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Augustinus

Sermones selecti

Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum (CSEL)

Herausgegeben von der Arbeitsgruppe CSEL an der Universität Salzburg

Band 101

Ecclesiasticorum Latinorum (CSEL) Herausgegeben von der Arbeitsgruppe CSEL an der Universität Salzburg Band 101

Augustinus

Sermones selecti

Ediert von Clemens Weidmann

Augustinus Sermones selecti Ediert von Clemens Weidmann
Augustinus Sermones selecti Ediert von Clemens Weidmann

International Advisory Board:

François Dolbeau, Roger Green, Rainer Jakobi, Robert Kaster, Ernst A. Schmidt, Danuta Shanzer, Kurt Smolak, Michael Winterbottom

Zur Erstellung der Edition wurde das Programm CLASSICAL TEXT EDITOR verwendet.

ISBN 978-3-11-033399-2 e-ISBN (PDF) 978-3-11-033664-1 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-038277-8 ISSN 1816-3882

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© 2015 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Druck und Bindung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen ♾ Gedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germany

www.degruyter.com

Inhaltsverzeichnis

Allgemeine Einleitung | 1 Zur Echtheitskritik | 1 Echtheitskriterien | 4 Vollständigkeit | 6 Methodik | 7 Handschriften | 9 Zur vorliegenden Edition | 13

Sermo 2A | 15 Edition | 23

Sermo 59A | 29 Edition | 39

Sermo 61B | 45 Edition | 53

Vorbemerkung zu den Sermones 204B–204D | 59

Sermo 204B | 61 Edition | 67

Sermo 204C | 75 Edition | 82

Sermo 204D | 89 Edition | 95

Sermo 225 auct. | 101 Edition | 111

Sermo 272C | 119 Edition | 128

Sermo 295 auct. | 135 Edition | 142

Sermo 298A | 151 Edition | 159

VI |

Inhaltsverzeichnis

Sermo 319B | 163 Edition | 176

Sermo 363A | 187 Edition | 199

Sermo 363B | 203 Edition | 212

Literaturverzeichnis | 217

Abkürzungsverzeichnis | 224 Abkürzungen im textkritischen Apparat | 224 Sonstige Abkürzungen und Zeichen | 225 Zeitschriften, Reihen etc. | 225

Index | 226 Bibelstellen | 226 Autoren | 228

Allgemeine Einleitung

Im vorliegenden Band werden dreizehn Predigten kritisch ediert, die in der hier präsentierten Form als authentische Predigten des Augustinus von Hippo (354–430) bisher unbekannt waren: Eine Predigt wurde erst vor kurzem entdeckt und wird hier zum ersten Mal ediert (Sermo 59A, ein Fragment einer Predigt zur Oratio dominica). Zwei Predigten des Augustinus, eine zum Ostersonntag, die andere zum Fest von Petrus und Paulus, werden durch Berücksichtigung bisher nicht beachteter Text- zeugen in einer längeren Fassung ediert (Sermo 225 auctus und Sermo 295 auctus). Die zehn übrigen Predigten sind aus dem reichen Schatz anonymer oder pseudepi- graphischer Predigten gehoben. Es handelt sich dabei um eine Predigt auf Abraham (Sermo 2A), eine Erklärung von Mt. 7,7–11 (Sermo 61B), drei Predigten zur Epiphanie (Sermones 204B, 204C und 204D), eine Predigt auf Pfingsten (Sermo 272C), eine weitere auf Petrus und Paulus (Sermo 298A), eine auf Stephanus (Sermo 319B) sowie zwei Predigten zur Inkarnation Christi (Sermones 363A und 363B). Alle Texte kön- nen nach einer sorgfältigen Prüfung gemäß den unten vorgestellten Kriterien als echt gelten.

Zur Echtheitskritik

In mittelalterlichen Handschriften sind zahlreiche authentische und pseudepigra- phische Texte unter dem Namen Augustins überliefert. Vieles davon übernahm Amerbach in seine 1494/1495 erschienene Edition, 1 die für viele Predigten zugleich die Editio princeps ist. Daher enthält sie zahlreiche Predigten, die heute als unecht gelten, zum Beispiel die Sermones ad fratres in eremo. Eine erste kritische Sichtung des Materials erfolgte durch Vlimmerius (1564) und die Theologi Lovanienses (1575/ 1576), die für die Echtheitskritik erstmals den Indiculus, das von Possidius seiner Augustinusbiographie angeschlossene Werkverzeichnis, heranzogen. 2 Ein vorläufi- ger Abschluss der Echtheitsdiskussion war mit der Maurineredition (1683) erreicht:

Was die Benediktiner von St-Maur als echt akzeptierten, gilt abgesehen von weni- gen Ausnahmen auch heute als echt; was sie in die Appendix stellten, gilt auch heute als unecht. Viele der danach entdeckten und gedruckten Predigten wurden meist kritiklos als echt akzeptiert. 3 Den Höhepunkt dieser oft naiven Autoritätsgläu-

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1 Einen Überblick über die großen Editionsunternehmen der Werke des Augustinus bietet PETIT- MENGIN, Éditions princeps.

2 LAMBOT, Jean Vlimmerius.

3 Einen knappen Überblick über die Neufunde nach den Maurinern gibt DROBNER, Augustinus von

Hippo. Überlieferung und Bestand 2000, 3–22; DROBNER, Augustinus von Hippo. Überlieferung und Bestand 2010, 21–23.

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Allgemeine Einleitung

bigkeit bilden die Mitte des 19. Jh. erschienenen Editionen von Caillau und Mai, die 160 bzw. 201 Predigten als echt ansahen und edierten; von diesen werden heute nur noch 7 bzw. 27 als echt anerkannt. 4 Eine kritische Sichtung des seit den Maurinern edierten Textmaterials nahm im Jahre 1930 Morin in seiner magistralen Edition „Sancti Augustini sermones post Maurinos reperti“ vor. 5 Sein Urteil ist bis heute unangefochten. Nach Morin wagten es nur wenige (vor allem Lambot und Dolbeau), Predigten, die unter dem Namen Augustins überliefert sind, als authentisch anzuer- kennen. Die Gründe, warum Predigten von der modernen Forschung Augustinus abge- sprochen werden, sind vielfältig:

Bei einigen ist es paradoxerweise ihre stilistische Ähnlichkeit mit sicher authen- tischen Predigten, die Forscher dazu veranlasste, sie dem Bischof von Hippo abzu- sprechen. Oft wurde ein unbekannter Schüler oder Nachahmer des Augustinus ins Spiel gebracht, dem man die Predigt zuschrieb. Doch sind dieser Annahme berech- tigte Zweifel entgegenzubringen, weil selbst Personen aus seiner nächsten Umge- bung sich stilistisch deutlich von Augustinus unterscheiden. Dies gilt zum Beispiel für Eraclius, den Augustinus – nicht zuletzt wohl auch wegen dessen rhetorischer Fähigkeiten – zu seinem Nachfolger bestimmte. Die zwei unter seinem Namen erhal- tenen Predigten sind zwar in ihrem theologischen Gedankengut und in manchen Formulierungen dem Meister verpflichtet, bleiben aber im sprachlichen Ausdruck weit hinter dessen Predigten zurück. 6 Wenn nun ein von Augustinus geförderter Prediger nicht an die rhetorischen Qualitäten seines Ziehvaters herankommt, muss man sich fragen, ob überhaupt jemand den Stil oder die Gedankenwelt Augustins in derart intensiver Weise verinnerlicht hat, dass er imstande gewesen wäre, eine täu- schend echte ‚Augustinus‘-Predigt zu verfassen. Die namentlich bekannten Auto- ren, deren Predigten unter dem Namen Augustins überliefert sind, wie z.B. Quod- vultdeus (431–439 Bischof von Karthago), 7 Eucherius von Lyon († um 450) 8 oder Caesarius von Arles († 542), 9 haben jeweils charakteristische Eigenheiten, durch die sich ihre Predigten von denen Augustins abheben. Das Fehlen solcher autorenspezi- fischer Charakteristika macht beispielsweise die bisher vorgenommene Zuweisung der von mir als Sermo 2A und 61B gezählten Augustinuspredigten an Caesarius äußerst unwahrscheinlich, weil sie eben nicht die für Caesarius typischen Anfangs- und Endformulierungen enthalten; vielmehr ist in ihrem Fall die Überlieferungs-

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4 Zahlen nach DROBNER, Augustinus von Hippo. Überlieferung und Bestand 2000, 7f.

5 Besonders wichtig ist der Abschnitt „Initia et censura sermonum qui post Maurinos editi sunt“

pp. 721–769, in dem gegebenenfalls die Gründe für die Unechtheit der einzelnen Sermones ange- führt werden.

6 VERBRAKEN, Les deux sermons.

7 MORIN, Pour une future édition; BRAUN, Quodvultdeus.

8 WEIDMANN, Zwei Weihnachtspredigten.

Allgemeine Einleitung

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gemeinschaft mit Predigten des Caesarius ein starkes Indiz für Augustins Autor- schaft, weil in den von Caesarius erstellten Sammlungen auch einige andere au- thentische Augustinuspredigten enthalten sind. Vor allem wörtliche Übereinstimmungen mit authentischen Predigten gaben Anlass, Predigten Augustinus abzusprechen. Da Augustinus seine Predigten impro- visierte, ist auszuschließen, dass sich in zwei Predigten längere wörtlich identische Abschnitte finden. Daher sind solche Passagen ein Indiz für Unechtheit. Quod- vultdeus, Eucherius, Caesarius und viele andere namentlich nicht bekannte Auto- ren erstellten aus augustinischen Textbausteinen neue Predigtkompilationen. Bei- spielsweise ist ein längerer Abschnitt, der von einem unbekannten Bearbeiter aus einer echten Pfingstpredigt Augustins (Sermo 271) in den Text von Sermo 272C über- tragen wurde, dafür verantwortlich, dass diese Predigt als Cento abqualifiziert wur- de – fälschlich, denn eine bessere Textfassung ist nicht von dieser Interpolation betroffen, und die übrigen wörtlichen Entsprechungen zu Augustinuspredigten be- schränken sich auf Sequenzen von höchstens fünf Wörtern, ein Phänomen, das eher auf die Identität ihrer Verfasser als auf die Bearbeitung durch einen mechanisch kompilierenden Autor hinweist. Auch Sermo 319B wurde wegen angeblicher wörtli- cher Verwendung von Exzerpten aus echten Predigten für unecht gehalten; die fraglichen Stellen sind aber so kurz, dass sie als Spontanparallelen angesehen wer- den können. Bei manchen Predigten war es ein Motiv, das die Zuschreibung an Augustinus als nicht ratsam erscheinen ließ. Beispielsweise wurden die drei Epiphaniepredigten (Sermo 204B–204D) vor allem wegen der ungewöhnlichen Chronologie, derzufolge der Stern von Bethlehem bereits zwei Jahre vor Christi Geburt den Magiern erschie- nen sei, für unecht erklärt. Da aber die drei Predigten, die dieses Motiv kennen, eine Reihe unterschiedlicher Indizien für die Echtheit aufweisen, ist davon auszugehen, dass sie alle echt sind und das ungewöhnliche Motiv dem Bischof von Hippo zuzu- schreiben ist. Dasselbe gilt für die zwei Predigten auf die Inkarnation Christi (Ser- mones 363A und 363B), die entgegen der eindeutigen handschriftlichen Überliefe- rung nur wegen ihres angeblich unwürdigen Inhalts dem Bischof von Hippo abge- sprochen wurden, ohne dass beachtet worden wäre, wie oft Augustinus in zweifel- los authentischen Texten darauf hinweist, dass Gott durch die jungfräuliche Geburt ebensowenig befleckt wird wie ein Sonnenstrahl, der auf Schmutz trifft.

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Allgemeine Einleitung

Echtheitskriterien

Für den positiven Nachweis der Echtheit stehen fünf Kriterien zur Verfügung: 10 (1) Sprache und Stil, (2) der Wortlaut und die Verwendung von Bibelzitaten, (3) das theologische Gedankengut und der Argumentationsgang, (4) das historische Umfeld und (5) die handschriftliche Überlieferung. Stimmt der Befund in allen Kriterien oder zumindest einer repräsentativen Mehrheit überein, hat die Predigt als echt zu gelten. (1) Sprache und Stil Augustins zeichnen sich durch eine große Menge charakte- ristischer Eigenschaften aus. Neben rhetorischen Figuren wie Antithesen, Anreden an die Zuhörer, Ausrufen und Dialogen mit fiktiven Zweiflern, wodurch den Predig- ten eine gewisse Lebendigkeit verliehen wird, verraten vor allem scheinbar unauf- fällige und daher schwer zu imitierende Wendungen den Stil des Augustinus. Dazu gehören Satzeinleitungen, Einführungen von Bibelzitaten oder von Einwänden all- fälliger Gegner. Derartige Begriffe und Junkturen sind dann für Augustins Predigten charakteristisch, wenn sie ausschließlich oder in überwiegendem Maß bei ihm be- zeugt sind. (2) Augustinus verwendet einen vorhieronymianischen Bibeltext, für den er oft der einzige Gewährsmann ist. Daher wird im Folgenden besonderes Augenmerk auf den Wortlaut der Bibelzitate gelegt. Stimmt er mit dem Usus des Augustinus über- ein, ist dies ein starkes Argument für die augustinische Herkunft der Predigt. Zu berücksichtigen freilich ist die große Variation Augustins in der Zitierung der Heili- gen Schrift. (3) Augustinus ist für unzählige theologische Deutungen der einzige oder zu- mindest der erste Gewährsmann. Daher werden in allen Predigten das theologische Gedankengut und der Argumentationsgang mit jenem des Corpus der sicher echten Predigten verglichen. Im Idealfall findet sich ein gleicher Gedankengang in einer Predigt zu einem völlig anderen Thema in anderem Wortlaut. Auf diese Weise kann gewährleistet werden, dass die Übereinstimmung zweier Gedanken nicht von einer Imitation einer Augustinuspredigt, sondern von der Identität ihres Verfassers her- rührt. Besonders wichtig sind in diesem Zusammenhang augustinische Schlüssel- motive, d.h. Erklärungen, die sich nur bei Augustinus finden. Dazu gehören unter anderem folgende Motive: der Hinweis darauf, dass Abraham nach der Verhinde- rung der Opferung Isaaks nicht ohne Opfer zurückkehrt (Sermo 2A,5), die Bezeich- nung der Heiligen Schrift als Schuldschein/chirographum (Sermo 59A,1), die Deu-

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LAMBOT, Critique interne, 145–147; zum Problem der Echtheitskritik s. auch DOLBEAU, Vingt-six

sermons, 469f.: „Annexe. Prédication augustinienne et critique d’authenticité“; DE CONINCK et al., Saint Augustin peut-il être l’auteur. – Mutatis mutandis sind die Kriterien für die Identifizierung authentischer Augustinuspredigten mit jenen, die Almut Mutzenbecher für die Zuweisung von Predigten an Maximus von Turin aufgestellt hat, kompatibel; MUTZENBECHER, Bestimmung.

