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Konzeption empirische Literaturwissenschaft

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Els Andringa

Wandel der Interpretation

EIs Andringa

Wandel der Interpretation

Konzeption Empirische Literaturwissenschaft

Herausgegeben von der Arbeitsgruppe NIKOL Achim Barsch, Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmidt, Reinhold Viehoff

Band XVII

Über die Reihe: Mit der ,Konzeption Empirische Literaturwissenschaft' ver- folgt die Arbeitsgruppe NIKOL das Ziel, erfahrungswissenschaftliche Grund- lagen, Fragestellungen und Methoden als feste Bestandteile eines literatur- und medienwissenschaftlichen Paradigmas zu etablieren. Interdisziplinäres Arbei- ten, explizite Theorie- und Methodenentwicklung, Nachprüfbarkeit der For- schungsergebnisse, soziale Validität und Relevanz der Forschungsarbeiten sind ausdrückliche Wertorientierungen dieser wissenschaftlichen Konzeption. Mit der erfahrungswissenschaftlichen Sicht auf Literatur geht in der Empi- rischen Literaturwissenschaft eine Neubestimmung des Gegenstandes und der Forschungsinteressen einher. Ziel ist nicht die Interpretation literarischer Werke, sondern die Erforschung des gesamten literarischen Feldes: u.a. ver- schiedener Formen des Umganges mit Texten, unterschiedlicher Literaturbe- griffe, kognitiver, sozialer und kultureller Dimensionen auf Literatur bezoge- nen Handelns (z.B. des Produzierens, Vermitteins, Rezipierens und Verarbeitens als literarisch angesehener Texte), Arten der sozialen Organisation literarischen Handelns in den verschiedenen Gesellschaften, Stil-, Motiv- und Formen- konventionen für Texte mit literarischem Anspruch. Die Reihe "Konzeption Empirische Literaturwissenschaft" versammelt Arbeiten, die dieses neue Aufgabenfeld der Literaturwissenschaft weiter er- schließen.

EIs Andringa

Wandel

der Interpretation

Kafkas, Vor dem Gesetz' im Spiegel der Literaturwissenschaft

Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH

ISBN 978-3-531-12593-0 DOI 10.1007/978-3-663-14262-1

ISBN 978-3-663-14262-1 (eBook)

Alle Rechte vorbehalten

© 1994 Springer Fachmedien Wiesbaden

U rsprünglich ers chienen bei We s tdeut s cher Ve rlag G mbH , Opladen 19 9 4.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbe- sondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Umschlaggesta1tung: Christine Huth, Wiesbaden

Gedruckt auf säurefreiem Papier

VOIwort

Die Idee für die vorliegende Untersuchung entstand, als ich für ein Seminar über empirische Literaturwissenschaft Material sammelte, das Rezeptionsvorgänge un- ter verschiedenen literaturtheoretischen Bedingungen illustrieren sollte. Kafkas kurze Erzählung 'Vor dem Gesetz' ist ein überschaubarer Ausgangstext, zu dem mühelos Interpretationen aus verschiedenen Perioden der modernen Literatur- wissenschaft zu finden sind. Das anfängliche Material war aber so reichhaltig und schien auch für die Entwicklung der Literaturtheorie so aufschlußreich, daß ich mich dazu entschloß, die Sammlung zu vervollständigen und den Wandel der In- terpretation systematisch zu verfolgen. Als Analyseinstrument wollte ich das Ver- fahren der Inhaltsanalyse anwenden, das sich für die systematische Erforschung von Leserdokumenten und literarischen Kritiken bereits in mehreren Untersuchungen bewährt hat. Beim Versuch, Kategorien für das Interpretationsmaterial zu entwickeln, stellte sich dieses Verfahren jedoch als nicht realisierbar heraus. Entweder wurden die Kategorien zu grob, um feinere Unterschiede zu erfassen, oder das System wurde so weitläufig, daß es nicht mehr oder nur noch mit ge- waltigem AufWand anwendbar gewesen wäre. Das Material, das inzwischen Hun- derte von Seiten umfaßte, schien zu umfachreich, vielschichtig und komplex für ein solches Verfahren. Damit schied eine Methode aus, die in der empirischen Literaturwissenschaft als eine der wenigen validierbaren Möglichkeiten für die Analyse komplexer ver- baler Daten gilt. Ich mußte meine Zuflucht zu "konservativeren" Verfahren der beschreibenden Analyse und synoptischen Darstellung nehmen. Die empirische "Härte" des Unternehmens wurde dadurch geschwächt. Das hat aber vielleicht den Vorteil, daß die Arbeit weniger spezialistisch ist als manche "harten" Unter- suchungen der empirischen Literatur- und Textwissenschaft. Das kommt einer an- deren Zielsetzung dieser Studie entgegen. Sie möchte ausdrücklich an Fragen der traditionellen Literaturwissenschaft anknüpfen und etwas vorlegen, das Interessen

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Vorwort

der Hermeneutik und der Literaturtheorie mit denen der empirischen Forschung verbindet. Es hat mich gefreut, daß die Herausgeber bereit waren, das Buch in die Reihe "Konzeption Empirische Literaturwissenschaft" aufzunehmen. Erkenntlich bin ich ihnen auch für ihre kritische Durchsicht des Manuskriptes. Reinhold Viehoff möchte ich ganz besonders für seine sprachlichen und stilistischen Korrekturen, die sehr viel zur Lesbarkeit beigetragen haben, danken. Auch Tilmann Vetter hat manches zur sprachlichen Verbesserung beigesteuert. Lilo Roskam besorgte mit viel Geduld die Endgestaltung des Manuskriptes. Und nicht zuletzt möchte ich meinen Kollegen der Utrechter Fachgruppe Literaturwissenschaft danken für das freundliche Arbeitsklima.

Wassenaar, im Januar 1994

INHALTSVERZEICHNIS

1. Skizzierung des Problemfeldes:

Wandel des IiteraturwissenschaftIichen Interpretierens

9

2. Vorgehensweise und Material

13

2.1.

Ausgangspunkte für eine empirische Studie

13

2.2.

Zu Kafkas 'Vor dem Gesetz'

16

2.3.

Die Interpretationen

20

3. Theorie der Interpretation

25

3.1.

Ermittlung von Bedeutung und Sinn im Verstehensprozeß

26

3.1.1.

Formen der Bezugnahme

31

3.1.2.

Wechsel der Rahmentheorien in der modernen Literaturwissenschaft

39

3.2.

Vermittlung von Bedeutung und Sinn

51

3.3.

Interpretation und "Fortschritt"

63

4. Kontinuität im interpretativen Diskurs:

Referenzstrukturen und Zitate

70

5. Inhaltliche Analyse des Materials

81

5.1.

Die Periode 1950-1967

86

5.1.1.

Religionsphilosophie, Existenzphilosophie oder die Autonomie des Werkes?

88

5.1.2.

Zwischenbilanz

100

5.2.

Entwicklungen seit 1967

107

5.2.1.

Ergebnisse der Quellenforschung:

Jüdische Vorlagen und die Frage der "Anti-Formen"

108

5.2.2.

Die Problematisierung des Interpretationsvorgangs:

Einflüsse der Rezeptionsästhetik

115

5.2.3.

Einflüsse der Tiefenpsychologie von Freud bis Lacan

122

5.2.4.

Derrida vor dem Gesetz:

Poststrukturalistische Tendenzen

134

5.2.5.

Fortsetzung traditionell hermeneutischer Verfahren

147

8

Inhaltsverzeichnis

6. Formen der Vermittlung . 153 6.1. Metatheorie und Modalität 155 6.2. Erzählerische Elemente im
6.
Formen der Vermittlung
. 153
6.1. Metatheorie und Modalität
155
6.2. Erzählerische Elemente im interpretativen Diskurs
164
7.
Rückblick und Diskussion
176
7.1. Konstanz und Variation in den Fragestellungen
und Lösungsvorschlägen
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.179.
7.2. Dynamik im literarischen System und
Wandel der Interpretation
184
Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln
.
194
Anhang: Übersicht über die Fragenkategorien und Fragen
205
Literaturverzeichnis
I: Die Interpretationen
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
208.
.
.
.
Literaturverzeichnis 11: Übrige Fachliteratur
212
Namenregister
218
Sachregister
221

1.

Skizzierung des Problemfeldes:

Wandel des literaturwissenschaftlichen Interpretierens

Diskussionen über Aufgaben und Ziele des Interpretierens sind seit jeher in theo- logischen, philologischen, textwissenschaftlichen und philosophischen Disziplinen geführt worden. In der modernen Literaturwissenschaft begleiten Überlegungen zum Interpretieren fast jede Initiative zur Erneuerung und jeden Versuch zur Positions- bestimmung. In den Bewegungen des Strukturalismus, des New Criticism, der mo- dernen Hermeneutik, der Rezeptionsästhetik, des Poststrukturalismus und der marxi- stischen, feministischen oder psychoanalytischen Kritik stellte sich jeweils aufs neue die Frage, wie man sich den Texten gegenüber zu verhalten habe und welche Stel- lung der Kritiker zwischen Autor, Text und Publikum einnehme. In den Bestim- mungen verschiebt sich die Schwerpunktsetzung: einmal geht es um Rekonstruktion des Schaffensprozesses oder um Vermittlung der Autorintention, einmal stehen Analyse und funktionalistische Beschreibung von Textstrukturen an zentraler Stelle, ein andermal ist die Rekonstruktion der sozialen Entstehensbedingungen das Haupt- anliegen, dann wieder vor allem das Offenlegen der Wirkungsbedingungen. In der heutigen Zeit ist man sich außerdem der großen Verschiedenheit von möglichen Perspektiven und Methoden bewußt, weIche zum Teil in- und nebeneinander fort- bestehen. Bereits bei den Hermeneutikern hat sich der Gedanke des sich wandeln- den Rezipientenhorizonts und des sich jeweils neu aktualisierenden Textes ange- bahnt. Ergänzt um die aus der Rezeptionsästhetik hervorgegangene Einsicht in die strukturelle Unbestimmtheit literarischer Werke darf man die Anerkennung der Pluriformität und Polyinterpretabilität heute wohl voraussetzen. An kritischen Stellungnahmen und Polemiken hat es in der Entwicklung der verschiedenen Ansätze nicht gefehlt. Manche Positionen haben in Auseinander-

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1. Skizzierung des Problemfeldes

setzung mit Zeitgenossen und Vorgängern ihre Aufgaben neu zu bestimmen gesucht. Daneben erhoben sich namentlich in der modernen Zeit auch kritische Stimmen gegen die Tradition der Literaturkritik und die interpretative Praxis überhaupt. In den siebziger Jahren wurden vor allem im Rahmen der sich entwickelnden empiri- schen Literaturwissenschaft in Deutschland Bedenken laut. Empirische Untersu- chungen rückten manche Schwächen literarischer Interpretationen, vor allem in der wissenschaftlichen Fundierung, ans Licht. Sie wurden unter anderem wegen des Fehlens überprüfbarer Aussagen, des Fehlens einer eindeutigen Metasprache, wegen Intuitionismus, Eklektizismus, wegen mangelhafter Argumentation und nicht zuletzt auch wegen Vereindeutigung des Vieldeutigen kritisiert. 1 Inzwischen entstand unter dem Einfluß des französichen Poststrukturalismus international eine Strömung, die unter anderem aufzeigen wollte, wie sich die Literaturkritik und andere "institu- tionelle Diskurse" in ihren eigenen Voraussetzungen und Annahmen verfangen. Dem lag als extreme Entwicklung des Unbestimmtheitsgedankens auch die Idee zugrunde, daß Textkritik nicht zu greifbaren oder generalisierbaren Ergebnissen gelangen könne, sondern in unendlichem Verschieben und Umkreisungen der Textbedeutung ihre Bestimmung habe. 2 Beide Tendenzen, wie verschieden sie in ihren Ansätzen und Zielen auch sein mögen, zeigen Unvollkommenheiten und Widersprüche in der traditionellen Literaturkritik auf. Beide prangern, jede in ihrer Weise, die An- sprüche auf Wissenschaftlichkeit im Sinne des Erwerbs sicherer Kenntnisse an. Wie sinnvoll und heilsam die kritische Durchleuchtung einer etablierten Insti- tution auch sein mag, sie sollte nicht ohne positive Gegenproben bleiben. Nicht nur das, was zu bemängeln oder zu dekonstruieren, sondern auch das, was als Gewinn, als Kenntniszuwachs zu verzeichnen ist, sollte überprüft werden. Auch wenn man sich nicht gleich auf den Fortschrittsgedanken einer kumulativen Wissensvermeh-

rung festlegen und die Idee einer endlosen Verschiebung nicht von vornherein aus- schließen will, muß es möglich sein, zumindest eine Zunahme und Differenzierung von Beobachtungen, "Erklärungen" und Einsichten aufzufinden. Zwar gibt es Bei- spiele von Vergleichen zwischen mehreren Interpretationen, von Versuchen, ein Werk unter mehreren Gesichtspunkten oder mittels verschiedener Methoden zu analysieren und zu deuten; auch wird natürlich in der interpretativen Forschung von

Wandel des literaturwissenschaftlichen Interpretierens

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Ergebnissen anderer Gebrauch gemacht und versucht, frühere Resultate zu über- bieten. Doch selten trifft man die Frage an, was nun genau der Zuwachs an Er- kenntnis in aufeinander folgenden Interpretationen ist und welche neuen Einsichten sich in konkreten Fällen aus der jeweiligen theoretischen Ausgangsposition ergeben. Der Fragenkomplex, der sich aus dieser Lage entwickeln läßt, ist ein dreiglie- driger. Erstens stellen sich allgemeine Fragen nach dem Wandel im interpretativen und literaturkritischen Bereich. Wie wird der Interpretationsbegriff modifiziert? Was steuern Entwicklungen in Theorie und Methoden, was Verschiebungen in Begriffen und im Diskurs zum tatsächlichen Umgang mit Texten bei? Zweitens geht es um die Fragen, ob und wie sich analytischer und interpretativer Gewinn manifestiert. Ist in der Interpretationspraxis von Rezeptionsverkettung die Rede? Werden Errun- genschaften von Vorgängern genutzt, wird an sie angeknüpft? Oder ist vielmehr die Rede von wiederholtem Neubeginn, von radikalem Perspektivenwechsel, der zu an- dersartigen Ergebnissen führt, welche den früheren gegenüberstehen? Oder ist viel- leicht doch die Steuerung durch CEuvre oder Text so stark, daß den Interpreten trotz allem deren Probleme auferlegt und so einer Freiheit von Ausgangspunkten und Methoden Schranken gesetzt werden? Damit kommt auch das Verhältnis von allgemeiner Theoriebildung und Methodendiskussion zur jeweiligen Spezialforschung, die sich mit einzelnen CEuvres oder Werken befaßt, ins Spiel. Der dritte Aspekt läßt sich gleich anschließen: Bezogen auf bestimmte Werke oder CEuvres gilt es zu erforschen, wie sich das "Auslösepotential" im Laufe der Zeit unter wechselnden theoretischen Bedingungen und Deutungsansätzen entfaltet und ob im konkreten Einzelfall von Kenntniszuwachs im weiten Sinne die Rede sein kann. Hier wird also mit den allgemeinen Fragen ein textorientiertes Interesse verbunden. Dieser dreiteilige Fragekomplex wird in der vorliegenden Arbeit empirisch an- gegangen. Das geschieht anhand einer Sammlung von über vierzig Deutungen und Analysen von Kafkas "Legende" 'Vor dem Gesetz' aus den Jahren 1950 bis 1990. Es wird damit eine Fallstudie zum Problemfeld vorgelegt, die zwar die allgemeinen Fragen nicht endgültig zu beantworten vermag, die jedoch Erscheinungen aufzeigt, welche für den weiteren Bereich der interpretativen Praxis indikativ sein dürften. Als Rezeptionsgeschichte eines einzelnen Kafka-Textes zeichnet sie relativ er-

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1. Skizzierung des Problemfeldes

schöpfend die bisherigen Bedeutungsrealisierungen und analytischen Ergebnisse nach. Daß die Wahl auf eine Erzählung Kafkas gefallen ist, hat zunächst pragma- tische Gründe: Bei der unablässigen Flut von Arbeiten über Kafka kann man eine reiche Ernte an Analysen und Deutungen erwarten, auch bei Beschränkung auf einen, allerdings sehr bekannten Text. Darüber hinaus gelten Kafkas Werke ge- radezu als Musterbeispiele für vieldeutige Texte, was neben einer gewissen Quantität an Interpretationen auch eine qualitative Verschiedenheit in Verbindung mit un- terschiedlichen interpretativen Positionen erwarten ließ. Im Zusammenhang damit spielte der Gedanke eine Rolle, daß sich prominente Vertreter der Literaturwissen- schaft, Germanistik und Philosophie mit Kafka beschäftigt haben; man möchte also von vornherein annehmen, daß eine Sammlung von Kafka-Deutungen eine gewisse Repräsentativität für interpretative Tendenzen in der Literaturwissenschaft hat. Ob sich diese Erwartungen erfüllt haben, wird sich im Verlauf dieser Arbeit zeigen.

2.

Vorgehensweise und Material

2.1. Ausgangspunkte für eine empirische Studie

Einer der Impulse zur Entwicklung der empirischen Literaturwissenschaft war das Unbehagen an der Tradition des Interpretierens. Groeben (1977 und 1982) ent- wickelte die ersten Schritte aus einer polemischen Stellungnahme zur Vermischung des deutenden Subjekts mit seinem Objekt. Dadurch, daß ein Interpret notgedrun- gen seinen eigenen Leseprozeß mit zum Gegenstand des Forschens macht, hafte seiner Tätigkeit per definitionem Willkür und Subjektivität an. Daraus sei dann auch der Wildwuchs an Interpretationen zu erklären, deren Relevanz für andere Leser nicht immer ersichtlich sei. Groebens fundamentaler Vorschlag war nun, den Schwerpunkt der Forschung zu verlagern: nicht die Suche nach, oder eigentlich: die Konstituierung von Textbedeutung, sondern die Art und Weise, wie die Bedeu- tung(en) zustande kommen, sollte Aufgabe bzw. Gegenstand der Literaturwissen- schaft sein. Als Forscher stellt man sich damit außerhalb des Prozesses der Be- deutungskonstituierung und untersucht, mit welchen Mitteln und unter welchen Voraussetzungen andere Leser(gruppen) Bedeutungen zustande bringen. Obwohl Groeben zunächst - nicht ganz konsequent - mit den empirisch erhobenen "Da- ten" auch selbst einen Beitrag zur Textinterpretation liefern wollte, verschob sich das Interesse allmählich ganz in die Richtung der Textverarbeitungsprozesse und der Variablen, die dabei eine Rolle spielen. Das professionelle Interpretieren wurde zwar kritisiert und als "Wissenschaft" diskreditiert, jedoch nur recht selten unter dem Gesichtspunkt der historischen Entwicklung empirisch zum Forschungsgegen- stand gemacht. Das war eines der Motive, die vorliegende Studie zu unternehmen. Daneben entsteht ein Überblick über die bisherigen Sinnkonstruktionen, das gerade zum Interpretationsinteresse einen Beitrag liefert. Nicht nur die psychischen Prozesse werden in der empirischen Literaturwissen- schaft erforscht. Auch die soziologische Komponente wurde, namentlich von franzö- sischen Literatursoziologen, eingebracht; sie untersuchten Bedingungen der litera- rischen Produktion, Verbreitung und Rezeption und widmeten dabei Institutionen wie Verlagen, der literarischen Kritik und dem Literaturunterricht ihre Auf-

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2. Vorgehensweise und Material

merksamkeit. In Anlehnung an den Systembegriff der Strukturalisten schlug sich der Gedanke des Zusammenwirkens verschiedener Arten von Aktivitäten und Kräften im Zusammenhang mit Literatur nieder in Begriffen wie "literarisches Milieu" (R. Escarpit), "literarisches Feld" (P. Bourdieu), oder "literarisches System" (S.J. Schmidt).l In seinem 'Grundriß der empirischen Literaturwissenschaft' (1980/1991) hat S.J. Schmidt das "literarische Handlungssystem" systematisch auf- bereitet. Er unterscheidet vier dominante Handlungskategorien: die der Produktion, der Vermittlung, der Rezeption und der Verarbeitung. 2 Diese Handlungskategorien stehen teilweise unter institutionellen Bedingungen und sind mit sozialer Auf- gabenverteilung verbunden. Zur "Verarbeitung", das heißt zu den Aktivitäten, die zu neuen, von Literatur abgeleiteten Produkten führen, rechnet Schmidt auch das Interpretieren. Das System als Ganzes ist wiederum mit anderen Systemen, wie mit denen der Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft verflochten. Weiter ist es durch eine Dynamik gekennzeichnet, in der die verschiedenen Aktivitäten und Rollen aufeinander ein- und rückwirken. Wenn wir uns die Praxis des Interpretierens als Subsystem des Li- teratursystems denken, wird sofort deutlich, daß es durch mehrere Fäden mit an- deren Bereichen verknüpft ist: innerhalb des Literatursystems steht es im Umfeld von Urteilen und Interessen, die sich im Rahmen der gegebenen Deutungstradition bereits herausgebildet haben, und von vorherrschenden poetologischen Anschau- ungen; nach außen laufen Bezüge zu Wissenschaftstheorien, zu akademischen Anfor- derungen, zu den Veröffentlichungsmedien. Solche Bezüge innerhalb des literari- schen Systems in ihrer Dynamik sichtbar zu machen und dabei auch die Linie zur Wissenschaftstheorie nicht aus den Augen zu verlieren, ist ein weiteres Anliegen dieser Studie. Die empirische Literaturwissenschaft ist nicht nur durch ihren Gegenstandsbe- reich gekennzeichnet, sondern auch durch ihre Auffassung von Wissenschaft und Methodik. Durch die Verbindung mit psychologischen und soziologischen Fragestel- lungen erhielt sie eine stark interdisziplinäre Orientierung. 3 Es lag auf der Hand, daß sie sich auch in der Auswahl und Anwendung von Methoden durch die Sozial- wissenschaften inspirieren ließ. Nicht nur quantitative Methoden der Datenerhebung

2.1. Ausgangspunkte für eine empirische Studie

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wie Experimente zum Textverstehen oder Rezipientenbefragungen, sondern auch qualitative Verfahren zur Bearbeitung von komplexem verbalem Material stehen zur Verfügung. 4 In solchen Verfahren, die unvermeidlich selbst "interpretativ" sind, be- müht man sich um Explizierung, Systematisierung und Nachvollziehbarkeit von Er- hebungs- und Bearbeitungsschritten. Dazu gehört, daß man ihnen eine theoretisch fundierte Fragestellung zugrunde legt, daß man Datenmaterial nach expliziten Kri- terien sammelt und ordnet und anschließend die Analysekategorien möglichst genau bestimmt und motiviert. Nun sind Fragestellung und Material in der vorliegenden Studie so komplex, daß es kaum möglich schien, mit einem von vornherein festgelegten Analysever- fahren zu arbeiten, weil ein stringentes Kategoriensystem feinere, aber bedeutsame Unterschiede und Komplexitäten überdeckt hätte. Trotzdem wurde versucht, gewisse allgemeine Prinzipien der qualitativen Forschung zu beachten. Als theoretischer Leitfaden für die Analyse wird in Kapitel 3 ein Modell des Interpretationsvorgangs präsentiert, das im wesentlichen auf Vorbildern der hermeneutischen Theoriebildung aufbaut, allerdings mit Verbindungen zur Psychologie der Textverarbeitung. Das Modell wird unter Benutzung von Theorien zur Veränderung von Wissenschaften um eine Entwicklungskomponente erweitert. Die Kernbegriffe des theoretischen Modells dienen weiterhin als Leitkonzepte für die Bearbeitung des Materials. Weil das Modell mehrere Komponenten enthält, wird das Material auch von verschiede- nen Seiten und mit verschiedenen Verfahren analysiert. Das hat zu drei Hauptteilen geführt, von denen einer (Kap. 4) quantitativ erforscht, wie die Interpretationen in Verweisungen und Zitaten aufeinander aufbauen, einer (Kap. 5) Verschiebungen in Fragestellungen und Lösungen inhaltlich ausarbeitet und der dritte (Kap. 6) Aspekte der Sprache und Strukturierung verfolgt. Im 7. Kap. wird versucht, die Fäden wieder zusammenzuführen . In den weiteren Abschnitten dieses 2. Kapitels wird der Aus- gangstext vorgestellt und die Auswahl der Interpretationen erläutert.

