Sie sind auf Seite 1von 38

Universität Wien

Sprachliche Gewalt

Sprachwissenschaftliches Seminar

Lehrveranstaltungsleiter: Mag. Dr. Peter Ernst

Sommersemester 2015

Franz Schneckenleithner

Matrikelnummer: a1047114

Studienkennzahl: A-190 333 353

1

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort …

Alltagswelt …

3

Einleitung – Ausgangspunkt …

4

Wissenssoziologie nach Berger und Luckmann …

5

Zentrale Begriffe der Wissenssoziologie:

6

Wissenssoziologie und Ideologie …

6

Primäre Sozialisation …

7

Sekundäre Sozialisation …

8

Externalisierung …

9

Objektivation und Sprache …

9

Institutionalisierung von gesellschaftlicher Wirklichkeit …

10

Legitimation von Rollen und Institutionen …

11

Objektivation und Political Correctness (PC) …

12

a) PC als Spannungsfeld zwischen dauerhaftem Indikator und alltäglicher Verwendung

12

b) PC als Frage der Identität …

13

c) PC und die pejorative Bedeutung …

18

d) PC und die primäre/sekundäre Sozialisation …

18

e) PC und die wirklichkeitsstiftende Macht der Sprache …

18

Politische Auswirkungen …

19

Ideologie …

21

Weltanschauung …

23

Epistemologischer Einschnitt …

23

Ideologische und Repressive Staatsapparate …

24

Sprache als Trägerin von Ideologie …

26

Die Anrufung des Subjekts durch die Ideologie …

28

Sprache als entscheidendes Medium bei der Reproduktion der Produktionsverhältnisse …

29

Sprache und Selbstwahrnehmung aus entwicklungspsychologischer Sicht …

30

Wahrnehmung/Denken außerhalb der Sprache möglich? …

31

Das Phi-Phänomen …

32

Bewusstsein, Ideologie und Wahrnehmung …

33

Conclusio …

34

Bibliographie …

34

Anhang …

36

2

Seminararbeit Sprachliche Gewalt:

Vorwort:

In der griechischen Antike stand unter anderem die anthropologische Frage „Was ist der Mensch“ (Altgriechisch: τί ἐστιν ἄνθρωπος?) im Zentrum der Philosophie. Zwei der Sentenzen, die als Antworten darauf gegeben wurden, möchte ich an den Beginn dieser Arbeit stellen.

a) τὸν ζῷον πολιτικόν – ein in Gesellschaft lebendes Wesen

b) τὸν ζῷον λόγον ἔχον – ein Sprache/Vernunft/Ordnung habendes Wesen

Bis zum heutigen Tag sind diese Bestimmungen zentrale Begriffe in unserer Gesellschaft. Politologie, Soziologie, Psychologie und auch andere Wissenschaften beschäftigen sich ausdrücklich mit a). Philosophie, Linguistik, Kognitionswissenschaft(en), Neurologie und auch andere Wissenschaften widmen einen Großteil ihrer Arbeit b). Wie wir im weiteren Verlauf der Arbeit sehen werden, zeigen diese Wesensbestimmungen deutlich an, dass die Bestimmung des Menschen über gesellschaftliche Funktionen funktioniert. Der Boom von Kommunikationsseminaren, NLP-Ausbildungen und nicht zuletzt die oft mit Sprache manipulierende Werbung sind zwar kein Beweis für die Wichtigkeit von Sprache, sie geben aber ebenso wie der linguistic Turn in der Philosophie einen gewissen Trend vor. Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich einige Berührungspunkte zwischen Mensch, Gesellschaft und Sprache aufzeigen. Ein zentraler Punkt auf den ich schon jetzt hinweisen will, ist der Umstand, dass weder Sprache noch Gesellschaft, ohne Lebewesen möglich wären. Unter der Berücksichtigung Althussers werde ich zeigen, wie die Sprache zum einen die Lebewesen und gleichzeitig deren Verhältnis zur Gesellschaft prägt und wie umgekehrt die Gesellschaft mittels der Sprache die Lebewesen beeinflusst. Den soziologischen Aspekt der „Gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit“ werde ich mit Peter Berger und Thomas Luckmann erklären. Sodann möchte ich auch noch einige Erkenntnisse der Neurologie und der Entwicklungspsychologie in diese Untersuchung einbauen. Schließlich werde ich auch versuchen die theoretischen Überlegungen in Verbindung mit dem praktisch-politisch relevanten Phänomen der Political Correctness bringen. Der Titel des Seminars in dessen Rahmen ich diese Arbeit schreibe lautet „Sprache und Gewalt“. Für diese Abhandlung möchte ich Gewalt im Sinne einer systemischen und daher unpersönlichen, wenngleich von Personen transportierten Macht verstanden wissen.

3

Einleitung – Ausgangspunkt:

Die Frage nach der menschlichen Sprache, setzt die Frage nach dem Menschen voraus. Man müsste also mit einer anthropologischen Analyse beginnen. Leider bin ich außerstande dieses Vorhaben zu realisieren. Daher nur eine kurze Bestandsaufnahme der Annahmen, von denen ich ausgehe:

a) Der Mensch als soziales Lebewesen:

„Dem menschlichen Organismus mangelt es an dem nötigen biologischen Instrumentarium für die Stabilisierung menschlicher Lebensweise. Seine Existenz wäre, würde sie zurückgeworfen auf ihre rein organismischen Hilfsmittel, ein Dasein im Chaos. … Einmal ist es ein unübersehbares Faktum, dass aller individuellen organismischen Entwicklung eine Gesellschaftsordnung vorgegeben ist. … So unmöglich es dem Menschen ist, sich in völliger Vereinzelung zum Menschen zu entwickeln, so unmöglich ist es ihm auch, in der Vereinzelung eine menschliche Umwelt zu produzieren.“ (Berger:

S. 54)

b) Lebenswelt/Umwelt des menschlichen Lebewesens:

„Every organism, whether a bacterium or a member of Homo sapiens, has a set of things in the world that matter to it and which it (therefore) needs to discriminate and anticipate as best it can. Call this the ontology of the organism, or the organism’s “Umwelt” (von Uexkull 1957).“ (Dennet (2015): S. 4-5) In meinen Augen erkennt man an den Kategorien, mit denen wir hantieren und unsere Welt ordnen, die Funktion des Strukturalismus. Bedeutung entsteht durch unterscheidende Merkmale. Ich glaube, dass diese Merkmale zwar nicht arbiträr aber doch kontingent gewählt wurden. Die Herausbildung von Kategorien/Unterscheidungsmerkmalen, hängt immer mit dem Faktor Praktikabilität zusammen. Kategorien sind deshalb aber nicht natürlich. Die Kategorie der Rassen, die ja einige Jahrhunderte hindurch Verwendung fand, stellte sich etwa als wissenschaftlich nicht haltbar heraus. Dieser Fall zeigt, dass die Strukturierung der Welt auch von politischen und wissenschaftlichen Interessen beeinflusst ist.

c) Sprache:

Auf die Funktionen der Sprache wird im Laufe der Arbeit näher eingegangen. Wichtig erscheint mir jedoch der Umstand, dass es sich um ein genuin soziales Phänomen handelt. Außerdem nimmt Sprache (die lautliche später auch verschriftlichte Sprache) in unserer der menschlichen Kommunikation, sowie bei der Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit die zentrale Rolle ein.

4

d)

Gesellschafts-(ordnung/formation):

Wie Althusser in Ableitung der Reproduktion der Produktionsbedingungen schreibt, beruht jede

(funktionierende) Gesellschaftsformation darauf, dass sie „während sie produziert und um

produzieren zu können, die Bedingungen ihrer Produktion reproduzieren muss“ (Althusser 1977: S.

109)

Aufgrund der eingeborenen Instabilität des menschlichen Organismus kann die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Ordnung zwar erklärt werden 1 , das „Wie“ der Gesellschaftsordnung kann jedoch nicht von biologischen Gegebenheiten abgeleitet werden. „Sie (Gesellschaftsordnung) besteht einzig und allein als ein Produkt menschlichen Tuns.“ (Berger: S. 55) „Gesellschaft ist nur, wo der (m.E. die) Einzelne sich ihrer bewusst ist.“ (Berger: S. 83)

e) Denken und Bewusstsein:

„Das individuelle Bewusstsein ist immer gesellschaftlich determiniert“ (Berger: S. 83) „Ich glaube, kann aber noch nicht beweisen, dass der Erwerb einer menschlichen Sprache, das heißt gesprochenen oder Gebärdensprache, eine notwendige Vorbedingung des Bewusstseins ist – in dem strengen Sinne, dass es ein Subjekt gibt, ein Ich, ein "sich als Seiendes wissendes Etwas“ (Dennett 2 )

Wissenssoziologie nach Berger und Luckmann:

Berger und Luckmann übernehmen bis zu einem gewissen Punkt Annahmen Alfred Schütz´, der wiederum auf der Phänomenologie Edmund Husserls aufbaut: „Alle Typisierungen im Alltags- Denken sind als solche integrierende Elemente der konkreten historisch sozio-kulturellen „Lebenswelt“ (m.E.: bei Berger und Luckmann: Alltagswelt) und beherrschen sie, weil sie als gesichert und gesellschaftlich bewährt erlebt werden. Ihre Struktur bestimmt unter anderem die gesellschaftliche „Distribution“ von Wissen und dessen – beziehungsweise deren – Relevanz und Relativität zur konkreten gesellschaftlichen Umwelt einer konkreten Gruppe in einer konkreten historischen Situation. Hier liegen die legitimen Probleme des Relativismus, des Historismus und der sogenannten Wissenssoziologie.“ 3

1 Gehlen, Arnold: Urmensch und Spätkultur. Bonn 1956

(25.10.2015)

3 Schütz, Alfred: Collected Papers, Band 1, Den Haag 1962, S. 149

5

Zentrale Begriffe der Wissenssoziologie:

Alltagswelt:

Die Alltagswelt ist geprägt von den Kategorien Zeit und Raum, wobei diese Reihenfolge auch der Wichtigkeit entspricht. „Die gesellschaftliche Wirklichkeit der Alltagswelt wird also als ein kohärentes und dynamisches Gebilde von Typisierungen wahrgenommen, welche um so anonymer werden, je mehr sie sich vom „Jetzt und Hier“ der Vis-á-vis-Situation (direkter Kontakt mit anderen Menschen) entfernen.“ (Berger: S. 36) Die Typisierungen und Ordnungsmuster der Alltagswelt bilden den Hintergrund vor dem sogenannte Sinnprovinzen oder Enklaven der Wirklichkeit bestehen. Kunst, Religion, abstrakte Wissenschaft, … kennzeichnen sich dadurch, dass sie unsere Aufmerksamkeit von der Alltagswelt ablenken. Es handelt sich dabei eher um einen Sprung als einen fließenden Übergang. Das verbindende Element, das zu jeder Zeit auch das Primat der Alltagswelt sichert, ist die Sprache. (vgl. Berger: S. 28) Man denke nur an Ausdrücke wie schwarzes Loch, Milchstraße oder Himmelreich. Da die Sprache ausschließlich in der sozialen Interaktion der Alltagswelt erlernt wird „ist es tatsächlich eines der größten Probleme (m.E.: für Träumer, Physiker, Künstler und Mystiker) die Koexistenz der Wirklichkeit und der Wirklichkeitsenklaven ihrer Spekulation zu interpretieren.“ (Berger: S. 29)

Wissenssoziologie und Ideologie:

Laut Berger und Luckmann erforscht die Wissenssoziologie, „wieso und auf welche Weise „Wirklichkeit“ in menschlichen Gesellschaften überhaupt „gewusst“ werden kann.“ - oder anders ausgedrückt „die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“. (Berger: S. 3) Ein Punkt, der mir dabei zentral erscheint ist folgender: „Die Wissenssoziologie muss sich mit allem beschäftigen, was in der Gesellschaft als „Wissen“ gilt. … Theoretische Gedanken, „Ideen“, Weltanschauungen, sind so wichtig nicht in der Gesellschaft. … Die Bedeutung theoretischen Denkens in Gesellschaft und Geschichte allzu wichtig zu nehmen, ist ein begreifllicher Fehler der Theoretiker“. (Berger: S. 16) Abstrahierte Formen des Denkens, spielen zwar in den Wissenschaften eine große Rolle und sind eine der Hauptaufgaben der Wissenschaftler. Aus diesem Grund kann jedoch leicht der Fehler gemacht werden (von Wissenschaftlern), das theoretische Wissen als primär zu betrachten. Bei der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit spielt es keine prädominante Rolle. Schon allein aufgrund des späten Eintretens der kognitiven Fähigkeit der Abstraktion, fallen etwa die durchaus prägenden Kinderjahre weg. „Allerweltswissen, nicht „Ideen“ gebührt das Hauptinteresse der Wissenssoziologie, denn dieses „Wissen“ eben bildet die Bedeutungs- und Sinnstruktur, ohne die es keine menschliche Gesellschaft gäbe.“ (Berger: S. 16) Schließlich ist eine zentrale Frage jene, „wie

6

es möglich ist, dass subjektiv gemeinter Sinn zu objektiver Faktizität wird?“ (Berger: S. 20) Die Dialektik und Interdependenz zwischen diesen beiden Ebenen ist auch im Rahmen dieser Arbeit von Interesse. In der Wissenssoziologie wird/würde Ideologie also viel weiter gefasst, als dies bei den ideologischen Staatsapparaten in marxistischen Theorien der Fall ist. Zudem spielt die Alltagswelt und die primäre Sozialisation eine bedeutend größere Rolle, im Vergleich zu Ebenen wir Kunst, Religion, Schule, die bei Althusser betont werden. Ganz grundlegend unterscheiden Berger und Luckmann beim dialektischen Prozess zwischen Subjekt und Gesellschaft folgende Funktionen: Externalisierung, Objektivation und Internalisierung „Für das einzelne Mitglied der Gesellschaft gilt, dass es simultan sein eigenes Sein in die Gesellschaft hinein externalisiert, das heißt also, sich seiner entäußert und die Gesellschaft wiederum umgekehrt internalisiert, das heißt sich ihre objektiven Wirklichkeit „einverleibt“.

