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Niklas Luhmann Die Gesellschaft der Gesellschaft

suhrkamp taschenbuch Wissenschaft

suhrkamp taschenbuch Wissenschaft 1360

M i t souveräner Konsequenz und Umsich t hat Nikla s Luhmann in den

letzten drei Jahrzehnten an einer Theorie der Gesellschaft gearbeitet, die er nu n mit Die Gesellschaft der Gesellschaft vorlegt . Seit den Klassikern, also seit etwa 10 0 Jahren, hat die Soziologie in der Gesellschaftstheorie keine nennenswerten Fortschritte gemacht. In der Nachfolg e des Ideologiestreits des 19 . Jahrhunderts, den man eigentlich vermeiden wollte , wurd e die Paradoxie de r Kommunikatio n über Ge - sellschaft in der Gesellschaft aufgelöst mit Formeln wie strukturali- stisch/prozessualistisch, Herrschaft/Konflikt, affirmativ/kritisch, kon- servativ/progressiv. Sicherlich hat die Soziologie in vielen Bereichen sowoh l methodisch als auch theoretisch un d vo r allem in Hinblick auf die Ansammlun g empirischen Wissens viel geleistet - aber die Beschrei- bung der Gesamtgesellschaft hat sie gleichsam ausgespart. Nikla s Luhman n hat u.a . veröffentlicht: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, 198 4 un d 198 7 (st w 666) ; Die Wirtschaft der Gesellschaft, 198 8 un d 199 4 (st w 1152) ; Die Wissenschaft der Ge-

sellschaft, 199 0 un d 199 2 (st w 1001) ; Das Recht der Gesellschaft, 199 3

un d 199 5 (st w 1183) ; Die Kunst der Gesellschaft, 199 5 und 199 7 (stw 1303) .

Niklas Luhmann Die Gesellschaft der Gesellschaft

Suhrkamp

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei Der Deutschen Bibliothek erhältlich.

suhrkamp taschenbuch Wissenschaft 136 0 Erste Auflage 1998 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1997 Suhrkamp Taschenbuch Verlag Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden Printed in Germany Umschlag nach Entwürfen von Willy Fleckhaus und Rolf Staudt

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04

03

02

01

Kapitel

1 - 3

Inhalt

ERSTER TEILBAND Vorwort 11 Kapitel i: Gesellschaft als soziales System I. Die Gesellschaftstheorie der Soziologie
ERSTER
TEILBAND
Vorwort
11
Kapitel i: Gesellschaft als soziales System
I. Die Gesellschaftstheorie der Soziologie
16
II. Methodologische Vorbemerkung
36
III. Sinn
44
IV. Die Unterscheidung von System und Umwelt
60
V. Gesellschaft als umfassendes Sozialsystem
78
V
I .
Operative Schließung und strukturelle
Kopplungen
92
VII.
Kognition
120
VIII.
Ökologische Probleme
128
IX.
Komplexität
134
X.
Weltgesellschaft
145
XL
Ansprüche an Rationalität
171
Kapitel
2: Kommunikationsmedien
I.
Medium und Form
190
II
.
Verbreitungsmedien und Erfolgsmedien
202
III. Sprache
205
IV. Geheimnisse der Religion und die Moral
230
V. Schrift
249
V
I .
Buchdruck
.
291
VII.
Elektronische Medien
.
302
VIII.
312
IX .
Verbreitungsmedien: Zusammenfassung
Symbolisch generalisierte Kommunikations-
medien I: Funktion
316
X.
Symbolisch generalisierte Kommunikations-
medien II: Differenzierung
332
X
I .
Symbolisch generalisierte Kommunikations-
medien III: Strukturen
359
XII . Symbolisch generalisierte Kommunikations- medien IV: Selbstvalidierung 393 XIII. Moralische Kommunikation 396
XII
.
Symbolisch generalisierte Kommunikations-
medien IV: Selbstvalidierung
393
XIII. Moralische Kommunikation
396
XIV. Auswirkungen auf die Evolution des
Gesellschaftssystems
405
Kapitel 3: Evolution
I. Schöpfung, Planung, Evolution
413
II. Systemtheoretische Grundlagen
431
III. Neo-darwinistische Theorie der Evolution
4 j 1
IV. Variation der Elemente
456
V. Selektion durch Medien
473
V
I .
Restabilisierung der Systeme
485
VII. Die Differenzierung von Variation, Selektion
und Restabilisierung
498
VIII. Evolutionäre Errungenschaften
505
IX. Technik
517
X. Ideenevolutionen
536
X
I .
Teilsystemevolutionen
557
XII
.
Evolution und Geschichte
569
XIII.
Gedächtnis
576
ZWEITER TEILBAND
Kapitel 4:
Differenzierung
I. Systemdifferenzierung
.
595
II. Formen der Systemdifferenzierung
609
III. Inklusion und Exklusion
618
IV. Segmentäre Gesellschaften
634
V. Zentrum und Peripherie
663
V
I .
Stratifizierte Gesellschaften
678
VII. Ausdifferenzierung von Funktionssystemen
.
.
.
707
VIII. Funktional differenzierte Gesellschaft
743
IX. Autonomie und strukturelle Kopplung
776
X.
Irritationen und Werte
789
X
I .
Gesellschaftliche Folgen
801

XII .

Globalisierun g un d Regionalisierun g

XII . Globalisierun g un d Regionalisierun g 806
XII . Globalisierun g un d Regionalisierun g 806
XII . Globalisierun g un d Regionalisierun g 806
XII . Globalisierun g un d Regionalisierun g 806

806

XIII

.

Interaktion und Gesellschaft

XIII . Interaktion und Gesellschaft 813
XIII . Interaktion und Gesellschaft 813
XIII . Interaktion und Gesellschaft 813
XIII . Interaktion und Gesellschaft 813
XIII . Interaktion und Gesellschaft 813
XIII . Interaktion und Gesellschaft 813
XIII . Interaktion und Gesellschaft 813
XIII . Interaktion und Gesellschaft 813
XIII . Interaktion und Gesellschaft 813

813

XIV.

Organisation und Gesellschaft

 
XIV. Organisation und Gesellschaft   826
XIV. Organisation und Gesellschaft   826
XIV. Organisation und Gesellschaft   826
XIV. Organisation und Gesellschaft   826
XIV. Organisation und Gesellschaft   826
XIV. Organisation und Gesellschaft   826
XIV. Organisation und Gesellschaft   826
XIV. Organisation und Gesellschaft   826

826

XV.

Protestbewegungen

Protestbewegungen
 
XV. Protestbewegungen   847
XV. Protestbewegungen   847
XV. Protestbewegungen   847
XV. Protestbewegungen   847
XV. Protestbewegungen   847
XV. Protestbewegungen   847
XV. Protestbewegungen   847
XV. Protestbewegungen   847
XV. Protestbewegungen   847
XV. Protestbewegungen   847
XV. Protestbewegungen   847
XV. Protestbewegungen   847
XV. Protestbewegungen   847

847

Kapitel

5:

Selbstbeschreibungen

 

I.

Di e Erreichbarkeit der Gesellschaft

I. Di e Erreichbarkeit der Gesellschaft 866
I. Di e Erreichbarkeit der Gesellschaft 866
I. Di e Erreichbarkeit der Gesellschaft 866
I. Di e Erreichbarkeit der Gesellschaft 866
I. Di e Erreichbarkeit der Gesellschaft 866

866

II.

Weder Subjekt noch Objekt

II. Weder Subjekt noch Objekt 868
II. Weder Subjekt noch Objekt 868
II. Weder Subjekt noch Objekt 868
II. Weder Subjekt noch Objekt 868
II. Weder Subjekt noch Objekt 868
II. Weder Subjekt noch Objekt 868
II. Weder Subjekt noch Objekt 868
II. Weder Subjekt noch Objekt 868
II. Weder Subjekt noch Objekt 868

868

III

.

Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung

 

879

IV. Die Semantik Alteuropas I: Ontologie

 
IV. Die Semantik Alteuropas I: Ontologie   893
IV. Die Semantik Alteuropas I: Ontologie   893
IV. Die Semantik Alteuropas I: Ontologie   893

893

V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile

V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
 
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile   912
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile   912
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile   912
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile   912

912

V

I .

Die Semantik Alteuropas III: Politik und Ethik 931

VII .

Die Semantik Alteuropas IV: Die Schultradition 950

VIII.

Die Semantik Alteuropas V: Von Barbarei zu

IX .

Selbstkritik

Di e Reflexionstheorien der Funktionssysteme . 958

954
954
X. Gegensätze in der Medien-Semantik 984 X I . Natur und Semantik 989 XII .
X.
Gegensätze in der Medien-Semantik
984
X
I .
Natur und Semantik
989
XII .
Temporalisierungen
Die Flucht ins Subjekt
XIV. Die Universalisierung der Moral
XV. Die Unterscheidung von »Nationen«
Klassengesellschaft
Die Paradoxic der Identität und ihre Entfaltung
durch Unterscheidungen
Modernisierung
997
XIII
.
ioié
1036
1045
XVI
.
105
j
XVII .
1061
XVIII.
1082
XIX
.
Information und Risiko als Beschreibungs-
formeln
1088
X
X .
XXI
XXII .
XXIII .
Die Massenmedien und ihre Selektion von
Selbstbeschreibungen
Invisibilisierungen: Der »unmarked State« des
Beobachters und seine Verschiebungen
Reflektierte Autologie: Die soziologische Be-
schreibung der Gesellschaft in der Gesellschaft
Die sogenannte Postmoderne
1096
.
1109
1128
114
}
Register
115 1

Id quod per aliud non potest concipi, per se concipi debet.

Spinoza, Ethica I, Axiomata II.

Vorwort

Bei meiner Aufnahme in die 1969 gegründete Fakultät für So- ziologie der Universität Bielefeld fand ich mich konfrontiert mit der Aufforderung, Forschungsprojekte zu benennen, an denen ich arbeite. Mein Projekt lautete damals und seitdem: Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine. Die Schwie- rigkeiten des Projekts waren, was die Laufzeit angeht, realistisch eingeschätzt worden. Die Literaturlage in der Soziologie bot da- mals wenig Anhaltspunkte dafür, ein solches Projekt überhaupt für möglich zu halten. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Am- bition einer Theorie der Gesellschaft durch neomarxistische Vorgaben blockiert war. Der kurz darauf veröffentlichte Band einer Diskussion mit Jürgen Habermas trug den Titel: »Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie: Was leistet die System- forschung?«. Die Ironie dieses Titels lag darin, daß keiner der Autoren sich für Sozialtechnologie stark machen wollte, aber Meinungsverschiedenheiten darüber bestanden, wie eine Theo- rie der Gesellschaft auszusehen habe; und es hat symptomati- sche Bedeutung, daß der Platz einer Theorie der Gesellschaft in der öffentlichen Wahrnehmung zunächst nicht durch eine Theo- rie, sondern durch eine Kontroverse eingenommen wurde. Für die Theorie der Gesellschaft war von Anfang an an eine Pu- blikation gedacht gewesen, die aus drei Teilen bestehen sollte:

einem systemtheoretischen Einleitungskapitel, einer Darstel- lung des Gesellschaftssystems und einem dritten Teil mit einer Darstellung der wichtigsten Funktionssysteme der Gesellschaft. Bei diesem Grundkonzept ist es geblieben, aber die Vorstellun- gen über den Umfang mußten mehrfach korrigiert werden. Im Jahre 1984 konnte ich das '»Einleitungskapitel« in der Form eines Buches unter dem Titel »Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie« publizieren. Im Kern ging es darum, das Konzept der selbstreferentiellen Operationsweise auf die Theo- rie sozialer Systeme zu übertragen. Daran hat sich nichts We- sentliches geändert, obwohl die Fortschritte im Bereich der all- gemeinen Systemtheorie und des erkenntnistheoretischen Konstruktivismus immer wieder Möglichkeiten zu weiteren

Ausarbeitungen boten. Einige Beiträge dazu sind in Aufsatz-

sammlungen unter dem Titel »Soziologische Aufklärung« publi- ziert. Anderes ist nur in Manuskriptform vorhanden oder in den Teil i der folgenden Publikation eingegangen. Seit den frühen 8oer Jahren wurde zunehmend klar, welche Be-

Funktionssysteme für die Ge -

deutung die

sellschaftstheorie hat. Dies war bereits ein Grundgedanke der Theoriekonstruktion von Talcott Parsons gewesen. Das theore- tische Gewicht von Vergleichbarkeit nimmt noch zu, wenn man konzedieren muß, daß es nicht gelingen kann, die Gesellschaft aus einem Prinzip oder einer Grundnorm zu deduzieren - sei es in alter Weise Gerechtigkeit, sei es Solidarität, sei es vernünftiger Konsens. Denn auch diejenigen, die solche Prinzipien nicht an- erkennen oder gegen sie verstoßen, tragen ja zu gesellschaftli- chen Operationen bei, und die Gesellschaft selbst muß dieser Möglichkeit Rechnung tragen. Andererseits kann es kein Zufall sein, wenn sich zeigen läßt, daß sehr heterogene Funktionsbe- reiche wie Wissenschaft und Recht, Wirtschaft und Politik, Mas- senmedien und Intimbeziehungen vergleichbare Strukturen aus- weisen - allein deshalb schon, weil ihre Ausdifferenzierung Systembildung erfordert. Aber läßt es sich zeigen? Parsons hatte dies über die Analytik des Begriffs der Handlung zu garantieren versucht. Wenn die Ausarbeitung dieses Gedankens nicht überzeugt, bleibt nur die Möglichkeit, Theorien für die einzel- nen Funktionssysteme auszuarbeiten und dabei auszuprobieren, ob man bei aller Verschiedenheit der Sachbereiche mit demsel- ben begrifflichen Apparat arbeiten kann wie zum Beispiel: Au - topoiesis und operative Schließung, Beobachtung erster und zweiter Ordnung, Selbstbeschreibung, Medium und Form, Co - dierung und, orthogonal dazu, die Unterscheidung von Selbst- referenz und Fremdreferenz als interne Struktur. Diese Überlegung hat dazu geführt, daß die Ausarbeitung von Theorien für die einzelnen Funktionssysteme vorgezogen wurde. Publiziert sind inzwischen: Die Wirtschaft der Gesell- schaft (1988), Die Wissenschaft der Gesellschaft (1990), Das Recht der Gesellschaft (1993) und Die Kunst der Gesellschaft (199$). Weitere Texte dieser Art sollen folgen. Inzwischen waren aber auch die Arbeiten an der Theorie des Gesellschaftssystems fortgeschritten. Konyolute von mehreren tausend Manuskript-

Vergleichbarkeit der

Seite n waren , zum Teil als Begleittexte für Vorlesungen, entstan- den, ohne eine publizierbare Form zu gewinnen. Dann wurde meine damalige Sekretärin pensioniert und die Wiederbesetzung ihrer Stelle für viele Monate gesperrt. In dieser Situation bot mir die Universität in Lecce eine Arbeitsmöglichkeit. Ich floh also mit dem Projekt und mit den Manuskripten nach Italien. Dort entstand eine Kurzfassung der Gesellschaftstheorie, die, ins Ita- lienische übersetzt, mehrfach durchgearbeitet und auf italieni- schen Universitätsgebrauch abgestimmt, inzwischen publiziert ist (Niklas Luhmann / Raffaele De Giorgi, Teoria della società, Milano 1992). Das damals entstandene Manuskript hat dann die Grundlage gebildet für die Vorbereitung einer umfangreicheren deutschen Ausgabe, die ich, wiederum mit einem Sekretariat versorgt, in Bielefeld vorantreiben konnte. Der hier publizierte Text ist das Resultat dieser wechselvollen Geschichte. Die ihm zugrundeliegende Systemreferenz ist das Gesellschafts- system selbst - im Unterschied zu allen sozialen Systemen, die sich in der Gesellschaft im Vollzug gesellschaftlicher Operatio- nen bilden; im Unterschied also zu den gesellschaftlichen Funk- tionssystemen, aber auch zu Interaktionssystemen, Organisa- tionssystemen oder sozialen Bewegungen, die allesamt voraus- setzen, daß sich ein Gesellschaftssystem bereits konstituiert hat. Die Leitfrage ist deshalb, welche Operation dieses System pro- duziert und reproduziert, wenn immer sie vorkommt. Die Ant- wort wird in Kapitel 2 ausgearbeitet und lautet: Kommunika- tion. Das Verhältnis ist zirkulär zu denken: Gesellschaft ist nicht ohne Kommunikation zu denken, aber auch Kommunikation nicht ohne Gesellschaft. Fragen der Entstehung und der Mor- phogenese können deshalb nicht von einer Ursprungshypothese aus beantwortet werden und werden durch die These einer ge- nuin sozialen Natur »des Menschen« mehr verdeckt als gelöst. Sie werden im 3. Kapitel einer darauf eingestellten Evolutions- theorie überantwortet.

Die These einer Selbstproduktion durch Kommunikation po- stuliert klare Grenzen zwischen System und Umwelt. Die Re- produktion von Kommunikationen aus Kommunikationen fin- det in der Gesellschaft statt. Alle weiteren physikalischen, chemischen, organischen, neurophysiologischen und mentalen Bedingungen sind Umweltbedingungen. Sie können durch die

Gesellschaft in den Grenzen ihrer eigenen Operationsfähigkeit ausgewechselt werden. Kein Mensch ist gesellschaftlich unent- behrlich. Aber damit ist natürlich nicht behauptet, daß Kommu- nikation ohne Bewußtsein, ohne durchblutete Gehirne, ohne Leben, ohne gemäßigtes Klima möglich wäre. Alle Systembildungen in der Gesellschaft sind wiederum auf Kommunikation angewiesen, sonst würde man nicht sagen kön- nen, daß sie in der Gesellschaft stattfinden. Das besagt zugleich, daß die gesellschaftsinternen Systembildungen nicht an Eintei- lungen der Umwelt anschließen können. Das gilt schon für seg- mentäre Differenzierung und erst recht, über alle Zwischenstu- fen hinweg, für funktionale Differenzierung. In der Umwelt des Gesellschaftssystems gibt es keine Familien, keinen Adel, keine Politik, keine Wirtschaft. Das 4. Kapitel, das von Differenzie- rung handelt, trägt diesem Fehlen von Außenhalten Rechnung und klärt, daß die interne Differenzierung zugleich der Ausdif- ferenzierung des Gesellschaftssystems dient. In den Begriff der Kommunikation ist die Annahme eines refle- xiven Selbstbezugs eingebaut. Die Kommunikation kommuni- ziert immer auch, daß sie kommuniziert. Sie mag sich retro- spektiv korrigieren oder bestreiten, daß sie gemeint hatte, was sie zu meinen schien. Sie läßt sich in einer Spannweite von glaubwürdig bis unglaubwürdig durch Kommunikation inter- pretieren. Aber sie führt immer ein, und sei es kurzfristiges, Ge - dächtnis mit, das es praktisch ausschließt, zu behaupten, sie habe gar nicht stattgefunden. Retrospektiv entstehen dann Normen und Entschuldigungen, Anforderungen an Takt und an kontra- faktisches Ignorieren, mit denen die Kommunikation über gele- gentliche Störungen hinweg sich selbst entgiftet. Dies dürfte der Grund dafür sein, daß es anscheinend keine Ge - sellschaft gibt, die nicht Vorsorge dafür trifft, daß die Kommu- nikation sich auch thematisch auf das Gesellschaftssystem als Rahmenbedingung ihrer eigenen Möglichkeit, als stets mitge- meinte Einheit des Zusammenhangs der Kommunikationen be- zieht. Daraus hat man oft, Parsons zum Beispiel, auf die Not- wendigkeit eines Grundkonsenses, auf shared values oder auf unthematische »lebensweltliche« Übereinstimmungen geschlos- sen. Uns genügt das abgemagerte Konzept der Selbstbeschrei- bung, das auch den Fall noch einschließt, daß grundlegender

Dissens besteht und darüber kommuniziert wird. Die Theorie der Selbstbeschreibung und ihrer historischen Variationen wird in Kapitel 5 vorgestellt. Mit dem Konzept des sich selbst beschreibenden, seine eigenen Beschreibungen enthaltenden Systems geraten wir auf ein lo- gisch intraktables Terrain. Eine Gesellschaft, die sich selbst be- schreibt, tut dies intern, aber so, als ob es von außen wäre. Sie beobachtet sich selbst als einen Gegenstand ihrer eigenen Erkenntnis, kann aber im Vollzug der Operationen die Beob- achtung selbst nicht in den Gegenstand einfließen lassen, weil dies den Gegenstand ändern und eine weitere Beobachtung er- fordern würde. Sie muß offen lassen, ob sie sich von innen oder von außen beobachtet. Wenn sie auch das noch mitzusagen ver- sucht, legt sie sich auf eine paradoxe Identität fest. Der Ausweg, den die Soziologie dafür gefunden hat, wird als »Kritik« der Ge- sellschaft stilisiert. Faktisch läuft das auf eine ständige Wieder- beschreibung von Beschreibungen, auf ein ständiges Einführen neuer oder Wiederbenutzen alter Metaphern hinaus, also auf »redescriptions« im Sinne von Mary Hesse. Damit können gleichwohl Einsichtsgewinne erzielt werden, auch wenn metho- dengestählte Forscher dies nicht als »Erklärungen« gelten lassen würden.

Der hier vorgelegte Text ist selbst der Versuch einer Kommuni- kation. Er bemüht sich selbst um eine Beschreibung der Gesell- schaft mit voller Einsicht in die skizzierte Verlegenheit. Wenn die Kommunikation einer Gesellschaftstheorie als Kommunika- tion gelingt, verändert sie die Beschreibung ihres Gegenstandes und damit den diese Beschreibung aufnehmenden Gegenstand. Um das von vornherein im Blick zu halten, heißt der Titel die- ses Buches »Die Gesellschaft der Gesellschaft«.

Kapitel I

Gesellschaft als soziales System

I. Die Gesellschaftstheorie der Soziologie

Die folgenden Untersuchungen betreffen das Sozialsystem der modernen Gesellschaft. Ein solches Vorhaben, und darüber muß man sich als erstes Rechenschaft geben, aktualisiert eine zir- kuläre Beziehung zu seinem Gegenstand. Weder steht vorab fest, um welchen Gegenstand es sich handelt. Mit dem Wort Ge - sellschaft verbindet sich keine eindeutige Vorstellung. Selbst das, was man üblicherweise als »sozial« bezeichnet, hat keine ein- deutig objektive Referenz. Noch kann der Versuch, die Gesell- schaft zu beschreiben, außerhalb der Gesellschaft stattfinden. Er benutzt Kommunikation. Er aktiviert soziale Beziehungen. Er setzt sich in der Gesellschaft der Beobachtung aus. Wie immer man den Gegenstand definieren will: die Definiton selbst ist schon eine der Operationen des Gegenstandes. Die Beschrei- bung vollzieht das Beschriebene. Sie muß also im Vollzug der Beschreibung sich selber mitbeschreiben. Sie muß ihren Gegen- stand als einen sich selbst beschreibenden Gegenstand erfassen. Mit einer Formulierung, die aus der logischen Analyse der Lin- guistik stammt, könnte man auch sagen, daß jede Gesellschafts- theorie eine »autologische« Komponente aufweisen muß. 1 Wer das aus wissenschaftstheoretischen Gründen meint verbieten zu müssen, muß auf Gesellschaftstheorie, auf Linguistik und auf viele andere Themenbereiche verzichten.

Die klassische Soziologie hatte sich als Wissenschaft von sozia- len Tatsachen zu etablieren versucht - Tatsachen verstanden im Unterschied zu bloßen Meinungen, Wertungen, ideologischen Voreingenommenheiten. Im Rahmen dieser Unterscheidung ist

i Lars Löfgren spricht in einem ähnlichen Sinne von »autolinguistisch« als einer Form , die durch die Unterscheidung von Ebenen logisch »entfaltet« werden muß. Siehe: Life as an Autolinguistic Phenomenon, in: Milan Ze - leny (Hrsg.), Autopoiesis: A Theory of Living Organization, Ne w York 1981 , S.236-249.

daran nicht zu rütteln. Das Problem ist jedoch, daß auch die Feststellung von Tatsachen nur als Tatsache in die Welt kommen kann. Die Soziologie hätte also ihre eigene Tatsächlichkeit zu berücksichtigen. Diese Forderung bezieht sich auf ihren gesam- ten Forschungsbereich und ist mit einem Sonderinteresse an »Soziologie der Soziologie« nicht einzulösen. Sie sprengt, wie man heute wissen kann, die Prämissen einer zweiwertigen Logik. 2 Das kann zwar bei der Wahl begrenzter Forschungsthe- men pragmatisch außer Acht bleiben. Der Forscher versteht sich selbst als Subjekt außerhalb seines Themas. Im Bereich der Ge- sellschaftstheorie ist diese Auffassung jedoch nicht durchzuhal- ten, denn die Arbeit an einer solchen Theorie verwickelt zwangsläufig in selbstreferentielle Operationen. Sie kann nur in- nerhalb des Gesellschaftssystems kommuniziert werden. Die Soziologie hat sich diesem Problem bisher nicht mit der notwendigen Härte und Konsequenz gestellt. Sie hat deshalb auch keine auch nur einigermaßen zureichende Gesellschafts- theorie vorlegen können. Gegen Ende des 19 . Jahrhunderts hatte es nahegelegen, jede Einbindung einer Gesellschaftsbeschrei- bung in ihren Gegenstand als »Ideologie« wahrzunehmen und damit abzulehnen. Eine akademische Etablierung der Soziologie im Reiche der strengen Wissenschaften wäre auf dieser Basis un- denkbar gewesen. Manche meinten sogar, deswegen auch auf den Gesellschaftsbegriff verzichten und sich auf eine streng for- male Analyse sozialer Beziehungen beschränken zu müssen. 3 Eine Differenzbegrifflichkeit wie Individualisierung, Differen-

2 Siehe etwa, im Anschluß an Gotthard Günther, Fred Pusch, Entfaltung der sozialwissenschaftlichen Rationalität durch eine transklassische Logik, Dortmund 1992.

3 Un d dies noch heute! Siehe Friedrich H. Tenbruck, Emile Dürkheim oder die Geburt der Gesellschaft aus dem Geist der Soziologie, Zeit- schrift für Soziologie 10 (1981) , S. 333-350 . Simmel spricht, um Bezie- hungen und Dynamik zu betonen, nur noch von »Vergesellschaftung«. Fü r Ma x Weber fallen Unterschiede zwischen den Wertsphären, Lebens- ordnungen usw. der Gesellschaft so stark (und so »tragisch«) ins Ge - wicht, daß er auf ein übergreifendes Einheitskonzept ganz verzichtet.

Tyrell, Ma x Webers Soziologie — eine Soziologie

ohne Gesellschaft', in: Gerhard Wagner / H. Zipprian (Hrsg.), Ma x We- bers Wissenschaftslehre, Frankfurt (im Druck).

Siehe dazu Hartmann

zierung schien zu genügen, um das Forschungsinteresse der So- ziologie zu markieren. Andere, Dürkheim vor allem, hielten eine streng positive Wissenschaft von den »sozialen Tatsachen« und von der Gesellschaft als Bedingung ihrer Möglichkeit für durchführbar. Wieder andere begnügten sich mit der Unter- scheidung von Natur- und Geisteswissenschaften und mit einer historischen Relätivierung aller Gesellschaftsbeschreibungen. Wie immer die Ausführungen im einzelnen: generell sah man sich aus erkenntnistheoretischen Gründen an die Unterschei- dung von Subjekt und Objekt gebunden und konnte hier dann nur zwischen einer szientistisch naiven oder einer transzenden- taltheoretisch reflektierten Position wählen. Viele Merkwürdigkeiten der heute klassischen Soziologien muß man der Begrenztheit dieses Auswahlschemas zurechnen und dem Versuch, trotzdem zurechtzukommen. Das gilt für die selt- samen Verbindungen von Transzendentalismus und Sozialpsy- chologie, die man bei Geor g Simmel findet. Das gilt für den werttheoretischen Handlungsbegriff Max Webers, eine Anleihe beim Neokantianismus. Das gilt für Schelskys Forderung einer »transzendentalen Theorie der Gesellschaft«, die mit den nor- malen empirischen Methoden nicht erreichbar sei, die sich aber mit dem Begriff des »Transzendentalen« auf das einzelne Sub- jekt festlegte und so nicht weiterkam. 4 Diese Positionen sind heute allenfalls noch für die Klassikerexegese von Interesse. Je- denfalls hat aber die klassische Soziologie trotz dieser fraglosen Bindung an das Subjekt/Objekt-Schema und trotz des damit unlösbaren Gegenstandsproblems bis heute die einzige-Gesell- schaftsbeschreibung vorgelegt. Das erklärt vielleicht am besten die Dauerfaszination, die noch heute von den soziologischen Klassikern ausgeht und sie im strengen Sinne zu scheinbar zeit- enthobenen Texten hat werden lassen. Fast alle Theorieanstren- gungen gelten heute dem Rückblick und der Rekonstruktion. Es lohnt sich daher zu fragen, wie dieser Erfolg möglich war. Ohne Anerkennung eines zirkulären Verhältnisses zum Gegen- stand! So viel steht fest. Die Lösung, die den Klassikern das Pro-

4 Siehe Helmut Schelsky, Ortsbestimmung der deutschen Soziologie (1959) , 3. Aufl . Düsseldorf 1967 , S. 93 ff. Vgl . auch Hors t Baier, Soziolo- gie als Aufklärung - oder die Vertreibung der Transzendenz aus der Ge - sellschaft, Konstanz 1989.

blem zugleich verdeckte, lag in einer historischen Selbstveror- tung, also in der Auflösung des Zirkels durch eine historische Differenz, in der die Theorie sich selbst historisch (aber eben:

nur historisch) festlegen kann. Die beginnende Soziologie rea- giert auf die strukturellen und die semantischen Probleme, die im 19 . Jahrhundert sichtbar geworden waren, und sie weiß das. Auch wo ihre Begriffe abstrakt formuliert sind, ziehen sie ihre Plausibilität aus der historischen Situation. Man hat das Ende des Fortschrittsvertrauens zu akzeptieren und ersetzt die An- nahme einer bei allen Kosten positiven Entwicklung durch strukturelle Analysen, vor allem durch Analysen der sozialen Differenzierung, der Organisationsabhängigkeiten, der Rollen- strukturen. Der auf die Wirtschaft konzentrierte (»politökono- mische«) Gesellschaftsbegriff, der seit den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts gegolten hatte, kann damit aufgegeben werden. Das eröffnet die Kontroverse zwischen Vertretern einer mehr materiellen (ökonomischen) und einer mehr geistigen (kulturellen) Determination der Gesellschaft. Zugleich wird die Stellung des Individuums in der modernen Gesellschaft zum Zentralproblem - gewissermaßen zum Bezugsproblem, von dem aus die Gesellschaft insgesamt skeptisch beurteilt und nicht mehr ohne weiteres als fortschrittlich gewertet werden kann. Begriffe wie Sozialisation und Rolle markieren den Bedarf einer theoretischen Vermittlung zwischen »Individuum« und »Ge- sellschaft«. Neben der historischen Differenz übernimmt diese Unterscheidung von »Individuum« und »Gesellschaft« eine theorietragende Funktion. Aber ebensowenig wie im Falle der Geschichte kann hier die Frage nach der Einheit der Unter- scheidung gestellt werden. Die Frage, was denn die Geschichte sei, wird methodisch verboten 5 , und das Problem, was denn die Einheit der Differenz von Individuum und Gesellschaft sei, wird nicht einmal als Problem erkannt, weil man mit der gesam- ten Tradition davon ausgeht, daß die Gesellschaft aus Individuen bestehe. Dies ist denn auch die Basis für eine »kritische« Gesell- schaftsanalyse, die man nicht dadurch »dekonstruieren« mag, daß man die Frage nach der Einheit der Differenz von Indivi- duum und Gesellschaft stellt. Bei Max Weber schließlich schlägt

j

Dazu Friedrich H. Tenbruck, Geschichte und Gesellschaft, Berlin

1986.

die mit einer solchen Theorieanlage ermöglichte Skepsis bis in die Beurteilung des modernen, okzidentalen Rationalismus durch. Man darf wohl auch daran erinnern, daß gleichzeitig eine Literatur entsteht, die vorführt, daß das moderne Individuum weder in der Gesellschaft noch außerhalb der Gesellschaft eine sichere Grundlage für Selbstbeobachtung, Selbstverwirklichung oder, wie es dann modisch heißen wird, für seine »Identität« fin- den kann. Man denke an Flaubert, an Mallarmé, an Henry- Adams, an Antonin Artaud, um nur einige zu nennen. 6 Seit den Klassikern, seit etwa 100 Jahren also, hat die Soziologie in der Gesellschaftstheorie keine nennenswerten Fortschritte gemacht. In der Nachfolge des Ideologiestreites des 19. Jahr- hunderts, den man eigentlich vermeiden wollte, wurde die Para- doxie der Kommunikation über Gesellschaft in der Gesellschaft in Theoriekontroversen aufgelöst mit Formeln wie strukturali- stisch/prozessualistisch, Herrschaft/Konflikt, affirmativ/kri- tisch oder gar konservativ/progressiv. 7 Da aber die Behauptung einer eigenen Position innerhalb solcher »frames« eine Ausein- andersetzung mit der Gegenposition, also den Einschluß des Ausschließens erfordert, blieb auch die Option für die eine und nicht die andere Seite jeweils mit Paradoxie infiziert, und die Form der Paradoxieentfaltung durch Kontroversen konnte nur überzeugen, solange ihr ein politischer Sinn zugeordnet werden konnte. Das gelingt jedoch angesichts der Eigendynamik des politischen Systems immer weniger überzeugend, auch wenn Intellektuelle dieses Spiel weiterspielen. Sicherlich hat die Sozio- logie in anderen Bereichen sowohl methodisch als auch theore- tisch und vor allem im Hinblick auf die Ansammlung empiri- schen Wissens viel geleistet, hat aber die Beschreibung der Gesamtgesellschaft gleichsam ausgespart. Vermutlich hängt dies mit der Selbstverpflichtung auf die Subjekt/Objekt-Unterschei- dung zusammen. Zwar gibt es Spezialforschungen über eine

6

Vgl. Peter Bürger, Prosa der Moderne, Frankfurt 1988.

7

Daß es sich hierbei um Entfaltung einer Paradoxie handelt, wir d heute je- denfalls für Organisationstheorien durchaus gesehen. Siehe Robert E. Quinn/Ki m S. Cameron (Hrsg.), Paradox and Transformation: To - ward a Theory of Change in Organization and Management, Cambridge Mass. 1988, insb. den Beitrag von Andrew H. Van de Ven und Marshall Scott Poole.

»Soziologie der Soziologie«, und es gibt neuerdings eine Art »reflexive« Wissenschaftssoziologie. 8 In solchen Zusammenhän- gen tauchen Probleme der Selbstreferenz auf, aber sie werden als Spezialphänomene gleichsam isoliert und wie Merkwürdigkei- ten oder wie methodische Schwierigkeiten behandelt. Das glei- che gilt für die Figur der »self-fulfilling prophecy«. Die einzige systematische soziologische Theorie, die es zur Zeit gibt, ist von Talcott Parsons als allgemeine Theorie des Hand- lungssystems ausgearbeitet. Sie empfiehlt sich als Kodifikation des Klassikerwissens und als Ausarbeitung des begrifflichen Verständnisses von Handlung mit Hilfe einer Methodologie der Kreuztabellierung. Gerade sie läßt aber die hier aufgeworfene Frage der kognitiven Selbstimplikation offen, weil sie über den Grad an Kongruenz von analytischer Begrifflichkeit und realer Systembildung keine Aussagen macht. Sie postuliert nur einen »analytischen Realismus« und zieht damit das Problem der Selbstimplikation in einer paradoxen Formel zusammen. Sie berücksichtigt nicht, daß das Erkennen sozialer Systeme nicht nur durch seinen Gegenstand, sondern auch schon als Erkennen von sozialen Bedingungen abhängt; ja daß das Erkennen (oder Definieren, oder Analysieren) von Handlungen selbst schon ein Handeln ist. Folglich kommt Parsons selbst in den vielen Käst- chen seiner eigenen Theorie nicht noch einmal vor. Und hierin dürfte denn auch letztlich der Grund liegen, weshalb die Theo- rie nicht systematisch zwischen sozialem System und Gesell- schaft unterscheiden kann, sondern Aussagen über die moderne Gesellschaft nur impressionistisch, nur mehr oder weniger feuil- letonistisch anbietet. 9

In einer langen Geschichte hatte die Beschreibung des sozialen Lebens der Menschen (man kann für ältere Zeiten nicht ohne Vorbehalte von »Gesellschaft« sprechen) sich an Ideen orien- tiert, denen die vorgefundene Wirklichkeit nicht genügte. Das galt für die alteuropäische Tradition mit ihrem Ethos der natür-

8 Siehe besonders ausgeprägt Michael Mulkay, Th e Wor d and the World:

the For m of Sociological Analysis, London 1985; John

L a w (Hrsg.), Power, Action and Belief: A Ne w Sociology of Know - ledge?, London 1986.

9 Hierzu ausführlicher Niklas Luhmann, Warum AGIL ? Kölner Zeit- schrift für Soziologie und Sozialpsychologie 40 (1988), S. 127-139 .

