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Vom Jäger zum Bauern

Wirtschaftsformen im neolithischen Anatolien
Jürgen Franssen „Seid fruchtbar und mehret Euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan, und herrscht über die Fische im Meer und die Vögel des Himmels, über das Vieh und alle Tiere, die auf der Erde sich regen.“ Diese Aufforderung am Anfang der Genesis läßt sich als prägnante Umschreibung jenes überaus komplexen, globalen Phänomens verstehen, das wir heute als Neolithisierung bezeichnen. Ein wesentlicher Teil dieses langwierigen Prozesses, der innerhalb weniger Jahrtausende in mehreren Regionen der Welt unabhängig voneinander stattfand (Abb. 1), war der Übergang von der Lebensweise des Jägers und Sammlers zu der des Bauern oder, anders formuliert, von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsweise. Dieser Wandel war von weitreichender Bedeutung. Er beschränkte sich nicht nur auf die Subsistenzstrategie der damaligen Menschen, sondern veränderte auch wesentliche Bereiche ihrer sozialen Welt und ihr Verhältnis zur natürlichen Umgebung, Folgen, die bekanntlich noch heute die Grundlagen unserer Existenz bilden.

Abb. 1: Neolithisierungszentren zwischen 10 000 und 3000 v. Chr.: 1 Weizen / Gerste / Schaf / Ziege im Vorderen Orient, 2 Gerste / Baumwolle / Rinder im westindischen Hochland, 3 Hirse / Reis / Schweine in China, 4A Mais / Kürbisse / Truthühne im Hochland von Mexiko, 4B Bohnen / Kartoffeln / Meerschweinchen im Andengebiet, 5 Hirse / Yams / Rinder im östlichen Mittelafrika

Seit dem Auftauchen des Menschen vor etwa 2,5 Millionen Jahren ernährte sich dieser über 99 % der Zeit ausschließlich durch das, was ihm die Natur bot, das heißt er jagte wilde Tiere oder nutze die von anderen Tieren gejagte Beute, er fischte und sammelte wild wachsende, essbare Früchte, Gräser und Knollen. Abgesehen davon, daß er dabei diverse Hilfsmittel benutzte, unterschied sich diese Art der Nahrungsbeschaffung nicht wesentlich von jener der Tiere. Als Sammler und Jäger war der Mensch vollständig abhängig von dem jahreszeitlich bedingten

Angebot der Natur. Das änderte sich jedoch grundlegend vor rund 12 000 Jahren unter anderem im Nahen Osten am Übergang vom „Eiszeitalter“ (dem Pleistozän) zur geologischen „Gegenwart“ (dem Holozän).

Domestikation
Bevor der Prozeß der sog. Neolithisierung nun weiter verfolgt wird, soll zunächst auf einen Begriff näher eingegangen werden, der im gegebenen Zusammenhang von entscheidender Bedeutung ist: den der Domestikation. Was ist darunter zu verstehen? Eine exakte Definition dafür gibt es leider bis heute nicht, zumal die Forschung bis heute darüber streitet, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit eine Pflanze oder ein Tier als domestiziert gelten. Diese Uneinigkeit rührt unter anderem daher, daß man Domestikation von verschieden Seiten aus betrachten kann: so etwa aus gleichsam sozialwissenchaftlicher Perspektive, in dem man das gewandelte Verhältnis eines Tieres zum Menschen betrachtet, und natürlich aus zoologischer bzw. botanischer Sicht, indem man mehr Gewicht auf die morphologischen, anatomischen oder genetischen Veränderungen legt.

Abb. 2: Oben die wilden Ausgangsformen Auerochse, Wildschwein und Wildschaf undunten ihre um etwa 25 % kleineren jungsteinzeitlichen Zuchtformen

