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Martin Schenk

Sozialexperte der Diakonie u. Mitbegründer d. »Armutskonferenz«, Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Campus Wien, Aktuelle Publikation »Handbuch Armut in Österreich« im Studienverlag.

Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2015

Kindergesundheit und Armut Daten, Zusammenhänge, Ursachen

Dieser Beitrag möchte eine kurze Einführung zum Status von Kinderarmut und Gesundheit in Österreich geben. Dazu werden die vorhanden empirischen Statistiken zu Rate gezogen. Wo es keine Daten zu Österreich gibt, greifen wir auf die internationale For- schung zurück. Einen Schwerpunkt bildet die über- blicksmäßige Darstellung der Faktoren, die für die Unterschiede in der Gesundheit verantwortlich sind.

1. Kinderarmut: Je früher, je schutzloser, je länger

124.000 Kinder und Jugendliche in Österreich leben in manifester Armut. 30.000 Kinder und Jugendli- che sind auf Unterstützung der Jugendhilfe ange- wiesen. Mehr als 8000 Jugendliche brechen jedes Jahr vorzeitig die Schule ab. 78.000 junge Men- schen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren sind we- der beschäftigt noch in Ausbildung (NEET). Um die 60.000 Minderjährige verbringen ihre Tage unter Mindestsicherungsbedingungen.

Neben einem geringen Einkommen des Haushalts, in dem die Kinder leben, treten schwierigste Lebens- bedingungen auf, wie: die Wohnung nicht warm halten können, keine unerwarteten Ausgaben wie kaputte Waschmaschine oder Boiler tätigen können, gesundheitliche Probleme oder feuchte schimmlige Wände. Ihre Eltern sind zugewandert, erwerbslos, alleinerziehend, psychisch bzw. physisch beeinträch- tigt, oder haben Jobs, von denen sie nicht leben können.

Die Chance aus der Armut herauszukommen, steht in enger Wechselbeziehung zu gesellschaftlicher Ungleichheit insgesamt. Je sozial gespaltener eine Gesellschaft ist, desto mehr Dauerarmut existiert. Je mehr Dauerarmut existiert, desto stärker beeinträch- tigt sind die Zukunftschancen sozial benachteiligter Kinder. Je früher, je schutzloser und je länger Kinder der Armutssituation ausgesetzt sind, desto stärker die Auswirkungen.

Das Essensgeld ist noch immer nicht gezahlt. Sie kommen in der Früh hungrig in den Kindergarten. Im Winter stapfen sie mit Turnschuhen durch den Schnee. Das sind Kinder, die in knappen finanziellen

Verhältnissen aufwachsen. Der Schulanfang macht große Probleme, wenn Zirkel, Hefte, Stifte, Einbände und Werksachen gekauft werden müssen. Die Eltern versuchen zuerst einmal sich selbst einzuschränken, um den Kindern weiter ein normales Leben zu er- möglichen. Das geht auch einige Zeit gut, aber nicht auf Dauer. Für Familien unter der Armutsgrenze sind Wohnen, Energie und Ernährung die drei Haupt- posten im Haushaltsbudget, die zusammen bereits über zwei Drittel der Gesamtausgaben ausmachen. Bei Haushalten, die weniger als 900 Euro im Monat zur Verfügung haben, steigt der Anteil von Woh- nen und Energie auf 36%, Ernährung macht weitere 20% aus. Je weniger Einkommen, desto höher wird dieser Anteil. In Armutshaushalten werden beson- ders bei länger andauernden Einkommenseinbußen anteilige Ausgaben für Bildung, Kultur, Erholung zugunsten der Ausgaben für Ernährung und Woh- nung/Energie verringert. Am Ende des Geldes ist zu viel Monat übrig. Dann schlägt die angespannte finanzielle Situation in Armutshaushalten auch auf den Alltag der Kinder durch. Und auf ihre Zukunft.

In äußerst beengten Verhältnissen und überbelegten Wohnungen ist es für Kinder schwieriger, Aufgaben zu fokussieren. Aber es muss gehen. Die älteste Tochter von Frau Kellner, Petra, passt auch an vier Nachmittagen auf die kleineren Geschwister auf. Da ist die Mutter bei der Arbeit. Und wenn die Mutter nicht mehr kann, springt sie ein. »Im letzten Winter haben sie uns den Strom abgedreht«, erinnert sich Bettina Kellner. Es war bitter kalt in der Wohnung. »Die Kinder haben geweint.« Und wochenlang nicht gelernt. »Petra, jetzt 14, fühlt alles akut mit, sieht, dass wir mit den täglichen Aufgaben allein daste- hen. Nahe Verwandte in der Nähe gibt es nicht und meine Mutter ist selbst bettlägerig.« Das Mädchen ist mit der Schule und den Herausforderungen der Pubertät eigentlich überfordert, knickt immer wie- der ein, wird krank und von lähmender Müdigkeit befallen. Viele Jugendliche reagieren mit depres- siven Verstimmungen auf belastende und überfor- dernde Situationen.

Armut setzt sich stets ins Verhältnis, egal wo. Sie manifestiert sich in reichen Ländern anders als in

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Situationen. Armut setzt sich stets ins Verhältnis, egal wo. Sie manifestiert sich in reichen Ländern anders

Kindergesundheit und Armut (Martin Schenk)

Kalkutta. Menschen, die in Österreich von 700 EURO im Monat leben müssen, hilft es wenig, dass sie mit diesem Geld in Kalkutta gut auskommen könnten. Die Miete ist hier zu zahlen, die Heizkosten hier zu begleichen und die Kinder gehen hier zur Schule. Deshalb macht es Sinn, Lebensverhältnisse in den konkreten Kontext zu setzen. Armut ist weniger ein Eigenschafts- als ein Verhältniswort.

Armut ist das Leben, mit dem niemand tauschen will. Warum? Armutsbetroffene Kinder haben Eltern mit den schlechtesten Jobs, den geringsten Einkom- men, den krank machendsten Tätigkeiten, leben in den kleinsten und feuchtesten Wohnungen, wohnen in den schlechtesten Vierteln, gehen in die am ge- ringsten ausgestatteten Schulen, müssen fast überall länger warten – außer beim Tod, der ereilt sie um sieben Jahre früher als Angehöriger der höchsten Einkommensschicht.

2. Kindergesundheit

Steige ich im ärmsten 15. Wiener Gemeinde- bezirk in die U-Bahn und im noblen 1.Bezirk am Stephansplatz wieder aus, dann liegen dazwischen 4 Minuten Fahrzeit – aber auch 4 Jahre an Lebenser- wartung der jeweiligen Wohnbevölkerung. Sowohl die Mortalität und Morbidität als auch die sozialen

Abbildung 1: Lebenserwartung und Kinderarmut als U-Bahn Plan.

Aufstiegschancen für Kinder sind hier unterschied- lichst verteilt. Sag mir wo du wohnst und ich sag dir wann du stirbst. Eine ausführliche Studie liegt für London in Form der mit den jeweiligen Sterbezahlen umbenannten Underground-Stationen vor (Abb 1).

Bei Kindern von Erwerbslosen und Sozialhilfeemp- fängerInnen treten überproportional asthmatische Erscheinungen und Kopfschmerzen auf. Teilt man die Gesellschaft in drei soziale Schichten, finden sich bei Kindern in der unteren Schicht mehr Kopf- schmerzen, Nervosität, Schlafstörungen und Ein- samkeit (Klocke/Hurrelmann 1995). Wo Sicherheit fehlt, wird die kritische Phase des Einschlafens dop- pelt schwierig. Und der stressige Alltag unter finan- ziellem Dauerdruck erreicht auch die Kinder und zwingt sie, sich den Kopf zu »zerbrechen«.

Umgekehrt schätzen Schüler/innen mit höherem Fa- milienwohlstand ihren Gesundheitszustand besser ein und berichten häufiger über hohe Lebenszufrie- denheit (WHO 2012b).

Der Gesundheitsstatus einkommensarmer Kinder ist gekennzeichnet durch eine deutlich erhöhte Un- fallgefahr. Kinder aus einem sozial benachteiligten Elternhaus verunfallen bis zu 70% häufiger. Außer- dem häufen sich Komplikationen und die Krank- heitsdauer bei akuten und chronischen Erkran- kungen ist länger (Damm 2009).

akuten und chronischen Erkran- k u n g e n i s t l ä n
akuten und chronischen Erkran- k u n g e n i s t l ä n

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Weiters gibt es einen sozialen Gradienten der Kör- pergröße. Je höher die soziale Position einer Gruppe ist, desto größer ist ihre durchschnittliche Körper- größe. Bei einer Stichprobe in der Steiermark konn- te der Gesundheitswissenschafter Willibald-Julius Stronegger (1996) dieses Größengefälle mit abneh- mender Bildung bestätigen.

Die sozialen und gesundheitlichen Ungleichheiten, die in der Kindheit auftreten, haben eine hohe Pro- gnosewirkung für die Morbidität im Erwachsenenal- ter. Diese Kinder tragen die soziale Benachteiligung als gesundheitliche Benachteiligung ein Leben lang mit. Sie sind auch als Erwachsene deutlich kränker als der Rest der Bevölkerung. Arme Kinder von heu- te sind die chronisch Kranken von morgen.

