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An meine Freunde und Freundinnen und Geschwister, die mit den Verarmten dieser Erde solidarisch sind

Brief Nr. 116 vom Bajo Lempa Usulután, El Salvador, MA

Samstag, 29. Mai 2010, 10 Uhr morgens

VORBEMERKUNG: dieser Brief ist nichtsofort versandt worden, weil an genau diesem Samstag, den 29., um Mitternacht und während der ersten Stunden am Sonntag, den 30., der Deich des Río Lempa brach und die gesamte Zone überschwemm- te. Vom letzteren habe ich in dem Brief Nr. 117 be- richtet, der das Datum des folgenden Tages, Sonn- tag, 30. in der Nacht trägt und den ich aufgrund von Problemen mit dem Internet nicht versenden konnte.

Ich schreibe euch während es heftig regnet. Der tropi- sche Winter. Der Mai ist mit ausgiebigen Regenfällen gekommen, mehr als in den vergangenen Jahren. Im Moment besteht höchste Alarmbereitschaft. Natürlich ist diese Situation nicht identisch mit den Monaten Sep- tember oder Oktober. Derzeit ist der Boden aufgrund der Sommermonate trocken und kann große Wasser- mengen absorbieren, die niedergehen, auch wenn es wie aus Eimern gießt.

Dies bedeutet, dass die sozialen und produktiven Aktivi- täten aufgrund des Ambientes, in dem wir am Bajo Lempa leben, mit den landwirtschaftlichen Flächen, die für die Aussaat vorbereitet sind und den Weiden, den Koppeln, wo man die ersten frischen Halme sehen kann, das junge Gras, was Leben für das Vieh bedeutet, auf ein Minimum reduziert ist. Und dies ist auch das Motiv der Vorsorge in dieser Hinsicht aufgrund der hohen Risi- ken hier an diesen Orten. Ich schreibe euch, wo die er- sten Morgenstunden mit viel Regen beginnen und erst- malig habe ich den Motor eines Sportflugzeuges gehört, das sicherlich den Río Lempa in unserer Zone bis zur Mündung in den pazifischen Ozean zur Überprüfung der aktuellen Situation überfliegt.

Nun gut, vom Wetter hier zu sprechen heißt, vom tägli- chen Leben zu sprechen, weil wir im großen Maße da- von abhängig sind. Aber es gibt noch andere Dinge.

da- von abhängig sind. Aber es gibt noch andere Dinge. Die Gesundheitsministerin Dr. Isabel Rodriguez während

Die Gesundheitsministerin Dr. Isabel Rodriguez während ihres Besuches in Nueva Esperanza im August 2009, zu- sammen mit Padre Angel.

Eines der sehr positiven Dinge für uns ist der Gesundheitsbere- ich. Das aktuelle Gesundheits- ministerium wird von der in vielen Bereichen tätig gewe- senen Ärztin, Dr. Isabel Rodri- guez, geleitet. Dieser Bereich reflektiert am stärksten den

stattgefundenen Wandel des politischen Lebens vor einem Jahr, mit der Wahl des aktuellen Präsidenten Mauricio Funes. Nicht nur durch die Bildung der inte- gralen Gesundheitseinheit für Nierenerkrankungen (Ne- frolempa), - denn die Nierenerkrankungen sind die hauptsächliche Todesursache hier in unserer Zone – worüber ich schon in früheren Briefen berichtete, son- dern weil die schon vorhandenen Gesundheitseinheiten in der Zone seit einiger Zeit viel besser funktionieren. Ich will jetzt nicht in Details gehen, aber die Aufmerk- samkeit für die Gesundheitsversorgung hat einen Stel- lenwert eingenommen, welche den Menschen gerecht wird. So wurde das medizinische Personal hinsichtlich Krankenstationen und GesundheitspromotorInnen ver- stärkt, dank der finanziellen Unterstützung von interna- tionalen Organisationen, die Vertrauen in die aktuelle Ministerin haben und dies merkt man sehr stark, weil auch das beste Personal ausgesucht wurde, im Gegen- satz zu früher, wo es mehr nach parteipolitischer Aus- richtung der rechten Regierung ging, als nach beruf- lichen Qualifikationen. So wurden verschiedene Ar- beitsplätze in der Zone in diesem Bereich geschaffen, auf verschiedenen Ebenen und mit unserem Personal.

In anderen Bereichen, wie Erziehung, Landwirtschaft, Infrastruktur und anderen hat es keine Veränderungen ergeben. Als ich mit einem jungen Politiker aus unseren Reihen sprach, Nohé Reyes, der unserem Stipendium- projekt entstammt, sagt er uns, dass der alte Beamten- apparat große Teile des staatlichen Apparats kontrollier- ten (Seilschaften). Jahrzehntelang haben die Parteileute der Oligarchie regiert und der aktuelle Präsident wollte oder konnte keine tiefgreifenden Veränderungen in diesem Bereich erlangen.

Die Direktorin des Bildungsbereiches in dem Departem- ent Usulután, zum Beispiel, kann keine personelle Ver- änderung bei den vorhandenen Lehrern in unserem In- stituto in Nueva Esperanza vornehmen, - wie wir es ge- fordert haben – mittels einer Umbesetzung oder ähnlich, und ebenso ist es bei anderen Arbeitsstellen von Beam- ten in oberen Positionen, wie Amtsleiter, Mitglieder von Prüfungsgremien, etc.

