Zurechnungsformen gemeint sind 15 .
Soziale Adressen kommen ins Spiel, wenn kommunikativer Sinn ein-
heitlich auf einen Absender oder Empfänger, also auf jemanden zu-
gerechnet wird, den die Kommunikation als Mitteilungsinstanz auf-
fassen kann (Fuchs 1997). In der Kommunikation adressierbar (und
potentiell dann als Netzwerkadressen ansprechbar) sind Individuen als
Personen und Organisationen, nicht aber Funktionssysteme und Inter-
aktionen. Daß neben Individuen auch Organisationen einheitlich an-
sprechbar und personalisierbar sind, wissen nicht nur Juristen
(Organisationen als 'juristische Person'), sondern ist auch im Alltag ge-
läufig: Man kann einen Brief an ein Unternehmen oder eine Universität
schreiben und mit Antwort rechnen, ohne wissen oder beachten zu
müssen, welche Stelle dann organisationsintern mit dem Anliegen befaßt
wird. Bekanntlich kann man sich aber auch direkt an einzelne
Organisationsmitglieder wenden, sie anschreiben, anrufen oder auf-
suchen. In diesem Fall muß man unterscheiden, ob in der
Kommunikation die Organisation über das Mitglied als Repräsentanten
angesprochen wird oder die Person unter Gesichtspunkten ihrer Mit-
gliedschaft. In diesem Sinne sind im weiteren Organisationsnetzwerke
von persönlichen Netzwerken im Organisationskontext zu
unterscheiden 16 . Anders als Organisationssysteme sind sowohl Inter-
aktionssysteme als auch Funktionssysteme nicht einheitlich adressierbar.
Beim Versuch ein Interaktionssystem anzusprechen, wird man in die
Kommunikation unter Bedingungen der Wahrnehmung des
Wahrgenommenwerdens verwickelt (oder erst gar nicht wahr-
genommen). Möglich ist aber, Personen oder Organisationen (über ihre
15 Mit Fuchs nehme ich nicht an, daß ein Individuum als “Gouverneur seiner
Adressen” (Fuchs 1997, 70f.) auftritt. Die Annahme der Einheitsbildung auf der
Seite des Individuums unterliegt dagegen dem rollentheoretischen Versuch, das
Netzwerkkonzept (bzw. seine Spielart der Embeddedness) im Rekurs auf ein
Konzept des Indiviuduums als “fuzzy set of roles” auszubauen (vgl.
Montgomery 1998).
16 Voreilig wäre es, hier bereits auf prinzipielle Strukturunterschiede zu schließen,
etwa in der Weise, daß auf Vertrauen beruhende Gefälligkeiten nur auf der Ebene
persönlicher, nicht aber auf der Ebene organisatorischer Netzwerke mobilisiert
werden könnten.
Netzwerk und Adresse 13
Mitglieder) in der Interaktion zu adressieren; und man kann annehmen,
daß Interaktionen in vielen, wenn nicht den meisten Netzwerken eine
Rolle spielen 17 . Ebenso wenig wie Interaktionen sind Funktionssysteme –
eben “die Wirtschaft”, “die Politik” oder “die Wissenschaft” – einheitlich
ansprechbar. Man kann Adressen wirtschaftlich ansprechen und in der
Wirtschaft sind Zurechnungen unverzichtbar. Aber Funktionssysteme
kommen weder als Adressaten von Netzwerkkommunikation, noch für
Netzwerkbildung untereinander in Frage. Sie sind, wie zu zeigen sein
wird, für Netzwerkbildungen aber keineswegs irrelevant.
Weil Adressenbildung sich an die Notwendigkeit von Zurechnungen
in der Kommunikation heftet, produziert die Kommunikation laufend
Adressen. Soziale Adressen sind mit der Teilnahme an
Kommunikationen und damit mit systemspezifischen Modi der In-
klusion unauflösbar verknüpft. Wenn kommuniziert wird, wird In-
klusion vollzogen. Wenn Inklusion vollzogen wird, disponiert die
Kommunikation über Adressen. Umgekehrtes gilt aber nicht ohne
weiteres, weil die Kommunikation auch in einer reflexiven Weise über
Adressen disponieren kann. Sie kann Adressen zum Thema von
Kommunikation machen – eben ohne den thematisierten 'Jemand' in die
Kommunikation einzubeziehen. Empirisch ist das ein durchaus trivialer
Sachverhalt: “Bitte teilen sie uns gegebenenfalls eine Firma in ihrer Nähe
mit, an die wir uns in dieser Sache wenden können.” In der reflexiven
Disposition der Kommunikation über Adressen werden diese beobachtet
im Hinblick auf Möglichkeiten, die mit ihrer oder durch ihre
Adressierung zugänglich werden können.

Adressbücher und Adressenzusammenhänge

Im Zusammenhang des reflexiven Umgangs der Kommunikation mit er-


reichbaren Adressen werden Adressbücher relevant und interessant.
Man bekommt einen Namen genannt und kann sich an diese Adresse
nur wenden, wenn man weitere Zugangsinformationen besitzt. Adress-
bücher sind Adressenspeicher der Kommunikation. Vor allem dann,
wenn sie schriftlich fixiert und verbreitet sind, erlauben sie, daß
Adressen in Raum und Zeit ganz unvorhersehbar aktualisiert werden.
Dabei verraten kategorial angelegte Adressbücher – neben Namen –
häufig nur Gesichtspunkte der medialen Erreichbarkeit, machen die Hin-
sichten der sozialen Adressabilität aber nur minimal sichtbar. Mit Tele-
fonbüchern kann wenig anfangen, wer nicht schon weiß, wen er in
welcher Angelegenheit anrufen will. Und selbst wenn jeder ein Telefon

