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liberal

D E B AT T E N Z U R F R E I H E I T

JOACHIM GAUCK

„WIR
BRAUCHEN
EINE
GENEIGTHEIT
ZUR
FREIHEIT
MIT KOPF
UND HERZ.“

Warum Mitt Romney
an seiner Vergangenheit scheitern könnte
Z U R Ü C K Z U M F O R T S C H R I T T : Karl-Heinz Paqué
über die Zukunft des Liberalismus

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Substanz entscheidet.

EDITORIAL

Illustration: E. Merheim nach einem Foto von A. Meissner

S

elbst Magazine mit einer so reichen
und stolzen Geschichte wie dieses
möchten nicht in Würden ergrauen,
sondern sich mit den Lesegewohnheiten des Publikums weiterentwickeln. Ich hoffe,
es ist uns mit der jüngsten Renovierung gelungen, das Niveau zu halten, das Sie als treuer
Abonnent von liberal gewohnt sind. Und ich
hoffe, dass wir eine Gestaltung und Themenmischung gefunden haben, die auch neue
Leser für freiheitliches Denken gewinnt. Bei
der Arbeit am Magazin waren wir uns stets
bewusst, dass der Geist der Herren Flach,
Witte und Dahrendorf gedanklich mit am
Tisch sitzt und uns kritisch und zugleich
aufmunternd über die Schultern blickt. Wir
glauben, vor ihrem Urteil bestehen zu können.
Sollten Sie zu den wenigen Lesern gehören, die das Inhaltsverzeichnis konsultieren,
statt sich direkt ins Blatt zu stürzen, dann wird
Ihnen auffallen, dass es kein Politik-Ressort
gibt. Alle unsere Themen haben einen Bezug
zur Freiheit und damit zur Politik – beziehungsweise zu deren bewusster Vermeidung.
Dabei sehen wir es nicht als unsere Aufgabe
an, detaillierte Lösungen zur Tagespolitik zu
präsentieren. Wir möchten stattdessen das
gesamte Spektrum der freiheitlichen Debatten
abdecken – und neue polarisierende Diskus-

liberal 2.2012

„WIR MÖCHTEN
DAS GESAMTE
SPEKTRUM DER
FREIHEIT LICHEN
DE BATTE N
ABDECKEN – UND
POLARISIERENDE
DISKUSSIONEN
ANSTOSSEN.“
DAVID HARNASCH
CHEFREDAKTEUR

sionen anstoßen. Wir möchten zeigen, welche
Bedeutung Freiheit für jeden Einzelnen und
die Gesellschaft hat, und wie sie sich äußert:
in der Freiheit vom Zwang ebenso wie in der
Freiheit zur Gestaltung – des eigenen wie des
gesellschaftlichen Lebens. Dabei wollen wir
deutlich machen, dass sie ein schützenswertes
und fragiles Gut ist.
Dieses Magazin will eine unabhängige Insel liberalen Diskurses sein. Wenn uns dies
gelingt und die Lektüre unsere Leser bereichert und unterhält, sind wir zufrieden. Lassen Sie mich wissen, ob wir diesem Anspruch
gerecht werden – und was wir besser machen
können. Schreiben Sie mir per E-Mail an
harnasch@libmag.de.
Ich wünsche Ihnen nun viel Freude, wenn
Sie auf den kommenden Seiten unter anderem alles Wichtige über Obamas Herausforderer erfahren; sich von Joachim Gaucks Rede
zur Freiheit inspirieren lassen; Bekanntschaft
schließen mit einem radikalliberalen Milliardär; den Stenografen des Bundestags hinter
die Kulissen der parlamentarischen Arbeit
folgen; einen Architekten kennenlernen, der
sich die Freiheit nimmt, immer wieder zu
überraschen – und endlich die Antwort auf die
Frage erhalten: Wo bleibt eigentlich der ganze
Reichtum? ●

3

STA N DA R DS
3
EDITORIAL
4
INHALT
6
#liberalmagazin
8
FREMDSEHEN
33
KREUZWORTRÄTSEL
FREIDENKER
38
MIERSCHS MYTHEN
Weltrettung mit
Nebenwirkung
50
ZENTRALMOTIV
Dutschke und
Dahrendorf
52
WUTPROBE
Vox Pops

S C H W E R P U N KT U S -WA H L E N

67
STEUERVERSENKUNG
DES QUARTALS

Älteste Demokratie am Abgrund

79
IMPRESSUM

Durch Amerika geht ein tiefer Riss. Liberale und Evangelikale leben in parallelen (Medien-)Welten.
Brandstifter aus beiden Lagern reproduzieren die Vorurteile ihrer Anhänger, ohne es mit der Wahrheit zu genau zu nehmen. Im Präsidentschaftswahlkampf gießen die Kandidaten weiteres Öl ins Feuer.
Dabei müsste das Land dringend wieder zusammenfinden, um seine gravierenden Probleme zu lösen.

87
BÜCHER
95
WOLFGANG
GERHARDT TRIFFT
Michail Kassjanow
98
ZITATE DER FREIHEIT
Panzer über Huxley

liberal IM ABONNEMENT
Alles dazu auf Seite 99

12 EIN MILLIONÄR HAT’S SCHWER
Als Wirtschaftsexperte und erfahrener
Sanierer ist Mitt Romney eigentlich der
ideale Kandidat, um Amerika aus der Dauerkrise zu führen. Doch der Republikaner
gilt als Wendehals. Das verschreckt selbst
die eigene Basis. VON MARC ETZOLD

16 ENTSCHLOSSEN SOLL ER SEIN
Gleich, wer das Rennen machen wird –
auf den künftigen US-Präsidenten warten
große Aufgaben. Zudem gilt es, ein Volk zu
überzeugen, das sich nach einem mutigen
Entscheider sehnt. VON CHRISTINE MATTAUCH

4

22 TEUFELS WERK
UND ROMNEYS BEITRAG
Gilt dem Deutschen die gesetzliche Krankenversicherung seit Bismarcks Zeiten
als soziale Errungenschaft, setzen sie viele
Amerikaner mit dem Kommunismus gleich.
Im Wahlkampf wettert Mitt Romney gegen
Universal Health Care – obwohl er als
Gouverneur selbst eine allgemeine Krankenversicherung eingeführt hat. VON HANNES STEIN

2.2012 liberal

Titelfoto: Goetz Schleser/imagetrust

53
AUTOREN DER FREIHEIT
Michael Hörl

GESELLSCHAFT

24 BONJOUR DEFICIT
Frankreichs Präsident François
Hollande hat viel versprochen. Nun
droht das Ende der Austerität.
VON PHILIP FABIAN

28 REDE ZUR FREIHEIT
Die Ansprache des heutigen
Bundespräsidenten im Wortlaut.
VON JOACHIM GAUCK

Fotos: Imago/UPI Photo; Goetz Schleser/imagetrust; © 2012 Cindy Sherman; Illustration: Mario Wagner

34 ZURÜCK ZUM FORTSCHRITT!
Mit der Freiheit allein lässt sich politisch kaum punkten. Der Liberalismus
muss ein weiteres gesellschaftliches
Ziel etablieren. VON KARL-HEINZ PAQUÉ
40 „WEIST MICH ZUM HIMMEL …“
Die Scheibenwelt hat ihm Weltruhm
gebracht. Nun leidet der Erfolgsautor
an Alzheimer. Ein Plädoyer für die
Sterbehilfe VON TERRY PRATCHETT
44 GANZ GROSS
In diesem Jahr wäre der Publizist
Johannes Gross 80 geworden. Einige
Erinnerungen VON WILFRIED LÜLSDORF
46 VIEL KRIEG UM NICHTS
Argentinien leidet immer noch unter
dem Trauma der Niederlage im Falklandkonflikt. VON BETTINA SOLINGER
48 KOTZKÜBEL? KUNSTGIEBEL!
Parlamentsstenografen stehen unter
hohem Druck. Dafür kommt alle fünf
Minuten die Ablösung. VON BORIS EICHLER

liberal 2.2012

WIRTSCHAFT

K U LT U R

54 ES GIBT KEINE ABKÜRZUNGEN
In der Staatsschuldenkrise ist der
Zwang zum Sparen ohne Alternative.
Seriöse Politik muss das den Bürgern
erklären. VON ROLAND TICHY

74 DIE FREIHEIT, ANDERS ZU SEIN
Wie der Architekt David Chipperfield
durch die Besinnung aufs Wesentliche
Ruhm erlangte. VON CORNELIA DÖRRIES

58 WO BLEIBT DER REICHTUM?
Reich zu sein ist erlaubt – es zu zeigen
tabu. Dabei schafft das Geschäft mit
dem Luxus reichlich Arbeitsplätze.
VON BORIS EICHLER

62 MEIN ODER NICHT MEIN?
Die Kommunen stecken in der Klemme. Um das verbliebene Geld toben
Verteilungskämpfe. VON AXEL VOM SCHEMM
68 VISIONÄR, LIBERTÄR, MILLIARDÄR
Sein Geld hat Peter Thiel im Internet
gemacht. Jetzt setzt er auf kühne technische Abenteuer. VON STEFFAN HEUER
72 HARTGELD VERSUS AUFSICHT
Schützt straffere Bankenkontrolle vor
Finanzkrisen? Zwei Antworten VON
THORSTEN POLLEIT UND OLIVER MARC HARTWICH

80 FILME WIE GRABSTEINE
Warum die Filmförderung den
Niedergang des deutschen Kinos
verantwortet, erklärt Regisseur Klaus
Lemke im Interview.
83 BEVOR DER FILM BEGINNT
Über den Schutz geistigen Eigentums.
Eine Kolumne VON JACOB SAGER WEINSTEIN
84 NICHT EWIG FÜNF VOR ZWÖLF
In seinem Buch „Ökofimmel“ entlarvt
Alexander Neubacher die negativen
Folgen des Gutgemeinten.
Ein Interview mit dem Autor.
88 VERGESSENER GULAG
Über die Situation in den Arbeitslagern Nordkoreas VON JENNIFER PYKA
90 PROFIT UND LEIDENSCHAFT
Wie der internationale Kunstmarkt
tickt. VON CHRISTINE WEISSENBORN

AKTUELL

10 COMEBACK DER LIBERALEN
Die junge Generation begehrt auf gegen den Bevormundungsstaat. Die Ergebnisse der Landtagswahlen in Schleswig-Holstein
und NRW zeigen, dass die Liberalen dadurch wieder
politisch an Gewicht gewinnen können. VON WOLFRAM WEIMER

5

# l i b e ra l m a g a z i n

„Nichts ist so beständig
wie der Wandel“, sagte
Heraklit von Ephesus (etwa
540 – 480 v. Chr.). Ebenso
beständig ist der Protest gegen den Wandel. Aus den
1920er-Jahren stammt
dieses Fundstück.
Damals ein verzweifelter Hilfeschrei, wirkt das Flugblatt
heute zu dick aufgetragen und
lächerlich.
Über welche Flugblätter
von heute lachen wir in
20 Jahren?

RANKING
EIGENTUMSRECHTE
Der International Property Rights Index
(IPRI) gibt einen Überblick über den
Schutz der Eigentumsrechte in 130
Ländern der Welt. Ganz vorne:
die Skandinavier.

1
2
3
4
5

1

2

FINNLAND

SCHWEDEN

NORWEGEN

SINGAPUR

SCHWEIZ
(...)

126
ANGOLA

127
BURUNDI

128
VENEZUELA

129
LIBYEN

130
JEMEN

DEUTSCHLAND
LIEGT
AUF RANG 15.

6

3

Der Selbstmordversuch des tunesischen Straßenhändlers Mohamed Bouazizi löste vor anderthalb Jahren nicht nur die ersten Proteste des Arabischen Frühlings aus, er war eine verzweifelte Reaktion auf die
ausweglose Situation, in der sich Millionen von Unternehmern in der globalen Schattenwirtschaft befinden.
Weil eine Genehmigung fehlte, wurde sein Gemüsestand mehrfach geschlossen, was als Ursache für seine Selbsttötung gesehen wird. Diese Ereignisse sind
ein eindrucksvolles Zeugnis der Bedeutung von
Eigentumsrechten für die rechtliche Stärkung der
ärmsten Menschen dieser Erde auf ihrem Weg zu wirtschaftlichem Erfolg. Bouazizis Weg aus der Schattenwirtschaft war schier aussichtslos, wie Hernando de
Soto erst kürzlich in der Financial Times beschrieb:
„Um legal wirtschaften zu können, hätte er ein
offizielles Unternehmen gründen müssen. Das hätte
55 Verwaltungsakte über einen Zeitraum von 142 Tagen erfordert und dem Mann gut 3.200 Dollar, mehr
als zwölf Monatseinkommen ohne Spesen und Insolvenz- kosten, abverlangt. Doch selbst wenn er das
Geld und die Zeit irgendwie aufgebracht hätte, die
Rechtslage hätte es ihm schwergemacht, neue Geschäftspartner aufzunehmen oder durch beschränkte
Haftung den Schutz seines Familienvermögens zu
sichern.“ Der International Property Rights Index
(IPRI) misst seit 2007 die Eigentumsrechte in der
Welt. Herausgegeben wird er von der Property Rights
Alliance. Auf deutscher Seite sind das Institut für unternehmerische Freiheit und das Liberale Institut der
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit beteiligt.
Die besten und schlechtesten fünf Staaten des aktuellen Rankings finden Sie in der Spalte links.
MEHR DAZU: HTTP://TINYURL.COM/C8UG5H2

1

2

3

4

6

5

7

VOLKES STIMME
1
Dr. Stefan Woltering (48), Bauingenieur:
Freiheit bedeutet, im (Berufs-)Leben trotz
aller Regeln den gesunden Menschenverstand niemals auszuschalten und zu
machen, was man für richtig hält, ohne
Angst zu haben – egal was passiert.
2
Detlev Kühl (47), selbstständiger
Managementberater:
Der Begriff ist für mich so normal, dass
ich über ihn nicht nachdenke. Freiheit ist
wie Autofahren, Luft und Nahrung –
einfach selbstverständlich. Das ist wohl so,
weil ich in meinem Leben nie den Mangel
an Freiheit erlebt habe.
3
Marie Eschweiler (24), Studentin:
Das Leben, das ich als Studentin führen
kann, bedeutet für mich Freiheit. Ich bin
frei in meinen Entscheidungen, kann mich
selbst organisieren und über mich und
meine Zeit bestimmen.

4
Volker Schwennen (46), Inhaber einer
Kommunikationsagentur:
Meinem eigenen Willen zu folgen, mich
ohne äußeren oder inneren Zwang
entfalten und handeln zu können, das ist
für mich Freiheit. Dafür trage ich auch
gerne die volle Verantwortung. Der Staat
sollte daher auch nur eine ordnende
Funktion haben.
5
Günter Wichert (45), Inhaber einer
Veranstaltungsagentur:
Freiheit ist für mich so selbstverständlich,
weil ich mich nie unfrei bewegt habe.
Sie ist inflationär und verliert ihren Wert in
der Selbstverständlichkeit.

PHRASOMETER

6
Janina Riahi (20):
Freiheit bedeutet ein Gefühl von
Sicherheit und Zufriedenheit zu jeder
Zeit, an jedem Ort. Eine Welt voller
Gerechtigkeit, in der sich niemand
verstecken muss, weil er so ist,
wie er ist.
7
Tanja Krämer (33), freie Journalistin:
Freiheit bedeutet für mich, dass ich
mich nie verbiegen muss, ob privat oder
beruflich. In meinem Arbeitsprozess
zum Beispiel suche ich mir meine Themen
und Auftraggeber selbst aus. Dabei gilt
aber auch, dass ich im Falle von Fehlern
und Scheitern selbst verantwortlich
bin. Freiheit ist also sowohl Vergnügen
als auch Last.

(STAND: 20. APRIL 2012)

GRÜNE.DE

73 74

CDU.DE
FDP.DE

55

70

CSU.DE

Fotos: privat

30

10

100

110

LINKE.DE

138

120
130

50
40

liberal 2.2012

90

60

43
20

80

Es gibt ein paar Begriffe in der
Politik, die geradezu inflationär gebraucht
werden. Das Phrasometer ermittelt sie genau.
Wie oft finden sich bestimmte Schlüsselwörter
auf den Webseiten der Parteien? Diesmal:

„EMPÖRUNG“

140
SPD.DE

150
160
170

158
7

FREMDSEHEN: WAS DAS AUSLAND TITELT

Welche Ereignisse als
die wesentlichen eines
Tages gelten, hängt vom
jeweiligen Land und
seiner politischen und
gesellschaftlichen
Situation ab. Wir zeigen
in jeder Ausgabe
von liberal die Titelseite
einer ausländischen
Tageszeitung und
übersetzen die aussagekräftigsten Artikel.
Diesmal:
NOWAJA GASETA,
Russland,
Ausgabe vom
28. März 2012
Übersetzung:
IRINA VERSCHININA

8

2.2012 liberal

71 Prozent der Bürger Russlands
möchten, dass der neue Präsident
den Kurs ändert. Seine Wählerschaft – schlecht bezahlte und
wenig gebildete Bürger – fordert
radikale Änderungen.