Um diese theoretischen Überlegungen zu verbildlichen würde ich gerne auf unser Gender-Beispiel zurückkommen. Mir erscheint der Umstand, dass Geschlechterrollen sich nur langsam wandeln (im Verhältnis zum epistemischen Einschnitt der Einführung eines sozialen Geschlechts und der Begründung der Gender Studies), weil der Großteil der Bevölkerung im Alltagsleben nicht mit diesen Kategorien und Theorien operiert (und selbst wenn, erst ab einem gewissen Alter: vielleicht ab 14 Jahren), sondern vor allem mit dem über Jahrhunderte anerkannten System der schlichten Dichotomie Mann-Frau konfrontiert ist. Dieses Phänomen haben Berger und Luckmann „primäre und sekundäre Sozialisation“ (vgl. Berger: S. 141) genannt. Die primäre Sozialisation ist jene auch zeitlich vorgängige Sozialisation des Kindes, „durch die der Mensch in seiner Kindheit zum Mitglied der Gesellschaft wird. Sekundäre Sozialisation ist jeder spätere Vorgang, der eine bereits sozialisierte Person in neue Ausschnitte der objektiven Welt ihrer Gesellschaft einweist.“ (Berger: S. 141) Weiters wird darauf hingewiesen, dass die sekundäre Sozialisation der Grundstruktur der primären Sozialisation entsprechen muss. (vgl. Berger: S. 141) Aufgrund des geringen Umfangs dieser Arbeit möchte ich nur kanz kurz auf die eben erwähnten Prozesse eingehen:

Primäre Sozialisation – Internalisierung:

Nehmen wir die zu Beginn genannte Trias Externalisierung – Objektivation – Internalisierung können wir uns darauf einigen, dass für primäre Sozialisation die Internalisierung zentral ist. Das Kind wird in eine objektive Gesellschaftsstruktur hineingeboren. Die Bezugspersonen stellen den/die signifikante(n) Andere(n) dar, der/die gleichzeitig seine/ihre eigenen Blick auf die objektive gesellschaftliche Welt vermittelt. Wichtig für die Internalisierung ist auch die emotionale

7

Identifikation mit der Bezugsperson. (die Wahl der Person mit der das Kind sich mehr identifiziert, ist somit der Entscheidungsbereich der dem einzelnen Kind zufällt, wenngleich er in der primären Sozialisation nicht sehr ausgeprägt ist.) Gleichzeitig identifiziert sich das Kind schließlich auch mit sich selbst. Die Identität (Namen) annehmen heißt jedoch auch die bestimmte soziale Welt annehmen. Es sind sozusagen zwei Seiten der selben Medaille (Internalisierung). Ein weiterer Schritt ist die Generalisierung des signifikanten Anderen: Es heißt dann nicht mehr „Mami mag nicht, wenn ich Suppe verschütte“ sondern „man soll keine Suppe verschütten“ (vgl. Berger: S. 142-143) Solche man-Sätze werden zu Normen bzw. internalisierten Regeln. Sie sind zentral für die Herausbildung einer stabilen Selbstidentifizierung. Gleichzeitig markiert dieser Punkt in der Entwicklung die Etablierung des „Konzepts“ von Gesellschaft und mit ihr verbundener objektiver Wirklichkeit. „Gesellschaft, Identität und Wirklichkeit sind subjektiv die Kristallisation eines einzigen Internalisierungsprozesses. Diese Kristallisation ergibt sich im Gleichschritt mit der Internalisierung von Sprache.“ (Berger: S. 144) Sprache ist … sowohl der wichtigste Inhalt als auch das wichtigste Instrument der Sozialisation. Für die Identitätsbildung stellt die Zeit des beginnenden Spracherwerbs ein problematische Phase dar. Während das Kind zuvor in der persönlichen Ordnung und Einheit mit der Mutter lebt, verlangt diese nun von Kind „sein Tun auf praktische und soziale Ziele hin auszurichten: es soll selbständig werden (sich den Ball selber holen), Rollenfunktionen erfüllen (selber den Löffel halten), sich sozialen Maßstäben gemäß gut benehmen (sein Glas nicht umwerfen) und so weiter. Im Kind erweckt dies die Angst (m.E.: was durchaus seine Berechtigung hat), sich nun nach unpersönlichen Normen (im Sinne einer sozialen Ordnung) richten zu müssen, die von der persönlichen Ordnung der frühen Kindheit wegführen“ (Dore 4 ) Dem im Folgenden beschriebenen Mechanismus der Legitimation oder auch dem althusserschen Staatsapparat (repressiv und ideologisch) entspricht sodann, dass die Mutter Druck ausübt, um die neue soziale Ordnung aufrechtzuerhalten. Das Kind lernt die Sprache auch, um die verlorene intersubjektive Zusammengehörigkeit wieder herzustellen. (vgl. Stern: S. 244)

Sekundäre Sozialisation:

Zentral bei der sekundären Sozialisation ist der Umstand, dass sie im Gegensatz zur primären Sozialisation multipel ist. Das soll heißen, dass das Individuum in ungleich größerem Ausmaß Wahlfreiheit des/der signifikanten Anderen besitzt. Dadurch, dass hier eine größere Kontingenz besteht, erscheint dieses Wissen dem Individuum nicht mehr so einheitlich und total wie bei der

4 Dore, J.: „Holophases revisited, dialogically“. In M. Barret (Hg.): Children´s single word speech. Wiley. London

1985

8

primären Sozialisation. „Sekundäre Sozialisation ist der Erwerb von rollenspezifischem Wissen, wobei die Rollen direkt oder indirekt von der Arbeitsteilung herkommen.“ (Berger: S. 149) Die Einführung in diese Subwelten basiert unter anderem auf dem Erlernen situationsgerechten Vokabulars. Mit spezifischen semantischen Feldern „werden auch die „stillen Voraussetungen“ Wertbestimmungen und Affektnuancen dieser semantischen Felder miterworben.“ (Berger: S. 149)

Externalisierung:

Externalisierung ist die Entäußerung subjektiv gemeinten Sinns. Dies passiert vorwiegend im Medium der Sprache. Sowohl Hegel als auch Marx haben den Mechanismus der Externalisierung als anthropologische Notwendigkeit ausgewiesen und Gehlen erörtert auch die biologischen Grundlagen dieser Funktion. (vgl. Berger: S. 56) „Menschliches Leben wäre nicht möglich im verschlossenen Raum schweigender Innerlichkeit“ (Berger: S. 56) In einem weiteren Schritt kann dieser Sinn auch vergegenständlicht, also objektiviert werden. (Objektivation)

Objektivation und Sprache:

Die Objektivation ist jener Vorgang, der dafür zuständig ist subjektiv gemeinten Sinn zu objektiv- gesellschaftlich-begreiflichem Sinn in der intersubjektiven Welt zu machen. Dieser Prozess Funktioniert mittels Zeichen. Es gibt sogenannte direkte (gestische und mimische) Zeichen, die an die sich ausdrückende Person im Hier und Jetzt gebunden sind. Der Mensch besitzt jedoch auch indirekte sogenannte ablösbare (vom subjektiv intendierten Ausdruck) und tatsächlich objektivierte Zeichen. Man denke an Verkehrszeichen oder einen Regentanz. Das wichtigste Zeichensystem der menschlichen Gesellschaft ist jedoch die Sprache, ein System aus vokalen Zeichen.(damit sind in erster Linie nicht direkte vokale Ausdrücke wie Knurren, Heulen, Zischen, … gemeint, die ja an das knurrende, heulende und zischende Subjekt gebunden sind) Man könnte meiner Einschätzung nach zwischen expressiver (direkter Ausdruck) und referenzieller (indirekter Ausdruck) Funktion unterscheiden, wobei zweiteres unsere Sprache charakterisiert. „Sprache ist der Speicher angehäufter Erfahrungen und Bedeutungen, die sie zur rechten Zeit aufbewahrt, um sie kommenden Generationen zu übermitteln.“ (Berger: S. 39) Diese Definition widerspricht meiner Meinung nach nicht dem pragmatischen Diktum von Wittgenstein. Ich glaube, dass die pragmatische Dimension, also die Handlungkontextgebundenheit erstens bei der Übermittlung (Spracherwerb) eine zentrale Rolle spielt und zweitens auch bei der Veränderung von Sprache (Sprachwandel). Während vor Wittgenstein jedoch nur zu gern auf die pragmatische Funktion vergessen wurde, darf heute nicht

9

auf die referenzielle oder semantische Funktion vergessen werden, die in meinen Augen die enormen Möglichkeiten die uns die Sprache zur Hand gibt, erst ermöglicht. Wie wir gesehen haben ist Objektivation auch mittels direkter Ausdrucksarten (wie bei Tieren möglich). Die zentrale Errungenschaft der Sprache liegt darin, dass sie einen enorm dauerhaften Indikator subjektiven Ausdrucks darstellt. Gleichsam verhält es sich so, dass die alltägliche Verwendung der Sprache die Ordnung konfiguriert in welcher die Objektivationen Sinn haben. (vgl. Berger: S. 24)

Institutionalisierung von gesellschaftlicher Wirklichkeit:

Obwohl die gesellschaftliche Wirklichkeit, nicht etwa eine biologisch fixierte Konstante ist, präsentiert sie sich dem Menschen während seiner Sozialisation so. Bei der Instituitionalisierung handelt es sich um die Verfestigung und Verdinglichung typischer Verhaltensmuster. Da die gesellschaftlich anerkannten Typisierungen jedoch schon vor der Geburt der Individuen bestehen und keiner historischen Person zugeordnet werden, erscheinen sie den Individuen zunächst (bis man sie „versteht“) als natürlich, gemäß der Form „man …“. Damit es so etwas wie eine Tradierung von Instituitionen, die nicht auf individueller Erfahrung, sondern auf gesellschaftlicher Erinnerung basieren überhaupt geben kann, braucht es ein Zeichensystem. (Beim Menschen die verbale Sprache) Auch die Objektivation neuer Erfahrungen baut auf dem sprachlich bereits bestehenden Wissensbestand auf. (vgl. Berger: S. 72) Bisweilen versucht der Mensch diese natürliche Ordnung auch zu verstehen. Berger und Luckmann sind jedoch der Meinung, dass die Institutionen in sich nicht „logisch“ sind. Vielmehr „überlagert das reflektierende Bewusstsein die institutionale Ordnung mit seiner eigenen Logik.“ (Berger: S.

69)

„Die objektivierte soziale Welt wird von der Sprache auf logische Fundamente gestellt. Das Gebäude unserer Legitimationen ruht auf der Sprache, und Sprache ist ihr Hauptinstrument.“ (Berger: S. 69) Obwohl von der Logik des reflektierenden Bewusstseins der Individuen gesprochen wird, führt der Umstand, dass sich dieses Reflektieren im Medium der Sprache vollzieht dazu, dass die Logik in das strukturelle und gesellschaftlich-konstituierte Korsett der Sprache eingelassen ist. Der Sinn, den wir der Welt geben ist (fast) immer auch schon gesellschaftlich „gemeinter“ Sinn. Da die Sprache ja gleichzeitig viele Institutionen verkörpert/vermittelt, befindet sich das Individuum oftmals in einer Zirkelschluss/Tautologie-Situation. Im Sprechen und Handeln reproduzieren die Individuen auch selbst wieder die gesellschaftliche Wirklichkeit. Näheres zu den Bedingungen des menschlichen Denkens im Kapitel über Hirnforschung. Institutionen (in der Bedeutung: typisierte und tradierte Verhaltensmuster) können nicht einfach vom einzelnen Menschen geändert werden, sie haben durch ihre bloße Faktizität Macht über ihn.

10

Die Institution ist also ein menschliches Produkt, obwohl sie sich unserer Erfahrung zuerst einmal als natürlich und unveränderlich präsentiert. (vgl. Berger: S.56-65) Ebenso verhält es sich auch mit der Sprache. Wir erfahren sie zuerst als „So-seiend“ und nicht als „So-oder-so gemacht werden könnend“. Zusätzlich kommt hinzu, dass wir, auch wenn wir zweiteres durch diachrone Studien verstanden haben, als Einzelperson kaum Möglichkeiten haben, die Sprache bewusst zu verändern. Insofern stehen wir ihr ziemlich machtlos gegenüber. Ich würde sogar soweit gehen von Gewalt zu sprechen, da wir auch nicht die Möglichkeit haben „aus der Sprache auszusteigen“. Während bei subversivem Verhalten gewisse gesellschaftliche Sanktionen in Kraft treten, bestraft einen bei subversivem Sprachgebrauch die Sprache gewissermaßen selbst, indem man aus der Sprachgemeinschaft ausgeschlossen wird. (siehe dazu Anhang: Geschichte von Peter Bichsel) Schon bei tradierten Verhaltensmustern gibt es bisweilen keine logische Konsistenz. Umso weniger ist dies bei der Sprache der Fall. Sie scheint auch noch weniger von menschlichen Interessen korrumpiert zu sein, als Handlungsmuster. Sie erscheint auf den Blick als äußerst neutral. Dadurch das Sprache aber nicht nur bezeichnet sondern mit ihr vor allem gehandelt wird, sie also immer in Handlungskontexten auftritt, bekommt sie ein ideologisches/politisches/ interessensgesteuertes Kolorit. Dieses Kolorit ist jedoch immer nur konnotativ. In der bewusst konnotativen Verwendung besteht der Handlungsspielraum des Individuums. Zuerst kann man nur von Externalisierung sprechen. Später kann es auch zu einer Objektivation des Konnotats kommen. Sobald ein Wort konnotativ verwendet wird (fast immer in geringerem oder größerem Ausmaß) eröffnet sich ein Spannungsfeld zwischen Denotat und Konnotat. Sobald es zu einer gesellschaftlichen Anerkennung/Typisierung/Verdinglichung/ Objektivation des Konnotats kommt, handelt es sich um einen Begriff, der für den PC-Diskurs potentiell relevant ist. Im Folgenden werde ich diese Gedanken näher ausführen und weitere Faktoren aufzählen.