17 Da Kommunikation unter Wahrnehmungsbedingungen aber keine prinzipielle


Voraussetzung für eine Adressierung von Personen oder Organisationen ist,
werden interaktionsspezifische Fassungen des Netzwerkbegriffs (etwa:
Kämper/Schmidt 2000) hier zunächst auf Distanz gebracht, um ein hinreichend
allgemeines – und sodann respezifizierbares – Netzwerkkonzept zu entwickeln.
14 Veronika TackeTF FT
hätte, wäre nicht jeder in jeder Hinsicht adressabel. Sogenannte 'gelbe
Seiten' sind zwar ebenfalls kategorial angelegt, sie sortieren Adressen
demgegenüber aber unter hochspezifischen Gesichtspunkten der
Adressabilität. Sie spezifizieren Zugangsmöglichkeiten entlang von
etablierten, nicht zuletzt an gesellschaftlichen Differenzierungsformen
orientierten Sinnunterscheidungen. Es werden Zugangsmöglichkeiten zu
wirtschaftlichen, rechtlichen, gesundheitlichen usw. Kommunikationen
über Organisationen und Professionen markiert, die – ergänzt durch
weitergehende Spezifikation (etwa: Branche/Marke/Leistung) – stets
zugleich signalisieren, daß in anderen Hinsichten nicht mit
Adressabilität zu rechnen ist 18 .
Netzwerkbildungen setzen nicht am Typ des auf Vollständigkeit ge-
mäß einer oder mehrerer Kategorien bedachten Adressenverzeichnisses
('directory') an, sondern vielmehr bei individuellen Adressbüchern.
Gemeint sind damit erinnerte oder schriftlich fixierte “Adressensets”
(Stichweh 2000), die unter Gesichtspunkten ihrer Relevanz und Erreich-
barkeit bei einer Adresse versammelt und für sie gesammelt werden,
seien es Individuen oder Organisationen. Individuelle Adressbücher sind
Unikate, nicht nur, weil das Set von Namen sich von jedem anderen
Adressbuch unterscheidet, sondern auch, weil jede durch einen Namen
repräsentierte Adresse in einem solchen Adressbuch auf eine auf
Systemkontexte bezogene Geschichte der Kontakte verweist, die ihr ein
individuelles Profil der Adressabilität verleiht. Der gleiche Name ver-
weist in zwei Adressbüchern auf ganz unterschiedliche Möglichkeiten
der Adressierbarkeit.
Das individuelle Adressbuch ist Ausgangspunkt und Grundlage für
Netzwerkbildung, aber es ist noch nicht das Netzwerk. Die Verweise von
Adressen auf Adressen, von individuellen Adressbüchern auf
individuelle Adressbücher, führen auf eine enorme soziale Komplexität
der Adressenordnung in der modernen Gesellschaft. Diese ist etwa unter
dem Stichwort der 'small world' (Milgram 1967) zum Gegenstand um-
fangreicher Forschungen geworden (vgl. Watts 1999) 19 . Allein im Rekurs
auf die empirische Einschränkung, daß nicht jeder jeden kennt (als
bekannt bezeichnen kann), kann aber noch nicht von Netzwerken ge-
sprochen werden. Tatsächlich mag jeder 1000 und noch viel mehr
Personen als Bekannte nennen können und im Adressbuch gespeichert
haben, es handelt sich aber zunächst eben tatsächlich nur um “Adressen-
zusammenhänge” (Stichweh 2000, 5). Selbst wenn nur minimalistische
18 Und darauf beruht beispielsweise dann der Handel mit Adressen: er ist ein Ge-
schäft, das auf Spezifikationen von Adressen beruht, mit denen sich ent-
sprechende Erwartungen des Zugangs zu spezifischen Formen der
Kommunikation verbinden lassen.
19 In diesen Forschungen wird in experimentellen Studien die Erreichbarkeit von
Adressen (target person) durch Vermittlung über andere Adressen (by mailing it
to a personal acquaintance more apt to know the person) untersucht. Small world
verweist darauf, daß es nur sehr weniger 'intermediaries' bedarf, um über
aquaintance-Verbindungen eine beliebige Adresse im globalen Raum anzu-
steuern.
Netzwerk und Adresse 15
Anforderungen an den Netzwerkbegriff gestellt werden, um empirisch
auch noch sehr flüchtige Netzwerkformen erfassen zu können, müssen
bloße Adressenzusammenhänge, individuelle Adressbücher und Netz-
werke auseinandergehalten werden. Netzwerke sind keine bloßen Ver-
weise von Adressen auf Adressen. Und auch das individuelle Adress-
buch ist noch kein Netzwerk, obgleich es auf reflexiven Beobachtungen
von Adressen beruht, den Adressenpool für Netzwerkbildung bereithält
und auch Netzwerkadressen dokumentiert.
Einen weiterführenden Hinweis gibt Stichweh, wenn er anmerkt, daß
das komplexe Set der bekannten Adressen, über das man verfügt, als
“moderne Form von Sozialkapital” fungiert (ebd.). Wenn man fragt,
worauf dieses soziale Kapital der Adressen beruht, wird sichtbar, daß es
nicht in all den Hunderten oder sogar Tausenden von Bekannten steckt,
die im individuellen Adressbuch festgehalten sind, sondern in den-
jenigen unter ihnen, die als mobilisierbare Adressen gelten können 20 . Alle
Adressen im individuellen Adressbuch repräsentieren Möglichkeiten,
die auf Kontakte zurückverweisen und sie für erneute Aktivierung in der
Kommunikation attraktiv und relevant machen. Am jeweiligen Modus
der Kommunikation aber, der Adressen ins individuelle Adressbuch
(und gegebenenfalls wieder hinaus 21 ) bringt, trennen sich zunächst
funktional aktivierbare und mobilisierbare Adressen. Das unterscheidet
die im individuellen Adressbuch unter “Arzt” verzeichnete Adresse von
derjenigen des Freundes, der zugleich Arzt ist und damit etwa unter dem
Gesichtspunkt von Kommunikationsmöglichkeiten mobilisierbar ist, die
im Rahmen professioneller Rollenasymmetrien und organisatorisch
strukturierter Formen der Krankenbehandlung nicht erwartet werden
können.
Der Pool der Adressen für Netzwerkbildung zeichnet sich durch im
Voraus nicht bestimmte, diffuse Horizonte des Möglichen aus, die sich
mit bekannten, mobilisierbaren Adressen verknüpfen. Dies hält eine
Schulfreundin im Adressbuch, die längst nicht mehr bei den Schul-
arbeiten hilft. Diffusität meint dabei nicht Beliebiges, sondern
Kontingentes im Rahmen polykontexturaler Adressenprofile.
Entsprechend kann man, wenn man Adressen erst einmal hat, an ihnen
Möglichkeiten entdecken. Die Schulfreundin wohnt in der Stadt, in der
man eine Wohnung sucht; der Bruder arbeitet in der Redaktion, in der
ein Student gerne ein Praktikum machen möchte; der Vater geht mit dem
Betriebsrat der Firma kegeln, in der der Sohn der Freundin einen Aus-

20 Vgl. in diesem Sinne zum Zusammenhang von sozialem Kapital und


Organisationsnetzwerken: Luhmann 2000, 409.
21 Im individuellen Adressbuch wird auch gestrichen: zum einen Adressen, die in
Folge der Änderung von Adressenaspekten irrelevant geworden sind, zum
anderen solche, die nicht mehr als mobilisierbar gelten, weil z.B. die
kommunikative Erfahrung gezeigt hat, daß die Mobilisierung von Möglichkeiten
faktisch scheitert oder weil die Kontakte 'eingeschlafen' sind oder weil sich in den
Kontakten zu dritten Adressen, mit Bezug auf die sie als kommunikativ
mobilisierbar gelten konnten, relevante Änderungen ergeben haben usw.
16 Veronika TackeTF FT
bildungsplatz bekommen möchte und am Nachbarn wird der Gesichts-
punkt interessant, daß er in einem Unternehmen der Branche arbeitet, in
der man Interviews machen möchte. Die Zugänge selbst hängen an den
individuellen Geschichten der Kontakte, die die Adressen füreinander –
zunächst in ihrem Kontext – spezifizieren: dem Nachbarn, der das Inter-
view vermittelt, hatte man gelegentlich die Mülltonne rausgestellt oder
die Post gesammelt und man ist sich darüber zu Nachbarn geworden, im
Unterschied zu anonymen Briefkasteninhabern im gleichen Hause. Die
Art der wechselseitigen Gefälligkeiten ist zunächst an den Kontext ge-
bunden, der sie definiert, die wechselseitige Beobachtung der Adressen
unter dem Gesichtspunkt möglicher weiterer Gefälligkeiten ist es – im
Rahmen des polykontexturalen Profils der Adressen – nicht.