Wer putzt die Generalssterne?
Keine Ermittlungen zum geheimen Verkehrsunfall mit dem Auto aus der Autokolonne des Innenministers Nurgaliev – alle Unterlagen sind eingezogen und versteckt.
In dieser Sache gibt es keine Geschädigten, obwohl es zwei Todesopfer gibt. Die Rede ist vom geheimsten Verkehrsunfall in der neueren Geschichte Russlands. Die Journalisten der Zeitung Nowaja Gaseta
haben als Erste über den Unfall berichtet, der am 31. Juli 2010 bei Kilometer 22 der Chaussee Richtung
Kaluga passierte. Der Volkswagen aus der Autokolonne des Innenministers ist mit einem Auto zusammengestoßen, in dem vier Gastarbeiter aus Tschuwaschien saßen. Auf ihre zahlreichen Anfragen an
das Innenministerium bekamen die Journalisten keine Rückmeldungen. Sie nahmen an, die Geheimhaltung beruhe darauf, dass im Dienstauto die Frau des Ministers mit ihrer Freundin eilig Richtung
Datsche fuhr. Sie hatten recht.
Was ist die Quintessenz dieses Vorgangs: Schuldige werden nicht festgestellt, die Verwandten der
Umgekommenen haben keine Möglichkeiten, irgendwann die Wahrheit zu erfahren, ihnen wurde nicht
einmal das Beileid ausgesprochen, von Schadensersatz ganz zu schweigen.
Wie es scheint, verwischt das Innenministerium die Spuren, anstatt für Gerechtigkeit zu
sorgen. Weswegen? Zu welchem Zweck? Damit die Massenmedien den Viersternegeneral
nicht in Verruf bringen? Der General brachte sich selber mit dieser Geschichte so in Verruf, dass es
komisch ist, hier noch über Offiziersehre zu sprechen.

Es gibt einen Ausweg, man hört Dich. Ruf an! Die Zeitung
„Nowaja“ setzt ihre Aktion fort. Wir veröffentlichen regelmäßig
Plakate mit Telefonnummern des Krisendienstes für Kinder und
Jugendliche. Zur Teilnahme an dieser Aktion haben wir diejenigen
eingeladen, denen unserer Meinung nach Kinder und ihre Eltern
trauen. Dieses Plakat kann man in einer Schule oder in einem
Kinderzentrum aufhängen. Wir hoffen auch, dass Eltern die Nummer
des Dienstes notieren und ins Handy ihres Kindes eingeben.

liberal 2.2012

9

AKTUELL WAHLEN IN NRW

GO GAUCK –
WA R U M D I E F D P
VO R E I N E M
CO M E B AC K S T E H T
Ob Straßenverkehr, Bildungspakete oder Steuersystem: Deutschland bekämpft Bürokratie
stets mit noch mehr Bürokratie. Die junge Generation begehrt dagegen auf, hat genug
vom Bevormundungsstaat. Auch Bundespräsident Joachim Gauck predigt die Freiheit. Für
die Liberalen ist das der ideale Nährboden, um politisch wieder an Gewicht zu gewinnen –
wie die jüngsten Landtagswahlen bereits gezeigt haben.

J

e lauter Joachim Gauck die Freiheit
predigt, desto ungehaltener reagiert
das linke Deutschland. Freiheit scheint
dort in etwa so populär wie Jazz auf
dem Mond. Linke wünschen sich einen
Bundespräsidenten lieber als Gleichheitsapostel, Gerechtigkeitspropheten, Integrationsmissionar oder Emanzipationsguru. Als
Freiheitskämpfer ist er ihnen verpönt. Denn
sie schätzen Freiheit in etwa so wie Luft – als
selbstverständliches Nichts. Wahrscheinlich

10

ist das auch der tiefere Grund, warum linke
Weltanschauungen seit Jahren an Attraktivität verlieren. Denn allein dass die deutsche
Jugend massenhaft radikalliberale Piraten
wählt, ist nichts als ein Ruf nach Freiheit im
Bevormundungsstaat. Die FDP sollte genau
hinhorchen, sich verblüfft freuen und die
Freiheit wieder lustvoll zur Politik werden
lassen.
Vom Internetkontrollsystem Acta bis
zum Glühbirnenbefehl, von der Mülltren-

nung bis zum ARD-ZDF-Gebührenzwang
reicht die Alltagserfahrung in einem Staat,
der zusehends auftritt wie ein Ober-Sheriff.
Allein die Verkehrsüberwachung ist ein
Repressionssymptom: 20 Millionen Straßenschilder prägen Deutschland, alle 28 Meter
steht eines, mit jedem Atemzug wird jemand
geblitzt, mit jedem Wimpernschlag gibt es
ein Strafzettel wegen Falschparkens, neun
Millionen Bürger haben inzwischen Punkte
in Flensburg, der Staat drangsaliert mit

2.2012 liberal

seinen in Büschen kauernden Polizisten
brave Muttis auf Ausfallstraßen und macht
damit ein dreistes Milliardengeschäft.
Selbst wenn wir bürokratisch schon halb
ersticken, leisten wir uns lieber einen Ordnungshüter, eine Regulierungs- und eine
Aufsichtsbehörde mehr. Von der Eröffnung
eines Bankkontos bis zur Krankenkassenmit-

teure Bildungspakete hinterher, die gar keine
haben wollen, denn sie wissen alles besser.
Sie sind Profiteure des Freiheitsentzugs, jene
Armutsbekämpfer, Präventionsräte und
Klimaretter, Lobbyisten der Gewissheitsindustrie, die ihr Geschäft mit der Besserwisserei so verfolgen, dass sie ihre Nachfrage
mit Problemstudien immer selbst erzeugen.

D I E F D P H AT
SCHWERE FEHLER
G E M AC H T, A B E R
S I E S I N D R E PA R A B E L
gliedschaft wird das Leben zum Juraseminar.
Das Paternalisten-Repertoire macht weder
beim E10-Benzin-Befehl noch beim Rauchverbot halt, es erzwingt selbst das nervende
Alarmpiepsen im Auto, wenn man seinen
Gurt nicht gleich anlegt. Der Konformismus
des Guten duldet nicht einmal die kleine
Freiheit.

Foto: Privat/Illustration: H. Sakurai

Hohepriester des Gutmenschentums
Es dämmert damit eine Tugendrepublik
herauf, in der Hohepriester des Gutmenschentums uns mit ihren Geboten umstellen: Du sollst kein Fleisch essen und kein
Kaminfeuer anzünden, du sollst nicht
glücksspielen – es sei denn bei staatlichen
Lottogesellschaften –, du sollst nicht nach
Leistung beschäftigen, sondern nach Geschlecht und Herkunft.
Mit Quoten und Verboten kommen sie
daher, die Verbraucher- und Familienschützer, die Gleichstellungsbeauftragten und
Integrationsberater. Sie tragen Menschen

liberal 2.2012

Ihre Absicht, das Land in eine gigantische
Besserungsanstalt zu verwandeln, folgt einer
ganz eigenen Logik, denn dann haben sie als
Besserungspädagogen ihr Auskommen.
Jede einzelne Steuererklärung in
Deutschland ist ein Beweis für Gaucks These
vom Freiheitsdefizit. Deutsche Finanzämter
sind Tempel der Bürokratievergötterung, sie
huldigen 33.000 (!) Steuerparagrafen, Steuererklärungen können wir gar nicht mehr
alleine abgeben, wir brauchen dazu 100.000
Steuerberater, noch einmal so viele Steuerbeamte, und wir verschwenden Tag für Tag
die Intelligenz einer Kulturnation mit dem
erniedrigenden Aufarbeiten von Abschreibungen, Freibeträgen und verschiedenen
Bemessungsgrenzen.
Kein Mensch blickt mehr durch, und ein
dunkler Nebel des Misstrauens legt sich
über unsere Steuerbehörden – Zigtausende
von Rechtsverfahren sind anhängig, millionenfache Sachverständigenstunden von
Juristen sind gefordert in einer absurden

Welt, die ihren Sachverstand längst verloren
hat. Und die Antwort des Staates darauf: die
Schaffung neuer Aufsichten für einen Bürokratieabbau, der nie kommt.

FDP braucht Authentizität
Ob man Berliner Internet-Hippie oder
schwäbischer Mittelständler ist – in Wahrheit
formuliert Gauck mit seinem unbequemen
Ruf nach mehr Freiheit genau das avantgardistische Programm, das die Republik so
dringend braucht.
Und die FDP? Sie hat schwere Fehler
gemacht, sie hat in dieser Legislatur enttäuscht und wirklich nicht geliefert, sie ist zu
regierungsbrav angepasst, sie befindet sich
im personellen Umbruch. Das hat die Partei
an den gefühlten Abgrund geführt. Die gute
Nachricht aber ist – diese Dinge sind reparabel. Und mit den Wahlen in Schleswig-Holstein und jüngst in NRW mehren sich die
Hinweise, dass ein größeres Comeback
gelingen könnte. Die Schlüsselfrage dabei
lautet nicht, ob man sich sozialer, bürgerrechtlicher oder marktliberaler aufstellt, ob
Lindner, Kubicki und Brüderle nicht mehr
Einfluss gewinnen sollten, ob die Führungscrew zur Bundestagswahl sich neu sortieren
sollte. Das wird sich finden. Die eigentliche
Frage lautet: Glaubt die FDP noch mit Herzen
an die Freiheit, so wie Gauck, so wie verirrte
Piraten, so wie weite Teile der neuen Jugend,
so wie Millionen von Deutschen, die den
Bevormundungsstaat nicht wollen und den
Verschuldungsstaat schon gar nicht? Wenn
ja, dann ist das Comeback da! ●

WOLFRAM WEIMER ist Verleger
und Publizist. Er gründete 2004
das Politikmagazin Cicero und war
Chefredakteur der WELT und
des Focus. weimer@libmag.de

11

US-WAHL KANDIDATENPORTRÄT

EIN
MILLIONÄR
HAT’S
SCHWER
In der Dauerkrise ist Wirtschaftsfachmann Mitt Romney der
ideale Gegenkandidat zu Amtsinhaber Barack Obama. Der
Republikaner gilt allerdings als „Flip-Flopper“: Mehr als einmal
hat er sich in zentralen politischen Fragen neu erfunden. Das
verschreckt die eigene Basis. // TEXT // MARC ETZOLD

12

2.2012 liberal

Fotos: E. Thayer/Polaris/laif; R.-F. Hersoft/corbis

och wenige Wochen bis
zur ersten Vorwahl der Republikaner. Mitt Romney
will seine Mitbewerber rechts außen überholen. Seine
Botschaft: Ich bin ein strammer Konservativer. Im
Agrarstaat Iowa im Mittleren Westen wird traditionell
zuerst gewählt. Hier gilt: Je konservativer, desto besser.
Obwohl Mitt Romney Millionen für Werbung in die
Hand nimmt und über Wochen die Umfragen anführt,
verliert er in Iowa und landet auf dem zweiten Platz.
So ist es dem früheren Gouverneur von Massachusetts
in seiner ersten Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur 2008 ergangen.
Romney verliert Iowa auch im Jahr 2012, wie sich
nach einer zweiten Auszählung der Stimmen herausstellt. Romneys Scheinsieg und die Niederlage vor vier
Jahren könnten aber unterschiedlicher kaum sein.
2008 war Romneys Kampagne gänzlich darauf ausgelegt, Iowa zu gewinnen. Der Caucus sollte ihm das
nötige Momentum verschaffen. Denn ein Sieg in Iowa
ist der Schlüssel zu großer, überwiegend positiver
Aufmerksamkeit durch Presse und Parteibasis. 2008
blieb diese Initialzündung für Romney aus. Wenig
später verlor er in New Hampshire gegen Senator John
McCain, der schlussendlich als Kandidat gegen Senator Barack Obama antritt. McCain, ebenfalls ein Moderater, hüllte sich anders als Romney nicht in das Gewand eines Konservativen. In New Hampshire – für
einen moderaten Bewerber ist ein Sieg hier Pflicht –
kam das gut an.
Vier Jahre später hat Romney aus seinem Fehler
von 2008 gelernt. Zwar buhlt er erneut um die Stimmen in Iowa. Der Mormone weiß aber, dass er es im
christlich-konservativ geprägten Iowa auch aufgrund
seiner Religion erneut schwer haben wird.
Dreh- und Angelpunkt seiner Kampagne ist diesmal New Hampshire. Romney, der als pragmatischer

liberal 2.2012

Gouverneur im ebenfalls liberalen Nachbarstaat
Massachusetts fünf Jahre erfolgreich regierte, stellt
2012 seine Wirtschaftskompetenz in den Mittelpunkt.
Romney war viele Jahre als Unternehmer tätig, bevor
er in die Politik ging. Damit hat er zunächst eine Botschaft, die verfängt und auf große Resonanz stößt.
Anders als viele europäische Länder sind die Bürger
der Vereinigten Staaten an Probleme wie Sockelarbeitslosigkeit nicht gewöhnt. Die Wut darüber bekommt der Amtsinhaber zu spüren. Eben das macht
Romney für Präsident Obama zu einem gefährlichen
Herausforderer.

Sozialisation in einer politischen Familie
Seit sechs Jahren arbeitet Romney daran, ins Weiße
Haus einzuziehen. Der Politik hat er sich in ähnlichen
Schritten wie sein Vater genähert. Geboren wird
Willard Mitt Romney am 12. März 1947 als jüngstes von
vier Kindern. Sein Vater George kommt aus einfachen
Verhältnissen, er wird zunächst Zimmermann. Später
besucht George Romney eine Reihe von Universitäten,
macht aber keinen Abschluss. Er arbeitet sich nach
oben, wird schließlich Chef des Automobilkonzerns
American Motors in Michigan. In dem Industriestaat
feiert George Romney auch seinen politischen Durchbruch: Im Jahr 1963 wird er dort zum Gouverneur
gewählt. Sechs Jahre später wechselt er als Minister für
Stadtentwicklung in das Kabinett von Richard Nixon,
nachdem er 1967 mit seiner Bewerbung als republikanischer Präsidentschaftskandidat in den Vorwahlen
gescheitert war.
Mitt Romneys Mutter Lenore entscheidet sich
zugunsten ihres Mannes gegen eine Karriere als Schauspielerin. Auch sie reizt die Politik. 1970 will sie für
Michigan in den US-Senat einziehen, was ihr aber nicht
gelingt. Es ist also eine zutiefst politische Familie, in der

Sauberes Paar ohne
Skandale: 1969 heiratete Romney seine
Ehefrau Ann. Gemeinsam haben sie fünf
mittlerweile erwachsene
Söhne und 16 Enkelkinder. Damit punktet der
Kandidat bei konservativen Wählern.

13

US-WAHL KANDIDATENPORTRÄT

Keine Angriffsfläche bietet hingegen Romneys Engagement für die Olympischen Winterspiele von Salt Lake
City im Jahr 2002. Als er 1999 Chef des Organisationskomitees wird, droht das finanzielle Aus der Spiele.
Zudem fordern nicht wenige nach den Anschlägen
vom 11. September 2001, das Ereignis aus Sicherheitsgründen abzusagen. Romney entscheidet sich dagegen. Die Spiele werden ein Erfolg – und am Ende steht
sogar ein sattes finanzielles Plus.

Mal moderat, mal konservativ

Beseelte Anhängerin:
Unter den wohlhabenden älteren Damen
Iowas ist der Republikaner Romney beliebt.
Abschlusskundgebung
des Caucus in Des
Moines.

14

Mitt Romney aufwächst. Der Zweiklang von Wirtschaft
und Politik, welcher sein Vater ihm vorlebt, wird Romneys Schablone für seine eigene Karriere.

Prall gefüllte Kriegskasse
Er macht Abschlüsse in Jura und Wirtschaft an der
renommierten Harvard-Universität in Boston. 1969
heiratet er Ann Lois Davies. Die Ehe hat bis heute
Bestand und bringt fünf Söhne hervor. Im Jahr 1984
ist Mitt Romney Mitbegründer der Investmentfirma
Bain Capital. Der Fonds investiert in Unternehmen
und restrukturiert sie. Zu den Bekanntesten zählt der
Bürowarenhersteller Staples. Romney erwirtschaftet
in dieser Zeit ein dreistelliges Millionenvermögen. Die
Kriegskasse für die späteren Präsidentschaftswahlkämpfe ist somit prall gefüllt. 2008 zahlte er für seine
Kampagne 42 Millionen Dollar aus eigener Tasche.
In der Anfangsphase des Vorwahlkampfs 2012
wird Romney von dem früheren Sprecher des Repräsentantenhauses Newt Gingrich und dessen finanzstarken Unterstützern für seine Tätigkeit bei Bain
Capital angegriffen. In der 30-minütigen Dokumentation „When Mitt Romney came to Town“ schildern
entlassene Arbeitnehmer, wie ein geldgieriger und
kaltherziger Mitt Romney ihre Stellen wegrationalisiert
habe, um ihr Unternehmen zu sanieren. Romney gerät
in die Defensive und ist zu einer großen medialen
Gegenoffensive gezwungen.

