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Teil 1

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Paul A. Samuelson und William D. Nordhaus

Volkswirtschaftslehre

Das internationale Standardwerk der Makro- und Mikroökonomie

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Regina Berger, Annemarie Pumpernig und Brigitte Hilgner

Makro- und Mikroökonomie Übersetzung aus dem Amerikanischen von Regina Berger, Annemarie Pumpernig und Brigitte Hilgner

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Teil 1

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbi- bliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-636-03112-9 (Studienausgabe) ISBN 978-3-636-03113-6 (Premiumausgabe)

3., aktualisierte Auflage 2007

© 2005 by mi-Fachverlag, Redline GmbH, Landsberg am Lech.

Ein Unternehmen von Süddeutscher Verlag | Mediengruppe.

© der Originalausgabe 2005 by McGraw-Hill/Irwin, New York

Die englische Originalausgabe erschien 2005 bei McGraw-Hill unter dem Titel Economics .

Übersetzung: Regina Berger, Annemarie Pumpernig und Brigitte Hilgner, Wien Redaktion: Jan W. Haas, Berlin Lektorat: Michael Schickerling, Landsberg am Lech Umschlaggestaltung: Jarzina Kommunikations-Design, Köln Satz: Jürgen Echter, Landsberg am Lech Druck: Verlagsdruckerei Kessler, Bobingen Printed in Germany

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Überset- zung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbrei- tet werden.

Inhaltsverzeichnis Vorwort . . . . . . . . . . . . .
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
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Für den Studenten:
 

Volkswirtschaftslehre und Internet

 

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Teil 1

Die Grundlagen

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Kapitel 1

Die Grundlagen der Volkswirtschaft

 

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Anhang 1

Diagramme richtig lesen

39

Kapitel 2

Markt und Staat in der modernen Wirtschaft

49

Kapitel 3

Die Gundelemente von Angebot und

79

Teil 2

Mikroökonomie: Angebot, Nachfrage und Produktmärkte

 

101

Kapitel 4

Anwendungsmöglichkeiten der Angebots-

 

und Nachfrageanalyse

 

103

Kapitel 5

Nachfrage und Konsumverhalten

129

Anhang 5

Geometrische Analyse des Konsumentengleichgewichts

209

Kapitel 6

Produktion und ihre Organisation im Unternehmen

161

Kapitel 7

185

Anhang 7

Produktion, Kostentheorie und Entscheidungsprozesse

 

in Unternehmen

 

209

Kapitel 8

Analyse des Marktes bei vollkommenen Wettbewerbs

217

Kapitel 9

Unvollständiger Wettbewerb und Monopol

245

Kapitel 10

Oligopol und monopolistischer Wettbewerb

269

Kapitel 11

Unsicherheit und Spieltheorie

297

Teil 3

Faktormärkte: Arbeit, Boden und Kapitel

 

325

Kapitel 12

Wie Märkte die Einkommen

 

327

Kapitel 13

Der

351

Kapitel 14

Boden und

381

Anhang 14

Märkte und volkswirtschaftliche Effizienz

406

4

Inhaltsverzeichnis

Teil 4 Angewandte Mikroökonomie: Internationaler Handel, Staat und Umwelt . . . . . .
Teil 4
Angewandte Mikroökonomie:
Internationaler Handel, Staat und Umwelt
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Kapitel 15
Komparativer Vorteil und Protektionismus
Steuern und Staatsausgaben
Wie werden Märkte
Umweltschutz
Effizienz und Verteilungsgerechtigkeit:
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419
Kapitel 16
455
Kapitel 17
487
Kapitel 18
517
Kapitel 19
Der große Zwiespalt
547
Teil 5
Makroökonomie:
Wirtschaftswachstum und Konjunkturzyklen
575
Kapitel 20
577
Anhang 20
601
Kapitel 21
603
Kapitel 22
633
Kapitel 23
659
Kapitel 24
679
Kapitel 25
Kapitel 26
Makroökonomie im
Gesamtwirtschaftliche Daten für die USA
Das Messen wirtschaftlicher
Konsum und Investitionen
Konjunkturzyklen und die Theorie
der gesamtwirtschaftlichen
Das
Finanzmärkte und der Sonderfall
Zentralbank und Geldpolitik
707
745
Teil 6
Wachstum, Entwicklung und die Weltwirtschaft
775
Kapitel 27
777
Kapitel 28
807
Kapitel 29
Kapitel 30
Der Prozess des
Wirtschaftliche Entwicklung als Herausforderung
Wechselkurse und das internationale Währungssystem
Offene Volkswirtschaften
837
865
Teil 7
Arbeitslosigkeit, Inflation und Wirtschaftspolitik
897
Kapitel 31
Arbeitslosigkeit und die Grundlagen des Gesamtangebots
Die Sicherung der Preisstabilität
Die unterschiedlichen Lehrmeinungen in der Makroökonomie
Wachstums- und Stabilitätspolitik
899
Kapitel 32
929
Kapitel 33
961
Kapitel 34
989
Glossar
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Wörterbuch englisch – deutsch
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Vorwort
Vorwort

Das 20. Jahrhundert war in vielen Teilen der Welt durch einen rasanten Anstieg des Le- bensstandards gekennzeichnet, von dem ins- besondere die reichen Länder Nordamerikas, Westeuropas und Ostasiens profitierten. Und nun beschäftigt uns die Frage: Bringt das 21. Jahrhundert eine Neuauflage der Erfolge des vergangenen Jahrhunderts? Wird der Wohl- stand der Privilegierten sich auf die breite Masse in den armen Entwicklungsländern übertragen? Oder werden die apokalypti- schen Reiter – Hunger, Krieg und Seuchen – Afrika weiter fest im Griff halten und viel- leicht zu weiteren verheerenden Angriffen ansetzen? Die Antworten auf diese Fragen hängen weitgehend vom wirtschaftlichen Er- folg der Staaten ab, von dem, was sie im Hinblick auf Bildung, Investitionen und Au- ßenhandel sowie im Gesundheitswesen zu- wege bringen.

Die wachsende Bedeutung der Märkte

In den letzten 25 Jahren hat sich die Einstel- lung der Menschen ebenso drastisch geän- dert wie das Szenario der wirtschaftlichen Institutionen. Dutzende Staaten verabschie- deten sich von ihren sozialistischen und kol- lektivistischen Systemen und setzten statt- dessen auf die Marktwirtschaft. So unter- schiedliche Länder wie Irland, Botswana und die Philippinen erzielten ein starkes Wirt- schaftswachstum. Zu keiner Zeit in der Ge- schichte konnten so viele Menschen eine so

nachhaltige Periode wirtschaftlicher Prospe- rität genießen wie in den letzten 50 Jahren. Man könnte vermuten, dass mit zuneh- mendem wirtschaftlichem Erfolg das Interes- se an ökonomischen Fragen abebben würde, doch paradoxerweise ist heute das Verständ- nis der dauerhaften Wahrheiten, welche die Ökonomie bereithält, für das Leben des Ein- zelnen und ganzer Nationen wichtiger denn je. In den Vereinigten Staaten kam der Le- bensstandard zuletzt zwar nicht so recht vom Fleck, doch das Produktivitätswachstum konn- te in den vergangenen zehn Jahren wieder enorm aufholen, sodass in den USA heute eine Kombination aus rapidem Produktions- wachstum und rückläufigen Erwerbstätigen- zahlen herrscht. Betrachtet man das größere Bild, so ist die Welt enger zusammengerückt, gekittet durch Computer und Kommunikationssysteme, die einen immer stärker ausgeprägten globalen Wettbewerbsmarkt mit sich bringen. Schwel- lenländer wie China, Indien und Russland – drei Giganten, die bis vor kurzem bewusst auf zentrale Planung setzten – benötigen heute eine profunde Kenntnis der Institutio- nen einer Marktwirtschaft, wollen sie zum Lebensstandard der Reichen aufschließen. Zugleich wächst die Sorge um den Zustand unserer Umwelt weltweit, und die Notwen- digkeit, Abkommen zum Schutz und zur Be- wahrung unseres kostbaren natürlichen Er- bes zu treffen, wird zunehmend erkannt. Alle diese faszinierenden Entwicklungen fließen in das moderne Drama, das wir Ökonomie nennen, ein.

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Die Wiedergeburt der Volkswirtschaftslehre

Seit über einem halben Jahrhundert dient dieses Buch nun schon als Standardlehrbuch, das Studenten in den Vereinigten Staaten und überall auf der Welt in die Volkswirtschafts- lehre einführt. Jede neue Auflage filtert er- neut das Beste aus den Konzepten der großen Ökonomen heraus, die sich Gedanken über die Funktionsweise der Märkte und gesell- schaftliche Einflussmöglichkeiten auf den Lebensstandard der Menschen machen. Die Volkswirtschaftslehre hat sich seit der ersten Ausgabe im Jahr 1948 grundlegend verändert. Und gerade weil die Wirtschaftswissenschaft vor allem ein lebendiger und in Entwicklung begriffener Organismus ist, entsteht Volks- wirtschaftslehre mit jeder neuen Auflage neu, wobei den Autoren die anspruchsvolle Aufga- be zukommt, die jüngsten Ideen der moder- nen Ökonomen vorzustellen und zu zeigen, wie dieser Lehrgegenstand zur weltweiten Wohlstandsmehrung beitragen kann. Wir stehen dabei vor folgender Frage: Wie können wir Ihnen eine möglichst klare, präzi- se und zugleich interessante Einführung in die Grundsätze der modernen Volkswirt- schaftslehre und in die Institutionen des ame- rikanischen und weltweiten Wirtschaftsgefü- ges bieten? Unser vorrangiges Ziel ist es, die volkswirtschaftlichen Entwicklungen zu ver- folgen und auf die den jeweiligen Tendenzen zugrunde liegenden Prinzipien hinzuweisen, die weit über die Schlagzeilen des Tages hinaus Bestand haben.

Die 18. Auflage

Volkswirtschaft ist eine dynamische Wissen- schaft – in ihrem Wandel spiegeln sich die wechselnden Trends der Wirtschaftspolitik, Umwelt, Weltwirtschaft und der Gesamtge- sellschaft. Ebenso wie die Wirtschaft und unsere Umwelt entwickelt sich auch dieses Buch, dessen neueste Auflage durch folgende sieben Merkmale gekennzeichnet ist:

Vorwort

1. Die Kernthesen der Volkswirtschaftslehre . Häufig erscheint uns die Ökonomie als eine endlose Abfolge immer neuer Rätsel, Proble- me und Dilemmata. Doch es gibt, wie erfah- rene Dozenten mittlerweile wissen, einige wenige Konzepte, die jedem wirtschaftlichen Geschehen zugrunde liegen. Kennt man die- se Grundkonzepte, scheint man plötzlich schneller zu lernen, und das mit bedeutend mehr Spaß. Wir haben daher beschlossen, uns auf die Kernthesen der Volkswirtschaftslehre zu konzentrieren – auf jene dauerhaften Wahrheiten, die im neuen Jahrhundert diesel- be Bedeutung haben werden wie im alten. Mikroökonomische Konzepte wie Knapp- heit, Effizienz, der Nutzen der Spezialisie- rung und das Prinzip des komparativen Vor- teils werden Bestand haben, solange die Knappheit von Gütern selbst bestehen bleibt. Darüber hinaus benötigen Studenten der Makroökonomie eine solide Wissensgrundla- ge in den Fragen des gesamtwirtschaftlichen Angebots und der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, und sie müssen die Rolle der nationalen und internationalen Währungen verstehen. Die Leser dieses Buches werden die weithin anerkannten Theorien des Wirt- schaftswachstums kennen lernen, sollten aber auch Einblick in die widerstreitenden Konjunkturtheorien erhalten.

2. Innovation in der Volkswirtschaftslehre. Die Wirtschaftswissenschaften haben in ihrem Verständnis der Rolle der Innovationen große Fortschritte erzielt. Wir sind bereits an die schwindelerregenden Veränderungen auf dem Computersektor gewöhnt, wo Monat für Mo- nat neue Produkte und Programme auf den Markt kommen. Das Internet hat unsere Kommunikation revolutioniert und spielt eine immer größere Rolle in der Produktwerbung. Wir möchten aber auch auf die Bedeutung der Innovation in der Volkswirtschaftslehre selbst hinweisen. Ökonomen sind auf ihre Weise ebenfalls Tüftler, Neuerer und Erfin- der. Die Geschichte zeigt, dass volkswirt- schaftliche Ideen, sobald man sie auf reale Probleme anwendet, enorme Umwälzungen

Vorwort

auslösen können. Zu den bedeutendsten In- novationen, die wir auf diesem Gebiet beob- achten, gehört die Anwendung der Ökono- mie auf umweltpolitische Probleme mit dem so genannten „Emissionshandel“. Andere wichtige ökonomische Neuerungen, die in diesem Buch besprochen werden, sind ver- besserte regulatorische Mechanismen und der radikale neue Schritt der Schaffung einer gemeinsamen europäischen Währung. Eine der einflussreichsten wirtschaftlichen Inno- vationen der letzten Jahre ist die Messung der Verbraucherpreise. Wir erklären, welche Auswirkungen die Verhaltensökonomie auf die Konsumtheorie hat. Erläutert wird auch die Netzwerkökonomie, und wir beschrei- ben, welchen Einfluss sie auf die wirtschaft- liche Effizienz und Marktmacht sowie auf die Debatte darüber hat, wie man etwa dem monopolistischen Verhalten von Microsoft begegnen sollte. Eine der für unsere gemein- same Zukunft wichtigsten Innovationen ist der Umgang mit globalen öffentlichen Gü- tern, etwa im Zusammenhang mit dem Kli- mawandel, und wir analysieren neue Ansätze zur Bekämpfung internationaler Umweltpro- bleme, darunter das Kyoto-Protokoll.

3. Small is Beautiful. Die Themen der Öko- nomie haben sich in den letzten 50 Jahren deutlich erweitert. Immer noch weht die Fah- ne der Volkswirtschaftslehre über ihrem tra- ditionellen Reich, dem Markt, aber sie deckt mittlerweile auch die Bereiche Umwelt, Rechtswissenschaften, statistische und histo- rische Methoden, Kunst, geschlechtsspezifi- sche und Rassendiskriminierung, ja sogar die Familie ab. In ihrem Kern jedoch bleibt Öko- nomie die Wissenschaft von der Entschei- dungsfreiheit, und das bedeutet für uns, die Autoren, dass wir für dieses Buch die wich- tigsten und beständigsten Themen auswählen mussten. Mit einem Überblick über die volkswirtschaftlichen Strömungen ist es wie mit einer Mahlzeit: Small is beautiful – kleine Portionen verdaut man einfach besser. Die Auswahl der Themen für dieses Buch hat uns vor viele schwierige Entscheidungen

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gestellt. Um besser beurteilen zu können, welche Fragen für den informierten Bürger und die neue Ökonomengeneration von Be- deutung sind, befragen wir laufend Lehrkräf- te und führende Wissenschaftler. Wir haben sogar eine Liste der wichtigsten Konzepte erstellt und uns von altem Material verab- schiedet, wenn es uns als nicht mehr so wichtig oder überholt erschien. In jeder Pha- se mussten wir uns die Frage stellen, ob das Textmaterial nach unserem besten Wissen und Gewissen unverzichtbar für das Verständnis der Ökonomie des 21. Jahrhunderts ist . Erst wenn wir diese Frage bejahen konnten, fan- den Lehrinhalte Eingang in diese Auflage. Das Ergebnis unseres Auswahlprozesses liegt nun in Form dieses Buches vor, das in den letzten beiden Ausgaben mehr als ein Viertel seines Gewichts abgespeckt hat. Landwirt- schaft, Gewerkschaften, marxistische Öko- nomie, der Trugschluss des fixen Arbeitsan- gebots (Lump-of-Labor-Fallacy) und Ge- sundheitsökonomie wurden weggelassen, um Raum für Umweltökonomie, Netzwerköko- nomie, die Behandlung des Konjunkturzyk- lus und Finanzökonomie zu schaffen.

4. Politische Themen im neuen Jahrhundert. Für viele Studenten besteht der Glanz der Ökonomie in ihrer Relevanz für die staat- liche Politik. Diese 18. Auflage betont die Rolle des Staates in Mikro- und Makroöko- nomie. Wenn Gesellschaften wachsen, begin- nen sie die Umwelt und die Ökosysteme ihrer natürlichen Umwelt zu überrollen. Die in Kapitel 18 präsentierte Umweltökonomie hilft den Studenten, die Externalitäten wirt- schaftlicher Tätigkeiten zu erkennen, wäh- rend im Anschluss unterschiedliche Ansätze analysiert werden, wie man die von Men- schen erschaffenen Wirtschaftssysteme mit den natürlichen Systemen in Einklang brin- gen könnte. Neue Beispiele – etwa Refor- men in der steuerlichen Behandlung von Di- videnden, Mindestlöhne, das internationale Outsourcing wirtschaftlicher Tätigkeiten, der Wert von Marken sowie Probleme des Bi-

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lanzbetrugs – erfüllen die graue volkswirt- schaftliche Theorie mit Leben. Ein zweiter Bereich von zentraler Bedeu- tung ist die Finanz- und Geldwirtschaft. Wir haben uns dem Thema Geldwirtschaft ganz neu gestellt und ein eigenes Kapitel „Finanz- märkte und der Sonderfall Geld“ verfasst. Darin wird die Geldwirtschaft in den größe- ren Kontext der Finanzwirtschaft gestellt, und das Kapitel befasst sich ebenso wie jenes über die Tätigkeit der Zentralbanken mit der entscheidenden Rolle, die Geld im Konjunk- turzyklus spielt. Durch Rückgriffe auf die Geschichte, wirt- schaftliche Chroniken und auf die Erfahrung der Autoren können wir auch in der 18. Auflage wieder Fallstudien und empirische Belege zur Illustration volkswirtschaftlicher Theorien anbieten. Das Dilemma der Ar- mutsbekämpfung zeigt sich anhand der Wohlfahrtsreformen des Jahres 1996. Die Notwendigkeit, einen wirtschaftlichen An- satz in der Umweltpolitik zu finden, wird am Beispiel der globalen Erwärmung illustriert, und unser Verständnis makroökonomischer Analysen verbessert sich zusehends, wenn wir erkennen, wie staatliche Defizite die na- tionalen Sparguthaben auffressen.

5. Globalisierungsdebatten. Das letzte Jahr- zehnt war durch hartnäckige Kämpfe um die Rolle des internationalen Handels in unseren Volkswirtschaften gekennzeichnet. Bisweilen hört man die Behauptung, der Rückgang der Arbeitsplätze in der verarbeitenden Indus- trie der USA sei auf den Export dieser Ar- beitsplätze nach Mexiko oder China zurück- zuführen, wenngleich eine sorgfältige Ana- lyse der Arbeitsmarkttrends eine solche Behauptung in Frage stellt. Wo auch immer die Gründe dafür liegen mögen, in den USA zeichnet sich seit der Jahrtausendwende ganz eindeutig ein rasches Produktionswachstum ab, das aber mit einem Beschäftigungsrück- gang einhergeht. Eine der wichtigsten Debatten der letzten Jahre betraf die „Globalisierung“ rund um die zunehmende wirtschaftliche Integration

Vorwort

verschiedener Länder. Die US-Amerikaner mussten feststellen, dass heute kein Land mehr eine wirtschaftliche Insel ist. Einwan- derung und internationaler Handel haben tiefgreifende Auswirkungen auf die angebo- tenen Güter, auf die Preise, die wir bezahlen, und die Löhne, die wir verdienen. In den USA können terroristische Angriffe der Wirtschaft enormen Schaden zufügen, wäh- rend in Afrika Kriege zu Hungersnöten füh- ren und auf den Lebensstandard drücken. Niemand kann die Auswirkungen der stetig wachsenden Handels- und Kapitalflüsse ver- stehen, ohne die Theorie des komparativen Vorteils studiert zu haben. Die 18. Auflage von Volkswirtschaftslehre enthält daher mehr Material über die internationale Wirtschaft und die Wechselwirkungen zwischen interna- tionalem Handel und den binnenwirtschaft- lichen Entwicklungen.

6. Die konkurrierenden Schulen der Makro- ökonomie. Eine der Hauptschwierigkeiten im Verständnis unserer modernen Volkswirt- schaften besteht in den unterschiedlichen An- sätzen konkurrierender makroökonomischer Schulen. Häufig müssen sich Dozenten fragen, wie ihre Studenten einen Gegenstand verste- hen sollen, dessen Exponenten untereinander so uneinig sind. Doch so abfällig manche Äu- ßerungen über die Zersplitterung der moder- nen Makroökonomie auch sein mögen – wir halten die herrschende Vielfalt für ein Zeichen von Gesundheit und bevorzugen die lebendi- ge Debatte gegenüber einem selbstzufriede- nen, alles überdeckenden Konsens. Die 18. Auflage von Volkswirtschaftslehre analysiert die wichtigsten Schulen der moder- nen Makroökonomie im Rahmen der Orga- nisationsstruktur von gesamtwirtschaftlicher Nachfrage und gesamtwirtschaftlichem An- gebot. Wir zeigen, wie die Makroökonomie der keynesianischen, der klassischen und neo- klassischen sowie der realen Konjunkturtheo- rie und die verschiedenen monetaristischen Schulen zu verstehen sind, nämlich als Strö- mungen, die einfach unterschiedliche Aspek- te der Erwartungen auf dem Markt, der

Vorwort

Markträumung und der Gesamtnachfrage auf dem Markt betonen. Jede dieser Schulen wird kurz und prägnant präsentiert und – ohne zu polemisieren – mit der Konkurrenz vergli- chen. Für jede Theorie werden empirische Belege angeführt und evaluiert. Die wichtigs- ten Schulen sind in Kapitel 33, „Die unter- schiedlichen Lehrmeinungen in der Mak- roökonomie“, dargestellt. Außerdem verwei- sen wir auf wichtige politische Implikationen der verschiedenen Ansätze. Ökonomen gehen heute vermehrt dazu über, die bestimmenden Faktoren für ein langfristiges Wirtschaftswachstum, die jüngs- ten Zuwächse im Produktivitätswachstum und die Entwicklung von Innovationen und neuem technologischem Know-how zu unter- suchen. Hierbei gilt es, das Wirtschaftswachs- tum an die Spitze und ins Zentrum unserer Überlegungen zu stellen, um unseren Stu- denten die moderne Debatte über die Rolle von Staatsverschuldung und Defiziten ver- ständlich zu machen. Die 18. Auflage von Volkswirtschaftslehre stellt sich dieser Aufga- be, indem sie Wachstumstheorien und Daten im zentralen Abschnitt über die Makroöko- nomie zusammenfasst.

7. Klarheit und Transparenz . Obwohl die vorliegende Auflage von Volkswirtschaftsleh- re viel Neues enthält, war unser Hauptziel auf dieser Reise durch die Gefilde der Volkswirt- schaft eine möglichst klare und transparente Darstellung. Studenten der Wirtschaftswis- senschaften unterscheiden sich in ihrem fa- miliären und Bildungshintergrund, und sie kommen mit einer Menge Vorwissen und bestimmten Vorstellungen darüber, wie die Welt funktioniert, in die Hörsäle. Unsere Aufgabe ist es nicht, die Wertvorstellungen der Studenten zu ändern. Wir bemühen uns, interessierten Studenten ein Verständnis der dauerhaften volkswirtschaftlichen Grundsät- ze zu vermitteln, die sie so besser anwenden können, um die Welt zu verändern: zu ihrem eigenen Nutzen sowie zu demjenigen ihrer Familien und ihres Umfeldes. Nichts fördert das Verständnis wirtschaftlicher Zusammen-

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hänge mehr als eine klare, einfache Darle- gung.Wir haben jede einzelne Seite in diesem Buch unter diesem Gesichtspunkt überarbei- tet und dazu Tausende von Meinungen und Vorschlägen zahlreicher Lehrkräfte und Stu- denten eingeholt, die wir nach Möglichkeit berücksichtigt und in diese 18. Auflage haben einfließen lassen.

Freiwillige vor

VWL-Kurse können ebenso in Form einer Kurzeinführung von der Dauer eines Trimes- ters wie in jahrelangen Intensivlehrgängen abgehalten werden. Dieses Buch wurde sehr sorgfältig zusammengestellt, sodass es sich in den unterschiedlichsten Situationen anwen- den lässt. Spezifisches Material für Fortge- schrittene wurde in eigene Abschnitte und Kapitel sortiert. Diese sollen neugierige Stu- denten und die Teilnehmer fortgeschrittener Kurse ansprechen, in denen die gesamte Dis- ziplin gründlich gelehrt wird. Wir haben in den Übungen zu den Kapiteln auch einige schwierigere Fragen angeführt, um beson- ders Interessierten ein paar harte Nüsse zum Knacken zu geben. Wenn in Ihrem Kurs rasch vorgegangen wird, werden Sie die ausgeklügelte Strukturie- rung des schwierigeren Materials zu schätzen wissen. In Crashkursen können die Abschnitte für Fortgeschrittene und Interessierte prob- lemlos übersprungen werden, während man sich ganz auf die Kerngebiete der volkswirt- schaftlichen Analyse konzentriert, ohne den Faden der ökonomischen Theorien aus den Augen zu verlieren. Dieses Buch stellt selbst für fortgeschrittene junge Wirtschaftswissen- schaftler noch so manche Herausforderung dar. Uns liegen Schreiben führender moder- ner Ökonomen vor, in denen sie uns erklären, auf ihrem gesamten Weg zum Dr. rer.oec. hätten sie sich stets auf Volkswirtschaftslehre verlassen können.

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Das Format

In der vorliegenden 18.Auflage wurden wichti- ge Themen nach Möglichkeit näher illustriert. Unsere Leser stoßen dabei immer wieder auf Warnhinweise für Einsteiger, praktische volks- wirtschaftliche Anwendungsbeispiele und bio- grafisches Material über große Ökonomen der Vergangenheit und Gegenwart an. Diese zen- tralen Themen werden übrigens nicht zusam- menhanglos präsentiert, sondern sind in die betreffenden Kapitel integriert, sodass der Le- ser, wenn er sich mit ihnen beschäftigt, seinen Gedankenfluss nicht unterbrechen muss.

Zu den Neuerungen der vorliegenden Aufla- ge gehören einige Übungsfragen am Ende der einzelnen Kapitel mit spezieller Beto- nung kurzer Problemstellungen, die zur Fes- tigung der wichtigsten im jeweiligen Kapitel behandelten Konzepte beitragen. Ist ein Begriff im Text fett gedruckt, so bedeutet dies, dass er an der betreffenden Stelle zum ersten Mal auftritt und als wichtiger volkswirtschaftlicher Terminus definiert wird. Trotz der zahlreichen Änderungen hat sich der seit der ersten Auflage vorherrschende Stil von Volkswirtschaftslehre in keiner Weise verändert: Wir bleiben bei unserem Konzept der einfachen Sätze, verständlichen Erklä- rungen und kurzen, prägnanten Tabellen und Grafiken.

Wer mit der Makroökonomie beginnen möchte…

Zwar wurde diese Auflage wie die früheren so konzipiert, dass zunächst der gesamte The- menkreis der Mikroökonomie behandelt wird, doch einige Dozenten bevorzugen den Einstieg über die Makroökonomie. Viele Fachleute sind davon überzeugt, dass Anfän- ger leichter Zugang zu makroökonomischen Themen finden und daher rascher ein Inte- resse an der Ökonomie entwickeln, wenn sie zunächst mit makroökonomischen Problem- stellungen konfrontiert werden. Wir haben

Vorwort

nach beiden Reihenfolgen unterrichtet und festgestellt, dass beide Ansätze durchaus brauchbar sind. Dieses Buch wurde daher so konzipiert, dass Sie damit unabhängig von Ihrer Heran- gehensweise arbeiten können. Lehrkräfte, die zunächst die Mikroökonomie durchneh- men möchten, können die Kapitel der Reihe nach vortragen. Wer hingegen Makroökono- mie für den besseren Einstieg hält, sollte von Teil I direkt auf Teil V springen und darf sich dabei darauf verlassen, dass Darstellung und Querverweise eigens mit Rücksicht auf seine Bedürfnisse gewählt wurden.

Zusätzliche Lehr- und Lernhilfen

Die in dieser Auflage enthaltenen Grafiken und Abbildungen können elektronisch als Po- werpoint-Folien angesehen werden (in engli- scher Sprache). Sie finden die Folien auf un- serer Website (www.mhhe.com/samuelson18). Hier können auch Kapitelzusammenfassun- gen, praktische Tests zur Selbstbenotung, Web- Fragen und Links zu den Websites abgerufen werden, die zur weiteren Recherche am Ende eines jeden Kapitels vorgeschlagen werden.

Volkswirtschaftslehre im Computerzeitalter

Das elektronische Zeitalter hat die Art, wie Lehrkräfte und Studenten Zugang zu Infor- mationen erhalten, von Grund auf verändert. In der Ökonomie eröffnet uns die Informa- tionsrevolution einen hervorragenden Zugang zu volkswirtschaftlichen Statistiken und For- schungsarbeiten. Ein wesentliches Merkmal der vorliegenden 18. Auflage ist der Abschnitt „Volkswirtschaftslehre und Internet“, der un- mittelbar im Anschluss an dieses Vorwort ein- gefügt wurde. Dieser kleine Abschnitt bietet einen Überblick über die Situation der Volks- wirtschaftslehre auf der Datenautobahn. Darüber hinaus enthält jedes Kapitel am Ende einen aktualisierten Abschnitt mit Vor- schlägen für weiterführenden Lesestoff sowie

Vorwort

Adressen von Websites, die sich für vertiefen- de Studien eignen oder zusätzliche Daten und Fallstudien anbieten.