Abb. 3: Entwicklung vom wilden Einkorn und Emmer zum heutigen Weizen

Grundsätzlich gilt jedoch für die meisten domestizierten Tieren und Pflanzen, daß sie in Folge menschlicher Einflußnahme nicht mehr in ihrer natürlich Umgebung leben, sondern in der von Menschen geschaffenen, sich dort fortpflanzen und letztlich zum Nutzen des Menschen geschlachtet bzw. geerntet werden. Die Gefangenschaft stellt für Wildtiere zunächst eine erhebliche Streßsituation dar. Aus diesem Grund, weil die vom Menschen zur Verfügung gestellte Nahrung letztlich nie die natürliche Vielfalt erreicht und die Bewegung der Tiere relativ stark eingeschränkt ist, sind in Gefangenschaft gehaltene Tiere meist kleinwüchsiger als ihre wilden Pendants (Abb. 2), und mit der Zeit weist deren Skelett auch degenerative Erscheinungen auf. Auch die Samen und Früchte gezüchteter Pflanzen unterscheiden sich morphologisch von ihren wilden Vorfahren (Abb. 3). Schließlich sind bei domestizierte Pflanzen wie Tiere spezifische

genetische Veränderungen festzustellen. Anhand der genannten Faktoren, die sich im archäologischen Befund durch die Untersuchung der Knochen oder Samen bestimmen lassen, sind domestizierte von wild lebenden Arten jedoch oftmals zu unterscheiden. Wenn man sich nun die sogenannten Gründertiere- und pflanzen anschaut, fällt auf, daß im Vergleich zur natürlichen Artenvielfalt nur wenige Tiere und Pflanzen domestiziert wurden. Bei den Tieren sind dies Rind, Schaf, Ziege und Schwein. Zu den Gründergewächsen gehören zum einen die Getreidearten Emmer und Einkorn sowie Gerste und Roggen und zum andere die Hülsenfrüchte Linsenwicke, Linse, Erbse und Kichererbse und schließlich der Flachs (Taf. 1). Die Auswahl geschah natürlich nicht zufällig, da die Getreide und Hülsenfrüchte mehrere Vorteile aufweisen: Beide verfügen über einen hohen Kaloriengehalt – Getreide ist reich an Kohlenhydraten und Hülsenfrüchte an Proteinen – und sind daher gut für die Ernährung größerer Gruppen geeignet. Außerdem sind sie leicht zu ernten, verfügen über große Samen und beanspruchen, da sie dicht beieinander wachsen, relativ wenig Anbaufläche. Ein weiterer ökologischer Vorteil besteht darin, daß es sich um Jahrespflanzen mit einer hohen Reproduktionsrate handelt, deren Entwicklung durch die starken klimatischen Schwankungen in Vorderasien zwischen Sommer und Winter begünstigt wurde. Aufgrund ihres speziellen Aufbaus und ihrer Wachstumseigenschaften sind Süßgräser zudem erstaunlich regenerationsfähig. Daneben eignen sich beide Pflanzenarten wegen ihrer hohen Beständigkeit gegen Trockenheit gut zum Lagern und sind damit ideal zur Überbrückung kurzfristiger Nahrungsengpässe, wie sie anscheinend gerade am Anfang des Holozäns durch die trockenen, heißen Sommer auftraten. Schließlich handelt es sich bei Gräsern und Hülsenfrüchten um selbst- bzw. windbestäubende Pflanzen, wodurch die jeweils vom Menschen gewünschte, mutierte Form gut isoliert und weiter gezüchtet werden konnte. Funde etwa im syrischen Abu Hureyra (Abb. 4) aus der Zeit um 11 000 v. Chr. belegen, daß bereits vor der Domestikation im Vorderen Orient offenbar begonnen wurde, das natürliche Angebot an wilden Nahrungspflanzen durch gezieltes Ernten und planmäßiges Anpflanzen zu ergänzen. Man spricht in diesem Zusammenhang von Kultivierung, im Unterschied zur Domestizierung. Die Menschen hatten im Laufe der Zeit sicherlich genaue Kenntnis von den Reifeterminen der verschiedenen Gräser und Früchte gewonnen, um bei der Ernte potentiellen tierischen Nahrungskonkurrenten zuvorzukommen. Daneben kam es anscheinend zu einer gezielten Selektion des Ernteguts, indem Pflanzen mit mehr Blüten und größeren Körner sowie mit stabileren Ähren bevorzugt wurden, da bei den Wildformen in der Regel die Ähren früh zerbrechen, die Körner zu Boden fallen und somit die Ernte sehr verlustreich war. Auf lange Sichte setzten sich auf diese Weise die mutierten Pflanzen als Nutzpflanzen bei den Menschen durch, da sie mehr gesammelt und damit später auch verstärkt gesät wurden. Allerdings vollzog sich dieser Prozeß nicht geradlinig, sondern mit zahlreichen Brüchen, da immer wieder auch unreifes Getreide geerntet wurde oder Wildformen eingekreuzt wurden und somit das Verhältnis von fester und lockerer haftenden Körner lange Zeit gleich blieb. So fanden sich in dem bereits genannten Abu Hureyra anscheinend die frühesten Funde von domestiziertem Getreide, in dem Fall Roggen, die zwischen 11 000 und 10 500 v. Chr. datiert werden und deren Form sich signifikant von wilden Exemplaren unterscheidet. Ein weiterer Hinweis auf den bereits damals praktizierten Roggenanbau sind Samen von „Unkraut“, das üblicherweise auf kultiviertem Boden wächst. Die beabsichtigt oder doch eher zufällig erzielten Zuchtergebnisse blieben allerdings zunächst ohne Folgen, da auch weiterhin wildes Getreide kultiviert wurde. Erst rund 1000 Jahre später, im Zusammenhang mit dem Beginn der bis heute andauernden Warmzeit um 9600 v. Chr., beginnt sich der planmäßige Anbau domestizierter Pflanzen in vielen Orten der Levante durchzusetzen. Wie im Falle des Pflanzenanbaus so ging wahrscheinlich auch der Domestikation von Tieren eine lange Phase voraus, in denen Wildtiere pflegerisch gehalten wurden und die Menschen über Generationen hinweg verstärkt und differenziert Erfahrungen mit der Zähmung der Tiere