So werden Kinder in die Schule geschickt, auch wenn sie krank sind. AlleinerzieherInnen fürch- ten Arbeitsplatzverlust bei häufigem Fehlen bzw. wiederholten Bitten um Pflegeurlaub. »Obwohl rezeptgebührenbefreite Arbeiter deutlich höhere Arztbesuchshäufigkeiten aufwiesen als ihre rezept- pflichtigen Kollegen, sind sowohl die durchschnitt- liche Krankenstandsdauer als auch die Anzahl der Krankenstände fast identisch. Die Angst vor dem

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Verlust des Arbeitsplatzes scheint also höher zu sein als die Angst um die Gesundheit« (Habl 2009, 180). Familien aus dem unteren Einkommenssegment ge- hen erst bei extremer Not zum Arzt. Dieser muss die Krankheit möglichst rasch beseitigen, damit der Körper wieder funktioniert. Der Körper wird zur Ar- beitsmaschine zur Bewältigung des stressbelasteten und prekären Alltags.

Die gleiche Schmerzintensität – bei gleichen betrof- fenen Körperteilen – wurde von Personen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status als zwei- bis dreimal beeinträchtigender empfunden als von Per- sonen mit dem höchsten (Dorner et.al. 2011). Diese Erkenntnisse sind im Verständnis und in der Behand- lung von Kindern, die in Armut leben, mehr als re- levant.

Betrachtet man nicht nur die Armut, also die Kin- der im untersten Segment, sondern die gesamte Gesellschaft, dann zeigt sich bei steigender sozialer Ungleichheit eine Verschlechterung der gesundheit- lichen Lebensbedingungen. Die Lebenserwartung sinkt, Kindersterblichkeit steigt, Teenager Birth Rate nimmt zu und die Aufstiegschancen für Kinder sinken (Abb 2).

Abbildung 2: Soziale Ungleichheit wirkt sich negativ auf gesundheitliche und soziale Entwicklung von Kindern aus.

auf gesundheitliche und soziale Entwicklung von Kindern aus. Quelle: Wilkinson/Pickett 2010; der Index inkludiert:

Quelle: Wilkinson/Pickett 2010; der Index inkludiert: Lebenser- wartung, Analphabetismus & mathematische Fähigkeiten, Kindersterblichkeit, Mordra- ten, Anzahl an Häftlingen, Schwangerschaften von Ju- gendlichen, Vertrauen, Fett- leibigkeit, Ausmaß an psy- chischen Erkrankungen (inkl. Drogen- und Alkoholmiss- brauch) & soziale Mobilität.

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leibigkeit, Ausmaß an psy- chischen Erkrankungen (inkl. Drogen- und Alkoholmiss- brauch) & soziale Mobilität. 45

Kindergesundheit und Armut (Martin Schenk)

Die Bevölkerung unter der Armutsgrenze weist ei- nen dreimal schlechteren Gesundheitszustand auf als hohe Einkommen. Und ist doppelt so oft krank wie mittlere Einkommen (Statistik Austria 2014). Die 385.000 Personen in Österreich, die als arm und mehrfach ausgegrenzt bezeichnet werden kön- nen, sind von einem sehr schlechten allgemeinen

Abbildung 3: Veränderung der Lebensbedingungen von Mehrfach Ausgrenzungsgefährdeten zwischen 2008 u. 2013

Gesundheitszustand, chronischer Krankheit und starken Einschränkung bei Alltagstätigkeiten betrof- fen – dreimal so stark wie der Rest der Bevölkerung (Abb 3).

Laut GÖG-eigenen Auswertungen aus dem ATHIS 2006/2007 gibt es einen starken Zusammenhang zwischen dem Bildungsstand und dem Auftreten chronischer Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabe- tes oder Arthrosen und Rheuma bzw. von akuten

und dem Auftreten chronischer Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabe- tes oder Arthrosen und Rheuma bzw. von akuten
und dem Auftreten chronischer Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabe- tes oder Arthrosen und Rheuma bzw. von akuten

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Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2015

Ereignissen wie Herzinfarkt. Je niedriger der Bil- dungsstand, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit an einer der genannten Krankheitsbilder zu leiden.

Auffallend stark treten die psychosozialen Auswir- kungen hervor. Armut kränkt die Seele. Menschen mit geringem sozioökonomischem Status weisen signifikant mehr Krankenhausaufenthalte aufgrund affektiver Störungen wie Depression auf. Bei ar- beitslosen Personen beträgt die Wahrscheinlichkeit noch ein Vielfaches. Ähnliche Unterschiede lassen sich auch für Belastungsstörungen beobachten.

Weltweit ist Suizid die zweithäufigste Todesursa- che bei Jugendlichen. Als Einflussfaktoren gelten u.a. Geschlecht, niedriger sozioökonomischer Status und geringeres Bildungsniveau (Hawton et.al. 2012). Heißt: Burschen in Haushalten mit geringerem so- zialen Status sind am meisten gefährdet. Mit der Finanzkrise steigt die Suizidrate wieder europaweit, besonders die von den sozialen Folgen von Krise und Austeritätspolitik betroffenen Länder verzeich- nen einen Anstieg (Abb 4).

Abbildung 4: Trends in Suizid-Raten, ausgewählte europä- ische Länder, 1995-2010

Abbildung 4: Trends in Suizid-Raten, ausgewählte europä- ische Länder, 1995-2010 OECD (2012): Health at a Glance

OECD (2012): Health at a Glance.

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Abbildung 4: Trends in Suizid-Raten, ausgewählte europä- ische Länder, 1995-2010 OECD (2012): Health at a Glance

Kindergesundheit und Armut (Martin Schenk)

Die Ergebnisse zum Einfluss von Armut und sozialem Status auf die Gesundheit in Österreich entsprechen den Forschungsergebnissen, die international vorlie- gen (vgl. Mackenbach & Bakker, 2002; Van Lenthe, Schrijvers & Mackenbach, 2004; Orpama & Lemyre, 2004; Marmot, 2005; Mielck, 2005; Siegrist & Mar- mot, 2008;). Das Bild ist überall das gleiche: Mit sin- kendem sozialem Status steigen die Krankheiten an, die untersten sozialen Schichten weisen die schwers- ten Krankheiten auf und sind gleichzeitig mit der geringsten Lebenserwartung ausgestattet. Es lässt sich eine soziale Stufenleiter nachweisen, ein sozialer Gradient, der mit jeder vorrückenden Einkommens- stufe die Gesundheit und das Sterbedatum anhebt.

3. Ursachen und Faktoren

Die im so genannten »Black-Report« zu Beginn der 80er Jahre in Großbritannien publizierten Erklä- rungsansätze für gesundheitliche Ungleichheiten sind bis heute Ausgangpunkt von empirischen wie theoretischen Überlegungen (vgl. Townsend & Davidson, 1982).

Die soziale Selektionshypothese argumentiert, dass Krankheit und schlechte Gesundheit zu sozi- alen Problemen führen. Krankheit macht arm. Wer krank ist, steigt ab, wer gesund ist, steigt auf. Der Gesundheitszustand bestimmt den sozioökono- mischen Status. »Armut macht krank« beschreibt den Zusammenhang in die andere Richtung. Über das Einkommen, den Beruf und Bildungsabschlüsse vermitteln sich unterschiedliche Lebensbedingun- gen mit unterschiedlichen Wohnverhältnissen, Ar- beitsplätzen und Erholungsräumen. Die Alltagsbela- stungen sind ungleich verteilt und führen dort, wo sie überproportional auftreten, zu höheren gesund- heitlichen Risken. Belastungen können physisch wie auch psychisch verstanden werden. Schlechte Luft für Ärmere in Wohnungen an den Autorouten der Großstädte belastet den Organismus, genauso wie chronischer Stress unter einem prekären und unsi- cheren Alltag.

Die bisher genannten Erklärungsansätze schlie- ßen einander nicht aus, im Gegenteil: sie setzen an

schlie- ßen einander nicht aus, im Gegenteil: sie setzen an 48 verschiedenen Seiten und Enden der

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verschiedenen Seiten und Enden der Wirkmechanis- men sozialer und gesundheitlicher Ungleichheiten an. Wie verwoben Belastungen, Ressourcen und Gesundheitsverhalten sind, zeigt Abbildung 5. Sie weist auch auf den dominanten Weg von den Un- terschieden in Wissen, Macht, Geld und Prestige zu den Unterschieden in Morbidität und Mortalität. Was führt nun zum höheren Krankheits- und Ster- berisiko Ärmerer? Es sind die (1) Unterschiede in den gesundheitlichen Belastungen, in den (2) Bewälti- gungsressourcen und Erholungsmöglichkeiten, in der (3) gesundheitlichen Versorgung und die Unter- schiede im (4) Gesundheits- und Krankheitshandeln. Das eine bedingt das andere. Stress durch finanzi- ellen Druck und schlechte Wohnverhältnisse geht Hand in Hand mit einem geschwächten Krisenma- nagement, und hängt unmittelbar mit mangelnder Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten und einem ungesunden Lebensstil zusammen.

