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Replik auf Joël Hoffmanns «Monica Gschwind setzt endlich Grenzen»

Die Verfassung ist kein Knigge

Von Serkan Abrecht

Grenzen» Die Verfassung ist kein Knigge Von Serkan Abrecht Bildungsdirektorin Monica Gschwind (FDP) musste sich so

Bildungsdirektorin Monica Gschwind (FDP) musste sich so einiges in der Therwiler Handschlag-Affäre anhören. Ihr zögerliches Handeln gegenüber den zwei islamistischen Schülern, die sich weigerten, einer Lehrperson aufgrund ihres Geschlechts die Hand zu reichen, stiess national wie international auf Verwunderung und Empörung. Vergangene Woche schickte Gschwind eine Verfassungsänderung in die Vernehmlassung. Der Handschlag soll Pflicht werden. Eine Anstandsregel soll in der Verfassung verankert werden.

Staatsrechtler und linke Politiker kritisieren den Entwurf, Bürgerliche bejubeln ihn. «Monica Gschwind setzt endlich Grenzen», titelte mein Redaktionskollege Joël Hoffmann in der BaZ-Montagsausgabe. Ganz im Tenor: «Endlich wird hier mal durchgegriffen.»

Nur: Es wurde bereits durchgegriffen. Gschwind handelte damals verhalten, unsicher. Doch gutgeheissen hat sie das Benehmen der beiden Islamisten nie. Niemand tat dies.

Dementsprechend folgten Sanktionen. Therwil wird den Händedruck weiter einfordern. Sollten die Schüler dem nicht nachkommen, gibt es Konsequenzen: Bussen, Mahnungen, Schulverweis. Auch die Eltern Ursprung des fundamentalistischen Gedankengutes ihrer Sprösslinge wurden bestraft. Ihr Einbürgerungsdossier wurde sistiert und der volljährige Handschlag-Verweigerer vom Migrationsamt abgemahnt. Im Rahmen des gesetzlich Möglichen sind Konsequenzen gezogen worden. Doch Gschwind will einen Schritt weiter gehen, und dieser Schritt ist einer zu viel.

Anhand eines Präzedenzfalls in Therwil will Gschwind auf Drängen der Bürgerlichen im Landrat gesellschaftliche Anstandsregeln, wie beispielsweise seinem Gegenüber beim Sprechen in die Augen zu schauen oder den Handschlag zur Begrüssung als Zeichen des gegenseitigen Respekts, in der Verfassung manifestieren. Damit macht sie das Verhalten zweier renitenter, pubertierender Jugendlicher zur Staatsaffäre. Und das ist schlichtweg übertrieben.

Warum die Verfassung ändern? «Bürgerliche Pflichten», wie diese Benimmregeln und Rituale in der Vorlage genannt werden, sollen von Ausländerinnen und Ausländern eingehalten und über ihre religiösen Weltanschauungen gestellt werden. Doch was sind bürgerliche Pflichten? Ist die Teilnahme am alljährlichen Krippenspiel einer Schule die bürgerliche Pflicht eines muslimischen Primarschülers? Oder ist das Teilnehmen von katholischen Kindern am heidnischen Räbeliechtli-Umzug ebenfalls ihre bürgerliche Pflicht?

Diese Frage stellt sich auch Beat Zemp, Präsident des schweizerischen Lehrerverbandes, gegenüber der Schweiz am Sonntag. Zu Recht. Zwar widerspricht die Weigerung, einer Frau die Hand zu reichen, um sie somit zum Sexobjekt zu degradieren, ebenfalls den liberalen Werten unseres Landes und wird dementsprechend bestraft. Doch Gläubige in einem säkularen Staat gegen ihren Willen zu verpflichten, an einem Fasnachtsumzug ebenfalls heidnisches Brauchtum teilzunehmen, wie es CVP-Landrat Pascal Ryf in der BaZ forderte,

hat mit Liberalismus nichts mehr zu tun und in einer Verfassung ebenso wenig verloren wie ein Verbot von Sexspielzeug aus Plüsch.

Zusätzlich soll der Gesetzentwurf eine Meldepflicht für Pädagogen beinhalten. Die Lehrkräfte müssen ausländische Schüler beim Migrationsamt melden, sollten diese «wesentliche - Probleme» bei der Integration haben. Somit wird eine Brücke zwischen Ausländer- und Bildungsrecht geschlagen. Ob beispielsweise Primarlehrer überhaupt die nötige Kompetenz besitzen, um beurteilen zu können, wann ein Kind erfolgreich integriert ist und wann nicht, bleibt offen.

Ausländerfeindliche Massnahmen Viel prekärer ist jedoch die Tatsache, dass der Gesetzentwurf nur auf ausländische Kinder zielt, welche ihre «bürgerlichen Pflichten» nicht richtig wahrnehmen oder diese nicht kennen würden. Kinder mit Migrationshintergrund, die aber eine Schweizer Staatsbürgerschaft besitzen, sind nicht betroffen. Somit klassifiziert die freisinnige Regierungsrätin Gschwind mit ihrem Gesetzesentwurf die Baselbieter Schulkinder in Schweizer und Ausländer.

Mancher mag argumentieren, dass man in der heutigen Zeit Islamisten, die die Ausübung ihrer menschenverachtenden Gebräuche mit den liberalen Religionsfreiheitsklauseln in den Verfassungen ihrer jeweiligen Gastländer rechtfertigen, keine Hand darbieten soll. Aber in genau ebendiesen Verfassungen ob nun kantonal oder national haben Anstandsregeln schlichtweg nichts zu suchen. Ob nun für Ausländer oder Schweizer. Eine Verfassung ist kein Knigge.

Kollege Hoffmann argumentiert dazu so: «Gschwind zieht ihre Linie durch, zeigt Standhaftigkeit und setzt den Anmassungen religiöser Fanatiker Grenzen. Die juristischen Mängel lassen sich beheben.» Genau diese juristischen Mängel zeugen davon, dass Gschwinds Entwurf in seiner jetzigen Form offenbar unserer liberalen Gesetzgebung nicht standhält.

serkan.abrecht@baz.ch