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Sri Ramana Maharshi

Mit großer Freude und Dankbarkeit


dem Einen Lehrer gegenüber,
der mir in der Gestalt von
Sri H.W.L. Poonjaji
(Papaji)
alles genommen hat
und mich in der Form von
Isaac Shapiro
befragt, wer glaubt,
dass ihm alles genommen wurde…

Isaac Shapiro Sri H. W. L. Poonjaji

Subhash 1997, Eigenverlag, Internet: http://satsang.subhash.at, eMail: satsang@subhash.at


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Inhalt
Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
Ein paar Geschichten – Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
Wirklichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
Trennung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
Hochzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
Leistung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
Sehnsucht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
„…bis dass der Tod uns vereint.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
Übungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
Leiden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Die Falle der Glückseligkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Die endgültige Revolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
Erleuchtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
Learning to fly, Part II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
Religion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
Denken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
108 Fragen zum freien Willen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
Über die Wörter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
Sei jetzt hier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
Gelassenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
Zarte Freude . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
Index . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
Vorwort

D er heutige Mensch in der „Ersten Welt“ lebt ein


geregeltes Leben. Es wird bestimmt durch Pläne
und Ideen - die Pläne der Eltern, der Schulbehörden,
Zustimmung des Lesers wird dieses Korsett gründlich
beseitigt. Das erfordert natürlich die Bereitschaft, die
gewohnte Alltagsroutine aufzugeben, ohne sicher sein
der Wirtschaft und der Politik. Er lebt von den und zu können, dass sich das lohnen wird. Ich kann Ihnen
für die Vorstellungen der Unterhaltungsindustrie. jetzt schon sagen, dass es sich höchstwahrscheinlich
Diese bestimmen seinen individuellen Lebensentwurf, nicht lohnen wird durch die Brille der Leistungs- und
seine Berufs- und Partnerwahl. Seine Träume und Konsumgesellschaft betrachtet. Freiheit oder Wahrheit
Hoffnungen geben ihm die Kraft, den Anforderungen sind nicht die Dinge, die die Wertschätzung der bra-
gerecht zu werden, die von allen Seiten an ihn gestellt ven oder mächtigen Bürger hervorrufen.
werden und jenen, die er noch zusätzlich „freiwillig“ Andererseits könnte ich Ihnen versprechen, dass Sie
auf sich nimmt. mehr bekommen werden, als Sie sich überhaupt wün-
schen könnten: völlige Erfüllung und ewiges Glück,
„Suche“ ist kein Begriff des Zeitgeistes. Und doch Frieden ohne Kompromisse oder Langeweile, Erfolg
wage ich zu behaupten, dass (so gut wie) jeder Mensch auf allen (tatsächlich wichtigen) Linien. Dann müsste
auf der Suche ist. Nur hat diese Suche vordergründig ich Ihnen aber auch sagen, dass Sie alles, was Sie der-
nichts Religiöses oder Spirituelles an sich. Dieser zeit zu besitzen glauben oder noch erhoffen, aufgeben
Geruch haftet dem altertümlichen Wort aber an, und müssen. Alles! Wenn nur das Geringste festgehalten
deshalb würden sich nicht viele Leute als „Suchende“ wird, werden Sie betrogen und enttäuscht werden.
bezeichnen. Es handelt sich also nicht um ein bedenkenswertes
Und doch sind sie hinter irgendetwas her: dem Geschäft: Das Risiko ist viel zu hoch! Leidenschaft
Geld, (beruflicher oder privater) Anerkennung oder und Verrücktheit ist gefragt, nicht Nüchternheit und
dem (anderen) Geschlecht. Sie suchen Gesundheit, Gerissenheit; Hingabe nicht Management!
Glück, Liebe, Unterhaltung oder Sicherheit, Macht Hinter mir liegt eine Expedition, die ich völlig
oder Unterstützung. Wir alle suchen schon so lange, unnötigerweise unternommen habe, aber das wusste
dass dieser Zustand für ganz normal und selbstver- ich vorher noch nicht. Falls mir das jemand gesagt
ständlich gehalten wird und niemand mehr darüber hat, habe ich es nicht verstanden. Dabei ist alles so
spricht seit die traditionellen Religionen ihre gesell- einfach! Zu einfach für viele von uns. Mit wenigen
schaftliche Bedeutung weitgehend verloren haben. Worten wäre alles gesagt, doch wer kann sie verstehen?
Wir sind Gewohnheits-Sucher, süchtige Sucher, und So bleibt nur das Beispiel, das den Verirrungen des
unser Glaube heißt natürlich Fortschritt und Wachs- Geistes nicht ausweicht, sondern sie zurücksinken lässt
tum. Da wir die meiste Zeit mit materiellen und in ihren Ursprung.
ideellen Gütern verbringen, meint das dementspre-
chend Wirtschaftswachstum und wissenschaftlicher
Fortschritt. Manchen hängt das schon zum Hals
heraus - sie finden, es gäbe schon genug Wirtschaft
I n diesem Buch geht es nicht um Lebenshilfe oder
um Anleitung zum Erfolg. Es geht auch nicht um
Zufriedenheit. (Ausgenommen Sie verstehen darunter
und bekommen vom Informationsbombardement der vollkommene Erfüllung!) Ich halte das alles für belang-
Medien nur mehr Kopfweh. Aber wo ist eine Alterna- los. Nach ein paar Jahren ist ohnehin alles vorbei!
tive? Gibt es außerhalb dieser kollektiven Besessenheit Wie lange können Sie an Sex, Macht und Geld
überhaupt ein Überleben? festhalten? Der Tod begleitet uns alle - glücklicherwei-
se! Ohne ihn würden wir bis zur völligen Langeweile
Dieses Buch beendet alle Fragen. Es bietet das und Senilität mit unserem Alltag fortfahren. Glückli-
Ende der Hoffnungen, der Träume und der Pläne cherweise gibt es Leiden und Schmerzen, Angst und
an. Daher ist es radikal. Es geht zur Ursache unseres Vernichtung! Sie zeigen uns, dass etwas nicht stimmt,
Lebens - dessen Form oft nicht weniger berechenbar dass wir uns mit Kleinigkeiten zufrieden geben und
und nicht lebendiger als eine Maschine ist. Mit der das Beste versäumen.

–4–
Die ganze Welt beschäftigt sich mit unsinnigen unserer Wahrnehmung. Fragen wir doch nach dem,
Dingen. Ein Neuankömmling ist umgeben von Men- der betrachtet! Wer oder was ist das Subjekt der Wahr-
schen, die panisch um ihr Vergnügen und Überleben nehmung? Das ist mit der klassischen Aufforderung
kämpfen. Lässt er sich’s einfach gut gehen, muss er „Erkenne dich selbst!“ gemeint. Wir haben diesen Satz
wohl früher oder später einsehen, dass er nicht normal entschärft und mißbraucht und zu einer psychologi-
ist. Seine Mitmenschen werden selbstverständlich alles schen Analyse verniedlicht.
tun, um ihm ein schlechtes Gewissen zu verschaffen. Wir fragen gar nicht nach dem Selbst, sondern
Und nur die Stärksten verlieren in diesem Tollhaus nach den Ausformungen und Verzierungen, für die
nicht ihr Selbstvertrauen. Die anderen lassen sich wir uns halten. Es macht in diesem Zusammenhang
ablenken und reihen sich ein in die Masse der Un- im Wesentlichen keinen Unterschied, ob wir diese
Toten und Un-Lebendigen. Untersuchungen wissenschaftlich seriös oder zur blo-
Angesichts dieser wahnwitzigen Umstände kann ßen Unterhaltung vornehmen.
es nicht um Zufriedenheit gehen. Wegschauen und Ob es sich um standardisierte Tests der Psycho-
Schönfärben ist mir zuwenig. Dazu wird genug logen, einfühlsame astrologische Betrachtungen,
angeboten. (Bei Bedarf bitte weiter zu „Positiv Den- schmerzhafte Charakteranalysen mit Hilfe der Psycho-
ken“ oder ähnlichem.) Wenn Sie zufrieden sind und therapie oder die Fragebogen in den Sonntagsbeilagen
keine Lösung für die Geisteskrankheit ringsum haben, der Zeitungen handelt: Wir untersuchen stets das „Ich“
machen Sie sich etwas vor. Sie sollen nicht die Welt und nicht das Selbst.
retten, aber wenn Ihre Strategie darin besteht, den Wir tun so, als ob wir Subjekt und Objekt der For-
Kopf in den Sand zu stecken oder ihn vor den Fern- schung in einer Person wären. Doch auf diese Art kön-
sehapparat zu halten, werden Sie mit Sicherheit große nen wir zu keinem vollständigen Erkennen kommen.
Probleme kriegen, sobald Ihnen die Luft wegbleibt Wirkliche Erkenntnis hebt jegliche Unterscheidung
oder die Stromversorgung zusammenbricht. Ich weiß von Subjekt und Objekt und jede Persönlichkeit zur
nicht, wieviel Zeit noch bleibt. Aber selbst wenn diese Gänze auf. „Wirklich“ ist diese Erkenntnis, weil sie
sogenannte Zivilisation kein baldiges Ende hat - wie- realer ist als alles, was uns jemals begegnet ist. Deshalb
viel Zeit bleibt Ihnen? wird auch von „Erwachen“ gesprochen. Die objektive
(verdinglichte) Welt wird als Traum ohne Substanz
Ich schreibe von Umkehr. Von völliger Umkehr durchschaut. Das fühlt sich so real, so fest und doch
nicht in Reue, sondern in Dankbarkeit. Nicht um so lebendig und neu an, dass alles andere dagegen blass
ein besseres Leben zu erreichen, sondern um alle Vor- und unbedeutend erscheint. Nicht dass das Verlangen
stellungen von gut und schlecht fallen zu lassen. Um nach Vergleichen oder Bewertungen auftauchen würde:
das ständige Ausweichen unseres Geistes in erinnertes Zu sagen, dass „ich jetzt zu Hause bin“, dass „ich jetzt
Vergangenes und daraus abgeleitetes erhofftes oder die Wahrheit sehe“, ist nur ein Gleichnis. Natürlich
befürchtetes Zukünftiges zu beenden. sehe „ich“ keine Wahrheit, vielmehr sieht Wahrheit.
Und sie sieht nur Wahrheit. Kein „Ich“, kein „Du“,

D ie Hoffnungslosigkeit will ich preisen! Damit


ist nicht die Vorstellung gemeint, dass alles
hoffnungslos wäre, was ja nur eine negative Erwar-
keine Wahrheit als Gegensatz zu Lüge oder Unwissen-
heit, nur Eins, ohne Zweites – nichteinmal Eins.
Einheit hat nur in der Dualität Bedeutung; ohne
tungshaltung ist, sondern das Ende des Lebens in ein Zweites gibt es überhaupt nichts. Es bleibt kein
jedweder Vorstellung. Ich berichte vom Durchschau- Objekt, dem ein Wahrnehmender gegenüberstände.
en der Gewohnheiten unseres Geistes, die uns nie Aber Sprache ist unterscheidend, und unsere Sprache
jetzt und hier sein lassen. Die uns ständig ablenken lebt von Subjekt und Objekten und deren Verbindung,
von dem, was ist und uns stattdessen Theoriegebäu- die aber ebenfalls als Gegenstand der Betrachtung
de und Geschichten über unser Leben anbieten statt behandelt wird. Im Deutschen kann jedes Verb sofort
uns an der Quelle aller Phänomene ruhen zu lassen. zum Substantiv gemacht werden – das zeigt wie wir
Dabei ist weder der Geist das Problem, noch seine denken!
Ideen; nur das Verfolgen dieser Ideen, das Aufgreifen So bleibt uns nur zu erkennen, wie unser Verstand
von Gedanken lenkt uns immer wieder von dem ab, arbeitet und fast nebenbei zu bemerken, dass wir nicht
das in Wahrheit ist. Wir sind fortwährend mit einer dieser Verstand sind, er ist nicht mehr Teil von uns wie
(buchstäblich) vorgestellten Außenwelt beschäftigt alles andere auch. Indem wir ihn fast beiläufig ohne
und nehmen uns keine Zeit darauf zu schauen, wer Verbissenheit beobachten, sehen wir, gerade weil eine
das überhaupt ist, der beschäftigt ist. Wenn wir uns solche Beobachtung möglich ist, dass wir nicht das
betrachten, dann immer nur als ein weiteres Objekt sein können, wofür wir uns halten.

–5–
Wir müssen also das falsche Ich vom wahren Ich Dingen“, mit Nachdenken über das Sein und mit
trennen – bis alles durchschaut ist. Lassen Sie sich seinem gewohnheitsmäßigen Irrtum, seine (geistigen)
nicht von den Worten irreführen; das ist keine end- Bilder und Symbole für wirklicher und bedeutender
lose Analyse. als das Reine Dasein zu halten. Deshalb wird gesagt,
der Mensch identifiziere sich mit Körper und Ver-
Selbstverwirklichung ist jederzeit für jedermann stand, weil er sich nur dem zuwendet, was dadurch
(und -frau) sofort möglich. erkannt werden kann. Der Erleuchtete transzendiert
Erkennbares und Nichterkennbares und ist einfach,
ohne dem Versuch zu verstehen. Er weiß, dass nur das
Falsche verstanden werden kann, und er weiß, dass das
Mit Betonung auf „sofort“, Aufschieben bringt gar genügt.
nichts! Warum warten, wenn es doch nur jetzt gesche-
hen kann? Vorleben, Bildung, Lebensumstände, Alter Dass Wahrheit nicht verstanden werden kann, soll
oder Geschlecht haben in diesem Zusammenhang uns Hinweis sein auf die leicht zu übersehende Tat-
nicht die geringste Bedeutung. Wenn wir verwerfen, sache, dass Wahre Freiheit keinerlei Bedingung hat,
was wir für „Ich“ halten, so bedeutet das für jeden auch keine zeitliche. Da es um das Ewige geht, das
Menschen dasselbe. Nachzugrübeln, wofür wir uns kein Ende und auch keinen Beginn hat, muss nichts
eigentlich halten, ist unnötig. erst erreicht werden!
Wie auch immer dieses „Ich“ aussehen mag, es
existiert nur durch andauernde Gedankentätigkeit, die Keine Erfahrung, kein Gefühl sagt uns: „Das ist es!“
ein Konzept von Dauer und Entwicklung ermöglicht. Name und Form sind nur Fallen. Verbinden wir „Es“
Wenn wir diese beenden, stirbt auch jede Ich-Vorstel- damit, so begrenzen wir „Es“, leben im Vergangenen
lung, gleichgültig wie sie aussieht. Wir lassen sie ein- und haben wieder etwas gefunden, hinter dem wir
fach beiseite und verbleiben als Selbst. Ein Moment nachjagen können. Nachzujagen bringt uns aber nicht
des stillen Hinsehens genügt: „Nicht das – nicht hierher, es führt fort in eine zeitliche und objekthafte
jenes.“…und: „Ich bin alles, nichts ist ohne mich.“ Welt. „Es“ kann nicht erkannt werden, „Es“ hat keine
Alles ist „Es“, der gewöhnliche Mensch ebenso, wie Eigenschaften.
der erleuchtete Meister.
Der Verstand des gewöhnlichen Menschen ver- „Keep quiet! is the gasoline!“
deckt das Sein sofort mit Fragen nach „konkreten

(Isaac Shapiro)

–6–
Ein paar Geschichten
Einleitung

E s wird einmal einer geboren in der sogenannten


„Freien Welt“ im sogenannten „Herzen Europas“.
Freiheit und Herz gehen ihm ziemlich bald ab –
der Zustände der Euphorie und Glückseligkeit, die
schließlich in dem Gefühl, „es ein für allemal geschafft
zu haben“, gipfeln. Die Vorstellung, jemals wieder aus
gleichzeitig mit der Denkfähigkeit entwickelt sich ein dem Paradies vertrieben zu werden, erscheint absurd.
Gefühl, dass „hier irgendetwas grundlegend falsch“ ist.
Trotzdem tut er (wenigstens aus seiner Sicht) im Gro- Als auch das vorübergeht, müht sich einer lange
ßen und Ganzen, was von ihm verlangt wird. damit ab, seine Erfahrung der Ekstase zu wiederholen,
bis er schließlich aufgibt, woraufhin sich erneut kürze-
Während einer seinen Grundwehrdienst ableistet, re Anfälle von Entzücken einstellen.
gewinnt er den Eindruck, dass es Zeit wird, sich zu
wehren. Es folgt das teilnehmende Studium verschie- Einmal fährt einer zu einem indischen Satgu-
dener politischer, sozialer und religiöser Randgruppen, ru, weil er den Verdacht hegt, dieser könnte wissen,
das ihn auch mit einer Reihe alter Weisheitsbücher der worum es bei alledem eigentlich geht und ihm den
Menschheit bekannt macht. In der Folge liest er sie- anscheinend nötigen Stoß versetzen. Einen Augenblick
ben Jahre lang die Schriften Carlos Castañedas, expe- später ist der Stoß versetzt, und es wird die deutlichste
rimentiert mit verschiedenen (alternativen) Lebensfor- Anweisung gegeben (soweit Anweisungen deutlich sein
men und zeugt zwei Kinder. können, versteht sich):

Eines Winters versucht einer auf buddhistische Art „Gib Ruhe, gib dir keine Mühe
zu meditieren und ist stolz darauf, eine Stunde lang und hör’ zu denken auf!“
äußerlich ruhig sitzen zu können.
Ein Zustand großer Zufriedenheit und Freude brei-
Einer beschließt zur Tat zu schreiten und beschäf- tet sich aus, eine große Gleichmütigkeit ist zu bemer-
tigt sich ein paar Jahre lang mit nordamerikanischem ken, wohin man auch sieht; ein Rückflug zum vorgese-
Schamanismus, was unter anderem dazu führt, dass henen Zeitpunkt wird in Anspruch genommen.
ihn während seines ersten Saturntransites Frau und
Kinder verlassen und er sich ohne Arbeit in der Fragen tauchen auf, Zweifel wagen sich hervor, Ver-
Großstadt wiederfindet. Durch diesen privaten Welt- strickungen kommen und gehen – nur die grundlegen-
untergang und die damit einhergehende Verzweiflung de Ruhe ist immer da. Ist sie notwendig, ist Hilfe da
und Hoffnungslosigkeit bleibt ihm gar nichts anderes und fragt nach dem, der glaubt, Fragen zu haben, zu
mehr über, als immer häufiger tatsächlich zu meditie- zweifeln, sich zu verstricken – und immer bleibt diese
ren, allerdings ohne dass er weiß, wie ihm geschieht. brüllende Stille.

Nach zwei Jahren und etlichen Perioden längeren Einer befragt das Selbst, indem er ein Buch
Fastens entwickeln sich immer häufiger und anhalten- schreibt…

–7–
Probleme

W ir haben alle unsere Probleme!“ („Wir sind alle


arme Sünder!“, wie man im Mittelalter und in
konservativen Katholikenkreisen zu sagen pflegt.)
eine direkte Folge des Denkens. Ohne zusammenhän-
gende Gedanken keine Vorstellung, ohne Vorstellung
kein Falsch und Richtig, damit kein Beurteilen, und
„Es wäre ja schön, aber wir sind nun einmal keine ohne Beurteilen – wo bleiben dann unsere Fehler oder
Heiligen…“ die Anderer?
Wir haben eine Idee davon, was Vollkommenheit
Mit dem Satz über die Probleme und dem über bedeutet (zumindest davon, was sie nicht bedeutet)
die Heiligen werden wohl so gut wie alle einverstan- und geben ihr dadurch eine Form. (Das ist eine
den sein. Die „armen Sünder“ sind etwas unmodern Begrenzung.) Kein Mensch kann vollkommen sein,
geworden; da wird gleich die christliche Religion kri- wenn wir mit „Mensch“ ein individuelles Wesen
tisiert und jedes Schuldgefühl dementiert. bezeichnen. Hat „Mensch“ eine Form, ist es mit der
Vielleicht kann man alle drei Aussagen mit dem Vollkommenheit vorbei! Diese Form ist ein Konzept,
Wort „Verfehlung“ zusammenfassen (der ursprüngli- das eine Folge des Denkens ist. Vorstellungen darüber
chen Bedeutung von „Sünde“). Der eine verfehlt eben zu haben, wer ich bin, schließt Fehlerlosigkeit aus. Mir
die Nachfolge Christi, der andere einen Geschäftsab- fehlt dann etwas, nämlich das, was ich nicht bin (Posi-
schluss und der dritte eine Eroberung in der Disco. tives wie Negatives!). Ich bedarf nun der Ergänzung,
d.h. des „Wieder–ganz–Machens“.
Es ist schon bemerkenswert, dass wir uns im Es ist tatsächlich völlig belanglos, was wir unter-
Großen und Ganzen einig darüber sind, nicht voll- nehmen, um uns zu bessern (oder Andere), um näher
kommen zu sein – ganz egal, ob wir einer Religion, an unser Ideal zu kommen. Der Fehler – und zwar der
dem Lustprinzip oder welcher Weltanschauung auch einzige Fehler, die einzige Sünde, die es gibt! – ist die
immer huldigen. (Ausgenommen sind vielleicht die illusionäre Vorstellung unserer selbst.
„Positiv-Denker“, die aber sind scheinheilig, sonst Muslim sagen: „Allah hu akbar!“ („Nur Gott ist
wären sie einfach positiv und würden nicht so ange- groß!“) Das gilt dann, wenn „Gott“ kein Begriff unse-
strengt daran denken.) res Denkens, also keine Vorstellung, kein Objekt ist.
Wir unterscheiden uns im Detail: zerknirschter Andernfalls fehlt auch „ihm“ etwas. So können wir
oder trotziger Sünder, disziplinierter, spiritueller auch nie sagen: „Ich bin Gott.“, weil wir damit bloß
Jünger oder unbekümmerter Säufer, gramgebeugter ein Konzept durch ein anderes ersetzen. Für „Ich bin
Sorgender oder selbstbewusster Karrieretyp. Aber erleuchtet.“ oder „Ich bin vollkommen.“ gilt dasselbe.
alle, alle haben wir unsere Fehler, die wir hoffentlich Das, was ich bin, was Sie sind, was alles ist, ist jen-
wenigstens beichten (dem Pfarrer, Psychotherapeuten, seits von Vollkommenheit oder Unvollkommenheit.
Briefkastenonkel oder der besten Freundin). Und wie Es ist weder mit Vorstellungen oder wissenschaftlichen
viel wir alle üben, lernen und uns bemühen, reicher, Untersuchungen, noch mit Gefühl oder Intuition zu
schöner, besser oder gar heiliger zu werden! Von der ergründen.
Kosmetikerin über die Bekleidungsindustrie bis hin
zur Esoterikszene beschäftigen sich unzählige Men-
schen damit, uns dabei zu helfen. S o ist der einzige „Weg“, ein besserer (erfolgreicherer,
schönerer) Mensch zu werden, unsere Meinungen
über uns selbst und den Rest der Welt aufzuweichen.
Was bedeutet das eigentlich, Fehler zu haben? Nicht mehr Kenntnis ist vonnöten, sondern weniger.
Damit ist offensichtlich eine Beurteilung verbunden, Aber Vorsicht! So, wie Sie es hier lesen, ist das nur ein
die uns ganz selbstverständlich und natürlich auch weiteres Konzept über das Funktionieren des Lebens.
gerechtfertigt erscheint. Beurteilungen erfordern Vergessen Sie das alles; Sie können auch gar nichts
wiederum Vorstellungen darüber, was richtig und was dazu tun. Vergessen Sie vor allem Ihre Sünden, sie sind
falsch ist. Die haben wir alle, es gibt aber wahrlich kei- völlig belanglos! Letztlich: Vergessen Sie sich selbst!
nen Grund, stolz darauf zu sein! Fehler zu haben, ist „Was“ bleibt ist „Vollkommenheit“, „Schönheit“,

–8–
„Freude“, „absolute Macht“ und „unvorstellbares In diesem Sinne: Wir sind schon vollkommen, wir
Glück“. Wenn ich nicht mehr bin, ist nur Gott! Diese sind schon erleuchtet, wir sind schon aller Probleme
unvorstellbare Transformation ist anscheinend eine, ledig! Wer könnte also noch verbessert werden, was für
die den Geist betrifft; nur er muss geheilt werden. einen Weg zum Glück könnte es geben?
Wir selbst sind als Objekt, als Wesen oder separates
Individuum (sic! Individuum heißt wörtlich „das
Unteilbare“.) überhaupt nicht existent.

