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DHittorifche Tatfachen rr. 8 Historische Tatsachen Nr. 8 Hans Kehrl Zum Untergang des Dritten Reiches Copyright Alle Rechte vorbehalten Verlag fir Volkstum und Zeitge 4973 Vlotho/Weser Postfach 1643 1981, Chef des Planungsamtes Im Hochsommer 1948 von der zweiten Hiilfte Juli an hatte sich die militirische Lage fiir das Reich iiberall augespitzt. Im Juli 43 war an der Ostfront die letzte groge deutsche Offensive, bei der auf unserer Seite liber tausend Panzer eingesetzt worden waren, fest- gefahren und damit gescheitert. Ende August muBte Charkow zum zweiten Male und nunmehr endgiiltig gertumt werden. Der Briicken: kopf Kertsch und das Donezbecken wurden Anfang September 1943 aufgegeben. Das Gesetz, des Handelns schien mehr und mehr auf die Sowjets tiberzugehen. Um die gleiche Zeit wurde Mussolini gestiirzt, In die ‘Tage seiner Absetzung fiel auch der LuftgroBangrift auf Hamburg vom 24, Juli bis 3. August 1943. Qua dratkilometerweise waren ganze Stadtviertel durch Spreng- und Brandbomben zerstirt worden. Etwa 50 bis 60.000 Tote lagen unter den Triimmern. Ich begann zu flirchten, da8 die Zerstérung des Reichsgebietes aus der Luft dem Krieg sogar noch weit eher ein Ende bereiten wiirde als die Kampfhandlungen an der Front dazu fiihren wiirden. Das war zeitlich der politisch-militarische Hintergrund, vor dem damals Speer Besprechungen mit mir begann dariiber, da3 ich die Hauptabteilung II des Reichswirtschaftsministe- riums auf das SpeerMinisterium fiberfihren und eine iibergeordnete Gesamtplanung fiir das deutsche Reich iiber Rohstofieinsatz, Steuerung der gesamten Indust- rie- und Riistungsproduktion sowie Bedarfsdeckung der Bevélkerung und Sicherung des unentbehrlichen Exportes organisieren und leiten sollte. Ein erschreckendes Angebot ! Die Méglichkeit 2u alledem sollte dadurch geschaf- fen werden, da alle diesbeziiglichen Aufgaben in einem bisher nicht bestehenden Planungsamt zusam- mengefaSt wiirden, dessen Aufbau und Leitung mir iibertragen werden sollte, Hieriiber sprach Speer mit mir und seinen vier bisherigen Amtschefs am 27. Juli 1948 und verfaSte dariiber eine kurze Protokolinotiz, in der es zum Schiu8 hie8: “Eine von Prisident Kehrl als winschenswert bezeichnete Aujierung des Ministers iber die allgemeinpolitische Lage und dio aus den Ereignissen in Italien (Sturz des Duce durch Badoglio am 25.7.) sich ergebenden etwaigen Verdinderungen wurde vom Minister als unturlich und nicht zur Sache gehirend atgelehnt. Kehrl wurde spiter dariber belehrt, dab es vallig bwogig sei zu glauhen, der Minister mache bei seiner joweiligen Ritekkehr aus dem FiihrerHauptquartier seinen Mitarbeitern Mitteilungen iber die politische Lage oder gar iiber seine Besprechung mit dem Fuhrer.” Diese “Belehrung” befriedigte mich nicht und konnte von mir nicht akzeptiert werden. Letzlich war es auf der Bbene, auf der ich als Leiter der Hauptabtei- lung I des RWM und ebenso die Amtschefs bei Speer ttitig waren, praktisch nicht méglich, sinnvoll 2u ar beiten, wenn wir nicht wenigstens in grofen Ziigen liber die allgemeine Lage unterrichtet waren. Fin Ar beiten gleichsam im luftleeren Raum war dabei un- zumutbar und sicher auch nicht zweckentsprechend. Ich war entschlossen, gerade dieses Problem durch eine grundsitzliche Aussprache mit Speer zu kliren, Ich wollte sie aber nicht vor allen seinen Mitarbeitern fihren. Als ich Speer das 1. Mal nach dieser Amtschef- besprechung unter vier Augen sprach, kam ich auf seine Antwort wegen des Sturzes von Mussolini zuriick und sagte ihm, es sei mir unmdglich, die Konsequen- zen, die sich aus dem Plan der Konzentration der Kriegswirtschaft ergaben, mit ihm zu erdrtern und einen Entschlu8 zu fassen, wenn ich nicht die Méglich- eit hatte, die Gesamtlage mit ihm 2u besprechen, “Wir sind — in diesem Krieg achon sehr spat am Abend — ich wei nicht ob es finf Minuten vor oder finf Minuten nach Mitternache ist.” Den Gedanken, zu diesem Zeitpunkt eine Planung aufzuziehen, wie sie ihm vorschwebe, finde ich bei- nahe gespenstisch. Ich hielt Speer vor: “Wie soll ich ein Planungsamt aufbauen und leiten vier Johre nach Ausbruch des Krieges? ! Wir Witten zwar im September 1936 mit dem sogenannten Vierjahresplan begonnen, aber ein Planungsamt und eine Planungsfunktion in dem Sinne, wie ich