Netzwerkkonstitution und -stabilisierung

Das Anlaufen von Netzwerken ist in hohem Maße prekär, weil und
sofern das Ansinnen des Zugangs zu den an einer Adresse entdeckten
kontextübergreifenden Möglichkeiten nicht ohne weiteres sozial gedeckt
ist oder die Mobilisierung der avisierten Adressenkombination sogar als
illegitim gilt 22 . Die Sinnzumutung ist möglich, aber ihre Ablehnung ist es
auch und dies in besonderem Maße. Denn die eine “ansprechbare
Ressource” (Luhmann 1995c), die Mülltonnenfrage unter Nachbarn, hat
mit der anderen, dem gewünschten Interviewtermin, sachlich nichts zu
tun. In der antezipierbaren Ablehnung der Zumutung und der Be-
obachtung als 'illegitimes' Ansinnen der Verknüpfung von Möglich-
keiten, liegt das Risiko einer solchen Kommunikation 23 .
Sofern das Risiko aber nicht nur eingegangen, sondern auch be-
wältigt wird, der Sinnvorschlag also angenommen wird, können im
Rahmen der Adressenprofile weitere – mehr und andere – solcher
Möglichkeiten entdeckt und wechselseitig aneinander herangetragen
werden. So hatte der Ausländerverein den Sozialdezernenten einer Stadt
angesprochen und mit dem Hinweis für sich gewinnen können, daß es
nicht um seine aktive Teilnahme an der Vereinstätigkeit gehe, sondern
um die Nutzung seines Namens für die Außendarstellung des Vereins –
und damit auf seiner Seite an Erfordernisse angeknüpft, sich als Adresse
unter politischen und beruflichen Gesichtspunkten adressabel zu halten.
Auf diese Weise dann zum Vereinsmitglied geworden, kann er im
weiteren von Zeit zu Zeit angesprochen werden auf Möglichkeiten, die
22 Die Möglichkeiten und Grenzen sind ersichtlich nicht pauschal zu beschreiben:
Freundschaft oder Verwandtschaft scheint – gegenüber Kollegialität – ein
breiteres Spektrum der Mobilisierbarkeit von Adressengesichtspunkten sozial zu
decken, aber das Ansinnen, Freunde oder Familienmitglieder unter dem Ge-
sichtspunkt von Zahlungen zu adressieren, ist unter Legitimitätsgesichtspunkten
zumindest prekär.
23 “Jede Kommunikation setzt sich selbst der Rückfrage, der Bezweifelung, der An-
nahme oder Ablehnung aus und antezipiert das” (Luhmann 1997, 141).
Netzwerk und Adresse 17
sich für die Arbeit des Ausländervereins mit dieser Adresse in der Ver-
waltung verbinden lassen (z.B. Zugänge zu Geld oder Informationen),
und der Sozialdezernent verfügt seinerseits über eine Netzwerkadresse,
die es ihm erlaubt, Probleme (etwa Hilfen in “Fällen”, die mit den
Mitteln der formalen Organisation nicht mehr bearbeitbar erscheinen) in
den Verein auszulagern.
Die Mobilisierung der Möglichkeiten und Zugänge muß nicht ge-
lingen (und geht vermutlich tausendfach schief). Aber wenn sie gelingt,
sorgen die an einmal absorbierte Unsicherheit anschließenden Selbstver-
stärkungseffekte der Kommunikation (vgl. Japp 1992) dafür, daß sich die
Unwahrscheinlichkeit der Entstehung von Netzwerken in eine Wahr-
scheinlichkeit ihrer Erhaltung transformieren kann. Aus flüchtigen
werden stabile Netzwerkbeziehungen, dies aber nicht nur durch bloße
Wiederholung von Kontakten (Powell 1990). Vielmehr kann bei Netz-
werkbildungen gerade deshalb mit Aussichten auf Stabilität gerechnet
werden, weil sie über Adressen Möglichkeiten verknüpfen, die unter-
schiedlichen Systemen und Verweisungskontexten von Sinn entstammen
und in diesem Sinne sachlich nicht zusammengehören. Zum sozialen
Mechanismus der Stabilisierung von Netzwerkbeziehungen wird dann,
daß es über die Sinngrenzen hinweg an Modi der Verrechnung für ge-
währte Gefälligkeiten, Hilfen, Zugänge und Vermittlungen fehlt, so daß
die Frage des sozialen Ausgleichs für gewährte Leistungen als “Kredit”
auf unbestimmte Gegenleistung in die Zeitdimension verschoben
werden muß. Im unspezifizierten Verhältnis der Leistungen wird dabei
stets eine “übrig bleibende Verpflichtung” zur Gegenleistung miterzeugt
(Luhmann 1997, 635). Anders gesagt: Die Polykontexturalität des
Arrangements unterstützt die Etablierung einer generalisierten Rezi-
prozitätsregel, die das Netzwerk stabilisiert und durch ihre “hohe
Anspassungsfähigkeit an unterschiedliche Sachlagen” überdies “ihre
fraglose Geltung zusätzlich sichert” (ebd.).
Das Prinzip der generalisierten Reziprozität ist in einem Zweig der
Netzwerkdiskussion zum definierenden Merkmal von Netzwerken ge-
worden (vgl. Mahnkopf 1994; Powell 1990). Diesem Vorschlag, der
Netzwerke mit einem ihrer wichtigsten Stabilisierungsmechanismen
verwechselt, wird hier nicht gefolgt. Dagegen sprechen auch empirische
Gründe. So sind, um ein Beispiel zu nennen, im Rahmen der Unter-
nehmensforschung als Franchising oder Zuliefernetzwerke bezeichnete
Netzwerkarrangements belegt, deren Stabilität nicht auf generalisierter
Reziprozität, sondern auf Preisanreizen und hierarchischen Vertrags-
elementen beruht (vgl. Teubner 1992). Jenseits der Frage der
Stabilisierungsmechanismen liegt Netzwerkkonstitution immer dort vor,
wo eine Adresse, die – als eine solche – bestimmte Möglichkeiten
repräsentiert, auf eine andere Adresse und ihre Möglichkeiten bezogen
wird und zwar im Hinblick auf die mit ihrer Kombination erzeugten
Potentiale. Die für Netzwerke konstitutive Reflexivität liegt, anders ge-
sagt, in der Verknüpfung von Möglichkeiten, die neue Möglichkeiten
konstituiert.
18 Veronika TackeTF FT

Selbsttragende Netzwerkstrukturen

An einen ausgewählten empirischen Fall (vgl. Müller-Mahn 2000) werde


ich im folgenden zeigen, wie es ausgehend von der Zufallsbedingung
einer Adresse zur Herausbildung einer dauerhaft stabilisierten Netz-
werkstruktur kommt, die dabei selbsttragend in dem Sinne geworden ist,
daß sie ihre eigenen Fortsetzungsbedingungen generiert hat und sich
von den namentlichen Ausgangsadressen, nicht aber von bestimmten
Adressenmerkmalen als den Ein- und Ausschlußkriterien des Netz-
werkes unabhängig gemacht hat 24 . Es geht in diesem Fall um ein durch
das Adressenmerkmal der Verwandtschaft gekennzeichnetes Netzwerk
der Arbeitsmigration, dessen 250-300 Teilnehmer in Paris leben und
arbeiten und alle aus einem einzigen ägyptischen Dorf im Nildelta
stammen. Ich rekonstruiere diesen Fall etwas ausführlicher, weil er –
neben dem besonders interessierenden Aspekt der Verselbständigung
des Netzwerkes – alle typischen Strukturmerkmale von Netzwerken aus-
gesprochen klar erkennen läßt: die Konstitution von Netzwerken über
Adressen, die durch Adressenkombinatorik erzielbaren Steigerungs-
möglichkeiten sowie die Kristallisierung von Netzwerken an Struktur-
bedingungen funktionaler Differenzierung.
Ausgangspunkt des Netzwerkes, der zugleich das geographische
Muster der räumlichen Mobilität der Arbeitsmigration festlegte, ist die
Adresse ein Ägypters in Paris, der bereits in den 1950er Jahren einer
französischen Familie, für die er in Ägypten gearbeitet hatte, dorthin ge-
folgt war. Vermittelt über das Adressbuch seiner Verwandten im
Heimatdorf, zu denen er Kontakt hielt, wurde diese geographische
Adresse in den 1970er Jahren zunächst für einige Männer aus Sibrbay
unter dem Gesichtspunkt attraktiv, eine touristische Reise nach Paris
durch Arbeit in Paris (die vermutlich über seine Adresse vermittelt
wurde) zu finanzieren. “Diese ersten Pioniere des Netzwerkes kamen
eher zufällig hierher, fungierten aber fortan als Anlaufadressen für ihre
nachkommenden Landsleute” (Müller-Mahn 2000, 4; Herv. V.T.). Sie
wurden zu Anlaufadressen auf der Grundlage verwandtschaftlicher