Legitimation von Rollen und Institutionen:

Rollen und Institutionen können wie schon gesagt auch nebeneinander existieren. Konglomerate von Rollen und Institutionen nennt man Subsinnwelten. Geraten sie jedoch in Konflikt miteinander (gesellschaftlich oder im reflektierenden Individuum) ist es wichtig, dass die Subsinnwelten von Legitimationen gestützt werden. Als Beispiel sei das Nebeneinander-Bestehen von Relativitätstheorie und Astrologie oder Landaristokratie und industriellem Kapitalismus genannt. Ebenen der Legitimation: (vgl. Berger: S. 101-103) 1. Versicherungen: „Das macht man so“; „So ist es eben“ 2. Theoretische Postulate in rudimentärer Form: Lebensweisheiten, Legenden, Volksmärchen; oft poetische Verkleidung

11

3.

Explizite Legitimationstheorien: Zum Teil aufgrund der Komplexheit gewissen

Personen(Experten) anvertraut

4. Symbolische Sinnwelten: Dienen dazu verschiedene Sinnprovinzen zu integrieren (miteinander

kompatibel zu machen); „symbolische Vorgänge sind Verweisungen auf andere Wirklichkeiten als die der Alltagserfahrung; Die Ehe wird zum Beispiel als göttliche Verbindung … gedeutet. Die

symbolische Sinnwelt legitimiert nicht mehr nur einzelne Institutionen, sondern „ist als die Matrix aller gesellschaftlich objektivierten und subjektiv wirklichen Sinnhaftigkeit zu verstehen.“ (Berger:

S. 103) Dazu gehören als wichtigste Formen Mythologie, Theologie, Philosophie und Wissenschaft 4a. Verteidigung von/Reflexion über symbolische Sinnwelten:

- Therapie: Subversives Verhalten wird von Experten therapiert: Teufelsaustreiber, pastorales

Gespräch, Ehe-, Berufsberater, Psychoanalyse, …

- Nihilierung: AbweichlerInnen werden entweder als inferior bezeichnet oder Phänomene die nicht

in die Sinnwelt passen werden geleugnet. Gegentheorien werden entworfen. Es wird bisweilen ein erheblicher theoretischer Auwand betrieben um die eigenen symbolischen Sinnwelten zu legitimieren.

Die Sprache verbindet die verschiedenen Ebenen der Legitimation bis hinunter zur Erfahrung in der Alltagswelt. Legitimation ist nun ein Prozess „sekundärer“ Objektivation von Sinn, der dazu dient

„Bedeutungen, die ungleichartigen Institutionen schon anhaften, zu Sinnhaftigkeit zu integrieren.“ (Berger: S. 99)

- Polizei und Militär, also physische Gewalt kann die theoretische Legitimation stützen. (siehe dazu Althussers Unterscheidung zwischen Ideologischen Staatsapparaten und Repressiven Staatsapparaten) Dieses Thema wird im Abschnitt zu Althusser noch näher erörtert.

Objektivation und Political Correctness (PC):

a) PC als Spannungsfeld zwischen dauerhaftem Indikator und alltäglicher Verwendung:

Die Polemik um PC ergibt sich meiner Meinung nach aus der Beschaffenheit der Sprache und ihrer gesellschaftlichen Verwendung an sich.

- Unsere Sprache kann losgelöst von der aktuellen Intention des/der Sprechenden funktionieren.

Man denke an SchauspielerInnen oder SöldnerInnen“

- Unsere Sprache braucht nicht einen direkten Gegenüber im Hier und Jetzt: Ich kann einen Brief an meinen noch nicht geborenen (vlt. Sogar nie existierenden) Urenkel schreiben.

12

- Sprache kann natürlich auch in der Vis-á-vis-Kommunikation verwendet werden. Um als relativ dauerhafter Indikator dienen zu können, müssen sprachliche Ausdrücke relativ konstant sein. Gleichzeitig kann man den Sprachwandel nicht leugnen, der in der Vis-a-vis Kommunikation seinen Anfang nimmt. Wir könnten nun annehmen, dass sich zur Stunde 0 die Bedeutung eines Begriffs in der Vis-a-vis Kommunikation und in dem Brief an die Urenkeln decken. 50 Jahre später hat sich jedoch die Verwendung in der Vis-a-vis Kommunikation geändert. Man könnte nun dem Uropa vorwerfen, dass er ein Rassist, Macho, … gewesen wäre, man wird es aber wohl nicht tun, da man sich in die Vis-á-vis-Situation vor 50 Jahren hineinversetzt. Problematischer wird der Fall nun wenn die unterschiedliche Vis-á-vis-Verwendung eines Begriffes nicht diachron, sondern synchron vonstatten geht. Dies trifft vor allem bei unterschiedlichen sozialen Gruppen zu. Solange die Gruppen unter sich bleiben, wird es zu keiner Diskussion kommen. Sobald aber diese Trennung nicht mehr scharf und absolut ist, was in der Realität, besonders in einer Zeit von Fernsehen und Internet praktisch nie der Fall ist, sind Probleme unvermeidlich. Neutral formuliert würde ich einfach von einem Verständigungsproblem reden. (selber Begriff – unterschiedliche Verwendung) Zu einem Streit um PC kommt es meist unter bestimmten Voraussetzungen, die ich im Folgenden erörtern werde.

b) PC als Frage der Identität:

Diese alltägliche Verwendung ist jedoch wandelbar und es erscheint plausibel, dass unterschiedliche Sprachgruppen die selben Wörter unterschiedlich verwenden, da unterschiedliche SprecherInnen in unterschiedlichem Verhältnis zu Begriffen stehen können. Dieses Verhältnis, prägt wiederum meine subjektive Intention. Es macht einen Unterschied, ob ein Homosexueller sich als „schwul“ bezeichnet, oder ob ein/e Heterosexuelle/r andere Personen als „schwul“ bezeichnet. Während die Selbstbezeichnung für den Homosexuellen einen positiven Akzent haben kann, hat sie für homophobe Personen einen negativen Akzent. Beide Varianten eint jedoch die Verdinglichung der Typisierung. Durch diese Verdinglichung kann eine Rolle so weit von der menschlichen Produktion der Rolle abgelöst werden, dass sie einen ontologischen und totalen Status erhält. Wird die Rolle nun von einem Subjekt als ontologische Konstante internalisiert, zwingt sie selbiges in gewisse Verhaltensmuster und das Subjekt wird sich dessen erst bewusst, wenn es zu einer Entverdinglichung kommt. Diese Entverdinglichung tritt, wenn überhaupt jedoch erst sehr spät in der Entwicklung des Individuums ein. (vgl. Berger: S.98) Es fällt auf, dass bei der Diskussion um Political Correctness und gendergerechte Sprache, zumeist über Begriffe gestritten wird, die Personen bezeichnen oder charakterisieren. Als Beispiele seien etwa „Neger“, „Schwule“ bzw. „behindert“, „fett“ oder „dement“ genannt.

13

Berger und Luckmann schreiben, dass im Gegensatz zu anderen Formen der Vis-a-vis- Kommunikation, bei denen Selbst- und Fremdwahrnehmung leichter divergieren können, im Falle der Sprache die Divergenz eher klein bleibt. Zumindest geht, man in der Regel davon aus, dass man einen sprachlichen Ausdruck gleich interpretiert. Man weist der Sprache eine Eindeutigkeit und Explizitheit zu, die sie oft gar nicht erfüllen kann. Während Mimik und Gestik eher auf unbewusstem Wege wahrgenommen werden, funktioniert sprachliche Kommunikation sehr bewusst. Wenn jemand von einem/r anderen als „Sau“ oder „Neger“ bezeichnet wird, so lässt dies vorderhand weniger Platz für Interpretation offen, als abwertende Gestik und Mimik. Dies liegt daran, dass ich „mein eigenes „Da“-Sein mittels der Sprache objektiviere, und es mir selbst konkret und in seiner Kontinuität zugänglich wird – zur gleichen Zeit und im gleichen Zug, wie es dem Anderen zugänglich wird. … Darum kann man sagen, dass Sprache mein Subjekt-Sein „wirklicher“ macht, nicht nur für mein Vis-à-vis im Gespräch, sondern auch für mich selbst.“ (Berger: S. 40) Die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu beobachten, wird im Falle der Sprache auf die Spitze getrieben. Man kann sich quasi simultan selbst beim Denken zusehen, was etwa bei Gestik und Mimik, genauso wie bei körperlichen Handlungen, nur über den Blick des/der Anderen möglich ist. (wir reflektieren die „Wirkung“ unsere Erscheinung, vermittelt durch die Reaktion des Gegenübers; der/die Andere ist unser Spiegel – also Quelle unserer Selbsterfahrung) Da die Sprache jedoch ein auf gesellschaftlicher Konvention basierendes Konstrukt ist, ist sie in gewisser Weise mehr vom Hier und Jetzt- Kontext entkoppelt und dafür von gesellschaftlichen Diskursen abhängig. Während etwa bei einem Pantomimespiel die klassische Reaktion die Form „Was meint er/sie damit?“ hat, stellen wir uns diese Frage bei sprachlichen Äußerungen im Regelfall nicht. Kommt es doch zu Unklarheiten lautet die Frage viel eher „Gemäß welchem Diskurs verwendet er/sie den Begriff?“ Um diese Unterscheidung nochmals zu erklären möchte ich darauf hinweisen, dass wir im Falle der Sprache, dem/der Einzelnen nicht die Freiheit zugestehen ein Wort so zu verwenden, wie er/sie es will. Wir verlassen uns darauf, dass er/sie den Begriff konventionell verwendet. Problematisch wird der Sachverhalt, wenn eben parallel unterschiedliche soziale Gruppen den selben Begriff unterschiedlich verwenden. Sodann kommt es zu Debatten rund um PC. Im Umkehrschluss ergibt das „Interpretationsverbot“(man unterstellt dem/der SprecherIn zumindest eine eindeutige Verwendung eines Begriffes) in Bezug auf Sprache eine sehr explizite und unverrückbare Form der Identitätsbildung, die, so unterstellt man zumeist dem/der SprecherIn, auch so gemeint ist. Problematisch ist nicht so sehr das eindeutig meinen (denn die Sprechenden meinen zum Zeitpunkt des Aussprechens das Ausgesprochene ja tatsächlich so wie sie es meinen), sondern die verschiedenen Verwendungen die in einer Gesellschaft kursieren. Die Funktion der Sprache „das Subjekt-sein wirklicher zu machen“ verdeutlicht im Falle der

14

Selbstbezeichnung auch den Versuch die Selbstwahrnehmung zu objektivieren und gleichzeitig die Hoffnung, dass diese Objektivation von den anderen übernommen wird. „Sprache hat Objektcharakter. Ich treffe auf sie als auf einen Tatbestand außerhalb meiner selbst, und ihre Wirkung auf mich ist zwingend.“ (Berger: S.40) Ein Beispiel wäre etwa, dass ein 12-jähriges Kind sagt: „Ich bin schon erwachsen.“ oder ein/e 19-jährige/r nicht Jugendliche/r genannt werden will. Gerade in brisanten Zeiten, wie der Pubertät, die für die Identitätsbildung zentral sind, spielt Sprache also eine gewichtige Rolle. Auch die Kategorie des/der Geschlechts/er kann hinsichtlich Selbstwahrnehmung als zentrale Komponente erachtet werden. Werden etwa Jugendliche von den einen als „Jugendliche“ und den anderen als „Kinder“ bezeichnet, erschwert dies die Herausbildung einer kohärenten Identität. Identitäten haben mit objektivierten Kategorien zu tun, zum Beispiel Rollenbildern. Diese Rollenbilder sind im Gegensatz zum Individuum nicht einzigartig, sondern normiert und objektiviert. Der Umstand, dass Bezeichnungen, die die Rolle einer Person definieren, vom/von der TrägerIn der Rolle ein gewisses Verhalten verlangen, über das er /sie Bescheid weiß und von dem er/sie auch weiß, dass die Mitmenschen davon wissen, ist mit ein Grund dafür, dass diese Begrifflichkeiten besonders polemisch diskutiert werden. (Bsp. „Dirne, Schwuler, Kind, Jugendlicher, Frau, Mann, …“ ) Identität ist also eng mit dem Verhalten verwoben. Berger und Luckmann verbildlichen diesen Umstand folgendermaßen: „Onkel mütterlicherseits geben ihr Wissen (m.E. an Neffen) nicht weiter, weil sie es wissen, sondern sie wissen es, weil sie Onkel mütterlicherseits sind. Wenn ein designierter Onkel mütterlicherseits aus besonderen Gründen zur Weitergabe seines ihm zugeschriebenen Wissens unfähig sein sollte, so wäre er nicht mehr länger Onkel mütterlicherseits im vollen Sinne, und die institutionale Anerkennung seines Status kann ihm sogar tatsächlich entzogen werden.“ (Berger: S. 75) Dieser Widerspruch zwischen Sein und gesellschaftlichem Schein, zwischen Rolle und Verhalten, dient auch in Gottfried von Straßburgs „Tristan und Isolde“ als zentrales Motiv. Gestörte Ich- Identität (=Unvereinbarkeit von Rolle und tatsächlichem Sein – obwohl sich diese Kategorien immer beeinflussen und nicht einfach getrennt werden können) kann also auch zu pathologischem Verhalten (was als pathologisch/krank definiert wird ist ebenso eine auf Konvention basierende Typisierung. Man denke nur an die Geschichte der Psychiatrie) führen. Das Problem der Identitätsbildung und daraus resultierendes pathologisches oder – neutraler – sehr variables Verhalten, kennzeichnet den Menschen (graduell) gegenüber allen anderen Tieren. Plessner und Gehlen sprechen hierbei von „Weltoffenheit“. Mehr als alle anderen Lebewesen „macht der Mensch seine eigene Natur“. (Berger: S. 52) Aufgrund dieser ausgeprägten Kontingenz (nicht alles ist kontingent) spielt die Formung der Ich-Identität beim Menschen eine so gewichtige Rolle. Zentral für die Bildung der eigenen Identität ist dabei der/die signifikante Andere. Da die