3.1. Gesundheitliche Belastungen

Für Kinder sind die Umweltbelastungen nicht gleich verteilt. Einkommensschwächere leben an den Hauptstraßen des motorisierten Verkehrs mit mehr Lärm und mehr Schadstoffbelastung. Armutsbetrof- fene leben überproportional an den Ausfallsrouten des Schwerverkehrs. Was auf Dauer messbare Un- terschiede in der gesundheitlichen Verfassung der betroffenen Bewohner bewirkt. Feuchtigkeit und Schimmel gehören bei immerhin einem Zehntel der Bevölkerung in Österreich zum Wohnungsalltag und genauso viele klagen über Luftverschmutzung in ih- rer Wohnumgebung. Wer Geld hat, zieht weg.

Kürzlich in der Beratungsstelle: eine junge Frau mit zwei Kindern, deren prekäres Einkommen so gering ist, dass sie entscheiden muss: zahle ich die Kran- kenversicherung oder die Miete oder die Hefte zum Schulanfang für die Kinder? Die Gründe für das hohe Erkrankungsrisiko Ärmerer sind also vielschich- tig: Leben am Limit macht Stress. Leben am Limit schwächt die Abwehrkräfte und das Immunsystem. Leben am Limit macht verletzlich. Finanzielle Not, Arbeitslosigkeit oder schlechte Wohnverhältnisse machen krank.

3.2 Bewältigungsressourcen

Die Verschärfung sozialer Unterschiede hat kon- krete lebensweltliche Auswirkungen. Kein Geld zu haben, macht ja nicht krank. Sondern die Alltagssi- tuationen, die mit dem sozialen Status und mit allen damit einhergehenden Prozessen verbunden sind. Die Bedrohung des eigenen Ansehens, Demütigung, Stigmatisierung, die Verweigerung von Anerken- nung, soziale Disqualifikation.

Abbildung 5 : Zusammenhänge zwischen sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit (Rosenbrock 2006)

Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2015

Für Kinder und ihr gesundes Aufwachsen bedeutet das: Lerne ich den Geschmack vom zukünftigen Le- ben als Konkurrenz, Misstrauen, Verlassensein, Ge- walt? Oder habe ich die Erfahrung qualitätsvoller Beziehungen, Vertrauen und Empathie gemacht? Werde ich schlecht gemacht und beschämt oder ge- schätzt und erfahre Anerkennung? Ist mein Leben von großer Unsicherheit, Angst und Stress geprägt, oder von Vertrauen und Planbarkeit? Je unglei- cher Gesellschaften sind, desto defizitärer sind die

Soziale Ungleichheit (Unterschiede in Wissen, Geld, Macht und Prestige) Unterschiedliche Unterschiedliche
Soziale Ungleichheit
(Unterschiede in Wissen, Geld, Macht und Prestige)
Unterschiedliche
Unterschiedliche
gesundheitliche
gesundheitliche
Beanspruchungen
Versorgung
Bilanz aus
gesundheitliche
gesundheitliche
Belastungen
Ressourcen
(biologische,
chemische und
physikalische Belastungen,
Distress, soziale
Exklusion, etc.)
(Selbstbewusstein,
Bildung, Einkommen,
Transparenz, Partizipations-
und Handlungs-
spielräume, soziale
Netzwerke, Erholung, etc.)
(Qualität und Gesundheits-
förderlichkeit von Prävention,
Kuration, Pflege,
Rehabilitation)
Unterschiedliche gesundheitsrelevante Lebensstile
(Gesundheitsrelevantes Verhalten, Bewältigungsstratgien bei Krise und Krankheit,
Inanspruchnahme von Gesundheitsversorgung, etc.)
Gesundheitliche Ungleichheit
(Unterschiede in Morbidität und Mortalität)

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von Gesundheitsversorgung, etc.) Gesundheitliche Ungleichheit (Unterschiede in Morbidität und Mortalität) 49

Kindergesundheit und Armut (Martin Schenk)

psychosozialen Ressourcen. Es gibt weniger Inklusi- on, das heißt häufiger das Gefühl ausgeschlossen zu sein. Es gibt weniger Partizipation, also häufiger das Gefühl, nicht eingreifen zu können. Es gibt weniger Reziprozität, also häufiger das Gefühl, sich nicht auf Gegenseitigkeit verlassen zu können.

Es sind nicht nur die Belastungen ungleich verteilt, sondern auch die Ressourcen sie zu bewältigen (Schenk/Moser 2010; Schenk 2004).

In den aktuellen Auswertungen der Statistik Aus- tria (2014) wird die Abhängigkeit von Indikatoren des Wohlbefindens vom sozialen Status ersichtlich (Abb 6).

Abbildung 6: Psychisches Wohlbefinden nach Einkommensgruppen

3.3. Gesundheitliche Versorgung

Der Versicherungsschutz ist in Österreich sehr gut im Vergleich z.B. zur USA, aber es gibt auch hier neue Probleme. Für viele ist der mangelnde Krankenversi- cherungsschutz kurzzeitlich, für manche dauerhaft. Es ist ein Mix aus strukturellen Lücken, sozialen Be- nachteiligungen, fehlenden persönlichen Ressourcen und mangelnder Information. Davon betroffen sind Menschen in prekärer Beschäftigung, Personen in schweren psychischen Krisen, Arbeitssuchende ohne Leistungsanspruch, vormals mit ihrem Ehemann mit- versicherte Frauen nach der Scheidung, Hilfesuchen- de, die ihren Mindestsicherungsanspruch aus Scham nicht einlösen. Alle haben sie auch Kinder.

Versichert aber nicht gut versorgt: Menschen, die unter der Armutsgrenze leben können krankenver- sichert und trotzdem nicht gut versorgt sein. Beson- ders wenn es um Selbstbehalte geht, die nicht leist- bar sind. Oder Rehabilitations-Maßnahmen, die in zu geringem Umfang angeboten werden.

geht, die nicht leist- bar sind. Oder Rehabilitations-Maßnahmen, die in zu geringem Umfang angeboten werden. 50
geht, die nicht leist- bar sind. Oder Rehabilitations-Maßnahmen, die in zu geringem Umfang angeboten werden. 50

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Einkommensschwächere Personen suchen nicht nur um 20 Prozent seltener Fachärzte auf als vergleich- bare rezeptpflichtige Personen, sondern erhalten auch durchschnittlich billigere Arzneimittel verord- net.

Eine weitere wichtige Barriere ist immer noch die schlechte räumliche Erreichbarkeit von Gesundheits- einrichtungen. Nach wie vor lässt sich zeigen, »dass sozial benachteiligte Personen, insbesondere aus ländlichen Regionen größere Probleme mit der Er- reichbarkeit haben: So gaben rund 41 Prozent der EinwohnerInnen aus Orten unter 5.000 an, dass die Erreichbarkeit medizinischer Versorgung eher schlecht ist.« (Habl 2009, 180).

Die aktuellen Erhebungen der Statistik Austria (2014) zeigen die Unterschiede dringend benötigter Behandlungen nach Einkommen und Bildung. Je ge- ringer das Einkommen und der Bildungsabschluss desto geringer die Inanspruchnahme. Zwischen 2008 und 2013 haben sich diese Unterschiede noch verstärkt (Abb 7).

Abbildung 7: Nicht-Inanspruchnahme dringend benötigter medizinischer Leistungen nach Einkommen und Bildung

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Conclusio

Für die Verbesserung der Kindergesundheit: Wenn wir davon ausgehen, dass nicht nur Krankheit in die Armut führen kann, sondern auch Armut in die Krankheit – wofür es eine lange Reihe empirischer Evidenz gibt - dann muss es sich für die Gesund- heitsförderung lohnen, die sozialen Felder in den Blick zu bekommen, in denen prekäre Lebensla- gen und Prozesse sozialer Disqualifikation zu finden sind. Die Unterschiede in den gesundheitlichen Be- lastungen (Schimmlige Wohnung, belastende Ar- beit, Prekarität, Luft- und Lärmbelastung, Stress) wie auch die Unterschiede in den Bewältigungsres- sourcen (Handlungsspielräume, Anerkennung, so- ziale Netzwerke, Bildung) wiegen schwerer als die Unterschiede in der gesundheitlichen Versorgung (Krankenversicherung, Selbstbehalte, Wartezeiten, Fachärzte) – und sind mit den Unterschieden im Ge- sundheits/Krankheitsverhalten (Ernährung, Bewe- gung) tief verwoben. Gesundheitsförderung ohne soziales Feld ist genauso blind wie sozialer Ausgleich ohne den Blick auf das Handeln von Personen. Ge- sundheitsförderndes Verhalten ist am besten in ge- sundheitsfördernden Verhältnissen erreichbar.

von Personen. Ge- sundheitsförderndes Verhalten ist am besten in ge- sundheitsfördernden Verhältnissen erreichbar. 51

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von Personen. Ge- sundheitsförderndes Verhalten ist am besten in ge- sundheitsfördernden Verhältnissen erreichbar. 51

Kindergesundheit und Armut (Martin Schenk)

Wenn aber Vorschläge zur Gesundheitsförderung kommen, dann immer einzig beim Lebensstil. Da sollte man eine Regel einführen: Für jeden Vor- schlag, den jemand beim Verhalten macht , muss er einen zur Reduzierung schlechter Wohnungen und krankmachender Arbeit machen, einen zum Abbau von Barrieren im Gesundheitssystem und einen zur Stärkung der persönlichen Ressourcen.