24 Ich beziehe den Fall aus der Migrationsforschung, die in einer Reihe von
empirischen Beschreibungen die Herausbildung sogenannter “transnationaler
sozialer Räume” (Pries 1996) beobachtet und solche Strukturmuster der räum-
lichen Mobilität von Individuen zwischen bestimmten Herkunfts- und Ziel-
regionen in der Weltgesellschaft auf Netzwerke zurückgeführt hat. Mit Trans-
nationalität wird dabei allerdings bei Pries die Vorstellung eines Relevanzver-
lustes politischer Grenzen verbunden. Dieser These, die gegen Differenzierungs-
theorie in Stellung gebracht wird, folge ich nicht (siehe dazu im Rekurs auf ähn-
liche Annahmen in der kultursoziologischen Risikoforschung: Tacke 2000). Im
Rahmen der Systemtheorie ist bereits dargelegt worden, daß und in welcher
Weise solche Strukturen der räumlichen Mobilität von Individuen auf In-
klusionsbedingungen sozialer Systeme reagieren und dabei auf der Organisation
von Staatlichkeit und damit zusammenhängenden Verteilungen von Inklusions-
chancen beruhen (Bommes 1999).
Netzwerk und Adresse 19
Adressbücher und Kontakte sowie vor dem spezifischen Hintergrund
des Versiegens alternativer (und legal erreichbarer) Zugänge zu Arbeit
und Einkommen in den Golfstaaten. Auf der “Suche nach anderen Ein-
kommensmöglichkeiten” (ebd.) repräsentierten diese Adressen Möglich-
keiten, die über Verwandtschaft faktisch als Zugänge erschließbar waren.
Die besondere Relevanz von Anlaufadressen beruht im vorliegenden
Fall darauf, daß die Migranten sich – infolge der über die Organisation
von Staatlichkeit konstituierten und politisch moderierten Bedingungen
der Inklusion und Exklusion von Staatsbürgern – im Einreiseland im
Status der Illegalität befinden und damit nicht nur hinsichtlich des Zu-
gang zu Einkommen, sondern auch zu anderen relevanten Bedingungen
der Lebensführung (Wohnraum, Hilfen im Krankheitsfall usw.) in
hohem Maße von Vermittlungsadressen abhängig sind. So verschaffen
Netzwerkadressen den Neuankömmlingen Wohnraum, zu dem sie ohne
Kontakte keinen Zugang finden könnten und es verschafft zugleich den
Vermietern, die “sans-papiers” akzeptieren, Mieter, die sich “nicht über
dunkle, heruntergekommene Unterkünfte (beklagen)”, aber “in der
Regel deutlich höhere Mieten (zahlen) als Personen mit gültigen
Papieren” (ebd., 13).
Der Umstand, daß die Anlaufadressen über ihr Inklusions-
/Exklusionsprofil selbst spezifisch eingeschränkte Möglichkeiten und
Zugänge repräsentieren, plausibilisiert eine – auch in anderen Fällen be-
obachtete – hohe arbeitsbezogene Spezialisierung solcher Netzwerke der
Arbeitsmigration. Rund 95% der Migranten aus Sibrbay arbeiten im
Malergewerbe in Paris. Diese Spezialisierung wird im vorliegenden Fall
als Voraussetzung und als Folge der Entwicklung einer sich selbst-
tragenden Netzwerkstruktur erkennbar, deren ökonomische Möglich-
keiten auf einem funktionalen Arrangement dreier Funktionen beruht,
die Adressentypen mit je spezifischen Inklusionsvoraussetzungen
repräsentieren:
- Kleinunternehmern ('Patronen'), die auf der Grundlage eines in-
zwischen gesicherten Rechtsstatus im Einwanderungsland (französische
Staatsbürgerschaft oder Arbeitserlaubnis) in der Lage sind, kleinere und
große Maleraufträge von privaten und staatlichen Auftraggebern zu be-
schaffen und legal abzuwickeln;
- Subkontraktoren ('Muqawwilin'), die an die Kleinunternehmer im Be-
reich der Schattenwirtschaft flexibel einsetzbare Malerkolonnen ver-
mitteln. Weil sie in ihrer Funktion viel im öffentlichen Raum unterwegs
sind, verfügen sie wenigstens über eine Aufenthaltsgenehmigung;
- den Anstreichern, Verputzern und Hilfsarbeitern, die als 'sans-papiers'
das Reservoir billiger und in hohem Maße flexibel einsetzbarer Arbeits-
kräfte bilden.
Leicht ersichtlich ist, daß die ökonomischen Steigerungspotentiale
und der faktische wirtschaftliche Erfolg des Arrangements auf dem
Adressenprofil der 'sans-papiers' beruht, die als solche für die unter
Konkurrenzbedingungen tätigen Kleinunternehmer im Vergleich zu
normativ geschützten und besteuerten Mitgliedschaftsverhältnissen in
20 Veronika TackeTF FT
Organisationen ('Normalarbeitsverhältnissen') attraktive Adressenprofile
aufweisen. Der wirtschaftliche Erfolg der “Schattenwirtschaft” schafft
zugleich die Voraussetzung dafür, daß die auf der untersten Stufe mit
unsicheren Erwartungen auf regelmäßiges Einkommen eintretenden
Migranten im Netzwerk ökonomisch 'Karriere' machen können, also
über den Aufstieg zum Subkontraktor oder Kleinunternehmer ihre öko-
nomischen Inklusionen verstetigen und steigern können 25 . Das Auf-
stiegsarrangement wird damit schließlich zum wichtigen Motor des
Nachzugs weiterer 'sans-papiers', die das Segment der flexiblen und
billigen Hilfsarbeiter wieder auffüllen und den aufsteigenden Migranten
damit ihren ökonomischen Erfolg erst sichern. Das Aufstiegsarrange-
ment bildet den Kern einer Netzwerkstruktur, die über eigene Be-
dingungen der Inklusion verfügt. Sie moderiert den Ein- und Austritt
strukturähnlicher Adressen.
Beim Zu- und Nachzug des Migrantennetzwerkes spielt der
Adressengesichtspunkt der Verwandtschaft eine zentrale Rolle. Darin ist,
wie auch Müller-Mahn hervorhebt, keine besondere, vorgängige soziale
Orientierung der Netzwerkteilnehmer zu sehen. Im Sinne von Adressen-
kombinatorik werden Verwandte vielmehr relevant im Hinblick auf die
Möglichkeit, den Zugang zu den ökonomischen Voraussetzungen der
Partizipation an den ökonomischen Möglichkeiten des Netzwerk in Paris
zu verschaffen: Engere Verwandte können für das Ansinnen in An-
spruch genommen werden, ohne Rückversicherung – auf der Basis von
Vertrauen – jene hohen Summen zu leihen, die die Arbeitsmigranten für
eine illegale Einreise nach Europa aufbringen müssen. Sie sind dabei als
Adressen mobilisierbar “in der Erwartung, daß die Gastarbeiter-
Rücküberweisungen für ein gemeinsames großes Haus oder ein
wirtschaftlich lukratives Projekt verwendet werden” (ebd., 9). Deutlich
sichtbar wird sodann aber auch an diesem Aspekt die Verselbständigung
der Netzwerkstruktur. Denn im Zuge der Etablierung des “sozialen
Migrationskorridors” (ebd., 22) zwischen dem Dorf im Nildelta und
'Sibrbay sur Seine' müssen die Reisekredite nicht mehr von Verwandten
im Heimatdorf gewährt werden, sondern fließen vielmehr von Netz-
werkadressen in Frankreich als Darlehen zurück an migrationswillige
Verwandte in Ägypten. Das Netzwerk organisiert und finanziert also den
Nachzug von Migranten im Hinblick auf seine eigenen, oben genannten
Erfolgsbedingungen. Daß auch dabei Verwandtschaft noch die
Gelenkstelle der Adressenkombinatorik bildet, dürfte unter den ge-
gebenen Bedingungen der “Transnationalität” mit den eingeschränkten
Möglichkeiten der Absicherung von Krediten durch Rechtsinstitute
sowie den spezifischen Unsicherheiten erfolgreicher Grenzübertritte zu-