Links: Einkorn. Mitte: Gerste. Rechts: Emmer

Roggen

Links außen: Erbse Links: Flachs

Kichererbse

Linse

Linsenwicke

Bezoarziege

Mufflon

Wildschwein

Auerochse

Wildesel

Wolf

Abb. 4: Frühe Fundorte im Bereich des „Fruchtbaren Halbmonds“

sammelten. Als Beleg dafür könnten die Funde aus dem späten 10. bzw. 9. Jt. v. Chr. aus Hallan Çemi und Çayönü in Ostanatolien dienen, wo anscheinend zumindest zeitweise wilde Schweine in Gehegen gehalten wurden. Mit der Zeit wird sich herausgestellt haben, dass sich zwar die meisten Wildtiere, wie etwa Bär oder Hirsch, durchaus zähmen ließen. Als Haustiere eigneten sich aber aufgrund ihrer natürlichen Anlagen nur die wenigsten. Dafür sind folgende Eigenschaften eines Tieres unabdingbar: Es musste ein Pflanzenfresser sein, damit eine unkomplizierte und effiziente Ernährung gewährleistet ist. Es musste zudem relativ schnell wachsen, durfte kein unberechenbares, stark aggressives Verhalten aufweisen und auch nicht zur Nervosität oder Panik neigen. Schließlich mußte es ein Herdentier mit ausgeprägt sozialem Verhalten sein, das den Menschen als „Leittier“ akzeptiert, und es muß sich problemlos auch in Gefangenschaft fortpflanzen. Zu den Wildtieren, die diese Eigenschaften aufweisen, gehören die Bezoarziege, das asiatische Mufflon, das Wildschwein, der Auerochse, der Wildesel und der Wolf (Taf. 2), die alle in Mesopotamien heimisch und wahrscheinlich die Vorfahren von Ziege, Schaf, Schwein, Rind, Esel und Hund sind.

Neolithisierung
Klima Wie sich nun Entwicklung von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsweise im Vorderen Orient bzw. in Anatolien vollzog, soll im folgenden skizziert werden. Es wurde bereits angesprochen, daß diese Entwicklung eng mit den Veränderungen des Klimas und der natürlichen Umwelt am Ende des Paläolithikums zusammenhängt (Abb. 5). Um 20 000 v. Chr. war der Höhepunkt der letzten Eiszeit erreicht und es begann ein globaler Erwärmungsprozeß, der

Abb. 5: Klimawandel und damit verbundene Veränderungen in der Vegetation des Nahen Ostens

einem klimatischen Chaos glich, da sich in den folgenden Jahrtausenden feuchte und warme Phasen mit kalten und trockenen Perioden abwechselten. Um 10 700 v. Chr. kam es zu einer letzten, relativ kurzen Kälteperiode, d er sog. Jüngeren Dryas, in der die Temperaturen sowohl in Europa als auch im Nahen Osten innerhalb eines Jahrzehnts rasch abkühlten und wieder für über 1000 Jahre zu fast eiszeitlichen Verhältnissen führten. Für weite Teile des Nahen Ostens hatte das offenbar eine Versteppung zur Folge, da Flüsse und Seen austrockneten. Um 9600