Für die Bekämpfung von Kinderarmut: Kinder, die in Armutsverhältnissen leben, haben arme Eltern. Jede Strategie gegen Kinderarmut muss deshalb auch eine Strategie für ein existenzsicherndes Einkommen der Eltern sein. Kinder, die in Armutsverhältnissen aufwachsen, sind geschwächt. Jede Strategie ge- gen Kinderarmut muss deshalb auch Kinder stärken und in ihre Ressourcen investieren. Kinder, die in Armutsverhältnissen aufwachsen, haben ein hohes Risiko als Erwachsener wieder arm zu werden. Jede Strategie gegen Kinderarmut muss deshalb diesen Kreislauf durchbrechen; z. B. Bildungs- wie Lebens- bedingungen zur Verfügung stellen, die integrieren, nicht selektieren. Damit es für sozial benachteiligte Kinder Zukunft gibt – trotz Herkunft.

benachteiligte Kinder Zukunft gibt – trotz Herkunft. 52 Quellen: ATHIS (2006/2007): BMGFJ/Statistik Austria,

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Quellen:

ATHIS (2006/2007): BMGFJ/Statistik Austria, Österreichische Gesundheitsbefragung 2006/2007

Damm, Lilly: Kinder, die stillen Verlierer? Soziale Benachteiligung und Gesundheitsleistungen bei- Kindern und Jugendlichen, Kurzfassung des Beitrags auf der Fair Health Tagung 2.März 2009

Dorner et.al. (2011): The impact of socio-economic status on pain and the perception of disability due to pain; in: EUROPEAN JOURNAL OF PAIN, Nr. 15, S. 103 ff.

Habl, Claudia et al (2014): Armut und Gesundheit. In: Dimmel, N. / Schenk, M. / Stelzer-Orthofer (Hrg.):

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Habl, Claudia (2009): Gesundheit und soziale Un- gleichheit. In: Dimmel, Nikolaus / Heitzmann, Karin / Schenk, Martin (Hrg.): Handbuch Armut in Österreich. Innsbruck. S. 172 – 183.

Hawton, K. /Saunders K. /O’Connor, R. (2012): Self- harm and suicide in adolescents, Lancet, 379, S. 2373 ff; URL: http://press.thelancet.com/suicide1. pdf, dl. zuletzt am 25.11.12.

Klocke, A. & Hurrelmann, K. (1995): Armut und Gesundheit. Inwieweit sind Kinder und Jugendliche betroffen? Zeitschrift für Gesundheitswissenschaf- ten, 2.Beiheft, 138-151.

Rosenbrock, R. (2006): Primärprävention als Beitrag zur Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen. In M. Richter & K. Hurrelmann (Hrsg.), Gesundheitliche Ungleichheit. Grundlagen, Probleme, Perspektiven (S. 371-388). Wiesbaden:

Verlag für Sozialwissenschaften.

Schenk, M. / Moser, M. (2010): Es reicht. Für alle. Wege aus der Armut.

Schenk, M. (2004): Armut kann Ihre Gesundheit gefährden. Abbau von Ungleichheit – eine neue

Herausforderung der Gesundheitspolitik. In O. Meg- geneder (Hrsg.), Reformbedarf und Reformwirklich- keit des österreichischen Gesundheitswesens (S. 95- 105). Frankfurt a.M.: Mabuse.

Statistik Austria (2014): EU SILC 2013

Stronegger, W. (1996): Soziale Lage und Gesund- heit. Von den Beziehungen zwischen Armut und Krankheit, Psychologie in der Medizin, 7.Jahrgang, Nummer 2, 28-34.

Townsend, P. & Davidson, N. (Eds.).(1982): Inequali- ties in health. The Black Report and the health divi- de. Harmondsworth: Penguin Books.

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Wilkinson, R. / Pickett, K (2009): The Spirit Level. Why More Equal Societies Almost Always Do Better.

Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2015

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More Equal Societies Almost Always Do Better. Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich

Armutsbegriff und Chancengleichheit (E. Kapferer, C. Sedmak)

Mag.a Elisabeth Kapferer

wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Ethik und Armuts- forschung der Univ. Salzburg.

Prof. DDDr. Clemens Sedmak

Professor für Sozialethik am King‘s College London (F. D. Maurice Chair) und Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung der Univ. Salzburg sowie Präsident des internationalen Forschungszen- trums für soziale und ethische Fragen (ifz).

Armutsbegriff und Chancengleichheit für Kinder in der Gesellschaft

Manchmal werden diese Briefe auch geschrieben, mitunter kommen diese Briefe auch an, nicht sel- ten wird auf diese Briefe hin auch etwas unternom- men, Briefe, in denen steht: »Meiner Mama geht es schlecht, weil wir haben so Angst vor meinem Va- ter, wir haben kein Geld mehr, auch nicht für unse- re Katzen. Mama ist so traurig, ich will bei meiner Mama sein und glücklich, ich brauch auch sonst gar nichts mehr zu Weihnachten oder zum Geburtstag «

Kinder, die in Armut aufwachsen, »haben« nicht nur wenig, vielfach wird ihnen vermittelt, sie »seien« auch wenig, weil sie wenig »tun« können. Kinder sind verwundbare Handelnde, deren Leben auf eine möglichst frei entscheidbare Zukunft hin offen ist. »Verwundbarkeit« bedeutet anfällig zu sein für Wid- rigkeiten und gleichzeitig angewiesen zu sein auf Andere; eine »offene Zukunft« meint die Freiheit, aus Entwürfen auswählen und etwas aufbauen zu können. Kinderarmut erhöht die Verwundbarkeit und vermindert die Offenheit der Zukunft. Eine ein- geschränkte Kindheit kann sich auf Selbstwertge- fühl, den Sinn für die eigenen Fähigkeiten, die so- ziale Kontaktleichtigkeit auswirken. Kinderarmut ist vielfach Basis für soziale Ausgrenzung im Erwachse- nenalter.

Armut in wohlhabenden Gesellschaften ist zumeist weniger eine Frage des physischen Überlebens (wie etwa in Ländern des globalen Südens), sondern ist häufig als »relativ« zu erfassen. Das heißt, Armut in Ländern wie Österreich ist in Bezug auf die Gesell- schaft zu sehen, in der das Phänomen Armut veror- tet ist, auf die Möglichkeiten guten Lebens, die den Mitgliedern dieser Gesellschaft üblicherweise offen stehen, und auf die Güter und anderen Ressourcen, über die Menschen in dieser Gesellschaft üblicher- weise verfügen bzw. für ein solches gutes Leben be- nötigen. Auch für das nicht identische aber nah ver- wandte Phänomen der sozialen Ausgrenzung trifft dies zu. Armut und Ausgrenzung haben materielle und immaterielle Dimensionen und haben entspre- chend auch Auswirkungen, die sich materiell sowie immateriell zeigen und oftmals mit- und ineinander verwoben sind: wenn sich fehlende finanzielle Mit- tel in fehlende oder eingeschränkte Chancen der

Mit- tel in fehlende oder eingeschränkte Chancen der 54 persönlichen (Weiter-)Entwicklung übersetzen, oder wenn

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persönlichen (Weiter-)Entwicklung übersetzen, oder wenn die von Haus aus begrenzten Möglichkeiten und Spielräume sich in Biographien fortsetzen, de- nen wiederum engere sozioökonomische Grenzen gesetzt sind als jenen anderer Personen. Was damit gemeint ist, wird vor allem dort deutlich, wo Kin- der und Jugendliche betroffen sind. Dieser Beitrag möchte ausgehend von einleitenden Bemerkungen zur finanziellen und materiellen Deprivation und Ausgrenzung von Kindern und Jugendlichen auf Ba- sis statistischen Datenmaterials eine Perspektive auf nicht-materielle Folgewirkungen von Armuts- und Ausgrenzungserfahrungen junger Menschen insbe- sondere hinsichtlich Fragen möglicher Chancenge- rechtigkeit öffnen.

Die in Österreich wohl bekanntesten Veröffentli- chungen zu Armut und sozialer Ausgrenzung sind die jährlich erhobenen und veröffentlichten Daten der Statistik Austria (zuletzt im Oktober 2014 die Studie EU-SILC 2013). Darin wird Armut oder Ar- mutsgefährdung anhand von drei Bereichen erho- ben, die jeweils einzeln oder in Kombination auf- treten können – erstens als Einkommensarmut: ein Haushalt erreicht nur weniger als 60% des natio- nalen Medianeinkommens (so die statistisch gesetz- te, derzeit in Österreich etablierte Armutsgefähr- dungsschwelle); zweitens als materielle Deprivation:

die Personen eines Haushaltes sind von mehreren Benachteiligungen betroffen, über deren Bedeutung für einen Mindestlebensstandard europaweit Kon- sens besteht (dies betrifft zum Beispiel die Wohn- situation, Fragen der Gesundheitsversorgung und Ernährung oder ein Minimum an sozialer Teilhabe und Kontaktpflege); und drittens als Mangel an Er- werbstätigkeit: die im erwerbsfähigen Alter stehen- den Personen eines Haushalts erreichen weniger als 20% an sogenannter Erwerbsintensität, veranschau- licht für einen 1-Personen-Haushalt bedeutet dies eine Erwerbstätigkeit von weniger als 7 Wochen- stunden über ein Jahr. Die Statistik berücksichtigt die Altersverteilung der Bevölkerung, und so lässt sich zur Situation von Kindern und Jugendlichen in armutsgefährdeten oder armutsbetroffenen Haus- halten etwa erkennen, dass Benachteiligungen von Kindern und Jugendlichen auch in Österreich keine

Seltenheit sind. Studien wie von der Österreichi- schen Volkshilfe und, wie bereits erwähnt, der Sta- tistik Austria legen dar, dass der Anteil junger Men- schen in diesen Haushalten hoch ist und sie von den oben beschriebenen Mängeln in besonderem Maße betroffen sind. Am Beispiel Einkommensarmut zeigt sich etwa, dass gesamt betrachtet ca. 14% der Be- völkerung (1,2 Millionen Menschen) in privaten Haushalten 1 mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle leben, bei den Unter- 20-Jährigen aber sind es 18%, das sind 313.000 Kinder und Jugendliche, mehr als ein Viertel der ins- gesamt Betroffenen.