Süßes Nichts
Leuchtende Leere

Alles entsteht in dir


und kehrt zu dir zurück

Ist gesegnet
wenn es dich spürt

Rücksichtslose Liebe
schlägt mein Herz

Alles, was ich jemals gesucht habe,


finde ich in der Hingabe an dich

Heilende Leere
Süßes Nichts

–9–
Wirklichkeit
Vor einigen Jahren entdeckten Psychologen, dass ein Amerikaner, den man in einen dunklen Raum steckte, ohne
Geräusche, ohne Licht und ohne jegliche Stimulation des Tastsinns, in anderen Worten ohne irgendeines der äußerli-
chen Spiele, seinen Verstand nicht wachhalten konnte. Eigenartige Dinge gingen in seinem Bewusstsein vor, er begann,
Halluzinationen, Offenbarungen und Visionen zu bekommen, oder er geriet in Panik und stürzte aus dem Raum
und schrie: „Hilfe!“ Der Grund dafür ist, dass der Verstand, der mit Spielen beschäftigte verbale Verstand wie eine
Drogensucht ständige Stimulation braucht. Man muss ihn ständig versorgen. Um den Schein aufrechtzuerhalten, dass
du du bist und dass deine Realitätsebene wirklich die Wirklichkeit ist, brauchst du ständige Rückversicherung. Du
musst Menschen um dich herum haben, die dich daran erinnern, dass du du bist; du musst Menschen um dich herum
haben, die an den gleichen unmittelbaren Wirklichkeiten teilnehmen, die gleiche soziale Täuschung teilen, damit diese
soziale Realität erhalten bleibt. Wann immer man nun diesen Bereich verlässt, die sozialen und sinnlichen Stimulan-
zien, dann kommt es zu Entzugserscheinungen. Die Menschen geraten in Panik, weil sie sich auf eine andere Ebene
der Realität hinbewegen.
(Timothy Leary: Politik der Ekstase, Hamburg 1970)

S ich auf „eine andere Ebene der Realität hinbewe-


gen“ ist gleichzeitig eine einschneidende Verände-
rung des Sich-Bewegenden. Die Panik und die Ekstase
Der Entzug von Sinneseindrücken kann aber auch
als Qual erlebt werden. Die inhaftierten Mitglieder
der Baader-Meinhof-Gruppe wurden dadurch gefol-
der Versuchspersonen im geschilderten Experiment tert – sie erlebten die Isolationshaft als Folter, und
ist die Panik und die Ekstase von Tod und Geburt. so war es wohl auch von ihren Peinigern gemeint.
Das, wofür sich ein Mensch hält, kann nicht auf eine Obwohl sie nicht an die Wahrheit und Richtigkeit der
„andere Ebene der Realität“ gelangen, weil ein Mensch politischen und sozialen Realität glaubten, glaubten
nicht separiert ist von dem, was er für die Wirklich- sie doch an die Richtigkeit und Relevanz ihrer Vor-
keit hält. Was geschieht ist ein deutliches Verschieben stellung einer gerechteren Gesellschaft, in der Ausbeu-
der Trennungslinie, ein Verschieben über den Punkt tung nicht zum guten Ton gehört, und sie waren nicht
hinaus, bis zu dem sich Geschehnisse einbauen lassen fähig, ihr Ego hinzugeben, als man sie dazu zwingen
in das bisher bekannte System der Realitätsvorstellung. wollte. Durchbrüche lassen sich nicht erzwingen: Man
Die Annahme einer Kontinuität des erinnerten Ich soll die Haut nicht von der Schlange reißen. Natür-
lässt sich dabei nicht länger aufrechterhalten. Möchte lich war auch gar kein Durchbruch beabsichtigt, nur
man daran festhalten, ist Panik die Folge, weil das Vernichtung: „Weg mit den Terroristen!“ versus „Weg
nicht gelingen kann, wenn die Wahrnehmung zu mit diesem Staat!“ Aber für wirkliche Veränderungen
fremd wird. muss sich alles verändern dürfen – das Außen ebenso
Der Zusammenbruch der für sicher und fest wie das Innen. Man kann nicht eines behalten und am
gehaltenen Wirklichkeit ist entsetzlich für Menschen, anderen arbeiten.
die an die Vorstellung der Welt, die ihnen vermittelt
worden ist, selbstverständlich und ohne einen Zweifel Eine Möglichkeit, die Freude am Zusammenbruch
geglaubt haben. Wer nicht den Verdacht hatte, dass der Realitätsformen zu erleben, ist der Samadhi-Tank
alles nur Betrug ist, was ihm als Wahrheit durch sein (auch „Isolationstank“ genannt) des wundervollen,
soziales Umfeld angeboten wurde, ist nicht reif für amerikanischen Psychiaters John C. Lilly („Hans im
eine andere Wirklichkeit. Diejenigen, die die vermit- Glück“, wie ihn einer meiner Söhne einmal nannte).
telte Realität für uninteressant, banal oder schrecklich, Der Samadhi-Tank ist eines der wirksamsten Mit-
mit einem Wort für unwahr hielten, erleben den Tod tel, die selbstgeschaffenen Gefängnisse des Geistes
dieser Realität (und ihrer eigenen Ich–Vorstellung!) („Wirklichkeiten“) zu durchbrechen und die ekstati-
naturgemäß ekstatisch. sche Wahrheit als Formlosigkeit zu sein.

– 10 –
Wie eine befruchtete Eizelle, die sich noch nicht in aufrecht erhalten werden zu können. Nur ist diese
die Gebärmutterwand eingenistet hat, ist man und ist Unterstützung routinehaft, also nichts Besonderes und
man gleichzeitig auch wieder nicht – sicher nicht so, wird daher nicht als Voraussetzung für die gewohnte
wie man ein paar Stunden zuvor trotz aller Bedenken Wirklichkeit erkannt. Jeder, der einen Versuch wagen
überzeugt war zu sein. Nicht nur andere Realitäten, will, kann feststellen, dass sich die Welt ändert, wenn
fremde Wirklichkeiten, werden im Samadhi-Tank sich die Routine ändert. Durch das Kennenlernen ver-
erlebt, er führt Sie jenseits der Realitäten, wenn schiedener Bewusstseinszustände werden sie zum ers-
Sie es zulassen. Jenseits der Dinghaftigkeit, jenseits ten Mal als solche erkannt, das bedeutet, man versteht
der Rationalisierungen und Objektivierungen, jen- jetzt, dass das, was man bisher Bewusstsein nannte, gar
seits der Wahrnehmungen, also jenseits der Subjekt- nicht Bewusstsein selbst ist, sondern nur ein Zustand,
Objekt–Dualität. Er trägt seinen Namen zurecht: Mit eine Art, eine Form des Bewusstseins.
Leichtigkeit und Sanftheit erscheint Gedankenlosig- Diese Erkenntnis darf nicht geringgeschätzt werden,
keit: ein Geist ohne Gedanken, ein reiner Geist. Das denn erst mit ihr erscheint die Möglichkeit, dass der
ist wertvoller als noch so erschütternde Visionen: Die Tod kein vollständiges Ende, sondern Wandlung ist.
vollständige Abwesenheit zu sein ist eine ungeheure Wenn ich nämlich verschiedene Wirklichkeiten erle-
Erleichterung und Befreiung! ben kann, so bin ich nicht auf eine davon beschränkt;
der Tod der körperlichen Form muss damit nicht mehr

D er Tank ist ein schall- und lichtundurchlässiger


Kasten, gefüllt mit einer Salzlösung, in der der
Adept treibt. Die Temperatur der Lösung und der Luft
zwangsläufig auch mein Tod sein, ausgenommen ich
halte mich trotzdem weiterhin für meinen Körper
und körperhafte Wirklichkeit für das wahre, das ein-
im Tank wird so geregelt, dass es keine Empfindung zige Sein. Das bedeutet die Chance zu verpassen und
der Körpergrenzen gibt. Der Entzug der Sinnesreize zurück in den gewohnten Schoß der Angst zu fliehen.
ist fast vollständig. Es dauert nicht lange, und die Wenn ich mich aber frage, wer es ist, der bewusst ist,
Maske der Persönlichkeit hat sich so gelockert, dass wer es ist, der alle Wirklichkeiten erlebt, dann findet
kein Zweifel mehr daran bestehen kann, dass es sich eine fortschreitende Erweiterung statt, die der ego-
um eine Maske handelt. Sie kann abgelegt werden. istischen Engstirnigkeit und damit der Lebens- und
Der Körper kann nicht weiter wahrgenommen wer- Todesangst die Grundlage entzieht.
den, wenn man nicht absichtlich an die Innenwände
des Tanks stößt; ob er trotzdem bestehen bleibt, wer- Natürlich gibt es andere Mittel, die Nicht–Erfah-
den wir nie wissen. Castañedas Don Juan würde sagen, rung zu erleichtern, der Samadhi-Tank bietet aber eini-
das hängt von der persönlichen Kraft eines etwaigen ge Vorteile: Er ist immens wirksam, ohne brutal oder
Beobachters ab. unbarmherzig zu sein. Er wirkt schnell und zuverlässig.
So fliegt das befreite Bewusstsein im leeren Raum Er lässt sehr klar erkennen, dass nichts hinzugegeben
der Seligkeit umher und ist neu und glücklich. Was werden muss, um alles zu erlangen. Er stellt keine
sich am längsten halten kann, sind Gedanken. Aber körperliche Belastung dar, im Gegenteil: Die nebenbei
auch ihre Belanglosigkeit angesichts der Unermeß- auftretende körperliche Entspannung ist sehr tief und
lichkeit ist derart auffällig, dass bald auch diese Ich- heilsam. Er ist nicht illegal wie bewusstseinsbefreiende
Gefühl-Reste verschwinden. Dann ist nichts mehr Drogen, die zwar die Fähigkeit haben, die rigide Rea-
und niemand, der es erkennen könnte. lität des Durchschnittsmenschen aufzubrechen, das
Es gibt keinerlei Erinnerung an diese Auflösung aber durch ungewohnte Wahrnehmungen erreichen
aller Zustände, aber das völlig überwältigende Erstau- und daher die Formhaftigkeit an sich nicht zerstören
nen danach, die zitternde Herrlichkeit der Welt beim können.
Heraustreten aus der Leere offenbart die Täuschung,
die Voraussetzung für jede Realität ist. Nie wieder (Das soll nicht heißen, dass alle „Drogen“ schlecht
kann man an die Wirklichkeit der Wirklichkeit so seien, aber man muss lernen zu unterscheiden. Es ist
naiv glauben wie vorher. Man sieht also, dass sie nicht unverantwortlich und verheerend, alle derzeit illega-
so fest und sicher ist, wie man immer geglaubt hat len Drogen in einen Topf zu werfen. Es gibt darunter
und bekommt eine Ahnung davon, dass Wirklich- zerstörerische und versklavende wie z.B. Heroin, und
keit ein anderes Wort für Bewusstseinszustand ist. es gibt welche, die nicht suchterzeugend sind und den
Wer nun einwendet, dass nur das Alltagsbewusstsein Geist von Menschen, die sie in ehrfurchtsvoller Weise
echt und wahr sein kann, weil alles andere besondere gebrauchen, öffnen können.
Maßnahmen erfordert, vergisst dabei, dass das All- Am wichtigsten ist dabei die Absicht des Benutzers,
tagsbewusstsein ständige Unterstützung braucht, um die stark, mutig und voll guten Willens sein muss.

– 11 –
Gefährlich bleibt trotz allem jeder schnelle Verlust der dung von „Drogen“ gegeben haben (z.B. John C. Lilly:
gewohnten Grenzen der Wahrnehmung – sehr gefähr- „Das Zentrum des Zyklons“).
lich! Wer Vergnügen und Unterhaltung sucht, indem Der Tank ist das beste Mittel, das ich kenne, Wahre
er mit seinem Geist experimentiert, ist ein Narr! Meditation zu erreichen. Natürlich braucht Meditati-
Und doch sind diese Substanzen unsere Verbünde- on keine Hilfsmittel, aber um das zu erkennen, ist er
ten in einer dumpfen, materialistischen Trivial„kultur“, sehr hilfreich. Man kann jahrelang „meditieren“ und
wie der unseren. Für so manchen hilft vielleicht nichts sich dabei alles mögliche vormachen; der Tank nimmt
anderes mehr, um seiner erstickenden Programmie- einem wie der Guru alle Ausflüchte. Das Nicht-Sein
rung zu entkommen, und des öfteren glaube ich von Guru und Samadhi-Tank „führen“ zum Nicht-
sogar, dass manche Leute verpflichtet wären, ein paar Sein des Adepten, der damit erkennt, dass er Es selbst
grundlegende Erfahrungen zu machen ( zum Beispiel ist, genauso wie alles „Andere“.
mit Heiligen Pilzen oder LSD), wenn sie glauben,
sie dürften sich das Recht nehmen, über die geistige Vielleicht wäre es richtiger zu sagen, dass er aus
Gesundheit ihrer Mitmenschen zu urteilen. Ihm kommt, ebenso wie alles „andere“. Dieses Her-
Wie auch immer, ohne das Sakrament des Lyserg- auskommen ist aber nicht ein für allemal geschehen,
säurediäthylamid wäre die Offenheit für neue Räume die Schöpfung passiert ununterbrochen. Außerdem
der Erfahrung im Westen vielleicht nicht möglich ist das, was „herauskommt“, und das, aus dem es
geworden. Die psychedelischen Pioniere haben neues herauskommt, ein und dasselbe: „Ich und der Vater
Land eröffnet, und wir alle profitieren davon! Lange sind eins!“
noch wäre die Weisheit des Ostens verlacht worden, In Gedanken findet dann so etwas wie eine Abson-
hätte es nicht die mutigen Frauen und Männer gege- derung statt, das heißt, dass bestimmte „Bestandteile“
ben, die bereit waren, ihre Sicherheiten hinzugeben der Unendlichkeit zu einem Ding gemacht werden
für das Unbekannte und plötzlich feststellten, dass eben im Akt der Wahrnehmung, daher ein anderes
ihnen nichts Neues widerfuhr; die sich plötzlich Ding – wenn auch noch immer unendlich groß –
wiederfanden in jahrtausendealten Schriften über die überbleibt und drittens die Idee eines Ich entsteht, das
Erforschung des Bewusstseins, und die eine Brücke diesen Vorgang erkennt.
schlagen konnten für ihre unwissenden Mitmen- Das Ich ist ein Produkt dieses Aktes der Tren-
schen. – nung! Das zu erkennen oder besser noch zu erfahren,
Was ich aber noch warnend sagen will, ist, dass bedeutet zu wissen, dass kein Unterschied zwischen
es in Zeiten der Offenheit und Verletzbarkeit, wie all den Dingen besteht und kein Unterschied zwi-
sie „Drogen“erfahrungen zweifellos sind, nicht hilf- schen mir und all den Dingen. Daher kann gesagt
reich ist, sich der Aufmerksamkeit und gewalttätigen werden, dass „in Wahrheit nie irgendetwas geschehen
Dummheit der Gesetzgeber beziehungsweise ihrer ist.“ Es gibt in Wahrheit keine Schöpfung und keinen
Handlanger auszusetzen, wenn es nicht unbedingt Schöpfer, kein Ich und keine Welt; alles ist Eines. All
sein muss. Deren Angst vor Bewusstseinserweiterung diese Konstrukte von separaten Objekten durch Form
ist berechtigt; nichts entlarvt ihre Beschränktheit und (Abgrenzung) und Name (Symbol) sind ebenfalls die-
Lächerlichkeit gründlicher!) ses Eine. Da es aber nichts außerhalb dieses Einen gibt,
weder das Eine, noch etwas darüber hinaus vorgestellt

A lles, was man aber für den Tank braucht, ist die werden kann – jede Vorstellung wäre ja automatisch
Bereitschaft zur Hingabe, Vertrauen in die grund- der Schritt in die Dualität – kann nichteinmal von
legende Freundlichkeit der Existenz, ein bißchen Zeit „Einem“ gesprochen werden. Der Begriff „Eins“ hat
und die Gelegenheit, einen Samadhi-Tank benutzen nur dort Bedeutung, wo es ein Zweites gibt.
zu dürfen. Und das Wichtigste, wie bei allen freiwil-
ligen Bewusstseinserweiterungsexperimenten: Warten Keiner bleibt um zu sehen
können bis man sicher ist, dass die Zeit gekommen ist, Keinen ohne Sicht
ohne inneren Zwang sein Leben riskieren zu können. Zwei sind eins
Ein offener, sanfter Mensch als stiller Begleiter tut gut, und eins ist keins
kann helfen, einen geschützten Raum zu schaffen und Eins allein
als Hebamme beim Wiedereintritt in die Welt der ist keins allein
Formen fungieren. Im übrigen gelten die selben Hin- Nicht einmal eins
weise, die erfahrene und wissende Autoren bezüglich Nicht einmal eins
des Sets und des Settings für Zeremonien mit Verwen-

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Wahrheit kann nicht ausgesprochen werden. Das sind, dass wir an die Grenzen des Denkens gestoßen
alles sind nur hilflose Versuche. Stillsein ist das Ergeb- sind, dass wir durch Denken niemals die Wirklichkeit
nis, wenn die Mühen des Denkens wieder einmal ergründen können! Wenn Sie vor diesen Denkunmög-
erfolglos geblieben sind und unauflösbare Paradoxien lichkeiten nicht flüchten, sondern sie „betrachten“,
am Ende stehen. Sie zeigen uns, dass es so nicht geht, ihrer gewahr bleiben, führen sie von selbst dorthin,
dass wir von falschen Voraussetzungen ausgegangen wo Wirklichkeit entsteht.

– 13 –
Trennung

A ls mich meine Frau samt den Kindern verlassen einigermaßen sinnvoll erschien, hatte ich versucht und
hat, hatte ich – nach dem ersten Erschrecken – war gescheitert. So blieb mir gar nichts mehr anderes
vorerst ein aufregendes Gefühl von Freiheit und Aben- über, als mich hinzugeben und endlich nicht mehr so
teuer. Da ich die Miete für unser Haus nicht alleine streng mit mir zu sein. Ich gab mein Selbstbild hin – es
bezahlen konnte und ich ohnehin nicht dort zurück- war nicht länger aufrechtzuerhalten, das hatte ich zur
bleiben wollte, suchte ich mir eine kleine Wohnung in Genüge versucht.
der Großstadt. Ich musste mich außerdem nach einer Niemand hatte mir wirksamen Trost verschaffen
besser bezahlten Arbeit umsehen, und hoffte, dass das können – ich war auch gar nicht bereit dazu. Es gab
in der Stadt einfacher sein würde. Auf diese Weise nur Bagatellisierungen und Ablenkungsversuche. Die
hatten sich meine Lebensumstände in kurzer Zeit Leute wollen im allgemeinen ja nicht mit der Tatsache
völlig verändert. Vom Familienvater zum Junggesellen, konfrontiert werden, dass wir alles verlieren, was uns
vom Leben auf dem Lande zurück in die Stadt, vom lieb und wert ist (und auch das, was wir hassen! Im
äußerst schlecht bezahlten Graphischen Helfer zum Ende wird jeder von uns überhaupt alles verlieren...).
noch schlechter bezahlten Arbeitslosen. Das kleine, „Professionelle Hilfe“ schien mir bloß am möglichst
schäbige Einfamilienhaus in einer Weinbaugegend reibungslosen Funktionieren der Person und ihrem
wurde zur noch kleineren Substandardwohnung in einigermaßen harmonischen Einfügen in ihre Umge-
einem Gastarbeiterbezirk, meinem „Stützpunkt“, wie bung interessiert zu sein. Ich aber wollte diese Qual
ich sie nannte. Ich war zunächst guter Dinge und wit- nicht zurechtstutzen lassen, sondern mit ihrer Wurzel
terte Morgenluft. völlig und für immer loswerden. Ich gab daher alle
Aber der Neubeginn war wohl etwas voreilig. Ein Hoffnung auf Hilfe auf.
Fehlstart sozusagen, also musste ich wieder zurück So war ich endlich zu einem Ende gekommen,
zum „Anfang“. Ich hatte die Beziehung zu meiner ohne Hoffnungen, aber auch ohne Befürchtungen. Ich
Frau nicht „zu Ende gebracht“ und begann darunter ging zwar noch zur Arbeit, aber das war mein einziger
furchtbar zu leiden. Es wurde schrecklich für mich, sozialer Kontakt. Was konnte mich denn noch mit all
abends nach getaner Arbeit in eine leere Wohnung zu jenen verbinden, die sich so verhielten, als hätten ihre
kommen, in der niemand auf mich wartete. Die Kin- Bemühungen um Sicherheit und Dauer irgendeinen
der fehlten mir immer mehr. Selbstzweifel wuchsen Sinn? Wenn ich nach Hause kam, setzte ich mich in
immer üppiger, und ich fühlte mich von Gott und eine Ecke und tat gar nichts mehr.
der Welt völlig verlassen. Mein psychischer Zustand Ich ließ einfach geschehen, was immer auch
schränkte allen freundschaftlichen Umgang nach und geschehen wollte. Jeder Zweifel, ob etwas aufrichtig
nach ein, im Beruf konnte ich mühsam eine halbwegs war oder nicht, war ebenfalls irrelevant geworden und
akzeptable Maske aufrechterhalten. Da ich mir nicht verschwunden. Meine Kriterien für richtig und falsch
zu helfen wusste, verschärfte sich dieser Zustand hatten genauso versagt, wie alles andere auch. War
immer mehr, bis ich ihn nicht mehr ertragen konnte. mir zum Heulen zumute, dann heulte ich. Hatte ich
Hunger, dann aß ich das Erstbeste, das sich mir bot;

H eute weiß ich, dass es solange gedauert hat, wie- wenn ich wütend war, dann war ich eben wütend, alles
der zurechtzukommen, weil ich so sehr darum ohne Hintergedanken und ohne Ablenkungen. Keine
gekämpft habe, zurechtzukommen. Ich konnte die Musik, keine Zeitungen, kein Radio oder Fernsehen
Trauer und die Depression dreieinhalb Jahre nicht und Kino schon gar nicht.
akzeptieren, ich forderte von mir, schneller wieder War nichts zu bemerken, geschah auch nichts;
ausgeglichen zu sein, wenn schon nicht glücklich. ich saß dann einfach still bis irgendetwas auftauchte
Ich hatte gedacht, schon „weiter zu sein“, und dass und ich zum Beispiel zur Toilette ging. Dabei tat ich
mir eine Trennung von Frau und Kindern nicht so viel überhaupt nichts; alles passierte völlig automatisch wie
anhaben könne. Erst als ich wirklich nicht mehr wei- etwa der Blutkreislauf oder die Verdauung. Dieses Ver-
ter wusste, war ich bereit aufzugeben. Alles, was mir halten (oder besser Nicht–Verhalten) war aber keines-