25 “Von den 21 Migranten, die bereits vor 1991 nach Frankreich kamen, arbeiten 17
inzwischen als Patron. Die in den Jahren 1991 bis 1994 eingereisten 39 Männer
sind überwiegend als Muqawwil (18) beziehungsweise Patron (9) tätig, und nur
bei den nach 1995 gekommenen Migranten arbeiten noch 16 von 26 auf der
untersten Stufe der einfachen Anstreicher und Hilfsarbeiter” (Müller-Mahn 2000,
21).
Netzwerk und Adresse 21
sammenhängen, die ersichtlich die Voraussetzung der Rückzahlung ge-
währter Kredite sind.
An diesem wie anderen aus der Migrationsforschung bekannten
Fällen wird nicht nur sichtbar, daß Netzwerke an den Inklusions-
bedingungen und -chancen von Organisationen und Funktionssystemen
Struktur und Stabilität gewinnen, sondern sie zeigen dabei auch, daß
Netzwerke zum Ausgangspunkt für Organisationsbildung sowie weitere
Netzwerkbildungen werden. Schlepperorganisationen, “Reise-
organisatoren” und “Etappenhelfer” lassen sich dafür bezahlen, daß sie
“über weitreichende Erfahrungen und gute Kontakte”, also wiederum:
über Adressen verfügen, um Migranten illegal über Staatsgrenzen zu
bringen (ebd., 8). Ersichtlich kristallisiert auch das damit angesprochene
'Netzwerkgeschäft' an der segmentären Binnendifferenzierung der
Politik in Staaten, die mit ihrer Inklusionform der Staatsangehörigkeit
“zum Filter für die Versuche von Migranten (wird), Inklusionschancen in
die Funktionssysteme und ihre Organisationen durch geographische
Mobilität zu realisieren” (Bommes 1999, 16) 26 .
Ein ebenfalls auf dem Zugang zu den Möglichkeiten von Adressen
beruhendes Netzwerkgeschäft ganz anderer Art sei abschließend am
vorliegenden Fall erwähnt. Es unterstreicht zugleich die Bedeutung der
Aufrechterhaltung von Kommunikationen im Sinne der Bestätigung der
Relevanz der Adressen im Netzwerk. In diesem Beispiel betrifft dies die
Adressen im “Migrationskorridor”, dessen beiden geographischen Pole,
wie gesehen, für den ökonomischen Erfolg und die dauerhafte Struktur
des Netzwerkes zentral sind. Das Netzwerkgeschäft betrifft einen der in
Paris lebenden Migranten, der “eine Art Telefonzentrale” betreibt, indem
er seinen Landsleuten Zugang zu preisgünstigen internationalen Tele-
fonverbindungen zwischen Paris und Sibrbay vermittelt (Müller-Mahn
2000, 15). Diese Möglichkeit basiert dabei auf der Adresse eines
Kontaktmannes in Nordafrika, der seinerseits “Zugang zu einer inter-
nationalen Vermittlungsstelle seines Landes hat und nebenbei und ohne
Bezahlung die Verbindung in beiden Richtungen nach Frankreich und
Ägypten schalten kann” (ebd.). Auf die ökonomischen Steigerungs-
effekte dieser Adressenkombinatorik verweist die Tatsache, daß der Be-

26 Ein Beispiel, das noch einmal in besonderer Weise die Abhängigkeit von
Adressen sichtbar macht, schildert Müller-Mahn: “Im Oktober 1995 ließ sich Ali
von dem Reiseorganisator in seinem Heimatdorf ein Flugticket und ein Visum für
Weißrußland besorgen (...). Bei einer Zwischenlandung in Kiew verließ er das
Flugzeug und wurde von einem ägyptischen Kontaktmann in Empfang ge-
nommen, der ihm ein Visum für Polen verschaffte. (...) In Warschau traf er wieder
einige Ägypter, deren Adresse ihm sein Helfer in Kiew mitgegeben hatte. Sie
hatten Kontakt zu einer Gruppe von Polen und Ukrainern, die sich um die
Weiterleitung von Transitreisenden nach Deutschland kümmerten. (...) Auf der
anderen Seite des Flusses in Deutschland wartete bereits ein Auto auf sie (....).
Von dort ging es mit dem Zug weiter nach Paris. Bei seiner Ankunft in Paris rief
Ali sofort seinen Schwager an, der (...) als Maler und Verputzer gut verdiente.
Am zweiten Tag seines Aufenthaltes ging Ali mit seinem Schwager zum ersten
Mal zur Arbeit” (ebd., 10f.).
22 Veronika TackeTF FT
treiber dieses Netzwerkgeschäftes ein Haus mit acht Wohnungen in
Sibrbay bauen konnte. – “Zur Tarnung arbeitet er gelegentlich als An-
streicher” (ebd.).
Ich hatte zunächst die Vorstellung von Netzwerken als bloßen Adressen-
zusammenhängen auf Distanz gebracht und demgegenüber durch be-
griffliche Spezifikationen und Einschränkungen gezeigt, wie sich die
Konstitution und zunächst bilaterale Stabilisierung von Netzwerk-
beziehungen sowie darüber hinaus dann auch die Etablierung von multi-
lateralen, dauerhaft selbsttragenden Netzwerkstrukturen vollzieht und
beschreiben läßt. Sichtbar geworden ist dabei, daß die Attraktivität von
Netzwerken in der Kommunikation darin liegt, daß sie Heterogenes – in
unterschiedlichen Systemkontexten generierte Möglichkeiten – auf-
einander beziehen können. In allen Fällen konstituieren Netzwerke ihre
spezifische Potentiale über die reflexive Verknüpfung der Möglichkeiten,
die Adressen repräsentieren und über systemspezifisch moderierte
Inklusions- und Exklusionsmodi gewinnen. Wie am Fall der 'sans-
papiers' gesehen, können Adressen für Netzwerke gerade auch unter
dem Gesichtspunkt ihrer spezifisch eingeschränkten Möglichkeiten der
Realisierung von Inklusionschancen relevant und attraktiv werden.
Weil Netzwerke über die Kombinierbarkeit polykontextural
konstituierter Adressen jeweils hochspezifische und partikulare
Möglichkeiten konstituieren, führt ihre Beschreibung jenseits des all-
gemeinen Konstitutionsmechanismus auf empirische Fragen. Auf seiner
Basis lassen sich eine Vielzahl empirischer Netzwerkformen beobachten
und unterscheiden. Zu denken ist – neben schon genannten Beispielen –
an regionale Industriedistrikte (Grabher 1993; Piore/Sabel 1985),
nationale Subskriptionsnetzwerke (C. Tacke 1995), globale Netzwerke
unter Wissenschaftlern (Stichweh 1999), an Illegalitätsbedingungen sich
nährende Korruptionsnetzwerke (Karstedt 1999), korporatistische
Regulierungs- und Policy-Netzwerke (Kenis/Schneider 1996; Ladeur
1993; Mayntz 1993), Forschungs- und Entwicklungskooperationen
zwischen Wissenschaft, Industrie und Staat (Schulz-Schaeffer et al. 1997)
sowie verschiedenste Formen von Unternehmensnetzwerken: Hersteller-
Anwender-Netzwerke der Innovation (Kowol/Krohn 1995), Hersteller-
Zulieferer-Netzwerke der Produktion (Altmann/Sauer 1989; Hessinger
et al. 2000), strategische Allianzen zwischen Konkurrenten (Hage/Alter
1997; Powell 1990) usw.. Netzwerke werden beobachtbar anhand der sie
je konstituierenden, partikularen Möglichkeiten und Strukturbildungen
sowie entlang des Typs der verknüpften Möglichkeiten, die an
personalen oder organisatorischen Adressen hängen.