Im politischen Bereich läuft es für Romney zu Beginn
nicht so reibungslos. 1994 macht er dem Urgestein der
Demokraten Ted Kennedy seinen Sitz als Senator für
Massachusetts streitig. Romney zeigt sich als moderat
in sozialen Fragen, die zentrale Botschaft seiner Kampagne war Change – Wandel. Am Ende reicht es nicht.
Romney holt mit 41 zu 58 Prozent aber das beste
Ergebnis, das je ein republikanischer Herausforderer
gegen Ted Kennedy um den Senatssitz erzielen konnte. Nach der verlorenen Wahl sagt Romney zu seinem
Bruder: „Ich werde nie wieder für einen Posten kandidieren – außer, wenn ich gewinnen kann.“
Im zweiten Anlauf gelingt ihm dann der Erfolg. Am
2. Januar 2003 wird er als Gouverneur von Massachusetts vereidigt, einer moderaten Hochburg im Nordosten des Landes. In seiner Amtszeit erreicht der fiskalkonservative Romney einen ausgeglichenen Haushalt
und kann sogar Überschüsse erwirtschaften. Seine
Meinung in Bezug auf das Recht auf Abtreibung ändert
Romney während seiner Amtszeit. War er während
des Wahlkampfs noch „unmissverständlich dafür“,
lehnt er „pro-choice“ später ab. War dies ein Sinneswandel oder hatte sich Romney nur aus wahltaktischen Gründen für das Abtreibungsrecht ausgesprochen? Gleiches gilt für die „Homo-Ehe“. Einst war er
dafür, heute ist er dagegen. Seine Gegner nennen ihn
deswegen „Flip-Flopper“, einen Wendehals.
Als weiteren Beleg dafür sehen sie Romneys
Gesundheitsreform „Romneycare“. Diese verpflichtet
die Bürger von Massachusetts, eine Gesundheitsversicherung abzuschließen. Die Ähnlichkeiten zu Obamas
Gesundheitsreform („Obamacare“) sind unübersehbar
(siehe Seite 20). Romney argumentierte aber bereits
2006, die Gesundheitsversorgung solle dezentral von
den Bundesstaaten und nicht von Washington aus
organisiert werden. Sollte er ins Weiße Haus einziehen, würde er sicherlich daran gemessen, ob er – wie

2.2012 liberal

im Wahlkampf angekündigt – Obamas Reform widerrufen würde.
Was wäre sonst von einem Präsidenten Romney
zu erwarten? Seinen Fokus würde er auf die hohe
Arbeitslosigkeit sowie das riesige Haushaltsdefizit
lenken. Im März 2012 lag die Arbeitslosenrate bei 8,2
Prozent. Die Vereinigten Staaten sind in Normalzeiten
an rund vier Prozent gewöhnt. Der Haushalt ist mit
einem jährlichen Defizit von rund 1,5 Billionen Dollar
die zentrale Herausforderung für die laufende Dekade.
Zwar spricht Romney im Wahlkampf auch von Steuererleichterungen. Die stehen in seiner Agenda aber
eher an hinterer Stelle, große Entlastungsspielräume
wird er schließlich nicht haben.

Fotos: J. Sullivan/Getty Images; UPI Photo/eyevine/Picture Press; privat

Herantasten an die Außenpolitik
An außenpolitische Themen tastet sich Romney erst
heran. Im Atomstreit mit dem Iran plädiert er für
einen härteren Kurs. Die militärische Lösung hat
Romney als Option explizit benannt, um den Bau
einer iranischen Atombombe zu verhindern. Mit dem
israelischen Premier Benjamin Netanjahu verbindet
Romney seit Langem eine enge Freundschaft. Netanjahu sähe aufgrund seines angespannten Verhältnisses
zu Obama wohl lieber Romney im Weißen Haus.
Dort einzuziehen wird nicht leicht für Romney. Er
tritt zwar gegen einen Amtsinhaber an, der schlechte
Umfragewerte hat und dem wenige zutrauen, die
Probleme des Landes zu lösen. Allerdings beginnt sich
die Lage auf dem Jobmarkt zu verbessern, die Aussichten sind für Obama weit besser als vor einem Jahr.
Romney hat aber noch andere Baustellen: Er muss die
Grand Old Party nach dem in weiten Teilen schmutzigen Vorwahlkampf hinter sich vereinen. Zudem muss
der nach rechts gerückte Kandidat den Weg zurück in
die Mitte finden. Und gegen Obama können Fehler wie
die TV-Wette um 10.000 Dollar mit Kontrahent Rick
Perry böse Folgen haben. Dann stünde er wie im
Vorwahlkampf wieder als Mann ohne Bodenhaftung
da. Die Tür zur Macht bliebe ihm verschlossen. ●

Wie funktionieren die
Vorwahlen in den USA?
Anders als in Deutschland werden Spitzenkandidaten in den USA
durch Vorwahlen bestimmt. Die Erfolgschancen hängen vor allem
vom Bekanntheitsgrad der Kandidaten ab und davon, wie viel Geld
und Unterstützer ein Kandidat auf seiner Seite hat, um die Parteibasis
für sich zu gewinnen.
Je nach Bundesstaat ist nach zwei Vorwahlverfahren zu unterscheiden. Bei einer Primary wird klassisch per Stimmzettel gewählt.
Bei einem Caucus hingegen, wie beispielsweise in Iowa praktiziert,
versammeln sich die Bürger und diskutieren zunächst über die
Kandidaten, bevor sie ihre Stimme abgeben.
Die im Zuge der Vorwahlen gewählten Delegierten bestimmen
dann auf dem Parteitag den Präsidentschaftskandidaten ihrer Partei.
Die republikanische Convention findet in diesem Jahr vom 27. bis
30. August in Tampa Bay in Florida statt. Der Bewerber, der mehr als
1.144 Delegierte in den Vorwahlen auf sich vereinigen kann, gewinnt
die Nominierung und tritt gegen Amtsinhaber Barack Obama an.
Frühere Vorwahlen aufseiten der Republikaner waren meist weniger
hart umkämpft und der Kandidat stand in der Regel nach dem Super
Tuesday fest. Beim diesjährigen Super-Dienstag fanden aber weniger
Vorwahlen statt als üblich. Außerdem hat sich die Grand Old Party für
2012 in vielen Bundesstaaten dafür entschieden, die Delegierten
proportional nach dem Wahlergebnis zu vergeben.
Das bekannte Winner-Takes-All-Verfahren wird somit erst wieder
bei der Hauptwahl entscheidend sein. Dann gilt: Wer die meisten
Stimmen holt, gewinnt einen Staat. Der Präsident wird dabei indirekt
vom Volk gewählt. Je nach Bevölkerungsanzahl erhalten die
Bundesstaaten unterschiedlich viele Wahlmännerstimmen.
Kalifornien stellt mit 55 Stimmen die meisten Wahlmänner, Alaska
gerade mal drei. Insgesamt 538 Wahlmänner wählen das neue
Staatsoberhaupt. Mit der magischen Zahl von 270 Wahlmännerstimmen hat ein Bewerber gewonnen.

MARC ETZOLD, 26, arbeitet als freier Journalist in
Berlin. Er schreibt für den Tagesspiegel und
moderiert für die Konrad-Adenauer-Stiftung den
Videoblog politsnack.de zum US-Wahlkampf. Er
meint: Die Kandidaten kommen uns zwar merkwürdig vor. Wer aber die Rituale in den USA kennt,
kann das gelassen sehen. marc.etzold@gmail.com

liberal 2.2012

15

US-WAHL FORDERUNGEN

Entschlossen
Wirtschaft, Außenpolitik, Gesundheitswesen, Bildungssystem:
Ganz gleich, wer der nächste US-Präsident wird – auf ihn
warten jede Menge offene Baustellen. Doch damit nicht
genug: Es gilt, ein Volk zu überzeugen, das sich nach einem
mutigen Entscheider sehnt. // TEXT // CHRISTINE MATTAUCH

ür Amerika war es ein Schock: 1957
schoss die Sowjetunion mit Sputnik 1
den ersten Satelliten in die Erdumlaufbahn. Die Schockwellen erreichten auch die Garfield
Junior High School in Berkeley. Der Rektor rief alle
Schüler zusammen und schärfte ihnen ein, von nun
an besonders hart zu arbeiten. „Allen war klar, dass
das Land vor einer nationalen Herausforderung steht,
zu deren Bewältigung wir beitragen müssen“, erinnert
sich Michael Mandelbaum, der damals in die siebte
Klasse ging.
Heute ist Mandelbaum Professor für Politik an der
Johns Hopkins University School of International
Studies in Washington. Und er sagt: „Die entschlossene
Ernsthaftigkeit, zu der das Land damals fähig war,
brauchen wir auch heute.“ Denn wieder steht die
Supermacht vor der Aufgabe, ihre Position als Nummer eins in der Welt zu verteidigen. Doch statt zu
handeln, verharrt Washington bisher in einer Selbstblockade, streitet und sucht Schuldige. Dabei ist die
Identitätskrise nach Meinung vieler Amerikaner nur
durch eine patriotische Kraftanstrengung und
eine kluge, innovative Wirtschaftspolitik zu überwinden. Keine einfache Aufgabe für den nächsten
Präsidenten, ob er nun
Barack Obama heißt oder
Mitt Romney.
Der neue Herr im
Weißen Haus muss mit

16

Problemen fertig werden, die es in sich
haben: ein zu schwacher Aufschwung,
verdrängte Strukturprobleme und sinkender geopolitischer Einfluss. Und das in
einem innenpolitischen Klima, das vollkommen
anders ist als zu Mandelbaums Schulzeit. Teile der
Bevölkerung leben in Parallelwelten, kreiert und
aufrechterhalten von rechten Medien wie Fox und
populistischen Hetzern wie Rush Limbaugh. In den
nächsten Monaten wird jede Gemeinsamkeit von
Demokraten und Republikanern überlagert werden
von einem verbissen geführten und emotional aufgeladenen Wahlkampf. Das erschwert die Verständigung
auf Reformen, die Amerikas Zukunft sichern – und mit
ihr die Bewahrung einer Weltordnung, wie wir sie
kennen.
Das internationale Gewicht der USA
hat in den vergangenen
Jahren deutlich
abge-

Foto: dpa/picture-alliance

soll er sein
nommen. Das liegt nicht allein am rasanten Aufschwung der asiatischen Länder,
allen voran China. Amerika hat sich selbst
geschwächt, durch zu hohe private und
staatliche Verschuldung und die Exzesse der
Immobilienspekulanten. Die Welt ist multipolar
geworden, und auch wenn die wenigsten Staaten
Amerikas Hegemonie infrage stellen, so wird es für die
Supermacht doch immer schwieriger, diese Rolle
auszufüllen und zu finanzieren.
Die Amtszeit von Obama war außenpolitisch
gekennzeichnet von Konsolidierung – mit dem Rückzug aus dem Irak und den Rückzugsplänen für Afghanistan als deutlichem Ausdruck. Das wird tendenziell
so bleiben, auch wenn der nächste Präsident Mitt
Romney heißt. Mit Blick auf das Haushaltsdefizit
gewinnen innerhalb der republikanischen Fraktion
die Fiskalkonservativen an Gewicht gegenüber
den Neokonservativen, die durch
Militäreinsätze Freiheit und
Demokratie exportieren wollten.
Leslie

Gelb, der einflussreiche frühere Präsident des Council
on Foreign Relations in New York, sagt: „Wir sollten
uns die Bedrohungslage Amerikas genau ansehen und
über neue Strategien entscheiden.“ Um außenpolitisch mehr Handlungsspielraum zu gewinnen, muss
das Land zunächst innenpolitisch seine Hausaufgaben
machen. Das sieht auch eine große Mehrheit der
Wähler so: Nach einer Umfrage des Rasmussen Reports vom Frühjahr halten 82 Prozent die Wirtschaftspolitik für sehr wichtig – nur 50 Prozent die Sicherheitspolitik.

Millionen überschuldeter Haushalte
Das ist die vordringlichste Aufgabe des neuen Präsidenten: Er muss dafür sorgen, dass sich die ökonomische Erholung fortsetzt. Noch immer sind Millionen
Haushalte überschuldet; noch immer sind viele Häuser von Zwangsversteigerung bedroht.
Gegenwärtig zeigen viele Indikatoren zwar nach
oben, jedoch verhalten. Auf 2,2 bis 2,7 Prozent schätzt
die Notenbank Federal Reserve das Wachstum des
Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr. Die Arbeitslosigkeit aber wird mit 8,2 bis 8,5 Prozent hoch bleiben,
von einer „Patchwork-Recovery“ spricht das Magazin
Time. Besonders besorgniserregend ist die wachsende Zahl der Langzeitarbeitslosen –
mehr als fünf Millionen – und die
hohe Jugendarbeitslosigkeit: Bei den 16- bis 19-Jäh-

17

US-WAHL FORDERUNGEN

„Wir brauchen
die freie Schulwahl und eine
Finanzierung,
die gute Ergebnisse belohnt.“

rigen liegt die Quote bei 25 Prozent. Das weist auf
Strukturprobleme hin: „Amerika fällt immer stärker
hinter die Fortschritte zurück, die andere Staaten bei
Ausbildung und Berufstraining machen“, kritisiert
Mohamed El-Erian, Chef der weltweit größten Investmentfirma Pimco.
Amerikas Beschäftigungsproblem ist im Kern ein
Bildungsproblem. Obwohl es so viele Arbeitslose gibt,
suchen Unternehmen händeringend Fachkräfte mit
handwerklichen und technischen Fähigkeiten – und
finden sie nicht. Amerikas Ausbildungssystem produziert zwar Spitzenkräfte an Elitehochschulen, doch
zugleich liegt die Weltmacht bei der Allgemeinbildung
am Ende der OECD-Statistik: Ein Viertel aller Highschool-Studenten erreicht keinen Abschluss. Nach
Meinung vieler Kritiker liegt das an dem verkrusteten
öffentlichen Schulsystem, das vor allem armen Eltern
kaum Wahlfreiheit lässt.

Schlechte Infrastruktur bedroht Produktivität
„Nicht unsere Kinder sind besonders schlecht, sondern die Schulen“, sagt der Investor und Philanthrop
Whitney Tilson, der seit Jahren für eine Reform des
Bildungssystems kämpft. Das lässt sich ändern, wie
etwa New Orleans in der Stunde null nach dem Hurrikan „Katrina“ 2005 bewies. Eltern können dort die
Schule ihrer Kinder frei wählen, es wird mit Bildungsgutscheinen experimentiert, Schulen mit schlechten

18

Ergebnissen werden konsequent geschlossen. Folge:
Bei landesweiten Tests schneiden die dortigen Schüler
um 20 Prozent besser ab als vor „Katrina“.
Das Beispiel zeigt, dass es nicht immer zentrale
Lösungen geben muss. Ein Präsident kann inspirieren;
er kann dadurch führen, dass er Bundesstaaten und
Kommunen Anreize zu Reformen gibt und ihnen die
Umsetzung überlässt. Ein guter Ansatz ist dies besonders auch für eine weitere Aufgabe: die Sanierung der
Infrastruktur.
Touristen, die zum ersten Mal Amerika besuchen,
sind regelmäßig entsetzt über den schlechten Zustand
von Straßen, Brücken, Flughäfen und Bahnstrecken.
Auch Wasser- und Klärsysteme sind nach Jahrzehnten
der Vernachlässigung veraltet und oft nicht mehr
intakt. Die amerikanische Ingenieurvereinigung ASCE
gibt der nationalen Infrastruktur die Note D, vergleichbar mit einer Note 5, und beziffert den Investitionsstau
auf 2,2 Billionen Dollar.
Das ist nicht nur ein Imageproblem, sondern
beeinträchtigt auch die Wettbewerbsfähigkeit der
Wirtschaft: Allein durch Transportprobleme werden
Unternehmen in den nächsten zehn Jahren 430
Milliarden Dollar Zusatzkosten entstehen, sagt
ASCE-Präsident Andrew Herrmann: „Die schlechte
Infrastruktur ist eine ernsthafte Bedrohung für Wirtschaftswachstum und Produktivität.“ Obamas Stimulus-Programm von 2009 hat daran nichts grundlegend

2.2012 liberal

Fotos: Getty Images; mauritius image /Alamy

Whitney Tilson

Die To-do-Liste
des Gewinners
US-Experten erklären die größten Herausforderungen für den 45. Präsidenten

Bildung
„Unser Bildungssystem verteilt die größten
Ressourcen an die Schulen, die am schlechtesten
arbeiten. Darunter leiden besonders Kinder aus sozial
schwachen Familien, die keine Alternative haben. Wir
brauchen die freie Schulwahl und eine Finanzierung,
die gute Ergebnisse belohnt. Der Präsident soll den
Bundesstaaten nicht vorschreiben, wie eine Reform
im Einzelnen auszusehen hat – aber er sollte
verlangen, dass sie überhaupt eine in Angriff
nehmen.“
Whitney Tilson, New Yorker
Investor und Philanthrop

Steuern
„Die USA sind für Unternehmen, anders als vielfach
vermutet wird, ein Hochsteuerland und damit nicht
wettbewerbsfähig. Eine Steuerreform ist dringend
erforderlich, die das System vereinfacht und
Unternehmen für Investitionen belohnt. Die USA
gehören außerdem zu den wenigen Staaten, die im
Ausland erwirtschaftete Gewinne bei Rückführung in
die Heimat erneut versteuern. Das ist kompletter
Wahnsinn und führt dazu, dass internationale
Unternehmen wie wir diese Gewinne nicht zu Hause
investieren.“
Martin Richenhagen, CEO und Chairman
des US-Landmaschinenkonzerns AGCO

Außen- und Sicherheitspolitik
„Die Wirtschaft hat Vorrang. Angesichts der
angespannten Haushaltslage müssen alle Budgets auf
Effektivität und Notwendigkeit geprüft werden, auch
die für Verteidigung und Entwicklungshilfe. Allerdings
ist vor dem Hintergrund gekürzter Verteidigungsetats
in Europa entscheidend, dass die USA ein Ausgabenniveau beibehalten, mit dem sie ihre strategischen
Ziele erreichen.“
Kristen Silverberg, Senior Resident Fellow
des German Marshall Fund

liberal 2.2012

geändert: Von den 787 Milliarden Dollar waren fast
300 Milliarden Steuererleichterungen, nur 100 Milliarden flossen in Infrastrukturprojekte.
Amerika wird seine Prioritäten neu setzen müssen.
„In den vergangenen 20 Jahren haben wir es versäumt, einige unserer größten Probleme anzugehen.
Nun haben sie sich derartig zugespitzt, dass wir sie
nicht mehr ignorieren können“, schreibt Politikexperte Mandelbaum in seinem Buch „That used to be us“
(„Wie wir früher waren“). Besonders bedrohlich: das
Staatsschuldenproblem.
Die USA haben derzeit einen Schuldenberg von
15,2 Billionen Dollar, allein in diesem Jahr werden über
eine Billion Dollar hinzukommen. Das Land steht vor
schwierigen Fragen: Was wollen wir vom Staat – und
was sind wir bereit, dafür zu geben? Die Fronten sind
viel weniger klar, als es aufgrund der Wahlkampfrhetorik scheint. So nehmen viele Tea-Party-Anhänger,
die vehement für Steuersenkungen eintreten, ganz
selbstverständlich staatliche Krankenversicherungen
in Anspruch.
Die aber zählen zu den größten Kostentreibern. In
seiner Gesundheitsreform hat Obama die Krankenversicherung für Rentner, Medicare, von Kürzungen
weitgehend verschont. Doch ohne Einschnitte steigen
die Kosten bis 2020 von heute 15 auf über 17 Prozent
des Haushalts, so die überparteiliche Kaiser Foundation. Eine weitere Baustelle ist das Rentensystem, Social
Security. Dessen Probleme werden kaschiert, indem
es formal als unabhängiger Trust organisiert ist. Doch
spätestens 2022 sind dessen Reserven aufgebraucht
und die Rentenzahlungen belasten direkt den amerikanischen Haushalt.