– 14 –
wegs beabsichtigt. Es war das, was übriggeblieben war, ohne dieses Etwas zu haben. Ich kann aber nicht Sehn-
nachdem ich als handlungsfähiger und zielstrebiger, sucht nach Zärtlichkeit haben, ohne eine Vorstellung
vernünftiger Mensch erloschen war. von Zärtlichkeit, und Vorstellung ist alles, was ich
jemals „haben“ kann. Sie ist es, die hochkommt, wenn
Nach und nach erkannte ich, dass es überhaupt ich etwas wünsche, sie ist es, die ich bemerke, wenn
kein Problem mehr gab! Ich wehrte mich gegen nichts, ich etwas bemerke.
ich unterdrückte nichts und drückte auch nichts aus. Mit anderen Worten: Wir glauben, unsere Wahr-
Jedes Handeln war beendet. Erschien beispielswei- nehmung sei echter als unsere Vorstellung von etwas
se Sehnsucht nach Zärtlichkeit, sah ich sie einfach Nicht–Wahrgenommenem. Wir wissen nicht einmal,
erscheinen. Oder besser: Erscheinen und Sehen waren dass wir das glauben, denn es erscheint uns unbestreit-
eins. Ein Gefühl festigte sich, und aus dem Wunsch bar. (Dieser illusionäre Unterschied scheint mir damals
nach Zärtlichkeit wurde Zärtlichkeit selbst. verloren gegangen zu sein.)
„Bittet, und es wird Euch gegeben werden!“ war zur
selbstverständlichen Tatsache geworden. Irgendein ins
Bewusstsein gelangtes „Problem“ war auf diese Weise
zugleich auch schon seine Lösung, etwa so, wie eine
S o sehen wir uns als mehr oder weniger unabhän-
gige Einzelwesen, unterschieden von Gott und der
Welt. Dabei sind es erst wir selbst, die diese Trennung
wirkliche, existentielle Frage ihre Beantwortung in verursachen.
sich trägt. Zuerst definiert unser Geist dieses „Ich“, und dann
hat er Sehnsucht nach etwas, das „Nicht–Ich“ ist.
Denn ein Problem ist ein Teil unseres Geistes. In Daran sind natürlich auch unsere Emotionen
ihm hat es Form und Erscheinung, durch ihn wird beteiligt. Niemand will für etwas gehalten werden, das
es wahrnehmbar. Es muss mit einer (bewussten oder er verabscheut, und jeder ist buchstäblich pausenlos
unbewussten) Vorstellung über die Wirklichkeit ver- damit beschäftigt, sich abzugrenzen, sich damit zu
bunden sein, sonst entsteht nicht die Spannung zwi- bestimmen und zu zeigen, wer er ist. Nur ein leerer
schen dem vorgestellten „Ist“ und dem vorgestelltem Geist tut das nicht, aber wer will schon ein „Hohlkopf“
„Soll“. sein?
Diese Vorstellung ist nicht die Wahrheit. (Auch Und doch haben wir alle diese Nicht–Zustände
„objektive Umstände“ sind nur eine Vorstellung, eine der völligen Reinheit zum Beispiel im Tiefschlaf, wo
Art der Wahrnehmung.) Ohne diese gibt es kein jedes noch so starke Ich verschwunden ist, kein Kör-
psychisches Leiden. Die Vorstellung erzeugt also erst per (Objekt) und keine Wahrnehmung besteht. Dann
das Problem. Eine Vorstellung ist aber genauso ein aber gibt es keinen mehr, der nichtbeschäftigt ist, alles
Gedächtnisinhalt wie jede Wahrnehmung. Sie wird „sonst“ liegt jenseits von Geist, Worten und Büchern.
aus den Erfahrungen der Vergangenheit abgeleitet.
Wir leiden an der Großen Trennung, die uns erst
Auch Wahrnehmung ist immer schon vergangen, konstituiert, weil wir wissen, dass sie nicht wahr ist
braucht Zeit. Denn auch sie ist nichts anderes als und trotzdem voller Angst an ihr festhalten, weil es
eine Bewegung in unserem Geist. Bis wir das, was uns ohne sie gar nicht gibt. Die Schmerzen durch
gerade jetzt passiert, wahrnehmen, vergeht etwas Zeit. fortgelaufene Frauen sind ein Ausdruck dieser „Erb-
Das Bemerken des Geschehens erfolgt später als das sünde“.
Geschehen. Ich habe offensichtlich geglaubt, dass die Verbin-
Selbst wenn es wahr sein sollte, dass etwas außer- dung zu „meiner Frau“ diese Urabsonderung wenigs-
halb unseres Geistes vorgegangen ist (was wir nie tens zum Teil heilen könnte, ohne mich selbst aufge-
sicher wissen werden können!), ist es zu dem Zeit- ben zu müssen. Aber: „Solange es Zwei gibt, gibt es das
punkt schon wieder vorbei, an dem wir es bemerken. Leiden“, wie Sri Poonjaji formuliert hat.
Das Jetzt kann überhaupt nicht wahrgenommen
werden! Welch eine Erleichterung aber ist es zu sterben und
Daher gibt es in Wahrheit keinen Unterschied zwi- zu erkennen, dass es keine Trennung gibt und nie gege-
schen Vorstellung und Wahrnehmung, wenn wir von ben hat. Man kann wirklich nur mehr in brüllendes
der unterschiedlichen Interpretation absehen. Gelächter über diesen unglaublichen kosmischen Witz
Den scheinbaren Unterschied erzeugt die (absurde) ausbrechen!
Idee, dass man einen Wunsch nach etwas haben kann,

– 15 –
Hochzeit

Endlich wieder daheim


ist die ganze Erde meine Geliebte

Alles und überall ist Liebe


Auch Hass ist Liebe
Leid ist nur Irrtum
und voller Liebe

Erwacht sehe ich mich um


und alles strahlt
Überall Licht
Die Finsternis jubiliert in den Farben

Jetzt tanzt ein Gott durch mich


und ich könnte weinen vor Glück

Wie lächerlich wie unwissend


ist alle Angst
und doch auch notwendig
und richtig

Alles ist in Ordnung


Die Vereinigung der Bäume wird gefeiert
Es gibt nur einen Gott
sonst nichts

– 16 –
Leistung

W er kann schon akzeptieren, dass einer nichts tut,


ist er erst einmal seinen Windeln entwachsen
und nicht gerade auf Urlaub?
ziges Zugeständnis, seine Arbeitskraft verkaufen zu
dürfen, sich in die moderne Form der Sklaverei zu
begeben.
Arbeit wird als Selbstzweck gesehen, und alle, die
tagtäglich damit ihre Zeit vergeuden, sind zu stolz Da unser tägliches Leben zu einem großen Teil
zuzugeben, dass sie sich bewusst sind, wie menschen- darin besteht, zielgerichtete Handlungen auszuführen,
unwürdig das ist. Weil sie es ( zähneknirschend?) für ist es eine unseren Geist beherrschende Gewohnheit
selbstverständlich halten, dass „man sich erst etwas geworden, unser momentanes Dasein mit Vorstel-
verdienen muss“, schauen sie jeden feindselig an, der lungen über die Zukunft zu verhüllen. Wir arbeiten
meint, dass die Tatsache, auf der Welt zu sein, genügt, nicht deshalb, weil das jetzt ein natürlicher Ausdruck
um auch ein Recht darauf zu haben. unseres Lebens ist, sondern weil wir uns davon einen
So gesehen kann ich auch Slogans wie „Damit Vorteil in der Zukunft versprechen.
sich Leistung wieder lohnt!“ verstehen: Da sich Leis- Wir sind nicht jetzt hungrig, nicht jetzt unruhig,
tung eben nicht lohnt, muss sie belohnt werden. Wir streifen nicht herum aus unserer Unruhe heraus, finden
glauben im allgemeinen, dass nur dann etwas geleistet nicht auf unseren Streifzügen Essbares und nehmen es
wurde, wenn es nicht aus einem inneren Bedürfnis zu uns. All das könnte völlig absichtslos geschehen als
heraus geschehen ist, sondern mit Überwindung Ausdruck unserer momentanen Befindlichkeit.
oder gar Unwilligkeit verbunden war. Dann glauben Erst das Denken fügt Ursache und Wirkung hinzu:
wir, dafür etwas zu verdienen. Da so etwas aber nie Weil wir hungrig sind, sind wir ruhelos und deshalb
befriedigend sein kann, werden wir immer schlecht wandern wir herum, und weil wir uns umgesehen
entlohnt. haben, haben wir zu essen gefunden. Diese Inter-
So darf auch jeder Spitzenverdiener voller Selbst- pretation erscheint logisch, ist aber in dem Moment
gerechtigkeit glauben, dass er seine Einkommen gefährlich, in dem sich das Symbol (die Vorstellung)
verdient hat – und noch mehr! Kein Wohlhabender verselbständigt und wir Tätigkeiten vorwegnehmen.
verschwendet auch nur einen Gedanken daran, dass Diese Einstellung (mehr ist es nicht) ist uns allen
er seiner Putzfrau oft nicht einmal ein Zehntel seines aber schon zur Selbstverständlichkeit geworden: Wir
eigenen Stundenlohnes gewährt. Er fühlt sich selbst fahren nicht hungrig ins Büro und haben dort das
nicht genügend gewürdigt und bedenkt nicht, dass Glück, einen tragenden Apfelbaum zu finden.
ihm niemand seine verlorene Zeit bezahlen kann. Wir tun dies, weil wir wissen, dass wir unsere
Nahrung in Zukunft nicht bezahlen können, wenn
Wenn nun andererseits etwas wirklich freiwillig wir kein Geld verdienen. Unsere Büroarbeit ist auch
geschieht, ohne irgendeinen Druck von Außen oder kein Ausdruck eines gesättigten Organismus, der Zeit
Innen, trägt es seinen Lohn in sich und muss nicht für verfeinerten Selbstausdruck hat, nachdem seine
mehr extra belohnt werden. Grundbedürfnisse befriedigt sind, sondern eine Folge
Wird einem Menschen Leben und Überleben unserer Vorstellung, unserer Angst, morgen nichts zu
gestattet, gibt es für ihn keinen Grund, sich zu ver- haben.
kaufen. Hätten wir alle unseren Platz in der Welt und In unserem komplizierten Gemeinwesen ist es
nicht nur einige Raubritter und deren Nachfahren, vielleicht schon beinahe unmöglich geworden, sei-
einfach deshalb, weil wir da sind, würde niemand mit nen Antrieben im Moment zu folgen. Vielleicht ist
Forderungen nach Leistung und ihrer Entlohnung vorausschauendes Handeln als einzige Möglichkeit
Beachtung finden. geblieben um unseren Alltag (und unsere Rechnun-
Hätte man nicht so vielen Menschen jede Lebens- gen) zu bewältigen. Es hat uns die Waschmaschine
grundlage gestohlen, bräuchten wir kein „Recht auf und den Fernsehapparat gebracht und eine neue Form
Arbeit“! Jeder hätte Gelegenheit, zu arbeiten, wann der Sklaverei.
und wo und wie er will und bräuchte kein treuher-

– 17 –
Wir sind zu Sklaven des Vorstellungsvermögens lung, kommt sie einem fast selbstverständlich vor.
geworden. Wir sind gewöhnt daran, unsere Natur zu Wiedereinmal ist Hingabe der Schlüssel. Wenn man
unterdrücken und sie der Zukunft, wie wir sie uns nie sehen konnte, dass schon immer alles Unglück
vorstellen, zu opfern. Wir alle leiden darunter, sind nur Einbildung war, ist es wohl zu viel verlangt, daran
aber auch daran gewöhnt – wir spüren die Last nicht zu glauben, dass alles Liebe ist. Wie oft ist nichts als
mehr. Nur die seltenen Zeiten der Unmittelbarkeit Scheinheiligkeit das Ergebnis solcher Voreiligkeit!
lassen uns ahnen, was spontanes Leben sein könnte. Den Kampf ums Glück aufzugeben, sich dem jetzigen
Moment hinzugeben, ist aber eine Möglichkeit, die

D ann blitzt plötzlich eine andere Art von Mensch-


sein auf. Wir leben für eine kurze Spanne direkt,
ohne uns selbst als Handelnden zu sehen. Plötzlich
uns selbst erkennen lässt. Leider müssen wir oft zuerst
am Ende unserer Kräfte angelangt sein, um wirklich
alles aufgeben zu können. Geschieht es aber, erleben
geschieht alles wie von selbst, ohne dass wir uns ein- wir, dass wir nicht uns selbst (unser Selbst), sondern
mischen müssten. Unser Denken, unser Planen und unsere Vorstellung von uns selbst aufgeben mussten.
Entscheiden ist nicht mehr im Weg, und alle Arbeit
wird leicht und befriedigend, wie viel Kraft sie auch Etwas kann nicht aufgegeben werden. Etwas war
erfordern mag. Die Hoffnung auf Erfolg treibt uns immer schon hier und kann in solchen Momenten
nicht mehr an. Da wir jetzt zufrieden sind, wird unser manchmal gefühlt werden, weil wir erkennen, dass
Leben zum Ausdruck von Zufriedenheit und nicht wir nicht verschwunden sind in unserem Verlust, wie
von Mangel. Weil wir nicht etwas für später tun müs- wir (unbewusst?) befürchteten. Verwundert erinnern
sen, macht uns auch nichts unzufrieden. wir uns daran, dass Es auch vorher hier war – schon
immer, solange wir überhaupt zurückdenken können.
Viel zu lang sind die Zeiten, in denen wir voraus- Wenn wir jetzt der Versuchung widerstehen, Es
schauend sind. Wir verlassen das Paradies der Unbe- verstehen zu wollen, das heißt Es zu einer Vorstel-
kümmertheit sofort, wenn wir versuchen, unser Glück lung (zu einem Objekt) machen zu wollen, haben wir
zu erhalten. Angst ist der Feind. Sobald wir den Ein- das Formlose Eine gefunden. Nicht „gefunden“, wir
flüsterungen der Vernunft Glauben schenken, ist es wissen (und nur das ist Wissen!): Ich bin Es! Unsere
auch schon wieder vorbei. Sobald Vorstellungen höher Ich–Vorstellung ist verschwunden und nicht ersetzt
bewertet werden als unmittelbare Erfahrung, beginnt worden. Das, was wir zu sein glaubten, ist tot. Dieses,
der Teufelskreis der Jagd nach Glück. was immer ist, wird nicht länger verhüllt. Kein Name,
keine Form kann Es jemals erfassen, kein Gedanke
„Jetzt geht es mir ja gut, aber was ist wird morgen abbilden.
sein?“ – Das ist die Versuchung.
„Das Morgen wird sich um sich selbst kümmern!“ – Es war nie „dort“, immer nur „hier“. In unserer
Das ist die Ablehnung der Fesselung. alten Gewohnheit, etwas anstreben zu wollen, etwas
leisten zu müssen, sind wir immer weggelaufen. Ewige

E wiges Glück besteht nicht in der Vorstellung,


dass es für immer bliebe, sondern im Verbleiben
in der Ewigkeit, das heißt im zeitlosen Jetzt. Kein
Glückseligkeit ist immer schon hier.
Jeder, der sein Streben vollständig abbricht, kann
diese Wahrheit finden – weil er im gleichen Moment
Abschweifen zu Erinnerungen an Mißerfolge, das uns weiß, dass er sie ist.
Angst macht, kein Ausmalen einer unglücklichen oder
glücklichen Zukunft. Leistungsfähigkeit und Leistungswille können uns
Wie merkwürdig ist es doch, dass hinter allem vielleicht Wohlstand bringen, wenn die Umstände
Geschehen immer Glück steht! Wir können es nicht günstig sind. Frieden werden sie uns aber nie geben
sehen, wenn wir auf Interpretation und Widerstand können. Erst wenn jede Forderung rigoros zurück-
gegen das vermeintliche Unglück bestehen. gewiesen wird (auch und vor allem unsere eigenen),
„Widersteht dem Bösen nicht!“, habe ich einmal finden wir, dass wir Frieden sind.
gelesen. Erfährt man die Bedeutung dieser Empfeh-

– 18 –
GEBRAUCHSANWEISUNG

1) Finden Sie die Ursprüngliche Reinheit.

2) Gelingt das nicht, erkennen Sie Ihre Unreinheit an und weh-


ren Sie sich nicht gegen sie.

2.1) Gelingt auch das nicht, machen Sie einfach weiter wie bis-
her. (Mit steigendem Leidensdruck wird vieles klarer.)

3) Beachten Sie, dass Sie Ihre Unreinheit wahrnehmen und


daher mit ihr nicht ident sein können.

4) Falls Sie weitere Anweisungen benötigen: Wiederholen Sie


die Schritte 1) bis 4).

– 19 –
Sehnsucht
Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

(Rainer Maria Rilke, Von der Pilgerschaft)

S ehnsucht ist ein weißes Blatt Papier, das du


anstarrst, bis es sich entzündet an deinem Herzen
und dich verbrennt.
und zu ertragen, und es braucht viel mehr als Vernunft,
wenn sie gelebt und nicht unterdrückt werden soll.
Sehnsucht entsteht aus einem Gefühl der Tren-
nung: Ein individuelles Wesen verlangt nach einem
Sehnsucht ist manchmal wie ein loderndes Feuer, begehrenswerten Objekt; Ich und Objekt werden also
manchmal wie eine stille Glut unter einem Berg von als zwei erlebt. Jede Sehnsucht aber ist die Eine Sehn-
Asche. sucht nach Aufhebung der Trennung zwischen uns
Sehnsucht ist wild und schnell oder zart und wär- und dem restlichen Universum, wenn wir uns auch
mend, aber immer werden Sie verbrannt bis nichts meistens mit viel weniger begnügen.
mehr bleibt.
Sie ist der Ruf des Selbst nach dem Selbst. Der Ruf Nur wenn wir nicht nach einem Objekt verlangen,
nach Freiheit von sich selbst. sei es ein Ding, ein anderer Mensch oder eine bloße
Vorstellung wie Macht oder Erfolg, kann sie vollstän-
Sehnsucht ist anders als jedes andere Verlan- dig erfüllt werden. So endet sie in ewiger Glückse-
gen – sie macht mich kleiner, nicht größer, und doch ligkeit, die nicht gestört werden kann, weil sie keine
bedeutet sie Öffnung und Weite. Dieses Verlangen Ursache hat. Beziehen wir uns nicht auf ein Objekt,
verlangt nach nichts, nur nach immer weiterem Opfer bleiben wir zurück als das, was wir schon immer waren,
seiner selbst. Es hat kein Ziel, weil es kein Ziel gibt, bloß verschleiert durch unsere Konzepte, Wünsche
das von uns getrennt wäre und angestrebt werden und Hoffnungen: Das woraus sich alles erhebt, in
könnte. Sehnsucht selbst ist das Ziel, das uns mindert dem alles ruht und zu dem alles zurückkehrt (und das
statt mehrt. Keine Anstrengung kann sie erfüllen und nie verlassen wurde!).
keine Ablenkung kann sie auslöschen.
Jeder Wunsch ist in Wahrheit der unbewusste
Natürlich spreche ich von der Großen, Ewigen Wunsch nach endgültiger, dauerhafter Erlösung. Weiß
Sehnsucht. Kleine Sehnsüchte können erfüllt werden, man das, gibt man sich nicht mehr mit Ersatzbefriedi-
allerdings nur, um nach einem kurzen Moment des gungen zufrieden. Erst wenn die grundlegende Verstri-
Glücks sofort Nachwuchs zu bekommen; bald schon ckung entdeckt oder zumindest erahnt wird, entsteht
entsteht erneut ein Gefühl der Unvollständigkeit. die Sehnsucht, das individuelle Gefängnis zu verlassen.
Ich meine den Wunsch nach ewigem Glück, abso- Dann sind wir nicht mehr daran interessiert, unsere
luter Freiheit, erfüllender, nie endender Liebe. Das Zelle wohnlicher zu gestalten, sondern wir beginnen
ist nichts für vernünftige Leute. Jeder halbwegs intel- mit der Vorstellung eines Ausbruches zu spielen.
ligente Mensch wird mir sofort zeigen, dass es kein Fühle ich mich gebunden, ist Sehnsucht das sine
ewiges Glück gibt, und dass jede Liebe enden muss. qua non der Erlösung. Wer nicht den Wunsch nach
Es erfordert Mut, die Große Sehnsucht zu erkennen Erlösung hat, kann auch nicht erlöst werden. Um die-

– 20 –
sen Wunsch zu haben, muss man erkannt haben, dass Der Durchschnittsmensch hingegen gleicht einem
man gebunden ist. – eingepferchtem Tier, das noch nie bis zum Gatter
vorgedrungen ist und daher völlig verständnislos die
So werden wir viele unserer Annahmen aufgeben Berichte seiner Leidensgenossen hört, die von Begren-
müssen, wenn sie uns nicht am Leben des Zieles hin- zung und Gefangennahme sprechen. Weil er noch nie
dern sollen. Jedesmal, wenn etwas geschieht, das die weit genug gegangen ist, weiß er nicht, dass er im
Absolute Freiheit zu stören scheint – ein Herzinfarkt Käfig sitzt.
zum Beispiel –, stehen wir vor der Herausforderung,
unsere Vorstellung von Absoluter Freiheit wiederein-
mal aufzugeben, konkret die Vorstellung, dass wir
nicht völlig frei sein und gleichzeitig einen Herzin-
W orin besteht nun ein erfolgreicher Ausbruch?
Natürlich darin, das Gefängnis genau zu unter-
suchen und dann an der schwächsten Stelle anzusetzen
farkt haben können. und es zu überwinden.
Anders als bei Zellen aus Stahl und Stein kann uns
Sie sehen schon: Man muss dazu bereit sein, sein niemand daran hindern zu gehen, wenn wir das wollen
Leben aufzugeben für die große Freiheit. Alles muss und erkannt haben, was wir verlassen wollen! Wenn
in diesem Feuer verbrennen, andernfalls bleibt nur wir verstehen, dass das Verlangen nach Objekten
Zynismus und Resignation – wie die verfallenen unseren Kerker bildet, wissen wir, dass das Beenden
Baumhäuser entlang des Bahndammes. Die Bereit- des Verlangens ihn verschwinden lässt. Nach etlichen
schaft für völlig verrückt gehalten zu werden – mit Versuchen unsere Wünsche zu unterdrücken, werden
allen Konsequenzen, die das in unserer uniformierten wir bemerken, dass es so nicht klappt, weil der Wunsch
Gesellschaft hat – muss da sein. nach Wunschlosigkeit auch ein Wunsch ist, oder
Andererseits hat diese Letzte Sehnsucht auch etwas anders ausgedrückt: Nicht-zu-wollen ist auch Wollen.
Lächerliches an sich bei aller Tragik; vielleicht wie ein Es gibt jedoch eine dritte Möglichkeit jenseits
Ertrinkender, der nach Wasser schreit. In unserem von Anstreben und Unterdrücken: Wir können alles,
Fall weiß der Unglückliche aber nicht, dass er ertrinkt. was in unserem Geist aufsteigt, in Ruhe lassen. Wir
Er weiß nur, dass es ihm an den Kragen geht. Seine können uns nicht einmischen. „Tun“ wir das, ohne
Interpretation des Bedrohenden ist das Lächerliche in die geringste Anstrengung, ohne einen Versuch etwas
diesem Beispiel. Er schreit nach dem, wovon er sowie- niederzuhalten oder es zu verwirklichen, kommt alles
so im Überfluss hat. Er hat aber immerhin verstanden, zu seinem natürlichen Ende ohne Umweg.
dass seine Existenz bedroht ist, korrekter: Das, wofür
er sich hält, ist in größter Gefahr. Wir aber sind bereits zu Ende gekommen. Wir
Ein Mensch, der nach Gott ruft, muss diese sind, wie schon seit ewigen Zeiten, fest und unverän-
Lächerlichkeit in Kauf nehmen! Anders, als der derlich.
Durchschnittsmensch weiß er, dass er hilflos ist. Und Muss sich der Ozean um die Wellen auf seiner
das weiß er nicht deshalb, weil er einen besonders Oberfläche kümmern? Würde es helfen, wenn er sich
schwachen, labilen Charakter hat, sondern weil er Sorgen machen würde um den Bestand, die Form
sich nicht so leicht mit Beschwichtigungen und Täu- oder die Existenzberechtigung seiner Wellen? Könnte
schungen zufrieden gibt. er ihnen helfen bei der Suche nach Selbstverwirkli-
Das Paradox (?) besteht in seinem zwiespältigen chung? – Er weiß, dass sie alle nichts anderes sind als
Antrieb: Er möchte Gott finden (oder Erleuchtung, er selbst!
Liebe, Frieden, Freiheit, Wahrheit,…). Er möchte, so
wie er ist, Befreiung, Erlösung erlangen und hält sich So ist auch das trotzige Fordern des Rilke-Gedich-
dabei für gebunden und unvollkommen. Das Wunder tes am Kapitelanfang unnötig geworden, weil alle
soll zu ihm kommen wie irgendein Ding aus dem Formen, jeder Name und jede Einzelexistenz, die auf
Versandkatalog. Und doch hat er eine Ahnung davon, die Idee kommen könnte, einen Gott anzuflehen, ein
dass er es ist, der allem im Weg steht und deshalb hat belangloses, illusionäres Konzept des (an Objekte)
er (Todes-)Angst vor seinem Gott! gebundenen Geistes ist. Wenn Sie wirklich Sehnsucht
nach Wahrheit haben, hören Sie einfach auf damit!
„Ist dir klar, dass, um das Ziel zu erreichen, du niemals
das Ziel erreichen kannst?“ Es gibt nur einen Gott – sonst nichts!