Explorations in

liehen Perfektion des Menschen und mit ihrer Bemühung um Erziehung und um Vergebung der Sünden. Es gilt aber auch noch für das moderne Europa, gilt für die Aufklärung und für ihre Doppelgottheit Vernunft und Kritik. Noch in diesem Jahr- hundert wird dies Bewußtsein des Ungenügens wachgehalten (man denke an Husserl oder Habermas) und mit der Idee der Moderne verknüpft. Noch Richard Münch hält diese Orientie- rung an der Spannung von Vernunft und Wirklichkeit für einen Grundzug der Moderne und für eine Erklärung ihrer eigentüm- lichen Dynamik. 1 0 Inzwischen hat sich jedoch der Sinn für Pro- bleme aus den Ideen in die Realität selbst verschoben; und jetzt erst ist die Soziologie gefordert. Denn man müßte zunächst ein- mal verstehen, weshalb die Gesellschaft sich selbst so viele Pro- bleme bereitet, auch wenn man ganz davon absieht, sie in Rich- tung auf Ideen (mehr Solidarität, Emanzipation, vernünftige Verständigung, soziale Integration usw.) zu verbessern. Ihr Ver- hältnis zur Gesellschaft müßte die Soziologie als ein lernendes, nicht als ein belehrendes begreifen. Sie müßte die vorgefundenen Probleme analysieren, eventuell verschieben, eventuell in unlös- bare Probleme verwandeln, auch ohne zu wissen, wie man dann trotzdem »wissenschaftlich geprüfte« Lösungen anbieten könnte. Für all das brauchte man eine theoretisch fundierte Be- schreibung der modernen Gesellschaft.

Wenn die Soziologie zugestehen muß, daß sie eine Gesell- schaftstheorie diesen Zuschnitts bisher nicht zustandegebracht hat: wie kann sie ihr Versagen vor einer Aufgabe, die eindeutig in ihr Fach gehört und für ihr gesellschaftliches Ansehen wich- tig wäre, erklären? Sicher liegt es nahe, auf die immense Komplexität der Gesell- schaft zu verweisen und auf das Fehlen einer brauchbaren Me- thodologie für den Umgang mit hochkomplexen und differen- zierten Systemen (die sogenannte »organisierte Komplexität«). Dies Argument gewinnt noch mehr Gewicht, wenn man fordert, zu berücksichtigen, daß die Beschreibung des Systems Teil des Systems ist und es eine Mehrheit von solchen Beschreibungen

io Siehe: Moralische Diskurse: Das unvollendete Projekt der Moderne, in:

Richard Münch, Dynamik der Kommunikationsgesellschaft, Frankfurt 1995. s. 13-36-

geben kann. Fü r »hyperkomplexe« Systeme dieser Ar t ist die

konventionelle Methodologie, die entweder

Verhältnissen oder von Anwendungsbedingungen der statisti- schen Analyse ausgeht, erst recht ungeeignet. Abe r dies Argu- ment müßte zu dem Rat führen, auf Gesellschaftstheorie zu ver- zichten und sich zunächst mit der Methodologie des Umgangs mit hochkomplexen oder gar hyperkomplexen Systemen zu be- schäftigen. Aber das tut man seit der Entdeckung dieses Metho- denproblems vor bald 50 Jahren" ohnehin - und mit wenig Er- folg. Eine andere Überlegung könnte einen Begriff von Gaston Bachelard benutzen: den Begriff der »obstacles epistemologi- ques«. 1 2 Hiermit sind Traditionslasten gemeint, die eine adä- quate wissenschaftliche Analyse verhindern und Erwartungen erzeugen, die nicht eingelöst werden können, die aber trotz die- ser erkennbaren Schwächen nicht ersetzt werden können. 1 3 Die Tradition hatte, wenn man so sagen darf, auf natürliche Fragen geantwortet und zum guten Teil deshalb in ihren Antworten überzeugt. In der wissenschaftlichen Evolution treten dagegen an deren Stelle theorieabhängige wissenschaftliche Probleme, deren Lösungen nur noch im wissenschaftlichen Kontext beur- teilt werden können. Rückblickend haben die Leitideen dieser obstacles epistemologiques zu geringe Komplexität, sie über- schätzen sich selbst und führen zu einer Uniformisierung des Gegenstandsbereichs, die schließlich nicht mehr überzeugt. Und nicht nur werden die Antworten, die man jetzt suchen muß, schwieriger (voraussetzungsvoller, unwahrscheinlicher, weniger überzeugend), sondern außerdem werden auch die vorgefunde-

vo n sehr kleinen

11 Siehe Warren Weaver, Science and Complexity, American Scientist 36 (1948), S. 536-544.

12 Siehe Gaston Bachelard, La formation de l'esprit scientifique: Contri- bution ä une Psychanalyse de la connaissance objective, Paris 1947,

S. 13 ff. Vgl . auch die Ausführungen zu counteradaptive results of adap- tive change bei Anthony Wilden, System and Structure: Essays in Com -

munication and Exchange , 2 . Aufl . Londo n

13 Eine harsche Kritik dieser aus dem 19 . Jahrhundert überkommenen Prä- missen findet man bei Charles Tilly, Big Structures, Large Processes, Huge Comparisons, Ne w York 1984. Sie bleibt jedoch ohne theoreti- schen Ertrag, weil sie mit ihnen den Gesellschaftsbegriff selbst aufgibt.

1980 , S .

20 5 ff.

*3

nen Fragen und Antworten zu Hindernissen einer weiteren Ent- wicklung, die den Umweg über unplausible Evidenzen nehmen muß. Solche Erkenntnisblockierungen finden sich im heute vorherr- schenden Verständnis von Gesellschaft in der Form von vier miteinander verbundenen, sich wechselseitig stützenden An- nahmen, nämlich in der Voraussetzung:

(i ) daß eine Gesellschaft aus konkreten Menschen und aus Be - ziehungen zwischen Menschen bestehe; 1 4

14 Eigentlich war das darin liegende Problem der Soziologie von Anfang

société

an klar gewesen. Bei Dürkheim liest man zum Beispiel: »

n'est pas une simple somme d'individus, mais le système formé par leur association représente une réalité spécifique qui a ses caractères prop- res.« So in: Les règles de la méthode sociologique, zit. nach der 8. Aufl. Paris 1927 , S. 127 . Die Unklarheit bestand nur darin, das Spezifische dieser Assoziation zu bestimmen. Denn: kann man Assoziation ohne Assoziierte denken? Solange diese Theorielücke nicht gefüllt wird, komm t es immer wieder zu Rückfällen. Selbst neuere, das Konzept der Selbstreferenz einführende Systemtheorien arbeiten zuweilen noch mit der Annahme, daß soziale Systeme aus Menschen bestehen. Um einen Philosophen, einen Physiker, einen Biologen und einen Soziologen zu zitieren, vgl. Pablo Navarro, El holograma social: Un a ontologîa de la socialidad humana, Madrid 1994; Mario Bunge, A Systems Concept of Society: Beyond Individualism and Holism, Theor y and Décision 10 (1979) , S . 13-30 ; Humbert o R . Maturana, Ma n and Society, in: Fran k Benseier / Peter M. Hejl / Wolfram K. Köck (Hrsg.), Autopoiesis, Communication, and Society: The Theory of Autopoietic System in the Social Sciences, Frankfurt 1980, S. 11-13 ; Peter M . Hejl, Sozialwissen- schaft als Theorie selbstreferentieller Systeme, Frankfurt 1982 . Eine sol- che Konfusion macht es jedoch unmöglich, die Operation präzise an- zugeben, die im Falle organischer, neurophysiologischer, psychischer und sozialer Systeme die Autopoiesis durchführt. Zwa r macht man typisch die Konzession, daß nicht der ganze Mensch Teil des sozialen Systems ist, sondern der Mensch nur insoweit, als er in Interaktion steht bzw. mit anderen Menschen gleichsinnige (parallelisierte) Erlebnisse aktualisiert. Siehe z. B. Peter M. Hejl, Zu m Begriff des Individuums - Bemerkungen zum ungeklärten Verhältnis von Psychologie und Sozio- logie, in: Günter Schiepek (Hrsg.), Systeme erkennen Systeme: Indivi- duelle, soziale und methodische Bedingungen systemischer Diagnostik, München 1987 , S. 115-154(128) . Aber das macht die Sache nicht besser,

la

(2) daß Gesellschaft folglich durch Konsens der Menschen, durch Übereinstimmung ihrer Meinungen und Komplemen- tarität ihrer Zwecksetzungen konstituiert oder doch inte- griert werde; (3) daß Gesellschaften regionale, territorial begrenzte Einheiten seien, so daß Brasilien eine andere Gesellschaft ist als Thai- land, die US A eine andere als die Rußlands, aber dann wohl auch Uruguay eine andere als Paraguay; (4) und daß deshalb Gesellschaften wie Gruppen von Menschen oder wie Territorien von außen beobachtet werden können. Die unter 1- 3 genannten Annahmen verhindern eine genaue be- griffliche Bestimmung des Gegenstandes Gesellschaft. Die Tra- dition hatte »den Menschen« (im Unterschied zu m Tier) mit Hilfe von Unterscheidungen (wie: Vernunft, Verstand, Wille, Einbildungskraft, Gefühl, Sittlichkeit) beschrieben, die als über- liefertes Gedankengut überarbeitet, aber weder empirisch noch in ihrer Operationsweise spezifiziert wurden. Diese Unterschei- dungen schienen zur wechselseitigen Klarstellung auszureichen, ließen es aber nicht zu, ihre neurophysiologischen Grundlagen zu klären. 1 5 Erst recht bieten diese »anthropologischen« Begriffe keine Möglichkeit, die Unterscheidung psychisch/sozial an sie anzuschließen. Die Schwierigkeiten wachsen, wenn man diese

sondern schlimmer; denn dann kann man erst recht nicht mehr angeben, welche Operation diese »insoweit«-Unterscheidung durchführt - doch offenbar weder die Zellchemie noch das Gehirn, noch das Bewußtsein, noch die gesellschaftliche Kommunikation, sondern allenfalls ein ent- sprechend unterscheidender Beobachter. De r typische Auswe g ist es dann, auf systemkonstituierende Operationen gar nicht einzugehen, sondern Theoriekonstruktionen nur auf der Ebene vo n »Variablen« an- zusetzen, deren Auswahl dann freilich theoretisch nicht mehr kontrol- liert werden kann. Fü r ein Beispiel siehe B. Abbot t Segraves, Ecological Generalization and Structural Transformation of Sociocultural Systems, American Anthropologist 76 (1974), S. 530-552 . 15 Nac h heutigem Wissensstand wir d man vermutlich sagen müssen, daß das, was als Vernunft, Wille, Gefühl usw. erfahren und bezeichnet wird, eine nachträgliche Interpretation bereits vorliegender Resultate neuro- physiologischer Operationen ist, also wohl deren Aufbereitung für be- wußte Weiterbehandlung dient, aber keineswegs die ausschlaggebende Ursache menschlichen Verhaltens ist. Siehe z.B . Brian Massumi, The Autonom y of Affect, Cultural Critique 31 (1995), S. 83-109 .

*5

Unterscheidungen aufgibt und statt dessen auf wissenschaftliche und empirische Bezeichenbarkeit Wert legt. Die Problematisie- rung der menschlichen Individualität im Blick auf die Eigenart der Assoziationen und Gefühlsbildungen des Einzelnen beginnt

Jahrhunderts 1 6 , also deutlich vor der indu-

striellen Revolution. Daran zerbricht die traditionsreiche kos- mologische Situierung des Menschen in einer Ordnung, die ihm Rang und Lebensform zuweist, und statt dessen wird das Ver- hältnis von Individuum und Gesellschaft zum Problem. Wie immer man Traditionsbegriffe, besonders »Vernunft«, fortführt:

offensichtlich gehört ja nicht alles, was den Menschen individu- alisiert (wenn überhaupt irgend etwas an ihm) zur Gesellschaft. Die Gesellschaft wiegt nicht genausoviel wie alle Menschen zu- sammen und ändert auch nicht mit jeder Geburt und jedem Tod ihr Gewicht. Sie wird nicht etwa dadurch reproduziert, daß in den einzelnen Zellen des Menschen Makromoleküle oder in den Organismen der einzelnen Menschen Zellen ausgetauscht wer- den. Sie lebt also nicht. Auch die selbst für das Bewußtsein un- zugänglichen neurophysiologischen Prozesse des Gehirns wird niemand ernstlich als gesellschaftliche Prozesse ansehen, und das gleiche gilt für all das, was sich im aktuellen Aufmerksam- keitsbereich des Einzelbewußtseins an Wahrnehmungen und an Gedankenabfolgen abspielt. Georg Simmel, der dies Problem auf den modernen Individualismus zurückführte, opferte in die- ser Situation lieber den Gesellschaftsbegriff als das soziologische Interesse an Individuen. Aggregatbegriffe, und so erschien ihm das Problem, seien überhaupt fragwürdig und durch relationale Theorien abzulösen. Schließlich sei auch die Astronomie keine Theorie »des Sternenhimmels«. 1 7

Wenn es nicht mehr einleuchtet, daß die Gesellschaft natural aus konkreten Menschen bestehe, denen Solidarität als ordinata concordia und speziell als ordinata Caritas vorgeschrieben sei, kann als Ersatzkonzept eine Konsenstheorie einspringen. Das führt im 17 . und 18. Jahrhundert zur Wiederbelebung und Ra-

um die Mitte des 18.

16 Vgl. James L. Clifford (Hrsg.), Man versus Society in Eighteenth Cent- ury Britain, Cambridge 1968.

17 So in: Übe r sociale Differenzierung (1890), zit. nach: Geor g Simmel, Gesamtausgabe Bd. 2, Frankfurt 1989, S. 109-295 (126).

dikalisierung der Lehre von Sozialvertrag. 1 8 Der Naturbegriff wird, zumindest bei Hobbes, auf Extrasoziales reduziert, bei an- deren (Pufendorf zum Beispiel) auf eine Inklination zum Ver- tragsschluß. Diese Theorie mußte jedoch bald aufgegeben wer- den. Juristisch war sie zirkulär gebaut, konnte also die unverbrüchliche und unkündbare Verbindlichkeit des Vertrages nicht erklären; und historisch konnte sie angesichts der rasch zunehmenden Geschichtskenntnisse nur noch als Fiktion ohne Erklärungswert behandelt werden. Ihr Erbe traten im 19. Jahr- hundert Konsenstheorien und eine auf Konsens rekurrierende Vorstellung von Solidarität und Integration an. Nochmals ver- dünnt verlangt man schließlich »Legitimation« derjenigen Insti- tutionen, die auch bei fehlendem Konsens, also gegenüber Wi- derstand, noch Ordnung durchsetzen können. So beginnt, mit Emile Dürkheim und mit Max Weber, die Soziologie. Immer noch ist und bleibt bei allen Konzessionen an Realität eine auf Konsens beruhende Integration dasjenige Prinzip, mit dem die Gesellschaft als Einheit, als »Individuum« könnte man sagen, identifiziert wird.

Dies Lehrgebäude bricht jedoch zusammen, wenn man genauer nachfragt, wie denn Konsens in einem psychisch aktualisierba- ren Sinne überhaupt möglich sein soll, und ferner: wie auf diese Weise eine ausreichende Gleichrichtung von ineinandergreifen- den Erwartungen erreicht werden soll. Max Weber hatte bereits einen ersten Schritt getan, indem er das Problem auf Typen- zwang als Bedingung des Verstehens von sozial gemeintem Sinn reduzierte. Parsons, hier eher Dürkheim folgend, sieht die Lö - sung in einem Wertkonsens, der auf zunehmende Differenzie- rung durch zunehmende Generalisierung reagiert. Mit diesen eingebauten Verzichten auf Konkretisierung trägt man zwar der Individualität der Akteure und der Komplexität des Gesell- schaftssystems Rechnung, bringt aber das, was dann noch Ge- sellschaft heißen kann, in eine derart ausgedünnte Begrifflich- keit, daß die Theorie allenfalls noch in genügend verdichteten Teilbereichen der Gesellschaft funktioniert. Im übrigen müßte dann, wider besseres Wissen, sozialen Konflikten, Dissensen

18

Zu r heutigen Diskussion vgl. A. Carbonaro / C. trattualismo e scienze sociali, Milano 1992 .

Catarsi (Hrsg.), Con -

und abweichendem Verhalten die Zugehörigkeit zur Gesell- schaft abgesprochen werden oder man müßte sich damit begnü- gen, zu versichern, daß auch dies noch irgendwelche Konsense (zum Beispiel über den Beleidigungswert bestimmter Beschimp- fungen) voraussetze. Und umgekehrt sieht John Rawls sich genötigt, für die Ausgangssituation der vertragsähnlichen Be- gründung von Prinzipien der Gerechtigkeit einen »Schleier des »Nichtwissens« zu postulieren, der Individuen daran hindert, ihre Stellung und ihre Interessen zu kennen" - also Individuen ohne Individualität vorauszusetzen. Aber das ist offensichtlich nur eine andere Weise der Invisibilisierung der Paradoxie jedes Rückgriffs auf Ursprünge. Eine weitere Konsequenz der Annahme, daß Individuen mit ihrem Verhalten die Gesellschaft materialisieren, liegt in der Hypothese, daß strukturelle Probleme der Gesellschaft (zum Beispiel zu weitgetriebene Differenzierung ohne ausreichende Integration oder Widersprüche in den Strukturen und Verhal- tenszumutungen der Gesellschaft) als individuelles Fehlverhal- ten erscheinen und hier empirisch abgelesen werden können. Die klassische Monographie hierzu war Dürkheims Selbst- mordstudie. 2 0 Aber auch Instabilität der Familien, Kriminalität, Drogenkonsum oder Rückzug aus sozialen Engagements ließen sich nennen. Das Individuum mag dann seine persönliche Reak- tion auf »Anomie« wählen; aber im Grunde handelt es sich um funktional äquivalente Einstellungen, die dem Soziologen als In- dikator für Probleme dienen, deren Wurzeln er in der Gesell- schaft zu suchen hat. Aber selbst wenn solche Zusammenhänge statistisch nachgewiesen werden können, bleibt die Frage, wie ein Individuum dazu kommt, Symptome gesellschaftlicher Pa- thologien zu zeigen - oder nicht zu zeigen. Vor allem aber müßte überlegt werden, welche Strukturprobleme der Gesell- schaft sich überhaupt zur Umsetzung in individuelles Fehlver- halten eignen. Nicht zuletzt die ökologischen Probleme zwin- gen dazu, sich dieser Frage zu stellen.

Das alles müßte der Soziologie Anlaß geben, zu zweifeln, ob sie

19 Siehe in deutscher Übersetzung John Rawls, Eine Theorie der Gerech- tigkeit, Frankfur t 1975 , S . 2 7 ff.

20 Siehe Emile Dürkheim, Le suicide: Etüde de sociologie, Paris 1897.

einer konsensuellen Integration überhaupt eine die Gesellschaft konstituierende Bedeutung zuschreiben muß. Es würd e ja genü- gen, wenn man annimmt, daß Kommunikation im Zuge ihrer ei- genen Fortsetzung Identitäten, Referenzen, Eigenwerte, Ob- jekte erzeugt - wa s immer die Einzelmenschen erleben, wen n sie damit konfrontiert werden. 2 1 Dieser Überlegungsgang konvergiert mit einer Version von Systemtheorie, die konstitutiv (Begriff und Realität betreffend) auf die Differenz von System und Umwelt abstellt. Wenn man vo n der Unterscheidung System/Umwelt ausgeht, muß man den Menschen als lebendes und bewußt erlebendes Wesen entweder dem System oder der Umwelt zuordnen. (Eine Halbierung, Drittelung usw. und eine entsprechende Aufteilung ist empi- risch undurchführbar). Würde man den Mensche n als Teil des Gesellschaftssystems ansehen, zwänge das dazu, die Theorie der

2i Diese Auffassung verdankt entscheidende Anregungen dem »sozialen Behaviorismus« von George Herbert Mead, der freilich immer wieder in die übliche Konsenstheorie eingebaut und so in dem entscheidenden Punkte mißverstanden wird . Es geht Mea d jedoch in erster Linie um die Erzeugung permanenter Objekte als Stabilisatoren des von Ereignis zu Ereignis fließenden Verhaltens und erst in zweiter Lini e darum, daß solche Objekte auch als Symbole für übereinstimmende Sichtweisen fungieren können - aber als Symbole eben deshalb, weil Konsens unter der Bedingung gleichzeitiger Ereignishaftigkeit des Erlebens und Han- delns niemals kontrolliert werde n kann. Es geht in erster Linie um eine Zeittheorie und erst in zweiter Linie um eine auf notwendigen Fiktio- nen aufbauende Sozialtheorie. Die Frage ist, wie Sozialität unter der Be- dingung von Gleichzeitigkeit (= Unkontrollierbarkeit) überhaupt mög- lich ist; un d die Antwor t lautet: über die Konstitution vo n Objekten als Eigenwerten des in der Zeit fließenden Verhaltens. Siehe vo r allem den Aufsatz: Eine behavioristische Erklärung des signifikanten Symbols, und (unter Berufung auf Whitehead): Die Genesis der Identität und die soziale Kontrolle, beides zitiert nach der deutschen Übersetzung in: Ge - orge Herbert Mead, Gesammelte Aufsätze Bd. i, Frankfurt 1980, S. 290-298 und 299-328 . Zu r Kritik der Sozialvertragslehren an Hand eines Begriffs des »quasi-objets« vgl. auch Michel Serres, Genese, Paris 1982 , S. 14 6 ff. Serres hat allerdings nur den Sonderfall im Sinn, daß be- stimmte symbolische Objekte eigens konstituiert werden, um eine so- ziale Koordination zu leisten. Die Ausführungen oben im Text gehen weit darüber hinaus.

Differenzierung als Theorie der Verteilung von Menschen anzu- legen - sei es auf Schichten, sei es auf Nationen, Ethnien, Grup- pen. Damit geriete man jedoch in einen eklatanten Widerspruch zum Konzept der Menschenrechte, insbesondere zum Konzept der Gleichheit. Ein solcher »Humanismus« würde also an eige- nen Vorstellungen scheitern. Es bleibt nur die Möglichkeit, den Menschen voll und ganz, mit Leib und Seele, als Teil der Um- welt des Gesellschaftssystems anzusehen. Daß man gegen alle offensichtlichen Diskrepanzen und trotz der bekannten philosophischen Kritik an anthropologischen Fun- dierungen 2 2 an einem menschbezogenen »humanistischen« Ge- sellschaftsbegriff festhält 23 , ist vermutlich bedingt durch die Be- fürchtung, anderenfalls jeden Maßstab für die Beurteilung der Gesellschaft und jedes Recht auf die Forderung, die Gesellschaft solle »menschlich« eingerichtet werden, aufgeben zu müssen. Selbst wenn dies so wäre, müßte man aber immer noch unab- hängig von solchen Kriterien zunächst feststellen können, was die Gesellschaft aus den Menschen macht und wieso dies ge- schieht.

Ähnlich evidente Einwände sprechen gegen das territoriale Ge- sellschaftskonzept. 2 4 Mehr als je zuvor greifen weltweite Inter- dependenzen heute in alle Details des gesellschaftlichen Gesche- hens ein. Wollte man das ignorieren, müßte man sich auf einen

22 Siehe Martin Heidegger, Sein und Zeit § 10, 6. Aufl. Tübingen 1949, S. 45 ff. für den bekanntesten Fall.

23 So heute besonders pointiert (aber eben deshalb auch eher untypisch) Günter Dux , Geschlecht und Gesellschaft: Waru m wir lieben: Die ro- mantische Liebe nach dem Verlust der Welt, Frankfurt 1994.

24 Die Einwände sind durchaus geläufig und werden gerade von Autoren gepflegt, die von Individuen/Personen ausgehen. Siehe z. B. Tim Ingold,

Life, Cambridg e England 1986 , S . 11 9 ff. Sie wer -

den aber typisch als Einwände gegen einen systemtheoretischen Begriff

vorgetragen - so als ob die Systemtheorie genötigt

wäre, Grenzen der Systeme in Raum und Zeit anzugeben. Wir haben mithin ein doppeltes Problem, nämlich (1 ) zu erklären, weshalb Sozio- logen evidente Bedenken gegen das territorialistische Konzept nicht zur Kenntnis nehmen, und (2) die Systemtheorie als Grundlage der Gesell- schaft so zu formulieren, daß sie in der Bestimmung der Gesellschafts- grenzen nicht auf Raum und Zeit angewiesen ist.

Evolutio n und Social

vo n Gesellschaft

durch Herrschaft definierten oder auf einen kulturnostalgischen Gesellschaftsbegriff zurückziehen. Man müßte den Gesell- schaftsbegriff von willkürlich gezogenen Staatsgrenzen abhän-

trotz all der damit verbundenen Unklarheiten

auf Einheit einer regionalen »Kultur«, auf Sprache und derglei- chen abstellen. Alle für die weitere Entwicklung wichtigen Be- dingungen blieben einem anderen Begriff überlassen, etwa dem des »global System«. 2 6 Für Anthony Giddens ist der Begriff So- ciety gleichbedeutend mit nation-state, deshalb fast überflüssig, und dann wird nur noch von dem »world-embracing« character of modern institutions 2 7 gesprochen. Aber damit wäre dann die- ser Begriff des global Syste m der eigentliche Nachfolgebegriff für das, was in der Tradition »Gesellschaft« (societas civilis) hieß. Bindet man den Gesellschaftsbegriff an herrschafts- oder wertezentralistische Prämissen, unterschätzt man nicht nur die auch regional sichtbare Vielfalt und Komplexität kommunikati- ver Zusammenhänge, sondern auch, und vor allem, das Ausmaß, in dem die »Informationsgesellschaft« weltweit dezentral und konnexionistisch über Netzwerke kommuniziert - eine Ten- denz, die in einer absehbaren Zukunft durch Computerisierung sicher noch verstärkt werden wird.

gig machen 2 5 oder

Humanistische und regionalistische (nationale) Gesellschafts- begriffe sind theoretisch nicht mehr satisfaktionsfähig; sie

25 Ein scharfer Kritiker dieses Konzepts der Staatsgesellschaft weist darauf hin, daß dann in diesem Jahrhundert der Sprachraum Bundesrepublik Deutschland, Deutsche Demokratische Republik und Osterreich mehr- fach eine Gesellschaft bzw . mehrere Gesellschaften gewesen seien. Siehe Immanuel Wallerstein, Societal Development, or Developmen t of the World-^System, International Sociology 1(1986), S. 3-17 , neu gedruckt in: Martin Albro w / Elisabeth King (Hrsg.), Globalization, Knowledge and Society, London 1990, S. 157-171 . Andererseits hält gerade Waller- stein an einem regionalen Gesellschaftsverständnis fest und spricht im übrigen nur von world-system.

26 Siehe nur Wilbert E. Moore, Global Sociology: Th e World as a Singular System, American Journal of Sociology 71 (1966), S. 475-482 ; Roland Robertson, Globalization: Social Theory and Global Culture, London

1992.

2 7 S o in: Th e Consequence s o f Modernity, Stanford Cal . 1990 , S . 1 2 ff. (16); ferner S. 63 ff. ausführlich über »globalisation«.

überleben nur noch im Sprachgebrauch. Somit hinterläßt die ge- genwärtige soziologische Theorie einen zwiespältigen, janus- köpfigen Eindruck: Sie benutzt Konzepte, die den Anschluß an die Tradition noch nicht aufgeben, aber schon Fragen ermög- lichen, die ihren Rahmen sprengen könnten. 2 8 Sie verwendet an grundbegrifflicher Stelle den Begriff der Handlung, um sich auf ereignisförmige Letzteinheiten einzustellen - und um immer wieder daran erinnern zu können, daß nur individuelle Men- schen handeln können. Sie bildet den Begriff des global System, um Globalisierungen anzuerkennen - und den Begriff der Ge - sellschaft auf nationalstaatlicher Ebene zurücklassen zu können. Im Falle des menschbezogenen Gesellschaftsbegriffs wird zu viel eingeschlossen, im Falle des territorialen Gesellschaftsbe- griffs zu wenig. In beiden Fällen könnte das Festhalten an derart unbrauchbaren Konzepten damit zusammenhängen, daß man die Gesellschaft als etwas denken möchte, das man von außen beobachten kann. Dabei muß man sich jedoch auf eine Erkennt- nistheorie stützen, die längst überholt ist - auf eine Erkenntnis- theorie, die von der Unterscheidung Denken/Sein, Erkennt- nis/Gegenstand, Subjekt/Objekt ausgeht und den Realvorgang des Erkennens auf der einen Seite dieser Unterscheidung dann nur noch als Reflexion erfassen kann. Davon ist man spätestens seit der linguistischen Wende der Philosophie abgekommen, - bei allen logischen Problemen, die man sich mit dem Ubergang zu einer »naturalisierten Epistemologie« (Quine) einhandelt. Warum fällt es der Soziologie aber so schwer, diese Wende mit- zu vollziehen?

Vielleicht liegt der Grund darin, daß sie die Gesellschaft zu gut kennt (oder dies jedenfalls vorgeben muß), um daran Gefallen zu finden, sich selbst als Teil dieser Realität zu begreifen. Man möchte in Opposition zur Gesellschaft, zumindest aber in reso- luter Resignation Frankfurter Stils verharren können. Aber das

28 Vgl . dazu (in Anwendun g auf die Entwicklung der kybernetischen Systemtheorie) den der archäologischen Anthropologie entnommenen Begriff eines skeuomorph bei N. Katherine Hayles, Boundary Disputes:

Homeostasis, Reflexivity, and the Foundations of Cybernetics, Config- urations 3(?), (1994), S. 441-467 . »A Skeuomorph is a design feature, no longer functional in itself, that refers back to an avatar that was func- tional at an earlier time« (446).

wäre ja auch und gerade dann möglich, wenn ma n die eigene Theorie als Teil ihres eigenen Gegenstandes erkennen würde. Ma n könnte die Leichtigkeit und die Indirektheit des Blickes cu- pieren, mit denen Perseus die Medusa geköpft hatte (und es geht auch der Soziologie nur um die Köpfe). 2 9 Man könnte daran er- innern, daß die Theologie für die Funktion der Beobachtung Gottes und seiner Schöpfung die Figur des Teufels erfunden hatte und daß die großen Sophisten des 19. Jahrhunderts wie Marx, Nietzsche und Freud durch ihre »inkongruenten Per- spektiven« charakterisiert worden sind. 3 0 Das Problem dürfte daher eher in den Schwierigkeiten logischer und theorietechni- scher Ar t liegen, denen man sich stellen muß, wen n man, wie die Linguistik sagt, mit »autologischen« Konzepten arbeitet und sich nötigt, sich selbst im eigenen Gegenstand, also Soziologie als Selbstbeschreibung der Gesellschaft zu entdecken. In letzter Konsequenz führte das dazu, daß man zwar die Vorstellung bei- behalten kann, Realität sei am Widerstand zu erkennen, den sie ausübe, aber zugeben muß, daß solcher Widerstand gegen Kom- munikation nur durch Kommunikation geleistet werden könne. Könnte man sich darauf einlassen, würde damit die Subjekt/Ob- jekt-Unterscheidung »dekonstruiert« werden 3 ', und damit wäre auch den vorherrschenden Erkenntnisblockierungen ihre heim- liche Stütze genommen. Und dann könnte man die humanisti- sche ebenso wie die regionalistische Begriffstradition an ihrer ei- genen Unbrauchbarkeit zerbrechen lassen. In ihrem gegenwärtigen Wissenschaftsverständnis kann die So- ziologie kaum auf den Anspruch verzichten, Phänomene der so- zialen Wirklichkeit zu erklären. Das wiederum erfordert, daß man die zu erklärenden Phänomene gegeneinander abgrenzt und, so präzise wie möglich, die Merkmale angibt, durch die sie

29 Dies rät ítalo Calvino in seinen Lezioni Americane: Sei proposte per il prossimo millenio, Milano 1988, S. 6f. Vgl. auch Niklas Luhmann, Sthe- nographie, Delfin X (1988), S. 4-12 ; auch in Niklas Luhmann et al., Be- obachter: Konvergenz der Erkenntnistheorien?, München 1990,

S. 119-137 .

30 durch Kenneth Burke, Permanence and Change, Ne w York 1935 .

31 Siehe nur Paul de Man, The Resistance to Theory, Minneapolis 1986, formuliert in der Begrifflichkeit von Sprache und Text.

zum Beispiel:

Was ist ein Unternehmen?, was ist eine soziale Bewegung?, was ist eine Stadt? erfordern aber, schon als Fragen, die Angabe von Wesensmerkmalen, also essentialistische Begriffsbildungen, die heute zwar nicht mehr in der Natur, wohl aber in den methodi- schen Erfordernissen der wissenschaftlichen Forschung veran- kert werden. Wie soll die Soziologie, muß man deshalb fragen, eine Gesellschaftstheorie formulieren, wenn sie nicht angeben kann, was sie mit diesem Begriff sucht? Aber zugleich kann man auch bemerken, daß die Soziologie sich mit diesem Typus von Was-Fragen in den Zustand einer Dauer- unruhe versetzt, also sich selbst als autopoietisches System ein- richtet. Es kann keine endgültige Antwort auf solche Fragen, keine weiterer Forschung entzogene Fixpunkte geben, sondern nur die Beobachtung, welche Begriffsfestlegungen welche Fol- gen haben. Im Modus der (Selbst-)Beobachtung zweiter Ord- nung, im Modus konstruktivistischer Erkenntnistheorie also, lösen sich deshalb alle Merkmalsvorgaben wieder auf, und man sieht ihre Notwendigkeit für die Forschung ebenso wie ihre Kontingenz. Es sind gleichsam auszuprobierende Selbstfestle- gungen, es sind Forschungsprogramme, die unentbehrlich, aber auswechselbar sind, wenn es überhaupt um den Unterschied von Wahrheit und Unwahrheit gehen soll. Im weiten Feld interdisizplinärer Forschungen gibt es heute viele Angebote, die dem Rechnung tragen, etwa die Gründung jeder Art von Kognition auf die operative Schließung beobach- tender Systeme; oder die Chaos-Theorie genannte Mathematik der nichtlinearen Funktionen und der Prognose von Unprogno- stizierbarkeit; oder die Evolutionstheorie der Zufallsauslösung von Strukturbildungen. Wir werden davon bei Bedarf Gebrauch machen. Speziell für die Soziologie fließen diese Desiderate in ihren Bemühungen um eine Gesellschaftstheorie zusammen, denn als Gesellschaft ist ihr ein Gegenstand gegeben, der alles, was die Forschung an Gegenstandsbestimmtheiten (Wesens- merkmalen) braucht, immer schon selbst erzeugt hat. Es kann daher nur die Frage sein, wie man diesem Sachverhalt dadurch Rechnung tragen kann, daß man festlegt, was der Begriff der Gesellschaft bezeichnen soll.

Die folgenden Untersuchungen wagen diesen Ubergang zu

sich unterscheiden. »Was sind

«-Fragen

wie

einem radikal antihumanistischen, einem radikal antiregionali- stischen und einem radikal konstruktivistischen Gesellschafts- begriff. 32 Sie leugnen selbstverständlich nicht, daß es Menschen gibt, und sie ignorieren auch nicht die krassen Unterschiede der Lebensbedingungen in den einzelnen Regionen des Erdballs. Sie verzichten nur darauf, aus diesen Tatsachen ein Kriterium für die Definition des Begriffs der Gesellschaft und für die Bestim- mung der Grenzen des entsprechenden Gegenstandes herzulei- ten. Und gerade durch diesen Verzicht gewinnt man die Mög- lichkeit, normative und evaluative Standards im Umgang mit Menschen, zum Beispiel: Menschenrechte oder verständigungs- orientierte Kommunikationsnormen im Sinne von Habermas, und schließlich: Einstellungen zu den Entwicklungsunterschie- den einzelner Regionen, als Eigenleistung der Gesellschaft zu erkennen, statt sie als regulative Ideen oder als Komponenten des Begriffs von Kommunikation voraussetzen zu müssen. Die Vorfrage bleibt jedoch: wie bringt die Gesellschaft sich selbst dazu, solchen und anderen Themen Aktualität zu gewähren? Schon Nietzsche hatte (in: Vom Nutzen und Nachteil der Hi- storie für das Leben) gegen die Geschichtsabhängigkeit seiner Zeitgenossen rebelliert und ihnen ein ironisches, wenn nicht zy- nisches Bewußtsein bescheinigt in der Form eines: so geht es nicht mehr und anders auch nicht. Die Diagnose mag noch zu- treffen, aber statt Ironie findet man eher eine theoretisch-hilf- lose Verlegenheit. Deshalb kann es auch nicht weiterhelfen, wenn man statt auf Geschichte auf Leben setzt und damit die Fähigkeit des Vergessens assoziiert. Die Empfehlung für heute ist daher eher: die an sich verfügbaren theoretischen Ressourcen besser zu nutzen - nicht zuletzt auch für eine Rekonstruktion des Verhältnisses zur Geschichte und zu ihren semantischen Erb- lasten.