Dank

Dieses Buch hat nur zwei Autoren, aber eine Vielzahl wertvoller Mitarbeiter. Wir sind un- seren Kollegen, Lektoren, Studenten und dem Personal von McGraw-Hill für ihre Bei- träge zur termingerechten Fertigstellung der 18. Auflage von Volkswirtschaftslehre zu gro- ßem Dank verpflichtet. Unter den Kollegen am MIT, in Yale und anderswo, die uns großzügigerweise mit Hinweisen und Vor- schlägen unterstützt haben, möchten wir Wil- liam C. Brainard, E. Cary Brown, John Gea- nakoplos, Robert J. Gordon, Lyle Gramely, Paul Joskow, Alfred Kahn, Richard Levin, Robert Litan, Barry Nalebuff, Merton J. Peck, Gustav Ranis, Herbert Scarf, Robert M. Solow, James Tobin, Janet Yellen und Gary Yohe besonders hervorheben. Profitiert haben wir aber auch vom uner- müdlichen Engagement vieler Lehrkräfte, de- ren wertvolle Unterrichtserfahrung in diese Auflage eingeflossen ist. Unser besonderer Dank gilt außerdem den Lektoren dieser 18. Auflage. Es sind dies:

Mohammad Akacem, University of Colorado, Denver Mohua Das, Centre College George Euskirchen, Thomas More College Adam Forest, Seattle University Satyajit Ghosh, University of Scranton Aroop Mahanty, University of Maryland Donald Milley, Youngstown State University Ibrahim Oweiss, Georgetown University Dennis Petruska, Youngstown State University Edward Scahill, University of Scranton

Die Studenten am MIT, in Yale, aber auch an anderen Colleges und Universitäten haben uns bei der Abfassung dieses Buches als „virtuelles College“ gedient. Von ihnen wer- den wir laufend getestet; sie fordern uns heraus und haben uns so hoffentlich gehol-

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fen, in dieser Auflage weniger Fehler zu ma- chen als in der vorigen. Obwohl wir sie natürlich nicht alle nennen können, ist ihr wertvoller Einfluss in jedem einzelnen Kapi- tel spürbar. Nancy King in New Haven möch- ten wir wegen ihrer großen logistischen Hilfe besonders erwähnen. Dieses Projekt wäre außerdem ohne das hervorragende Team von McGraw-Hill, das dieses Buch in jedem Stadium wie ein Kind gehegt und gepflegt hat, nie zustande gekom- men. Wir danken – in chronologischer Rei- henfolge ihres Auftretens – vor allem folgen- den Personen: Cheflektorin Lucille Sutton, Lektorin Karen Minnich, Lektoratsassisten- tin Becca Hicks, Projektmanagerin Susanne Riedell, Herstellungsleiterin Becky Szura und Marketingleiter Marty Quinn. Dieser Gruppe von Spitzenkräften ihres Fachs ge- lang es schließlich, einen Stoß Disketten und einen Berg Papier in ein fein abgestimmtes Kunstwerk zu verwandeln.

Ein Wort an den selbstständigen Studenten

Sie haben in Ihren Geschichtslehrbüchern über Revolutionen gelesen, die Zivilisatio- nen bis in ihre Grundfesten erschütterten – religiöse Konflikte, Kriege um politische Be- freiung, Kämpfe gegen Kolonialismus und Imperialismus. Noch vor einem Jahrzehnt schienen wirtschaftliche Revolutionen in Osteuropa, in der früheren Sowjetunion, in China und anderswo die Gesellschaften die- ser Länder zu spalten. Junge Menschen rissen Mauern nieder, hoben etablierte Mächte aus dem Sattel und gingen für Demokratie und Marktwirtschaft auf die Straßen, weil sie mit ihren zentralistisch geführten sozialistischen Regierungen unzufrieden waren.

Studenten wie Sie selbst agitieren, demons- trieren und gehen in vielen Ländern sogar ins Gefängnis, um radikale Ideen studieren und aus westlichen Lehrbüchern wie diesem ler- nen zu dürfen, in der Hoffnung, irgendwann

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die Freiheit und den wirtschaftlichen Wohl- stand demokratischer Marktwirtschaften zu genießen.

Der Markt der volkswirt- schaftlichen Theorien

Für welchen Markt agitieren eigentlich die Studenten unterdrückter Gesellschaften? Auf den folgenden Seiten werden Sie über Märkte für Aktien und Anleihen, mexikani- sche Pesos und europäische Euros, Hilfsar- beiter und hoch spezialisierte Neurochirur- gen lesen. Wahrscheinlich haben Sie in der Zeitung schon über das Bruttoinlandspro- dukt, den Verbraucherpreisindex, den Ak- tienmarkt und die Arbeitslosenquote gele- sen. Nach einem gründlichen Studium dieses Buches werden Sie genau wissen, was diese Begriffe bedeuten. Wichtiger noch, Sie wer- den die bedeutenden volkswirtschaftlichen Kräfte verstehen, die hinter diesen Begriffen stehen. Es gibt aber auch einen Markt der Ideen, auf dem konkurrierende volkswirtschaftliche Schulen ihre Theorien feilbieten und versu- chen, die Gemeinde ihrer wissenschaftlichen Kollegen zu überzeugen. Wir möchten Ihnen

Vorwort

in den folgenden Kapiteln einen fairen und unparteiischen Überblick über die Denkwei- sen der intellektuellen Giganten unseres Be- rufsstandes bieten – von den frühen Öko- nomen wie Adam Smith, David Ricardo und Karl Marx bis hin zu den Titanen unserer Tage wie John Maynard Keynes, Milton Friedman und James Tobin.

Also dann – Gute Reise!

Wundern Sie sich nicht, wenn Sie vor Ihrer Reise ins Land der Märkte von unbestimm- ten Ängsten geplagt werden – das ist durch- aus normal. Doch fassen Sie sich ein Herz. Sie müssen nämlich wissen: Wir, die Autoren, beneiden Sie, den Anfänger, um die bevorste- hende aufregende Erkundungsfahrt in die Welt der Ökonomie! Das ist eine Erfahrung, die man so packend leider nur ein einziges Mal im Leben machen kann. Also lassen Sie sich von uns noch einmal zurufen: Gute Rei- se!

Paul A. Samuelson William D. Nordhaus

Für den Studenten: Volkswirtschaftslehre und Internet
Für den Studenten:
Volkswirtschaftslehre und Internet

Das Informationszeitalter hat unser aller Leben grundlegend umgewälzt. Sein Einfluss auf Wis- senschaftler und Studenten ist so groß, weil es jedermann kostengünstig und schnell Zugang zu enormen Informationsmengen eröffnet. Das Internet, ein riesiges und stetig wachsendes öffentliches Netz untereinander verbundener Rechner und Informationen, verändert für je- den von uns Studium, Einkaufsgewohnheiten, Kulturaustausch und Kommunikation mit Freunden und Angehörigen. Als Volkswirtschaftler erhalten wir über das Internet raschen Zugang zu Statistiken und Forschungsdaten. Auf einen einfachen Mausklick finden wir die neueste Arbeitslo- senquote, erhalten Informationen zu den Themen Armut und Einkommensverteilung oder können die Verflechtungen unseres Bankensystems ergründen. Noch vor weni- gen Jahren hätte es vielleicht Wochen gedau- ert, die Daten zur Analyse eines wirtschaft- lichen Problems zu beschaffen. Heute, mit einem Computer und ein wenig Übung, ist diese Aufgabe in wenigen Minuten erledigt. Dieses Buch ist kein Handbuch für das erfolgreiche Surfen auf der Datenautobahn. Diese Fertigkeit lässt sich problemlos in ein- schlägigen Kursen oder auch im Selbststu- dium erlernen. Nein, wir möchten Ihnen ver- raten, wo sich die wichtigsten Quellen für volkswirtschaftliche Daten und Forschungs- informationen befinden. Mit diesem „Plan“ und einigen rudimentären Navigationskennt- nissen können Sie die verschiedenen Websi- tes erkunden und werden dort eine reiche Fülle an Daten, Informationen, Studien und

Chatrooms finden. Außerdem haben wir an das Ende jedes Kapitels eine Liste mit den nützlichsten Websites gestellt, die Sie ver- wenden können, um die Hauptthemen der einzelnen Kapitel weiter zu verfolgen. Bitte beachten Sie, dass einige dieser Web- sites gratis benutzt werden können, während bei anderen eine Registrierung erforderlich oder der Zugang nur über ein College oder eine Universität möglich ist; wiederum ande- re sind gebührenpflichtig. Die Gepflogenhei- ten ändern sich außerdem rasch, und obwohl wir bemüht waren, überwiegend kostenlos zugängliche Sites anzuführen, wollten wir doch qualitativ hochwertige Internetseiten nicht nur deshalb weglassen, weil sie gebüh- renpflichtig sind.

Daten und Institutionen

Das Internet ist heute eine unverzichtbare Quelle nützlicher Daten und Informationen. Da die meisten volkswirtschaftlichen Daten von staatlichen Stellen bereitgestellt werden, sollte man sich zunächst auf den Webpages staatlicher Behörden und internationaler Or- ganisationen auf die Suche begeben. Ein Ausgangspunkt für staatliche Statistiken aus den USA wäre etwa die Site www.fedstats. gov, die Bundesstatistiken aus einer Hand sowie Links zu über 70 staatlichen statisti- schen Institutionen bietet. Die Quellen sind nach Themenbereichen oder Behörden ge- ordnet und verfügen über eine durchgehende Suchfunktion. Eine weitere gute Einfüh-

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rungsseite in das amerikanische Statistiksys- tem auf Bundesebene ist der Economic Stati- stics Briefing Room unter www.whitehouse. gov/fsbr/esbr.html. Zusätzlich betreibt das US-Handelsministerium eine sehr große Da- tenbank unter www.stat-usa.gov, doch die Verwendung eines Teils dieser Datenbank erfordert ein Abonnement (das Sie mögli- cherweise über Ihre Universität bekommen). Die beste eigenständige statistische Quelle für Daten über die Vereinigten Staaten ist der so genannte Statistical Abstract of the United States , der einmal jährlich herausgegeben wird. Er steht unter der Adresse www.census. gov/compendia/statab online zur Verfügung. Einen Überblick über die US-Wirtschaft bie- tet der Economic Report of the President unter www.gpoaccess.gov/eop/index.html. Ein Großteil der wichtigsten Wirtschafts- daten wird von speziellen Behörden veröf- fentlicht. So findet man etwa allgemeine Daten über das US-Handelsministerium (Department of Commerce), zu dem auch das Bureau of Economic Analysis (BEA, www.bea.gov) und das Census Bureau (www.census.gov) gehören. Die BEA-Websi- te beinhaltet alle Daten und Artikel, die im Survey of Current Business veröffentlicht werden, darunter auch Daten über das Brut- toinlandsprodukt sowie Handels-, Kapital- und Leistungsbilanzen, internationale Han- dels- und Investitionsflüsse, Daten zu Indus- trieproduktion, Wirtschaftswachstum und Haushaltseinkommen sowie Arbeits- und Regionaldaten. Die Website des Census Bureau bietet weit mehr als nur reine Volkszählungsergebnisse. Hier findet man Wirtschaftsumfragen ebenso wie Informationen über Wohnungsbau, Ein- kommensstatistiken und Armut, die staatli- chen Finanzen, Landwirtschaft, Außenhandel, Bauwesen, Produktion, Transport sowie über den Groß- und Einzelhandel. Zusätzlich zum Angebot dieser Publikationen durch das Cen- sus Bureau können Nutzer über die Website maßgeschneiderte Auszüge aus bekannten

Vorwort

Mikrozensus-Ergebnissen erhalten, darunter Survey of Income und Program Participation, Consumer Expenditure Survey, Current Po- pulation Survey, American Housing Survey und natürlich die jüngste Volkszählung. Das Bureau of Labor Statistics (unter www.bls.gov) bietet einfachen Zugang zu häufig nachgefragten Arbeitsdaten, ein- schließlich der jeweiligen Beschäftigungs- und Arbeitslosenzahlen, Preise und Lebens- bedingungen, Löhne, sowie zu Produktivität und Technologie. Ebenso verfügbar sind Ar- beitsmarktdaten aus jüngsten Volkszählun- gen und Lohnstatistiken aus dem jeweiligen Employment Statistics Survey. Eine nützliche Quelle für Finanzdaten ist die Website des Federal Reserve Board (der US- Zentralbank) unter www.federalreserve.gov. Diese Seite bietet historische Wirtschafts- und Finanzdaten der USA, darunter die täglichen Zinssätze, Geld- und Wirtschaftsindikatoren, Wechselkurse, Zahlungsbilanzdaten sowie Preisindizes. Zusätzlich stellt das Office of Ma- nagement and Budget unter www.gpoac- cess.gov/usbudget/index.html das Bundesbud- get und zugehörige Dokumente zurVerfügung. Internationale Statistiken sind häufig schwerer zu finden. Die Weltbank informiert unter www.worldbank.org über ihre Pro- gramme und Publikationen, der Internatio- nale Währungsfonds oder IMF (International Monetary Fund) unter www.imf.org. Die UNO-Website (www.unsystem.org) ist ein wenig langsam und verwirrend, bietet jedoch Links zu den meisten internationalen Institu- tionen und deren Datenbanken. Eine gute Informationsquelle über die Industriestaaten ist die OECD, die Organisation für Wirt- schaftliche Zusammenarbeit und Entwick- lung, unter www.oecd.org/home. Die OECD- Website enthält zahlreiche Informationen über Wirtschaft, Bildung, Gesundheit, Wis- senschaft und Technologie, Landwirtschaft, Energie, öffentliche Verwaltung und andere Themen.

Vorwort

Wirtschaftsforschung und Journalismus

Das Internet wird derzeit in Windeseile zur Bibliothek der ganzen Welt. Zeitungen, Maga- zine und wissenschaftliche Publikationen er- scheinen immer häufiger in elektronischer Form. Die meisten von ihnen präsentieren einfach nur das, was bereits auf Papier ge- druckt wurde. Einige interessante Quellen fin- den sich beim Economist unter www.econo- mist.com und bei der Financial Times (www.ft.com). Das Wall Street Journal unter http://online.wsi.com/public/us ist derzeit teuer und als Informationsquelle vom Kosten-Nut- zen-Verhältnis her unbefriedigend. Laufende politische Themen werden unter www.poli- cy.com diskutiert. Das Online-Magazin Slate unter www.slate.com enthält gelegentlich aus- gezeichnete volkswirtschaftliche Artikel. Was wissenschaftliche Publikationen an- geht, stellen viele Journale ihre Texte online zur Verfügung. WebEc bietet unter www. helsinki.fi/WebEc/ eine Liste der Websites vieler verschiedener Wirtschaftszeitschriften. Die Archive zahlreicher Journale stehen au- ßerdem unter www.jstor.org zur Verfügung. Es gibt mittlerweile einige Websites, die unterschiedlichste Ressourcen bündeln und zusammenfassen. Ein Ausgangspunkt wäre etwa Resources for Economists on the Inter- net, finanziert von der American Economic Association und herausgegeben von Bill Goffe, unter www.rfe.org. Neueste wissen- schaftliche Forschungsergebnisse in Form von Arbeitspapieren bietet die Website des National Bureau of Economic Research (NBER) unter www.nber.org. Die NBER- Seite enthält auch allgemeine Ressourcen, darunter Links zu Datenquellen und offiziel- len US-Konjunkturdaten. Eine hervorragende Seite, die als Archiv und Ablage von Arbeitspapieren dient, befin- det sich unter econwpa.wustl.edu/wpawel- come.html. Diese Seite eignet sich besonders für die Suche nach Hintergrundmaterial für Seminar- und Diplomarbeiten.

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Haben Sie eigentlich schon gehört, dass man die Volkswirtschaftslehre auch als die trostlose Wissenschaft bezeichnet? Unter ne- tec.mcc.ac.uk/JokEc.html können Sie über Ökonomenwitze, die meist auf Kosten der Ökonomen selbst gehen, herzlich lachen.

Ein Wort zur Warnung

Denken Sie daran, dass angesichts des rapi- den technologischen Wandels unsere Liste schon bald nicht mehr aktuell sein wird. Täglich erscheinen neue Sites mit wertvollen Informationen und Daten, andere verschwin- den fast ebenso rasch. Bevor Sie sich nun auf die Reise in die wunderbare Welt des Internets begeben, möchten wir Ihnen noch ein klein wenig Expertenweisheit mit auf den Weg geben. Denken Sie einfach an das alte Sprichwort:

Sorgfalt zahlt sich aus.

Im Fall des Internets bedeutet dies, dass man sich unbedingt vergewissern sollte, ob Quel- len und Daten verlässlich sind. Das Netz lässt sich wie andere elektronische Medien auch einfach gebrauchen und genauso einfach missbrauchen.

In der Volkswirtschaftslehre ist das WWW das, was einem Gratisessen am nächsten kommt. Doch Sie sollten sich Ihr Gericht vorher sorg- fältig zusammenstellen, damit es mundet und gut verdaulich ist.

Deutschsprachige Websites

Es gibt praktisch zu allen in diesem Buch behandelten Themen und Konzepten zahlrei- che deutschsprachige Websites. Sie werden vielfach von einzelnen Universitätsinstituten ins Netz gestellt und unterscheiden sich er- heblich im Hinblick auf Inhalt und Umfang sowie in Bezug auf ihre Kurz- oder Langle- bigkeit. Einige Professoren bieten Übersich- ten oder Inhaltsangaben ihrer Vorlesungen

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im aktuellen Semester – wer nicht an der betreffenden Universität studiert, wird da- raus wenig Nutzen ziehen. Mitunter sind diese Übersichten um Literaturverzeichnisse ergänzt – das ist hilfreicher, aber vermutlich werden Sie dort, wo Sie selbst studieren, entsprechende Literaturlisten bekommen. Wer sich ausführlich mit einzelnen Aspekten befassen will, wird ohnehin bibliografieren müssen. Manche Lehrstühle bieten auch Hinter- grundwissen und/oder Übungsaufgaben zu einzelnen Themen – Letztere nicht immer mit Lösung, was darauf hindeutet, dass sie für die Studenten am betreffenden Institut gedacht sind und in eigenen Übungsveranstaltungen besprochen werden. Es wird in diesem Buch generell auf Emp- fehlungen derartiger oder ähnlicher Websites verzichtet, weil sie sich häufig von Semester zu Semester ändern und ein Zusatznutzen für den Leser dieses Buches nicht immer gege- ben ist. Aufgelistet werden, außer Angaben zur gängigen Fachliteratur, nur solche Websi- tes, bei denen man annehmen kann, dass sie bis zur nächsten Auflage dieses Buches Be- stand haben werden und einen Nutzen bieten können. Im Bereich Mikroökonomie handelt es sich dabei vielfach um Websites, die Be- griffsdefinitionen (mit oder ohne Beispiele) aufführen; in der Makroökonomie werden überwiegend Hinweise auf Quellen aktueller Wirtschaftsdaten beziehungsweise Untersu- chungen der tatsächlichen Wirtschaftsent- wicklung gegeben. Die umfassendste Samm- lung aktueller und historischer Wirtschafts- daten bietet das Statistische Bundesamt unter www.destatis.de. Eine gute Hilfe bei der Beschaffung wissen- schaftlicher Literatur ist Gallileus (www.lali- sio.com). Die Website ermöglicht die beque- me Suche innerhalb eines umfassenden Pools an Büchern sowie Zeitschriften- und Zei- tungsartikeln. Die gewünschte Literatur kann bestellt und zur elektronischen Weiterverar- beitung heruntergeladen werden.

Vorwort

Teil 1

Teil 1 Die Grundlagen

Die Grundlagen

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KAPITEL 1

Die Grundlagen der Volkswirt- schaft

Das Zeitalter des Rittertums ist dahin; das der Sophisten, Krämer und Pfennigfuchser hat obsiegt.

Edmund Burke

A. Einleitung

Zu Beginn Ihrer Studien stellen Sie sich vielleicht die Frage nach dem Warum – wa- rum sollten Sie sich mit Volkswirtschaft be- schäftigten? Nun, viele Leute tun das, und aus einer ganzen Reihe von Gründen. Manche hoffen sicher auf das schnelle Geld. Andere würden sich wie Analphabeten fühlen, verstünden sie nichts von den Geset- zen des Angebots und der Nachfrage. Wieder andere wollen wissen, wie das Computer- und Informationszeitalter unsere Gesellschaft prägt oder warum in den letzten Jahren die Einkommensungleichheit in den USA so drastisch zugenommen hat.

Wem die Stunde schlägt

Alle genannten Gründe, sich für das Studium der Volkswirtschaft zu entscheiden, und noch viele andere mehr, sind nachvollziehbar und sinnvoll. Und doch gibt es nach unserer Er- kenntnis einen Hauptgrund, die Grundlagen der Ökonomie kennen zu lernen: Unser gan- zes Leben lang – sozusagen von der Wiege bis zur Bahre – haben wir mit den brutalen Wahr- heiten der Ökonomie zu kämpfen. Als Wähler müssen wir Entscheidungen treffen, deren In- halt wir gar nicht verstehen können, ohne die Grundlagen der Volkswirtschaftslehre zu ken- nen. Ohne die Auseinandersetzung mit wirt- schaftlichen Fragen sind wir nicht umfassend über den internationalen Handel, die wirt- schaftlichen Auswirkungen des Internet oder die Wechselbeziehung zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit informiert. Die Berufswahl ist die wichtigste wirt- schaftliche Entscheidung unseres Lebens. Unsere Zukunft hängt aber nicht nur von unseren Fähigkeiten ab, sondern auch von den ökonomischen Kräften, die, ohne dass wir darauf Einfluss nehmen können, etwa unser Gehalt bestimmen. Etwas ökonomi- sches Verständnis kann beispielsweise sehr

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hilfreich sein, wenn wir die Ersparnisse, die von unserem Einkommen übrig bleiben, an- legen. Natürlich macht uns das Studium der Volkswirtschaft nicht gleich zum Genie. Fehlt uns aber jedes wirtschaftliche Verständnis, sind wir jedenfalls im Nachteil. Diese Frage sollte damit also beantwortet sein. Wir, die Autoren, hoffen jedoch darüber hinaus, dass Sie das Studium der Volkswirt- schaft nicht nur als nützlich, sondern auch persönlich als faszinierend empfinden wer- den. Ganze Generationen von Studenten ha- ben, häufig sehr zu ihrer Überraschung, fest- gestellt, wie stimulierend die Erforschung wirtschaftlicher Zusammenhänge sein kann.

Knappheit und Effizienz:

Ein Zwilling kommt selten allein

Was bedeutet eigentlich der Begriff Ökono- mie oder Volkswirtschaft? Nun – das, was diese Vokabel beschreibt, ist in den letzten 50 Jahren enorm angewachsen und umfasst heu- te eine ganze Reihe von Themenstellungen. Doch wie definieren wir diese rasch expan- dierenden Fächer und Themen? 1 Hier die wichtigsten Aufgaben der Ökonomik:

Die Volkswirtschaftslehre befasst sich mit dem Verhalten der Finanzmärkte, etwa mit Zinssätzen und Aktienkursen.

Sie untersucht die Gründe, warum manche Menschen und Länder hohe Einkommen erzielen, andere aber arm sind. Gleichzei- tig zeigt sie Möglichkeiten auf, den Le- bensstandard der Armen zu heben, ohne der Wirtschaft Schaden zuzufügen.

1 Diese Liste enthält mehrere volkswirtschaftliche Fachausdrücke. Zum Verständnis der Volkswirtschaftslehre gehört unbedingt auch das Beherrschen ihrer Terminologie. Wenn Sie einen bestimmten Begriff oder einen Satz nicht verstehen, schlagen Sie bitte im Glossar hinten in diesem Buch nach. Darin sind die meisten der in diesem Buch verwendeten Fachausdrücke erklärt. Alle fett gedruckten Begriffe werden im Glossar erläutert.

Die Grundlagen

Teil 1

Sie verfolgt das Auf und Ab der Konjunk- turzyklen, der Arbeitslosigkeit sowie der Inflation und erkundet Maßnahmen zu deren Dämpfung.

Sie erforscht Handel und Finanzwesen auf internationaler Ebene und fragt nach den Auswirkungen der Globalisierung.

Sie verfolgt das Wachstum in den Entwick- lungs- und Schwellenländern und erarbei- tet Vorschläge für einen effizienten Res- sourceneinsatz.

Sie fragt, wie staatliche Politik erfolgreich für wichtige Ziele, etwa für ein rasches Wirt- schaftswachstum, einen effizienten Einsatz der Mittel, für Vollbeschäftigung, Preisstabi- lität und eine gerechte Einkommensvertei- lung, eingesetzt werden kann.

Doch so aussagekräftig diese Auflistung auch ist, man könnte sie jederzeit um ein Vielfaches erweitern. Und wenn wir nach der Quint- essenz all dieser Definitionen suchen, erken- nen wir ein gemeinsames Thema:

Die Volkswirtschaftslehre oder Ökonomie ist die Wissenschaft vom Einsatz knapper Res- sourcen zur Produktion wertvoller Wirtschafts- güter durch die Gesellschaft und von der Ver- teilung dieser Güter in der Gesellschaft.

Hinter dieser Definition stecken zwei we- sentliche, immer wiederkehrende ökonomi- sche Grundsätze: Güter sind knapp, und die Gesellschaft muss ihre Ressourcen effizient einsetzen. Die Volkswirtschaftslehre bezieht ihre Bedeutung gerade aus der Knappheit der Güter und aus dem Wunsch nach ihrem effizienten Einsatz. Versuchen Sie einmal, sich eine Welt ganz ohne Knappheit vorzustellen. Welche Folgen hätte es, könnte man unbegrenzte Mengen aller Güter herstellen oder die Bedürfnisse der Menschheit vollständig befriedigen? Die Leu- te müssten mit ihren beschränkten Einkom- men nicht mehr haushalten, denn sie bekämen ohnehin alles, was sie wollen; die Unterneh-

Kapitel 1

Die Grundlagen der Volkswirtschaft

men bräuchten sich wegen der Arbeitskosten und Sozialleistungen für ihre Mitarbeiter keine grauen Haare wachsen zu lassen; Regierungen würden sich nicht mit Steuern, Ausgaben oder Umweltverschmutzung herumschlagen, denn all das wäre völlig uninteressant. Mehr noch:

Weil wir alles Gewünschte haben könnten, würde sich kein Mensch mehr Gedanken über die Einkommensverteilung zwischen Individu- en oder Gruppen machen. In einem solchen Paradies wären alle Gü- ter genauso frei wie der Sand in der Wüste oder das Wasser im Meer. Die Preise wären alle Null, Märkte überflüssig. Und die gesam- te Volkswirtschaftslehre? Vollkommen unin- teressant und unnötig. Offenbar hat aber bisher keine einzige Gesellschaft dieses Utopia der unbegrenzten Möglichkeiten erreicht. Unsere Welt ist nach wie vor von Knappheit geprägt, und sie ist voll von Wirtschaftsgütern. Knappheit bedeu- tet, dass weniger Güter vorhanden sind, als eigentlich erwünscht wären. Ein objektiver Beobachter müsste uns wohl zustimmen, dass selbst nach zwei Jahrhunderten starken Wirt- schaftswachstums der Produktionsoutput der USA nicht ausreicht, um alle Wünsche zu befriedigen. Betrachtet man die Summe aller Wünsche und Bedürfnisse, stellt man sehr schnell fest, dass es einfach nicht genügend Güter und Dienstleistungen gibt, um auch nur einen Bruchteil der vorhandenen Konsumbe- dürfnisse zu befriedigen. Unsere nationale Produktionsleistung müsste um ein Vielfa- ches größer sein, wollten alle Amerikaner den durchschnittlichen Lebensstandard eines Arztes oder Baseballstars erreichen. Und au- ßerhalb der USA, vor allem in Afrika, leiden Hunderte Millionen von Menschen bis heute unter akutem Hunger und großer Armut. Angesichts der grenzenlosen Bedürfnisse kommt es also darauf an, wie eine Wirtschaft aus ihren knappen Ressourcen das Optimum herausholen kann. Damit kommen wir zum entscheidenden Begriff der Effizienz. Effizi- enz bezeichnet den möglichst effektiven Ein- satz der Ressourcen einer Gesellschaft zur Befriedigung der Wünsche und Bedürfnisse

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ihrer Menschen. Stellen Sie sich im Gegen- satz dazu eine Wirtschaft mit unkontrollier- ten Monopolen oder gesundheitsschädlicher Umweltverschmutzung oder einer korrupten Regierung vor. Sie würde weniger produzie- ren, als auf Grund ihrer Ressourcen möglich wäre, oder ihren Konsumenten eine verzerrte Kombination aus Gütern anbieten – beides eine ineffiziente Allokation der verfügbaren Produktionsfaktoren.

Volkswirtschaftlich betrachtet sprechen wir von Efzienz, wenn eine Wirtschaft nieman- den besser stellen kann, ohne zugleich einen anderen schlechter zu stellen.

Das Wesen des Wirtschaftens besteht in der Anerkennung der Knappheit als Realität und in einer gesellschaftlichen Organisation, die einen möglichst effizienten Ressourceneinsatz zulässt. Dazu kann die Volkswirtschaftslehre einen entscheidenden Beitrag leisten.