(Baba Ram Dass)

– 21 –
„…bis dass der Tod uns vereint.“

N ichts in der Welt geschieht ein für allemal. Man- Was also begann als Versuch, das Ego zu vergrö-
che Leute heiraten einen ihnen lieben und wert- ßern, wird zur Ahnung, dass ich mich selbst beschrän-
vollen Menschen und versprechen: „…bis dass der ke, wenn ich mich nicht meiner Liebe hingebe. Das
Tod uns scheidet.“ Sie glauben sich miteinander ver- erfordert den Tod des Egos. Liebe ist nämlich weder
bunden, aber dann müssen Sie eines Tages erkennen, etwas Abgedroschenes, noch etwas Süßliches. Sie ist
dass sie nicht wirklich eins geworden sind, wie sie im die furchtbare Herausforderung, im anderen zu ver-
ersten Überschwang gedacht hatten. Sie sind bereits schwinden, aufzuhören jemand einzelner zu sein, um
geschieden, schlimmer noch, es fühlt sich so an, als in ihr zu vergehen. Um in der Liebe zu vergehen, nicht
wären sie immer zwei gewesen, auch in ihren Verei- im Egoismus des Partners oder im eigenen. Keine
nigungen. Sie meinen jetzt, sich vielleicht gegenseitig „Klammeraffen“ und keine „Jungdynamiker“ können
unterstützt zu haben, wie sie ja auch gelobt hatten, bestehen bleiben.
aber nicht für immer vereint geblieben zu sein. Nicht wenn wir jemanden gefunden haben, von
dem wir glauben, ihn lieben zu können, sondern
In der Welt der Objekte, in der alltäglichen Welt wenn wir uns bereithalten für die Liebe, kann Ver-
bedeutet „Liebe“, Verlangen nach jemanden zu haben, schmelzung geschehen. Wenn ich nicht wichtig bin,
sich jemanden einverleiben zu wollen, ihn (oder sie) wenn auch der Geliebte nicht wichtig ist, wenn nur
zu seinem Besitz hinzuzunehmen, also das, was zu Liebe wichtig ist, dann kann es kein Hindernis geben.
mir gehört, zu vermehren, mich selbst oder zumin- Mit einem geliebten Menschen kann ich nicht ständig
dest mein Gefühl der Verbundenheit auszudehnen. vollkommen verbunden sein, aber in Liebe aufgehen,
Anfangs wollen wir natürlich, dass ein anderer das kann immer geschehen.
Mensch so ist, wie wir uns das vorstellen, und dass wir So werden aus zwei Menschen, die aufeinander
das bekommen, was wir uns schon immer gewünscht fixiert sind, wie sie vorher auf die eigene Person fixiert
haben. Dann bekommen wir es, aber es bleibt nicht waren, Verbündete, die sich immer mehr der gesam-
bestehen, und wir fragen uns: „Was jetzt?“ ten Existenz öffnen bis es weder „mich“ noch „dich“
Wenn wir aufmerksam waren, haben wir gesehen, noch „uns“ gibt, sondern nur mehr die Liebe, die alles
dass wir bereit waren, uns selbst hinzugeben und in umfasst. Dabei haben nicht wir sie gefunden: Sie hat
dieser Bereitschaft angenommen und geborgen gefühlt uns letztendlich verschlungen. Sie allein ist, wir sind
haben. Es war uns leichtgefallen, uns auszuliefern und vergangen.
verletzlich zu machen. Da war ein Geschmack von Erst wird aus dem Geliebten die ganze Welt, und
Verbindung und vielleicht sogar eine Ahnung davon, dann das Tor zur Transzendenz, das alles verschlingt.
dass wir uns die meiste Zeit selbst im Weg stehen. Deshalb macht Liebe so große Angst, solange es noch
Vielleicht war es uns vergönnt zu erkennen, dass wir jemanden gibt, der liebt.
selbst es sind, die Liebe verhindern, dass nicht geliebt Ist jeder Gedanke an einen Liebenden, an einen
zu werden bedeutsam ist, sondern zu lieben. Geliebten, ja sogar an Liebe verschwunden, so ist
alles zu Ende; kein Etwas bleibt, das getrennt werden
Da ich einen Menschen nicht so besitzen kann wie könnte. Niemand besteht mehr auf seine Idee von sich
zum Beispiel meine Kleider, bleibt immer ein Gefühl selbst oder auf seine Besonderheit, das Ego ist gestor-
der Ungewissheit und des Geheimnisses. Immer ben und mit ihm die Vereinzelung, die Einsamkeit und
schwingt etwas jenseits des Besitzergreifens mit, etwas die Konkurrenz. Es bleibt Liebe über, die schon die
nicht Fassbares, etwas, das mir nicht gehören kann. ganze Zeit hier war, versteckt hinter Vorsicht, Angst,
Werde ich darauf aufmerksam, kann ich vielleicht Verletztheit und Zynismus. Das kleine, einsame, ängst-
auch erkennen, dass das ersehnte Gefühl der Verbun- liche, aggressive, auf den eigenen Vorteil bedachte Ich
denheit dann stärker wird, wenn ich mich öffne, mich ist tot, und das bedeutet Einheit. Solange aber auch
hingebe. nur die Idee einer Verbindung oder Beziehung da ist,
solange gibt es Angst und Leid.

– 22 –
Vollständig erkennen, dass es nur Eines gibt, lässt Die Identifikation mit einem Körper, einer Person, das
keinen Zweifel über, ob und wer wen liebt oder nicht. vorgestellte, für konstant gehaltene Ich erfordert Tren-
Kein Ich, kein Du, es bleibt Liebe allein. Das schließt nung, um bestehen zu können. Stirbt sie, bleibt Ein-
alles Wahrnehmbare und alles Denkbare mit ein, heit. Der Tod beendet nur die Illusion von einem auto-
nichts kann mehr ausgeschlossen werden. Der Partner nomen Wesen. Wenn eine „Liebes“beziehung zwischen
war nur ein Trick des Universums, uns heimzuholen. Zweien imaginiert wurde, ist es natürlich schmerzhaft,
wenn einer wegfällt. Besser ist, diese Illusion wird vor-
Erkennt man den Tod als die einzig wahre Liebe, ist her durchschaut, dann kann es keine Angst vor Tod,
alles gut. Trennung, Liebe oder sonst etwas geben.

Der Tod kann uns nicht scheiden, wie wir in


Wahrheit auch noch nie voneinander getrennt waren.

– 23 –
Übungen

I ch bin ein undisziplinierter Mensch. Für die, die


mich kennen, mag es anders erscheinen. Ich bin
pünktlicher als üblich, ich halte meine Vereinbarun-
Heute sehe ich die Sache etwas anders. Es besteht
kein wie immer gearteter Grund weiterzukommen.
„Weiterkommen“ erscheint mir als „Fortschritt“ im
gen ein, ich bin nicht launenhaft und ich borge mir Sinne von „Vom–Ursprung–wegschreiten“, und daran
Bücher oder CD’s nicht so lange, bis der Besitzer nicht verliere ich immer mehr das Interesse. Jetzt bin ich
mehr weiß, wem er sie geborgt hat. dankbar dafür, dass ich mich nicht durch Übungen
Ich bin aber undiszipliniert, wenn es um Dinge auf Ziele fixiert habe. Geht’s auf ’s Ganze, muss man
geht, die mir sehr wichtig sind. Vielleicht glaube ich, für alles offen sein.
dass sie mir zu wichtig sind, um sich nach bloßen Vor- Wenn Sie, lieber Leser, etwas erreichen wollen, z.B.
schriften oder Plänen von gestern zu richten. das Doktorat der Medizin, lässt sich diese Haltung
So bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten, nicht empfehlen. Ich habe es folglich auch zu nichts
nicht weil mir das Christentum so unwichtig war, Bemerkenswertem gebracht. Aber wenn Sie Erleuch-
sondern weil ich es ernster genommen habe, als das tung oder Befreiung suchen, dann kann ich wirklich
verlangt wurde und erwünscht war. Eine Religions- nicht sehen, was Sie üben sollten.
gemeinschaft der Hingabe und Liebe, die sogar ihre
Feinde einschließen soll, konnte ich nicht akzeptieren, Erleuchtung ist kein Ding, das sich erkennen und
wenn sie nicht entschlossen gegen jede Form von erlernen oder finden lässt; sie findet Sie, wenn Sie ver-
Gewalt auftrat. Und zwar nicht nur gegen Gewalt von schwunden sind!
Unterdrückten gegen ihre Peiniger (damit tut sich Üben ist in diesem Falle kontraproduktiv. Was kön-
die katholische Kirche schon fast verdächtig leicht), nen Sie schon tun, um frei zu sein? Ich meine wirklich
sondern auch gegen jede Staatsgewalt. Das Auftreten frei, ohne jede Einschränkung!
eines Militärpfarrers während meines Präsenzdiens- Wenn Sie etwas tun müssten, um frei zu sein,
tes, der seinen Körper in die Uniform der Soldaten wäre das eine Bedingung. Eine Bedingung ist eine
gehüllt hatte und ein verschämtes Kreuzchen statt der Einschränkung. Wenn Sie sich nur in begüterten Ver-
üblichen Rangabzeichen trug, gab mir (oder vielmehr hältnissen ohne Frau (oder Mann) und ohne Kinder
meinem Religionsbekenntnis) den Rest. Was ist schon frei fühlen, gibt es etwas, das diesem Gefühl ein Ende
ein bedauernswerter, in seine Ministranten verliebter setzen könnte. Wenn es diese absolute Freiheit gibt, so
Priester, über den jeder herfällt, wenn das ruchbar muss sie außerdem schon jetzt dasein; müsste sie erst
wird, gegen einen Militärpfarrer? Das ist wahre Heu- entstehen, dann könnte sie ebenso wieder vergehen.
chelei, das ist wirklich Perversion! So dachte ich. Damit wäre sie der Zeit unterworfen, eine weitere
Na, und dann fand ich heraus, dass mir vorehe- Beschränkung.
licher Geschlechtsverkehr durchaus gut bekam. Was Seit Jahrtausenden wird uns versichert, dass sie
sollte ich also bei einem Verein mit derartigen Statu- existiert und dass sie das Einzige ist, das in Wahrheit
ten? existiert. Es wurde und wird unermüdlich darauf
Ich ließ mir schon etwas sagen, aber bei Themen, hingewiesen, dass wir sie nur deshalb nicht erkennen,
woran mein Herz hing, bestand ich auf eigene Erfah- weil wir sie ständig verschleiern. Unser Verlangen nach
rung. Und bei Differenzen mit der Lehrmeinung ver- Erlebnissen, nach Erfahrungen verbirgt den Ursprung
traute ich meistens auf das eigene Erleben. der Erfahrung, des Erfahrenden und des Erfahrens.
Lange Zeit glaubte ich, dass meine Undiszipliniert- Irgendwelche Übungen zu verrichten, um frei zu
heit ein Hindernis wäre. Ich habe immer „spirituelle werden, unterliegt dem selben Irrtum, wie sich zu
Übungen“ (freiwillig gewählte!) abgebrochen, sobald diesem Zweck „Sinnenfreuden“ hinzugeben. Hinter
sie zu wirken begannen oder zu langweilig wurden. beiden steht das Ego (das „Ich will!“) und bestärkt
„So werde ich nie weiterkommen!“, dachte ich. Aber es sich dadurch, ja, erzeugt sich sogar gerade dadurch
fühlte sich einfach nicht richtig an, weiterzumachen. von Neuem.

– 24 –
Wenn uns gesagt wird, dass wir unsere wahre kommt und geht. Man entwickelt Unterscheidungs-
Natur, welche absolute Freiheit ist, verbergen und vermögen und erfährt ganz deutlich das ewig Unver-
wenn wir diese Aussage überhaupt als Wahrheit in änderliche, das dauernd Anwesende.
Erwägung ziehen, dann schließen die meisten daraus, Es ist so vetraut, so bekannt, „näher als dein eige-
dass sie unrein sind und daher der Reinigung bedür- ner Atem“ (Papaji), gerade deshalb wird es so leicht
fen. So kommt es zu all den zahllosen Übungen, die übersehen. Und es hat eben keine Eigenschaften, die es
Millionen von Menschen auf der ganzen Welt verrich- unterscheiden, die es identifizierbar machen. Es wird
ten, um Gott zu erkennen, das Nirvana zu erlangen, nicht erkannt, noch nicht einmal erfahren; es erkennt,
Freiheit, Wahrheit und Liebe zu finden oder wie sie es erfährt, es nimmt wahr. Ist alles still, bleibt es über.
das Geheimnis sonst noch benannt haben. Das ist ein gesegneter Moment! Was für eine große
Es ist eine uralte Gewohnheit des Geistes bei Freude! Aber auch wenn der Segen und die überwäl-
Schwierigkeiten noch mehr Anstrengungen zu unter- tigende Freude vorrübergehen, bleibt dieselbe Stille
nehmen, meistens von der gleichen Art wie vorher. unbeweglich und doch höchst lebendig bestehen.
Dabei ist es so einfach! Alles willentliche Tun, alle Sie ist es, in der sich Freude erhebt und in der sich
Anstrengungen, jede Suche und jede Vorstellung trägt Enttäuschung erhebt. Beides sind nur Zustände vor
zum Schleier bei. Sogar jede Wahrnehmung ist ein dem einen Hintergrund.
Beitrag. Also Schluss damit! Freude ist wichtig, sie lässt uns erkenen, dass wir
Nicht noch härtere Bemühungen, nicht noch frei sein können, und Enttäuschung ist wichtig, weil
eine Stunde Yoga mehr, sondern Innehalten mit sie deutlich macht, dass wir nicht beschränkt sind auf
allem, woran ich beteiligt bin. Das dauert keine Jahre, Erscheinungen, nicht einmal auf Freude, dass wir so
Monate, Stunden oder Sekunden, sondern „geschieht“ viel mehr sind, grenzenlos Eins.
sofort, wenn ich aufhöre mit jeder Bewegung meines Zustände vergehen, ich bleibe ewig unverändert!
Geistes. Augenblicklich ist die Suche zu Ende. Es gibt Damit zeigt sie uns, dass wir immer schon frei waren
nämlich nichts zu finden, die Brille ist auf unserer und immer frei sein werden. Ruhe kommt und geht,
Nase! So wie ein Auge nicht sich selbst sehen kann, Freude kommt und geht, Enttäuschung kommt und
können wir uns selbst nicht wahrnehmen. „Ich bin, geht, aber ich bin die immerwährende Stille, das eine
aber ich weiß nichts davon.“, wie Wei Wu Wei sagt. Bewusstsein, aus dem alle Phänomene aufsteigen und
in das sie wieder zurücksinken. In mir entsteht die

E s stimmt: Die Stille bleibt im größten Lärm. Wenn


man das nicht sehen kann, dann deshalb, weil
man ihr bestimmte Eigenschaften zuschreibt. Man
ganze Welt, in mir geht sie wieder zugrunde.
Auch mein Körper, mein Verstand, meine Gefühle
sind nur eine unbeständige Erscheinung in mir selbst.
kann nur Eigenschaften wahrnehmen, daher hält man Was für eine Erleichterung, was für eine Befreiung!
sie für so wichtig, obwohl man weiß, dass sie vorüber- Ich bin das, was ich gesucht habe, und ich bin ohne
gehende Erscheinungen sind. Ist die Erscheinung sehr Grenzen und ohne Ende! Trotz allem Lärm und Sturm
angenehm, dann versucht man sie festzuhalten, dann bin ich still und unberührt, war es schon immer und
denkt man: „Das ist es, was ich gesucht habe!“, ist sie werde es immer sein. Nichts kann die vollständige
unangenehm, ist man wiederum ganz froh, dass sie Freiheit stören, die ich bin. Das ist eine wahrhaft
flüchtig ist. frohe Botschaft, das Ende aller Angst und Sorge. Was
Immer wieder geschieht es, dass die Stille mit ihren auch immer erscheinen mag, es erscheint in mir und
Begleiterscheinungen verwechselt wird. Diese verge- hat keine Macht über mich. Nichts fehlt mir, und ich
hen, und dann meint man, die Stille sei vergangen. bin vollkommen!
Nach einer genügenden Anzahl von Enttäuschungen
muss man erkennen, dass da etwas ist, das nicht Tat twam asi!

– 25 –
Leiden

E s war einmal eines schönen Sommertages, da hatte


ich eine Nierenkolik.
Damit meine ich, dass das etwas völlig Neues für
mich war und ich währenddessen nie auf die Idee
Ich war gerade mit meiner Familie in Ungarn, und gekommen wäre, ein Wort dafür zu suchen oder
wir hatten uns in einem kleinen Haus in den Weinber- Vergleiche anzustellen. Jetzt würde ich sagen, dass
gen eingemietet. Es gab kein Telefon und keine leicht diese Kolik die stärksten körperlichen Schmerzen über
erreichbare medizinische Hilfe – ich hätte auch keine den längsten Zeitraum erzeugte, die ich bisher erlebt
gewollt. habe.
So wälzte ich mich auf dem Bett hin und her und Aber viel wichtiger war damals und ist noch heute
konnte vor lauter Schmerzen keine Lage finden, in der die Erfahrung, dass ich keineswegs darunter gelitten
ich es aushalten konnte. Die Kolik kam in gewaltigen habe. Ich konnte und wollte nichts anderes tun, als
Schmerzwellen, die kaum zu ertragen waren. Zwi- mich völlig hinzugeben, selbst der Wunsch, dass es
schendurch hatte ich den starken Drang zu urinieren, jetzt endlich vorbei sein sollte, hatte nur sehr selten
was mir aber nicht möglich war. Ein paar Mal habe ich Gelegenheit hochzukommen (und die Kolik dauerte
erbrochen, obwohl mein Magen völlig leer war – ich einen ganzen Tag!), weil einfach durch die Heftigkeit
hatte an diesem Tag noch nichts gegessen. der Wahrnehmung keine Zukunftsvorstellung in’s
Meine Frau saß die meiste Zeit bei mir, ohne dass Spiel kommen konnte. So lebte ich „nur“ von Moment
sie mir irgendwie helfen konnte. Sie wusste, dass ich zu Moment, weil mir gar nichts anderes überblieb. Ich
keinen Arzt wollte, und so konnte sie nichts tun, außer war sehr wach, bewusst und von einer Art unpersönli-
da zu sein. Mir war ihre Anwesenheit sehr angenehm cher Anteilnahme; mein Geist hatte keinen Raum für
solange sie nicht versuchte, in den Vorgang einzugrei- Konzepte, Ideen, Wünsche oder Ängste.
fen, der schrecklich ausgesehen haben muss. Wie seltsam ist es doch, dass diese Qual kein Lei-
Ich glaube, es wäre für jeden Anwesenden erschre- den zur Folge hatte, wenn wir doch schon unter viel
ckend gewesen, zuzusehen, wie ich auf dem Bett Geringfügigerem leiden! In dieser Situation aber war es
herumkroch oder auf dem Boden, um irgendeine mir leicht möglich, nicht mit den Schmerzen identifi-
einigermaßen erträgliche Körperhaltung zu finden. ziert zu sein, und ich bin mir absolut sicher, dass man
Und trotzdem hat sie auch erkannt, dass ich nicht nichts tun kann, um das zu erreichen.
in Panik war. Ich habe mit ihr gemeinsam zugesehen So kann ich nur aus ganzem Herzen bestätigen,
und erlebt, wie überwältigende Energiestürme durch dass unser aller natürlicher, reiner Zustand diese
meinen Körper tobten – zugesehen von einem unper- „Unpersönliche Anteilnahme“ ist. Werden die Umhül-
sönlichen Ort der Ruhe und Unbeteiligtheit her. lungen, die Zugaben zu dieser immerwährenden
Reinheit unerträglich, bleibt keine Kraft mehr, das
Manchmal dachte ich, wie unglaublich und inter- Unerträgliche zu bekämpfen, ist es ein Leichtes, alles
essant dieser Sturm in meinem Körper war. Doch das hinzugeben, das nicht unsere wahre Natur ist.
waren nur kurze Kommentare meines Geistes. Kein Gedanke ist vonnöten, keine Absicht und
Meistens hatte ich gar keine Kraft und Zeit zu den- keine Anstrengung. Vielmehr geschieht es, weil (?) wir
ken. Ich war völlig damit beschäftigt, meinen Körper nicht mehr an ein individuelles Ich glauben können.
zu erlauben, das gerade Notwendige und Angemes- Es handelt sich um einen völlig natürlichen Vorgang:
sene zu tun: ‘raus auf ’s Klo, ein Schluck Wasser, von
allen Vieren auf die Seite, wieder auf den Bauch, tief Die Zeit ist reif, das Ich marod –
atmen, stöhnen usw. so geht man gerne in den Tod!

Was ich damals erlebt habe, waren Schmerzen. Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass es nicht den
Das ist das Wort, das wir für solche Ereignisse haben, geringsten Unterschied macht, dass der Körper dabei
obwohl ich sagen muss, dass diese Schmerzen mit kei- nicht ebenfalls gestorben ist. Die furchtbare Angst vor
nen vergleichbar waren, die ich vorher je erlebt hatte. dem Sterben betrifft den Tod des Ich, den „mystischen“

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(psychologischen?) Tod. Der körperliche Tod ist nicht Steigen keine Gedanken auf, ist so etwas wie Angst
mehr, als das Wachsen der Haare. Was uns wirklich oder Qual nicht einmal möglich. Ewiger Friede bleibt,
zu schaffen macht, ist der entsetzliche, aber durchaus alles andere fällt weg, ja, plötzlich erkennen wir, dass
begründete Verdacht, dass es das, was wir zu sein glau- es nie etwas „anderes“ gegeben hat, gibt oder geben
ben, überhaupt nicht gibt! wird:

Aber ich versichere Ihnen: Es gibt nichts Schöne- Ich habe keine Schmerzen,
res und nichts Heilsameres, als zu sterben bevor man ich habe keine Angst und Not,
stirbt! Die größte Angst und Qual ist Friede, wenn ich bin nur Frieden und stilles Bewusstsein!
sich kein klammerndes, spekulierendes Ich vordrängt.