32 Ma n kann natürlich bestreiten, daß sich auf diesem Wege die Erwartun- gen an eine Gesellschaftstheorie einlösen lassen. So Thomas Schwinn, Funktion und Gesellschaft: Konstante Probleme trotz Paradigmawech- sel in der Systemtheorie Niklas Luhmanns, Zeitschrift für Soziologie 24 (1995) , S. 196-214 . Abe r dann müßte genauer angegeben und begründet werden, was als Gesellschaftstheorie erwartet wird.

II. Methodologische Vorbemerkung

Ihrem Wissenschaftskonzept zufolge bezieht sich die Soziologie auf die soziale Realität, wie sie faktisch vorhanden ist. Norma- tive Fragen müssen dann aus dieser Realität heraus entwickelt, also nicht als Idealvorstellungen der Soziologie von außen an die Gesellschaft herangetragen werden. Das hat dazu geführt, die am Anfang des 19. Jahrhunderts noch übliche Konfrontierung von Ideal und Realität zu ersetzen durch die Doppelfrage: »Was ist der Fall?« und »Was steckt dahinter?«. 3 3 Nu r für die »Aufhe- bung« dieser Differenz spielen Idealkonstruktionen (etwa:

Emanzipation; oder: ein normativer Begriff von Rationalität) noch eine Rolle. Auf dieser Linie hat sich vo n Marx bis Haber- mas eine »kritische« Soziologie entwickelt, die Methodologie dadurch ersetzt, daß sie die Auffassungen ihrer (von ihr aus ge- sehenen) Gegner an ihren kritischen Ambitionen mißt. Dann steht aber das Urteil schon vor der Untersuchung fest. Diesen Strang wollen wir im folgenden nicht weiter verfolgen. Aber auch zu dem, was fachüblich als »empirische« Forschung behandelt wird, geraten wir in Distanz. 3 4 Die klassische Metho- dologie weist die Forscher an, sich so zu verhalten, als ob sie ein einziges »Subjekt« seien. Das ermöglicht, so hofft man, eine Fortführung der (logischen und ontologischen) Tradition, die von einer Unterscheidung von Denken und Sein ausging und im Denken das Sein zu erreichen suchte. Gewiß ist Übereinstim- mung ein lobenswertes Ziel, aber man darf auch fragen, was ver- loren geht, wenn man die Forschung an diesem Ziel ausrichtet.' Schließlich ist die moderne Gesellschaft, in der auch die For- schung zu arbeiten hat, ein polykontexturales System, das eine Mehrheit von Beschreibungen ihrer Komplexität zuläßt. Man wird daher von der Forschung kaum erwarten können, daß sie

33 Ausführlicher Niklas Luhmann, Was ist der Fall, was steckt dahinter? Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie, Zeitschrift für So - ziologie 22 (1993), S. 245-260. 34 Eine lehrreiche Skizze der Grenzen dieser Methodenvorstellungen findet man bei Karl E. Weick, Organizational Communication: Toward a Research Agenda, in: Linda L. Putnam / Michael E. Pacanowski (Hrsg.), Communication and Organizations: An Interpretive Ap - proach, Beverly Hills 1983, S. 13-29 .

der Gesellschaft eine monokontexturelle Beschreibung auf- zwingt - jedenfalls dann nicht, wenn es um Gesellschaftstheorie geht. Von einer konstruktivistischen Position aus gesehen kann die Funktion der Methodik nicht allein darin liegen, sicherzustellen, daß man die Realität richtig (und nicht irrig) beschreibt. Eher dürfte es um raffinierte Formen der systeminternen Erzeugung und Bearbeitung von Information gehen. Das heißt: Methoden ermöglichen es der wissenschaftlichen Forschung, sich selbst zu überraschen. Dazu bedarf es einer Unterbrechung des unmittel- baren Kontinuums von Realität und Kenntnis, von dem die Ge- sellschaft zunächst ausgeht. Die die soziologische Methodendiskussion dominierende Ge- genüberstellung von quantitativen und qualitativen Methoden lenkt von den eigentlichen Problemen eher ab. Sie läßt vor allem ungeklärt, wie man Distanz zum Gegenstand in Erkenntnisge- winn transformieren könne und wie man die Milieukenntnisse der sozial erfahrenen Teilnehmer (die auf Fragen antworten sol- len) in sozialer Kommunikation zugleich bestätigen und über- bieten könne. Daß die entsprechenden Äußerungen als »Daten« behandelt werden, gibt darauf natürlich keine Antwort. Die übliche Methodenempfehlung ist mit dem Begriff der Varia- ble formuliert und fragt nach Beziehungen zwischen Variablen, eventuell nach Korrelationen und nach den Bedingungen, von denen sie abhängen. 3 5 Für die projektförmig durchgeführte For- schung werden die wenigen Variablen, die man behandeln kann, als geschlossener Bereich aufgefaßt, und alles andere wird durch eine methodologisch eingeführte Fiktion als indifferent ange- setzt. Dabei wird ignoriert oder doch aus Methodengründen ausgeklammert, daß das Verhältnis von Einschließung und Aus- schließung durch die sozialen Systeme seihst geregelt ist; und daß

35 Eine skeptische Beschreibung dieses Begriffs hat ihrerseits Tradition. Vgl. z.B . Herbert Blumer, Sociological Analysis and the »Variable«, American Sociological Review 21 (1956) , S. 683-690. Andererseits führt der Verzicht auf diese Einschränkung zu einer Ar t Uberdetermination der Forschungsergebnisse, die es erschwert, wenn nicht unmöglich macht, zu generalisierbaren Resultaten zu kommen. De r entsprechende Schulenstreit dauert nun schon Jahrzehnte.

im übrigen der Sinngebrauch in sozialen Systemen immer auch Verweisungen auf Unbekanntes, auf Ausgeschlossenes, auf Un- bestimmbares, auf Informationsmängel und auf eigenes Nicht- wissen mitführt. 16 Das kann als Verweisung auf die Zukunft und auf in Aussicht stehende Bestimmungsmöglichkeiten geschehen (so in Husserls Phänomenologie), aber auch in der Form einer

Negativterminologie, die das, was sie bestimmt, nur negiert und dabei offenläßt, was statt dessen der Fall ist. Zwar wird wie zur Entschuldigung von »Kontext« gesprochen, der zu berücksich- tigen sei; aber das bleibt eine paradoxe Forderung, deren Erfül- lung ja dazu führen müßte, daß der »Kontext« in einen »Text« verwandelt wird. Vor allem aber wäre es, wenn man dem Begriff der Kommunikation eine theoretisch zentrale Bedeutung gibt, notwendig, das immer mitzuerheben, was nicht gesagt wird,

gesagt wird 3 7 ; denn im sozialen Verkehr werden die

wenn etwas

Reaktionen sehr häufig durch eine Mitreflexion des Nichtgesag- ten bestimmt sein. Will man der sozialen Realität gerecht wer- den, kann man aber nicht davon abstrahieren, daß alle dort ge- brauchten Sinnformen eine andere Seite haben, die einschließt, was sie für den Moment ihres Gebrauchs ausschließen. Wir wer- den versuchen, dies über den Sinnbegriff, aber auch über den Begriff der Form, den mathematischen Begriff des »re-entry«

einer Form in die Form und ganz grundsätzlich über einen dif- ferentialistischen Ansatz der Theorie zu berücksichtigen. Die geläufige Frage nach den Zusammenhängen von Variablen korrespondiert sehr gut mit handlungstheoretischen Gegen- standsvorstellungen. Dies allerdings nicht deshalb, weil Hand- lung ein besonders geeigneter Gegenstand für empirische For-

36 Fü r einen Überblick über neuere Interessen an diesen Fragen siehe Michael Smithson, Ignorance and Uncertainty: Emerging Paradigms, N e w York 1989. Im übrigen haben eher Linguisten als Soziologen Ver- ständnis dafür, daß bei der Benutzung von Sprache immer der Aus - wahlbereich und damit das Nichtgesagte mitaktualisiert wird. Siehe z. B. M.A.K . Halliday, Language as Social Semiotic: The Social Interpretation of Language and Meaning, London 1978 , z. B. S. $2 und öfter.

37 Hier mag denn auch einer der Gründe liegen, weshalb der Soziologie die Umstellung von Handlung auf Kommunikation schwer fällt.

schungen wäre. Gerade das kann man mit guten Gründen be- streiten. Aber Handlungen kann man sich leicht in Interaktions- zusammenhängen vorstellen, wenn man Max Weber folgt und der Handlung einen sozial gemeinten Sinn unterstellt. Die Mo- tive der Handelnden (und eventuell: ihre rational auswählende Struktur) dienen dann zur Erklärung der Formen, die Interak- tionen annehmen. Genau damit wird jedoch die andere Seite der Form ausgeblendet oder allenfalls als rational nicht wählbar mit- geführt. Die eine Gesellschaftstheorie primär interessierende Frage wäre jedoch, weshalb fast alle möglichen Handlungen und Interaktionen nicht zustande kommen. Sie liegen offensichtlich außerhalb des Schemas möglicher Motive und rationaler Kalku- lationen. Abe r wie bringt die Gesellschaft dies Aussortieren des doch Möglichen zustande? Wieso gehört es zum Sinn der For- men des sozialen Lebens, daß diese gewaltigen Überschüsse des Möglichen als unmarked space unbeachtet bleiben? Denkbar wäre zumindest, daß die gesellschaftlichen Strukturen nicht als Aggregate präferierter Handlungsmotive entstehen, sondern viel elementarer als Einschluß dieses Ausschlusses in die Form. Die Neigung des methodologischen Individualismus (ob zwangsläufig oder nicht), am Individuum abzufragen, was es weiß oder meint, und dann die entsprechenden Daten statistisch auszuwerten, greift prinzipiell am Phänomen der Kommunika- tion vorbei, denn Kommunikation findet ihren Anlaß ja typisch im Nichtwissen. 3 8 Man muß einschätzen können, welche Mittei- lungen für andere Information bedeuten, also etwas, was sie nicht oder nicht sicher wissen, ergänzen. Ebenso muß, umge- kehrt gesehen, jeder^Teilnehmer etwas nicht wissen, um Infor- mation aufnehmen zu können. Diese Rolle des Nichtwissens läßt sich nicht auf ein je individuelles Wissen des Nichtwissens anderer reduzieren. Es ist auch völlig unrealistisch, anzuneh- men, ein Individuum wisse, was es nicht wisse. 3 9 Vielmehr er-

Korrektu r am typischen

Vorgehen der Forschung über »artificial intelligence» siehe Bd . 8, Heft 1 (1994) der Revue internationale de systémique.

39 Al s theoretische Abschlußfigur ist eine solche Annahm e rasch zu wi- derlegen, obwohl jedermann in spezifischen Hinsichten natürlich fest- stellen kann, daß er etwas nicht weiß. Abe r das ist eine Frage des Ge -

38 Daz u bereits oben S.

37f . Fü r eine ähnliche

zeugt und testet die Kommunikation selbst das für ihren weite- ren Betrieb notwendige Nichtwissen. Sie lebt, könnte man auch sagen, von ungleich verteiltem Wissen/Nichtwissen. Sie beruht auf der Form des Wissens, die immer zugleich eine andere Seite des noch nicht Gewußten mitlaufen läßt. Un d ebenso muß jeder Teilnehmer abschätzen können, was überhaupt nicht gewußt werden kann, damit er vermeiden kann, erkennbar Unsinn zu reden. Es überrascht nach all dem nicht, daß die übliche Metho- dologie in ihren theoretischen Prämissen sich auf Handlung be- zieht - und nicht auf Kommunikation. Ein weiterer Punkt betrifft die methodologische Präferenz für möglichst einfache Erklärungen - einfach im Verhältnis zur Komplexität der Daten. Man weiß mindestens seit Poincaré 4 0 , daß es sich hierbei um eine Konvention ohne Rückhalt in der Realität handelt; eine Konvention also, mit der die Wissenschaft sich selbst bedient. Die Frage, was denn dadurch ausgeschlossen (also: als ausgeschlossen eingeschlossen) ist, hat die Soziologie nie wirklich beschäftigt; und zwar auch dor t nicht, wo sie sich darüber im klaren ist, daß Wissenschaft in der Gesellschaft be- trieben wird. Mit Poppers Falsifikationsmethodologie ist dies Problem nicht zu lösen. Es stellt sich bei Falsifikationsversuchen ebenso wie bei Verifikationsversuchen. Man könnte vermuten, ausgeschlossen sei das hinter allen erkennbaren Strukturen lie- gende Chaos, aber damit würde die Welt nur in erkennbar/un- erkennbar unterteilt. Eine andere, wohl überzeugendere Ant- wort wäre, daß dadurch die Gesellschaft selbst mit ihren anderen Möglichkeiten der Kommunikation ausgeschlossen, also von Interferenz in wissenschaftliche Wahrheitsproduktion abgehalten wird. Die Gesellschaft kann in sich selbst wissen- schaftliche Forschung nur vorsehen, wenn sie es der Forschung erlaubt, möglichst einfache (zum Beispiel mathematische) Er- klärungsmodelle auszuprobieren und weitere Forschungen ein- zustellen, wenn die Erklärung den methodologischen Anforde-

dächtnisses - sei es, daß man etwas sucht, wa s man vergessen hat; sei es, daß man glaubt, sich erinnern zu können, daß man etwas nie gewußt hat. 40 Vor allem: Henri Poincaré, La Science et l'Hypothèse, zitiert nach der Ausgabe Paris 1929.

rungen genügt; oder anderenfalls sich an komplexere Datenvor- gaben heranzuwagen. Dagegen ist sicher nichts zu sagen. Nur:

wenn es um eine Theorie der Gesellschaft geht, müßte diese Er- laubnis, sich selbst mit Hilfe von Konventionen Erfolge und Mißerfolge zu bescheinigen, als Eigenart des Gegenstandes der Forschung in die Forschung einbezogen werden. Man brauchte eine Theorie, die den methodologischen Rahmen der Forschung desavouiert. Derrida würde vielleicht sagen: dekonstruiert. Nach hundert Jahren Erfahrung mit der fachüblichen empiri- schen Forschung kann man (wenn man extrapolieren darf) sagen, daß man auf diesem Wege zwar durchaus makrosoziolo- gische Phänomene (wie zum Beispiel steigende/fallende Krimi- nalität, Migrationsbewegungen, Scheidungsraten) erfassen kann, aber nicht zu einer Theorie der Gesellschaft (als Gesamtheit aller sozialer Phänomene) gekommen ist, und daß die weiteren Aus- sichten nicht gerade günstig sind. Die Ambition der empirischen Forschung wurzelt in einem Vertrauen in das eigene Instrumen- tarium und in der Prämisse (dem »Vorurteil«), daß man mit die- sen Mitteln zur Realität kommen und nicht nur eigene Kon- struktionen validieren könne. Dem könnte man entgegenhalten, daß die Koinzidenz von Empirie und Realität ihrerseits empi- risch nicht feststellbar ist, also erkenntnistheoretisch als zufällig behandelt werden muß. Das muß nicht dazu führen, daß man Resultate empirischer Forschung nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Aber sie führen typisch zu stimulierenden Fragen (warum dies?, warum so?) und nicht zu Antworten im Sinne eines von da ab gesicherten Wissens, das nur durch den (aller- dings typisch zu erwartenden) sozialen Wandel außer Kraft ge- setzt werden könnte.

Wollten wir uns an dieser Alternative von kritischer und positi- ver (methodologisch »empirischer«) Soziologie orientieren, kämen wir in der bevorstehenden Aufgabe nicht sehr weit. Wir müssen nicht ablehnen (denn das würde nicht helfen). Wir müs- sen ergänzen. Sowohl im Faktischen als auch im Begrifflichen können hierzu Vorschläge gemacht werden. Was Fakten betrifft, so fällt auf, daß vieles bekannt ist und kei- ner weiteren empirischen Untersuchung bedarf; und auch: daß die bekannten Tatsachen oft viel gravierendere Konsequenzen haben als das, was der common sense schon weiß oder die

empirische Forschung feststellt. Es wäre also viel damit zu ge- winnen, könnte man Bekanntes aus ungewohnten, inkongruen- ten Perspektiven neu beleuchten oder anders kontextieren. 41 Aber dafür fehlt derzeit eine ausgearbeitete Methodologie, die stärker, als man im allgemeinen annimmt, vo n Theorieentwick- lungen abhängen dürfte. Die Begrifflichkeit einer Gesellschaftstheorie steht vor der Auf- gabe, ihr Komplexitätspotential zu steigern, nämlich mehr hete- rogene Sachverhalte mit denselben Begriffen zu interpretieren und dadurch Vergleichbarkeit von sehr verschiedenen Sachver- halten zu gewährleisten. Diese Absicht, selbst extrem Unglei- ches noch als vergleichbar zu behandeln, folgt der Methode des funktionalen Vergleichens. Sie schließt vor allem eine rein klas- sifikatorische Methode aus; denn Klassifikationen gehen ja davon aus, daß bei Ungleichheit eine andere Klasse in Frage kommt. Selbstverständlich werden wir nicht darauf verzichten, Sachverhalte allgemeinen Begriffen zuzuordnen, aber wir sehen in der Klassifikation, in einer Art Namengebung also, nicht die Form, mit der methodisches Bemühen um Erkenntnis stillge- stellt werden kann. Das methodische Desiderat des funktionalen Vergleichens spie- gelt Eigenarten der modernen Gesellschaft, und auch darin liegt ein Grund, sich theoretisch wie methodisch nicht länger auf Tra- ditionsvorgaben zu verlassen. Denn, wie wir ausführlich zeigen werden, ist die moderne Gesellschaft durch funktionale Auto- nomisierung und operative Schließung ihrer wichtigsten Teil- systeme charakterisiert. Ihre Funktionssysteme sind für eigene Selbstorganisation und Selbstreproduktion freigesetzt. Das aber heißt, daß das Gesamtsystem sich nicht mehr durch operative Kontrolle, sondern nur noch über strukturelle Auswirkungen ihrer Differenzierungsform auf die Teilsysteme zur Geltung

41 Vgl. hierzu auch Kenneth J. Gergen, Toward a Transformation in Social Knowledge, Ne w Yor k 1982, S. 103 f. nach einer vernichtenden Kritik der Vorgehensweise und der Resultate der üblichen empirischen Sozial- psychologie: »The theorist could succeed in furnishing the necessary lihkages with Observation language by drawing selectively f rom the store- house of >what everybody knows<«. Das methodologische Problem steckt natürlich im >selectively<.

bringen kann. Diese Einsicht führt zu methodologischen Kon- sequenzen: Weder Ideale noch Normen können den Ausgangs- punkt für methodologische Richtlinien (zum Beispiel: Approxi- mationsmessungen) bieten; denn das würde das Problem nur verschieben in die Frage, weshalb die Gesellschaft sich selbst mit Ideen belastet, denen sie nicht genügen kann, und wie sie solche Ideen auswählt. Statt dessen kann und muß man die Gesell- schaftsbedingtheit von Befunden dadurch nachweisen, daß man zeigt, daß und wie sich in völlig verschiedenartigen Funktions- bereichen (Familie und Politik, Religion und Wirtschaft, kogni- tive Wissenschaft und imaginative Kunst oder normatives Recht) dieselben Grundstrukturen nachweisen lassen. Das Argument lautet dann: solche Koinzidenzen können sich nicht zufällig ergeben; sie können und müssen auf die Form des Ge- sellschaftssystems zurückgeführt werden. Insofern hängen die folgenden Untersuchungen nicht nur theo- retisch, sondern auch methodologisch von sehr abstrakten Be- griffsentscheidungen ab. Die Gründe dafür liegen in einem zir- kulären Argument. Denn die soeben formulierten Annahmen über die Eigenart der modernen Gesellschaft und über das, was in diesem Zusammenhang als hinreichend evidente Tatsache be- handelt werden kann, sind natürlich abhängig von der Beobach- tungsweise und den Unterscheidungen, mit denen die Gesell- schaftstheorie sich selbst etabliert. Das kann nicht vermieden werden, denn schließlich muß die Gesellschaftstheorie in der Gesellschaft formuliert werden. Auch »Methodologie« bietet keine ab extra einführbaren, a priori hinzunehmenden Aus- gangspunkte. 4 2 Will man diesem Sachverhalt Rechnung tragen, so bleibt nur die Möglichkeit, theoriebautechnisch so transpa- rent wie möglich zu verfahren und Begriffe als Entscheidungen auszuweisen, die mit erkennbaren Folgen geändert werden kön- nen.

42 Anders wird oft im sogenannten »Pragmatismus« argumentiert in dem Bemühen, Theorierelativismus (Paradigmaverzicht, Pluralismus und all das) durch Festhalten an dem Erkenntnis sichernden Sinn von Metho- den auszugleichen. Siehe zum Beispiel Nicholas Rescher, Methodologi- cal Pragmatism: A Systems-theoretic Approach to the Theory of Know- ledge, Oxford 1977 .

III. Sinn

Was von Sinn zu halten ist, habe ich in mehreren Veröffent- lichungen zu klären versucht. 4 3 Im Kontext einer Gesellschafts- theorie müssen wir wenigstens kurz darauf zurückkommen, weil davon auszugehen ist, daß weder die Theorie noch die Ge- sellschaft selbst das überschreiten kann, was als Sinn immer schon vorausgesetzt sein muß. Denn ohne von Sinn Gebrauch zu machen, kann keine gesellschaftliche Operation anlaufen. Legt man das allgemeine Theoriemuster von »Autopoiesis« zu- grunde, widerspricht das Vorausgesetztsein von Sinn keines- wegs dem Erzeugtsein von Sinn im Netzwerk derjenigen Ope- rationen, die Sinn immer auch voraussetzen. Im Gegenteil: die Eigenart des Mediums Sinn ist ein notwendiges Korrelat der operativen Schließung von erkennenden Systemen. Sinn gibt es ausschließlich als Sinn der ihn benutzenden Operationen, also auch nur in dem Moment, in dem er durch Operationen be- stimmt wird, und weder vorher noch nachher. Sinn ist demnach ein Produkt der Operationen, die Sinn benutzen, und nicht etwa eine Weltqualität, die sich einer Schöpfung, einer Stiftung, einem Ursprung verdankt. 4 4 Es gibt demnach keine von der Realität des faktischen Erlebens und Kommunizierens abgehobene Ide- alität. Piaton hatte zwar recht, daß Ideen mit Gedächtnis zu- sammenhängen. Aber die Erinnerung führt nicht zurück zum eigentlichen, fast vergessenen Sinn des Seienden, seinen Wesens- formen, den Ideen; sondern das Gedächtnis konstruiert Struk- turen nur für momentanen Gebrauch zur Bewahrung von Se- lektivität und zur Einschränkung von Anschlußfähigkeit. Es ist

43 Vgl. Sinn als Grundbegriff der Soziologie, in: Jürgen Habermas / Niklas Luhmann , Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie - Was leistet die Systemforschung?, Frankfurt 1971 , S. 25-100 ; Soziale Systeme:

Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt 1984, S. 92-147 ; Com - plexity and Meaning, in: Niklas Luhmann, Essay s on Self-Reference,

N e w York 1990, S. 80-85.

44 Siehe auch Gilles Deleuze, Logique du sens, Paris 1969, z.B . S. 87ff.:

»L e sens est toujours un effet.«. »L e sens n'est jamais principe ou origine,

il est produit.« Das steht auch bei Deleuze in engem Zusammenhang mit

der These, daß Sinn nur durch Auflösung einer Paradoxie gewonnen werden kann.

eine Selbstillusionierung sinnkonstituierender Systeme, wenn sie meinen, zeitüberdauernde Identitäten habe es immer schon gegeben und werde es weiterhin geben, und man könne sich daher auf sie wie auf Vorhandenes beziehen. Alle Orientierung ist Konstruktion, ist von Moment zu Moment reaktualisierte Unterscheidung. Über diese Feststellung, die zunächst wie eine bloße Behaup- tung klingt (es gibt keinen Sinn außerhalb der Systeme, die Sinn als Medium benutzen und reproduzieren), gelangt man hinaus, wenn man sich eine Konsequenz operativer Schließung für die Beziehungen des Systems zu seiner operativ unerreichbaren Umwelt vor Augen führt. Lebende Systeme schaffen für ihre Zellen eine Sonderumwelt, die sie schützt und ihre Spezialisie- rung erlaubt, nämlich Organismen. Sie schützen sich durch ma- terielle Grenzen im Raum. Psychische und soziale Systeme bil- den ihre Operationen als beobachtende Operationen aus, die es ermöglichen, das System selbst von seiner Umwelt zu unter- scheiden - und dies obwohl (und wir müssen hinzufügen: weil) die Operation nur im System stattfinden kann. Sie unterschei- den, anders gesagt, Selbstreferenz und Fremdreferenz. Fü r sie sind Grenzen daher keine materiellen Artefakte, sondern For- men mit zwei Seiten.

Abstrakt gesehen handelt es sich dabei um ein »re-entry« einer Unterscheidung in das durch sie selbst Unterschiedene. Die Differenz System/Umwelt kommt zweimal vor: als durch das System produzierter Unterschied und als im System beobachte- ter Unterschied. Mit dem Begriff des »re-entry« zitieren wir zu- gleich angebbare Konsequenzen, die Georg e Spencer Brow n als Schranken eines auf Arithmetik und Algebra beschränkten ma- thematischen Kalküls dargestellt hat. 4 5 Das System wird für sich selbst unkalkulierbar. Es erreicht einen Zustand von Unbe- stimmtheit, der nicht auf die Unvorhersehbarkeit von Außen- einwirkungen (unabhängige Variable) zurückzuführen ist, son- dern auf das System selbst. Es braucht deshalb ein Gedächtnis, eine »memory function«, die ihm die Resultate vergangener Selektionen als gegenwärtigen Zustand verfügbar machen (wobei Leistungen des Vergessens und des Erinnerns eine Rolle

45

Siehe Law s of Form, Neudruck Ne w York 1979, insb. S. 56fr.

spielen). 4 6 Un d es versetzt sich selbst in de n Zustand des Oszil- lierens zwischen positiv und negativ gewerteten Operationen und zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz. 4 7 Es konfron- tiert sich selbst mit einer für es selbst unbestimmbaren Zukunft, für die gleichsam Anpassungsreserven für unvorhersehbare Lagen gespeichert sind. Das für das System selbst sichtbare Resultat dieser Konsequen- zen des re-entry soll im Folgenden mit dem Begriff »Sinn« be- zeichnet werden. Akzeptiert man diese Theoriedisposition, kann man nicht von einer vorhandenen Welt ausgehen, die aus Dingen, Substanzen, Ideen besteht, und auch nicht mit dem Weltbegriff deren Ge - samtheit (universitas rerum) bezeichnen. Fü r Sinnsysteme ist die Welt kein Riesenmechanismus, der Zustände aus Zuständen produziert und dadurch die Systeme selbst determiniert. Son- dern die Welt ist ein unermeßliches Potential für Überraschun- gen, ist virtuelle Information, die aber Systeme benötigt, um In- formation zu erzeugen, oder genauer: um ausgewählten Irritationen den Sinn von Information zu geben. 4 8 Folglich muß jegliche Identität als Resultat von Informationsverarbeitung oder, wenn zukunftsbezogen, als Problem begriffen werden. Identitäten »bestehen« nicht, sie haben nur die Funktion, Re- kursionen zu ordnen, so daß man bei allem Prozessieren von Sinn auf etwas wiederholt Verwendbares zurück- und vorgrei-

46 Kybernetiker würde n hier von Wiedereinführung des Outpu t als Input in dasselbe System sprechen.

47 Mit dieser Unterscheidung gehen wir aus Gründen, die in der System- theorie liegen, über Spencer Brown hinaus.

48 Ob dies auch für sinnfrei operierende, aber diskriminierfähige lebende Systeme gilt, wird diskutiert. Siehe z.B . Madeleine Bastide / Agnès La - gache / Catherine Lemaire-Misonne, Le paradigme des signifiants:

Schème d'information applicable en Immunologie et en Homéopathie, Revue internationale de systémique 9 (1995) , S. 237-249 . Siehe die For- mulierung: »L a structure vivante est capable de recevoir l'objet séman- tique non pas comm e objet matériel affectant le soi, mais comme infor- mation sur cet objet, appelant dès lors le traitement et la régulation active par l'ensemble du Systeme.« (241 ) Nu r so läßt sich die Anwen - dung des Begriffs der Information auf lebende Systeme begründen.

fen kann. Das erfordert selektives Kondensieren und zugleich

konfirmierendes Generalisieren von etwas, was irn Unterschied

zu anderem als Dasselbe bezeichnet

Daß sinnhafte Identitäten (empirische Objekte, Symbole, Zei- chen, Zahlen, Sätze usw.) nur rekursiv erzeugt werden können, hat weitreichende epistemologische Konsequenzen. Einerseits wir d dadurch klar, daß der Sinn solcher Entitäten weit über das hinausreicht, was im Moment einer Beobachtungsoperation er- faßt werden kann. Andererseits heißt dies gerade nicht, daß es solche Gegenstände immer schon und auch dann »gibt«, wenn sie nicht beobachtet werden. Unterhalb der Prämissen der tradi- tionellen logisch-ontologischen Realitätsauffassung wird eine weitere Ebene, ein weiteres operatives Geschehe n sichtbar, das Gegenstände und Möglichkeiten, sie zu bezeichnen, überhaupt erst konstituiert. Soweit Rekursionen auf Vergangenes verwei- sen (auf bewährten, bekannten Sinn), verweisen sie nur auf kon- tingente Operationen, deren Resultate gegenwärtig verfügbar sind, aber nicht auf fundierende Ursprünge. Soweit Rekursio- nen auf Künftiges verweisen, verweisen sie auf endlos viele Be- obachtungsmöglichkeiten, also auf die Welt als virtuelle Realität, von der man noch gar nicht wissen kann, ob sie jemals über Be- obachtungsoperationen in Systeme (und in welche?) eingespeist werden wird. Sinn ist demnach eine durch und durch historische Operationsform, und nur ihr Gebrauch bündelt kontingente Entstehung und Unbestimmtheit künftiger Verwendungen. Alle Festlegungen müssen dieses Medium benutzen, und alle Ein- schreibungen in dieses Medium haben keinen anderen Grun d als ihre durch Rekursionen abgesicherte Faktizität. In der kommunikativen Erzeugung von Sinn wird diese Rekur- sivität vor allem durch die Worte der Sprache geleistet, die in einer Vielzahl von Situationen als dieselben verwendet werden

werden kann. 4 9

49 In der Transzendentalen Phänomenologie Husserls bestünde das me- thodische Korrelat in der Unterscheidung von phänomenologischer Reduktion, die nur die Seinsprätention in Bewußtsein auflöst, und der eidetischen Reduktion, die das festhält, was sich in Variationen als Iden- tisches zeigt. Vgl. Edmund Husserl, Ideen zu einer reinen Phänomeno- logie und phänomenologischen Philosophie Bd . i, Husserliana Bd. III, Den Haag 1950 , insb. S. I36ff.

können. 5 0 Darüber hinaus gibt es aber auch Objekte, die als wahrnehmbare Dinge mit sozialem Sinn angereichert werden können, so daß sie eine nicht auf Sprache angewiesene Koordi- nationsfunktion erfüllen können - man denke an Sakralobjekte oder an Personen in Trance-Zuständen (Propheten, »Medien«), denen Geist-Besessenheit zugeschrieben wird; an Könige, an Münzen, an Fußbälle. Auch die besondere Art, wie »Heimat«

identifiziert wird, läßt sich nicht allein auf Sprache zurück- führen und deshalb sprachlich auch nicht angemessen aus-

gilt für die Ordnung vo n Raumverhältnissen

durch Architektur oder für den Sinn von Handlungen. Immer geht es um die Grundfunktion der Ordnung von im Moment (und nur im Moment) verfügbaren Rekursionen. Im selbstkonstituierten Medium Sinn ist es unerläßlich, Opera- tionen an Unterscheidungen zu orientieren. Nu r so läßt sich die für Rekursionen erforderliche Selektivität erzeugen. 5 1 Sinn be- sagt, daß an allem, was aktuell bezeichnet wird, Verweisungen auf andere Möglichkeiten mitgemeint und miterfaßt sind. Jeder bestimmte Sinn meint also sich selbst und anderes. 5 2 Das heißt auch, daß es der Dingerfahrung widerspräche, wollte man an-

drücken. Dasselbe

50 So versteht man auch den »linguistic turn« der Philosophie als Korrelat einer gesellschaftlichen Entwicklung, die der Substanzontologie und ihrem transzendentalen Refugium die Plausibilität entzieht. Das impli- ziert zugleich einen Übergang von Was-Fragen zu Wie-Fragen, die Pro- blematisierung der Übersetzbarkeit von Sprachen und allgemein die seit Saussure gesehene Notwendigkeit, Identitäten durch Differenzen zu er- setzen.

$ 1 Das muß nicht schon gleich im Sinne des »omnis determinatio est nega- tio« verstanden werden. Negation ist ja immer eine spezifische Opera- tion, die die Identität des zu Negierenden, das man auch affirmieren könnte, voraussetzt. Wi r bewegen uns noch im Vorfeld der bereits spe- zifischen Unterscheidung von positiver und negativer Sinnverarbeitung, und Unterscheidung selbst besagt gerade die mitkonstituierende Rele- vanz des Nichtbezeichneten.

52 Die Ausnahme, die die Tradition anbietet, ist der Begriff Gottes. Siehe für dessen Akzeptanz außerhalb der Theologie z. B. Thomas Browne, Religio Medici (1643), zit. nach der Ausgabe der Everyman's Library- London 1965 , S. 40, 79. Eben deshalb muß es sich bei »Gott« um einen außerordentlichen Begriff handeln.

nehmen, das Ding würde verschwinden, wenn man es aus dem Aug e lassen und sich anderem zuwenden würde (denn dann würde man ja nie riskieren können loszulassen). Sinn ist in allem, was aktualisiert wird, als Weltverweisung co-präsent, und zwa r aktuell appräsentiert. Da s schließt auch die Verweisun g auf die Bedingungen eigenen Könnens, eigenen Erreichen-Könnens und deren Grenzen in der Welt ein. Selbst die Unterscheidung aktuell/möglich kann noch als sinnhaft bezeichnet werden, indem man zum Beispiel nach ihrer Funktion in der Phänome- nologie der Welt fragt und damit den Blick auf funktionale Äquivalente, also auf andere Möglichkeiten öffnet. Was mit der Sinnthese ausgeschlossen ist, ist nur der Gegenfall absoluter Leere, Nichtheit, das Chaos im ursprünglichen Sinne des Wor- tes und auch der Weltzustand des »unmarked State « im Sinne von Spencer Brown. Aber zugleich reproduziert alles sinnhafte Operieren immer auch die Anwesenheit dieses Ausgeschlosse- nen 5 3 , denn die Sinnwelt ist eine vollständige Welt, die das, was sie ausschließt, nur in sich ausschließen kann. Auc h »Unsinn« kann daher nur im Medium Sinn, nur als Form von Sinn gedacht und kommuniziert werden. 5 4 Alle Negation potentialisiert 5 5 und bewahrt damit, was sie explizit negiert, und re-etabliert damit auch jenen unmarked space, in den sich jede, auch die negie- rende Operation durch eine Unterscheidung einkerbt. Darüber, wie Sinn funktioniert, lassen sich Aussagen machen mit Hilfe spezifischer, genau darauf bezogener, Sinn definieren- der Unterscheidungen. Man kann Sinn phänomenologisch be- schreiben als Verweisungsüberschuß, der von aktuell gegebenem Sinn aus zugänglich ist. Sinn ist danach - und wi r legen Wert auf die paradoxe Formulierung - ein endloser, also unbestimmbarer

53 Diese auf Politik gemünzte Formulierung bei Bernard Wulms, Politik als Erste Philosophie oder: Was heißt radikales politisches Philosophie- ren?, in: Volker Gerhard (Hrsg.), De r Begriff der Politik: Bedingungen und Gründe politischen Handelns, Stuttgart 1990, S. 252-26 7 (260, 265 f.).

54 So auch Deleuz e a.a.O . S. 83 ff. Non-sen s reflektiere nur das, was Deleuze (S. 87) dann »donation du sens« nennt.

55 Zu diesem Begriff Yves Barel, Le paradoxe et le système: Essai sur le fantastiqu e social , 2 . Aufl . Grenobl e 1989 , S . 7 1 f., 18 5 f., 302f .

Verweisungszusammenhang, der aber in bestimmter Weise zu- gänglich gemacht und reproduziert werden kann. 5 6 Man kann die Form von Sinn bezeichnen als Differenz von Aktualität und Möglichkeit und kann damit zugleich behaupten, daß diese und keine andere Unterscheidung Sinn konstituiert. Man hat dem- nach, wenn man über Sinn spricht, etwas Greifbares (Bezei- chenbares, Unterscheidbares) im Sinn; und das heißt auch, daß mit der Sinnthese eingeschränkt wird, was dann noch über Ge - sellschaft ausgemacht werden kann. Gesellschaft ist ein sinn- konstituierendes System. Die Modalisierung der Aktualität durch die Unterscheidung aktuell/möglich bezieht sich auf den Sinn, der jeweils in den Systemoperationen aktualisiert wird. Sie ist doppelt asymme- trisch gebaut; denn auch der aktualisierte Sinn ist und bleibt möglich und der mögliche Sinn aktualisierbar. In der Unter- scheidung ist demnach ein »re-entry« der Unterscheidung in das durch sie Unterschiedene mitvorgesehen. Sinn ist also eine Form, die auf beiden Seiten eine Copie ihrer selbst in sich selbst enthält. Das führt zur Symmetrisierung des zunächst asymme- trisch gegebenen Unterschiedes von aktuell und möglich 5 7 , und folglich erscheint Sinn als weltweit überall dasselbe. Re-asym- metrisierungen sind möglich, ja fürs Beobachten erforderlich, aber sie müssen durch weitere Unterscheidungen eingeführt werden, zum Beispiel durch die Unterscheidung System/Um- welt oder durch die Unterscheidung Bezeichnendes/Bezeichne- tes.