Mikroökonomie und Makroökonomie

Zumeist wird Adam Smith als Begründer der Mikroökonomie bezeichnet, jenes Zweiges der Volkswirtschaft, der sich heute mit dem Verhalten einzelner Wirtschaftseinheiten wie der Märkte, der Unternehmen und der Haus- halte beschäftigt. In seinem Schlüsselwerk, The Wealth of Nations (Der Reichtum der Nationen, erschienen 1776), legte Smith dar, wie sich einzelne Preise bilden; er studierte die Entstehung der Preise für Grund und Boden, Arbeit sowie Kapital und untersuchte die Stärken und Schwächen des Marktme- chanismus. Vor allem aber erkannte er die bemerkenswerte Effizienz der Märkte und sah, dass aus dem Eigennutz des Einzelnen volkswirtschaftlicher Nutzen erwächst. Diese Themen sind bis heute von Bedeutung, und obwohl die Mikroökonomie seit den Tagen des Adam Smith enorme Fortschritte ge- macht hat, wird er von Politikern und Ökono- men gleichermaßen bis heute zitiert.

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Der andere große Zweig der Volkswirt- schaftslehre ist die Makroökonomie, die sich mit der wirtschaftlichen Gesamtleistung be- fasst. Die Makroökonomie in ihrer moder- nen Form entstand erst im Jahr 1936, als John Maynard Keynes sein revolutionäres Werk General Theory of Employment, Interest and Money (Allgemeine Theorie der Beschäfti- gung, des Zinses und des Geldes) veröffent- lichte. England und die Vereinigten Staaten steckten damals noch in der Weltwirtschafts- krise der dreißiger Jahre, und ein Viertel der arbeitsfähigen Bevölkerung war ohne Er- werbseinkommen. Aus seiner ganz neuen Perspektive analysierte Keynes die Auslöser der Konjunkturzyklen, bei denen es abwech- selnd zu Perioden hoher Arbeitslosigkeit und hoher Inflation kommt. Heute beschäftigt sich die Makroökonomie mit einer breiten Palette an Themen, etwa mit den Faktoren, die die Investitionen und den Konsum einer Gesellschaft bestimmen, oder mit der Frage, welche Kontrolle die Zentralbanken über Geldmenge und Zinssätze ausüben, was zu internationalen Finanzkrisen führt und wa- rum einige Staaten kräftig wachsen, andere aber stagnieren. Doch wie sehr sich die Mak- roökonomie seit der keynesianischen Revo- lution auch entwickelt hat, Keynes’ Themen- stellungen definieren bis heute diesen Wis- senschaftszweig. Es sind diese beiden Zweige – Mikroöko- nomie und Makroökonomie –, die zusammen die moderne Volkswirtschaftslehre ausma- chen.

Die Logik der Volkswirtschaft

Die Wirtschaft ist ein enorm komplexes Ge- bilde verschiedenster menschlicher Aktivitä- ten wie Kaufen, Verkaufen, Handeln, Inves- tieren und Überzeugen. Somit besteht der eigentliche Zweck der Volkswirtschaftslehre wie auch dieses Buches darin, dieses komple- xen Gebilde zu verstehen. Wie gehen Ökono- men an ihre Aufgabe heran?

Die Grundlagen

Teil 1

Ökonomen bedienen sich eines wissen- schaftlichen Ansatzes, um die Wirtschaft zu verstehen. Dazu gehören die Beobachtung wirtschaftlicher Aktivitäten sowie die Erstel- lung statistischer Daten und historischer Auf- zeichnungen. Zu komplexen Fragen wie etwa hinsichtlich der Auswirkungen staatlicher Defizite oder der Ursachen von Inflation haben historische Recherchen eine Fülle von Erkenntnissen geliefert. In vielen Fällen greift die Volkswirtschafts- lehre auf Analysen und Theorien zurück. Theoretische Ansätze erlauben den Ökono- men Verallgemeinerungen, wenn sie etwa über die Vorteile des internationalen Handels und der Spezialisierung oder über die Nachtei- le von Zöllen und Quoten sprechen. Darüber hinaus haben Ökonomen eine spezielle Technik, die Ökonometrie, entwi- ckelt, die statistische Methoden auf wirtschaft- liche Problemstellungen anwendet. Mithilfe der Ökonometrie können die Wissenschaftler aus riesigen Datenbergen einfache Beziehun- gen ableiten. Und doch sollte sich der aufstrebende Jung- ökonom vor verbreiteten wirtschaftlichen Irr- tümern hüten. Da wirtschaftliche Zusammen- hänge häufig sehr komplex sind und zahlrei- che Variablen beinhalten, verschwimmt oft der konkrete Grund hinter einem Ereignis oder der wahre Einfluss politischer Maßnah- men auf die Wirtschaft. Daher hier einige verbreitete volkswirtschaftliche Irrtümer:

Der „Post-hoc-Irrtum“. Hier wird zu Un- recht eine Kausalität angenommen, wo keine besteht. Dieser Irrtum tritt auf, wenn wir aufgrund der zeitlichen Aufeinander- folge zweier Ereignisse annehmen, das zweite sei durch das erste verursacht wor- den. 2 Als Beispiel mag hier die Interpreta- tion der Weltwirtschaftskrise in den dreißi- ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den USA dienen. Einige aufmerksame

2 x„Post hoc“ ist eine Abkürzung für das Lateinische „post hoc, ergo propter hoc“. Übersetzt bedeutet es „danach und daher notwendi- gerweise infolgedessen“.

Kapitel 1

Die Grundlagen der Volkswirtschaft

Beobachter hatten festgestellt, dass die Preise vor oder im Zuge von Wachstums- perioden steigen. Daraus schlossen sie, die Anhebung von Löhnen und Preisen müsse die adäquate Reaktion auf eine wirtschaft- liche Depression sein. Es folgte eine ganze Reihe neuer Gesetze und Vorschriften zur – übrigens sehr ineffizienten – Erhöhung von Löhnen und Preisen. Doch führten diese Maßnahmen zum erwünschten Wirt- schaftsaufschwung? Nun, das kann prak- tisch ausgeschlossen werden. Tatsächlich bremsten diese Maßnahmen sogar den Aufschwung, der erst eintrat, als die ge- samtwirtschaftlichen Ausgaben aufgrund der militärischen Anstrengungen in Vor- bereitung auf den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg zu steigen begannen.

Der Irrtum, nicht „alles andere konstant“ zu belassen. Ein weiterer verbreiteter Irrtum ist es, bei der Betrachtung eines Faktors nicht alle anderen Faktoren unverändert zu lassen. So könnten wir uns beispielsweise fragen, ob eine Erhöhung der Steuern die staatlichen Einnahmen letztlich erhöht oder senkt. Dazu haben einige die sehr verlockende These angeführt, wir könnten gleichzeitig niedrigere Steuern sowie höhe- re Staatseinnahmen haben. Sie erklärten, die Senkung der Steuersätze werde zu- gleich die staatlichen Einnahmen erhöhen und das Budgetdefizit senken. Dabei ver- wiesen sie auf die Steuerkürzungen der Administration Kennedy-Johnson im Jahr 1964, die die Steuersätze deutlich senkte, worauf im Jahr 1965 die staatlichen Einnah- men stiegen. Niedrigere Steuersätze hätten folglich zu höheren Einnahmen geführt. Doch was stimmt nicht an dieser Schluss- folgerung? Die Argumentation übersieht die Tatsache, dass die Wirtschaft im Zeit- raum von 1964 bis 1965 kräftig wuchs. Da die Einkommen der Menschen stiegen, er- höhten sich auch die staatlichen Einnah- men, und zwar trotz niedrigerer Steuer- sätze. Gründliche Studien haben ergeben, dass der Staat bei weitem mehr eingenom-

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men hätte, wären die Steuern nicht gesenkt worden. Man hatte also vergessen, die an- deren, nicht untersuchten Faktoren (in die- sem Fall die volkswirtschaftlichen Gesamt- einkommen) unverändert zu belassen. Denken Sie daran: Bei der Analyse der Auswirkungen einer Variable auf das gesam- te Wirtschaftssystem gilt es, unbedingt alle anderen Variablen konstant zu belassen.

Der Trugschluss der Verallgemeinerung. Manchmal schließen wir von einem Teil voreilig auf das Ganze. Ökonomisch be- trachtet unterscheidet sich das Ganze je- doch häufig von der Summe seiner Teile. Wenn Sie also stillschweigend annehmen, dass für das Ganze gelten muss, was für einen Teil zutrifft, verfallen Sie in den Trug- schluss der Verallgemeinerung. Deshalb hier einige wahre Aussagen, die Sie möglicherweise überraschen, falls auch Sie zur Verallgemeinerung neigen: (1) Wenn ein Landwirt eine Riesenernte ein- fährt, steigt sein Einkommen. Fällt jedoch die Ernte in einem Jahr insgesamt sehr gut aus, sinken die landwirtschaftlichen Ein- kommen. (2) Wenn ein Mensch viel Geld bekommt, steigt sein Lebensstandard. Er- hält jeder mehr Geld, wirkt sich das auf den Wohlstand der Gesellschaft nachteilig aus. (3) Wird auf ein Produkt einer bestimmten Sparte ein hoher Zoll verhängt, profitieren die Hersteller voraussichtlich davon; wer- den allgemein hohe Zölle verhängt, so wirkt sich das auf den Großteil der Produ- zenten und Konsumenten negativ aus. Dabei beinhalten diese Beispiele keinerlei Tricks. Sie sind nur das Ergebnis eines Systems interagierender Individuen. Häu- fig verhält sich die Gesellschaft ganz an- ders als einzelne Personen.

Wir sprechen diese verbreiteten Irrtümer hier nur kurz an. Später, wenn wir die Werk- zeuge der Ökonomik vorstellen, werden wir einige Beispiele anführen, wie die Missach- tung der ökonomischen Logik zu falschen, ja bisweilen auch recht kostspieligen Irrtümern

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führen kann. Wenn Sie sich durch das ganze Buch hindurchgearbeitet haben, können Sie aber gern noch einmal zurückblättern und überlegen, warum jede der obigen Aussagen tatsächlich richtig ist.

Kühler Kopf im Dienste des sozialen Gewissens

Die Ökonomik ist im letzten Jahrhundert bild- lich gesprochen von einem kleinen Samen- korn zu einem großen Baum herangewachsen. Unter seinen ausladenden Ästen finden wir Erklärungen für die Vorteile des internationa- len Handels, Hinweise, wie sich Arbeitslosig- keit und Inflation bekämpfen lassen, Formeln zur Prüfung Ihres persönlichen Pensionsfonds und sogar Vorschläge für den Verkauf von Emissionsrechten. Überall auf der Welt arbei- ten Ökonomen an der Sammlung von Daten und an der Verbesserung unseres Verständnis- ses wirtschaftlicher Trends. Sie könnten sich nun fragen, was diese Armee von Wirtschaftswissenschaftlern, die da ständig misst, analysiert und rechnet, ei- gentlich bezweckt. Oberstes Ziel der Wirt- schaftswissenschaften ist es, die Lebensbedin- gungen der Menschen in ihrem täglichen Um- feld zu verbessern. Bei der Steigerung des Bruttoinlandsprodukts geht es nicht um ein abgehobenes Zahlenspiel. Höhere Einkom- men bedeuten gute Ernährung, gesunde Woh- nungen und heißes Wasser. Sie bedeuten si- cheres Trinkwasser und Schutz gegen die im- mer wiederkehrenden Plagen der Menschheit. Höhere Einkommen bedeuten aber noch mehr als Nahrung und Wohnungen. Länder mit hohen Einkommen verfügen über genü- gend Ressourcen, um Schulen zu bauen, da- mit die Jugend lesen lernt und moderne Ma- schinen und Computer bedienen kann. Mit weiter steigenden Einkommen kann sich die- ses Land sogar wissenschaftliche Forschung und die Erarbeitung maßgeschneiderter landwirtschaftlicher Techniken leisten, und es kann Impfstoffe gegen verbreitete Krank- heiten entwickeln. Mit den durch das Wirt-

Die Grundlagen

Teil 1

schaftswachstum freigesetzten Ressourcen haben die Menschen genügend Zeit, um künstlerischen Ambitionen wie Literatur und Musik nachzugehen, und die Bevölkerung genießt ihre Freizeit, um zu lesen, Kultur zu konsumieren oder selbst zu produzieren. Auch wenn ein einheitliches Muster wirt- schaftlicher Entwicklungen fehlt, und ob- wohl sich die Kulturen weltweit voneinander unterscheiden, ist die Bekämpfung von Hun- ger, Krankheit und Naturkatastrophen ein universelles humanitäres Ziel. Doch Jahrhunderte menschlicher Ge- schichte zeigen auch, dass ein soziales Gewis- sen allein die Hungrigen nicht satt und die Kranken nicht gesund macht. Ein freier und effizienter Markt produziert nicht unbedingt eine sozial verträgliche Einkommensvertei- lung. Um den optimalen Weg zu wirtschaft- lichem Fortschritt oder zu einer gerechten Verteilung der Produktionsleistung einer Ge- sellschaft zu finden, ist ein kühler Kopf erfor- derlich, einer, der Kosten und Nutzen der verschiedenen Ansätze objektiv abwägt und nach Kräften bemüht ist, in seiner Analyse nicht den Wunsch zum Vater des Gedankens werden zu lassen. Bisweilen erfordert der wirtschaftliche Fortschritt die Schließung ei- ner altmodischen Fabrik. Manchmal, wie bei der Einführung der Marktwirtschaft in den ehemals kommunistischen Ländern, muss al- les zunächst schlechter werden, bevor es bes- ser werden kann. Besonders schwierig ist der richtige Weg etwa im Gesundheitswesen zu finden, wo begrenzte Ressourcen buchstäb- lich über Leben und Tod entscheiden. Sie kennen vielleicht das Prinzip, wonach jeder seinen Möglichkeiten entsprechend ge- ben und seinen Bedürfnissen entsprechend bekommen sollte. Die Regierungen mussten feststellen, dass keine Gesellschaft lange Zeit hindurch ausschließlich nach diesem utopi- schen Postulat funktionieren kann. Um eine Wirtschaft gesund zu erhalten, muss die Re- gierung der Bevölkerung Anreize bieten, da- mit diese arbeitet und spart. Die Gesellschaft kann ihre Arbeitslosen eine gewisse Zeit hindurch erhalten, doch wenn die Arbeitslo-

Kapitel 1

Die Grundlagen der Volkswirtschaft

senversicherung zu lange zu viel auszahlt, werden die Betroffenen zu sehr vom Staat abhängig und hören auf, nach Arbeit zu su- chen. Wenn sie glauben, der Staat müsse sie erhalten, kann diese Einstellung der Wirt- schaft Schaden zufügen. Dass staatliche Pro- gramme hehre Ziele verfolgen, bedeutet nicht, dass sie sorglos und ineffizient betrie- ben werden sollten. Die Gesellschaft muss das richtige Gleichge- wicht zwischen marktwirtschaftlicher Disziplin und staatlichen Sozialprogrammen finden. Indem uns ein kühler Kopf jene Informationen beschafft, die unser soziales Gewissen benötigt, leistet die Wirtschaftswissenschaft einen wichti- gen Beitrag zur Sicherung einer prosperieren- den und gerechten Gesellschaft.

B. Die drei Grundfragen der Wirtschaft

Jede menschliche Gesellschaft – ob fortschritt- licher Industriestaat, planwirtschaftlich geführ- tes Land oder isolierte Stammesgesellschaft – muss sich den drei Grundfragen der Wirtschaft stellen und diese lösen. Jede Gesellschaft muss einen geeigneten Weg suchen zu bestimmen, was produziert wird, wie es produziert wird und für wen es produziert wird. Und diese drei grundlegenden Fragen wirt- schaftlicher Organisation – was, wie und für wen – sind heute noch genauso relevant wie in den ersten Tagen menschlicher Zivilisation. Be- trachten wir diese drei Fragen ein wenig näher:

Was wird produziert und in welchen Men- gen? Eine Gesellschaft muss entscheiden, wie viel von den zahlreichen möglichen Gü- tern und Dienstleistungen sie produzieren will und wann diese produziert werden sol- len. Wollen wir heute Tiefkühlpizzas oder Hemden herstellen? Wenige, dafür aber

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qualitativ hochwertige Hemden oder viele billige? Werden wir die knappen Ressour- cen zur Produktion möglichst vieler Kon- sumgüter benutzen (Pizza)? Oder entschei- den wir uns für weniger Konsumgüter, dafür aber für mehr Investitionsgüter (beispiels- weise für die Maschinen, mit denen man Tiefkühlpizzas herstellt), die in Zukunft Produktion und Konsum steigern sollen?

Wie wird produziert? Eine Gesellschaft muss festlegen, wer die Produktion mit welchen Ressourcen und welchen Produk- tionstechniken übernehmen soll. Wer be- treibt die Landwirtschaft und wer unter- richtet? Wird Strom aus Erdöl, Kohle oder Sonnenlicht erzeugt? Werden die Fabriken von Menschen oder Robotern betrieben? Für wen wird produziert? Wer kommt in den Genuss der Produkte wirtschaftlicher Aktivi- tät? Ist die Einkommens- und Wohlstands- verteilung fair und gerecht? Wie verteilt sich das Inlandsprodukt auf die einzelnen Haus- halte? Sind viele Leute arm und einige weni- ge reich? Erzielen Lehrer, Sportler, Mechani- ker oder Spekulanten die höchsten Einkom- men? Gesteht die Gesellschaft den Armen ein Mindestmaß an Konsum zu oder gilt, dass wer nicht arbeitet, auch nicht essen soll?

Positive oder normative Ökonomik

Bei der Behandlung ökonomischer Fragen müssen wir unbedingt zwischen Fakten und Wertvorstellungen unterscheiden. Die positive Ökonomik beschreibt die Fakten einer Wirtschaft, während sich die norma- tive Ökonomik mit Werturteilen befasst. In der positiven Ökonomik geht es um Fragen wie die folgenden: Warum verdie- nen Ärzte mehr als Türsteher? Führt der Freihandel für den Großteil der Amerikaner zu höheren oder niedrigeren Einkommen? Welche Auswirkungen haben Computer auf die Produktivität? So schwierig diese Fra- gen zu beantworten sind, durch gründliche Analyse und mithilfe empirischer Daten lassen sie sich lösen. Deshalb gehören sie zur positiven Ökonomik.

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In der normativen Ökonomik geht es um ethisches Verhalten und Normen der Fair- ness. Sollten Bedürftige vom Staat, der sie unterstützt, zum Arbeiten angehalten werden? Ist ein Anstieg der Arbeitslosigkeit wünschenswert, um einer rasanten Teue- rung entgegenzuwirken? Sollte die US-Re- gierung Microsoft zerschlagen, weil das Unternehmen das Kartellrecht verletzt hat? Es gibt auf diese Fragen keine richtige und keine falsche Antwort, weil es hierbei um Moral und Werturteile, nicht um Fakten geht. Eine Lösung bedarf hier politischer Debatten und Entscheidungen, die volks- wirtschaftliche Analyse allein genügt nicht.

Marktwirtschaft, Planwirtschaft und Mischsysteme

Auf welche unterschiedliche Weisen kann eine Gesellschaft die Fragen des Was, Wie und Für Wen beantworten? Verschiedene Gesellschaf- ten verfügen über alternative Wirtschafts- systeme, und die Volkswirtschaftslehre be- schäftigt sich mit den diversen Mechanismen, die einer Gesellschaft zur Lösung der Frage, wie sie ihre knappen Ressourcen einsetzt, zur Verfügung stehen. Wir unterscheiden im Allgemeinen zwi- schen zwei grundlegend verschiedenen Wirt- schaftsformen. Auf der einen Seite trifft der Staat den Großteil der wirtschaftlichen Ent- scheidungen, wobei einige an der Spitze der Hierarchie stehen und den anderen weiter unten auf der Leiter ihre Anweisungen ge- ben. Auf der anderen Seite des Spektrums fallen die Entscheidungen auf Märkten, wo sich Einzelpersonen (Haushalte) oder Unter- nehmen freiwillig über den Austausch von Gütern und Dienstleistungen einigen, in der Regel durch das Bezahlen von Geld. Unter- suchen wir einmal kurz jede dieser beiden Wirtschaftsformen. In den Vereinigten Staaten und zuneh- mend auch in den meisten anderen Ländern werden wirtschaftliche Fragen überwiegend

Die Grundlagen

Teil 1

durch den Markt gelöst. Deshalb heißen diese Wirtschaftssysteme Marktwirtschaften. Eine Marktwirtschaft ist eine Wirtschaftsform, in der Haushalte und private Unternehmen die wichtigsten Entscheidungen über Produktion und Konsum treffen. Ein System aus Preisen, Märkten, Gewinnen und Verlusten, Anreizen und Belohnungen bestimmt das Was, Wie und Für wen. Unternehmen produzieren die Gü- ter, von denen sie sich den höchsten Gewinn versprechen (was), mit den kostengünstigsten Produktionsmethoden (wie). Der Konsum wird durch die Entscheidung der Haushalte darüber bestimmt, wie sie ihr Einkommen aus Arbeit und Vermögen ausgeben wollen (für wen). Der Extremfall einer Marktwirtschaft, in der der Staat praktisch keine wirtschaft- lichen Entscheidungen trifft, wird als Laissez- faire-System bezeichnet. Im Gegensatz dazu ist eine Planwirtschaft oder Zentralverwaltungswirtschaft ein Sys- tem, in dem der Staat alle wichtigen Ent- scheidungen über Produktion und Verteilung trifft. In einer Planwirtschaft, wie sie in der Sowjetunion beinahe während des ganzen 20. Jahrhunderts bestand, besitzt der Staat den Großteil der Produktionsmittel (Grund und Boden sowie Kapital); ihm gehören außer- dem in den meisten Wirtschaftsbereichen die Unternehmen und er leitet ihren Betrieb; er selbst ist der größte Arbeitgeber und sagt den Arbeitnehmern, wie sie ihre Arbeit zu ver- richten haben; und der Staat entscheidet in einer Planwirtschaft auch darüber, wie die Produktion auf die verschiedenen Güter und Dienstleistungen verteilt werden soll. Kurz zusammengefasst bedeutet Planwirtschaft, dass der Staat selbst aufgrund des Eigentums an Ressourcen und seiner Macht, Entschei- dungen durchzusetzen, die drei Hauptfragen des Wirtschaftens beantwortet. Keine Gesellschaft unserer Zeit lässt sich vollständig der einen oder der anderen dieser beiden diametral entgegengesetzten Katego- rien zuordnen. Alle Gesellschaften verfügen eigentlich über ein Mischsystem mit Elemen- ten aus Markt- und Planwirtschaft. Eine ab- solute Marktwirtschaft hat es noch nie gege-

Kapitel 1

Die Grundlagen der Volkswirtschaft

ben (wobei das England des 19. Jahrhunderts diesem Ideal schon sehr nahe kam).

In den USA werden heute die meisten Ent- scheidungen durch den Markt gefällt. Trotz- dem spielt der Staat eine gewichtige Rolle, indem er die Funktionen des Marktes über- wacht; er erlässt Gesetze zur Ordnung des Wirtschaftslebens, er produziert beispielswei- se Bildungs- und Polizeidienstleistungen und sorgt für den Schutz der Umwelt. Moderne Gesellschaften weisen zumeist ein wirtschaft- liches Mischsystem auf.

C. Die Technologischen Möglichkeiten einer Gesellschaft

Jedes Gewehr, jedes neue Kriegsschiff und jede abgefeuerte Rakete bedeutet in letzter Konsequenz einen Diebstahl von den Hungernden, die nicht gespeist werden können.

Präsident Dwight D. Eisenhower

Die Ressourcen – Arbeit, technologisches Wissen, Fabriken und Maschinen, Grund und Boden sowie Energie – sind in jeder Wirt- schaft begrenzt. Mit der Entscheidung, was auf welche Weise produziert werden soll, befindet die Wirtschaft in Wahrheit darüber, wie ihre Ressourcen angesichts einer Unzahl völlig unterschiedlicher Möglichkeiten zur Herstellung von Gütern und Dienstleistun- gen eingesetzt werden sollen. Wie viel Fläche wird für den Getreideanbau bereitgestellt? Wie viel für den Wohnungsbau? Wie viele Fabriken sollen Computer erzeugen? Wie viele Pizzas? Wie viele Kinder werden zu Berufssportlern und wie viele zu professio- nellen Ökonomen, oder wie viele sollen Computer programmieren?

27

Angesichts der nicht zu übersehenden Tat- sache, dass die Güter im Gegensatz zu den Bedürfnissen knapp sind, muss eine Wirt- schaft über den Einsatz ihrer beschränkten Ressourcen entscheiden. Sie muss unter ver- schiedenen Kombinationen von Wirtschafts- gütern (was) wählen, sich für eine Produk- tionstechnik entscheiden (wie) und darüber befinden, wer die Güter konsumieren soll (für wen).

Input und Output

Um diese drei Grundfragen der Wirtschaft zu beantworten, hat jede Gesellschaft Entschei- dungen hinsichtlich der Inputs und Outputs ihrer Wirtschaft zu treffen. Inputs sind Waren oder Dienstleistungen, die ihrerseits der Er- zeugung von Gütern und Dienstleistungen dienen. Eine Wirtschaft setzt die ihr zur Ver- fügung stehenden Technologien ein, um mit Hilfe der Inputs Outputs zu erzeugen. Out- puts sind die verschiedenen nützlichen Güter und Dienstleistungen, die aus der Produktion hervorgehen und die entweder konsumiert oder im weiteren Produktionsprozess einge- setzt werden. Sehen wir uns die „Produk- tion“ einer Pizza näher an: Wir könnten Eier, Mehl, Hitze, Pizzaofen und den Arbeitsein- satz des Kochs als die Inputs bezeichnen. Die knusprige Pizza ist der Output. An einer Universität zählen der Zeitaufwand in der Fakultät, die Labors und Hörsäle, die Skrip- ten und dergleichen zum Input, während der Output in informierten, produktiven und gut bezahlten Bürgern besteht. Ein anderer Begriff für Input ist Produk- tionsfaktor. Die Produktionsfaktoren lassen sich in drei Hauptkategorien unterteilen:

Grund und Boden, Arbeit und Kapital.

Grund und Boden – oder ganz allgemein natürliche Ressourcen – sind ein Geschenk der Natur an unsere Produktionsprozesse. Zum Produktionsfaktor Boden gehören die Felder, auf denen wir unsere Landwirt- schaft betreiben, oder die Grundstücke für

28

unsere Häuser, Fabriken und Straßen; in diese Kategorie fallen aber auch Energier- essourcen für unsere Autos, Heizungen oder Haushalte sowie Bodenschätze wie Kupfer, Erz oder Sand. In einer immer dichter besiedelten Welt müssen wir die Palette natürlicher Ressourcen um Um- weltressourcen wie saubere Luft und Trinkwasser erweitern.

Arbeit als Produktionsfaktor bedeutet die Zeit, die Menschen für die Produktion aufwenden – wenn sie in Automobilfa- briken, in der Landwirtschaft, als Lehrer in den Schulen oder als Pizzaköche arbei- ten. Tausende von Berufen und Aufgaben mit verschiedensten Anforderungsprofilen werden von arbeitenden Menschen ver- richtet. Arbeit ist zugleich der vertrautes- te und auch wichtigste Produktionsfaktor einer fortgeschrittenen Industriegesell- schaft.

Kapital beinhaltet jene dauerhaften Güter einer Wirtschaft, die produziert werden, damit andere Güter erzeugt werden kön- nen. Zu den Kapital- oder Investitionsgü- tern gehören Maschinen, Straßen, Compu- ter, Hämmer, LKWs, Stahlwerke, Autos, Waschmaschinen und Gebäude. Wie wir später noch sehen werden, ist es für die wirtschaftliche Entwicklung unabdingbar, einen Grundstock an spezialisierten Inves- titionsgütern anzusammeln.

Bezüglich der drei Grundfragen des Wirt- schaftens muss eine Gesellschaft entschei- den, (1) was oder welche Outputs sie produ- zieren soll und in welcher Menge; (2) wie sie sie produzieren soll – welche Technologien also dazu herangezogen werden sollen, mit den Inputs die gewünschten Outputs zu pro- duzieren –; und (3) für wen die Outputs produziert und wie sie verteilt werden sollen.

