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STUDIEN

ZUR

INDOLOGIE UND IRANISTIK

herausgegeben von

Oskar von Hintiber,

Gert Klingenschmitt

Albrecht Wezler und Michael Witze1

Heft

5/ 6

Dr. Enge Wezler Verlag fiir orientalistische Fachpublikationen Reinbek

1980

Oskar von Hinüber

Die Kolophone der Gilgit-Handschriften

Zum erstenmal wurde ein Kolophon aus dem Handschriftenfund bei Gilgit

  • 1 im

fahre 1931 durch Sylvain Levi in JAS 1932 bekannt gemacht und eine ausftihrliche Be-

llandlung des Namenguts angekündigt. Vor seinem Tode im Jahre 1935 konnte er die- sen Plan jedoch nicht mehr ausführen. Weitere Kolophone wurden von N. Dutt in den cilgit-~anuscripts". von S. Watanabe in seiner Ausgabe des Saddharmapundarika- siltra und von Y. Kurumiya im Anschluß an den Ratnaketuparivarta herausgegeben.

3hrend v o r

a l l e m

d i e T r a n s k r i p t i o n von

N.

Dutt,

aber auch die von S. Levi durch

zcihli.eiche Fehllesungen entstellt sind, bediirfen Watanabes und Kurumiyas Lesungen

!,ur gelegentlich der Korrektur. Eine Neuedition des gesamten Materials. in die auch

111e bisher noch unedierten Kolophone I, I11 und X [boten.

aufgenommen sind,

schien daher ge-

In dem vorliegenden Beitrag geht es vor allem darum,

die unter vielen Blick-

&\ inkeln wichtigen Kolophone zuganglich zu machen und zur weiteren Bearbeitung auf-

~iil)ereiten. Denn obwohl die

Bedeutung ftir die Geschichte und die Kenntnis der Reli-

1:ionen

in Gilgit kurz nach der Mitte des ersten nachchristlichen Jahrtausends mehr-

1.11 h hervorgehoben worden ist

  • 2 , behinderte bisher die Unzuganglichkeit des Materials

I ine umfassende Wiirdigung. Da die Kolophone auf den letzten, oft beschadigten Blattern der Handschriften

stt tien, und da sie nicht in der Buchschrift,

sondern i n e i n e r Art "Umgangsschrift"

i~icistrecht nachlassig geschrieben sind, bleiben einige Lesungen unsicher. Auf diese 1 iisicherheiten weist der Kommentar zu den einzelnen Kolophonen hin, in dem zugleich

111e Klarung sprachlicher Probleme von Titeln und Namen. die im Einzelnen im Na- l~icnindexbesprochen sind, versucht werden soll. Zweifelhafte Lesungen lassen sich .lrihand der leicht zuganglichen Faksimile-Ausgaben tiberpriifen.

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--

  • I. Zum gegenwartigen Stand der Bearbeitung dieser Handschriften : Verf. : Die Er- forschung der Gilgit-Handschriften.

Nachrichten der Akademie der Wissenschaf-

ten in Gattingen. I. Philologisch-Historische Klasse. Jahrgang 1979, Nr. 12.

  • 2. Zuletzt von K. Jettmar : Die Religionen des Hindukusch. Stuttgart 1975. S. 198, 295 mit weiterer Literatur. - Ober die historische Bedeutung handelt N. P. Chakravarti bei Tucci : Minor Buddhist Texts. Part I (Serie Orientale Roma IX). Rom 1956. S, 179f. Die Angaben von Chakravarti zu den Namen in den Kolopho- nen sind teilweise falsch : statt Sthirabuddhi lies Sthirabandhu: Narendradatta, der kein "mahäbhänaka", sondern ein "dharmabhän&a" ist, wird nur einmal. nicht zweimal genannt.