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Allgemeine Einleitung

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tung von Fisch, Ei und Brot als Glaube, Hoffnung und Liebe (Sermo 61B,4), die Deu- tung von Hirten und Magiern in den Epiphaniepredigten als zwei Wände, die im Eckstein Christus zusammenkommen (Sermo 204B,5; 204C,1; 204D,1), der Vergleich des göttlichen und menschlichen Wortes (Sermo 225 auct.,3), die Deutung von Pfingsten mit dem Satz unitas omnibus linguis loquitur (Sermo 272C,3), der Vergleich der durch Saulus verfolgten Kirche mit einem Menschen, dem jemand im Gedränge auf die Zehen tritt (Sermo 295 auct.,6), die Deutung von Paulus als Saum (fimbria) am Gewand Christi (Sermo 298A,3), die Mitwirkung von Saulus bei der Steinigung des Stephanus (Sermo 319B,4), die Deutung der Inkarnation Christi mit den Worten suscipiendo poenam, non culpam (Sermo 363A,4) sowie das Beispiel von Sonnen- strahl und Kloake, mit dem der von Häretikern erhobene Einwand, Gott werde bei der Geburt durch eine Frau beschmutzt, entkräftet wird (Sermo 363A,1; 363B,3). (4) Da die Predigten vorwiegend Festen des Kirchenjahres gewidmet sind, ent- halten sie kaum konkrete Anspielungen auf historische Ereignisse. Auch ihre hand- schriftlich bezeugten Titel sind so allgemein gehalten, dass eine zweifelsfreie Identi- fikation mit Titeln im Indiculus unmöglich ist. Wäre dem nicht so, wären sie wohl schon längst als echt erkannt worden. (5) Bei den meisten Predigten bietet die Überlieferung in bestimmten Hand- schriften einen wichtigen Anhaltspunkt für ihre Authentizität. Abgesehen von Ser- mo 363A ist keine der hier vorgestellten Predigten in einer der von Verbraken 11 be- schriebenen autorspezifischen Sammlungen enthalten; die meisten finden sich nur in Homiliarien, die aus Werken verschiedener Autoren zusammengestellt sind. Eini- ge dieser Homiliarien enthalten selten überlieferte authentische Predigten. Nimmt man an, dass die hier vorgestellten Predigten nicht von Augustinus stammen, müss- te es ein allfälliger Fälscher zustande gebracht haben, seine Texte an einer guten Adresse, d.h. in Überlieferungsgemeinschaft mit echten Augustinuspredigten, un- terzubringen. Das gilt neben den britischen Homiliarien von Rochester (= R) und Worcester (= Y), aus denen Mai und Wilmart zahlreiche bis dahin unbekannte si- cherlich echte Predigten ans Licht gebracht haben, in besonderem Ausmaß für zwei Sammlungen, die von Augustinuseditoren bisher in ungenügender Weise herange- zogen wurden: das Homiliar von Wien (= W) und die Sammlung des Pseudo- Fulgentius. Von den hier vorgestellten Predigten finden sich in R drei (Sermo 204C, Sermo 225 auct., Sermo 272C), in Y fünf (Sermo 225 auct., Sermo 272C, Sermo 298A, Sermo 319B, Sermo 363B), in W drei (Sermo 204D, Sermo 295 auct., Sermo 319B), in Pseudo-Fulgentius zwei (Sermo 272C, Sermo 319B). Neben vollständigen Textzeugen kann auch die indirekte Überlieferung ein, wenngleich für sich allein wenig beweis- kräftiges, Argument für die Echtheit einer Predigt geben. Zwar ist keine der hier vorgestellten Predigten in die großen Exzerptsammlungen des Prosper, Eugipp, Beda oder Florus aufgenommen, die mit ganz wenigen Ausnahmen ausschließlich

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Allgemeine Einleitung

echte Werke Augustins exzerpieren. Werden aber Predigten in Kompilationen, die ausschließlich aus authentischen Texten schöpfen, verwendet, lässt sich daraus ein Argument für die Authentizität ableiten. Das trifft zum Beispiel für Sermo 225 auct. und Sermo 363A zu, die beide für den späteren Cento Ps.-Aug. Sermo Mai 76 ver- wendet wurden; auch Sermo 319B liegt gemeinsam mit anderen authentischen Tex- ten einem pseudo-augustinischen Cento zugrunde. Ein instruktives Beispiel für das Zusammenwirken der verschiedenen Kriterien findet sich in Sermo 2A. Die gesamte Predigt ist reich an sprachlichen Übereinstim- mungen mit authentischen Texten Augustins, in denen Abraham erwähnt ist. Wür- de man – wie dies der erste Editor getan hat – annehmen, dass hier ein Nachahmer Augustins am Werk war, müsste dieser über bemerkenswerte Hilfsmittel verfügt haben, um Similien, die in großer Zahl teilweise in entlegenen Werken enthalten sind, zusammenzutragen und auf diese Weise eine Predigt zu schaffen, deren Bibel- text und Gedankenführung den Stil Augustins verraten.

Vollständigkeit

Während sich bei den meisten Predigten, die in alten homogenen Predigtsammlun- gen überliefert sind, nicht die Frage der Vollständigkeit stellt, muss man den nur in Homiliarien enthaltenen Predigten prinzipiell den Verdacht entgegenbringen, dass sie von späteren Bearbeitern gekürzt oder zumindest adaptiert wurden. In der Geschichte der Augustinusforschung wurde durch unzählige Neufunde erkannt, dass von Predigten, die man für vollständig gehalten hatte, nur Kurzfas- sungen oder Bearbeitungen eines bis dahin unbekannten längeren Sermo vorliegen. Diese Unsicherheit besteht im Grunde für alle der hier vorgestellten Predigten, zu- mal sie meistens relativ kurz sind; ein exakter Nachweis, wo eventuell ein Bearbei- ter eingegriffen hat, ist jedoch kaum zu erbringen. In einigen Fällen bleiben daher Zweifel in Hinblick auf die Vollständigkeit der Texte bestehen. Anlässlich der Entdeckung der vollständigen Fassung von Sermo Dolbeau 23, die rund sechsmal so lang ist wie der bis dahin bekannte Text, hat Dolbeau auf das Problem aufmerksam gemacht, dass viele Predigten zum Temporale nur in einer Kurzfassung überliefert sein könnten. 12 Es ist aber fraglich, ob man dieses Faktum generalisieren darf. Denn Sermo Dolbeau 23 dürfte insofern eine singuläre Erschei- nung sein, als Augustinus in dieser gegen die Heiden gerichteten Epiphaniepredigt vor allem gegen deren Zweifel an der göttlichen Offenbarung argumentiert und dazu die Erzählung aus Mt. 2,1–12 gleichsam als illustrierenden Exkurs einstreut: Die Magier erkennen aufgrund einer Offenbarung (revelatio) die Bedeutung des Sterns,

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12

phanie, 48–50; DOLBEAU, Rezension zu DROBNER, Predigten zu Neujahr und Epiphanie, 353.

So die Ansicht von DOLBEAU, Vingt-six sermons, 581f.; DROBNER, Predigten zu Neujahr und Epi-

Allgemeine Einleitung

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folgen ihm nach Jerusalem, erfahren von den Schriftgelehrten den Ort von Christi Geburt und finden in Bethlehem, wieder mit Hilfe des Sterns, den Weg zur Krippe. Es ist aber höchst unwahrscheinlich, dass sich Augustinus in seinen Festpredigten vorwiegend einem anderen Thema gewidmet hat und der eigentliche Festinhalt einen so beschränkten Raum einnimmt. Bei Sermo Dolbeau 23 dürfte es sich also eher um einen isolierten Sonderfall als um übliche Praxis handeln, auch wenn, wie Dolbeau (brieflich) zu Recht bemerkt, im Indiculus (I.37 und 38) zwei weitere Epi- phaniepredigten genannt werden, die in gleicher Weise durch Kürzung ihren anti- paganen Charakter verloren haben könnten.

Methodik

Für die vorliegende Edition wurden unzählige unter dem Namen des Augustinus überlieferte sowie anonyme Predigten nach den oben genannten Echtheitskriterien überprüft. Die Suche ging von zwei Richtungen aus: Von Handschriften, in denen zumindest eine sonst nirgends überlieferte authentische Predigt enthalten ist, und von Editionen pseudo-augustinischer oder anonymer Predigten. Dadurch kamen auf der einen Seite Sammlungen wie die oben genannten Homiliarien von Roches- ter, Worcester oder Wien, auf der anderen Seite (freilich mit Überlappungen mit den Handschriften) Editionen pseudo-augustinischer Predigten wie die von Caillau oder Mai sowie jüngere Einzelpublikationen, wie zum Beispiel die von Sermo 2A und Sermo 61B, ins Blickfeld. Die Predigten wurden mithilfe elektronischer Hilfsmittel (LLT, Patrologia Latina Database) auf sprachliche und inhaltliche Similien im Corpus des Augustinus über- prüft. 13 Ließen sich in diesem Arbeitsschritt zahlreiche Übereinstimmungen mit Augustinus erkennen, wurde die Predigt einer detaillierten Untersuchung nach den oben genannten Kriterien unterzogen. Im Idealfall sollten für die Zuweisung einer Predigt an Augustinus alle genannten Kriterien in gleicher Weise zutreffen. Da dies aber nie der Fall ist, gibt eine qualifizierte Mehrheit den Ausschlag. Wenn mindes- tens vier Kriterien zusammentreffen und kein gewichtiger Ausschließungsgrund gegen die Echtheit vorliegt, wird eine Predigt als echt anerkannt. Für die Echtheits- kritik gibt es kein automatisiertes Verfahren: jeder Text muss einzeln beurteilt wer- den. Es darf auch nicht verschwiegen werden, dass jeder Entscheidung ein gewisses Maß an Subjektivität anhaftet, da ein unumstößlicher Echtheitsbeweis kaum mög- lich ist.

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Es ist hier darauf hinzuweisen, dass wegen des großen Umfangs des authentischen Œuvre des

Augustinus und wegen des Fehlens zahlreicher anonymer und pseudepigraphischer Texte in der Datenbank LLT die Ergebnisse zugunsten Augustins verzerrt sein können.

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Allgemeine Einleitung

Folgende dreizehn Texte werden als authentische Werke des Augustinus erwie-

sen:

Initium

miranda et amanda sunt, fratres, eloquia et beneficia dei

… laudemus ergo deum nostrum, fratres

quod nos hortatus est dominus noster in evangelio, fratres carissimi, facere debemus

sicut dies hodiernus anniversario reditu commemorat

domini et salvatoris nostri Iesu Christi adventus in carne

meminit sanctitas vestra, dilectissimi fratres, ante

paucos dies nos natalem domini celebrasse

quod lectum est de sancto evangelio, commendat

nobis divinae circa nos altitudinem gratiae

anniversaria sollemnitas agitur, qua die dominus nos-

ter Iesus Christus spiritum sanctum

istum diem nobis beatissimorum apostolorum Petri et

Pauli passio consecravit

audiamus, fratres carissimi, hunc piscatorem

hesterna die celebravimus natalem, quo rex marty- rum natus est mundo

sunt quidam qui dicunt fieri non posse, ut Christus de

Maria nasceretur

consulte et salubriter divina nobis eloquia recitantur,

ut animae nostrae pascantur

Thema

Abraham

Oratio domi-

nica

Mt. 7,7–11

Epiphanie

Epiphanie

Epiphanie

Ostersonn-

tag, Io. 1,1–3

Pfingsten

Peter und

Paul

Peter und

Paul

Stephanus

Inkarnation

Inkarnation

Neue

Bezeichnung

AU s 2A

AU s 59A

AU s 61B

AU s 204B

AU s 204C

AU s 204D

AU s 225 auct.

AU s 272C

AU s 295 auct.

AU s 298A

AU s 319B

AU s 363A

AU s 363B

Alte

Bezeichnung 14

CAE s Et 10

-----

neu gefunden

CAE s Vi

PS-AU s 131

PS-AU s 132

PS-AU s Mor

AU s 225

FU s 8

AU s 295

PS-AU s Mai 54

PS-AU s 215

PS-AU s Bar

PS-AU s Mai

117

 

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nutzt; GRYSON, Répertoire général.

Für die Zitierung patristischer Texte wird ab hier das Abkürzungssystem der Vetus Latina be-

Allgemeine Einleitung

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Die Zuschreibung der Predigten an Augustinus sowie die Beurteilung ihrer Voll- ständigkeit scheint nicht immer gleich sicher: Beispielsweise dürfte im Fall von Sermo 2A, Sermo 59A oder Sermo 298A eine Kürzung vorliegen, Sermo 204C und Sermo 298A könnten durch die Hand eines Bearbeiters gegangen sein, der eine zu- grunde liegende authentische Predigt für den jeweiligen liturgischen Anlass adap- tiert haben könnte. Viele der untersuchten Predigten haben sich nach eingehender Überprüfung der Kriterien als unecht herausgestellt und wurden daher nicht in die vorliegende Edition aufgenommen.

Als Beispiel dafür sei auf den Fall von Sermo 65 hingewiesen. Das Homiliar von Wien (W), das eine längere Fassung von Sermo 295 auf Petrus und Paulus enthält, überliefert auch zu Sermo 65 neben zahlreichen singulären Lesarten einen Zusatz von nicht ganz 100 Wörtern, der das Thema der Pre- digt ‚Tod des Leibes/Tod der Seele‘ weiter entwickelt. 15 Luc De Coninck versteht, ohne dafür Gründe anzugeben, den Abschnitt als moralisierende Intervention. 16 Tatsächlich kann es sich kaum um einen echten Augustinustext handeln, da sich hier keine für Augustinus typischen Wendungen finden. Auch stilistisch bleibt der Abschnitt hinter dem des Augustinus zurück (ab + Abl. comp., sprunghafte Gedankenführung …). Gegen die Echtheit dieses Zusatzes sprechen auch stemmatische Gründe. Denn Sermo 65 ist im Wesentlichen in zwei Traditionen überliefert: Zum einen in der in Vaticano, Bibl. apost. Pal. lat. 210 vorliegenden Sammlung De bono coniugali (= α) und zum ande- ren in einer seit dem Homiliar des Agimundus greifbaren homiletischen Tradition (= β). Nimmt man an, dass der Zusatz und viele andere Sonderlesarten in W authentisch sind, folgt daraus, dass α und β durch zahlreiche Bindefehler gegen W verbunden sein müssen. Tatsächlich aber gibt es in W zumindest eine Stelle, an der ein Bindefehler von β und W vorliegt: 17 Augustinus legt in AU s 65,3,65 (CCSL 41Aa, 377) einem Märtyrer folgende Worte, mit denen dieser sein Vertrauen auf Gott begrün- det, in den Mund: Quomodo non attendit carnem meam cui sic nota sunt vilia mea? An dieser Stelle liest bereits der Codex Palatinus (gegen De Conincks textkritischen Apparat) cara mea anstelle von carnem meam, was im Kontrast zu vilia mea zweifellos richtige Text ist, β und W hingegen vereinfa- chen zu carnem meam. Wenn dieser Fehler nicht spontan aufgetreten ist, folgt daraus, dass β und W durch zumindest diesen Bindefehler verbunden sind und somit W keinen unabhängigen Überliefe- rungswert beanspruchen kann. Fazit: In Sermo 65 enthält W einen mit β verwandten, aber stark überarbeiteten Text, der nicht als authentisch anerkannt werden kann.

Handschriften

Folgende Handschriften enthalten mehrere in diesem Band edierte Predigten:

Ag Vaticano, Bibl. apost. lat. 3835 und 3836, s. VIII in. (Agimundus): 18 Zwei Bände eines dreibändigen stadtrömischen Homiliars vom Beginn des 8. Jh.; der Winterteil ist verloren. Im ersten erhaltenen Band (= lat. 3835; Agimundus II) sind folgende

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15 Abgedruckt im textkritischen Apparat der Edition in CCSL 41Aa, 382.

16 CCSL 41Aa, 372.

17 DE CONINCK ordnet das Homiliar von Wien der Familie von De bono coniugali zu (CCSL 41Aa,

372).

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Allgemeine Einleitung

drei Predigten überliefert: AU s 272C = Agimundus II 60; AU s 295 = Agimundus II 116; AU s 298A = Agimundus II 92.

C

Châlons-en-Champagne, BM 73 (81), s. XI: Lektionar von Saint-Pierre-aux Monts. 19 Enthält ff. 4r–136v ein Sanktorale, davon ff. 5v–49v auf Stephanus mit AU s 319B. Im Temporale (ff. 136v–190r) findet sich die Epiphaniepredigt AU s 204C.

c

Collectorium sermonum Augustini des Robert de’ Bardi. 20 Es handelt sich um eine Sammlung von mehr als 600 Predigten, die alle dem Augustinus zugeschrieben werden. Die beiden ersten Teile sind erhalten in Vaticano, Bibl. apost. lat. 479, s. XV (= cv) und Paris, BNF lat. 2030, s. XV (= cp), die sich in ihrem Inhalt kaum voneinan- der unterscheiden. Beide enthalten die hier edierten Sermones AU s 204B; AU s 204C; AU s 272C; AU s 295; AU s 319B; AU s 363B. Quelle der Sammlung ist die Col- lectio Tripartita (t).