15

realen Personen, die diese Rolle einnehmen jedoch im Laufe des Lebens wechseln, sterben, … und generell inhomogen sind, (es wird ob dieser Schwierigkeiten auch vom Gefährdeten Charakter der subjektiven Identität gesprochen) spielt die Legitimation von Rollen mittels symbolischer Sinnwelten eine zentrale Rolle, da diese konstant sind. (vgl. Berger: S. 107) Althusser hat etwa bei seiner Analyse der Religion Gott als den objektivierten signifikanten Anderen per se festgemacht. Ein Mitgrund, warum das Individuum derart von der objektiven Wirklichkeit abhängt, liegt darin, darin, dass „erfolgreiche Sozialisation ein hohes Maß an Symmetrie von objektiver und subjektiver Wirklichkeit und natürlich Identität“ (Berger: S. 175) erfordert. Man kann davon ausgehen, dass diese Symmetrie dort schwieriger eintritt, wo eine Gesellschaft sehr stark ausdifferenziert ist, also eine komplexe Arbeitsteiligkeit und damit zahlreiche soziale Subwelten existieren. Anerkannte Identitäten sind immer auch historisch bedingt. Wird ein Mann der sich zu Männern hingezogen fühlt im Mittelalter einfach als abnormal und krank stigmatisiert und gleichzeitig versucht ihn zu heilen, kann der selbe Mann heute „einfach“ als Homosexueller leben. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass im Laufe der Geschichte eine Kontrastwirklichkeit entstand innerhalb derer Homosexualität als positiv konnotiertes Merkmal zuerst innerhalb der „Peer Group“ Anerkennung fand und schließlich auch in der „größeren Gesellschaft“ institutionalisiert wurde. Grundlegend ist die Voraussetzung der Anerkennung der eigenen Identität durch signifikante Andere. Wenn das Individuum von niemandem als so anerkannt wird, wie es sich „fühlt“, kann es so auch nicht sein(subjektive Identität). Und erst wenn es in der größeren Gesellschaft so anerkannt wird, kann es auch gemäß dieser Rolle handeln. (vgl. Berger: S. 178)

Änderungen der Identität sind zwar möglich, aber immer mit einem hohen legitimatorischen Aufwand verbunden. Bei grundlegender Veränderung spricht man von „Verwandlung“. Dabei wird die Vergangenheit nihiliert und eine Art zweite primäre Sozialisation mit Identifikationspersonen durchgeführt. Abgemilderte und sozusagen graduelle Veränderungen kommen viel häufiger vor. Bei der Resozialisation wird die Vergangenheit rückblickend so modelliert, dass sie mit der gegenwärtigen Wirklichkeitsgrundlage kompatibel ist. Bei der sekundären Sozialisation wird umgekehrt die Gegenwart an die Wirklichkeitsgrundlage der vergangenen primären Sozialisation angepasst. (vgl. Berger: S. 174) Sprache spielt eine zentrale Rolle für die Vermittlung von subjektiver und objektiver Wirklichkeit. Bei „entwickelten und gesunden“ Menschen gibt es eine weitgehende Übereinstimmung zwischen den beiden Wirklichkeiten. Weitgehend, weil nie ein Individuum die komplette objektivierte gesellschaftliche Wirklichkeit erfassen kann und umgekehrt, weil es auch Bestandteile der

16

subjektiven Wirklichkeit gibt, die nicht in der Sozialisation wurzeln. „Das des eigenen Körpers Innesein ist zum Beispiel vor und unabhängig von allem, was in der Gesellschaft über ihn erlernbar ist.“ (Berger: S. 144) In meinen Augen können auch Judith Butlers Bücher „Das Unbehagen der Geschlechter“ und „Körper von Gewicht“ in diese Richtung interpretiert werden. Geschlecht im Spannungsfeld zwischen subjektiver und objektiver Wirklichkeit. Das Wort Unbehagen, trifft wohl den Zustand, den man fühlen aber eventuell nicht ausdrücken (externalisieren) kann, wenn gesellschaftliche Zuschreibungen und subjektives Empfinden divergieren. Der menschliche Organismus entwickelt sich in der Dialektik zwischen Natur und gesellschaftlich konstruierter Welt. Beide Pole geben zwar Grenzen vor, innerhalb dieser, ist jedoch eine gegenseitige Beeinflussung möglich. (vgl. Berger: S. 193-195) Berger/Luckmann sprechen auch davon, dass „die menschliche Selbsterfahrung in der Balance zwischen Körper-Sein und Körper-Haben schwebt, einer Balance, die stets von neuem wiederhergestellt werden muss.“ (Berger: S. 53) Diese Unterscheidung kann deshalb vorgenommen werden, da der Mensch sich als Wesen erfährt, das nicht mit seinem Körper ident ist, sondern, dass ihm der Körper zur Verfügung steht. Diese Aufspaltung wird von Plessner auch exzentrische Positionalität genannt. Sie ermöglicht auch erst, dass sich der Mensch in gewisser Weise selbst produziert. (vgl. Berger: S. 52-53) Dieses „selbst – produzieren“ kann jedoch immer nur gesellschaftlich gedacht werden, nie rein individuell. „Die Selbstproduktion des Menschen ist notwendig und immer eine gesellschaftliche Tat.“ (Berger: S. 54) Diese gesellschaftliche „Produktion des Menschen“ ist nicht weit von Althussers/vom Marxschen Konzept der Reproduktion der Produktionsbedingungen entfernt. „Die Exzentrizität der Erfahrung des Menschen von seinem Körper hat gewisse Konsequenzen für die Analyse seiner Aktivität „im Benehmen“ mit der konkreten Umwelt und als Externalisierung, das heißt Entäußerung von subjektiv gemeintem Sinn.“ (Berger: S. 53)

Ich hoffe nun gezeigt, zu haben, warum es nicht egal ist, wie man sich selbst bezeichnet und wie man von anderen bezeichnet wird, da im Prinzip nur ein sehr geringer Unterschied besteht zu der Art und Weise wie man von anderen behandelt wird. Insofern glaube ich das Argument, dass sprachliche Audrücke keine Auswirkung auf die „Wirklichkeit“ haben, entkräften zu können.

17

c)

PC und die pejorative Bedeutung:

Für die PC-Diskussionen ist meistens eine pejorative Verwengung eines Begriffes relevant. Der Begriff „Dirne“ etwa diente im Mittelalter zur Bezeichnung eines jungen Mädchens niederen Standes, … und bekam erst später die Konnotation Prostituierte. Da die pejorative Konnotation schließlich die usprüngliche Bedeutung überlagerte (eine gewisse Zeit hindurch koexistierten die beiden Verwendungen), verschwand die primäre Bedeutung ganz aus dem Sprachgebrauch.

d) PC und die primäre/sekundäre Sozialisation:

Für das Erlernen klassen- oder situationsspezifischer Bedeutungsnuancen sorgt, wie wir schon gesehen haben, unter anderem die sekundäre Sozialisation. Während man die Bedeutungen und Verhaltensmuster der primären Sozialisation als beinahe unverrückbar (außer im Falle eines gravierenden Bruchs mit der eigenen Vergangenheit) erlebt, erfährt man das Erlernte der sekundären Sozialisation als flüchtiger. Erving Goffman spricht in diesem Fall von Rollendistanz, also einer Distanz zwischen Selbst und rollenspezifischem Teil-Selbst. Es kann also möglich sein, dass man eine Verwendung eines Begriffes in der primären Sozialisation ganz anders erlernt hat, als dies in der sekundären Sozialisation der Fall ist. Meiner Meinung nach fällt es daher Personen im Zusammenhang mit PC und der aufkommenden pejorativen Verwendung eines Wortes, schwerer vom Gebrauch von Begriffen abzulassen, wenn diese während der primären Sozialisation internalisiert wurden. Oft wird dann argumentiert „Aber dass heißt doch … . Aber ich meine doch … . Aber das hab ich doch immer so verwendet.“ Ein weiterer Grund, warum die PC- Debatte oft so leidenschaftlich und emotional geführt wird, ist der Umstand, dass die im Rahmen der primären Sozialisation erlernten Begriffe stark emotional konnotiert sind. Während man das in der sekundären Sozialisation Erlernte ohne Schwierigkeiten hinter sich lässt, kann man sich von der primären Sozialisation nur sehr schwer lösen. Im Prinzip würde zweiteres eine Veränderung der subjektiven Wirklichkeit voraussetzen. Dies hat wiederum weitreichende Konsequenzen für die eigene Identität.

e) PC und die wirklichkeitsstiftende Macht der Sprache:

Wie bereits im Kapitel zur Objektivation und in anderen Abschnitten angesprochen, hat Sprache nicht nur referenziellen sondern in hohem Maße auch pragmatischen und sogar wirklichkeits- stiftenden Charakter. Sprache ordnet unsere Erfahrung und schafft so eine kohärente und objektivierte bzw. intersubjektive Wirklichkeit. Ein persönliches Gefühl bleibt subjektiv solange es nicht externalisiert wird. Im Medium der Sprache gewinnt diese Externalisierung an Konstanz. Ich kann etwa sagen: „Peter war gestern traurig“, und dies erzeugt im Bewusstsein meiner

18

GesprächspartnerInnen Sinn und gleichzeitig eine Wirklichkeit, die vom hier und jetzt entfernt ist. Ich kann mittels Sprache Vergangenes erklären (die zentrale Aufgabe der Geschichtswissenschaft) und konstituiere damit vergangene Wirklichkeit. Ich kann auch Pläne und Vermutungen bezüglich der Zukunft anstellen und schaffe damit eine hypothetisch-eintretende Wirklichkeit. Wie bereits im Kapitel zur Identität gezeigt, gibt es zwar gewisse biologische und gesellschaftliche Grenzen. Die dialektische Beeinflussung umfasst aber einen weit größeren Bereich, als wir zumeist annehmen. Insofern können Sätze wie „Gendergerechte Sprache ändert auch nichts an der beruflichen Benachteiligung der Frauen.“ schlicht als falsch zurückgewiesen werden. Gehaltsverhandlungen haben viel eher mit sozialer/gesellschaftlicher Wirklichkeit als mit biologischen Tatsachen zu tun. Wenn wir von der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit sprechen, müssen wir im gleichen Atemzug den zentralen Faktor dieser Konstruktion nennen: die Sprache. Die sprachliche Konstruktion der Wirklichkeit darf nicht ontologisch (in gewisser Weise schon, da sprachliche Äußerungen ja auch real sind. Näheres dazu kann man bei Searle 5 lesen) verstanden werden, sondern muss über den Umweg von gesellschaftlichem Handeln, das wiederum auf Rollenbildern basiert die ihrerseits sprachliche Entsprechungen haben, gedacht werden. Das gesellschaftliche Interagieren, das von der Sprache stark beeinflusst wird, ist seinerseits jedoch nicht weniger sondern nur anders real, als ein Körper aus Fleisch und Blut. „Durch die Errichtung dieser (m.E. kohärenten Ordnung der Erfahrung) verwirklicht die Sprache eine Welt in doppeltem Sinne: sie begreift sie und erzeugt sie.“ (Berger: S. 164) „Die Analysen der Objektivation, Institutionalisierung und Legitimation sind unmittelbar anwendbar auf die Probleme der Sprachsoziologie.“ (Berger: S.