Gefährliche Schuldenlage
Präsident und Kongress müssen sich in den nächsten
vier Jahren auf ein Konzept zum Schuldenabbau
einigen. Die Lage ist gefährlich. Gegenwärtig sind die
Zinsen sehr niedrig; doch niemand weiß, wann die
Investoren auf den Anleihemärkten nervös werden,
wie dies in Europa geschah. Dann steigt die Risikoprämie und verschärft die ohnehin prekäre Haushaltslage dramatisch.
Die gute Nachricht: Es gibt eine ganze Reihe
Entwürfe zur Budgetreform, zum Beispiel von der
überparteilichen Simpson-Bowles-Kommission, die
Obama selbst eingesetzt hatte. Sie enthalten Ansätze,
die bei rationaler Betrachtung konsensfähig sein
sollten: intelligente, marktorientierte Konzepte.
Beispiel Medicare: Die staatliche Einheitsversiche-

„Alle Budgets
müssen auf
Effektivität und
Notwendigkeit
geprüft werden,
auch die für
Verteidigung
und Entwicklungshilfe.“
Kristen Silverberg

19

US-WAHL FORDERUNGEN

„Ich appelliere
an den nächsten
Präsidenten,
sich auf die Umgestaltung von
Medicare zu
konzentrieren.“

„Heute ist ein
Drittel der
Straßen in
schlechtem
Zustand, die
Statik jeder
vierten Brücke
mangelhaft.“
Andrew Herrmann

20

rung könnte durch Börsen ergänzt werden, über die
sich Senioren private Policen kaufen, mit einem Zuschuss oder Gutschein. Unter anderem befürwortet
der republikanische Haushaltsexperte Paul Ryan
dieses Modell. Die Demokraten hingegen laufen Sturm
gegen die „Abschaffung von Medicare“ – dabei hat sich
Obama in seiner Gesundheitsreform für eine ganz
ähnliche Lösung entschieden, um die Unversicherten
zu versichern.
Umgekehrt sperren sich die Republikaner gegen
Cap-and-Trade, den Handel mit Emissionsrechten, der
den Ausstoß von Kohlendioxid mit einem Preis versehen und dadurch reduzieren soll. Dabei war es ihr
früherer Präsident George H.W. Bush, der das Instrument 1990 als Erster anwandte und damit erfolgreich
den sauren Regen bekämpfte.
Public Private Partnership wäre ein Weg, Straßen
und Brücken zu sanieren und zugleich die öffentlichen Kassen zu schonen. Chicago hat gerade einen
Sieben-Milliarden-Dollar-Plan zur Renovierung seiner
Infrastruktur vorgestellt, bei dem private Investoren
eine zentrale Rolle spielen.
Selbst beim Thema Steuern gibt es Berührungspunkte. „Steuerschlupflöcher schließen und die Anreize für Arbeiten und Investieren erhöhen – das unterstützt jeder, vom Demokraten bis zum Libertären“,
meint Chris Edwards, Steuerexperte des libertären
Cato Institute. Unmöglich ist ein Kompromiss also

nicht, wie auch die Verhandlungen zwischen Obama
und John Boehner zeigten, dem republikanischen
Sprecher im Repräsentantenhaus. Fast hätten sie sich
im vergangenen Sommer auf ein Sanierungsprogramm verständigt. Der Deal scheiterte teils an Boehners mangelndem Rückhalt in den eigenen Reihen,
teils aber auch daran, dass Obama seine Forderungen
immer weiter erhöhte, wohl auf Druck seiner Partei. In
einer zweiten und letzten Amtszeit wäre er freier.
Und dann die Bürgerrechte. Hier hat Obama viel
versprochen und wenig gehalten – wie die Schließung
des Hochsicherheitsgefängnisses Guantanamo. Er
verlängerte darüber hinaus Bestimmungen des Patriot
Act, die die individuellen Freiheitsrechte einschränken und für deren Auslaufen sich so unterschiedliche
Organisationen wie die American Civil Liberties Union
und das Cato Institute einsetzen. Womöglich fällt es
einem Republikaner leichter, hier das Richtige zu tun.
So wie es der Demokrat Bill Clinton war, der Sozialreformen umsetzte, und der Republikaner Ronald
Reagan, der eine Amnestie für drei Millionen illegale
Einwanderer erließ.

Dynamik der Weltmacht erneuern
Viele Amerikaner wünschen sich einen Präsidenten,
der so entschlossen und mutig handelt wie Chesley
Sullenberger. Der Pilot geriet am 15. Januar 2009 beim
Flug über New York in einen Gänseschwarm, wasserte

2.2012 liberal

Fotos: ddp images/AP; Cavan Images/getty images; ullstein bild - AP; Privat

Alice Rivlin

Gesundheit
„Ich appelliere an den nächsten Präsidenten, sich auf
die Umgestaltung von Medicare zu konzentrieren. Die
staatliche Krankenversicherung für Rentner ist einer
der Hauptgründe, weshalb die Schuldenlast in der
Zukunft steigen wird. Wir brauchen auf diesem Gebiet
mehr Wettbewerb.“
Alice Rivlin, Senior Fellow
der überparteilichen Brookings Institution

Bürgerrechte
„Mehr als zehn Jahre nach dem Attentat von 9/11 ist
es alles andere als ausgemacht, dass uns die hastig
beschlossenen Anti-Terror-Maßnahmen der
Regierung, darunter der Patriot Act, mehr Sicherheit
bringen. Klar ist allerdings, dass die Bestimmungen
verheerende Auswirkungen auf das Leben
Unschuldiger haben können. Sie gehören auf den
Prüfstand. Weniger Freiheit bedeutet nicht
automatisch mehr Sicherheit.“
Susan Herman,
Präsidentin der Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union

Infrastruktur
„Unsere Infrastruktur ist das Fundament für unsere
Wirtschaft. Aber jahrzehntelang wurde zu wenig
investiert. Heute ist ein Drittel der Straßen in
schlechtem Zustand, die Statik jeder vierten Brücke
mangelhaft. Wir brauchen überregionale und lokale
Programme zur Verbesserung der Infrastruktur.
Innovative Finanzierungen können die Entwicklung
beschleunigen.“
Andrew Herrmann, Präsident
der Ingenieurvereinigung ASCE

Umweltschutz
„Selbst wenn in Washington Stillstand herrscht – Klimapolitik ist möglich. Im vergangenen Oktober hat
Kalifornien, die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt,
ein Cap-and-Trade-Programm eingeführt, das den
Kohlendioxid-Ausstoß bis 2020 auf das Niveau von
1990 zurückführt. Das wird anderen Bundesstaaten
und der Politik in Washington zeigen, dass eine
marktbasierte Lösung effizient Emissionen reduziert,
Arbeitsplätze schafft und die Energie-Infrastruktur
modernisiert.“
Fred Krupp, Präsident der Umweltorganisation
Environmental Defense Fund

liberal 2.2012

seine Maschine auf dem Hudson und rettete den
Passagieren dadurch das Leben. „Ich hab einfach
gemacht, was nötig war“, sagte er hinterher. Ähnlich
pragmatisch und konsequent hat Obama seine Rolle
nach Meinung vieler Amerikaner bisher nur einmal
ausgefüllt: Als er grünes Licht für die Ergreifung des
Terroristen Osama bin Laden gab. Da applaudierten
selbst seine Erzfeinde im Kongress.
Nichts überzeugt in den Vereinigten Staaten so
sehr wie Erfolg. Amerikaner sind Effizienzfanatiker,
und sie wollen die Besten sein. 1957 hat das zu einem
Ruck geführt. Und heute? Politikexperte Mandelbaum
bleibt optimistisch: „Der Weg zu einem Happy End
beginnt mit der Wahrnehmung, dass etwas falsch
läuft.“ Die amerikanische Gesellschaft hat ja, trotz aller
Schwierigkeiten, große Stärken: Flexibilität und Innovationsgeist, eine hohe Arbeitsethik und ein riesiges
Reservoir an Talenten.
Wenn der Präsident seinen Landsleuten eine überzeugende Vision vermittelt, kann er die Dynamik der
Weltmacht vielleicht doch noch erneuern. Schließlich
muss man ja nicht warten, bis die Chinesen auf dem
Mars landen. ●

„Weniger
Freiheit
bedeutet nicht
automatisch
mehr
Sicherheit.“
Susan Herman

CHRISTINE MATTAUCH, 48, arbeitet in New York
als freiberufliche Korrespondentin. Während der
Recherche sind ihr die Vorzüge des deutschen
Mehrparteiensystems noch einmal sehr deutlich
geworden. redaktion@libmag.de

21

US-WAHL GESUNDHEITSREFORM

Teufels Werk und
Romneys Beitrag
Von Franklin D. Roosevelt bis Bill Clinton ist noch jeder linksliberale US-Präsident mit
dem Versuch gescheitert, in den Vereinigten Staaten eine flächendeckende
Krankenversicherung einzuführen. Kaum zu hoch zu bewerten ist darum der Erfolg
Barack Obamas, „Universal Health Care“ durchzusetzen.

Gespaltenes Land:
Während Anhänger
von ObamaCare vor
dem Supreme Court
für den Erhalt der
Krankenversicherung
demonstrieren, fordern
Gegner des Programms
auf dem Capitol Hill ein
Ende der staatlichen
Bevormundung.

22

itt Romney möchte Obamas Krankenversicherungspläne in der Schublade für
vollkommen wahnsinnige Utopien
versenken, sobald er an dessen Schreibtisch im Oval
Office sitzt. Dabei hat der Republikaner – als er noch
Gouverneur von Massachusetts war – in diesem amerikanischen Bundesstaat eine allgemeine Krankenversicherung eingeführt, die jener, die sein Rivale Barack
Obama für ganz Amerika eingeführt hat, aufs i-Tüpfelchen gleicht. Das ist kein Zufall: Obamas Team hat sich
bei seinen Planungen von Romneys Erfahrungen
inspirieren lassen – vor allem von dem Umstand, dass
sein Modell in Massachusetts hervorragend funktioniert hat. Ist Romney also ein Heuchler? Nein.
Das Wichtigste, was man an den „United States of
America“ verstehen muss, ist nämlich, dass der Name

dem Wesen der Sache entspricht: Sie sind wirklich
genau das – Vereinigte Staaten von Amerika. Die
einzelnen Bundesstaaten genießen eine Autonomie,
die sehr weit reicht: Jeder Bundesstaat hat eine eigene
Armee, die National Guard. Jeder Bundesstaat hat eine
eigene Exekutive und Legislative und einen eigenen
Obersten Gerichtshof. Die Sozialgesetzgebung von
Texas ist grundverschieden von der Sozialgesetzgebung in Kalifornien. In Louisiana basiert die Rechtsprechung auf dem Code Napoleon, im Bundesstaat
New York keineswegs. Von außen mögen die Vereinigten Staaten als monolithisches Monster erscheinen, als
monumentaler Flugzeugträger, der so groß ist wie ein
Kontinent; aus der Nähe besehen handelt es sich um
ein amorphes Gebilde – eher lockerer Staatenbund als
Bundesstaat. Die Zentralregierung in Washington

2.2012 liberal

sollte man darum auch nicht mit der Bundesregierung
in Berlin vergleichen, sondern eher mit der Regierung
der Europäischen Union in Brüssel. Allerdings führt
selbst dieser Vergleich noch in die Irre: Die amerikanische Regierung hat weit weniger Befugnisse, in die
Rechte der einzelnen Bundesstaaten einzugreifen, als
die Eurokraten in der Alten Welt.

Fotos: Brooks Kraft/corbis; Polaris/laif; privat

Misstrauen vor dem Zentralstaat
Mit anderen Worten: Der amerikanische Präsident hat
zwar das Recht, von jetzt auf gleich Kampfflieger
loszuschicken, um die Hauptstadt von Absurdistan zu
bombardieren. Er hat aber vergleichsweise wenig
Rechte, in das Leben von Joe Shmoe und seiner Frau
Betsy in Salina, Kansas einzugreifen. Für Joe Shmoe
und Betsy ist vor allem entscheidend, wer in ihrer
Stadt Sheriff ist; an zweiter Stelle, wer in ihrem Staat in
der State Assembly sitzt – Washington kommt erst an
dritter Stelle. Und dort treiben sich nach Volkes Meinung sowieso nur Lügner und Heuchler beider Parteien herum, die tagein, tagaus damit beschäftigt sind,
schwungvoll Steuergelder zu allen verfügbaren Fenstern hinauszuwerfen.
Wenn also der Zentralstaat in Washington eine
allgemeine Krankenversicherung einführt – nebst
einer ungeheuer großen zentralen Behörde, die notwendig wird, um die Daten von 300 Millionen Amerikanern zu verwalten –, dann ruft das bei vielen Bürgern Misstrauen hervor. Es ist jedenfalls etwas
grundsätzlich anderes, als wenn ein Gouverneur so
etwas in einem einzelnen Bundesstaat exekutiert.
Romney ist also kein Heuchler. Er hat nur Unrecht.
Denn der gegenwärtige Zustand ist nicht haltbar.
Warum? Nun, derzeit gibt es Amerikaner mit Kranken-

liberal 2.2012

versicherung und Amerikaner ohne Krankenversicherung. Nicht alle Amerikaner ohne Krankenversicherung können sich keine leisten. Manche haben nur
beschlossen, dass sie sich keine leisten wollen. Ein
Unversicherter hat trotzdem Anspruch auf ärztliche
Behandlung: Wenn ihm etwas fehlt, begibt er sich
einfach in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Die
Kosten für seine Behandlung sind vergleichsweise
hoch. Vor allem, wenn der Arzt, der ihm sein Stethoskop an die Brust hält, sein Soll eigentlich schon längst
erfüllt hat und nun teure Überstunden abrechnet. So
oder so übernimmt zunächst das Krankenhaus die
Behandlungskosten. Die Verwaltung schreibt sie
einfach als schlechte Schulden ab. Und wer kommt
letztlich für diese Kosten auf? Die Gemeinschaft der
Krankenversicherten. Dieses System ist dermaßen
idiotisch, dass man glauben könnte, eine Gruppe von
Experten habe es sich ausgedacht. Es hat sich aber
quasi naturwüchsig entwickelt.
Wenn Obama diesem Irrsinn ein Ende bereitet,
kann man ihm also nur gratulieren. Vielleicht sollte
der Präsident gelegentlich darauf hinweisen, dass auch
die Schweiz – eine Republik, deren innere Verfasstheit
jener der Vereinigten Staaten in mancher Hinsicht
verblüffend ähnelt; auch dort haben die Kantone ein
hohes Maß an Autonomie – selbstverständlich längst
eine allgemeine Krankenversicherung hat. Und die
Schweiz ist bekanntlich urbolschewistisch. ●

Massenabfertigung:
Wo es im Gesundheitssystems an Geld und
Infrastruktur mangelt,
müssen Patienten zur
Zahnbehandlung in Turnhallen ausweichen.