F

Saint-Mihiel, BM 20, s. X. 21 Bei dieser Handschrift handelt es sich um den einzigen erhaltenen Vertreter der Sammlung des so genannten Pseudo-Fulgentius; sie enthält AU s 272C und AU s 319B. Verloren sind eine Handschrift aus Lorsch, die in den Bibliothekskatalogen des 9. Jh. beschrieben wurde, 22 sowie jene Handschrift, die der Editio princeps der Sammlung, die 1633 von Raynault 23 gedruckt wurde, zugrunde liegt. Der Druck hat aber nur für AU s 272C Quellenwert, weil die Textfas- sung von AU s 319B weitgehend an die Augustinustradition angeglichen wurde. Die Qualität der Texte des Pseudo-Fulgentius ist nicht einheitlich: Während er in AU s 272C den bei weitem besten Text überliefert, weist der Text von AU s 319B zahlreiche Änderungen auf, etwa die Tilgung des Hinweises auf die der Predigt vorangegange- ne liturgische Lesung (AU s 319B,4,3). 24

Fi1

Firenze, Bibl. Laur. Plut. XIV,1, s. XII. Das Homiliar enthält AU s 204C; AU s 225; AU s 319B.

G

Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Weissenburg Ms. 12 (4096), s. X. 25 Der Codex Guelferbytanus wurde für AU s 225 auct., dessen Schluss an AU s 230 ange- hängt ist, und AU s 363A herangezogen.

I

Paris, BNF lat. 3798, s. XII. Der Codex enthält eine Sammlung von Augustinus- predigten, die nach dem Besitzer der Handschrift Collectio Colbertina genannt wird. Es handelt sich dabei nicht um eine alte afrikanische oder italienische, 26 sondern um eine erst im 12. Jh. wohl in Zisterzienserkreisen angefertigte Sammlung von

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19 PHILIPPART, Manuscrits, 92–97; ÉTAIX, Homéliaires patristiques, 18.

20 POZZI, Il vat. lat. 479; POZZI, La «tabula».

21 MORIN, Notes sur un manuscrit; GRÉGOIRE, Homéliaires 1980, 89–125.

22 HÄSE, Mittelalterliche Bücherverzeichnisse, 220–225 (87f.; 116; 145f.).

23 RAYNAULT, Leo Magnus, Fulgentius, 135–188.

24 In AU s 276 hingegen hat Pseudo-Fulgentius als einziger Textzeuge die Hinweise auf die Lesung

der Passio Vincentii bewahrt; s. DOLBEAU, Vingt-six sermons, 523.

25 BUTZMANN, Die Weissenburger Handschriften, 106–113; GRÉGOIRE, Homéliaires 1980, 393–422.

Allgemeine Einleitung

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(fast) ausschließlich authentischen Predigten des Augustinus. 27 Sie enthält AU s 204B und AU s 295. In der Fehlerentwicklung nimmt sie oft eine Mittelstellung zwi- schen den „italienischen“ Homiliarien des Agimundus (Ag), Jouffroy (J) und von Monte Cassino (M) auf der einen Seite, und den jüngeren Sammlungen Sancti ca- tholici patres (p), Collectio tripartita (t) und dem Collectorium (c) auf der anderen Seite ein.

J

Vaticano, Bibl. apost. lat. 3828, s. IX/X. 28 Die Handschrift wurde vermutlich Ende des 9./Anfang des 10. Jh. in Flavigny geschrieben. Sie enthält ein Homiliar, welches nach dem Besitzer der Handschrift, Kardinal Jean Jouffroy, benannt wird. Die Handschrift enthält AU s 204B, AU s 295 und AU s 319B.

M

Monte Cassino, Ms. 12, s. XI. 29 Das Homiliar ist eng mit Agimundus (Ag) ver- wandt und enthält AU s 204B, AU s 204C, AU s 272C und AU s 295. 30

Me

Melk, Stiftsbibl. 432 (218), s. XV. 31 Die Handschrift wurde wie Ol und Wi für AU s 204C und AU s 319B benutzt.

N

Napoli, Bibl. naz. Ms. VI. C. 18, s. XIV. Das Homiliar enthält wie Fi1 AU s 204C, AU s 225 und AU s 319B.

Ol

Olomouc, SVK Ms. M II 120 (252), s. XV 1 . Das Homiliar wurde für AU s 204C und AU s 319B benutzt.

p

Sancti catholici patres. Die Sammlung entstand vermutlich am Anfang des 12. Jh. in einer französischen Zisterzienserabtei. 32 Folgende Handschriften wurden ver- wendet:

p1

Troyes, BM 188, s. XII (Clairvaux), für AU s 272C und AU s 295 auct.

p2

Troyes, BM 219, s. XII (Clairvaux), für AU s 204B, AU s 204C und AU s 319B.

p3

Troyes, BM 567, s. XII (Troyes), für AU s 295 auct.

p4

Paris, BNF lat. 3819, s. XII, für AU s 204B, AU s 204C und AU s 319B.

p5

Vaticano, Bibl. apost. lat. 1277, s. XII (Bonnecombe?), für AU s 295 auct.

R

Vaticano, Bibl. apost. lat. 4951, s. XII (Rochester). 33 Aus dem Homiliar von Rochester edierte Mai zahlreiche bis dahin unbekannte authentische Augustinus- predigten; 34 hier wird es für die Edition von AU s 204C, AU s 225 auct. und AU s 272C benützt.

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27 So Gert Partoens in seinem noch unpublizierten Vortrag: „A Cistercian homiliary? A new look at

the Collectio Colbertina (Paris Bibl. Nat. lat. 3798)”.

28 GRÉGOIRE, L’homéliaire africain; GRÉGOIRE, Homéliaires 1980, 245–261.

29 INGUANEZ, Codicum Casinensium manuscriptorum catalogus, 17–22; LOWE, The Beneventan

Script, 59f.

30 Zur Verwandtschaft von Ag und M s. WILMART, Remarques, 236–241; GRÉGOIRE, Homéliaires

1980, 343–392.

31 Catalogus codicum … Monasterii Mellicensis, 300–315.

32 BOUHOT, L’homéliaire des Sancti catholici Patres. Reconstitution; BOUHOT, Tradition manuscrite;

BOUHOT, Sources et composition.

33 RICHARDS, Texts and Their Traditions, 110–120.

12

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Allgemeine Einleitung

t

Collectio tripartita. 35 Die aus drei Teilen bestehende Sammlung hängt wohl von der Sammlung Sancti catholici patres ab. 36 Folgende Handschriften wurden ver- wendet:

t1

Oxford, Bodl. Libr. Bodl. 204, s. XIV (Nordfrankreich), für AU s 204B, AU s 204C,

t2

AU s 295 auct., AU s 319B und AU s 363B. Firenze, Bibl. Laur. Plut. XX,14, s. XV, für AU s 363B.

t3

Vaticano, Bibl. apost. lat. 480, s. XV, für AU s 204B, AU s 204C, AU s 272C, AU s

t4

319B und AU s 363B. Vaticano, Bibl. apost. Urb. Lat. 77, s. XV, für AU s 295 auct.

V

Vaticano, Bibl. apost. lat. 4222, s. XI. 37 Dieses Homiliar enthält AU s 204C, AU s 225 und AU s 363A.

W

Wien, ÖNB lat. 1616, s. VIII/IX. 38 Das Homiliar von Wien wurde am Übergang vom 8. zum 9. Jh. vermutlich in Oberitalien geschrieben. Es enthält als einziger Textzeuge AU s 204D sowie die vollständige Fassung von AU s 295 auct. Für AU s 319B bietet es den besten Text.

Wi

Wien, ÖNB lat. 4930, s. XV. Dieses Homiliar wurde für AU s 204C und AU s 319B benutzt und ist eng mit Me und Ol verwandt.

Y

Das Homiliar von Worcester ist für die Überlieferung zahlreicher Augusti- nuspredigten wichtig. 39 Es besteht aus drei Teilen, die für die Edition folgender Pre- digten benutzt wurden:

Worcester, Cath. Libr. F. 92, s. XII, für AU s 319B und AU s 363B. Worcester, Cath. Libr. F. 93, s. XII, für AU s 225 auct. und AU s 272C. Worcester, Cath. Libr. F. 94, s. XII, für AU s 298A.

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35 WILMART, La collection Tripartite.

36 BOUHOT, L’homéliaire des Sancti catholici Patres. Sources et composition, 117–123. WILMART, La

collection Tripartite, 445, hatte sich für die Priorität der Collectio Tripartita ausgesprochen.

37 BARRÉ, Un homéliaire Bénéventain.

38 GRÉGOIRE, Homéliaires 1966, 132–141; GRÉGOIRE, Homéliaires 1980, 281–291.

39 THOMSON, A Descriptive Catalogue, 58–62; 62–65; 65–68. – Aus Y zog im Jahre 1930 André Wil-

mart die authentischen Sermones Wilmart 13 und 15–19; s. WILMART, Allocutions.

Allgemeine Einleitung

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Zur vorliegenden Edition

Jede der dreizehn Predigten wird mit Einleitung in kritischer Edition präsentiert. Der Schwerpunkt der Einleitungen liegt nicht auf einer umfassenden Kommentierung, sondern auf dem Nachweis der Echtheit und auf der Textgeschichte. Die Echtheits- frage wird anhand der fünf oben genannten Kriterien diskutiert. Besondere Beach- tung finden die sprachlichen und inhaltlichen Parallelen zum augustinischen Cor- pus. Die Hauptmasse an Parallelstellen wird in zwei Similienapparaten angeführt, die die Edition begleiten: einer knappen Zusammenstellung von Similien und Zita- ten bei anderen Autoren und einem umfangreichen Apparat augustinischer Simi- lien. Die explizite Zitierung der Similien steht im Dienste der Echtheitskritik und soll die Zuschreibung der Predigten an Augustinus leichter nachvollziehbar machen. Einzelne Wörter und unsignifikante Junkturen, die sich in überwiegendem Ausmaß bei Augustinus finden, aber nicht immer auf ihn beschränkt sein müssen, werden jeweils in der Einleitung – ohne Auflistung von Belegstellen – zusammengestellt. Außerdem enthält jedes Einleitungskapitel eine ausführliche Darstellung der Text- geschichte und der handschriftlichen Überlieferung, einschließlich eines Conspec- tus siglorum. Handschriften, die für mehrere Predigten herangezogen wurden, wur- den im Kapitel Handschriften (oben S. 9), vorgestellt.

An dieser Stelle möchte ich allen, die das Entstehen dieser Edition gefördert haben, meinen herzlichen Dank aussprechen. Ich danke in erster Linie der Leiterin des CSEL Dorothea Weber und meinen Kollegen Lukas Dorfbauer und Victoria Zimmerl- Panagl, die mit regem Interesse und konstruktiver Kritik das Editionsvorhaben von den ersten Forschungen bis zur Fertigstellung des Manuskripts begleitet haben. Zu Dank verpflichtet bin ich Hans Förster (Wien) für die kritische Diskussion der drei Epiphaniepredigten. Das Editionsprojekt hat wichtige Impulse und Fortschritte durch die Unterstützung und Mitwirkung auswärtiger Freunde und Fachkollegen erfahren. Besonders hervorzuheben ist der Beitrag von Brian Møller Jensen vom Ars Edendi Programm (Stockholm); für die Erlaubnis zur Erstedition von Sermo 59A gebührt ihm mein aufrichtiger Dank. Ebenso danke ich Gert Partoens (Leuven), der unabhängig von mir die längere Fassung von Sermo 295 entdeckt und sie gemein- sam mit mir ediert hat; ich weiß seine kritischen Bemerkungen und die abschlie- ßende Revision des Manuskripts zu schätzen. Weiters danke ich meinen belgischen Freunden und Kollegen Shari Boodts, Luc De Coninck und Anthony Dupont sowie François Dolbeau (Paris) für unermüdliche Unterstützung bei der Klärung einzelner Probleme. Nicht zuletzt möchte ich den beiden Gutachtern dieses Bandes für viele äußerst hilfreiche Anregungen und Korrekturen danken.

Wien/Salzburg, im Juni 2015

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Sermo 2A

Sermo 2A (CAE s Et 10)

Die Predigt auf Abraham und Isaak wurde von Morin in der Handschrift Épinal, BM 20 (3) entdeckt (= E), aus der er viele bis dahin unbekannte Predigten des Caesarius veröffentlichte. Da er in diesem Text keine Übereinstimmung mit Caesarius ent- decken konnte, verzichtete er auf eine Edition und begnügte sich mit folgender Beschreibung: „Pièce de provenance inconnue, qui figurait probablement dans le recueil césarien auquel est empruntée cette série; autrement, n’a rien qui permette de l’attribuer à Césaire.“ 40 Ediert wurde der Text erstmals von Étaix im Zuge seiner detaillierten Beschreibung der Handschrift. 41 Der nur in diesem Codex überlieferte Text ist nach Étaix etwas verdorben, gekürzt und steht unter dem Einfluss des Augustinus. In der Tat weist der erste Satz eine Lücke auf, und am Ende bricht der Gedankengang über Gottes Schwur an Abraham abrupt ab, sodass Zweifel an der Vollständigkeit des Texts berechtigt sind. Zum Autor machte Étaix keine Angaben. Er wies aber auf drei Parallelstellen aus dem augustinischen Corpus und den mit Augustinus übereinstimmenden Wortlaut von Rom. 4,2 hin und dachte daher an einen Nachahmer des Augustinus. In Wahrheit aber lassen sich so viele Parallelen aus dem gesamten Œuvre des Augustinus vorbringen, dass kein Zweifel an der Au- torschaft des Augustinus bestehen kann. Der unbekannte Nachahmer müsste Wen- dungen aus unterschiedlichen Texten Augustins (AU Fau 12; AU ci 16; AU conj; AU Ps 30; AU Ps 51; AU Ps 88; AU s 2; AU s 15A; AU s 19; AU s 168; AU s 180; AU s 263; AU s 299E; AU s 307) übernommen und frei verarbeitet haben, was wohl auszu- schließen ist. Als Verfasser kommt daher niemand anderer als Augustinus selbst in Betracht. Die Predigt ist wohl unter dem Eintrag De Abraham vel eius filio II im Indiculus (POS ind X 6 .12) erfasst. Eine dieser zwei Predigten wird zu Recht allgemein mit AU s 2, die andere wohl zu Unrecht mit dem nur in Exzerpten erhaltenen AU s 3 identifi- ziert, der jedoch ein anderes Thema (De Agar et Ismahel) hat. 42 Nicht in Frage kommt eine Identifikation mit De filio Abrahae ducto ad sacrificium (POS ind X 6 .11); unter diesem Titel waren bisher durch einen Brief von Papst Hadrian an Karl den Großen zwei Fragmente bekannt, vor kurzem aber wurden in Isidors Genesiskommentar (IS Gn) durch M. Gorman und M. Dulaey 43 sowie nach ihnen durch P.-M. Bogaert weite- re Exzerpte nachgewiesen; 44 sie gehören nicht zur vorliegenden Predigt. Da Beda, Isidor und Hadrian einige Predigten zitieren, die im Indiculus in der Umgebung von POS ind X 6 .12 aufgelistet werden, schließt Bogaert, dass ihnen eine Predigtsamm-

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40 MORIN, Studia Caesariana, 193.

41 ÉTAIX, Homéliaires patristiques, 370f.

42 BOGAERT, Le tractatus «De filio Abraham», 82.

43 GORMAN, Isidorus episcopus Hispalensis, 57f.

18

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Augustinus, Sermo 2A

lung mit der gleichen Anordnung wie im Indiculus zur Verfügung stand. Allerdings ist festzuhalten, dass sich bei keinem der genannten Autoren eine Spur der hier vorgestellten Predigt findet, von welcher uns – abgesehen vom Indiculus – keine indirekte Bezeugung vorliegt.