Die Grundlagen

Teil 1

Die Transformations- oder Produktionsmöglichkeitenkurve

Länder können nicht über eine unbegrenzte Menge aller Güter verfügen. Durch das An- gebot an Produktionsfaktoren und Technolo- gien sind ihnen Grenzen gesetzt. Dramatisch sichtbar wird die Notwendigkeit, sich zwi- schen beschränkten Möglichkeiten zu ent- scheiden, in Kriegszeiten. In der Debatte über einen möglichen Irakkrieg der USA wollten die Menschen wissen, wie viel dieser Krieg kosten würde. Müsste man US-$ 50 Milliarden oder US-$ 100 Milliarden oder vielleicht sogar noch mehr aus der zivilen Wirtschaft abziehen, um den Irak besetzen und ihn anschließend wieder aufbauen zu können? Und als die Ausgabenprognosen in immer schwindelerregendere Höhen stiegen, fragten die Leute natürlich: Warum investie- ren wir in die Politik in Bagdad und nicht in die von New York, oder warum sanieren wir die Stromversorgung im Nahen Osten statt jene im Mittleren Westen der USA? Wie uns das Zitat von US-Präsident Eisenhower (ober der Kapitelüberschrift) lehrt, steht umso weniger Produktionsleistung für den zivilen Konsum und für neue Investitionen zur Ver- fügung, je mehr davon in militärische Aufga- ben fließt. Treiben wir nun diese Entscheidungsnot- wendigkeit auf die Spitze und stellen wir uns eine Gesellschaft vor, die nur zwei Wirt- schaftsgüter hervorbringt, nämlich Kanonen und Butter. Kanonen stehen hier für die Mili- tärausgaben, Butter für zivile Ausgaben. Neh- men wir einmal an, unsere Wirtschaft be- schließt, ihre gesamte Energie für die Produk- tion ziviler Güter einzusetzen, in unserem Fall Butter. Jährlich kann davon eine maximale Menge produziert werden. Diese Höchstmen- ge hängt von der Quantität und Qualität der Ressourcen der betreffenden Wirtschaft so- wie von der Produktivität ab, mit der sie eingesetzt werden. Wir unterstellen hier ein- mal, dass unsere Wirtschaft mit der vorhande- nen Technologie und den ihr zur Verfügung

Kapitel 1

Die Grundlagen der Volkswirtschaft

stehenden Ressourcen maximal 5 Millionen Pfund Butter jährlich erzeugen kann. Stellen Sie sich nun im Gegensatz dazu vor, dass alle Ressourcen in die Produktion von

Alternative Produktionsmöglichkeiten

Möglich-

Butter

Kanonen

keiten

(Millionen

(in Tausend)

Pfund)

A

0

15

B

1

14

C

2

12

D

3

9

E

4

5

F

5

0

Tabelle 1-1: Die Knappheit der Ressourcen erfordert eine mengenmäßigen Entscheidung zwischen Kanonen und Butter

Die Knappheit der Produktionsfaktoren und Techno-

logie schränkt die Möglichkeiten der Produktion von Kanonen und Butter ein. Auf unserem Weg von

Position A zu B

Produktionsfaktoren Arbeit, Maschinen und Boden von der Kanonenindustrie in die Butterproduktion, die wir damit steigern können.

bis schließlich zu F verschieben wir die

15 A B 12 C 9 D 6 E 3 F 0 12345 Kanonen (in
15
A
B
12
C
9
D
6
E
3
F
0
12345
Kanonen (in Tausend)

Butter (Millionen Pfund)

Abbildung 1-1: Die Produktionsmöglichkeiten im Diagramm

Diese Abbildung zeigt uns die alternativen Produktions- Kombinationspaare aus Tabelle 1-1.

29

Kanonen gehen. Auch in diesem Fall kann die Wirtschaft wegen der erwähnten Beschrän- kungen nur eine bestimmte Menge produzie- ren. Nehmen wir an, dass 15.000 Kanonen eines gewissen Modells produziert werden können, wenn keine Butter erzeugt wird. Das sind die beiden Extreme. Dazwischen liegt ein breites Feld potenzieller Kombinationen. Wenn wir auf ein wenig Butter verzichten, können wir zumindest ein paar Kanonen erzeu-

gen. Wenn wir mit noch weniger Butter aus-

kommen, werden es eben mehr Kanonen sein.

Punkt F in Tabelle 1-1 zeigt das eine Ex- trem, bei dem nur Butter, jedoch keine Kano-

nen produziert werden, während A für das

gegenteilige Extrem steht, bei dem sämtliche

Ressourcen in die Kanonenproduktion flie-

Die Produktionsmöglichkeitskurve

G

A 15 B C 12 D I 9 6 U E 3 F Kanonen (in
A
15
B
C
12
D
I
9
6
U
E
3
F
Kanonen (in Tausend)

0

12345

Butter (in Millionen Pfund)

B

Abbildung 1-2: Eine fortlaufende Kurve verbindet die eingezeichneten Punkte der numerischen Produktions-

möglichkeiten

Diese Kurve zeigt die Funktion, nach der die Gesell- schaft Kanonen durch Butter ersetzen kann. Es wird ein bestimmter Stand der Technologie und eine fixe

Inputmenge angenommen. Punkte, die außerhalb der Kurve liegen (wie Punkt I), sind nicht erreichbar. Jeder Punkt innerhalb der Kurve, etwa U, zeigt an, dass Ressour- cen nicht oder nicht bestmöglich genutzt werden, wie beispielsweise in Zeiten der Rezession, wenn die Arbeits- losenrate hoch ist.

30

ßen. Dazwischen – also in den Punkten E, D, C und B – wird zugunsten der Kanonen auf immer mehr Butter verzichtet. Wie, werden Sie nun fragen, kann eine Nation aus Butter Kanonen machen? Butter wird natürlich nicht physisch, sondern durch einen alchemistischen Prozess, in dem wirt- schaftliche Ressourcen von einem Zweck in einen anderen umgeleitet werden, in Kano- nen verwandelt. Wir können die Produktionsmöglichkei- ten unserer Wirtschaft in dem Diagramm in Abbildung 1-1 anschaulicher darstellen. In diesem Diagramm tragen wir Butter auf der waagrechten Achse und Kanonen auf der senkrechten Achse auf. (Sollten Sie mit den verschiedenen Diagrammen nicht zurecht- kommen oder nicht wissen, wie man eine Tabelle in ein Diagramm umwandelt, sehen Sie bitte im Anhang zu diesem Kapitel nach.) Wir ermitteln Punkt F in Abbildung 1-1 aus den Daten in Tabelle 1-1, indem wir auf der waagrechten Achse fünf Buttereinheiten nach rechts und auf der senkrechten Kano- nenachse 0 Einheiten nach oben rücken; E erhalten wir, indem wir 4 Buttereinheiten nach rechts und 5 Kanoneneinheiten nach oben gehen; A wird schließlich ermittelt, indem wir Butter auf 0 setzen und bei den Kanonen 15 Einheiten nach oben gehen. Wenn wir alle dazwischenliegenden Posi- tionen im Diagramm einzeichnen, die die möglichen Kombinationen von Kanonen und Butter darstellen, erhalten wir eine kontinu- ierliche Kurve, die in Abbildung 1-2 als Transformations- oder Produktionsmöglich- keitenkurve (PMK) vorliegt.

Die Transformations- oder Produktionsmög- lichkeitenkurve (PMK) zeigt die maximalen Produktionsmengen, die eine Wirtschaft an- gesichts ihres technologischen Know-hows und der verfügbaren Menge an Produktions- faktoren erzielen kann. Die PMK stellt die Gesamtheit der Güter und Dienstleistungen dar, die eine Gesellschaft produzieren kann.

Die Grundlagen

Teil 1

Die PMK in der Praxis

Die Produktionsmöglichkeitenkurve in Ab- bildung 1-2 bezieht sich konkret auf Kanonen und Butter, doch die gleiche Analyse ist auch für jede sonstige Kombination zulässig. Je mehr Ressourcen der Staat einsetzt, um öf- fentliche Güter wie Autobahnen zu errichten, desto weniger wird für die Produktion priva- ter Güter wie Wohnungen übrig bleiben; je mehr wir uns für unsere Ernährung auszuge- ben entschließen, desto weniger bleibt uns für Bekleidung; je mehr eine Gesellschaft sofort konsumiert, desto weniger Kapitalgü- ter zur künftigen Erzeugung weiterer Kon- sumgüter kann sie produzieren. Die Diagramme in den Abbildungen 1-3 bis 1-5 stellen einige wichtige praktische An- wendungen der PMK dar. Abbildung 1-3 zeigt die Auswirkungen des Wirtschafts- wachstums auf die Produktionsmöglichkei- ten eines Landes. Ein Mehr an Inputs oder eine verbesserte Technologie ermöglicht ei- nem Land die Produktion einer größeren Gesamtmenge von Gütern und Dienstleis- tungen und verschiebt somit die PMK nach außen. Die Abbildung zeigt auch, dass arme Länder den Großteil ihrer Ressourcen für die Produktion von Nahrungsmitteln aufwenden müssen, während sich reiche Länder mit wachsendem Produktionspotenzial mehr Lu- xus erlauben können. Abbildung 1-4 zeigt, dass die Wahl auch zwischen privaten Gütern (die zu einem be- stimmten Preis gekauft werden) und öffent- lichen Gütern (die durch Steuern bezahlt wer- den) getroffen werden muss. Arme Länder können sich nur wenige öffentliche Güter wie ein staatliches Gesundheitswesen und ein hö- heres Bildungswesen leisten. Mit steigendem Wirtschaftswachstum nimmt jedoch der An- teil der öffentlichen Güter am Output ebenso wie die Bedeutung der Umweltqualität zu. Abbildung 1-5 stellt eine Wirtschaft dar, die zwischen (a) gegenwärtigen Konsumgü- tern und (b) Investitions- oder Kapitalgütern (Maschinen, Fabriken etc.) entscheiden muss. Indem sie am sofortigen Konsum spart und

Kapitel 1

Die Grundlagen der Volkswirtschaft

(a) Armes Land

(b) Reiches Land

31

L L B A A N N Luxusgüter (Autos, Stereoanlagen, …) Luxusgüter (Autos, Stereoanlagen, …)
L
L
B
A
A
N
N
Luxusgüter (Autos, Stereoanlagen, …)
Luxusgüter (Autos, Stereoanlagen, …)

lebensnotwendige Güter (Nahrung, …)

lebensnotwendige Güter (Nahrung, …)

Abbildung 1-3: Auswärtsverschiebung der PMK infolge des Wirtschaftswachstums

(a)

Vor Beginn seiner Entwicklung ist das Land arm. Es muss alle seine Ressourcen für die Ernährung einsetzen und kann sich keinen Luxus leisten.

(b)

Die Zunahme der Produktionsfaktoren und der technische Wandel verschieben die PMK nach außen. Mit einsetzendem Wirtschaftswachstum bewegt sich ein Land von A nach B und steigert so seinen Nahrungskonsum im Vergleich zum erhöhten Konsum an Luxusgütern nur wenig. Es kann je nach Wunsch aber auch beide Güter vermehrt konsumieren.

(a) Gesellschaft an der Grenze zum Wirtschaftswachstum

Pu

A …)(Autobahnen,GüterfentlicheÖf
A
…)(Autobahnen,GüterfentlicheÖf

Private Güter (Nahrung, …)

(b) Urbane Gesellschaft

Pu

B A Pr Pr )…(Autobahnen,GüterfentlicheÖf
B
A
Pr
Pr
)…(Autobahnen,GüterfentlicheÖf

Private Güter (Nahrung, …)

Abbildung 1-4: Eine Wirtschaft muss zwischen öffentlichen und privaten Gütern wählen

(a) Ein armes Land lebt von der Hand in den Mund, und für Luxus wie Autos oder öffentliche Güter wie Autobahnen oder ein staatliches Gesundheitswesen bleibt nur wenig übrig.

(b) Ein moderner Industriestaat ist reicher und kann sich dafür entscheiden, einen größeren Einkommensanteil für öffentliche Güter und staatliche Dienstleistungen (Straßen, Umweltschutz und Bildungswesen) auszugeben.

32

(a) Heutige Entscheidung

Die Grundlagen

(b) Künftige Folgen

Teil 1

Land 3 Land 2 Land 1 I I B 3 A 3 B 2 A
Land 3
Land 2
Land 1
I
I
B
3
A
3
B
2
A
2
A
B
1
1
C
C
Kapitalinvestition
Kapitalinvestition

0 Gegenwärtiger Konsum

0 Gegenwärtiger Konsum

Abbildung 1-5: Investitionen zugunsten eines künftigen Konsums erfordern Opfer beim gegenwärtigen Konsum

Ein Land kann entweder Güter zum sofortigen Konsum (Pizzas und Konzerte) oder Investitionsgüter (Pizzaöfen und Konzertsäle) produzieren. (a) Drei Länder nehmen die gleiche Ausgangsposition ein. Sie haben dieselbe PMK, wie Sie der linken Abbildung entnehmen können, aber ihre Investitionsraten sind unterschiedlich. Land 1 investiert nicht in seine Zukunft und bleibt in A 1 (nur Maschinen werden ersetzt). Land 2 verzichtet auf einen Teil seines Konsums und investiert in A 2 . Land 3 opfert einen großen Teil seines gegenwärtigen Konsums zugunsten umfassender Investitionen. (b) In den folgenden Jahren haben Länder, die investiert haben, die Nase vorn. Das sparsame Land 3 konnte daher seine PMK weit nach außen verschieben, während Land 1 seine PMK gar nicht verändert hat. Investitionsstarke Länder dürfen sich künftig über höhere Investitionen und einen höheren Konsum freuen.

mehr Investitionsgüter herstellt, kann eine Wirtschaft schneller wachsen und so eventu- ell künftig mehr von beiden Gütern (Kon- sum- und Investitionsgütern) erzeugen.

Tauschware Zeit

Die Transformationskurve kann austausch- bare Güter auch abseits des Marktes, direkt aus dem täglichen Leben, darstellen. Eine der wichtigsten Entscheidungen, die Men- schen treffen müssen, betrifft den Einsatz ihrer Zeit. Für sämtliche Aktivitäten, denen Leute nachgehen, steht ihnen immer nur ein beschränktes Angebot an Zeit zur Verfü- gung. Als Student bleiben Ihnen vielleicht zehn Stunden Studium bis zu den bevorste- henden Prüfungen in Wirtschaft und Ge- schichte. Wenn Sie nur Geschichte lernen, bekommen Sie wahrscheinlich in diesem Fach eine gute Note, schneiden aber in Wirtschaft entsprechend schlecht ab. Das- selbe gilt umgekehrt. Wenn Sie die Noten

auf diese beiden Prüfungen als den „Out- put“ Ihrer Studien betrachten, können Sie eine PMK anhand Ihrer beschränkten zeit- lichen Möglichkeiten aufzeichnen. Interes- sant wäre auch eine PMK von Studium und Freizeit. Wo würden Sie sich selbst auf dieser PMK sehen? Wo Ihre lebenslustigen, aber faulen Freunde?

Opportunitätskosten

Das Leben ist voll von Wahlmöglichkeiten. Da Ressourcen knapp sind, müssen wir überlegen, wofür wir unser Einkommen oder unsere Zeit aufwenden wollen. Bei Entscheidungen wie der, ob Sie ein Wirtschaftsstudium beginnen, ein Auto kaufen oder das College besuchen möchten, müssen Sie stets die Kosten Ihrer Entscheidung in Form verlorener Möglichkei- ten in Erwägung ziehen. Die Kosten einer nicht gewählten Alternative werden als die Opportu- nitätskosten der Entscheidung bezeichnet.

Kapitel 1

Die Grundlagen der Volkswirtschaft

Das Konzept dieser Opportunitätskosten lässt sich anhand der PMK darstellen. Be- trachten Sie die Kurve in Abbildung 1-2, die den möglichen Entscheidungen zwischen Ka- nonen und Butter entspricht. Nehmen wir an, das Land beschließt, die Kanonenproduktion von 9.000 Stück in D auf 12.000 Stück in C zu erhöhen. Worin bestehen die Opportunitäts- kosten dieser Entscheidung? Sie könnten diese Kosten in Dollar berechnen. Doch in der Ökonomie müssen wir immer erst den „Schleier des Geldes lüften“, um die tatsäch- lichen Auswirkungen alternativer Entschei- dungen zu erfahren. Auf der untersten Ebene bestehen die Opportunitätskosten für die Be- wegung von D zu C in der Butter, auf die wir für die Produktion der zusätzlichen Kanonen verzichten müssen. In unserem Beispiel be- laufen sich die Opportunitätskosten von 3.000 zusätzlichen Kanonen auf 1 Million Pfund an nicht erzeugter Butter. Oder gehen wir das ganz reale Beispiel der Eröffnung einer Goldmine in der Nähe des Yellowstone-Nationalparks durch. Die Berg- baugesellschaft argumentiert, die Mine ver- ursache nur geringe Kosten, weil die Einnah- men des Nationalparks dadurch kaum beein- trächtigt würden. Ein Ökonom würde jedoch einwenden, dass die Dollareinnahmen kei- nen geeigneten Maßstab für die entstehen- den Kosten darstellen. Wir sollten uns fragen, ob die einzigartigen und kostbaren Qualitä- ten des Yellowstone-Nationalparks durch den Betrieb einer Goldmine beeinträchtigt würden, verursacht dieser doch Lärm, eine nicht unerhebliche Verschmutzung von Was- ser und Luft und einige Nachteile für die Besucher. So gering die Dollarkosten auch sein mögen, die Opportunitätskosten in Form eines verdorbenen Naturparadieses könnten dagegen massiv zu Buche schlagen.

In einer Welt der Knappheit bedeutet die Wahl einer Möglichkeit immer den Verzicht auf eine andere. Die Opportunitätskosten einer Entscheidung entsprechen dem Wert des nicht gewählten Gutes oder der nicht gewählten Dienstleistung.

Effizienz

33

Bei all den vorangegangenen Erläuterungen sind wir implizit von der Annahme einer effizi- ent funktionierenden Wirtschaft ausgegangen – einer Wirtschaft, die sich auf, nicht aber innerhalb ihrer PMK befindet. Denken Sie daran, dass Effizienz bedeutet, die Ressourcen einer Wirtschaft möglichst effektiv einzuset- zen, um die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen bestmöglich zu befriedigen. Ein wichtiger Aspekt der allgemeinen wirtschaft- lichen Effizienz ist die Produktionseffizienz.

Wir sprechen von Produktionseffizienz, wenn eine Wirtschaft nicht mehr von einem Gut erzeugen kann, ohne zugleich bei einem anderen Abstriche machen zu müssen, wenn sie sich also auf Ihrer PMK befindet.

Doch überlegen wir einmal, warum Produkti- onseffizienz nur auf der PMK stattfindet. Beginnen wir bei der Situation, die durch Punkt D in Abbildung 1-2 dargestellt wird. Nehmen wir an, der Markt verlangt die Pro- duktion einer weiteren Million Pfund Butter. Würden wir die durch die PMK auferlegte Beschränkung einfach ignorieren, hielten wir vielleicht eine Produktionssteigerung bei Butter ohne Einschränkung der Kanonen- produktion für möglich, etwa indem wir uns zu Punkt I rechts von Punkt D bewegen. Doch Punkt I befindet sich außerhalb der Kurve im „unzugänglichen“ Bereich. Ausge- hend von D können wir keinesfalls mehr Butter produzieren, ohne zugleich auf einige Kanonen zu verzichten. Daher ist Punkt D effizient, Punkt I aber nicht erreichbar. Ein weiterer Aspekt der Produktionseffizi- enz lässt sich anhand der PMK illustrieren:

Auf der PMK zu stehen bedeutet, dass die vermehrte Produktion eines Gutes unweiger- lich zum Verzicht auf andere Güter führt. Wenn wir also mehr Kanonen herstellen, ersetzen oder substituieren wir Butter durch Kanonen. Die Substitution ist eines der unab- änderlichen Gesetze einer Volkswirtschaft mit Vollbeschäftigung, und die PMK zeigt die

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gesamte Palette der Wahlmöglichkeiten einer Gesellschaft.

Ungenutzte Ressourcen und Ineffizienz. Selbst flüchtigen Beobachtern des modernen Lebens dürfte es nicht entgangen sein, dass eine Gesell- schaft auch über ungenutzte Ressourcen wie unbeschäftigte Arbeitskräfte, stillstehende Fab- rikanlagen und brachliegendes Land verfügt. Wenn Ressourcen nicht genutzt werden, befin- det sich die Wirtschaft nicht auf ihrer PMK, sondern irgendwo innerhalb der Kurve. In Ab- bildung 1-2 stellt Punkt U einen Punkt inner- halb der PMK dar. In U produziert die Gesell- schaft nur 2 Einheiten Butter und 6 Einheiten Kanonen. Ein Teil der Ressourcen wird nicht genutzt, und indem wir auch diese ungenutzten Ressourcen einsetzen, können wir unseren Output sämtlicher erzeugter Güter steigern;die Wirtschaft bewegt sich so von Punkt U zu Punkt D und produziert daher zugleich mehr Butter und mehr Kanonen: Sie verbessert ihre Effizi- enz. Wir können unsere Kanonen bekommen und trotzdem mehr Butter essen. Eine bedeutende Quelle der Ineffizienz sind die Konjunkturzyklen. Zwischen 1929 und 1933, während der Weltwirtschaftskrise, sank die Produktionsleistung der amerikani- schen Wirtschaft um beinahe ein Viertel. Dies war nicht auf eine Verschiebung der PMK, sondern auf verschiedene Schocks zurückzu- führen, die die Ausgaben drosselten und die Wirtschaft in den Bereich innerhalb ihrer PMK zurückkatapultierten. Dann erhöhte die Aufrüstung für den Zweiten Weltkrieg die Nachfrage, und die Produktionsleistung wuchs wieder kräftig, während die Wirtschaft auf ihre PMK zurückkehrte. Ähnliches ereignet sich in Zeiten der Rezession.Als die Produktionsleis- tung der US-Wirtschaft in den Jahren 1982 oder 1991 zurückging oder als die japanische Wirtschaft in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts stagnierte, geschah dies nicht wegen eines plötzlichen Rückgangs der Pro- duktivität dieser Länder.Vielmehr hatten Rei- bungsverluste und rückläufige Ausgaben die betroffenen Staaten hinter ihre PMK zurück- gedrängt.

Die Grundlagen

Teil 1

Doch ein konjunktureller Abschwung ist keineswegs der einzige Grund für das Zu- rückfallen einer Wirtschaft hinter ihre PMK. Ein besonders dramatischer Produktions- rückgang ereignete sich Anfang der neunzi- ger Jahre, als einige Länder ihre kommunis- tischen planwirtschaftlichen Systeme abge- schafft und sich dem freien Markt zugewandt hatten. Aufgrund der Unterbrechung der bis- herigen organisatorischen Abläufe und Pro- duktionsmuster sank der Output, und die Arbeitslosigkeit stieg, als sich die Unterneh- men auf die geänderten Marktbedingungen und die neuen Regeln des Kapitalismus ein- stellten. Niemals sonst kam es in Friedens- zeiten zu einem so nachhaltigen Einbruch der Produktionsleistung wie in den „realen Kon- junkturzyklen“ der postkommunistischen Wirtschaften. So schmerzhaft dieser Übergang in die Marktwirtschaft auch war, für die postkom- munistischen Länder erwies sich der anfäng- liche Konjunktureinbruch nur als vorüber- gehendes Handicap. Jene Länder, die ihre Reformen frühzeitig eingeleitet und auch be- sonders gründlich durchgeführt hatten, wie Polen und Slowenien, schafften als erste die Wende und konnten ihr Outputniveau aus kommunistischen Zeiten bereits wieder über- schreiten. Ihre PMK verschiebt sich von neu- em nach außen. Länder, die ihre Reformen hinauszögern, wie die Ukraine, oder vom Krieg gezeichnete Staaten wie Serbien müs- sen laufend Einbußen in ihrem realen Output wie auch im Lebensstandard hinnehmen. Lassen Sie uns nun am Ende dieses einlei- tenden Kapitels kurz auf unser Eröffnungs- thema zurückkommen: Warum gerade Volks- wirtschaft studieren? Die beste Antwort auf diese Frage liefert uns wahrscheinlich Keynes in den abschließenden Zeilen seines berühm- ten Werks The General Theory of Employ- ment, Interest and Money:

Die Ideen der Ökonomen und politischen Phi- losophen haben, ob sie nun richtig oder falsch sind, mehr Einfluss, als gemeinhin angenom- men wird. Eigentlich wird die Welt kaum von

Kapitel 1

Die Grundlagen der Volkswirtschaft

etwas anderem bestimmt. Jene Pragmatiker, die meinen, sie seien völlig frei von allen intellektuellen Einflüssen, sind tatsächlich zu- meist Sklaven irgendeines längst verstorbenen Ökonomen. Verrückte Machtträger, die Stim- men hören, holen sich ihre Wahnsinnsideen in Wahrheit von irgendeinem akademischen Schreiberling der letzten Jahre. Ich bin ganz sicher, dass die Macht der Eigeninteressen im Vergleich zum stetigen Vordringen der Ideen bei weitem überschätzt wird. Das alles passiert nicht von heute auf morgen, sondern braucht seine Zeit. In der Ökonomie und in der politi- schen Philosophie gibt es nicht viele, die sich noch im Alter von 25 oder 30 Jahren von neuen

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Theorien beeinflussen lassen, sodass jene Ideen, die Beamte und Politiker, ja sogar poli- tische Agitatoren, zu den laufenden Ereignis- sen äußern, ziemlich wahrscheinlich nicht neu- esten Datums sind. Früher oder später sind es aber immer Ideen und nicht Eigeninteressen, die über die gefährliche Frage von Gut oder Böse entscheiden.

Um zu verstehen, wie sich mächtige volks- wirtschaftliche Ideen auf die zentralen Fra- gen der Menschheit auswirken – das ist letzt- lich der Grund, warum wir uns mit dem Thema Ökonomie auseinandersetzen.

Zusammenfassung

A. Einleitung

1. Was ist die Volkswirtschaftslehre oder Ökono- mik? Die Volkswirtschaftslehre ist die Lehre von den Entscheidungen der Gesellschaften über den Einsatz knapper Produktionsressourcen, die alternative Einsatzmöglichkeiten zulassen, um verschiedene Güter zu produzieren und diese unter verschiedenen Gruppen aufzuteilen. Wir studieren Wirtschaft, um nicht nur die Welt, in der wir leben, sondern auch die vielen ande- ren, potenziellen Welten verstehen zu können, von denen uns die Reformer laufend überzeu- gen wollen.

2. Güter sind deshalb knapp, weil Menschen im- mer viel mehr haben möchten, als die Wirt- schaft erzeugen kann. Wirtschaftsgüter sind knapp, sie sind nicht frei, und die Gesellschaft muss Entscheidungen zwischen beschränkt verfügbaren Gütern treffen, die sie mit den vorhandenen Ressourcen produzieren kann.

3. Die Mikroökonomie befasst sich mit dem Ver- halten der einzelnen Wirtschaftseinheiten, also der Märkte, Unternehmen und Haushalte. Die Makroökonomie steht hingegen für eine weiter gefasste, gesamtwirtschaftliche Perspektive. Hüten Sie sich in der Volkswirtschaftslehre stets vor dem Trugschluss der Verallgemeine- rung und vor dem Post-hoc-Irrtum, und ver- gessen Sie nie, alle gerade nicht relevanten Faktoren konstant zu belassen.

B. Die drei Grundfragen der Wirtschaft

4. Jede Gesellschaft muss für sich drei wesent- liche Fragen beantworten: Was, wie und für wen? Was und in welchen Mengen wird aus der breiten Palette aller möglichen Güter und Dienstleistungen produziert? Wie werden Res- sourcen zur Produktion der gewählten Güter eingesetzt? Für wen werden die Güter produ- ziert (das heißt, wie werden Einkommen und Konsum zwischen den verschiedenen Einzel- personen und Klassen verteilt)?

5. Die Gesellschaften beantworten diese Fragen auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Die heute bedeutendsten Wirtschaftsformen sind die Plan- und die Marktwirtschaft. Die Plan- oder Zentralverwaltungswirtschaft unterliegt einer zentralistischen staatlichen Kontrolle; im Ge- gensatz dazu wird die Marktwirtschaft durch ein informelles System von Preisen und Gewinnen bestimmt, in dem die meisten Entscheidungen von Privatpersonen und Unternehmen getrof- fen werden. Alle Gesellschaften verfügen über eine ganz spezifische Kombination aus Plan- und Marktwirtschaft; alle weisen ein wirtschaft- liches Mischsystem auf.

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C Die technologischen Möglich- keiten einer Gesellschaft

6. Angesichts vorgegebener Ressourcen und Technologien lässt sich die Produktionsent- scheidung zwischen zwei Gütern, wie etwa Butter und Kanonen, in einer Produktionsmög- lichkeiten- oder Transformationskurve (PMK) zusammenfassend darstellen. Die PMK zeigt uns, wie die Produktion eines Gutes (beispiels- weise Kanonen) gegen die Produktion eines anderen Gutes (etwa Butter) getauscht wird. In einer Welt der Knappheit führt die Wahl einer Option zum Verzicht auf eine andere. Der Wert jener Güter oder Dienstleistungen, auf die ver- zichtet wurde, wird als deren Opportunitäts- kosten bezeichnet.

7. Produktionseffizienz ist gegeben, wenn die Herstellung eines Gutes nicht ohne Zurücknah- me der Produktion eines anderen Gutes gestei- gert werden kann. Dieser Umstand wird durch die PMK illustriert. Befindet sich eine Wirt-

Die Grundlagen

Teil 1

schaft auf ihrer PMK, kann sie von einem Wirtschaftsgut nicht mehr erzeugen, ohne von einem anderen weniger erzeugen zu müssen.

8. Produktionsmöglichkeiten- oder Transforma- tionskurven veranschaulichen eine Vielzahl grundlegender ökonomischer Prozesse: wie das Wirtschaftswachstum die PMK nach außen verschiebt, wie ein Staat im Zuge seiner Ent- wicklung vergleichsweise immer weniger Nah- rungsmittel und andere lebensnotwendige Gü- ter erzeugt, wie ein Land zwischen privaten und öffentlichen Gütern zu wählen hat und wie sich Gesellschaften zwischen Konsumgütern und Kapitalgütern, die den künftigen Konsum erhöhen, entscheiden müssen.

9. Gesellschaften befinden sich bisweilen inner- halb ihrer PMK. Bei hoher Arbeitslosigkeit oder wenn Unruhen oder ineffiziente staatliche Maßnahmen die Wirtschaftsaktivitäten hem- men, wird die Wirtschaft ineffizient und fällt daher hinter ihre PMK zurück.