197)

Politische Auswirkungen:

Sprache stabilisiert die subjektive Wirklichkeit, und da Änderungen der Sprachkonventionen diese subjektive Wirklichkeit destabilisieren, sträuben sich viele Menschen gegen Sprachänderungen. Umso mehr, wenn sie sich wie im Falle von PC und gendergerechter Sprache nicht klammheimlich über einen längeren Zeitraum hinweg ändern sondern quasi autoritär von bestimmten Institutionen verordnet werden, wie etwa bei der Bundeshymne. Der Wirkmacht von Sprache gewahr müsste man sich jeodch aufraffen und den eigenen konservativen „Sprachschweinehund“ überwinden. In diesem Punkt widerspreche ich damit dem von Judith Butler in ihrem Buch „Hass spricht“ entwickelten Ansatz, auf die Regulative des freien Marktes der Sprache zu vertrauen. Und wie etwa

5 Searle, John R.: Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Zur Ontologie sozialer Tatsachen. Übers. Von Martin Suhr. Rowohlt. Hamburg 1997

19

im Falle des „Reclaiming“, sich gewisse Begriffe bewusst zu bemächtigen, um sie gemäß der eigenen Intention zu prägen. Im englichsprachigen Raum wird dies „strategy of reclaiming (words)“, also die Aneignung von Wörtern. Der Zweck liegt darin selbst zu bestimmen in welchem Kontext ein Wort verwendet wird. Dies beschreibt das Online Portal GLT (Gay & Lesbian Times) folgendermaßen:

Just as the term “nigger” has been adopted by the black community, many gay men and lesbians have begun to reclaim the terms “faggot” and “dyke.” In doing so, however, a debate has arisen about whether it has a negative or positive effect. Further, while many in the GLBT community have embraced terms such as “faggot” and “dyke” as a way of celebrating their sexuality (groups such as “Dykes on Bikes” are annually lead the San Diego GLBT Pride Parade), that doesn’t mean we extend the privilege to other groups. “There is such a thing called linguistic privilege,” Corlett says. “Linguistic privilege is when a term that is often used in racist or sexist context starts to be used within a community. For example, ‘queer’ is a term that is generally used with a pejorative meaning. … [I]t has become used with relative frequency within the homosexual community.” But when straight people use it, Corlett says, it may not be so welcome. (GLT)

Dass Melioration funktionieren kann steht nicht zur Debatte, die Frage lautet vielmehr, ob die Methode Butlers tatsächlich breitenwirksam ist. Wie im GLT-Artikel betont wird, funktioniert die Melioration hauptsächlich innerhalb einer Community und zwar, wenn eine Community, Schimpfwörter die sie selbst treffen, untereinander positiv konnotiert verwenden. Es also ein Zeichen von besonderer Zusammgehörigkeit, zu vergleichen mit Schimpfwörtern die sich Freunde untereinander an den Hals werfen, die jedoch außerhalb dieses intimen Settings eine ganz andere Bedeutung haben. Butlers Ansatz kann meiner Meinung nach theoretisch deshalb kritisiert werden, da Sprache und gesellschaftliche Ordnung wie schon gesagt einen sich selbst perpetuierenden und damit konservativen Charakter haben. Insofern ist eine breitenwirksame Bedeutungsveränderung nur schwierig durchzusetzen. Außerdem setzen sich symbolische Sinnwelten in der Regel nicht aufgrund ihrer theoretischen Schlüssigkeit durch, sondern auch aufgrund realpolitischer Faktoren wie militärischer Macht. Bei denjenigen Begriffen die im Rahmen von PC und „Gendern“ zur Debatte stehen, handelt es sich jedoch oft auch um Bezeichnungen, die im Zusammenhang mit marginalisierten Gruppen stehen. Dass nun diese marginalisierten Gruppen den Kampf um die Deutungshoheit von Begriffen gewinnen, erscheint mir eher unwahrscheinlich. Insofern halte ich es generell für angemessen, dass die staatliche Ebene in den Diskurs eingreift. Das auch dieser Ansatz problematisch ist zeigt jedoch Gayatri Spivak in ihrem Aufsatz „Can the Subaltern Speak?“ 6 auf.

6 Spivak, Gayatri Chakravorty: Can the Subaltern Speak? (1994) In: Patrick Williams/Laura Chrisman (Hg.) Colonial Discourse and Post-Colonial Theory. Hemel Hemestead: Harvester Wheatsheaf, S: 66-11

20

Ideologie:

Wie wir bei Althusser lesen können muss zwischen Weltanschauung und Ideologie unterschieden werden. Althusser schreibt, „dass eine Ideologie ein (seine eigene Logik und seine eigene Strenge besitzendes) System von Vorstellungen (Bildern, Mythen, Ideen oder Begriffen, je nachdem) ist, das im Schoß einer gegebenen Gesellschaft mit einer geschichtlichen Existenz und einer geschichtlichen Rolle begabt ist.“ (Althusser (2011): S. 295) Ich habe hierbei diejenigen Begriffe fett markiert, die zentral für diese Arbeit sind. Zum einen existiert eine Ideologie mit, in und durch eine Gesellschaft und zum anderen zeigen die Begriffe Mythen, Ideen und Begriffe eindeutig, wie wichtig die Sprache für die Ideologie ist. Zentral ist auch der Begriff des „Systems von Vorstellungen“. Der Systemcharakter der Sprache, dessen wir uns ja bisweilen nicht bewusst sind kann meiner Meinung nach als Analogie und Schnittmenge für das System der Ideologie verwendet werden. Althusser schreibt weiters, dass die Ideologie zunächst unbewusst ist, wobei das Unbewusste im Gegensatz zur Psychoanalyse das vormalige Hindurchgehen durch das Bewusstsein nicht voraussetzt. Wenn wir uns an die Theorie der Institutionalisierung bei Berger/Luckmann erinnern könnten wir dies so erklären, dass Institutionen in der menschlichen Gesellschaft zwar ursprünglich immer von einer direkten Erfahrung ausgehen, in Form der sprachlichen und verhaltensspezifischen Tradierung aber nicht mehr bewusst erfahren werden müssen. Wie der Mensch in die Ideologie eingebunden ist erklärt Althusser mit einer spinozistischen Metapher: „Die Menschen „leben“ ihre Ideologie wie der Cartesianer den Mond auf zweihundert Schritte „sah“ (oder nicht sah – wenn er ihn als solchen in seinem Blick fixierte) – also keineswegs als eine Bewusstseinsform, sondern als ein Objekt ihrer „Welt“ - als ihre „Welt“ selbst.“ (Althusser (2011): S. 297) Dieses als ein „Objekt“ sehen kann wohl mit der Verdinglichung, ein von Georg Lukács geprägter Begriff. (bei Marx: Fetisch) Wir nehmen also objektiviertes Bewusstsein so als wäre es eine ontologische Tatsache, ein Objekt. Diese These wird jedoch von Althusser nicht vertreten, er meint umgekehrt, dass selbst die Verdinglichung bereits ein Phänomen ist, das innerhalb der Ideologie angesiedelt ist. Für Althusser ist das Geld, das einzige gesellschaftliche Verhältnis, das sich unter der Form eines Dinges darstellt. (vgl. Bruckschwaiger: S. 62-63) Vielleicht ist die Verwendung des Begriffs der Verdinglichung bei Berger/Luckmann jedoch nicht so weit von Althusser entfernt. Dieser kritisiert ja bloß, dass man den Dingen an sich eine Macht zuschreibt. Berger/Luckmann zeigen aber, dass die Macht immer nur über den Umweg der gesellschaftlichen Verhältnisse und Interaktion lebendig wird.

21

Ideologie ist laut Althusser eine Struktur, die unser gelebtes Verhältnis zur Welt beeinflusst. Diese Struktur ist komplex, genauer ein Verhältnis von Verhältnissen (ein Verhältnis zweiten Grades – Das Verhältnis das wir zu den Verhältnissen der gesellschaftlichen Wirklichkeit haben). Die Funktionsweise dieser Strukturen, können meiner Meinung nach bei Althusser ähnlich verstanden werden, wie bei Berger/Luckmann. Auch dort geht die Internalisierung vor allem unbewusst von statten. Auch Althusser meint, dass die Ideologie in organischer Weise zu jeder Gesellschaft gehört. Problematisch wird sie im ethischen Sinn in den Gesellschaften, die sich durch ein Klassensystem kennzeichnen, da dort die Ideologie die bestehenden Verhältnisse zum Nutzen der herrschenden Klasse perpetuiert. (vgl. Bruckschwaiger: S. 66-70) Das gelebte Verhältnis zur Welt ist zu einem Gutteil auch vom imaginären Verhältnis zur Welt geprägt und nur in letzter Instanz vom realen Verhältnis zur Welt. Dies nennt Althusser auch „Überdetermination des Realen“ (Althusser (2011):

S. 298) Insofern kann das Imaginäre auch die ökonomischen Tatsachen kaschieren und in eine, den eigenen Wünschen nahe stehende Ordnung bringen. „Die Ideologie“ ist ein omnihistorisches Phänomen, während einzelne Ideologien abgelöst werden können. Dies entpricht in etwa dem Wechsel von einer symbolischen Sinnwelt zur nächsten bei Berger/Luckmann. Im Kapitalismus etwa verhält sich der Mensch so, als wäre er/sie ein/e freie/r LohnarbeiterIn. Dies ist in gewisser Weise noch problematischer als das indische Kastensystem, da der/die Einzelne auch noch der Überzeugung ist, nicht in einer Klasse gefangen zu sein. In Wahrheit kann zwar ein Aufstieg gelingen, jedoch ist er nie für alle möglich. Ein zentrales Organ, das die Klasseneinteilung in unserer heutigen Gesellschaft vollzieht ist der „Ideologische Staatsapparat“ Schule. Wichtig erscheint mir weiters, dass es sich bei der Ideologie auch und vor allem um eine materielle Erscheinung im Sinn von gesellschaftlicher Praxis handelt. (Althusser (1977): S. 136-140) Althusser erklärt außerdem, dass die gesellschaftlich etablierten Praxen/Rollen deshalb so widerständig und dauerhaft sind, da sie dem freudschen Konzept des Wiederholungszwangs gehorchen. Der konservative Charakter, den wir bei Rollenbildern und Ideologie festgestellt haben, kann mit Freud auch von der individuellen Seite eines angeborenen Triebs erklärt werden. (vgl. Bruckschwaiger: S. 96-100) Was bei Freud das Über-Ich und bei Lacan der Eintritt in die symbolische Ordnung (des Verbots/der Regeln) des Logos darstellt könnte man auch nur zu gut als Instituitionalisierung oder Bildung von Ideologie erklären.

22

Weltanschauung:

„Der Begriff der Weltanschauung suggeriert etwas, was jener der Ideologie auf keinen Fall für sich beanspruchen kann: Eine Weltanschauung ist etwas, was ich habe, in einem zutiefst bewussten Sinn.“ (Bruckschwaiger: S. 65) Die Ideologie ist hingegen eine vorgängige und zunächst unbewusste Struktur in der menschlichen Gesellschaft. Die Weltanschauung beeinflusst unser Handeln zwar auch, sie entspricht jedoch mehr unserem Wunsch-Bild von der Welt.

Epistemologischer Einschnitt:

Meine These, die sich auch mit jener von Althusser, über die epistemologischen Einschnitte deckt, ist jene, dass wir uns einer gewissen historischen (also konkret stattgefundenen) Ideologie erst bewusst werden, wenn sie mit neuen Ideologien in Kontakt und vor allem in Konflikt kommt. Marx entdeckte laut Althusser etwa die Geschichte (historischer Materialismus) für die Philosophie und brach damit, mit dem deutschen Idealismus. Ähnlich verhält sich der Fall auch mit der Entdeckung des Unbewussten bei Freud für die Psychologie und Medizin. (der Mensch wird auch von Dingen beeinflusst, die ihm aktuell nicht bewusst sind, sondern sich im Unterbewusstsein befinden). Mit Büchern wie „Das andere Geschlecht“(1949) von Simone de Beauvoirs oder „Das Unbehagen der Geschlechter“ (1990) von Judith Butler wurde etwa der Begriff Geschlecht ganz neue gedacht. Gleichzeitig bildeten sich die Gender Studies heraus. Laut Gaston Bachelard funktioniert die Wissenschaft nicht wie eine kontinuierliche und finalistische Weiterentwicklung, sondern sie ist geprägt von Diskontinuitäten und sogenannten epistemologischen Hindernissen. Entsteht ein Hindernis, kommt es zu einem epistemologischen Einschnitt und daraufhin einer neuen Sichtweise (neue Prämissen) auf die Dinge. Bachelard erklärt am Beispiel der Mathematik, dass die Wissenschaft in erster Linie nicht deskriptiv, sondern formend ist. (vgl. Bruckschwaiger: 22-23) Es bleibt jedoch die Frage, wie es zu so einem Hindernis überhaupt kommt. Laut Althusser spielt hier die Praxis immer die Vorreiterrolle. Es muss also in der politischen/gesellschaftlichen Praxis schon der Boden bereitet sein für einen Umbruch. Dieser praktische Untergrund bildet das Substrat für neue epistemologischen Ansichten (Prämissen (=theoretische Ideologie)), auf den die theoretische Praxis der Wissenschaft aufbaut. (vgl. Bruckschwaiger: S. 26-27) Im Falle der Gender Studies könnte man nun behaupten, dass sich in der gesellschaftlichen Praxis schon ein Unbehagen breitgemacht hatte (=Hindernis), das wiederum zu einem epistemologischen Einschnitt (andere Prämissen: Es gibt mehrere Kategorien von Geschlecht: biologische und soziale)

23

führte. Diese neuen Prämissen steuern nun den Diskurs innerhalb der Gender Studies. Ein Beispiel für eine Wissenschaft die komplett abgelöst wird, wäre etwa die Alchemie. Jede Wissenschaft braucht nach Lacan ein Objekt. Nach Etienne Balibar (Althussers Schüler) ist nun bei Althusser genau der epistemologische Einschnitt das Objekt seiner Philosophie. Versteht sich die Philosophie also als Wissenschaft, ist es ihre Aufgabe das Verständnis von epistemologischen Einschnitten zu abstrahieren. Erkenntnis bedeutet das Zerstören ursprünglicher Evidenzen(die eine gewisser Ideologie entsprechen). (vgl. Bruckschwaiger: S.28-29) In Bezug auf das Denken vom Fortschritt der Wissenschaften wäre das eben genau das Zerstören des kontinuierlichen und finalistischen Bildes zugunsten eines diskontinuierlichen und unvorhersehbaren.