Inhalt

(1) Die Predigt beginnt mit einem Hinweis auf Gottes wunderbare Worte und Taten, die den Menschen zur rettenden Gottesliebe veranlassen sollen. Ein Beispiel für Gottes scheinbar widersprüchliches Wirken wird in der pia impietas gesehen, in der er Abraham befiehlt, seinen Sohn Isaak zu töten. Der Prediger malt Abrahams Ge- wissenskonflikt zwischen Tötung des Kindes und Ungehorsam gegenüber Gott aus. (2) Gott verfolgt mit seinem Befehl einen großen Plan (magnum mysterium), die han- delnden Personen verweisen typologisch auf Christi Tod am Kreuz. (3) Abraham glaubte unerschütterlich, dass Gott ihm den Befehl zur Tötung gegeben habe. (4) Isaak fragt den Vater, wo das Opfertier sei. Mit den als Trost an Isaak gerichteten Worten Deus sibi providebit quem adoramus (Gen. 22,8) wird Abraham unwissentlich zum Propheten. 45 Mit dem in letzter Sekunde ausgesprochenen Verbot, Isaak zu töten, wird der typologische Charakter des Geschehens beibehalten: Die wahre Auf- erstehung bleibt Christus vorbehalten. (5) Dennoch weist der Widder, der an Isaaks Stelle geopfert wird, auf Christi Opfer am Kreuz voraus. Isaak und der mit seinen Hörnern im Gestrüpp steckende Widder sind genauso wie Löwe, Lamm, Fels oder Eckstein ein Typus Christi. 46 (6) Die Ereignisse der Vergangenheit sind Prophezeiun- gen der Gegenwart: Die Bereitwilligkeit Isaaks, sich opfern zu lassen, verweist auf den Gehorsam Christi bis zum Tod. (7) Gott verheißt Abraham zahlreiche Nach- kommenschaft, darunter auch die anwesende Gottesdienstgemeinde. Gott schwört anders als die Menschen, weil sein Eid immer wahr ist und die Verheißung bekräf- tigt, während der Eid eines Menschen immer der Gefahr des Falsch-Schwörens aus- gesetzt ist.

Die Predigt wurde extemporiert. Das geht aus zwei Selbstkorrekturen (1,19: quis enim non dicit … quis non diceret; 2,2: Cuius imaginem habuit tunc pater? quis pater? Abraham) hervor. Wegen der Lücke am Beginn ist der Zusammenhang der einlei-

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45 Vgl. PS-AU s Mai 97,5 (NPB 1, 196f.): Sic Abraham cum consolatur filium suum, prophetiam cum

nescit incurrit. Interrogavit denique eum ovis illa quam ducebat: Ubi est ovis ad holocaustum? At ille

non dixit: Tu es, o fili; ne macularetur oblatio, si ad aram contristatus venisset, conpedivit unicum blandimentis donec gladium illo non sperante proferret. Ita dum solacium loquitur mysterium re- velavit, et dum immolandum filium sciret in corde, aliam victimam prophetavit in lingua, cumque semper lingua discat ex corde, erat in ore scientia quam mens intrinsecus non habebat; AM Abr 1,8,74 (CSEL 32/1, 550,12): et hic prophetat sermone, non scientia; QU car 6,6f. (CCSL 60, 371).

Einleitung

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tenden Worte mit dem eigentlichen Thema unklar. Es bleibt vor allem im Dunkeln, welcher Gedanke mit der Partikel nam (1,5) begründet wird. Wie diese dürfte auch der Begriff ista crudelitas (1,9) sein Verweisziel im verlorenen Text gehabt haben. Liturgische Lesungen werden nicht genannt. Der Bibeltext ist sicherlich afrika- nisch. 47 Auf den singulären Wortlaut quem adoramus (Gen. 22,8) anstelle von Vulg. victimam holocausti (LXX: πρόβατον εἰς ὁλοκάρπωσιν) hat bereits Étaix hingewie- sen. 48 Möglicherweise handelt es sich um eine paläographische Entstellung des geläufigen Vetus-Latina-Wortlauts ovem ad holocaustum. Gen. 22,14 ist wie in AU s 129,5, AU s 180,2 und AU s 307,2 im Präsens (iuro) zitiert, während sonst bei Augustinus das Perfekt (per me iuravi) vorherrscht. Die Predigt spiegelt exakt Augustins Haltung zur Figur Abrahams wider. Es fin- den sich alle wesentlichen augustinischen Motive über Abraham und Isaak: Abra- hams Glaubensgehorsam, 49 sein innerer Zwiespalt, 50 die Bewertung der Opferung Isaaks im Spannungsfeld zwischen Grausamkeit (crudelitas) und Gottesfurcht (pie- tas), Isaak als Typus Christi, 51 der wie nach ihm Christus selbst das Holz zur Opfer- stätte trägt. Die Ausführungen zum Schwur Gottes zeigen Augustins Einstellung zum Thema Eid, wie sie sich an zahlreichen anderen Stellen (AU s 180; AU s 307,4) wieder findet. 52 Auf sprachlicher Ebene zeigen sich zahlreiche Übereinstimmungen mit anderen Predigten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der zu Beginn von §5 geäußerte Gedan- ke, dass sich „der Widder zeigte, damit man nicht ohne Opfer weggeht“ (tamen ne sine sacrificio discederetur, aries apparuit cornibus haerens in vepribus) hat seine nächste Entsprechung in AU Ps 30 en 2,2,9,11 (CSEL 93/1A, 178), einem Text, den ein Nachahmer wohl kaum als Quelle für die Darstellung Abrahams herangezogen hät- te: ut tamen impleretur sacrificium, et sine sanguine non discederetur, inventus est aries haerens in vepre cornibus, ipse immolatus est, peractum est sacrificium. Zu den inhaltlichen Berührungen kommt noch eine große Menge unauffälliger sprachlicher Wendungen, die ausschließlich oder überwiegend bei Augustinus belegt sind, z.B.:

1,2: non amando; 1,7: quid est quod dixi; 1,12: crudelis … misericors; 1,21: quis non diceret; 2,5: sicut in evangelio legitur uvm.

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47 ÉTAIX, Homéliaires patristiques, 372 zu Rom. 4,2: habet gloriam, sed non ad deum (Vulg.: apud

deum); in der Spätantike findet sich dieser Wortlaut nur bei Augustinus.

48 ÉTAIX, Homéliaires patristiques, 372.

49 MAYER, Abraham, 17f.

50 Vgl. AU s 2,1; AU Ps 30 en 2,2,9.

51 JACOB – SCHRENK, Isaak, 919–921; DRECOLL, Isaac, 746.

20

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Augustinus, Sermo 2A

Überlieferung

Der Text findet sich im Homiliar von Épinal an 249. Stelle unter jenen Predigten, die keiner konkreten Zeit des Kirchenjahres zugeordnet sind. Im Abschnitt zuvor sind unter den nach Pfingsten zu lesenden Sonntagspredigten vier echte Sermones des Augustinus überliefert: AU s 107; AU s 85; AU s 348 und AU s 92 (Nr. 208. 210. 217. 218), 53 die, wie Étaix zeigt, aus der Sammlung De lapsu mundi stammen, in der sie an 23., 20., 4. bzw. 21. Stelle stehen. 54 Die Herkunft der Predigten aus dieser Samm- lung findet insofern eine Bestätigung, als der Textvergleich der Varianten von AU s 85 und 92 eine deutliche Verwandtschaft zwischen E und De lapsu mundi aufweist. 55 Dass nun auch Sermo 2A in einer heute verlorenen Vorstufe von De lapsu mundi enthalten war, ist wenig wahrscheinlich, weil in der Sammlung keine Spuren von Textausfall auszumachen sind.

Die Predigt könnte aus einem nicht erhaltenen Teil der nur lückenhaft auf uns gekommenen Samm- lung von Lyon stammen. 56 Als logischer Ort würde sich jener Quaternio anbieten, der das Ende von Sermo 2 (Nr. 16a; auf Abraham!) und den Anfang von Sermo 9 (Nr. 16b; De decem chordis) enthielt und durch dessen Verlust die zwei verbleibenden Predigtfragmente zu einem hybriden Sermo ver- einigt wurden. 57 Dieser Verdacht wird durch den Hinweis von Bogaert erhärtet: „il y avait presque certainement un sermon entre la fin du s. 2 et le début du s. 9 dans le cahier XVIIII déjà perdu au VIII e siècle.“ 58 Nach seiner Ansicht wurde der heute fehlende Quaternio XVIII entnommen, um eine darin enthaltene Predigt (das könnte also unser Sermo 2A sein) zu kopieren. 59 Noch verlockender wird die Hypothese durch einen Vergleich der Predigten aus der Sammlung von Lyon mit dem Indiculus: Bei Nr. 15 handelt es sich um den durch Lagenverlust verstümmelten Sermo 341, dessen vollständige Textfassung in Sermo Dolbeau 22 vorliegt und der sicherlich mit POS ind X 6 .13 (De tribus virgis Iacob et psalmo vicensimo primo non toto) zu identifizieren ist. Sermo 2 (Nr. 16a) ist, wie oben gesagt, auf X 6 .12 zu beziehen, Sermo 9 (Nr. 16b) auf X 6 .14: De decem chordis. Der zweite unter X 6 .12 erfasste Sermo könnte demnach mit dem ausgefallenen Sermo 2A zu identifizieren sein. Diese Hypothese ist wegen des übereinstimmenden Konglomerats von vier Predigten verführe- risch – und doch dürfte sie nicht zutreffen. Nach Bogaerts Berechnung entspricht der Textumfang eines Quaternio in der heute auf Lyon, BM 604, Lyon, BM 788 und Paris, BNF nouv. acq. lat. 1594 aufgeteilten Handschrift ca. 216–232 Zeilen in der gedruckten Fassung des CCSL. 60 Rechnet man das

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53 Bei dem letzten Text im Homiliar von Épinal (324v) handelt es sich nicht um AU s 343 (so ÉTAIX,

Homéliaires patristiques, 361), sondern um [CHRY] I,860 (Wilmart 9).

54 ÉTAIX, Homéliaires patristiques, 363; VERBRAKEN, Études critiques, 230f.; DE CONINCK, CCSL 41AB

(ad s. 85).

55 Ich danke Luc De Coninck (Brugge) für die freundliche Bereitstellung unpublizierten Materials

zu seiner Edition von Sermo 85 und 92.

56 Zur Sammlung von Lyon s. VERBRAKEN, Études critiques, 215f.; DE CONINCK, CCSL 41 Aa, XXXIIf.

57 Der durch mechanischen Blattverlust entstandene Sermo, der aus AU s 2,1–9 und AU s 9,3–21

zusammengesetzt ist, wurde in dieser Form auch in die Sammlung De lapsu mundi (Nr. 5) übertra- gen.

58 BOGAERT, Les sermons, 73.

59 BOGAERT, Les sermons, 74.

Einleitung

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im Codex fehlende Ende von Sermo 2 (19 Zeilen), den Sermo 2A, der schon in Lyon in einer am Ende verkürzten Form vorhanden gewesen sein könnte (ca. 100 Zeilen) und den Anfang von Sermo 9 (125 Zeilen) zusammen, kommt man auf 244 Zeilen, d.h. etwas mehr als die von Bogaert gezogenen Stichproben. Diese Abweichung mag noch akzeptabel erscheinen, aber – und das wurde noch nie konstatiert – Sermo 2 ist in der heute vorliegenden Form sicherlich nicht vollständig. Denn der Schluss der Predigt fällt exakt mit einem Exzerpt Bedas zusammen, 61 und es ist höchst unwahr- scheinlich, dass der lange, in Form einer Digression argumentierende, in keiner Weise appellieren- de Schlusssatz, der die Frage der Rechtfertigung durch gute Werke diskutiert, das originale Ende einer Augustinuspredigt bilden kann. 62 Vielmehr dürfte die heute als vollständig geltende Textfas- sung von Sermo 2 aus dem fragmentarischen Teil der Sammlung von Lyon und dem sich mit dessen Ende überlappenden Exzerpt bei Beda zusammengesetzt sein. Die ältesten Zeugen für diesen Text sind Handschriften der Sammlung Sancti catholici patres (Nr. 97). Den philologisch arbeitenden Zisterziensern, die für diese Sammlung verantwortlich waren, ist es zuzutrauen, dass sie die Über- einstimmung zwischen dem fragmentarischen Predigtschluss und dem Anfang des Bedaexzerpts erkannt und eine längere, aber noch keineswegs vollständige Fassung erstellt haben. Das Phäno- men als solches ist nicht ungewöhnlich, und gerade aus dem 12. Jahrhundert gibt es andere Beispie- le für die philologische Arbeit an Predigten. Vergleichbar sind etwa die Ergänzung des in Lyon 16b und davon abhängig in De lapsu mundi 5b am Anfang unvollständigen Sermo 9 aus einer anderen Tradition 63 sowie die Klitterung von Sermo 142 aus unterschiedlichen unvollständigen Traditions- strängen. 64 Fazit: Das in Lyon fehlende Ende von Sermo 2 umfasste ein Textvolumen im Umfang von ca. 100 Zeilen im Druck. Mit anderen Worten: Im Quaternio XVIII von Lyon befand sich wohl kaum eine andere Predigt. Über die Herkunft von Sermo 2A lassen sich also keine sicheren Angaben ma- chen.

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61 Nr. 20 bei FRANSEN, Description, 27. – Ich danke Gert Partoens (Leuven) für die Einsichtnahme in

seine Kollationen des Beda-Fragments.

62 AU s 2,9,246 (CCSL 41, 16): apostolus autem praedicans fidem gentibus, cum eos qui accedebant

ad dominum videret iustificatos ex fide, ut iam qui crediderant bene operarentur, non quia bene opera- ti sunt credere mererentur, exclamavit securus et ait quia potest iustificari homo ex fide sine operibus legis, ut illi magis non fuerint iusti, qui quod faciebant, timore faciebant, cum fides per dilectionem operetur in corde, etiam si foras non exit in opere.

63 LAMBOT, Le sermon IX, 132.

22 |

Augustinus, Sermo 2A

Conspectus siglorum

E

Épinal, BM 20 (3), s. XII, ff. 273r–273v

etx

Editio ÉTAIX, Homéliaires patristiques, 366sq.

§ 1

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23

De beato Abraham et Isaac

E 273r

1. Miranda et amanda sunt, fratres, eloquia et beneficia dei quae nobis ipse commendat, non ut eum amando aliquid ei praestemus, sed ne nos non amando ipsi pereamus 〈…〉 ut paralytico detur sanitas et in apostolo Paulo abundet infirmitas, illi detur sanitas ne eius curatio *desperetur et in apostolo abundet infirmitas ne ex- tollatur. Nam quis dignis explicet verbis quod patri Abrahae quodammodo pia 5 *iubeatur impietas et obtemperet iubenti deo ut dilectum immolet filium? Magna fides, magna oboedientia! Quid est quod dixi: ‘Pia iubetur impietas’? Impium est quod iubetur occidere filium, sed plus est impium non audire deum. Haec ergo est impia ista crudelitas ubi iubetur pietas neque crudelitas existimanda est dilectio. Deus enim Abrahae iam desperanti prolem de coniuge, quam fecerat infecundam 10 sterilitas et aetas, potentia misericordiae suae promiserat et quod promiserat dederat. Ergo quod misericors dederat crudelis auferret? Amabat filium pater de- sideratum, dilectum, in desperatione promissum et acceptum: Ipsum quem ita susceperat iubetur occidere. Putasne quales cogitationes versabantur in corde eius? Sed hoc beatus Abraham sibi sine dubio dixit: ‘Non potest malum esse filio meo 15

etx 370

1,3 paralytico…sanitas] cf. Mt. 9,2

4sq. infirmitas…extollatur] cf. 2 Cor. 12,7

1,6 obtemperet … deo] AU s 2,1,38 (CCSL 41, 10): qui quemadmodum crediderat suscepit filium, credidit postea iubenti deo; AU s 8,14,338 (CCSL 41, 91): hoc tantum scelus laudabiliter faciebat, quia deo iubenti oboediebat 6sq. magna … oboedientia] AU s 2,1,7 (CCSL 41, 9): magna fides, magna pietas; AU ci 14,15,20 (CCSL 48, 437): sicut enim Abrahae non inmerito magna oboedientia praedicatur 9 crudelitas 1 … pietas] AU s 8,14,339 (CCSL 41, 91): et quod esset in spontanea volun- tate crudelitas, sub dei praecepto facta est pietas; AU ci 1,21,10 (CCSL 47, 23): et Abraham non solum non est culpatus crudelitatis crimine, verum etiam laudatus est nomine pietatis 10 despe- ranti prolem] AU ci 15,3,1 (CCSL 48, 455): Sarra quippe sterilis erat et desperatione prolis saltem de ancilla sua concupiscens habere 10sq. fecerat … aetas] AU s 291,1 (PL 38, 1316,37): concepit steri- lis, concepit et anus: gemina infecunditas, sterilitas et aetas; AU ep 137,15 (CSEL 44, 117,16): gignit filium senex de coniuge, quam spe pariendi penitus destitutam sterilitas aetasque iam fecerat 13sq. quem … susceperat] AU s 2,1,38 (CCSL 41, 10): qui quemadmodum crediderat suscepit filium, credidit postea iubenti deo 15 non … esse] AU s 15A,6,204 (CCSL 41, 208): non potest malum esse quod bono placuit 15sq. non … dedit] AU s 2,1,7 (CCSL 41, 9): in ipsum unicum filium, cui nihil mali esse credidit pater, quidquid de illo iusserat qui creavit

1,10sq. fecerat…aetas] QU virt 5,7,21 (CCSL 60, 371)

78,5): quid tu ad haec, o Abraham? Quae et quales cogitationes moventur in corde tuo?