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2. Vorgehensweise und Material

2.2. Zu Kafkas 'Vor dem Gesetz'

Cest le destin, et peut-etre la grandeur, de cette ceuvre que de tout offrir et de ne rien confirmer. Albert Camus: L'espoir et I'absurde dans I'ceuvre de Franz Kafka (1942)

VOR DEM GESETZ

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Tür- hüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gew~hren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also sp~ter werde eintreten dür- fen. "Es ist möglich", sagt der Türhüter, "jetzt aber nicht." Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseitetritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Tür- hüter das merkt, lacht er und sagt: "Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehen. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer m~chtiger als der andere. Schon den An- blick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen." Solche Schwie- rigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zug~nglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Tür- hüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tartarischen Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und I~ßt ihn seitw~rts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Ver- suche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teil- nahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: "Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas vers~umt zu haben." W~hrend der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen, er ver- gißt die andern Türhüter, und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, sp~ter, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, ober ob ihn nur seine Augen t~uschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt

2.2. Zu Kafkas 'Vor dem

Gesetz'

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er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Tilrhilter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstar- renden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Tilrhilter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zu- ungunsten des Mannes verandert. "Was willst du denn jetzt noch wis- sen?" fragt der Tilrhilter, "du bist unersattlich." "Alle streben doch nach dem Gesetz", sagt der Mann, "wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?" Der Tilrhilter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brilllt er ihn an: "Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur filr dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn." Kafka: Erzahlungen, S. 120 5

Die Erzählung wurde zuerst in 'Selbstwehr' (Unabhängige jüdische Wochenschrift) im Jahre 1915 veröffentlicht, erschien dann 1916 in 'Vom jüngsten Tag. Ein Alma- nach neuer Dichtung', herausgegeben von Kurt Wolff. Im Jahre 1919 wurde sie in den Sammelband 'Ein Landarzt. Kleine Erzählungen' aufgenommen. 6 Nach dem Tode Kafkas stellte sich heraus, daß die Erzählung auch eine zentrale Stelle im 9. Kapitel, im "Domkapitel", des Prozeßromans einnahm. Sie wird Josef K. vom Geistlichen erzählt und wird anschließend von den beiden diskutiert, wobei beide zum Teil einander widersprechende Deutungen vorbringen. Zuletzt gerät K. in to- tale Verwirrung und gibt den Versuch, die Geschichte zu verstehen, auf:

"Er war zu müde, um alle Folgerungen der Geschichte ilbersehen zu können, es waren auch ungewohnte Gedankengange, in die sie ihn filhrte, unwirkliche Dinge, besser geeignet zur Besprechung filr die Gesellschaft der Gerichtsbeamten als filr ihn. Die einfache Ge- schichte war unförmlich geworden, er wollte sie von sich abschütteln, und der Geistliche, der jetzt ein großes Zartgefilhl bewies, duldete es und nahm K.s Bemerkung schweigend auf, obwohl sie mit seiner eigenen Meinung gewiß nicht ilbereinstimmte." (Der Prozeß, S. 188)

Die Erzählung ist damit bereits vom Erzähler selbst als interpretatives Problem thematisiert worden. Die späteren Interpreten stehen also vor dem Dilemma, ob sie die Geschichte als selbständige Einheit auffassen, oder ob sie den Kontext des Romans und damit auch die Deutung der Deutungen und des Deutungsvorgangs einbeziehen wollen. Wie sich in unserem Material zeigen wird, haben sich nur we- nige Interpreten zu einer prinzipiellen Entscheidung bekannt; fast in allen Fällen wird auf den Kontext hingewiesen, auch wo nur der Text der Erzählung zum Aus- gangspunkt gewählt wurde. Dieser Sachverhalt kompliziert zwar das Material, ist

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2. Vorgehensweise und Material

aber vom Gesichtpunkt der Interpretationsproblematik aus gerade interessant, weil Anknüpfungspunkte für die Auseinandersetzung mit dem Deutungsvorgang bereits im primären Material vorgegeben sind. In diesem Fall ist auch von Interesse, daß der Autor gleichsam selbst als Rezi- pient hervortritt, weil anscheinend der Prozeß des Schaffens und die Prozesse des Deutens getrennt verlaufen sind. Das geht daraus hervor, daß der Text sowohl selb- ständig veröffentlicht wurde als auch im Kontext des Romans auftaucht. Bestätigung für diese Annahme bieten einige Tagebuchnotizen. Die Erzählung wurde wahr- scheinlich im Jahre 1914 geschrieben, obwohl ein genaues Datum nicht feststeht. Es findet sich allerdings eine Tagebuchnotiz vom 13. Dezember 1914, die einen Hin- weis auf "die Legende" im Rahmen der Prozeß-Arbeit enthält:

"Statt zu arbeiten - ich habe nur eine Seite geschrieben (Exegese der Legende) - in fer- tigen Kapiteln gelesen und sie zum Teil gut gefunden. Immer im Bewußtsein, daß jedes Zufriedenheits- und Glücksgefühl, wie ich es zum Beispiel besonders der Legende gegen-

über habe, bezahlt werden

im

zwar,

nachhinein bezahlt werden muß." (Tagebücher, S. 326)

muß,

und

um

niemals

Erholung zu

gönnen,

Die Legende selbst war also bereits fertig und hatte, ausnahmsweise, den Autor befriedigt. Die Exegese wurde anscheinend getrennt von der Herstellung der Ge- schichte durchgefÜhrt. Daß die Auseinandersetzung mit der Bedeutung des eige- nen Produkts eine gesonderte Phase im Schaffen gewesen sein muß, ist einer zwei- ten Tagebuchnotiz zu entnehmen. Am 24. Januar 1915 beschreibt Kafka ein von Lustlosigkeit und launischer Langweile geprägtes Zusammensein mit seiner Ver- lobten Felice. Felice liegt auf dem Kanapee und Kafka liest ihr vor:

"Ich habe ihr auch vorgelesen, widerlich gingen die Satze durcheinander, keine Verbindung mit der Zuhörerin, die mit geschlossenen Augen auf dem Kanapee lag und es stumm auf- nahm. Eine laue Bitte, ein ManUSkript mitnehmen und abschreiben zu dürfen. Bei der Türhütergeschichte größere Aufmerksamkeit und gute Beobachtung. Mir ging die Be-

deutung der Geschichte erst auf, auch sie erfaßte sie richtig (Hervorhebung von E.A.), dann

allerdings fuhren wir mit groben Bemerkungen in sie hinein, ich machte den Anfang." (Tagebücher, S. 335)

Diese Stelle ist in mancher Hinsicht bemerkenswert. Aus der Reihenfolge der Tage- bucheintragungen folgt, daß die erzählerische Arbeit an der Exegese dem eigent- lichen Verstehen durch den Autor vorangegangen ist. Einerseits folgt daraus, daß

2.2. Zu Kafkas 'Vor dem Gesetz'

19

die Exegese im Roman durch den Erzähler, vom Gesichtspunkt des Autors aus, nicht wirklich die Bedeutung der Geschichte erschließt und somit eine andere Funktion haben muß als die, den eigentlichen Sinn offenzulegen. Daraus geht her- vor, daß die Interpreten, welche die Exegese buchstäblich als Interpretationsansatz nehmen - es sind nur wenige - ihre Funktion wohl verfehlen müssen. Anderer- seits beweist auch diese Notiz, daß die Legende für den Autor eine selbständige Einheit gewesen ist, die er als solche vorliest und mit der er sich wiederholt selbst auseinandersetzt. Interessant ist, daß zugleich etwas vom Produktionsprozeß sichtbar wird, da offensichtlich in diesem Fall nicht ein bestimmter Sinn oder eine Intention der Herstellung des Textes zugrunde gelegen hat. Der Autor erscheint als unbefan- gener Rezipient und Interpret seiner eigenen Geschichte. Daß er in der Exegese zeigt, wie mehrdeutig der Text sein kann, hindert ihn anscheinend nicht daran, später eine gewisse "Erfassung" als "richtig" zu bezeichnen. Leider wissen wir nicht, wie die Sinngebung, zu der Felice und Franz damals gelangten, ausgesehen hat. Vielleicht war sie genau so von der Situation abhängig wie die Deutung, von der sich Josef K. nicht freizumachen vermochte. Die Legende wird öfters als Schlüsselerzählung betrachtet, nicht nur für den Roman, sondern auch für Kafkas Werk überhaupt. Für Kafka selbst mag die Legen- de tatsächlich ein Kernstück gewesen sein; seine Tagebuchnotiz vom 13. Dezember 1914 setzt er mit einer Reflexion über sein eigenes Glücksgefühl fort:

] An allen diesen guten und stark überzeugenden Stellen handelt es sich immer darum, daß jemand stirbt, daß es ihm sehr schwer wird, daß darin für ihn ein Unrecht und wenig- stens eine Härte liegt und daß das für den Leser, wenigstens meiner Meinung nach, rüh- rend wird. Für mich aber, der ich glaube, auf dem Sterbebett zufrieden sein zu können, sind solche Schilderungen im geheimen ein Spiel, ich freue mich ja in dem Sterbenden zu sterben, nütze daher mit Berechnung die auf den Tod gesammelte Aufmerksamkeit des Lesers aus, bin bei viel klarerem Verstande als er, von dem ich annehme, daß er auf dem Sterbebett klagen wird, und meine Klage ist daher möglichst vollkommen, bricht auch nicht etwa plötzlich ab wie wirkliche Klage, sondern verläuft schön und rein." (Tagebücher, S. 326)

Einige fundamentale Topoi, über die sich die Interpreten den Kopf zerbrechen werden, sind hier bereits angedeutet: Auseinandersetzung mit dem Sterben, (Un)- recht, Manipulierung des Lesers, das (Autor)-Ich, das Element der "Täuschung". Die Flut der Auseinandersetzungen mit der Legende hat diese und andere Elemente

20

2. Vorgehensweise und Material

immer wieder aufgegriffen, doch so wenig diese Tagebuchstelle eindeutig ist, so- wenig hat man sich auf eine bestimmte Deutung der Legende einigen können.

2.3. Die Interpretationen

Die Materialsammlung umfaßt Interpretationen aus den Jahren 1950 bis 1990. Der Anfangspunkt läßt sich damit begründen, daß die Kafka-Forschung erst zu Beginn der fünfziger Jahre richtig in Gang kam, unter anderem, weil Kafkas Werke erst nach dem Krieg in einer gesammelten Ausgabe erschienen (siehe zur Publikations- geschichte Binder 1979). Außerdem fanden in dieser Zeit neue Entwicklungen in der Germanistik statt, die in Kafkas Werk eine Herausforderung für neue Ansätze sah. 7 Interpretationen nach 1990, zum Beispiel die sehr ausführliche Deutung von Binder (1993) und der Sammelband mit neuen Interpretationen von Bagda/ (1993), konnten nicht mehr berücksichtigt werden, weil die Untersuchung bereits zu weit fortgeschritten war. Diese Veröffentlichungen zeigen jedoch, daß die Deutungsbe- mühungen sich noch immer fortsetzen. Beim Sammeln der Deutungen wurde von folgenden Quellen und Suchproze- duren Gebrauch gemacht: Die wichtigsten Quellen waren die Kafka-Bibliographie von Caputa-Mayr & Herz (1987) und die Zeitschrift Germanistik. Von den ersten Fundstellen an wurden weiter die Literaturangaben in den einzelnen Beiträgen be- nutzt, weil diese auch Auskunft über die Rezeption und fachliche Bedeutung der Interpretationen geben. Daneben wurden die klassischen, immer wieder zitierten Arbeiten zum Gesamtwerk Kafkas von Emrich (1958), Palitzer (1962), Sakel (1964) und Binder (1976 und 1979) auf ihren Kommentar zu VdG hin überprüft. Ich habe darauf verzichtet, die ganze Literatur zum Prozeß-Roman durchzugehen. Nur die häufig im Zusammenhang mit der Legende zitierten Werke zu 'Der Prozeß' wurden herangezogen. Die Sonderstellung der Legende als eigenständige Veröffentlichung einerseits und als Teil des Romans andererseits hat dazu geführt, daß der Text häufig mit dem Roman in Zusammenhang gebracht wird, und daß ein Teil der Deutungen in eine Interpretation des 'Prozesses' integriert ist. In den meisten Fäl-

2.3. Die Interpretationen

21

len lassen sich die Deutungen von VdG aber ziemlich gut aus dem Ganzen heraus- lösen, wobei allerdings der Kontext des Domkapitels einzubeziehen ist. Ausgangspunkt bei der Zusammenstellung des Materials war nicht die Vollstän- digkeit, sondern die Repräsentativität der Interpretationen. Die Interpretationen, die in der Rezeption eine Rolle gespielt haben und mehrmals von anderen zitiert wer- den, sollten auf jeden Fall im Material vorhanden sein. Für die Auswahl gelten weitere Einschränkungen. Es wurden hauptsächlich deutsch- und englischsprachige Materialien herangezogen. Darunter befinden sich allerdings einige, die aus anderen Sprachen übersetzt wurden. In einem Fall wird auch ein französischer Originaltext einbezogen; es handelt sich um einen Essay Derridas (1985), der in der englischen Übersetzung ziemlich stark vom Original ab- weicht. Die französische Kafka-Rezeption setzte bereits in den vierziger Jahren ein; sie hat sich jedoch selbständig entwickelt. Die deutsch- und englischsprachige Lite- ratur weist, namentlich in der früheren Forschung, nur selten auf sie hin, während sich viele Querverweisungen zwischen der deutschen und englischen Literatur fin- den. Im Kapitel 7 kommen wir auf die französische Rezeption noch kurz zurück. Weiter habe ich nur publizierte literaturwissenschaftliche Interpretationen ge- sammelt. Das bedeutet, daß keine anderen Rezeptionsdokumente (Interpretationen in psychologischen Büchern, privat hergestellte Deutungen, Arbeiten zur Rezeption und Verarbeitung) 8 mit aufgenommenen wurden. In den Fällen, wo die Deutung der Legende aus einem größeren Kontext herausgelöst werden mußte, wurde der Kontext soweit berücksichtigt, als das für die Analyse der Deutung notwendig war. In manchen Fällen mußten allgemeine Interpretationsprinzipien oder die allgemeine Sicht auf Kafkas Werk einbezogen werden, weil sonst die Einzelinterpretation nicht verständlich war. Ein weiteres Problem bildeten die verschiedenen Auflagen, die Neufassungen, Übersetzungen und neuen Ausgaben. Diese sind unter Umständen indikativ entwe- der für die Bewährung oder den "klassischen Wert" eines Werkes, für die Rezeption im Ausland oder für die Neubewertung eines älteren Versuchs. So sind die Klas- siker von Politzer (1962) und Sokel (1964) vom Englischen ins Deutsche bzw. vom Deutschen ins Englische übersetzt worden und in mehreren Auflagen , später als

22

2. Vorgehensweise und Material

Suhrkamp- bzw. Fischer-Taschenbuch, erschienen. Auch einige häufig zitierte Arti- kel sind übersetzt worden, sogar viele Jahre nach dem Erstabdruck. Henel: 1963 er- schien in den siebziger Jahren auf Englisch, Born 1970 erschien 1986 auf Deutsch. Das mag wohl damit zusammenhängen, daß einige der bekannten Kafka-Spezialisten in die USA ausgewandert sind, in beiden Sprachen veröffentlicht haben und im späteren Austausch der Germanistik zur Vermittlung der Kafka-Forschung im inter- nationalen Kreise beigetragen haben (siehe für die Kafka-Rezeption in den Ver- einigten Staaten Binder 1979, S. 776 ff.). Solchen Phänomenen wird hier jedoch nicht im einzelnen nachgegangen; soweit zugänglich wurde von den Ersterscheinun- gen Gebrauch gemacht. Die Bedeutung der Werke in der Rezeption ist übrigens auch aus der Quantität der Zitate und Verweisungen abzulesen (siehe Kap. 4). Von der Forschung kaum beachtet, aber im Bereich der Didaktik anscheinend als bewährtes Hilfsmittel geschätzt, ist die Interpretation von Zimmermann. Sie er- schien Anfang der fünfziger Jahre in einem Bändchen mit Interpretationen für "Lehrende und Lernende", das viele Neuauflagen erlebte und später vom Autor überarbeitet und dem neueren Stand der Forschung angepaßt wurde. Im Material wurden die Versionen aus 1953 und 1981 aufgenommen, die sich in der Länge be- reits erheblich voneinander unterscheiden: die erste Version umfaßt sechs, die spä- tere Version neun Seiten. Als Qualitätskriterium wurde ein Minimum, nicht aber ein Maximum an Klar- heit und Nachvollziehbarkeit angesetzt. Das hat zur Folge, daß die Qualität der Deutungen nicht überall gleich ist. Diese Arbeit geht jedoch nicht apriori von einem kritischen Standpunkt aus, besteht doch das Hauptziel gerade darin, Fort- schritt, Modifikation und Differenzierung nachzuweisen. Manchmal ist jedoch Kritik unvermeidlich, besonders dann, wenn Ausgangspunkte oder Argumentation einfach unklar sind. Die analysierten Interpretationen sind im Literaturverzeichnis I verzeichnet. Die Verteilung der Sammlung über Fünfjahresabschnitte sieht wie folgt aus:

2.3. Die Interpretationen

1951-55: 2

1956-60: 2

1961-65: 6

1966-70: 7

1971-75: 3

1976-80: 8

1981-85: 7

1986-90: 7

23

Das erste Jahrzehnt stellt sich als Anlaufperiode heraus. Nach 1960 entsteht eine

relativ stabile Produktion. Auffällig ist nur der Rückgang in der Periode 1971-75,

so wie es sich anband der beschriebenen Suchprozeduren darstellt. Die Frage, ob

dieser Rückfall nur die Legende betrifft oder ob er eine Abnahme des Interesses

für Kafkas Werk überhaupt indiziert, das müßte ein Vergleich mit der gesamten

Kafka-Forschung beantworten. 9

Was den Umfang der Interpretationen betrifft, ist folgendes zu bemerken. Die

selbständigen Interpretationen zu 'Vor dem Gesetz' und die, welche in einem

größeren Text deutlich markiert waren, wurden nach vier Perioden von jeweils 10

Jahren zusammengerechnet. Der Durchschnittsumfang in Seiten (D) und die

jeweilige Standardabweichung (S) sehen wie folgt aus:

Periode

D (in Seiten)

S (in Seiten)

Höchstanzahl

[1950-1959

4,5

1,01

1960-1969

8,6

7,5

21 (Henel)

1970-1979

9,4

5,0

17,5 (Gaier)

1980-1989

10,6

6,9

22,5 (Binder

3)

In der frühesten Periode haben wir zu wenig Material für einen Vergleich. In den

nachfolgenden Perioden sieht man eine allmähliche Zunahme von im Durchschnitt

2 Seiten in 30 Jahren. Die Varianz ist relativ groß in der Periode 1960-69. Doch in

15 bis

über 20 Seiten) Interpretationen.

allen Perioden gibt es sowohl kurze (1-3 Seiten) als auch lange

(von etwa

Ist nun die reiche Deutungstradition in bezug auf Kafkas Werke nicht bereits

öfters Objekt der Forschung gewesen? Zwar dient der Fall Kafka oft als Beispiel

für die Unabschließbarkeit oder, negativ betrachtet, für den orgiastischen Charakter

24

2. Vorgehensweise und Material

des Interpretierens,10 doch systematische, empirische Arbeiten sind selten. Politzer (1950) gab bereits einen Überblick über die damaligen Forschungsansätze. Comgold (1973) sammelte Interpretationen zu 'Die Verwandlung' und präsentierte sie in alphabetischer Reihenfolge in einer kommentierten bibliographischen Übersicht. In einem kurzen Kapitel deutete er einige Hauptakzente in den Interpretationen an, doch jeder Hinweis auf Entwicklungen oder Wandel im Zusammenhang mit Ver- schiebungen in den Rahmentheorien fehlt. Krusche (1974) setzte sich in kritisch- analytischer Weise mit den verschiedenen Ansätzen in der Kafka-Forschung aus- einander und versuchte, sie aus charakteristischen Merkmalen des CEuvres zu er- klären. Die Arbeit enthält viele wertvolle Hinweise; auf einige wird noch ein- zugehen sein. Beicken (1979) skizzierte die globalen Entwicklungen in der Kafka- Forschung von den Anfängen bis zum Ende der siebziger Jahre. Die Übersicht ist klar und reich dokumentiert; von ihr wurde dankbar Gebrauch gemacht. Goebel (1991) gibt einen Überblick über die poststrukturalistische Kafka-Forschung im amerikanischen Sprachraum. Ein neuer Ansatz wurde von Viehojf (1991) vorgelegt. Durch Zitatanalyse in einer großen Sammlung von Interpretationen der 'Verwand- lung' versuchte er, entscheidende Leerstellen im Text nachzuweisen. Das Analyse- verfahren ist hier prinzipiell eingeschränkt und ist strikt empirisch. Doch die Fragestellungen der vorliegenden Untersuchung wurden in keiner dieser Arbeiten verfolgt.