IV. System und Netzwerk

Ich habe das Verhältnis von System und Netzwerk bisher in der Weise
behandelt, daß an ausgewählten Beispielen der Verknüpfung von
Netzwerk und Adresse 23
Adressenmöglichkeiten sichtbar gemacht wurde, daß und wie Netz-
werke ihre spezifischen Möglichkeiten auf der Grundlage von In-
klusionen in und Zugängen zu Organisations- und Funktionssystem-
kontexten generieren und im Rekurs auf entsprechende Inklusionsprofile
von Adressen stabilisieren. Ich werde die Perspektive nun im ab-
schließenden Teil noch einmal drehen und das Verhältnis von System
und Netzwerk vom Systemkontext her betrachten. Ich richte den Blick
dabei auf Organisationen und komme damit nunmehr auch auf die ein-
gangs getroffene Unterscheidung von 'Netzwerken im Organisations-
kontext' (Personen als Adressen der Netzwerkbildung) und
'Organisationsnetzwerken' (Organisationen als Adressen der Netzwerk-
bildung) zurück. Im Rekurs darauf soll zum einen eine strukturspezi-
fische Offenheit von Systemen für Netzwerkbildungen sichtbar gemacht
werden, zum anderen gezeigt werden, welche Möglichkeiten sich für
Organisationen mit Netzwerkbildungen verbinden.

Netzwerke im Organisationskontext

Auf die strukturspezifische Offenheit von Systemen für Netzwerk-


bildungen führt die für die Theorie funktionaler Differenzierung zentrale
Annahme, daß für Inklusionen in ausdifferenzierte Systeme systemspezi-
fische Kriterien gelten 27 . Funktionssysteme und Organisationen unter-
scheiden sich zwar im Grundsatz darin, ob für sie die 'Inklusion aller'
oder die 'Exklusion der meisten' der konstitutive und zu rechtfertigende
Normalfall ist (vgl. Luhmann 2000, 390f.), beiden ist aber eine uni-
versalistische Orientierung in dem Sinne gemeinsam, daß sie keine anderen
als systemspezifische Kriterien für Teilnahme kennen. Der
gesellschaftsstrukturellen Neutralisierung partikularer Zugangs-
restriktionen entspricht auf der Ebene von Funktionssystemen In-
klusionsuniversalismus – als Strukturvoraussetzung der
Differenzierungsform. Demgegenüber können Organisationen hoch-
selektiv über Mitgliedschaft entscheiden und sie müssen es können – das
ist ihre spezifische Strukturvoraussetzung. Nun besagt aber die selektive
Entscheidbarkeit über Mitgliedschaften nicht, daß Organisationssysteme
deshalb von der Adresse her – und in diesem Sinne partikularistisch –
darüber befinden, wer für Inklusion in Frage kommt. Auch
Organisationen kennen keine anderen als systemspezifische Lösungen
für Inklusionsfragen. Sie entscheiden über Mitgliedschaften und
orientieren sich dabei, im Sinne von achievement (im Unterschied zu
askription), an der Selektivität von Karrieren, die mit Bezug auf Stellen –
also von den Strukturen der Organisation her – relevant oder irrelevant

27 Diese Annahme erschließt sich darüber, daß die moderne Gesellschaft in der
Folge und als Voraussetzung ihrer Differenzierungsform keine gesamt-
gesellschaftlichen Formen für Inklusion/Exklusion mehr kennt und Inklusions-
fragen faktisch an die ausdifferenzierten Systeme delegiert hat.
24 Veronika TackeTF FT
erscheinen.
Auf der Grundlage dieser aus der Differenzierungsform der Gesell-
schaft resultierenden Neutralisierung prinzipieller zugunsten system-
spezifischer Lösungen für Inklusionsfragen werden Organisationen aber
zum Einfallstor für persönliche Beziehungsnetzwerke, die parasitär an
ihnen kristallisieren 28 . Dies zeigt etwa eine Studie zur Rekrutierung von
Auszubildenden in einem Großunternehmen der Automobilindustrie in
Deutschland (Bommes 1996): Für immerhin 60% der in einem Jahrgang
rekrutierten Auszubildenden galt, daß auch Vater oder Mutter im Unter-
nehmen beschäftigt waren, wobei es – erst das ist interessant – unter den
Bewerbern um einen Ausbildungsplatz ursprünglich nur 30% gewesen
waren (ebd., 41) 29 . In der Studie wird erkennbar, daß dieses Ergebnis
über personenbezogene, Mitgliedschaft voraussetzende Adressen-
kombinatorik hergestellt wurde. Über Netzwerke wurden Zugänge zu
organisations- und funktionsspezifischen Leistungen und Karrieren
einerseits, entsprechende Ausschlüsse andererseits produziert 30 .
Interessant ist hier, daß es sich um Inklusionsverhältnisse in
Organisationen handelt, die treffend als “schweigend” (ebd.) bezeichnet
werden. Schweigend sind sie dabei nicht nur, weil sie faktisch nicht Teil
offizieller Darstellungen eines 'modernen', leistungsbezogenen
organisatorischen 'Human Ressource Management' werden 31 .
Schweigend sind sie vor allem deshalb, weil solche Inklusionsverhält-
nisse, um die man in der Organisation weiß, für die Organisation gar
nicht anders darstellbar sind, denn als Ergebnis ihrer eigenen Ent-
scheidungen. Zentral ist dafür nicht, ob die über Netzwerkbeziehungen
privilegierten Auszubildenden tatsächlich offizielle Bewerbungs-
verfahren durchlaufen, also leistungsbezogene Tests, Aufsätze und Ge-
spräche bestanden haben (das ist wahrscheinlich), sondern daß die
Organisation das Ergebnis der Rekrutierung ihrer (!) Mitglieder nur als
Entscheidung behandeln und entsprechend sich selbst zurechnen kann –
und nicht dem Netzwerk, das dieses Ergebnis gleichsam “anonym
produziert” hat (Luhmann 2000, 243) 32 .
28 Auf die 'parasitäre' Struktur des Verhältnisses von Netzwerken und
Organisationen (für die Vermittlung von Zugängen zu Leistungen von
Funktionssystemen) hat Luhmann im Zusammenhang regionaler Verhältnisse in
Süditalien hingewiesen, in denen die Funktionsfähigkeit organisatorischer Infra-
strukturen herabgesetzt und dadurch die Autonomie von Funktionssystemen
eingeschränkt oder blockiert ist, weil sich die Kommunikation in “flexible Netz-
werke persönlicher Beziehungen” verlagert und Fragen der Geltung und Durch-
setzbarkeit geregelter Abläufe Netzwerken unterwirft (vgl. Luhmann 1995c).
29 Es geht dabei jeweils um mehrere Hundert Bewerbungen pro Jahr und ent-
sprechend hohe Rekrutierungszahlen, z.B. 450 Bewerbungen/137
Rekrutierungen.
30 In der Beobachtungshinsicht der Studie sind dies Migrantenkinder, deren Eltern
nicht Teil der Traditionsbildung des Unternehmens sind.
31 Nur im Nachhinein werden sie annonciert – man lese nur Firmengeschichten.
32 Entsprechend gilt auf der Seite der nicht berücksichtigten Jugendlichen, daß sie
sich die Nichtberücksichtigung als Defizit eigener Leistungen zurechnen (lassen)
müssen.
Netzwerk und Adresse 25
Beziehungsnetzwerke dieser Art nutzen die strukturelle Offenheit
systemischer Inklusionsmodi als Einflugschneise für parasitär
konstituierte Möglichkeiten. Sie sind als “nichtentschiedene Ent-
scheidungsprämissen” (Luhmann 2000, 145) an Entscheidungen der
Organisation und damit auch am 'structural drift' des Systems beteiligt.
Damit ist aber nicht schon gesagt, daß sie Leistungsstandards der
Organisation unterlaufen oder herabsetzen (Luhmann 1995c). Generell
gilt wiederum, daß Organisationen dies nur selbst können. Leicht er-
kennbar ist aber, daß Organisationen von solchen parasitären Formen
der Netzwerkbildung im Rahmen ihrer eigenen Problemstellungen
profitieren können. Sie sind auf Unsicherheitsabsorption angewiesen, zu
der nicht nur eigene, sondern auch fremde, nicht nur primäre, sondern
auch sekundäre Strukturbildungen einen Beitrag leisten können. Über
die verwandtschaftlichen Beziehungsnetzwerke der Rekrutierung
werden in diesem Sinne für die Organisation weitere Kommunikationen
darüber abgeschnitten, welche der unter systemeigenen Gesichtspunkten
in Frage kommenden Adressen im Hinblick auf die Vergabe eines Aus-
bildungsplatzes angesteuert werden. Überdies können verwandtschaft-
liche Traditionsbildungen innerhalb der Organisation registriert und be-
obachtet werden unter dem Gesichtspunkt eines durch Entscheidung
nicht herstellbaren, durch persönliche Bindungen und Verpflichtungen
aber erzeugten Beitrages zur Compliance der Organisationsmitglieder.
Und unter einem solchen organisationseigenen Gesichtspunkt der Be-
obachtung kann dann – im Prinzip – auch Verwandtschaft zu einem
offiziell anerkannten, ergänzenden Rekrutierungskriterium der
Organisation werden, womit zugleich entsprechende Beziehungsnetz-
werke substituiert würden. Wiederum aber geht es um empirische
Fragen. Organisationen können solche “Traditionsbildungen” (Bommes)
und “sozialmoralischen Milieus” (Moser) ebensogut als riskante Selbst-
bindung beobachten, über die die systemkonstitutive sachliche Mobilität
von Mitgliedschaften faktisch eingeschränkt wird. Ob das Parasitentum
solcher sekundären Strukturbildungen zum Wohl oder Wehe ausfällt,
mit Erfolgen oder Mißerfolgen verbunden wird, ist von Kontexten der
Beobachtung abhängig und fällt entsprechend in mitgliedermobil
konstitutierten Organisationssystemen grundsätzlich anders aus als in
der Beobachtungsweise von Netzwerken, die den Adressen, über die sie
sich konstitutieren, einen Primat einräumen.