14 quales cogitationes] ORIG Gn 8,1 (GCS 29,

E etx

item de beato Abraham et Ysaach E

speret E

6 iubeatur etx; iubetur E

1,3 pereamus] lacunam statuit etx 12 pater sl. E

4 desperetur etx; de-

24

|

Augustinus, Sermo 2A

quod iussit ille qui dedit.’ Ipsa est enim fides quae credit accipere et non dubitat reddere quia potest iterum deus receptum restituere. Nam si Abraham ex operibus iustificatus est, ut ait apostolus, utique ex operibus tamquam propriis, habet gloriam, sed non ad deum. † Uti autem † ad dominum habeat gloriam. Quis enim non dicit

20

quando sonuit vox (siquidem deus ad illum per angelum loquebatur): ‘Immola mihi dilectum filium tuum!’ – quis non diceret in corde suo: ‘Et potest hoc iubere deus? Et deus credendus est qui dicit: “Occide filium tuum!”? Si occiderem quemlibet extra- neum, displiceret deo: occidam filium meum et *placebo deo?’ Ipsa fuit prima fides, ipsa fuit liquida fides, non solum credere deum et oboedire deo, sed intellegere quia

25

hoc iussit deus. 2. Qui enim hoc iubebat magnum mysterium parturiebat et in filio Abrahae filium suum prophetabat. Cuius imaginem habuit tunc pater? Quis pater? Abraham. Cuius imaginem habuit? Utique dei patris, de quo dicit apostolus: Proprio filio suo non pepercit. Quid certe evidentius, fratres carissimi, quam quod deus Christus, sicut

5

in evangelio legitur, crucem suam tulit, Isaac sibi ad victimam ligna portavit.

17 – 19 Rom. 4,2

2,3sq. Rom. 8,32

4sq. Christus … tulit] cf. Io. 19,17

5 Isaac … portavit] cf. Gen.

22,6

16 qui dedit] AU s 2,1,32 (CCSL 41, 10): cogitavit enim Abraham deum qui dedit ut ille de senibus

nasceretur qui non erat, posse etiam de morte reparare; AU Ps 36,1,1,35 (CCSL 38, 337): ubi iussus immolare unicum filium suum non dubitavit nec trepidavit ei offerre qui dederat 20 quando … vox] AU tr 1,4,7,18 (CCSL 50, 35); AU s 2,8,203 (CCSL 41, 15): deinde cum iam paene feriretur, sonat vox ut parcatur 20sq. immola … tuum] AU s 299E,5 (MiAg 1, 557,3): immola mihi unicum tuum, dilectum filium tuum 21sq. et 2 … dicit] AU Fau 22,72 (CSEL 25, 669,7): sed deus, inquit, verus et bonus nullo modo talia iussisse credendus est 22 occide … tuum] AU s 2,1,30 (CCSL 41, 9): postea dicentis: Occide mihi filium tuum 2,1 mysterium parturiebat] AU Jo 11,12,5 (CCSL 36, 117): iam hic manifestum est sacramentum, quia nescio quid futurum parturiebat illa res gesta 3sq. utique… pepercit] AU ci 16,32,32 (CCSL 48, 537): proinde addidit: Pro hoc etiam eum et in similitudinem adduxit; cuius similitudinem nisi illius unde dicit apostolus: Qui proprio filio non pepercit, sed pro

nobis omnibus tradidit eum? 5 crucem … portavit] AU Fau 12,25 (CSEL 25, 354,3): quis alius in Isaac lignum sibi portabat ad victimam, nisi qui crucem sibi ad passionem ipse portavit?; AU Jo 9,12,3 (CCSL 36, 97): et quis non videat cuius habebat figuram unicus eius, qui sibi ad sacrificium, quo ipse immolandus ducebatur, ligna portabat? portavit enim dominus crucem suam, sicut evange- lium loquitur; AU Ps 30 en 2,2,9,15 (CSEL 93/1B, 178): Isaac tamquam filius unicus dilectus figuram habens filii dei, portans ligna sibi, quomodo Christus crucem portavit; AU s 19,3,63 (CCSL 41, 253): Isaac sibi ligna portabat, Christus crucem propriam baiulabat; AU ci 16,32,35 (CCSL 48, 537): propterea et Isaac, sicut dominus crucem suam, ita sibi ligna ad victimae locum, quibus fuerat et inponendus, ipse portavit; AU Max 2,26,363 (CCSL 87A, 680): nam et Isaac filius Abrahae, quid erat in figura nisi Christus, quando sicut ovis ad immolandum ductus est, et quando sicut dominus crucem suam, ita et ipse sibi quibus fuerat imponendus ligna portabat?

E etx

19

uti autem] utinam (autem) fortasse legendum

21 iubere] dicere etx (per errorem ut videtur)

23

displiceret E; displicerem etx | placebo deo scripsi; placabo deum E; placebo deum etx

2,2 suum] deus add. E ( sl. ) etx

§ 1 – 4

|

25

3. *Credidit ergo Abraham quoniam sciebat alto intellectu † vestro abdito † et magno dei dono hoc deum iussisse. Sciebat enim deum 〈in〉 Isaac sibi semen pro- misisse. Quare dubitaret *illum occidere, quem poterat suscitare? Ista fuit magna fides iubenti occidere filium oboedire deo et nihil mali sentire de deo. Perrexit ergo intrepidus. 4. Ovem filius non videbat, ei latebat quod ipse erat. Quaesivit ubi esset ovis ad immolandum, quia omnia videbat parata, id est ignem et ligna. Pater ei respondit:

Deus sibi providebit quem adoramus. Dixit hoc quidem, sicut 〈se〉 habebat humanus affectus, ne immolandum filium contristaret et ad locum immolationis victima tristis accederet; tamen quod videtur dixisse intellegitur prophetasse. Prohibitus est 5 occidere filium eadem voce qua iussus fuerat iugulare et ipso praecipiente repressit manum quo iubente levare iam coeperat. Quare ergo deus noluit occidere Isaac quem poterat resuscitare, nisi quia figura illius victimae de Isaac celebrabatur, sed resurrectio Christo domino servabatur? Nam si occideretur et resurgeret, non signi-

5

E 273v

3,2sq. deum 2 … promisisse] cf. Gen. 21,12 3 quare … suscitare] cf. Hebr. 11,17 – 19 4 – 4,2 perrexit …

ligna] cf. Gen. 22,7

4,3 Gen. 22,8

4,6sq. et … coeperat] AU s 299E,5 (MiAg 1, 557,8): levata est patris armata dextera, nusquam tre- pida, nusquam infirma, nec ante deposita nisi illo iubente quo iubente fuerat erecta; AU Ps 30 en 2,2,9,8 (CSEL 93/1B, 178): erexit dexteram ut percuteret, eo prohibente deposuit, quo iubente leva- verat; AU conj 18,22 (CSEL 41, 215,23): quandoquidem filium immolare iussus Abraham intrepidus ac devotus, quem de tanta desperatione susceperat, unico non pepercit, nisi eo prohibente manum deponeret, quo iubente levaverat 9 resurrectio … servabatur] AU Ps 51,5,27 (CSEL 94/1, 61; cf. Primmer, Die Mauriner-Handschriften, 186sq.): neque enim occidi oportuit eos, quos tunc resurgere non oportebat; sed eorum vitam a mortis periculo liberari, verumtamen effuso sanguine liberatio resurrectionem potius significabat, quae hoc modo in illis figurabatur, quia vera domino servabatur

4,9 resurrectio…servabatur] QU virt 6,11,28 (CCSL 60, 372): filius tuus in isto sacrificio non crema- tur, quia resurrectio filio dei servatur; QU pro 1,17,24 (CCSL 60, 33): quod ideo Isaac immolatus non est quia resurrectio filio dei servata est; AN h Esc 4 (PL 95, 1213,21): nec enim fas erat ut Isaac qui typum Christi portabat a patre hoc in tempore mactaretur, quia perfecta sacrificii hostia Christo do- mino servabatur

E etx

3,1 credidit scripsi suadente L. Dorfbauer ; credit E etx | vestro] uro E ( pc. uv. ); vero (et) vel secreto (et)

vel rationi fortasse melius

deus fortasse addendum 4,3 se addidi ( in fine paginae excidit ); om. E etx

3 illum scripsi; ille E etx | quem]

2 in etx; om. E | semen etx; semine E

5 abscederet E ( ac. ) ‖

9 non] nonne etx

26

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Augustinus, Sermo 2A

10

ficaret Christum, *sed esset. Non enim scriptum est et non est factum, sed factum est

etx 371

et quod factum est significavit futurum. 5. Tamen ne sine sacrificio discederetur, aries apparuit cornibus haerens in vepribus. Et in isto ariete agnosce figuram domini salvatoris, agnosce Christum spinis Iudaeorum coronatum. Ergo et Isaac Christus et aries Christus, sed nec Isaac Christus nec aries Christus, quia unus Christus. Sed verus Christus multis figuris

5

significatur. Nam et agnus Christus et leo Christus. Et quid tam contrarium quam leo et agnus? Agnus propter simplicitatem, leo propter fortitudinem, unus tamen Christus. Et petra Christus unde aqua manavit et lapis angularis Christus unde aqua non manavit. Illud propter aliud, hoc propter aliud, in uno omnia, qui verus est Christus.

5,1sq. aries … vepribus] cf. Gen. 22,13

2,20

7 et 1 …manavit] cf. 1 Cor. 10,4

|

lapis…Christus 3 ] cf. Eph.

10sq. non 1 … futurum] AU s 2,7,192 (CCSL 41, 14): quidquid scriptum est de Abraham et factum est et prophetia est; AU Gn li 11,39 (CSEL 28/1, 373, 22): et hoc significationis gratia factum est, sed tamen factum, sicut illa, quae significationis gratia dicta sunt, sed tamen dicta sunt; AU Gn li 11,40 (CSEL 28/1, 375,14): et hoc significandi gratia factum est, sed tamen factum; AU s 293,2 (PL 38, 1328,33): refer quod factum est ad significantem imaginem rerum: tantum quod factum est ne non factum putes, quoniam quid significaret forsitan dices 5,1sq. tamen … vepribus] AU Ps 30 en 2,2,9,11 (CSEL 93/1B, 178): ut tamen impleretur sacrificium, et sine sanguine non discederetur, inventus est aries haerens in vepre cornibus, ipse immolatus est, peractum est sacrificium; AU s 2,8,204 (CCSL 41, 15): et non tamen sine sacrificio et sine sanguine fuso receditur. Apparet aries in vepre inhaerens cornibus; AU s 19,3,60 (CCSL 41, 253): ipse est inventus in vepribus, quando pater Abraham filio iussus est parcere, nec tamen sine oblato sacrificio inde discedere 2sq. et… coronatum] AU ci 16,32,40 (CCSL 48, 537): nempe quando vidit eum Abraham, cornibus in frutice tenebatur. Quis ergo illo figurabatur, nisi Iesus, antequam immolaretur, spinis Iudaicis coronatus?

3 ergo…Christus 2 ] AU s 19,3 ,62 (CCSL 41, 253): et Isaac Christus erat, et aries Christus erat

5 – 7 nam … Christus 1 ] AU Ps 108,26,23 (CSEL 95/1, 312): multum enim diversa sunt etiam leo et agnus, et tamen utroque significatus est Christus, leo propter aliud, agnus propter aliud; non tamen alius, quia nec fortis est agnus, nec innocens leo; Christus autem et innocens est ut agnus, et fortis ut leo; AU s 4,25,571 (CCSL 41, 39): dominus autem noster Iesus Christus et leo potuit esse et agnus 5sq. quid … agnus 1 ] AU ep 140,84 (CSEL 44, 232,19): et quid tam contrarium quam sapientes et stultae? 6sq. agnus 2 …Christus 1 ] AU s 4,22,508 (CCSL 41, 36): quare dictus est leo? propter forti- tudinem. Quare dictus est petra? propter firmitatem. Quare dictus est agnus? propter innocentiam; AU s 263,2 (MiAg 1, 508,13): ipse leo dictus est, ipse agnus dictus est: leo propter fortitudinem, agnus propter innocentiam 6 leo … fortitudinem] AU s 73,2 (PL 38, 471,17): ergo et ille leo et ille leo: ille leo propter fortitudinem 7 petra … angularis] AU Jo 47,6,5 (CCSL 36, 407): per similitu- dinem et petra est Christus, et ostium est Christus, et lapis angularis est Christus, et pastor est Chris- tus, et agnus est Christus, et leo est Christus; AU Jo 80,1,10 (CCSL 36, 528): sic enim dicitur vitis, per similitudinem, non per proprietatem, quemadmodum dicitur ovis, agnus, leo, petra, lapis angularis

E etx

§ 4 – 7

|

27

6. Praeterita in omnibus factis et praefigurationibus prophetarum haec partu- riebant quae modo impleta cernimus, et cognoscimus felices tempora si credimus. Quam de longe nos deus videt et quomodo in nobis *fit quod iam fecerat in *prae- scientia sua! Simus ergo patientes ad omnem voluntatem dei! Nam et ipse Isaac quam patiens fuit! Certe illum pater contristari nolebat, quando dicebat: Fili, deus 5 sibi quem adoramus praeparat victimam. Tamen ventum est ad ipsam horam, et quid facturus erat nisi adimpleret quod iussum est? Ligavit filii pedes et imposuit eum. Ille non reclamavit, non contradixit, non ploravit. Magna patris oboedientia, sed maior filii patientia! Nullum malum verbum, nullum verbum contrarium, nullum verbum triste emittere ausus fuit contra patrem ligantem et imponentem iam iamque ferientem. Quis est cui ista figura serviebat nisi ille qui sicut ovis ad occisionem ductus est et sicut agnus coram tondente fuit sine voce, sic non aperuit os suum. 7. Denique per hoc factum gentes promittuntur Abrahae. Gaudeamus, fratres carissimi, quia nos promissi sumus. Per me inquit iuro, dicit dominus, per me iuro. Iuratio omnipotentis firmamentum est veritatis. Sicut homo quando iurat firmare vult quod promittit, sic deus quando auditur iurare, firmamentum est promissionis.