3.

Theorie der Interpretation

Der Begriff der Interpretation hat, ähnlich wie auch sein griechischer Verwandter "Hermeneutik", von jeher ein doppeltes Gesicht. Einmal enthält er den Aspekt des Vermitteins, des Überbringens einer Botschaft, und vertritt also den Verbindungs- akt in einem Kommunikationsprozeß. Andererseits gilt dabei die Voraussetzung, daß das, was vermittelt werden soll, nicht direkt zugänglich, sondern in einer gewissen Weise verschlüsselt oder zumindest in Zeichen kodiert ist, was einen Akt des Ent- schlüsseIns und Verstehens erfordert. Insofern trägt der Begriff der Interpretation den Aspekt der Bedeutungs-Ermittlung. So unterscheidet Schleiermacher am Anfang seiner "Hermeneutik" die Kunst des Verstehens von der Kunst der Darlegung des Verständnisses (1977, 75). Die beiden Aspekte sind nicht immer gleich stark ver- treten. Wenn man sich für sich selber um ein besseres Verstehen bemüht, interpre- tiert man für sich selbst, und dann handelt es sich in erster Instanz um die Ermitt- lung von Bedeutungen. Zwar ist der Aspekt der Vermittlung inhärent, indem man aktiv die Brüche im spontanen Verstehen zu überbrücken und also gleichsam zwi- schen sich selbst und dem, was im Text fremd ist, zu vermitteln versucht. Aber erst, wenn es darum geht, anderen einen Text näher zu bringen oder andere von der eigenen Bedeutungsermittlung zu überzeugen, tritt der Aspekt der Vermittlung nach außen und wird Vermittlung als Scharnier in einem weiteren Kommunikations- akt sichtbar. Für Schleiermacher waren beide Aspekte miteinander verwoben: das Reden oder Schreiben galt ihm als Veräußerlichung des Denkens und Verstehens. Die Phasen des Ermitteins und des Vermitteins überschneiden sich in den Aktivitäten, die als "auslegen" oder "erklären" bezeichnet werden und die in Schleiermachers Optik stark mit der Versprachlichung zusammenhängen, indem sie von vornherein

26

3. Theorie der Interpretation

durch die Rhetorik, modern ausgedrückt: durch die Ausrichtung auf Kommunika- tion, bedingt sind. In späteren Theorien tritt jedoch oft eine Spaltung auf und man richtet sich nicht selten auf einen der beiden Aspekte. Nicht immer wird dabei die- ser Spaltung bewußt Rechnung getragen. In manchen Debatten, zum Beispiel zur "Objektivität" von Interpretationen, engt man die Perspektive auf den Ermittlungs- aspekt ein. Meistens wird die "Wissenschaftlichkeit" des Vorgehens beim Verstehen diskutiert, wobei der Prozeß des Verständlichmachens, obwohl sich darin oft die Präzision des Argumentierens und Belegens erst zeigt, entweder nicht sauber von der Verstehensphase getrennt wird oder in den Hintergrund gerät. Nicht immer werden auch die verschiedenen Leserrollen beachtet, welche die beiden Aspekte mitenthalten: In die Vermittlung geht die Vorstellung von anderen Lesern und Leseweisen ein, Gedanken über das, was für andere relevant oder interessant sein könnte, und über das, was man im Unterschied zu anderen zu einem besseren Ver- ständnis beisteuern kann. 1 Das Ziel der Vermittlung ist dabei, die eigene Ermittlung mitteilbar zu machen, das heißt, sie zu objektivieren und zu motivieren, aber auch so zu versprachlichen, daß sie für andere nachvollziehbar ist. Beide Komponenten, Aufgaben oder, noch anders gesagt, Phasen des Interpre- tierens sind bestimmten Voraussetzungen unterworfen und schließen ihre eigenen Strategien und Aktivitäten ein, die näher zu betrachten sind. Wir wenden uns zu- nächst dem Aspekt der Ermittlung zu und stellen nachher die Verbindung zur Ver- mittlungskomponente wieder her.

3.1. Ermittlung von Bedeutung und Sinn im Verstehensprozeß

Ricoeur (1976) nimmt die Unterscheidung zwischen Verstehen und Erklären wieder auf und erweitert sie der Vorstellung des hermeneutischen Zirkels, oder sagen wir lieber der hermeneutischen Spirale, entsprechend zu einem dialektischen Dreistu- fenmodell: Das anfängliche, intuitive Verstehen, das hypothetischen Charakter hat, wird in Wechselwirkung mit Prozeduren des Erklärens (explanation) zu einem ob- jektiveren Verständnis validiert. Das Erklären ist also als ein Akt der Überprüfung

3.1. Ermittlung von Bedeutung und Sinn im Verstehensprozeß

27

zwischen Erraten des Sinnes und bewußter Sinnkonstruktion zu verstehen. Die drei Stufen sind nicht chronologisch voneinander zu trennen, sondern entwickeln sich in dauernder Interaktion. Das Interpretieren wäre demnach nicht einfach identisch mit "Verstehen", sondern mit einem bewußten Sich-Bemühen um ein Verstehen, das über spontane und intuitive Bedeutungserfassung hinausgeht. In der Systematik und Methodik der Überprüfungsphase - das ist noch näher auszuführen - unterschei- det sich das zielgerichtete Interpretieren vom gewöhnlichen Lesen, welches sonst nach einem vergleichbaren Modell verläuft. Daß sich keine scharfe Grenze zwischen "Lesen" und Interpretieren ziehen läßt, hat Aust (1986) betont. Beide Vorgänge sind auf die Herstellung von Sinn ausgerichtet, und das Interpretieren setzt das Lesen voraus, ist damit "kreislaufähnlich verschränkt" (S. 36). Allerdings muß man hin- zufügen, daß das bewußte Interpretieren wohl erst stattfindet, nachdem ein Text in seiner Ganzheit gelesen worden ist, wenn auch interpretative Ansätze während des Lesens gemacht werden. Hinzuzufügen wäre auch, daß das bewußte Interpretie- ren sich erst dann lohnt, wenn sich dem spontanen Verstehen gewisse Schwierigkei- ten, Unsicherheiten oder Vermutungen des Unausgeschöpftseins entgegenstellen. Hier spielt die Phase des Vermitteins bereits mit hinein: die Erwägung der Rele- vanz, auch für andere, dem eigenen Verstehen auf den Grund zu gehen, ist wohl ein erstes Kriterium zur Unterscheidung von Lesen und Interpretieren. Damit ist zugleich eine Einschätzung des Textes mitvollzogen, die Abwägung nämlich, ob es sich lohnt, sich intensiv(er) mit dem Text auseinanderzusetzen. Allerdings werden solche Überlegungen wohl bereits während des (ersten) Lesens und unter dem Ein- fluß gewisser Vorkenntnisse angestellt. Dieses dreigliedrige Modell zeigt sich als eine Art Grundfigur des hermeneuti- schen Denkens. Es soll hier aber versucht werden, die abstrakten Handlungskom- ponenten genauer zu bestimmen und festzustellen, was beim Verstehen eigentlich passiert. Das Streben nach Steigerung des Verstehens setzt also Anlässe und Möglich- keiten dafür voraus. Direkter Anlaß sind Verstehenshindernisse, die auf allen Ebe- nen eines Textes und im Verhältnis des Textes zu verschiedensten Kontexten auftre- ten können, etwa ein unverständliches Wort, eine dunkle TextsteIle, oder die Konse-

28

3. Theorie der Interpretation

quenzen historischer Distanz. Auch andere Fragen, die ein Text hervorruft, und die nicht selbstverständlich zu beantworten sind, lösen Interpretation aus: die Intention des Autors oder thematische Fragen, die tiefere Bedeutungen oder den Gesamtsinn eines Textes betreffen. Oft auch gibt die Problematisierung des unmittelbaren Ver- ständnisses, die Annahme, daß das spontane Erfassen zu ergründen oder zu überbie- ten ist, Anlaß zu gezielter Sinnsuche. Ohne hier weiter auf die Art der Probleme und Fragen beim literaturwissenschaftlichen Interpretieren einzugehen, ist anzu- nehmen, daß am Anfang des Interpretationsvorgangs eben die Wahrnehmung von Problemen und Fragen steht, wobei eine gewisse Unsicherheit in bezug auf die Lö- sungen und Antworten vorhanden ist. Es gehört sozusagen zur Phase des ersten Erfassens, daß man sich gewisser Lücken und Unsicherheitsmomente im Verständnis bewußt wird, und sich fragt, in welcher Richtung Lösungen zu vermuten wären. Die Bedeutung des Fragens für das Interpretieren ist unter anderem von Gada- mer wiederholt betont worden. Er beschreibt das Fragen als Zeichen der Einsicht in das eigene Nicht-Wissen und der Offenheit für das Unbekannte, die jedem neu zu erringenden Wissen zugrunde liegen . Die Frage hat gleichsam den Primat über die Antwort, indem durch sie ein Problem ins Bewußtsein gehoben wird. "Das eigentliche Wesen des Einfalls" schreibt Gadamer, "ist vielleicht weniger, daß einem wie auf ein Rätsel die Lösung einfällt, sondern daß einem die Frage einfällt, die ins

Offene vorstößt und dadurch Antwort möglich macht" (Gadamer 1960/1990 H, S. 372). Insofern ist das Interpretieren von Texten jedem wissenschaftlichen Vorgehen ähnlich. Popper (1972) betont in seiner Wissenschaftstheorie das Erkennen von Problemen als Ausgangspunkt aller wissenschaftlicher Aktivität: "We do not start from observations but always from problems" (1972, S. 258). Wo die Wahrnehmun- gen in ihrer Problematik erkannt werden, entstehen die Fragen und beginnt die Suche nach Antworten. Es sei gleich hinzugefügt, daß das Feststellen von Problemen und das Stellen von Fragen nicht identisch sind. Das Fragen ist oft ein weitergehender Schritt, weil es meistens eine bestimmte Perspektive mitenthält und dadurch die Richtung, in der die Lösung gesucht wird, bereits andeutet. Fragen sind bedingt vom Wissen und vom bewußten Nichtwissen des Fragestellers, wodurch immer ein bestimmter Rah-

3.1. Ermittlung

von Bedeutung

und Sinn im Verstehensprozeß

29

men abgesteckt ist: Fragen ist in gewissem Sinne die "Operationalisierung" eines Problems. In den Interpretationen von 'Vor dem Gesetz' ist zu sehen, wie dasselbe Problem manchmal zu verschiedenen Fragen und entsprechend zu verschiedenen Lösungsstrategien führt. Die Wende am Schluß der Legende wird zum Beispiel von vielen Interpreten als rätselhaft oder paradox charakterisiert. Einige frühere Inter- preten stellen die Frage, wie das Paradox zu lösen wäre. Sie unterstellen dem Text gleichsam eine Moral dadurch, daß sie voraussetzen, das Paradox würde durch das Verhalten des Protagonisten hervorgerufen, es sei seinem Fehlverhalten zuzuschrei- ben. Damit wäre die Paradoxie als eine Art Strafe thematisiert, die zugleich eine Alternative, eine Lösung des Problems für denjenigen, der die Situation im Gegen- satz zum Protagonisten richtig einschätzt, mit enthielte. In späteren Interpretationen, etwa Mitte der siebziger Jahre, fragen manche Interpreten, worin genau die para- doxale Struktur bestehe, und versuchen den Wirkungsbedingungen des "Rätselcha- rakters" auf den Grund zu gehen, ohne nach seiner möglichen Lösbarkeit zu fragen. Gibt im ersten Fall das thematische Denken in Verbindung mit der Leitfrage nach der (moralischen) Intention des Autors der Fragestellung ihre besondere Richtung, so ist es im zweiten Fall vor allem die Reflexion über den Rezeptionsvorgang, über das Leserverhalten, die die Fragestellung lenkt. In solchen Verschiebungen ist auch der Einfluß literaturtheoretischer Entwick- lungen zu erkennen: Die Art der Fragen hängt mit allgemeineren theoretischen Rahmenbedingungen zusammen, ist bereits durch sie vorgegeben. Entsprechend werden auch verschiedenartige Lösungsstrategien eingesetzt. Es zeigt sich eine Er- scheinung, die in der Wissenschaftstheorie eingehend diskutiert worden ist: das Verhältnis von leitenden Interessen und Annahmen über einen Forschungsbereich zu den einzelnen Fragen und Lösungsstrategien. Kuhn sprach von Paradigmen, La- katos von Forschungstraditionen, andere Begriffe sind Super- oder Rahmentheorien (Laudan 1977). Die dominanten Rahmentheorien in der Literaturwissenschaft, die für das hier analysierte Material eine Rolle spielen, kommen in Abschnitt 3.1.2. weiter zur Sprache. Es sei hier aber bereits vorweggenommen, daß Schwerpunktverschiebung in den allgemeinen Interessen und Annahmen die Wahrnehmung und Selektion der Proble-

30

3. Theorie der Interpretation

me beeinflussen kann. Theoretisches Vorwissen und Interesse "richten" von vorn- herein den Blick und bestimmen mit, was gesehen und was übersehen wird. Be- stimmte Fragen sind, so scheint es, durch die Rahmentheorien vorgegeben, manch- mal sogar fast standardisiert. Es kann sich dabei sowohl um traditionelle Fragen, zum Beispiel der Gattungszugehörigkeit oder der historischen Einordung eines Werkes handeln, als auch um eher ideologisch gefärbte Fragen nach der Art und Weise, wie sich soziale Verhältnisse in einem Werk spiegeln. Gesellschaftlich enga- gierte Literaturtheorien, wie die marxistische oder feministische, führen zum Beispiel manchmal dazu, daß gerade solche Probleme aufgespürt und bearbeitet werden, die zur Illustration und Bestätigung der Theorien dienen können. In solchen Fällen gehen die Fragen der Entdeckung von Problemen voraus. Die Voraussetzungen, die bestimmte Rahmentheorien mit sich bringen, werden noch näher auszuführen sein. Umgekehrt ist aber nicht auszuschließen, daß literarische Werke zu Entwicklungen oder Modifikationen solcher Voraussetzungen in den Rahmentheorien anregen. Auch diese Möglichkeit soll im Auge behalten werden. Die Phase der Problemwahr- nehmung und des FragensteIlens wird hier jedenfalls vorläufig pragmatisch als eine Einheit aufgefaßt. Die Ähnlichkeit von Interpretieren und wissenschaftlichem Forschen erschöpft sich auf abstrakter Ebene aber nicht allein im Finden von Problemen und im Stel- len von Fragen. Sie setzt sich in der Suche nach und im Ausprobieren von Antwor- ten fort. Der Unsicherheitsfaktor, das Nicht(sicher)wissen setzt den Prozeß des Vermutens, der Hypothesenbildung und des Ausprobierens mit dem Ziel, zu einer Erklärung zu kommen, in Gang. Popper proklamierte "that it is the aim of science to find satisfactory explanations, of whatever strikes us as being in need of ex- planation" (1972, S. 191). Und in diesem Sinne dürfte das Interpretieren dem An- liegen anderer Formen von "Science" in der heuristischen Phase ähnlich sein. Die komplexen Aktivitäten des Überprüfens und Erklärens gilt es aber näher zu be- stimmen und in ihrer "Eigenart" für das literaturwissenschaftliche Interpretieren zu spezifizieren.

31

3.1.1. Formen der Bezugnahme

Wie vollzieht sich das Erklären, welche Prozesse laufen ab, wenn wir uns Erklären als Überbrückungverfahren zwischen intuitivem Erfassen und bewußter Sinnkon- struktion vorstellen? Und wenn wir es dabei als Explizitmachen von Problemen und Fragen und als Überprüfung hypothetischer "Lösungen" auffassen? Bei der grundle- genden Frage nach dem, was Sinnkonstituierung eigentlich ist, berühren sich, trotz verschiedener Herkunft und unterschiedlicher Terminologie, die hermeneutische Theorie und die aus der Psycholinguistik entstandene Psychologie der Textverar- beitung. In 'Meinen und Verstehen' hat der Psycholinguist Hörmann (1976) den Begriff der Sinnkonstanz eingeführt. Darunter versteht er eine wesentliche Voraussetzung für jegliche Form sprachlicher Kommunikation: die Erwartung der Kommunikations- teilnehmer nämlich, daß Gesprochenes oder Geschriebenes verstehbar und sinnvoll gemeint ist. Bei dieser Erwartung setzt man eine Intention des Sprechers oder Schreibers voraus und bemüht sich, dem Gesagten entsprechend "Sinn" zu verleihen. "Sinn" kommt also zustande, wenn man als Rezipient fähig ist, Bedeutungen in einen Zusammenhang zu stellen, das heißt miteinander so zu verknüpfen und derart in bereits vorhandenes Wissen oder in bestehende Erwartungen einzuordnen, daß ein Gefühl des Sinnvollen und des Verstandenhabens auftritt. Zentral sind also immer die Prozeduren der Verknüpfung, des Einordnens und der Integration, d.h. der Herstellung von Bezügen zwischen dem, was man sich bereits angeeignet hat, und dem, was neu hinzukommt. Hier berührt sich also die kognitive Theorie mit den Begriffen des "Vorwissens" und des "Erwartungshorizontes" aus der Her- meneutik.

In der Textverarbeitungspsychologie sowie in Arbeiten über das Interpretieren sind Typen der Verknüpfung herausgearbeitet und es sind Modi der Bezugs- oder Re-

ferenzfelder unterschieden worden. 2 So unterscheidet man in der

Textverarbei-

tungspsychologie seit Jahren zwei komplementäre Prozeßabläufe, die man als "top- down-" und "bottom-up-" Prozesse bezeichnet. Einerseits verarbeitet ein Leser einen

32

3. Theorie der Interpretation

Text, gestützt auf bestimmte Kenntnisse und Erwartungen, die sowohl formal als auch inhaltlich bestimmt sind: sein Wissen um bestimmte globale Textstrukturen (Aufbauprinzipien, Gattungsstereotype, Erzählkonventionen) und sein thematisches Wissen steuern seine Erwartungen und lenken seine Informationsaufnahme. Ande- rerseits werden beim Lesen Informationseinheiten des Textes jeweils sequentiell zu größeren Bedeutungseinheiten und Vorstellungen verknüpft. Die beiden Prozeßab- läufe ergänzen und korrigieren einander in dauernder Wechselwirkung. Die sequen- tiell verarbeiteten Informationen geben Anlaß zur Aktivierung verschiedener Wis- sensbereiche, die ihrerseits ermöglichen, das sequentiell Dargebotene auszufüllen und umzuordnen. Gerade die Frage, wie "Lücken" im Informationsnetz des Textes ausgefüllt werden, bildet in der Psycholinguistik einen zentralen Forschungsgegen- stand; sie ist nicht selten von Fragestellungen der künstlichen Intelligenz angeregt. In zahlreichen Modellen und Experimenten sind die sogenannten Inferenzprozedu- ren beim Textverstehen erforscht worden. Vor allem versucht man dabei zu er- klären, wie Leser imstande sind, Informationen zu ergänzen, die als Textelement nicht gegeben sind, und wie sie dabei von einem im Gedächtnis gespeicherten Wis- sen Gebrauch machen. Man untersucht zum Beispiel, wie der Wissensaufbau im Gedächtnis aussieht, wie das Wissen aktiviert wird und wie es in die Informations- verarbeitung eingreift. 3 Im alltäglichen Sprachgebrauch werden Inferenzen in der Regel automatisch vollzogen. Die kommunikative Situation und die Konventionen des Sprachgebrauchs leiten teilweise wie von selbst zur Bestimmung der notwendigen Schemata an. Außerdem ist es in direkter Kommunikation meistens möglich, durch Nachfragen etwaige Unklarheiten und Mißverständnisse aus dem Wege zu räumen - damit ist natürlich nicht gesagt, daß es in direkter Kommunikation nicht auch zu Mißver- ständnissen kommen kann. Wenn wir den Satz "Peter kommt nicht, er ist krank" hören, ergänzen wir wie von selbst den kausalen Zusammenhang zwischen den bei- den Informationseinheiten durch Rückgriff auf unser Alltagswissen über menschli- ches Handeln und die Umstände, die das Handeln motivieren bzw. verhindern kön- nen. Die Erwartung, die aus der Situation erwächst, daß jemand das Nicht-Kommen einer Person begründen wird, trägt "top-down" zur Herstellung dieser Inferenz bei.