HANNES STEIN, 47, lebt in New York, von wo aus er
vor allem für die Welt Kulturreportagen schreibt.
Noch ist er in Deutschland krankenversichert, bald
wird er sich nach einer amerikanischen Krankenversicherung umschauen müssen. stein@libmag.de

23

GESELLSCHAFT QUO VADIS

24

2.2012 liberal

Bonjour déficit
Genervt vom Parvenü Nicolas Sarkozy, wählt Frankreich den Sozialisten François
Hollande zum Präsidenten. Der hat weder Regierungserfahrung noch das Geld,
seine Wahlkampfversprechen zu verwirklichen. Umso mehr wird er in der EU für
Unruhe sorgen und mit dem Ruf nach staatlichen Wachstumsprogrammen die
bisherige Sparpolitik zu unterminieren versuchen. Eine Analyse. / TEXT // PHILIP FABIAN

N
DER NEUE

Foto: Dominik Butzmann/laif

PRÄSIDENT
Die große politische Bühne
betrat François Hollande
1997 als Generalsekretär
der Sozialistischen Partei.
Der Bürgermeister des
15.000-Seelen-Städtchens
Tulle in der Corrèze gilt
als blass, uncharismatisch
und weich. Auch seine
Parteikollegen trauten ihm
wenig zu, bis er – abgemagert und mit neuer
Freundin – anstelle des
wegen Sexaffären ausgeschiedenen Dominique
Strauss-Kahn die Kandidatur
für die Präsidentschaft
übernahm.

liberal 2.2012

icolas Sarkozy hat es nicht geschafft, mit
seinem Image als entscheidungsstarker
Krisenmanager die Franzosen doch noch zu
seiner Wiederwahl zu überreden. Dabei war
die französische Präsidentschaftswahl ein Schicksalsmoment für Frankreich, für Europa und für den Euro.
Mit dem Sozialisten François Hollande droht Unheil.
Sollte Hollande tatsächlich kreditfinanzierte
Konjunkturprogramme von der EU fordern und den
Schuldenhahn weiter aufdrehen wollen, hätte dies
fatale wirtschaftliche Folgen. Doch die Stimmung
gegen Angela Merkels Sparpolitik kippt auch andernorts in Europa. Hollande wäre damit nicht allein.
Frankreich könnte – gegen Angela Merkel – eine Koalition mittelgroßer, vorwiegend mediterraner Länder
anführen, die vor der Euro-Einführung regelmäßig
mit höheren Inflationsraten lebten und diese Währungsflexibilität heute vermissen.
Frankreich leite eine Wende für alle europäischen
Völker ein, die von der Sparpolitik („l'austérité“) genug
hätten, verkündete der gewählte Präsident am Wahlabend vor der jubelnden Menge auf der Place de la
Bastille, bevor die Marseillaise angestimmt wurde.
Er hat den Wählern Wirtschaftswachstum versprochen, das durch massive Staatsausgaben herbeigeführt werden soll. Um dabei die Defizitziele von weniger als drei Prozent Neuverschuldung nicht aus den
Augen zu verlieren, solle die EZB diese Budgetausgaben direkt mitfinanzieren – denn sie leihe bislang nur
Geld an Banken, nicht aber an Staaten, so sein Wahlkampfargument. Zudem solle die europäische Investitionsbank mit neuen Mitteln ausgestattet werden.

Sein Wahlkampfteam legte verdächtig präzise Kalkulationen vor, wonach die Steuereinnahmen des Staates um just den Betrag der Mehrausgaben steigen
würden, wenn man die Kaufkraft der Franzosen durch
nachfrageorientierte „Investitionen“ stützen würde.
Um Sarkozy loszuwerden, haben ihm das viele Wähler
gerne geglaubt.
Nach der ersten Wahlrunde hat er sich zumindest
im Ton gemäßigt, was den europäischen Fiskalpakt
angeht: Er lehne diesen nicht prinzipiell ab – wie er im
Wahlkampf zuvor gesagt hatte –, sondern wolle ihn
nur „um eine Wachstumskomponente ergänzen“.
Angela Merkel signalisierte zwar ihre Bereitschaft,
darüber zu verhandeln. Doch bei solch unterschiedlichen Auffassungen von Wirtschaftspolitik ist schwer
vorstellbar, worauf die beiden Staatschefs sich konkret
einigen können. Hier stoßen quasi kulturelle Differenzen aufeinander, die nur durch sehr schwere – und
teure – Kompromisse überbrückbar sind.

Wahl war Referendum über Person Sarkozy
Mit einer Arbeitslosenquote von fast 10 Prozent – die
Jugendarbeitslosigkeit beträgt mehr als 22 Prozent–
und einer Gesamtverschuldung von 86 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts (BIP) steht Frankreich heute

25

GESELLSCHAFT QUO VADIS

schlecht da. Seine Staatsquote liegt bei 56 Prozent des
BIP, verglichen mit weniger als 50 Prozent in Deutschland und einem OECD-Durchschnitt von 43 Prozent.
Außerdem verlor Frankreich im Januar sein Standard
& Poor’s-Spitzenrating: Die Agentur stufte die Bonität
von „AAA“ auf „AA+“ herunter. Darum wären etwa eine
Flexibilisierung des Arbeitsmarkts und Einsparungen
im Staatshaushalt wichtige Wahlkampfthemen gewesen – doch die Präsidentschaftskandidaten sprachen
sie kaum an.
Hollandes konkreteste Wahlkampfversprechen
hatten dem Stimmenfang im linken Lager gegolten,
wo er auf unerwartet starke Konkurrenz stieß: Da
waren der Spitzensteuersatz von 75 Prozent, die
Aufstockung des Beamtenapparats um 60.000 Lehrer
und die erneute Senkung des Renteneintrittsalters
von 62 auf 60 Jahre – Zwischentöne einer Kampagne,
deren Grundton er mit folgenden Parolen vorgegeben
hatte: „Ich mag die reichen Leute nicht.“ Und: „Mein
Feind, das sind die Finanzmärkte.“
Die Franzosen ahnten wohl zuletzt, dass die Abwahl Sarkozys unvernünftig ist, auch wenn es letztlich
bei ihrer lange zuvor feststehenden Entscheidung
blieb. Der dynamische, als Sanierer angetretene Präsident hatte sein politisches Kapital für die dringend
notwendigen Reformen aber schon kurz nach seinem
Wahlsieg mit seinem Auftreten als neureicher Parvenü
verspielt.
Die jüngste Wahl sollte ursprünglich ein Referendum für oder gegen den Politiker, aber fast noch mehr
über die Person Nicolas Sarkozy sein. François Hollan-

de konnte seinen Ruf als glanz- und kantenlose Persönlichkeit nicht kaschieren, aber er kam ihm in dieser
Situation sogar zugute. Sein Mangel an Profil stellte
den größtmöglichen Kontrast zum Charakterbündel
Nicolas Sarkozy her, sodass seine Bescheidenheit in
allen Belangen zu seinem wichtigsten Markenzeichen
wurde.

Juniorpartner Deutschlands in der EU
Glaubt man den Umfragen, interessierten sich die
Franzosen im Wahlkampf irgendwann doch für die
Wirtschaftsthemen „Kaufkraft“ und „Beschäftigung“,
was zu noch größerem Erstaunen darüber führt, auf
welche Weise diese Themen von beiden Kandidaten
abgehandelt wurden.
Die Europäische Union war übrigens einer der
unbedeutendsten Faktoren bei der Entscheidung der
Wähler. Wenn überhaupt, ist den Franzosen gerade
bewusst geworden, dass die Grande Nation Europa
lediglich als Juniorpartner Deutschlands anführt. Und
ob sie der EU gegenüber nur gleichgültig sind oder ihr
offen misstrauen: Etwa ein Drittel der Wähler stimmte
in der ersten Wahlrunde für Parteien, die für einen
Austritt aus der Eurozone werben.
Entgegen seinem heutigen Ruf war Sarkozy für
Angela Merkel als Partner im europäischen Führungsduo schon schwierig genug. Auch er wollte gerne an
der Seite der EU respektive Deutschlands vorbeiagieren, etwa mit seiner Idee einer neuen Mittelmeerunion oder zuletzt mit seiner Infragestellung des Schengen-Abkommens. Es war erst die Griechenland-Krise,

WAS Z U
T U N WÄ R E :
• Renteneintrittsalter für
alle weiter erhöhen
• Die 35-Stunden-Woche
ganz abschaffen
• Flexiblere Arbeitsverträge
und niedrigere Lohnnebenkosten
• Das Streikrecht durch
Verstärkung von Sarkozys
Gesetz zum sozialen
Dialog weiter beschränken:
Tarifverhandlungen ein
gesetzliches Ultimatum
setzen und beschlossene
Abkommen zeitlich
absichern, um ständige
Neuverhandlungen zu
verhindern
• Die Zahl der Beamten
reduzieren
• Staatsanteile an Großunternehmen verkaufen
• Steueranreize für Jungunternehmer
• Das Steuerrecht vereinfachen
• Private Unis einführen

Frankreich auf der Straße:
In den Banlieues begehren
Jugendliche ohne Perspektive auf.
Der Staat hält mit seiner Polizei
massiv dagegen.

26

2.2012 liberal

10%
22%
Arbeitslosenquote

davon: Jugendarbeitslosigkeit

86%

Gesamtverschuldung

56%
Staatsquote

Fotos: ddp images/Sipa; M. Euler/ddp images/AP

Frankreich am Boden:
In dem hoch verschuldeten
Land ist jeder zehnte
Erwerbsfähige ohne Arbeit.

liberal 2.2012

die ihn in die Euroretter-Rolle an der Seite Deutschlands hineinwachsen ließ. Auch die Unabhängigkeit
der EZB war für ihn längst nicht so unantastbar wie für
die Deutschen.
Fünf Jahre nach Sarkozys Reformwind von 2007
haben die Banken- und die Schuldenkrise Europa, die
EZB, den Mittelmeerraum und auch ihn selbst grundlegend verändert: Die Eurozinsen sind auf historisch
niedrigem Niveau und die bereits deutlich weniger
deutsch geprägte EZB kauft risikobehaftete Staatsanleihen der Krisenländer auf. Die EU-Länder am Mittelmeer bilden zwar keine neue Union, begründen aber
zusammen mit Irland eine Schicksalsgemeinschaft, bei
der der Staatsbankrott eines einzigen Landes eine
ganze Reihe anderer Pleitekandidaten in Mitleidenschaft ziehen kann.
Und auch wenn dies im Wahlkampf unerwähnt
blieb: Jenseits des Mittelmeers haben noch gewaltigere
Umbrüche stattgefunden, bei denen Frankreich
seinen Einfluss tatsächlich ganz ohne Deutschland
geltend machen konnte, siehe Libyen.

Nicolas Sarkozy verlässt den Elysée-Palast nach einer
alles in allem enttäuschenden Amtszeit, bei der er nur
wenige Reformen durchsetzen konnte, dafür aber an
der Seite Angela Merkels zu einem großen Europäer
avancierte. Genau Letzteres machten ihm seine Gegner zum Vorwurf: Er sei der unterlegene und gefällige
Partner im europäischen Führungsduo gewesen.
Die Deutschen werden schon bald merken, dass
sie auf diesen Sarkozy schwer verzichten können. Sie
hätten ihn nicht nur weiterhin als Verbündeten gebraucht, um ihre Sparziele für die Schuldenländer
durchzusetzen, sondern vor allem, weil sie Europa
nicht alleine anführen wollen. Die Devise, wonach
Frankreich Deutschland brauche, um seine Schwäche
zu kaschieren, während Deutschland die Franzosen
brauche, um seine eigentliche Stärke zu verbergen, gilt
nicht mehr. Hollande attackiert die vermeintliche
Vormachtstellung Deutschlands ganz offen: „Madame
Merkel hat nicht alleine für uns alle in Europa zu
entscheiden.“
Die Schuldenkrise ist aber noch lange nicht überstanden, und der Euro nicht gerettet. Im Gegenteil:
Nach dieser Wahl ist die Eurozone noch ein bisschen
brüchiger geworden. ●

PHILIP FABIAN ist kein Franzose, hat aber das
französische Bildungssystem durchlaufen. Heute
lebt er in Berlin, und manchmal fragt er sich, ob ein
Land mit 264 Käsesorten wirklich unregierbar sein
muss (de Gaulle). philip.fabian@googlemail.com

27

REDE ZUR FREIHEIT JOACHIM GAUCK

3.BERLINER REDE
ZUR FREIHEIT

MIT DER FREIHEIT
S T E H E N W I R VO R D E R
AU F G A B E , DA S S D I E
OFFENE GESELLSCHAFT
VO N U N S E RWA RT E T,
F Ü R ET WA S E I N Z U T R ET E N.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,

In der Mitte von Berlin über die Freiheit zu
sprechen heißt auch, sich dieser Tatsache bewusst zu werden,

herzlichen Dank für diesen überaus freundlichen Empfang.

dass wir einen solchen Prozess im Osten noch nicht zu Ende geführt
haben. Das heißt auch, einfach zu begreifen, dass wir in diesem Land
zwei politische Kulturen haben. In der einen ist die Zivilgesellschaft
seit 60 Jahren zu Hause, in der anderen seit 20 Jahren. Aufarbeitung
im Sinne, wie ich sie beschrieben habe, ist nun einmal ein Produkt
der Zivilgesellschaft. Übergangsgesellschaften sind selten dazu
imstande, insbesondere diesen letzten kathartischen Schritt zu tun.
Deshalb ist nicht nur in Ostdeutschland, sondern in allen postkommunistischen Ländern eine eher defizitäre Aufarbeitung der Vergangenheit zu beobachten. Dies kann man nun benutzen, um Menschen,
die dort leben, moralisch zu diskreditieren. Ich will das nicht, ich will
nur erläutern, warum es Unterschiede zwischen Osten und Westen
gibt. Ich spreche in Bezug auf den Osten auch nicht von einer minderwertigen politischen Kultur, sondern einfach von einer anderen.
Ich werte sie auch nicht moralisch ab, aber ich warte trotzdem auf
Veränderungen. Ich rede keineswegs von einer Charaktermauer, die
uns trennt. Vielmehr spreche ich historisch gewachsene Mentalitätsunterschiede an, die wenig mit Charakter, aber sehr viel mit Trainingsmöglichkeiten zu tun haben. Es ist ein Unterschied, ob ich eine
ganze Schulzeit lang Klassensprecher/innen wähle und Schülerzeitungen herausgebe, oder ob ich FDJ-Sekretäre oder HJ-Führer wähle
und Wandzeitungen mache. Schulen sehen anders aus, in diesem
und in jenem Falle. Es ist ein Unterschied, ob ich in einem Betrieb

Ich bin natürlich erfreut, dass Sie, die Sie schon alles über die Freiheit
wissen, einem parteilosen Liebhaber der Freiheit und seinen
Ausführungen zuhören wollen, den Ausführungen zu einem Thema,
das in Deutschland ja eigentlich ein Minderheitenthema ist.

Foto: imagetrust

Im April 2009 hat Joachim
Gauck auf Einladung der
Stiftung für die Freiheit die 3.
Berliner Rede zur Freiheit am
Brandenburger Tor gehalten.
Anlass war der 20. Jahrestag
des Mauerfalls. Keine einzige
Bemerkung Gaucks hat in den
inzwischen vergangenen drei
Jahren an Aktualität und
Bedeutung verloren – das
zeigt der folgende Auszug.

[…]

Wie kommt es, dass Menschen, die von einer demokratischen Verfassung nicht nur reden, sondern sie die Grundlage ihres politischen
Lebens nennen können, dass diese Menschen bei Meinungsumfragen, trotz aller Zufriedenheit mit ihrer persönlichen Situation, fast
immer eine große Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen
an den Tag legen? Wie kommt es, dass sie meinen, dass unser Gesellschaftssystem, dass die Demokratie nicht geeignet sei, die aktuellen
Probleme zu lösen? Stattdessen gilt inzwischen sogar der Sozialismus
wieder etwas. Vor 20 Jahren hätte man sich das nicht träumen lassen
– ich erinnere hier, in der Nähe des Brandenburger Tores, ganz bewusst daran. Für den Osten mag man noch mildernde Umstände
fordern. Aber dass der Sozialismus auch dem Westen mit seinen 60
Jahren Demokratie- und Freiheitserfahrung als wünschenswerte
Alternative erscheint, das lässt sich nur als Flucht aus der Wirklichkeit und tiefe Verwirrung bezeichnen.
[…]

liberal 2.2012

29

REDE ZUR FREIHEIT JOACHIM GAUCK

»W E N N W I R 
U N S N I C H T 
A N S T R EN G E N, 
W E R D E N W I R 
I N A L L E R R E G E L 
U N G L Ü C K L I C H . « 

frei gewählte Arbeitnehmervertreter habe, die einen Personalrat
bilden, oder ob ich eine Gewerkschaft habe, wo die Führer vom Staat
eingesetzt, also kastriert sind, wo kein Streik gewagt wird, wo niemals
die Interessen der Arbeitnehmer, sondern immer das Interesse der
Partei das handlungsleitende Interesse ist. Natürlich kann man auch
ein bisschen für die Arbeitnehmer sein, aber nur so, dass es die da
oben nicht stört. Das nennt sich dann Gewerkschaft, eine der größten
Schandtaten der kommunistischen Weltbewegung, die freien Gewerkschaften in dieser Weise ruiniert zu haben. Das werden wir
ihnen nicht vergessen.
In dem Land, in dem ich groß geworden bin, konnte man in
Zeitungen keine freie Meinung lesen und schreiben, konnte man
nicht einfach Anwalt werden oder Richter, musste man als Hochschullehrer genau hinschauen, was man lehrte, und aufpassen, dass
man das Richtige verschweigt, musste man in die Staatspartei eintreten, um einen Posten zu bekommen, der lächerlich sein konnte.
Vielleicht Chefingenieur an Bord eines Schiffes, wie mein Bruder
– oder Förster. Ich würde das ja zur Not noch verstehen, wenn die
Revierbosse bei der Volkspolizei in der SED sein mussten, aber doch
nicht jeder kleine Dorfschulleiter! Aber so funktionierte die Gesellschaft. Und wenn wir in Deutschland ein besseres Verhältnis zum
Prinzip Freiheit hätten, dann wüssten wir, dass wir damit rechnen
müssen, dass es lange dauert, bis diese Mentalität der Anpassung
und der Eingewöhnung wirklich verschwindet.