10

6,5sq. Gen. 22,8

7 ligavit … eum] cf. Gen. 22,9

11sq. Is. 53,7

7,2 Gen. 22,16

6,2 quae … cernimus] AU s 2,8,217 (CCSL 41, 15): praesignatum est aliquando quod fieri iam vide- mus. Videamus ergo quomodo impletum est et unde impletum; AU s Dol 23,18,398 (Dolbeau, Vingt-six sermons, 609): impletum cernimus; AU s 265E (PLS 2, 807,47): si modo impletum cerni-

mus | cognoscimus … tempora] AU s 2,9,221 (CCSL 41, 15): felices gentes, quae illud non audierunt et nunc legentes crediderunt quod credidit ille qui audivit; AU s 47,20,595 (CCSL 41, 591): prophe- tiam esse de Christo veniente ad homines ex semine David, cito intellegitis, fratres, si tempora co- gnoscatis 3 quam de longe] AU Fau 14,6 (CSEL 25, 407,20): sed contra longe futuros haereticos

quam de longe clamat Moyses

tus est 8 non 1 … ploravit] AU s 299E,5 (MiAg 1, 557,4): non dubitavit, non haesitavit, non devotio- nem tristitia nubilavit 10sq. iam … ferientem] AU s 2,8,203 (CCSL 41, 15): deinde cum iam paene feriretur; AU s 2,9,226 (CCSL 41, 16): quod iam feriret nisi voce teneretur, magna fides est utique 7,2 nos … sumus] AU s 168,1 (PL 38, 911,41): magnum nostrum gaudium, nos promisit Abrahae, nos promissionis filii sumus. Quando enim dictum est Abrahae: in semine tuo benedicentur omnes gentes, nos promissi sumus 3 iuratio … veritatis] AU Ps 88,1,4,10 (CCSL 39, 1222): dei quippe iuratio promissionis est confirmatio; AU ci 16,32,67 (CCSL 48, 537): quid est autem dei veri veracis- que iuratio nisi promissi confirmatio et infidelium quaedam increpatio? 3sq. sicut … deus] AU s 180,2,23 (RechAug 37, 2013, 29): quomodo homo per deum, sic deus per se ipsum

7 ligavit … eum] AU s 299E,5 (MiAg 1, 557,7): ligatus est, arae inposi-

6,6 ad…horam] AN h Esc 4 (PL 95, 1212,41): desine inquit, desine istud quaerere fili quod sibi do- minus ad horam procurabit; desine quaerere quod sibi dominus iam praevidit 7 ligavit…eum] QU car 7,5,15 (CCSL 60, 372): nunc autem manibus ligaris, in aram imponeris

E etx

6,3 fit conieci ; sit E etx 3sq. praescientia etx ; praesentia E 4 parientes E ( ac. ) ‖ 7 adimplere

etx | et] arae vel in ara vel sim. fortasse addendum melius

7,4 est] dat fortasse

8 non ploravit om. etx

28

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Augustinus, Sermo 2A

5 Sed dicit aliquis: ‘Et deus iurat?’ Ego dico, immo non debet iurare nisi ille qui non potest periurare. Iurare non est malum, periurare malum est. Sed ideo prohibetur homo iurare quia malum est periurare et timenda est consuetudo ne incipiat falsum iurare 〈…〉

5 sed … dico] AU Ps 48,2,7,11 (CCSL 38, 570): forte dicit aliquis: … ego dico: nec hoc; exhibentur enim ista non sentienti 5sq. ego…periurare 1 ] AU s 307,4 (PL 38, 1407,31): non te moveat quia dominus iuravit; quia forte non debet iurare nisi deus; AU s 180,2,28 (RechAug 37, 2013, 30): deus enim est et forte illi soli competit iurare, qui non potest peierare 5 immo … debet] AU s 305A,2 (MiAg 1, 56,19): immo non debet 6 iurare … est 2 ] AU s 307,4 (PL 38, 1407,24): non est peccatum verum iurare. sed quia grande peccatum est falsum iurare, longe est a peccato falsum iurandi qui omnino non iurat … Iurare non est malum, periurare malum est; AU ep 47,2 (CSEL 34, 131,6): non quia verum iurare peccatum est, sed quia periurare immane peccatum est; AU ep 157,40 (CSEL 44, 487,22): non quia peccatum est verum iurare, sed quia gravissimum peccatum est falsum iurare, quo citius cadit, qui consuevit iurare; AU s 180,2,25 (RechAug 37, 2013, 30): iurat deus qui pecca- tum non habet: non ergo est peccatum iurare, sed magis peccatum est periurare; AU Fau 19,23 (CSEL 25, 522,2): peierare grave peccatum est, non iurare autem sicut verum iurare nullum pecca- tum est, sed longius remotus est a falsum iurando, qui nec iurare consuevit, quam qui verum iurare proclivis est 6 – 8 prohibetur … iurare] AU Ps 88,1,4, 11 (CCSL 39, 1222): bene prohibetur homo iurare, ne consuetudine iurandi, quia potest homo falli, etiam in periurium prolabatur

E etx

8 iurare] lacunam statui

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Sermo 59A

Sermo 59A

Das hier erstmals vorgelegte Fragment zur Oratio dominica ist Teil einer Predigt- kompilation, die aus Exzerpten aus Augustins Enchiridium und Brief 130 sowie einem längeren unidentifizierten Predigtfragment besteht. Das Textstück wurde von Brian Møller Jensen im Lektionar Piacenza, Bibl. Cap. 60, s. XII 2 , ff. 282r2–284v1 entdeckt, 65 wo es gemeinsam mit dem folgenden Sermo AU s 228B den Abschluss eines Lektionars bildet, das sich von Ostern bis zur Commemoratio omnium defunc- torum erstreckt. Die Stellung zweier Predigten, die aufgrund ihres Themas im Um- feld der Taufe anzusiedeln sind, am Ende des Kirchenjahrs scheint ungewöhnlich, ist aber in anderen Homiliarien aus Norditalien parallelisierbar. 66 Der Anfangsteil dieser Kompilation lautet wie folgt (gesperrt sind jene Text- abschnitte, die vom Wortlaut der angegebenen Quelle abweichen):

Dominicum praeceptum: Oportet semper orare et non deficere. Qui autem praecepit ut oremus, donet vires ne deficiamus.

Unde?

Quia de peccato gravi miseria premebatur genus humanum et divina indigebat misericordia, gratiae dei tempus propheta praedicens ait: Omnis qui invocaverit nomen domini, salvus erit. Propter hoc oratio. Sed apostolus cum ad ipsam gratiam com- mendandam hoc propheticum commemorasset testimonium, continuo subiecit: Quomodo autem invocabunt, in quem non crediderunt? Propter hoc symbolum.

AU ench 2,7,3–9 (CCSL 46, 51)

Sed ne per multa dispergeremur et quaereremus quid oraremus, timentes, ne forte

cf. AU ep 130,15 (CSEL 44, 56,8f.)

incurreremus in illud apostoli: Quid enim oremus sicut oportet nescimus,

unde? cf. AU ep 130,9 (CSEL 44, 50,9)

ipsa vera vita orare nos docuit.

AU ep 130,15 (CSEL 44, 56,17)

Qui enim nos voluit vivere, docuit et orare,

cf. CY or 2 (CCSL 3A, 90,15f.)

non in multiloquio sicut ipsum oramus, qui novit, quid nobis necessarium sit, priusquam petamus ab eo. Unde mirum

AU ep 130,15 (CSEL 44,

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65 Zur Handschrift s. QUINTAVALLE, Miniatura, 127–132; ZANICHELLI – BRANCHI, La sapienzia, 136–

142; eine Edition des Lektionars Piacenza 60–63 ist in Vorbereitung durch B. Møller Jensen, Lectio- narium Placentinum: Edition of a Twelfth Century Lectionary for the Divine Office, voraussichtlich

2016.

66 Brian M. Jensen verweist (mündlich) auf Torino, Bibl. Naz. Univ. F II 16, ein aus Bobbio stam-

mendes Homiliar des 11. Jh., in dem sich am Ende des Kirchenjahres (nach dem Fest des Hl. Andreas

am 30. November) Predigten zur Oratio dominica finden. S. SCAPPATICCI, Codice e liturgia, 306f.

32

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Augustinus, Sermo 59A

videri potest, cur nos sic hortatus sit, ut petamus eum, qui scit, quid nobis necessarium sit, priusquam petamus ab eo, ut diceret: Oportet semper orare et non deficere, viduae cuidam proposito exemplo, quae de suo adversario cupiens vindicari iudicem iniquum saepe interpellando flexit ad audiendum, non iustitia vel misericordia permotum, sed taedio superatum, ut hinc admoneremur, quam certius nos exaudiat misericors et iustus dominus sine intermissione orantes, quando illa ab iniquo et impio iudice non potuit assiduana interpellatione contemni, et quam libens atque placatus bona desideria impleat eorum, a quibus aliena peccata novit ignosci, si quo cupiebat illa pervenit, quae voluit vindicari.

56,17–57,16)

Intellegamus ergo, quod dominus et deus noster non volun- tatem nostram sibi vult innotescere, quam non potest ignorare, sed exerceri vult in orationibus desiderium nostrum, quo possimus cupere, quod praeparat dare.

AU ep 130,17  (CSEL 44,

59,12–16)

Dignior enim sequatur effectus, quando ferventior praecedit affectus.

AU ep 130,18 (CSEL 44,

60,10f.)

Aliud est sermo multus, aliud diuturnus affectus. Nam et de ipso domino scriptum est, quod pernoctaverit in orando. Ubi quid aliud quam nobis orandi praebebat exemplum, in tempore peccator oportunus, cum patre exauditor aeternus?

AU ep 130,19 (CSEL 44, 62,2–

7)

Laudemus ergo … omnia in omnibus

AU s 59A

Der Rest dürfte als zusammenhängender Text aus einer einzigen Quelle geschöpft sein. Er stammt, wie die Anreden (1,1: fratres; 1,8: sanctitati vestrae), die Imperative, die häufige Verwendung der 1. Person Plural und einige Anakoluthe 67 zeigen, aus einer Predigt, die in ihrem Stil und Aufbau den bisher bekannten Predigten Augus- tins zur Oratio dominica (AU s 56–59 auct.) sehr nahe kommt. 68 Doch sollen zum Beweis der Echtheit die Berührungen mit Predigten zu anderen Themen im Vorder- grund stehen: Bereits in den Anfangsworten zeigt sich Augustins Stil: Die Aufforde- rung Laudemus ergo (deum nostrum, fratres, quod …) findet sich erstmals bei Au- gustinus, z.B.: AU s 254,6,101 (RBen 79, 1969, 67): laudemus ergo dominum, fratres, quia. Das folgende Wortspiel mit der Differenzierung zwischen filius unicus und

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67 In 2,3f. (pater noster, qui de terra hereditatem nobis dimisit: hereditas ipsius peccatum vocatur)

liegt ein „isoliert emphatischer Nominativ nominaler Art mit demonstrativer Einrenkung“ vor; Beispiele aus Augustins Predigten bietet MOHRMANN, Die psychologischen Bedingungen, 302. In

6,18f. (me autem gratia sua amantem se transivit ad me) liegt ein Anakoluth vor.

68 Vgl. GROSSI, Il peccato originale, 481–484; JACKSON, The Lord’s Prayer; KLÖCKENER, Oratio domi-

nica.

Einleitung

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filius unus (1,1: quod filium unicum misit propter nos, et quem habuit unicum, noluit habere unum. Fecit ei bonos fratres …) kehrt im selben gedanklichen Duktus in AU s 57,2,2 (CCSL 41Aa, 178) wieder: et cum sit ipse dominus Christus … filius dei unicus tamen noluit esse unus. Unicus est et unus esse noluit; fratres habere dignatus est. Sprachlich am nächsten kommt aber eine Stelle aus AU Ps 66,9,41 (CCSL 39, 867):

unicum genuit, et unum esse noluit: unicum genuit, inquam, et unum eum noluit rema- nere. Fecit ei fratres; etsi non gignendo, tamen adoptando fecit ei coheredes. Auch die folgenden Antithesen non merito … sed gratia sowie nihil debebat … quod debebat verraten die Handschrift des Augustinus. Gott machte sich durch seine Verheißung zum Schuldner. Doch dies allein ist zu wenig (1,5: parum est promittendo se facere debitorem – vgl. die Fortsetzung der oben zitierten Stelle AU s 254,6,102 [RBen 79, 1969, 67]: parum putatis, quia promissorem tenemus, ut iam debitorem exigamus?), 69 Gott verfertigte einen Schuldschein, die Heilige Schrift. Anders als etwa in AU Ps 144,17 oder AU s Dol 4,7, wo sich Gott durch seine alttestamentlichen Prophezeiun- gen verpflichtet, ist hier das Evangelium im Blickfeld: chirographum fecit. Chiro- graphum dei sanctum evangelium est. Genau derselbe Gedankengang findet sich – im Zusammenhang mit der Oratio dominica – in AU s 77B,7 (MiAg 1, 657,11): dubitas te accipere quod petis, cum teneas tale pignus, qui se dignatus est tuum gratis facere debitorem? … dignatus est seipsum facere debitorem, et qualem debitorem? Chiro- graphum fecit, pignus dedit. Chirographum eius est scriptura divina. Die folgende Antithese discipulos suos, apostolos nostros begegnet in einer anderen Predigt – AU s 77A,1 (MiAg 1, 577,3) – im Kontext des Vater-Unser. Den letzten deutlichen Be- zugspunkt dieses kurzen Abschnittes findet man in der abschließenden Anrede an die Zuhörer: quantum ipse donare dignatur, exponamus sanctitati vestrae. Zu quan- tum … donare … dign(atur) gibt es Parallelen nur bei Augustinus und bei von ihm abhängigen Autoren; ebenso ist der Dativ sanctitati vestrae fast nur auf Augustinus beschränkt. An der Verfasserschaft des Augustinus kann nicht der geringste Zweifel bestehen. Die Erklärungen zur Oratio dominica sind wie in den anderen vier Predigten ausgeführt. Die Anrede an Gott thematisiert die Vaterschaft Gottes und die Kind- schaft der Gläubigen: Der Beter hat Gott als Vater und sein Erbe im Himmel gefun- den (vgl. AU s 58,2; AU s 59 auct.,2) und widersagt dem irdischen Vater und dessen Erbe. Illustriert wird die Argumentation mit dem Bild des schädlichen Erbes (dam- nosa hereditas, ein juristischer Terminus technicus 70 ), das man nicht antreten soll. Wahrscheinlich hat sich von dieser Stelle Quodvultdeus in seinem Werk Contra Iudaeos, paganos et Arrianos inspirieren lassen:

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69 Zu weiteren Parallelen zu promittendo se facere debitorem s. den Similienapparat zur Stelle.

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Augustinus, Sermo 59A

AU s 59A,2,2f. mutamus patrem, mutemus heredita- tem.

QU Jud 5,1,1f. (CCSL 60, 232) mutantes patrem, mutate hereditatem.

AU s 59A,2,6f. mala hereditas, damnosa hereditas. Pupille, evigila, antequam veniat exac- tor, renuntia.

QU Jud 3,1,1f. (CCSL 60, 229) renuntiemus huic damnosae hereditati:

pupilli effecti sumus. Antequam exactor veniat, tam pessimae hereditati renun- tiemus.

AU s 59A,2,9 tibi derelictus est pauper, pupillo tu eris adiutor (Ps. 9,35).

QU Jud 3,2,10 (CCSL 60, 229) tibi derelictus est pauper, pupillo tu eris adiutor (Ps. 9,35).