3.1.1. Formen der Bezugnahme

33

Wenn wir aber mit Lücken und Unsicherheit in der Information, mit fehlendem Zusammenhang, mit Widersprüchlichkeiten oder mit Irreführung der Erwartungen zu tun haben, so wie es gerade im Falle von Literatur recht oft der Fall ist, gerät diese Art der "automatisierten" Informationsergänzung ins Stocken und werden die Überbrückungsprozeduren erschwert. 4 Durch Deregulierung oder Verunsicherung automatischer Sinnbezüge wird ein Leser dazu angeregt, alternative Bezugsrahmen zu suchen und auszuprobieren, oder den Anschluß an bereits geWählte Bezugsrah- men wiederherzustellen. Mit der Selektion bestimmter Bezugsfelder verschafft er sich, wie Hempfer (1982) sagt, ein "Hypothesenbildungsarsenal" möglichen Sinnes. Die intuitiven Bezüge bilden gleichsam Hypothesen, die es in der Erklärungsphase zu überprüfen gilt. Wie das vor sich gehen kann, soll anhand eines Beispiels gezeigt werden. Das Beispiel ist die relativ kurze, aber auch reichhaltige Interpretation von Detsch (1981): "Delusion in Kafka's Parables Vor dem Gesetz, Das Schweigen der Sirenen, and Von den Gleichnissen: A Hermeneutical Approach". Zunächst eine zusammenfassende Rekonstruktion dieser Deutung.

Über dem Artikel stehen zwei Zitate, eines von Heidegger und eines von Kafka selbst, die beide auf eine gegenseitige Bedingtheit von Wahrheit und Unwahrheit hinweisen. Detsch behauptet nun, in der Kritik sei die Annahme geläufig, daß Kafka in einer abweichenden Weise von der Parabelform Gebrauch mache, weil seine Texte keine andere Wahrheit aufwiesen als die, daß Wahrheit nicht zu erreichen ist. Damit wären sie Parabeln der Täuschung. Detsch verneint zunächst, daß das Ele- ment der Täuschung eine Abweichung von der überlieferten Gattung ist. Er sieht in der Parabel die doppelte Funktion, einerseits belehren zu wollen, andererseits dies in einer verschleierten Form zu tun. Als Beispiele verweist er auf biblische Parabeln und auf Lessings Ringparabel und folgert: "The choice of 'veiled language' to convey one's message implies the intent to deceive at least as strongly as the intent to lead others 10 truth." Also sei nicht nur für Kafkas Parabeln die Thematik des Irreführens charakteristisch. Die Türhüterlegende wird im Prozeß-Roman vom Geistlichen ausdrücklich im Zusammenhang mit der "Täuschung" erzählt; Josef K.

34

3. Theorie der Interpretation

interpretiert die Legende als Täuschung des Mannes durch den Türhüter, woraufhin der Geistliche ihm vorwirft, daß er sich täusche, und ihm vorrechnet, daß auch der Türhüter sich in einer Täuschung befinde. Daneben weist Detsch das Element der Täuschung auch in den beiden anderen im Titel seiner Interpretation erwähnten Texten nach. Dann zeigt er unter Bezugnahme auf das Fragment 'Das Haus', daß eine Art Aufhebung der Täuschung nicht ausgeschlossen ist: Im Zustand äußerster Erschöpfung, wo jegliches Bemühen an seine Grenzen gekommen ist und jedes ra- tionale Verstehen zusammenbricht, schimmere etwas wie Zugang zum Unzugängli- chen durch. Detsch weist dabei auf das Licht im Inneren des Gesetzes hin und sieht auch eine Parallele unmittelbar vor der Hinrichtung Josef K.s, wenn es aus einem Fenster "wie ein Licht aufzuckt". "In both there is an element that points beyond the breakdown of human understanding. Both indicate an area of unified simplicity attainable through the complicated maze of delusion." Die logische Befragung führt also ins Labyrinth und erst dort, wo die Logik aussetzt, wird etwas wie Einswerdung mit dem Unerreichbaren möglich. Der Erzähler, so meint Detsch, mache das, was er anfänglich als belehrendes Element der Parabel im negativen Sinne vorstellt (als "Täuschung"), schließlich doch als eine positive Belehrung verstehbar; denn das sei schließlich, was er sich zu zeigen bemühe: die Täuschung ist nicht die ausschließ- liche "Botschaft". Im letzten Teil seiner Deutung nimmt Detsch den mit den Zitaten aufgerufenen philosophischen Rahmen auf. Unter Hinweis auf Heidegger und Gada- mer weist er auf eine Parallele in der hermeneutischen Theorie hin, in der das ab- solute Verstehen im Sinne eines rationalen und sicheren Resultats von Sinnbemü- hungen problematisiert wird. Ein Text - oder menschliche Erfahrung überhaupt - sei eben nicht definitiv zugänglich, sondern nur in einem Prozeß faßbar, in dem sich Objekt und Subjekt gegenseitig "durchdringen". In dieser hermeneutischen Auf- fassung des Verstehens erblickt Detsch jene Infragestellung von Rationalität und Logik, wie er sie in Kafkas Werk radikalisiert sieht. Am Schluß versucht er seine Deutung noch dadurch plausibler zu machen, daß er die von ihm hervorgehobenen Merkmale der Täuschung und des positiven Durchbruchs metaphorisch in ein zeit-

liches Folgeverhältnis stellt: "The dark night of delusion is the necessary penultimate

3.1.1. Formen der Bezugnahme

35

In den über den Interpretationstext arrangierten Zitaten kündigt sich der Anschluß an (I) allgemein philosophische Fragen an. Die Problematik ist der (II) Kafkakritik entnommen. Sie bezieht sich zudem auf (III) Kenntnisse bestimmter Gattungsmerk- male, von denen eines - das Element der Täuschung - nach Meinung des Autors in der Forschung weniger berücksichtigt ist, und das unter Heranziehung (IV) ande- rer Texte aus der literarischen Tradition erläutert wird. Anschließend wird das Täu- schungselement an mehreren Texten aus (V) dem CEuvre des Autors "nachgewiesen". Ein anderes Merkmal - das der positiven Belehrung - wird mithilfe der Symbol- übersetzung angegangen; dabei wird das Licht mit der (VI) Ebene der Glaubens- oder Erl6sungsmetaphysik interpretativ in Zusammenhang gebracht. Anschließend wird die ganze Handlungsabfolge im Prozeß-Roman und in der Legende auf eine andere Ebene gehoben: sie wird (VII) zum menschlichen Handeln überhaupt in Bezug gesetzt

und als ein rationaler Lösungsversuch betrachtet, der fehlschlägt. Schließlich stellt der Autor das Ganze wieder in den allgemeinen philosophischen Rahmen (I), den er jetzt im Sinne der hermeneutischen Wahrheitssuche konkretisiert. Zum Teil läßt sich auch nachvollziehen, welche Einordungs- und Überbrük- kungsprozeduren der Autor ausführt, um eine in seinem Sinne kohärente Deutung

allgemein Philoso-

phische an. Diese anfängliche generelle Fragestellung fokussiert ein Thema aus der Fachliteratur und schließt dadurch gleich auch an die Fachdiskussion an. Verfahrens-

technisch handelt es sich dabei um die Zuordnung eines Textes zu einer Gattung

durch Merkmalszuweisung; dies geschieht, indem die Merkmale an anderen Texten exempli[uiert werden. Durch Entdeckung desselben Merkmals in mehreren Texten Kafkas werden diese Texte auch in die literarische Gattungstradition eingeordnet. In diesem Verfahren werden gleichzeitig Analogien zwischen mehreren Texten aus Kafkas CEuvre hergestellt. Im Verfahren der Symboldeutung finden gleichzeitig ein

Akt des Transponierens der Repräsentationsebene und ein Akt der Abstrahierung statt.

Das gleiche gilt, wo der Handlungsverlauf auf den Zusammenbruch der Ratio hin generalisiert wird. An diesem Punkt wird auch eine quasi-kausale Relation der Be- ding/mg hergestellt, wo im Text nur eine chronologische Abfolge der Geschehnisse

zu erlangen. 5 In den Zitaten kündigt sich eine Ausweitung ins

36

3. Theorie der Interpretation

gegeben ist. Es ist vor allem dieser Schritt, der die widersprüchliche Struktur des Textes glättet und für die kohärente Sinnkonstitution entscheidend ist. Zum Schluß wird die Ausweitung ins allgemein Philosophische expliziert und spezifIZiert. Wir erkennen in dieser Auflistung von Aktivitäten die wichtigsten Prozeduren, die aus den Theorien zur Textverarbeitung bekannt sind: Prozeduren der Reduktion (Selektion und Tilgung von Information), Verfahren des Vergleichens, des Konstru- ierens, des Transponierens und des Generalisierens oder Abstrahierens. Zu erken- nen ist außerdem, wie gewisse Rahmenbedingungen bestimmte Prozeßverläufe nahe- legen: die Wahl der Bezugssysteme am Anfang, nämlich der philosophische Rahmen und die Gattungsproblematik, bestimmen 'top-down', weiche Elemente des Textes einbezogen und weiche ausgelassen werden. Manche Einzelheiten im Text werden übergangen - zum Beispiel die Gespräche zwischen dem Türhüter und dem Mann vom Lande - die Argumentation konzentriert sich auf den globalen Verlauf der Geschehnisse, auf gewisse Elemente des Kontextes und auf die Liehtmetaphorik. Wie stark eine solche Vorentscheidung die Deutungsprozesse lenkt, zeigt sich, wenn man Deutungen heranzieht, die bei einem anderen Bezugsrahmen ansetzen. Für losef K., für gewöhnliche Leser, und auch für viele Interpreten ist ein nahe- liegender Deutungsrahmen zum Beispiel das menschliche Handeln überhaupt, dem man eine Absicht und eine Motivation unterstellt. Von diesem alltagspsychologi- schen Schema aus stellt man Fragen, warum der Mann vom Lande und der Türhü- ter sich so verhaIten, wie sie es tun, was der Mann vom Lande vom Gesetz erwartet und was nun die eigentliche Ursache des Handlungsverlaufs ist. Im Vergleich zum "NormalverhaIten" spielt man dann zum Beispiel mögliche HandlungsaIternativen durch und fragt sich, was der Mann Anderes hätte tun können oder sollen. Manche Interpreten gelangen über diesen Weg zu der Auffassung, psychologische Ursachen wie Willensschwäche, Feigheit oder Unwissenheit des Mannes, Sadismus oder Machtwille des Türhüters und dergleichen seien die Schlüssel zum Verständnis die- ser Handlungskonstellation. So geht die Interpretation Henels (1963) von der An- nahme aus, daß der Mann vom Lande von dem für ihn bestimmten Eingang hätte Gebrauch machen sollen und daß er somit als Versager und als negatives Beispiel

3.1.1. Formen der Bezugnahme

37

dargestellt wird. In solchen Fällen konstruiert der Interpret also unter Bezugnahme auf Vorstellungen der menschlichen Psyche eine psychologische Kausalität. Rahmentheorien und Vorkenntnisse sind also Voraussetzungen des gesamten Deutungsprozesses. Wiederum berühren sich die hermeneutische Theorie und die Textverarbeitungspsychologie. Hat jene die Rolle des "Vorverständnisses" bereits philosophisch begründet, so hat diese die Effekte von Vorkenntnissen, "Alltags- wissen" und Interessen auf die Textverarbeitung auch empirisch festgestellt. Sie be- stimmen - wie auch im Falle Josef K.s, der sofort seine eigene Lage zum Bezugs- punkt wählt - die Problemfindung und Fragestellung, und bieten die Möglichkeit, durch bestimmte Selektionen und Akte der Bezugnahme dem Text einen mehr oder weniger kohärenten "Sinn" abzugewinnen. In der oben vorgeführten Deutung domi- nieren insgesamt Bezugsfelder aus dem philosophischen und aus dem literarischen Bereich, oder mit anderen Worten: das fachspezifische Wissen dient als zentraler Bezugspunkt. Das "Gattungswissen" ist ein konventionelles Wissensschema, ähnlich wie historisch-kulturelles Wissen, Kenntnisse von Themen, Motiven oder Theorien, Autor-spezifisches Wissen oder das Symbolwissen. Bei der Herstellung von Bezügen ist aber nur selten von festumrissenen Bezugs- feldern die Rede, sondern eher von Wissenschemata, die selbst auch wandelbar sind. Auf die Wechselwirkung zwischen bereits vorhandenem Wissen und der Aufnahme neuer Informationen und Erfahrungen wurde bereits im einflußreichen Werk des englischen Psychologen F. Bart/ett (1932) hingewiesen. In seiner bis heute in der Psychologie der Textverarbeitung diskutierten "Schematheorie" zeigte er auf, wie im Gedächtnis gespeicherte Wissensschemata die Wahrnehmung, Verarbeitung und Speicherung von neuen Stimuli beeinflussen: Unbekannte Elemente werden zum Beispiel "vergessen", dem Vertrauten angepaßt oder "wegrationalisiert". Aber ande- rerseits können sich auch die vorhandenen Schemata unter dem Einfluß der neuen Erfahrungen wandeln: Die Schemata werden, soweit sie nicht vollkommen erstarrt sind, permanent und allmählich modifiziert und erweitert. Und auch beim herme- neutischen Interpretieren von Texten können wir oft beobachten, wie Referenzsy- stem und Textsinn im Prozeß des Bezugnehmens sich wechselseitig konstituieren.

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3. Theorie der Interpretation

Ein konkretes Beispiel für eine solche wechselseitige Konstituierung liefert das Verfahren der Gattungszuordnung. Die Zuordnung eines Textes zu einer Gattung dient, wie wir eben gesehen haben, nicht selten als Anknüpfungspunkt für Betrach- tungen über Bedeutung und Sinn des Textes wie der Gattung. Die kurzen Erzähl- texte Kafkas haben immer wieder Versuche ausgelöst, sie in gewisse Gattungstradi- tionen einzuordnen (vergleiche dazu auch Kap. 5.2.1.); alle mögliche Kurzformen wie Märchen, Parabel, Gleichnis, Fabel, Legende, oder auch hypothetische Gattungs- Vorlagen aus jüdischer oder christlicher Tradition haben dafür herhalten müssen. Aber da die Texte nicht immer und nicht immer perfekt in die jeweiligen Gattungs- typologien hineinpassen, müssen dann meistens "Abweichungen" von den Gattungs- schemata behauptet werden - genau dies hat ja Detsch zum Ausgangspunkt seiner Interpretation genommen. Die "Verstöße" gegen die bisherigen Standards veranlas- sen nicht selten einen weiteren Deutungsschritt. Manche Interpreten fassen sie als absichtliche Abwandlung oder Negation einer Gattung auf, andere sehen sie als Spiel mit den Lesererwartungen (siehe Andringa 1991). Inzwischen haben sich aber die Texte und die typologisierende Zuordnung zu einer bestimmten Gattung eher umge- kehrt auf die Konzeption gewisser Gattungen ausgewirkt, als daß die konventio- nellen Formen noch als legitimer Ausgangspunkt anerkannt wären. Schlägt man in Handbüchern oder Lexika - die man gleichsam als Speicher kollektiver Wissens- schemata betrachten kann - das Lemma "Parabel" nach, so wird die Entwicklung dieser Gattung fast immer mit der modernen Parabelform bei Brecht und Kafka beschlossen. Also: Man schreibt Kafkas Texten in vielen Fällen Parabelcharakter zu, umgekehrt wird aber die moderne Parabel gerade mit Merkmalen dieser Texte defi- niert. Ähnliche zirkuläre Vorgehensweisen lassen sich auch für andere "Bezugsfelder" der Interpretation vermuten; man denke nur an die Beziehung zwischen literarhi- storischer Strömung und einem bestimmten Werk, zwischen CEuvre und einzelnem Werk, oder zwischen der Poetik eines Autors und einem bestimmten Werk. Zu- gleich wird ein Beziehungsgeflecht erkennbar, in dem "Interpretation" entweder von vornherein anderen literaturwissenschaftlichen Zielen unter- oder nebengeordnet sein kann, oder in dem Nebenergebnisse erzielt werden, die über die Deutung eines

3.1.2. Wechsel der Rahmentheorien in der modernen Literaturwissenschaft

39

einzelnen Textes hinausgehen und dann wieder jene "anderen literaturwissenschaftli- chen Ziele" modifizieren.

3.1.2. Wechsel der Rahmentheorien in der modernen Literaturwissenschaft

Kuhn (1962) bestimmte "Paradigmen" als allgemein anerkannte und bewährte Errun- genschaften, die eine gewisse Zeit lang Modelle für Probleme und Modellösungen für eine Wissenschaft darbieten (S. X). Laudan (1977) definierte den Begriff der

"Forschungstradition" als "a set of general assumptions about the entities and processes in a domain of study, and about the appropriate methods to be used for investigating the problems and constructing the theories in that domain (S. 81)". Kombiniert man beide Auffassungen, so definieren übergeordnete Rahmentheorien also, was der Gegenstand der Forschung ist, weiche Probleme gelöst werden sollen, und weiche Wege zur Lösung legitim sind. Inhärent sind auch Annahmen über die Aufgaben und Ziele der jeweiligen Disziplin mitgesetzt. Wenn man diese Umschrei- bungen ganz allgemein für die Literaturwissenschaft übersetzt, so beschreiben sie einen Minimalkonsens über das, was (Wert und Funktion der) Literatur ist und über das, was die Aufgaben und Ziele des literaturwissenschaftlichen Handeins sind. Schwerpunktbildungen in soichen Vorstellungen gehen mit der Selektion von beson- deren Bezugssystemen einher. Die Bestimmung dessen, was Literatur ist, und welche Probleme es zu bearbeiten gilt, bedingt deshalb, daß gewisse Bezugsbereiche her- vorgehoben und andere vernachlässigt werden. Sieht man Literatur vor allem als Spiegel der sozialen Wirklichkeit, so liegt es nahe, sie vorrangig auf mögliche so-

Welten zu beziehen . Betrachtet man dagegen Literatur als Produkt eines Ge-

ziale

nies, so führt dies zum Leitgedanken, daß die tiefen Gedanken und Absichten des Autors wiederherzustellen seien. Faßt man ein Werk auf als Produkt, das erst im Nachvollzug durch den Leser seinen "finish" erhält, so fokussiert der Blick des For- schers das Verhältnis von Textstruktur und Leseprozeß.

Jauß (1969) hat den Begriff des Paradigmawechsels auf die Geschichte der Lite- raturwissenschaft bezogen; er hat dabei auch die Eigenart der Literaturwissenschaft

40

3. Theorie der Interpretation

hervorgehoben. Er weist zum Beispiel darauf hin, daß theoretische Umbrüche teil- weise mit "Anforderungen" neuer literarischer Texte zusammenhängen, teilweise auch mit der Erschöpfung von interpretativen Leistungen in neuen gesellschaftlichen Verhältnissen. Jauß differenziert in seiner Studie am Ende der sechziger Jahre nur sehr global die Entwicklungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Inzwischen sind wir fast 25 Jahre weiter, und gerade in den letzten Jahrzehnten scheint eine Zunahme und Pluralisierung der Theoriebildung stattgefunden zu haben. Der nächste Ab- schnitt tastet genau diesen Wandel der Rahmentheorien in der modernen Literatur- wissenschaft ab. Leitfragen sind dabei, welche Bezugssysteme auf dieser Ebene je- weils vorherrschen und welche methodologischen Kriterien für die literaturwissen- schaftliche Praxis befürwortet werden.