– 27 –
Wahrnehmung

I ch liebe die Musik von Miles Davis. Ab „In a silent


way“ gefällt mir fast jede Aufnahme, und das sind
sehr viele. Von vielen Menschen wird diese Musik cha-
grummelnde Keyboard und die gerade ganz unbe-
schwerte Gitarre.
Können Sie so hören, entsteht ein Gewebe aus
otisch und wirr empfunden. „Da spielt ja jeder, was Wahrnehmung, das immer weiter und größer wird. Es
er will!“, sagen sie. Das kommt mir auch so vor, aber schließt die Katze auf Ihrem Schoß ein, den Verkehr
erstens genieße ich das im Gegensatz zu ihnen, und vor Ihren Fenstern, das aufsteigende Verlangen nach
zweitens kann ich hören (und auf Videoaufnahmen einer Zigarette in Ihrem Körper. Lassen Sie alles dasein,
auch sehen), dass die Musiker, die mit ihm gespielt greifen Sie nichts auf und bevorzugen Sie nichts!
haben, miteinander musiziert haben und nicht jeder Sie werden belohnt mit einer Frische und Schön-
alleine für sich. heit, die ich nur Seligkeit nennen kann. Und dann
Er muss ein großartiger Bandleader gewesen sein, gibt es Sie nicht mehr als Zuhörenden und nicht den
und er konnte diese Fähigkeit offensichtlich weiter- Plattenspieler und auch sonst nichts mehr. Es bleibt
geben. Viele seiner Exmusiker haben später eigene nur reine Energie in Bewegung, keine Objekte, die klar
Gruppen geleitet und waren auch in Begriffen des zu bestimmen wären.
Musikgeschäftes damit erfolgreich.
Ich musste erst lernen zuzuhören. Als ich das erste Danke, Miles!
Mal diese neue, fremde und aufregende Musik hörte,
hatte ich meine Hörgewohnheiten bereits ziemlich Allen, die mit dieser Musik nicht zurechtkommen,
verfestigt und konnte mich nicht öffnen. Aber ich sei noch gesagt: Diese Art von Wahrnehmung stellt
bemerkte auch, dass hier in Ekstase musiziert wurde, sich auch bei anderen Reizen ein. Wichtig ist nicht
wie ich es früher kaum erlebt hatte. das Wahrgenommene, sondern der Geist des Wahr-
Ich habe mir die Schallplatte, die ich ausgeborgt nehmenden. Steigen in ihm keine Gedanken auf oder
hatte – ich glaube es war „Bitches brew“- auf Cassette werden sie zumindest nicht verfolgt, wird die ganze
aufgenommen und sie immer wieder gehört, weil ich Welt frisch, neu und schön. Alles ist in Ordnung; wo
unbedingt hinter das Geheimnis kommen wollte. wäre auch jemand, der beurteilen möchte, was nicht
Nach ein paar Tagen begann mich Miles mit seinen in Ordnung ist?
Leuten so stark zu berühren, dass mir die Tränen Liebe hilft natürlich. Liebe in einer Art von wohl-
kamen vor Freude und auch vor Leid. Ich war begeis- wollendem Interesse ohne Gier nach Vergnügungen.
tert und habe mir von einem Freund weitere Aufnah- Nicht ein: Hier ich, der intelligente, kritische Beob-
men geborgt und später auch gekauft. achter, der sich nicht so leicht einwickeln lässt und
dort ein Ding, dem ich jetzt einmal auf den Zahn
Wenn Sie so etwas hören, dürfen Sie nicht mit fühlen werde, sondern reine Wahrnehmung ohne
Ihrer Wahrnehmung „mitgehen“. Wenn Sie das zeitliche, räumliche oder persönliche Einschränkung.
machen und an einfachere, liedhafte Musik oder alt- Dann wird die Welt das, was wohl mit „Paradies“
bekannte Klassik gewöhnt sind, werden Sie pausenlos gemeint sein muss.
gestört oder aus Ihrem „Mitsingen im Kopf“ gerissen. Dieses Wort habe ich eines Tages als „para dies“
Versuchen Sie stattdessen eher völlig offen zu bleiben („jenseits der Tage“) entlarvt. Das ist zwar etymolo-
für das, was da aus den Lautsprechern kommt. gisch nicht korrekt, aber diese „Übersetzung“ gibt
Wenn Ihnen das Bassmuster gefällt, lassen Sie es einen wichtigen Hinweis: „Jenseits der Tage“ gibt es
trotzdem durch sich hindurch, sonst hören Sie nicht keine Zeit, und das heißt wohl zwangsläufig auch
mehr, was der Percussionist aufführt und Sie verpas- keine Objektivierung, weil ja jedes Objekt relativer
sen die kurzen Einwürfe des Saxophonisten. Beginnt Bewegung und damit der Zeit ausgeliefert ist. „Keine
Miles mit seiner Trompete ein Solo, das Sie vor Trauer Objektivierung“ heißt kein Denken und keine Wahr-
und Wut losheulen lässt, dann vergessen Sie nicht das nehmung im üblichen Sinn, nur ein „Ich bin“, Über-
quellende Leere.

– 28 –
Die Falle der Glückseligkeit

M anchmal erwache ich des morgens und fühle


mich schlecht. Ich will nicht aufstehen, nur
weil der Wecker geläutet hat, und da ich noch immer
gestrigen und der Tage davor unterscheiden werden,
dass er sich mit all seinen Geschehnissen niemals
wiederholen, dass er also völlig einzigartig sein wird,
nicht zu rauchen aufgehört habe, muss ich erst einmal aber das Grauen vor der Belanglosigkeit dieser Details,
husten. Ich fühle mich wie erschlagen, das Wetter ist vor der erwarteten Banalität der Ereignisse an diesem
grauslich an solch einem Morgen, und ich habe schon befürchteten Routinetag erzeugt Widerwillen und
die Nase voll, bevor der Tag richtig angefangen hat. Mißmut. So als ob der erste Gedanke beim Piepsen
Der Kaffee schmeckt nicht, ich habe keine Lust, etwas des Quarzweckers wäre: „ Es piepst, also steht wieder
zu essen. Dann rauche ich meine erste Zigarette und einer dieser Normtage bevor.“
komme langsam auf Touren. Zum Mißmut mischt Ich mag aber keine Normtage, es lohnt sich ja
sich jetzt Ungeduld, was es auch nicht besser macht. nicht einmal die Mühe des Aufstehens für diese Tage,
Solange es nur irgendwie möglich ist, zögere ich den wo alles nur weitergeht. Das ist etwas für Maschinen
Moment des Aus–dem–Haus–Gehens hinaus. und Mechaniker; alles durchschaubar, folgerichtig und
Ich kann es nämlich schlecht ertragen, in aller Früh zweckgemäß – eines folgt aus dem Anderen und führt
schon zu wissen, was ich an diesem Tag zu tun habe, zum Nächsten: zwanghaft, todsicher.
und das ist an Wochentagen normalerweise der Fall. Für mich ist das ein Alptraum! Da lobe ich mir das
Zumindest glaube ich, ich wüsste es. Im letzten Verkehrschaos einer Großstadt beim ersten Winterein-
Moment fällt mir dann noch irgendetwas ein, das ich bruch! Wenn nichts mehr funktioniert, das ist Leben!
noch mitnehmen sollte, und ich krame hektisch in Dann kommt Abenteuer und Erfindungsreichtum ins
meinen Sachen herum. Oder ich bin schon auf dem Spiel.
Weg, erinnere mich plötzlich an das, was ich vergessen Aus dem Haus gehen und nicht wissen, was gesche-
habe und habe keine Zeit mehr nochmals umzukeh- hen wird – das ist schön! Frische, Neuheit, eine ange-
ren, weil ich mich sonst verspäten würde. Am Weg nehme Aufregung, endlich ein Riss in der Zwangsjacke
zum Bahnhof werden meine Schuhe wiedereinmal der Effektivität! Zum Kotzen finde ich sie, eure Effekti-
feucht vom taunassen Gras. vität! Endlich wieder ein Geschmack von Neugeboren-
Sitze ich dann endlich im Zug, froh, dass ich jetzt sein, von Unschuld und Spaß. Ein Hoch dem Sand im
für eine halbe Stunde Ruhe haben werde, die aller- Getriebe! Ein herzliches Willkommen den zärtlichen
höchstens durch etwas zu fröhliche Schulkinder für Naturgewalten, dem Fliegenschiss am Computerchip!
eine kurze Strecke gestört werden wird, frage ich mich Da kann man endlich wieder Hoffnung schöpfen, dass
manchmal, was es eigentlich ist, das mir den Morgen es nicht für immer so weitergehen wird, und dass ganz
so unangenehm macht. schnell alles ganz anders sein kann. Welch eine Gnade
liegt doch im Unerwarteten, welch ein großes Glück
Was ist das für ein mißmutiger, nörgelnder, unwil- in der Überraschung!
liger Geist? Wo ist die Lebensfreude geblieben, die Ich habe ja den Verdacht, dass es nicht nur mir so
Freude an der Existenz, das Glück des bloßen Seins? geht. Eine freudige Erregung und leuchtende Augen
Wenn ich mir diese Fragen stelle, mein Geist sich kann ich des öfteren bemerken, wenn die Maschine in
also selbst zu beobachten beginnt, dann sieht er eine die Knie geht.
negative Erwartungshaltung, der er sich zwar selten Ein guter Teil meiner Verstimmung an diesen
bewusst ist, deren (unangenehme) Auswirkungen aber Normtagen kommt daher, dass ich dieser Frische
gerade dadurch deutlich spürbar wirksam werden nachlaufe. Das geschieht oft nicht so bewusst, aber ein
können. Suchen danach taucht gleichzeitig mit einem Gefühl
Sie besteht in der Befürchtung, dass der heutige des Unwohlseins auf. Vielleicht ist das Suchen und
Tag ein Tag der faden Wiederholung einer kraftlosen das Unwohlsein sogar das Selbe. Ich suche die Erfah-
Routine werden wird. Natürlich weiß ich, dass sich rung der Frische, des Glücks, der Seligkeit und leite
die Details von denen des gestrigen Tages, des vor- aus vergangenen, erinnerten Hochs eine Form ab, die

– 29 –
diese Erfahrung haben müsste, zum Beispiel erhöhte Natürlich würde Akzeptieren – Hingabe – sofort
persönliche Energie, gutes Körpergefühl, geistige jeden Mißmut beseitigen, aber es muss von selbst
Wachheit ohne Unruhe, das sprichwörtliche „offene geschehen, man kann sich nicht darum bemühen.
Herz“, usw. Jeder Wunsch nach Veränderung der Gegenwart (und
Diese Wahrnehmungen waren manchmal so beglü- das Erleben der Gegenwart ist Teil von ihr) bedeutet
ckend und überwältigend, dass sie zu einer neuen Falle Widerstand und damit Leid. – Will ich etwas verän-
geworden sind. Der sich erinnernde Geist versucht dern, so ist das ebenfalls Teil meiner gegenwärtigen
das in den Griff zu bekommen und zu wiederholen Erfahrung, und jedes Unterdrücken oder Bekämpfen
und sucht daher nach Merkmalen und Anzeichen. Da dieses Wunsches würde nur noch zusätzliche Verwick-
diese Seligkeitsanfälle soviel schöner und angeneh- lungen bedeuten. Erinnere ich mich an bessere Zei-
mer sind als der gewohnte Dämmerzustand, sind sie ten – dann erinnere ich mich eben. Nichts muss unter-
begehrenswerter als alles andere. drückt werden. Auch wenn ich leide, weil es das Ver-
Das kann auch gar nicht anders sein, so funktio- langen nach Veränderung gibt: Alles ist genauso, wie es
niert unser Geist, das ist sein Wesen: Symbole erzeu- eben ist, und Veränderung wird geschehen genau dann,
gen, festhalten, vergleichen, vermeiden oder anstre- wenn sie geschieht. Nichts muss verworfen, nichts
ben. Da keine Erfahrung festgehalten werden kann, überwunden werden. Hier ist die Gegenwart; nichts
nicht einmal für einen Augenblick, müssen Symbole ist zu tun, um sie zu erkennen, und keine Tat kann
gefunden werden, mit denen man arbeiten kann. Die sie verbergen. Erfahrungen kommen und gehen, mein
können festgehalten und daher auch miteinander ver- Geist hat keine Macht darüber. Veränderung allein hat
glichen werden. Die reine Erfahrung kann niemand Beständigkeit. Lass sie einfach zu…
mit einer anderen vergleichen, weil sie lebendig , ver-
gänglich und einzigartig ist. Zu keiner Zeit bestehen Dem Prozess vertrauen. Überhaupt vertrauen.
zwei Erfahrungen, die gleichzeitig beobachtet werden Nicht, dass es so kommen wird, wie ich es gerne hätte,
könnten. Erst die gespeicherten Erinnerungen, die sondern dass es immer in Ordnung ist, wie es auch
Symbole, können einander gegenübergestellt werden. kommt. Und vertrauen, dass ich damit zurechtkom-
men kann, dass ich, gleich wie es kommt, glücklich

N un ist Glück aber gerade Nicht–Vergleichen,


Nicht–Wünschen, Nicht–Zurückweisen, wie
jeder selbst bei Gelegenheit überprüfen kann. Nicht
sein kann. Oder dass es keinerlei Bedingungen für
Glück gibt. Darauf vertrauen. Sich hingeben und
nicht auf Ergebnisse schielen. Jeder Augenblick ist
weil alles so ist, wie man es sich gewünscht hat, ist schon das Ergebnis, jeder Augenblick birgt alle Fülle
man jetzt glücklich, sondern deshalb, weil es jetzt kei- und Erfüllung in sich, man muss nichts erst erreichen,
nen Wunsch mehr gibt. keinen Weg zurücklegen, nichts leisten, um glücklich
Glück ist Nicht–Geist. Keine Gedanken bedeutet sein zu dürfen.
Glückseligkeit. – Der Wunsch nach Glückseligkeit
aber ist ein Gedanke und verbirgt sie; erst er verschlei- Ein Zweifel, der sofort kommt, wenn ich sage, dass
ert das, was er dann zu suchen vorgibt. Geist (und man nichts leisten muss, um glücklich zu sein, ist
jeder Geist ist nichts weiter als eine Ansammlung von die Frage, wie man dann Geld verdienen kann, um
Gedanken) taugt einfach nicht dazu, Glück zu finden. überleben zu können. Aber wenn ich immer glücklich
Symbole helfen einen Bleistift zu finden, Gedanken sein kann ohne Bedingung, ohne begünstigende oder
helfen geistige Zustände zu evozieren, Gefühle zu behindernde Umstände zu brauchen beziehungsweise
„erzeugen“, aber Wahrheit, Wirklichkeit, Bewusstsein, fürchten zu müssen, dann ist es völlig gleichgültig, ob
Glückseligkeit, den Urgrund können sie niemals ich überlebe.
beschreiben. Deshalb ist es eigentlich auch nicht kor- Vielleicht muss man etwas leisten, um Geld zu
rekt, Glück als „Zustand“ zu bezeichnen. Vielmehr verdienen, aber diese Leistung kann mein Glück nicht
ist es die Substanz aller Zustände, die Essenz aller tangieren. Es ist andauernd zu entdecken von Moment
Erscheinung. Und es hat keine bestimmte Form und zu Moment, neu ohne Ursache und damit ohne Zeit.
keine Bedingung und keine günstigen oder ungünsti- Ich muss ständig hören, ständig „warten auf
gen Zeiten. nichts“ (Jean Klein), keinen Gedanken an Resultate
verschwendend. Etwas wird erscheinen, sich zeigen aus
Sitze ich also mißmutig im Zug, so ist das einfach dieser Haltung (Nicht–Haltung). Ich lasse erscheinen,
meine gegenwärtige Erfahrung. Es hilft weder sie was immer will, und bleibe still.
abzulehnen, noch sie akzeptieren zu wollen. Das klingt nur esoterisch und geheimnisvoll, wenn
man versucht, einen Zusammenhang zu finden, in

– 30 –
dem es stehen könnte. Wenn man also eine Haltung sehen, wenn man seinen Eigenwillen aufgegeben hat
daraus machen möchte, einen Plan, damit man immer und sich zur Verfügung stellt. Sofort bleibt nur mehr
weiß, was man zu tun hat, was jetzt richtig ist. Das ist Wahrheit und Schönheit und Frieden.
damit nicht gemeint. Das bedeutet, dem Prozess zu vertrauen. Hin-
Man braucht nichts zu wissen und zu verstehen. gabe, ohne einen Gedanken an einen Prozess. Das
Man gibt das auf und bleibt leer und hingegeben an Ich–Gefühl, diese „geringfügige Energieblockade“
das ewige Jetzt. Ich stelle mich zur Verfügung, ich (Gangaji), hinzugeben und einzutauchen in den Quell
mische mich nicht länger ein, ich bin gar nicht mehr des ewigen Lebens.
da, ich lasse alles sein. Jedenfalls bin ich nicht mehr
tätig, ich stelle mich nicht mehr in den Weg, ich greife Göttlich der Moment, wo ich erkenne, dass Unzu-
nicht mehr ein, ich lasse geschehen, was geschehen friedenheit nichts als eine weitere Verkleidung der
soll. Ich lausche immerzu, nicht um Gehörtes umzu- ewigen Glückseligkeit ist! Ein bißchen Scham über
setzen, Anweisungen auszuführen, sondern nur um zu die eigene Dummheit und Vermessenheit, ein warmes
lauschen. Ziehen in der Brust, Zurücklehnen in Ergebenheit,
Ich bleibe an der Quelle der Schöpfung, in der vielleicht eine Träne im Augenwinkel. Ein Blick zum
delikaten Balance des Ursprunges. Höre nur auf die Fenster, einmal schlucken müssen. Strahlend rasen die
Fülle der Leere. Alles ist diese erfüllte Leere, alles Weinberge vorbei.
kommt aus ihr und trägt sie in sich, das kann man

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Die endgültige Revolution

D ie gesellschaftlichen Umstände für eine Revoluti-


on sind schlecht. Voller Selbstgerechtigkeit feiert
der Kapitalismus seinen Endsieg, zumindest möchte
Die Arbeitslosigkeit in Europa erreicht Ausmaße
wie vor dem zweiten Weltkrieg. Der bisher eher laten-
te Rassismus wird wieder offensichtlich. Menschen aus
er gerne an diesen glauben. dem Süden oder dem ehemaligen Ostblock werden als
Wie schon der alte Marx beschrieben hat, wird das Konkurrenten im Kampf um Arbeit gesehen. Eine im
ganze Leben zur Ware und unterliegt den Gesetzen von wahrsten Sinn des Wortes perverse Situation: Bringt
Angebot und Nachfrage. Welcher Aspekt auch immer, nicht jeder Zuwanderer seine Bedürfnisse nach Nah-
von der Empfängnis bis zum Tod, ja sogar davor und rung, Kleidung, Wohnung usw. mit? Bringt damit
danach, alles hat nur dann Bedeutung, wenn es Geld nicht jeder Neuankömmling Arbeit mit sich?
bringt, kostet oder dazu beiträgt. Egal ob es dabei um Die Wohlhabenden geben ihren Weltschmerz beim
körperliche Aspekte geht (wie zum Beispiel um eine Psychotherapeuten zum Besten, die Armen verkaufen
Behinderung oder einen besonders schönen Busen), ihre Töchter oder ihre Organe an die „Westler“, die
um persönliche (wie Durchsetzungsvermögen oder ihrerseits wiederum unter sexuellem Notstand oder
Wohlerzogenheit), um „seelische“ (Ausgewogenheit, Todesangst leiden.
Warmherzigkeit, psychische Krankheit,…) oder geis- Selbst „Lebenshilfe“ wird verkauft. Was in früheren
tige (Intelligenz, Interesse, schulische Mißerfolge…). Zeiten der beste Freund im Gasthaus beim Bierchen
Diese Haltung ist (seit langem) als Materialismus erledigt hat, macht jetzt ein „kompetenter Professio-
bekannt und gräbt sich selbst ihr Grab, außerdem nist“. Der „beste Freund“ hat nämlich seine eigenen
gleich auch noch der ganzen Welt. Die „Entwick- Probleme und keinen Raum mehr, sich Ihre auch
lungsländer“ werden unter tatkräftiger Mithilfe der noch anzuhören. Oder er ist rund um die Uhr damit
Weltbank nach wie vor geplündert. Die Umwelt liegt beschäftigt, Geld zu scheffeln und auszugeben. Er
darnieder, sogar das Wetter spielt verrückt. Zu jedem hetzt von Schulungen zu Besprechungen und weiter
Thema – ist wieder einmal ein bißchen Radioaktivität zur Tennisstunde und möchte wirklich nicht durch ein
entwichen oder verabschiedet sich eine weitere Tierart armes Würstchen aufgehalten werden, das unter die
für immer – erklären die Experten dem unwissenden Räder gekommen ist.
Volk, dass alles ganz normal und ungefährlich und Zu allem Überfluss wird sogar Befreiung und
außerdem auch schon in früheren Jahrtausenden pas- Selbsterkenntnis verkauft. Darunter verstehen die ein-
siert ist. (Bitte ablegen unter „Wess’ Brot ich ess’, dess’ facheren Gemüter die Perfektionierung ihres Körpers,
Lied ich sing“.) die gefinkelteren erklären Ihnen, dass genug für alle da
Obwohl der Kommunismus offensichtlich die ist, und es nur am Glauben an den Mangel liegt, dass
ethisch höher stehende Staatsform ist, hat er anschei- manche nichts haben und andere alles.
nend nichts als Verweigerung, Korruption und Intri- „Gottes Wille“ wird zur Rechtfertigung von Aus-
gen hervorgebracht. Aber was soll denn aus erzwunge- beutung herangezogen, die Priester verkaufen ihren
nem Miteinander schon entstehen? Glauben nach Gesetzen der freien Marktwirtschaft.
Die „Freie Welt“ schwingt sich zu einem neuen Die wenigen Erlöser, die es heutzutage gibt, werden
(?) Faschismus auf, wenn sie nicht gerade Weltsheriff lächerlich gemacht, vor den eigenen Karren gespannt
spielt, und ihre Bewohner haben ihre Peiniger schon oder vergiftet.
soweit verinnerlicht, dass Gewalt und Erpressung nur Der ganze Tag, das ganze Leben wird durchgeplant,
mehr bei besonders Widerspenstigen nötig ist. Statt sogar die Kühe werden pünktlich nach (Sommer-) Zeit
sich aufzulehnen oder den Gehorsam zu verweigern, gemolken, gleichgültig, ob sie gerade Milch haben
beschäftigen sich alle durch die Bank damit, die oder nicht.
jeweils Schwächeren zu quälen. Notfalls auch sich Und das Schlimmste daran ist, dass nicht ein ver-
selbst: Das Land, in dem ich lebe, hat eine der höchs- rückter Diktator mit seinen Schergen diesen Irrsinn
ten Selbstmordraten der Welt, obwohl es eines der erzwingt, den wir hochnäsig Zivilisation nennen, son-
reichsten ist! dern dass wir alle kleine Diktatoren sind, die jeweils in

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ihrem beschränkten „Reich“ wüten – und wenn das heißt näher als Ihr eigenes Herz und kürzer als ein
Reich auch nur aus dem eigenen Körper besteht, der Augenblick! Hier – nicht „dort draußen“ in unserer
beim Weckerklingeln aus dem Bett gejagt wird. gewohnten Welt der Dinge – hier „drinnen“.
Die „Vernunft“, die „Voraussicht“ (oder doch die Schauen wir zur Abwechslung einmal hinein statt
Angst?) wird verherrlicht, und selten gestattet man hinaus. Nicht in analytischer „Selbst“-betrachtung,
sich ein Stöhnen oder Zähneknirschen unter der sondern voller Offenheit und Hingabe – jetzt…und
Fron. Werden die Folgen zu unangenehm, wird noch jetzt…und jetzt…
ein Schäuferl nachgelegt und noch differenzierter Machen Sie keine große Sache daraus, nichts ist
geplant, noch mehr Regelungen oder gar Gesetze wer- leichter, als allen Ballast fallen zu lassen, obwohl ich
den erlassen, worauf man wieder kollektiv auf bessere zugeben muss, dass wir alle so sehr daran gewöhnt
Zeiten hofft. sind, dass wir ihn nicht mehr zu spüren vermeinen
Politiker haben nicht viele Sorgen mit uns. Sie und daher zuerst vielleicht gar nicht verstehen, was wir
können ziemlich ungestört ihren Machtkämpfen denn fallen lassen könnten. Mit etwas Aufmerksam-
nachgehen und sich um ihre nächste Gehaltserhöhung keit kommen Sie aber schon dahinter.
kümmern. Es genügt nicht davon zu lesen oder daran zu
Nächstenliebe und Unterstützung der Schwachen denken, Sie müssen es wirklich „tun“. Eigentlich ist
wird längst als Naivität und Dummheit verlacht, es kein Tun, sondern ein Lassen. Beenden wir für ein
wenn sie nicht gerade den „höheren Zielen“ wie paar Sekunden das fortwährende Abschweifen unseres
Machterhaltung und „sozialem Frieden“ (besser: dem Geistes, indem wir ausnahmsweise jetzt hier sind, ohne
dumpfen Dahinbrüten der „schweigenden Mehrheit“) die geringste Anstrengung! –
dienen. Und wir alle sind mitschuld daran in unserer
Ohnmacht, weil wir nicht zu uns selbst stehen aus Was geschieht? Sie werden bestätigen, dass das
Angst vor den Sanktionen einer fiktiven Gesellschaft, Denken sofort aufhört, wenigstens für einen kurzen
die (wenigstens theoretisch) wir alle gemeinsam bil- Moment, und „die Welt zum ersten Mal so gesehen
den. wird, wie sie ist.“ Unmittelbare Wahrnehmung, ohne
Meinung zu dem Wahrgenommenen, ohne Beschrei-
Das ist wahrlich ein dunkles Zeitalter! Andererseits bung, ohne Interpretation. Die Welt, die eben noch in
sagt man aber auch, dass es gerade vor der Morgen- den letzten Zügen lag, ist wieder völlig neu und frisch.
dämmerung am dunkelsten ist. Sind wir schon knapp Erstaunlich, nicht wahr?
davor? Dürfen wir uns auf diese „Dämmerung“ freu- Wie seltsam für ein denkendes Wesen, dass mit der
en? Bricht dann endlich das Goldene Zeitalter herein, Beendigung des Denkens so eine ungeheure Erleichte-
von dem die Optimisten träumen oder steht uns die rung verbunden ist. Das Gefängnis aus Ursache und
völlige Vernichtung bevor, die nicht nur alle Unge- Wirkung ist augenblicklich überwunden; absolute
rechtigkeiten betrifft, sondern auch all das, was uns Freiheit bleibt übrig.
lieb und wert ist? Müssen Sie jetzt weinen oder lachen, tanzen oder
schreien?
Ich gebe ja zu, dass obige Beschreibung etwas Ich habe schon die verschiedensten Reaktionen auf
„pointiert“ ist. Wenn Sie aber auch nur in einem Punkt dieses Experiment gesehen. Aber alle, die „es geschafft
zustimmen können, reicht das aus, um das Ende für haben“, berichten von überwältigendem Glück,
unvermeidbar zu halten. Erstaunen, unbegrenzter Liebe und großer Weisheit.
Keine Getrenntheit mehr von anderen Wesen, Pflan-
Nun, lassen wir diese Horrorvisionen. Sie sind zen oder Dingen und ein Gefühl von „endlich wieder
eine Mischung aus Erlebnissen und Berichterstattung zu Hause zu sein“.
einerseits und aus Prognosen und wissenschaftlichen In Wirklichkeit ist es unbeschreiblich, weil es keine
Erwartungen andererseits; somit bestehen sie aus Ver- Erfahrung im üblichen Sinn ist. Die Dualität von
gangenheit und Zukunft. Wahrnehmendem und wahrgenommenem Objekt hat
keinen Bestand, weil es „nur“ unser Verstand ist, der

W enden wir uns dem Hier–und–jetzt zu! Wenn


ich das schreibe, dann meine ich es auch so.
„Hier“ heißt nicht „die westliche Kultur“, Ihr Wohnort
diese Grenzen schafft. Dieser aber ist zurückgekehrt
und erloschen in der einzigen, ungeteilten Wirklich-
keit. Jetzt erkennen wir die immense Verwirrung, die
oder Ihr Körper – näher, viel näher! wir waren, und sie löst sich in Luft auf, ja, wir sehen
Und „Jetzt“ ist nicht „heutzutage“, in dieser Stun- lachend, dass sie niemals die Wahrheit vertreiben
de oder Sekunde – kürzer, viel kürzer! „Hier und jetzt“ konnte. Alles war nur Irrtum! Und niemand, der noch

– 33 –
gebunden ist – der noch an seinen Verstand gefesselt gerichtet, und so ist die vorübergehende Ansiedlung in
ist und an die Welt der Objekte glaubt – kann auch der Welt der Illusionen nicht aufzuhalten.
nur annähernd ermessen, wie ungeheuerlich diese Ver-
blendung ist und worin sie besteht.