Oskar von Hintiber

,

Das Grundmuster aller Kolophone. ist ein Formular,

das sich bis in die Mathur:,

Inschriften der Kusäna-Zeit zurtlckverfolgen 18ßt : deyadharmo yam

. . .

-W

(oder:

-ena). tathä särdham

. . .

-=(oder :-asya).yad atra puny-

.. .

'vgl.

z. B.

Mathurä-

-

Inschriften S. 103). Ein Vermerk Uber den Schreiber schließt sich nur selten an. Verwandtschaftsnamen innerhalb dieser Formel erhalten in der Regel eine Kasus-

endung : pitunä, mätunä, bhrätunä, aber @ und bhäryä in Kolophon 11. Titel sind dagegen meist endungslos : mahäsämanta, burohida, m, aber auch mahädevyäm in Kolophon I1 oder bhiksunä in Kolophon IX. 14. Selbst Namen werden mitunter ohne

--

-.-

Endung aneinandergereiht wie Dihota, &J usw. Kasusendungen kbnnen nur lose mit . einem Namen verbunden werden : Ksemaena, Sthirabandhuena. Da oft nicht zwischen den maskulinen und femininen Kasusendungen unterschieden wird - wie zu erwarten kommen jedoch nur Feminina mit maskulinen Endungen vor. nicht umgekehrt: s-

devyä saharanamälena

-, sind weibliche Namen nur an Epitheta zu erkennen wie et-

wa räjni tejage. So sind die Tragerinnen der folgenden,

in der Reihenfolge ihres

Vorkommens zusammengestellten Namen mit Sicherheit Frauen :

Torakämsikä (ei) Saharanamälä (@) Surendrä (er) Masuthä (e) Tejadi (s) Surendramälä (=i)

Dilni tapunyä (=i)

Aysätikasumonviltä (bhäryä) Aspinakülä (a) Trailokadevi fei) Jijadi (bhäryä) Mamgalahasirikä. (-i) Devakirikä (M)

&

  • - 1

Hier ist wohl auch Mamuhiri einzuordnen, da sie wie Devakirikä als upasika, aller- dings mit auslautendem kurzen 2, bezeichnet wird. Da Tejadi und Jijac Frauen sind,

darf man auch in Räjadi einen weiblichen Namen vermuten. Ob Namen auf (s. In-

dex

s. V. akhiloti) die Feminina zu denen auf -*sind. 18ßt sich nicht ausmachen. da

es auch Maskulina auf - gibt: pitunä cakosiena. Die sprachliche Zuordnung vieler Namen liegt im Dunkeln. lassen sich die folgenden Namen erklaren :

Aus dem Sanskrit

 