Begriffe zur Wiederholung

Grundlegende Konzepte

Knappheit und Effizienz Freie Güter im Vergleich zu Wirt- schaftsgütern Mikroökonomie und Makroöko- nomie Normative im Vergleich zu beschreibender Ökonomie Trugschluss der Verallgemeine- rung, Post-hoc-Irrtum „Alles andere konstant halten“ Kühler Kopf im Dienste des sozialen Gewissens

Die drei Grundfragen der Wirtschaft

Was, wie und für wen Die verschiedenen Wirtschafts- systeme: Planwirtschaft und Marktwirtschaft Laissez-faire Wirtschaftliches Mischsystem

Wahl zwischen Produktions- möglichkeiten

Input und Output Transformations- oder Produk- tionsmöglichkeitenkurve (PMK) Produktionseffizienz und Ineffi- zienz Opportunitätskosten

Kapitel 1

Die Grundlagen der Volkswirtschaft

37

Weiterführende Literatur und Websites

Weiterführende Literatur

Robert Heilbroner, The Worldly Philosophers, 7. Aufl. (Touchstone Books, 1999). Das Buch enthält eine interessante Biografie der großen Ökonomen und beschreibt deren Ideen und Einfluss. Das bedeutendste Werk zur Geschichte der Wirtschaftsanalyse stammt von Joseph Schumpeter: History of Economic Analysis, (McGraw-Hill, New York, 1954). Deutschsprachige Literatur: Eine Fülle von Artikeln zu volkswirtschaftlichen Themen bietet das 25.000 Stichwörter umfassende, mehrbändige Gabler Volkswirtschaftslexikon, 4. Aufl. (Gabler, Wiesbaden, 1997). Etwas knapper, aber ebenfalls nützlich ist Artur Wolls Wirtschaftslexikon, 9. Aufl. (Oldenbourg, München,

2000).

Websites

Eines der hervorragendsten volkswirtschaftlichen Bücher aller Zeiten ist Adam Smiths The Wealth of Nations (Der Reichtum der Nationen; oft und in vielen Verlagen erschienen, Ersterscheinungsdatum 1776). The Wealth of Nations finden Sie unter: www.bibliomania.com/NonFiction/Smith/Wealth/index.html. Besuchen Sie eine der VWL-Referenzseiten wie Resources for Economists on the Internet (www.rfe.org.) Browsen Sie durch einige Abschnitte, um sich mit der Website vertraut zu machen. Vielleicht möchten Sie konkret nach Ihrer Universität suchen, sich aktuelle Zeitungsartikel ansehen oder einige Wirtschaftsdaten nachschlagen. Zwei Seiten, die ausgezeichnete Analysen wirtschaftspolitischer Themen bieten, sind jene der Brookings Institution (www.brook.edu) und jene des American Enterprise Institute (www.aei.org). Jedes dieser Institute publiziert Bücher und informiert über die eigene Tätigkeit online. Ein nützliches Wirtschaftslexikon mit Kurzdefinitionen von Fachbegriffen findet man unter www.suchmaschi- ne-webkatalog.de/vwl-lexikon/. Gut verständliche Erläuterungen von Begriffen aus dem Bereich Arbeit, Wirtschaft und Sozialpolitik bietet:

www.igmetall.de/direkt/lexikon. Wer über die Theorie hinausgehen und sich mit realen, aktuellen Wirtschaftsfragen beschäftigen möchte, findet ein großes Literaturangebot vor. Die Stiftung Marktwirtschaft beispielsweise gibt regelmäßig Studien zu aktuellen wirtschaftspolitischen Fragen heraus; Informationen hierzu sind unter www.stiftung- marktwirtschaft.de zu finden. Veröffentlichungen zur Wirtschaft und wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland bietet auch die Bundeszentrale für politische Bildung: www.bpb.de/themen.

Übungen

1. Der große britische Ökonom Alfred Marshall (1842–1924) erfand viele der in der modernen Wirtschaftstheorie gängigen Werkzeuge, inte- ressierte sich jedoch vor allem für die prakti- sche Anwendung dieser Werkzeuge zur Lö- sung gesellschaftlicher Probleme. Marshall er- klärte in seiner Einführungsvorlesung:

„Es wird mein dringendstes Bemühen sein, die Zahl jener zu erhöhen, die die Universität Cambridge mit kühlem Kopf und warmem Herzen in die Welt entsendet; Leute, die bereit sind, ihr Bestes zu geben, um die sozialen

Leiden ihrer Umwelt zu lindern; entschlossen, sich erst zufrieden zu geben, wenn sie allen die wichtigsten Voraussetzungen für ein gebilde- tes und kultiviertes Leben eröffnet haben.“ [Memorials of Alfred Marshall, A.C. Pigou, Hrsg. (MacMillan and Co., London, 1925), S. 174, mit geringfügigen Anpassungen] Erklären Sie, wie ein kühler Kopf erst jene entscheidende positive Wirtschaftsanalyse er- möglicht, mit der sich die normativen Wertur- teile eines warmen Herzens oder sozialen Ge- wissens umsetzen lassen. Können Sie sich mit

38

der Sichtweise Marshalls identifizieren, was die Funktion des Lehrers betrifft? Akzeptieren Sie seine Intentionen?

2. Der bereits verstorbene George Stigler, ein bedeutender konservativer Ökonom der Chica- goer Schule, schrieb:

„Keine grundlegend egalitäre Gesellschaft war je in der Lage, ein effizientes und progressives Wirtschaftssystem aufzubauen oder zu erhal- ten. Es entspricht der allgemeinen Erfahrung, dass irgendeine Art differenzierender Beloh- nung erforderlich ist, um Arbeitskräfte zu moti- vieren.“ [The Theory of Price, 3. Ausg. (Mac- millan, New York, 1966), S. 19.] Handelt es sich bei diesen Aussagen um positi- vistische oder normative Ökonomie? Erörtern Sie Stiglers Ansicht im Lichte des Zitats von Alfred Marshall in Frage 1. Sehen Sie einen Widerspruch zwischen beiden?

3. Definieren Sie jeden der folgenden Begriffe genau und führen Sie Beispiele an: PMK, Knappheit, Produktionseffizienz, Input, Output.

4. Mit zunehmendem Reichtum wird Zeit die wichtigste knappe Ressource des Menschen. Nehmen wir an, Sie wären sehr reich, hätten aber nur wenige Stunden Freizeit pro Woche. Nennen Sie einige Beispiele, wie Sie Ihre Zeit noch ökonomischer einteilen könnten. Verglei- chen Sie, wozu reiche und wozu arme Men- schen ihre Zeit verwenden.

5. Nehmen Sie an, das Land Ökonomien produ- ziert Haarschnitte und Hemden mit einem ge- wissen Input an Arbeit. Ökonomien stehen dazu 1.000 Arbeitsstunden zur Verfügung. Ein Haarschnitt erfordert etwa eine halbe Arbeits- stunde, während für ein Hemd fünf Arbeits- stunden aufgewendet werden müssen. Erstel- len Sie eine Transformationskurve für Ökono- mien.

6. Nehmen Sie an, die wissenschaftlichen Erfin- dungen hätten die Produktivität der gesell- schaftlichen Ressourcen zur Erzeugung von Butter verdoppelt, während die Produktivität in

Die Grundlagen

Teil 1

der Kanonenerzeugung gleich geblieben ist. Zeichnen Sie die Transformationskurve in Ab- bildung 1-2 noch einmal unter Berücksichti- gung dieser Annahme.

7. Einige Wissenschaftler sind der Ansicht, wir würden unsere natürlichen Ressourcen zuse- hends plündern. Nehmen Sie an, dass zur Produktion zweier Güter (Konzerte und Benzin) nur zwei Inputs (Arbeit und natürliche Ressour- cen) nötig sind und dass sich die Technologie dieser fiktiven Gesellschaft im Zeitverlauf nicht verbessert. Zeigen Sie, welchen Verlauf die PMK nehmen müsste, wären die natürlichen Ressourcen bereits erschöpft. Was würde sich im Falle neuer Erfindungen und technologi- schen Fortschritts an Ihrer Antwort ändern? Erklären Sie ausgehend von diesem Beispiel, warum immer wieder behauptet wird, Wirt- schaftswachstum sei ein „Wettrennen zwi- schen Ausbeutung und Erfindung“.

8. Nehmen Sie an, Herr Fleißig hätte 10 Stunden Zeit für sein Studium der Fächer Volkswirt- schaft und Geschichte. Zeichnen Sie eine PMK der Noten, die Herr Fleißig angesichts seiner begrenzten zeitlichen Ressourcen bekommen kann. Sollte Fleißig ineffizient studieren, indem er beispielsweise laute Musik hört und immer wieder mit seinen Freunden in die Kneipe geht, wie sähe es dann mit seinem Output bezogen auf seine PMK aus? Wie würde sich dagegen die Noten-PMK von Herrn Fleißig verändern, könnte er seinen Studieninput von 10 auf 15 Stunden erhöhen?

ANHANG 1 Diagramme richtig lesen Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Chinesisches Sprichwort
ANHANG 1
Diagramme richtig lesen
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.
Chinesisches Sprichwort

Um sich in der Volkswirtschaft zurechtzufin- den, benötigt man erst eine gewisse Grund- kenntnis von Diagrammen und Kurven. Diese sind als Werkzeuge für den Ökono- men ebenso wichtig wie Hammer und Säge für den Zimmermann. Sollten Sie also bisher noch nie mit Diagrammen zu tun gehabt haben, nehmen Sie sich doch gleich zu Be- ginn ein wenig Zeit dafür – Sie werden sehen, eine sinnvolle Investition! Was ist überhaupt ein Diagramm? Ein Diagramm zeigt uns, in welcher Beziehung zwei oder mehrere Datenreihen oder Variab- len zueinander stehen. In derVolkswirtschaft sind Diagramme deshalb so wichtig, weil sie

es uns unter anderem ermöglichen, ökonomi- sche Konzepte zu analysieren und historische Trends zu untersuchen. Sie werden in diesem Buch eine ganze Reihe verschiedener Diagramme finden. Ei- nige zeigen, wie sich gewisse Variable im Laufe der Zeit verändern, aus anderen wird die Beziehung zwischen verschiedenen Vari- ablen untereinander ersichtlich (ein solches Beispiel werden Sie gleich kennen lernen). Jedes Diagramm in diesem Buch soll Ihnen das Verständnis für ein bedeutendes ökono- misches Gesetz oder einen wichtigen Trend erleichtern.

Alternative Produktionsmöglichkeiten

Möglich-

Nahrung

Maschinen

keiten

A

0

150

B

10

140

C

20

120

D

30

90

E

40

50

F

50

0

Tabelle

chen Produktionskombinationen

Die Tabelle zeigt sechs potenzielle Produktionskombina- tionen, die mit den gegebenen Ressourcen eines Landes produziert werden können. Das Land kann zwischen den sechs möglichen Kombinationen wählen.

mögli-

1A-1:

Nahrung

und

Maschinen:

die

Die Transformations- oder Produktionsmöglichkeitenkurve

Das erste Diagramm, dem Sie in diesem

Buch begegnet sind, war die Transforma- tions- oder Produktionsmöglichkeitenkurve PMK. Wie wir bereits erörtert haben, stellt die PMK die maximale Menge zweier Güter oder Dienstleistungen dar, die angesichts der in einer Wirtschaft vorhandenen beschränk- ten Ressourcen, sofern diese zur Gänze aus- gelastet werden, zugleich produziert werden können. Betrachten wir eine wichtige Anwendung dieses Beispiels, nämlich die Entscheidung zwischen der Produktion von Nahrungsmit- teln und Maschinen. Die für unsere PMK nötigen Daten sind Tabelle 1A-1 zu entneh- men, die dem Beispiel in Tabelle 1-1 weitge-

40

hend gleicht. Erinnern Sie sich? Die verschie- denen angegebenen Möglichkeiten entspre- chen einer bestimmten Produktionsmenge an Nahrungsmitteln und einem bestimmten Ausstoß an Maschinen. Bei steigender Nah- rungsmittelmenge sinkt die Maschinenpro- duktion. Würde also die Wirtschaft in unse- rem Beispiel 10 Nahrungsmitteleinheiten produzieren, könnte sie maximal 140 Maschi- nen herstellen, während bei einem Nahrungs- mitteloutput von 20 Einheiten nur 120 Ma- schinen vom Band laufen würden.

Diagramm der vorhandenen Produktionsmöglichkeiten

Die in Tabelle 1A-1 enthaltenen Daten lassen sich auch in Diagrammform darstellen. Im Diagramm stellen wir jedes der Datenpaare

aus der Tabelle als einen Punkt oder als zwei- dimensionale Ebene dar. Abbildung 1A-1 zeigt die Beziehung zwischen der Nahrungs- mittel- und Maschinenproduktion aus Tabelle 1A-1 als Diagramm. Jedes Zahlenpaar wird durch einen Punkt in diesem Diagramm ein- getragen. Die in Tabelle 1A-1 mit A bezeich- nete Reihe wird in Abbildung 1A-1 als Punkt

A

dargestellt; ebenso wird mit den Reihen B,

C

etc. verfahren.

In Abbildung 1A-1 entsprechen die verti- kale Linie links und die horizontale Linie unten den beiden Variablen: Nahrungsmit- teln und Maschinen. Eine Variable ist ein Untersuchungsgegenstand, der sich definie- ren und messen lässt und zu verschiedenen Zeiten oder an verschiedenen Orten unter- schiedliche Werte annimmt. Wichtige, in der Volkswirtschaft untersuchte Variablen sind beispielsweise Preise, Mengen, Arbeitsstun- den, Bodenflächen, Einkommen in Dollar etc. Die horizontale Linie auf dem Diagramm wird als die waagrechte oder X-Achse bezeich- net. In Abbildung 1A-1 wird der Nahrungsmit- teloutput auf der schwarzen waagrechten Achse gemessen. Die senkrechte Linie trägt die Be- zeichnung senkrechte oder Y-Achse. In Abbil-

Die Grundlagen Teil 1 150 A B 120 C 90 D 60 E 30 F
Die Grundlagen
Teil 1
150
A
B
120
C
90
D
60
E
30
F
0
10
20
30
40
50
Nahrung
Abbbildung
1A-1:
Sechs
mögliche
Produktionskom-
Maschinen

binationen Nahrung/Maschinen

In dieser Abbildung sehen Sie die Daten aus Tabelle 1A-1 grafisch aufbereitet. Es handelt sich um exakt dieselben Daten, die jedoch deutlicher werden, wenn man sie grafisch darstellt.

dung 1A-1 misst sie die Zahl der produzierten Maschinen. Punkt A auf der senkrechten Achse steht für 150 Maschinen. Die Ecke links unten, in der die beiden Achsen einander schneiden, wird als Ursprung oder Nullpunkt bezeichnet. In Abbildung 1 A-1 steht er für 0 Einheiten Nahrungsmittel und 0 Einheiten Maschinen.

Die durchgezogene Kurve

In den meisten ökonomischen Beziehungen können sich die Variablen nur geringfügig oder auch in so großen Schritten wie in Abbildung 1A-1 ändern. Wir zeichnen daher im allgemeinen ökonomische Beziehungen als kontinuierliche Kurven. Abbildung 1A-2 zeigt die PMK als durchgezogene Kurve, mit der die Punkte von A bis F verbunden wur- den. Durch den Vergleich von Tabelle 1A-1 und Abbildung 1A-2 können wir erkennen, wa- rum in der Wirtschaftswissenschaft Diagram- me so häufig verwendet werden. Die konti- nuierlich verlaufende PMK spiegelt die Wahlmöglichkeiten der Wirtschaft in der

Anhang 1

Diagramme richtig lesen

41

Produktion wider. Sie illustriert anschaulich, welche Arten von Gütern jeweils in welcher Menge vorhanden sind. Wir können aus ihr auf einen Blick das Verhältnis zwischen Ma- schinen- und Nahrungsmittelproduktion er- kennen.

Steigung und Kurven

Abbildung 1A-2 zeigt das Verhältnis zwi- schen der maximalen Nahrungsmittel- und Maschinenproduktion. Eine ganz wichtige Methode, um das Verhältnis zwischen zwei Variablen zu beschreiben, bietet uns die Stei- gung der Kurve. Der Anstieg oder die Steigung einer Kurve gibt die Veränderung einer Variablen infolge der Veränderung einer anderen Variablen wieder. Genauer gesagt handelt es sich um die Veränderung der Variablen Y auf der senkrechten Achse pro Einheit Veränderung der Variablen X auf der waagrechten Achse. Nehmen wir an, in Abbildung 1A-2 sei die Nahrungsmittelproduktion von 25 auf 26 Einheiten gestiegen. Die Steigung der Kurve in Abbildung 1A-2 zeigt uns die präzise Ver- änderung der Maschinenproduktion, die in- folgedessen stattfinden würde. Die Steigung ist ein exaktes numerisches Maß der Bezie-

hung zwischen der Veränderung von Y und der Veränderung von X. Wir können Abbildung 1A-3 benutzen, um zu zeigen, wie wir die Steigung einer Geraden, etwa der Geraden BD, messen. Stellen wir uns die Bewegung von B nach D

Die Produktionsmöglichkeitskurve (PMK) oder Transformationskurve

A 150 B C 120 D 90 60 E 30 F 0 10 20 30
A
150
B
C
120
D
90
60
E
30
F
0
10
20
30
40
50
Nahrung
Abbildung
1A-2:
Die
Produktionsmöglichkeitenkurve
Maschinen

(PMK) oder Transformationskurve

Eine durchgezogene Kurve, die Transformations- oder Pro- duktionsmöglichkeitenkurve, verbindet die eingetragenen Produktionskombinationen.

(a): Inverse Beziehung
Y

A 1 C B s D E
A
1
C
B
s
D
E
(b): Direkte Beziehung Y E D s B 1 C A X X
(b): Direkte Beziehung
Y
E
D
s
B
1
C
A
X
X

Abbildung 1A-3: Berechnung der Steigung von Geraden (gerade verlaufenden Kurven)

Die Steigung einer Gerade ist sehr leicht als „Δy dividiert durch Δx“ zu berechnen. So entspricht sowohl bei (a) als auch bei (b) der numerische Wert der Steigung Δy/Δx = CD/BC = s/l = s. Bitte beachten Sie, dass CD in (a) negativ ist, was eine negative Steigung oder ein inverses Verhältnis zwischen X und Y anzeigt.

42

in zwei Schritten vor. Als Erstes erfolgt eine horizontale Bewegung von B nach C, die einen Anstieg des X-Wertes um eine Einheit (ohne Veränderung von Y) zeigt. Daran schließt sich eine kompensierende vertikale Bewegung nach oben oder unten an, die in Abbildung 1A-3 als s bezeichnet ist. (Die erste, horizontale Verschiebung um eine Ein- heit dient nur der Bequemlichkeit. Die For- mel gilt aber für Bewegungen jeder Größen- ordnung.) Diese zweistufige Bewegung bringt uns von einem Punkt auf der Geraden zu einem anderen. Da die Bewegung BC eine Steigung von X um eine Einheit bedeutet, zeigt die Länge von CD (in Abbildung 1A-3 als s bezeichnet) die Veränderung von Y pro zusätzlicher Ein- heit von X an. In einem Diagramm heißt diese Veränderung die Steigung der Linie ABDE. Anstieg oder Steigung lässt sich auch als „AY durch AX“ definieren. AY ist der verti- kale Abstand, in Abbildung 1A-3 beispiels- weise der Abstand von C nach D. Dx ist der horizontale Abstand, in Abbildung 1A-3 also BC. „AY durch AX“ wäre in diesem Fall CD durch BC. Die Steigung von BD ist daher CD/BC. (Für jene unter Ihnen, die sich mit Differenzial- und Integralrechnungen aus- kennen, verweist Frage 7 am Ende dieses

Die Grundlagen

Teil 1

Anhangs auf die Beziehung zwischen Stei- gungen und Ableitungen.) Um den Begriff Steigung zu verstehen, sollte man folgende Punkte berücksichtigen:

1. Eine Steigung kann als Zahl ausgedrückt werden. Sie misst die Veränderung von Y pro zusätzlicher Einheit X oder „AY durch AX“.

2. Bei einer Geraden ist die Steigung überall konstant.

3. Die Steigung einer Kurve zeigt an, ob die Beziehung zwischen X und Y direkt oder invers ist. Direkte Beziehungen bedeuten, dass sich die Variablen in dieselbe Rich- tung bewegen (sie steigen oder fallen also gemeinsam), während man von inversen Beziehungen spricht, wenn sich die Variab- len in entgegengesetzter Richtung entwi- ckeln (wenn eine steigt, während die ande- re fällt).

Somit zeigt eine negative Steigung eine inver- se Beziehung zwischen X und Y wie in Abbil- dung 1A-3(a) an. Warum? Weil eine Steige- rung von X eine Zurücknahme von Y erfor- dert. Bisweilen wird die Steigung mit der Steil- heit der Kurve verwechselt. Diese Schlussfol-

(a) (b) Y Y 2 2 1 1 X X 0 1234 0 1 234
(a)
(b)
Y
Y
2
2
1
1
X
X
0
1234
0
1
234

Abbildung 1A-4: Steilheit ist nicht dasselbe wie Steigung

Bitte beachten Sie, dass obwohl (a) steiler aussieht als (b), beide Kurven genau dasselbe Verhältnis darstellen. Die Steigung beträgt in beiden Fällen 1 / 2 , aber die X-Achse wurde in (b) gestreckt.

Anhang 1

Diagramme richtig lesen

gerung kann, muss aber nicht richtig sein. Die Steilheit der Kurve hängt nämlich von dem im Diagramm verwendeten Maßstab ab. Die Bilder (a) und (b) in Abbildung 1A-4 zeigen exakt dasselbe Größenverhältnis. Bei (b) ist jedoch der horizontale Maßstab im Vergleich zu (a) gestreckt. Wenn Sie genau rechnen, werden Sie entdecken, dass die Steigung in beiden Fällen identisch (nämlich 1/2) ist.

Steigung einer gekrümmten Kurve

Eine gekrümmte oder nichtlineare Kurve ist eine Linie, deren Steigung sich verändert. Manchmal wollen wir die Steigung in einem bestimmten Punkt ermitteln, etwa in Punkt B der Abbildung 1A-5.Wir erkennen zwar, dass die Steigung in Punkt B positiv ist, sehen aber nicht, wie wir sie berechnen können. Um die Steigung einer verlaufenden, ge- krümmten Kurve in einem bestimmten Punkt festzustellen, müssen wir die Steigung jener Geraden errechnen, die die Kurve im frag-

Y J M N H E D G B F X A Abbildung 1A-5: Tangente
Y
J
M
N
H
E
D
G
B
F
X
A
Abbildung
1A-5:
Tangente
als
Steigung
einer
ge-

krümmten Kurve

Durch Anlegen einer Tangente lässt sich die Steigung einer gekrümmten Kurve in einem gegebenen Punkt berechnen. So bildet die Linie FBMJ die Tangente zur gerade verlaufen- den ABDE-Kurve in Punkt B. Die Steigung in B wird als Steigung der Tangente berechnet, also als NJ/MN.

43

lichen Punkt berührt, jedoch nicht schneidet. Eine solche Gerade wird als Tangente der gekrümmten Kurve bezeichnet. Anders be- trachtet ist die Steigung einer gekrümmten Kurve im gegebenen Punkt gleich der Stei- gung der an diesen Punkt angelegten Tangen- te. Wenn wir die Tangente zeichnen, können wir die Steigung der Tangente mit der übli- chen, bereits erörterten Messmethode (rech- ter Winkel) ermitteln. Um die Steigung in Punkt B in Abbildung 1A-5 zu ermitteln, konstruieren wir einfach die Strecke FBJ als Tangente, die wir in Punkt B an die Kurve anlegen. Anschließend be- rechnen wir die Steigung der Tangente als NJ/ MN. Ebenso ergibt die Tangente GH die Steigung der gekrümmten Kurve in Punkt D. Ein weiteres Beispiel für die Steigung ei- ner nichtlinear verlaufenden Kurve sehen Sie in Abbildung 1A-6. Diese zeigt einen für die Mikroökonomie typischen Fall: Es handelt sich um eine glockenförmige Kurve mit ei-

Y

Negative Steigung Nullsteigung C B D A E Positive Steigung
Negative Steigung
Nullsteigung
C
B
D
A
E
Positive Steigung

X

Steigungen

nichtlinearer Kurven

In der Volkswirtschaftslehre stoßen wir immer wie- der auf Kurven, die erst ansteigen, irgendwo einen Höhepunkt erreichen und dann wieder abfallen. Im ansteigenden Bereich von A nach C ist die Steigung positiv (siehe Punkt B). Im abfallenden Bereich von C nach E ist die Steigung negativ (siehe Punkt D). Am höchsten Punkt der Kurve, in C, beträgt die Steigung Null. (Wie verhält sich eine U-förmige Kurve? Wo weist sie die geringste Steigung auf?)

Abbildung

1A-6:

Unterschiedliche

44

nem Maximum im Punkt C. Wir können unsere Methode der Ermittlung des Anstiegs als Steigung der Tangente verwenden und sehen, dass die Steigung der Kurve im anstei- genden Bereich der Kurve immer positiv ist, ebenso wie sie im abfallenden Bereich immer negativ ist. An der Spitze oder im höchsten Punkt der Kurve ist die Steigung immer exakt Null. Eine Steigung von Null bedeutet, dass eine winzige Bewegung der Variablen X um die Spitze auf den Wert der Y-Variablen kei- nen Einfluss hat. 3

Verschiebung von, und Bewegung entlang von Kurven

Eine in der Volkswirtschaftslehre wichtige Unterscheidung betrifft die Verschiebung von Kurven und die Bewegung entlang von Kurven. Wir können diesen Unterschied in Abbildung 1A-7 erkennen. Die innere Trans- formationskurve gibt die PMK in Abbildung 1A-2 wieder. In Punkt D entscheidet sich die Gesellschaft für die Produktion von 30 Ein- heiten Nahrung und 90 Einheiten Maschinen. Sollte die Gesellschaft jedoch plötzlich be- schließen, bei gegebener PMK mehr Nah- rung zu erzeugen, dann könnte sie sich ent- lang der PMK bis zu Punkt E bewegen. Diese Bewegung entlang der Kurve drückt die Ent- scheidung für mehr Nahrung und weniger Maschinen aus. Nehmen Sie nun an, die innere PMK würde die Produktionsmöglichkeiten der Ge- sellschaft für das Jahr 1990 darstellen. Be-

3 Alle jene, die sich für Algebra interessieren, merken sich die Steigung einer Linie am besten wie folgt: Eine gerade Linie (oder eine lineare Beziehung) wird mit der Formel Y = a+bX angegeben. Für diese Linie ist die Steigung der Kurve b, und sie misst die Veränderung von Y bei Änderung von X um eine Einheit. Eine gekrümmte Kurve oder ein nichtlineares Verhältnis beinhaltet neben Konstanten und dem X-Term weitere Terme. Ein Beispiel für ein nichtlineares Verhältnis ist die quadratische Gleichung Y = (X– 2) 2 . Sie können leicht erkennen, dass die Steigung dieser Gleichung negativ ist, wenn X < 2, und dass sie positiv ist, wenn X > 2. Welche Steigung ergibt sich für X = 2? Für die Freunde der Differential- und Integralrechnung: Eine Stei- gung von Null liegt vor, wenn die Ableitung einer gleichmäßigen Kurve gleich Null ist. Sie können mit dieser Rechenmethode den Nullsteigungspunkt einer Kurve, die durch die Funktion Y = (X–2) 2 definiert ist, finden und darstellen.

Die Grundlagen

Teil 1

trachten wir dasselbe Land im Jahr 2000, so erkennen wir, dass sich seine PMK von der inneren Kurve des Jahres 1990 zur äußeren Kurve des Jahres 2000 verschoben hat. (Diese Verschiebung ist auf technologischen Wandel oder zusätzliche Kapazitäten der Faktoren Arbeit oder Kapital zurückzuführen.) Im Jahr 2000 entscheidet sich diese Gesellschaft vielleicht für Punkt G, was bedeutet, dass sie mehr Nahrung und Maschinen erzeugt, als dies sowohl in D als auch in E der Fall war. Das Entscheidende an diesem Beispiel ist die Unterscheidung zwischen einer Bewe- gung entlang der Kurve wie im ersten Fall (von D zu E) und einer Verschiebung der Kurve wie im zweiten Fall (von D zu G).

Spezielle Diagramme

Die PMK ist eines der wichtigsten Diagram- me der Wirtschaftswissenschaften, weil sie das Verhältnis zwischen zwei volkswirtschaft- lichen Variablen (Nahrung und Maschinen

210 180 150 120 G D 90 60 E 30 2000 1990 0 10 20
210
180
150
120
G
D
90
60
E
30
2000
1990
0
10
20
30
40
50
60
70
Maschinen

Nahrung

Abbildung 1A-7: Verschiebung von Kurven oder Bewe- gung entlang von Kurven

Bei der Verwendung von Diagrammen ist unbedingt darauf zu achten, dass zwischen einer Bewegung entlang der Kurve (wie vom investitionsintensiven Punkt D zum investi- tionsschwachen Punkt E) und einer Verschiebung der Kurve (wie von D in einem früheren Jahr zu G in einem späteren Jahr) unterschieden wird.