Die Diskussion um Gültigkeitskriterien der wissenschaftlichen Interpretation kreist teilweise um die (Un)Zulässigkeit von Bezugssystemen. In der Suche nach einem einem Ziel, das dem Interpretieren Richtung geben soll, dominieren jeweils unter- schiedliche Bezugsbereiche. Manchmal treten sie in Konkurrenz und erringen ab- wechselnd eine Dominanz als "Paradigma". Zu Beginn hat, der hermeneutischen Tradition entsprechend, die historisch bedingte Intention des Autors als regulativer Bezugspunkt des Interpretierens gegolten. Auch wenn Theoretiker wie Schleierma- cher und Dilthey bereits das Interesse für die Rolle des Lesers vorbereitet und das

Bewußtsein für den Wandel des historischen Kontextes geschärft hatten, war das interpretative Streben auf das Ziel gerichtet, das vom Autor Gemeinte immer ge- nauer herauszufinden: es ist ausdrücklich von "Fortschritt" in dem Sinne die Rede gewesen, daß das Interpretieren diesem Ziel immer näher komme. Ein wichtiges Element im Erfassen der Bedeutung ist, in den Worten Schleiermachers, das Sich- hineinversetzen in den anderen; diesen Vorgang hat er "divinatorisch" genannt

(Schleiermacher 1838/1977, 169). Obwohl Schleiermacher zugleich hervorgehoben hat, daß das Hineinfühlen in Verschränkung mit dem gleichsam überprüfenden "komparativen" Verfahren erhärtet werden solle, liegt doch bei ihm der Primat bei einer gewissen Selbstentäußerung des Interpreten. Was Schleiermacher und Dilthey in der Dialektik des Modells nuancieren, wird in der Deutungspraxis aber oft zu

3.1.2. Wechsel der Rahmentheorien in der modernen Literaturwissenschaft

41

einem allzu platten Ausgangspunkt. Das hat schließlich neuen Entwicklungen Auf- trieb gegeben, die sich zuerst gegen die "Verfasserautorität" aufgelehnt und dann radikal mit ihr gebrochen haben. Das Konzept der Autorintention ist schwer greifbar zu machen. Die theoretische Diskussion verfängt sich immer wieder in pragmatischen Entscheidungen. Dennoch lassen sich zumindest zwei Schwerpunkte feststellen. Einmal wird die Autorintention vor allem als interpretatives Ergebnis betrachtet und ist dann eine von Vor- kenntnissen beeinflußte Sinnkonstruktion des Interpreten. Es handelt sich gleichsam um ein Beispiel des Wechselbezugs zwischen "top-down" Vorstellungen des inten- dierten Sinnes und "bottom-up" Prozeduren der Ausfüllung des intendierten Sinnes an Einzelheiten im Text. Leitfrage ist dabei, was der "Dichter" wohl hatte sagen wollen und was der Interpret demnach schon wissen muß, bevor er beginnt, danach zu suchen. Im anderen Fall wird das "vom Autor Gemeinte" größtenteils aus Mate- rialien, Daten und Fakten außerhalb des Textes geholt. Dabei dienen theoretische Schriften, andere Werke, Berichte von Zeitgenossen, Briefe, Tagebücher u.ä. als Referenzobjekte. Wenn es sich um die Interpretation historischer Texte handelt, versucht man in vielen Fällen, die jeweiligen historischen Voraussetzungen für das, was der Autor gemeint haben könnte, zu berücksichtigen, und bezieht dabei manch- mal auch den historisch-kulturellen Kontext und historische Sprachkenntnisse mit ein. Theoretisch wird dieser Prozeß dadurch kompliziert und durchlässig für die Subjektivität des Interpreten, daß natürlich auch jedes andere sprachliche Material nicht als selbstevidenter Bezugsrahmen gelten kann, sondern seinerseits der Deutung ausgesetzt ist. In beiden Fällen, ob es sich um (Re)Konstruktion der Intention auf der vorweg "semantisierten" Grundlage des Textes oder um eine auf der Grundlage von Kontext-Materialien handelt, ist zu bedenken, daß die Bezugsrahmen nicht ein- fach vorgegeben, sondern selbst durch Vorstellungen, Konstruktionen und Interpre- tationen bedingt sind. Wenn Sinn konstituiert wird, geschieht dies in wechselseitiger Beziehung zwischen mindestens zwei Ebenen, die sich beide erst im Vollzug dieser Konstituierung herauskristallisieren. Besonders deutlich wird diese zirkuläre Tendenz sichtbar, wenn die Autorintention auf den Bereich des Existenziellen, Religiösen und Theologischen bezogen wird, wie es bei Kafka oft der Fall ist. Es werden dann

42

3. Theorie der Interpretation

einerseits die Philosophie und Theologie, oft unter Hinweis auf theologische und religiöse Schriften anderer Autoren einbezogen, anderseits wird reichlich aus den verschiedensten biographischen und autobiographischen Quellen zu Kafka geschöpft. Es handelt sich in solchen Fällen um eine "spiralförmige" Dreiecksbeziehung zwi- schen dem Werk, der Ebene religiöser Fragen und Schriften und dem vermittelnden

Bezug auf

Genau so gibt es auch Interpreten, die bei ihren Textdeutungen nicht das Werk zum Ausgangspunkt nehmen, sondern gleich von allgemeinen theologischen, philoso- phischen oder soziologischen Fragen aus an einen Text herangehen. Kafkas Werk wird zum Beispiel nicht selten mit dem Verhältnis des Menschen zur Religion am Anfang unseres Jahrhunderts in Zusammenhang gebracht. Das Werk wird als Exem- plifizierung, Beleg oder Deutung dieses Verhältnisses herangezogen; es dient dann, in seiner interpretierten Form, als "beredtes" Bezugssystem für die Behandlung reli-

gionsgeschichtlicher Fragen. Das Werk wird bis zu einem gewissen Grad entliterari- siert und als schlichtes Dokument verwendet. Hier zeigt sich, daß literaturwissen- schaftliche Interpretationen nicht immer ein Ziel in sich selbst haben, sondern manchmal in weitere, nicht-literarische Fragestellungen eingebettet werden. Die Interdependenz von Textsinn und Bezugsschemata im Akt der Interpretation ist von Hermeneutikern wiederholt hervorgehoben worden, vor allem bezogen auf die gegenseitige Erhellung von Teil und Ganzem. Spitzer 1969 (1948) beschrieb sei- ne "induktive Methode" als ein hundertfaches Hin- und Rückreisen zwischen Detail- beobachtungen und immer weiteren Ideeneinheiten. Nun dürfte die gegenseitige Sinnkonstitution im Akt der Bezugsetzung zwar den Gesamtsinn der interpretativen Aktivitäten bestimmen, sie ist aber zugleich der wunde Punkt, wenn Fragen der Wissenschaftlichkeit und damit der Objektivierbarkeit ins Spiel kommen. Lassen sich denn, so könnte man fragen, überhaupt Ergebnisse gewinnen, die außerhalb der subjektiven Denkbewegungen empirischen Gehalt haben? Oder, so könnte eine an- dere kritische Frage lauten, läßt die Suche nach dem sowohl individuell als histo- risch gebundenen Sinn die ästhetische Wirkung von Werken außerhalb ihres histori- schen Kontextes noch zur Geltung kommen? Weil solche und andere Fragen von den Interpreten entweder als unzulässig zurückgewiesen werden oder nicht plausibel

Aussagen des Autors in anderen Schriften. 6

3.1.2. Wechsel der Rahmentheorien

in der modernen

Literaturwissenschaft

43

zu beantworten sind, ist der vom Autor beabsichtigte Sinn als selbstverständliches Deutungsziel in neuen Entwicklungen heftig angegriffen worden. In unterschiedlichen literaturwissenschaftlichen Kreisen entstanden Bewegungen, die mit der historisch-hermeneutisch ausgerichteten Tradition gebrochen haben. Zwischen 1915 und 1930 hatten sich schon die russischen Formalisten und danach

die tschechischen Strukturalisten den sprachinternen Strukturen und Gesetzmäßigkei- ten zugewandt. Ihre Fragen nach der Eigenart literarischer Sprache, ihrer Formen und Funktionen, nach typischen Bauprinzipien, samt ihrer Forderung nach einem systematischen, "wissenschaftlichen" Vorgehen führte von der reinen Interpretation weg? Die meisten Arbeiten aus dieser Bewegung sind aber erst in den sechziger Jahren in englischer, französischer und deutscher Sprache zugänglich geworden und sind erst dann zu einer breiteren Wirkung gelangt. Im angelsächsischen Bereich ist inzwischen die Bewegung des New Criticism aufgekommen, die das "Close Reading" propagierte und damit greifende Resonanz gefunden hat. Damit vollzog sich die

zum "autonomen Text" und zur textimmanenten Interpretation 8 , die nach dem

Wende

Kriege im deutschen Sprachraum dominierte. 9 Die New Critics setzen sich zwar sehr kritisch mit der gängigen Interpretationspraxis auseinander, aber der theoretische Positionswechsel ist im Grunde ein Wechsel des je bevorzugten Referenzrahmens:

Die Intention des Autors und der historisch bedingte Sinn werden prinzipiell aufgege- ben; neue Referenzrahmen werden jetzt vor allem sprachlich-stilistische Normsyste- me, gegen die sich Besonderheiten eines je einzelnen Textes abheben. Die Aufmerk- samkeit richtet sich dabei auf strukturelle Muster im Text, seien sie phonologischer, semantischer, syntaktischer, thematischer oder metrischer Art. Entsprechend rücken bestimmte linguistische und semantische Figuren und Strukturen ins Zentrum des Interesses: Paradoxien, Ironie, Ambiguitäten, Parallelismen und Mehrdeutigkeit sind zum Beispiel Phänomene, die Leitmotive in der neuen Deutungspraxis bilden. Kurz:

an die Stelle der Verfasserautorität tritt jetzt die Intuition des Interpreten. Diese radikale Einschränkung auf den Text in bezug zur sprachlichen Intuition des Interpreten hat den New Critics die Kritik eingetragen, daß sie den historischen Kontext vollständig ignorierten. Man müsse zumindest den wichtigen sprachlichen Kodes aus der Zeit, aus der ein Text stammt, Rechnung tragen, etwa lautet die

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3. Theorie der Interpretation

Kritik. Hempfer (1982) hat in diesem Zusammenhang noch einmal hervorgehoben, daß der Bedeutungswandel, dem historische Texte unterliegen, Ergebnis einer "Asymmetrie von Produzenten- und Rezipientenkompetenz" ist. Er versieht die po- sitive Bewertung solcher Bedeutungsverschiebungen, die von Vertretern der New Critics als "Bereicherung" des Textes propagiert worden sind, mit Fragezeichen. Nicht "die Textbedeutung" wandle sich, so argumentiert er, sondern die sprachlichen und kulturellen Leservoraussetzungen. Das, was die New Critics als "Anreicherung" der Texte auffaßten, sei demnach eher als Bedeutungsverzerrung zu bezeichnen. In späteren Arbeiten werden die autonomistischen Ansätze im New Criticism allerdings nuanziert und durch Einbeziehung von Kommunikationsmodellen aus der Semiotik und Sprachhandlungstheorie zu komplexeren Modellen entwickelt. Als Beispiel könnte man Titzmann (1977) nennen, der in seinem ausgearbeiteten Modell struktu- raler Textanalyse dem kulturellen Wissen ein ausführliches Kapitel widmet. So wie als Reaktion auf die "Autonomie des Werkes" die Relevanz des histo- rischen Kontextes neu ins Bewußtsein gehoben worden ist, schlägt auch manchmal das Pendel in Richtung der Autorintention zurück. E.D. Hirsch (1967) plädiert zum Beispiel wieder für das Konstrukt der Autorintention als eine Art Kontrollinstanz, die der Willkür des Interpretierens Schranken setzen solle. Wenn, so argumentiert

er, der Autor keinen Sinn in seinen Text hineingelegt hat, wer solle dann imstan- de sein, einen Sinn herauszufinden?

Verfolgen wir die Hauptlinie der literaturwissenschaftlichen Entwicklungen noch ein Stück weiter. Jauß fragt sich in seinem Aufsatz von 1969, ob sich damals bereits ein neues Paradigma ankündige. Er konstatiert ein wachsendes Ungenügen an der Iso- lierung der Literatur und äußert den Wunsch, den Kontext der Literatur besonders in ihrer gesellschaftlichen Wirkung sehen. Im Rückblick zeigt sich, daß sich um diese Zeit tatsächlich Veränderungen vollzogen haben, die sich von heute aus schär- fer profilieren lassen. In den autonomistischen Ansätzen ist im Grunde genommen der Leser selbst, sein sprachliches und literarisches Wissen, seine sprachliche "Kompetenz" und In- tuition, der zentrale Bezugspunkt, auch dann, wenn er scheinbar hinter den Objekti-

3.1.2. Wechsel der Rahmentheorien

in der modernen

Literaturwissenschaft

45

vitätsansprüchen der linguistischen "Fakten" verborgen bleibt. Das stellt sich vor allem dann heraus, wenn ein Interpret nach der Beschreibung struktureller Merk- male wie Äquivalenzen, Oppositionen oder Abweichungen von der Sprachnorm zur Deutung übergeht. Er erkennt dann nämlich oft den "Daten" eine "Wirkung" zu. Diese Wirkung beruht jedoch auf einer emotionalen oder evaluativen Reaktion des Interpreten selbst und kann also nur eine Hypothese über die allgemeine Wirkungs- potenz sein. Auf keinen Fall läßt sich "die Wirkung" sprachlicher Phänomene, d.h. die Relation von sprachlichen Merkmalen und emotionalen Reaktionen, durch einen Interpreten bestimmen, ohne daß diese Relation zum Beispiel durch Befragung an- derer Leser oder Lesergruppen überprüft würde. Hier hat deshalb zu Recht wieder Kritik angesetzt, die zu einer weiteren Entwicklung in der Literaturwissenschaft angeregt hat. Die Anerkennung der Leserrolle in der deutschen Rezeptionsästhetik löst die Fixierung auf die isolierte Werkstruktur ab. Der Leser, das heißt sein Sprachwissen, seine Verstehensaktivitäten, seine Erwartungen, sein Engagement und seine emotio- nalen Reaktionen, entwickelten sich zum neuen Bezugsbereich. Mit dieser Anerken- nung der "Rezeption" werden zwar die linguistischen Intuitionen und Kenntnisse, die den autonomistischen Analysen implizit zugrunde liegen, expliziert und in ihrer Bedeutung für eine Theorie der Literatur grundsätzlich bewertet, dennoch bleiben auch jetzt die Interpreten, ähnlich wie bei der Autorintention, einem konstruierten Referenzrahmen verhaftet, d.h. sie reflektieren nicht - auf einer Metaebene - dessen Konstruktivität. Zunächst treten zwei verschiedene Leserkonstruktionen in Erschei- nung: Wolfgang Iser führt den "impliziten Leser" (lser 1972) ein, eine "Leser"-kon- struktion, die aus den Textstrukturen abgeleitet wird, also selbst Ergebnis der Text- analyse ist. In der Nachfolge von lngarden (1932/1968) erscheint dann 1975 Isers 'Der Akt des Lesens', in dem er die Prozesse des literarischen Lesens zu beschrei- ben versucht. Er arbeitet dabei mit einem idealisierten Leserkonzept, das vor allem auf Introspektion beruht. Obwohl Iser in diesem zweiten Werk beinahe ein psycho- logisches Lesemodell entwickelt, wird die idealisierte Abstraktion "des Lesers" wegen fehlender Überprüfung und behaupteter Selbstevidenz wiederholt angegriffen 11. Man erkennt wiederum die wechselseitige Bedingtheit von Bezugsrahmen ( = Leserreak-

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3. Theorie der Interpretation

tionen und Lesevorgänge, allerdings nur solchen, die der Interpret selbst kon- struiert) und Text ( = die Textmerkmale und Strukturen, denen der Interpret seine Reaktionen als Folge zuschreibt) als wissenschaftliche Schwäche. Eine weitere Ent- wicklung zeichnet sich bei dieser Kritik ab. Die erste Entwicklung zeigt sich in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre in

einer kritisch-polemischen Gegenposition, die die empirische Literaturwissenschaft erarbeitet. Sie plädiert dafür, den Wechselbezug zwischen Text und "wirklichen" Lesern mit Methoden der Sozialwissenschaften zu untersuchen. Damit verschiebt sich das Forschungsobjekt vom Text, von der Interpretation und vom interpretativ hergestellten "Leser" zu den realen Lesevorgängen. Der Forscher stellt sich damit methodisch außerhalb des Beziehungsgefüges, in dem sich - so die Kritik - anson- sten notwendig Lesersubjekt und Textbedeutung vermischen; er entzieht sich, in Groebens (1982) Worten, der Subjekt-Objekt-Konfundierung. Damit ändert sich auch die Bedeutung, die dem traditionellen literaturwissenschaftlichen Ziel des In- terpretierens bisher zugekommen ist: es wird sekundär. Der Beitrag der empirischen Literaturwissenschaft dazu ist allenfalls ein mittelbarer: indem man aufzeigt, wie unterschiedliche Leser oder Lesergruppen einen Text unter verschiedenen Bedingun- gen lesen und auf ihn reagieren, bekommt man Einsicht in die Art und Weise, wie sich unterschiedliche Bedeutungen in der Interaktion zwischen Lesern und Text konstituieren. Damit ist übrigens auch ein Punkt erwähnt, der ein Ziel der vorlie-

genden Studie markiert, soll es doch hier darum gehen, die interpretativen Züge und Ergebnisse professioneller Leser zu verfolgen und in ihren Bedingungen zu rekonstruieren - und nicht darum, selbst eine "Interpretation" zu entwerfen.

Die zweite Entwicklung setzt sich fast gleichzeitig im literaturwissenschaftlichen Denken durch. Das Interesse am Leser, das sich in den sechziger und siebziger Jahren herausgebildet hat, hat nicht nur bei den Empirikern den Blick für die un- terschiedlichen historischen, sozio-kulturellen und individuellen Voraussetzungen von realen Lesern geschärft. Theoretisch, so erheben sich jetzt Stimmen, solle es zu jedem Text ebensoviele Lesarten als Leser geben. Jeder könne im Prinzip seine eigenen Referenzrahmen wählen, und auch wenn konventionelle Bezugsmuster Kommunikation überhaupt möglich machen, sei alle Bedeutungszuschreibung doch

3.1.2. Wechsel der Rahmentheorien in der modernen Literaturwissenschaft

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durch individuelle Assoziationen differenziert. Bei den sogenannten Poststruktura- listen kommt also jener Widerspruch zum Durchbruch, der in hermeneutischen Theorien bereits latent vorhanden gewesen ist. Bei den Hermeneutikern wird die Verschiedenheit der "Horizonte" noch durch den Glauben an die "Kongenialität" oder durch die Idee der "Horizontverschmelzung" ausgeglichen, wobei es ein gewis- ses Vertrauen auf allmähliche Annäherung an den "bestmöglichen" Sinn gibt. "Der Leser" zerfällt jetzt aber in eine Vielfalt möglicher Leser. Die Möglichkeit zur Harmonisierung der Verschiedenheit bricht auseinander durch die Betonung der Unterschiede zwischen Lesern und Lesesituationen. Culler (1983) weist auf die Theorien zum Leser als auf eine Wurzel des Dekonstruktivis- mus hin. Für ihn ist die Frage "Wird der Text vom Leser, oder der Leser vom Text hervorgebracht?" unlösbar. Der Dekonstruktivismus postuliert immer neue Bezüge und Verweise, andauernd sich verschiebende und sich zersplitternde Bedeutungen. Die Stabilität von interpretativen Referenzrahmen im Sinne vermeintlich gesicherter Kenntnisse und Konventionen wird grundSätzlich in Zweifel gezogen. Bedeutungen flackern, so argumentiert man, im Wechselspiel von Text und subjektiver Bezug- nahme momentan auf. Für die interpretative Praxis hat die Infragestellung stabiler Bedeutungen schwerwiegende Konsequenzen, einerseits für die Art und Weise, wie man an die zu interpretierenden Texte herangeht, andererseits für die Gestaltung der Inter- pretationen. Die Instabilität der Bedeutungen versucht man auch in der Vermittlung zum Ausdruck zu bringen. Bewußter Wechsel von Referenzrahmen, Widerrufen eigener Deutungsansätze, Aufgeben traditioneller Kohärenzprinzipien, Spiele mit Verweisungen, das sind nur einige Techniken, die man in den poststrukturalistischen Bemühungen um die Texte antrifft. "Als Nachfolger des New Criticism hat der De- konstruktivismus die Autonomie des Textes durch die Autonomie des Interpreten ersetzt, der ohne jegliche Einschränkung nach dem suchen darf, was der Text ver- schweigt." (Fokkemn 1989, 44).

Indessen haben sich neben den soeben skizzierten Makroentwicklungen in der Be- tonung der "intentio auctoris, operis et lectoris" (Eco 1990) auch andere Rahmen-

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3. Theorie der Interpretation

theorien und Bezugsfelder behauptet oder durchgesetzt. Vom klassischen Altertum an hat man sich mit dem Verhältnis von Literatur zur "Wirklichkeit" oder eben zu anderen Modi der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit - Philosophie, Religi- on, Psychologie - befaßt. Eine Leitfrage dabei war, ob und inwiefern sich die Wirk- lichkeit bzw. die Wirklichkeitsmodelle in literarischen Texten spiegeln oder sich gerade von ihr abheben. Die Bezugsrahmen sind dabei durch relevante Dimensionen der "Realität" bzw. durch Vorstellungen von dem, was Realität ist oder sein soll, bestimmt. Auch hierin finden sich unterschiedliche Schwerpunkte, die manchmal eng mit ideologisch gefärbten Vorstellungen über Strukturen der Gesellschaft oder der menschlichen Psyche verbunden sind. In traditionellen hermeneutischen Interpreta- tionen wird, auf der Suche nach tieferer Weisheit (des Autors), meist ein Bezug zum Allgemein-menschlichen hergestellt. Es gilt, das Allgemeine aufzuzeigen an dem, was das Kunstwerk exemplarisch vorführt. Behilflich dazu sind geistesgeSChiCht- liche, philosophische, psychologische oder theologische Denkmodelle. Textdeutung und Weltdeutung greifen ineinander. In neueren Theorien verschieben sich aber die Schwerpunkte. Vertreter der marxistischen und feministischen Literaturtheorien ver- suchen - vereinfacht dargestellt - die Strukturen, die man der Gesellschaft zu- schreibt, auch in literarischen Werken wiederzufinden, ja, manchmal sie - umge- kehrt - aus den Werken selbst erst herzuleiten. Die Werke werden betrachtet als Exemplifizierung oder Typisierung sozialer oder politischer Verhältnisse und oft auch als offene oder verdeckte Kritik an solchen Verhältnissen. Interpretationen sollen die verborgenen Machtmechanismen einer Gesellschaft entdecken oder zeigen, wie Zeitkritik in die Werke verwoben ist. 12 Die "engagierten" Theorien führen nach Graff (1983) dazu, daß "The nature of interpretation or of literature comes to be whatever we think it ought to be if certain social evils are to be counteracted." (S. 155) Man kann hier aber hinzufügen, daß Literatur nun einmal einer Auseinandersetzung mit der Welt entspringt, sei es einer kritischen, mimetischen, utopischen, negierenden oder ideologischen. Kein Verstehen von Literatur kommt deshalb ohne Bezugnahme auf das "Weltwissen" der Leser/Interpreten und damit ohne Stellungnahme zu dem aus, was sie für die Wirk-

3.1.2. Wechsel der Rahmentheorien in der modernen Literaturwissenschaft

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lichkeit halten. Die engagierten Deutungen führen, jede auf ihre Art, die ursprüng- liche Funktion von Literatur als Auseinandersetzung mit der Welt fort. Für die psychoanalytische Literaturauffassung, die ihre Wurzeln in der Tiefen- psychologie hat, gilt Ähnliches. Ihr Anliegen ist, Grundstrukturen der menschlichen Psyche im Bereich der Fiktion wiederzufinden. Mit einem berühmten Beispiel läßt sich zeigen, wie auch hier Bezugssystem und Textbedeutung zur Konstitution des jeweils anderen Konzepts benutzt werden und daß ihre Rollen sich entsprechend vertauschen lassen. Freud selbst hat bekanntlich seine Gedanken zum Oedipus- komplex anhand der klassischen Tragödie entwickelt; diese wird in ihrer interpretier- ten Version zu einem der wichtigsten Referenzpunkte der psychoanalytischen Theo- rie und Praxis überhaupt. Die in Literatur geschilderten Handlungen gewinnen hier Modellcharakter und werden zur Deutungsvorlage für die psychische Realität, die im wirklichen sozialen Handeln bedeutsam ist, und darauf folgend wiederum für manches andere literarische Werk. Wir werden unten näher auf solche Übertra- gungen eingehen (Kap. 5.2.3.).