Bundespräsident in
spe: Joachim Gauck
hält im April 2009
die 3. Berliner Rede
zur Freiheit im Allianz
Stiftungsforum.

30

Wer das nicht leisten möchte, der wird sich irgendwann mit der
Fundamentalkritik der nächsten Generation auseinanderzusetzen
haben, so wie das 1968 in Westdeutschland war. Wir nennen also
Unrecht Unrecht und rufen in uns Gefühle wach, die wir uns einst
selbst verboten haben, um nicht auffällig zu werden. Wut zum Beispiel, aber auch Scham oder Trauer. Wer diesbezüglich von einer
Schlechtwetterfront spricht und sagt, er habe das nicht nötig, der
meidet das, was ihm hilft, frei zu werden, der bleibt emotional geblockt. Abschied zu nehmen von einem politischen System, aber
auch vom Geist und vom Prinzip der Unfreiheit, Abschied von der
Ohnmacht, das ist die Aufgabe, die wir haben.

Der andere Gewinn ist ein realistischerer
Blick auf die Möglichkeiten der offenen und
freien Gesellschaft. Wer sie betrachtet vor dem Erfahrungshintergrund von Diktaturen, der bekommt einen realistischeren

2.2012 liberal

Bezug zu ihr. Er verliert diesen romantischen Erwartungshorizont, er
glaubt nicht mehr daran, dass die freiheitliche Gesellschaft in der
Nähe des Paradieses gelegen sei. Sie ist es nicht. Ich habe vor zehn
Jahren anlässlich einer Feierstunde im Reichstag mal gesagt, 1989
träumten wir vom Paradies – und wachten auf in Nordrhein-Westfalen. In Nordrhein-Westfalen … das Paradies ist es nicht, sondern der
Ort, in dem normale, irdische Menschen leben und Politik machen.
Das ist es, was erwachsene Menschen lernen, dass es nämlich einen
Unterschied gibt zwischen Sehnsüchten und Erwartung einerseits
und den Handlungsmöglichkeiten auf der Ebene des Politischen
andererseits.

Foto: T. Merkau

Wir wissen natürlich, dass sich nicht jeder
angepasst hat. Nicht jeder wollte Karriere um jeden Preis

auch Psychen, sie verändert Haltungen, Mentalität. Und deshalb ist
der Normalbewohner eines solchen Areals, ob er nun eine Freiheitsrevolte schafft oder nicht, geprägt wie ein Nicht-Citoyen. Er befindet
sich über Jahrzehnte in Wohnhaft, wie es ein bekannter Intellektueller dieser Zeit gesagt hat. Es war Rolf Henrich, der seinerzeit das Buch
„Der vormundschaftliche Staat. Vom Versagen des real existierenden
Sozialismus“ unter das Volk brachte. In der Befreiung, von der ich
eben gesprochen habe, passiert etwas ganz Wichtiges: Wir erlangen
Freiheit von etwas, von Unterdrückung, von der Despotie. Aber dann
kommt die Freiheit und dann steht vor uns die Aufgabe, dass die
offene Gesellschaft von uns erwartet, für etwas einzutreten. Es ist
diese bekannte Dualität der Freiheit von etwas und der Freiheit zu
etwas, der wir bei dieser Betrachtung begegnen; ein altes Thema in
allen Freiheitsdebatten und dennoch will das Altbekannte von immer neuen Menschen und neuen Gruppen und neuen Generationen
auch verstanden sein. Das fällt schwer und dauert.
[…]

machen. Aber jede Gesellschaft braucht und entwickelt eben auch
solche Menschen – und das in durchaus großer Zahl –, die aufsteigen
und Karriere machen wollen. Eine Gesellschaft muss funktionieren,
sie braucht neben Führungs- auch Funktionseliten. Auch die Diktaturen des 20. Jahrhunderts haben für einige Milieus Modernismusschübe bedeutet. Wer konnte nicht alles in Hitlers Diktatur in der Armee
Karriere machen – das war früher nur bestimmten Leuten vorbehalten. Wer konnte im Sozialismus nicht alles aufsteigen – auch viele
Menschen aus bildungsfernen Kreisen gehörten dazu. Wir wissen,
dass eine Mehrheit sogar abwartend war, dass sie in Nischen lebte.
Wenn viele heute über Unfreiheit und Ohnmacht sprechen, dann
sagen sie oft, sie hätten nichts gemerkt, sie hätten ihre Freunde, ihre
Nische, ihre Hobbys gehabt, sie seien nicht in der Partei gewesen und
hätten die DDR eigentlich gar nicht als etwas Diktatorisches wahrgenommen. Aber niemand, egal, ob er sich angepasst hat oder in seiner
Nische geblieben ist, konnte verändern, was ihn ohnmächtig gemacht hat.
[…]

in die Pubertät kommen und erwachsen werden. Dann weiß jeder,
was Freiheit ist: Ich kann tun, was ich will, die Alten können mich mal
oder meine Lehrer. Ich kann tun, was ich will, so der Freiheitsbegriff
der Heranwachsenden. Übrigens gibt es den natürlich auch im
Erwachsenenalter, bei dem einen mehr und bei dem anderen weniger pubertär, den gibt es nicht nur bei den Menschen, sondern auch
bei Staaten, aber das ist jetzt nicht unser Thema. Ich möchte darüber
sprechen, wie sich dieser pubertäre Freiheitsbegriff auf natürliche
Weise verwandelt, und das erleben wir alle, die wir erwachsen geworden sind. Wenn wir einmal einen Menschen geliebt haben oder
lieben, vielleicht sogar ein Kind, da merkt man es besonders deutlich.
Wenn wir eine Sache lieben, einen Wert, einen Glauben, ein Ziel.

Nun habe ich vorhin davon gesprochen, dass viele Menschen
sich fürchten vor der Freiheit. Wie ist es möglich, so habe ich gefragt,
dass Menschen, die für die Freiheit gekämpft haben, sie anschließend fürchten. Wir konnten einerseits sehen, wie elementar die
Sehnsucht nach Freiheit ist, wie sie sich in Befreiung ausgedrückt hat,
andererseits sehen wir aber auch, wenn wir auf die Jahrzehnte der
Prägung schauen, dass Jahrzehnte unter einem Angstanpassungssyndrom nicht einfach ohne Spuren über eine Gesellschaft hinweggehen. Diktatur verändert eben nicht nur Strukturen, sie verändert

Plötzlich sind wir für etwas da und das macht uns nichts, wir
machen das gerne, das kommt aus uns heraus. Wir sind angelegt auf
diese Art von Freiheit, eine Freiheit, die den Anderen und ein Gegenüber zur eigenen Aufgabe macht, die uns mit demjenigen verbindet,
Freiheit für etwas. Für diese Art von Freiheit musst du im öffentlichen Raum aber Trainingsmöglichkeiten und Freiräume haben, und
wenn du sie nicht hast, bleibt sie defizitär und unterentwickelt. Du
kannst noch immer heftig träumen von Freiheit und du hast Supergefühle, wenn bestimmte Bands oder Künstler von Freiheit singen

liberal 2.2012

Schon als Jugendliche können wir zwar etwas
mit dem Wort Freiheit anfangen, besonders, wenn wir

31

REDE ZUR FREIHEIT JOACHIM GAUCK

Wichtig bleibt für uns zu begreifen, dass wir ausgestattet sind für
diese Freiheit. Das ist nicht irgendein Konstrukt, eine Pflicht, die uns
auferlegt ist von irgendeiner Instanz, von Gott oder dem Kaiser oder
dem Staat, dem Präsidenten, dem Gesetz, sondern es gehört zu
unseren menschlichen Möglichkeiten, beide Arten von Freiheit
leben zu können. Ohne dass wir diese Art nutzen, beschädigen wir
das, was in uns als Person im Kern angelegt ist. Menschen verkümmern, wenn sie diese Art von Freiheit nicht ins Leben rufen, Menschen verkümmern und die Psyche belohnt uns nicht für diesen
Prozess des Verkümmernlassens, sondern unsere eigene Psyche
belohnt uns, wie unsere Umwelt, wenn wir zu dieser Art von Freiheit
gelangen. Wenn wir uns nicht anstrengen, werden wir in aller Regel
unglücklich. Schnaps hilft, aber nicht lange.
[…]

Wir werden die Furcht vor der Freiheit und die
Fluchttendenzen aus der Freiheit nicht los. Einer der Gründe für die
Beliebtheit der vorhin erwähnten paternalistischen Politiker. Erwachsene Menschen sehen das, und erwachsene Menschen lassen sich
nicht schrecken. Erwachsene Menschen bleiben nüchtern, sie nennen eine Krise eine Krise und nicht gleich eine Katastrophe. Sie
bleiben nüchtern daran orientiert, dass es in der Politik nicht darum
geht, wie in einem Gemälde Visionen zu gestalten, sondern dass es in
der Politik darum geht, das weniger Schlechte tatsächlich zu gestalten. Sie begreifen, dass schon dieses kleine Programm ein gewaltiges
ist, denn die Menschheit hat sehr lange gebraucht, um dieses Regime
der Demokratie des weniger Schlechten, des Unvollendeten, aber
weniger Schlechten so hinzustellen, dass Menschen es freiwillig
wählen. Das hat wahrlich seine Zeit gebraucht. Wer politisches Handeln in einer freiheitlichen Gesellschaft also überwiegend im Verteilen von Wohltaten sieht und sucht, wer auch in der Versuchung ist,
Politik insgesamt lediglich als Sozialpolitik, als Social Engineering zu
gestalten, der befindet sich auf einem gefährlichen Holzweg.
In der freiheitlichen Gesellschaft sind Aktionen, Gesetzgebung
und praktisches Handeln aus Solidarität möglich, der Raum, wo das
geschieht, ist nicht nur in der freiheitlichen Gesellschaft, aber sie
schließt dieses solidarische Handeln keineswegs aus. Nur müssen wir
uns einmal einen Moment vorstellen, wo all das, was an Gleichheit
vor dem Gesetz, was an Partizipationsmöglichkeiten gewachsen ist in
der freiheitlichen Demokratie, wo das wäre, wenn Freiheit nicht das

32

Hauptthema unserer Politik gewesen wäre, sondern lediglich soziale
Fürsorge. Soziale Fürsorge kann ein guter Fürst auch und ein guter
Diktator auch, ein guter, ja. Doch uns unsere Würde zu geben als
Verantwortliche, als für das Wohl und Wehe dieser unserer Zeit und
für unsere Gesellschaft Verantwortliche, das können sie nicht, das
wollen sie nicht und darum bestehen wir auf einer Wertigkeit im
Vergleich der Begriffe Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit.
Wir sehen, dass zwar bei einer Dominanz der Freiheit Gerechtigkeit und Gleichheit nicht völlig in Gang gesetzt werden können, aber
würde man eins der anderen Elemente zum dominierenden Faktor
machen, würde die Freiheit immer leiden, und aus diesem Grunde
gibt es so etwas wie ein natürliches Schwergewicht in den freiheitlichen Gesellschaften bei dem Begriff Freiheit, und ich freue mich,
dass in unserem Land Menschen leben, die das begriffen haben. Es
ist mir auch egal, ob die die Minderheit sind, ich weiß, dass sie da
sind und dass sie für diese Freiheit weiter eintreten werden.
[…]

Das Redemanuskript zum Download oder in gedruckter
Form sowie die Videodokumentation der Rede finden Sie hier
http://tinyurl.com/c2a9j8e

2.2012 liberal

Foto: T. Merkau

oder von Vögeln, die über den Wolken fliegen, und du frei sein willst
wie die. Du fühlst sehr intensiv, aber du hast eines nicht trainiert: die
Freiheit für etwas im öffentlichen Raum, in deiner Familie vielleicht.

» S OZ I A L E
F Ü R S O RG E
KA N N E I N
GUTE R
FÜRST
AU C H – U N D
EIN GUTER
D I K TAT O R
E B E N S O. «

FREIDENKER                                                                    

WA A G E R E C H T : 1 Knabe mit Milchreis als Leibgericht,
4 Musisches an Beate, 7 mit ihm werden häufig Erdlinge
entführt, 9 das Ende einer Schülerlotsin, 12 so beginnen alle
Annalen, 13 Vorsicht! Das Ding ist spitz und stachlig!,
14 der Papa von Lili Marleen, 15 fühlt sich wohl zwischen
Sand und Gasse, 16 das letzte Stück der Wall Street,
17 Vorname einer Pflaume, 18 unkorrekte Aufforderung an
einen Literaturmuffel, 19 grenzt an Hektik, 21 Anfang und
Ende des Bonaparte, 23 die Deutschen sind wieder eins,
25 wird gemacht und gekehrt, 27 Abk. für Internationale
Organisation trauriger Alkoholiker, 30 abgebrochene
Rute, 32 traumhafte Landschaft auf ca. 15x11 cm, 36 Hälfte
eines ungesitteten Rohlings, 37 ein Apfel stürzte ihn ins
Unglück, 38 Mittelteil einer Kante, 40 sorry, aber seine Frau
ist eine Sau, 43 seichte Stelle mit Vornamen Frank,
45 kaputter Spaten, 47 Nachklang in der Walhalla, 48 Aida
ohne 3. Akt, 49 Mittelstück eines Batzen, 50 hilft beim
Rätselraten, 51 wohnt auf dem Kopf, läuft aber gern mal über
die Leber, 52 ausgehöhlte Nonne, 53 Endstück eines
Zigarillo, 54 wächst im Fegefeuer, 55 Bruder der Nacht,
56 filigranes Gewicht, 57 mitunter kommt es ganz dicke.         

S E N K R E C H T : 1 witziger Strauch, Vorname: Wilhelm,
2 Johann Sebastians Lieblingsfisch, 3 sie erbauten Machu
Picchu, 4 verklassikte die ungarische Folklore, 5 poetischer
Vogel mit Klappertrieb, 6 lockt Wetter auf die Pferderennbahn, 7 ihr Ruf verkündet Unheil, 8 unentschiedene
Farbe zwischen Braun, Gelb und Grün, 9 mitten in der Stille,
10 das treibt ein Spekulatius an der Börse, 11 für dieses Los
war das Geld rausgeschmissen, 20 gesitteter deutscher
Maler, 22 trinkt man beim Abwarten, 24 gab einem Sportfest
seinen Namen, 26 das Ende der Mitropa, 28 wird von
Bergen umzingelt, 29 wird oft geschworen und genauso oft
gebrochen, 31 Abfliegen ohne den Star, 33 Stau ohne Anfang,
34 Schlängliches am Geschnatter, 35 das Gegenteil von
Fehlen, 36 die grüne wird gegessen, die blaue verschossen,
39 unfreundliche Anrede für Dicke, 41 Himmelsfarbe bei
genug Promille, 42 ohne ... und Ruh, 43 passt zwischen Fisch
und Arm, 44 genau in der Mitte der Orange, 46 so endet
das Geprahle.