Die Statistiken werden häufig so interpretiert, dass Kinder ein Armutsrisiko sind, sprechen doch die Ver- gleichszahlen zu Haushalten ohne Kinder und sol- chen mit Kindern eine deutliche Sprache, mehr noch dann, wenn es um Ein-Eltern-Haushalte geht. Aber die Zahlen lassen sich auch anders lesen. Sie erzäh- len von Lebenssituationen von Kindern und Jugend- lichen in armutsgefährdeten oder von Armut und Ausgrenzung betroffenen Familien, von bestimm- ten Erfahrungen, die nicht über das bloße Erfassen materieller Defizite allein zu beschreiben und zu be- messen sind. Welche Fragen lassen sich etwa stellen angesichts der Tatsache, dass ein Siebtel der Kinder und Jugendlichen bis 17 Jahre in Haushalten leben, deren Haupteinnahmequellen in Sozialleistungen liegen? Sozialhilfeempfänger zählen landläufig ja nicht zu den Personengruppen mit hoher Reputa- tion. Welchen mehr oder weniger offensichtlichen gesundheitlichen Gefahren sind jene 288.000 junge Menschen unter 20 ausgesetzt, die in Wohnungen leben, in denen Feuchtigkeit und Schimmel zu fin- den sind, oder jene 287.000, die in einem lärmbe- lasteten Wohnumfeld leben müssen? Welche Risiken für das persönliche wie schulische Gedeihen können darin liegen, wenn Überbelag gegeben ist, wenn zu- hause also kaum Möglichkeiten der Ruhe und des

1 Es ist zu berücksichtigen, dass Statistiken wie EU-SILC 2013 die Lebenssituation auf der Ebene von Haushalten erfassen. Kinder und Jugendliche, die in Institutionen (in Heimen zum Beispiel oder in Strafanstalten) leben, sind darin wie auch erwachsene institutionell untergebrachte Menschen nicht berücksichtigt.

Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2015

Rückzugs vorhanden sind, wie es etwa 209.000 Kin- der und Jugendliche erleben? Ein Drittel der jungen Menschen bis 17 Jahre (in Zahlen 463.000 Kinder und Jugendliche) lebt in Haushalten, in denen un- erwartete Ausgaben nicht bewältigt werden kön- nen; welchen Einfluss hat es, wenn der Gedanke an morgen immer wieder auch mit einer begründeten Sorge vor unabsehbaren, möglicherweise existenz- gefährdenden Ereignissen verbunden ist?

Solche Fragen können sich aus den Statistiken ziehen lassen und dabei gleichzeitig über diese hinaus weisen. Sie können auf wichtige immaterielle Ressourcen hindeuten, die für ein gutes Leben und die Ausbildung eines robusten Selbst – man könnte in diesem Sinne auch sagen: für ein in einem umfas- senden Sinne gesundes Leben – von Relevanz sind, und deren Ausbildung und deren Erwerb im Leben von Kindern und Jugendlichen, die von Armut und Ausgrenzung betroffen sind, erschwert werden. Ar- mut bedeutet neben einem Mangel an finanziellen Mitteln und materiellen Gütern auch einen Mangel an Gelegenheiten, Spielräumen und Zugängen zu wichtigen gesellschaftlichen Kontexten; was fehlt, ist der »Zugang zu Informationen, Internet, Büchern, Wissen, Zeit und Platz für Kinder, damit sie sich aus- toben und entfalten können«, wie die deutsche Au- torin Undine Zimmer es beschreibt (U. Zimmer, 115). Armut führt dazu, dass bestimmte Möglichkeiten nicht offen stehen und dass Identitätsressourcen nicht zur Verfügung stehen oder verloren gehen. Wenn Alltag immer wieder auch mit Erfahrungen von Demütigung und Beschämung einhergeht, wenn die eigene Handlungsmacht wiederholt an Grenzen stößt und ausgehebelt wird, wenn der Wunsch nach Zugehörigkeit mit Ausgrenzungser- lebnissen beantwortet wird, wenn der Gedanke an die eigene Zukunft eher mit Ängsten als mit Neugier und Erwartung verbunden ist, dann sehen wir hier nur einige mögliche Eintrittsstellen für Verwundbar- keit und Beschädigung einer robusten Identität. Be- schädigt wird hier etwa der »Glaube an Bildungs- und Aufstiegschancen, an langfristige Investitionen und an sich selbst.« (U. Zimmer, 115).

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der »Glaube an Bildungs- und Aufstiegschancen, an langfristige Investitionen und an sich selbst.« (U. Zimmer, 115).

Armutsbegriff und Chancengleichheit (E. Kapferer, C. Sedmak)

Wohl gehen nicht alle Menschen gleich gut oder schlecht aus widrigen Umständen hervor und kön- nen diese bewältigen – Stichwort Resilienz; auch in armutsgefährdeten oder -betroffenen Familien kön- nen Kinder in Wohlergehen aufwachsen. Dennoch darf behauptet werden: was schon für erwachsene Menschen, die in Armuts- und Ausgrenzungssitua- tionen leben müssen, zu massiven Problemen füh- ren kann, bedeutet für Kinder und Jugendliche eine umso größere Gefährdung und eine Beraubung an Chancen. Aus den oben skizzierten Problemlagen, von denen junge Menschen in armutsgefährdeten Familien betroffen sein können, lassen sich bekann- te Muster an Folgewirkungen ableiten: zum Bei- spiel gesundheitliche Schwächung und (chronische) Erkrankungen als Folge von Schimmelbefall in der Wohnung; erschwerter schulischer Erfolg aufgrund lern-ungünstiger Wohnverhältnisse, oft auch ver- bunden mit Benachteiligungen in Bildungschan- cen und -zugängen ‚von außen’; Schwächung der Selbstachtung und des Selbstwerts durch beschä- mende, stigmatisierende Erfahrungen. Wenn Be- nachteiligungen sich auf diese Weise manifestieren und greifbar werden, geht es nicht allein um die Ge- genwart, in der jungen Menschen leben, sondern auch um Türen in die Zukunft, die sich öffnen oder verschlossen bleiben können. Es geht auch hier um Benachteiligungen, die häufig ineinandergreifen und sich gegenseitig verstärken können. Hier zeigt sich, dass es sich bei von Armut und Ausgrenzung betrof- fenen Kindern und Jugendlichen um eine Gruppe von besonderer Verwundbarkeit handelt und nicht einfach um Kinder, die eben mit etwas weniger aus- kommen und mir dem zur Verfügung Stehenden eben noch besser umzugehen lernen müssen.

Die ungleiche und ungerechte Chancenverteilung, die aus Armut in diesen Lebensphasen entstehen kann, stellt nicht nur eine vielleicht temporäre und vielleicht überwindbare Benachteiligung dar, son- dern kann Lebenswege prägen. Armut und soziale Ausgrenzung im Kindesalter und in der Jugend be- deutet somit eine besondere, tiefgreifende und fol- genreiche Art von ungerechter Chancenverteilung:

sie wirkt in doppelter Weise, indem sie ihre Spu- ren in der kindlichen Gegenwart hinterlässt und in

Spu- ren in der kindlichen Gegenwart hinterlässt und in 56 entscheidender Weise auch Weichenstellungen für die

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entscheidender Weise auch Weichenstellungen für die Zukunft junger Menschen bedeuten kann.

Wege aus der Kinderarmut haben mit vielen As- pekten zu tun, hier seien einmal »Begleitung« und »Gelegenheiten« genannt. Kinder brauchen Beglei- tung, ein soziales Netz von Begleiterinnen und Be- gleitern, über die Familie hinaus. Georg Sporschill, der sich seit vielen Jahren gegen Kinderarmut enga- giert, betont die Bedeutung einer Infrastruktur (ein Haus mit Betätigungsmöglichkeiten) und die Bedeu- tung von »Mitverantwortung« in der Begleitung. Durch die Begleitung kann das Sozialkapital stabil erweitert werden. Stabil heißt, langfristige Kontakte anzubieten. Formen des Mentoring sind hier sehr zu empfehlen. Im Jahr 2014 haben Mary Bruce und John Bridgeland für Washington D.C. und den ge- samtamerikanischen Raum eine Evaluationsstudie dazu gemacht, welche Auswirkungen es hat, wenn man Jugendliche in »Mentoring«-Projekte bringt. Sie nennen zwei Schlüsseleffekte: Nachweislich set- zen sich Jugendliche durch »Mentoring«-Konstella- tionen höhere Bildungsziele; sie engagieren sich in produktiveren Aktivitäten. So kann die »Offenheit der Zukunft« durch ein erweitertes soziales Netz ge- stärkt werden. In diesem Sinne sollte jedes Kind ein »Begleitungsnetz« haben, ein »Sozialkontaktnetz«, um Wege aus der Armut zu finden. Zweitens: »Ge- legenheiten«; Ein wichtiger Weg aus der Armut ist die Schaffung von Gelegenheiten, von echten Teil- habe- und Tätigkeitsmöglichkeiten. Eine Gelegen- heit ist nicht eine vage Möglichkeit, sondern eine konkrete Handlungseinladung. Man könnte Gele- genheit definieren als »spezifisch handlungsermäch- tigende und persönlich adressierte Einladung auf der Grundlage einer Korrespondenz zwischen vor- handenem Potential und relevanten Möglichkeiten«. Armutsbekämpfung hat mit dem Schaffen von ech- ten und begleiteten Gelegenheiten mit sorgsamem Blick auf die Potentiale zu tun.