Anhang 1

Diagramme richtig lesen

oder Kanonen und Butter) darstellt. Sie wer- den jedoch auf den folgenden Seiten auch noch mit zahlreichen anderen Diagrammen Bekanntschaft machen. Zeitreihen. Einige Diagramme zeigen, wie sich eine bestimmte Variable im Zeitablauf verhält. Bei Zeitreihendiagrammen wird die Zeit auf der waagrechte Achse aufgetragen, während die untersuchten Variablen (in die- sem Fall das Schulden-BIP-Verhältnis) auf der senkrechten Achse stehen. Diagramm, welches das Verhältnis des amerikanischen Haushaltsdefizits zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) darstellt, würde zeigen dass der Ver- schuldungsgrad während jedes größeren Krieges einen dramatischen Anstieg ver- zeichnete. Streudiagramme. Manchmal werden ein- zelne Punkte dargestellt, zu sehen etwa in Abbildung 1A-1. Sehr häufig begegnen uns allerdings auch Variablen-Kombinationen für verschiedene Jahre. Ein wichtiges makroöko- nomisches Beispiel für ein Streudiagramm ist die Konsumfunktion, die in Abbildung 1A-8 dargestellt ist. Dieses Streudiagramm zeigt das gesamte verfügbare Volkseinkommen auf der waagrechten und den gesamten Konsum (die Ausgaben der Haushalte für Güter wie Lebensmittel, Kleidung und Haushalt) auf der senkrechten Achse. Beachten Sie, dass der Konsum sehr eng mit dem Einkommen zusammenhängt, was für das Verständnis der Veränderungen in den Bereichen Volksein- kommen und Produktion ganz wesentlich ist. Diagramme mit mehr als einer Kurve. Häufig erweist es sich als sinnvoll, zwei Kur- ven im selben Diagramm einzuzeichnen, wo- durch ein sogenanntes „Multikurvendia- gramm“ entsteht. Diese Diagramme können zwei verschiedene Beziehungen gleichzeitig

45

darstellen, etwa die Reaktion der Kaufbereit- schaft der Konsumenten auf den Preis (Nach- frage) und die Reaktion der Produktion auf den Preis (Angebot). Durch die Darstellung beider Relationen in einem Diagramm kön- nen wir ermitteln, wie sich Preis und Produk- tionsmenge auf einem bestimmten Markt ein- stellen werden. Und damit ist unser kurzer Exkurs über Diagramme auch schon abgeschlossen. Sie werden sehen, sobald Sie mit den hier erklär- ten, grundlegenden Prinzipien zurechtkom- men, werden Sie die Diagramme in diesem Buch und anderswo als unterhaltsam und informativ erleben.

9.000 c 8.000 2003 7.000 2000 6.000 1995 5.000 1990 4.000 3.000 1980 1970 2.000
9.000
c
8.000
2003
7.000
2000
6.000
1995
5.000
1990
4.000
3.000
1980
1970
2.000
1960
1.000
c
0
0
2.000
4.000
6.000
8.000
10.000
Konsumausgaben (Mrd. US-$, Preise von 2000)

Verfügbares Einkommen (Mrd. US-$, Preise 2000)

Abbildung 1 A-8: Das Streudiagramm der Konsumfunkti- on zeigt ein wichtiges Gesetz der Makroökonomie

Die beobachteten Ausgabenhöhen für den Konsum fallen in die Nähe der CC-Linie, die das Durchschnittsverhalten im Zeitablauf darstellt. So liegt etwa der rote Punkt für das Jahr 2003 so nahe an der CC-Linie, dass er sich aus dem Linienverlauf ohne weiteres hätte vorhersagen lassen, noch bevor das Jahr zu Ende war. Streudiagramme zeigen uns, wie eng die Beziehung zwischen zwei Variablen ist.

46

Die Grundlagen

Teil 1

Zusammenfassung des Anhangs

1. Diagramme sind ein wichtiges Hilfsmittel der modernen Volkswirtschaft. Sie sorgen für die praktische und übersichtliche Darstellung von Daten oder Beziehungen zwischen Variablen.

2. Folgendes müssen Sie wissen, um Diagramme zu verstehen: Was wird auf den beiden Achsen (der waagrechten und der senkrechten Achse) aufgetragen? In welchen Einheiten wird auf jeder Achse gemessen? Welches Verhältnis wird mit der Kurve oder den Kurven des jewei- ligen Diagramms dargestellt?

3. Die Beziehung zwischen den beiden Variablen einer Kurve ergibt sich durch ihren Anstieg oder ihre Steigung. Die Steigung wird als „AY

durch AX“ oder als Zunahme von Y pro zusätz- licher Einheit von X definiert. Bei einer positi- ven Steigung besteht eine direkte Beziehung zwischen den beiden Variablen; sie bewegen sich zugleich nach oben oder unten. Bei einer negativen Steigung besteht eine inverse Bezie- hung zwischen den beiden Variablen.

4. Außerdem begegnen uns bisweilen spezielle Diagramme: Zeitreihen, die zeigen, wie sich eine bestimmte Variable im Zeitablauf verhält; Streudiagramme, die uns Beobachtungen über ein Variablenpaar ermöglichen, und Mehrkur- vendiagramme, die zwei oder mehr Beziehun- gen in einem einzigen Diagramm verbinden.

Begriffe zur Wiederholung

Was macht ein Diagramm aus?

Diagrammbeispiele

Die waagrechte oder X- Achse

Zeitreihen

Die senkrechte oder Y -Achse

Streudiagramme

Die Steigung als „AY durch AX“ Die Steigung (negativ, positiv, Null) Die Tangente als Steigung einer gekrümmten Kurve

Multikurvendiagramme

Übungen

1. Erörtern Sie folgende Problemstellung: Nach einem achtstündigen Schlaf bleiben Ihnen ins- gesamt 16 Stunden für Freizeit und Studium. Sagen wir, die Freizeit sei die Variable X, wäh- rend die Studienzeit als Y-Variable angenom- men wird. Zeichnen Sie in Ihrem Diagramm eine lineare Beziehung zwischen allen Kombi- nationen von X und Y ein. Achten Sie auf die richtige Beschriftung von Achsen und Ur- sprung.

2. Wie sieht in Frage 1 die Steigung der Linie aus, die die Beziehung zwischen Studien- und Frei- zeit darstellt? Handelt es sich um eine Gerade?

3. Nehmen wir einmal an, Sie benötigen genau 6 Stunden Freizeit täglich, nicht mehr und nicht weniger. Markieren Sie im Diagramm den Punkt, der den 6 Stunden Freizeit ent- spricht. Achten Sie nun auf die Bewegung entlang der Kurve: Suchen Sie den nächsten Punkt unter der Annahme, dass Ihnen auch 4 Stunden Freizeit genügen. Markieren Sie die- sen Punkt.

4. Führen Sie nun eine Verschiebung der Kurve durch: Sie stellen fest, dass auch weniger Schlaf ausreichend sein müsste, sodass Sie nun 18 Stunden täglich für Freizeit und Stu- dium zur Verfügung haben. Zeichnen Sie die neue (verschobene) Kurve.

5. Führen Sie eine Woche lang Aufzeichnungen über Ihre eigenen Freizeit- und Studienge- wohnheiten. Zeichnen Sie daraus ein Zeitrei- hendiagramm der täglichen Freizeit- und Stu- dienstunden. Zeichnen Sie als nächstes ein Streudiagramm der Freizeit- und Studienstun- den. Erkennen Sie eine Beziehung zwischen den beiden Variablen?

6. Loggen Sie sich auf der Website des Bureau of Economic Analysis unter www.bea.gov ein. Klicken Sie nun auf „Gross Domestic Product“. Klicken Sie auf der nächsten Seite „Interactive NIPA data“ an. Klicken Sie nun auf „Frequently Requested NIPA Tables“. Gehen Sie zu „Table 1.2 (Real Gross Domestic Product)“, das Ihnen den gesamtwirtschaftlichen Output anzeigt.

Kapitel 1

Die Grundlagen der Volkswirtschaft

Dabei erfahren Sie voraussichtlich die aktuel- len Quartalsdaten.

a. Zeichnen Sie ein Diagramm, das die Zeit- reihe für das reale BIP der letzten sechs Quartale darstellt. Zeigt der allgemeine Trend aufwärts oder abwärts? (Wir werden im makroökonomischen Abschnitt weiter hinten in diesem Buch erfahren, dass eine abwärts gerichtete Kurve als Rezession bezeichnet wird.)

b. Zeichnen Sie ein Streudiagramm der „Im- porte“ auf der vertikalen Achse und des „Bruttoinlandsprodukts“ auf der horizonta- len Achse. Beschreiben Sie die Beziehung zwischen den aufgetragenen Zahlen. (Aus makroökonomischer Perspektive handelt es sich hierbei um die Grenzneigung zum Im- port.)

47

7. Für die Rechenkünstler unter Ihnen: Die Stei-

gung einer kontinuierlichen Kurve ist deren Ableitung. Sie finden nachstehend die Glei- chungen für zwei inverse Nachfragekurven (wobei der Preis eine Funktion des Output ist). Nehmen Sie für jede Kurve an, dass die Funk- tion nur dann gilt, wenn P 0 und X 0.

a. P = 100 – 5X

b. P = 100 – 20X + 1X 2

Bestimmen Sie die Steigung jeder Nachfrage- kurve, wenn X = 0 und wenn X = 1. Wie lautet die Bedingung, unter der das Gesetz der ab- wärts verlaufenden Nachfragekurve für lineare Nachfragekurven wie a gilt? Ist Kurve b konkav (glockenförmig) oder konvex (tassenförmig)?

49

KAPITEL 2

Markt und Staat in der modernen Wirtschaft

Jeder Mensch ist bemüht, sein Kapital so einzusetzen, dass er daraus den größtmöglichen Wert bezieht. Er möchte damit im Allgemeinen nicht dem öffentlichen Interesse dienen und weiß auch nicht, wie sehr er diesem dient. Er hat ausschließlich seine eigene Sicherheit, seinen eigenen Nutzen im Sinn. Und er wird dabei von einer unsichtbaren Hand ge- leitet, letztlich doch ein Ziel zu verfolgen, das nicht in seiner Absicht lag. Indem der Mensch seinen eigenen Nutzen anstrebt, fördert er häufig den Nutzen der Gesellschaft wirk- samer, als hätte er dies beabsichtigt.

Adam Smith The Wealth of Nations – Der Reichtum der Nationen (1776)

Das wirtschaftliche Mischsystem

Im vorliegenden Lehrbuch befassen wir uns primär mit der Marktwirtschaft der moder- nen Industriestaaten. Vor deren Entstehung, im Mittelalter, bestimmten überwiegend Aristokratie und bedeutende Handelsstädte die wirtschaftlichen Aktivitäten Europas und Asiens. Doch vor etwa 200 Jahren ließen die Herrschenden in ihrem Bemühen, die Preise und Produktionsmethoden zu kontrollieren, allmählich nach. Der Feudalismus machte nach und nach dem Markt oder dem, was wir als „Marktmechanismus“ oder „Konkurrenz- kapitalismus“ bezeichnen, Platz. Im Großteil Europas und Nordamerikas entwickelte sich das 19. Jahrhundert zum Zeitalter des Laissez-faire („einfach gewäh- ren lassen“). Diese Wirtschaftsdoktrin lehrt, der Staat solle sich so wenig wie möglich in wirtschaftliche Angelegenheiten einmischen und diese von privaten Käufern und Verkäu- fern entscheiden lassen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts setzten viele Staaten auf diese Wirtschaftsphilosophie. Doch vor etwa 100 Jahren begannen sich die meisten Länder angesichts ihrer Erfahrun- gen mit zahlreichen Auswüchsen des Kapita- lismus – wie Korruption, gesundheitsgefähr- denden Produkten und Armut – von ihrer ungebremsten Laissez-faire-Politik wieder ab- zuwenden. Die Rolle des Staates wurde im- mer wichtiger, weil dieser nun die Monopole regelte, Einkommensteuern erhob und be- gann, ein Netz der sozialen Sicherheit für Alte, Arbeitslose und Arme zu knüpfen. Dieses neue System, wir sprechen vom Wohlfahrtsstaat, ist so organisiert, dass der Markt die Aktivitäten des täglichen wirt- schaftlichen Lebens bestimmt, während der Staat über die soziale Situation wacht und Pensionen, ein Gesundheitswesen und ande- re Erfordernisse für bedürftige Familien be- reitstellt. Im ausgehenden 20. Jahrhundert verlager- te sich der Trend wieder, als konservative Regierungen in vielen Ländern Steuersen- kungen einleiteten und die staatliche Kont-

50

rolle der Wirtschaft lockerten. Zahlreiche zuvor staatliche Unternehmen wurden „pri- vatisiert“, Einkommensteuern gesenkt und die ehemals großzügigen Wohlfahrtspro- gramme gekürzt, um dem rapiden Anstieg der Staatsausgaben entgegenzuwirken. Besonders drastisch fiel die Wende zum Markt in Russland und in den zuvor kommu- nistischen Ländern Osteuropas aus. Nach- dem sie Jahrzehnte hindurch die Vorteile einer staatlich betriebenen Planwirtschaft ge- lobt hatten, verwarfen diese Länder ab etwa 1990 ihre bisherigen Konzepte und wagten den schwierigen Übergang hin zu einer de- zentralen, vom Markt bestimmten Wirt- schaft. China wird zwar nach wie vor von der diktatorischen kommunistischen Partei re- giert, erlebt aber seit etwa 30 Jahren einen echten Boom, nachdem im Land der Mitte private und ausländische Unternehmen zuge- lassen worden waren. Auch andere, zuvor eher arme Regionen wie Taiwan, Hongkong und Chile erfreuen sich eines raschen Ein- kommenszuwachses, seit sie sich dem Kapita- lismus zugewandt und die Rolle des Staates in der Wirtschaft zurückgenommen haben. Diese historische Episode der Verschie- bung der Grenzen zwischen Staat und Markt wirft viele Fragen auf. Was genau ist eigentlich eine Marktwirtschaft und warum erweist sie sich als ein so starker Wachstumsmotor? Wo- für steht der Begriff „Kapital“ in „Kapitalis- mus“? Welche staatlichen Kontrollen sind erforderlich, damit Märkte effektiv funktio- nieren können? Wir sollten uns nun mit den Grundsätzen befassen, auf denen die Markt- wirtschaft beruht, und überlegen, welche Rol- le der Staat im Wirtschaftsleben zu spielen hat.

A. Was ist ein Markt?

In einem Land wie den USA werden die meisten wirtschaftlichen Entscheidungen durch den Markt getroffen, also beginnen wir unsere systematische Recherche hier.

Die Grundlagen

Teil 1

Wer löst die drei Grundfragen wirtschaft- licher Organisation, nämlich was, wie und für wen in einer Marktwirtschaft produziert wird? Vielleicht überrascht es Sie, dass in einer Marktwirtschaft kein einzelner Mensch, auch keine Organisation oder Regierung für die Lösung wirtschaftlicher Probleme zustän- dig ist. Stattdessen betreiben Millionen von Unternehmen und Konsumenten völlig frei- willig Handel, weil sie ihre jeweilige wirt- schaftliche Situation verbessern wollen, und sie werden in ihren Aktivitäten unmerklich durch ein System von Preisen und Märkten koordiniert. Um sich vor Augen zu führen, wie erstaun- lich dieser Umstand ist, denken Sie doch einmal an die Stadt New York. Ohne einen konstanten Fluss von Wirtschaftsgütern in die Stadt hinein und wieder aus ihr heraus wären die New Yorker praktisch innerhalb einer Woche verhungert. Damit New York funktioniert, müssen also zahlreiche Güter angeliefert werden. Aus den umliegenden Bezirken, aus 50 Bundesstaaten und aus den entlegensten Ecken der Welt werden Güter tage- und wochenlang in Richtung New York transportiert. Doch wie können 10 Millionen Menschen nachts ruhig schlafen, ohne sich panisch vor einem Zusammenbruch dieses überaus kom- plexen wirtschaftlichen Vorgangs, von dem ihr Leben abhängt, zu fürchten? Die überra- schende Antwort lautet, dass dieses Wirt- schaftssystem ohne Zwang oder zentrale Lenkung allein durch den Markt koordiniert wird. Jeder Bürger der USA sieht, was der Staat alles tut, um das wirtschaftliche Leben zu kontrollieren: Er erhebt Mautgebühren auf Brücken, platziert Polizisten auf den Straßen, reguliert den Handel mit Medikamenten, er- hebt Steuern, sendet seine Armee in weit entfernte Länder etc. Doch wir denken nur selten darüber nach, wie gut unser wirtschaft- liches System ohne staatliche Eingriffe funk- tioniert. Millionen Menschen produzieren täglich Tausende Güter, freiwillig, ohne Be-

Kapitel 2

Markt und Staat in der modernen Wirtschaft

51

fehl einer zentralen Verwaltung, ohne gro- ßen, umfassenden Plan.

Wirtschaftsordnung, nicht Chaos

Der Markt erscheint als ein enormes Durch- einander von Verkäufern und Käufern. Ist es da nicht ein echtes Wunder, dass Nahrung in ausreichender Menge produziert, an den richtigen Ort transportiert wird und schließ- lich in genießbarer Form auf unserem Teller landet? Doch ein genauerer Blick auf New York oder einen anderen Wirtschaftsraum zeigt uns deutlich, dass einem Marktsystem nichts Chaotisches oder Wunderbares anhaf- tet. Es handelt sich einfach um ein System mit einer inneren Logik. Und das funktioniert. Eine Marktwirtschaft ist ein überaus kom- plexer Mechanismus zur Koordinierung von Menschen, Handlungen und Geschäftsbezie- hungen durch ein System von Preisen und Märkten. Zugleich stellt der Marktmechanis- mus ein Kommunikationsmedium für das Wissen und die Aktivitäten von Milliarden unterschiedlicher Akteure dar. Ohne jede zentrale „Intelligenz“ und ohne Vorausbe- rechnung löst er die Probleme der Produk- tion und Verteilung mit ihren Milliarden un- bekannter Variabler und Beziehungen, Prob- leme, die jeden der schnellsten Super- computer unserer Tage bei weitem überfor- dern würden. Niemand hat den Markt ge- plant, und doch funktioniert er bemerkens- wert gut. In einer Marktwirtschaft ist kein einzelner Mensch und auch keine einzelne Organisation für Produktion, Konsum, Ver- teilung und Preisgestaltung verantwortlich. Doch wie bestimmen die Märkte Preise, Löhne und Produktion? Ursprünglich war ein Markt einfach ein Ort, an dem Käufer und Verkäufer einander physisch, von Ange- sicht zu Angesicht, gegenübertraten. Der Marktplatz – man stelle sich ruhig Butterber- ge, Käsepyramiden, Frischfisch und Kisten voller Gemüse vor – war in vielen Dörfern und Städten ein gewohnter Anblick, ein Ort, an dem die Landwirte ihre Waren zum Ver- kauf anboten. In den USA gibt es auch heute

noch bedeutende Märkte, auf denen sich zahlreiche Händler einfinden, um ihre Ge- schäfte abzuwickeln. So werden etwa Weizen und Mais am Board of Trade in Chicago, Öl und Platin hingegen an der New Yorker Warenbörse gehandelt, während Edelsteine im Diamantenbezirk von New York City ih- ren Eigentümer wechseln. Allgemein definiert sind Märkte Orte, an denen Käufer und Verkäufer miteinander in Beziehung treten, Güter und Dienstleistun- gen austauschen und Preise festlegen. Es gibt Märkte für fast alles. Sie können Werke alter Meister in einem Auktionshaus in New York, Emissionszertifikate am Chicago Board of Trade, aber in vielen großen Städten auch illegale Drogen von speziellen Zustelldiens- ten kaufen. Ein Markt kann, wie der Aktien- markt, an einem zentralen Ort stattfinden. Er kann aber auch, wie der Arbeitsmarkt, de- zentral organisiert sein. Möglicherweise exis- tiert er auch, wie zunehmend der „E-Com- merce“ im Internet, nur elektronisch.

Ein Markt ist ein Mechanismus, mit dessen Hilfe Käufer und Verkäufer miteinander in Beziehung treten, um Preis und Menge einer Ware oder Dienstleistung zu ermitteln.

In einem Marktsystem hat alles einen Preis, nämlich den Wert der Ware, ausgedrückt in Geld (die Rolle des Geldes wird in Abschnitt B dieses Kapitels behandelt). Die Preise stellen dabei jene Bedingungen dar, zu welchen die Haushalte und Unternehmen bereit sind, be- stimmte Güter auszutauschen. Wenn ich ein- willige, vom Händler einen gebrauchten Ford für US-$ 8.050 zu kaufen, bedeutet das, dass der Ford für mich mehr als US-$ 8.050 wert ist, während dem Händler US-$ 8.050 mehr wert sind als der von mir gekaufte Ford. Der Ge- brauchtwagenmarkt hat den Preis für diesen Wagen festgesetzt und ihn auf dem Weg des freiwilligen Handels jener Person zugespro- chen, für die er den höchsten Wert darstellt. Zusätzlich haben Preise für Produzenten wie auch für Konsumenten Signalwirkung. Sobald die Konsumenten mehr von einem

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Wirtschaftsgut nachfragen, steigt dessen Preis, wodurch ein Signal an die Produzenten gesandt wird, mehr von diesem Gut anzubie- ten. Wird aufgrund einer fürchterlichen Seu- che weniger Rindfleisch produziert, sinkt das Rindfleischangebot und steigen die Hambur- gerpreise. Der höhere Preis motiviert die Landwirte, ihre Rinderproduktion zu erhö- hen, und er motiviert die Konsumenten, an- stelle von Hamburgern und Rindersteak an- dere Produkte zu wählen. Was für die Verbrauchsgütermärkte gilt, lässt sich ebenso auf Faktormärkte anwen- den, beispielsweise auf Grund und Boden oder Arbeit. Werden für die neuen Dotcom- Unternehmen mehr Programmierer benö- tigt, steigt tendenziell auch der Preis der Programmierer (das heißt, ihr Stundenlohn). Die Verschiebung im Preisgefüge führt zu einem Abfluss von Arbeitskräften in Rich- tung des wachsenden Berufszweigs.

Preise koordinieren die Entscheidungen von Produzenten und Konsumenten auf einem Markt. Höhere Preise dämpfen zumeist die Nachfrage bei den Konsumenten und kur- beln gleichzeitig die Produktion an. Geringe- re Preise hingegen fördern die Kauflust der Leute und wirken sich hemmend auf die Produktion aus. Preise sind also das ausglei- chende Element im Marktmechanismus.

Marktgleichgewicht. Zu jedem Zeitpunkt kau- fen gewisse Leute, während andere verkaufen; erfinden Unternehmen neue Produkte, wäh- rend zugleich die Staaten Gesetze zur Rege- lung dieser Produkte erlassen; eröffnen auslän- dische Unternehmen Betriebe in den USA, während amerikanische Unternehmen ihre Produkte im Ausland absetzen. Und dabei, mitten in all diesem Trubel, lösen die Märkte selbsttätig die Probleme des Was, Wie und Für wen. Weil sie einen Ausgleich zwischen allen in der Wirtschaft wirkenden Kräften herstellen, bewirken die Märkte ein Gleichgewicht zwi- schen Angebot und Nachfrage. Das Marktgleichgewicht stellt den Aus- gleich zwischen all den verschiedenen Käu-

Die Grundlagen

Teil 1

fern und Verkäufern her. Alle Haushalte und Unternehmen wollen – je nach herrschen- dem Preis – bestimmte Gütermengen kaufen oder verkaufen. Der Markt ermittelt den Gleichgewichtspreis, der sowohl die Wün- sche der Käufer als auch jene der Verkäufer berücksichtigt. Ein überhöhter Preis würde zu einer Übersättigung mit Gütern und damit zu einem überhöhten Produktionsvolumen führen; ein zu geringer Preis hingegen hätte lange Schlangen in den Geschäften und einen Mangel an Gütern zur Folge. Preise, bei denen die Käufer genau jene Menge zu kau- fen wünschen, die die Verkäufer verkaufen wollen, implizieren ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage.

Wie lösen Märkte die drei Grund- fragen der Volkswirtschaft?

Wir haben gesehen, wie Preise auf einem bestimmten Markt ein Gleichgewicht zwi- schen Konsum und Produktion (man könnte auch sagen: zwischen Nachfrage und Ange- bot) herbeiführen. Doch wie verhält es sich, wenn wir verschiedene Märkte – Benzin, Autos, Grund und Boden, Arbeit, Kapital und was es sonst noch gibt – gemeinsam betrachten? Alle diese Märkte wirken zu- sammen und führen zu einem umfassenden Gleichgewicht zwischen Preisen und Produk- tion. Indem der Ausgleich zwischen Verkäufern und Käufern (Angebot und Nachfrage) her- gestellt wird, löst eine Marktwirtschaft gleichzeitig die drei Probleme des Was, Wie und Für wen. Hier eine grobe Definition des Marktgleichgewichts:

1. Was produziert wird (also welche Güter und Dienstleistungen), entscheiden letzt- lich die Konsumenten, deren Geldausga- ben als eine Art „Stimmzettel“ fungieren – natürlich nicht nur alle zwei oder vier Jahre anlässlich von Wahlen, sondern in den täglichen Kaufentscheidungen. Das Geld, das die Konsumenten in die Kassen

Kapitel 2

Markt und Staat in der modernen Wirtschaft

53

der Unternehmen fließen lassen, sorgt für Gehälter, Mieten und Dividenden, die die Konsumenten als Arbeitnehmer, die sie ja ebenfalls sind, in Form ihres Einkommens erhalten. Unternehmen, die ihre Gewinne maximie- ren möchten, versuchen, ihre Produktions- kosten für ein bestimmtes Produktionsvo- lumen so gering wie möglich zu halten. Gewinne sind der Nettoertrag oder die Differenz zwischen der Summe aller Ver- käufe und der Summe aller Kosten. Unter- nehmen geben Bereiche auf, in denen sie Geld verlieren; zugleich aber werden sie von den hohen Gewinnen angezogen, die ihnen durch die Produktion stark nachge- fragter Güter winken. Zu den rentabelsten Tätigkeiten gehören heute die Produktion und der Verkauf medizinischer Wirkstoffe – ob diese Hilfe gegen Depressionen, Ängste, Impotenz oder sonstige menschliche Ge- brechen versprechen. Angelockt durch die hier zu erzielenden hohen Gewinne inves- tieren Unternehmen Milliarden Dollar in die Erforschung neuer und immer besserer Medikamente. 2. Wie produziert wird, entscheidet sich durch den Wettbewerb zwischen verschiedenen Produzenten. Die beste Möglichkeit für die Produzenten, die Preiskonkurrenz zu be- stehen und die eigenen Gewinne zu maxi- mieren, besteht in einer Minimierung ihrer Kosten durch den Einsatz möglichst effi- zienter Produktionsmethoden. Manchmal bedeuten Veränderungen einfach eine Ver- besserung, also vielleicht nur eine minimale Nachjustierung der Produktionsanlagen oder eine neue Zusammenstellung der Pro- duktionsfaktoren, umso einen geringfügi- gen Kostenvorteil herauszuschlagen, der auf einem wettbewerbsorientierten Markt oft entscheidend sein kann. Daneben kam und kommt es jedoch immer wieder auch zu entscheidenden technologischen Fort- schritten, etwa als die Dampfmaschine das Pferd ablöste, weil Dampf pro Arbeitsein- heit einfach billiger war, oder als man an- statt mit der Bahn auch mit dem Flugzeug

reisen konnte, was sich als effizienteste Fortbewegungsmöglichkeit auf Langstre- cken erweisen sollte. Gegenwärtig scheinen wir übrigens wieder einen sehr dramati- schen Wandel zu erleben: Vor unseren Au- gen vollzieht sich der Übergang zur radikal neuen Technologie der Computer, die viele Tätigkeiten von der Supermarktkasse bis zum Hörsaal revolutionieren.

3. Für wen produziert wird – also wer konsu- miert und wie viel –, hängt weitgehend von Angebot und Nachfrage auf den Faktor- märkten ab. Faktormärkte (die Märkte für Produktionsfaktoren) bestimmen die Hö- he der Löhne und Pachten, Zinssätze und Gewinne. Die zugehörigen Preise heißen daher Faktorpreise. Derselbe Mensch kann ein Gehalt aus seiner Arbeit, Dividenden aus seinen Aktien, Zinsen aus einem Spar- guthaben und zusätzlich noch Pacht oder Miete von einem Grundstück oder einer Eigentumswohnung beziehen. Aus allen diesen Erträgen von Produktionsfaktoren können wir die Markteinkommen der Wirtschaftssubjekte, der Menschen, ermit- teln. Die Verteilung der Einkommen in der Bevölkerung ergibt sich daher durch die Faktormengen (Arbeitsstunden, Hektar Land etc.) und durch die Faktorpreise (Stundenlohn, Pachthöhe etc.). Denken Sie jedoch daran, dass Einkom- men mehr umfasst als nur den Lohn für schweißtreibende Arbeit oder den Genuss einer Rente. Hohe Einkommen können auch ererbt, durch Glück erworben oder durch Fähigkeiten, die auf dem Markt besonders geschätzt werden, erzielt wer- den. Häufig werden Leute mit niedrigen Einkommen als faul dargestellt, doch in Wahrheit verdienen sie wenig, weil sie schlecht ausgebildet und diskriminiert sind oder in einer Region mit wenigen Jobs und niedrigen Löhnen wohnen. Wenn wir je- manden in der Schlange vor dem Arbeits- amt stehen sehen, sollten wir dem Gesetz von Angebot und Nachfrage danken, dass es uns selbst besser ergeht.

54

Wer regiert den Markt?