Diese absolute Freiheit oder Wahrheit, Glückselig-


H aben wir genug gelitten, beginnt die „Rückkehr“
zum Ursprung, und die Aufmerksamkeit für die
Momente der Stille wächst. Wir erkennen langsam,
keit, Leere, Nichts, Gott oder wie sie sonst bezeichnet dass sie das Kostbarste im Leben sind und suchen
wurde, ist das – so haben wir jetzt „erfahren“ -, was nach ihnen.
dem gesamten phänomenalen Universum zugrunde Das ist nur eine weitere „Falle“, nämlich der
liegt. Die Dinge (auch wir selbst) steigen aus ihr Versuch, daraus ein Objekt zu machen, das gesucht,
empor und fallen wieder in sie zurück und bestehen gefunden und erlebt werden kann. Ein hoffnungslo-
währenddessen nur aus ihr selbst. ses Unterfangen: Solange es einen Sucher gibt, kann
nichts gefunden werden, gibt es keinen, wird ebenfalls
Das, was ein Objekt ausmacht, ist die Form, das nichts gefunden, weil kein Finder übrig ist. Der Sucher
heißt die Grenze, die zwischen ihm und der Welt definiert sich über die Suche als getrennt vom Gesuch-
besteht. Diese Grenze ist aber rein fiktiv (illusionär), ten; er kann aber nichts finden, weil die Suche Duali-
wie wir nicht erst seit der neuen Physik wissen. Die tät bedeutet. Der Sucher, die Suche und das Gesuchte
Form eines Objektes ist in Wahrheit eine Funktion müssen sterben – nur dann ist Befreiung möglich!
des Geistes des Betrachters; und dieser ist wiederum
auch nichts anderes als die Freiheit selbst. Nirvana Freiheit ist kein Objekt!
und Samsara sind eins. Alles, was ist, ist Freiheit! Ich bin kein Objekt!

Die Welt der Objekte ist eine Arbeitshypothese Das ist die endgültige Revolution, die niemand
unseres Geistes, die erst das Denken möglich macht. verhindern kann, wenn Sie sie nicht verhindern. Sie
Wenn wir süchtig nach Erfahrung sind (und, bei Gott, rottet alles Elend mitsamt den Wurzeln aus. Wenn Sie
wir sind es!), müssen wir uns ständig um Begrenzung ein einziges Mal „hier und jetzt“ waren, haben Sie den
(Definition) kümmern, denn sonst ist nur ewige Schlüssel, die mächtigste Waffe der Welt. Wahrschein-
Glückseligkeit, die man nicht erfahren, sondern nur lich wird Ihr Geist wieder „nach außen gehen“ – wie-
sein kann. Diese Abgrenzung ist der Abfall von Gott, der werden Gedanken aufsteigen. Kümmern Sie sich
die Erbsünde. Erbsünde deshalb, weil sie von den nicht darum! Folgen Sie ihnen nicht, bekämpfen Sie
Eltern an die Kinder weitergegeben wird, indem sie sie nicht; sie kümmern sich um sich selbst und fallen
sie durch ihr Beispiel „Mein und Dein“ lehren und dann dorthin zurück, woher sie gekommen sind. Sie
damit ihr Selbstbild weitergeben. aber, lieber Leser, sind ewiger Friede!
Mit dem Wörtchen „ich“, das ein Kleinkind zum
ersten Mal spricht, geht der ganze Jammer erst so Nun, wieder einmal wurde das offene Geheimnis
richtig los. enthüllt; nun liegt es allein an Ihnen, davon Gebrauch
Interessanterweise beginnen Kinder von sich zuerst zu machen, wenn Sie das noch nicht getan haben
in der dritten Person zu sprechen, weil es ihre natür- sollten.
liche Erfahrung ist, dass es dabei ebenso um Objekte
in der Welt geht, wie bei allem anderen auch, das sie is is no time to not know who you are
wahrnehmen. Sie sind in dieser Zeit noch stark in der Self knowledge is a dangerous thing
Freiheit verwurzelt, haben aber bereits die Idee einer e freedom of who you are
Person übernommen, die sie später „ich“ nennen wer-
den. Außerdem ist ihr Geist zunehmend nach außen (Lou Reed, There is no time)

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Erleuchtung

D as ist mir viel zu abgehoben. Ich möchte nur mit bar sei und doch das selbstverständliche Geburtsrecht
meinem Leben zurechtkommen und mit den eines jeden Menschen.
Kindern.“, sagte eines Tages eine Freundin zu mir. Irgendetwas ließ mich sehen, dass es eine Mög-
Ich hingegen wollte schon immer Alles oder lichkeit jenseits des Bekannten, jenseits aller Speku-
Nichts (Es handelt sich wohl um einen digitalen lation gab, und ich glaubte den Erzählungen, die
Geist!), außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, behaupteten, dass es durch alle Jahrhunderte einige
wie man denn mit all dem zurechtkommen sollte wenige geschafft haben. Ich folgerte, dass auch ich es
ohne „Erleuchtung“. Die tradierten Errungenschaften schaffen könnte, wenn das wirklich ein Potential des
der Menschheit konnten mich wirklich nicht über- Menschen wäre, und es war mir der Mühen wert, die
zeugen. ich vielleicht auf mich nehmen würde müssen, um sie
„Ich will Alles und zwar sofort, und wenn schon zu erreichen. (Sie sehen, ich hielt mich ohne Zweifel
nicht heute, dann doch noch in diesem Leben!“ So für nicht erleuchtet.)
etwa habe ich damals geantwortet. „Alles“ bedeutete
für mich natürlich „Erleuchtung“. Was also tun? – „Tue das Nicht–Tun, nichts, das
„Sorgt euch zuallererst um das Himmelreich, alles dann ungetan bliebe.“ (Lao Tse: Tao Te King) Hm, hm,
andere wird nachfolgen.“ Das erschien mir durchaus wieder so ein rätselhafter Hinweis. Was heißt schon
plausibel. Ich stellte mir vor, dass es so etwas wie ein „Nicht–Tun“? Morgens im Bett liegen bleiben – ist das
plötzliches und vollständiges Erwachen sein müsste; „Nicht–Tun“? Oder heißt das, seine Impulse, etwas zu
alle Schwierigkeiten lösen sich in Luft auf, und keine tun, beherrschen lernen? Beherrschung ist doch auch
neuen folgen nach. Das Rad des Karma ist zum Still- „Tun“, oder etwa doch nicht?
stand gebracht, wie die Hindus und Buddhisten sagen. „Die Überwindung des Egos“ sei notwendig. Wenn
Der Erleuchtete wandelt in ewiger Glückseligkeit das stimmen sollte, so schloss ich, dann muss ich
einher, und jeder, der ihn trifft, ist hingerissen von irgendetwas – oder besser gleich alles – anders machen
der Wahrheit und Schönheit, die er ausstrahlt. Die- als bisher. So begann ich, mich nach Alternativen
ser Zustand kann nicht mehr verlorengehen, einmal umzusehen. Ich probierte alle möglichen Angebote
erreicht, ist es für immer vollbracht. aus, die mir so unterkamen.
Ungefähr so schaute das vage Bild in meiner Vor- Ich entdeckte unbekannte Regionen meiner Persön-
stellung aus, das ich aus Büchern gehabt haben muss – lichkeit und meines Körpers durch den Schamanismus,
ich hatte noch keinen getroffen, von dem ich glaubte, lernte etwas über die Lenkung meiner Aufmerksamkeit
er sei erleuchtet. Ob bewusst oder nicht, ich glaubte durch Zeremonien, beobachtete mich im Alltag und
an die Möglichkeit persönlicher Erleuchtung. in außergewöhnlichen Situationen wie zum Beispiel in
Dem widersprachen allerdings Berichte, dass es das bewussten Trancen. Das war alles recht interessant und
Ego sei, dass überwunden werden müsse, um erleuch- unterhaltsam, es erweiterte auch meine Möglichkeiten
tet zu werden, und das „Ego“ ist das, was wir im Wes- für Problemlösungen, aber erleuchtet fühlte ich mich
ten „Persönlichkeit“ nennen, vermutete ich. nicht.
Weitere Widersprüche waren Sätze wie: „Jetzt, da
ich erleuchtet bin, ergeht es mir miserabel wie schon Mit der Zeit schien mir der Schamanismus zu sehr
immer!“ (ein Zen–Meister) oder „Offene Weite, nichts an Macht interessiert zu sein, vielleicht auf eine har-
von heilig!“ (Bodhidharma). monischere Art wie unsere übliche aufgeklärte, euro-
Verwirrende Aussagen waren das damals für mich. päische Überheblichkeit, aber es ging doch immer um
Differierende Beschreibungen über das Verhalten von Ego–Spiele:
Erleuchteten. Trotzdem ließ mich etwas nicht mehr
los. Ich hatte angebissen und mich wohl auch verbis- „Wie kann ich meine Kraft erlangen?“
sen in die Bücher, die ein völlig anderes Leben in Aus- „Was ist mein Platz in der Welt?“
sicht stellten; die einerseits sagten, dass es unerreich-

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„Wie wehre ich mich gegen Angriffe und Über- schleierhaft. Der liebe oder eifersüchtige, körperlose
griffe?“ Gott erschien mir als Ausgeburt eines kindlichen
„Was sagt mein Krafttier zu dieser oder jener Situ- Wesens, oder jedenfalls als etwas, das mit solch ego-
ation?“ istischen Nebensächlichkeiten nicht behelligt werden
„Wie lässt sich mein sexuelles Leben für spirituelle sollte, ohne dass man sich für solch eine Präpotenz
Ziele einsetzen?“ schämen musste. So stellte sich eine gewisse Demut
usw. und Mühelosigkeit ein.
Es war mir mehr und mehr möglich geworden,
Langsam dämmerte mir, dass ich das Problem war! die Dinge so zu nehmen, wie sie gerade kamen. Ich
(„Ollas wa’ so afoch – ohne mi!“, Heli Deinböck) – wusste ja nicht, was mich näher bringen konnte oder
Was also sollte ich tun, zum Kuckuck?! entfernen würde. (Beachten Sie: Noch immer hielt ich
Außergewöhnliche Bewusstseinszustände und Erleuchtung für ein Objekt, das ich als Subjekt erfah-
Erfahrungen hatten ihren Reiz verloren – ich kam ren könnte!)
ja doch immer wieder zurück. So erfüllt und freudig Bei alledem war ich sicherer als je zuvor, dass ich
mein Leben auch gewesen sein mag – es war nichts mich nicht getäuscht hatte und die Berichte ebenfalls
von Dauer. die Wahrheit sprachen: Es gibt Erleuchtung. Es gibt
Nach einer schweren Zeit begann ich mit Ritualen Menschen, die erleuchtet waren und wichtiger: welche,
der Hingabe in Form des sufischen Dhikr. Dabei hatte die erleuchtet sind. Das ist das Einzige, das Glück und
ich das Glück, auf einen Lehrer zu stoßen, der immer Erlösung von meinem Leiden geben kann.
wieder darauf hinwies, dass da etwas ist, das immer
bleibt, gleichgültig, was wir denken, tun, glauben oder Ich war also durchaus nicht enttäuscht, aber ich
fühlen. (Danke, Sven!) Er hatte das Selbst erfahren war wesentlich gelassener geworden. Ich jagte nicht
und konnte das soweit mitteilen, dass auch ich auf- mehr nach Erleuchtung – ich ließ mich ziehen. Ich
merksamer wurde auf das Unwandelbare Eine. gewann auch mehr Vertrauen in die Tatsache, dass
mich etwas zog, wenn ich es zuließ.
Erleuchtung interessierte mich zu diesem Zeit-
punkt nicht mehr besonders. Nicht dass ich nicht Als ich dann diesem Etwas Auge in Auge gegen-
mehr glaubte, dass es sie gab oder resigniert hatte, was überstand, verstand ich endlich: „Das, was sucht,
ihre Erreichbarkeit für mich betraf, aber ich wusste ist das, was gesucht wird.“ Alles verschwand in der
wirklich nicht mehr, was das denn überhaupt sein Unaussprechlichen Liebe, die ich selbst war. Und ich
sollte und vor allem: Ich wusste, dass ich nicht das sah: Alles, was jemals war oder sein wird, zeigt immer
Geringste dazu tun konnte. nur auf das hin, was jetzt ist: Ewige Gegenwart, Ewige
Ich hatte ihr Aufblitzen, Verweilen und Schwin- Liebe, Erfülltes Nichts, Gott jenseits von Vorstellung
den erlebt (vielleicht das, was im Zen „Satori“ genannt und Glaube. Dies war also der Anfang, die Mitte und
wird), aber es war mir völlig unbegreiflich geworden, das Ende – und alles darüber hinaus!
wovon das abhing. Von mir jedenfalls nicht.
An wen oder was ich etwaige Bestechungsversuche Und Erleuchtung? – Was weiß ich!
oder Bittgesuche richten sollte, war mir auch absolut

– 36 –
Learning to fly, Part II

You know I’ve seen life will beat you down


Break your heart steel your crown
So I’ve started out to find what lasts
Hope to know where my desire to cast

I’m learning to fly and I’ve got wings


Comin’ down is the hardest thing

So I’m here all taken away


Nobody else nothing to say

Going to fly and I need no wings


You come down only when you think

Tears fall down He smiles at me


And now I see that He is me
No one to go and no one to come
Nothing to lose everything done

Flying around don’t care about wings


Comin’ down is an impossible thing

There is no flight there are no wings


Up and down is the same thing

(nach „Learning to fly“ aus dem Album


„Into the great wide open“ von
Tom Petty And The Heartbreakers)

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Religion
Der Oberteufel und ein Lehrling gehen spazieren. Vor ihnen bückt sich plötzlich ein Mann, um etwas vom Gehsteig
aufzuheben.
„Hast du gesehen, was dieser Mann gerade gefunden hat?“, fragt der Lehrling.
„Aber ja: Er ist gerade über ein Stückchen Wahrheit gestolpert!“, antwortet der Chef.
„Oh weh, oh weh, das ist aber ganz schlecht für uns!“ –
„Nur mit der Ruhe, keine Angst! Das ist überhaupt kein Problem! Schau, als erstes lassen wir ihn die Sache organisie-
ren…“
(Eine kleine, berühmte Geschichte
von Jiddu Krishnamurti)

O rganisierte Religion ist einer der größten Stol-


persteine im Leben. Am engstirnigsten und
schlimmsten sind die mosaischen Religionen (Juden-
als Legitimation eigener Machtansprüche herhalten
und gleicht immer mehr einem eingekerkerten König,
in dessen Namen der Premierminister skrupellos und
tum, Islam, Christentum). Sie vor allem meine ich mit schamlos regiert.
dem Begriff „Religion“. Kleine Kinder werden rechtzeitig eingefangen (mit
Religion verwaltet das menschliche Bedürfnis nach Hilfe des Staates: so wäscht wieder einmal eine Hand
Vereinigung mit dem Göttlichen, gibt vor, Wege zei- die andere) und, noch bevor sie („dumme“) Fragen
gen zu können, warnt vor schrecklichen Gefahren für stellen, gleich einmal mit stereotypen Antworten ver-
die unwissenden Suchenden und versucht, ein Mono- sorgt. Sollten sie danach noch immer fragen, so sind
pol auf Gottesergebenheit zu beanspruchen. ihre Ideen wenigstens schon in eine Richtung gelenkt,
Sie malt den Teufel in Gestalt von Sekten an die mit der man Erfahrung zu haben meint.
Wand und versteht darunter im besonderen alle leben- Genauso werden die Alten, die sich vielleicht zum
digeren Gemeinschaften, die zwar das Gleiche tun wie ersten Mal mit essentiellen Problemen beschäftigen,
sie selbst, aber mit etwas mehr Vitalität und Einsatz an zum Narren gehalten, was meistens gelingt, da sie ja
die Sache herangehen. Die Angst vor „Gehirnwäsche“ durch die Bank ihr ganzes Leben als brave Untertanen
wird eifrigst geschürt, könnte sie doch die selbst vor- verbracht haben.
genommene unwirksam machen. Priester verbünden sich mit dem gemeinen Kir-
Sie tut alles, um ihre Anhänger unmündig und chenvolk, indem sie zugeben, auch noch nicht ans Ziel
unsicher zu halten und damit zu verhindern, dass sie gelangt zu sein, festigen ihre leitende Funktion aber
sich auf eigene unmittelbare und unvermittelte Erfah- gleich wieder als Experten für Such-, Anrufungs– und
rung stützen können. Tröstungsveranstaltungen. Weiters haben sie noch
Ihr ganzer Weg besteht darin zu zeigen, dass die gewisse Fähigkeiten für Ablenkungs-, Täuschungs–
Menschheit aus armen Sündern besteht, die – wenn und Nivellierungsmanöver anzubieten. Außerdem
sie sich sehr bemühen – reinen Gewissens auf die sind sie oft nette, höfliche Menschen, was ja nicht zu
Erfüllung ihrer Wünsche in ferner Zukunft warten verachten ist.
dürfen. In der Zwischenzeit werden Kirchenbeiträge
eingehoben, Kranke gepflegt, Kinder erzogen und Trotz alledem sind auch aus allen organisierten
Alte getröstet. Dagegen ist auch gar nichts einzuwen- Religionen große Heilige hervorgegangen, trotzdem
den, wenn das alles nicht zum Selbstzweck wird. Diese gibt es selbstlos Dienende und visionäre Mystiker, die
Tätigkeiten können niemanden garantieren, Gott zu aus ihrer Religionsgemeinschaft heraus gewirkt haben
finden. und wirken.
Um die Schäfchen bei der Stange zu halten werden Natürlich relativieren sie die Dogmen ihres Glau-
ziemlich brutale Mittel eingesetzt bis hin zur Dro- bens sehr, und noch mehr stellen sie die Würdenträger
hung mit ewiger Verdammnis. Der „liebe Gott“ muss der jeweiligen Gemeinschaft bloß, was ihnen ja oft

– 38 –
genug gröbste Schwierigkeiten einbringt. Solange sie Halten Sie es einmal versuchsweise für nicht ausge-
leben werden sie meist nur geduldet, manchmal auch schlossen, dass wir gar nichts erreichen müssen. Lassen
gefangengehalten oder ermordet, in früheren Zeiten Sie einmal alles (auch sich selbst!) nur einfach dasein
genauso wie heutzutage. Später dann greift man gerne ohne einzugreifen, weil es vielleicht eine Möglichkeit
auf sie zurück um den matten Betrieb wieder etwas sein könnte, dass Sie „geführt“ werden, wenn Sie sich
aufpolieren zu können. Jahre nach ihrem Tod kann bereithalten.
man sie beliebig interpretieren und den Gläubigen in
entschärften Versionen „vermitteln“. Wehren können Haben Sie eine trunkene, leidenschaftliche Liebes-
sie sich dann nicht mehr, obwohl man sagen muss affäre mit dem Dasein!
(bzw. darf ), dass ihre revolutionäre Kraft doch hin
und wieder Probleme machen kann. Keine Angst vor Fehlern! Gehen Sie Ihrem Emp-
So geht alles seinen religiösen Gang, jeder bleibt, finden nach und vertrauen Sie Ihrem Erleben, vor
was er zu sein glaubt, nämlich ein Mensch der bis allem dann, wenn es ohne Vorstellungen Ihres Geistes
auf weiteres von seinem Gott getrennt ist und das zustande kam! Erwarten Sie nichts, das heißt: Küm-
auch bleiben wird. Wacht trotzdem einmal eine(r) auf, mern Sie sich nicht weiter um Ihre Erwartungen, und
ergreift sie oder er am besten schleunigst die Flucht: alles wird gut! Das ist genug Bereitschaft.
Wie kann man auch erreichen, was sogar dem eifrigs-
ten Professionisten so gut wie immer versagt bleibt! And all shall be well and
All manner of thing shall be well
Seien wir aber nicht zu streng mit den Kirchen in When the tongues of flame are in–folded
dieser Welt! Obige Beschreibung ist etwas hart aus- Into the crowned knot of fire
gefallen: Religionen, Sekten Glaubensgemeinschaften And the fire and the rose are one.
zelebrieren doch nur das, was wahrscheinlich jedem
Menschen bei seiner Entwicklung aus der Einheit in (T. S. Eliot: Little Gidding)
die Dualität zur Einheit begegnet.
Das Bittere daran ist nur, dass sie es eben zeleb- Machen Sie keine Routine daraus, organisieren Sie
rieren und so unnötig verlängern. Durch ihr Behar- Ihr „Bereithalten“ nicht! Es ist ja auch nichts Bestimm-
ren auf der Illusion der Trennung (zumindest der bares dazu nötig. Sie brauchen weder eine bestimmte
zwischen Mensch und Gott) verstärken sie nur das, Umgebung, noch eine bestimmte festgesetzte Zeit
was sie überwinden wollen. Ebenso wird an der Idee dafür; es wird ohnehin nur hier und jetzt geschehen.
festgehalten, dass etwas getan werden muss und kann, Lassen sie einfach alles zu, wo und wann es auch sein
dass ein Ziel gesucht werden muss und in weiterer soll.
Folge angestrebt werden kann. Durch allerlei Training Geben Sie sich keine Mühe hingegeben zu sein –
werden tatsächlich Fortschritte erzielt, aber nur im seien Sie auch mit sich selbst freundlich und geduldig!
Entwickeln der Persönlichkeit und ihrer (oft außerge- Ihre fast beiläufige Aufmerksamkeit, die nicht-verlan-
wöhnlichen) Fertigkeiten. gende Offenheit für göttliche Führung wird völlig
Das Aufgehen in dem Allmächtigen Einen kann so ausreichen.
aber nicht erlebt werden! Es werden Neudefinitionen Natürlich dürfen Sie weiterhin Christ, Moslem,
der Ich–Vorstellung erreicht, aber keine Vernichtung, Buddhist, Atheist oder was auch immer bleiben. Hin-
die Ich sich auch nicht wünschen kann: Das wäre ein gabe an Gott, an die Existenz, ist eine Empfehlung in
besonders ausgeklügelter (spiritueller?) Egotrip. allen Religionen und wird die Ausübung Ihres Glau-
bens (soferne Sie einen haben) nicht stören. Gläubig
Ob in einer Glaubensgemeinschaft oder außerhalb; oder ungläubig zu sein berührt diese Hingabe nicht, es
Sie werden ihr Augenmerk früher oder später auf das wird ihr höchstens eine bestimmte Form gegeben, das
direkte, unmittelbare Erfahren richten müssen, anstatt ist schon in Ordnung!
(heiligen) Büchern oder Suchexperten zu glauben. Re-ligio (Rückverbindung) ist ein etwas mißver-
Folgen Sie Ihrer Freude und Ihren Tränen! Glaube an ständlicher Begriff. Unausgesprochen meint es die
sich hat überhaupt keinen Wert, außer man versteht Verbindung zweier „Dinge“ (Objekte). Sie können
darunter ein Für–möglich–halten, ein Unter–ande- aber selbst überprüfen, dass es sich vielmehr um ein
rem–in–Betracht–ziehen. Dann wirkt er zersetzend Schwinden der Grenzen dazwischen und somit um
auf das starre, gewohnte Gedankengebäude und gibt Einswerdung handelt. Zwei (Ich und Gott) werden
so mehr Beweglichkeit. Eins (nur Gott) und eins wird keins, weil eins ohne
ein zweites nicht definierbar ist! Ihre Ich-Vorstellung