Sinnverwendende Systeme sind schon durch ihr Medium Systeme, die sich selbst und ihre Umwelt nur in der Form von Sinn, und das heißt: mit re-entry der Form in die Form beob- achten und beschreiben können. Es gibt keine psychischen und sozialen Systeme, die im Medium Sinn nicht zwischen sich selbst und anderem unterscheiden könnten (welche Freiheiten

56 Das schließt im übrigen diese Aussage selbst ein. Auch über »endlos« oder »unbestimmbar« kann nur in bestimmter Weise gesprochen wer- den, nämlich im Kontext bestimmter (und nicht anderer) Unterschei- dungen wie unendlich/endlich oder unbestimmt/bestimmt.

57 Vgl. Louis H. Kauffman, Self-reference and Recursive Forms, Journal of Social and Biological Structures 10 (1987), S. 53-7 2 (58L).

immer dann in Fragen der Kausalzurechnung aktualisiert wer- den mögen). Un d konkreter: von Moment zu Momen t wird das re-entry genutzt, wird aktuelle Sinnbehandlung reproduziert und dabei auf Mögliches vorgegriffen. Aktualität ist so gleich- sam die Schiene, auf der immer neue Systemzustände projektiert und realisiert werden. Daher erscheint die Aktualität dem System als momentane Gegenwart und, vermittelt über Selbst- thematisierung, zugleich als (wie immer prekäre) Dauer. Und es gibt für solche Systeme kein Ausweichen vor den strukturellen Konsequenzen eines re-entry, vor allem der Selbstüberlastung mit Möglichkeiten, die durch keine Beobachtung oder Beschrei- bung eingeholt werden und nur als Selektivität beobachtet wer- den können. Eine historisch viel benutzte Form des Umgangs mit dieser Selbstüberforderung mißt das System an Ideen (zum Beispiel der Perfektion), die es nicht verwirklichen kann. Systeme, die im Medium Sinn operieren, können, ja müssen Selbstreferenz und Fremdreferenz unterscheiden; und dies in einer Weise, bei der mit der Aktualisierung von Selbstreferenz immer auch Fremdreferenz und mit der Aktualisierung von Fremdreferenz immer auch Selbstreferenz als die jeweils andere Seite der Unterscheidung mitgegeben ist. Alle Formenbildung im Medium Sinn muß deshalb systemrelativ erfolgen, gleichgül- tig ob der Akzent im Moment auf Selbstreferenz oder auf Fremd- referenz liegt. Erst diese Unterscheidung ermöglicht Prozesse, die man üblicherweise als Lernen, als Systementwicklung, als evolutionären Aufbau von Komplexität bezeichnet. Und sie er- möglicht es auch, von zwei operativ sehr verschiedenen sinn- konstituierenden Systemen auszugehen, die sich über Bewußt- sein bzw. über Kommunikation reproduzieren, damit jeweils eigene Ausgangspunkte für die Unterscheidung von Selbstrefe- renz und Fremdreferenz erzeugen und sich trotzdem über vor- ausgesetzte bzw. aktualisierte Fremdreferenz immer aufeinander beziehen: psychische Systeme und soziale Systeme. Als Universalmedium aller psychischen und sozialen, aller be- wußt und kommunikativ operierenden Systeme regeneriert Sinn mit der Autopoiesis dieser Systeme anstrengungslos und wie von selbst. Schwierig ist es dagegen, Unsinn zu erzeugen, da die Bemühung darum schon wieder Sinn macht. Man kann dieses Problem an den Versuchen mit einer non-sense-Kunst verfol-

gen. 5 8 Möglich ist Unsinnsproduktion nur, wenn man einen engeren Begriff des Sinnvollen (zum Beispiel: des alltäglich Üblichen, des Erwartbaren) bildet und dann Unsinn davon unterscheidet. Ahnliches gilt, wenn man durch angestrengte Bemühungen etwas besonders »Sinnvolles« zustandebringen will und dann möglicherweise die Sinnlosigkeit aller Bemühun- gen darum zu spüren bekommt. 5 9 In das allgemeine unnegier- bare Medium Sinn können also sekundäre positiv/negativ-Zäsu- ren eingebracht werden; aber das bringt es unausweichlich mit sich, daß eine solche Unterscheidung als Unterscheidung dann wieder Sinn hat und Sinn reproduziert. Man kann deshalb zwar Sinn als Form bezeichnen, indem man Sinn von Unsinn unter- scheidet und ein Kreuzen der Grenz e ermöglicht; aber das kann nur in der Weise geschehen, daß die Unterscheidung Sinn/Un- sinn im Moment ihrer Verwendung Sinn annimmt und damit Sinn als Medium aller Formbildungen reproduziert. 6 0 Daß Sinn als »Eigenbehavior« 6 ' bestimmter Systeme entsteht und reproduziert wird, ergibt sich daraus, daß diese Systeme (also: Bewußtseinssysteme und Sozialsysteme) ihre Letztele- mente als Ereignisse produzieren, die zeitpunktbezogen entste- hen und sofort wieder zerfallen, die keine Dauer haben können und jeweils zum ersten und zum letzten Male vorkommen. Es handelt sich um temporalisierte Systeme, die Stabilität nur als dynamische Stabilität, nur durch die laufende Ersetzung von vergehenden Elementen durch neue, andere Elemente gewinnen können. Ihre Strukturen müssen darauf eingestellt sein. Die je- weils aktuelle Gegenwart ist kurz und so ausgelegt, daß in ihr

58 Vgl. Winfried Menninghaus, Lo b des Unsinns: Über Kant, Tieck und Blaubart, Frankfurt 1995.

59 Vgl. hierzu Alois Hahn, Sinn und Sinnlosigkeit, in: Hans Haferkamp / Michael Schmid (Hrsg.), Sinn, Kommunikation und soziale Differen- zierung: Beiträge zu Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt 1987, S. 155-164.

60 Wi r beantworten hiermit zugleich die alte Frage, ob es ein Sinnkriterium gibt, das es ermöglicht, Sinnhaftes und Sinnloses zu unterscheiden und ob, wenn ja, dieses Kriterium selbst sinnhaft oder sinnlos ist.

61 Im Sinne von Heinz von Foerster, Observing Systems, Seaside Cal. 1981 , S. 27 3 ff.

alles, was überhaupt geschieht, gleichzeitig geschieht. 6 2 Sie ist

noch nicht eigentlich Zeit. Sie wir d aber zu r Zeit , wen n sie als Trennung eines »Vorher« und eines »Nachher«, einer Vergan- genheit und einer Zukunft aufgefaßt wird. Sinn erscheint daher in der Zeit und kann jederzeit auf zeitliche Unterscheidungen umschalten, das heißt: Zeit benutzen, um Komplexität zu redu- zieren, nämlich Vergangenes als nicht mehr aktuell und Künfti- ges als noch nicht aktuell zu behandeln. 63 Wenn (nur wenn!) diese Unterscheidung angewandt wird, kann man über Vergan- genheit Redundanzen erzeugen und über Zukunft Varietät; und

Gegenwart präsent machen. 6 4 Temporali-

sierung der Gegenwart ist aber nur eine unter anderen Möglich- keiten, sinnhaft (nämlich durch spezifische Unterscheidungen) mit Varietät umzugehen. Vorrangig ist die Gegenwart, diejenige Seite der For m von Sinn, die im Unterschied zur anderen Seite dieser Form oben als Aktualität bezeichnet worden ist. Die an- dere Seite ist dann all das, was von hier aus zugänglich ist, sei es unmittelbar und real, sei es nur möglicherweise, sei es im Voll- zug von Wahrnehmungen, sei es nur gedanklich oder imaginativ. Man könnte in loser Anlehnung an Spencer Brown die Innen- seite der Form als Attraktor der Operation von ihrer Außenseite unterscheiden. 6 5 Sinnhaftes Operieren heißt dann, daß alle Ope- rationen auf der Innenseite der Form, also aktuell stattfinden (oder eben: nicht stattfinden); daß aber genau dazu eine andere Seite der Form, eben die Außenseite als ein ins Unendliche ge-

erzeugen heißt: in der

62 Dazu näher: Niklas Luhmann, Gleichzeitigkeit und Synchronisation, in ders., Soziologische Aufklärung Bd. 5, Opladen 1990, S. 95-130 .

63 Diese Möglichkeit besteht unabhängig von Zeitmessungen; aber Zeit- messungen können zusätzlich eingeführt werden, um Distanzen zur Gegenwart zu bestimmen und damit die nicht mehr / noch nicht aktu- elle Relevanz zeitferner Ereignisse genauer abschätzen zu können.

64 Wi r merken hier vorgreifend schon an, daß diese Zeitform der Vermitt- lung von Redundanz und Varietät in der Neuzeit größte Bedeutung ge- winnt, weil die naturale Absicherung von Redundanzen über Notwen- digkeiten und Unmöglichkeiten mehr und mehr aufgegeben werden muß und zugleich die unkoordinierte Irritierbarkeit gesellschaftlicher Kommunikation, also Varietät, zunimmt.

65 Siehe George Spencer Brown, Law s of Form, Neudruck Ne w York 1979, S. 5.

hender Raum anderer Möglichkeiten erforderlich ist, wenn es denn Sinn sein soll. Daß die Zeitdimension von Sinn jederzeit unterscheidungsrele- vant werden kann, hat erhebliche Auswirkungen auf soziale Verhältnisse. Die Zeitdimension verhindert die dinghafte Verfe- stigung der Sozialdimension. Andere können im nächsten Mo - ment anders beobachten, sie sind innerhalb der Sachdimension von Sinn zeitlich beweglich. Das Ausmaß, in dem Gesellschaf- ten dies zugestehen, variiert historisch mit der Komplexität des Gesellschaftssystems - leicht nachzuprüfen, wenn man den Zusammenhang der Ding-Semantik (»res«), der zweiwertigen Logik, der Behandlung abweichender Meinung als Irrtum und der Absonderung eines besonderen Meinungswissens als bloßer döxa/opinio in der alteuropäischen Tradition bedenkt, während heute sehr viel stärker von der Zeitbedingtheit aller Einstellun- gen zur Welt ausgegangen wird. Wenn jede Operation ein zeitpunktabhängiges Ereignis ist, das verschwindet, sobald es aktualisiert ist, und folglich durch ein anderes Ereignis ersetzt werden muß, wen n überhaupt eine Se- quenz von Operationen, also ein System Zustandekomme n soll (was nicht sein muß!), erfordert jeder Fortgang des Operierens ein Kreuzen der Grenze der Form, nämlich einen Übergang zu etwas auf der anderen Seite, was vorher nicht bezeichnet war. Wir kümmern uns hier nicht um die logischen bzw. mathemati- schen Probleme dieses »crossing« (Spencer Brown), sondern halten nur fest, daß dazu eine Selektion erforderlich ist, die das, was auf der anderen Seite möglich ist und möglich bleibt, auf eine spezifische, bezeichnungsfähige Aktualität reduziert. Wozu erneut eine andere Seite der Form, ein Überschuß von Verwei- sungen, eine Welt voller nicht zugleich aktualisierbarer Mög- lichkeiten erforderlich ist. Das Sequenzieren der Operationen hält also das Gesamt von Potentialitäten co-präsent, führt es nur mit, regeneriert es dadurch als Welt, ohne welche es nie zu einer Selektion weiterer Operationen, nie zu einer Reproduktion des operierenden Systems kommen könnte. Sinn kann, verkürzt ge- sagt, nur als Form reproduziert werden. Die Welt selbst bleibt als stets mitgeführte andere Seite aller Sinnformen unbeobacht- bar. Ihr Sinn kann nur in der Selbstreflexion des Formgebrauchs sinnhafter Operationen symbolisiert werden.

Das Problem dabei ist, daß Sinn bei aller Deutlichkeit (oder Un- deutlichkeit), Aufdringlichkeit und faktischen Unbezweifelbar- keit der momentanen Aktualisation (hier denkt man natürlich sofort an Descartes) die Welt des von hier aus Zugänglichen nur als Verweisungsüberschuß, also als Selektionszwang repräsen- tieren kann. Das aktuell Appropriierte ist sicher 6 6 , aber instabil, die andere Seite der Sinnform ist stabil, aber unsicher, weil alles davon abhängt, was im nächsten Moment intendiert sein wird. Die Einheit des Gesamts der Möglichkeiten und erst recht natürlich die Einheit der Form selbst, also die Einheit von Aktualität und Potentialität, kann nicht wiederum aktualisiert werden. Statt Welt zu geben, verweist Sinn auf selektives Pro- zessieren. Und das gilt selbst dann (wie wir noch sehen werden), wenn in der Welt Weltbegriffe, Weltbeschreibungen, weltreferie- rende Semantiken gebildet werden, denn auch dies muß in einer sinnhaften Operation geschehen, die das, was sie bezeichnet, von etwas anderem unterscheidet (etwa: als Sein vom Seienden). Aktualisierter Sinn ist ausnahmslos selektiv zustandegekommen und verweist ausnahmslos auf weitere Selektion. Seine Kontin- genz ist notwendiges Moment sinnhaften Operierens. All dem liegt die nur als Paradox faßbare, operativ funktionie- rende, aber nicht beobachtbare Einheit des Unterschiedenen voraus. 6 7 Mit den beiden Seiten seiner Form kann und muß Sinn zugleich funktionieren, anders ist seine operative Verwendung zur Bezeichnung von etwas (und nichts anderem) nicht möglich. Auch für Sinn in jedem Sinne gilt, daß er nur durch Aktualisie- rung einer Unterscheidung bezeichnet werden kann, die etwas Nichtbezeichnetes als die andere Seite der Unterscheidung mit- führt. Man kann natürlich auch die Unterscheidung Aktua- lität/Potentialität selbst bezeichnen (wir tun es soeben), aber dies nur durch eine weitere Unterscheidung, die diese Unter- scheidung von anderen unterscheidet und in der Welt lokalisiert. So können sinnhaft prozessierende Systeme durchaus sich vor- stellen bzw. kommunizieren, daß es andere Systeme gibt, für die

66 Dies sowohl im alteuropäischen als auch im später subjektivierten Sinn von »securus«. Speziell hierzu Emil Winkler, Sécurité, Berlin 1939 .

67 Siehe auch Niklas Luhmann, The Paradoxy of Observing Systems, Cul- tural Critique 31 (1985), S. 37-55 .

es keinen Sinn gibt, zum Beispiel Steine. Abe r auch dies geht nur mit einer darauf zugeschnittenen Unterscheidung, also nur in der Form von Sinn. Sinnhaft operierende Systeme bleiben an ihr Medium Sinn gebunden. Es allein gibt ihnen Realität in der Form der sequentiellen Aktualisierung eigenen Operierens. Sie können sinnfrei existierende Systeme nicht verstehen und auch nicht simulieren. Sie bleiben auf Sinn als für sie spezifische Form der Reduktion von Komplexität angewiesen. Während diese Verwendung einer Unterscheidung zwangsläufig erfolgt und nicht zu vermeiden ist, erfolgt die Feststellung eines Unterschiedes explizit. Sie setzt sichtbare Selektion voraus und ist gegebenenfalls begründungsbedürftig. Sprachlich kann und wird daher die in jedem Satzteil mitlaufende Unterscheidung nicht zum Ausdruck gebracht, und es bleibt oft unklar, wovon zum Beispiel ein Apfel unterschieden wird, wenn von ihm die Rede ist. Die Feststellung eines Unterschieds wird dagegen deutlich markiert und zur Dirigierung der weiteren Kommuni- kation eingesetzt. 68 Aber selbstverständlich: auch dies im Me- dium Sinn.

Daß alles Beobachten auf Unterscheidungen angewiesen ist, er- klärt den Sinnreichtum der Welt. Denn man kann das, was man bezeichnet, identifizieren, indem man es immer wieder anderen Unterscheidungen aussetzt. So können verschiedene Beobach- tungen verschiedener Beobachter koordiniert, und zwar gerade in ihrer Verschiedenheit koordiniert werden. Das gilt für Unter- schiede in der Zeitdimension wie in der Sozialdimension, es gilt für ein Auswechseln der jeweils benutzten Unterscheidungen im Nacheinander ebenso wie für die Focussierüng verschiedener Beobachter auf Dasselbe. Die ontologische Metaphysik der Tradition hatte dem freien Lauf gelassen - aber gedeckt durch die Annahme transzendenter Grenzwerte. Das Seiende wurde unter der Form des Dings be- griffen. Die Zeit wies auf einen »Ursprung« (arche, origo, prin- cipium, Quelle, Grund etc.), der bei allem Wechsel der laufend

68 Hier könnten Überlegungen anschließen, die die Spezialisierung der Wissenschaft auf (ungewöhnliche) Vergleiche betreffen, seien es quanti- tative, seien es funktionale. Dabei geht es um Markierung von Unter- schieden im Bereich des noch Vergleichbaren.

aktualisierten Unterscheidungen derselbe blieb (und zwar je- weils gegenwärtig derselbe). Und dieser Ursprung war letztlich Gott als das einzige sich nicht durch Unterscheidungen definie- rende Wesen. 6 9 Die Radikalisierung des Sinnbegriffs als Medium für ein unterscheidungsabhängiges Beobachten erlaubt eine Auflösung dieser Prämissen. In allen Sinndimensionen kann die Welt jetzt begriffen werden als der Rahmen (oder mit Husserl:

der Horizont), der ein Auswechseln der Unterscheidungen er- laubt, mit denen man Dasselbe beobachtet. Das setzt aber vor- aus, daß die Welt nicht mehr als Gesamtheit der Dinge und ihrer Beziehungen begriffen wird, sondern als das Unbeobachtbare schlechthin, das mit jedem Wechsel der Unterscheidungen re- produziert wird. Jede Unterscheidung repräsentiert dann Welt, indem ihre andere Seite das mitführt, was im Moment nicht bezeichnet wird. »Distinction is perfect continence«, heißt es lapidar bei Spencer Brown. 7 0 Unterscheidungen üben Selbstbeherrschung, sie erspa- ren sich externe Referenzen, da sie sie als andere Seite immer schon enthalten. Sie enthalten Enthaltsamkeit. Schon insofern kann die Sinn-Form sich selbst nie sprengen. Aber in ihrem be- sonderen Fall gilt zusätzlich, daß sie selbst sich nur in Selbstan- wendung, also nur »autologisch« unterscheiden läßt. Sie ist das absolute Medium ihrer selbst. Das schließt es nicht aus, weitere Schritte zu tun, die zu den fol- genden Analysen der Gesellschaftstheorie überleiten. Wir grei- fen dafür auf die Paradoxie des Unterscheidens zurück, die ih- rerseits das »perfect continence« sichert. Als operative Einheit aus Unterscheidung und Bezeichnung ist Sinn eine Form, die sich selbst enthält, nämlich die Unterscheidung von Unterschei- dung und Bezeichnung. Eine Form ist letztlich eine Unterschei- dung, die in sich selbst als Unterschiedenes wiedervorkommt. Aus einer solchen Situation kommt man nur durch einen Sprung, durch eine Entparadoxierungsanweisung, durch Ver- deckung der Paradoxie durch eine weitere Unterscheidung her-

69 Alle anderen Wesen sind »something but by distinction«, heißt es bei Thomas Browne, Religio medici (1643), zit. nach der Ausgabe der Everyman's Library, London 1965, S. 40.

70 A.a.O. S. 1.

aus. Dafür haben Russell und Tarski bekanntlich die Unter- scheidung von Typen bzw. Ebenen vorgeschlagen. Das mag (trotz aller inzwischen geläufigen Kritik) für Zwecke der Logik und der Linguistik brauchbar sein. Spencer Brow n hilft sich mit einem Ignorieren des Ausgangsparadoxes un d führt seinen Kal- kül auf Grund einer Anweisung (»draw a distinction«) durch bis zu dem Punkt, an dem die Möglichkeit eines imaginären »re-entry« der Form in die Form auftaucht. 7 1 Angewandt auf die spezifische For m von Sinn, nämlich die Dif- ferenz von Aktualität und Potentialität, heißt dies, daß Sinn nur durch ein re-entry der Form in die Form operationsfähig wird. Die Innenseite der Form muß dieses re-entry aufnehmen kön- nen. Der Unterschied von momentaner Aktualität und offener Möglichkeit muß selbst aktuell für Bewußtsein und/oder Kom- munikation verfügbar sein. Man muß aktuell schon sehen kön- nen, wie das crossing dieser Grenze möglich ist und welche nächsten Schritte in Betracht kommen. Da s kann nicht heißen, daß der »unmarked space« des »alles Mögliche« im »marked space« des aktuell Bezeichneten unterkommen kann; er konsti- tuiert das Aktuelle ja gerade dadurch, daß er es überschreitet. Dennoch können bestimmte Möglichkeiten aktuell erfaßt und bezeichnet werden und ein Kreuzen der Grenze von aktuell und potentiell vororientieren; allerdings immer nur so, daß der Nachvollzug dieser Möglichkeit als aktuelle Operation vollzo- gen wird und damit die Differenz von Aktualität und Potentia- lität, also Sinn, neu konstituiert. Auf diese Weise, nämlich durch re-entry der Form in die Form , wird Sinn zu einem sich selbst laufend regenerierenden Medium für die laufende Selektion be- stimmter Formen.

Die Beschreibung auch noch dieses Sachverhaltes belegt ihn ge- wissermaßen selbst, ist also eine autologische Operation. Sie

71 Wie Ranulph Glanville / Francisco Várela, »You r Inside is Ou t and You r Outside is In« (Beatles 1968), in: Georg e E. Lasker (Hrsg.), Applied Systems and Cybernetics Bd. II, Ne w Yor k 198 i,S . 638-641 , zeigen, gilt dasselbe auch für alle ähnlich gelagerten Paradoxe der Absolutheit von Universalem (nichts Ausschließendem) und Elementarem (nichts Einschließendem) und von Anfan g und Ende der Welt. Ma n findet sich hier in der Näh e von Argumenten, die Nicolaus von Kues zu theologi- schen Reflexionen gereizt hatten.

zeigt aber auch, daß sie nur in der Form eines Paradoxes mög- lich ist, denn die in die Form wiedereintretende Form ist die- selbe und ist nicht dieselbe Form. Diese wohlüberlegte Schneidigkeit der Entfaltung der Sinnpara- doxie kann uns den Mut geben, auch andere Unterscheidungen in Betracht zu ziehen, die jeweils in sich re-entryfähig sein soll- ten. Wir werden im Folgenden die Systemtheorie als Theorie der Unterscheidung vo n System und Umwelt verstehen, wobe i auf der Seite des Systems ein re-entry vollzogen werden kann, wenn das System selbst, also in eigenen Operationen, zwischen Selbst- referenz und Fremdreferenz unterscheidet. Die Behandlung von Kommunikation als diejenige Operation, die spezifisch soziale Systeme reproduziert, orientiert sich an der Unterschei- dung von Medium und Form. Diese Unterscheidung kommt in- sofern in sich selber vor, als auf beiden Seiten lose bzw. strikt ge- koppelte Elemente vorausgesetzt sind, die ihrerseits nur als Formen erkennbar sind, also eine weitere Unterscheidung von Medium und Form voraussetzen. 7 2 Das letzte, für Sinnsysteme nicht transzendierbare Medium ist deshalb der Sinn. Aber For- menbildungen in diesem Medium müssen als Systemoperatio- nen vollzogen werden - sei es als Dirigierung bewußter Auf- merksamkeit, sei es als Kommunikation. Im Falle sprachlicher Kommunikation 7 3 sind das Worte, die unter Beachtung gram- matischer Regeln und nach Erfordernissen der Sinnbildung zu Sätzen gekoppelt werden. Schließlich benutzt auch die Theorie gesellschaftlicher Evolution eine ihre Paradoxie entfaltende Un- terscheidung. Die Paradoxie, daß etwas besteht, was sich ändert, wird nicht in der alten Weise in die Unterscheidung von beweg- lichen und unbeweglichen (änderbaren/unveränderbaren) Ele- menten bzw. Teilen aufgelöst. An deren Stelle tritt nach dem Vorbild der Darwinschen Theorie die Unterscheidung von Va- riation und Selektion, wobei die Variation selbst selektiv vor- geht, da das System sich nicht beliebig, sondern nur hochselek- tiv irritieren, das heißt: zur Variation reizen läßt.

72 Paradox ist, das sollte vorsorglich angemerkt werden, ein solches Vor- aussetzen von Voraussetzungen in derselben Form natürlich nur, wenn es in der For m bleibt und wenn diese als geschlossene Weltdarstellung begriffen wird, weil es anders auf einen infiniten Regreß hinausliefe.

73 Daz u unten Kap. 2,1 .

IV. Die Unterscheidung von System und Umwelt

Die theoretischen Ressourcen für eine »sinngemäße« Revolu- tionierung des Paradigmas der Gesellschaftstheorie entnehmen wir nicht der fachsoziologischen Überlieferung, sondern führen sie von außen in die Soziologie ein. Wir orientieren uns dabei an neueren Entwicklungen in der Systemtheorie, aber auch an Ent- wicklungen, die unter anderen Theorienamen laufen - etwa Kybernetik, cognitive sciences, Kommunikationstheorie, Evo- lutionstheorie. In jedem Falle handelt es sich um interdiszi- plinäre Diskussionszusammenhänge, die in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten einen Prozeß radikaler Veränderung durchlau- fen haben und mit der Systembegrifflichkeit der 50er und frühen 60er Jahre kaum noch etwas gemein haben. Es sind ganz neue, faszinierende intellektuelle Entwicklungen, die es erstmals er- möglichen, die alte Gegenüberstellung von Natur- und Geistes- wissenschaften oder hard sciences und humanities oder ge- setzesförmig bzw. textförmig (hermeneutisch) gegebenen Gegenstandsbereichen zu unterlaufen.

Die am tiefsten eingreifende, für das Verständnis des Folgenden unentbehrliche Umstellung liegt darin, daß nicht mehr von Ob- jekten die Rede ist, sondern von Unterscheidungen, und ferner:

daß Unterscheidungen nicht als vorhandene Sachverhalte (Un- terschiede) begriffen werden, sondern daß sie auf eine Auffor- derung zurückgehen, sie zu vollziehen, weil man anderenfalls nichts bezeichnen könnte, also nichts zu beobachten bekäme, also nichts fortsetzen könnte. Man kann dies mit Hilfe des Formbegriffs verdeutlichen, den George Spencer Brown seinen »Laws of Form« zu Grunde legt. 7 4 Formen sind danach nicht länger als (mehr oder weniger schöne) Gestalten zu sehen, son- dern als Grenzlinien, als Markierungen einer Differenz, die dazu zwingt, klarzustellen, welche Seite man bezeichnet, das heißt:

auf welcher Seite der Form man sich befindet und wo man dem- entsprechend für weitere Operationen anzusetzen hat. Die an- dere Seite der Grenzlinie (der »Form«) ist gleichzeitig mitgege- ben. Jede Seite der Form ist die andere Seite der anderen Seite.

74

Siehe

N e w York

George

Spencer

1979.

Brown,

Law s

of

Form,

zit.

nach

der Ausgabe

Keine Seite ist etwas für sich selbst. Man aktualisiert sie nur da- durch, daß man sie, und nicht die andere, bezeichnet. In diesem Sinne ist Form entfaltete Selbstreferenz, und zwa r zeitlich ent- faltete Selbstreferenz. Denn man hat immer von der jeweils be- zeichneten Seite auszugehen und braucht die Zeit für eine wei- tere Operation, um auf der bezeichneten Seite zu bleiben oder die formkonstituierende Grenze zu kreuzen. Kreuzen ist kreativ. Denn während die Wiederholung einer Be- zeichnung nur deren Identität bestätigt (und wir werden später sagen: deren Sinn in verschiedenen Situationen testet und damit kondensiert), ist das Hin- und Herkreuzen keine Wiederholung und kann daher auch nicht zu einer einzigen Identität zusam-

ist nur eine andere Version für die

Einsicht, daß eine Unterscheidung sich bei ihrem Gebrauch nicht selbst identifizieren kann. Und eben darauf beruht, wie wir am Beispiel der binären Codierung ausführlich zeigen wer- den, die Fruchtbarkeit des Kreuzens.

Dieser Begriff der Form hat zwar eine gewiße Ähnlichkeit mit Hegels Begriff des Begriffs insofern, als für beide der Einschluß einer Unterscheidung konstitutiv ist. In den Begriff des Begriffs hat Hegel jedoch sehr viel weitergehende Ansprüche eingebaut, die wi r weder mitvollziehen können noch benötigen. Anders als die For m im hier gemeinten Sinne übernimmt es der Begriff, das Problem seiner Einheit selber zu lösen. Er beseitigt dabei die Selbständigkeit des Unterschiedenen (im Begriff Mensch zum Beispiel die Selbständigkeit der gegeneinandergesetzten Mo- mente Sinnlichkeit und Vernunft), und dies mit Hilfe der spezi- fischen Unterscheidung von Allgemeinem und Besonderem, mit deren Aufhebung sich der Begriff als einzelner konstituiert. Daran kann hier nur erinnert werden, um dagegen zu setzen:

Form ist gerade die Unterscheidung selbst, indem sie die Be- zeichnung (und damit die Beobachtung) der einen oder der an- deren Seite erzwingt und die eigene Einheit (ganz anders als der Begriff) gerade deshalb nicht selber realisieren kann. Die Einheit

mengezogen werden. 7 5 Das

75

if. unterscheidet entsprechend zwei Axiome

»Th e value of a call made again is the value of the

call«; und (2) »Th e value of a crossing made again is not the value of the

crossing«.

(die einzigen!): (i )

Spencer Brow n a.a.O. S.

der Form ist nicht ihr »höherer«, geistiger Sinn. Sie ist vielmehr das ausgeschlossene Dritte, das nicht beobachtet werden kann, solange man mit Hilfe der Form beobachtet. Auch im Begriff der Form ist vorausgesetzt, daß beide Seiten in sich durch Ver- weisung auf die jeweils andere bestimmt sind; aber dies gilt hier nicht als Voraussetzung einer »Versöhnung« ihres Gegensatzes, sondern als Voraussetzung der Unterscheidbarkeit einer Unter- scheidung. Jede Bestimmung, jede Bezeichnung, alles Erkennen, alles Han- deln vollzieht als Operation das Etablieren einer solchen Form, vollzieht wie der Sündenfall einen Einschnitt in die Welt mit der Folge, daß eine Differenz entsteht, daß Gleichzeitigkeit und Zeitbedarf entstehen und daß die vorausliegende Unbestimmt- heit unzugänglich wird. Der Formbegriff unterscheidet sich damit nicht mehr nur vom Begriff des Inhalts; aber auch nicht nur vom Begriff des Kon - textes. 7 6 Eine Form kann im Unterschied von etwas zu allem an- deren liegen, ebenso auch im Unterschied von etwas zu seinem Kontext (etwa eines Bauwerks zu seiner städtischen oder land- schaftlichen Umgebung), aber auch im Unterschied eines Wertes zu seinem Gegenwert unter Ausschluß dritter Möglichkeiten. Immer dann, wenn der Formbegriff die eine Seite einer Unter- scheidung markiert unter der Voraussetzung, daß es noch eine dadurch bestimmte andere Seite gibt, gibt es auch eine Super- form, nämlich die Form der Unterscheidung der Form von

etwas anderem. 7 7

Mit Hilfe dieser für einen Formenkalkül, für ein Prozessieren von Unterscheidungen entwickelten Begrifflichkeit kann man auch die Unterscheidung von System und Umwelt interpretie- ren. 7 8 Vom allgemeinen Formenkalkül her gesehen ist es ein Son- derfall, ein Anwendungsfall. Methodisch gesehen geht es des- halb nicht schlicht darum, die Erklärung der Gesellschaft aus

76 Diesen Gegenbegriffsaustausch schlägt Christopher Alexander, Notes on the Synthesis of Form, Cambridge Mass. 1964, vor.

77 Wir werden darauf zurückkommen, wenn wir auf die Unterscheidung von Medium und Form zu sprechen kommen werden. Siehe Kap.2,1.

78 So explizit und ausführlich Fritz B. Simon, Unterschiede, die Unter- schiede machen: Klinische Epistemologie: Grundlage einer systemi- schen Psychiatrie un d Psychosomatik , Berlin 1988 , insb. S. 47 ff.

einem Prinzip (sei es »Geist«, sei es »Materie«) durc h die Er- klärung durch eine Unterscheidung zu ersetzen. De r Unter- scheidung vo n Syste m und Umwelt , und dami t der For m »System« , geben wi r zwa r eine zentrale Stellung, dies aber nur in de m Sinne, daß wi r vo n hier aus die Konsisten z der Theorie, das heißt den Zusammenhan g einer Vielzahl vo n Unterschei- dungen organisieren. Da s Verfahren ist dann nicht deduktiv, sondern induktiv; es probiert aus, wa s Generalisierungen einer For m für andere besagen. Un d Konsistenz heißt dabei nichts anderes als Herstellung ausreichender Redundanzen , also spar- samer Umgan g mit Informationen.

F ü r die Systemtheorie selbst wir d mit Hilfe dieses Formbegriffs klargestellt, daß sie nicht besondere Objekte (ode r sogar nur:

technische Artefakte oder analytische Konstrukte ) behandelt, sondern daß ihr Them a eine besondere Ar t vo n For m ist, eine besondere For m vo n Formen , könnte man sagen, die die all- gemeinen Eigenschaften jeder Zwei-Seiten-For m am Fall von »Syste m und Umwelt « expliziert. All e Eigenschaften vo n For m gelten auch hier: so die Gleichzeitigkeit vo n Syste m und Um - welt und der Zeitbedarf aller Operationen. Vo r allem aber ist mit dieser Darstellungsweise deutlich zu machen, daß System und

Umwel t als die zwe i Seiten einer For m zwa r getrennt, aber nicht ohne die jeweils andere Seite existieren können. 7 9 Di e Einheit

der For m bleibt als Differenz vorausgesetzt; aber

die Differenz

selbst ist nicht Träger der Operationen. Sie ist wede r Substanz noc h Subjekt, tritt aber theoriegeschichtlich an die Stelle dieser klassischen Figuren. Operationen sind nur als Operationen eines System s möglich, also nur auf der Innenseite der Form . Abe r das Syste m kann auch als Beobachter der For m operieren; es kan n die Einheit der Differenz, die Zwei-Seiten-For m als For m beobachten - aber nur, wen n es dafür seinerseits eine wei- tere For m bilden, also die Unterscheidung ihrerseits unterschei- den kann. So können dann auch Systeme, wen n hinreichend

79 Daraus folgt, daß die Unterscheidung System/Umwelt nicht mit Wich- tigkeitsvorrang belegt, nicht »hierarchisiert« werden kann - oder wenn, dann mit dem Effekt einer »tangled hierarchy« im Sinne von Hofstadter. Siehe dazu Olivier Godard, Uenvironment, du champs de recherche au concept: Un e hiérarchie enchevêtrée dans la formation du sens, Revue internationale de systémique 9 (1995), S. 405-428 .

komplex, die Unterscheidung vo n System und Umwel t auf sich selber anwenden; dies aber nur, wen n sie dafür eine eigene Ope - ration durchführen, die dies tut. Sie können, mit anderen Wor - ten, sich selbst vo n ihrer Umwel t unterscheiden, aber dies nur als Operation im System selbst. Di e Form , die sie gleichsam blind erzeugen, indem sie rekursiv operieren und sich damit aus- differenzieren, steht ihnen wieder zur Verfügung, wen n sie sich selbst als Syste m in einer Umwel t beobachten. Un d nur so, nur unter genau diesen Bedingungen, ist dann auch die Systemtheo- rie Grundlag e für eine bestimmte Praxis des Unterscheidens und Bezeichnens. Sie benutzt die Unterscheidung Syste m und Um - welt als For m ihrer Beobachtungen und Beschreibungen; aber sie muß, um dies tun zu können, diese Unterscheidung vo n an- deren Unterscheidungen, etwa denen der Handlungstheorie, unterscheiden können, und sie muß, um überhaupt auf diese Weise operieren zu können, ein System bilden, hier also: Wis- senschaft sein. Da s Konzep t erfüllt mithin, in Anwendun g auf

Systemtheorie, das Erfordernis,

nach dem wi r suchen: das Er -

fordernis einer Selbstimplikation der Theorie. Sie wir d durch ihr Gegenstandsverhältnis zu »autologischen« Rückschlüssen auf sich selbst gezwungen .