Abb. 6: Entwicklung der Landwirtschaft im Nahen Osten zwischen 11 000 und 7000 v. Chr.

v. Chr. begann schließlich die noch heute andauernde Warmphase, das sog. Holozän, mit einer globalen Temperaturerhöhung um bis zu 7 °C innerhalb nur einer Dekade und erhöhten Niederschlägen, was wiederum einen rasanten Anstieg des Nahrungsangebotes zur Folge hatte. Natufien Es ist sicher kein Zufall, daß um 12 600 v. Chr., also während einer Wärmeperiode und damit unter günstigen klimatischen Bedingungen, die ersten dauerhaft von Wildbeutern bewohnten Siedlungen in der Levante entstanden. In in dieser Zeit, dem sog. Natufien, fanden die Menschen in ihrer näheren Umgebung ein reiches und vielfältiges Nahrungsangebot vor, so daß sie nicht mehr weite Gebiete durchstreifen mußten. Vor allem die in den Siedlungen in großer Zahl gefundenen Mörser und Stößel belegen die zunehmende Verarbeitung von Pflanzen wie Wildgräser, Wurzeln, Beeren und Füchte. Als Jagdbeute diente jede Art von Wild von der Gazelle bis zum Vogel sowie Fische. Wichtige Fundorte aus dieser Zeit sind etwa Abu Hureyra in Syrien, Άin Mallaha in Israel und Beidha in Südjordanien (Abb. 6). In Anatolien ist das Natufien, also grob gesagt das späte 13. bis 11. Jt. v. Chr., archäologisch bisher allerdings noch nicht belegt. Frühes Neolithikum Das Einsetzen einer weiteren Wärmephase um 9600 v. Chr. v.Chr. korreliert bezeichnenderweise wiederum mit einem entscheidenden Einschnitt innerhalb der Menschheitsgeschichte: Im frühen akeramischen Neolithikums beginnt sich der planmäßige Anbau domestizierter Pflanzen in vielen Orten der Levante durchzusetzen. Aufschlussreich sind hier unter anderem Jericho und Nahal Oren in Israel sowie Mureybet und Jerf el-Ahmar in Syrien (Abb. 6), wo neben Resten von domestiziertem Getreide (Emmer, Abb. 7: Hügellandschaft unweit der Harran-Ebene, Blick Gerste) z.T. auch entsprechende Lagerbauten vom Göbekli Tepe nach Westen ausgegraben wurden. Inwieweit auch Siedlungen im nördliche Mesopotamien bereits im 10. Jt. Pflanzenanbau betrieben haben, ist noch unklar, da bis heute aufgrund der aktuellen Forschungslage eindeutige Belege aus Südostanatolien fehlen. Allerdings ergaben bereits DNA-Analysen von wildem Getreide, das noch im Bereich des Berges Karacadağ, unweit vom Göbekli Tepe, wächst (Abb. 7), daß es sich dabei um den wilden Vorgänger des heutigen Emmer handelt. Da jedoch der domestizierte Emmer im Laufe der Zeit Änderungen erfahren hat und die heutige Form nicht identisch ist mit jener des Neolithikums, bleibt offen, ob der Karacádağ und damit auch die Gegend um den Göbekli Tepe tatsächlich die Region ist, in der die Domestikation erstmals stattgefunden hat. Vollends etabliert hat sich der Ackerbau im gesamten Vorderen Orient schließlich im 9. Jt. v. Chr. In diese Zeit gehören auch die frühesten sicheren Funde in Anatolien (Abb. 8). Zu nennen sind hier vor allem Nevalı Çori nahe Urfa und Çayönü am Fuße des Taurus. Auch in Aşıklı Höyük in Kappadokien konnte zuletzt durch Funde von domestiziertem Einkorn und Emmer sowie Gerste Landwirtschaft im umfangreichem Maße für das frühe Neolithikum nachgewiesen werden. Zusätzlich hatten sich die Menschen dort aber auch weiterhin durch das Sammeln etwa von Hülsenfrüchten ernährt. Im zentralanatolischen Çatal Höyük, daß ab dem späten 8. Jt. v. Chr. besiedelt war, kam ebenfalls neben zahlreichen Resten von Sammelpflanzen auch dome-