Ideologische und Repressive Staatsapparate: (vgl. auch Althusser (1977): S. 108-168)

Es muss nun kurz darauf hingewiesen werden, dass wissenschaftliche Prämissen und epistemische Formationen zur Gruppe der ideologischen Staatsapparate gerechnet werden können. Althusser nennt folgende Ideologischen Staatsapparate (ISA):

„- religiöse ISA

- schulische ISA

- familiäre ISA

- juristische ISA

- politische ISA

- „gewerkschaftliche“ ISA

- ISA der Information (Presse, Radio, Fernsehen usw. )

- kulturelle ISA“ (Althusser (1977): S. 119-120)

Die ideologischen Staatsapparate bilden gemeinsam mit den repressiven Staatsapparaten (Exekutive, Militär, …) den Überbau, dem die ökonomische Basis (die Produktionsverhältnisse/ wirtschaftlichen Verhältnisse) zugrunde liegt. Im marxistischen Diskurs wird in Bezug auf gesellschaftlich-historische Veränderungen von einer gegenseitigen Beeinflussung von Basis und Überbau und einer Determination durch die Basis in letzter Instanz gesprochen. (vgl. Bruckschwaiger: S. 36-38) Wie Althusser jedoch feststellt, ist die Beeinflussung immer komplex und kann nicht einfach auf einen Grundwiderspruch reduziert werden, gleichzeitig besitzen die Instanzen des Überbaus eine relative Autonomie. Außerdem schreibt Althusser: „Die einsame Stunde der „letzten Instanz“ schlägt niemals, weder im ersten noch im letzten Augenblick.“ (Althusser (2011): S. 139) Besondere Relevanz für diese Arbeit geht nun von der Konzeption der Funktionsweise der

24

ideologischen Staatsapparate aus. Ihre besondere Macht erhalten sie aufgrund ihres sublimen Agierens. In der alltäglichen Praxis werden wir zwar von „der“ Ideologie stark beeinflusst, sind uns dessen aber nicht bewusst. Vergleichen wir diesen Ansatz mit dem soziologischen von Berger/Luckmann stellen wir fest, dass die Internalisierung in etwa dem entspricht, was Althusser das „Einüben“ der Ideologie in der Praxis nennt. (vgl. Bruckschwaiger: S. 82) Althusser schreibt Ideologie sei „der Ausdruck des Verhältnisses der Menschen zu ihrer „Welt“, das heißt die überdeterminierte Einheit ihres wirklichen Verhältnisses und ihres imaginären Verhältnisses zu ihren wirklichen Existenzbedingungen.“ (Althusser (2011): S.298) Überdeterminiert bedeutet, dass die aufeinander einwirkenden Faktoren nicht einfach und linear funktionieren, sondern komplex sind und sich gegenseitig beeinflussen, sodass nicht mehr von einer primären Wirkursache gesprochen werden kann. Das Verhältnis des Menschens zu seiner Welt setzt sich also aus einem wirklichen Verhältnis und einem imaginären Verhältnis zu den Existenzbedingungen zusammen. In Bezug auf unser bereits oben erwähntes Beispiel „Geschlecht“, könnte man nun behaupten, dass sich die Ideologie, also das Verhältnis der Menschen zu ihrer Welt (in diesem Fall zum „Geschlecht“) geändert hat. Meiner Meinung nach darf man jedoch nicht davon ausgehen, dass die „Welt“ unveränderlich wäre und nur das imaginäre Verhältnis Veränderungen unterworfen wäre. Die Änderungen beziehen sich auf die biologische (sehr langsame Evolution), vor allem aber auch auf die soziale Realität. Vor allem zweitere wird ja stark von Ideologien geprägt. Wichtig erscheint mir dabei herauszustreichen, dass sich sowohl das imaginäre Verhältnis auf das wirkliche Verhältnis, als auch umgekehrt das wirkliche auf das imaginäre Verhältnis auswirkt. Unser imaginäres Verhältnis zu Homosexualität hat sich über die Jahrhunderte immer wieder verändert, obwohl es homosexuelle Neigung (desire) immer gab. Dieses imaginäre Verhältnis beeinflusst das wirkliche Verhältnis auch entscheidend mit. Man denke nur daran, dass es in offenen und toleranten Gesellschaften mehr homosexuelle Paare gibt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass desire nicht eindeutig dichotomisch angeordnet ist, sondern wohl eher spektral. Entsprechend passt man die eigenen Präferenzen bis zu einem gewissen Grad auch an die äußeren Umstände an. (adaptative Präferenzen) Laut Gröller konnte Freud etwa auch den Ödipuskomplex in einer patriarchalen Gesellschaft leichter als universelles Phänomen nachweisen, als dies in unserer heutigen von Diversität geprägten Gesellschaft möglich wäre. (vgl. Bruckschwaiger: S. 87)

25

Sprache als Trägerin von Ideologie:

Das Verhältnis von Praxis und Ideologie ist für unsere Untersuchung zentral. In Anlehnung an Wittgenstein könnten wir sagen, dass die Sprache stark normierend wirkt und dass sie im Kontext

menschlichen Interagierens geformt und verfestigt wird. Indem ich ein „Sprachspiel“ erlerne, habe ich die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Umgang teilzunehmen, solange ich die „Regeln“, also die vorherrschenden Konzepte akzeptiere. Zentral für das gesellschaftliche „Sprachspiel“ bleibt jedoch der Umstand, dass im Normalfall nicht explizit über die „Regeln“ (=Konzepte von Begriffen) diskutiert wird, sondern, dass sie einfach verwendet werden. Diese Funktionsweise verhält sich analog zu den verschiedenen Formen der Ideologie. Da wir unsere Aufmerksamkeit nur selten auf die „Regeln“ richten, merken wir im Alltag auch nicht, dass wir nach ihnen handeln. Zu einer expliziten Auseinandersetzung mit den „Regeln“ kommt es nach meinem Dafürhalten erst, wenn Probleme in Form von Widersprüchen auftreten, wenn also unsere gewohnte Handlungsweise unerwartete Konsequenzen nach sich trägt. In Bezug auf Political Correctness könnte man etwa die Grußform „Heil“ anführen, die in gewissen Gebieten Osttirols nach wie vor als gängige Begrüßungsvariante besteht (wobei man sich fragen könnte, ob nicht auch in osttiroler Schulen über den 2. Weltkrieg gelehrt wird). Versucht nun jemand aus Osttirol in anderen Regionen des deutschen Sprachraums diese Grußformel anzuwenden, wird die Reaktion keineswegs die erwartete sein (ein erwiedertes „Heil“), sondern

Unverständnis, Komplikationen, Fragen,

„Sprachspiel“ zu einem problematischen und der Fokus der Aufmerksamkeit auf den Begriff „Heil“ gerichtet. Genau diese Problematisierung setzt nun eine Reflexion über die „Spielregeln“ in Gang, die man selbst für gewöhnlich ganz unbewusst anwendet.

Durch diese unerwartete Reaktion wird das

Von zentraler Bedeutung ist für mich nun, dass diese Problematisierung, einmal in Gang gesetzt, nicht einfach wieder beendet werden kann. Meiner Meinung nach böte es sich an, in diesem Zusammenhang von Irreversibilität zu sprechen. Um dies an einem Beispiel festzumachen, würde ich gern das polemisch diskutierte Feld des geschlechtergerechten Sprachgebrauchs zur Hand nehmen. Lange Zeit (Jahrhunderte lang) wurde dieser Thematik kaum Rechnung getragen. Für unsere Untersuchung spielt vielmehr der Umstand, dass im letzten Jahrhundert diese Frage(nach geschlechtergerechter Sprache) in der breiten Öffentlichkeit diskutiert und damit problematisiert wurde, eine entscheidende Rolle. Sobald diese Problematisierung stattgefunden hat, kann diese Entwicklung im öffentlichen Diskurs nicht mehr übergangen werden. Wenn also eine Lehrerin im 19. Jahrhundert von „Schülern“ sprach, war dies einer unreflektierten Anwendung der „Sprachregeln“ geschuldet und man wird ihr wohl nicht unterstellen können, dass sie sich bewusst

26

nicht an die Schülerinnen wendete. Gleichzeitig werden auch die Schülerinnen dieses Gefühl nicht bewusst (vielleicht unbewusst) gehabt haben. Heutzutage hingegen könnte man jemandem, der/die im öffentlichen Raum von Schülern und nicht von Schülerinnen/von Österreichern und nicht von Österreicherinnen/von Söhnen und nicht von Töchtern spricht, dies zum Vorwurf machen. Gleichzeitig wäre es auch nur zu verständlich, wenn sich die Schülerinnen, Österreicherinnen und Töchter nicht angesprochen und damit marginalisiert fühlten.

Wenn wir nun einen Blick zurück auf Althussers Definition von Ideologie werfen, sehen wir, dass sie zumeist den Individuen nicht bewusst ist, und genau deshalb eine besonders große Wirkmacht besitzt. Wurden Frauen über Jahrhunderte hinweg nicht explizit angesprochen, so fühlten sie dies zwar eventuell auf unbewusste Art und Weise, es wurde jedoch erst im 20. Jahrhundert Teil des öffentlichen Diskurses und damit bewusst. Meiner Meinung nach kam es jedoch nicht zufälligerweise im 20. Jahrhundert zu dieser Entwicklung. Mir erscheint es plausibel, dass erst die Sufragettenbewegung, der Feminismus, der linguistic turn in der Philosophie, die sprachphilosophischen Überlegungen von Wittgenstein (vor allem die pragmatische Dimension der Sprache, die er in den Philosophischen Untersuchungen darlegt) und die Untersuchungen zur Performativität von Austin und Searle (weg von der reinen Bezeichnungsfunktion hin zur performativen Funktion) die Problematisierung des sprachlichen Ausdrucks ermöglicht hat. Mit Verweis auf Althusser darf man jedoch nicht den Fehler machen, alleine die neue wissenschaftliche Konzeption von Sprache (gewissermaßen selbst ein epistemischer Einschnitt) als Auslöser zu sehen (etwa als kreativen schöperischen Akt einiger Philosophen). Dieser epistemische Einschnitt wurde ja seinerseits auch wieder von der Praxis der gesellschaftlichen Interaktion und vor allem den darin auftretenden Problemen und Hindernissen mitverursacht. Oder: „Was sich nun aus diesen Überlegungen ergibt, ist ein neues Verständnis von geschichtlichem Fortschritt. Nicht die Subjekte oder die Individuen sind es, die nunmehr die Geschichte vorantreiben, sondern die Widersprüche in der bestimmten gesellschaftlichen Formation, sozusagen die Interaktion der Individuen oder Subjekte, eingelassen in einer bestimmten Ideologie.“ (Bruckschwaiger: S. 54) Die wechselseitigen komplexen Interdependenzen dieser Entwicklung nachzuzeichnen, wäre gewiss ein sehr interessantes Unterfangen, welches jedoch wenn übehaupt, so sicher nicht in dieser Arbeit zufriedenstellend durchgeführt werden kann. Soviel sei jedoch erwähnt: Laut Althusser muss die gesellschaftliche Praxis auf vielen verschiedenen Ebenen gedacht werden, die sich gegenseitig beeinflussen: Auf der ökonomischen, der politischen, der ideologischen, der wissenschaftlichen.

27

(vgl. Bruckschwaiger: S. 55)

Frage: Kann die Ideologie mit der Erkenntnis ihrer selbst hinter sich gelassen werden? Nein bei Marx: (Bruckschwaiger: S. 56) – In Bezug auf die Sprache: Man kann zwar erkennen wie sie funktiniert Logik, Bedingungen Struktur, kann sie jedoch nicht überwinden (linguistic turn nur auf wissenschaftlicher Ebene neuer Blick auf Sprache) – Sprache selbst funktioniert weiterhin gleich:

„Marx hätte niemals geglaubt, dass eine Ideologie durch ihre Erkenntnis aufgelöst werden könnte: denn die Erkenntnis dieser Ideologie, die sich als Erkenntnis der Bedingungen ihrer Möglichkeit, ihrer Struktur, ihrer spezifischen Logik und ihrer praktischen Rolle im Schoß einer gegebenen Gesellschaft entfaltet, ist zugleich auch die Erkenntnis der Bedingungen ihrer Notwendigkeit“ (Althusser (2011): S. 294) Was jedoch schon geschehen kann ist eine Veränderung bzw. ein Wechsel der Ideologie.

Der linguistic turn hat jedoch nicht nur die pragmatische Seite der Sprache zu Tage befördert, sondern gleichzeitig auf die Gefangenheit in der/die Gebundenheit an die Sprache hingewiesen. Die Sprache besteht schon bevor das Individuum geboren wird. Mit Althusser spiegelt sich in der sprachlichen Ordnung auch eine Ordnung der Gesellschaft wider und das individuelle Bewusstsein ist unauflösbar mit der Sprache verwoben. Dadurch wird die gesellschaftliche Ordnung von der Sprache auch wieder perpetuiert/reinszeniert. Das Unbewusste ist seinerseits nach Lacan strukturiert wie eine Sprache. Althusser geht jetzt einen Schritt weiter und sagt, dass auch die Ideologie so strukturiert ist, da sie ja auch auf symbolische Zeichen (also auch Gesten, Verhaltensweisen, Bilder, …) angewiesen ist. (vgl. Bruckschwaiger: S. 104) Er geht jedoch nicht so weit Unbewusstes und Ideologie direkt zu verbinden.