Akzeptiert man diesen differenztheoretischen Ausgangspunkt, dann erscheinen alle Entwicklungen der neueren Systemtheorie als Variationen zu m Them a »System und Umwelt« . Zunächst ging es darum , mit Vorstellungen über Stoffwechsel oder Input und Outpu t zu erklären, daß es Systeme gibt, die nicht de m Entropiegesetz unterworfen, sondern in der Lag e sind, Negen - tropie aufzubauen und damit gerade durch die Offenheit und die Umweltabhängigkeit des Systems dessen Unterschied zu r Umwel t zu verstärken. Daraus konnte man folgern, daß Unab - hängigkeit un d Abhängigkeit vo n der Umwel t keine sich wech - selseitig ausschließenden Systemmerkmale sind, sondern unter bestimmten Bedingunge n miteinander gesteigert werden kön - nen. Di e Frag e wa r dann: unter welchen Bedingungen? Hierauf konnte ma n mit Hilfe der Evolutionstheorie eine Antwor t suchen.

E i n nächster Entwicklungsschritt lag in der Einbeziehung selbstreferentieller, also zirkulärer Verhältnisse. Zunächst dachte man an den Aufba u vo n Strukturen des Systems durch System -

eigene Prozesse und sprach folglich vo n Selbstorganisation. Hierbei wurd e die Umwel t als Quelle eines unspezifischen

(sinnlosen) »Rauschens« begriffen, dem das Syste m gleichwohl durch den Zusammenhan g eigener Operationen Sinn abgewin- nen könne. So versuchte man zu erklären, daß das System - zwa r in Abhängigkeit vo n der Umwel t un d keinesfalls ohne

Umwel t determiniert zu sein -

sich selbst organisieren und eine eigene Ordnun g aufbauen könne: order from noise. 8 0 Die Umwel t wirkt, vo m System her

gesehen, zufällig auf das System ein 8 1 ; aber genau diese Zufällig- keit sei für die Emergen z vo n Ordnun g unentbehrlich, und je komplexe r die Ordnun g werde, desto mehr. In diesen Diskussionsstand hat Humbert o Maturan a mit dem

neues Momen t eingeführt. 8 2 Auto -

poietische System e sind Systeme, die nicht nur ihre Strukturen, sondern auch die Elemente, aus denen sie bestehen, im Netz- wer k eben dieser Elemente selbst erzeugen. Di e Elemente (und zeitlich gesehen sind das Operationen), aus denen autopoieti- sche System e bestehen, haben keine unabhängig e Existenz. Sie komme n nicht bloß zusammen. Sie werde n nicht bloß verbun- den. Sie werde n vielmehr im System erst erzeugt, und zwa r da- durch, daß sie (auf welcher Energie- und Materialbasis immer)

Begriff der Autopoiesis ein

Umwelt , aber ohne durch die

80 Siehe Heinz von Foerster, On Self-organizing Systems and Their Envir- onments, in: Marshall C. Yovits / Scott Camero n (Hrsg.), Self-organiz- ing Systems: Proceedings of an Interdisciplinary Conference; Oxford i960, S. 31-50 , dt. Übers, in ders., Sicht und Einsicht: Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie, Braunschweig 1985 , S. 115-130 ; Henri Altan, Entre le cristal et la fumée, Paris 1979.

81 Henri Altan geht sogar so weit, zu sagen, daß deshalb Organisationsän- derungen des Systems nur extern erklärt werden könnten. Siehe: L'e- mergence du nouveau et du sense, in: Paul Dumouchel / Jean-Pierre Dupu y (Hrsg.), L'auto-organisation: De la physique au politique, Paris 1983 , S. 115-130 . Vgl. auch ders., Disorder, Complexity and Meaning, in: Paisley Livingston (Hrsg.), Disorder and Order : Proceedings of the Stanford International Symposium, Saratoga Cal. 1984 , S. 109-128 .

82 Siehe zusammenfassend: Humberto Maturana, Erkennen: Die Organi- sation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig 1982. Für einen Überblick über die neuere Diskussion siehe Joh n Mingers, Self- Producing Systems: Implications and Applications of Autopoiesis, Ne w York 1995.

als

Unterschiede

in Anspruch genommen werden.

Elemente

sind

Informationen, sind Unterschiede, die im System einen Unter- schied machen. Un d insofern sind es Einheiten der Verwendung zur Produktion weiterer Einheiten der Verwendung, für die es in der Umwel t des Systems keinerlei Entsprechung gibt. Angesichts einer umfangreichen und recht kritischen Diskus- sion muß vo r allem auf den geringen Erklärungswert des Be - griffs der Autopoiesis hingewiesen werden. Er verlangt nur, daß man bei allen Erklärungen vo n den spezifischen Operationen auszugehen hat, die ein Syste m - und zwa r das erklärte ebenso w i e das erklärende - reproduzieren. Er sagt aber nichts darüber, welche spezifischen Strukturen sich in solchen Systemen auf Grun d vo n strukturellen Kopplunge n zwischen System und Umwel t entwickelt haben. Er erklärt also nicht die historischen Systemzustände, vo n denen die weitere Autopoiesis ausgeht. D i e Autopoiesis des Lebens ist eine biochemische Einmalerfin- dung der Evolution; aber daraus folgt nicht, daß es Würmer und Menschen geben müsse. Un d ebenso für den Fall der Kommu - nikation. Di e autopoietische Operatio n der Kommunikatio n voraussetzende Kommunikatio n erzeugt Gesellschaft, aber dar-

aus ergibt sich noch nicht: wa s für eine Gesellschaft. Autopoiesis ist demnach ein für das jeweilige System invariantes Prinzip,

und erneut: für

das erklärte ebenso wi e für das erklärende.

Dami t wir d die ontologische, in Seinsinvarianten liegende Erklärungsweise aufgegeben und mit ihr die Subjekt/Objekt- Differenz. Abe r damit ist noch nicht gesagt, welche historischen Ausgangslagen über strukturelle Kopplunge n die Richtung der Spezifikation vo n Strukturen bestimmen. Gesagt ist nur, daß man für die Beantwortun g dieser Frage das System selbst unter- suchen muß.

Autopoiesis

einer bestimmten

»Gestalt« zu begreifen. Entscheidend ist vielmehr die Erzeu -

gung einer Differenz vo n

übrig

kopplun g

Syste m und Umwelt. 8 3 Durch Ab -

ist deshalb

System s

nicht als

vo n

dem,

Produktion

wa s

dann

als

des

Umwel t

83 Im Deutschen kann man von »Ausdifferenzierung« sprechen. Im Eng - lischen gibt es kein entsprechendes Wort. Das erklärt vielleicht, daß diese Seite der Autopoiesis bisher nicht zureichend beachtet worden ist. Immerhin unterscheidet Maturana deutlich zwischen Autopoiesis und autopoietischer Organisation (Strukturbildung).

bleibt, entstehen intern Freiheitsspielräume, da di e Determina- tion des System s durc h seine Umwel t entfällt. Autopoiesi s ist

also , rech t verstanden , zunächs t Erzeugun g eine r systeminternen Unbestimmtheit, di e nu r durc h systemeigen e Strukturbildunge n reduziert werde n kann. Da s erklärt nicht zuletzt, daß Gesell-

schaftssysteme das Mediu m Sinn erfunden haben, um dieser Of-

fenheit für weitere Bestimmungen in den systeminternen Ope-

rationen Rechnun g zu tragen. Sie kennen als eigene Operationen deshalb nur Sinnformen seligierende Kommunikationen .

kann diese autopoietische Reproduktio n

nicht ohne Umwel t geschehen (sonst wäre , wi e wi r wissen, die andere Seite der For m kein System). Abe r man mu ß jetzt sehr viel genauer angeben (und davon wir d unsere Gesellschaftstheo- rie profitieren können), wi e autopoietische Systeme , die alle Ele- mente, die sie für die Fortsetzung ihrer Autopoiesis benötigen, selbst produzieren, ihr Verhältnis zu Umwel t gestalten. Alle Außenbeziehunge n eines solche n System s sin d dahe r unspezi- fisch gegebe n (wa s natürlic h nich t ausschließt, da ß ein Beobach - ter das spezifizieren kann, was er selbst sehen wil l und sehen kann). Jed e Spezifikation, auch der Beziehungen zur Umwelt, setzt eine Eigentätigkeit des Systems und einen historischen Zu - stand des Systems als Bedingung seiner Eigentätigkeit voraus. Den n Spezifikatio n ist selbst eine Form, als o ein e Unterschei- dung; sie besteht in einer Auswah l aus eine m selbstkonstruier - ten Auswahlbereic h (Information), und diese For m kann nur im Syste m selbst gebildet werden. Es gibt wede r Inpu t noch Out- put vo n Elementen in das System oder aus de m System. Das Syste m ist nicht nur auf struktureller, es ist auch auf operativer Eben e autonom. Da s ist mit dem Begriff der Autopoiesis gesagt. D a s System kann eigene Operationen nur im Anschlu ß an ei- gene Operationen und im Vorgriff auf weitere Operationen des- selben System s konstituieren. Abe r damit sind keineswegs alle Existenzbedingungen angegeben, und die Frag e sei nochmals wiederholt: wi e kann man nun diese rekursive Abhängigkeit des Operierens vo n sich selbst unterscheiden vo n de n fraglos fort- existierenden Umweltabhängigkeiten? Diese Frag e kann nur durch Analys e der Spezifik autopoietischer Operationen beant- wortet werde n (oder anders gesagt: die Antwor t liegt nicht schon in de m oft oberflächlich rezipierten Begriff der Auto -

Selbstverständlich

poiesis selbst). Diese Überlegungen werde n uns dazu führen, d e m Begriff der Kommunikatio n zentrale Bedeutung für die Gesellschaftstheorie zuzusprechen. Zunächst klären die bisherigen Begriffsfestlegungen auch den heute oft benutzten Begriff der operativen (oder selbstreferenti- ellen) Geschlossenheit des Systems. Damit ist selbstverständlich nichts gemeint, wa s als kausale Isolierung, Kontaktlosigkeit oder Abgeschlossenheit des Systems verstanden werden könnte.

D i e Einsicht, die schon mit der Theorie offener System e gewon - nen war, daß Unabhängigkeit und Abhängigkeit aneinander und durch einander gesteigert werden können, bleibt voll erhalten. M a n formuliert jetzt nur anders und sagt, daß alle Offenheit auf der Geschlossenheit des Systems beruhe. Etwa s ausführlicher gesagt, heißt dies, daß nur operativ geschlossene Systeme eine hohe Eigenkomplexität aufbauen können, die dann dazu dienen kann, die Hinsichten zu spezifizieren, in denen das System auf

Bedingunge n seiner Umwel t reagiert, währen d

übrigen Hinsichten dank seiner Autopoiesis Indifferenz leisten kann. 8 4

Ebensoweni g wir d die Einsicht Gödels widerrufen, daß kein Syste m sich selbst zu einer logisch widerspruchsfreien Ordnung schließen könne. 8 5 Dami t ist letztlich nichts anderes gesagt als das, wa s auch wi r voraussetzen: daß der Systembegriff auf den Umweltbegriff verweist und deshalb weder logisch noch analy- tisch isoliert werde n kann. Au f operativer Eben e (in unserem Themenbereich: in bezug auf Kommunikation ) beruht Gödels Argumen t auf der Einsicht, daß eine Aussag e über Zahlen eine Aussag e über die Aussag e über Zahlen impliziert (oder anders:

daß Kommunikatio n nur selbstreferentiell funktionieren kann).

es sich in allen

84 Da s Paradebeispiel hierfür ist heute das Gehirn. Siehe für eine knappe Einführung Jürgen R. Schwarz, Die neuronalen Grundlagen der Wahr- nehmung, in: Schiepek a.a.O. S. 75—93.

85 Da s ist heute allgemein akzeptiert, wobei aber oft die Spezifik der Gö - delschen Beweisführung übersehen wird. Vgl. deshalb ergänzend die systemtheoretische Argumentation von W. Ross Ashby, Principles of the Self-Organizing System, in: Heinz von Foerster / George W. Zop f (Hrsg.), Principles of Self-Organization, Ne w Yor k 1962, S. 255-278 ; neu gedruckt in Walter Buckley (Hrsg.), Modern Systems Research for the Behavioral Scientist: A Sourcebook, Chicago 1968, S. 108-118 .

Zugleic h mu ß aber betont

ter betrifft, der mit Hilfe der Unterscheidung System/Umwel t bzw. mit Bezu g auf Operationen beobachtet un d uns in der Frag e noch nicht festlegt, wi e denn die Einheit des Systems zu- standekommt.

D i e Einsichten in die zirkuläre, selbstreferentielle und insofern logisch symmetrische Bauweise dieser System e haben zu der

Frag e geführt, wi e

metrien hergestellt werden. Wer sagt denn, wa s Ursache und w a s Wirkun g ist? Ode r noch radikaler: wa s vorhe r und was

nachher, wa s innen und wa s außen geschieht? Di e Instanz, die darüber befindet, wird heute oft »Beobachter« genannt. Dabei ist keineswegs nur an Bewußtseinsprozesse, also nicht nur an

psychische System e zu denken. De r Begriff wir d

und unabhängig vo n dem materiellen Substrat, der Infrastruktur oder der spezifischen Operationsweise benutzt, die das Durch- führen vo n Beobachtungen ermöglicht. Beobachte n heißt ein- fach (und so werden wi r den Begriff im Folgende n durchweg verwenden): Unterscheiden und Bezeichnen. Mi t dem Begriff Beobachten wir d darauf aufmerksam gemacht, daß das »Unter- scheiden und Bezeichnen« eine einzige Operation ist; denn man kann nichts bezeichnen, wa s man nicht, indem ma n dies tut, un- terscheidet, so wi e auch das Unterscheiden seinen Sinn nur darin erfüllt, daß es zur Bezeichnung der einen oder der anderen Seite dient (aber eben nicht: beider Seiten). In der Terminologie der traditionellen Logi k formuliert, ist die Unterscheidung im Ver- hältnis zu den Seiten, die sie unterscheidet, das ausgeschlossene Dritte. Un d somit ist auch das Beobachten im Vollzu g seines Be - obachtens das ausgeschlossene Dritte. Wenn man schließlich mit in Betracht zieht, daß Beobachten immer ein Operieren ist, das durch ein autopoietisches Syste m durchgeführt werde n muß, und wen n man den Begriff dieses System s in dieser Funktio n als Beobachter bezeichnet, führt das zu der Aussage : der Beobach- ter ist das ausgeschlossene Dritte seines Beobachtens. Er kann sich selbst beim Beobachten nicht sehen. De r Beobachter ist das Nicht-Beobachtbare, heißt es kur z und bündig bei Michel Ser- res. 8 6 Di e Unterscheidung, die er jeweils verwendet, um die eine

hochabstrakt

werden, daß dies nur einen Beobach-

denn diese Zirke l unterbrochen und Asym -

86

Der Parasit, dt. Übers. Frankfurt 1981 , S. 365.

oder die andere Seite zu bezeichnen, dien t als unsichtbare Be - dingung des Sehens, als blinder Fleck. Un d dies gilt für alles Be - obachten, gleichgültig ob die Operation psychisc h oder sozial, ob sie als aktueller Bewußtseinsprozeß ode r als Kommunikation durchgeführt wird . D a s Gesellschaftssystem wir d demnach nich t durch ein be- stimmtes »Wesen«, geschweige denn durc h eine bestimmte Mora l (Verbreitung vo n Glück , Solidarität, Angleichung vo n Lebensverhältnissen, vernünftig-konsensuelle Integration usw.) charakterisiert, sondern allein durch die Operation , die Gesell- schaft produziert und reproduziert. 8 7 Da s ist Kommunikation. 8 8 M i t Kommunikatio n ist folglich (wie scho n mit Operation) ein

kontextabhängiges

Geschehe n gemeint - und nicht eine bloße Anwendun g von Re - geln richtigen Sprechens. 8 9 Fü r das Zustandekomme n von Kom - munikation ist unerläßlich, daß alle Beteiligten mit Wissen und mit Nichtwisse n beteiligt sind. Da s hatten wi r in den methodo- logischen Vorbemerkunge n schon notiert und als Einwand gegen den methodologischen Individualismus angesehen. Den n w i e soll ma n Nichtwisse n als einen Bewußtseinszustand auffas- sen, wen n nicht in Abhängigkeit vo n kommunikative n Situatio- nen, die bestimmten Anforderungen spezifizieren bzw. be-

jeweils historisch-konkret ablaufendes, als o

87 Die s operative Verständnis sozialer System e unterscheidet sich radikal vo n einem ganz anderen Zugriff, der soziale System e durch eine Mehr - heit interagierender Elemente und durch Erhaltung ihres Netzwerks auch bei Ausscheiden der Elemente definiert. So Milan Zeleny, Ecoso- cieties: Societal Aspects of Biological Self-Production, Soziale Systeme 1 (1995) , S. 179-202 . Die Konsequenz ist, daß dann auch Organismen, ja selbst Zellen als soziale Systeme aufzufassen sind. Diese begriffliche Überdehnung wollen wir vermeiden.

88 Zu r begrifflichen Klärung vgl. ausführlich Niklas Luhmann, Soziale Systeme : Grundri ß einer allgemeinen Theorie , Frankfur t 1984 , S . 19 1 ff. Wi r kommen darauf an vielen Stellen zurück, immer wenn wir im Fort- gang der Analyse mehr Tiefenschärfe brauchen.

89 Vgl . dazu als literaturwissenschaftliche Ausarbeitung Hen k de Berg, Kontext und Kontingenz: Kommunikationstheoretische Überlegungen zur Literaturhistoriographie, Opladen 1995; ders., A Systems Theoret- ical Perspective on Communication, Poetics Today 16 (1995), S. 709-736.

7 °

stimmte Informationschancen erkennbar werden lassen. Schon deshalb ist Kommunikatio n eine autopoietische Operation, weil sie die Verteilung vo n Wissen und Nichtwisse n erst produziert, indem sie sie ändert. A l s Sinnpraxis sieht sich auch Kommunikatio n genötigt, Unter- scheidungen zu treffen, um die eine Seite zu bezeichnen un d auf dieser Seite für Anschlüsse zu sorgen. Dami t wir d die Auto - poiesis des Systems fortgesetzt. Abe r wa s geschieht mit der an- deren Seite? Sie bleibt unbezeichnet un d braucht daher nicht auf Konsisten z hin kontrolliert zu werden. Hie r wir d nicht auf Zu - sammenhänge geachtet. Dahe r wir d normalerweise rasch ver- gessen, wovo n das Bezeichnete unterschieden worde n wa r - sei es vo m unmarked space, sei es vo n Gegenbegriffen, die für wei- tere Operationen nicht in Betracht kommen . Di e andere Seite wir d zwa r laufend mitgeführt, weil anders keine Unterschei- dung zustandekäme, aber sie wir d nicht benutzt, um etwas Be - stimmtes zu erreichen.

Weitere Klärungen ergeben sich aus der Einsicht, daß die ele- mentare Operation der Gesellschaft ein zeitpunktgebundenes Ereignis ist, das, sobald es vorkommt , schon wiede r verschwin- det. Dies gilt für alle Komponente n der Kommunikation : für In- formation, die nur einmal überraschen kann, für Mitteilung, die als Handlun g an einen Zeitpunkt gebunden ist, un d für das Ver-

stehen, das ebenfalls nicht wiederholt, sondern allenfalls erin- nert werde n kann. Un d es gilt für mündliche wi e für schriftliche Kommunikatio n mit dem Unterschied, daß die Verbreitungs- technologie der Schrift das Ereignis der Kommunikatio n zeit- lich und räumlich an viele Adressaten verteilen un d damit zu un- vorhersehbar vielen Zeitpunkten realisieren kann.

M i t diesem zeitpunktbezogenen Begriff

der Kommunikatio n

korrigieren wi r zugleich einen populären Begriff der Informa- tion. Information ist eine überraschende Selektion aus mehreren Möglichkeiten. Sie kann als Überraschun g wede r Bestand haben noch transportiert werden; un d sie muß systemintern erzeugt werden, da sie einen Vergleich mit Erwartunge n voraussetzt. Außerde m sind Informationen nicht rein passiv zu gewinnen als logische Konsequen z vo n Signalen, die aus der Umwel t empfan- gen werden. Vielmehr enthalten sie immer auch eine volitive Komponente , das heißt einen Vorausblick auf das, was man mit

ihnen anfangen kann. 9 0 Bevo r es zu r Erzeugun g vo n Informa- tionen komme n kann, muß sich also ein Interesse an ihnen for- mieren. Wenn ma n Kommunikatio n als Einheit begreift, die aus den drei Komponente n Information, Mitteilung un d Verstehen besteht,

durch die Kommunikatio n erst erzeugt werden , schließt das

die Möglichkeit aus, einer dieser Komponente n einen ontologi- schen Primat zuzusprechen. Weder kann ma n davon ausgehen, daß es zunächst eine Sachwelt gibt, über di e dann noch gespro- chen werde n kann; noch liegt der Ursprun g der Kommunika - tion in der »subjektiv« sinnstiftenden Handlun g des Mitteilens;

noch existiert zunächst eine Gesellschaft, di e über kulturelle In- stitutionen vorschreibt, wi e etwas als Kommunikatio n zu ver-

Einheit der kommunikative n Ereignisse ist weder

objektiv, noch subjektiv, noch sozial ableitbar, und eben deshalb schafft die Kommunikatio n sich das Mediu m Sinn, in dem sie dann laufend darüber disponieren kann, ob die weitere Kom - munikation ihr Problem in der Information, in der Mitteilung oder im Verstehen sucht. Di e Komponente n der Kommunika - tion setzen einander wechselseitig voraus; sie sind zirkulär ver- knüpft. Sie können daher ihre Externalisierungen nicht mehr als Eigenschaften der Welt ontologisch fixieren, sondern müssen sie im Ubergan g vo n einer Kommunikatio n zu r anderen jeweils suchen.

stehen sei. Di e

die

D i e Zeitpunktgebundenheit der Operatio n Kommunikatio n bezieht sich auf den Zeitpunkt des Verstehens auf Grun d der Beobachtung einer Differenz vo n Information und Mitteilung. Erst das Verstehen generiert nachträglich Kommunikation . (Wir brauchen diese Festlegung, um schriftliche Kommunikatio n und auch Kommunikatio n mittels Gel d einbeziehen zu können.) Kommunikatio n ist also eine bestimmte Art , Welt zu beobach- ten an Han d der spezifischen Unterscheidung vo n Information und Mitteilung. Sie ist eine der Möglichkeiten, auf Grun d vo n

90 Siehe dazu Gotthard Günther, Cognition and Volition: A Contribution to a Cybernetic Theory of Subjectivity, in ders., Beiträge zur Grund- legung einer operationsfähigen Dialektik Bd . 2, Hamburg 1979 , S. 203-240 , mit der wichtigen Einsicht, daß kein operativ geschlossenes System auf eine aktive Rolle in bezug auf seine Umwel t verzichten kann

(212).

Spezifikation Universalität zu gewinnen. Sie ist keine »Übertra- gung« vo n Sinn 9 1 , wenngleich im Zeitpunkt des Verstehens weite Zeithorizonte konstruiert werden können, u m Kommuni - kation im Hinblick auf den Zeitpunkt der Mitteilung besser ver- stehen zu können. Das Proble m ist aber, daß die Kommunika - tion das, was im Zeitpunkt des Verstehens gleichzeitig geschieht, nicht kontrollieren kann, also immer auf Rückschlüsse aus ihrer eigenen Vergangenheit, auf Redundanzen, auf selbstkonstruierte Rekursionen angewiesen bleibt.

Verstehen in kommunikativen Zusammenhängen wäre deshalb ganz unmöglich, wäre es darauf angewiesen, zu entschlüsseln,

w a s gleichzeitig psychologisch abläuft. Zwa r muß vorausgesetzt werden, daß Bewußtsein mitwirkt, aber keiner der an Kommu -

nikation Beteiligten kann wissen, wi e das im einzelnen geschieht

- und zwa r weder für andere Beteiligte noch für sich selbst. Viel- meh r muß die Kommunikatio n (also die Gesellschaft) das für sie benötigte Verstehen selbst beschaffen. Da s geschieht durch Nichtbeliebigkeiten in der Vernetzung kommunikativer Ereig- nisse, also durch die selbstreferentielle Struktur der Kommuni - kationsprozesse. Den n jedes Einzelereignis gewinnt seine Be - deutung (= Verständlichkeit) nur dadurch, daß es auf andere verweist und einschränkt, wa s sie bedeuten können, und genau dadurch sich selbst bestimmt. 9 2

Momen t

E i n

seiner

seines

benutzt

Kommunikationssyste m

Operierens;

aber

es

besteht demnach

für

die

nur

im

Bestimmung

91 Zu m Einfluß dieser und anderer Metaphern auf den Begriff der Kom - munikation siehe Klaus Krippendorff, Der verschwundene Bote: Meta- phern und Modelle der Kommunikation, in: Klaus Merten / Siegfried

J. Schmidt / Siegfried Weischenberg (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Me- dien: Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, Opladen

1994.

S.

79-113 .

92 Siehe dazu Michael Hutter, Communication in Economic Evolution:

Th e Case of Money, in: Richard W . England (Hrsg.), Evolutionary Con - cepts in Contemporary Economics, An n Arbo r 1994, S. 111-136(115) :

»Th e self-referential nature of the process implies its logical closure. Understanding appears always complete, because it contains its ow n foundation. Understanding operates blindly, and it has to. The sense of completeness is an eminently helpful property; without it, we would probably die of fear and insecurity.

Operatione n das Mediu m Sin n un d ist dadurc h imstande, vo n

jede r Operatio n au s sich selektiv auf andere Operatione n z u be -

ziehe n un d

dies in Horizonten , die de m Syste m die gleichzeitig

bestehend e

Welt präsentieren. 9 3 All e Daue r mu ß deshalb durc h

Ubergan g z u andere n Ereignisse n produzier t werden . Kommu -

nikativ e System e sin d nu r als rekursiv e System e möglich , d a sie

ihre einzelne n Operatione n nu r durc h Rückgrif f un d Vorgriff

auf ander e Operatione n desselbe n System s produziere n kön -

nen. 9 4 Da s wiederu m bring t die Doppelanforderun g vo n Konti -

nuität un d Diskontinuitä t mit sich , un d darau s ergib t sich die

Frage , wi e Sin n i n anderen Situatione n al s derselbe behandel t

werde n kann . E s mu ß erkennbare Wiederholung eingerichte t

werden . Nu r wen n un d sowei t dies de r Fal l ist, kan n die klassi-

sch e Begrifflichkeit, die vo n »Element « un d »Relation « gespro -

che n un d dabe i stabile Gegenständ e unterstellt hatte, beibehal-

te n werden. 9 5 Un d die Frag e ist: wi e ist die s i m Mediu m vo n

Sin n möglich ?

93 Fü r Theorievergleiche sei angemerkt, daß wir damit auf die klassische Unterscheidung von Prozeß und Struktur verzichten können, die zwei Ebenen unterscheiden mußte und deshalb keine Möglichkeit hatte, die (Produktion der) Einheit des System s zu bezeichnen - es sei denn rein sprachlich durch das »und« zwischen Prozeß und Struktur.

94 Welche Konsequenzen dies hat, läßt sich auch am mathematischen Be - griff der rekursiven Funktionen vorführen, der der modernen Mathe- matik des Unerwartbaren und der Kompensation von Unausrechenbar-

keit durch systemische Produktion von Eigenwerten zugrundeliegt. Vgl . dazu Hein z vo n Foerster, Fü r Niklas Luhmann : Wie rekursiv ist

Kommunikation?, Teoria

gebnis: Kommunikation ist Rekursivität.

Sociologica 1/ 2 (1993), S . 61-85 , mi t dem Er -

95 Es gibt nach wie vor gute Gründe für die Beibehaltung dieser Begriffe, wen n es daru m geht, Systemmodelle zu beschreiben. Abe r über Mo - dellbildung kommt man damit nicht hinaus. In ihrer operativen Wirk- lichkeit und in der Fluidität - vo r allem auch: im Reichtum ihrer über- gangenen Möglichkeiten - sind System e sehr viel komplexer, als es in einem Modell gezeigt werden kann. Deshalb vermag ich auch dem Vor- schlag von Pierpaolo Donati, Teoria relazionale della società, Milano 1991 , nicht zu folgen, die Systemtheorie durch eine Relationentheorie zu ersetzen; oder zu ergänzen, wie Karl-Hein z Ladeür, Postmoderne Rechtstheorie: Selbstreferenz - Selbstorganisation - Prozeduralisierung, Berlin 199 2 (vgl. z.B . S. 165 ) meint.

In der Formentheorie vo n George s Spencer Brow n läßt dieses

Desiderat sich mit der Doppelbegrifflichkeit vo n condensation

Begriff redu-

ziert werden kann. Rekursionen müssen Identitäten erzeugen, die sich für Wiederverwendung eignen; das kann nur durch selektives Kondensieren geschehen, durch Weglassen vo n nicht- wiederholbaren Momente n anderer Situationen. Sie müssen aber außerdem den so kondensierten Sinn in neuen Situationen be- währen, und das erfordert Generalisierungen. Wenn diese An - forderungen, etwa mit Hilfe vo n Sprache, wiederholt erfüllt werde n müssen, bilden sich generalisierte Sinninvarianten, deren Bedeutungen in der For m vo n Definitionen nicht zureichend er- faßbar sind. Sie ergeben sich aus Verwendungserfahrungen, die ganz und gar vo n de m Benutzersystem abhängen. Wir sehen darin einen Grun d für die Evolutio n symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien. 9 7

unter de m Stichwort dif-

Ahnlich e Überlegunge n findet man

und confirmation ausdrücken 9 6 , die nicht auf einen

férance bei Jacques Derrida. 9 8 Nich t nur beim Schreiben, son- dern auch beim Reden , ja bei jeder Ar t vo n Erfahrung müssen

Zeichen gesetzt und

Als o

transportiert werden. Da s

in der Zeit

geht nur, wen n das, worauf das Zei-

chen sich bezieht (hier vo r allem die Intention), abwesend ist. 9 9

D i e Notwendigkeit zeitlicher Sequenzierung, so können wi r zu-

sammenfassen, zwingt zu r Differenzierung vo n System und

zu r operativen Schließung der Rekur -

Umwel t und im System sionen.

D a s Konzep t der selbstreferentiellen, operativen Geschlossen-

heit

kompliziert

in andere Situationen verschoben werden.

müssen Unterscheidungen

(Brüche,

ruptures)

verändert

den

Begriff

der

Systemgrenze

und

96

Vgl. a.a.O. S. 10,12 .

9 7

Vgl . Kap . 2 , S. 3 1 6 ff.

98

Siehe Marges de la philosophie, Paris 1972 , insb. S. 1 ff., 36 5 ff. Fü r eine vergleichende Analyse siehe auch Niklas Luhmann, Deconstruction as Second-Order Observing, Ne w Literary History 24 (1993), S. 763-782 .

99

»C'est que cette unité de la forme signifiante ne se constitue que par son itérabilité, par son possibilité d'être répétée en l'absence non seulement de son »referent«, ce qui va de soi, mais en l'absence d'un signifié déter- miné ou de l'intention de signification actuelle, comme de toute inten- tion de communication presente.« (a.a.O. S. 378 )

ihn in einer Weise, die einer sorgfältigen Analys e bedarf. Bei lebenden Systemen, also bei einer autopoietischen Organisation

v o n Moleküle n i m Raum , kann man noch vo n räumlichen Gren - zen sprechen. Ja , Grenze n sind hier besondere Organe des Systems, Membranen vo n Zellen, Hau t vo n Organismen, die spezifische Funktionen der Abschirmun g und der selektiven

vo n Austauschprozessen erfüllen. Diese Form vo n

Grenz e (die natürlich nur für einen externen Beobachter sicht- bar ist und im System einfach nur lebt) entfällt bei Systemen, die im Mediu m Sinn operieren. Diese System e sind überhaupt nicht im Rau m begrenzt, sondern haben eine völlig andere, nämlich rein interne For m vo n Grenze . Da s gilt scho n für das Bewußt- sein, das sich eben dadurch vo m Gehir n unterscheidet und nur so die neurophysiologische Selbstbeobachtung des Organismus

Vermittlung

»externalisieren« kann. 1 0 0 Es gilt erst recht fü r das Kommunika - tionssystem Gesellschaft, wi e seit der Erfindun g der Schrift oder spätestens seit der Erfindun g des Telephon s evident ist. Di e Grenz e dieses Systems wir d in jeder einzelnen Kommunikation produziert und reproduziert, indem die Kommunikatio n sich als Kommunikatio n im Netzwer k systemeigener Operationen bestimmt und dabei keinerlei physische, chemische, neurophy-

aufnimmt. Jed e Operatio n trägt, an-

siologische Komponente n

ders gesagt, zur laufenden Ausdifferenzierung des Systems bei und kann anders ihre eigene Einheit nicht gewinnen. Die Grenz e des Systems ist nichts anderes als die Ar t und Konkre -

ioo Wi r müssen hier offen lassen, wie das genau zu verstehen ist. Jedenfalls kann das Nervensystem nur den Organismus beobachten, von dem und in dem es lebt. Es diskriminiert Zustände des Organimus ohne irgendeinen Zugang zu dessen Umwelt. Das Bewußtsein scheint ent- standen zu sein zur Lösung der sich dabei ergebenden Konflikte der Informationsverarbeitung. Es sieht dann einen externen Raum , eine den aktuellen Moment überschreitende Zeit, es imaginiert Abwesen- des, um Widersprüche zu bereinigen, die sich anderenfalls (zum Bei- spiel als Folge des binokularen Sehens oder der Konsistenzprüfungen des Gedächtnisses) ergeben würden. Abe r dieser Ausweg kann, schon bei Tieren, nur funktionieren, wen n das Bewußtsein nicht seinerseits wieder irgendwo im Raum begrenzt lebt.

tion seiner Operationen, die das System individualisieren. 1 0 1 Sie ist die For m des Systems, deren andere Seite damit zur Umwel t wird . Dasselbe läßt sich mit Hilfe der Unterscheidung vo n Selbstrefe- renz und Fremdreferenz formulieren. Sinnhaft operierende Systeme reproduzieren sich in laufendem Vollzug der Unter- scheidung vo n Selbstreferenz und Fremdreferenz. Di e Einheit dieser Unterscheidung kann nicht beobachtet werden; ihr Voll- zug geschieht imme r nur operativ und immer nur intern (denn anderes könnte vo n Selbstreferenz und Fremdreferenz nicht die Red e sein). Wie lebende System e können auch sinnhaft operie- rende Systeme mit eigenen Operationen nie die eigenen Gren - zen überschreiten. Abe r im Mediu m Sinn haben Grenze n immer eine andere Seite, sind Forme n immer als Zwei-Seiten-Formen (und nicht nur als pure Faktizität des operativen Vollzugs) gege- ben. Da s heißt: das den Fortgang vo n Operation zu Operation begleitende Beobachten bemerkt immer auch die Selektivität der rekursiven Verknüpfun g un d damit etwas, wa s nicht zu m System , sondern zu r Umwel t gehört. In der Kommunikatio n werden Informationen über etwas aktualisiert und verändert,

w a s selbst nicht Kommunikatio n ist. Di e Fremdreferenz wird

bei allem Suchen nach passenden Anschlüssen im Netzwer k der Kommunikatio n imme r mitgeführt. Di e Grenz e des Systems ist daher nichts anderes als die selbstproduzierte Differenz von Selbstreferenz und Fremdreferenz, und sie ist als solche in allen Kommunikatione n präsent.

M it der laufend reproduzierten Unterscheidung vo n Informa-

tion und Mitteilung kann ein soziales Syste m sich selbst beob- achten. Ei n Beobachter dieses Beobachtens, ein Beobachter zweiter Ordnun g (zu m Beispiel das Sozialsystem Wissenschaft) kan n außerde m Themen un d Funktionen de r Kommunikatio n unterscheiden und damit Bedingungen der Wiederholbarkeit

v o n Operationen (hier: Kommunikationen ) beobachten. The -

men ermöglichen die Unterscheidung vo n Themen und Bei - trägen, also vo n Strukturen und Operationen, die dann an der

ioi

Entsprechend

Ein e notwendige Einheit, dt. Übers . Frankfurt 1982 , S. 16 3 ff.

für

das

»Selbst«

Gregory

Bateson,

Geist

und

Natur:

Innenseite der Grenz e zur Umwel t haften. Da s erlaubt eine

sequentielle Ordnun g der Kommunikatio n und führt zu einem nach Theme n gegliederten, gleichsam lokal (»topisch«) geordne- ten Gedächtnis. 1 0 2 Funktionen beziehen sic h dagegen auf die Autopoiesis des Systems und die dazu nötig e Reproduktion, Änderun g oder Neuentwicklun g vo n Strukturen. In der Kom - munikation über Kommunikatio n können dan n auch noch The - men und Funktionen der Kommunikatio n zu m Them a werden

- ein re-entry der Unterscheidung in sich selbst. Un d damit

schließt sich das System auf reflexiver Ebene , erreicht also den

Zustand doppelter Schließung 103 , der hohe interne Flexibilität garantiert, aber auch Intransparenz für jede n Beoachter auf- zwingt.

W ir werde n noch sehen, daß diese Analys e uns festlegt auf die

Annahm e eines einzigen Weltgesellschaftssystems, das gleich- sam pulsierend wächst oder schrumpft, je nachdem, was als Kommunikatio n realisiert wird . Eine Mehrheit vo n Gesellschaf- ten wär e nur denkbar, wen n es keine kommunikative n Verbin- dungen zwischen ihnen gäbe.