Auf der Suche nach dominanten Bczugsrahmcn haben wir in diesem Kapitel die Geschichte der neucren Literaturwissenschaft in großen Linien skizziert. Dabei darf man allerdings nicht voraussetzen, daß die neuen Entwicklungen die jeweils vor- angegangenen Stadien radikal ablösen. Manche Standpunkte und Verfahren der Literaturwissenschaft bewähren sich, werden weiterhin angewandt oder gehen in die neuen Ansätze ein. Innerhalb der traditionellen Interpretationspraxis, d.h. der In- terpretationspraxis, die nicht durch bestimmte innovative Theorien angeregt wird, sondern durch die klassischen literaturhistorischen, philologischen oder werkästhe- tischen Fragen angetrieben ist, stehen gleichsam bewährte Bezugsrahmen zur Ver- fügung. Immer wieder werden von Interpreten einzelne Werke zu bestimmten Gat- tungskonzepten, zur literarischen Tradition oder zu anderen Werken des Autors in Beziehung gesetzt. Daneben bieten sich natürlich immer spezifische oder histo- risch bedingte Bezugsbereiche an: der kulturelle und politische Kontext, die Rezep- tionsgeschichte, die Biographie des Autors. Auch die stark innovativen Ansätze kommen, wie sich zeigen wird, nicht ohne solche Bezugsfelder aus.

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3. Theorie der Interpretation

Wer vom heutigen Standpunkt aus die theoretischen Neuansätze und die Viel- falt der Bezugsrahmen überblickt, der kann darin die Unausschöpfbarkeit der Deu- tungsarbeit bestätigt sehen. Diese "Unausdeutbarkeit" eines Werkes hängt vor allem mit den vielen Bezugsmöglichkeiten, die den Interpreten zur Wahl stehen, zusam- men. Solange auch noch so unterschiedliche Bezugsrahmen motiviert und plausibel sind, und die Akte der interpretativen Bezugnahme nachvollziehbar vorgeführt wer- den, muß man ihnen prinzipiell eine gewisse Gleichberechtigung zugestehen. Harte Kriterien zur Feststellung "der richtigen Interpretation" kann es nicht geben, es sei denn normativ. Die Versuche, Entscheidungskriterien zur Beurteilung unterschiedli- cher Interpretationen zu bestimmen, richten sich meistens auf Detailprobleme philo- logischer Art, die für das Interpretieren im umfassenden Sinne nur sehr beschränkt repräsentativ sind. I3 Dem Perspektivenpluralismus und der Polyinterpretabilität wird in neueren Diskussionen zur Interpretationstheorie immer mehr Beachtung ge- schenkt. In den achtziger Jahren entwickelt sich denn auch eine Metatheorie-De- batte, die sich in erster Linie um das Pluralismus-Problem dreht, weniger um die "wissenschaftliche" Begründung des Interpretierens. Zugleich scheint sich die Ten- denz zur Metatheorie selbst zu verstärken. Schon Booth (1979) hat bemerkt, daß Metadiskussionen beständig zunehmen, und mit entsprechender Selbstironie hat er in seiner frühen Darlegung von "the power and limits of pluralism" gesprochen. Zum Abschluß mögen zwei Beispiele diese Trends erläutern. Steinmetz (1983) polemisiert gegen das Streben nach Objektivität, weil dies bloß zu unlesbaren und ungelesenen quasi -wissenschaftlichen Analysen geführt habe. I4 Er erblickt in der subjektiven Entscheidung für bestimmte Referenzrahmen gerade die Aufgabe und Herausforderung des Interpreten und verbindet damit auch soziales und kommunikatives Engagement. Durch die engagierte und motivierte Wahl eines Bezugsrahmens bringe der Interpret sich selbst, seine Meinungen und Voraussetzun- gen in die laufende Interpretations-Diskussion ein und trage damit zu deren Fort- dauer bei. Zugleich erneuert er jeweils den interpretativen Diskurs, in dem sich die eigene Gegenwart im Licht der Tradition zu bewähren hat. Hierin sieht Stein- metz die soziale Aufgabe der Interpretation. Der oft kritisierte Punkt der Subjekti- vität wird also in ein positives Licht gerückt.

3.1.2. Wechsel der Rahmentheorien in der modernen Literaturwissenschaft

51

Die Freiheit des Interpretierens ist unter anderem auch Thema eines Sym- posiums mit dem Titel "The Politics of Interpretation" gewesen; die Beiträge sind von Milchell (1983) herausgegeben worden. Manche alten Fragen zum Wechsel der Rahmentheorien, zur Objektivität, zur Konkurrenzposition von verschiedenen In- terpretationen und zur Rolle ideologischer Voraussetzungen kehren wieder; es wer- den auch manche Einsprüche gegen Freiheit im Sinne von Willkür erhoben. Booth (1983) konfrontiert uns zum Beispiel mit der Frage, inwiefern wir berechtigt sind, Rabelais im Rahmen der feministischen Theorie zu betrachten. Die immer wieder in der Hermeneutikgeschichte behandelte Frage, wie Verstehen möglich sei ohne Kenntnis der historisch-kulturellen Kodes, wird auch jetzt wieder gestellt. An diese Diskussion knüpft auch Butler (1988/89) an. Er setzt sich mit dem "Relativismus" als Element oder als Folge poststrukturalistischer Entwicklungen auseinander. Er verbindet die Wahl von Referenzrahmen mit politischen, ideologi- schen oder institutionellen Überzeugungen ("beliefs") und plädiert unter Rückgriff auf Theorien der Frankfurter Schule für einen freien, offenen Diskurs, der durch liberale Toleranz und, so könnte man Butler mit einem bei Gadamer beliebten Ausdruck ergänzen, "Bereitschaft zum Dialog" gekennzeichnet sein soll. Auch bei Butler findet sich also die Wende zum Kommunikativen. Diese Metadebatte zur Interpretation scheint den vorhandenen Interpretations-Pluralismus mit sozialen Aufgaben verbinden zu wollen, wobei dann allerdings die mit etwas neidischem Blick auf die Naturwissenschaften diskutierte Frage der Verwissenschaftlichung in den Hintergrund tritt.

3.2. Vermittlung von Bedeutung und Sinn

In seinem berühmten Aufsatz "Zur Erkenntnisproblematik in der Literaturwissen- schaft" (1962) hat Peter Szondi für das literaturwissenschaftliche Forschen eine an- dere Aufgabe als für andere Wissenschaften behauptet:

"Aufgabe dieser Wissenschaften ist , die Kenntnis ihres Gegenstands zu vermitteln, den er- kannten Gegenstand für das Wissen abzubilden. Anders in der Literaturwissenschaft. Kein

52

3. Theorie der Interpretation

Kommentar, keine stilkritische Untersuchung eines Gedichts darf sich das Ziel setzen, eine Beschreibung des Gedichts herzustellen, die für sich aufzufassen ware." (S. 148)

Szondi verwendet in diesem Zusammenhang den Ausdruck "Wissen als perpetuierte

Erkenntnis". In anderen Worten, literaturwissenschaftliche Forschung habe nicht zum Ziel, Ergebnisse in festumrissener Form weiterzugeben, sondern, andere Leser im- mer wieder beim Vorgang des Erkennens anzuleiten. Diese Behauptung schließt ein,

daß eine Interpretation nicht nur den Leser informieren, sondern auch in gewisser Weise auf ihn einwirken soll. Bei Gadamer (1960) liest man Vergleichbares, wenn er die Übermittlung einer möglichst getreuen Reproduktion der ursprünglichen Bedeutung als die "Mitteilung eines erstorbenen Sinnes" in Zweifel stellt (S. 172). Und an anderer Stelle umschreibt Gadamer die Tätigkeit des Literaturinterpreten wie folgt: "Im Unterschied zu anderen Texten ist der literarische Text nicht von dem Dazwischenreden des Interpreten unterbrochen, sondern von seinem beständigen

Mitreden begleitet." (1986, 357) In beiden Fällen findet man also die Idee, daß die Interpretation sich gleichsam auflöst in oder verschmilzt mit den Verstehenserpro- bungen neuer Leser. "Man kann", so schreibt Stierle (1990, 16) "das Werk immer nur verstehen, aber nie es verstanden haben." Hier wird allerdings ein Spannungsverhältnis zwischen zwei unterschiedlichen Aufgaben merkbar, die sich zwar idealiter harmonisch verbinden, häufig aber in polarisierter Form hervortreten. Einerseits geht es den Interpreten darum, Bezugs- felder einzuführen, Akte der Bezugnahme zu begründen oder zu motivieren und zusätzliche Information zu geben. Andererseits sollen die Deutungsbemühungen des Interpreten so dargeboten werden, daß sie in die Verstehensprozesse anderer Leser eingehen. Sie stellen sich ausdrücklich in den Dienst immer neuer Verstehens-

prozesse. Die Sache wird dadurch noch schwieriger und komplexer, daß nicht selten

auch die Übermittlung des ästhetischen Wertes mit zur Aufgabe der Interpretation gehören soll, was eine Verschachtelung von Deutung und Wertung mit sich bringt.

Die Qualität des Werkes soll sich in der Auffassung mancher Interpreten sogar

unmittelbar in der Deutung widerspiegeln und der Leser soll gleichzeitig zum er-

3.2. Vermittlung von Bedeutung und Sinn

53

Das Spannungsverhältnis zwischen den unterschiedlichen Zielsetzungen kommt vor allem dann ans Licht, wenn sie sich in einerseits eine analytisch-wissenschaft- liche Position und andererseits eine ästhetisch-künstlerische Position gegenüberste- hen. Sieht man das Interpretieren als eine "Kunst" an, für die unter anderem auch "künstlerische Einfühlungs- und Darstellungsgabe" eine Voraussetzung ist, so verbin- det sich damit in der Regel der Standpunkt, daß eine stark analytische Orientierung der Natur eines Kunstwerks resp. seiner Interpretation zuwider laufe. Bezieht man eine strikt analytische Position, so liegt Kritik an der Subjektivität und Vagheit einer poetisierenden Bedeutungsvermittlung auf der Hand. 16 Diese Kontroverse schlägt immer wieder in der Interpretationsdebatte durch. Leo Spitzer (1948/1969, 199) spottete über die Gegner einer ästhetischen Analyse von Dichtung, sie hätten Angst, das jungfräuliche und ätherische Wesen des Kunstwerks durch intellektuelle Formeln anzutasten. Benno von Wiese (1963) bezeichnete umgekehrt diejenigen, "die einen unübersteigbaren Wall zwischen Wissenschaft und Kunst aufrichten wollen" als "hoffnungslose Pedanten und Brotgelehrte". (nach Fricke 1977, 173) Das Dilemma der Interpreten, analysieren und informieren zu wollen und (auch) in ästhetischer Weise das Ästhetische zu vermitteln, hat sich in der Sprache der Interpretationen niedergeschlagen. Auch deshalb hat sich in den siebziger Jahren Kritik formuliert gegen das, was als die hermeneutische Interpretationspraxis ge- golten hat. Ausgehend von verschärften Wissenschaftsansprüchen haben einzelne Forscher und Forschergruppen auch empirisch nachzuweisen versucht, daß die tradi- tionelle Deutungspraxis in mancher Hinsicht Schwächen aufweise, die sich in der sprachlichen und argumentativen Gestalt der Interpretationen zeigen. Mehrere Stu- dien haben jene Aspekte des interpretativen Diskurses behandelt, an denen eine widersprüchliche Verzahnung verschiedener Ziele sichtbar wird. Was im Sinne Szondis oder Gadamers auch positiv als Harmonisierung der Ziele gesehen werden könnte, wird in diesen Studien meist als Vermischung der Aufgaben oder Überlap- pung divergenter Funktionen angeprangert. Einige Arbeiten seien erwähnt. Slawinsky (1975) hat eine analytische Studie über die Probleme der literatur- wissenschaftlichen Terminologie vorgelegt. Er konstatiert bei der Zusammenstellung eines literaturwissenschaftlichen Wörterbuches das Fehlen einer einheitlichen Termi-

54

3. Theorie der Interpretation

nologie und versucht, dafür Ursachen anzugeben. So weist er darauf hin, daß Ter- mini aus der Interpretationspraxis der Literaturwissenschaft nicht alle denselben Status haben: manche werden sowohl umgangssprachlich als auch fachspezifisch verwendet - man denke zum Beispiel an die Periodenkonzepte - manchmal verän- dern sich die Begriffsinhalte innerhalb der verschiedenen Verwendungskontexte, andere wandeln sich im Laufe der Zeit. Nur wenige Begriffe sind eindeutig be- stimmt. Auch dann, wenn man relativ präzise Inhalte erwartet, wie zum Beispiel bei den Gattungsbestimmungen, ist Eindeutigkeit der Begriffe oft nur Schein. Zu- dem bringen verschiedene Forschungsrichtungen aus ihren jeweiligen Traditionen ihre eigenen Begriffe mit oder geben vorhandenen Begriffen einen neuen Inhalt. Damit hängt zusammen, daß die Begriffe oft verschiedener Herkunft sind und man es mit historischen "Schichten" zu tun hat: manche stammen aus dem klassischen Altertum, andere aus der Renaissance, der Romantik oder aus dem Anfang dieses Jahrhunderts. Die "Labilität" der Begriffe und die Inkohärenz des gesamten Begriffs- systems hängen nach Slawinsky mit der Vermischung verschiedener Diskurstypen zusammen. Er nennt dabei den wissenschaftlichen Diskurs, die Alltagssprache, die "Persuasio", und die poetische Rede. Diese Vermischung leitet er - und damit sind wir wieder am Ausgangspunkt - aus der Polyfunktionalität literaturkritischer Arbei- ten her, die, so schreibt er, nicht nur Aussagen über einen Gegenstand enthalten, sondern auch Propaganda für ihn. Und Propaganda bedeute eben meist auch, daß man sich dem propagierten "Gegenstand" per Identifikation angleiche. Das Fehlen einer eindeutigen Metasprache und die überaus häufige Anwendung poetisierender Rhetorik werden auch von Eimermacher (1973) und Fricke (1977) angeprangert. Fricke stützt seine Kritik auf empirische Befunde. Er untersucht die stilistische Angleichung von Interpretationen an die literarische Sprache und konsta- tiert im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Texten eine Konzentration von rhetorischen Figuren, Metaphern, Bildern, poetischen Figuren, manchmal auch eine gewisse strukturelle Annäherung an dichterische Texte. Für die strukturelle Annä- herung gibt er Beispiele aus der Kafka-Forschung; er beobachtet, daß die "Unaus- deutbarkeit" und die Struktur des Paradoxen in die Form der Interpretation über- nommen werde. Die Poetisierung der Beschreibungssprache verbindet Fricke - in-

3.2. Vermittlung von Bedeutung und Sinn

55

sofern passen seine Schlußfolgerungen zu den Darlegungen Slawinskys mit der semantischen Unbestimmtheit der Dichtersprache. Sie schließe eine kritische

Überprüfung aus, ja, lasse durch den ästhetischen Reiz das Bedürfnis danach nicht

einmal aufkommen (1977,

Nun ist das von Fricke analysierte Material relativ einseitig: es besteht haupt- sächlich aus "klassischen" hermeneutischen Interpretationen. Fricke nimmt zwar Rücksicht auf verschiedene Perioden - er konstatiert keine Abnahme der Poetisie- rungen in der Periode nach 1964! - trägt aber unterschiedlichen Rahmentheorien nicht systematisch Rechnung. Deshalb bleibt die Frage, wie sich die Veränderungen in den theoretischen Positionen auf die Praxis der Interpretation auswirken, außer Betracht. Ebenfalls in den siebziger Jahren sind eine Reihe von kritischen Untersuchun- gen zur Argumentationsweise in der Literaturwissenschaft erschienen (Grewendor[ 1975, Meggle & Beetz 1976, von Savigny 1976, eine kritische Besprechung in Anz & Stark 1977). In einigen Beiträgen in Kindt & Schmidt (1976) wird genauer dargelegt, wie im Sprachgebrauch auch Argumentationsstrukturen mitenthalten sind. Den Autoren geht es vor allem darum, aus wissenschaftstheoretischer Sicht logische Schwächen in Interpretationen bloßzulegen. Sie weisen darauf hin, daß viele Annah- men und Hypothesen implizit bleiben und daß bestimmte "Dogmen" einfach voraus- gesetzt werden, wie zum Beispiel die Spiegelung des Inhalts in der Form oder die Verbindung von sprachlichen Merkmalen und Wirkungen auf den Leser. Was die Sprache betrifft, weisen auch sie auf die Vermischung von Beschreibung oder Wie- dergabe und Wertung hin, konstatieren auch sie Mängel in der Eindeutigkeit der Begriffe, und zeigen auch sie auf, wie intuitive Annahmen oft als Fakten präsentiert werden. Zusammenfassend konstatieren sie vor allem zwei fundamentale Probleme:

Einerseits - und darin stimmen ihre Befunde mit denen Frickes überein - handelt es sich um eine Vermischung von Objekt- und Metasprache bzw. um das Fehlen

einer vom Objekt unabhängigen Metasprache; außerdem können sie nachweisen, daß fast immer mit impliziten Voraussetzungen und Prämissen gearbeitet wird. Diese kritischen Feststellungen treffen auch für den Speziaifall der Kafka-For- schung zu. Knlsche (1974) hat konstatiert, daß von den Kafka-Interpreten nur selten

184) . 17

56

3. Theorie der Interpretation

eine Begründung der jeweiligen Ausgangsposition, eine Offenlegung der eigenen Prämissen und eine methodologische Reflexion des Vorgehens geliefert werden. Insbesondere kritisiert er, daß die Interpreten oft einen von vornherein vorausge- setzten Bezugsrahmen benutzen und sich umstandslos mit dem Interpretandum identifizieren. Der hermeutische Zirkel wird dadurch, so schreibt Krusche, "zum Bannkreis methodischer Isolation" (1974, 18). Es ist auffällig, daß sowohl Krusche als auch Fricke ihre empirisch-kritischen Untersuchungen mit einer Art Gegenvorschlag abschließen, der auf Habermas ('Er- kenntnis und Interesse') zurückgeht. Fricke widmet einer "angemessenen Sprache der Literaturwissenschaft" den zweiten Teil seines Buches, Krusche formuliert in Anlehnung an das Habermassche Konzept des Anwendungsinteresses einige Deside- rata im letzten Kapitel. Beide plädieren für eine offene Kommunikation, in die die Bedingungen des eigenen Vorgehens eingehen. Sie verbinden damit weniger die Ansprüche einer objektiven Wissenschaft als das Streben nach sozial relevanter Kommunikation. Fricke: "Die gesellschaftliche Bedeutung literaturwissenschaftlicher Erkenntnisse wird dabei umso größer sein, je mehr es gelingt, bei der wissen- schaftlichen Untersuchung poetischer oder praktischer Texte aus älterer oder neuerer Zeit zu solchen Erklärungen vorzustoßen, die zugleich als gültige Erklärungen für unsere eigenen kommunikativen Erfahrungen und Probleme fun- gieren können." (1977, 244) Krusche: "An die Stelle einer 'selbstlosen Universalität der Einfühlung' - durch welche Art eines allgemeinen Humanums diese auch im- mer ermöglicht werden soll - tritt bei Habermas die Annahme eines 'praktischen erkenntnisleitenden Interesses'. Das heißt, daß der interpretierende Wissenschaftler seine Arbeit zu sehen hat im Zusammenhang der ihn umgebenden gesellschaftlichen Verhältnisse, daß er sich der Frage zu konfrontieren hat nach der gesellschaftlich- sozialen Relevanz seines Tuns." (1974, 161) Hier kehrt - allerdings von einer anderen Seite - die kommunikative Aufgabe der Interpretation als Thema der Interpretationsdebatte prominent zurück. Diesmal besteht sie nicht, wie bei klassischen Hermeneutikern, in der als Idee einer Sprache, die zwischen Fremdem und Eigenem vermittelt, sondern in der Idee der Offenle-

3.2. Vermittlung von Bedeutung und Sinn

57

gung und Reflektierung der eigenen Voraussetzungen und methodischen Verfahren im "herrschaftsfreien" Dialog mit anderen. Die Vermittlungsaufgabe innerhalb eines gewissen historischen und gesellschaft- lichen Kontextes impliziert, daß ein Interpret sich seiner eigenen Situation bewußt ist, geschichtlich und im Hinblick auf seine Stellung im aktuellen fachlichen Diskurs. Die Frage, wie ein Wissenschaftler sich mit dem fachlichen Diskurs auseinandersetzt und sich selbst darin profiliert, ist bekanntlich von Kuhn in "The structure of scientific revolutions" (1962) angeschnitten worden. Für die Naturwissenschaften hat Kuhn das Verlorengehen historischer Entwicklungsprozesse unter dem Druck der Aktualität festgestellt. In Lehrbüchern, so argumentiert er, präsentiert sich meistens mit Nachdruck die aktuelle Lage einer Wissenschaft. Die Vergangenheit werde unter der Perspektive des Neuesten, das Neueste im Licht der Überwindung des Alten dargestellt. Das führe unter anderem zur Selektion, Verkürzung und manchmal auch zur Fehlkonstruktion von Gedankengängen und Ergebnissen. Die früheren Errun- genschaften würden in der Form erstarrten Wissens überliefert, wobei der Prozeß- charakter der Entwicklungen und der Umbrüche verlorengehe. "The result is a persistent tendency to make the history of science look linear or cumulative, a tendency that even affects scientists looking back at their own research." (S. 138) Es müßte aber einmal, so ist Kuhn hier kritisch zu ergänzen, genauer, das heißt textlinguistisch analysiert werden, wie solche Vorgänge stattfinden. Das gilt nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern auch für andere Disziplinen. Auch für literaturwissenschaftliehe Interpretationen ist es von Interesse zu wissen, wie sprachlich und formal Einsichten und Ergebnisse aus der Vergangenheit in spätere Ansätze eingehen.