Mit »Begleitung« und »Gelegenheiten« werden »Chancen« geschaffen, die die Chancengleich- heit von Kindern vergrößern. Und dann kann das, was der polnische Kinderarzt Janusz Korczak die »schwere Aufgabe des Heranwachsens« genannt

hat, gelingen – wenn, um noch einmal Korczak zu zitieren, das Recht des Kindes auf Achtung und das Recht des Kindes auf den heutigen Tag ernst ge- nommen werden.

Verwendete und weiterführende Literatur:

G. Holz: Frühe Armutserfahrungen und ihre Fol- gen. In: M. Zander (Hg.): Kinderarmut. Einführendes Handbuch für Forschung und soziale Praxis. Wiesba- den: VS Verlag 20102, 88–109.

C. Sedmak: Armutsbekämpfung. Eine Grundlegung.

Wien: Böhlau 2013.

Tabellenband EU-SILC 2013. Einkommen, Armut und Lebensbedingungen. Wien: Statistik Austria 2014. Online unter: http://bit.ly/19aPQoy (29.01.2015).

U. Zimmer: Nicht von schlechten Eltern. Meine Hartz

IV-Familie. Frankfurt a. M.: S. Fischer 2013.

Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2015

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IV-Familie. Frankfurt a. M.: S. Fischer 2013. Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich

Kinderarmut und Gesundheit (Antje Richter-Kornweitz)

Dr.in Antje Richter-Kornweitz

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Fachreferentin für Soziale Lage und Gesundheit bei der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen und Akademie für Sozialmedizin e.V.

Kinderarmut und Gesundheit

Armut ist ein Entwicklungsrisiko für Kinder. Sie ist meist mit deprivierenden Lebens- und Entwicklungs- bedingungen verbunden, die die Gesundheit von Kindern nachhaltig negativ beeinflussen können und zu ihrer Benachteiligung führen. Somit birgt Armut erhebliche Risiken für die Gesundheit wie auch für die soziale Teilhabe und sie geht einher mit gerin- gen Chancen auf umfassende Bildung und höheren beruflichen Status. Dies ist Thema dieses Beitrags:

Gesundheitliche Ungleichheit und der Einfluss eines niedrigen sozioökonomischen Status auf die Ge- sundheit von Kindern und die Auswirkungen dieser Lebenslage im weiteren Lebensverlauf.

1. Gesundheit

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist »Gesundheit (–) der Zustand des umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefin- dens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen. Sich des bestmöglichen Gesundheitszu- stands zu erfreuen, ist eines der Grundrechte jedes Menschen ohne Unterschied der Rasse, der politi- schen Überzeugung, der wirtschaftlichen und sozia- len Stellung« (aus der Präambel der Verfassung der WHO 1948).

Die Definition der WHO beinhaltet den Hinweis auf den Einfluss von sozialer Statusposition bzw. Chancenungleichheit auf die individuelle Gesund- heit (Schmidt/Kolip 2007). Gesundheit wird nicht als etwas Statisches, sondern als kontextabhängig und als dynamischer Prozess gesehen, als Interakti- on zwischen Lebensweisen und Lebensumständen. Das heißt, Menschen können aktiv an der posi- tiven Entwicklung ihrer Gesundheit mitwirken. Ein gesundheitsgerechtes Verhalten ist dabei jedoch nicht nur von der individuellen, aktiven Gestaltung abhängig, sondern mindestens ebenso sehr von unterstützenden Rahmenbedingungen oder auch anders ausgedrückt: den sozialen Determinanten von Gesundheit (Dahlgren/Whitehead 1993).

2. Gesundheitliche Ungleichheit

Deutschsprachige und internationale Studien

Ungleichheit Deutschsprachige und internationale Studien 58 belegen, dass frühzeitige Sterblichkeit und gesund-

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belegen, dass frühzeitige Sterblichkeit und gesund- heitliche Beeinträchtigungen in Gruppen mit nied- rigem sozioökonomischem Status (zu erfassen über Faktoren wie Bildung, Einkommen, Beruf) in nahezu allen spezifischen Krankheiten und Behinderungen häufiger auftreten als in höheren Statusgruppen. Menschen am unteren Ende der sozialen Stufen- leiter leiden häufiger unter Erkrankungen, haben eine kürzere Lebenserwartung und erleben weniger in Gesundheit verbrachte Jahre (Power/Kuh 2008; Siegrist/Marmot 2008; Lampert u.a. 2007).

Folge der sozial bedingten gesundheitlichen Un- gleichheit sind dauerhafte Teilhabebeschränkungen. Sie bilden Barrieren, so wie es auch im Kontext von materieller Armut in allen anderen gesellschaftlichen Lebensbereichen zu beobachten ist. Dazu gehören geringere Bildungschancen oder auch soziale Isola- tion aufgrund der durch Arbeitslosigkeit und Armut beschränkten sozialen Netzwerke. Dazu gehören auch Barrieren beim Zugang zu medizinischen Leis- tungen wie erschwerter Zugang zu allgemeinen so- wie gesundheitsrelevanten Informationen, geringere Kompetenzen im Durchsetzen eigener Bedürfnisse, z.B. gegenüber Behörden, aber auch gegenüber medizinischem Fachpersonal und Pflegediensten.

Als Zugangsprobleme erschweren diese Teilhabe- barrieren es, überhaupt passende Hilfen zu finden. Als Bewältigungsprobleme erschweren sie es, die Anforderungen bei der Inanspruchnahme von pass- genauen, gesundheitsförderlichen Hilfen zu mei- stern (Engelbert 1999; Mielck/Helmert 2005; BMAS

2013).

Als Barrieren sind außerdem Angebote zur primären und sekundären Prävention zu werten, die nicht so- ziallagensensibel ausgerichtet und damit wegen feh- lender Anschlussfähigkeit an die Lebenswelt nicht alltagstauglich sind. Nutzergruppen, die nicht auf umfassendes Vorwissen, auf Durchsetzungskraft, Selbstbewusstsein und Unterstützung durch sozi- ale Netzwerke zurückgreifen können, behindert dies in der Inanspruchnahme bestehender Hilfestruk- turen. Als Hemmnis erweist sich für diese Nutzer- gruppen darüber hinaus die fehlende Usability der

online-gestützten und der gedruckten Gesundheits- informationen (IQWiG 2014).

Diese und weitere Teilhabebeschränkungen er- schweren es gegenzusteuern, gesundheitliche Be- drohungen zur Vermeidung tief greifender Schäden zu identifizieren und frühzeitig zu intervenieren.

2.1. Gesundheitliche Ungleichheit bei Kindern und Jugendlichen

Im Kindes- und Jugendalter können die Folgen des Aufwachsens unter einem niedrigen sozioökono- mischen Status die körperliche, psychische und so- zio-emotionale Entwicklung betreffen. Dabei kön- nen vor allem Belastungen in der frühen Kindheit und/oder die Erfahrung dauerhafter materieller Armut in der Kindheit die gesundheitliche Entwick- lung beeinträchtigen und gesundheitliche Ungleich- heit nachhaltig, auch für spätere Lebensphasen, ver- festigen (Richter-Kornweitz 2010a; BMFSFJ 2009; Power/Kuh 2008; Siegrist/Marmot 2008).

Gesundheitliche Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter lässt sich ablesen an Indikatoren wie Säuglingssterblichkeit, niedrigem Geburtsgewicht, geringer Körpergröße bei Schuleintritt, Entwicklungs- störungen bzw. -verzögerungen (z.B. im Bereich der motorischen Entwicklung oder der Sprachentwick- lung), an der Häufigkeit von Unfällen und Verlet- zungen, an der psychosozialen Gesundheit, gerin- gerer Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen sowie am Gesundheitsverhalten.

Eine wichtige Quelle für den Nachweis gesundheit- licher Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter kann die Gesundheitsberichterstattung (GBE) sein, wenn auch soziökonomische Indikatoren erfasst werden. In Deutschland bieten dies beispielsweise die Daten des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) des Robert Koch-Instituts 1 , die GBE verschiedener

1 Innerhalb der KiGGS-Studie wird der sozioökonomische Status aus Angaben der Eltern zu Schul- und Berufsabschluss, beruflicher Stellung und zum bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen erhoben.

Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2015

Bundesländer, Schuleingangsuntersuchungen sowie die von der WHO koordinierte Studie Health Behavi- our in School-aged Children (HBSC).