Ja, tatsächlich: Wer regiert den Markt? Ge- ben Großkonzerne wie Microsoft und Gene- ral Motors den Ton an? Oder sollte man eher auf den Kongress und den amerikanischen Präsidenten tippen? Denkbar wären doch auch die Werbemogule von Madison Ave- nue? So einflussreich all diese Persönlichkei- ten und Unternehmen sind – die Antwort lautet nein. Im Grunde wird die Wirtschaft von den Kräften des Geschmacks und der Technologie beherrscht. Ein bestimmender Faktor sind die Präfe- renzen, man könnte auch sagen, der Ge- schmack der Bevölkerung. Die Konsumen- ten entscheiden nämlich anhand ihrer ange- borenen und erworbenen Präferenzen, wobei sie ihre Wahl durch den Einsatz ihrer Kauf- kraft zum Ausdruck bringen, über die defini- tive Verwendung der Ressourcen einer Wirt- schaft. Sie bestimmen den jeweiligen Punkt auf der Transformationskurve (PMK). Der zweite bedeutende Faktor sind die in einer Gesellschaft verfügbaren Produktions- faktoren und Technologien. Die Wirtschaft kann nicht einfach aus ihrer PMK heraustre- ten. Wir können zwar nach Hongkong flie- gen, doch es gibt leider noch keinen Flug zum Mars. Die Ressourcen einer Wirtschaft setzen also den Wahlmöglichkeiten der Konsumen- ten Grenzen. Die Konsumnachfrage muss genau mit dem Güter- und Dienstleistungsan- gebot der Unternehmen übereinstimmen und bestimmt so, was produziert wird. Wenn Sie sich fragen, warum manche Tech- nologien auf dem Markt versagen, sollten Sie vielleicht an die „Doppelherrschaft“ von Ge- schmack und Technologie denken. Vom Stan- ley Steamer (einem dampfbetriebenen Auto) bis zur rauchfreien Premiere-Zigarette, die leider nicht nur rauch-, sondern auch ge- schmacklos war, berichtet die Wirtschaftsge- schichte immer wieder von Produkten, die nie einen Markt fanden. Wie werden nutzlose Produkte vom Markt verdrängt? Proklamiert eine staatliche Behörde den Wert neuer Pro- dukte? Nein, das ist gar nicht nötig. Unbrauch-

Die Grundlagen

Teil 1

bare Produkte verschwinden von selbst vom Markt, weil die Verbraucher sie zum gängigen Marktpreis nicht nachfragen. Sie verursachen Verluste statt Gewinnen. Das erinnert uns daran, dass Gewinne die Belohnung oder Be- strafung der Unternehmen darstellen und den Marktmechanismus steuern.

Wie ein Bauer, der seinen Esel mit Stock und Karotte antreibt, generiert das Marktsystem Gewinne und Verluste und veranlasst auf diese Weise die Unternehmen, ihre Güter effizient zu produzieren.

Preise und Märkte bildlich betrachtet

Wir können das Wirtschaftsleben als Kreis- lauf darstellen, wie Sie ihn in Abbildung 2-1 vor sich sehen. Auf diese Weise erhalten wir eine übersichtliche Darstellung davon, wie Konsumenten und Produzenten interagieren, wenn es darum geht, jeweils die Preise und Produktionsmengen auf der Input- und Out- putseite zu bestimmen. Beachten Sie die zwei Arten von Märkten im Wirtschaftskreislauf. Oben in der Abbildung finden Sie die Güter- märkte oder den Produktionsoutput, sagen wir Pizza oder Schuhe; unten sehen Sie die Input- oder Faktormärkte wie Boden und Arbeit. Weiterhin können Sie erkennen, wie bestimmte Entscheidungen durch die zwei Hauptakteure getroffen werden, nämlich durch Haushalte und Unternehmen. Die Haushalte kaufen Güter und verkau- fen Produktionsfaktoren; die Unternehmen verkaufen Güter und kaufen Produktions- faktoren. Haushalte verwenden ihr Einkom- men aus dem Verkauf ihrer Arbeitskraft und anderer Inputs zum Kauf von Gütern, die von den Unternehmen hergestellt werden; die Unternehmen bestimmen die Preise ihrer Güter anhand der Kosten für Arbeit und Produktionsanlagen. Die Preise auf den Gü- termärkten werden festgesetzt, indem die Nachfrage der Konsumenten mit dem Ange- bot der Unternehmen in ein Gleichgewicht gebracht wird.

Kapitel 2

Markt und Staat in der modernen Wirtschaft

55

Produktmärkte

Nachfrage Schuhe Schuhe Wohnungen Wohnungen Preise auf den Gütermärkten Pizza Pizza
Nachfrage
Schuhe Schuhe
Wohnungen Wohnungen
Preise auf den
Gütermärkten
Pizza Pizza

Was

Wie

Für wen

Angebot

Schuhe

Wohnungen

Pizza

Kaufkraft der Konsumenten Konsumenten Eigentum an Produktionsfaktoren Arbei t Boden Kapitalgüter
Kaufkraft der
Konsumenten
Konsumenten
Eigentum an
Produktionsfaktoren
Arbei
t
Boden
Kapitalgüter

Angebot

Produktionskosten (in Geldeinheiten) Unternehmen Produktivität der Inputfaktoren
Produktionskosten
(in Geldeinheiten)
Unternehmen
Produktivität der
Inputfaktoren
Arbeit Preise auf den Faktormärkten (Löhne, Renten, Zins) Boden Kapitalgüter Nachfrage
Arbeit
Preise auf den
Faktormärkten
(Löhne, Renten,
Zins)
Boden
Kapitalgüter
Nachfrage

Faktormärkte

Abbildung 2-1: Der Markt verlässt sich darauf, dass Angebot und Nachfrage die drei Wirtschaftsprobleme lösen.

Wir sehen hier den Kreislauf einer Marktwirtschaft. Die Kaufentscheidungen der Konsumenten (also von Haushalten, öffentlicher Hand und Ausländern) treten in eine Wechselwirkung zum Angebot auf den Gütermärkten (oben) und bestimmen dadurch mit, was produziert wird. Die Unternehmensnachfrage nach Produktionsfaktoren oder Inputs trifft auf den Faktormärkten (unten) auf das Arbeitsangebot und sonstige Inputs, wodurch Löhne, Renten und Zinsen bestimmt werden; auf diese Weise beeinflussen die Einkommen, für wen produziert wird. Der Wettbewerb zwischen den Unternehmen in Bezug auf den möglichst billigen Kauf von Faktorinputs und Verkauf von Gütern entscheidet darüber, wie Güter produziert werden.

All das klingt sehr kompliziert. Aber es vermittelt uns ein Gesamtbild des eng verwobe- nen Netzes voneinander abhängiger Angebote und Nachfragen, die durch den Marktmecha- nismus so verbunden sind, dass die volkswirt- schaftlichen Grundfragen des Was,Wie und Für wen gelöst werden können. Studieren Sie Ab- bildung 2-1 sorgfältig. Schon nach einigen Mi- nuten werden Sie die Funktionsweise der Marktwirtschaft besser verstehen.

Die unsichtbare Hand

Der erste, der die Ordnung hinter dem Marktsystem erkannte, war Adam Smith. In einer der berühmtesten Textpassagen der ge- samten Volkswirtschaftslehre, die zu Beginn des Kapitels aus seinem Werk Der Reichtum der Nationen zitiert ist, erkannte Smith die Harmonie zwischen privaten und öffent- lichen Interessen: Er argumentierte, dass je- des Individuum trotz egoistischer Verfolgung

56

seines eigenen, persönlichen Vorteils „von einer unsichtbaren Hand geleitet wird, letzt- lich doch ein Ziel zu verfolgen, das es ur- sprünglich nicht beabsichtigt hatte. Indem der Mensch seinen eigenen Nutzen anstrebt, fördert er häufig den Nutzen der Gesellschaft wirksamer, als hätte er dies beabsichtigt.“ Legen Sie an dieser Stelle eine Pause ein und lassen Sie sich dieses Paradoxon, das im Jahr 1776 formuliert wurde, einmal durch den Kopf gehen. 1776 wurde übrigens auch die amerikanische Unabhängigkeitserklärung ver- öffentlicht. Es ist wohl kein Zufall, dass diese beiden Ideen zur selben Zeit entstanden.Wäh- rend die Amerikaner ihre Freiheit von der Tyrannei proklamierten, predigte Adam Smith eine revolutionäre Doktrin, die Handel und Industrie den Fängen einer feudalen Aristo- kratie entriss. Smith vertrat die Auffassung, dass in der besten aller möglichen Welten ein Eingreifen des Staates in den Wettbewerb am Markt fast immer schädlich ist. Smiths Erkenntnis vom Funktionieren des Marktmechanismus inspiriert die moderne Volkswirtschaft immer wieder von neuem – und zwar sowohl die Bewunderer als auch die Kritiker des Kapitalismus. Wirtschaftstheo- retiker haben bewiesen, dass die Wirtschaft, allerdings unter dem Vorbehalt des vollstän- digen Wettbewerbs, effizient funktioniert. (Denken Sie daran: Eine Wirtschaft produ- ziert effizient, wenn sie niemandes Wohlstand vermehren kann, ohne zugleich einen ande- ren schlechter zu stellen.) Nach zwei Jahrhunderten, in denen wir Er- fahrungen sammeln und Theorien entwickeln konnten, entdecken wir aber auch den einge- schränkten Anwendungsbereich dieser wichti- gen Doktrin. Wir wissen heute, dass es „Markt- versagen“ gibt und dass Märkte nicht immer zum effizientesten Ergebnis führen. Ein beson- ders wichtiger Bereich, in dem der Markt ver- sagt, sind Monopole und andere Formen des unvollständigen Wettbewerbs. Ein zweites Versagen der unsichtbaren Hand zeigt sich, wenn es zu Spillovers oder externen Effekten (Externalitäten) außerhalb des Marktes kommt. Positive Externalitäten, etwa wissen-

Die Grundlagen

Teil 1

schaftliche Entdeckungen, sind hier ebenso zu nennen wie negative Externalitäten, beispiels- weise die Umweltverschmutzung. Ein letzter Vorbehalt bezieht sich schließ- lich auf die Einkommensverteilung, die aus politischen oder ethischen Gründen häufig alles andere als wünschenswert erscheint. Sollte auch nur irgendeines dieser Elemente auftreten, bricht Adam Smiths Doktrin der unsichtbaren Hand zusammen, und der Staat muss eingreifen, um die beschädigte unsicht- bare Hand zu reparieren.

Zusammenfassend:

Adam Smith hat eine ganz bemerkenswerte Eigenschaft der wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft entdeckt. Unter den Bedin- gungen des vollständigen Wettbewerbs, und sofern es zu keinem Marktversagen kommt, gelingt es den Märkten, das Maximum an nützlichen Gütern und Dienstleistungen aus den vorhandenen Ressourcen herauszuholen. Wo jedoch Monopole, Umweltverschmutzung oder ähnliche Formen von Marktversagen auftreten, kann dies die bemerkenswerte Effi- zienz der unsichtbaren Hand untergraben.

Adam Smith:

Der Begründer der Ökonomik

„Denn welcher Absicht gilt all die Mühse- ligkeit und all die lärmende Geschäftigkeit dieser Welt? Was ist der Endzweck von Habsucht und Ehrgeiz und der Jagd nach Reichtum, Macht und Vorrang?“ Das schrieb der Schotte Adam Smith (1723 bis 1790), der für die soziale Welt der Ökono- mie entdeckte, was Isaac Newton für den physischen Himmel fand. Smith beant- wortete diese Fragen in seinem Werk The Wealth of Nations (1776; deutsch: Der Reichtum der Nationen), in dem er die selbstregulierende, natürliche Ordnung be- schrieb, in der das „Öl“ des Eigennutzes das wirtschaftliche Getriebe auf beinahe wundersame Art und Weise „schmiert“. Smith glaubte, „Mühseligkeit und lärmen- de Geschäftigkeit“ führten zur Verbesse-

Kapitel 2

Markt und Staat in der modernen Wirtschaft

57

rung des Loses des einfachen Bürgers. „Konsum ist der einzige Endzweck jeder Produktion.“ Smith war der erste Apostel des Wirt- schaftswachstums. Zu Beginn der Industriel- len Revolution wies er bereits auf die enormen Produktivitätszuwächse durch Spezialisierung und Arbeitsteilung hin. In einem berühmten Beispiel beschrieb er die spezialisierte Produk- tion einer Nadelfabrik, in der „der eine Arbeiter den Draht zieht, der andere ihn streckt, ein Dritter ihn schneidet, … und so weiter. So waren 10 Arbeiter imstande, täglich etwa 48.000 Nadeln herzustellen, jeder also unge- fähr 4.800 Stück. Hätten sie indes alle einzeln und unabhängig voneinander gearbeitet, so hätte der Einzelne gewiss nicht einmal 20, vielleicht sogar keine einzige Nadel am Tag zustande gebracht.“ Smith sah als das Ergebnis der Arbeitsteilung einen allgemeinen Wohlstand, der sich bis in die niedrigsten Schichten erstreckt. Überlegen Sie, was er sich denken würde, sähe er heute, was zwei Jahrhunderte Wirtschaftswachstum hervor- gebracht haben! Smith schrieb auf Hunderten von Seiten gegen unzählige Fälle staatlicher Dumm- heit und Einmischung an. Da ist etwa ein Weber. Er lebt im 17. Jahrhundert, ist Mit- glied einer Gilde und möchte seine Web- technik verbessern. Die Stadtgilde kommt daraufhin zu folgender Entscheidung:

„Wenn ein Weber ein Tuch nach seiner eigenen Erfindung herstellen möchte, muss er eine Genehmigung von den Stadt- richtern einholen, um die von ihm ge- wünschte Zahl und Länge der Fäden ver- wenden zu dürfen, nachdem die Frage zu- vor von vier der ältesten Kaufleute und vier der ältesten Weber der Gilde erörtert wurde.“ Smith wandte ein, dass solche Einschränkungen – ob sie vom Staat oder von einem Monopol verfügt werden, ob in Produktion oder Außenhandel – die Funk- tionsweise des Marktsystems beeinträchti- gen und letztlich Arbeitern und Konsumen- ten schaden. Doch sollte man daraus nicht schließen, dass Smith ein Befürworter des Establish- ments war. Er misstraute jeder gefestigten Macht, jedem privaten Monopol und eben- so allen öffentlichen Monarchien. Er trat

stets für das einfache Volk ein. Aber wie viele große Ökonomen wusste er aus sei- ner Forschungsarbeit, dass der Weg zur Hölle der Verschwendung mit guten Vorsät- zen gepflastert ist. Vor allem anderen belegt Adam Smiths visionäre Darstellung der „unsichtbaren Hand“ seinen nachhaltigen Einfluss auf die moderne Ökonomik.

B. Handel, Geld und Kapital

Seit den Tagen Adam Smiths hat sich die Marktwirtschaft ganz enorm entwickelt. Rei- fe, entwickelte kapitalistische Volkswirt- schaften wie jene der USA, Westeuropas und Japans zeichnen sich durch drei wesentliche Merkmale aus: Handel und Spezialisierung, Geld und Sachkapital.

Eine entwickelte Volkswirtschaft verfügt über ein komplexes Handelsnetz zwischen den agierenden Personen und Ländern, das erst mit massiver Spezialisierung und aus- geklügelter Arbeitsteilung möglich wird.

Die heutigen, modernen Volkswirtschaf- ten arbeiten in hohem Maße mit Geld oder anderen Zahlungsmitteln. Der Geldfluss ist sozusagen der Blutkreislauf unseres Systems. Geld liefert die Messlatte für den wirtschaftlichen Wert von Dingen und sorgt für die Finanzierung des Handels.

Die Technologien unserer modernen In- dustrie beruhen auf dem Einsatz riesiger Mengen an Sachkapital: Präzisionsmaschi- nen, Großraumfabriken, Lagerbestände. Kapitalgüter machen die menschliche Ar- beitskraft zu einem weitaus effizienteren Produktionsfaktor und ermöglichen eine gegenüber früheren Zeiten um ein Vielfa- ches höhere Produktivität.

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Handel, Spezialisierung und Arbeitsteilung

Im Gegensatz zum 18. Jahrhundert hängen unsere heutigen Volkswirtschaften massiv von der Spezialisierung der Haushalte und Unternehmen ab, die durch ein weitläufiges Handelsnetz miteinander verbunden sind. Die westlichen Länder kamen deshalb in den Genuss eines kräftigen Wirtschaftswachs- tums, weil die einzelnen Arbeitskräfte in ih- ren jeweiligen Jobs dank Spezialisierung enorm produktiv wurden und ihre Produk- tionsleistung gegen die von ihnen benötigten Güter eintauschen konnten. Spezialisierung tritt ein, wenn Menschen ihre Bemühungen auf ganz bestimmte Aufga- ben konzentrieren. Sie erlaubt es jedem Ein- zelnen und jedem Land, die eigenen, spezifi- schen Fähigkeiten und Ressourcen möglichst vorteilhaft einzusetzen. Eine der Grunder- kenntnisse des Wirtschaftslebens besagt, dass möglichst nicht jeder alles – und mit mittelmä- ßigem Erfolg – erledigen sollte, sondern dass eine Arbeitsteilung anzustreben ist, wobei der Produktionsprozess in eine Reihe kleiner, hoch spezifischer Schritte oder Aufgaben zer- legt wird. Die Arbeitsteilung erlaubt es hoch gewachsenen Menschen, Basketball zu spie- len, belesenen oder zahlenkundigen Men- schen zu unterrichten und eloquenten Men- schen, Autos zu verkaufen. Bisweilen dauert es viele Jahre, um die Ausbildung für einen bestimmten Beruf abzuschließen. Ein Neuro- chirurg muss beispielsweise in den USA bis zur Berufszulassung nach dem Studium noch eine rund 14-jährige Ausbildung durchlaufen. Zugleich sind auch Kapitalgüter sowie Grund und Boden hoch spezialisiert. So stellt etwa der Sandstreifen zwischen einer großen Stadt und dem warmen Meer eine kostbare Immobilie dar; anderswo, etwa in Frankreich oder Kalifornien, findet man hervorragende Weingebiete; wieder andere Grundstücke grenzen an Hochseehäfen und dienen als internationale Handelszentren.

Die Grundlagen

Teil 1

Aber auch Kapital ist hoch spezialisiert. Die Entwicklung des Computerprogramms, mit dem wir dieses Buch schreiben und gestal- ten konnten, nahm über ein Jahrzehnt in Anspruch, und trotzdem eignet es sich über- haupt nicht, um etwa eine Erdölraffinerie zu managen oder schwierige Zahlenprobleme zu lösen. Eines der eindrucksvollsten Speziali- sierungsbeispiele sind jene hoch spezialisier- ten Computerchips, die heute das Motorma- nagement unserer Autos übernehmen, dessen Effizienz erhöhen und sogar als „Black Box“ zur Aufzeichnung von Unfalldaten dienen können. Erst die unglaubliche Effizienz der Spezia- lisierung hat das komplexe Handelsnetz zwi- schen den Menschen und Staaten ermöglicht, das wir heute alle kennen. Kaum jemand produziert noch etwas vollständig allein. Stattdessen zerlegen wir alles in winzige Ein- zelschritte. So unterrichten wir vielleicht ei- nen sehr kleinen Bruchteil des gesamten Lehrplans an einem College, entleeren Park- uhren oder analysieren die DNA der Frucht- fliege. Im Gegenzug bekommen wir für unse- re spezialisierte Arbeit ein Einkommen, mit dem wir Produkte aus allen Lebensbereichen und Teilen der Welt einkaufen können. Die Idee der Vorteilhaftigkeit von Handels- beziehungen stellt eine der zentralen Er- kenntnisse der Volkswirtschaft dar. Bestimm- te Menschen oder Länder spezialisieren sich auf bestimmte Produkte und treten in einen freiwilligen Austausch, um ihre Produkte zu verkaufen und einzukaufen, was sie selbst benötigen. Japan ist durch die Spezialisierung in der Herstellung von Gütern wie Autos und Unterhaltungselektronik enorm produktiv geworden. Das Land exportiert einen Groß- teil seiner Waren und bezahlt damit den Import von Rohstoffen. Dagegen mussten Länder, die Autarkie anstrebten und ver- suchten, ihren Bedarf überwiegend selbst herzustellen, entdecken, dass dieser Weg di- rekt in die Stagnation führt. Der Handel bereichert alle Länder und erhöht den Le- bensstandard aller.

Kapitel 2

Markt und Staat in der modernen Wirtschaft

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Zusammenfassend:

Entwickelte Volkswirtschaften bemühen sich um Spezialisierung und Arbeitsteilung, wo- durch sie die Produktivität ihrer Ressourcen erhöhen. Einzelpersonen und Länder tau- schen freiwillig jene Produkte, auf deren Herstellung sie sich spezialisiert haben, ge- gen die Produkte anderer und vergrößern auf diese Weise sowohl die Bandbreite als auch die Menge der konsumierten Güter enorm, wodurch in der Folge der Lebensstandard aller steigt.

Globalisierung

Man kann heute praktisch keine Zeitung aufschlagen, ohne sofort auf die neuesten Trends der „Globalisierung“ zu stoßen. Was genau ist mit diesem Begriff gemeint? Was kann die Volkswirtschaftslehre zum Verständnis der mit der Globalisierung ein- hergehenden Fragen beitragen? Globalisierung ist ein gebräuchlicher Begriff für zunehmende wirtschaftliche Integration zwischen den Staaten. Die wachsende Integration sehen wir heute im dramatischen Anstieg der Waren-, Dienst- leistungs- und Kapitalflüsse über alle natio- nalen Grenzen hinweg. Ein wesentliches Merkmal der Globali- sierung ist die spektakuläre Steigerung des Anteils von Importen und Exporten am nationalen Output. Angesichts immer nied- rigerer Transport- und Kommunikations- kosten, aber auch des raschen Abbaus von Zöllen und sonstigen Handelsbarrieren, hat sich in den letzten 50 Jahren der Anteil des Handels am nationalen Output der USA mehr als verdoppelt. Heute stehen heimische und ausländische Produzenten aus allen Teilen der Welt im Wettbewerb um ihre Preise und Entwürfe. Das steigende Handelsaufkommen wird von einer zunehmenden Spezialisierung im Produktionsprozess selbst begleitet, bei der verschiedene Produktionsphasen in andere Länder „outgesourct“ werden. Ein typisches Beispiel dafür ist die Barbie-Pup- pe:

Plastik und Haar kommen aus Taiwan und Japan. Früher wurden hier auch die Teile zusammengesetzt, doch diese Tätig- keiten wurden mittlerweile in noch kosten- günstigere Länder, nämlich Indonesien, Malaysia und China, ausgelagert. Die Gussformen kommen aus den USA, die Farben ebenso. China steuert Arbeit und Baumwolle für die Barbie-Bekleidung bei. Die Puppen werden für US-$ 10 je Stück verkauft, wovon 35 Cent auf die chinesi- sche Arbeit, 65 Cent auf ausländisches Material, US-$ 1 auf Gewinn und Transport in Hongkong und der ganze Rest auf den Gewinn von Mattel sowie deren Marketing- und Transportkosten in den USA entfallen. Es gibt viele Belege, wonach dieser Pro- zess der Aufteilung des Produktionsprozes- ses für die Produktionstätigkeit in den USA und anderen einkommensstarken Ländern typisch ist. Ein zweites Merkmal der Globalisierung ist die zunehmende Integration der Finanz- märkte. Diese äußert sich in rasch zuneh- menden grenzüberschreitenden Darlehens- transaktionen, aber auch in der Konvergenz des Zinsniveaus verschiedener Länder. Hauptgründe für die Integration der Finanz- märkte sind der Abbau von Beschränkungen im Kapitalfluss zwischen den Staaten, gerin- gere Kosten und Innovationen auf den Fi- nanzmärkten, insbesondere die Anwendung neuartiger Finanzinstrumente. Zweifellos hat die Zusammenführung der Finanzmärkte Handelsgewinne erbracht, weil Länder mit hohem Kapitalbedarf für ihre Produktion Darlehen bei anderen Län- dern mit hohen Spareinlagen aufnehmen können. In den letzten zwanzig Jahren hat sich Japan als wichtigster Kreditgeber der Welt erwiesen. Da überrascht es, dass die USA zum weltgrößten Kreditnehmer geworden sind – teils wegen der geringen nationalen Sparrate, teils aber auch wegen der technologischen Dynamik ihrer Compu- ter- und Biotechnologieindustrie. Die Integration der Güter- und Finanz- märkte hat beeindruckende Gewinne in Form niedrigerer Preise, vermehrter Innova- tion und eines schnelleren Wirtschafts- wachstums mit sich gebracht. Allerdings

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sind diese Gewinne mit einigen sehr schmerzlichen Nebenwirkungen verbunden. Eine Konsequenz der wirtschaftlichen Integration sind die hohe Arbeitslosigkeit und die entgangenen Gewinne, die auftre- ten, wenn ausländische Billigproduzenten unsere heimischen Betriebe ablösen. Die arbeitslose Textilarbeiterin und der ban- krotte Sojabauer werden sich kaum mit der Tatsache trösten, dass die Konsumenten heute für Bekleidung und Nahrungsmittel weniger ausgeben. Die Verlierer des verstärkten internationalen Handels treten denn auch als unermüdliche Apologeten eines „Protektionismus“ in Form von Zöl- len und Importquoten auf. Eine zweite unangenehme Nebenwir- kung sehen wir in den internationalen Finanzkrisen, die durch die zunehmende Integration der Finanzmärkte ausgelöst werden. Im letzten Jahrzehnt haben wirt- schaftliche Probleme in Russland, Brasilien und Argentinien einen deutlichen Spillo- ver-Effekt auf die Aktien- und Anleihen- märkte überall auf der Welt gezeitigt. Die ansteckende Wirkung kleiner Störungen ist ein direktes Resultat eng verbundener Märkte. Amerikanische Investoren legten ihr Geld auf der Suche nach höheren Erträ- gen in Thailand an. Aber diese Investoren werden es auch sofort wieder abziehen, sobald sie Ärger riechen, und das kann eine Finanzkrise auslösen, sollten einzelne Län- der versuchen, die Wechselkurse oder Fi- nanzinstitute angesichts einer massiven Attacke von Spekulanten zu stützen. Die Globalisierung wirft für die Politik zahlreiche neue Fragen auf: Sind die Han- delsgewinne die Kosten wert, die im Inland in Form sozialer Probleme und Entfrem- dung auftreten? Sollten die Staaten Investo- ren daran hindern, Gelder so rasch zu bewe- gen, dass sie damit die heimischen Finanz- märkte gefährden? Führt die Integration letztlich zu mehr Ungleichheit? Sollten inter- nationale Organisationen als Kreditgeber letzter Instanz für Länder mit finanziellen Schwierigkeiten auftreten? Diese Fragen gehen Politikern überall auf der Welt durch den Kopf, wenn sie überlegen, wie sie auf die Globalisierung reagieren sollten.

Die Grundlagen

Teil 1

Geld: Das Schmiermittel im Gütertausch

Während sich Menschen durch Spezialisie- rung auf bestimmte Aufgaben konzentrieren können, lassen sich mit Hilfe des Geldes unsere spezialisierten Leistungen und Pro- dukte gegen eine breite Palette an Gütern und Dienstleistungen eintauschen, die von anderen produziert werden. Geld in Form von Papier-, Hartgeld oder Schecks ist ein Zahlungsmittel und wird zum Kauf von Gütern eingesetzt. Geld ist eine Art Schmiermittel, das den Waren- und Dienst- leistungsaustausch erleichtert. Wird Geld als vertrauenswürdiges Zahlungsmittel für Wa- ren und zur Tilgung von Schulden von allen akzeptiert, erleichtert dies den Handel. Stel- len Sie sich doch vor, wie kompliziert das Wirtschaftsleben wäre, müssten wir ständig Ware gegen Ware tauschen, sobald wir nur eine Pizza essen oder in ein Konzert gehen möchten. Welche Güter oder Dienstleistun- gen könnten Sie der Pizzeria Santa Lucia denn überhaupt anbieten? Welche Gegenleis- tung würde Ihr College für Ihre Ausbildung akzeptieren? Geld fungiert als allgegenwärti- ger Vermittler zwischen Käufern und Verkäu- fern, der mühelos und Milliarden Mal jeden Tag kleine Verbindungen herstellt und damit dem Eigeninteresse der Betroffenen dient. Die im Umlauf befindliche Geldmenge wird von den Staaten über die Zentralbanken regu- liert. Doch was für Schmiermittel typisch ist, passiert bisweilen leider auch mit Geld: es überhitzt sich. Geld kann außer Kontrolle ge- raten und eine Hyperinflation, das heißt, eine rasante Teuerung auslösen. Wenn das ge- schieht, wollen die Leute ihr Geld lieber mög- lichst rasch ausgeben, bevor es wertlos wird, und vermeiden es daher, Geld in Zukunftspro- jekte zu investieren. Genau so ereignete es sich während der achtziger Jahre in einigen lateina- merikanischen Staaten, deren Inflationsraten auf über 1.000 Prozent, ja sogar bis auf 10.000 Prozent jährlich kletterten. Stellen Sie sich einmal vor, Sie bekommen Ihr Gehalt und

Kapitel 2

Markt und Staat in der modernen Wirtschaft

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schon am nächsten Wochenende hat es 20 Prozent seines Wertes verloren!

Geld ist ein Tauschmittel. Der richtige Um- gang mit der Geldmenge gehört zu den wich- tigsten Aufgaben der Wirtschaftspolitik aller Staaten.