AUFLÖSUNG: Waagerecht: 1 Bubi, 4 Beat, 7 Ufo, 9 Tsin, 12 Anna, 13 Dorn, 14 Leip, 15 Sack, 16 Reet, 17 Kai, 18 Lese, 19 Hast, 21 Bote, 23 Volk, 25 Hof, 27 Iota,
30 Ute, 32 Postkartenidylle, 36 Bar, 37 Adam, 38 Ant, 40 Eber, 43 Furt, 45 Spat, 47 Hall, 48 Aia, 49 Atze, 50 Hirn, 51 Laus, 52 None, 53 Illo, 54 Efeu, 55 Tag,
56 Gran, 57 Ende. Senkrecht: 1 Busch, 2 Bachforelle, 3 Inka, 4 Bartók, 5 Adebar, 6 Toto, 7 Unke, 8 Oliv, 9 Till, 10 Spekulation, 11 Niete, 20 Sitte, 22 Tee, 24 Olymp,
26 Opa, 28 Tal, 29 Eid, 31 Ten, 33 Tau, 34 Natter, 35 Dasein, 36 Bohne, 39 Tonne, 41 Blau, 42 Rast, 43 Fang, 44 Rang, 46 Ahle. Lösungswort: FREIHANDEL

liberal 2.2012

33

GESELLSCHAFT FRUSTRATION DER FREIHEIT

T E I L E I N S VO N Z W E I : D I E F R U S T R AT I O N D E R F R E I H E I T
GEDANKEN ÜBER LIBERALE ORDNUNGSPOLITIK IM 21. JAHRHUNDERT

ZURÜCK ZUM
FORTSCHRITT!
Die in Deutschland zu beobachtende Kombination aus Liberalisierungserfolgen und Vergesslichkeit der Menschen beschert uns ein paradoxes
Problem: Mit Freiheit wird es zunehmend schwerer zu punkten. Gelingt es
dem Liberalismus nicht, ein großes gesellschaftliches Ziel zu definieren,
das den Ruf nach Freiheit ergänzt, wird er in der Krise bleiben.
// TEXT // KARL-HEINZ PAQUÉ // ILLUSTRATIONEN // DANAE DAY

S

eit Mitte der 1980er-Jahre hat es einen
geradezu überwältigenden Siegeszug
von Freiheit und Marktwirtschaft in der
Welt gegeben. In Mittel- und Osteuropa
– einschließlich dem Osten Deutschlands – brach der in jeder Hinsicht freiheitsfeindliche Kommunismus zusammen; in Südamerika
wurden Militärdiktaturen durch Demokratien
ersetzt und hohe Zollmauern abgebaut; in Ostasien gab es einen Aufstieg der Wirtschaftsfreiheit,
auch wenn in China demokratische Reformen auf
sich warten lassen; und in allerjüngster Zeit lösen
sich selbst der Nahe Osten und Afrika, lange Zeit
die Horte des Despotismus, Schritt für Schritt
aus dem Zangengriff eines totalitären Islamismus
beziehungsweise der autoritären Willkürherrschaft von selbst ernannten Diktatoren.
Es ist merkwürdig, dass diese globalen Erfolge
von Freiheit und Marktwirtschaft hierzulande
keineswegs zu einer breiten Belebung eines
freiheitsbewussten Lebensgefühls und einer
entsprechenden politischen Programmatik

34

geführt haben. Im Gegenteil: Je mehr Freiheit
herrscht, umso weniger wird sie gewürdigt. Das
scheint fast so etwas wie ein gesellschaftliches
Gesetz zu sein, zumindest in Deutschland, aber
auch in vielen anderen Industrienationen, die
über gefestigte demokratische Traditionen und
marktwirtschaftliche Ordnungsbedingungen
verfügen. Der anthropologische Grund dafür ist
wohl denkbar einfach: Die Menschen haben ein
kurzes Gedächtnis; sie werden völlig in Anspruch
genommen von der Bewältigung der alltäglichen
Herausforderungen, vor denen sie stehen; sie
beschränken das Nachsinnen über die dunkle
Zeit der Unfreiheit auf jene wenigen Gedenktage,
zu denen in zumeist salbungsvollen Worten die
Opfer früherer Zeiten zum Gegenstand einer Art
verordneter Erinnerung werden.
Den Alltag beherrschen dagegen die Sorgen
und Ängste der Freiheit, und die gibt es natürlich
zuhauf. Mehr als das: Eigentlich entstehen viele
Sorgen und Ängste erst durch die Freiheit mit
ihrer Fülle von unübersichtlichen Optionen – und

Karl-Heinz Paqué, ehemaliger Finanzminister von
Sachsen-Anhalt, hat vor vier
Jahren seinen Rückzug aus
der Landespolitik vollzogen:
Er legte den Fraktionsvorsitz
nieder und gab sein Landtagsmandat zurück. „Politik
ist nicht alles“, sagte Paqué
seinerzeit und kehrte an
seinen Lehrstuhl an der
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg zurück. In
diesem Beitrag, den wir in
zwei Teilen veröffentlichen,
befasst sich Paqué mit der
Frage, warum es so schwer
für die Politik ist, „mit
Freiheit zu punkten“ – und
identifiziert den Fortschritt
als Leitmotiv freiheitlicher
Politik. paque@ovgu.de

2.2012 liberal

mit der immer wiederkehrenden Frustration,
dass in einer Marktwirtschaft zwar alles zu haben
ist, aber alles auch Geld kostet und erarbeitet
werden muss. „There is no free lunch“ – das ist
keine angenehme Erkenntnis. Und gerade die
Freiheit der Wahl macht erst die Begrenztheit der
eigenen Macht schmerzlich bewusst; denn es gibt
in der Freiheit keine Instanz, der einfach die
Schuld dafür zuzuschieben ist, dass nicht alle
hochfliegenden Pläne im persönlichen Leben
Wirklichkeit werden. Joachim Gauck hat dies mit
Blick auf die Deutsche Einheit in Freiheit treffend
in seiner Berliner Rede zur Freiheit formuliert, als
er sagte: „Die Ostdeutschen haben vom Paradies
geträumt und sind in Nordrhein-Westfalen aufgewacht“ (Lesen Sie dazu mehr ab Seite 56). Diese
Psychologie erklärt die eher bedrückte Stimmungslage, die gerade in den Bevölkerungen
jener Länder zu beobachten ist, die sich vor gar
nicht langer Zeit ihre Freiheit erkämpft haben.
Der Osten Deutschlands ist dafür ein gutes Beispiel, aber die mitteleuropäischen Nachbarn –

liberal 2.2012

Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn – durchleben Vergleichbares.
Dabei zeigt sich die Frustration der Freiheit
nicht nur im Zuge der großen Systemwechsel der
letzten Dekaden. Sie zeigt sich auch bei vielen
einzelnen kleineren Schritten der Liberalisierung.
Dies gilt selbst dann, wenn diese Schritte im
Ergebnis erfolgreich waren und die Lebensbedingungen der Bürger ganz offensichtlich verbesserten. Zum Beispiel kann heute in Deutschland
eigentlich niemand bezweifeln, dass die Liberalisierung der Märkte für Telekommunikation, wie
sie schon in den 1980er-Jahren begann, für die
Menschen viele positive Früchte brachte. Denn
ohne diese politischen Schritte der Marktöffnung
wären die enormen neuen Möglichkeiten der
Informationsgesellschaft für Konsumenten und
Produzenten ungenutzt geblieben. Der Rückzug
des Staates, der seinerzeit politisch vehement
bekämpft wurde, erwies sich als eine wichtige
und richtige Weichenstellung hin zu einer Komplettierung der Marktwirtschaft in einem Gebiet,

35

GESELLSCHAFT FRUSTRATION DER FREIHEIT

in dem zuvor der Staat als Monopolanbieter – und
nicht nur, wie heute, als Regulierungs- und Aufsichtsbehörde – tätig war. Es ist bezeichnend, wie
wenig dieser großartige Erfolg heute zur Kenntnis
genommen und der liberalen Marktwirtschaft als
positive Leistung zugeschrieben wird.

A

naloges gilt am Arbeitsmarkt für die
Flexibilisierung des Flächentarifvertrags,
die sich in einem mühsamen, aber doch
erfolgreichen Prozess in den letzten beiden Dekaden in Deutschland vollzog, vor allem auch im
Zuge der Deutschen Einheit. Diese ebnete – zusammen mit der Hartz-Gesetzgebung und dem Druck
der Globalisierung – den langfristigen Weg aus der
Massenarbeitslosigkeit. Die erreichte Absorptionskraft des Arbeitsmarkts wird aber keineswegs als
Erfolg einer freiheitlich orientierten Wirtschaftspolitik gewürdigt, sondern vielmehr als eine Art
bedauerlicher Preis des Wettbewerbs zähneknirschend hingenommen. Lediglich im Ausland
staunt man über die gewonnene Flexibilität des
deutschen Modells der sozialen Marktwirtschaft.
Mehr als das, man wünscht sich zum Teil Ähnliches für die eigenen Nationen, wo die unveränderte Überregulierung des Arbeitsmarktes durchaus
dramatische Konsequenzen hat, allen voran eine
sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit.
Gerade die Kombination aus Erfolgen der
Liberalisierung und Vergesslichkeit der Menschen, die wir hierzulande beobachten, schafft für
die politischen Parteien in Deutschland ein paradoxes Problem: Mit Freiheit wird es zunehmend
schwerer, beim Wähler zu punkten. Es kann
deshalb nicht wirklich überraschen, dass die
meisten politischen Parteien das Schwergewicht
ihrer werbenden Programmatik verschoben
haben, und zwar im Trend weg von der Freiheit
und hin zum Umgang mit den Ängsten, die das
moderne Leben in einer globalisierten Welt mit
sich bringt. Dies wird in der Sprache der Politikwissenschaft in Deutschland als „Linksruck“ der
Parteienlandschaft wahrgenommen.
Und tatsächlich finden sich in den letzten
Jahren zunehmend Wahlversprechen, die Men-

36

schen durch den Staat vor der Zugluft der Freiheit
zu schützen – ein klassisches „linkes“ politisches
Thema. Dieser „Linksruck“ zeigt sich am deutlichsten auf der konservativen Seite des politischen
Spektrums. So erleben CDU und CSU seit einiger
Zeit etwas, für das die Beobachter zu Recht den
Begriff „Sozialdemokratisierung“ erfunden haben.
Ein ähnlicher Trend nach links zeigt sich aber auch
bei der SPD selbst, die von eigenen früheren Reformen – Stichwort: Agenda 2010 – zunehmend abrückt. Er zeigt sich daneben bei den Grünen, die
gerade eine Renaissance ihres klassischen „linken“
Themas – der Umwelt- und Energiepolitik – erleben, heute ergänzt durch den überaus populären
Kampf gegen den vermeintlich anthropogen
verursachten Klimawandel. Und er zeigt sich beim
sozialistischen Flügel des politischen Spektrums,
bei der Partei Die Linke, die neuerdings geradezu
provozierend antimarktwirtschaftlich auftritt.
Gleichwohl ist es ein wenig irreführend, in
diesen Trends ausschließlich einen „Linksruck“ zu
diagnostizieren. Denn die Suche nach Schutz vor
den globalisierten Marktkräften hat ein programmatisches Gegenstück im eher „rechten“ Populismus. Auch dieser findet in unterschiedlichen
Formen Anklang, vom Rechtsradikalismus einer
NPD bis hin zu Wählergemeinschaften und ad hoc
gegründeten Parteien, die sich mit einer Mischung
von durchdachten Argumenten und fragwürdigen
Stammtischparolen vom politischen Establishment distanzieren. Hinzu kommen ganz neue
Parteien wie Die Piraten, bei denen es sogar
schwerfällt, sie überhaupt in irgendeiner Form im
Rahmen der üblichen politischen Geografie einzuordnen. Sie sind anscheinend betont freiheitlich
orientiert – im Sinne eines fast anarchischen Rufs
nach völlig sorgloser Nutzung aller Möglichkeiten
der modernen Kommunikationstechnologien; sie
verlangen aber gleichzeitig eine weitreichende
Grundversorgung der Menschen durch den Staat.
Klar ist bei alledem: Eine klassisch liberale
Partei, die wie die FDP von ihrer politischen
Grundidee her die Freiheit selbst ins Zentrum
ihrer Programmatik rückt, kommt unter diesen
Bedingungen in schwieriges Fahrwasser. Historisch

2.2012 liberal

ist eine solche Situation für eine liberale Partei
allerdings keineswegs so neu, wie sie auf den
ersten Blick erscheinen mag. Tatsächlich bietet
die Zeit des Kaiserreiches 1871 bis 1914 bestes
Anschauungsmaterial für die säkular abnehmende Attraktivität der Freiheit als politisches Leitbild
für die Wähler: Nachdem mit der Vereinigung
Deutschlands 1871 alles bereitstand, um den
liberalen Wirtschaftsraum des Deutschen Reiches
in eine zunehmend globalisierte Welt hineinzuführen – mit Freihandel, freiem Kapitalverkehr
und einer leistungsfähigen Industrie –, begann
spätestens mit Bismarcks Hinwendung zum
(moderaten) Protektionismus ab 1878 ein schleichender Prozess der Abwendung von freiheitlichem Denken. Dadurch geriet der Liberalismus
auf breiter Front in die Defensive und verlor im
Trend der Ergebnisse der Reichstagswahlen
kontinuierlich an Gewicht.
Und dies gerade zu einer Zeit, als die Früchte
der liberalen Weichenstellungen ab Mitte der
1890er-Jahre in Form eines Wachstumsschubs
auch den breiten Massen zugutekamen. Als dann
in der krisengeschüttelten Weimarer Republik
auch die wirtschaftliche Situation sehr viel
schwieriger wurde, setzte sich der Niedergang
des politischen Liberalismus beschleunigt fort.
Erst als nach dem Zweiten Weltkrieg das Scheitern der totalitären Experimente deutlich zutage
trat, wurde die Idee der Freiheit wieder für breitere Wählerschichten attraktiv, wovon die FDP als
Regierungspartei und besonders verlässliche
Stütze von Ludwig Erhards Konzept der sozialen
Marktwirtschaft profitierte.

G

erade diese historische Erfahrung macht
deutlich: Eine Marktwirtschaft, wie fest
etabliert sie auch erscheinen mag, sorgt
nicht für einen politischen Prozess der liberalen
Selbststabilisierung. Man ist versucht zu sagen:
ganz im Gegenteil. Sind wesentliche Eckpunkte
der liberalen Ordnung einmal (scheinbar) fest
etabliert – der Freihandel (unter anderem) in den
frühen 1870er-Jahren, die Deregulierung (unter
anderem) in den letzten Dekaden –, nehmen die

liberal 2.2012

Menschen die Früchte dieser Politik als selbstverständlich hin, verweisen stattdessen auf die
Anpassungslast, die mit der Freiheit verbunden
ist, und vergessen überhaupt die Grundlagen, auf
denen die positive gesellschaftliche Entwicklung
beruht. Es stellt sich dann die große politische
Herausforderung, wie die Menschen für die
Grundlagen wieder zu sensibilisieren sind. Im
Kaiserreich und in der Weimarer Republik misslang dies gründlich, und die Ideen des Liberalismus von 1848 verschwanden schließlich von der
politischen Tagesordnung, um erst nach bitterster
Erfahrung unter dem Nationalsozialismus mit der
sozialen Marktwirtschaft der Nachkriegszeit einen
Wiederaufstieg zu erleben. Nun wiederholt sich
Geschichte natürlich nicht, aber man kann aus ihr
lernen. Vor allem kann man aus dem früheren
Scheitern lernen, was heute geboten ist.

T

atsächlich ist der Grund für das Scheitern
des deutschen Liberalismus ab dem
späten 19. Jahrhundert unter Historikern
relativ unstrittig. Der Hauptgrund lag in dem
Verblassen jenes großen politischen Ziels, der
nationalen Einheit, das als überzeugende und
attraktive Ergänzung des eigentlichen bürgerlichliberalen Programms für die nötige Motivation
und Emotionalisierung der Menschen – und
Wähler! – sorgte. Der Grund für das Verblassen
war einfach genug: Das Ziel der nationalen Einheit
war erreicht, und für etwas, das erreicht ist, lassen
sich die Menschen auf Dauer nicht bewegen.
An seine Stelle trat aber damals kein weiteres Ziel,
das die Menschen hätte bewegen können. Es
blieb allein die bürgerliche Freiheit, und das
wurde zu wenig, sobald in den Augen der Menschen – und nicht im Auge überzeugter liberaler
Intellektueller! – andere Sorgen und Ängste in den
Vordergrund traten, ob nun begründet oder nicht.
Ähnlich könnte die Situation heute sein: Gelingt
es dem Liberalismus nicht, neben der Freiheit ein
großes gesellschaftliches Ziel zu definieren, das
den Ruf nach Freiheit ergänzt – oder besser noch:
überhöht –, wird der Liberalismus in einer Krise
bleiben. ●

Den zweiten Teil des
Aufsatzes veröffentlichen wir in der
kommenden Ausgabe
von liberal. Er
entstammt dem
Sammelband: Altmiks,
Peter/Morlok, Jürgen
(Hg.): Noch eine
Chance für die Soziale
Marktwirtschaft?
München 2012.