?hvaravämka

Dakiya

Kalyänaträta

Devaratna

Ksema

Devakirikä

Cakkravärika

Devasimgha

Jrvasiddhi

Devendra

Tejadi

Dharmahri

?-

Trailokadevi

Dharmendramati

I

Sarendradatta

Räjasimgha

Mamgalaküra

vajräditiandin

llamgali

Vikramzdityanandin

31amgalakri

Sakivardhana

IIaniyaka

Samharanamälä

3~ahäkri

Siddhasimgha

IIuktasimha

Surendrä

Ratnaputra

Surendravikramädityanandin

Sthirabandhu

\lle Samen buddhistischer WiirdentrBger, der Schreiber, der Patola Sähis und ihrer Ksniginnen sind indisch. Die beiden einzigen Ausnahmen sind der asta* Samcavama, ialls astai iiherhaupt ein Titel ist, und die Königin Dilnitapunyä. Sie tragt einen hy- i>riden Namen. wie sie sich in größerer Zahl nachweisen lassen: Räjasimgha neben l~tlukhisimgha;Mamgalakri neben CvavaBri, falls alle G-Namen indisch sind. \\'ie leicht sich sprachliche Fehlurteile ober Namen ergeben kannen, zeigt der Name llamgali. Obwohl man ihn zunachst als indisch, vielleicht als Hypokoristikon zu einem 11;imgala-Namen ansehen wird, ist doch Vorsicht geboten, da H. W. Bailey Mamgali .,ls türkischen Namen in einem sakischen Text nachgewiesen hat (Asia Major. NS 1. 1349-1950. 121). Ob und wie weit in den Namen und Titeln tllrkisches Sprachgut vor- liegt, wie bereits S. Lkvi vermutet hatte, bleibt vorerst offen. I Sicher nachweisbar sind dagegen iranische Namen, vielleicht auch Titel. Reich- lich bezeugt sind pharna-Namen, mit der merkwllrdigen Variante phana. Einem be- 4 stimmten iranischen Dialekt Last sich das weit verbreitete medische pharna nicht zu- '1 ordnen. Nur einen Dialekt. der Spuren in Namen und Titeln hinterlassen hat, kann

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L

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kll.

inan wohl ausschließen, namlich das Sakische; hier erwartet man phärra. Zwei Wörter enthalten die fllr das Sakische charakteristische Ligatur zur Bezeichnung des stimmhaften 5 : baysa "Buddha" und äysäti (ka) "edel". Damit bestgtigen die Kolo- phone die Anwesenheit von Saken in Gilgit, die durch die Erwghnung von Gibagitti "CilgitHirn sakischen 1tinerar3 wahrscheinlich ist. Vielleicht ist auch gakhra dem sakischen Sprachmaterial zuzuordnen, wenn es fUr garkha steht, wenn man also eine dardische Liquidenmetathese annehmen darf. Bisher War diese ftlr die indischen Nordwestsprachen charakteristische Erscheinung,

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Oskar von Hintiber

der G. hlorgenstierne

  • 4. eine ausflihrliche Arbeit gewidmet hat,

aus Kharosthi-Inschrif,

ten und aus den modernen Sprachen im NW des indischen Sprachgebiets bekannt. Da- bei geht es um die seit der Zeit Akokas bezeugte Umstellung von 5 in Konsonanten- gruppen : dharma > dhramma, die sich iiber das Kharosthi-Dharmapada (dirgha)

--

drigha) zu Mtinzen mit Kharosthi-Legenden verfolgen laßt. Zeitlich schließen sich hier nun mit einigem Abstand die Gilgit-Kolophone an.

Ein sicheres Beispiel ist der Name Dhrarmedramatinä,

vor dem der Titel

dharmabhän* steht. Die Erklarung ftir die verschiedenen Schreibungen liegt wohl

darin, daß es ftir Titel eine schulmaßig erlernte Orthographie gab, wahrend sich die Schreibung des Namens nach der phonetischen Wirklichkeit richtete. Neben dieser zweifelsfreien dardischen Metathese stehen einige weniger sichere Drugila ist der Name eines purohita. Dieses Amt sollte von einem Brahmanen ausge- Ubt werden, so daß ein indischer Name nicht unwahrscheinlich ist. Nach Päpini 5. 3.7 können mit dem Suffix -i& aus zweigliedrigen Namen eingliedrige gebildet werden :

Hilka 56, 69. Nimmt man eine dardische Metathese an, SO kann ein aus Durgadatta, Durgagupta usw. verktirzter Name Durgila vorliegen; Hilka 99 verzeichnet den weib- lichen Namen Durgilä. Der Name des purohita deutet an, daß wir einen Vertreter des kaschmirischen Schiwaismus vor uns haben.