Kapital

Ein entwickelter Industriestaat wie die USA benötigt eine enorme Palette an Gebäuden, Maschinen, Computern, Software und vielen anderen Dingen. Diese sind die Produktions- faktoren, auch Kapital genannt. Es handelt sich dabei um für die Produktion erforderliche Fak- toren, die ihrerseits auch produziert wurden, man könnte auch sagen, um einen dauerhaften Input der Wirtschaft, der zugleich ihr Output ist. Die meisten von uns haben keine Vorstel- lung davon, wie sehr unser tägliches Leben direkt oder indirekt von Kapital abhängt, gehören doch die Autobahnen, auf denen wir fahren, ebenso wie die Kabel, über die wir Strom und Kabelfernsehen beziehen, ja sogar die Häuser, in denen wir wohnen, in diese Kategorie. Der gesamte Nettokapitalstock der US-Wirtschaft beläuft sich auf über US-$ 30 Billionen und schließt das Kapital der öffentlichen Hand, der Unternehmen und Haushalte mit ein. Auf die Bewohner umge- legt, entspricht dies einem Kapital von über US-$ 110.000 pro Person. Wie wir bereits gesehen haben, ist Kapital einer der drei Hauptproduktionsfaktoren. Die anderen beiden, Boden und Arbeit, wer- den häufig als primäre Produktionsfaktoren bezeichnet. Damit soll ausgedrückt werden, dass das Angebot an diesen Produktionsfak- toren zumeist von nichtwirtschaftlichen Fak- toren abhängt, etwa von der Fruchtbarkeit und der Geografie eines Landes. Kapital hin- gegen muss, bevor man es nutzen kann, erst erzeugt werden. So bauen einige Unterneh- men Textilmaschinen, die anschließend ein- gesetzt werden, um Hemden zu produzieren. Andere konstruieren und erzeugen Trakto-

ren, die benötigt werden, um Mais anzubau- en. Der Einsatz von Kapital erfordert zeitauf- wändige, umfassende Produktionsmethoden. Tatsächlich hat man schon vor langer Zeit die Erfahrung gemacht, dass indirekte und über Umwege führende Produktionstechniken häufig effizienter sind als direkte Methoden. So wäre die direkteste Fischfangmethode die, bis zu den Knien in einen Fluss zu waten und dort die Forellen eigenhändig herauszufi- schen. Doch damit würde man sich wohl mehr Frust als Fische einhandeln. Mithilfe einer Angel (die uns als Kapitalausstattung dient) nutzen wir die Zeit, die wir mit dem Fischen verbringen, viel produktiver, weil wir damit nämlich viel mehr Fische fangen. Ent- schließen wir uns dazu, noch mehr Kapital einzusetzen und uns Netze und ein Fischer- boot zuzulegen, wird die Fischerei plötzlich so produktiv, dass wir damit viele Leute ernähren und jenen, die unsere Spezialnetze und die gesamte Ausrüstung bedienen, ein gutes Leben ermöglichen können. Wachstum durch Verzicht auf sofortigen Konsum. Wenn die Leute zu sparen bereit sind, also auf den sofortigen zugunsten eines zukünftigen Konsums verzichten, kann die Gesellschaft ihre Ressourcen in neue Kapi- talgüter investieren. Ein größerer Kapitalbe- stand hilft einer Wirtschaft rascher zu wach- sen, weil er die PMK nach außen verschiebt. Blättern Sie noch einmal zurück zu Abbil- dung 1-5. Hier sehen Sie, wie der Verzicht auf sofortigen Konsum zugunsten von Investitio- nen die künftigen Produktionsmöglichkeiten verbessert. Hohe Spar- und Investitionsraten erklären unter anderem, wie Japan, Korea und andere asiatische Länder so rasch wach- sen konnten. Dagegen sparen und investie- ren arme Länder meist nur wenig – sie starten bereits mit Verzögerung und fallen immer weiter zurück, weil sie nicht genügend pro- duktives Kapital akkumulieren können. Zusammenfassend:

In der Wirtschaft geht es unter anderem darum, auf sofortigen Konsum zu verzichten

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und stattdessen das vorhandene Kapital zu vermehren. Jedes Mal, wenn wir etwas inves- tieren – eine neue Fabrik oder Straße bauen, die Ausbildung verlängern oder qualitativ verbessern oder unsere Bestände an nutzba- rer Technologie und Know-how erhöhen –, fördern wir die künftige Produktivität unse- rer Wirtschaft und damit auch den künftigen Konsum.

Kapital und Privateigentum

In einer Marktwirtschaft befindet sich Kapital zumeist in Privateigentum, und der Einzelne bezieht ein Einkommen aus seinem Kapital. Für jeden Flecken Land gibt es eine Übertra- gungsurkunde oder einen Eigentumstitel; bei- nahe jede Maschine und jedes Gebäude ge- hört einem einzelnen Menschen oder einem Unternehmen. Eigentumsrechte verleihen den Eigentümern die Möglichkeit, ihre Kapi- talgüter nach ihrem Ermessen zu verwenden, auszutauschen, anzustreichen, auszugraben, anzubohren oder auszubeuten. Diese Kapi- talgüter haben auch einen Marktwert, und man kann sie zu jedem beliebigen erzielbaren Preis auf dem Markt kaufen und verkaufen. Diese Möglichkeit des Einzelnen, Kapital zu besitzen und daraus Nutzen zu ziehen, gibt dem Kapitalismus seinen Namen. Doch obwohl unsere Gesellschaft auf Pri- vateigentum aufgebaut ist, unterliegen die Eigentumsrechte Beschränkungen. Die Ge- sellschaft bestimmt, wie viel von „Ihrem“ Eigentum Sie Ihren Erben überlassen dürfen und welcher Teil davon in Form von Erb- schafts- und Vermögenssteuer dem Staat zu- fließen soll. Die Gesellschaft legt fest, wie sehr Ihre Fabrik die Umwelt verschmutzen darf und wo Sie Ihr Auto parken dürfen und wo nicht. Auch Ihr Heim ist nur scheinbar Ihre Burg. Sie müssen sich an die Bauord- nung halten und möglicherweise sogar etwas von Ihrem eigenen Grund und Boden abtre- ten, damit dort eine Straße gebaut werden kann.

Die Grundlagen

Teil 1

Interessanterweise lässt sich unsere wert- vollste wirtschaftliche Ressource, die Arbeit, nicht in eine Ware umwandeln, die man als Privateigentum kaufen und verkaufen kann. Seit der Abschaffung der Sklaverei verstößt es gegen das Gesetz, die menschliche Er- werbskraft wie alle anderen Kapitalgüter zu behandeln. Niemand darf sich selbst verkau- fen; man kann lediglich seine Arbeitskraft gegen Entlohnung zur Verfügung stellen.

Eigentumsrechte an Kapital und Umweltverschmutzung

Eigentumsrechte definieren die Möglich- keiten, die eine Person oder ein Unterneh- men hat, Kapitalgüter und anderes Eigen- tum in einer Marktwirtschaft zu besitzen, zu kaufen, zu verkaufen und einzusetzen. Diese Rechte können aufgrund der Gesetze eingeklagt werden, die den rechtlichen Rahmen einer Volkswirtschaft vorgeben. Ein effizienter und akzeptabler rechtlicher Rahmen für eine Marktwirtschaft beinhal- tet die Definition von Eigentumsrechten, ein Vertragsrecht und ein System zur Beile- gung von Meinungsverschiedenheiten. Wie die ehemals kommunistischen Staaten heute feststellen, ist es sehr schwierig, eine Marktwirtschaft zu betrei- ben, in der es keine Gesetze zur Durchset- zung von Verträgen oder zur Gewährleis- tung des Rechts von Unternehmen gibt, ihre Gewinne auch zu behalten. Wenn der rechtliche Rahmen zusammenbricht, wie etwa im früheren Jugoslawien oder in einem von Drogen beherrschten Staat wie Kolumbien, bekommen die Bewohner Angst um ihr Leben und haben weder Zeit noch Lust, langfristige Investitionen in die Zukunft zu tätigen. Die Produktion geht zurück, die Lebensqualität sinkt. Tatsäch- lich wurden viele der schlimmsten Hungersnöte Afrikas durch Bürgerkriege und den Zusammenbruch der Rechtsord- nung, nicht durch ungünstige Wetterbedin- gungen ausgelöst. Ein weiteres Beispiel für die Schädigung der Wirtschaft durch mangelhafte Eigen- tumsrechte ist die Umwelt. Wasser und

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Markt und Staat in der modernen Wirtschaft

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Luft sind im Allgemeinen frei zugängliche Ressourcen; das heißt, sie gehören nie- mandem und werden von niemandem kont- rolliert. Es gilt das Motto: Was alle angeht, kümmert keinen. Das heißt, die Leute bedenken bei diesen Gütern häufig nicht, welche Kosten ihre Handlungen nach sich ziehen. Wenn jemand ein Gewässer verschmutzt oder Abgase in die Luft bläst, müssen die Kosten, die in Form schmutzi- gen Wassers und giftiger Luft anfallen, von anderen getragen werden. Im Gegen- satz dazu werfen die Leute in der Regel keinen Müll auf ihren eigenen Rasen oder verbrennen Kohle in ihrem Wohnzimmer, weil sie in diesem Fall die Kasten selbst tragen müssten. Deshalb haben manche Ökonomen in den letzten Jahren vorge- schlagen, Eigentumsrechte auch auf ökolo- gische Güter auszudehnen, indem Ver- schmutzungszertifikate verkauft oder ver- steigert werden, die man auf eigenen Märkten handeln kann. Und es gibt auch schon erste Belege dafür, dass diese Erweiterung der Eigentumsrech- te einen sehr wirksamen Anreiz zur effizien- ten Verringerung von Umweltverschmut- zung darstellt.

Eine moderne Volkswirtschaft muss ganz spe- zielle Eigenschaften aufweisen, um möglichst produktiv zu sein. Arbeitsteilung und hoch spezialisiertes Kapital erlauben es dem Einzel- nen, sich selbst auf einem bestimmten Gebiet zu spezialisieren. Doch all die spezialisierten Individuen, Unternehmen und Länder kön- nen nur überleben, weil der mit Geld ge- schmierte Handel es verschiedenen Personen und Ländern erlaubt, ihre Produkte prob- lemlos zu verkaufen und ebenso problemlos das Nötige einzukaufen. Die Spezialisierung hat eine enorme Effizienz zur Folge; die ge- steigerte Produktion ermöglicht den Handel; das Geld macht diesen Handel schnell und effizient; und ein ausgeklügeltes Finanzsystem dient dazu, die Ersparnisse einiger in das Kapital anderer zu verwandeln.

C. Die Rolle des Staates in der Wirtschaft

Auf einem idealen Markt werden alle Güter und Dienstleistungen freiwillig zu Marktprei- sen gegen Geld ausgetauscht. Mit einem sol- chen System lässt sich ohne Eingreifen des Staates der größtmögliche Nutzen aus den Ressourcen einer Gesellschaft ziehen. In der realen Welt entspricht jedoch keine Wirt- schaft vollständig diesem idealisierten Szena- rio einer problemlos funktionierenden un- sichtbaren Hand. Stattdessen hat jeder Markt unter Unzulänglichkeiten zu leiden, die Miss- stände wie Umweltverschmutzung, Arbeits- losigkeit und extremen Reichtum oder extre- me Armut hervorrufen. Deshalb hält sich kein einziger Staat an keinem Ort der Welt, so konservativ er auch regiert sein mag, ganz aus der Wirtschaft heraus. In modernen Gesellschaften über- nimmt der Staat in Reaktion auf die Mängel des Marktmechanismus zahlreiche Aufga- ben. Militär, Polizei, nationale Wetterdienste und Autobahnbau sind heute typische Be- reiche staatlicher Aktivität. Gesellschaftlich wünschenswerte Aufgaben wie die Erkun- dung des Weltraums und die wissenschaft- liche Forschung profitieren von staatlicher Subventionierung. Der Staat reguliert einzel- ne Bereiche (wie etwa das Bankenwesen und medizinische Wirkstoffe) und finanziert an- dere (wie das Bildungs- und Gesundheitswe- sen). Außerdem erhebt der Staat von seinen Bürgern Steuern und gibt einen Teil des so eingenommenen Geldes an die Alten und Bedürftigen weiter. Wie aber erfüllt der Staat seine Funktion? Er veranlasst seine Bürger, Steuern zu zahlen, Vorschriften einzuhalten und bestimmte kol- lektive Güter und Dienstleistungen in An- spruch zu nehmen. Aufgrund seines Macht- monopols kann der Staat Funktionen erfül- len, die bei freiwilligem Austausch nicht möglich wären. Staatliche Vorschriften meh-

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ren Freiheit und Konsum jener, die davon profitieren, verringern aber zugleich Einkom- men und Chancen jener, die besteuert werden oder staatlichen Kontrollen unterliegen. Staaten haben in einer Marktwirtschaft drei wesentliche wirtschaftliche Funktionen:

die Erhöhung der Effizienz, die Förderung der sozialen Gerechtigkeit und die Sicherung von volkswirtschaftlicher Stabilität und Wachstum.

1. Staaten erhöhen die Effizienz, indem sie den Wettbewerb fördern, Externalitäten wie Umweltverschmutzung eindämmen und öffentliche Güter zur Verfügung stellen.

2. Staaten fördern die soziale Gerechtigkeit, indem sie Steuern und Ausgabenprogram- me zur Umverteilung in Richtung be- stimmter Gruppen einsetzen.

3. Staaten sichern volkswirtschaftliche Stabili- tät und Wachstum, indem sie Arbeitslosig- keit und Inflation bekämpfen und zugleich das Wachstum fördern, und sie tun das mittels ihrer Haushalts- und Geldpolitik.

Jede dieser Funktionen wollen wir uns nun ein wenig näher ansehen.

Effizenz

Adam Smith erkannte, dass die Vorteile des Marktmechanismus nur bei vollständigem Wettbewerb richtig zur Geltung kommen kön- nen. Was aber versteht man unter vollständi- gem Wettbewerb? Der Begriff bezieht sich auf einen Markt, auf dem kein Unternehmen oder Konsument mächtig genug ist, um den Markt- preis zu beeinflussen. So gilt beispielsweise der Weizenmarkt als vollständiger Markt oder Wettbewerbsmarkt, weil auch die größte Wei- zenfarm nur einen winzigen Bruchteil des gesamten auf der Welt produzierten Weizens erzeugen und daher keinen spürbaren Einfluss auf den Weizenpreis nehmen kann. Die Doktrin von der unsichtbaren Hand gilt für jede Wirtschaft, in der alle Märkte

Die Grundlagen

Teil 1

durch den vollständigen Wettbewerb einem Ausgleich unterworfen sind. Unter diesen Umständen führt der Markt zu einer effizien- ten Ressourcenallokation, sodass sich die Wirtschaft auf ihrer Produktionsmöglich- keitskurve befindet. Wenn alle Wirtschafts- zweige den Prüfungs- und Ausgleichsmecha- nismen des vollständigen Wettbewerbs unter- worfen sind, produzieren die Märkte, wie wir später in diesem Buch noch sehen werden, das effizienteste Bündel an Outputs mit den effizientesten zur Verfügung stehenden Tech- niken und unter Einsatz der geringsten mög- lichen Inputmengen. Aber leider können sich die Märkte in vielerlei Hinsicht vom vollständigen Wettbe- werb entfernen. Zu den drei Hauptgründen zählen unvollständige Wettbewerbsbedin- gungen, etwa Monopole, externe Effekte (auch Externalitäten oder Spillover-Effekte genannt) wie die Umweltverschmutzung und schließlich öffentliche Güter wie die Vertei- digung oder das Autobahnnetz eines Landes. In jedem dieser Fälle führt das Marktversa- gen zu Ineffizienzen in Produktion oder Kon- sum, und der Staat kann bei der Korrektur dieser Missstände wertvolle Dienste leisten.

Unvollständiger Wettbewerb

Eine schwerwiegende Abweichung vom effi- zienten Markt stellt der unvollständige Wett- bewerb oder das Monopol dar. Während im vollständigen Wettbewerb weder einzelne Unternehmen noch einzelne Konsumenten Einfluss auf die Preisbildung nehmen kön- nen, sprechen wir von unvollständigem Wett- bewerb, wenn ein einzelner Käufer oder Ver- käufer in der Lage ist, Einfluss auf den Preis einer Ware oder Dienstleistung zu nehmen. Nehmen wir an, die lokale Telefongesell- schaft oder eine Gewerkschaft hätten genü- gend Einfluss, um die Telefongebühren oder den Stundenlohn zu beeinflussen – schon entsteht ein gewisses Maß an unvollständi- gem Wettbewerb. Und sobald diese Situation eintritt, bewegt sich die Gesellschaft hinter ihre PMK zurück. Das ist beispielsweise der

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Markt und Staat in der modernen Wirtschaft

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Fall, wenn ein einzelner Verkäufer (ein Mo- nopolist) die Preise erhöht, um höhere Ge- winne zu erzielen. Der Output des von ihm angebotenen Wirtschaftsgutes würde da- durch unter das Effizienzniveau gedrückt, die Volkswirtschaft erlitte einen Schaden. In ei- ner solchen Situation ist das Marktmerkmal der unsichtbaren Hand beeinträchtigt. Doch welche Auswirkungen hat der un- vollständige Wettbewerb? Er führt zu Prei- sen, die über den Gestehungskosten liegen, während die Einkäufe durch die Konsumen- ten unter das Effizienzniveau sinken. Das Muster überhöhter Preise und eines zu gerin- gen Outputs ist sozusagen das Markenzei- chen der mit dem unvollständigen Wettbe- werb verbundenen Ineffizienzen. In der Praxis treffen wir in beinahe allen Wirtschaftszweigen ein gewisses Maß an un- vollständigem Wettbewerb an. So gibt es auf manchen Flugrouten keinerlei Konkurrenz für die dort fliegenden Gesellschaften, wäh- rend auf anderen Strecken ein besonders harter Konkurrenz- und Preisdruck herrscht. Das Extrembeispiel eines unvollständigen Wettbewerbs stellt der Monopolist dar – ein einziger Anbieter, der allein den Preis für ein bestimmtes Wirtschaftsgut oder eine Dienst- leistung bestimmt. Microsoft etwa ist mit der Produktion des Betriebssystems Windows als Monopolist aufgetreten. Im 20. Jahrhundert ergriffen die meisten Staaten gezielte Maßnahmen gegen extreme Auswüchse des unvollständigen Wettbewerbs. Bisweilen regulieren sie Preise und Gewinne von Monopolbetrieben wie den lokalen Was- ser-, Telefon- und Stromgesellschaften. Zu- sätzlich verhindern meist kartellrechtliche Be- stimmungen des Staates (Antitrustgesetze) Maßnahmen wie Preisdiktate oder Abspra- chen über die Aufteilung von Märkten. Der wichtigste Schritt zur Bekämpfung des unvoll- ständigen Wettbewerbs ist jedoch die Öffnung des Marktes für Konkurrenten aus dem In- und Ausland. Nur wenige Monopole widerste- hen einem solchen Konkurrenzangriff, sofern der Staat sie nicht durch Zölle oder Regulie- rungsbestimmungen schützt.

Externe Effekte (Externalitäten)

Eine zweite mögliche Ineffizienz ergibt sich durch so genannte externe Effekte, auch Spill- over-Effekte oder Externalitäten genannt, die zur unerwünschten Verlagerung von Kosten oder Nutzen führen. Markttransaktionen be- deuten freiwilligen Tausch, wobei Menschen Güter oder Dienstleistungen gegen Geld tau- schen. Kauft etwa ein Unternehmen ein Hähnchen, um daraus ein Fertiggericht herzu- stellen, so bezieht es das Hähnchen von sei- nem Eigentümer auf dem Hähnchenmarkt, und der Verkäufer erhält mit dem Kaufpreis den vollen Wert des Hähnchens erstattet. Wenn man sich die Haare schneiden lässt, bezahlt man dafür dem Friseur den vollen Wert für seinen Zeitaufwand, seine beruf- lichen Fähigkeiten und die Lokalmiete. Allerdings finden zahlreiche Interaktio- nen abseits der Märkte statt. Obwohl etwa Flughäfen eine ganze Menge Lärm produzie- ren, bezahlen sie in der Regel die Anwohner nicht für die Nutzung des Luftraums über ihren Häusern. Andererseits geben manche Unternehmen Unsummen für Forschung und Entwicklung aus, die in Form positiver exter- ner Effekte der gesamten restlichen Gesell- schaft zugute kommen. Die Forschungsab- teilung von AT&T hat beispielsweise den Transistor erfunden und die elektronische Revolution eingeleitet, doch die Gewinne von AT&T sind dadurch, gemessen am sozia- len Gesamtnutzen, nur geringfügig gestiegen. Sobald es zu Externalitäten kommt, nützt oder schadet eine wirtschaftliche Aktivität Akteuren, die außerhalb des jeweiligen Marktes stehen. Dies bedeutet, dass es offen- sichtlich auch wirtschaftliche Transaktionen ohne entsprechende wirtschaftliche Abgel- tung in Form einer Bezahlung geben muss.

Externe Effekte (oder Spillover-Effekte) tre- ten auf, wenn die wirtschaftliche Aktivität von Unternehmen oder Individuen bei marktfernen Akteuren zu Kosten oder einem Nutzen führt.

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Die Staaten haben heute zumeist mehr mit negativen als mit positiven externen Effekten zu kämpfen. Je höher die Bevölkerungsdich- te und je größer das Produktionsvolumen an Energie, Chemikalien und anderen Materia- lien, desto eher entwickeln sich negative Ex- ternalitäten oder Spillover-Effekte in der ganzen Bandbreite von der geringfügigen Belästigung bis hin zur ernsthaften Bedro- hung. Und genau da tritt der Staat auf den Plan. Staatliche Regulierung soll externe Ef- fekte wie Luft- und Wasserverschmutzung, Schäden durch rücksichtslosen Bergbau, Sondermüll, gesundheitsgefährdende Subs- tanzen und Nahrungsmittel oder radioaktives Material eindämmen. Staaten agieren in vielerlei Hinsicht wie Eltern, die immer nur „nein“ sagen: Du darfst deine Arbeiter keinen gefährlichen Situationen aussetzen. Du darfst keine ge- fährlichen Rauchgase durch deinen Schorn- stein jagen. Du darfst keine bewusstseins- verändernden Drogen verkaufen. Du darfst nicht Auto fahren, ohne den Sicherheitsgurt anzulegen. Und so weiter. Die richtige Balan- ce zwischen freiem Markt und staatlicher Regulierung zu finden, ist eine schwierige Aufgabe, die einer gründlichen Analyse der Kosten und des Nutzens jedes möglichen Ansatzes bedarf. Trotzdem spricht sich heute kaum noch jemand für die Rückkehr in einen Wildwuchs der Wirtschaft aus, in dem die Unternehmen Gefahrstoffe wie etwa Pluto- nium hinkippen können, wo sie wollen.

Öffentliche Güter

Obwohl negative externe Effekte wie die Umweltverschmutzung oder der Treibhaus- effekt immer wieder für Schlagzeilen sorgen, fallen positive externe Effekte wirtschaftlich oft stärker ins Gewicht. Wichtige Beispiele für positive Externalitäten sind etwa die

Die Grundlagen

Teil 1

Errichtung des Straßennetzes, ein nationaler Wetterdienst, staatliche Subventionierung der Grundlagenforschung oder Maßnahmen zur Förderung der öffentlichen Gesundheit. Alle diese Güter kann man nicht auf Märk- ten kaufen und verkaufen. Im privaten Sek- tor würde es gar nie zur Produktion dieser öffentlichen Güter kommen, weil der Nut- zen in der Bevölkerung so breit gestreut ist, dass ein einzelnes Unternehmen oder ein einzelner Konsument keinen wirtschaftli- chen Anreiz darin sähe, die Dienstleistung zu erbringen und eine Gegenleistung dafür ein- zutreiben. Das Extrembeispiel für einen positiven externen Effekt ist das öffentliche Gut. Öf- fentliche Güter sind Leistungen, die jeder genießen und von denen niemand ausge- schlossen werden kann. Ein klassisches Bei- spiel dafür ist die Armee eines Landes. Wenn ein Land in den Krieg zieht – um Terroristen zu bekämpfen, Massenvernichtungswaffen zu suchen, um Land oder Öl zu stehlen oder patriotische Gefühle in der Bevölkerung zu schüren –, müssen alle die Zeche zahlen, ob sie wollen oder nicht. Da die Bereitstellung öffentlicher Güter durch private Anbieter in der Regel unzurei- chend ist, muss der Staat einspringen und die Produktion dieser öffentlichen Güter för- dern. Indem er öffentliche Güter wie Landes- verteidigung oder Leuchttürme kauft, ver- hält er sich genau wie jeder andere, der große Ausgaben tätigt. Durch den Einsatz von ge- nügend Kaufkraft auf bestimmten Gebieten bewirkt er den Zufluss von Ressourcen in diese Richtung. Sobald der Staat seine Ent- scheidung durch den Einsatz von Mitteln zum Ausdruck gebracht hat, übernimmt der Marktmechanismus das Ruder und kanali- siert die Ressourcen hin zu den Unterneh- men, die dann die benötigten Leuchttürme oder Panzer produzieren.

Kapitel 2

Markt und Staat in der modernen Wirtschaft

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Sind Leuchttürme öffentliche Güter?

Leuchttürme dienten lange Zeit hindurch als Paradebeispiel für ein öffentliches Gut. Sie retten Leben und Ladung auf Schiffen. Doch die Leuchtturmwärter können schließlich von den Schiffen keine Gebühr erheben; und selbst wenn sie es könnten, hätte es keinen effizienten sozialen Zweck für sie, Geldstrafen über Schiffe zu verhän- gen, die ihre Dienste in Anspruch nehmen. Am effizientesten wird das Licht eines Leuchtturms kostenlos zur Verfügung ge- stellt, denn es kostet schließlich nicht mehr, 100 Schiffe vor den gefährlichen Felsklip- pen zu warnen als ein einziges. Doch diese Ansicht geriet ins Wanken, als der Nobelpreisträger und Ökonom Ronald Coase die Geschichte der Leuchttür- me in England und Wales untersuchte und erfuhr, dass diese privat betrieben wurden. Coase stellte fest, dass die in Lizenz von der Krone vergebenen englischen Leuchttürme rentabel betrieben und durch staatlich ge- nehmigte, so genannte „Leuchtgebühren“ finanziert wurden, die man von den Schif- fen in nahe gelegenen Häfen erhob. Daraus zog Coase folgende Schlussfolgerung:

„Im Gegensatz zur Ansicht vieler Ökono- men können die Dienste eines Leuchtturms von einem privaten Unternehmen erbracht werden.” Bisweilen schloss man daraus sogar, dass Leuchttürme gar keine öffent- lichen Güter darstellen. Doch man sollte ein wenig genauer hin- sehen. Die beiden Hauptmerkmale öffent- licher Güter sind Kosten von Null für die Erbringung der jeweiligen Dienstleistung an eine weitere Person („nonrivalry“, keine rivalisierenden Güter) und die Unmöglich- keit, Einzelne von deren Inanspruchnahme auszuschließen („nonexcludability“, Nicht- ausschlussprinzip). Beide Merkmale gelten aber für Leuchttürme. Doch ein „öffentliches Gut“ ist nicht not- wendiger Weise ein „durch die öffentliche Hand bereitgestelltes Gut“. Häufig wird es von niemandem bereitgestellt. Wird es hingegen von Privaten bereitgestellt, impli- ziert dies nicht, dass es auch effizient bereit- gestellt wird oder dass ein Marktmecha-

nismus seine Finanzierung bewirken kann. Das Beispiel aus England zeigt den interes- santen Fall, in dem, falls die Bereitstellung des öffentlichen Gutes mit einem anderen Gut oder einer anderen Dienstleistung ver- knüpft werden kann (in diesem Fall mit der Tonnage der Schiffe) und falls der Staat privaten Personen das Recht gibt, Ge- bühren, die eigentlich Steuern sind, zu erheben, ein alternativer Mechanismus zur Finanzierung des öffentlichen Gutes gefun- den werden kann. Ein solcher Ansatz wäre aber kaum denkbar, ließen sich die Gebühren nicht einfach mit der Tonnage der Schiffe verbinden (wie in internationalen Gewässern). Und er wäre undenkbar, wür- de sich der Staat weigern, das Recht zur Eintreibung von Gebühren bei den Schiffs- eignern zu privatisieren. Die amerikanische Erfahrung sieht ganz anders aus. In den Vereinigten Staaten herrschte von Anfang an die Meinung vor, der Staat solle der Schifffahrt die nötige Unterstützung anbieten. So sah eine der ersten Handlungen des ersten Kongresses und das erste amerikanische Gesetz über Aufgaben der öffentlichen Hand vor, dass „die erforderliche Unterstützung, Wartung und Reparatur aller Leuchttürme, Leuchtbal-

ken [und] Bojen

Vereinigten Staaten bestritten werden soll.“ Doch wie viele öffentliche Güter wurden auch die Leuchttürme unzureichend finan- ziert, und es ist interessant festzustellen, was geschah, wenn in der Folge die nöti- gen Navigationshilfen fehlten. Ein faszinie- render Fall wird von der Ostküste Floridas berichtet, einer tückischen Wasserstraße mit einem 300 Kilometer langen Riff, das auf einer der gefährlichsten Hurricane- Strecken nur wenige Fuß unter der Wasser- fläche liegt. Diese stark befahrene Wasser- straße war durch heftige Stürme, häufige Schiffbrüche und Piraterie gekennzeichnet. Es gab in Florida bis 1825 keine Leucht- türme, und auch der private Sektor sorgte hier nicht für Sicherheit. Doch der Markt reagierte heftig auf die gefährliche Situation. Der private Sektor brachte eine blühende „Wrackindustrie“ hervor. Da gab es die so genannten Wreckers, Kutter, die in der Nähe

aus dem Staatsschatz der

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des tückischen Riffs warteten, bis ein unglückliches Schiff auf Grund lief. Dann erschien umgehend der Wrecker, bot seine Hilfe an, rettete Leben und Ladung und schleppte das Schiff in den nächsten Haf