2.2. Folgen sozial bedingter gesundheitlicher Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter

Betrachtet man die längerfristige Entwicklung der Armutsquoten in Europa, wird deutlich, dass es sich hier nicht um ein vorübergehendes Phänomen handelt 2 , das man ignorieren könnte. Die Folgen anhaltender Armut, die für einen erheblichen Teil der Bevölkerung die alltägliche Realität ausmachen, sind aufgrund der Ergebnisse internationaler Studi- en seit Jahren bekannt und mittlerweile auch durch deutschsprachige Studien belegt. Sie bestätigen nicht nur die Beeinträchtigung des aktuellen kind- lichen Wohlbefindens (vgl. Richter 2000; UNICEF Office of Research 2013; Adams 2013a/2013b), sondern auch Langzeitfolgen für die physische und psychische Gesundheit.

So ergaben beispielsweise die Untersuchungen der AWO-ISS-Studie, die vom Vorschulalter bis zum Übergang Schule – Beruf reichten, eine dauerhafte Verfestigung der ungünstigen Gesamtlebenslage in zentralen Bereichen (sozial, kulturell und gesund- heitlich) bei jedem zweiten Kind, das bereits im Vor- schulalter in Armut lebte (vgl. Hock et al 2000; Holz/ Puhlmann 2005; Holz et al 2005).

Folge lang anhaltender Armut ist nach Kohl, der Armutsverläufe von Kindern anhand der Daten des sozioökonomischen Panels (1993–2009) erforschte, eine überproportionale, dreifach geringere Lebens- zufriedenheit (Kohl 2013) der betroffenen Kinder.

Über das Kinderpanel des Deutschen Jugendinsti- tuts-DJI (Alt 2008) konnten signifikante Zusammen- hänge zwischen Intensität und Dauer der Armut einerseits sowie Wohlbefinden der Kinder anderer- seits belegt werden. Vor allem starke Schwankungen

2 vgl. Pressemitteilung des Arbeits-und Sozialministerrats:

Vermerk des Vorsitzes für den Arbeits- und Sozialministerrates vom 7.10.2014 (Brüssel). http://bit.ly/1FfhE9z

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Vermerk des Vorsitzes für den Arbeits- und Sozialministerrates vom 7.10.2014 (Brüssel). http://bit.ly/1FfhE9z 59

Kinderarmut und Gesundheit (Antje Richter-Kornweitz)

in der wirtschaftlichen Situation einer Familie bei lang anhaltender Armut führen laut DJI zu starkem Stress und zur Beeinträchtigung des Wohlbefindens von Mädchen und Jungen. Weitere Beeinträchti- gungen bestehen in den geringeren Selbstwirksam- keitserwartungen, aus Sicht von Kindern und von Müttern aus dauerhaft armen Familien in Relation zu nicht-armen Kindern bzw. Müttern (Alt 2008).

Die World Vision Kinderstudie nennt Selbstwirksam- keitserfahrungen als Schlüsselfaktor für das Wohl- befinden von Kindern, stellt aber gleichzeitig fest, dass hierzu kaum Zugang und Ressourcen für Kinder mit konkreten Armutserfahrungen bestehen. Zudem nennen diese viel häufiger Ängste vor der Arbeitslo- sigkeit der Eltern, vor Gewalt oder schlechten Schul- noten als nicht-arme Kinder (Hurrelmann et al 2013).

So verwundert es auch nicht, dass die Basiserhebung der KiGGS-Studie einen Trend zur Verschiebung des Krankheitsspektrums von den akuten zu überwie- gend chronisch-körperlichen Erkrankungen und von körperlichen zu psychischen Auffälligkeiten (»Neue Morbidität«) konstatiert. KiGGS 2009 stellt bei ca. 20% aller Mädchen und Jungen in Deutschland (oft auch kumulativ auftretende) gesundheitliche Auffäl- ligkeiten fest, von denen Kinder und Jugendliche mit niedrigem sozioökonomischem Status in besonderer Weise betroffen sind (BMFSFJ 2009).

Den neuen KIGGS-Daten aus der ersten Wieder- holungsbefragung (Lampert et al 2014) ist zu ent- nehmen, dass ein niedriger sozioökonomischer Status mit einer geringeren gesundheitsbezogenen Lebensqualität einhergeht. Dabei ist das Risiko für einen nur mittelmäßigen bis sehr schlechten all- gemeinen Gesundheitszustand bei Mädchen und Jungen mit niedrigem Sozialstatus um das 3,4- bzw. 3,7-Fache erhöht im Vergleich zu Kindern mit ho- hem sozioökonomischen Status. KiGGS 2014 belegt also erneut die hohe Belastung dieser Kindern und Jugendlichen, abzulesen an vermehrten psychischen Auffälligkeiten sowie an ADHS. Jugendliche zeigen vermehrt gesundheitsriskantes Verhalten, d.h. sie rauchen häufiger und sind seltener sportlich aktiv bzw. in einem Sportverein engagiert.

sportlich aktiv bzw. in einem Sportverein engagiert. 60 2.3. Langzeitfolgen sozial bedingter gesundheit- licher

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2.3. Langzeitfolgen sozial bedingter gesundheit- licher Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter

Internationale Langzeitstudien belegen seit lan- gem die negativen Auswirkungen von materieller Armut, sozialem Abstieg und damit verbundenem ökonomischem Stress auf die kindliche Entwicklung, vermittelt unter anderem über die Qualität innerfa- miliärer Paar- bzw. Eltern-Kind-Beziehungen (Walper 1988; Walper 1997; Richter 2000). Die Folgen zeigen sich laut der amerikanischen Langzeitstudie Children of the Great Depression beispielsweise bei Jungen im Kindesalter in negativen Selbstbildern, persönlichen und sozialen Minderwertigkeits- gefühlen, Vermeidungstendenzen und selbstzer- störerischem Verhalten, die später im Jugendalter weitere Verhaltensauffälligkeiten nach sich ziehen können (Elder/Caspi 1988; Elder/Caspi 1991).

Ingrid Schoon (2006) nutzt die Daten der British Birth Cohort Studies, um den Einfluss sozialer Be- nachteiligung im Kindesalter auf die individuellen Lebensverläufe von Kindern bis ins Erwachsenen- alter hinein zu untersuchen. Dazu stellt sie die Lebensverläufe der Kinder unterschiedlicher sozio- ökonomischer Statusgruppen einander gegenüber. Ihr besonderes Interesse richtet sich hierbei auf den Zusammenhang von sozialer Benachteiligung, indivi- dueller Belastungsbewältigung und Entwicklung im Lebensverlauf sowie auf Resilienzprozesse (vgl. auch Richter-Kornweitz 2010b). Anhaltspunkte für Wohl- befinden und Gesundheit im Lebensverlauf bieten dabei Faktoren wie Stressempfinden, Zufriedenheit und Kontrollüberzeugung.

Schoons Ergebnisse belegen den überdauernden Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Be- nachteiligung im frühen Kindesalter und geringerem Wohlbefinden im mittleren Erwachsenenalter. Nach ihren Erkenntnissen bewirkt soziale Ungleichheit im frühen Kindesalter im späteren Lebensverlauf bei Frauen wie Männern – auch unabhängig vom späteren Sozialstatus – eine niedrigere Kontrollü- berzeugung, einen höheren Grad an Depressionen und weniger Lebenszufriedenheit. Zu ihren wesent- lichen Ergebnissen gehört dabei, dass die frühen

Erfahrungen von sozialer Benachteiligung nicht völlig überwunden werden können: Auch allgemein anerkannte Resilienzfaktoren, zu denen beispiels- weise schulischer Erfolg im Kindesalter trotz sozio- ökonomischer Benachteiligung gehört, können die Auswirkungen sozialer Ungleichheit nur geringfügig mildern.

Zu den Folgen eines Aufwachsens unter niedrigem Sozialstatus gehört somit nicht »nur« die in Relation zu Gleichaltrigen beeinträchtigte Gesundheit im Kindesalter, frühkindliche Belastungen beinhal- ten vielmehr eine Hypothek auf die Gesundheit im Erwachsenenalter.

Die Forschung zu Lebensverlauf und sozialer Un- gleichheit liefert weitere zuverlässige Belege für die engen Zusammenhänge zwischen biologischen und sozialen Prozessen (vgl. Pickett/Wilkinson 2007; Siegrist/Marmot 2008; Wilkinson/Pickett 2009). Die ebenfalls auf den Daten der British Birth Cohort Studies beruhende Lebenslaufforschung belegt eine um das Doppelte erhöhte Mortalitätsrate bei Erwachsenen, die in einem sozioökonomisch be- nachteiligten Haushalt aufwuchsen gegenüber jenen aus nicht benachteiligten Haushalten. Eine dreifach erhöhte frühzeitige Sterblichkeit tritt bei Personen auf, bei denen sowohl in der frühen Kindheit wie im Erwachsenenalter ein niedriger sozioökonomischer Status vorlag (Power/Kuh 2008).