Abb. 8: Fundorte in Anatolien

stiziertes Getreide zutage. Im nordwestlichen Anatolien, etwa in Haçilar und Ilıpınar sind die frühesten Siedlungen und damit auch der Beginn der planvollen Nahrungsmittelproduktion erst ab dem späteren 7. Jt. v. Chr. belegt. Die Domestikation von Wildtieren erfolgte anscheinend später als jene der Pflanzen. Eine Ausnahme bildet der Hund, der anscheinend bereits im frühen Natufien, also vor rund 14 000 Jahren, domestiziert wurde und damit deutlich früher als die ersten Süßgräser. Wurde der Hund vor allem wegen seiner Qualitäten als Wächter und Jagdbegleiter geschätzt, wurden die anderen frühen Haustiere hauptsächlich als Fleischelieferanten genutzt. Daneben wurden ihr Fell,

Abb. 9: Verbreitung von Wildschafen und Wildziegen im Vorderen Orient

ihre Knochen, Hörner und Sehnen nach Möglichkeit als Rohstoffe für Kleidung und Geräte verwendet. Schließlich dienten sie sicherlich auch bei religiösen Ritualen als Opfertiere. Eine Milchwirtschaft ist für das frühe Neolithikum jedoch noch nicht belegt. Die ersten Spuren von Tierhaltung im Nahen Osten werden in das 9. Jt. v. Chr. datiert und stammen von Ziegen und Schafen, offenbar weil diese ohne großen technischen und zeitlichen Aufwand am einfachsten zu halten und durch Zucht den menschlichen Bedürfnissen anzupassen waren. Als Ursprungsgebiet kann wahrscheinlich Südostanatolien angesehen werden, wie Funde domestizierter Schafe aus Nevalı Çori und Cafer Höyük nahelegen (Abb. 9). Ob zeitgleich mit dem Schaf auch die Ziege domestiziert wurde, ist noch unklar, da eindeutige Belege fehlen. Allerdings gibt es Hinweise auf domestizierte Ziegen in Nevalı Çori aus dem frühen PPNB (8800-8300 v. Chr.), was dafür sprechen könnte, daß die Entwicklung auch in diesem Fall in Südostanatolien begann. Vergleichsweise spät setzte der Domestikationsprozeß beim Rind und Schwein in Nordmesopotamien ein. Die ersten Hinweise stammen jeweils aus der Zeit um 83007600 v. Chr. (mittleres PPNB), etabliert hat sich deren Haltung dann im späten PPNB (76006900 v. Chr.). Bedeutende Fundorte sind etwa Gürcütepe und Çayönü in Südost- bzw. Ostanatolien sowie weiter südlich in Syrien Tell Haloula und Bouqras (Abb. 9). Im Falle des Rindes mag dessen Wildheit und Kraft eine Domestikation schwierig gestalten haben. Die Haltung von Schweinen ist jedoch, wie die von Ziege und Schaf, im allgemeinen unkompliziert, da sie Allesfresser sind und durch zusätzliche Fütterung etwa mit Speiseabfällen nahe der Siedlung bleiben. Deren verzögerte Domestikation wird meist dadurch erklärt, daß gezähmte Bestände offenbar immer wieder mit wilden Exemplaren gekreuzt wurden. Wie im Falle des Ackerbaus breitete sich auch die Herdenhaltung vom Gebiet am oberen Euphrat nach Abb. 10: Wandmalerei aus Çatal Höyük mit Jagddarstellung, Kopie aus Zentral- und Westanatolien aus, dem Mueum in Çatal Höyük. so daß die Jagd mitunter deutlich

Abb. 11: Wandmalerei aus Çatal Höyük mit Jagddarstellung, Kopie aus dem Mueum in Çatal Höyük.