Organisationsnetzwerke

Am Fall der personalen Beziehungsnetzwerke im Kontext von


Organisationen habe ich die Frage nach dem Verhältnis von
Organisation und Netzwerk bereits in die Frage umformuliert, wie
Organisationen selbst diese Unterscheidung handhaben (vgl. Luhmann
2000, 24). In diesem Zusammenhang komme ich abschließend auf
Organisationsnetzwerke, also auf den Fall zurück, daß Organisationen
26 Veronika TackeTF FT
die mit ihren Adressen wechselseitig verbundenen Möglichkeiten be-
obachtend aufeinander beziehen und im reflexiven Bezug dieser
Möglichkeiten aufeinander neue Möglichkeiten konstituieren.
Hinsichtlich des Mechanismus der Netzwerkkonstitution ist dabei kein
prinzipiell anderer Sachverhalt angesprochen als auf der Ebene
personaler Netzwerke. Insofern Organisationen auf der Grundlage ihres
Reproduktionsmodus von Entscheidungen im eigenen Namen zur
Kommunikation in der Lage sind, sind sie mögliche Adressaten für Mit-
teilungen und entlang von reflexiven Beobachtungen der Kombinierbar-
keit von Möglichkeiten auch zur Netzwerkbildung befähigt. Und auch
mit Bezug auf organisatorische Adressen kann mit flüchtigen und
stabileren, bilateralen und multilateralen Netzwerken gerechnet werden.
Empirisch gibt die Literatur darüber umfangreich Auskunft. Sie zeigt
auch, daß Organisationsnetzwerke – in terms des hier vorgeschlagenen
Konzepts – auf der reflexiven Beobachtung von Adressen unter dem Ge-
sichtspunkt von “complementary strength” (Powell 1990) beruhen und
Steigerungseffekte durch “intelligente Kombination” (Teubner 1992)
ihrer Adressenmöglichkeiten erzielen 33 . Auch dies haben sie noch mit
personalen Netzwerken gemeinsam. Aus dem Umstand dagegen, daß
Organisationen in Bezug auf ihre Grenzen entscheidungsfähig sind, er-
geben sich auf dieser Ebene der Netzwerkbildung besondere Potentiale
reflexiver Adressenkombinatorik. Am Beispiel der strategischen Aus-
lagerung von Unternehmensfunktionen in selbständige Organisationen
('outsourcing') kann man etwa studieren, daß Organisationssysteme ihre
Adressbücher nicht nur nach attraktiven Netzwerkadressen absuchen
können, sondern Netzwerkadressen auch aus ihren eigenen Möglich-
keiten heraus – und im Rahmen ihrer Möglichkeiten – in ihrer Umwelt
(mit)erzeugen können. Qua Entscheidung werden dabei neue
Organisationen im Hinblick auf spezifische Adressenprofile konstitutiert,
also unter dem Gesichtspunkt geschaffen, daß die durch System-
konstitution entstehenden kontextspezifischen Beobachtungsmöglich-
keiten und Zugänge (z.B. hohe Innovationsfähigkeit/geringe Kapital-
kraft) sodann im reflexiven Bezug auf die eigenen Möglichkeiten (z.B.
große Kapitalkraft/geringes Innovationspotential) zu einem spezifischen
Netzwerkpotential verknüpft werden können. Auf der Basis der Ent-
scheidungsfähigkeit über Grenzen sind dann auch komplexere
Konstruktionen bekannt, etwa “Joint Ventures”, die aus bestehenden
“strategischen Allianzen”, also den Möglichkeiten mehrerer
Organisationen hervorgehen.
Von einer organisatorischen Netzwerkrevolution (Teubner 2000) mag
man mit Bezug auf die empirische Beobachtung sprechen, daß es im
Zuge struktureller Verschiebungen in den Abnahmebedingungen von
Leistungen in den vergangenen zwei Dekaden zu einer deutlichen Zu-