In die Reihe kritischer Auseinandersetzungen mit den Vorgehens- und Argumenta- tionsweisen der Literaturwissenschaft aus den siebziger Jahren paßt schließlich auch, obwohl bereits weit in die wissenschaftstheoretische Diskussion hineinreichend, die Arbeit von Göttner & Jacobs (1978). Die Autoren kommen am Schluß ihrer kriti- schen Analysen von Literaturtheorien zu einer Unterscheidung zwischen "traditio- neller" und "moderner" Literaturwissenschaft. Dieser Unterschied manifestiere sich

58

3. Theorie der Interpretation

vor allem - das gleicht den Ergebnissen der anderen Untersuchungen - in der Explizitheit von Voraussetzungen und Annahmen, im Umgang mit Normen und Werten, in der Überprüfbarkeit und Überprüfung der Hypothesen und in der Rela-

tionierung von

nen Literaturwissenschaft werden allerdings - wie bei Krusche und Fricke - meist als Desiderata im Optativ formuliert. Die neuesten Interpretationen aus unserem Material stammen aus 1990; wir sind also 12 Jahre weiter, und man kann jetzt die Frage stellen, ob und wie sich die kritischen Überlegungen und die Desiderata aus den siebziger Jahren in der Praxis ausgewirkt haben. Die kritische Beobachtung, daß in literaturwissenschaftlichen Interpretationen Annahmen und Intuitionen als Fakten präsentiert werden, führt zu einem weiteren Gesichtspunkt, unter dem man solche Arbeiten betrachten kann. In einem neuen Ansatz wirft Simpson (1990) die Frage der Modalität literaturwissenschaftlicher Arbeiten auf. Unter Modalität ist hier zu verstehen die Art und Weise, wie ein SprecherNerfasser seine Stellungnahme zum Inhalt seiner eigenen Aussagen sprach- lich zum Ausdruck bringt. Simpson unterscheidet in Anlehnung an die linguistische Literatur zwischen der epistemischen und der deontischen Modalität. Epistemische Modalität bezieht sich auf die Annahmen über Wahrheit und Zuverlässigkeit der

Aussagen; sie variieren auf einem Kontinuum von der Postulierung der 'Möglichkeit'

") zur 'Faktizität'

Simpson spricht hier von "commitment to truth". Die deontische

Modalität hängt mit Annahmen über Verpflichtung oder Erwünschtheit zusammen;

")

"). Unter-

über 'Erwünschtheit' ("es soll

sie verläuft über ein Kontinuum zwischen 'Zulässigkeit' ("Es ist akzeptabel, daß

Theorie und Verfahren manifestieren. 18 Die Merkmale einer moder-

("vielleicht ("es ist so, daß

") über die 'Wahrscheinlichkeit' ("ich nehme an, daß

").

") bis zum 'Erfordertsein' ("Man muß

schiedliche sprachliche Mittel stehen zur Verfügung: modale Verben und Adverbien,

die Modi der Verben, expliziter Metakommentar, oder auch Verfahren der Kontra- Argumentation, an der die Entfaltung der eignen Ideen überprüft wird. Simpson bringt unter diesem Gesichtspunkt Beispiele für die meisten Modali- tätsstufen aus einer berühmten Arbeit von F.R. Leavis ('The Great Tradition', 1948). Auch durch die Analyse solcher textlinguistischen Merkmale der Interpreta- tionssprache lassen sich Aussagen aufdecken, die Annahmen, Intuitionen und Wer-

3.2. Vermittlung von Bedeutung und Sinn

59

tungen als Tatsachen präsentieren, manchmal sogar mit großem Nachdruck. Simpson weist unter anderem darauf hin, wie manchmal die Präsentierung einer Behauptung als Tatsache mit dem Auftreten impliziter Annahmen einhergeht ("'We can't doubt that George Eliot counts for something in the incomparably superior concreteness of The Portrait 0/ a Lady."') Simpson betrachtet seinen Beitrag als eine Erkundungs- studie, die an weiterem Material auch quantitativ überprüft werden soll. In den kritischen Studien handelt es sich meist um Fragen der Wissenschaftlich- keit und der Relevanz des Interpretierens überhaupt. Die Rolle der Vermittlung, wie sie von den klassischen Hermeneutikern formuliert worden ist, gerät in den Hintergrund, kehrt allerdings in einigen Arbeiten in der Forderung nach kommuni- kativer Darstellung der eigenen Position zurück. Mit der Betonung der kommunika- tiven Aufgaben ist aber nicht das Problem gelöst, ob eine Interpretation, die zu "perpetuierter Erkenntnis" anleiten will, den Anforderungen einer objektiven Wis- senschaft genügen kann und will. Und die Frage ist natürlich auch, ob die Inter- preten dann auf alle die Sprach- und Formmittel verzichten sollen, die ihnen von den Kritikern vorgeworfen werden. Hier könnte man gleich die Frage anschließen, ob denn im Diskurs anderer Wissenschaften auch gänzlich auf solche Sprach- und Formelemente verzichtet wird. Spätestens hier sei darauf hingewiesen, daß auch in anderen Disziplinen von rhetorischen und "literarischen" Elementen die Rede ist. Neuerdings haben nicht zufällig "literarische" Phänomene wie Metaphorisierung und narrative Struktur im wissenschaftlichen Diskurs auch nicht-literarischer Disziplinen Aufmerksamkeit erregt. 19 Ohne hier eine endgültige Entscheidung treffen zu wollen, welchen Kriterien "objektiver Wissenschaftsdiskurs" sprachlich-stilistisch genügen sollte, ist für die vorliegende Untersuchung die Frage gut begründet, inwiefern (meta)theoretische Positionen sich auf Struktur und Sprache literaturwissenschaftlicher Interpretationen auswirken. In Kapitel 6 werden dazu genauere Hypothesen entwickelt und überprüft.

Am Schluß dieses Überblicks sollen einige Gesichtspunkte, die die sprachliche Ge- staltung unseres Materials betreffen, an einem Beispiel demonstriert werden. Die folgende Stelle ist der Anfang der Interpretation von Kurz (1980). Die Interpretation

60

3. Theorie der Interpretation

zu 'Vor dem Gesetz' ist Teil eines Buches. Die inhaltlichen und methodischen Ausgangspunkte werden darin relativ deutlich eingeführt (siehe dazu weiter Kap. 5.2.3.).Hier sei nur soviel gesagt, daß Kurz sich auf die Tiefenpsychologie beruft und diese mit einer genauen ("buchstabierten") Textbetrachtung zu verbinden an- strebt. Leitmotiv ist dabei der Gedanke, daß "der Tod" oder - besser - die "Ver- drängung des Todes" Kafkas gesamtes (Euvre als "Hintersinn" durchziehe.

1. 1916 erschien Kafkas Legende (T 448) aus dem Prozeß unter dem Titel Vor dem Gesetz. (E 131-132) Über diese kleine Geschichte war er glücklich. (vgl. T 448) Sie ist ein wunderbares Beispiel für Kafkas Kunst des Buchstäblichen, der unscheinbaren, aber um so bedeutsameren Details, für seine Kunst subversiver und inversiver Bedeutungser

5.

zeugung. Ein Mann vom Lande kommt zum "Gesetz" und bittet den Türhüter um Ein- laß.[154] Der Türhüter antwortet, daß er ihm den Eintritt jetzt nicht, aber vielleicht später gewähren könne. Der Mann wartet vor dem Gesetz bis zum Ende seines Lebens und erfahrt dann, im Augenblick seines Todes, daß der Eingang nur für ihn bestimmt

10.

war.

Nach dem ersten Eindruck erscheint die Ablehnung des Mannes als ein Akt gna- denloser Willkür des "Gesetzes". Diese Parabel wurde daher auch gelesen als Parabel über die Verzweiflung menschlichen Daseins vor einem höhnisch-unzugänglichen Gesetz, über die Vergeblichkeit jeder Hoffnung, über die Negation jeglicher Theodizee.[155]

15.

Eine zweite, buchstabierende Lektüre (zu deren Notwendigkeit vgl. T 460) ent- deckt Stellen, die diese Deutung zu revidieren zwingen. Sie entdeckt, daß man die Pa-

rabel gegen den Strich des - absichtlich erzeugten - ersten Eindrucks lesen muß. Es ist die Parabel einer 'Täuschung', wie der Geistliche sie im Prozeß bestimmt. (P 255)

 

Die Versuche des Mannes, mittels Rationalität [

]

das 'Hindernis' des Türhüters

20.

zu überwinden, enthüllen sich als Versuche, ein Hindernis vor dem Gesetz errichten zu wollen, um den entscheidenden Schritt nicht tun zu müssen. Der Mann vom Lande will das 'Hindernis'. Die Parabel von der Ablehnung des Menschen durch das Gesetz ist in Wahrheit eine Parabel vom Wehren des 20. Menschen gegen das Gesetz, von der Verleugnung des Gesetzes: dreimal fragt der Mann den Türhüter.

154 J. Urdizil, Da geht Kafka, München 1966, macht darauf aufmerksam, daß in jüdischer Tradition das "Gesetz" als Haus gedacht wird. Vgl. z.B. G. Scholem, Die jüdische My- stik, 54. Im übrigen mißversteht Urzidil, wie die Forschung insgesamt, diese Geschichte als eine Parabel terroristischer Abweisung. Ausnahmen: Sokel, Kafka, 1966,33; J. Born, Kafka's Parable "Before the Law":Reflections towards a Positive Interpretation, Mosaic, 3/4, 1969170,158; J.M. Gliksohn, Le proces, Paris 1972,32ff.

155 Besonders exemplarisch bei Ries, 137ff.

Im ersten Absatz sind einige Informationen zur Legende gegeben, gleich gefolgt von einer wertenden Aussage. Abgesehen davon, daß die Daten im ersten Satz nicht ganz stimmen,20 fällt sprachlich folgendes auf. In der wertenden Aussage finden sich einige Beispiele für das, was Fricke A"sthetisierung oder Angleichung an die literarische Sprache genannt hat: asyndetische

3.2. Vermittlung von Bedeutung und Sinn

61

Reihung ("Kafkas Kunst des Buchstäblichen, der [

und Parallelismus in Klang- und Wortstrukturen ("unscheinbar" und "bedeutsam", "subversiv" und "inversiv", "Bedeutungserzeugung"). Inhaltlich wichtiger ist aber die Art und Weise, wie Kurz die autobiographischen Schriften in seine Interpretation einarbeitet. Die abkürzenden Hinweise in Klam- mern verbinden die Behauptungen des Interpreten mit denen des Autors. In der ersten Zeile begründet der Hinweis die Bezeichnung "Legende", in der zweiten Zei- le gilt er als Nachweis einer Aussage des Interpreten. Die Tagebücher werden als selbstverständliche Unterstützung, zur Legitimierung eines Begriffs, einer Aussage, eingesetzt. Während hier aber der Wortlaut fast direkt dem Tagebuch entnommen ist, gilt dies nicht für die Zeilen 15/16, die nahelegen, daß Kafka selbst für eine "buchstabierende Lektüre" plädiert habe. Das ist aber nicht der Fall, jedenfalls nicht in der betreffenden Tagebuchstelle. 21 Um den Zusammenhang zwischen der Mit- teilung des Interpreten und der Tagebuchnotiz herzustellen, müßte man Gedanken ergänzen. Das, was ein Beleg zu sein scheint, ist die Deutung einer TagebuchsteIle in die Richtung dessen, was dem Interpreten vor Augen steht. Diese Tendenz findet sich auch manchmal, wenn Worte aus dem Text oder aus anderen Werken in zitier- ter oder paraphrasierter Form eingearbeitet werden. Ein Beispiel dazu bietet der 4. Absatz: "Sie (eine zweite Lektüre) entdeckt, daß man die Parabel gegen den Strich des - absichtlich erzeugten - ersten Eindrucks lesen muß. Es ist die Parabel einer

'Täuschung' wie der Geistliche sie im Prozeß bestimmt. (P 255)" Die betreffende Passage aus dem Prozeß lautet: "'Täusche dich nicht', sagte der Geistliche. 'Worin sollte ich mich denn täuschen?' fragte K. 'In dem Gericht täuschst du dich', sagte der Geistliche, 'in den einleitenden Schriften zum Gesetz heißt es von dieser Täu- schung: (Es folgt die Geschichte)'." Kurz legt nun nahe, daß das, was im Roman als Geschichte von der Täuschung in dem Gericht angekündigt wird, auf die Geschichte selbst übertragbar wäre: 'Täuschung' wäre (auch) als Täuschung des Rezipienten - hier wohl der Interpreten, die die Geschichte falsch gelesen haben - durch die Geschichte aufzufassen. Der durch Anführungszeichen als Zitat gekennzeichnete Hinweis auf "eine Täuschung" unterliegt hier also fast unmerklich einer Verschiebung in die Richtung der interpretativen Absicht. Das Zitat beansprucht

]

Details, für seine Kunst [

]")

62

3. Theorie der Interpretation

einerseits, wie es auch in den Hinweisen auf die Tagebücher der Fall ist, Gültigkeit als Beleg, andererseits gleitet es in die Deutung über. Die Deutung geschieht mit- hilfe der Worte des Autors selbst, die, trotzdem sie als unabhängig vom Text des Deutenden gekennzeichnet sind, durch den deutenden Kontext in die Richtung der Auffassung des Interpreten gelenkt werden. Zitate haben in solchen Fällen für die Vermittlung eine doppelte Funktion: sie eIWecken den Eindruck, daß die deutenden Aussagen nahe am ursprünglichen Text bleiben, und die Textnähe eIWeckt ihrerseits den Eindruck des Bewiesenseins. In Kafka-Interpretationen wird diese Strategie recht häufig benutzt, vor allem auch als Mittel, um Bezüge zu anderen Werken Kafkas und zu den autobiographischen Schriften herzustellen. Ein anderes Phänomen, das sich am Deutungsfragment von Kurz illustrieren läßt, ist die Frage der Modalität. Auffällig ist in dieser Deutung der Ton der Ent- schiedenheit. Signale, die Möglichkeiten oder Wahrscheinlichkeiten Rechnung tragen oder Unsicherheit zum Ausdruck bringen, fehlen. Die Aussagen werden im kategori- schen Indikativ präsentiert; sie verleihen den Behauptungen den Status des Fakti- schen. Der Eindruck, daß kein Zweifel über die Wahrheit der Aussagen bestehen kann, wird noch dadurch verstärkt, daß Hilfsverben des Forderns eingesetzt werden;

lesen muß" in

so zum Beispiel in Zeile 16 "zu revidieren zwingen" und "man

Zeile 17. In dem Satz "Die Parabel von der Ablehnung des Menschen durch das Gesetz ist in Wahrheit eine Parabel vom Wehren des Menschen gegen das Gesetz," markiert die Adverbialbestimmung "in Wahrheit" den Anspruch einer definitiven, richtigen Deutung. Sie impliziert das Überbieten früherer Ansätze, die aus einer oberflächlicheren Lektüre hervorgegangen seien. Die Bestimmtheit der Äußerungen überträgt Kurz auch auf die Darstellung der Innenwelt der Charaktere: in Zeile 22 behauptet er mit Betonung durch Kursivschrift: "Der Mann vom Lande will das 'Hindernis'." In dieser Weise wird schon vorbereitet, was im letzten Teil der Deu- tung geschieht: darin präsentiert der Interpret nämlich mit großer Bestimmtheit Symbolübersetzungen der wichtigsten Elemente aus VdG durch unmittelbare Gleich- schaltung: [Das Zögern vor dem Gesetz, eben die 'Reise' ist: die Reise des Lebens."; "Der Eintritt in das 'Gesetz' ist gleichbedeutend mit dem Tod."; "Sein Sterben ist

3.3. Interpretation und "Fortschritt"

63

identisch mit dem Hervorbrechen des Glanzes." ; "Und dieses Gesetz ist die For- derung des Todes. 'J Der Autor wählt sowohl in der epistemischen, als auch in der deontischen Mo- dalität eine extreme Position. Die Darstellung läßt anderen Möglichkeiten keinen Raum, weicht jedem Zweifel an den eigenen Annahmen aus, zielt vielmehr darauf ab, Alternativen durch bloße Gegenüberstellung zur Seite zu schieben. Man soll in diesem Fall mitbedenken, daß die Voraussetzungen für die Deutungsarbeit in den ersten Kapiteln des Buches dargelegt wurden und daß der Aufbau der Deutung von der gegebenen Rahmentheorie und von den Leitgedanken aus konsequent und klar durchgeführt wird. Allerdings erregt es Befremdern, daß in einer Zeit, wo Annah- men der Polyvalenz und Mehrdeutigkeit in den Rahmenbedingungen vorherrschen, eine so starke Sicherheit durch die Aussagemodalität vermittelt wird. Zuletzt sei noch ein anderes rhetorisches Mittel erwähnt. In den Zeilen 15-17 fällt eine Personifikation auf: Aktor ist die "Lektüre", die als Stellvertreter für die Entdeckungsaktivität des Interpreten auftritt. Der Interpret stellt sein eigenes Ich hinter die Aktivität zurück und beansprucht dadurch eine allgemeine Gültigkeit. Mit dieser Beobachtung stoßen wir auf die Frage, wie "Aktanten" im interpretativen Diskurs figurieren. In Kap. 6.2. kommt diese Frage ausführlicher zur Sprache.

3.3. Interpretation und "Fortschritt"

Die Geschichte der Wissenschaft hat sich in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts zu einem eigenen Forschungsfeld entwickelt. Zum Durchbruch kommt sie in den sechziger Jahren mit den Arbeiten Poppers und Kuhns. In den siebziger Jahren entsteht eine wahre Flut von wissenschaftshistorischen und -philosophischen Schrif- ten. Leitmotive sind die Fragen, wie sich Wissenschaften entwickelt haben, wie re- volutionäre Einsichten zustande gekommen sind, ob und wie Entwicklungen als Fortschritt zu betrachten seien, und welche Ansprüche im Laufe der Zeit an das wissenschaftliche Handeln gestellt worden sind. Die historischen Betrachtungen ge- hen meist mit einer kritischen Besinnung auf Wissenschaftstheorien einher. Nicht

64

3. Theorie der Interpretation

zufällig entstehen in dieser Zeit auch die in 3.2. erwähnten kritischen Schriften zur Literaturwissenschaft. Besonders die traditionelle interpretative Praxis gerät unter Beschuß. Einige Kritiker versuchen nachzuweisen, daß Interpretieren als "Sinnge- bung" überhaupt keine Wissenschaft sein kann; andere wollen das Interpretieren strikteren Kriterien anpassen. In der leidenschaftlichen Debatte um den Status des Interpretierens, um die (Un)Möglichkeit der "Objektivität" und Validität, um die (Un)Möglichkeit der Verifikation, hat man aber meistens versäumt zu fragen, ob und wie denn Fortschritt und Kenntniszuwachs in der Geschichte der Interpretation stattgefunden haben. Kann man von beständiger Zunahme von Kenntnissen und Einsichten sprechen, von einer Vermehrung oder Vertiefung des Verstehens, oder handelt es sich vielmehr um Prozesse der Ablösung oder Verdrängung, um Modifi- kation, Erneuerung oder Pluralisierung? Und wie steht es dabei um die Einflüsse der Rahmentheorien? Was tragen sie bei, und was trägt umgekehrt die interpretati- ve Praxis zu den Rahmentheorien bei? Zuerst sei einmal theoretisch durchgespielt, worin Fortschritt oder - vorsichti- ger ausgedrückt - Veränderung bestehen könnte. Als Ausgangspunkt dient das In- terpretationsmodell, das in den vorigen Abschnitten aufgebaut wurde. Den Kern des Modells bilden die Prozesse der Bedeutungsermittlung und -vermittlung. Diese Prozesse überlappen in der Phase des Erklärens, in der Argumente und Nachweise für die gewählte Sinnkonstruktion vorgebracht werden. Die Phasen sind in Abbil- dung 1 noch einmal schematisch zusammengefaßt.