V. Gesellschaft als umfassendes Sozialsystem

D i e Gesellschaftstheorie ist nach de m hier auszuarbeitenden

Verständnis die Theorie des umfassenden sozialen Systems, das alle anderen sozialen Systeme in sich einschließt. Diese Defini- tion ist fast ein Zitat. Sie bezieht sich auf die Einleitungssätze der Politik vo n Aristoteles 104 , die die städtische Lebensgemeinschaft (koinonia politike) definieren als die herrlichste (herrscherlich- ste, kyriotäte) Gemeinschaft, die alle anderen in sich schließt

10 2

Wir sprechen hier vom Gedächtnis des Kommunikationssystems selbst und nicht von neurophysiologischen oder psychischen Leistun- gen. Das Kommunikationssystem kann denn auch, durch Gebrauch des Eigenmittels Kommunikation, Gedächtnisleistungen einzelner psychischer Systeme substituieren und sich schließlich mit Schrift ein eigenes Gedächtnis schaffen.

103

Im Sinne von Heinz von Foerster, Observing Systems, Seaside Cal. 1981 , S. 30 4 ff.

104

Pol. I2J 2 a 5-6.

(päsas periechousa täs alias). Wir schließen mithin an die alteu- ropäische Tradition an, sofern es um den Begriff der Gesellschaft geht. Freilich werden alle Komponente n der Definition (ein- schließlich des Begriffs des Eingeschlossenseins = periechon, den wi r mit dem Konzep t der Differenzierung systemtheo- retisch auflösen werden) anders aufgefaßt, denn es geht uns um eine Theorie der modernen Gesellschaft für die moderne Gesell- schaft. De r Zusammenhang mit der alteuropäischen Tradition bleibt also gewahrt, aber zugleich geht es um eine Neubeschrei-

bung, eine

Gesellschaft wird also zunächst als System begriffen, und die For m des Systems ist, wi e gesagt, nichts anderes als die Unter- scheidung vo n System und Umwelt . Da s heißt aber nicht, daß die allgemeine Systemtheorie ausreicht, um im logischen Ver- fahren erschließen zu können , wa s als Gesellschaft der Fall ist. Vielmehr muß zusätzlich bestimmt werden, wori n die Beson- derheit sozialer Systeme besteht, und innerhalb der Theorie so- zialer Systeme dann, wa s die Besonderheit eines Gesellschafts- systems ausmacht, das heißt: wa s impliziert ist, wen n wi r die Gesellschaft als das umfassende Sozialsystem bezeichnen. W i r müssen mithin drei verschiedene Ebene n der Analys e von Gesellschaft unterscheiden:

(1) die allgemeine Systemtheorie und in ihr die allgemeine Theorie autopoietischer Systeme; (2) die Theorie sozialer Systeme; (3) die Theorie des Gesellschaftssystems als eines Sonderfalls sozialer Systeme.

A u f der Eben e der allgemeinen Theorie autopoietischer, selbst-

rekrutiert die Ge -

referentieller, operativ geschlossener System e

sellschaftstheorie Begriffsentscheidungen und Ergebnisse empi- rischer Forschungen, die auch für andere System e dieses Typs (zum Beispiel für Gehirne) gelten. Hie r ist ein sehr weit greifen- der interdisziplinärer Austausch vo n Erfahrungen und Anre- gungen möglich. Wie im vorigen Abschnitt gezeigt, gründen wir die Gesellschaftstheorie auf innovative Entwicklungen in die- sem Bereich.

»redescription« 1 0 5 ihrer Kernaussagen.

105

von

Notr e Dam e 1966 , S.

Etw a

im

Sinne

Mary 15 7 ff.

Hesse,

Models

and

Analogies

in

Science,

A u f der Eben e der Theorie sozialer System e geht es um die Be - sonderheit autopoietischer Systeme, die als soziale begriffen werde n können. Au f dieser Eben e muß di e spezifische Opera- tion bestimmt werden, deren autopoietischer Prozeß zur Bil - dung sozialer Systeme in entsprechenden Umwelte n führt. Das sind Kommunikationen . Di e Theori e sozialer System e faßt mit- hin alle Aussagen (und nur solche Aussagen ) zusammen, die für alle sozialen Systeme gelten, selbst für Interaktionssysteme vo n

er-

scheint die Gesellschaft (wie die klassische societas civilis) als ein Sozialsystem unter vielen anderen und kan n verglichen werden mit Organisationssystemen und Systemen der Interaktion unter Anwesende n als anderen Type n sozialer Systeme. Erst auf der dritten Eben e komm t die Spezifik vo n Gesell- schaftssystemen zur Geltung. Hie r muß artikuliert werden, was das Merkma l »umfassend« besagt, das auf die Anfangssätze der Politik des Aristoteles zurückgeht. Offensichtlich liegt dem eine Paradoxic zu Grunde. Sie besagt, daß ein Sozialsystem (koi- nom'a) unter anderen zugleich alle anderen in sich einschließt. B e i Aristoteles wurd e diese Paradoxie durc h Emphase aufgelöst u n d letztlich durch ein ethisches Verständnis vo n Politik. Sie wurd e für die Tradition damit invisibilisiert. Wir entfalten diese

kurzer Daue r und geringer Bedeutung. 1 0 6 Au f dieser Ebene

Paradoxie durch die hier vorgeschlagene Unterscheidung vo n

Ebene n

zu, bei Gelegenheit an die paradoxe Fundierung der Gesamt-

die Unterscheidung vo n »Ebenen«

ist in unseren Begriffen eine »Form« , die zwe i Seiten hat; der Be -

griff der Eben e impliziert, daß es andere Ebene n gibt). Obwoh l wi r diese Ebene n unterscheiden, bleibt der Gegenstand unserer Untersuchungen (ihre »Systemreferenz«) das Gesell- schaftssystem. Wir unterscheiden, mit anderen Worten, die Ebe - nen der Analys e am Gegenstand Gesellschaft und befassen uns im vorliegenden Kontex t nicht mit Systemen, die auf den ande- ren Ebene n ebenfalls thematisiert werde n könnten. Methodolo- gisch führt die Unterscheidung der Ebene n zu der Forderung, Abstraktionsmöglichkeiten auszuschöpfen, Systemvergleiche

theorie

der Analys e vo n Gesellschaft. Da s läßt die Möglichkeit

zu

erinnern.

(Den n

106 Vorarbeiten dazu in Niklas Luhmann, Soziale Systeme: Grundriß einer

allgemeinen Theorie, Frankfurt

1984.

auf möglichst verschiedenartige System e zu erstrecken und Er- kenntnisgewinne, die bei der Gesellschaftsanalyse anfallen, so

weit möglich für Auswertun g auf allgemeineren Ebenen zur Verfügung zu stellen. Es handelt sich nach all de m nicht, wi e So- ziologen immer wieder befürchten, um einen Analogieschluß,

u n d es handelt sich ebensowenig um eine

Verwendun g biologischen Ideenguts. Di e Unterscheidung trifft keine Aussage über das Sein oder über das Wesen der Ding e im Sinne der »analogia entis«. Sie ist nichts anderes als eine For m der Entfaltung der Paradoxie der sich selbst einschließenden Einheit und hat die spezifische Funktion, den Gedankenaus- tausch zwischen den Disziplinen zu fördern und das wechsel- seitige Anregungspotential zu steigern. Sie ist mit all dem keine Seinsaussage, sondern eine wissenschaftsspezifische Konstruk- tion.

A u f allen Ebenen der Analys e des Gesellschaftssystems werden w i r uns zur Spezifikation der notwendigen Theorieentscheidun- gen systemtheoretischer Mittel bedienen. Di e allgemeine Theo - rie autopoietischer System e verlangt eine genaue Angab e derje- nigen Operation, die die Autopoiesis des Systems durchführt u n d damit ein System gegen seine Umwel t abgrenzt. Im Falle sozialer Systeme geschieht dies durch Kommunikation . Kommunikatio n hat alle dafür erforderlichen Eigenschaften: Sie ist eine genuin soziale (und die einzige genuin soziale) Opera- tion. Sie ist genuin sozial insofern, als sie zwa r eine Mehrheit v o n mitwirkende n Bewußtseinssysteme n voraussetzt, aber (eben deshalb) als Einheit keinem Einzelbewußtsein zugerech- net werde n kann. Sie schließt überdies mit den Bedingungen ihres eigenen Funktionierens aus, daß die Bewußtseinssysteme den jeweils aktuellen Innenzustand des oder der anderen kennen können 107 , und zwa r bei mündlicher Kommunikation , weil die

»nur metaphorische«

10 7 Ma n kann natürlich argumentieren, daß dies angesichts von Komple- xität und Operationstempo der Bewußtseinssysteme ohnehin unmög- lich ist und daß die Evolution eben deshalb auf den Auswe g der Kom - munikation verfallen ist, was den Bewußtseinssystemen zugleich die Möglichkeit freigestellt hat, eigene Komplexität zu entwickeln. Un d auch das trifft zu. Das oben im Text gebrachte Argument besagt dann aber immer noch, daß Kommunikation nicht dazu führt, daß man die Bewußtseinszustände der Beteiligten erkennt, sondern nur: daß man

Beteiligte n mitteilend/verstehen d gleichzeitig mitwirken , un d be i schriftlicher Kommunikation , wei l sie abwesend mitwirken . D i e Kommunikatio n kann also nur unterstellen, daß ein für sie

Korrelate hat. 1 0 8 Sie ist

in diesem Sinne (und nichts anderes kann mi t »Interpenetration« gemeint sein) auf operative Fiktionen angewiesen, die nur gele- gentlich und wiederu m nur durch Kommunikatio n getestet werde n müssen.

Kommunikatio n ist genuin sozial auch insofern, als in keiner

Weise und in keinem Sinne ein »gemeinsames« (kollektives) Be -

wußtsein hergestellt

werde n kann, also auc h Konsen s im Voll-

ausreichendes Verstehen auch psychische

sinne einer vollständigen Ubereinstimmun g unerreichbar ist un d Kommunikatio n statt dessen funktioniert. 1 0 9 Sie ist die

kleinstmögliche

Einheit, auf die Kommunikatio n noc h durc h Kommunikation reagieren kann. 1 1 0 Kommunikatio n ist, un d das ist dasselbe Argumen t in anderer Fassung, autopoietisch insofern, als sie nur

Systems , nämlich jene

Einheit eines

sozialen

sie als Begleitphänomen so weit errät oder fingiert, daß die Kommuni- kation fortgesetzt werden kann. Im übrigen schließt das Argument im Verhältnis zwischen Menschen ebensowenig wi e im Verhältnis zu Din- gen das Entstehen von Redundanzen aus: Ma n kennt ihre Schritte und seinen Hut, und man weiß, womit man den anderen ärgern kann.

108 Siehe auch Alois Hahn, Verstehen bei Dilthey und Luhmann, Annali di Sociologia 8 (1992), S. 421-430 .

109 Darauf weist Alois Hahn mit dem Begriff der Verständigung hin, die Konsensfiktionen einschließen, aber auch andere Mittel benutzen kann, um die Fortsetzung von Kommunikation bei divergenten psy- chischen Zuständen zu ermöglichen. Siehe: Verständigung als Strategie, in: Ma x Haller / Hans-Joachim Hoffmann-Nowotn y / Wolfgang Zapf (Hrsg.), Kultur und Gesellschaft: Soziologentag Zürich 1988, Frank- furt 1989, S. 346-359.

no Weitere Dekompositionen in einzelne Worte oder phonetische Wort- bestandteile (phonème) sind natürlich möglich und eventuell für die Linguistik bedeutsam. Abe r dann ist nicht mehr von Kommunikation, sondern von Sprache die Rede - von Sprache als Gegenstand von Kommunikation. Von der Kommunikation her gesehen sind Lautein- heiten bzw. Worte nur (lose gekoppelte) Medien der Kommunikation,

die in der Kommunikation nur funktionieren, wen n sie zu jeweils sinn- bestimmten Aussagen (Formen) gekoppelt werden. Dazu näher

Kap.

2,1.

im rekursiven Zusammenhan g mit anderen Kommunikationen erzeugt werden kann, also nur in einem Netzwerk , an dessen Reproduktio n jede einzelne Kommunikatio n selber mitwirkt. 1 " M it Verstehen bzw. Mißverstehen wir d eine Kommunikations- einheit abgeschlossen ohne Rücksicht auf die prinzipiell endlose

Möglichkeit , weite r z u klären , was verstande n worde n ist. Abe r dieser Abschluß hat die For m des Übergang s zu weiterer Kom - munikation, die solche Klärungen nachvollziehen oder sich an- deren Themen zuwende n kann. Elementproduktion ist Auto - poiesis. Scho n die Kommunikatio n des Annehmen s oder Ablehnens des Sinnvorschlags einer Kommunikatio n ist eine andere Kommunikatio n un d ergib t sich, bei allen thematischen Bindungen, nicht vo n selbst aus der vorigen Kommunikation.

F ü r die Autopoiesis der Gesellschaft und ihre Strukturbildun-

gen ist es eine wesentliche Voraussetzung, daß Kommunikatio n nicht schon vo n selbst ihre eigene Akzeptan z enthält, sondern daß darüber erst noch durch weitere, unabhängige Kommunika - tion entschieden werde n muß.

D a Kommunikatio n Zeit braucht, um Kommunikatione n an Kommunikatio n anschließen zu können, führt diese Operati- onsweise zu einer zeitlichen Entkopplun g vo n System und Um - welt. Das ändert nichts daran, daß Syste m und Umwel t gleich-

zeitig existieren und diese Gleichzeitigkeit aller Konstitution

v o n

nen

ieren, die das Operationstempo und die Zeitperspektiven des Systems internen Möglichkeiten anpaßt. Da s System muß dann auf eins-zu-eins-Kopplunge n vo n Umweltereignisse n und Systemereignissen verzichten und intern Einrichtungen schaf- fen, die dem Umständ e Rechnun g tragen, daß in der Umwel t an- dere Zeitverhältnisse herrschen als im System . Da s System ent- wickelt Strukturen (Erinnerungen und Erwartungen), um in sei- nen Operationen Zeitverhältnisse im System und in der Umwel t auseinanderhalten und die Eigenzeit organisieren zu können.

Zeit zugrundeliegt. 1 1 2 Abe r innerhalb der dadurch gegebe- Beschränkungen mu ß das Syste m eine Eigenzeit konstitu-

1 1 1 Vgl. Heinz von Foerster, Fü r Niklas Luhmann: Wie rekursiv ist Kom - munikation?, Teoría Sociológica 1/ 2 (1993), S. 61-88 .

1 1 2 Ausführlicher Niklas Luhmann, Gleichzeitigkeit und Synchroni- sation, in ders., Soziologische Aufklärung Bd. 5, Opladen 1990,

S. 95-130 .

Teils muß das Syste m gegenüber der Umwel t Zeit gewinnen, also Vorsorge treffen; teils muß es Überraschungen hinnehmen und verkraften können. Es muß Reaktione n verzögern oder auch beschleunigen können, währenddessen in der Umwel t schon wieder etwas anderes geschieht. Abe r zu m Problem wird dies nur dadurch, daß Syste m un d Umwel t ausweglos gleichzei- tig operieren und das Syste m also nicht in die Zukunft der Um - welt vorauseilen oder in deren Vergangenheit zurückbleiben

kann. Da s System kann also nie in eine Zeitlage gelangen, in der es sicher sein kann, daß in der Umwel t nichts geschieht. Dies gilt auch und speziell für das Verhältnis vo n Kommunika - tion und Bewußtsein, also für die Bewußtseins- und vor allem

die Wahrnehmungsvorgänge, die

schaft vorauszusetzen sind. Auc h diese Differenz erfordert und

ermöglicht zeitliche Entkopplunge n bei

in der Umwel t der Gesell-

unbestreitbar gleichzei-

tigem Zusammenwirken . Seit den bahnbrechenden Analysen v o n Mead" 3 weiß man, daß Kommunikatio n nicht schon da- durch zustandekommt, daß ein Organismu s wahrnimmt, wi e ein anderer sich verhält, und sich darauf einstellt; und auch nicht dadurch, daß er die Geste n des anderen, etw a Drohgesten oder Spielgesten, imitiert. Au f diese Weise käm e es nur zu wechsel-

seitiger Irritierung und Stimulation der (Autopoiesis der) Orga - nismen, zu mehr oder wenige r okkasionellen und eventuell rela- tiv häufigen Koordinationen. Entscheidend ist vielmehr nach

die es dem einzelnen Organismus

ermöglichen , sich in sich selbst mi t de m Verhalte n anderer abzu -

stimmen und zugleich selbst die entsprechenden »vocal gestu- res« zu benutzen; oder mit Maturana gesprochen: daß es zur Koordination der Koordinatione n der Organismen kommt." 4 Dies e Erklärung kann in Richtun g auf eine Semiotik des Sozia- len ausgebaut werden. Sie führt jedoch nicht zu einer Theorie der Gesellschaft als eines sich selbst durch Kommunikation gegen eine Umwel t (auch der beteiligten Organismen) abgren-

Mead , daß Symbol e entstehen,

1 1 3

Vo r allem in: Georg e Herber t Mead , Mind , Seif, and Society Standpoint of a Social Behaviorist, Chicago 1934 .

Fro m the

1 1 4 Siehe Maturana a.a.O. (1982) , insb. S. 258ff. Vgl. auch S.

155 , wo

Sprache als »rekursive strukturelle Kopplung des Nervensystems mit seiner eigenen Struktur« beschrieben wir d (Hervorhebung durch

mich, N.L.) .

zenden sozialen Systems. 1 1 5 Alle Aussage n über Kommunika - tion bleiben Aussage n über das »behavioral organism«, über das Nervensyste m (biologisch) oder über das Bewußtsein (psycho- logisch). Dabe i ist noch nicht berücksichtigt, daß Teilnahme an Kommu - nikation ein hohes und kontinuierlich durchgehaltenes Temp o in der Identifikation sukzessiver Sinnpartikel erfordert. Ohne

das Kurzzeitgedächtnis der Kommunika -

tion versagen. Andererseits ist das Bewußtsein in seinen neuro- biologischen Grundlage n darauf nicht vorbereitet und mu ß in

einem sehr spezifischen Sinne evoluieren, um Schritt halten zu können. 1 1 6 Dafü r hält die Kommunikatio n dan n deutlich distinkte Lautkombinationen bereit. Jedenfalls liegt hier, und nicht im bloßen Behandeln vo n Zeichen, das eigentliche Pro - blem der Co-evolutio n vo n Gehirn , Bewußtsein und Sprache. M a n braucht an diesen Einsichten nichts zu korrigieren und nichts zurückzunehmen; aber dann bleibt immer noch die Frage, ob und wi e Kommunikatio n eine Operation sein kann, die zur Emergen z und operativen Schließung eines eigenständi-

System s mit einer eigenen, nicht wahrnehmbaren

gen sozialen

dieses Temp o würd e

(!), sondern nur denotierbaren Umwel t führt. Ode r um ein Argumen t Maturanas aus der Zellbiologie in die Theorie sozia- ler Systeme zu überführen: Au s einer Beschreibung der Ge - samtheit der Zuständ e beteiligter Nervensystem e oder Bewußt - seinssystem e folgt noc h nichts für die Frage , wi e eine Autopoiesis des Sozialen möglich ist.

Entscheidend dafür dürfte sein, daß Sprechen (und dieses nach- ahmende Gesten) eine Intention des Sprechers verdeutlicht, also eine Unterscheidung vo n Information und Mitteilung un d im weiteren dann eine Reaktio n auf diesen Unterschied mit eben- falls sprachlichen Mitteln erzwingt. 1 1 7 Erst dadurch entsteht überhaupt, als Komponent e dieser Unterscheidung, eine Infor-

1 1 5 Da s sieht, und akzeptiert, auch Peter M . Hejl, Sozialwissenschaft als Theorie selbstreferentieller Systeme, Frankfurt 1982. 1 1 6 Vgl. Philip Lieberman, Uniquely Human: The Evolution of Speech, Thought, and Selfless Behavior, Cambridg e Mass. 1991 , insb. S. 36 ff. 1 1 7 Ausführlicher hierzu Luhmann , Soziale Systeme a.a.O. S. 19 1 ff.; fer- ner unten S. 19 7 ff. über Sprache.

mation mit Informationswert, das heißt: eine Information, die den Zustan d des sie prozessierenden System s ändert (im Sinne des berühmten Diktum s vo n Bateson: a difference that makes a difference). Es komm t hinzu, und das unterscheidet Kommuni- kationen vo n biologischen Prozessen jeder Art, daß es sich um eine Operation handelt, die mit der Fähigkeit zur Selbstbeob- achtung ausgestattet ist. Jed e Kommunikatio n muß zugleich kommunizieren, daß sie eine Kommunikatio n ist, und sie muß markieren, we r was mitgeteilt hat, damit die Anschlußkommu- nikation bestimmt und so die Autopoiesi s fortgesetzt werden kann. Sie erzeugt mithin nicht nur durc h bloßen Vollzug als Operation eine Differenz (das auch!), sondern sie verwendet auch eine spezifische Unterscheidung, nämlich die von Mittei- lung und Information, um zu beobachten, daß dies geschieht. Diese Einsicht hat. sehr weittragende Konsequenzen . Sie besagt

nicht nur, daß die Identifikation vo n Mitteilung als »Handlung« das Konstruk t eines Beobachters ist, nämlich das Konstrukt des sich selbst beobachtenden Kommunikationssystems . Sie besagt

v o r allem, daß soziale System e (und das schließt dann den

Fall

Gesellschaft ein) nur als sich selber beobachtende Systeme Zu- standekommen können. Wir sind durch diese Überlegung ge- zwungen , im Gegensatz zu Parsons und zu all dem, was gegen- wärtig als Handlungstheorie auf de m Mark t ist, auf eine handlungstheoretische (und damit »individualistische«) Begrün- dung der Soziologie zu verzichten. 1 1 8 Wir gewinnen damit zu- gleich ein Problem , aber zunächst nichts weiter als dieses Pro - blem eines Systems, das zu r laufenden Selbstbeobachtung genötigt ist, wobe i die Beobachtung, wi e obe n gesagt, eine un- terscheidungsabhängige Operatio n ist, die im Moment ihres Operierens selbst als das ausgeschlossene Dritte fungiert. Auc h alle Selbstbeobachtung ist ja bedingt durch einen blinden Fleck. Sie ist nur möglich, weil sie ihr Sehen nicht sehen kann. So fun- giert die Kommunikatio n selbst operativ als Einheit der Diffe-

1 1 8 De r Grun d dafür ist: daß der Begriff der Handlung , der nach allgemei- nem Verständnis Handelnde voraussetzt, die Grenzen zwischen Syste- men und Umwelten verwischt. Das schließt aber keineswegs aus, den Begriff der Handlung als Konstrukt eines beobachtenden Systems wie- dereinzuführen, wobei das System Handlungen als Zurechnungs- punkte im System und in der Umwelt lokalisieren kann.

renz vo n Information, Mitteilung und Verstehen, ohne diese Einheit kommunizieren zu können. Abe r sie benutzt zur nachträglichen Selbstbeobachtung die Unterscheidung vo n In- formation, Mitteilung und Verstehen, um festlegen zu können, ob die weitere Kommunikatio n auf Zweife l an der Information, auf vermutete Mitteilungsabsichten (zum Beispiel Täuschungs- absichten) oder auf Verständnisschwierigkeiten zu reagieren hat.

Kein e Selbstbeobachtung ist mithin in der Lage , die volle Wirk- lichkeit des Systems, das sie durchführt, zu erfassen. Sie kann nur etwas statt dessen tun, nur Ersatzlösungen wählen; und dies geschieht durch die Wahl vo n Unterscheidungen, mit denen das Syste m Selbstbeobachtungen ausführt. Ei n System kann, wenn hinreichend komplex, vo m Beobachten seiner Operationen zum Beobachten seines Beobachtens und schließlich zur Beobach- tung des Systems selbst übergehen. In diesem Falle muß es die Unterscheidung »System und Umwelt « zu Grund e legen, also Selbstreferenz und Fremdreferenz unterscheiden können. Abe r auch dies geschieht, anders wäre es keine Se/^stbeobachtung, durch Operationen des System s im System . Di e Unterscheidung

und Fremdreferenz ist eine Unterscheidung,

v o n Selbstreferenz

die im System praktiziert wir d und sich als solche reflektiert. W ir können auch sagen: sie ist eine Konstruktion des Systems.

Angesichts der Unmöglichkeit, die Fülle des Seins zu erblicken und das System für sich selbst transparent zu machen, entsteht ein komplexes Gebilde vo n Unterscheidungen, die den Beob - achtungsprozeß des System s leiten, ihn nach innen oder nach außen lenken je nachdem, welche Seite der Unterscheidung von »innen« und »außen« bezeichnet wird . Dan n kann das System,

wen n es über entsprechende Speichereinrichtungen, zu m

Bei-

spiel über Schrift verfügt, Erfahrungen sammeln, situative Ein- drücke durch Wiederholung kondensieren und sich ein operati-

ves Gedächtnis aufbauen, ohne Gefah r zu laufen, dabei sich selbst ständig mit der Umwel t zu verwechseln. Al l dies ge- schieht im Anschluß an die Grundunterscheidung vo n Selbst- referenz und Fremdreferenz mit jeweils geeigneten anderen Un - terscheidungen.

D e r Begriff der Selbstbeobachtung setzt nicht voraus, daß es in einem System jeweils nur eine solche Möglichkeit gibt. Es kön- nen viele Kommunikatione n gleichzeitig praktiziert und gleich-

zeitig selbstbeobachtet werden. Dasselbe gilt für die Beobach- tung der Einheit des Systems im Unterschied zur Umwelt. Ei n

soziales System , und besonders natürlich eine Gesellschaft, kann sich selbst gleichzeitig oder im nacheinander auf ganz verschie- dene - wi r werden sagen: »polykontexturale« - Weise beobach- ten. Es gibt also, vo m Objekt her, keinen Zwan g zur Integration der Selbstbeobachtungen. Da s Syste m tut, wa s es tut.

Was bisher gesagt ist, gilt für soziale System e

sten Art , zu m Beispiel auch für Organisationen oder, wie Fami - lientherapeuten wissen, für Familien. Wenn wi r nunmehr auf die dritte Eben e zu sprechen kommen , auf de r die Spezifik eines Gesellschaftssystems zu behandeln ist, mache n sich die Pro - bleme der Vielfalt möglicher Selbstbeobachtungen mit besonde-

Denn die

Gesellschaft kennt als das umfassende soziale System keine so -

zialen System e außerhalb ihrer Grenzen . Si e kann also gar nicht v o n außen beobachtet werden. 1 1 9 Zwa r können psychische System e die Gesellschaft vo n außen beobachten; aber das bleibt sozial ohne Folgen, wen n es nicht kommuniziert, wen n also die

nicht im sozialen Syste m praktiziert wird. Die Ge -

sellschaft ist, mit anderen Worten, der Extremfall vo n polykon-

texturaler Selbstbeobachtung, der Extremfall eines Systems, das zur Selbstbeobachtung gezwunge n ist, ohn e dabei wi e ein Ob - jekt zu wirken , über das nur eine einzige richtige Meinung be- stehen kann, so daß alle Abweichun g als Irrtu m zu behandeln ist. Selbst wen n die Gesellschaft routinemäßig sich selbst vo n ihrer Umwel t unterscheidet, ist keinesweg s vorab klar, wa s damit vo n seiner Umwel t unterschieden wird . Un d selbst wen n Texte, also Beschreibungen, angefertigt werden , die Beobach- tungen steuern und koordinieren, bedeutet das nicht, daß es nur jeweils eine richtige Beschreibung gibt. Ma n wird nicht ohne weiteres unterstellen dürfen, daß südchinesische Fischer ebenso w i e die Mandarine und Bürokrate n die Grundlag e des Reiches

Beobachtun g

rer Eviden z und mit besonderer Tragweite bemerkbar.

der verschieden-

1 1 9 Pierre Livet, La fascination de l'auto-organisation, in: PaulDumouchel/ Jean-Pierre Dupuy (Hrsg.), L'auto-organisation: De la physique au

politique, Paris

epistemologique, stellt aber zugleich fest, daß damit noch keineswegs die Einheitlichkeit einer einzig-richtigen Selbstbeschreibung gewähr- leistet sei.

diesen Fall von cloture

1983, S.

165-171 ,

spricht für

in der konfuzianischen Ethik gesehen haben. Auc h das indische Kastensystem als Darstellung der Einheit durch Differenz hat regional ganz verschiedene und mit der Einheit einer hierarchi- schen Ordnun g inkompatible Ausprägunge n erhalten. Un d wer außerhalb des Klerus, des Adel s und der juristisch geschulten Richter und Verwaltungsbeamten die Drei-Stände-Lehre des späten Mittelalters gekannt und an sie geglaubt hat, bleibt eine empirische Frage. Au s der Sicht vo n Bauer n wa r es woh l eher eine Ein-Klassen-Gesellschaft mit de m Ausnahmefall des jewei- ligen Gutsherrn und seiner Familie.

Es gibt im Falle vo n Gesellschaft eben keine externe Beschrei- bung, an der man sich korrigieren könnte - so sehr Literaten und Soziologen sich um eine solche Position bemühen. Di e Tra- dition hatte das Interesse an einer unfehlbaren Beschreibung externalisiert und die entsprechende Position Got t genannt. Got t konnte alles, nur nicht sich irren. Abe r man hatte dann doch konzedieren müssen, daß das Urteil der Priester über das Urteil Gottes fehlbar sein könne und daß die richtige Beschrei- bung, das wahre Sündenregister, erst am End e der Zeit als Welt- gericht bekannt werde n würde , und zwa r in der For m einer Überraschung.

V o r dem Hintergrund dieser These eines Überschußes an Mög -

lichkeiten der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung wer- den wi r im abschließenden Kapitel zu zeigen versuchen, daß Selbstbeschreibunge n gleichwoh l nich t zufälli g Zustandekom-

men. Es gibt strukturelle Bedingunge n für die Plausibilität von Darstellungen; und es gibt geschichtliche Trends in der Evolu - tion vo n Semantiken, die den Spielraum für Variationen stark einschränken. Di e soziologische Theorie kann dann Zusammen - hänge nach der Ar t vo n Korrelationen zwischen Gesellschafts- strukturen und Semantiken erkennen; aber sie kann zugleich wissen, daß solche Theorie n ihre eigenen Konstrukte sind und nicht mit den zur gegebenen Zeit kursierenden Darstellung des Gesellschaftssystems verwechselt werde n dürfen.

D i e Gesellschaft hat also, so können wi r zusammenfassen, kein

Wesen. Ihre Einheit läßt sich nicht durch Reduktio n aufs Essen- tielle erschließen, mit der Folge , daß widersprechende Auffas- sungen sich als Irrtum abweisen ließen (denn auch dies müßte ja in der Gesellschaft kommuniziert werde n und würd e damit das

ändern, wovo n die Red e ist). Di e Einheit des Gesellschafts- systems liegt also lediglich in der Abgrenzun g nach außen, in der For m des Systems, in der operativ laufend reproduzierten Differenz. Gena u das ist der Punkt, auf den die »redescription« der alteuropäischen Tradition Wert legen muß . Wen n wi r sagen , daß nur Kommunikatione n un d alle Kommu - nikationen zu r Autopoiesis der Gesellschaft beitragen und da- durch das Merkma l »umfassend« redefinieren, steckt auch in dieser Thes e ein tiefreichender Bruc h mit der Tradition. Es komm t dann wede r auf Ziele noch auf gute Gesinnungen, weder auf Kooperatio n noch auf Streit, wede r auf Konsen s noch auf Dissens, wede r auf Annahm e noch auf Ablehnun g des zugemu- teten Sinnes an. Auc h das individuelle Glüc k spielt keine, oder allenfalls als Them a der Kommunikatio n eine Rolle. 1 2 0 Nu r die Autopoiesis selbst wir d durch alle diese Kommunikationen transportiert. Un d natürlich erst recht durc h alle Kommunika - tionen, die den Teilsystemen der Gesellschaft zuzurechnen sind. Unterscheidungen wie: Wirtschaft und Gesellschaft, Recht und Gesellschaft, Schule und Gesellschaft sind deshalb verwirrend und, in unserer Theorie, nicht erlaubt. Sie erwecken den Ein - druck, als ob die Komponente n der Unterscheidung sich wech - selseitig ausschließen, während in Wahrheit Wirtschaft, Recht, Schule usw. nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern nur als ihr Vollzu g gedacht werden können. Es handelt sich um den glei- chen Unsin n wi e bei dem Versuch, Frauen un d Menschen zu un- terscheiden - nur eben um einen sehr viel weiter verbreiteten Unsinn .

»Alle Kommunikationen « besagt: Kommunikatione n wirken

autopoietisch

insofern,

als

ihr

Unterschied keinen

Unterschied

macht. Daß kommunizier t wird , ist in de r Gesellschaf t mithin keine Überraschung, also auch keine Information. (Anders

1 2 0 Eine ähnliche Ausklammerung aller Bewußtseinszustände, subjektiven Intentionen oder Gefühle findet man in der Diskurstheorie von Lyo - tard. Die Basiseinheit ist hier der Satz (phrase), der sich mit anderen Sätzen verkettet (enchaînement). Siehe Jean-François Lyotard, Le dif- férend, Paris 1983. Lyotard blendet jedoch die systemtheoretische Vor- stellung explizit aus, daß in der Verkettung selbst zwangsläufig schon die Erzeugung einer System/Umwelt-Differenz liegt, die im System (im Diskurs? ) zu reflektieren wäre.

natürlich für psychische Systeme, die unvermutet angesprochen

Andererseits ist Kommunikatio n gerade das Aktuali-

sieren vo n Information. Mithin besteht die Gesellschaft aus dem Zusammenhan g derjenigen Operationen, die insofern keinen

Unterschied machen, als sie einen Unterschied machen.

weist alle Annahme n über Verständigung, Fortschritt, Rationa-

lität oder andere gern gesehene Ziele in eine zweitrangige Theo - rieposition. Gena u das wir d dann aber der Theorie symbolisch

generalisierter Kommunikationsmedie n ihr geben.

»Alle Kommunikationen « schließt sogar paradoxe Kommuni - kation ein, also Kommunikation , die negiert, daß sie sagt, was sie sagt. Ma n kann paradox kommunizieren, und dies keines- weg s »sinnlos« (im Sinne vo n unverständlich = autopoietisch wirkungslos). 1 2 1 Al s Operation funktionier t die paradox e Kom - munikation, auch wen n sie, und das ist ihre wohlverstandene Absicht , de n Beobachter verwirrt . Sowoh l die klassisch e Rheto - rik als auch die moderne Literatur, sowoh l die Nietzsche-Hei- degger-Tradition der Philosophie als auch die Familientherapeu- ten bedienen sich des offenen Paradoxierens; und mehr noch: es ist üblich geworden , beim Beobachten des Beobachtens anderer auf verdeckte Paradoxien zu achten. Di e Funktion der parado- xen Kommunikatio n ist nicht völlig geklärt und vermutlich selbst paradox, nämlich als Versuch, Destruktion und Kreation in einem Akt e zu vollziehen. Wir werden mehrfach darauf zurückkommen . Im Momen t genügt die Feststellung, daß damit nicht die autopoietische Operation, sondern nur deren Beob - achtung in Schwierigkeiten gerät. 1 2 2

besonderes Gewich t

Da s ver-

werden.)

1 2 1 Vgl. hierzu die in Niklas Luhmann / Peter Fuchs, Reden und Schwei- gen, Frankfurt 1989, erörterten Beispiele.

1 2 2 Entsprechendes scheint Yves Barel, Le paradoxe et le système: Essai sur le fantastique social, 2. Aufl . Grenobl e 1989 , insb. S. 19 ff. sagen zu wollen mit der Unterscheidung von logischen und existentiellen Para- doxien. Letztere sind in jedem System unvermeidlich, das über Mög- lichkeit selbstreferentieller Operationen verfügt.