an Ausmaß verliert und in der Subsistenz nur noch eine untergeordnete, wenn nicht sogar nur symbolische Rolle spielt. Das mag etwa In Çatal Höyük (Abb. 10) der Fall gewesen sein, wo nur noch 20 % der Tierknochen von Wildrindern stammen. Unter den Tierdarstellungen in der Wandmalerei sind sie jedoch prominent vertreten (Abb. 11). Andererseits belegen die Funde in einzelnen Orten wie Can Hasan, Hacılar und Ilıpınar, daß noch im keramischen Neolithikum (7./6. Jt. v. Chr.) in manchen Gegenden die Jagd parallel zur Landwirtschaft eine bedeutende Nahrungsquelle war. Die Bewohner von Suberde, westlich von Çatal Höyük, hatten sich sogar, obgleich umgeben von Bauer-Gemeinschaften, anscheinend auf die Jagd spezialisiert. Zusammenfassend läßt sich somit sagen, daß die Entwicklung von Jäger und Sammler hin zur zielgerichteten und geplanten nahrungserzeugenden Lebensweise der ersten Bauern ein überaus langwieriger und komplexer Vorgang war, der sich in den verschiedenen Regionen des Vorderen Orients und Anatoliens in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität sowie nicht linear vollzogen hat, und auch nicht unbedingt intentional vom Menschen vorangetrieben wurde. In der Forschung gibt es sogar die Meinung, daß Pflanzenanbau und Herdenhaltung nur Nebenprodukte der Entwicklung hin zur Seßhaftigkeit und der Zunahme der natürlichen Ressourcen im frühen Neolithikum gewesen seien. Während die ersten domestizierten Pflanzen offenbar im frühen akeramischen Neolithikum (10. Jt. v. Chr.) in der Levante angebaut wurden und von dort nach Nordmesopotamien und Anatolien gelangten, sind alle Nachweise für die Tierdomestikation in der südlichen Levante jünger als in Nordsyrien und Südostanatolien. Die bisherigen Indizien sprechen dafür, daß die Idee dazu erstmals in der Region um Nevalı Çori bzw. im Bereich der südlichen Ausläufer des Taurus geboren wurde. Warum? Zum Schluß soll noch kurz auf die Frage eingegangen werden, warum es überhaupt zu diesem Wandel der Subsistenzstrategien kam? Schließlich brachte der Wechsel für die Menschen nicht nur Vorteile mit sich: Zwar lassen sich mit dem gezielten Feldanbau und der ständigen Tierhaltung in der Regel höhere Erträge als durch Jagd und Sammeln erzielen und eine größere Zahl von Menschen ernähren. Auch war man dadurch von dem durchaus wechselhaften Angebot der Natur weitgehend unabhängig und konnte eine planvolle Vorratshaltung betreiben, die auch psychisch mehr Sicherheit bot. Durch diese grundsätzlich bessere Versorgungslage kam es tatsächlich zu einer Verringerung der Kindersterblichkeit, was unter anderem auch zu einem generellen Wachstum der Bevölkerung beitrug. Und schließlich unterstützte die Landwirtschaft gleichsam auch eine stärkere Differenzierung der Gesellschaft, da nun auch verstärkt Menschen ernährt werden konnten, die spezialisierten Tätigkeiten nachgingen, selbst aber keine Nahrung produzieren konnten, wie etwa Priester, Handwerker oder Krieger. Allem Anschein nach wurden diese Faktoren jedoch nicht von allen Gemeinschaften als entscheidende Vorteile angesehen, denn die Landwirtschaft wurde nicht überall übernommen und konkurrierte anfangs mit der Jagd- und Sammelwirtschaft. Zudem gab es Mischformen, die Elemente aus beiden Wirtschaftsformen enthielten. Gegen die bäuerliche Lebensweise sprach schließlich, daß sie bei günstigen Umweltbedingungen erheblich zeit- und arbeitsintensiver ist als die Nahrungssuche der Wildbeuter. So nutzten die Menschen in natufien-zeitlichen Siedlungen anscheinend kaum Getreide als Hauptnahrungsmittel, solange andere, einfacher zu verarbeitende Ressourcen in genügender Menge vorhanden waren. Außerdem verleitete die landwirtschaft die Menschen anscheinend zu einer einseitigeren, stärker kohlenhydrathaltigen Nahrung, was in manchen Regionen Mangelerscheinungen wie kleinerer Wuchs und Rachitis (chronischer Vitamin-D-Mangel) sowie Zivilisationskrankheiten (Karies, Paradentose) zur Folge hatte. Dies und vielleicht auch die geringere und eingeschränkte Bewegung der Bauern führte zu einer im Vergleich zu Wildbeutergruppen niedrigeren Lebenserwartung; sie wird bei