3.3. Interpretation

und

"Fortschritt"

65

 

Wahrnehmen

von Problemen/

 

R

Stellen von Fragen

 

A

Meta-

H

M

Entwurf einer Lösung durch

 

theore-

E

Auswahl von Bezugsrahmen

ERMITTLUNG

N

und Akte der Bezugnahme

tische

T

H

Anforde-

E

Erklären: Überprüfung,

 

0

Begründung,

Explizierung

rungen

R

der Bezugnahme

 

I

VERMITTLUNG

E

(N) Darlegung der Ermittlungs- vorgänge

Abbildung 1: Modell des Interpretierens

Das Schema ist nicht so gemeint, daß die Phasen zwangsläufig in der gegebenen Reihenfolge ablaufen, weder vertikal noch horizontal. Es handelt sich um ein wech- selseitig bedingtes Geflecht von Handlungsphasen und Bedingungen, welche die Handlungen beeinflussen. Mit metatheoretischen Anforderungen sind die übergrei- fenden Annahmen über Aufgaben und Verfahren des literaturwissenschaftlichen Interpretierens gemeint. Die Rahmentheorien bestimmen genauer die Auswahl von Problemen, Fragen und Bezugsfeldem. Wenn man zum Beispiel einen Text auf be- reits vorgegebene Grundmuster der psychischen Struktur bezieht, wie es in der psy- choanalytischen Literaturwissenschaft geschieht, oder wenn man sich auf die Rela- tionen sprachlicher Elemente innerhalb des Textes richtet, wie es in strukturalisti- schen Analysen üblich ist, so sind wichtige Vorentscheidungen für die Art der Fra- gen und Lösungswege getroffen. Betrachtet man nun dieses Modell auf die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung oder Veränderung hin, so ergibt eine systematische Abwandlung der Komponenten theoretisch eine Anzahl von Varianten. Das Modell nimmt einerseits auf übergrei- fende Voraussetzungen Rücksicht und enthält andererseits "Anwendungen" in den

66

3. Theorie der Interpretation

jeweiligen Interpretationsvorgängen. Veränderungen können sowohl die theoreti- schen Voraussetzungen betreffen als auch die Komponenten des direkten Interpre- tationsvorgangs. Zunächst soll verfolgt werden, welche Veränderungen in den inter- pretativen Aktivitäten möglich sind. Ausgangspunkt ist ein hypothetischer Fall:

Gegeben sei ein Verständnis problem (PI)' für das im Sinnentwurf eine Lösung LI (PI) erprobt und expliziert wird in einer Erklärung EI [LI (PI)]; diese schlägt sich in einer verbalisierten Form (T) nieder: TI {EI [LI (P I)])' ZU dieser Lage sind folgende Abwandlungen denkbar:

1. Auf der Lösungsebene werden Alternativen geboten; die Lösung kann widerlegt oder/und durch eine andere Lösung ~ (P 1) ersetzt werden . Wenn wir von vornherein auf die Möglichkeit der Mehrdeutigkeit und Ambivalenz mancher Texte oder Text- stellen Rücksicht nehmen, so ist das Verwerfen einer Lösung nicht immer notwendig, um zu einer alternativen Lösung zu gelangen. Es kann sich also um eine Hinzufügung einer zweiten oder dritten Lösung handeln, die die erste nicht unbedingt ausschließt, sondern sie vielmehr erg~nzt oder gerade durch das Aufzeigen mehrerer Möglichkeiten die Mehrdeutigkeit bloßlegt. Ein Beispiel aus den Legende-Interpretationen bietet das Problem, wie die Geschichte 'Vor dem Gesetz' auf den Prozeß-Roman zu beziehen sei (PI) ' Manche Interpreten versuchen, sie als eine Parallel-Geschichte zum Roman auf-

zufassen (LI)' die losef K. Aufschluß über seine eigene Situation geben soll. Die Er- kl~rungsversuche bestehen nun zum Beispiel darin, Parallelen auf der Ebene der dar- gestellten Situation oder in den Instanzen des "Gerichtes" und des "Gesetzes" zu zeigen. Es liegen aber auch Versuche vor, die die Geschichte mit dem direkten Kontext, mit der Einführung durch den Geistlichen, in Zusammenhang bringen (L 2 ). Darin kommt der Diskussion um die "T~uschung" eine zentrale Stellung zu. Manche Interpreten versuchen zum Beispiel nachzuweisen, daß die Geschichte der Form und dem Inhalt nach das Element des T~uschens zum Ausdruck bringe. Worin nun genau diese T~u­

sich gleichsam aus der BescMf-

schung besteht, tigung mit (P 1)

ist dann eine weitere Frage (P 2 ), die entwickelt.

2. Die ErkWrung von LI (PI) kann modifiziert werden. Es kann sich dabei um eine Er- weiterung, um eine Modifikation, aber auch um eine Widerlegung handeln: E 2 [LI

(P 1)]' Die Modifikation kann zum Beispiel durch die Anwendung einer anderen Argu- mentation oder durch das Heranziehen von neuem Material zustande kommen. So

haben viele Interpreten versucht , 'Vor dem Gesetz' einer

Gattung zuzuordnen. Mehrere Versuche liegen vor, sie als Parabel zu klassifizieren. Dafür werden unterschiedliche Argumente zusammengetragen, die sich manchmal er- g~nzen und verst~rken. Der eine Interpret weist auf Formmerkmale hin, ein anderer auf die Tatsache, daß die Legende aus den "Schriften" zitiert wird, und ein dritter auf die Funktion, die sie in der gegebenen Situation haben soll. Binder (1988) versucht

dann schließlich, die einzelnen Erkl~rungen zu widerlegen und zu zeigen, daß die Le- gende keine Parabel sei.

3. Kann nun die gleiche Lösung oder Erkl~rung durch eine andere sprachliche Darbietung in eine neue Interpretation verwandelt werden? Auch diese Möglichkeit soll durch ein Beispiel erörtert werden. Viele Interpreten bescMftigen sich mit der Frage, warum der Mann vom Lande zum Gesetz geht und dort verharrt. Unterschiedliche Motive werden

bestimmten literarischen

3.3. Interpretation und "Fortschritt"

67

vorgeschlagen. Kaiser (1958) nimmt an, der Mann suche den Sinn des Lebens, Emrich (1958) behauptet, der Mann strebe nach der eigenen Daseinsbestimmung. Beide Inter- preten gehen von demselben Problem aus und schlagen Lösungen vor, die als stark ähnlich erscheinen. Trotzdem sehen die präsentierten Lösungen anders aus und kann man nicht nachweisen, daß die Interpretationen in diesem Punkt identisch seien. Man hat gleichsam mit synonymen Deutungen zu tun. Die aporetische Diskussion, ob Form und Inhalt bei literarischen Werken zu trennen sind, kann man auch für die Interpre- tation führen. Wegen des Fehlens einer eindeutigen "Metasprache" ist eine Grenze zwischen verschiedenen Arten der Vermittlung schwer zu ziehen. Die Vermittlung ver- schiebt sich, auch wenn die Gedankenschritte gleich sind. Das erwähnte Beispiel bezieht sich jedoch auf zwei Sätze, die wir aus dem Kontext herausgelöst haben; es ist demnach nicht repräsentativ für vollständige Interpretationen, in denen Vertextungsstrategien auf mehreren Ebenen eine Rolle spielen. Es wird sich im Verlauf der Analyse unseres Materials zeigen, daß sich manchmal verschiedenartige Typen der Vermittlung heraus- bilden, doch sind diese zum Teil auf theoretische Voraussetzungen zurückzuführen und gehen mit Änderungen in den anderen Komponenten einher.

4. Abgesehen von den Weiterführungen des hypothetischen Falles PI liegt eine einschnei- dende Veränderung vor, wenn wir einen zweiten Fall postulieren, wobei ein anderes Problem wahrgenommen und eine neue Frage gestellt wird (P 2 ), sei es unter dem Einfluß einer anderen Rahmentheorie, als individueller Einfall, durch das Auftauchen von neuem Material oder als Konsequenz der Bearbeitung eines ersten Problems. An- schließend kann man die Möglichkeiten 1 bis 3 aufs neue durchlaufen, ähnlich wie bei einem dritten Fall undsoweiter.

Wenn wir jedoch davon ausgehen, daß die literarischen Texte als Geschriebenes

gleichsam unveränderbar vorliegen und sich Wandlungen nur in den Betrachtungs-

weisen und Rezeptionsaktivitäten vollziehen, so wird in mehreren Hinsichten an der

Dynamik im Literatursystem vorbeigegangen. Seit den Bemühungen der Struktura-

listen und, später, der Rezeptionsästhetiker ist man zur Einsicht gelangt, daß Hand-

lungen im literarischen System aufeinander einwirken: 22 Die Produktion von Lite-

ratur findet unter bestimmten Bedingungen statt, in Auseinandersetzung mit

gängigen Poetiken und Konventionen und unter dem Einfluß von Erwartungen der

Kritiker und des Lesepublikums. Die jeweils tonangebenden Ideen, Konventionen

und Rahmentheorien beeinflussen die Rezeption der Werke und können sich auch

von vornherein auf die Produktion auswirken, umgekehrt aber beeinflussen die

Werke die (Neu)Bildung und Umformung gegebener Normen und Rahmentheorien.

Die Erwartungen und das Bild von dem, was Literatur bieten soll und wie man sich

ihr gegenÜber zu verhalten habe, entwickeln sich nicht unabhängig von den Werken

selbst. Das Objekt der Literaturwissenschaft wandelt sich jedesmal in der neuen

Produktion. 23 Auch die Rahmenheorien und interpretativen Verfahren sind nicht

68

3. Theorie der Interpretation

unabhängig vom Gegenstand, wenn auch bestimmte analytische Beschreibungsver- fahren relativ allgemein anwendbar sind. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß sich Bezugsfeld und Textbedeutung manchmal gegenseitig konstituieren. Anzuneh- men ist also, daß nicht nur die Veränderungen in den Bedingungen sich auf die Bedeutungskonstituierung auswirken, sondern umgekehrt auch die (neuen) Werke zu Veränderungen in den Theorien und Verfahren beitragen können. Eine Frage dabei wäre, wie lange Werke eine solche Wirkung haben können, und ob Werke, die bereits historisch geworden sind, noch Erneuerungen in den Rahmentheorien (mit)veranlassen können. Gerade bei Kafka kommt dieser Gedanke auf, weil so mancher theoretische Erneuerungsversuch gerade an seinem Werk erprobt oder il- lustriert wird. Ein Grund dafür kann sein, daß das Werk so zahlreiche Möglichkei- ten in sich birgt, daß, gleichgültig von welcher Perspektive aus, immer wieder neue Ergebnisse erzielt werden. Ein anderer Grund, der den ersten nicht ausschließt, könnte aber sein, daß das Werk allmählich, in Wechselwirkung mit den sich ver- ändernden Bedingungen, andere Arten des Lesens selbst (mit)ausgelöst hat. Kapitel 7.2. greift diese Frage wieder auf. Das, was hier als theoretischer Fall vorgestellt wird, findet sich im vorliegenden Material also nur selten in voller Klarheit. Obwohl in den nächsten Kapiteln ver- sucht wird, dem hier dargestellten "Entwicklungsmodell" bei der Analyse des Mate- rials zu folgen, ist es angebracht, bereits hier auf einige Komplikationen und Ein- schränkungen hinzuweisen. Erstens: Der theoretische Fall setzt eine Verkettung von Ausgangssituation und nachfolgenden Abwandlungen voraus. Das impliziert, daß ein zweiter Interpret das, was vorausgegangen ist, zur Kenntnis nimmt, sich damit auseinandersetzt und auf dieser Grundlage weiterbaut. Den Ergebnissen unserer Untersuchung etwas vor- greifend, muß jedoch festgestellt werden, daß dies eher die Ausnahme als die Regel ist. Es herrscht im Gebiet der literaturwissenschaftlichen Interpretation eine große Freiheit, das, was bereits vorliegt, zu ignorieren und sich einen Text oder Autor anzueignen, als wäre man der erste Entdecker. Obwohl die Geschichte der Inter- pretation bestimmt auch Fälle von disziplinierter Auseinandersetzung mit früheren Forschungsergebnissen kennt, sind genaue Anschlüsse oder sorgfältige Polemiken

3.3. Interpretation und "Fortschritt"

69

im vorliegenden Material relativ selten. Das nächste Kapitel liefert dafür quanti- tative Nachweise. Wenn also eine Abwandlung von Problemen, Lösungen und Er- klärungen stattfindet, so muß dies nicht unbedingt aus dem systematischen Auf- greifen vergangener Forschung hervorgehen. Zweitens: Einer der Kritikpunkte der interpretationskritischen Arbeiten aus den siebziger Jahren war, daß Interpreten nur selten ihre Voraussetzungen und Annah- men explizit beschreiben. Nur wenige Interpreten gehen so vor, daß sie die Pro- bleme deutlich formulieren, die Deutungsstrategien beschreiben, und die Lösungen unter Rückgriff auf die ursprünglichen Fragen präsentieren. In den meisten Fällen handelt es sich nicht um einzelne Probleme, sondern um einen Komplex von Fragen und Problemen. Außerdem sind viele Einzeldeutungen in anderen Diskursen einge- bettet, zum Beispiel in Betrachtungen zum Gesamtwerk des Autors. Es ist also manchmal ausgesprochen schwierig, die zentralen Probleme, Fragen, Lösungen und Erklärungen herauszuarbeiten und die Ergebnisse eindeutig wiederzugeben. Drittens: Der Ausdruck "Fortschritt" muß mit Umsicht benutzt werden. Er sug- geriert eine progressive Entwicklung. Nicht sicher ist aber, inwieweit die Verände- rungen, die sich in den Deutungsschritten vollziehen, ein "Mehr" oder "Besser" be- inhalten. Wo harte Verifikation, radikale Ablösung der Deutungstraditionen - we- nigstens in der Praxis - und Sicherstellung der Ergebnisse nur beschränkt möglich sind, wo die Absichten der Ermittlung und Vermittlung miteinander verklammert sind, muß wohl eher mit Verschiebungen und Vervielfältigung oder Konkurrenz der Möglichkeiten gerechnet werden. Auch darin mag man aber vorsichtig einen Er- kenntnisfortschri tt sehen.

4.

Kontinuität im interpretativen Diskurs: Referenzstrukturen und Zitate

Das in 3.3. eingeführte Entwicklungsmodell geht von Veränderungen in den ver- schiedenen Komponenten der Interpretationshandlungen aus. Für eine wissenschaft- liche Disziplin wäre anzunehmen, daß Ergebnisse, die bereits vorliegen, angeeignet oder zumindest zur Kenntnis genommen werden. Man erwartet, daß in kritischer Auseinandersetzung mit dem Alten Alternativen, Erweiterungen oder Modifikatio- nen entwickelt werden oder, daß neue Errungenschaften in bezug zum bisherigen Stand des Erkenntnis präsentiert werden. Man würde zumindest erwarten, daß in diszipliniert vorgehender Forschung gezeigt wird, was der eigene Beitrag leistet im Vergleich zu dem, was bereits vorliegt. Indizien für die Rezeption von und die Auseinandersetzung mit dem bereits Vorhandenen sind Literaturhinweise und Zi- tate. In diesem Kapitel wird versucht, rein formal und noch ohne Rücksicht auf die Inhalte, die globalen Rezeptionsmuster anhand der Literaturhinweise in den Interpretationen herauszufinden. Zunächst sei einmal skizziert, wie solche Struk- turen aussehen könnten. Im Idealfall kann man sich vorstellen, daß ein Forscher alle Literatur, die zu seinem Thema zur Verfügung steht, zur Kenntnis nimmt und in seiner Arbeit an- wendet, bewertet oder zumindest erwähnt. Zwei extreme Modelle wären hier denk- bar: entweder werden alle Vorgänger genannt (Abbildung 2), oder - falls die Tradition so aussieht, daß das jeweils Neueste alles Vorangegangene bereits mit- enthält - es wird nur der unmittelbare Vorgänger zitiert (Abbildung 3). Im ersten Fall ist die extreme Vollständigkeit erreicht, im zweiten Fall die extreme Aktualität, aber unter der Bedingung, daß jede frühere Publikation so zuverlässig ist, daß in ihr die früheren Ergebnisse mit enthalten sind.

4. Kontinuität im interpretativen Diskurs: Referenzstrukturen und Zitate

71

Es wird zitiert

Es zitiert

e

d

e

b

Publik.

e

d

e

b

a

a

*

*

Abbildung 2:

Idealfall "Vollständigkeit". Pub!. a ist frUher

als b, bist

frUher als e, ete.

Es wird zitiert

Es zitiert

e

d

e

b

a

Publik.

e

d

e

b

*

a

Abbildung 3:

Idealfall "Aktualität"

 

In Wirklichkeit sind diese Idealstrukturen eine Ausnahme. Das Maß, in dem sie eingehalten werden, wird unter anderem von der Eigenart der Disziplinen und The- men abhängen. In einer Disziplin wie der Medizin wird wohl die Aktualität der Forschung eine entscheidende Rolle spielen. Dagegen hat man in den Geisteswissen- schaften oft mit dem Phänomen der Standardwerke zu tun, die jeweils erneut als Ausgangspunkt oder Stütze dienen und die, wenn sie einmal den betreffenden Status erlangt haben, auch eine Art Zitierpflicht auferlegen. Die Ursachen der Kanonisierung können hier nicht ausgearbeitet werden; das würde eine eigene Untersuchung erfordern. Sie mögen im Aspektreichtum solcher Werke liegen, in ihrer Qualität, ihrem Informationsgehalt oder auch in der Art und

72

4. Kontinuit1!t im interpretativen Diskurs: Referenzstrukturen und Zitate

Weise, wie sie ihre Inhalte strukturieren und in Worte fassen. Aber Werke werden nicht nur zitiert, weil sie Wissen darbieten, das die Grundlage für neue Kenntnisse oder Einsichten bildet, sondern auch aus völlig anderen Gründen, zum Beispiel weil man zeigen möchte, daß man sie kennt, weil sie leicht zugänglich oder in bekannten Medien veröffentlicht sind, weil sei eben immer zitiert werden. Dies ist in den Gei- steswissenschaften unter anderem deshalb möglich, weil Erfolge der Anwendung hier weniger als Prüfstein dienen können als in den Naturwissenschaften. Unter anderem dadurch veralten geisteswissenschaftliche Errungenschaften weniger schnell und sichtbar. Ein anderes Phänomen ist die Bildung kleinerer Zitiergemeinschaften. Gruppen von Wissenschaftlern schließen sich manchmal zusammen, um ihre theoretischen Standpunkte oder methodologischen Positionen abzusichern. Sie weisen aufeinander hin zur gegenseitigen Unterstützung und zur Abgrenzung von anderen. Nicht selten beherrschen sie auch bestimmte Veröffentlichungsmedien. Hierin werden die ver- schiedenen Wissenschaften sich wohl weniger stark unterscheiden. Schließlich ist das Übernehmen oder Neuerfinden von Ideen ohne Referenzen schwer kontrollierbar, weil im Gegensatz zu den naturwissenschaftlichen Disziplinen in den Geisteswissenschaften mit neuen Formulierungen sich meist auch die Inhalte verschieben. Wie in Kapitel 3.2. dargelegt wurde, lassen sich wohl kaum zwei litera- rische Interpretationen als identisch nachweisen, wenn auch die Deutungsschritte im wesentlichen dieselben sein mögen. Solche Phänomene stören natürlich die idealisierten Referenzmodelle, ganz da- von abgesehen, daß der Erwerb von bereits vorhandenem Wissen in manchen Dis- ziplinen nicht immer mit vorbildlicher Strenge durchgehalten wird. Doch lassen sich die beiden Idealmodelle in einer abgeschwächten Form zu einer mehr oder weniger realistischen Erwartung kombinieren. Man könnte zum Beispiel den Maß- stab anlegen, daß eine gewisse Aktualität und eine gewisse Quantität in den Referenzen erforderlich sind. Man würde dabei vermuten, daß mit dem Fort- schreiten der Zeit der Schwerpunkt der Zitate sich jeweils in die Richtung der Aktualität verlegt. 1 Eine solche "realistische" Erwartung könnte zum Beispiel aussehen wie in Abbildung 4.

4. Kontinuität im interpretativen Diskurs: Referenzstrukturen und Zitate

73

Es wird zitiert

Es zitiert

e

d

c

b

a

Publik.

e

d

c

*

b

*

a

Abbildung 4: "Realistische" Erwartung

Vorausgesetzt ist hier das willkürliche Kriterium, daß bei einer geringen Anzahl Veröffentlichungen etwa 50% erwähnt werden. Plausibel wäre jedoch eine Senkung der Anzahl der Referenzen bei einer Zunahme der Veröffentlichungen, weil eine solche Zunahme immer mehr Arbeit und Raum zur Besprechung erfordern würde. Wie verhalten sich nun im vorliegenden Korpus die Aktualität, das Streben nach Vollständigkeit, und die Bildung und Überlieferung von Standardwerken? Die Refe- renzmatrix ist in Abbildung 5 wiedergegeben. In Abbildung 6 sind die Zitierfre- quenzen noch einmal in einem Diagramm wiedergegeben. Bei der Aufstellung wur- den die folgenden Einschränkungen vorgenommen. Nur diejenigen Verweise wurden mitgezählt, die unmittelbar mit der Legende zusammenhängen. Das galt sowohl für den Zitierenden als den Zitierten. Das Kri- terium wurde strikt eingehalten und das hatte zur Folge, daß diejenigen Referenzen ausgelassen wurden, die inhaltlich nicht direkt mit der Interpretation zu tun haben, auch wenn sie Werke betreffen, die im Korpus vorhanden sind. So wird zum Bei- spiel Steinmetz (1977) von Verbeeck (1981) genannt, jedoch im Zusammenhang mit allgemeinen Überlegungen zum Interpretieren von Kafkas Werk. In der Behandlung der Legende weist Verbeeck nicht spezifisch auf die Interpretation der Legende hin und daher wurde die Referenz nicht in die Matrix aufgenommen. Ebenfalls nicht

74

4. Kontinuität im interpretativen Diskurs: Referenzstrukturen und Zitate

ES WIRD

 

ZITIERT

ES

ZITIERT

eilati

1990

Voigts

89/90

Duhamcl

89

Binder 2

88

Eschwciler

88

Nägele

87

Udoff

87

Dcrrida

X5

"hrHham

R1

Hiehe!

K3

Pascal

82

Detsch

81

Vcrbccck

81

Zimmermann 2

81

Kurz

80

Elm

79

Sokel3

78

Hart Nibbrig

77

Ries

77

Steinmetz

77

Turk

77

Binder I

76

Gaicr

74

Rostcutseher

74

Ramm

71

Kobs

70

Born

70

Diller

70

Purdy

68

Flach

67

Foulkes

67

Sokel2

67

Sokcl I

64

Deinert

64

Allcmallll

63

Henel

63

Weinberg

63

Polit7.cr

62

Emrich

58

Kaiser

58

Zimmermann

53

Buber

51

ÜN~

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(xl
x
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x
x
-
x

Abbildung 5 Matrix der Nennungen

4. Kontinuität im interpretativen Diskurs: Referenzstrukturen und Zitate

75

Anzahl der

o

-

Nennungen

Citati

1990

Voigts

90

Duhamel

89

Binder 2

88

Eschweiler

88

Nägele

87

Udoff

87

Derrida

85

Abraham

83

Hiebel

83

Pascal

82

Detsch

81

Verbeeck

81

Zimmermann 2 81

"- ---- --- "- "-

2

3

4

5

6

7

Kurz

80

Elm

79

Sokel3

78

Hart Nibbrig

77

Ries

77

Steinmetz

77

Turk

77

Binder 1

76

Gaier

74

Rosteutscher

74

Ramm

71

Kobs

70

Born

70

Diller

70

Purdy

68

Flach

67

Foulkes

67 --

Sokel2

67

Sokell

64

Deinert

64

Allemann

63

Henel

63

Weinberg

63

Politzer

62

Emrich

58

Kaiser

58

Zimmermann

53

Buber

51

8

9

10

- --