V I . Operative Schließung und strukturelle Kopplungen

Beschreibt man die Gesellschaft als System , so folgt aus der all- gemeinen Theorie autopoietischer Systeme, daß es sich um ein operativ geschlossenes System handeln muß . Au f der Ebene der eigenen Operationen gibt es keinen Durchgrif f in die Umwelt, u n d ebensowenig können Umweltsystem e an den autopoieti- schen Prozessen eines operativ geschlossenen Systems mitwir- ken. 1 2 3 Da s gilt selbst dann, ja gerade dan n - und auf diesen schwierigen Gedanken, der der gesamten erkenntnistheoreti- schen Tradition widerspricht, müssen wi r ausdrücklich hinwei-

sen -, wenn es sich bei diesen Operationen um Beobachtungen handelt oder um Operationen, deren Autopoiesis eine Selbstbe-

obachtung erfordert. Beobachtunge n könne n nu r auf Beobach - tungen einwirken, können nur Unterscheidungen in andere Un - terscheidungen transformieren, können, mi t anderen Worten, nur Informationen verarbeiten; aber nicht Ding e der Umwelt berühren - mit der wichtigen, aber sehr schmalen Ausnahm e all

dessen, wa s über strukturelle Kopplunge n involviert ist. Auc h für beobachtende Systeme gibt es auf der Eben e ihres Operie-

rens keinen Umweltkontakt. All e Umweltbeobachtun g

muß i m

Syste m selbs t als interne Aktivitä t mi t Hilf e eigener Unterschei - dunge n (für die es in de r Umwel t keine Entsprechung gibt) durchgeführ t werden . Ander s hätte es ga r keine n Sinn, vo n Um-

we/tbeöbachtung zu sprechen. All e Umweltbeobachtun g setzt die Unterscheidung vo n Selbstreferenz und Fremdreferenz vor - aus, die nur im System selbst (w o denn sonst?) getroffen werden kann. Un d das macht zugleich verständlich, daß alle Umwelt-

1 2 3 Wil Martens, Die Autopoiesis sozialer Systeme, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 43 (1991) , S. 625-646 , meint, sie könnten immerhin die Komponenten der Elemente sozialer Systeme (also zur Kommunikation Information, Mitteilung und Verstehen) bei- steuern. Abe r selbst das ist nicht möglich. Natürlich gibt es, kausal ge- sehen, einen solchen Fremdursprung. Abe r diese Herkunft kann nicht mitkommuniziert werden. Sie geht nicht in den Sinn der Kommunika- tion ein, sondern bleibt im Zug e der Emergenz des sozialen Systems in der Umwelt zurück. Das ist nur eine andere Formulierung für das Prinzip , daß der autopoietische Prozeß zwangsläufig Systemgrenzen zieht.

beobachtung Selbstbeobachtung stimuliert und jeder Distanz- gewinn zur Umwel t die Frage des Selbst, der eigenen Identität aufwirft. Den n weil man nur mit Unterscheidungen beobachten kann, macht die eine Seite der Unterscheidung sozusagen neu- gierig auf die andere, stimuliert sie ein Überqueren (Spencer Brow n würd e sagen: ein »crossing«) der Grenzlinie, die durch die For m »System und Umwelt « markiert wird.

bleibt auf der Eben e der Beobachtung erster Ord -

nung diese Unterscheidung vo n Umweltkontakt und nur intern anschlußfähiger Fremdreferenz unberücksichtigt - und zwa r in Bewußtseinssystemen ebenso wie in Kommunikationssyste- men. Alle Spuren der operativen Schließung werde n gelöscht. Bewußtseinssysteme wissen nichts vo n den Arbeitsbedingungen ihrer Gehirne, aber sie denken »im Kopf« . Kommunikations- systeme wissen nicht, daß Kommunikationen nichts anderes

kontaktieren als Kommunikationen . Di e Systeme

hin unter der Illusion eines Umweltkontaktes - jedenfalls so- lang e sie nu r beobachten , was sie beobachten , un d nich t beob - achten, wie sie beobachten . Erfahrun g vo n Widerstan d un d Nichtbeliebigkeit der Operationsresultate werden extern ver- bucht und geben daher eine Welt, der man sich zu fügen hat. Phänomenologie wir d als Ontologie praktiziert. Diese Bedin- gung ist zwa r durchschaubar. Sie ist in der Beobachtung zweiter Ordnun g aufhebbar; aber dies geschieht ohne Möglichkeit des vollständigen Verzichts auf jede Beobachtung erster Ordnung, da schließlich auch die Beobachtung zweiter Ordnun g noch einen Beobachter muß beobachten können; und daher bleibt auch die durchschaute Realitätsillusion ein Faktu m in der realen Welt. Ma n sieht, daß die Sonne »aufgeht«, und kann es nicht an- ders sehen, obwoh l man weiß, daß man sich täuscht. Ander s ge- sagt: Au f der Eben e der Beobachtung erster Ordnung, die nie ganz aufgegeben werde n kann, kann zwischen Realität und Rea - litätsillusion nicht unterschieden werden. Operative Geschlossenheit hat zur Konsequenz, daß das System auf Selbstorganisation angewiese n ist. Di e eigene n Strukture n können nur durch eigene Operationen aufgebaut und geändert werde n - also zu m Beispiel Sprache nur durch Kommunikatio n und nicht unmittelbar durch Feuer, Erdbeben, Weltraumstrah- lungen oder Wahrnehmungsleistungen des Einzelbewußtseins.

operieren mit-

Allerdings

All e Operationen (Kommunikationen ) habe n mithin eine Dop - pelfunktion: Sie legen (i ) den historischen Zustan d des Systems fest, vo n dem dieses System bei den nächsten Operationen aus- zugehen hat. Sie determinieren das Syste m als jeweils so und nicht anders gegeben. Un d sie bilden (2) Strukture n als Selek- tionsschemata, die ein Wiedererkennen un d Wiederholen er- möglichen, also Identitäten (oft sagt man im Anschluß an Piaget auch: Invarianzen) kondensieren und in imme r neuen Situatio- nen konfirmieren, also generalisieren. Dies e Erinnern und Ver- gessen ermöglichende Strukturbildung ist nicht durch Einwir- kung vo n außen möglich, und eben deshalb spricht man vo n Selbstorganisation. Geschlossenheit, Selbstdetermination und Selbstorganisation machen ein Syste m in hohem Maße, und darin liegt der evolutionäre Vorteil, kompatibe l mit Unordnung in der Umwelt , oder genauer: mit nur fragmentarisch, nur bruchstückhaft, nicht als Einheit geordneten Umwelten. Inso- fern führt die Evolutio n quasi zwangsläufig zur Schließung vo n Systemen, die ihrerseits dann wieder daz u beiträgt, daß eine Gesamtunordnun g entsteht, de r gegenübe r sich operative Schließung und Selbstorganisation bewähren . In genau diesem Sinne entspricht auch die operative Schließung des Kommuni - kationssystems Gesellschaft der Tatsache, daß bewegliche Orga - nismen mit Nervensystemen und schließlich mit Bewußtsein entstanden sind; und die Gesellschaft verstärkt dann noch, weil sie es erträgt, die unkoordinierte Perspektivenvielfalt dieser endogen unruhigen Einzelsysteme.

Innerhalb ihrer eigenen Tradition muß de r Systemtheorie die Thes e vo n der Geschlossenheit der System e als extravagant er- scheinen, denn die Systemtheorie hatte sich mit einem Blick auf das Entropiegesetz gerade umgekehrt als Theorie offener (und deshalb negentropischer) System e konstituiert. Diese Position im Verhältnis zu m Entropiegesetz soll natürlich nicht widerru- fen werden. Mi t »Geschlossenheit« ist denn auch nicht thermo- dynamische Abgeschlossenheit gemeint, sondern nur operative Geschlossenheit, das heißt: rekursive Ermöglichun g eigener Operationen durch die Resultate eigener Operationen. Den n man mu ß davo n ausgehen, daß reale Operationen nur in einer gleichzeitig existierende n Wel t möglic h sind . Da s schließt es zunächst aus, daß eine Operation auf eine andere Einfluß

nimmt. Wenn dies trotzdem möglich werden soll, dann im un- mittelbaren Anschluß einer Operation an eine andere. Solche re- kursiven Verhältnisse, in denen der Abschlu ß einer Operation

die Bedingung für die Möglichkeit einer anderen ist, führen aber zu einer Differenzierung vo n Systemen, in denen Schließung auf eine strukturell oft hochkomplex e Weise realisiert wird, und deren gleichzeitig existierender Umwelt . Da s Ergebnis nennen

w i r operative Geschlossenheit.

Die s ganze Them a kann man auch an Bewußtseinssystemen ab-

handeln und dann zeigen, weshalb und wi e die moderne Distanz

v o n Individuum und Gesellschaft das Individuum zur Refle-

xion, zur Frage nach de m Ich des Ichs, zu r Suche nach einer ei- genen Identität anregt. Das , wa s immer schon gesehen wurde, und das, wa s die Welt war, ist nun »draußen«. Un d was ist dann »drinnen«? Eine unbestimmbare Leere? Wendet man die Theo - rie autopoietischer System e auf den Fall der Gesellschaft an, komm t man zu m selben Ergebnis, bezogen natürlich auf eine

andere Operationsweise,

D i e Gesellschaft ist ein kommunikativ geschlossenes System. Sie

erzeugt Kommunikatio n durch Kommunikation . Ihre Dynami k

Kommunikatio n auf Kommunikation

besteht im Einwirke n vo n

und in diesem Sinne: in der Transformation jeweils aktueller Unterscheidungen und Bezeichnungen, nie aber in der Umge - staltung der äußeren Umwelt. 1 2 4 Ma n kann die Ding e nicht zu- rechtreden, so wenig wi e man sie wegdenke n oder umdenken kann.

Gesellschaft ist daher ein vollständig und ausschließlich durch sich selbst bestimmtes System . Alles, wa s als Kommunikation bestimmt wird, muß durch Kommunikatio n bestimmt werden. Alles, was als Realität erfahren wird , ergibt sich aus dem Wider- stand von Kommunikatio n gegen Kommunikation 125 , und nicht aus einem Sichaufdrängen der irgendwie geordnet vorhandenen

nämlich auf Kommunikation .

1 2 4 Daß diese Feststellung durch den Begriff der strukturellen Kopplung innerhalb der Reichweite dieses Sachverhalts modifiziert werden muß, werden wir sogleich sehen. 125 Wir erweitern damit etwas, was in der Linguistik und Literaturtheorie als »resistance of language to language« bezeichnet wird - mit dieser Formulierung von Wlad Godzich in seiner Einleitung zu: Paul de Man, The Resistance to Theory, MinneapoHs 1986, S. XVII .

Außenwelt. Das schließt natürlich die Kommunikatio n über Umweltabhängigkeiten ein; aber auch dan n erfolgt die Bestim-

mun g dessen, was kommuniziert wird , an Han d der

nen Unterscheidung vo n Selbstreferenz un d Fremdreferenz und durch rekursiven Rückgriff bzw. Vorgriff auf andere Kommuni - kationen. Diese Eigendetermination ermöglicht erst das Tolerie- ren, ja absichtliche Placieren vo n Unbestimmtheiten, zum Bei - spiel vo n Fragen , vo n Mehrdeutigkeiten , vo n paradoxen Mitteilungen, vo n Ironie. Di e Kommunikatio n selbst entschei- det, notfalls über Rückfragen oder Unbeachtetlassen, über ihre eigenen Ansprüch e an Bestimmtheit, ebens o wi e über einen be- stimmten Verwendungssinn vo n Unbestimmtheiten. Und die letzte Kontrolle über die Selbstfestlegung auf der Dimension v o n bestimmt zu unbestimmt liegt in der Frage , was zur Fort- setzung bzw . zu m Abbruc h laufender Kommunikatione n beiträgt.

A l s Kommunikationssyste m kann die Gesellschaft nur in sich selber kommunizieren, aber wede r mit sich selbst, noch mit ihrer Umwelt . Sie produziert ihre Einheit durch operativen Vollzu g vo n Kommunikatione n im rekursiven Rückgriff und Vorgriff auf andere Kommunikationen . Sie kann dann, wenn sie das Beobachtungsschem a »System und Umwelt « zu Grunde legt, in sich selbst, über sic h selbst ode r über ihre Umwel t kom - munizieren , abe r nie mit sic h selbs t un d ni e mit ihre r Umwelt . Den n wede r sie selbst noc h ihre Umwel t könne n in der Gesell- schaft gleichsam als Partner, als Adresse für Kommunikation, nochmals vorkommen . Ei n solcher Versuch würd e ins Leere sprechen, würd e keine Autopoiesis in Gan g setzen und würde deshalb unterbleiben. Den n Gesellschaft ist nur als autopoieti- sches Syste m möglich.

Diese Geschlossenheit bezieht sich auf die spezifische operative Weise der Reproduktio n des Systems, also auf Kommunikation, nicht also auf Kausalität schlechthin. Da ß die Umwel t immer mitwirk t und ohne sie nichts, absolut gar nichts geschehen kann, ist selbstverständlich. De r Begriff der Produktio n (oder eben:

poiesis) bezeichnet immer nur einen Teil der Ursachen, die ein Beobachter als erforderlich identifizieren könnte; und zwar jenen Teil, der über die interne Vernetzung der Operationen des System s gewonnen werde n kann; jenen Teil, mit dem das System

systemeige-

seinen eigenen Zustan d determiniert. Un d Reproduktio n heißt dann im alten Sinne dieses Begriffs: Produktion aus Produkten, Bestimmun g des Zustandes des System s als Ausgangspunk t für jede weitere Bestimmun g des Zustandes des Systems. Un d da diese Produktion/Reproduktio n eine Unterscheidung externer und interner Bedingungen erfordert, vollzieht das System dabei immer auch die Reproduktio n seiner Grenzen , und das heißt:

seiner Einheit. Insofern heißt Autopoiesis: Produktion des Systems durch sich selber.

Kommunikatio n komm t aber nur dadurch zustande, daß zwi- schen Mitteilung un d Information unterschieden und der Un - terschied verstanden wird . All e weitere Kommunikatio n kann sich dann entweder auf die Mitteilung oder auf die Information beziehen; aber dies nur durch eine Anschlußkommunikation, die ihrerseits wieder die Differenz vo n Mitteilung und Informa- tio n reproduziert . Im operativen Vollzu g (dadurc h daß sie ge- schieht) reproduzier t di e Kommunikatio n die Geschlossenheit des Systems . Durc h di e Ar t ihre r Beobachtungsweise (dadurc h wie sie geschieht, nämlic h durc h die Unterscheidun g vo n Mit - teilun g un d Information ) reproduzier t sie die Differenz von Ge- schlossenheit und Offenheit. Un d so entsteh t ein System , da s auf Grun d seiner Geschlossenheit umweltoffen operiert, weil seine basale Operation auf Beobachtung eingestellt ist. Di e Formdif- ferenz vo n Mitteilung und Information ist mithin für das System eine unvermeidbare Bedingun g autopoietischer Reproduktion. Im anderen Falle gäbe es nur das Nicht-mehr-Kommunizieren, das Beenden der Operationen des Systems. Diese auf die For m der Kommunikatio n bezogene Notwendig - keit besagt zugleich, daß das Syste m immer auch eine doppelte Referenz reproduziert, und zwar, wi e bereits mehrfach gesagt, die Unterscheidung vo n Selbstreferenz und Fremdreferenz. Ube r Mitteilung bezieht das Syste m sich auf sich selbst. Die Mitteilung aktualisiert die Möglichkeit, rekursiv weitere Kom - munikation auf das Syste m zu beziehen. Dagegen referiert das System über Informationen typisch seine Umwelt. 1 2 6 Di e Struk-

1 2 6 Wi r sagen typisch, da nicht ausgeschlossen sein soll, daß das System bei hinreichender Komplexität auch über sich selber Informationen ein- holt, das heißt: sich mit sich selber überrascht. Die Differenz Selbst- referenz/Fremdreferenz bezieht sich zunächst also nur auf die einzelne

tur der kommunikativen Operation hat mithin genau die Form , die nötig ist, um die Differenz vo n Syste m und Umwel t in das System hineinzuverlagern un d hier als Unterscheidung vo n Selbstreferenz un d Fremdreferenz zu handhaben. Da s schlichte Operieren reproduziert nur die Differenz vo n System und Um - welt durch stets selektive Rekursion . Ube r die Unterscheidung v o n Mitteilung und Information wir d dan n ein »re-entry« der Unterscheidung in das Unterschiedene vollzogen. 1 2 7 Die Diffe- renz vo n Syste m und Umwel t erscheint im Syste m in der For m v o n Referenzrichtungen - un d nur so. Da s Proble m der opera- tiv unzugänglichen Umwel t wir d dadurch vo n Operation auf Kognitio n umgesetzt. 1 2 8 Da s Syste m reproduziert sich selbst im imaginären Rau m seiner Referenzen, un d dies dadurch, daß es mit jeder kommunikativen Operatio n die Unterscheidung vo n Selbstreferenz un d Fremdreferenz als For m seiner Autopoiesis erneuert.

D i e Autopoiesis des Kommunikationssystem s Gesellschaft voll- zieht also imme r und notwendig die Reproduktio n derjenigen Unterscheidung, die Referenzen nach Selbstreferenz un d Fremd- referenz aufteilt. Sie kann auch diese Unterscheidung noch refe- rieren, indem sie sie als eigene Unterscheidun g unter »Selbst- referenz« subsumiert. Da s wäre dann scho n ein re-entry einer Unterscheidung in ein bereits vollzogenes re-entry der Unter-

Operation, nicht ohne weiteres auf das System. Während dann die

Mitteilung gar nicht anders als systemintern begriffen werden kann,

läßt die Informationskomponente zwei Externa zu: operationsextern

und systemextern.

1 2 7 Siehe zur Funktion dieses re-entry und der entsprechenden Entste- hung eines »imaginären« Raums, der allein jetzt noch Einheit darstel- len kann, George Spencer Brown , Law s of Form , Neudruck Ne w

Yor k 1979 , S . 5 6 f., 6 9 ff. Sieh e auc h Loui s H . Kauffman , Self-Referenc e and Recursive Forms, Journal of Social and Biological Structures 10

Miermont, Le s conditions formelles

de l'état autonome, Revue internationale de systémique 3 (1989),

(1987) , S. 53-7 2 (56f.); Jacques

S- 295-314 .

12 8 So gesehen ist es denn auch kein Zufall, daß gleichzeitig mit der Theo- rie operativ geschlossener Systeme ein dazu passender, sehr allgemei- ner, »konstruktivistischer« Begriff der Kognition entstanden ist, für den die alten Einwände gegen einen vermeintlich realitätslosen Idealis- mus nicht mehr gelten.

Scheidung vo n Syste m und Umwel t in das System . Imme r bleibt dabei auf operativer Eben e diese Unterscheidung vorausgesetzt als operativ nicht faßbare Bedingun g des Referierens. All e inter- nen Transformationen, alle Informationsverarbeitung, alles Um - setzen vo n Unterscheidungen in Unterscheidungen kann sich daher immer nu r auf ein kommunikatives Referieren beziehen. Es kann nicht direkt in die Umwel t eingreifen. Entsprechend sind »Objekte« für das System imme r Referenzen; also nie in der Außenwel t gegebene Dinge , sondern strukturelle Einheiten der Autopoiesis des Systems, das heißt Bedingungen der Fort- setzung vo n Kommunikation. 1 2 9 Un d ebensowenig kann das System auf die eigene Einheit durchgreifen. Wenn es das tut, aktualisiert es stets nu r die Selbstreferenz, also nur die eine Seite derjenigen Unterscheidung, die das Referieren ermöglicht. Die andere Seite bleibt unerwähnt. Deshalb sind alle Selbstbeschrei- bungen der Gesellschaft, auf die wi r im letzten Kapitel ausführ- lich eingehen werden , immer nur mit der Hälfte derjenigen Rea - lität befaßt, die sie als Einheit vo n Selbst- und Fremdreferenz aktualisieren. Al s Beobachter operiert das System blind, weil es die Einheit der Unterscheidung, die ein Beobachten ermöglicht, wede r auf der einen noch auf der anderen Seite der Unterschei- dung unterbringen kann. Un d weil alles, was geschieht, als Ope - ration des System s im Syste m geschieht, ist wede r die Einheit der Umwel t noch die Einheit der Autopoiesis des System s für das System greifbar. Es gibt nur die im Beobachten benutzten, verkürzenden Bezeichnungen.

Diese

Darstellung

gibt

allerdings

noch

kein

zureichendes

Bild

des

Umweltverhältnisses

des

Gesellschaftssystems.

Den n

die

Realmöglichkeit

der

Kommunikatio n

hat,

wi e

ein

Beobachter

feststellen

kann,

zahlreiche

faktische

Voraussetzungen,

die

das

System

selbst

wede r

produzieren

noch

garantieren

kann.

Ge -

schlossensein

ist

imme r

Eingeschlossensein

in etwas,

wa s

vo n

12 9 De r Akzen t liegt hier auf: strukturelle Einheiten im Unterschied zu bloß operativen Einheiten (Ereignissen). Da s heißt: Objekte können im Fortgang von Kommunikationen zu Kommunikation identisch bleiben - aber dies nicht deshalb, weil die natürlichen Bedingungen der Außenwelt ihnen Beständigkeit garantieren, sondern deshalb, weil sie durch das Fremdreferieren des Systems (als »Themen« der Kommuni- kation) als strukturelle Einheiten des Systems erzeugt werden .

drinnen her gesehen dann draußen ist. Ode r anders gesagt: Alles Einrichten und Erhalten vo n Systemgrenze n - und das gilt selbstverständlich auch für Lebewese n - setzt ein Materialitäts- kontinuu m voraus, das diese Grenze n wede r kennt noch re- spektiert. (Deshalb kann Prigogine bereits im Bereich physikali-

scher un d chemische r Sachverhalte vo n »dissipativen Strukturen« sprechen.) Di e Frag e ist dann aber: wie gestaltet ein System , un d in unserem Falle: wi e gestaltet das Gesellschafts- system , seine Beziehungen zur Umwelt , wen n es keinen Kon - takt zur Umwel t unterhalten un d nur übe r eigenes Referieren verfügen kann. Di e gesamte Gesellschaftstheorie hängt von der

ab - un d wi r sehen jetzt auch, daß

un d wi e der humanistische un d regionalistische Gesellschafts- begriff es vermieden hat, diese Frag e auch nu r zu stellen. A u f eine schwierige Frag e antwortet ein schwieriger Begriff. Im Anschlu ß a n Humbert o Maturan a wolle n wi r vo n »struktureller Kopplung « sprechen. 1 3 0 Strukturelle Kopplunge n beschränken den Bereich möglicher Strukturen, mit denen ein System seine Autopoiesis durchführen kann. Sie setzen voraus , daß jedes au- topoietische Syste m als strukturdeterminiertes System operiert, also die eigenen Operationen nur durch eigene Strukturen de-

Beantwortun g dieser Frag e

terminieren kann. Strukturelle Kopplun g schließt also aus, daß Umweltgegebenheiten nach Maßgab e eigener Strukturen spezi-

im Syste m geschieht. Maturana würd e

sagen: die strukturelle Kopplun g steht orthogonal zur Selbstde- termination des Systems. 1 3 1 Sie bestimmt nicht, wa s im System geschieht, sie muß aber vorausgesetzt werden , weil anderenfalls

fizieren können, wa s

Maturan a a.a.O . (1982) , S . 14 3 ff., 1 soff., 24 3 f., 2j i ff.; ders. und Fran - cisco J. Várela, Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen wurzeln des menschlichen Erkennens, München 1987 , insb. S. 85ff., 252ff.; Mingers a.a.O. (1995), S. 34ff.Au f die Schwierigkeit der Abgrenzung der eigenen Operationen von Kausalitäten, die über strukturelle Kopplungen auf das System einwirken, ist wiederholt hingewiesen worden. Siehe etwa Stein Braten, Simulation and Self-Organization of Mind, Contemporary Philosophy 2 (1982), S. 189-21 8 (204). Wir ver- suchen, dies Problem durch eine möglichst genaue Bestimmung des Begriffs der Kommunikation zu lösen.

1 3 1 Vgl. z.B . Humberto R. Maturana, Reflexionen: Lernen oder onto- genetische Drift, Delfin II (1983), S. 60-7 2 (64).

1 3 0

die Autopoiesis zu m Erliegen käm e und das System aufhören

würd e zu

gepaßt an seine Umwel t (oder es existiert nicht), hat aber inner-

halb des damit gegebenen Spielraums alle Möglichkeiten, sich unangepaßt zu verhalten - und das Resultat sieht man mit be- sonderer Deutlichkeit an den ökologischen Problemen der mo- dernen Gesellschaft.

M it einer aus der Computerbranch e stammenden Terminologie kan n ma n auc h festhalten, da ß strukturell e Kopplunge n analoge Verhältniss e digitalisieren. 112 Da die Umwel t und in ihr die an- deren Systeme stets gleichzeitig mit de m jeweiligen Bezugs- system der Beobachtung operieren, sind zunächst nur analoge (parallellaufende) Verhältnisse gegeben. Daraus können die be- teiligten Systeme keine Information ziehen, denn dies setzt Digitalisierung voraus. Strukturelle Kopplunge n müssen daher zunächst analoge in digitale Verhältnisse umformen, wen n über sie die Umwel t Einfluß auf ein System gewinnen soll. Das ist, im Verhältnis des Kommunikationssystem s zu den Bewußtseins- systemen, eine Funktio n der Sprache, die ein kontinuierliches Nebeneinander in ein diskontinuierliches Nacheinander ver- wandelt.

existieren. Insofern ist jedes Syste m immer schon an-

Ein e weitere Voraussetzung struktureller Kopplunge n ist weni- ger beachtet worde n und mu ß daher besonders betont werden. Sie setzen voraus, daß das Syste m intern Möglichkeitsüber- schüsse erzeugt (zum Beispiel: wede r durch den Rau m noch durch den Organismus in ihrer Richtung definierte Bewegungs -

möglichkeiten). Nu r dadurch ist das Syste m in der Lage , sich auf Einschränkungen seiner Freiheiten einzulassen, und dies in einer Weise, die vo n Situation zu Situation variieren kann. Fü r psy- chische und für soziale System e sind diese Möglichkeitsüber-

schüsse durch das Mediu m Sinn vorgegeben. Fü r die Auflösung

dieser Unbestimmtheiten (die in jedem Falle intern erfolgen

muß) benötigt das Syste m Anhaltspunkte, die es dem eigenen Gedächtnis, aber auch den strukturellen Kopplunge n entneh-

1 3 2

Bateson, Ökologie des Geistes: Anthropologische,

psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven, dt. Übers., Frankfurt 1981 , S. 376f.; Anthony Wilden, System and Struc- ture: Essays in Communication and Exchange, 2. Aufl. London 1980,

S. 15 5 ff. und passim .

Vgl.

Gregory

men kann. (De r Körpe r erinnert sich an die Grenze n seiner Be - wegungsmöglichkeiten und sieht sie im Gelände.) M it der Übernahm e dieses Begriffs der strukturellen Kopplun g kann man der Tatsache Rechnun g tragen, daß die Angepaßtheit des Systems wede r durch »natural selection« noch als Ergebnis kognitiver Leistungen des Systems angemessen erklärt werden kann. Den n kein Syste m kann die dafür notwendige »requisite variety« (Ashby ) aufbringen. Es kann nu r das Unbekanntsein der Umwel t durch die internen Möglichkeitsüberschüsse, also durch ein matching vo n Unbestimmtheit mit Unbestimmtsein kompensieren. Da s gilt erst recht, wen n ma n Kognition, anders als Maturana, als Bezeichnun g auf Grun d einer Unterscheidung definiert und damit eine Unterscheidungskapazität voraussetzt, für die es in der Umwel t des Systems keinerlei Korrelate gibt. Soll dies erreicht werden , mu ß das Syste m sich einerseits opera- tiv schließen und autopoietisch reproduzieren und sich anderer- seits auf extrem eingeschränkte strukturelle Kopplungen im Verhältnis zur Umwel t stützen können. Aug e und Oh r mit den entsprechenden Anschlußoperationen im Gehir n sind dafür die besten Beispiele.

Strukturelle Kopplunge n müssen eine Realitätsbasis haben,

die

v o n den gekoppelten autopoietischen Systemen unabhängig ist (obwoh l dies allein die Funktio n des strukturellen Koppeins

natürlich nicht erklärt). 1 3 3 Sie setzen, anders

litäts- (oder Energie-)Kontinuu m voraus, in

System e sic h nicht einzeichnen , als o vo r alle m eine physikalisc h

gesagt, ein Materia- das die Grenzen der

funktionierende Welt. Sie weisen ferner hohe Stabilität auf - eben weil sie mit allen autopoietisch möglichen Strukturent- wicklungen der System e kompatibel sind. Abe r das heißt natür-

1 3 3 Die Kritiker könnten hier ein Aha-Erlebnis haben, und dem wollen wir vorbeugen. Die Aussage des Textes ist keine Einschränkung der konstruktivistischen Grundthese und kein Rückfall in einen ontologi- schen Weltbegriff. Wi r erläutern hier nur die Implikationen einer theo- retischen Beobachtungsweise, die sich des Begriffs der Autopoiesis be- dient. Der Ausgangspunkt bleibt ein differenztheoretischer: daß die System/Umwelt-Unterscheidung in eine Welt eingeführt werden muß, die ohne jede Unterscheidung unbeobachtbar bliebe. Un d mit »Rea- lität« meinen wir hier wie immer: ein Resultat von Konsistenzprüfun- gen.

lieh auch, daß ihre Gefährdung oder Destruktio n katastrophale Folge n haben muß, auf die die System e nicht reagieren können, weil alle Möglichkeiten der Reaktio n auf Vorwegfilterun g durch strukturelle Kopplunge n angewiesen sind. Schließlich ist vor- auszuschicken, daß auch strukturelle Kopplunge n Zwei-Seiten- Forme n sind, die etwas einschließen dadurch, da ß sie anderes ausschließen. Sie bündeln und steigern bestimmte Kausalitäten, die auf das gekoppelte System einwirken, es irritieren und da- durc h zu r Selbstdeterminatio n anrege n können . Un d sie schließen andere Forme n der Einflußnahm e aus. Au f ihrer Außenseite gibt es auch Kausalität, die das Syste m betreffen kann (wie ein Beobachter feststellen könnte), abe r solche Kau- salität kann nur destruktiv wirken .

Im Sinne dieses schon recht komple x bestimmten Begriff s ist alle Kommunikatio n strukturell gekoppelt an Bewußtsein . Ohne Bewußtsei n ist Kommunikatio n unmöglich . Kommunikatio n ist

Bewußtsei n angewiese n - allein

schon deshalb, wei l nur das Bewußtsein, nicht abe r die Kom - munikatio n selbst, sinnlich wahrnehme n kan n un d weder mündliche noch schriftliche Kommunikatio n ohn e Wahrneh- mungsleistungen funktionieren könnte. 1 3 4 Außerde m ist Kom - munikation, zumindest in ihrer primären mündlichen Form , darauf angewiesen, daß schon im Wahrnehmungsbereich der be- teiligten Bewußtseinssystem e Reziprozität hergestellt werden kann, und zwa r in der For m der Wahrnehmun g des Wahrge- nommenwerdens. 1 3 5 Es geht also um eine Sonderleistung des Bewußtseins, die ein nahezu gleichzeitiges Prozessieren von Mitteilung un d Verstehen ermöglicht und primäre Selbstkorrek- turen der Kommunikatio n vorsehen kann, inde m zu m Beispiel eine Mitteilung gestoppt wird , wen n der Mitteilende sieht, daß der Empfänge r nicht aufpaßt. Un d trotzdem ist das Bewußtsein

total (in jeder Operation ) auf

1 3 4

Daß dies die Lenkung von Wahrnehmungsleistungen durch Kommu- nikation nicht ausschließt, sei hier nur angemerkt. Den n auch hierfür sind Bewußtseinsleistungen erforderlich, deren eigene Autopoiesis sich durch (wahrnehmende) Teilnahme an Kommunikation laufend irritieren läßt.

The

Socia l Matri x o f Psychiatry , Ne w Yor k 1951 , 2 . Aufl . 1968 , S . 2 3 f., 208 ff.

1 3 5 Siehe

dazu Jürgen

Ruesch /

Gregory Bateson,

Communication:

weder das »Subjekt« der Kommunikatio n noch in irgendeinem anderen Sinne »Träger« der Kommunikation . Es trägt zur Kom - munikation keinerlei Operationen bei (etwa im Sinne einer sukzessive n Abfolg e vo n Gedanke-Rede-Gedanke-Rede) . Kommunikatio n funktioniert vielmehr nur, weil zwischen so heterogenen Operationsweisen keine Rekursionen hergestellt werden müssen und weil die Kommunikatio n die Vorausset- zung vo n Bewußtsein nicht thematisieren muß, sondern sie sich durch strukturelle Kopplunge n geben läßt. Wir müssen deshalb auch die klassische Metapher aufgeben, Kommunikatio n sei eine »Übertragung« vo n semantischen Gehalten vo n einem psychi- schen System , das sie schon besitzt, auf ein anderes. 1 3 6 Gib t man diese Vorstellung der Kommunikatio n als Übertra- gung auf, mu ß das weitreichende, zur Zeit kau m überblickbare Konsequenze n haben für die allgemeine Systemtheorie und ihre Anwendun g auf soziale Systeme. Den n die klassische System- theorie (Wiener, vo n Bertalanffy, Forrester) hatte sich grundsätzlich auf einen Begriff des Transfers oder des Flußes be- zogen und System e als dessen Regulierung begriffen. Das galt für alle Arte n vo n Transfers - für biologische und für ökonomi- sche Systeme, für Organisationen, für Bewußtseinssysteme und für Maschinen - un d ermöglichte deren Vergleich. Di e Umwelt - beziehungen wurde n entweder mit Hilfe eines Input/Output- Modells oder mit Hilfe einer Rückkopplungsschleife dargestellt, immer unter der Voraussetzung, daß das System diesen Prozeß

1 3 6

bereits Klaus Merten, Kommunikation: Eine Begriffs-

und Prozeßanalyse, Oplade n 1977 , S. 43 ff. Da s Übertragungskonzept wird heute auch von Seiten der kognitiven Psychologie in vielen seiner Voraussetzungen bestritten, etwa in den Annahmen, daß Kommunika-

tion vorhandene Gedanken in Worten ausdrücke, daß Worte im Über - tragungsprozeß als Träger eines bestimmten semantischen Inhalts fun- gierten, daß Verstehen der inverse Prozeß der Umsetzung von Worten in Gedanken sei, und mit all dem: daß Semantik einen Repräsentati- onsvorgang bezeichne - sowohl im psychischen System als auch in der Kommunikation. Siehe diese Punkte bei Benny Shanon, Metaphors for Language and Communication, Revue internationale de systemique 3 (1989), S. 43-59 . Die Konsequenz ist, daß man die Semantik von der Pragmatik (also der Autopoiesis der Kommunikation) her verstehen muß und nicht, wie allgemein üblich, umgekehrt.

Kritisch

dazu

durch Regulierun g unter Kontroll e bringe oder ihn sogar erst erzeuge, wen n man Kommunikatio n jedoch nicht als Übertra- gung begreifen kann, bricht eine wesentliche Prämisse dieser Systemtheorie weg . Ma n muß dann entweder de m alten Ver- dacht nachgeben, daß sich Soziales überhaupt nicht für eine systemtheoretische Behandlung eigne - oder die Systemtheorie neu fassen. Die s könnte an Han d der Frag e geschehen, wi e es überhaupt zu r Produktion und Reproduktio n einer Differenz

v o n Syste m und Umwel t kommt . Ebe n diese Frag e soll, für eine spezifische Ar t vo n Systemen, nämlich soziale Systeme, der

Begriff der

Kommunikatione n bilden, wen n autopoietisch durch Rekursio-

nen reproduziert, eine emergente Realität sui generis. Nich t der Mensc h kann kommunizieren, nur die Kommunikatio n kann kommunizieren . Ebens o wi e Kommunikationssystem e sind auch Bewußtseinssysteme (und auf deren anderer Seite Gehirne,

) operativ geschlossene Systeme, die keinen Kon -

takt zueinander unterhalten können. Es gibt keine nicht sozial vermittelte Kommunikatio n vo n Bewußtsein zu Bewußtsein, und es gibt keine Kommunikatio n zwischen Individuu m und Gesellschaft. Jedes hinreichend präzise Verständnis vo n Kom - munikation schließt solche Möglichkeiten aus (ebenso wie die andere Möglichkeit, daß die Gesellschaft als Kollektivgeist den- ken könne). Nu r ein Bewußtsein kann denken (aber eben nicht:

in ein anderes Bewußtsein hinüberdenken), und nur die Gesell- schaft kann kommunizieren. Un d in beiden Fällen handelt es sich um Eigenoperationen eines operativ geschlossenen, struk- turdeterminierten Systems.

Z u den Besonderheiten dieses Falles struktureller Kopplun g Be - wußtsein-Kommunikatio n gehört , daß auf beiden Seite n auto - poietische System e beteiligt sind. Es geht also nicht um die Kopplun g eines autopoietischen System s an invariante Gege - benheiten seiner Umwel t - so wi e die Muskulatur vo n selbstbe- weglichen Organismen abgestimmt ist auf die Anziehungskraft des Erdballs. Auc h im Verhältnis Bewußtsein/Kommunikatio n gibt es einige strukturelle Invarianten, zu m Beispiel die Grenzen des Tempo s der Veränderung vo n Bewußtseinszuständen, die die Kommunikatio n nicht überfordern darf. Wichtiger, oder je- denfalls: evolutionär unwahrscheinlicher ist, daß Kommunika -

Zellen

Kommunikatio n beantworten.

tor

tion endogen unruhige, sich zwangsläufig in imme r andere Zu - stände versetzende Umweltsystem e voraussetzt. Da s führt dazu, daß die Kommunikatio n sich auf ständige Irritation durch ihre Umwel t einstellen muß, ohne daß dies dazu führen dürfte, daß Wortschatz und grammatische Regeln sich vo n Momen t zu Momen t ändern. Es ist vielmehr die besondere Eigenart vo n Sprache, daß sie der Kommunikatio n Irritationen vermitteln kann, ohne daran zu zerbrechen.