durchschnittlich 20 Jahren gelegen haben. Dazu wird auch das Leben in den teilweise sehr dicht bebauten Siedlungen wie etwa in Çatal Höyük, die aufgrund ihrer schlechten hygienischen Verhältnissen Brutstätte für Infektionen waren, in nicht unerheblichem Maße beigetragen haben. Warum entschieden sich die Menschen damals dennoch für die bäuerliche Lebensweise? Die Forschung gibt darauf bislang keine stichhaltige Antwort. Das liegt vor allem daran, daß es sich dabei sowohl um einen ökologischen als auch um einen ökonomischen und sozialen Prozeß handelt, zu dessen Klärung uns jedoch nur archäologische Quellen zur Verfügung stehen, die ihrerseits stark interpretationsbedürftig sind. Insbesondere in den vergangenen 15-20 Jahren sind jedoch zahlreiche Studien zu dem Thema erschienen, deren Lösungsvorschläge sich grob in drei Kategorien einteilen lassen, wobei es hier natürlich auch Überschneidungen gibt: So machen einige Forscher einen Rohstoffmangel für die Entwicklung verantwortlich, der durch die klimatischen Veränderungen und die Versteppung weiter Gebiete des Vorderen Orients während der Jüngeren Dryas (10 700-9600 v. Chr.) hervorgerufen worden wäre. Nach einer anderen Theorie wandten sich die Menschen zwar ebenfalls durch äußeren Druck der Landwirtschaft zu, allerdings sei der Ressourcenmangel umgekehrt durch eine Verbesserung Umweltverhältnisse entstanden. Daruch wäre es zu einem Anstieg der Bevölkerung gekommen, der wiederum durch übermäßige Ausbeutung der Umwelt Versorgungsprobleme zur Folge gehabt hätte, welche die Menschen schließlich zur produzierenden Wirtschaftsweise angespornt hätten. Die Vertreter einer dritten Theorie, die in letzter Zeit an Zuspruch gewinnt, weisen ebenfalls darauf hin, daß der Wandel hin zur Landwirtschaft in einer klimatisch günstigen Warmphase und damit in einer ressourcenreichen Zeit stattfand. Die Menschen hätten sich jedoch nicht aufgrund einer Streßsituation, etwa durch demographischen oder negative ökologische Veränderungen, zu dem Schritt entschieden, sondern in Folge von tiefgreifenden sozialen Veränderungen, die bereits im späten Epipaläolithikum, mit dem Auftauchen der ersten seßhaften Jägerund Sammlergemeinschaften im Natufien (12 600-9700 v. Chr.) ihren Ursprung hätten. Damals wurde die Kultivierung von Pflanzen gleichsam neben der Jagd und dem Sammeln betrieben, um auch in Notzeiten genügend Nahrung zu haben. Mit Beginn des akeramischen Neolithikums um 9600 v. Chr. wurde der Pflanzenanbau dann aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen wieder intensiviert, wodurch es möglich wurde, auch größere Siedlungsgemeinschaften zu versorgen und gegebenenfalls einen Überschuss zu erwirtschaften. Die Anfänge differenzierter sozialer Hierarchien aufgrund unterschiedlicher Besitz- und damit auch Machtverhältnisse fallen in diese Zeit. Neben sozialen Aspekten werden z.B. auch ideologische Gründe bzw. veränderte religiöse Vorstellungen für diesen Wandel verantwortlich gemacht. Beweisen lassen sich diese Theorien natürlich nicht, da bekanntlich die dafür notwendigen Schriftquellen fehlen. Somit ist auch die zuletzt von Klaus Schmidt vertretene These spekulativ, daß im 10. Jt. v. Chr. die Arbeiten an den Monumenten auf dem Göbekli Tepe, die neben Material und Geräten auch eine umfangreiche Versorgung mit Nahrungsmitteln erforderten, eine Ausweitung der herkömmlichen Subsistenzstrategien auf die Züchtung von Tieren und Pflanzen gleichsam provoziert hätten. Die neolithische Revolution wäre also, so Schmidt, „nicht klein, klein mit dem eigenen Gärtchen gestartet [...], sondern sogleich im großen Stil“. Erst mit der Existenz einer derart komplexen, differenzierten und gut organisierten Gesellschaft wären die notwendigen Voraussetzungen für diesen Wandel geschaffen worden. Aber auch das ist, wie gesagt, nur eine mögliche Erklärung unter vielen, und es bleibt abzuwarten, wohin die weitere Forschungsdiskussion führt, die ja nicht zuletzt durch die Grabungen in Südostanatolien gerade in den letzten Jahren gleichsam neuen Schwung erhalten hat.

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