33 Daß ich der in der Netzwerkdiskussion häufig anzutreffenden Vorstellung einer


“Auflösung von Organisationsgrenzen” nicht folge, dürfte deutlich sein: An-
sprechbare Adressen können Organisationen nur auf der Grundlage ihrer
Systemkonstitution und entsprechende Grenzziehung sein.
Netzwerk und Adresse 27
nahme organisatorischer Vernetzungen und Vernetzungsformen ge-
kommen ist, deren Schwerpunkt im Kontext wirtschaftlicher und
politischer Organisationen ausgemacht wird und dabei ersichtlich mit
Globalisierungstendenzen korreliert. Jenseits der strukturellen Be-
dingungen des Relevanzgewinns der Vernetzung, beruht die
organisatorische “Netzwerkrevolution” zugleich allerdings darauf, daß
die reflexive Kombinatorik organisatorischer Adressen heute deutlich
aus der “darkness of informality” (Teubner 1996) heraustritt und zur
auch offiziell annoncierten Formel sowohl organisatorischer Selbst-
beschreibungen wie auch funktionssystemspezifischer Reflexionen ge-
worden ist 34 . In diesem Sinne erfolgt die Etablierung und Durchsetzung
adressenbezogener “Beobachtungskulturen” (Fuchs 1992) auf
struktureller und semantischer Ebene. In beiden Hinsichten betrifft dies
nicht nur zwischen-, sondern auch innerorganisatorische Beobachtungs-
verhältnisse, wie die Organisationsforschung unter Stichworten der “De-
zentralisierung” oder “Enthierachisierung” von Strukturen umfangreich
dokumentiert. Die Möglichkeiten und Potentiale organisatorischer Ein-
heiten, Abteilungen und Stellen werden nicht mehr vorrangig im Modus
der Serialität, sondern der Reziprozität 35 aufeinander bezogen. Man
stattet sie als organisationsintern ansprechbare Adressen aus, von denen
erwartet wird, daß sie ihre Möglichkeiten im Modus reflexiver Be-
obachtungsweisen aufeinander beziehen und steigern.
Wenn die Organisationsforschung die interorganisatorische Netz-
werkrevolution im Duktus der Überraschung zur Kenntnis genommen
hat, beruht diese einerseits auf Annahmen funktionaler Differenzierung,
zugleich aber auf einem Mißverständnis der damit bezeichneten
Differenzierungsform. Die Überraschung über das Aufkommen von
Netzwerken beruht auf der Erwartung, daß Organisationen ihre
Programme und Entscheidungen primär und strikt an der Beobachtung
von Funktionssystemen ausrichten und sich – im doppelten Wortsinne:
allein – durch deren Bedingungen konditionieren lassen. Unterstellt wird
in diesem Sinne eine Inklusionshierarchie von Funktionssystemen und
Organisationen. Als Systeme entscheidungsmäßiger Selbststeuerung sind
Organisationen aber “systematisch in der Lage, ihre eigenen Überlebens-
bedingungen unabhängig von dem einzuschätzen, was das freie Spiel
der Wirtschaft oder der Politik ihnen anderenfalls in Aussicht stellen
würde”. Wenn sie Netzwerke bilden, wird sichtbar, was generell für sie
gilt: sie “beziehen sich (...) auf die Gesellschaft insgesamt und nicht nur
auf eine partielle Systemlogik. Allerdings tun sie das aus ihrem jeweils
partiellen Blickwinkel heraus” (Baecker 2000, 14). Damit ist nicht gesagt,
daß Organisationen, wenn sie Netzwerke bilden, ihre Problemstellungen
den geschlossenen Bezugshorizonten der Funktionssysteme entziehen,
an denen sie sich zum einen als Wirtschaftsorganisationen, als politische

34 Siehe zur politischen Formel des “Netzwerk-Staates”: Teubner 2000 sowie zum
“Netzwerkparadigma der Industrieentwicklung”: Hessinger et al. 2000.
35 Vgl. zur Unterscheidung serieller und reziproker Interdependenz: Thompson
1967.
28 Veronika TackeTF FT
Organisationen, als Wissenschaftsorganisationen etc. orientieren und in
die sie zum anderen als multireferentielle Systeme (Wehrsig/Tacke 1992)
stets polykontextural inkludiert sind. Vielmehr wird erkennbar, daß die
Beobachtung von Funktionssystemen unter Bedingungen hoher Un-
sicherheit über Netzwerkadressen umdirigiert wird. Organisationen
nutzen Netzwerke, um Problemlösungen und Problemstellungen zu
generieren, die sie sodann in die Beobachtungshorizonte “ihrer”
Funktionssysteme einrücken können (vgl. Brosziewski 1997; Ladeur
1993). Mit Bezug auf die Kontingenzräume, die die funktionsspezifischen
Codes durch Einschränkungen jeweils eröffnen, könnten Netzwerke vor
diesem Hintergrund als ein Spezifikationsmechanismus für funktions-
systemspezifische Problemstellungen verstanden werden, der neben
Professionen und Organisationen tritt und der, wie zuvor gesehen, auch
dort häufig auf Möglichkeiten von Organisationen beruht, wo die Netz-
werkadressen keine organisatorischen, sondern personale Adressen sind.

Schluß

Der vorliegende Beitrag beansprucht nicht, all jene Fragen beantwortet


zu haben, die die umfangreiche und ausgesprochen heterogen sich dar-
stellende sozialwissenschaftlichen Netzwerkforschung aufgeworfen hat.
Den Ausgangspunkt bildeten grundlegende theoretische Schwierigkeiten
der soziologischen Beschreibung von Netzwerken als einer Form sozialer
Ordnung, vor die sich sozialtheoretisch argumentierende Netzwerk-
ansätze gestellt sehen – nicht zuletzt in der Konfrontation mit empirisch
heterogenen Phänomenen. Vor diesem Hintergrund hat der vorliegende
Beitrag einen Vorschlag gemacht, der das Potential der Theorie
funktionaler Differenzierung für eine durch gesellschaftstheoretische
Annahmen kontrollierte Beschreibung des Netzwerkproblems nutzt und
sich zugleich der Herausforderung stellt, die dieses Problem für die
Systemtheorie als einer Theorie mit Universalismusanspruch nach wie
vor bereit hält.
Im Mittelpunkt stand dabei das Interesse an der Entwicklung eines
theoretisch allgemeinen Konzepts, das die empirische Varianz sozialer
Netzwerkerscheinungen in der Gesellschaft vom persönlichen Be-
ziehungsnetzwerk unter Nachbarn bis zum strategischen Organisations-
netzwerk zulassen kann und sie zugleich mit einem Begriff einheitlich zu
erfassen erlaubt, der sich paßgenau in den Bezugsrahmen der System-
theorie einfügen läßt. Dem Anspruch dieser Theorie folgend, konnte das
Netzwerkproblem über das Konzept der Adresse dabei so präzisiert
werden, daß ein theoretisch distinkter und empirisch tragfähiger Netz-
werkbegriff gewonnen werden konnte, der sich von anderen, bereits ein-
geführten theoretischen Konzepten (wie dem der strukturellen
Kopplung) abgrenzen und von allzu lockeren Verwendungsweisen der
Netzwerkformel (z.B. in der Small-World-Forschung) abheben läßt.
Netzwerk und Adresse 29
Folgt man diesem Begriffsvorschlag, dann sind Netzwerke nicht als
soziale Systeme zu verstehen, sondern als parasitäre Formen der
Strukturbildung, die auf funktionaler Differenzierung beruhen und diese
als gesellschaftliche Primärstruktur voraussetzen. Erkennbar geworden
ist diesbezüglich, daß die Differenzierungsform der modernen Gesell-
schaft mit ihrer spezifischen Offenheit für Strukturreichtum sekundäre
Formen der Ordnungsbildung grundsätzlich nicht ausschließt, sondern
diese sogar vorsieht 36 . Und sie kann mit ihrem universalistischen Modus
der Inklusion ebenso wenig ausschließen, daß es zu partikularistischen
Formen der ‚Adressenberücksichtigung‘ in der Gesellschaft kommt.
Netzwerkbildungen scheinen mit Strukturen funktionaler
Differenzierung darüber hinaus sogar insofern 'wahlverwandt' zu sein,
als das treibende Moment der Vernetzung in Optionssteigerungen liegt.
Diese entstehen im Fall von Netzwerken nicht durch System-
differenzierung, sondern auf ihrer Grundlage. Der Steigerungseffekt be-
ruht auf der Nutzung der Polykontexturalität von Adressen und besteht
in der reflexiven Verknüpfung der heterogenen Möglichkeiten, die sie in
der Kommunikation repräsentieren. Insofern diese Möglichkeiten in
unterschiedlichen Kontexten von Sinn konstitutiert werden, kann man
vermuten, daß der Clou von Netzwerken nicht in der Systembildung
liegt, sondern in ihrer Vermeidung.

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36 Dies besagt es, wenn in der Systemtheorie von einem Primat der
Differenzierungsform gesprochen wird.
30 Veronika TackeTF FT
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Dr. Veronika Tacke, Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld


Postfach 100 131, D-33501 Bielefeld
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