Wie imme r funktioniert auch in diesem Falle die strukturelle Kopplun g unaufhörlich und unbemerkt, sie funktioniert auch und gerade, wen n man nicht daran denkt un d nicht darüber spricht - so wi e man ja auch bei einem Spaziergang den nächsten Schritt tun kann, ohne an das dafür physikalisch notwendige ei- gene Gewich t zu denken. Un d so wi e das Gewich t nur in einem sehr engen Ausschnitt vo n Möglichkeiten ein Spazierengehen erlaubt (oder mit anderen Worten: so wi e die Anziehungskraft der Erd e wede r etwas stärker noch etwas schwächer sein dürfte), so sind auch Bewußtseinssystem e und Kommunikationssystem e vorwe g aufeinander abgestimmt, um dann unbemerkt koordi- niert funktionieren zu können. Dabei ist wechselseitige Intrans- parenz der gekoppelten System e nicht nur faktisch hinzuneh- men, sondern auch notwendige Bedingung der strukturellen Kopplung ; denn anders ließen sich die endogen bestimmten Operationen der System e nicht synchronisieren. Da ß man mit solchen hochunwahrscheinlichen Bedingungen rechnen kann und damit auf beiden Seiten der Kopplun g ein sehr enger Aus - schnitt aus vielen Möglichkeiten realisiert ist, läßt sich ebenso w i e die Möglichkeit des Spazierengehens nur evolutionstheore- tisch erklären.

Dies unbemerkte, geräuschlose Funktionieren der strukturellen Kopplun g vo n Kommunikatio n und Bewußtsein schließt es kei- neswegs aus, daß die Teilnehmer an der Kommunikatio n in der

und sogar angesprochen werden.

W i r werde n sie unter diesem Aspek t im Anschluß an eine alte Tradition »Personen« nennen 137 , also sagen, daß der Kommuni - kationsprozeß in der Lag e ist, externe Referenzen zu »personi-

Kommunikatio n identifiziert

1 3 7

Ausführlicher Niklas

(1991), S.

166-175 .

Luhmann, Die Form

»Person«, Soziale Welt 42

fizieren«. Jed e Kommunikatio n muß zwischen Information und Mitteilung unterscheiden können (denn sonst wär e sie selbst nicht unterscheidbar). Das aber heißt, daß sich entsprechende sachliche und personale Referenzen bilden. In Anlehnun g an

Begriffe vo n Spencer Brown 1 3 8 ließe sich auch sagen, daß die Wiederverwendun g solcher Referenzen Persone n (bzw. Dinge)

zugleic h kon-

firmiert, nämlic h mi t neue n Sinnbezüge n aus andersartige n Mit- teilungen anreichert. Geschieht das, so entwickelt sich eine ent- sprechende Semantik. Personen haben Namen . Wa s Personalität heißt und wi e man damit umzugehen hat, mag in komplizierten Forme n näher beschrieben werden. Dies alles ändert jedoch nichts an der Separatheit und operativen Geschlossenheit der strukturell gekoppelten Systeme. Un d besonders die moderne Semantik des Lebens, der Subjektivität, der Individualität wirkt so, als ob sie zu m Ausgleich für dieses unaufhebbare Fürsichsein erfunden worde n sei. 1 3 9

Übe r strukturelle Kopplunge n kann ein System an hochkom- plexe Umweltbedingunge n angeschlossen werden , ohne deren Komplexitä t erarbeiten oder rekonstruieren zu müssen. Wie man an der physikalischen Schmalspurigkeit vo n Auge n und Ohre n erkennen kann, erfassen strukturelle Kopplunge n immer

nur einen extrem beschränkten Ausschnitt der Umwelt . Alles damit ausgeschlossene kann nicht irritierend un d stimulierend,

auf das Syste m einwirken. Nu r so kann

die Autonomi e der Autopoiesis des Systems un d de r Aufbau ei- gener Systemkomplexität gesichert werden. Da s gilt bereits für die physikalischen Umweltkopplunge n des Nervensystem s und besonders eindrucksvoll auch für die Kopplun g des Kommuni - kationssystems an die individuell verstreuten Bewußtseins- systeme. Di e Komplexitä t der gekoppelten Umweltsystem e bleibt für das Syste m intransparent, sie wir d auch nicht in die eigene Operationsweise übernommen, denn dazu fehlt es, in der

kondensiert, nämlic h als identisch e fixiert, un d si e

sondern nur destruktiv

138 A.a.O. S. 10.

1 3 9 Hierzu näher Niklas Luhmann, Individuum, Individualität, Individua-

3, Frankfurt

lismus,

in

ders.,

Gesellschaftsstruktur und

Semantik

Bd .

1989, S. 149-258 . Vgl. ferner Kap. 5, XIII .

Terminologie Ashbys , an »requisite variety«.' 4 0 Sie wir d zumeist nur in der For m vo n Voraussetzung und Störun g oder von Nor - malität un d Irritation im eigenen Operiere n rekonstruiert. In Kommunikationssysteme n dienen auch Pauschalbezeichnungen w i e Name n oder Begriffe wie Mensch, Person , Bewußtsein dem eigenen Prozessieren vo n Referenz auf Umweltkomplexität. Imme r geht es darum, geordnete (strukturierte, aber gerade

nicht: berechenbare!) Komplexität

Operationsmöglichkeiten - und in der Gesellschaft heißt das:

sprachlich - zu verwenden. Fü r den Fall, da ß sich solche Ver- hältnisse wechselseitig koevolutiv entwickeln und keines der in dieser Weise strukturell gekoppelten System e ohne sie existieren könnte , kan n ma n auc h vo n Interpenetration sprechen. 1 4 1 Das Verhältnis vo n Nervenzellen und Gehirne n ist dafür ein gutes Beispiel; das Verhältnis vo n Bewußtseinssystemen und Gesell- schaft ein - auch rein quantitativ in etwa vergleichbarer - ande- rer Fall.

Wie leicht erkennbar, wir d die regelmäßige

nach Maßgab e der eigenen

strukturelle Kopp -

lung vo n Bewußtseinssystemen und Kommunikationssysteme n durch Sprache ermöglicht. 1 4 2 Ei n auch in de r Soziologie viel dis-

140 So W. Ross Ashby, An Introduction to Cybernetics, London 1956, S. 20 6 ff.; ders., Requisite Variety and its Implications for the Contro l

of Complex Systems, Cybernetica 1 (1958), S. 83-99 .

Hierz u ausführlich Nikla s Luhmann , Soziale System e a.a.O . S . 28 6 ff.

1 4 1

1 4 2 Da wir mit Begriffen Autopoiesis und strukturelle Kopplung Anre- gungen Maturanas aufgreifen, ist hier eine Abgrenzungsbemerkung angebracht. Wi r teilen die Ablehnung eines rein denotativen und ebenso eines rein strukturalistischen Begriffs vo n Sprache und setzen, wie Maturana, auf den Primat des Begriffs der Operation. Im Unter- schied zu Maturana bezieht die strukturelle Kopplung durch Sprache im obigen Text sich aber nicht auf das Verhältnis von Lebewesen zu Lebewesen, sondern auf das Verhältnis von Bewußtsein und Kommu- nikation. Nervensysteme verschiedener Lebewesen können auch ohne Sprache strukturell gekoppelt sein. Wir ersparen uns damit die Kon- struktion eines »Super-Beobachters« der Sprache, die bei Maturana nötig wird, um den Realitätsbezug der Sprache beschreiben zu können (a.a.O., (1982), S. 2Ö4ff.) und ersparen uns auch die Frage nach den strukturellen Kopplungen dieses Beobachters. Statt dessen gehen wir vom autopoietischen System der Kommunikation aus, das von struk- turellen Kopplungen mit Bewußtseinssystemen abhängt, die ihrerseits

kutiertes Them a des Verhältnisses vo n Gesellschaft, Kultur, Sprache und psychischen »Mentalitäten« 1 4 3 wir d damit auf einen für die Theoriekonstruktion notwendigen und dadurch gehalte- nen Begriff gebracht. Bereits Humbold t hatte in subtilen Analy - sen den sowoh l subjektiven als auch objektiven Charakte r von Sprache herausgearbeitet. De r Sprecher müsse eine objektive For m wähle n und sein Eigentum am gesprochenen Wort aufge- ben mit der Folge , daß bei sprachlicher Kommunikatio n keiner der Beteiligten genau das denke, wa s ein anderer denke. Die Sprache verselbständigt sich gegenüber ihren Schöpfer n (!) als

Form . Abe r dann heißt es:

zes liegt in der Einheit der

»Di e wahre Lösun g jenes Gegensat- menschlichen Natur.« 1 4 4 Es fehlt eine

Sozialtheorie, die vo n Kommunikation , nicht vo n Sprache aus- zugehen hätte, und diese Lück e wir d zunächst durc h eine philo- sophische Anthropologi e geschlossen. Erst die Annahm e zweier verschiedener Arte n autopoietischer Systeme ermöglicht es, die Voraussetzung der »Einheit der menschlichen Natur « durch den Begriff der strukturellen Kopplun g zu ersetzen.

dann sowohl über Sprache als auch über Wahrnehmungen anderer Art auch untereinander gekoppelt sein können. Da ß jedes Bewußtsein auf strukturelle Kopplungen mit seinem eigenen Nervensystem angewie- sen ist, wird damit natürlich nicht bestritten. De r Super-Beobachter wird eingespart durch die sehr viel einfachere Annahme, daß in Kom- munikationssystemen unter anderem auch über Sprache kommuniziert werden kann. 14 3 C. Wright Mills zum Beispiel hielt speziell dafür ein eigenes Fach für

notwendig; er nannte es »Sociotics«. Uber die Andeutung und über zahlreiche Detailforschungen ist man jedoch nicht hinausgekommen. Siehe Mills, The Language and Ideas of Ancient China, in ders., Power, Politics and People, Ne w York 1963, S. 469-52 0 (Sociotics S. 492f.). Vgl. auch ders., Language, Logic, and Culture, American Sociological Review 4 (1939), S. 670-680. Der systemtheoretische Ansatz hat dem- gegenüber den Vorteil, den unklaren Begriff der »Kultur« entbehrlich zu machen und die Distanz zwischen psychischen und sozialen Syste- men extrem werden zu lassen. Nu r das führt auf die Frage: welche Be- griffe dies dann aushalten. Wilhelm von Humboldt, Ueber die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Men- schengeschlechts, Werk e Bd . III , Darmstadt 1963 , S . 368-75 6 (42 5 ff., Zitat 438).

1 4 4

D i e Wahl dieses Begriffs impliziert, daß Sprach e psychisch un- reflektiert und sozial unkommentiert funktioniert, was nicht ausschließt, die Wortwahl zu überlegen, wen n das Bewußtsein dazu einen Anlaß sieht, oder über Ausdrucksweise n zu spre- chen, wen n für das soziale System hier ein Verständigungspro- blem auftaucht. Abe r solche eher exzeptionellen Beschäftigun- gen setzen ebenfalls voraus, daß die Sprach e unbemerkt funktioniert; oder in anderen Worten: da ß sie »orthogonal« steht im Verhältnis zu den autopoietischen Prozesse n der an ihr beteiligten Systeme.

Im evolutionären Kontex t gesehen ist Sprach e eine extrem un- wahrscheinliche Ar t vo n Geräusch, das ebe n wegen dieser Un - wahrscheinlichkeit hohen Aufmerksamkeits-wert und hochkom- plexe Möglichkeiten der Spezifikation besitzt. Wenn gesprochen wird , kann ein anwesendes Bewußtsein dieses Geräusch leicht v o n anderen Geräuschen unterscheiden un d kann sich der Fas - zination durch die laufende Kommunikatio n kau m entziehen (was immer es im unhörbaren eigenen Syste m dabei denken mag). Zugleich erlauben die Spezifikationsmöglichkeiten der Sprache den Aufba u hochkomplexer Kommunikationsstruktu- ren, also einerseits das Komplexwerde n un d Wiederabschleifen sprachlicher Regeln selbst und andererseits de n Aufbau sozialer Semantiken für die situative Reaktivierung wichtiger Kommuni - kationsmöglichkeiten. Dasselbe gilt, mutatis mutandis, für die v o m akustischen Mediu m ins optische Mediu m übertragene Sprache, also für Schrift. Au f die enormen, immer noch unter- schätzten Auswirkunge n dieser Optisierun g vo n Sprache wer - den wi r im folgenden Kapitel näher eingehen. Während Sprache als Struktur relativ zeitbeständig fixiert sein muß, gibt es einen zweiten Kopplungsmechanismus, der labil und gleichsam lernfähig eingerichtet ist. Wi r nennen ihn unter Übernahm e eines Begriffs aus der kognitive n Psychologie »Schemata«. 1 4 5 In einem schlecht koordinierten Forschungsge- biet hat er auch viele andere Namen , zu m Beispiel »frames«, »Scripts« , »prototypes«, »stereotypes«, »cognitive maps«, »im- plicit theories« - um nur einige zu nennen. Diese Begriffe be-

14 5 Vgl . als Anregung für umfangreiche Forschungen Frederic C. Bartlett,

Cam -

A Study in Experimental and Social

Remembering:

Psychology,

zeichnen Sinnkombinationen, die der Gesellschaft un d den psy- chischen Systemen dazu dienen, ein Gedächtnis zu bilden, das fast alle eigenen Operationen vergessen, aber einiges in schema- tisierter For m doc h behalten und wiederverwenden kann. Bei- spiele wären standardisierte Forme n der Bestimmung vo n etwas als etwas (zum Beispiel: Geträn k als wein), Attributionssche- mata, die Ursache n und Wirkungen verknüpfen und eventuell mit Handlungsaufforderungen oder Schuldzuweisungen aus-

statten. (In diesen Fällen spricht man vo n Skripts. 146 ) Abe r auch Zeitschemata, insbesondere Vergangenheit/Zukunft oder Präfe- renzcodes wi e gut/schlecht, wahr/unwahr, Eigentum/Nicht- eigentum, erfüllen die Schematisierungsfunktion. Bei der Ver- wendun g vo n Schemata setzt die Kommunikatio n voraus, daß jedes beteiligte Bewußtsein versteht, wa s gemeint ist, daß aber andererseits dadurch nicht festgelegt ist, wi e die Bewußtseins- systeme mit de m Schem a umgehen, und erst recht nicht: welche Anschlußkommunikationen sich aus der Verwendung vo n Sche- mata ergeben. Di e Schemata können konkretisiert und jedem Bedarf angepaßt werden . Zu m Beispiel: Prügel nützen/schaden der Erziehung. Sie dienen in konkreten Situationen de m »gap

und Ausfüllungen. 1 4 7 Au f

filling«, der Suche nach

alle Fälle könne n sie als Extraktionen aus dem Gedächtnis nicht

Reduktionen

struktureller Komplexitä t de m Aufba u operativer Komplexitä t und damit der laufenden Anpassun g der strukturellen Kopplun g psychischer und sozialer System e an sich ändernde Vorgaben. U n d auch hier gilt, daß Funktio n und Mechanismen der Kopp - lung in den Operationen der System e nicht mitvollzogen wer - den müssen, sondern als geräuschlos funktionierend voraus- gesetzt werden können.

Ergänzungen

werden. 1 4 8

Sie

schematisch angewandt

dienen

als

146 Siehe etwa Roger C. Schänk / Robert P. Abelson, Scripts, Plans, Goals

and Understanding, An Inquiry into Human Knowledge Structures, Hillsdale N.J . 1977 ; Robert P. Abelson, Psychological Status of the Script Concept, American Psychologist 36 (1981) , S. 715-729 . 1 4 7 Vgl. Arthur C. Graesser et al., Memory for Typical and Atypical Ac - tions in Scripted Activities, Journal of Experimental Psychology, Learn- ing, Memory and Cognition 6 (1980), S. 503-515 .

148 Vgl. Joseph W. Alba / Lynn Hasher, Is Memory Schematic?, Psycholo-

gical Bulletin 93 (1983) , S. 203-231 .

Es ist in unserem Zusammenhan g einer Theori e des Gesell- schaftssystems nicht zweckmäßig, gleichsam in der Form eines Riesenexkurses eine Sprachtheorie und eine Theorie der Sche- matismen auszuarbeiten, die auf diese Funktio n der strukturel- len Kopplun g gegründet ist. Wi r weise n nu r darauf hin, daß wi r hiermit Grundvoraussetzungen der Saussureschen Linguistik widersprechen: Sprache hat keine eigene Operationsweise, sie m u ß entweder als Denke n oder als Kommuniziere n vollzogen werden ; un d folglich bildet Sprache auch kei n eigenes System. Sie ist und bleibt darauf angewiesen, daß Bewußtseinssysteme auf der einen und das Kommunikationssyste m der Gesellschaft auf der anderen Seite ihre eigene Autopoiesi s mit völlig ge- schlossenen eigenen Operationen fortsetzen. Wenn dies nicht geschähe, würd e sofort jedes Sprechen aufhören und bald darauf auch nicht mehr sprachlich gedacht werde n können. In lockerem Anschluß an Analyse n vo n Talcott Parsons 1 4 9 kann man diese For m der strukturellen Kopplun g auch als »symboli- sche Generalisierung« bezeichnen. Freilich wir d der Ausdruck »symbolisch« hier anders eingesetzt als in Bezu g auf Symbol- entwicklungen innerhalb der gesellschaftlichen Kommunikation - also wen n zu m Beispiel Genealogien unter dem Gesichtspunkt der Abstammun g zusammengestellt werden , um die Ähnlichkeit verschiedener Personen z u begründen. Al s Kopplun g von Be - wußtseinssystemen und Kommunikationssysteme n besagt Sym - bol nur, daß eine Differenz vorliegt, die vo n beiden Seiten aus gesehen als Dasselbe behandelt werde n kann. In diesem Sinne setzt ein symbolischer Gebrauc h sprachlicher Generalisierun- gen (= Wiederverwendbarkeiten) die Zeichenhaftigkeit der Sprache voraus, das heißt die Fähigkeit, im Bewußtsein und in der Kommunikatio n das Bezeichnende (Worte) vo m Bezeichne- ten (Dinge) zu unterscheiden. Nu r das Bezeichnende eignet sich für symbolische Verwendung, nicht die bezeichneten Dinge selbst. Ode r anders gesagt: im Gegensatz zu Annahme n unserer Tradition kann die Vermittlung vo n Mensc h und Gesellschaft sich nicht auf die »Natur« berufen.

Ebens o wichtig wi e Artifizialität, Kondensiertheit, Konfirmiert-

149 Vo r allem in: Talcott Parsons / Robert F. Bales / Edwar d A. Shils, Work-

heit und symbolmäßige Verwendun g der Sprachzeichen ist ein oft wenige r beachtetes Moment : die binäre Codierun g der Sprache. All e Kommunikatio n eröffnet die zweifache Möglich - keit, angenomme n oder abgelehnt zu werden. Alle r (konden- sierte und konfirmierte) Sinn kann in einer Ja-Fassun g und in einer Neinfassung ausgedrückt werden. Darin liegt eine Wei- chenstellung für die nachfolgende Behandlung des Themas. 1 5 0

Dieselbe Einrichtung ist aber auch als For m der strukturellen Kopplun g vo n Bedeutung und ist vermutlich deshalb entstan-

den. Den n die Bifurkation

des Kommunikationscodes Sprache

eröffnet zugleich de m Bewußtsein die Optio n für die eine oder die andere Seite der Form . Es kann sich mit diesem Minimu m an Freiheitsgraden der Determination durch den Kommunika -

tionsverlauf entziehen und sich der (für es selbst intransparen- ten) Selbstdetermination überlassen. Es sagt aus Gründen , die man nicht kennen kann, ja oder nein; nimmt an oder lehnt ab; unterstützt oder blockiert den weiteren Verlauf der Kommuni - kation; und all dies in einer kommunikativ verständlichen Weise

auf der

Grundlag e vo n Motiven , die für es selbst un d für andere

unverständlich bleiben möge n und in der Kommunikatio n keine (oder nur ausnahmsweise eine) thematische Roll e spielen. Diese Sachlage ist durch den Cod e der Sprache universell auferlegt, unabhängig vo n Worten, Themen , Motiven, Kontexten. Sie ist immer gegeben und in jedem Moment . Sie ist in dieser For m eine unerläßliche Bedingun g der strukturellen Kopplun g unter-

schiedlicher Autopoiesen .

D a ß Kommunikationssystem e über Sprache an Bewußtseins-

systeme gekoppelt sind so wi e Bewußtseinssysteme an Kom -

für

munikationssysteme, hat

den strukturellen Aufba u der entsprechenden Systeme, also für

deren Evolution. Ander s als Bewußt -

deren Morphogenese , für

seinssysteme, die sinnlich wahrnehme n können, ist die Kommu -

nikation nur durch Bewußtsein affizierbar. Alles, wa s von außen, ohne Kommunikatio n zu sein, auf die Gesellschaft ein- wirkt, muß daher den Doppelfilter des Bewußtseins un d der Kommunikationsmöglichkeit passiert haben. Di e strukturelle Kopplun g vo n Bewußtsein und Kommunikatio n ist mithin eine

sehr

weittragende

Konsequenze n

1 5 0

Wir kommen darauf im folgenden Kapitel ausführlicher zurück.

Form , die einschließt und ausschließt: die in ihrem Kanal Mög - lichkeiten wechselseitiger Irritation steigert, aber dies nur unter der Bedingun g tun kann, daß alle nicht dami t erfaßten Einflüsse ausgeschlossen bzw. auf destruktive Wirkunge n beschränkt werden.

M a n mu ß sic h vo r Auge n führe n (buchstäblich : vo r Augen führen), wa s dies bedeutet: Di e gesamte physikalische Welt kann einschließlich der physikalischen Grundlage n der Kommunika - tio n selbs t nu r übe r operativ geschlossene Gehirn e un d diese nu r übe r operativ geschlossene Bewußtseinssystem e auf Kommuni - kation einwirken, also auch nur über »Individuen«. Darin liegt ein enormer und, evolutionär gesehen, sehr unwahrscheinlicher Selektionsvorgang, der zugleich die hohe n Freiheitsgrade der Gesellschaftsentwicklung bedingt. Es gibt keinen direkten Zu - griff physikalischer, chemischer, biologischer Vorgänge auf die Kommunikatio n - es sei denn im Sinne vo n Destruktion. Lär m oder Entzu g vo n Luft oder räumliche Distan z können mündli- che Kommunikatio n ausschließen. Büche r können verbrennen oder sogar verbrannt werden. Abe r kein Feue r kann ein Buc h schreiben, und es kann nicht einmal den Buchschreiber so stark irritieren, daß er, während das Manuskrip t brennt, es anders schreibt, als er es ohne Feuer tun würde . Da s Bewußtsein hat also unter allen Außenbedingungen der Autopoiesis eine privi- legierte Stellung. Es kontrolliert gewissermaßen den Zugang der Außenwel t zur Kommunikation , aber dies nicht als »Subjekt« der Kommunikation , nicht als eine ihr »z u Grund e liegende« Entität, sondern dank seiner Fähigkeit zu r (ihrerseits hochfil- trierten, selbsterzeugten) Wahrnehmung, die ihrerseits unter der Bedingun g struktureller Kopplun g auf di e neurophysiologi- schen Prozesse des Gehirns und, über diese, auf weitere Pro - zesse der Autopoiesis des Lebens angewiese n ist. D a ß Kommunikationssystem e in einer direkten Weise nur an Bewußtseinssystem e gekoppelt sind und so vo n deren Selekti- vität profitieren, ohne durch sie spezifiziert zu sein, wirkt wi e ein Panzer, der im großen und ganzen verhindert, daß die Gesamtrealität der Welt auf die Kommunikatio n einwirkt. Kein System wär e komple x genug, um dies aushalten und seine eigene

Autopoiesis dagegen durchhalten zu können . Nu r

Schutzes konnte sich ein Syste m entwickeln, dessen Realität im

dank dieses

Prozessieren bloße r »Zeichen« besteht. Hierbei ist auch zu be- denken, daß Bewußtseinssystem e in großer Zahl, in heute mehr als 5 Milliarden Einheiten, vorhanden sind, die gleichzeitig in Betrieb sind. Selbst wen n man berücksichtigt, daß Bewußtseins- systeme auf der anderen Seite des Erdballs im Momen t schlafen und andere sich aus anderen Gründe n im Augenblic k nicht an irgendwelchen Kommunikatione n beteiligen, ist die Zah l der gleichzeitig operierenden System e immer noch so groß, daß eine effektive Koordinatio n (und damit auch die Bildun g vo n Kon - sens in einem empirisch greifbaren Sinne) völlig ausgeschlossen

ist. Da s Kommunikationssyste m ist deshalb zwangsläufig auf sich selbst gestellt, es kann sich nur selbst dirigieren; und es kann dies, sofern es ihm nur gelingt, in seiner Umwel t das dafür nötige Bewußtseinsmaterial zu aktivieren. V o n irgendeiner Gleichartigkeit der Operationen un d Zustände der strukturell gekoppelten System e kann nach all de m nicht die Red e sein. Dara n ändert auch die Verwendung vo n Sprache und v o n kognitiven Schemata nichts. Da ß dennoch strukturelle Kopplunge n Zustandekommen , muß andere Gründ e haben. Sie dürfte n woh l i n de r Zeitlichkeit de r Operatione n sowoh l der neurophysiologischen, als auch der bewußten, als auch der

kommunikativen System e liegen. 1 5 1 Diesen zeitlichen

autopoietischer System e müssen wir, immer im Blic k auf ihre

Aufbau

strukturellen Kopplungen , etwas genauer vorstellen; denn obwoh l für jedes Syste m die Welt gleichzeitig existiert, bilden Gehirne , Bewußtseinssystem e un d Kommunikationssystem e unterschiedliche Ereignissequenzen und damit auch unter- schiedliche Operationsgeschwindigkeiten. Was de m Bewußtsein als Intensität erscheint, wir d im Nervensyste m durch eine Se- quenz vo n Impulsen aufgebaut. Auc h beim Erleben vo n Wil-

lensentschlüssen und Gefühlen gibt es solche

Zeitdifferenzen. 1 5 2

1 5 1 Einen ähnlichen Gedanken finden wir bereits bei Kant im Hauptstück »Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe«, Kritik der reinen Vernunft B 17 6 ff., für das Verhältnis von Vorstellung und Be - griff. Abe r Kant spricht noch von Gleichartigkeit, weil sein Problem im Inneren des subjektiven Bewußtseins liegt.

1 5 2

Speziell hierzu Brian Massumi, The Autonomy of Affect, Cultural Critique 31 (199$), S. 83-109 .

Entsprechend ist das Bewußtsein immer scho n tätig gewesen, wen n die Kommunikatio n Ereignisse erzeugt. Da s Bewußtsein interpretiert, könnte man sagen, wa s im Gehir n schon geschehen ist, als Entschluß oder als Gefühl oder als Einsicht. Die Kom - munikation aktualisiert und hält dadurch im Bewußtsein fest, w a s dort schon entschieden war. Dies e eigentümliche Nachträg- lichkeit in den strukturellen Kopplunge n bleibt ihrerseits unbe- merkt. Sie wird als Gleichzeitigkeit gelesen. Sie wir d gleichsam übersetzt in die Annahm e einer Realität, die unabhängig vo n den kognitiven Operationen existiert. Di e Notwendigkeit, Zeit nach den Anforderungen der jeweils eigenen Autopoiesis zu synchronisieren, erklärt somit die Emergen z einer Welt, die un- abhängig vo n Kognitionen so ist, wi e sie ist. Die Systeme rech- nen Zeitverhältnisse in Realität um , ohne damit konkret auf bestimmte Sinnformen vorzugreifen.

M a n kann nach diesen Analyse n auf die Annahm e eines ontolo- gischen Substrats der Welt verzichten und zugleich diese An - nahm e selbst erklären. Da ß man dabei vo n der Zeitlichkeit der Operationen strukturell gekoppelter System e ausgehen muß, er- gibt sich daraus, daß die basalen Elemente dieser Systeme zeit- bezogen erzeugt werden. All e folgen, wi e eine genauere Analyse zeigen kann, recht komplexe n Bedingungen . All e Operationen in den gekoppelten Systemen sind nur Ereignisse, die vergehen, sobald sie vorkommen . Sie müssen daher die Differenz zur Um - welt über ein Nacheinander zueinander passender Operationen erzeugen. Da s erfordert jeweils systemeigene Gedächtnisse. Ob - woh l das Gedächtnis nur an eigenen Operationen teilnimmt, also auch nur eigene Operationen erinnern bzw . vergessen kann, präsentiert es die Ergebnisse (Produkte) der Operationen auf Grun d der Unterscheidung vo n Selbstreferenz und Fremdrefe- renz. Jedes Syste m projiziert deshalb Gleichlauf mit anderen Systemen und Ähnlichkeit der fremdreferentiell angezeigten Sachverhalt e in die Welt, obwoh l es dafü r kein e Kontrolle n un d auch keine Metagarantien der Übereinstimmun g gibt. Es weiß zugleich sich selbst als anders und die Außenwel t als auch ande- ren zugänglich. Dahe r bildet das Bewußtsein, ebenso wie die ge- sellschaftliche Kommunikation , im Bereich intentionaler bzw. thematischer Fremdreferenzen die Vorstellung vo n extern beste- henden Dingen, obwoh l ein Syste m nichts anderes ist oder hat

als die Geschichte der eigenen Bewegung. 1 5 3 Diese Paradoxie der Unterstellung vo n Ähnlichkeit trotz Separatheit erklärt, daß es bei Teilnahme an Kommunikatio n zu Dauerirritationen der Be - wußtseinssysteme kommt , die dann ihrerseits ein structural drift erzeugen, das auf die Voraussetzungen der weiteren Teilnahme an Kommunikatio n zurückwirkt. In diesem Sinne regeneriert die Kommunikatio n durch die Art , wi e sie sich in ihrer Umwel t auswirkt, Voraussetzungen der Fortsetzung weiterer Kommuni - kation, wobe i jedoch ganz offenbleibt, was in der Kommunika - tion jeweils als Konsen s bzw . Dissens registriert wird . D i e einzige Alternative zur strukturellen Kopplun g Bewußt- sein/Kommunikation , die sich gegenwärtig bereits andeutet, aber unabschätzbare Folge n haben würde, ist de r Computer.

Bereits heute sind Compute r in Gebrauch,

deren Operationen

wede r für Bewußtsein noch für Kommunikatione n zugänglich sind, und zwa r wede r zeitgleich noch rekonstruktiv. Obwoh l produzierte und programmierte Maschinen, arbeiten solche Compute r in einer Weise, die für Bewußtsein un d für Kommu - nikation intransparent bleibt - und trotzdem übe r strukturelle Kopplunge n auf Bewußtsein und Kommunikatio n einwirkt. Sie sind streng genomme n unsichtbare Maschinen. Da s Problem

wir d falsch gestellt und woh l auch verharmlost, wen n man fragt,

ob Compute r bewußtseinsanalog

arbeitende Maschine n sind

und Bewußtseinssystem e ersetzen oder sogar überbieten kön- nen. Auc h komm t es nicht darauf an, ob die internen Operatio- nen des Computer s wi e Kommunikatione n aufgefaßt werden können. Ma n wir d vermutlich alle Analogien dieser Ar t bei- seitelassen müssen und statt dessen fragen müssen, welche Konsequenze n es haben wird , wen n Compute r eine ganz eigen- ständige strukturelle Kopplun g zwischen einer für sie kon-

1 5 3 Formuliert in Anlehnung an den Abschnitt Die sinnliche Gewißheit in Hegels Phänomenologie des Geistes (zit. nach der Ausgabe von Johannes Hoffmeister, 4. Aufl., Leipzig 1937 , S. 79 ff.). Daher wider- spricht nach Hegel das Bewußtsein sich selbst, wenn es sich sagt: dies ist ein Baum, weil es im nächsten Moment sagen wird (und dies weiß):

dies ist ein Haus. Zu dieser Spannung zwischen dem Gemeinten und der Ar t des Meinens auch Paul de Man, Resistance to Theory, Minnea- poli s 1986 , S . 6 1 f., 8 6 f . a n Han d vo n Benjamin s Essa y übe r Über - setzung.

struierbaren Realität und Bewußtseins- bzw . Kommunikat ions - Systeme n herstellen können. So sehr diese Frag e weitere Aufmerksamkeit verdient, so wenig lassen sich die Konsequenze n in der weiteren Evolution des Ge - sellschaftssystems gegenwärtig überblicken. Immerhin sollte jede Gesellschaftstheorie eine Unbestimmtheitsstelle dafür re- servieren, und eine solche Möglichkeit bietet der Begriff der strukturellen Kopplung . Wir gehen im Folgenden zwar davo n aus, daß Kommunikationssystem e über Sprache an Bewußt- seinssysteme gekoppelt sind und nur deshalb sich Indifferenz gegenüber allem anderen leisten können. Abe r zugleich kann man es für wahrscheinlich halten, daß der Compute r andere Forme n struktureller Kopplun g ermöglichen wird. D e r Begriff der strukturellen Kopplun g erklärt schließlich auch, daß Systeme sich zwa r völlig eigendeterminiert, aber im großen und ganzen doch in einer Richtung entwickeln, die vo n der Um - welt toleriert wird . Di e Systeminnenseite der strukturellen Kopplun g läßt sich mit de m Begriff der Irritation (oder Störung, oder Perturbation) bezeichnen. Autopoietische Systeme reagie- ren unmittelbar auf negative bzw. nicht typisierbare Reize. Sie sind jedenfalls nicht vo n sich aus, wi e die ökonomische Theorie vermuten würde , Nutzenmaximierer. 1 5 4 Auc h in ihrer Irritier- barkeit sind die Systeme, und zwa r sowoh l die Bewußtseins- systeme als auch das Kommunikationssyste m Gesellschaft, völlig autonom. Irritationen ergeben sich aus einem internen Vergleich v o n (zunächst unspezifizierten) Ereignissen mit eigenen Mög - lichkeiten, vo r allem mit etablierten Strukturen, mit Erwartun- gen. Somit gibt es in der Umwel t des Systems keine Irritation, und es gibt auch keinen Transfer vo n Irritation aus der Umwel t in das System . Es handelt sich imme r um ein systemeigenes Konstrakt, imme r um Selbstirritation - freilich aus Anlaß vo n Umwelteinwirkungen . Da s Syste m hat dann die Möglichkeit, die Ursache der Irritation in sich selber zu finden und daraufhin zu lernen oder die Irritation der Umwel t zuzurechnen und sie daraufhin als »Zufall« zu behandeln oder ihre Quelle in der Um -

1 5 4 Auc h unter Ökonomen gibt es allerdings Überlegungen in anderer Richtung. Siehe z. B. Ronald H. Coase, Th e Firm, the Market, and the Law, Chicago 1988, S. 4.

weit zu suchen und auszunutzen oder auszuschalten. Auc h diese verschiedenen Möglichkeiten sind in der systemeigenen Unter- scheidung vo n Selbstreferenz und Fremdreferenz angelegt, und wen n man einmal über die Möglichkeit, sie zu unterscheiden, verfügt, kann man die Perspektive auch wechseln und Reaktio -

nen kombinieren, etwa chen zugleich lernen.

Dauerirritationen eines bestimmten Typs, etwa die wiederholte Irritation eines Kleinkindes durch die Auffälligkeiten der Spra- che oder die Irritation einer auf Landwirtschaft beruhenden Ge - sellschaft durch Wahrnehmung klimatischer Bedingungen, len- ken die Strukturentwicklungen in bestimmte Richtung, weil diese System e sehr spezifischen Irritationsquellen ausgesetzt sind und sich daher dauernd mit ähnlichen Problemen beschäf- tigen. Selbstverständlich heißt dies nicht, daß wi r zu den Klima - und-Kultu r Theorien des 18. Jahrhunderts zurückkehren könn- ten; und es heißt auch nicht, daß wi r bereit wären, eine rein soziologische Theori e der Sozialisation zu akzeptieren. In all diesen Fragen mu ß man stets eine Mehrheit vo n Systemreferen- zen in Rechnun g stellen und mit entsprechend komplexen Theoriemodellen arbeiten. Jedenfalls gewinnt die Umwel t nur unter der Bedingun g struktureller Kopplunge n und nur im Rah - men vo n dadurch kanalisierten und gehäuften Möglichkeiten der Selbstirritation Einfluß auf die Strukturentwicklung von Systemen.

Umweltursa -

mit der Identifikation vo n

Dies alles gilt auch für die moderne Gesellschaft. Hie r komm t jedoch noch hinzu, daß die Umwel t sich ihrerseits stärker als je zuvo r unter den Einwirkunge n der Gesellschaft selbst ändert. D a s gilt für die physikalischen, chemischen und biologischen Bedingungen des Lebens, also für den Komplex , der üblicher- weise als »Ökologie « bezeichnet wird , das gilt aber auch, und erst recht, für die Deformatio n psychischer Systeme unter mo - dernen Lebensbedingungen, etwa für all das, was man im Begriff des modernen Individualismus oder mit der Theorie steigender Anspruchshaltungen zu m Ausdruc k zu bringen sucht. Wi e in einem ökologischen Hyperzyklu s sind die strukturellen Kopp - lungen zwischen Gesellschaftssystem und Umwel t heute unter Variationsdruck gesetzt, und dies mit einem Veränderungs- tempo, das die Frag e aufkommen läßt, ob und wie die dadurch