Will man Utrupharna und Utrapharna hier einordnen,

*

so schließt sich Utrupharn

an die weit verbreiteten Namen Rtafarnä an (Schmitt: Iranier-Namen 34ff). Unklar bleibt die Vokalisierung durch u. Da sich nun im Mahäbhärata der indisierte Name Rtuparna findet, ki5nnte man eine ahnliche Umdeutung ftir den Nordwesten Indiens an- nehmen mit einer Lautentwicklung rG> = wie auf den Aboka-~nschriftenicr&> ki! wenn man diese Schreibungen im Gegensatz zu Morgenstierne : "can scarcely repre- sent the real pronounciation" doch ernst nehmen darf . Schließlich ist das bereits erwahnte gakhra hier zu nennen, das sich so zu sakisch garkha "schwer, ehrwtirdig" (KT V1 und DKS s, V. ggarkha) stellen ließe. auch iranische Lehnwörter der dardischen Metathese unterliegen, hat in der heutigen

5

Sprache durchaus Parallelen (Morgenstierne S. 237).

Die weitaus grbßere Zahl der Namen verschließt sich jedoch vorerst der ~eut-. Neben indischen und iranischen Namen sind tibetische oder ttirkische ebenso zu

ung. erwarten wie frtihe Zeugnisse flir das Burushaski. Der Name Aparsika kann chine-

  • 4. Metathesis of liquids in Dardic. In : Festskrift for0. Broch. Os10 1947 = Irano- Da dica. Wiesbaden 1973. S. 231-240; vgl. ferner: J. Bloch: Indo-Aryanfrom the Ve to Modern Times. Translated by A. Master. Paris 1965. S. 88f.

  • 5. H. W. Bailey (brieflich) vergleichtutrumit ossetischurdug "aufrecht".

Die Kolophone der Gilgit-Handschriften

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,isch sein, da sein Trtiger kuläcina "vornehmer Chinese1'(?) genannt wird. Manchies,

j\.as zunachst undurchsichtig bleibt,, kann durchaus auch aus Indien kommen und sich

,iner

Deutung nur deshalb entziehen,

weil zur Erforschung der indischen Namen

6

kaum die Grundlagen gelegt sind . Hinzu kommt,

daß auch das iranische Namengut

  • I erst jetzt durch das im Erscheinen begriffene Iranische Namenbuch erschlossen wird. Die Deutung der Namen.

soweit sie Uberhaupt moglich ist, kann daher in den meisten

Fallen nur als ein erster Versuch gewertet werden.

Iusgabe : Weder erw8hnt noch herausgegeben in : E. Conze : The Gilgit Manuscript of

the ~sfädakasähasrikäpraj~ramitä.

Chapters 70 to 82 corresponding to the 6th,

7th and 8th abhisamayas. (Serie Orientale Roma XLVI). Rom 1974.

iilatt : 308a

1:nksimile : FE 51675

'i08a 10

deyadharmo yam (1) mahähraddhopäsaka mahägakhravida näeasimhasya.

(2) särdham kri deva patola sähi vikramädityanandinä.

'3)

särdham kri

paramadevyä torakämsikayä. (4) särdham &ämidevyä saharanamälena.

'iOi3a 11

(5) särdham devyä *ndrabha!!ärikanä. (6) särdham devyä di

 

.

 

punyena. (7) särdham mätunäin5)masuthena. (8) särdham bhrätunä

 

khukhisimhena. (9) särdham kgaiciciena. (10) särdham räjiii tejadiyena.

 

(11 ) räjadiena.

'308a 11

Zusatz unter der Zeile : (12) särdham gakhragatri caeu

 

-. ena

 

'iOBa 12

(13)

särdhamm baysakkarjamvfya

(14) särdham k9atraz.

 

- pÜrena.

(15) särdham mahäsämanta gugena. (16) särdham gakhravida titsina.

(17) särdham mahäsämanta laganena. (18) särdham sarena. (19) särdham

burohida drugilena.

 

108a 13

(20) särdham pari&ddhabuddhaksetropapanne~

..

.

.

.

lyäsena.

(21) särdham pitunä kämathulena. (22) särdham utrasimhena. (23) suma-

  • 6. Zuletzt zur indischen Namenforschung: M. B. Emeneau : Towards an onomastics of South Asia.

JAOS 98.

1978. C. 112-130.