Die Anrufung des Subjekts durch die Ideologie:

Althusser geht davon aus, dass konkrete Individuen, durch die sprachliche und damit ideologische Anrufung (Anrufung kann tatsächlich als Angeredetwerden und dem damit einhergehenden Eintritt in die sprachliche und ideologische Ordnung verstanden werden) zu ideologischen Subjekten werden. Es wird ihnen durch die Anrufung ein Platz in der gesellschaftlich-ideologischen Struktur zugewiesen. Althusser spricht in diesem Zusammenhang von der symbolischen Ordnung, die schon besteht bevor das Individuum geboren ist. (der Signifikant als Platz in der Ordnung – die Signifikate wären die damit verbundenen Vorstellungen/Rollenbilder) Vor der Geburt ist es schon für die Gesellschaft ein Subjekt. Während der primären Sozialisation wird nun versucht, dass das Individuum möglichst den ihm zugewiesenen Platz einnimmt. Die Anrufung funktioniert mittels des

28

ideologischen Diskurses. Die Namensgebung konstituiert beispielsweise auch das Geschlecht und sie zeigt, dass nicht das Individuum selbst sich den Namen gibt, sondern er ihm gegeben wird. Im religiösen Diskurs etwa, den Althusser analysiert verbildlicht Gott das SUBJEKT par excellence. Es ruft jedes Individuum einzeln als Subjekt an und verspricht Erlösung, sofern man sich seinen Regeln unterwirft. Ähnlich funktioniert dies wohl in der Familie (Mutter/Vater) oder der Schule (LehrerIn). Dabei handelte es sich um ein Anerkennungsprinzip in beiderlei Richtung. Die Lehrerin muss von den SchülerInnen anerkannt genau so wie die Lehrerin die Schülerinnen anerkennt. Indem die die Lehrerin jede/n einzelne/n SchülerIn anerkennt, trägt sie auch zur Anerkennung unter den SchülerInnen bei. Oder: Indem die Staatsbürgerin die anderen StaatsbürgerInnen anerkennt wird sie auch vom Staat anerkannt. (man denke an den Gesellschaftsvertrag bei Rousseau) Umgekehrt müsste sie mit Sanktionen rechnen. (vgl. Bruckschwaiger: S. 118-120) Dieser reziproke Anerkennungsmechanismus kann in gewisser Weise auch mit dem signifikanten Anderen bei Berger/Luckmann in Verbindung gebracht werden. Mit dem Eintritt ins Spiegelstadium (Lacan 7 ) kann das Individuum nicht nur anerkannt werden sondern es wird sich auch selbst Objekt und erkennt sich wieder. Typisch für die ideologische Wiedererkennung ist jedoch, dass sie mit der Verkennung einhergeht. Im Rahmen der Verkennung identifiziert sich das Individuum mit einem „Idealbild“ von sich selbst, das nie mit dem tatsächlichen Selbst übereinstimmt, sondern mit ideologisch geprägten Rollenbildern. (vgl. Bruckschwaiger: S. 127-129) Das Ziel auf das die Ideologie stets hinsteuert, ist dabei die Reproduktion der Produktionsverhältnisse. Eine stabile Gesellschaftsordnung.

Sprache als entscheidendes Medium bei der Reproduktion der Produktionsverhältnisse:

Meine These ist nun diejenige, dass es sich bei der menschlichen Sprache, ebenso um eine Produktion handelt, wie etwa bei der Reproduktion der Produktionsmittel einer Fabrik (dazu gehören die Maschinen und Rohstoffe, aber auch die Arbeitskräfte) Die Gesellschaftsformation wäre in etwa die Sprachgemeinde. Das Produkt, das die Sprache hervorbringt ist Kommunikation. Dieses Produkt kann nur hergestellt werden, wenn die Sprechenden gewisse Produktionsbedingungen respektieren. Zu diesen Bedingungen würde ich gewisse grammatische, pragmatische und semantische Konventionen zählen. Die Konventionen wiederum basieren darauf,

7 Lacan, Jaques: Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion. In: ders.: Schriften I. Olten 1973 S. 64-67

29

dass sie im Sprachgebrauch immer wieder reproduziert werden. Indem also die Sprechergemeinde die bestehenden Konventionen einhält, beziehungsweise sich auf neue Konventionen einigt (Sprachwandel), reproduziert sie die Bedingung ihrer Produktion, namentlich die Konvention. Wie Althusser in seinem Aufsatz „Ideologie und ideologische Staatsapparate“ bemerkt, dienen öffentliche Institutionen des Staates, wie die Schule, die Kirche, die Armee und (ich: heute mehr denn je Kommunikationssysteme, wie das Fernsehen oder das Radio) dazu, gewisse Regeln einzuhalten. Althusser spricht davon, dass diese Institutionen zum einen Fähigkeiten/ Qualifikationen vermitteln, dies jedoch immer in Formen tun, die die „Unterwerfung unter die (jeweils) herrschende Ideologie oder die Beherrschung ihrer „Praxis“ sichern.“ (Althusser 1977: S.

112)

Im Falle der Sprache geht nun die Qualifikation ebenso Hand in Hand mit der Unterwerfung (deshalb die Rede von sprachlicher Gewalt). Indem ich mich den Konventionen beuge, qualifiziere ich mich für die „Produktion von Kommunikation“. „In der Unterwerfung unter die Sprache hat es (das Kind) sich damit auch schon als ein Subjekt der Sprache konstituiert.“

Sprache und Selbstwahrnehmung aus entwicklungspsychologischer Sicht:

Bis zum Auftreten der Sprache handelt es sich beim Menschen um ein nonverbales Erleben. Vor dem Spracherwerb existiert die Kern- und intersubjektive Bezogenheit, die als Formen interpersonalen Erlebens gelten. Mit ihrem Aufkommen, „greift sich die Sprache, ein Stück aus dem Konglomerat von Gefühl, Empfindung, Wahrnehmung und Denken, welches das globale nonvervale Erleben konstituiert, heraus … und entwickelt sich zu einer von dem ursprünglichen globalen Erleben isolierten Erfahrung.“ (Stern: S. 247-248) Ein Beispiel wäre etwa die Erfahrung eines Sonnenstrahls der auf den Boden fällt. Das Kind nimmt Intensität, Wärme, Form, Helligkeit, Annehmlichkeit und andere amodale Aspekte des Lichtflecks wahr. In der Sprache wird dieses Phänomen oft auf „Oh, das gelbe Sonnenlicht!“ reduziert, womit sich die Aufmerksamkeit auf den nicht unbedingt zentralen visuellen Aspekt einengt. Dadurch wird das amodale und globale Erfahren überlagert und unterdrückt. Andere Experimente zeigen auch, dass die Divergenz zwische Wortkenntnis und Weltkenntnis zu Beginn des Spracherwerbs eine entfremdende Wirkung der Sprache auf das Selbsterleben haben. (vgl. Stern: S. 247-250) Das Selbst wird durch die Sprache damit geteilt. Eine weitere Eigenart der Sprache ist jene, dass sie zur Kategorisierung und Generalisierung neigt. Das „Aufwachen“ etwa bezeichnet nicht ein spezifisches Ereignis, sondern eine normierte und generalisierte Form, die aus vielen Einzel-Aufwach-Erlebnissen zusammengesetzt wird. Speziell in Bezug auf Gefühlsregungen bleibt der sprachliche Ausdruck weit hinter dem interpersonalen

30

Erfahren zurück. Generell handelt es sich dabei um Begriffe, die erst relativ spät gerlernt werden und selbst dann taugen sie vor allem zur kategorialen Bestimmung (ich bin froh – ich bin nicht froh). Bezüglich einer graduellen Abstimmung der Intensität der Affekte bleibt die Sprache immer hinter dem interpersonalen Empfinden zurück. (vgl. Stern: S. 250-254) Für die Bildung einer tragfähigen Identität kann dies sehr problematisch sein, da wir unser Selbst- Bild immer entlang kategorisierter Rollen konstruieren müssen. „Das kleine Ich bin Ich“ von Mira Lobe versinnbildlicht diese Problematik meiner Meinung nach ausgezeichnet. Wenn verbaler und non-verbaler Ausdruck in großem Widerspruch zueinander stehen, spricht man von einer „Double-bind“-Botschaft, wobei die non-verbale in der Regel die „gemeinte“ Botschaft ist. (vgl. Stern: S. 255) Dies ist eine Möglichkeit wie konnotative Bedeutungen zustande kommen, die ja in der PC-Debatte sehr wichtig sind. Labov und Fanshel sehen in dieser „uneindeutigen“ Funktion der Sprache einen in der Kommunikation oft gewünschten Effekt. Nur so kann nachträglich etwas dementiert werden, und damit verhindert werden, zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Wahrnehmung/Denken außerhalb der Sprache möglich?

Sprache determiniert bis zu einem gewissen Grad auch unser Denken. Linguistischer Determinismus würde bedeuten, dass ein anderes Denken nicht möglich ist. Dies würde ich nicht bestätigen, da ein diachroner Wandel auch der Syntax möglich ist. (Diesen Wandel könnte man mit Althusser als „epistemologischen Einschnitt“ bezeichnen) Der Zwang/Druck/Gewalt geht zum einen vom sozialen Druck aus (Beispiel: Geschichte über die Privatsprache – Peter Bichsel), also von der Anerkennung als Teil der Gesellschaft; zum anderen liegt die Gewalt auch in der Sprache selbst. Es ist „schwierig“ (evt. In gewissen Bereichen sogar unmöglich – hier die Frage nach Denken außerhalb der Sprache) etwas zu denken, was sprachlich nicht möglich ist. Man muss sich auch die Frage stellen, wie so etwas getestet werden kann. (Solche Tests dürfen nicht sprachlich ablaufen.) Eine Grenze der Sprache wäre etwa die Unmöglichkeit der Parallelität. Sprache kann nicht wie Musik (Akkord) gleichzeitig verschieden sein. (Unser Sinnesapparat ist jedoch fähig gleichzeitig verschiedene Reize wahrzunehmen. Die Frage ist daher: kann auch der Gedanke mehrschichtig sein? Wenn er nur sprachlich ist dann eher nein.) Eine weitere Grenze (daraus hervorgehend) wäre etwa die der Gefangenheit in einer gewissen Syntax (S P O) Die moderne Kognitionswissenschaft lehrt uns zumindest, dass es nicht so etwas wie eine Ich- Zentrum gibt, das unabhängig vom restlichen Organsimus existiert. Es gibt keine ontologische

31

Substanz des Ichs. „Selbstbewusstsein ist kein Ding, sondern ein diskontinuierlicher Vorgang, …“ (Metzinger: S. 231) Was wir als Selbst„verkennen“ ist nur ein „phänomenles Selbst“ (Metzinger: S. 234) Dies wäre wiederum ein Aufdecken der Ideologie, der wir im Alltag ausgeliefert sind.

Das Phi-Phänomen:

Aufgrund unserer Erfahrung, erwarten wir gewisse Dinge. Wenn zwei Bilder sehr schnell hintereinander gezeigt werden auf denen ein Ding leicht disloziert auftritt, fassen wir dies als Bewegung auf (Stop Motion Technik). Interessanterweise vollführt das Gehirn auch anachronistische Ablaufverknüpfungen. Hat etwa das Ding zwei verschiedene Farben, erscheint es, als würde es mitten in der Bewegung die Farbe ändern. Dies entspricht jedoch nicht dem objektiven Ablauf. Wie könnte das Hirn wissen, dass das Ding grün wird, bevor es grün wird. Es weiß es nicht, sondern produziert sozusagen, bevor wir es wahrnehmen ein Bewegung und einen kontinuierlichen Farbwechsel. Daraus schließt Dennett, dass Farbe nicht mit Farbe repräsentiert werden muss (dann müsste es ja auch noch zahlreiche Zwischenbilder geben, die das Farbspektrum durchlaufen) und Zeit nicht mit Zeit. Daraus ergibt sich, dass zum einen unsere Erwartung mit unserer Erfahrung zusammenhängt. Gleichzeitig präkonfiguriert unsere Erwartung bis zu einem gewissen Grad auch unser Bewusstsein oder besser gesagt unsere Wahrnehmung. Zum anderen wird die Erwartung immer wieder bestätigt, und in die Reihe der Erfahrungen eingegliedert. Ein Beispiel wäre der Tormann, der ohne Antizipation nie einen Ball fangen könnte. Dass diese Fähigkeit nicht angeboren ist, sondern wiederum auf Erfahrung basiert, sieht man etwa im Turnunterricht in Kindergärten. Die Erwartung kann jedoch auch enttäuscht werden. Bestes Beispiel wäre etwa die Erkenntnis eines Landeshauptmanns aus Tirol, dass ein dunkelhäutiger Fußballer deutsch sprechen kann. Solche Überraschungen führen zu Erweiterungen oder Veränderungen unserer Konzepte von gewissen Begriffen und einer anderen Einschätzung unserer Lebenswelt. Ein weiteres Beispiel wäre die Lektüre fiktionaler Texte. Dabei machen sich zum einen verschiedene Personen unterschiedliche Bilder vom Beschriebenen und gleichzeitig wird viel hinzugedacht. (beim Ausdruck Wald, denkt der eine Wohl an einen Tannenwald, die andere an einen Mischwald und jemand drittes an einen Birkenhain außerdem befindet sich beim einen noch eine Wiese „im Bild“, bei einer anderen noch der Himmel, etc)

32

Wie die Sinnestäuschung im Phi-Besipiel jedoch gezeigt hat, wird nicht jede falsche Hypothese unseres Bewusstseins von der Realität falsifiziert. Hätte etwa David Alaba auf Englisch geantwortet „I´m fine“, würde Günther Platter weiterhin ein gewisses Konzept und damit eine gewisse Erwartung mit sich „herumtragen“. Auch bei fiktionalen Texten werden die individuellen Hypothesen erst „entzaubert“, sobald etwa über den Text diskutiert wird, oder eine Verfilmung gezeigt wird. Sogenannte Rollenbilder prägen unsere Wahrnehmung und unser Bild von der Wirklichkeit mehr als wir glauben und gewisse Stereotypen a lá Alaba sind hartnäckiger als oftmals gedacht. Nicht umsonst gibt es den Spruch „Ausnahmen bestätigen die Regel.“. Nur zu oft hört man daher das essenzialistische Argument, dass man den Sohn und die Tochter immer gleich erzogen und behandelt hätte und sie trotzdem dem typischen Rollenbild von Frau und Mann entsprächen. Die soziale Reproduktion von Rollenbildern, basiert jedoch auf hochgradig komplexen und unterschwelligen Vorgängen, weshalb sie oft übersehen und/oder geleugnet werden.