Belegt ist auch, dass frühkindliche Belastungen eine bedeutende Rolle bei der Verbreitung chronischer Erkrankungen im Erwachsenenalter spielen, wobei enge Zusammenhänge zwischen niedrigem sozio- ökonomischem Status in der frühen Kindheit und frühzeitiger Sterblichkeit sowie Risikoverhaltens- weisen im Erwachsenenalter bestehen (Siegrist/ Marmot 2008; Power/Kuh 2008; Dragano 2007). Belastungen oder Schädigungen in kritischen Perio- den, beispielsweise in der Schwangerschaft und der frühen Kindheit, können sogar über einen langen Zeitraum kompensiert werden und bei einer Häu- fung von Risikofaktoren oder bei nachlassender all- gemeiner Reservekapazität erst im Erwachsenenal- ter zutage treten. Hinweise auf eine entsprechende

Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2015

Verursachung gibt es bei Herz-Kreislauf-Erkran- kungen und bei Stoffwechsel- und Lungenerkran- kungen. Zudem können langfristig nicht nur orga- nische und wachstumsbezogene Prozesse, sondern auch die kognitive Entwicklung, die psychische Sta- bilität und die Persönlichkeitsentwicklung betroffen sein (Power/Kuh 2008; Dragano 2007).

Erwähnt werden muss auch der Einfluss des Sozi- alstatus in Kindheit und Erwachsenalter auf die subjektive Wahrnehmung von Gesundheit. Nach Power/Kuh (2008) stufen mehr als 20% der von ihnen befragten Erwachsenen mittleren Alters mit anhaltend niedrigem sozioökonomischem Sta- tus ihre eigene Gesundheit als mittelmäßig oder schlecht ein, jedoch nur 5% der Befragten mit an- haltend hohem sozioökonomischem Status.

Wird psychische Befindlichkeit differenziert nach So- zialstatus und Zeitpunkt der Exposition gegenüber Belastungen erhoben, dann lässt sich außerdem ver- deutlichen, dass nicht einzelne soziologische oder entwicklungspsychologische Aspekte den Befund beeinflussen, sondern kumulierende Belastungsfak- toren im Lebensverlauf (Power/Kuh 2008) verant- wortlich sind.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Sozioöko- nomische Determinanten von Gesundheit wirken direkt über unmittelbar belastende Lebenssituati- onen in der frühen Kindheit mit langfristigen bio- logischen oder psychischen Folgen sowie indirekt, indem sie Risikoketten in Gang setzen (Power/Kuh 2008; Dragano 2007).

3. Anforderungen an Gesundheitsförderung und Prävention

Armutsbedingte Belastungen der Gesundheit sind vermeidbar. Einmal eingetreten, können sie jedoch eine ohnehin niedrige sozioökonomische Statuspo- sition verfestigen, zu vertikaler Rigidität und Verste- tigung von Armutslagen und gesundheitlicher Un- gleichheit führen.

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verfestigen, zu vertikaler Rigidität und Verste- tigung von Armutslagen und gesundheitlicher Un- gleichheit führen. 61

Kinderarmut und Gesundheit (Antje Richter-Kornweitz)

3.1 Gesundheitliche Teilhabe verwirklichen

Eine Minderung gesundheitlicher Ungleichheit er- fordert die Verminderung sozialer Ungleichheit. Dies wiederum erfordert zuallererst eine wirksame Arbeits-, Wirtschafts-, Sozial-, Bildungs- und Fami- lienpolitik auf Bundes- und Landesebenen und eine Gesundheitspolitik, für die der Abbau von Teilhabe- beschränkungen ein wesentliches Qualitätskriterium darstellt.

Doch auch auf kommunaler Ebene muss gehandelt werden. Erforderlich ist ein abgestimmtes Vorgehen aller relevanten Fach- und Politikbereiche, eine inte- grierte kommunale Handlungsstrategie zu Gesund- heitsförderung und Prävention (»Präventionskette«). Das Recht auf (gesundheitliche) Teilhabe (vgl. UN- Konvention für die Rechte des Kindes) konsequent umzusetzen, heißt, diese Probleme anzugehen. Es bedeutet:

Rahmenbedingungen für gesundheitsförderliche Lebenswelten bzw. entwicklungsförderliche Be- dingungen und somit für gesundes Aufwachsen zu schaffen,

verstärkte Aufmerksamkeit der Identifizierung und dem Abbau von (gesundheitlichen) Teilhabe- barrieren zuzuwenden,

neue Zugänge zu öffnen und bestehende Zugän- ge fortlaufend auf Niedrigschwelligkeit und Betei- ligungsorientierung zu untersuchen,

benachbarte Bereiche wie den Bildungsbereich in den Blick zu nehmen und eng zusammen zu ar- beiten, um Zugänge in die Regelinstitutionen zu ermöglichen und durch gezielte Förderung die Chancen zu erhöhen, diese erfolgreich zu durch- laufen.

Entsprechende Konzepte sollten zum Ziel haben, gesundheitsförderliche und präventive Strukturen aufzubauen und zu verstetigen sowie einzelne Aufgabenkomplexe zu bearbeiten, die in diesem Kontext eine besondere Herausforderung darstellen.

in diesem Kontext eine besondere Herausforderung darstellen. 62 3.2. Präventionsketten in Kommunen An dieser Stelle

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3.2. Präventionsketten in Kommunen

An dieser Stelle könnten nun viele Einzelbeispiele aus Handlungsfeldern genannt werden, die für ein gesundes Aufwachsen aller Kinder und Jugend- lichen relevant sind. Für sich allein wären sie nach- ahmenswerte Beispiele und empfehlenswerte Gute Praxis von Gesundheitsförderung und Prävention.

Doch erst im Zusammenschluss mit weiteren Bau- steinen können sie ihre volle Wirkung erreichen, weshalb hier abschließend ein kurzes Plädoyer für das strukturell orientierte Vorgehen im Rahmen ei- ner integrierten kommunalen/regionalen Handlungs- strategie (»Präventionskette«) gehalten werden soll.

Als Präventionskette steht diese Vorgehensweise für eine Neuorientierung und Neustrukturierung der Hilfesysteme, mit der Absicht, allen Kindern und Jugendlichen positive Lebens- und Teilhabe- bedingungen zu eröffnen (Holz u.a. 2011; Richter- Kornweitz/Utermark 2013).

Präventionsketten basieren auf interdisziplinärer Kooperation, das heißt auf Zusammenarbeit und Beteiligung aller relevanten Fachdienste und -kräf- te, und auf Beteiligung von Kindern, Jugendlichen, Familien. Sie zielen auf ihre flächendeckende Versor- gung mit bedarfsgerechten Unterstützungsangebo- ten sowie auf eine verbesserte Versorgungsqualität Richter-Kornweitz/Utermark 2013).

In einer Präventionskette wird der Fokus auf gesi- cherte Übergänge zwischen Altersphasen und Pra- xisfeldern gelegt, um einmal erreichte Präventions- erfolge langfristig bewahren zu können. Akteure und Institutionen arbeiten hier übergreifend und lebensphasenorientiert zusammen, um die Über- gänge für das Kind und seine Familie zwischen An- geboten, Institutionen und Settings zu sichern. Ihre Netzwerke zur Förderung, Unterstützung, Beratung, Bildung, Betreuung, Partizipation und Schutz bilden die Präventionskette.

Das Konzept der Präventionskette zielt auf mehr als auf die Kompensation von sozialer Benachteiligung.

Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2015

Abbildung 1: Die kommunale Präventionskette und ihre Netzwerke von der Geburt bis zur Berufsausbildung

Bildung Förderung Unterstützung Schutz Partizipation Rund um Krippe Kita Grundschule Weiterführende Berufs-
Bildung
Förderung
Unterstützung
Schutz
Partizipation
Rund um
Krippe
Kita
Grundschule
Weiterführende
Berufs-
die Geburt
Schule
ausbildung
0-3 Jahre
3-6 Jahre
6-10 Jahre
10-
Jahre
Beratung
Betreuung
Beziehung
Geburt
LEBENSPHASEN

Quelle: Richter-Kornweitz/Utermark 2013, S. 16

Es will bestehende Ressourcen bündeln und sie ge- zielt für die Kinder, Jugendlichen und Familien ein- setzen, die sie besonders dringend brauchen – aller- dings ohne eine Stigmatisierung und Etikettierung als bedürftig vorzunehmen. Das Konzept folgt der Philosophie der Priorität für Partizipation (FES 2006) und misst dem Kindeswillen der Heranwachsenden hohe Bedeutung bei.

Der Beschluss zugunsten einer Präventionskette liegt im Entscheidungsbereich einer Kommune. Fällt die- ser Beschluss positiv aus, entspricht er vielen Emp- fehlungen. Nicht nur denen diverser Kinder- und Jugendberichte und Sachverständigenkommissi- onen (SVR) des Gesundheitswesens. Er entspricht auch der Ottawa-Charta der Weltgesundheits- organisation (WHO) und deren Weiterentwick- lungen sowie den in der UN-Kinderrechtskonven- tion festgeschriebenen Rechten jedes Kindes auf

Chancengleichheit an Gesundheit (§24) und Bildung (§28) sowie der Beachtung des Kindeswohls (§3) und des Kindeswillens (§12).

Literatur Adams, Peter (2013a): Report Card 11 (gekürzte Fassung). In: Bertram Hans (Hrsg.): Reiche, kluge, glückliche Kinder? Der UNICEF Report zur Lage der Kinder in Deutschland. Weinheim und Basel

Adams, Peter (2013b): Kinderarmut in reichen Ländern. In: Bertram Hans (Hrsg.): Reiche, kluge, glückliche Kinder? Der UNICEF Report zur Lage der Kinder in Deutschland. Weinheim und Basel

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