– 39 –
wird um so weniger klar begrenzt sein, je mehr re- Noch einmal:
ligio da ist. Das kann nicht bewirkt werden, sonder
ist ein unvermeidlicher Prozess, der – könnte man
am ehesten sagen – außerhalb der Zeit „stattfindet“. Wer blickt in
Sobald die Separation (die vollständige Entfremdung) die Sonne
zu schmerzhaft wird, tritt von selbst die Umkehr ein. ohne
Wenn Sie Bücher wie dieses lesen, wird es wohl soweit zu erblinden?
sein – vermute ich einmal. Dieser Vorgang ist unver-
meidlich und findet in jedem Menschen statt. Ihre Der Tod gebiert das Leben;
Anstrengung ist dazu wirklich nicht nötig, es handelt Kannst du das sehen,
sich ohnehin nur um eine Vorspiegelung des Geistes, kannst du das sehen?
so schmerzlich sie auch sein mag. Für jeden kommt
der Moment, wo er nur mehr lachen kann über dieses Deine Angst ist ohne Substanz
große Kasperltheater von Einheit und Dualität. End- Liebend tue was du willst
lich sieht man, dass niemand nichts nie verlassen hat
und keine Rückkehr zum Ziel geführt hat. Wir müs- Empfängst du
sen nicht diesen Weg von Trennung und Verbindung deine Kraft
gehen – das ist nur eine Art, darüber zu sprechen. ohne Widerstand?
Man könnte auch sagen, dass wir jederzeit (aber nur
ohne Zeit!) sofort Vereinigung erleben können, egal Außen, Innen? –
an welchem Punkt unserer eingebildeten Reise wir Der Verstand
angelangt sind, aber auch diese Beschreibung ist nicht schlägt verzweifelte Purzelbäume
die ganze Wahrheit.
Liebst du dich
Die letzte Wahrheit für diese illusionäre Welt ist, endlich
dass es niemals auch nur die geringste Bewegung gege- ohne Bedenken
ben hat, nur Illusion, Unwissenheit, die die Wahrheit ohne zu zählen?
überdeckt und doch selbst auch nichts anderes als
Wahrheit ist. Niemand hat jemals diese Wahrheit Folgst du deiner
gesehen, gefühlt, gehört (gelesen), geschmeckt, gero- Liebe;
chen,…Sie ist für immer und ewig neu und eins, gehst du
frisch und unberührt. durch die Hölle?

Sie sehen, Aussagen über die letzte Wahrheit sind Glaubst du


absurd, paradox und sinnlos und doch alles, was gesagt den Rechtsanwälten?
werden kann. Darüberhinaus kann nicht gesprochen
werden – man kann nur sein. Und Sie sind es, auch Kannst du
wenn Ihr verwirrter Geist anderes sagen sollte. Die die unendliche Gnade
Sicherheit, dass das wahr ist, kann Ihnen keine Auto- fühlen?
rität der Welt geben. Erwacht leben Sie diese Tatsache,
diese Eine Wahrheit ohne jeden Zweifel in völliger Lässt du deinen Gott
Selbstverständlichkeit und Gewöhnlichkeit. Trennung durch dich lieben?
und Nicht–Trennung sind aufgehoben, es bleibt nur Siehst du die Milliarden
das Intimste, das zugleich auch das Unvorstellbarste Kanäle Gottes?
ist. Trägst du
diese unendliche Ekstase?

– 40 –
Denken

D er Verstand ist die Ursache allen Leidens, aller


Probleme und aller Freude. Ohne die Fähigkeit
der Erinnerung und ohne Vorstellungsvermögen gibt
„Leiden kann überwunden werden“, denn: „Die
Ursache des Leidens ist das Verlangen.“, und das Ver-
langen kann überwunden werden. Nicht Verdrängen
es keinen psychischen Schmerz. ist damit gemeint, das erzeugt nur verbissene Asketen,
sexfixierte Keusche, Verzichtende voller Neid.
Man kennt die klassische Beschreibung Buddhas: Schauen wir uns den Begriff „Verlangen“ doch ein-
mal genauer an. Folgende Fälle sind möglich:
1) Leben ist Leiden.
2) Die Ursache des Leidens ist das Verlangen. a) Ich wünsche etwas, das ich nicht habe.
3) Das Leiden kann überwunden werden... b) Ich wünsche etwas nicht, das ich habe.
c) Ich wünsche etwas, das ich habe, aber ich fürch-
Eine gängige Reaktion auf den ersten Satz ist: „Ja, te, es wieder zu verlieren, bzw. ich wünsche
aber doch nicht das ganze Leben! Es gibt ja auch schö- etwas nicht, das ich auch nicht habe, aber ich
ne Dinge!“ Das klingt für mich nach (verzweifeltem) fürchte, es zu bekommen.
Starren auf die angenehme Seite der Medaille. Diese
Haltung negiert die Spur des Leidens, die auch in den Ein Beispiel: Mein Arzt hat mir mitgeteilt, dass ich
glücklichsten Momenten da ist: Die Angst vor Verän- krebskrank bin. Das will ich nicht sein (b). Ich möch-
derung, die Angst vor dem Tod. te Gesundheit (a). Zwei Stunden später ruft er mich
an und teilt mir unter Entschuldigungen mit, dass er
Ein Mensch, der jung ist und glaubt, noch viel Befunde vertauscht hat und ich nicht Krebs habe. Ich
vor sich zu haben, schiebt die Angst vor dem Tod bin erleichtert und glücklich, aber ich fürchte, dass ich
leicht beiseite. Eher als der alte meint er, er müsste vielleicht später krank werden könnte (c). –
sich nicht jetzt mit dem Problem auseinandersetzen. Man könnte einwenden, dass ich aufgrund der
„Später“, so denkt er, „wird sich schon etwas ergeben.“ äußeren Umstände leide, nicht deshalb, weil ich
Oder: „Warum sich ständig damit belasten, man kann gesund sein möchte und das auch bleiben will. Es sind
ja doch nichts ändern!“ Das zeigt die Verdrängung aber Fälle denkbar, wo es genau umgekehrt wäre, zum
dieser allgegenwärtigen Angst. Beispiel bei jemandem, der sein Leben satt hat und
Verdrängung ist aber keine Lösung. Früher oder froh ist, schwer krank zu sein, weil er voraussichtlich
später holt uns alles wieder ein. Der „positiv denken- bald sterben wird. Tatsächlich sind also die inneren
de“ Mensch hat noch zu geringen Leidensdruck, um Umstände maßgebend und nicht die äußeren.
seine Einseitigkeit aufzugeben. Da er aber ständig auf Ich habe oft erlebt, dass ich in einer Situation sehr
sein kleines oder großes Glück schaut, häuft sich das unglücklich war und kurz darauf in derselben schlag-
unbearbeitete und unbeachtete Unglück immer mehr artig überglücklich. Das ist auch ganz natürlich, wenn
an (und sei es auch nur die Angst, das Glück zu ver- sich unsere Einstellung zu den Dingen ändert. Glück
lieren), bis das Faß voll ist und überläuft. Deshalb hat und Unglück, Leiden und Freude sind Zustände
das Festhalten an den angenehmen Seiten des Lebens unseres Geistes, und der ist einmal so, einmal anders.
sein natürliches Ende. Diese Gefühle sind Interpretationen des Geistes anläss-
In einer Krankheit, Schmerz und Tod beiseite lich einer bestimmten Wahrnehmung, und Interpre-
schiebenden Kultur wie der unseren sind es die „ganz tationen sind austauschbar je nach Stimmung, nach
normalen Leute“, die in einer Krisenzeit unter dem Einstellung des Menschen, wenn sie auch automatisch
Druck des Verdrängten zusammenbrechen, weil sie und ohne momentane Alternative mitgeliefet werden.
sich nicht genügend mit dem für ihren Geist (für
jeden Geist) unlösbaren Problem des Todes beschäf- Wie überwindet man nun das Verlangen? –
tigt haben. Indem man das Denken beendet. Einen Wunsch zu
haben, bedeutet eine Vorstellung von der gegebenen

– 41 –
Situation zu haben, die der angestrebten gegenüberge- immer gegenwärtig, nur wir sind es nicht. Unser Geist
stellt wird. Und das ist natürlich Denken. Können wir ist so beschäftigt, dass sie nicht zur Wirkung kommt.-
das sein lassen, ist auch jedem Verlangen die Grund- Seit alters her ist die Frage der Fragen bekannt: „Wer
lage entzogen. Wer öfter versucht hat zu meditieren, bin ich?“ (wie es Sri Ramana Maharshi formuliert.)
wird bemerkt haben, wie viel unseres Denkens um Stellt sich diese Frage im Alltag, so werden wir etwa
Wunscherfüllung kreist. – so antworten: „Ich bin der Portier, Huber mein Name.“
Wie beendet man das Denken? – Der Maharshi hätte wohl weitergefragt: „Wer glaubt,
Indem man es nicht beachtet, indem man ihm dass er der Portier namens Huber ist?“
unlösbare Aufgaben gibt, indem man es zu seiner Dieses Verfahren ist als vichara (unterscheidende
Quelle zurückverfolgt und ähnliches. Erforschung) bekannt. Es ist ein negativer Vorgang,
insofern als immer mehr zurückgewiesen werden
Ich persönlich bevorzuge die dritte „Methode“. muss, je tiefer man geht. Wenn schließlich nichts
Eigentlich ist es keine Methode, weil nichts getan wer- mehr übrig ist…!
den kann, um den entscheidenden Schritt zu vollbrin- Daher: Beenden wir das Schreiben, beenden wir
gen. Es handelt sich eher um einen Trick. Es ist etwas, das Lesen und beenden wir das Denken!
das „zugelassen“ werden kann, aber nicht bewirkt.
Vielleicht legen deshalb manche Religionen so viel Keep quiet, don’t think and don’t make any effort!
Wert auf die Feststellung, dass man sich nicht selbst
erlösen kann, sondern Gnade nötig ist. Gnade ist aber (Sri H.W.L. Poonjaji)

– 42 –
108 Fragen zum freien Willen
Als ich ein Kind war, konnte man auf dem Jahrmarkt so tun, als ob man in einem kleinen Auto im Kreis führe. Es
hatte ein Steuerrad, das beweglich war, aber das Fahrzeug wurde automatisch von unten bewegt und gesteuert. Da
man instinktiv das Steuer in die Richtung drehte, in die sich der kleine Wagen bewegen musste, war es schwer, nicht
daran zu glauben, dass man das Auto lenkte, und noch schwerer, mit dem Lenken aufzuhören und es einfach den Weg
nehmen zu lassen, den es nehmen würde, denn das hätte zu einem Unfall führen können. Genau so ist unser willent-
licher Lebensweg.“

(Wei Wu Wei: Die einfache Erkenntnis)

H aben wir Menschen einen freien Willen? Welche


Bedeutung hat „Freier Wille“? Ist das Konzept
eines freien Willens eine Erfindung, gedacht andere
nicht bloß die Idee, ein eigenständig Handelnder zu
sein? So etwas wie eine unabhängige Insel im Univer-
sum? Ist der Moment der Entscheidung etwas anderes
Menschen zu beherrschen? Ihnen Schuldgefühle zu als das Sichbewusstwerden einer längst beschlossenen
geben, ihnen Illusionen bezüglich ihrer Macht zu Sache? Stehe ich nicht ständig hier und kann nicht
geben? anders? Sind Alternativen mehr als Phantastereien?
Ist diese Idee ein Produkt der Empfehlung „Teile Lebe ich denn oder werde ich nicht vielmehr gelebt?
und herrsche!“? Sind es nur „ausgewählte“ Menschen Wenn ich etwas will, bin ich unabhängig vom
(zum Beispiel die Herrschenden), die einen freien Wil- Gewollten? Ist „frei“ und „Wille“ nicht ein Wider-
len haben? Machen diese mit dem Rest der Mensch- spruch in sich? Bin oder war ich jemals frei, irgendet-
heit, was sie wollen, oder unterliegen sie sogenannten was Beliebiges zu wollen? Wer entscheidet denn darü-
Sachzwängen und können auch nicht anders? ber, was mir überhaupt als wünschenswert erscheint?
Ist die Vorstellung eines freien Willens verbreitet Entfaltet sich mein Leben nicht nach seiner inneren
worden, um besser manipulieren zu können? Um Gesetzmäßigkeit? Wenn nicht: Was könnte das bedeu-
andere Menschen (amtlich „Staatsbürger“ genannt) ten? Folge ich vielleicht einer äußeren Gesetzmäßig-
legitim (hin-)richten und bestrafen zu können? Um keit? Was ist überhaupt innen, was außen?
zur Durchsetzung unserer Rechtsvorstellungen sogar Will ich etwas nicht und tue es trotzdem, heißt das
psychische und körperliche Gewalt (bis hin zum denn nicht nur, dass ich zwei starke Strömungen in
Mord) anwenden zu dürfen ohne ein schlechtes mir habe, wie immer der stärkeren folge, die schwäche-
Gewissen haben zu müssen? Hatten sie nicht die freie re aber bestehenbleibt und sich daher lauter denn je zu
Wahl, gut oder böse zu handeln? Hatte eigentlich ein Wort meldet? Geschieht mir etwas, das ich nicht will,
Opfer die Wahl, Opfer zu werden? Wenn ja, warum ist was nützt es mir, es nicht zu wollen? Woher kommen
der Täter dann schuldig? Wenn nein, wo bleibt denn die Grundlagen für meine Entscheidungen, für die
der freie Wille des Opfers, diese Erfahrung zu vermei- Ausübung meines freien Willens? Was bedeutet eigent-
den? Warum glauben wir, dass das Opfer keine Wahl lich Freiheit in der Welt des „Ich will das (nicht)!“?
hatte, der Täter aber schon? Hat das Opfer die Mög- Was also, so muss man fragen, ist freier Wille in einem
lichkeit, unter der zugefügten Tat zu leiden und die Zusammenhang von Subjekt und Objekt? Kann ein
Möglichkeit, darunter nicht zu leiden? Glauben wir getrenntes Wesen überhaupt frei sein? Ist die Entschei-
vielleicht, dass wir dem Prinzip „Auge um Auge, Zahn dung für Trennung, für „Ich bin das und jenes nicht.“,
um Zahn!“ nachhelfen müssen indem wir bestrafen? denn nicht definitionsgemäß eine Einschränkung und
Sind wir uns denn so sicher, dass ein entwischter Ver- damit automatisch eine Beeinträchtigung der Freiheit?
brecher die Folgen seiner Taten nicht zu tragen hat? Hatte ich eine Wahl, diese Entscheidung zu treffen
War ich jemals frei, etwas zu wollen oder nicht zu oder zu verwerfen?
wollen? Ist der Wille nicht ein Resultat meiner per- Ist Wille etwas anderes als das Hervorbrechen der
sönlichen Anlage und meiner Geschichte? Was verliere aufgestauten Lebenskraft? Ist das ein persönlicher
ich, wenn ich den freien Willen verliere? Verliere ich Vorgang? Was ist „Person“ anderes als eine Sammlung

– 43 –
ausgewählter Gedanken, die meinen Willen konditi- Welche Seriennummer haben eigentlich Sie? ( „ Wi e
onieren? Ist es nicht befreiend, keine Wahl zu haben, heißen Sie?“)
nichts falsch oder richtig machen zu können? Ist es Welches Baujahr? („Wie alt sind Sie?“)
eine Erleichterung zu denken, dass ich als Teil der Welt Welches Betriebssystem? („Männlich oder weiblich?“)
eine Maschine, ein lernfähiges Computerprogramm Sind Sie mit anderen Maschinen vernetzt? (Ledig,
bin? Liegt Freiheit im Spielen und Sich–Erfreuen am verheiratet, geschieden; Kinder?“)
Ablauf des Lebens? Welche Programme sind Ihnen eingespeichert? („Beruf,
Schulbildung?“)
Was hat mein Leben mit mir zu tun? Bin ich mehr Welche Energieversorgung benötigen Sie? („Welche
als mein Leben? Wer bin ich? Einkünfte haben Sie?“)
Haben Sie Anti–Virusprogramme?
Bin ich verantwortlich für meine Entscheidungen? („Kinderkrankheiten; Schutzimpfungen?“)
Was bedeutet „Verantwortung“? Ist ein Programm
schuld an dem, was es aus eingegebenen Daten macht? Ist es richtig und wichtig, diese Fragen zu stellen?
Kann ich mein Programm nach Belieben ändern? Bin Ist es falsch und kräfteraubend, diese Fragen zu stel-
ich vielleicht erst ohne Programm ein lebendiger len? Oder bloß unnötig und unproduktiv? Haben Sie
Mensch? Bin ich mit einem solchen ein lebendiger eigentlich einen freien Willen? Wenn ja, wie drückt
Mensch? Ist „Mensch“ nicht nur der Name für eine sich dieser aus? Und wozu?
große Gruppe ähnlicher Verarbeitungsprogramme Können Sie auf Ihren freien Willen verzichten?
und ein persönlicher Name (wie etwa „Hans Huber“) Ist der Wille tatsächlich frei, müsste das möglich sein,
die Bezeichnung der jeweiligen adaptierten Version? oder etwa nicht? Können Sie aber verzichten ohne auf
Wenn wir nur Computer sind, die miteinander spie- Ihr Ich zu verzichten? Bleibt etwas, wenn kein eigener
len, arbeiten, kämpfen usw., wer sitzt dann vor dem Wille da ist? Was bleibt? Wer sind Sie, wenn Sie nicht
Bildschirm? Sitzt jemand vor der Maschine? Woher wollen und nicht nicht–wollen? Ist „Ich“ und „Wille“
kam das erste Programm? Sitzt vor jeder Maschine dasselbe?
ein anderer (vielleicht eine „Seele“)? Oder ist der Pro-
grammierer längst nach Hause gegangen und hat sein Hat es jemals ein Ich gegeben?
Werk sich selbst überlassen? Welchen Sinn hat das?

„Dein Wille geschehe!“ – Was aber ist „Dein Wille“?


Heißt das nicht vor allem auf das Konzept eines eige- Ich habe lange Jahre damit verbracht,
nen, persönlichen („freien“) Willens zu verzichten? mit aller Kraft den Deckel auf einen Topf zu halten,
Heißt das nicht einfach, Hingabe zu wählen? Hingabe in dem ich eine ungeheure Bombe wusste.
an das, was geschieht – Widerstand aufzugeben? Aber Ich war sicher, die Welt würde explodieren,
auch das tun, was ich schon immer tun wollte? Das wenn ich die Kontrolle über den Deckel verlöre.
tun, was notwendig ist? Ohne lang zu fragen, was rich-
tig ist? Heißt das nicht, seinen Impulsen zu vertrauen, Ein Augenblick des Loslassens genügte!
ihnen zu folgen, sie als göttlich anzunehmen? Liebe Ein winziges Rauchwölkchen verpuffte
statt Vernunft? Dorthin gehen, wo es mich hinzieht, im blauen Himmel
nicht dorthin, wo es „richtig“ wäre? und übrig blieb –
der leere Topf.
Wenn wir an freien Willen glauben, warum mani-
pulieren wir ständig unsere Kinder und schicken sie Was für eine Erleichterung!
zur Schule? Muss ein Mensch erst zurechtgestutzt
werden, um seinem freien Willen folgen zu dürfen? Ich habe beide Hände frei um zu tun,
Kann ein Mensch denn zurechtgestutzt werden (zu was immer ich möchte –
Recht gestutzt werden)? Oder helfen unsere Schulen zum Beispiel um sie in den Schoß zu legen!
vielleicht einem Kind, seinen Willen verwirklichen zu
können? Wozu dann Lehrpläne und Benotung? (Iris Lindner)

– 44 –
Über die Wörter
„Language is a virus from outer space.“
(William S. Burroughs)

S prache kann einen wirklich krank machen! Sie ist


so beschränkt, geht mit solcher Zielstrebigkeit am
Wesentlichen vorbei, dass es schier zum Verzweifeln
dass mir das Bestehen auf Worte mehr als lächerlich
erschien. Leider fühlen sich Menschen abgelehnt,
ignoriert und sogar angegriffen, wenn man einfach
ist. Dabei ist sie ungeheuer kompliziert und verschlei- nichts sagt und keinerlei verbale Antwort gibt.
ert damit ihr Unvermögen. Sprache – der Sprechen-
de – gibt vor, kommunizieren zu wollen, dabei wird Nun ist es durchaus nicht so, dass ich die ganze
gerade durch sie völlige Kommunion vereitelt. Angelegenheit heute anders sähe! Nach wie vor habe
Es gibt sogar Fachsprachen, deren Sinn so gut wie ich das Gefühl, dass Sprache dazu da ist, tiefe Begeg-
ausschließlich darin besteht, Nicht-Fachleute nicht nungen zu vermeiden, aber ich sehe jetzt auch, dass
mitreden zu lassen. Nicht nur solche Extreme bringen diese Unmittelbarkeit einem Menschen in unserer
diese Resultate: Sprachen sind nun einmal verschie- Kultur nicht zugemutet werden kann und darf. Er
den, sodass sie jeweils nur von einer verhältnismäßig steht auf so wackeligen Beinen, dass ihn ein nicht
kleinen Anzahl von Menschen verstanden werden erwiderter Gruß in größte emotionale Verwirrung
können; von anderen Lebewesen möchte ich erst gar stoßen kann. Außerdem weiß ich jetzt auch, dass die
nicht reden. Essenz des Universums selbst durch so etwas Ober-
flächliches wie Sprache oder Schrift durchscheint, ja,
Es gab eine Zeit, da konnte ich kaum mehr reden. dass auch diese nichts anderes als Reine Essenz sind.
Jedes Wort schien mir nicht nur völlig unnötig zu Jeder Mensch macht damit, was er aufgrund seines
sein, es war noch dazu eine unerschöpfliche Quelle Zustandes machen kann. Ein Wort führt zu Erleuch-
von Missverständnissen. Mein Eindruck war, dass die tung oder zu neuen, gewaltigen Gedankengebäuden,
gesamte Erscheinung meines Seins alles sagte, ohne um Erleuchtung weiterhin zu vermeiden. Es steht aber
dass ich sie hätte beeinflussen können oder müssen. weder in meiner Macht, noch in meiner Verantwor-
Etwas dazu zu sagen, war ein dummes Spiel, bloßes tung, das eine oder das andere hervorzubringen.
Vernünfteln, Täuschung. Der andere konnte sich zwar
einen Reim darauf machen, doch wozu? Falls er mich So habe ich mich wieder mit dem Sprechen (und
erkennen wollte, brauchte er keine verbalen Mitteilun- dem Schreiben) versöhnt, obwohl ich noch immer
gen meinerseits, und wenn er mich verändern wollte, sagen würde, dass es sich bei beidem um Krankheit
weil ich ihm unangenehm war, musste er nur hiersein handelt – soweit es etwas derartiges überhaupt gibt.
und -bleiben, und alle mögliche Beeinflussung würde Von einer bestimmten Warte aus gesehen natürlich
von selbst geschehen. (Das klingt, als hätte ich mich nicht – man müsste sagen: In Wahrheit ist (und war
auf irgendeiner „astralen“, „energetischen“ Ebene und wird sein) alles in ewiger, absolut perfekter Ord-
befunden.) nung! (Können Sie das erkennen?) Vielleicht ist die
Sie können sich sicher vorstellen, welche Störungs- einzige Krankheit, die diese Bezeichnung verdienen
quelle ich auf einer Abendgesellschaft darstellte. Auch könnte, die Vorstellung, etwas zu dieser Ordnung
meine Frau hatte damals einiges mit mir mitzuma- beitragen zu müssen, ja, überhaupt etwas aus eigener
chen. Kraft beitragen zu können.
Es war nicht so, dass ich mich verbergen oder
schützen wollte oder dass ich kein Interesse an Wenn Sie mir einen Rat gestatten: Glauben Sie
meiner Umgebung gehabt hätte; aber ich war doch bitte nichts, was in diesem (oder einem anderen) Buch
schon vollkommene Mitteilung, und wenn das nicht geschrieben steht, merken Sie sich nichts, und lernen
erkannt werden konnte, was hätte es nützen können Sie um Gottes Willen nichts dazu! Soll irgendetwas
zu sprechen? Ich fühlte mich mit allen so verbunden, geschehen, geschieht es am leichtesten, wenn Sie sich

– 45 –
in keiner Weise daran beteiligen oder gar Mühe geben. Nicht-Essen ist auch nicht schlecht.
Aus irgendeinem Grund haben Sie zu diesem Buch Nicht-Schlafen.
gegriffen, aus irgendeinem Grund lesen Sie es, und Nicht-Arbeiten.
das genügt! Nicht-Vögeln.