Bewusstsein, Ideologie und Wahrnehmung:

Gewisse Experimente, wie das Libet-Experiment, oder das Phi-Experiment (Dennett: S. 6-7), beweisen uns, dass wir die Welt anders wahrnehmen, als sie sich tatsächlich verhält. Trotzdem setzen wir in unserem alltäglichen Verhalten stets die eigene Handlungsfreiheit bzw. den freien Willen voraus. Wir verhalten uns auch so, als würden wir die Welt so wahrnehmen, wie sie sich tatsächlich verhält. Auch Freuds topisches Modell, dass die Einheit des Ichs auflöst und uns zeigt, wie weit wir vom Unbewussten gesteuert werden, kann so interpretiert werden. (Trotzdem halten wir uns in der Regel für bewusst handelnde Wesen.) Alle diese Einsichten eint also der Umstand, dass wir unser Verhalten kaum oder nur sehr langsam an sie anpassen. Meiner Meinung nach sollte uns dies in Bezug auf Rollen, Ideologie, usw. klarmachen, welch unheimliche Wirkmacht jene besitzen und wie stark sie unser Verhalten beeinflussen. Dies zeigt uns, dass Ideologie und Rollenbilder auch nach ihrem „Aufdecken“ ihre Macht kaum einbüßen. Dieses Andauern der ideologischen Gewalt, war und ist in meinen Augen mit ein Grund, warum der Realsozialismus nicht nur an der Realpolitik (eingebettet in eine kapitalistisch-globalisierte Welt, unfähige/korrupte PolitikerInnen), sondern auch an der „ideologischen Trägheit in den Köpfen der Menschen“ scheitert(e). Dies soll jedoch nicht lethargische und fatalistische Tendenzen bestärken, sondern auf den „harten Kampf“ mit der herrschenden Ideologie/der eigenen Sozialisation einschwören. PC kann also ein legitimer Anfang eines Prozesses, nicht aber sein Ende sein. PC muss sich also auch in der gesellschaftlichen Praxis widerspiegeln. Ideologie findet ja in der gesellschaftlichen

33

Praxis seine materielle Verwirklichung. Das Vermeiden von Begriffen wie „Rasse“ und „Neger“ kann der Beginn im Kampf gegen rassistisches Verhalten sein . Die „Töchter“ in der Bundeshymne können der Anfang einer feministischen Bewegung und in der Folge eines geschlechtergerechten/- neutralen Verhaltens sein. Usw. Althusser macht jedoch ausdrücklich darauf aufmerksam, dass es kein „außerhalb der Ideologie“ gibt, sondern nur einen Kampf der Ideologien. Gewisse ideologische Apparate (Schule) sind genau dadurch gekennzeichnet, dass sie sich als ideologiefrei ausgeben. „Es ist eine der Wirkungen der Ideologie, dass durch die Ideologie der ideologische Charakter der Ideologie geleugnet wird.“ 8

Conclusio:

Sowohl der marxistische , der phänomenologisch-wissenssoziologische, der ontogenetische als auch der neurologische Ansatz kommen zu dem Schluss, dass Sprache eine zentrale und gleichsam determinierende Funktion auf unser Bewusstsein, Verhalten und Verhältnis zur Welt ausübt. Zentral bleibt die gegenseitige Bedingtheit von Sprache, Individuum und Gesellschaft. In die nur allzu oft ausschließlich emotional geführte Debatte um PC sollten diese Erkenntnisse unbedingt miteinbezogen werden.

Bibliographie:

Althusser, Louis: Für Marx. Berlin. 2011

Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate. VSA. Hamburg 1977

Berger, Peter; Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Fischer. Frankfurt. 1. Auflage: 1966; 16. Auflage 1999

Bruckschwaiger, Jan: Althusser, Lacan und die Ideologie. Das gelebte Verhältnis zur Welt. Löcker. Wien 2014

Butler, Judith: Hass spricht. Zur Politik des Performativen. dt. Übersetzung von Kathrina Menke und Markus Krist. Frankfurt. Suhrkamp 2006 (Originaltitel: Excitable speech. A politics of the Performative, New York. Routledge 1997)

8 Althusser, Louis: Gesammelte Schriften Band 5. Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband. Hamburg

2010

34

Dennett, D. C.: Why and How Does Consciousness Seem the Way it Seems? (2015) In T. Metzinger & J. M. Windt (Eds). Open MIND: 10(T). Frankfurt am Main: MIND Group. Doi:

10.15502/9783958570245

Metzinger, Thomas: „Vom Selbst zum Selbstmodell“. In: Konrad P. Liessmann (Hg.): Ich. Der Einzelne in seinen Netzen. (Philosophicum Lech). Zsolnay. Wien 2014

Stern, Daniel: Die Lebenserfahrung des Säuglings. Übers. Wolfgang Krege. 9. erw. Auflage. Klett- Cotta. Stuttgart 2007

35

Anhang:

© 2009 Cornelsen Verlag, Berlin. Alle Rechte vorbehalten.

Peter Bichsel:

Ein Tisch ist ein Tisch

(1997)

Ich will von einem alten Mann erzählen, von einem Mann, der kein Wort mehr sagt, ein müdes Gesicht hat, zu müd zum Lächeln und zu müd, um böse zu

sein. [

Tisch, ein Teppich, ein Bett und ein Schrank. Auf einem kleinen Tisch steht ein Wecker, daneben liegen alte Zeitungen und das Fotoalbum, an der Wand hängen ein Spiegel und ein Bild. Der alte Mann machte morgens einen Spaziergang und nachmittags einen Spaziergang, sprach ein paar Worte mit seinem Nachbarn, und abends saß er an seinem Tisch. Das änderte sich nie, auch sonntags war das so. Und wenn der Mann am Tisch saß, hörte er den Wecker ticken, immer den Wecker ticken. Dann gab es einmal einen besonderen Tag, einen Tag mit Sonne, nicht zu heiß, nicht zu kalt, mit Vogel- gezwitscher, mit freundlichen Leuten, mit Kindern, die spielten und das besondere war, dass das alles dem

Mann plötzlich gefiel. Er lächelte. Jetzt wird sich alles ändern“, dachte er. Er öffnete den obersten Hemdknopf, nahm den Hut in die Hand, beschleunigte seinen Gang, wippte sogar beim Gehen in den Knien und freute sich. Er kam in seine Straße, nickte den Kindern zu, ging vor sein Haus, stieg die Treppe hoch, nahm die Schlüssel aus der Tasche und schloss sein Zimmer auf. Aber im Zimmer war alles gleich, ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett. Und wie er sichhinsetzte, hörte er wieder das Ticken, und alle Freude war vorbei, denn nichts hatte sich geändert. Und den Mann überkam eine große Wut. Er sah im Spiegel sein Gesicht rot anlaufen, sah, wie er die Augen zukniff; dann ver- krampfte er seine Hände zu Fäusten, hob sie und schlug mit ihnen auf die Tischplatte, erst nur einen Schlag, dann noch einen, und dann begann er auf den Tisch zu trommeln und schrie dazu immer wieder: „Es

muss sich etwas ändern.“ [

Tisch“, sagte der Mann, „dieselben Stühle, das Bett, das Bild. Und dem Tisch sage ich Tisch, dem Bild sage ich Bild, das Bett heißt Bett, und den Stuhl nennt man Stuhl. Warum denn eigentlich?“ Die Franzosen sagen dem Bett „li“, dem Tisch „tabl“, nennen das

]

In seinem Zimmer sind zwei Stühle, ein

]

„Immer derselbe

Bild „tablo“ und den Stuhl „schäs“, und sie verstehen sich. Und die Chinesen verstehen sich auch. „Warum heißt das Bett nicht Bild“, dachte der Mann und lächelte, dann lachte er, lachte, bis die Nachbarn an die Wand klopften und „Ruhe“ riefen. „Jetzt ändert es sich“, rief er, und er sagte von nun an dem Bett „Bild“. Ich bin müde, ich will ins Bild“, sagte er, und morgens blieb er oft lange im Bild liegen und überlegte, wie er nun dem Stuhl sagen wolle, und er nannte den Stuhl „Wecker“. Hie und da träumte er schon in der neuen Sprache, und dann übersetzte er die Lieder aus seiner Schulzeit in seine Sprache, und er sang sie leise vor sich hin. Er stand also auf, zog sich an, setzte sich auf den Wecker und stützte die Arme auf den Tisch. Aber der Tisch hieß jetzt nicht mehr Tisch, er hieß jetzt Teppich. Am Morgen verließ also der Mann das Bild, zog sich an, setzte sich an den Teppich auf den Wecker und überlegte, wem er wie sagen könnte. Dem Bett sagte er Bild. Dem Tisch sagte er Teppich. Dem Stuhl sagte er Wecker. Der Zeitung sagte er Bett. Dem Spiegel sagte er Stuhl. Dem Wecker sagte er Fotoalbum. Dem Schrank sagte er Zeitung. Dem Teppich sagte er Schrank. Dem Bild sagte er Tisch. Und dem Fotoalbum sagte er Spiegel. Also: Am Morgen blieb der alte Mann lange im Bild liegen, um neun läutete das Fotoalbum, der Mann stand auf und stellte sich auf den Schrank, damit er nicht an die Füße fror, dann nahm er seine Kleider aus der Zeitung, zog sich an, schaute in den Stuhl an der Wand, setzte sich dann auf den Wecker an den Teppich und blätterte den Spiegel durch, bis er den Tisch seiner Mutter fand. Der Mann fand das lustig, und er übte den ganzen Tag und prägte sich die neuen Wörter ein. Jetzt wurde alles umbenannt: Er war jetzt kein Mann mehr, sondern ein Fuß, und der Fuß war ein Morgen und der Morgen ein Mann. Jetzt könnt ihr die Geschichte selbst weiterschreiben. Und dann könnt ihr, so wie es der Mann machte, auch die andern Wörter austauschen:

läuten heißt stellen, frieren heißt schauen, liegen heißt läuten, stehen heißt frieren, stellen heißt blättern.

37

So dass es dann heißt: Am Mann blieb der alte Fuß lange im Bild läuten, um neun stellte das Fotoalbum, der Fuß fror auf und blätterte sich aus dem Schrank, damit er nicht an die Morgen schaute. Der alte Mann kaufte sich blaue Schulhefte und schrieb sie mit den neuen Wörtern voll, und er hatte viel zu tun damit, und man sah ihn nur noch selten auf der Straße. Dann lernte er für alle Dinge die neuen Bezeichnungen und vergaß dabei mehr und mehr die richtigen. Er hatte jetzt eine neue Sprache, die ihm ganz allein gehörte. Aber bald fiel ihm auch das Übersetzen schwer, er hatte seine alte Sprache fast vergessen, und er musste die richtigen Wörter in seinen blauen Heften suchen. Und es machte ihm Angst, mit den Leuten zu sprechen. Er musste lange nachdenken, wie die Leute zu den Dingen sagen. Seinem Bild sagen die Leute Bett. Seinem Teppich sagen die Leute Tisch. Seinem Wecker sagen die Leute Stuhl. Seinem Bett sagen die Leute Zeitung. Seinem Stuhl sagen die Leute Spiegel. Seinem Fotoalbum sagen die Leute Wecker. Seiner Zeitung sagen die Leute Schrank. Seinem Schrank sagen die Leute Teppich. Seinem Spiegel sagen die Leute Fotoalbum. Seinem Tisch sagen die Leute Bild. Und es kam so weit, dass der Mann lachen musste, wenn er die Leute reden hörte. Er musste lachen, wenn er hörte, wie jemand sagte: „Gehen Sie morgen auch zum Fußballspiel?“ Oder wenn jemand sagte: „Jetzt regnet es schon zwei Monate lang.“ Oder wenn jemand sagte:

Ich habe einen Onkel in Amerika.“ Er musste lachen, weil er all das nicht verstand. Aber eine lustige Geschichte ist das nicht. Sie hat traurig angefangen und hört traurig auf. Der alte Mann im grauen Mantel konnte die Leute nicht mehr verstehen, das war nicht so schlimm. Viel schlimmer war, sie konnten ihn nicht mehr verstehen. Und deshalb sagte er nichts mehr. Er schwieg, sprach nur noch mit sich selbst, grüßte nicht einmal mehr.

(Aus: Peter Bichsel: Kindergeschichten. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1997,