Im Landwirtschaftsbereich wurde in diesem Jahr der Regierung die Direktorin von ISTA, die Verantwortliche der Reorganisation des Bodens und seiner Legalisie- rung, ihres Amtes enthoben, da sie die vorhandenen Ge- setze zugunsten der Ärmsten anwenden wollte und dies nicht gewollt war. Vor einigen Tagen trat der Landwirt- schaftsminister aus ethischen Gründen zurück, da er nicht bereit war einen parteipolitischen Kuhhandel zu akzeptieren, wo man durch die Verteilung von Agrar- subventionen an Bauern, die nicht unter das Gesetz fal- len, Stimmen für die Versammlung kaufen wollte. Aktu- ell haben wir einen neuen Minister und die anderen hohen Beamten wurden ausgebremst.

Zusammenfassend ist zu sagen, ohne dass ich hier eine politische Analyse über die Politik der neuen Regierung erstellen will, dass der aktuelle Präsident etwas von der

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Partei, der FMLN, getrennt ist, die ihm half an die Macht zu kommen und dies ist in vielfältiger Hinsicht festzustellen. Es gibt ein Wiedererstarken der politi- schen Kräfte im Land, es werden neue Parteien und po- litische Bewegungen gebildet. Es ist zu sehen, dass die Änderungen nicht so einfach sind, wie es die Mehrheit der Menschen gedacht hat, als es gelang, den aktuellen Präsidenten vor einem Jahr an die Regierung zu brin- gen. Und, dass der Kampf der Bevölkerung durch fried- liche Mittel anhält, bis neue Ziele erreicht sind. Und, auch, dass das Imperium des Nordens die Grenzen ge- setzt hat und gesagt hat, dass dieser Teil von Mittelame- rika ihrem Einflussbereich zuzurechnen ist und man da- her den Präsidenten Mauricio Funes komplett in die Po- litik der Region vereinnahmt hat und aus ihm einen re- gionalen Führer macht, wie im Fall der Kontakte mit der aktuellen Regierung von Honduras.

Die Kultur der Erpressung, von Renten, wie man hier sagt, ist sehr verbreitet, mit der Folgeerscheinung von Angst und täglichen Morden. Die Tötungsrate – Tote durch Gewalt – pro Tag ist weiterhin die Höchste im Land und liegt auf der Ebene von Guatemala, Mexiko und Honduras, die ein regionales Gebiet der Angst bil- den. In unserer Zone konnten wir dies im März wahr- nehmen, während der Feiern in Ciudad Romero, als eine Gruppe von Jugendlichen von Nuevo Amanecer wegen Schutzgelderpressung in der Nacht während der Feier, einen anderen Jugendlichen verfolgten der ihnen kein Geld gab und der letztendlich zu Tode geprügelt wurde. Es wurden sechs Jugendliche verhaftet und die Situation konnte kontrolliert werden. Einen Monat später, im Sü- den unserer Zone, schon in Höhe der Küste, in Las Me- sitas, tötete eine andere Gruppe von Jugendlichen einen anderen und ein weiterer wurde bis in eine andere Ge- meinde verfolgt, wo er zusammengeschlagen wurde. Aber dies sind vereinzelte Episoden bei uns, weil die Zone durch unsere eigenen Leute der Gemeinden kon- trolliert wird. So ist es auch bei einem Versuch des Ein- dringens einer Jugendbande in Nueva Esperanza gewe- sen. In diesem Sinne ist die Sicherheit der Bevölkerung im Bajo Lempa ein Paradies in Relation zu anderen Ge- bieten von El Salvador.

So ist es auch hinsichtlich der Organisation, wie ich es euch bereits in anderen Fällen berichet habe. Und die Jugendlichen, die aus unserem Stipendienprojekt her- vorgegangen sind und ihren Abschluss erlangt haben, haben sich zu einem guten Teil hier in die Arbeit einge- bracht und leiten Projekte der internationalen Solidari- tät, was auf ein positives Echo der bäuerlichen Bevöl- kerung stößt, vor allem, da sie in Projekten der Vereinig- ten Gemeinden -ACUDESBAL- arbeiten, aber auch in anderen Organisationen der Zone, wie ADIBAL und die Coordinadora oder Asociación Mangle.

Jedes Jahr gibt es mehr SchülerInnen im Bachillerato und der Basis-Schulausbildung. Die LKWs für den Schultransport, die wir hier in der Zone haben, ebenfalls dank der internationalen Solidarität, die nach Nueva Es-

peranza kommen oder in die Gemeinde Amando López, erscheinen wie Bienenwaben, voll von Jungen und Mädchen.

Vor einigen Tagen, am Samstag, den 15. Mai, feierten wir eine andere Produktionsmesse, die wir jedes Jahr durchführen – zwei im Jahr – organisiert von ACUDES- BAL – Vereinigte Gemeinden – und die Beteiligung war sehr groß. Es ist eine sehr erfreuliche Art eines bäuerli- chen Festes, die man in El Marío feiert.

eines bäuerli- chen Festes, die man in El Marío feiert. Fotos von der Produktionsmesse: Beginn der

Fotos von der Produktionsmesse: Beginn der Messe mit dem Auftritt einer Musikgruppe

Beginn der Messe mit dem Auftritt einer Musikgruppe Teilnahme des Gesundheitsequipos für Nierenerkrankungen

Teilnahme des Gesundheitsequipos für Nierenerkrankungen (Ne- frolempa)an der Produktionsmesse

Es grüßt euch euer Bruder Angel Q.