Die erste Bitte des Vater-Unser wird traditionell wie in AU s 56,5; AU s 57,4; AU s 58,3; AU s 59 auct.,3 ausgelegt: Wir sagen sanctificetur nomen tuum, nicht weil Got- tes Name noch nicht heilig wäre, sondern damit er in uns heilig werde. Die zweite Bitte wird wie in AU s 56,6; AU s 57,5; AU s 58,3 mit Mt. 25,34 (venite, benedicti patris mei, percipite regnum) verknüpft; das Himmelreich wird mit dem sorgenvollen irdi- schen Leben kontrastiert. In der dritten Bitte werden wie in AU s 56,8; AU s 58,4; AU s 59 auct.,5 die Engel und Menschen genannt, die im Himmel und auf der Erde Got- tes Willen erfüllen. In der vierten Bitte wird der panis cotidianus wie in AU s 56,10; AU s 57,7; AU s 59 auct.,6 als Speise für das Fleisch und den Geist ausgelegt. Singu- lär ist hier im Zusammenhang mit der Erklärung der Vater-Unser-Bitte das fiktive Gespräch zwischen einem Christen, einem Juden und Gott, in dem in ungewöhnlich scharfer anti-jüdischer Polemik der Prediger das Manna, mit dem die Israeliten er- nährt wurden, dem Brot, das Christus gibt, gegenüberstellt. In einer für Augustinus typischen Weise wendet schlüpft der Prediger in die Rolle des Christen und wendet sich zur Klärung eines Streits an Christus (6,12: Ipsum panem interpello et dico illi:

Domine, iudica inter me et Iudaeum, super omnes peccatores reum qui te crucifixit deum. 71 Dic Iudaeis, si eis profuit manna corporum satiatorum, et quid nobis prosit panis angelorum) und erhält als autoritative Antwort ein Schriftzitat (Io. 6,59: patres vestri manna manducaverunt et mortui sunt bzw. Io. 6,52: Panis quem ego dedero, caro mea est pro saeculi vita). Die nächste Bitte wird wie in den anderen vier Predig- ten als Aufforderung zum gegenseitigen Verzeihen interpretiert. Hier entwirft der Prediger – in Anlehnung an das bei Augustinus geläufige ianua cupiditatis/timoris 72 – das Bild der Tür des Verzeihens (ianua veniae), die zugleich die Tür zu Gott ist. Anlässlich der letzten Bitte betont der Prediger den Unterschied zwischen temptari

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71 Zum Vorwurf des Gottesmordes bei Augustinus s. COHEN, The Jews as the Killers of Christ, 8–10.

72 AU Ps 30 en 2,1,10; AU Ps 141,4; AU s 32,13; AU s 313,2; AU s 346B,4; AU s Dol 13,3; vgl. auch AU

s 59 auct.,8,132 (CCSL 41Aa, 226): contra temptationem claude ostium et pone seram dei dilectio- nem. – Die Junktur claudere contra (7,10) findet sich sehr oft bei Augustinus.

Einleitung

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und in temptationem induci: 73 Während Letzteres zu vermeiden ist, ist Ersteres wich- tig für die Selbsterkenntnis und Bewährung des Menschen (vgl. AU s 59 auct.,8: nam in hac vita temptari utile est, sed inferri in temptationem non expedit). Diese Ausle- gung stützt sich auf Ps. 41,9 (per diem mandavit dominus misericordiam suam, et nocte declaravit), den Augustinus in AU Ps 41,16 in gleicher Weise wie hier erklärt. Mit der Auslegung von sed libera nos a malo wird zum Unterschied von den anderen Predigten eine Linie von der Vermeidung der Sünde zum ewigen Leben bei Gott gezogen. Da diese Perspektive mit dem Blick ins Jenseits einen passenden Predigt- schluss darstellt, ist fraglich, ob in dieser Predigt wie bei den vier anderen Predigten zur Oratio dominica noch ein abschließendes Resumée mit einer kurzen Gliederung der Bitten (drei beziehen sich auf Gott, vier auf den Menschen) und Anweisungen an die Katechumenen folgte. In 3,4 wird mit candido fidei vestimento induimur auf die weißen Gewänder der anwesenden Taufwerber angespielt. Abgesehen davon sind der Predigt keine Hin- weise auf Schriftlesungen oder auf die Liturgie zu entnehmen; sie befanden sich wohl in ihrem verlorenen Anfangsteil. Als Lesung wird wohl Mt. 6,5/7–15 fungiert haben. 74 Es ist möglich, dass das in den Vater-Unser-Predigten stets verwendete Zitat Rom. 10,14 (quomodo invocabunt in quem non crediderunt? 75 ) vorhanden war und in der Predigtkompilation von Piacenza durch die im selben Kontext stehenden Exzerpte aus AU ench und AU ep 130 ersetzt wurde. Die meisten der zahlreichen Bibelzitate finden sich sehr oft bei Augustinus; ihr Wortlaut ist für ihn charakteristisch, z.B. das Zitat Rom. 5,12 (2,4–6), das gleichlau- tend erstmals bei Augustinus, und zwar in großer Zahl (mehr als 40mal) auftritt. Auch viele andere Bibelzitate begegnen in einem Wortlaut, der laut LLT nur für Augustinus bezeugt ist: Ps. 26,10; Ps. 41,9; Ps. 62,9; Ps. 77,24f.; Mt. 22,21; Io. 6,52; 6,59. In Rom. 13,7f. (4,8–10) werden wie in AU s 259,6 und AU Par 1,10,16 die Glieder cui honorem honorem und cui vectigal vectigal vertauscht. Die Psalmverse Ps. 26,10 und Ps. 9,35 sind wie in AU s 14,10 gemeinsam zitiert. Es finden sich freilich einige Abweichungen vom augustinischen Sprachgebrauch: Ps. 118,176 erscheint hier im für Augustinus sonst nicht bezeugten Wortlaut ego enim errabam velut ovis perdita (sonst meist erravi sicut). Das seltene Zitat Sir. 28,3–5 wird leicht verändert in AU Fau 19,28 und AU adu 2,15 verwendet (in AU adu 2,15 ebenfalls mit dimitte nobis debita nostra sicut et nos dimittimus debitoribus nostris verbunden). Besondere Be- achtung verdient der Vers Mt. 6,13: Die Wortfolge ne nos passus fueris induci in temp- tationem findet sich nicht bei Augustinus, wohl aber in anderen afrikanischen Pre-

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73 Vgl. AU s dni 2,9,32,671 (CCSL 35, 120f.): non ergo hic oratur ut non temptemur, sed ut non in-

feramur in temptationem.

74 MARGONI-KÖGLER, Die Perikopen, 94.

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Augustinus, Sermo 59A

digten (QU tr 1,2 76 und PS-FU s 70); es handelt sich dabei um eine Variante des bei Cyprian und Ambrosius bezeugten Wortlauts ne nos patiaris induci in temptationem, den Augustinus aus der Gebetspraxis kennt. 77 Vom Lemma passus fueris ist wohl auch das ungewöhnliche patietur in der danach zitierten Stelle 1 Cor. 10,13 (8,11) beeinflusst, an dessen Stelle Augustinus in mehr als 30 Zitaten meist sinat/-et/-it oder permittat/-et/-it verwendet. Sprache und Stil lassen deutlich die Charkateristika des Augustinus erkennen. In großem Ausmaß werden die so typischen rhetorischen Fragen und fiktiven Ge- spräche eingesetzt (besonders in den Kapiteln 4, 6 und 7). Einige scheinbar geläufi- ge Phrasen, die dem Wortfeld ,Sprechen‘ angehören, finden sich fast nur im augus- tinischen Predigtcorpus: 3,1f.: quod non ideo dic(imus); 5,5: sequitur enim et dicit; 6,1: cum hoc dicimus; 6,11: quaestio vertitur; 6,12: interpello; 7,4: respondet ille. In morphologischer und lexikalischer Hinsicht gibt es wenig Auffälliges: Es be- gegnet das Partizip odientem (6,18), das abgesehen von Bibelzitaten bei Augustinus nicht vorkommt, aber hier durch die Antithese zu amantem gefordert ist. Die Predigt enthält außerdem ein Hapax legomenon: exfrontata (7,14). Der ThLL V 2, 203,70 kennt nur ein Adjektiv effrons im Sinn von impudens, dessen Existenz aber wegen unsicherer Bezeugung bisher angezweifelt wurde. Mit exfrontatus tritt ihm ein Syn- onym zur Seite, das im italienischen sfrontato weiterlebt. Eine Datierung der Predigt scheint kaum möglich. Die geringfügigen Abwei- chungen des Wortlauts der Oratio dominica lassen sich kaum als Stufen einer Ent- wicklung begreifen und somit als Zeugen einer relativen Chronologie verwenden. Wenn beispielsweise der Text der vierten Bitte (sicut in caelo et in terra) dem in Ser- mo 59 auct. (und auch dem der Vulgata) entspricht, lässt sich daraus kaum ein chronologisches Argument (Akzeptanz des von Hieronymus revidierten Bibeltexts) ablesen. 78 Die Betonung der Gnade, das vollständige Zitat von Rom. 5,12 (2,4–6) sowie die Nähe zu AU s 77A und AU s 77B machen jedoch eine Entstehung nach 410 etwas wahrscheinlicher. Ebenso ist es unmöglich, den im Indiculus genannten Titel De oratione dominica tractatus unus (POS ind X 6 .176) dieser oder einer der vier ande- ren Predigten zu demselben Thema zuzuweisen. Die Predigt dürfte Spuren bei anderen Autoren hinterlassen haben. Quod- vultdeus lehnt sich mit großer Wahrscheinlichkeit in QU Jud 3–5 an die Erklärung der ersten Vater-Unser-Bitte an (s. o. S. 33f.). Auch in der ihm ohne expliziten Be- weis zugeschriebenen Predigt QU tr 1, die ebenso eine Erklärung der Oratio domi-

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76 Das Auftreten dieser Variante in QU tr 1 war für MORIN, Sancti Aureli Augustini Tractatus, VI ein

Argument, die Predigt Augustinus abzusprechen.

77 AU s dni 2,9,30,640 (CCSL 35, 119): ne nos inferas in temptationem. Nonnulli codices habent in-

ducas … multi autem in precando ita dicunt: ne nos patiaris induci in temptationem. – VAN BAVEL,

Inferas – inducas; JÜLICHER, Matthäus-Evangelium, 31; KLÖCKENER, Oratio dominica, 339.

78 Das von HILL, The Works, 3. Sermons. 3, 117 für Sermo 59 auct. geäußerte Argument wurde von

DE CONINCK et al., À propos de la datation, 57–60 widerlegt.

Einleitung

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nica bietet, finden sich einige Spuren, die auf direkte Abhängigkeit von der vorlie- genden Predigt schließen lassen (siehe den Similienapparat zu 1,5 und 7,3). Eine weitere Spur einer Rezeption könnte im Römerbriefkommentar des Guillelmus de Monte Theoderico vorliegen (exp. Rom. 5,169 [CCCM 86, 115]): habuit unicum, sed noluit habere unum, quem in mundum misit, ut fratres haberet adoptatos. Hauptquelle des Abschnitts ist zwar AU Jo 2,13, 79 aber die gesperrt gedruckten Worte haben nur eine schwache Entsprechung bei AU Jo 2,13,9 (unicum eundem ipsum quem genuerat … misit in hunc mundum), finden sich jedoch fast wörtlich (ohne sed) am Anfang der vorliegenden Predigt. Die Gesamtheit aller vorgestellten Argumente lässt keinen Zweifel daran, dass es sich hier um einen Teil einer echten Augustinuspredigt handelt.

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38

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Augustinus, Sermo 59A

Conspectus siglorum

P Piacenza, Bibl. cap. Ms. 60, s. XII 2 , ff. 282r2–284v1

§ 1

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De oratione dominica

〈…〉 1. Laudemus ergo deum nostrum, fratres, quod filium unicum misit propter nos, et quem habuit unicum, noluit habere unum. Fecit ei bonos fratres de malis servis, non merito nostro, sed gratia sua. Magna eius misericordia! Antequam pro- mitteret nobis aliquid, nihil debebat, immo periremus, si redderet, quod debebat. Parum est promittendo se facere debitorem: ne non crederemus, chirographum fecit. Chirographum dei sanctum evangelium est, in quo orationem suo ore prolatam per discipulos suos, nostros autem apostolos, ad nos pro salute nostra transmisit. Hanc traditam, quantum ipse donare dignatur, exponamus sanctitati vestrae.

P 282v

5

1,1 laudemus ergo] AU s 254,6,101 (RBen 79, 1969, 67): laudemus ergo dominum, fratres, quia eius fidelia promissa retinemus, nondum accepimus 1sq. quod … fratres] AU Ps 66,9,41 (CCSL 39, 867):

unicum genuit, et unum esse noluit: unicum genuit, inquam, et unum eum noluit remanere. fecit ei

fratres; etsi non gignendo, tamen adoptando fecit ei coheredes; AU s 57,2,2 (CCSL 41Aa, 178): et

filius dei unicus tamen noluit esse unus. Unicus est et unus esse

noluit; fratres habere dignatus est; AU Jo 2,13,3 (CCSL 36, 17); AU 1 Jo 8,14 (BA 76, 354); AU s 72A,8 (MiAg 1, 163,14) 3 non … sua] AU s 335H (PLS 2, 831,23): gratia eius, non merito nostro

4 nihil debebat] AU Ps 137,16,22 (CSEL 95/4, 124): nihil debebat; pro se non reddidit, sed pro

nobis reddidit | si…debebat 2 ] AU Ps 102,1,3 (CSEL 95/1, 68): in indulgentia qua nobis non hoc reddidit quod debebat 5 parum … debitorem] AU Ps 74,1,21 (CCSL 39, 1024): qui se effecit promit- tendo debitorem; AU Ps 83,16,32 (CCSL 39, 1160): debitorem dominus ipse se fecit, non accipiendo,

sed promittendo; AU Ps 109,1,12 (CSEL 95/1, 316): fidelis deus qui se nostrum debitorem fecit, non aliquid a nobis accipiendo, sed tanta nobis promittendo. Parum erat promissio, etiam scripto se teneri voluit, veluti faciens nobiscum chirographum promissorum suorum; AU s 77B,7 (MiAg 1, 657,11): dubitas te accipere quod petis, cum teneas tale pignus, qui se dignatus est tuum gratis

facere debitorem?

fecit, pignus dedit. Chirographum eius est scriptura divina; AU s 110,4 (MiAg 1, 644,1): promisso- rum suorum nobis chirografum fecit: promittendo enim se deus fecit debitorem, non mutuum accipi- endo; AU s 113A,5 (MiAg 1, 146,16): promittendo se fecit debitorem, non mutuum accipiendo; AU s 158,2 (PL 38, 863,19): debitor enim factus est, non aliquid a nobis accipiendo, sed quod ei placuit promittendo; AU s 254,6,102 (RBen 79, 1969, 67): parum putatis, quia promissorem tenemus, ut iam debitorem exigamus?; AU s Dol 14,5,92 (Dolbeau, Vingt-six sermons, 110): debitor tibi factus est deus non mutuando, sed promittendo; AU Ps 144,17 (CCSL 95/5, 123sq.); AU s Dol 4,7,182 (Dolbeau, Vingt-six sermons, 518) 7 discipulos … apostolos] AU s 77A,1 (MiAg 1, 577,3): discipu- los suos, apostolos nostros

dignatus est seipsum facere debitorem, et qualem debitorem? chirographum

cum sit ipse dominus Christus

1,1sq. quod…fratres] Guilelmus de sancto Theoderico, Expositio Rom. 5,169 (CCCM 86, 115):

habuit unicum, sed noluit habere unum, quem in mundum misit, ut fratres haberet adoptatos

5 se…fecit] QU tr 1,4 (PLS 3, 301,12): promissione sua se quidem, quia dignatus est, debitorem fecit; sed ne ei parum crederes, cautionem scripsit

P

incipit sermo sancti Augustini de oratione dominica. Dominicum praeceptum … exauditor aeternus ( cf. p. 31sq. ) P 1,5 cirographum P 6 cirografum P

40

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Augustinus, Sermo 59A

2. Pater noster, qui es in caelis. Invenimus patrem in caelis, habemus patrem in terris. Sed damnata est generatio, promissa regeneratio. Mutamus patrem, mutemus hereditatem. Pater noster, qui de terra hereditatem nobis dimisit: hereditas ipsius peccatum vocatur. Peccatum et mors, culpa et poena, hoc ex Adam. Per unum P 283r hominem peccatum intravit in mundum, et per peccatum mors, et ita in omnes

homines pertransiit, in quo omnes peccaverunt. Mala hereditas, damnosa hereditas! Pupille, evigila, antequam veniat exactor, renuntia. Quia dixi ‘pupille’, quaere tibi patrem. Remansisti enim pupillus et pauper, pupillus patrem amittendo, pauper renuntiando. Quaere ergo cui dicas: Tibi derelictus est pauper, pupillo tu eris adiutor.