gesamtuirtschaftlicke Planung ansihie, habe es beileibe nicht gegeben und gibe es auch jetzt nock nicht ‘Das Gespenst der Niedorloge stohe hinter uns und ich kénne mir nur eine einzige Sache vorstellen, die uns nock vor der totalen Niederlage gegenwiriig retten kinnte. Daritber misse ich suniichst mit ihm sprechen.” Speer war dazu durchaus bereit und ermunterte mich, mit der “einzigen Sache” herauscuriicken. Ich sagte: “Sondorfriede mit Rupland! Seine spontane Antwort war: Ich erwiderte ebenso prompt: “Toh sche zu meiner Genugtuung, dafi Sie sich auch mit der Notwendigkeit eines Sonderfriedens schon beschiftigt haben. Die Chance eines Sonderfriedens mit dem Westen she ich aber aleich Null an.” Meine Argumente waren: Erstens waren die USA auf eine siegreiche Beendi- gung des Krieges und Beseitigung der Herrschaft des ‘Nationalsozialismus weltanschaulich festgelegt. Wie schon im ersten Kriege flihlten sie sich als Apostel der “Wieso mit Rupland? ” 3 Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der Rassengleich- heit. Gegen alle drei Grundsitze hitten wir schwer verstofen. Mindestens solange Roosevelt lebe, schiene mir ein Einlenken ausgeschlossen. Dariiber hinaus aber arbeitete die Zeit eindeutig fir die USA und ihre englischen Verbiindeten. Eine Wende des Krieges im Pazifischen Raum bahnte sich an. Die ersten militiri- sehen Expeditionen der Westalliierten in Europa, an der nordafrikanischen Kiiste und in Italien wiiren erfolgreich verlaufen. Militirisch hitten also die Anglo- Amerikaner nichts zu befiirchten und alles 2u erhoffen, da ihre Riistungs- und Mannschafiskraft stiindig zu. nihme. Die USA waren daher nicht gezwungen, einen baldigen militirischen Sieg zu suchen. Sie miiSten héchstens die Russen bei einigermaBen guter Laune halten, damit diese nicht vorzeitig aufgiben, Der Krieg im Osten aber wire rein militarisch gesehen ein Alptraum nicht nur flir uns, sondern auch file die Russen, Die Sowjets und wir wiirden taglich schwiicher, die Westalliierten taglich starker. Unter diesen Umstiinden brauchten die Westmiichte eigent- lich nur abzuwarten, kénnten entsprechend ihrer mili- tarischen und strategischen Starke nur militiirisch “miindelsichere” — wie ich mich ausdriickte — Opera tionen zu dem Zeitpunkt in Gang setzen, in dem sie es fiir richtig hielten und im iibrigen sich auf die Zer- setzung unserer Kampfkraft an allen Fronten, durch Bombenkrieg im Heimatgebiet und durch Blockade verlassen, bis ihnen der Sieg beinahe in den SchoS Fiir die Sowjets miifte das alles ganz anders aus sehen: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Rassen- gleichheit wiren fiir sie keine Ideale, fiir die sie kimpften, ganz im Gegenteil. Sie waren bestimmt von MiBtrauen gegen alle kapitalistischen Staaten erfillt, und die USA waren schlieBlich die Inkarnation des Kapitalismus schlechthin, Die Russen hiitten auch keine Gewahr dafiir, da8 die Alliierten mit einer wirklich groSen Front im Westen durch eine Invasion Emst machen wiirden. Sie miiften immer noch fiirch- ten, da8 die Zerschlagung der deutschen Wehrmacht bis zur totalen Erschépfung allein ihnen (den Sowjets) iiberlassen wiirde, ohne da sie das dndern kénnten. ir standen immer noch tief im russischen Gebiet. Wenn, was ich nicht wiiSte, Stalin von rationalen Uberlegungen und nicht allein von Emotionen geleitet ‘ware, miiBte es firr ihn eine groBe Versuchung sein, sein Staatsgebiet mit allen Folgen der Zerstérung nicht in miglicherweise noch langfristigem Krieg freikimpfen zu miissen, sondern den Sieg durch einen Siegfrieden zu erringen, der dann die militirische und damit politische Kraft RuBlands sowohl gegeniiber uns als gegeniiber den Westalliierten als intakt oder jedenfalls noch héchst bedrobilich erscheinen lieSe. Wie schon damals, als ich Speer kennenlernte, bat ich ihn auch diesmal, seine Aufgabe und Pflicht als Reichsminister gegeniiber dem deutschen Volk nicht so eng auszulegen, wie ihm das Hitler vorschreiben wolle. Meine Arbeit und schlieBlich auch seine Arbeit hatte doch nur einen Sinn, wenn durch einen politischen * Entschlu8 mindestens eine totale Niederlage vermieden tse] werden kénne. Dabei wies ich auch auf die Unmég- lichkeit hin, da eine solche politische Linie von dem sturen Ribbentrop akzeptiert wiirde, Er hatte seit eh und je ein véllig falsches Weltbild gehabt.