Falls Sie für eine gewisse Zeit den Mund halten Tun Sie einmal genau das nicht, was Sie sonst für
wollen, dann tun Sie es! Und wenn Sie dabei gesell- gewöhnlich tun. Das ist zwar um nichts besser, als ein
schaftliche und private Schwierigkeiten vermeiden anständiger, normaler Mensch zu sein, aber anders,
wollen, machen Sie ein Retreat. Dabei darf man und kann einen daher dazu bringen, leichter wahrzu-
allerlei verrückte Dinge tun, ohne sie andauernd nehmen, was immer gleich bleibt, wahrzunehmen, was
erklären und rechtfertigen zu müssen. Bei unseren man wirklich ist.
Mitmenschen stößt solch ein abweichendes Verhalten
sonst auf völliges Unverständnis. (Nicht so in Indien: Außerdem ist Routine ohnehin einschläfernd!
Dort ist Schweigen als spirituelle Übung geachtet und
bekannt.) Vielleicht haben Sie keine Ahnung, was
mit so einer simplen Nicht-Tätigkeit bewirkt werden
kann. Es lohnt sich, das herauszufinden!

– 46 –
Sei jetzt hier

E in höchst mysteriöser Begriff, der durch die alte


und noch mehr durch zeitgenössische spirituelle
Literatur (und auch durch dieses Buch) geistert, ist
ohne Zeit in Anspruch zu nehmen, augenblicklich
geht das nicht! Wozu auch? Meine Gedanken wären
ja doch kein Tisch, wie lange ich mir dafür auch Zeit
„Hier und Jetzt“. Auf den ersten Blick scheint ja alles nehmen würde. Wozu also den Tisch denken, wenn er
klar zu sein: Hier ist eben hier und nicht dort, jetzt jetzt hier ist?
heißt nicht gestern oder morgen sondern einfach
jetzt. „Sei jetzt!“ bedeutet also: „Denke nicht!“. Denke
Was aber soll man mit der Aufforderung, „Sei jetzt nicht an gestern und nicht an morgen, aber auch
hier!“, anfangen? Wo und wann könnte ich denn sonst nicht an jetzt! – Das können Sie nämlich gar nicht;
sein, wenn nicht hier und jetzt? – Vielleicht kann ich denn wenn Sie glauben, mit Ihren Gedanken jetzt hier
zwar nur auf diese Art sein, aber glauben, dass ich ein- zu sein, handelt es sich in Wirklichkeit entweder um
mal so oder so sein werde, oder dass an diesem oder einen alternativen Entwurf der Gegenwart oder um
jenem Ort das und das gewesen ist. Ist also gemeint, etwas gerade Vergangenes oder gleich Eintreffendes.
man solle nur an das denken (glauben?), was hier und Denken kommt aus der Vergangenheit und führt in
jetzt ist? Kann man das überhaupt? die Zukunft; das Jetzt wird nicht gedacht, „denken“
Heißt das, an diesen Tisch da vor mir zu denken, heißt immer „an-etwas-anderes-denken“! Gedanken
wie er jetzt ist? Was gibt es da zu denken oder gar zu sind immer abschweifende Gedanken.
glauben? Ist dieser Tisch überhaupt hier, wo ich bin,
oder doch nur dort, vor mir, also ein bißchen entfernt? Und „hier“ – was bedeutet „hier“? Ist „hier“ der
Wenn ich an ihn denken soll, wie er jetzt ist, woran Ort, an dem mein Körper ist? Bin ich „hier“, wenn
könnte ich denn denken? Daran, dass er schmutzig ich Augen (und Ohren) schließe? Hat Tasten, Schme-
ist und gereinigt werden sollte? – Nein, das hieße ja cken und Riechen Gültigkeit, weil es hier in meinem
an eine erwünschte Zukunft denken und nicht an das Körper geschieht, während ich dagegen dort etwas
Jetzt. Daran, dass er seine Funktion gut erfüllt, wenn sehe oder höre? Oder geschieht alles hier in meinem
er vielleicht auch nicht so hübsch ist wie er sein könn- Körper – Lichtreflexion für meine Augen, Schall für
te, dass viel auf ihm liegt, dass er aus Holz besteht die Ohren, stoffliche Berührung für den Tastsinn, das
und aus ein paar Schrauben, dass er eben so ist, wie Riechen, den Geschmack?
er ist? – Der Körper kann gar nichts wahrnehmen. Nicht er
Dass er eben so ist, wie er ist; das könnte es sein! selbst nimmt wahr: Durch ihn wird wahrgenommen.
Annehmen schwingt da mit, nicht verändern wollen Er ist nur ein Werkzeug der Wahrnehmung. Und so,
(weil das ja in die Zukunft führen würde), nicht wie man durch ein Fernglas die Berge betrachten kann,
vergleichen (weil Vergleiche die Vergangenheit benö- es dann aber absetzt und selbst ansieht, so betrachtet
tigen), eigentlich gar nicht denken, denn ich könnte man durch den Körper die Berge, ändert dann seine
ihn ja nur reduzieren auf meine gedankliche Beschrei- Aufmerksamkeit und bemerkt plötzlich, dass die
bung. Augen durch den scharfen Wind tränen.
Ich könnte ihn nicht so denken, wie er jetzt ist, „Hier“ kann also nicht den Körper bezeichnen,
selbst ein einfacher Tisch ist viel zu kompliziert, um mein Körper ist ebenfalls dort als Gegenstand der
ihn jetzt im Augenblick mit all seinen Eigenschaften Wahrnehmung wie jedes andere Ding auch, wie jedes
erdenken zu können. Nicht die Maserung eines einzi- Gefühl, jeder Gedanke. Und was ich „Objekte“ nenne,
gen Brettes könnte ich jetzt sofort erdenken. Ein lang- sind nichts als Sinneseindrücke; dass da überhaupt
sames Vortasten wäre möglich, eins nach dem anderen irgendetwas anderes als ich ist, ist nur eine Idee, nichts
beschreiben. Eine langwierige und mühsame Arbeit, weiter. Das Objekt „Tisch“ ist ein Konglomerat von
und wo sollte ich beginnen? Den gesamten Tisch Nervenimpulsen in meinem Gehirn. Da sind Sinnes-
dürfte ich da nicht ins Auge fassen, nur ganz kleine eindrücke und sie werden in meinem Geist zusam-
Teile, aber die könnte ich auch nicht beschreiben, mengesetzt und „Tisch“ genannt. Jemand nimmt diese

– 47 –
Vorgänge wahr. Dann tue ich so, als ob es sich um res gibt. „Sei hier!“ weist nur auf diese Tatsache hin
etwas dort draußen handeln würde, das unabhängig und fordert dazu auf, sich nicht täuschen zu lassen, zu
von mir existiert. Aber alles, was ich überhaupt erfah- erkennen, dass jede Trennung nur ein Gedankenkon-
ren kann, ist eine Bewegung meines Geistes genannt strukt meines Geistes ist. Wer aber ist es, der „mein
Wahrnehmung: Die ganze Welt ist mein Geist! Geist“ sagt? „Mein“ heißt doch „Es gehört zu mir.“,
Und: „Mein Geist“ ist nicht verschieden von „mein daher muss „ich“ doch mehr sein als das auf diese Art
Körper“. Manche Bewegungen zähle ich zu „mein Bezeichnete. Was ist dieses „mehr“? Ich kann nicht
Körper“, manche werden zu „andere Objekte“ zusam- mein Geist, mein Körper oder meine Wahrnehmung
mengefasst, und manche halte ich für einen Ausdruck sein.
von „mein Geist“, aber all das ist nur sprachliche Genau genommen bin ich natürlich das auch, aber
Unterscheidung. Alles ist meine Wahrnehmung. Wer sich für diese Staubkörnchen allein zu halten, negiert
aber ist der Besitzer dieses Geistes, wer ist der Wahr- den, der sie sieht, und das ist nicht weniger als die
nehmende? – Aller Geist ruht in etwas Unfassbaren. Ursache allen Leidens.
In Wahrheit ist außer diesem nichts. Was bin also ich? Was ist das jenseits dieser Dinge?
Wer sagt „mein“? Suchen Sie die Antwort! Die Auffor-
„Hier“ ist „im Unfassbaren“. „Sei hier!“ bedeutet: derung „Sei jetzt hier!“ führt zur Frage aller Fragen:
„Durchschaue die Illusion der Trennung!“. Wer bin ich? Versenken Sie sich in diese Frage! Intel-
lektuelles Verständnis ist zu wenig, Sie müssen alle
Es gibt überhaupt kein „dort“ von dem ich wissen Ihre Gedanken hingeben an diesen einen und dann
könnte, jedes „dort“ ist immer hier in meiner Wahr- nur noch lauschen mit leerem Geist, still und ohne
nehmung. Weiters gibt es keine Trennung zwischen Anstrengung. Gelingt es Ihnen, die Antwort zu finden,
den Objekten außer einer gedanklichen. Sie sind so haben Sie die Antwort auf jede nur mögliche Frage
alle „in“ meiner Wahrnehmung, und noch genauer: gefunden! Es gibt keine, die noch irgendeine Bedeu-
Auch Wahrnehmung kann nicht von ihren Objekten tung haben könnte, wenn Sie erst einmal auf „Wer bin
getrennt werden. Alles ist hier, weil es gar nichts ande- ich?“ gestoßen sind.

– 48 –
Gelassenheit

L angsamkeit tut gut. Wachheit und Zartheit im


Geschehenlassen. Innehalten und Zögern. Die
Muße im Unnützen und Unbrauchbaren. Eine Blume
Glaub’ doch nicht, dass du etwas tun kannst. Alles
geschieht seiner Bestimmung gemäß, ob dir das recht
ist oder nicht. Nach jeder Qual kommt eine Zeit der
im Staub, eine Öllache in der Stadt, eine schüchterne Befreiung und Erleichterung: Endlich bist du wieder
Frohheit in den Menschenmassen der U-Bahnstation. dankbar und glücklich. Kein Drang mehr und kein
Langsam und sanft durch das Getümmel gleiten, Zwang, alles ist wieder leicht und freundlich gewor-
Zeit für’s Sich-Verlieren im Sinnlosen. Ein Nichts- den. Ein freies Fließen der Energien in dir, durch dich.
nutz den Geschäftemachern, ein Idiot denen, die Schwach und dümmer denn je bist du froh über den
Bescheid wissen, ein Nichts für die Selbstbewussten, Durchbruch. Aufatmend stellst du fest, dass du nicht
eine Lächerlichkeit für die Erfolgreichen. Geschützt mehr zu verstehen brauchst, nicht mehr „das Richtige“
im Unbrauchbaren. Hierhin und dorthin oder auch tun musst: Da schon alles an seinem Platz ist, muss
nicht. Ein Nein wie ein Ja und stets unsicher und… – auch nichts mehr „gerichtet“ werden. Du weißt immer
bereit. Ein Abenteuer statt ein Abenteurer. Sich ziehen noch nicht, wie das Universum funktioniert oder ein
lassen, immer wieder weg. Ständiger Beginn. CD-Player, aber es ist schön, dass es das tut. Genau
zum richtigen Zeitpunkt geschehen die Dinge; also
Langsam-sein heißt unter der privaten Normalge- geh’ und genieße sie!
schwindigkeit bleiben. Immer Reserven haben und
nie benützen. Selbst in der Raserei den Platz der Ruhe Herumtaumeln wie ein Drache im Wind. Langsam
nicht verlassen. (Alles rast vorbei, aber ganz innen löst sich der Knoten, und er fliegt rasch davon, wäh-
gibt es keinerlei Bewegung – wie beim wirbelnden rend die Schnur zu Boden fällt. Hängenbleiben im
Tanz der Derwische.) Absolute Klarheit in der hem- Geäst des nächsten Baumes, hin- und herschaukeln,
mungslosen Ekstase. Ganz still im brüllenden Toben, gekitzelt von Ameisen und Raupen. Losgerissen mit
ganz langsam im freien Fall. Und natürlich mühelos: dem Sturm dahinjagen und –rasen weit übers Land,
Wozu Bemühen, wenn alles recht ist? Jedes Blättchen zerbrochen und zerfetzt werden. Wieder Ruhe finden
im Wald ist Milliarden von Diamanten wert und und sanft vom schmutziggrauen Wasser des Flusses
umgekehrt. Sich nicht drängen lassen, zu dumm sein getragen werden. Weiterzerfallen bis nichts mehr fest-
für alles und jeden. hält. Teilhaben an der ganzen Welt, an allen Schnüren,
Winden, Bäumen und Flüssen – überall und frei von
allem.

– 49 –
Zarte Freude

Tritt ein

Sieh dich um
und spiel’ mit

Sei langsam
das macht Freude

Kommt ein Wunsch


so lass dir Zeit

Vielleicht
darf ’s auch ‘was
and’res sein

– 50 –
Glossar

Dhikr: Rituelle Übung der Hingabe und Verehrung Zweck der Selbst–Erkenntnis oft mit bestimmten
Gottes aus dem sufischen Islam in Form von kur- Auflagen verbunden, wie z.B. Schweigen, Verbot
zen, einfachen „Gesängen“ (ähnlich den hinduis- von Ablenkungen (Unterhaltung), wenig Schlaf,
tischen Mantren), die über lange Zeit wiederholt streng geregelter Tagesablauf, Alleinsein o.ä.
werden. Die Worte beschreiben zum Beispiel
verschiedene „Eigenschaften“ Gottes („Namen“ Samadhi: Verlorensein in Glückseligkeit
Gottes) und erzeugen durch die ständige Wieder-
holung auf zwanglose Weise ein Atmungsmuster, Samsara: Welt; Kreislauf von Tod und Wiedergeburt;
das tranceartige Bewusstseinszustände hervor- Zustand der Getrenntheit und Objektivierung
bringt. (Verdinglichung)

Hier & Jetzt: Das, was bleibt, wenn jede Vorstellung Satguru: endgültiger Lehrer; Lehrer der Freiheit, des
von Distanz aufgegeben wird: Kein Ort in keiner Bewusstseins, der Wahrheit, des So–Seins (Sat)
Zeit. Satori: vorübergehender Zustand der Erlösung
(Erleuchtung); Aufblitzen der Befreiung
Karma: Gesetz von Ursache und Wirkung („Man ern-
tet, was man gesät hat.“); die Wirkungen früherer Schamanismus: Lehre und Praxis der Ekstase, Heilung
Handlungen und Magie; Erkenntnissystem, das zu – aufgeklär-
tem Weltverständnis entgegengesetzten – Ergeb-
Konzept: Vorstellung; zu einer Form zusammenge- nissen kommt; alternatives Bewusstseins– und
fasste und festgehaltene Gedanken; die Ursache Wirklichkeitserleben; Suche nach der „Medizin“
allen Leidens (dem Heiligen/Heilenden)

Nirvana: „Ausgeblasensein“, die Vereinigung mit dem Vichara: Unterscheidende Erforschung; Suche nach
Ungeformten Einen (Brahman) dem Selbst

Objekt: Teil des Samsara; Ergebnis des gespaltenen Yoga: Vereinigung des individuellen „Geistes“ (Atman)
Geistes, der sich als Subjekt Objekten gegen- mit dem Einen Geist (Brahman); Übungssystem,
übergestellt sieht; ein vom Betrachter getrennt das zu dieser Vereinigung führen soll
gesehenes Ding
Zen: von Sanskrit: dhyana („Meditation“, als Errei-
Retreat: „Rückzug“ (ursprünglich im militärischem chen des reinen, d.h. gedankenleeren Geistes);
Sinne), hier: Rückzug von der Alltagsroutine zum System, das dazu verhelfen soll

– 51 –
Index

A Enttäuschung 25
Abwesenheit 11 Erkennen 5
Allah. Siehe Gott Erkenne dich selbst! 5
Angst 4–6, 11–13, 15, 16, 17–18, 21, 22–23, 25, 26–27, Erleuchtung 24, 35–36, 45
33, 41 Erwachen 5, 35
Arbeit 7, 14, 17, 32 Erwartung 33
Recht auf 17 Ewigkeit 18
Ausbeutung 10, 32
F
B Familienvater 14
Baader-Meinhof-Gruppe 10 Faschismus 32
Begrenzung 21 Folter 10
Bestimmung 49 Formlosigkeit 10
Beurteilen 8 Frau 14
Bewusstsein 11 Freiheit
-szustände 11, 36 absolute 21, 24, 33
Beziehung 14–15 Freude 2, 3, 7, 9, 10, 25, 28, 29, 39, 41, 50
Bodhidharma 35 Führung, göttliche 39
Buddha 41
Burroughs, William S. 45 G
Gebrauchsanweisung 19
C Gedichte
Castañeda, Carlos 7, 11 Hochzeit 16
Learning to fly, Part II 37
Christentum 24
Lindner 44
Little Gidding 39
D Noch einmal 40
Dauer 14 Rilke 20
Davis, Miles 28 Geheimnis, offenes 34
Demut 36 Gehirnwäsche 38
Denken 13, 41–42, 47–48 Geist 15, 34, 48
Depression 14 Gesellschaft
Dhikr 36 gerechte 10
Don Juan 11 Gesetzgeber 12
Drogen 11–12 Gewalt 24
Dualität 5, 34, 39 Gewissen
schlechtes 5
E Glück 18, 20, 30
Ego 22, 24, 35 Glückseligkeit 34, 35
20, 30–31
Eins 5, 12
Gott 8–9, 21, 36, 38
Eizelle 11
Ekstase 7, 10, 28, 49
Eliot, T. S. 39
H
Halluzination 10
Entscheidung 43–44
Heilige 38

– 52 –
Hier–und–jetzt 33 Nichts 9, 36
Himmelreich 35 Nierenkolik 26–27
Hingabe 12, 39, 44
Hoffnung 14, 20 O
Hoffnungslosigkeit 5 Objekt 5, 8, 20, 34, 47
Opfer 20, 43
I
Ich 5, 15 P
Ich-Gefühl 11 Panik 10
Ich–Vorstellung 39
Papaji 25. Siehe auch Poonjaji, H. W. L.
Illusion 40
Paradies 28
Isolationshaft 10
Paradox 21
Isolationstank. Siehe Samadhi-Tank
Person 34, 43–44
Persönlichkeit 11
J Pilze, Heilige 12
Jetzt 15, 33, 47 Poonjaji, H. W. L. 2, 15, 42
Positiv Denken 5, 8
K Prozess 30
Kind 14 Psychologie 10
Kirche, katholische 24
Kommunion 45 R
Kommunismus 32 Ramana Maharshi 2, 42
Konzept 8, 20 Ram Dass 21
Krebs 41 Realität. Siehe auch Wirlichkeit
Krishnamurti, Jiddu 38 soziale 10
Reed, Lou 34
L Reinheit, Ursprüngliche 19
Lao Tse 35 Reinigung 25
Leary, Timothy 10 Religion 38
Leere 9, 11, 31 Revolution 32
Leiden 3, 4, 15, 26, 36, 41 Rilke, Rainer Maria 20
Leistung 17 Routine 11, 29, 46
Liebe 22–23 Rückkehr 34
unbegrenzte 33 Ruhe 49
Lilly, John C. 10, 12
Lindner, Iris 44 S
Lohn 17 Samadhi-Tank 10–13
LSD 12 Satguru 7
Satori 36
M Schamanismus 7, 35
Marx, Karl 32 Schmerzen 26–27
Materialismus 32 Schöpfung 12, 31
Meditation 12 Sehnsucht 20–21
meditieren 7, 42
Sekte 38
Musik 28
Selbst 5, 20
Mystiker 38
Selbstverwirklichung 6
Seligkeit 11
N Shapiro, Isaac 2, 6
Nächstenliebe 33
Sinnesreiz 11
Neubeginn 14–15
Sklaverei 17
Nicht–Tun 35
Sprache 45

– 53 –
Staat 10 Verlangen 22, 41
Staatsgewalt 24 Vernunft 33
Stille 25 Verstand 5, 6, 10, 25, 33, 34, 40, 41
Subjekt 5 vertrauen 30
Suche 4 vichara 42
Sünde, Sünder 8, 38 Vollkommenheit 8
Vorstellung 8, 10, 15
T
Tao Te King 35 W
Terrorist 10 Wahrheit 5, 30
Teufel 38 Wahrnehmung 10, 15, 28, 30–31, 33, 48
Tiefschlaf 15 Ware 32
Tod 3, 4, 10, 11, 22–23, 26–27, 32, 39, 40, 41, 51 Wei Wu Wei 25, 43
Trance 35 Welt 48
Transzendenz 22 Wer bin ich? 42, 44, 48
Trauer 14 Wille
Traum 5 freier 43–44
Trennung 12, 14–15, 20, 48 Wirklichkeit 10, 15
Witz
U kosmischer 15
Übung 24–25 Wunsch 15, 20, 21
Umkehr 5
Unvollkommenheit 8 Z
Unzufriedenheit 31 Zärtlichkeit 15
Ursache und Wirkung 17, 33 Zeitalter
dunkles 33
goldenes 33
V Zeremonien 35
Verbundenheit 22
Zivilisation 32
Vergnügen 5

– 54 –