10

Quaere cui dicas vel de quo dicas: Quoniam pater meus et mater mea dereliquerunt me, dominus autem assumpsit me. Quaere et si invenisti, dic: Pater noster. 3. Pete et hereditatem et dic: Sanctificetur nomen tuum. Quod non ideo dicimus, quod nomen eius nondum sit sanctum, quod semper est sanctum, sed ut in nobis sanctificetur. Hac enim sanctificatione abluimur sordidi, indulgentiam ac- cipimus rei, pravi corrigimur, nudati perfidia candido fidei vestimento induimur.

5

Haec est hereditas, quam nobis praestat pater caelestis.

2,1 Mt. 6,9

4 – 6 Rom. 5,12

9 Ps. 9,35

10sq. Ps. 26,10

3,1 Mt. 6,10

2,1sq. invenimus … terris] AU s 58,2,20 (CCSL 41Aa, 200): invenimus patrem in caelis; attendamus quemadmodum vivamus in terris; AU s 59 auct.,2,18 (CCSL 41Aa, 221): unum vero patrem invocant, qui est in caelis. Si ibi est pater noster, ibi nobis praeparatur hereditas 2 sed … regeneratio] AU s 189,3 (MiAg 1, 211,2): cui enim necessaria erat regeneratio, nisi cuius est damnata generatio?; AU s 294,15 (PL 38, 1345,10): (Rom 5,12) … quare Christus quaeritur, nisi quia in Adam damnata est generatio, in Christo quaeritur regeneratio; AU ep Div 2,10,317 (BA 46B, 86): generatio quippe ista ex Adam tota damnata est; quae damnatio, ut possit evadi, rege neratio est instituta 4 culpa et

poena] AU s 299,8 (PL 38, 1373,55): (Rom 5,12) … ergo in nostra natura et culpa et poena

10 cui …

dicas 2 ] AU s 217,3 (MiAg 1, 597,33): postremo cui dictum est, vel de quo dictum est: Qui facit mira- bilia solus? 3,2 semper … sanctum 2 ] AU s 57,4,50 (CCSL 41Aa, 180): hoc etiam ab illo petimus, ut

non enim bene optamus deo, cui nihil

sanctificetur nomen eius in nobis: nam semper est sanctum

mali potest aliquando evenire, sed optamus nobis bonum, ut sanctificetur sanctum nomen eius. Quod semper sanctum est sanctificetur in nobis; AU s 58,3,31 (CCSL 41Aa, 200): nam nomen eius semper est sanctum; AU s 59 auct.,3,29 (CCSL 41Aa, 222): nomen dei semper est sanctum: quare ergo petimus ut sanctificetur, nisi ut nos per illum sanctificemur?

2,2sq. mutamus … hereditatem 1 ] QU Jud 5,1,1 (CCSL 60, 232): mutantes patrem, mutate heredita- tem; PS-AU s Cai I,15,4,1 (Caillau – St. Yves I, 34): fratres mei, filii mei, mutavimus patrem: iustum est, ut mutemus hereditatem 6sq. mala…renuntia] QU Jud 3,1,1 (CCSL 60, 229): renuntiemus huic damnosae hereditati: pupilli effecti sumus. Antequam exactor veniat, tam pessimae hereditati re- nuntiemus; QU Jud 3,8,33 (CCSL 60, 230): quid, obsecro, quid facturus est? renuntiet diabolo, pom- pis et angelis eius: haec est illa damnosa hereditas, cui renuntiare compellimur

P

2,9 est] es P

§ 2 – 5

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41

4. Dicimus: Adveniat regnum tuum. Nos dicimus domino: Adveniat regnum tuum, et ipse in fine dicturus est: ‘Venite, benedicti patris mei, percipite regnum; accipite me reddentem, quod sperastis me promittentem. Neminem fraudavi. Exhibeo pollicitationem meam, quia exhibuistis obauditionem vestram.’ Ab initio mundi hoc regnum promittitur. Quid boni est hoc regnum? Vita aeterna est regnum dei. Non est regnum, ubi barbarus timeatur; non est regnum, ubi a provinciali militi praestetur annona; non est regnum, ubi dominus dicat: Reddite Caesari quae Cae- saris sunt, et deo quae dei sunt; non est ibi regnum, ubi apostolus dicat: Reddite

5

omnibus debita, cui tributum tributum, cui vectigal vectigal, cui honorem honorem, cui timorem timorem, nemini quicquam debeatis, nisi ut invicem diligatis. In his omnibus quae dixi, nihil ibi erit, nisi ut invicem diligatis. Nullum tributum, vectigal nullum, *honor nullus, nulla quaestio. Non per tormenta inquiritur veritas, non *a iuris peritis causae tractantur, non ab advocatis, ut quisque poterit, defendetur. Iudex erit et testis. Iudex sapientia, testis conscientia. Conscientia sine timore, vita sine

10

maerore, veritas sine errore, caritas sine offensione, sanitas sine languore. Nulla 15 fames, nulla sitis, nulla indigentia vescendi. Solus amor videndi et felicitas deo *fruendi. 5. Dicimus: Fiat voluntas tua, sicut in caelo et in terra. Hoc rogamus, ut sicut angeli, ex quo facti sunt, sancta caritate 〈deo〉 cohaeserunt, ita et nos casto

4,1 Mt. 6,10

2 Mt. 25,34

4sq. Mt. 25,34

7sq. Mt. 22,21

8 – 10 Rom. 13,7sq.

5,1 Mt. 6,10

4,5sq. vita … dei] AU s 294,3 (PL 38, 1337,51): regnum enim caelorum est vita aeterna 6 non 1 …ti- meatur] AU s 77B,7 (MiAg 1, 656,31): adveniat regnum tuum, ubi securus vivas, ubi semper vivas, ubi numquam doleas amicum, numquam timeas inimicum 9sq. cui 3 …timorem 2 ] AU s 259,6 (PL 38, 1201,32); AU Par 1,10,16 (CSEL 51, 37,26) 13sq. iudex … testis 1 ] AU Jo 36,11,3 (CCSL 36, 331):

non enim dedignatur testis esse qui iudex est, aut promovetur cum fit iudex; quoniam qui testis est, ipse iudex erit; AU Ps 37,21,13 (CCSL 38, 396): quando deus iudex erit, alius testis quam conscien- tia tua non erit 15sq. nulla … sitis] AU s 127,3 (PL 38, 708,2): ecce iam vita est, iam incolumitas est, iam nulla poena, nulla fames, nulla sitis, nullus defectus, nihil horum; AU s 213,10 (MiAg 1, 449,5):

iste iam finis est: sed finis sine fine erit resurrectio carnis; sed erit postea nulla mors carnis, nullus dolor carnis, nullae angustiae carnis, nulla fames et sitis carnis, nullae afflictiones carnis, nulla senectus et lassitudo carnis 5,2 angeli] AU s 56,8,135 (CCSL 41Aa, 158); AU s 58,4,44 (CCSL 41Aa, 201); AU s 59 auct.,5,43 (CCSL 41Aa, 222)

4,15sq. nulla…sitis] QU sy 2,12,3,6 (CCSL 60, 348): non est ibi mors, non est ibi luctus, non est ibi lassitudo, non est infirmitas, non est fames; nulla sitis, nulli aestus, nulla corruptio, nulla indigen- tia, nulla maestitia, nulla tristitia

P

4,3 promittentem] -i- sl. P

13 defenditur fortasse melius 16 videndi] dei addendum proposuit L. Dorfbauer 17 fruendi scripsi; fovendi P 5,2 deo addidi suadente L. Dorfbauer; om. P

12 honor scripsi; vectigal P | a iuris scripsi; auris P (a viris pc.)

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Augustinus, Sermo 59A

P 283v amore inhaereamus illi, ut quod illi sine ullo casu fecerunt, nos vel post casum

faciamus. Dicamus deo: Agglutinata est anima mea post te. Nec nobis superbe

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arrogemus, sed eius laudi et gratiae tribuamus. Sequitur enim et dicit: Me suscepit dextera tua. Ego enim errabam velut ovis perdita. Quod inventa sum, pastor bonus quaesivit; quod infirma portata sum, virtus eius praestitit; quod ad gregem beati- tudinis revocata sum, caritas divina donavit. 6. Panem nostrum cotidianum da nobis hodie. Cum hoc dicimus, omnia nobis necessaria postulamus, sive cordis, sive carnis. Sicut enim caro nostra pane terreno pascitur, sic mens nostra pane caelesti satiatur. Sed ipse panis et Iudaeis est datus in manna et nobis donatur in gratia, illis in imagine, nobis in proprietate. Sed

5

illi, quia male usi sunt, perierunt, nos bene utentes vivimus. Hic Iudaeus calum- niatur et dicit: ‘De nobis dictum est: Panem caeli dedit illis, panem angelorum manducavit homo.’ Respondeo: Verum est, quia manna et panem caeli manducastis, sed panem angelorum nec gustare meruistis; quia praesenti non credidistis, miseri peristis et nescitis. Et ideo nescitis, quia peristis. Nam si vel ex parte sciretis, non ex

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toto perissetis. Vultis scire, quare peristis? quia Christum in sua propria venientem sui eum non recepistis. Haec certe interim de manna et pane angelorum quaestio vertitur. Ipsum panem interpello et dico illi: Domine, iudica inter me et Iudaeum, super omnes peccatores reum qui te crucifixit deum. Dic Iudaeis, si eis profuit manna corporum satiatorum, et quid nobis prosit panis angelorum. Respondet illis

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dominus: Patres vestri manna manducaverunt et mortui sunt. Audisti mortuus de mortuis parentibus tuis, audi quid dicat de nobis, quos ipsa vita Christus vivificavit. Sequitur dominus: Panis inquit, quem ego dedero, caro mea est pro saeculi vita. O Iudaee, hic Christus, haec vita nata apud te odientem se deseruit te, me autem gratia sua amantem se transivit ad me.

4 Ps. 62,9 cf. Io. 1,11

5sq. Ps. 62,9 15 Io. 6,59

6 Ps. 118,176 17 Io. 6,52

6,1 Mt. 6,11

6sq. Ps. 77,24f.

10sq. Christum … recepistis]

3sq. ut … faciamus] AU s 59 auct.,5,43 (CCSL 41Aa, 222): angeli autem ipsius sancti oboediunt illi, non illum offendunt, faciunt iussa ipsius amando eum. Hoc ergo oramus, ut et nos praeceptum dei caritate faciamus 6,2 sive 1 … carnis] AU s 57,7,129 (CCSL 41Aa, 183): sane duobus modis intelle- genda est ista petitio de pane cotidiano: sive pro necessitate carnalis victus, sive etiam pro necessi- tate spiritalis alimoniae; AU s 59 auct.,6,66 (CCSL 41Aa, 223): sive exhibitionem corpori necessa- riam petamus a patre … sive cotidianum panem illum intellegamus 2sq. sicut … satiatur] AU s 58,5,103 (CCSL 41Aa, 203): et quomodo illum panem ventres, sic istum esuriunt mentes 4 gratia] AU s 132A,1 (MiAg 1, 375,15): unde et ipsa gratia partes vocantur ( sequitur Ps. 77,25) | illis … pro- prietate] AU Ps 103,3,20,7 (CSEL 95/1, 178): videte quam multa Christum significent; omnia ista Christus in similitudine, non in proprietate; AU s 4,23,530 (CCSL 41, 37): in proprietate lapis terra

9 peristis et nescitis] AU Ps 118,1,1,30 (CSEL 95/2, 70): peritis et

obdurata est, in figura firmitas nescitis

P

6,11 interim] -im legi vix potest P

18sq. me … me] anacolouthon

§ 5 – 8

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7. Et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus

nostris. Hic cum pro debitis petimus, pro poenis peccatorum petimus, ut nobis

relaxentur. Sed quod a deo petimus, hoc nobis praecipit deus. Nos dicimus: ‘Ignosce nobis peccatoribus.’ *Respondet ille: ‘Ignosco plane, sed mihi servientibus. Ignoscite aliis hominibus, et ego vobis ignosco. Dimittite, et dimitto. Audite me exhortantem vos, et ego rogantes exaudiam vos. Quomodo enim vultis, ut compatiar vestrae miseriae, quem non laetificatis fructu oboedientiae? Ianuam veniae in vestra manu tradidi. Si ad meam indulgentiam vultis intrare, nolite me diu rogare nec difficilem iudicare: Vestris fratribus ignoscite, et vos vobis aperite. Si autem vos perversis

nolite me diu rogare nec difficilem iudicare: Vestris fratribus ignoscite, et vos vobis aperite. Si autem

5

P 284r

manibus crudeliter contra vos clauditis, ut quid me diu frustra rogatis?’ Homo 10 homini servat iram, et a deo quaerit medelam? In hominem similem sibi non habet

misericordiam, et de peccatis suis deprecatur? Ipse coepit retinere iram, et propitiatio- nem quaerit a deo? Quis exorabit pro delictis eius? O impudens anima! O inverecunda et exfrontata conscientia! Non erubescis illum deprecari, quem iubentem superbe contemnis? ab illo velle accipere, *quo praecipiente non vis offerre? 15

8. Cum dicimus: Ne nos passus fueris induci in temptationem, hoc rogamus,

non ut non temptemur, sed ut in temptationem non inducamur. Nam si non tempte- mur, et infirmitatem nostram occultam, si qua est, ignoramus et de aliqua firmitate dei dono accepta gratias non agimus vel etiam de accipienda deum deprecari neglegimus. Dicit propheta: Per diem mandavit dominus misericordiam suam, et 5 nocte declaravit. Dies dicitur pro tempore securitatis, nox pro tempore tribulationis. Tempore securo aut diligentia studiosa proficimus aut neglegentia desidiosa defici- mus, et utrumque – quod peius est – ignoramus. In adversis autem quales intus *simus, et nobis et ceteris aperimus. Haec est noctis declaratio, haec est utilitas temptationis, ut homo noverit qualem habeat se per eum qui fecit se. De hac tempta- tione dicit apostolus: Fidelis deus, qui non patietur vos temptari super id, quod potestis ferre, sed faciet cum temptatione etiam exitum, ut possitis tolerare. Hinc est quod et ipsi quondam Saulo, postea Paulo, quondam superbo, postea humiliato, ex

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7,1sq. Mt 6,12 5 dimittite … dimitto] cf. Lc. 6,37 10 – 13 Sir. 28,3–5 11sq. 1 Cor. 10,13

8,1 Mt. 6,13

5sq. Ps. 41,9

7,3sq. nos … servientibus] AU s 59 auct.,7,114 (CCSL 41Aa, 225): tamen ignosco, et vos non vultis ignoscere? 8,2 non 1 … inducamur] AU s dni 2,9,32,671 (CCSL 35, 120): non ergo hic oratur ut non temptemur, sed ut non inferamur in temptationem 13 quondam 1 … humiliato] AU s 295 auct.,7,5:

primo Saulus, postea Paulus: quia primo superbus, postea humilis

7,3–5 nos…dimitto] QU tr 1,7 (PLS 3, 302,29): dicimus deo: Dimitte nobis debita nostra; respondet et ille: Dimittite et dimittetur vobis

P

7,4 respondet scripsi ; respondit P piente scripsi ; quod praecipienti P

5 exortantem P

9 aperitis fortasse melius

15 quo praeci-

8,3 hocultam P ( ac. ) ‖

9 simus scripsi ; scimus P

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Augustinus, Sermo 59A

vidente forinsecus caecato, intus illuminato, dedit stimulum carnis, angelum

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satanae, qui eum colaphizaret, non odio inimico, sed amore divino, non ut noceret malo, sed ut per magnum malum maiora bona praestaret bono. Contempsit de- siderium petitionis, utilitatem praestitit petitoris. Non removit inimicum crudeliter persequentem, ut perficeret filium patris imperio servientem. 9. Sed libera nos a malo. In hoc verbo hoc petimus, ut nos dominus peccati et poenae nostrae exuat [a] malo, et plenae indulgentiae ac perpetui regni sui *induat bono. Rogamus ergo, ut liberet nos a malo corruptionis et mortalitatis et repleat bono incorruptionis et *immortalitat