37

MIERSCHS MYTHENLESE

Weltrettung mit
Nebenwirkung
// ILLUSTRATIONEN // BERND ZELLER

I

n der Klima- und Umweltpolitik gelten besondere
Regeln. Statt sachlich zu argumentieren, schlagen
Politiker und Journalisten einen weihevollen Ton
an. Opposition ist unanständig, wenn man die
Welt retten muss. Diskutiert wird lediglich, wie schnell
und wie einschneidend diese Rettung erfolgen soll. Ob
das jeweilige Untergangsszenario überhaupt realistisch ist, ob die Ursachen vielleicht ganz woanders
liegen oder das ganze Problem eine Erfindung von
Interessengruppen ist, wagt niemand zu fragen.
Alle Parteien schielen dabei auf die Grünen. Sie liefern
die moralpolitischen Blaupausen, die alle leicht abgewandelt übernehmen. Die SPD fordert, dass alles
sozialverträglich sein soll, die FDP rät zu marktwirtschaftlichen Lösungsansätzen und die CDU übernimmt wenig später grüne Forderungen – und erklärt
sie für alternativlos. Es gibt in Deutschland keine
Partei, die es wagt, intelligente Gegenvorschläge in der

MICHAEL MIERSCH ist Ressortleiter
„Forschung“ bei Focus, Autor, Dokumentarfilmer und Mitbegründer des Autoren-Blogs
„Die Achse des Guten“ (www.achgut.de).
Website: www.maxeiner-miersch.de
miersch@libmag.de

38

Umwelt- und Klimapolitik selbstbewusst zu vertreten.
Die Grünen wiederum erhalten ihre Vorlagen von den
großen Nichtregierungsorganisationen (NGOs), deren
Ruf als Anwälte des planetaren Guten unerschütterlich ist. Die Bewertungen und Ziele grüner NGOs
übernehmen fast alle Medien als objektive Wahrheit.
Wissenschaftler, die zu anderen Ergebnissen als
Greenpeace, BUND und Co. kommen, werden selten
von Journalisten befragt. Das gilt auch, wenn – wie im
Falle der Grünen Gentechnik – fast alle Forscher die
NGO-Politik für falsch halten.
Etwas Gutes braucht der Mensch. Früher war dafür
die Kirche zuständig oder der Sozialismus. Religion und
Ersatzreligion sorgten für Seelenheil, gaben Hoffnung,
überstrahlten die Mühen des Alltags. Der Sozialismus
hatte das Pech, dass er real wurde. Man sah, er war bei
Weitem nicht so schön wie in der Fantasie. Die Kirchen
verloren Überzeugungskraft, weil ihr Trost für immer
mehr Menschen zu irreal klang. Bei vielen Gläubigen
blieb eine Leerstelle im Gemüt zurück. Der Kampf
gegen Atomkraft und Kohlendioxid kam da gerade
richtig.
Die Guten gelten als selbstlos und interesselos, allein
ihrer hohen Moral verpflichtet. Ein mittelständisches
Unternehmen wie Greenpeace Deutschland mit über
47 Millionen Euro Jahresertrag hat jedoch zumindest

2.2012 liberal

ein Interesse: den Erhalt der 187 Arbeitsplätze. Und die
bleiben nur sicher, wenn man der Öffentlichkeit
weiterhin erfolgreich Schreckensszenarien verkauft,
egal wie realistisch sie sind.
Aber lassen wir das und werfen einen Blick aufs
Kerngeschäft der Guten: die Moral. Auch dort fällt die
Bilanz eher gemischt aus. Ein paar Beispiele:
» Grüne NGOs sorgten für das Verbot des Pestizids
DDT, dessen Einsatz in der Landwirtschaft Vogelsterben verursacht hatte. DDT war jedoch auch die
schärfste Waffe gegen Malaria. Auf Sri Lanka zum
Beispiel sank dank DDT-Einsatz die Zahl der
Malariatoten von 7.300 auf 17. Nachdem grüne NGOs
ein Verbot durchgesetzt hatten, stieg die Opferzahl
wieder drastisch an. Heute kostet das von Mücken
übertragene Fieber laut WHO jährlich etwa eine
Million Menschenleben.
» Grüne NGOs schützen uns vor der Pflanzengentechnik. Auf Druck europäischer Gentechnikgegner
weigerte sich die Regierung Sambias im Jahr 2002,
amerikanische Nahrungsmittelhilfe an ihre hungernde Bevölkerung zu verteilen. Weil der Mais
darin von Gentechnikpflanzen stammte.
» Grüne NGOs haben uns vor der roten Gentechnik
geschützt. Das hessische Umweltministerium unter
Joschka Fischer verhinderte in den 80er-Jahren die

liberal 2.2012

Produktion eines besser verträglichen Insulins für
Diabetiker, weil es gentechnisch hergestellt wurde.
Die Firma musste nach Frankreich ausweichen, von
wo das dringend benötigte Insulin dann importiert
wurde.
» Grüne NGOs unterstützen den Biolandbau. Die
EHEC-Epidemie im Frühsommer 2011 war die
schlimmste Lebensmittelverseuchung in der
Geschichte der Bundesrepublik. 53 Menschen
starben. 855 Opfer entwickelten eine lebensgefährliche Nierenfunktionsstörung. Mehr als 30 von
ihnen sind seither auf Dialyse angewiesen. Ursache
waren Bio-Salatsprossen aus einem Biobetrieb in
Niedersachsen.
» Grüne NGOs treten für erneuerbare Energien ein.
220.000 Vögel werden alljährlich von deutschen
Windkraftanlagen zerhackt. Um den Strom eines
Atomkraftwerks vom Typ Biblis A zu liefern, müssen 6.800 Windkraftanlagen errichtet werden. In
Südostasien roden Palmölkonzerne Tausende
Hektar Urwald, um Biodiesel zu produzieren.

WERFEN
WIR EINEN
BLICK
AUFS KERNGESCHÄFT
DER GUTEN:
DIE MORAL.

Man stelle sich vor, Konservative oder Liberale wären
schuld an solchen Desastern. Wie viele Fernsehfilme,
Tatort-Krimis und Talkshows hätten sich schon damit
befasst? Die Kollateralschäden der Weltretter werden
jedoch schweigend in Kauf genommen. Es ist doch
alles so gut gemeint. ●

39

GESELLSCHAFT GRENZBEREICHE DER FREIHEIT

Kämpft gegen das
Vergessen: Im September
2007 gab Terry Pratchett
bekannt, dass er unter
einer Frühform von Alzheimer leidet. Seitdem führt
er eine Kampagne gegen
das Verbot der Sterbehilfe
in Großbritannien.

40

2.2012 liberal

W

ir sind dumm. Das letzte
Jahrhundert hindurch waren
wir so erfolgreich in der Kunst
des Längerlebens, dass wir
vergessen haben, wie man stirbt. Zumindest
dachte ich das bis zum 20. September 2009.
Seitdem habe ich jedoch Hoffnung. Die
Hoffnung, springen zu können, bevor die
Krankheit mein Gehirn auffrisst und ich meine
bösartige Nemesis in ihren Untergang stürzen
kann, so, wie Sherlock Holmes und Professor
Moriarty im Kampf miteinander verschlungen
den Wasserfall hinunterstürzten.
In jedem Fall verleiht einem dieses Denken
ein wundervolles Gefühl von Macht; der

die Ärzteschaft bereit ist, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Ich hasse den Begriff „begleiteter Selbstmord“. Ich habe die Folgen zweier Selbstmorde miterlebt und war als Journalist bei zu
vielen gerichtsmedizinischen Untersuchungen anwesend. Ich war gleichzeitig fasziniert
und entsetzt von den vielen Möglichkeiten,
die verzweifelte Menschen finden, um ihr
Leben zu beenden.
Selbstmord ist Angst, Scham, Verzweiflung und Trauer. Er ist Wahnsinn.
Diese mutigen Seelen, die in letzter Zeit
im Ausland den Tod suchen, scheinen mir
mit einer zornigen Vernunft gesegnet zu sein.

Opiate waren weit verbreitet und jeder
wusste, wie man sie in die Finger bekommen
konnte. Sherlock Holmes war einer davon.

A
 

ls junger Journalist hörte ich einmal
ehrfurchtsvoll einer 90-jährigen
ehemaligen Krankenschwester zu,
die mir erzählte, wie sie einem sterbenden
Krebspatienten mithilfe eines Kissens ins
Jenseits half.
Sie sagte mir: „Wir nannten es ‚Weise
ihnen die Richtung zum Himmel‘.“
Jahrzehnte später erwähnte ich diese
Unterhaltung gegenüber einer anderen,
jungen Krankenschwester, die mich mit

„WEIST MICH ZUM HIMMEL,
WENN DAS LETZTE KAPITEL
KOMMT“
// TEXT // TERRY PRATCHETT // FOTOS // JESSE WILD

Feind könnte zwar gewinnen, aber er wird
nicht triumphieren.
Die zweithöchste Instanz vor dem Britischen High Court entschied in einem wegweisenden Urteil über den Fall der an Multipler Sklerose leidenden Debbie Purdie, die
fürchtete, dass ihr Mann strafrechtlich verfolgt werden würde, wenn er sie zum Sterben ins Ausland begleiten würde.
Sie hatte gefordert, dass das Sterbehilfegesetz eindeutiger wird. Die Lordrichter
wiesen nun die Generalstaatsanwaltschaft
an, einen Gesetzentwurf anzufertigen, der
deutlich macht, wann es zur strafrechtlichen
Verfolgung kommt und wann nicht.
Umfrageergebnisse, nach denen mehr
als 75 Prozent der Briten Beihilfe zum Suizid
bei Todkranken befürworten, erschienen fast
gleichzeitig mit der Ankündigung des Royal
College für Krankenpflege, es würde seinen
Widerstand gegen die Sterbehilfe beenden.
Auch andere Zeichen weisen darauf hin, dass

liberal 2.2012

Sie haben ihre Zukunft gesehen und wollen
kein Teil davon sein.

D

och für mich ist der Skandal nicht
allein, dass unschuldige Menschen
die Anklage des Mordes für ihren Akt
der Barmherzigkeit fürchten müssen. Der
Skandal ist, dass Menschen das Land verlassen müssen, um zu sterben. Es sollte möglich
sein, auch hier Sterbehilfe zu erhalten. Man
muss nicht viel über Sozialgeschichte wissen
oder sich in medizinischen Kreisen bewegen,
um zu dem Schluss zu kommen, dass diese
Profession es schon lange als Teil ihrer
Aufgabe versteht, Menschen das Sterben so
angenehm wie möglich zu machen.
Viktorianer erwarteten, zu Hause zu
sterben, zweifelsohne mit Hilfe aus dem
medizinischen Bereich.
In jenen Tagen gab es so etwas wie
Drogenkontrollen nicht, ebenso wenig wie es
Waffenkontrollen gab. Laudanum und

ausdruckslosem Blick ansah und dann sagte:
„Wir nannten es ‚ihnen den Weg zeigen‘.“
Ich vermute, dass sogar mein Zahnarzt
über die Mittel verfügt, mich zu töten. Das
beunruhigt mich jedoch nicht im Geringsten,
und ich stelle mir vor, dass ich, wie so viele
andere Menschen auch, sogar sehr glücklich
über Unterstützung aus dem medizinischen
Bereich wäre, um mir über die finale Schwelle zu helfen.
Aus diesem Grund habe ich eine Patientenverfügung geschrieben und dieser Artikel
ist ein Beweis meiner Entschlossenheit. Ich
schreibe die Gesetze nicht, aber Sie können
sich nicht vorstellen, wie sehr ich hoffe, dass
diejenigen, die in der entsprechenden Position sind, zuhören werden.
Es scheint Gegenstand im Glauben vieler
Menschen, mit denen ich gesprochen habe,
zu sein, dass Ärzte und Schwestern – zumindest in Krankenhäusern – immer noch „etwas
tun können“, wenn der Patient leidet.

41

GESELLSCHAFT GRENZBEREICHE DER FREIHEIT

ÜBER DEN
AUTOR
Terry Pratchett, geboren
1948 in Beaconsfield,
Buckinghamshire, ist einer
der erfolgreichsten Autoren
der Gegenwart. Von seinen
Scheibenwelt-Romanen
wurden bislang weltweit
rund 45 Millionen Exemplare verkauft, seine Werke
in 34 Sprachen übersetzt.
Terry Pratchett lebt mit
seiner Frau Lyn in der englischen Grafschaft Wiltshire.

42

Ich hoffe inständig, dass dies wahr ist. Jedoch wünschte ich mir, wir könnten die Idee
diskutieren, das Leben eines unheilbar
kranken Menschen auf sein Verlangen hin zu
einem Zeitpunkt, und wenn möglich, einem
Ort seiner Wahl zu beenden.
Ich schreibe dies als jemand, der bedauerlicherweise dafür berühmt geworden ist,
Alzheimer zu haben. Obwohl Berühmtheit
heutzutage sehr angesagt ist, könnte ich gut
ohne diese leben.
Ich verstehe genug, um zu begreifen,
dass es zu meinen Lebzeiten kein Heilmittel
mehr geben wird, und ich weiß, dass die
späteren Stadien der Krankheit sehr unangenehm sind. Alzheimer ist die am meisten
gefürchtete Krankheit bei Menschen über 65.
Früher gab es den Begriff „Gnadentod“.
Ich kann mir kaum vorstellen, dass er juristisch jemals eine Rolle gespielt hat, aber er
war und ist immer noch im Bewusstsein der
Öffentlichkeit verankert und meistens liegt
das öffentliche Bewusstsein richtig.
Wir würden nicht davonlaufen, wenn ein
Mann von einem Monster attackiert werden
würde, und wenn wir das beutehungrige
Biest nicht von ihm zerren könnten, kämen
wir zu dem Entschluss, dass eine weniger
schmerzvolle Art des Sterbens besser wäre,
als von dem Viech gefressen zu werden.
Und wir würden das Monster ganz sicher
nicht zum Patienten ins Bett legen, damit sie
den Kampf dort weiterführen können. Das ist
eine gute Metapher, besonders im Zusammenhang mit Alzheimer.

I

ch genieße mein Leben in vollen Zügen
und hoffe, dass es auch noch eine Weile
so bleibt. Doch bevor das Endspiel naht,
beabsichtige ich in einem Stuhl in meinem
eigenen Garten zu sterben, mit einem Glas
Brandy in meiner Hand und Thomas Tallis
auf meinem iPod. Letzteres, weil die Musik
von Thomas sogar einen Atheisten dem
Himmel etwas näher bringen könnte. Oh,
und da wir uns in England befinden, füge ich
wohl besser noch hinzu: „Falls es regnet, in
der Bibliothek.“
Wer könnte behaupten, dies sei
schlecht? Wo ist hier das Böse? Aber natürlich werden in dieser Debatte wichtige Punk-

2.2012 liberal

Foto: J. Wild/2011 Future Publishing

te angesprochen. Derzeit sagen Leute, sie
seien besorgt, dass ältere Menschen von
gierigen Verwandten dazu ‚gedrängt‘ werden
könnten, einen frühzeitigen Tod zu wählen.
Ich wäre jedoch sehr überrascht, wenn wir
nicht die Fähigkeiten und Mittel besäßen, so
etwas zu erkennen.
Um den Schutz aller Beteiligten zu gewährleisten, müsste es eine gerichtliche
Instanz geben, die sicherstellt, dass die
Anfragen zur Sterbehilfe bona fide und nicht
das Ergebnis sanfter Überredung sind. Dabei
handelt es sich um eine Angelegenheit, mit
der meiner Meinung nach britische Gerichtsmediziner gut umgehen könnten.
Diejenigen, die ich getroffen habe, waren
ehemalige Juristen mit viel Lebenserfahrung
und Menschenkenntnis. Tatsächlich erschienen sie mir immer als weise Leute, und
damit meine ich, dass sie mindestens von
mittlerem Alter waren, und damit alt genug,
um die Realitäten unserer Welt zu erfassen.
In meinen frühen Jahren als Journalist
beobachtete ich, wie solche Männer mit dem
Tod von Contergan-Babys und den Folgen
schwerer Unfälle mit Ruhe und Mitgefühl
umgingen. Wenn ihre Nachfolger ebenso
fürsorglich in der Betreuung sind, bin ich
sicher, dass wir gute Chancen hätten, einige
der Einwände, die die Leute haben, zu beseitigen. Das Sozialamt sollte aus solchen Vereinbarungen herausgehalten werden. Ich glaube
nicht, dass es viel dazu beizutragen hat.
In diesem Land haben wir den Glauben
an die Weisheit gewöhnlicher Menschen
verloren. Und letztlich sind es gewöhnliche
Menschen, die solche Entscheidungen
treffen müssen.
Die Alzheimer-Gesellschaft erzählt mir,
dass das größte Problem bei der Behandlung
akuter Fälle nicht ein Mangel an Fürsorge
und Wohlwollen ist, sondern die unzureichende Anzahl von Menschen, die Fachkenntnisse über die besondere Behandlung
der Patienten haben. Ich bin sicher, dass
niemand beabsichtigt, grausam zu sein, aber
es scheint, als hätten wir keine Philosophie
zur Behandlung älterer kranker Menschen.
Als Gesellschaft sollten wir klären, ob wir
eine Politik des „Lebens um jeden Preis“
verfolgen wollen. Anscheinend gibt es ja

liberal 2.2012

bereits einen offiziellen Index zur „Lebensqualität“. Ich weiß nicht, ob die Möglichkeit,
dass wir einen solchen Index haben, mir
mehr Angst macht – oder die Möglichkeit,
keinen zu haben.

D

er mutigste Mensch, den ich je getroffen habe, war ein Junge, der unzählige, aufwendige Behandlungen wegen
einer sehr seltenen, komplizierten und
unangenehmen Krankheit erdulden musste.
Ich traf ihn zum letzten Mal bei einem Rollenspiel bei einer „Scheibenwelt“-Messe.

„Wir sollten hohes
Alter als greifbare
Vergangenheit
in der Gegenwart
schätzen und als
solche ehren.“
Nicht lange danach starb er und ich wünschte, ich hätte seine Tapferkeit und seinen Sinn
für Stil. Ich möchte gerne glauben, dass
meine Verweigerung, mich zum Ende meines Lebens hin in ein Pflegeheim zu begeben,
mehr Mittel für Menschen wie ihn freimacht.
Lassen Sie mich das sehr deutlich machen: Ich glaube nicht daran, dass es etwas
wie eine „Pflicht zu sterben“ gibt. Wir sollten
hohes Alter als greifbare Vergangenheit in
der Gegenwart schätzen und als solche
ehren.
Ich weiß, dass Baroness Warnock – womöglich falsch – mit den Worten zitiert
wurde, dass sehr kranke ältere Menschen
eine „Verpflichtung zu sterben“ hätten, und
ich habe Leute gesehen, die befürchten, dass
die Existenz einer formalisierten Vorgehensweise zur Sterbehilfe dazu führen könnte,
dass es Teil der Gesundheitspolitik werden
würde.

Ich bezweifle stark, dass dies der Fall sein
könnte. Wir sind eine Demokratie und keine
demokratische Regierung wird weit damit
kommen, wenn sie eine Politik der obligatorischen oder empfohlenen Euthanasie
verfolgt. Sollten wir doch jemals eine solche
Regierung haben, sind wir ohnehin in derartigen Schwierigkeiten, dass dies unser kleinstes Problem wäre.
Aber genauso wenig glaube ich an eine
Pflicht, die schlimmsten Leiden einer unheilbaren Krankheit erdulden zu müssen.
Als Autor war ich stets einem bestimmten Kreis von Menschen bekannt, aber einem
ziemlich großen, wie ich zugeben muss
– dem der Bücherlesenden. Ich war nicht
darauf vorbereitet, was passieren würde,
nachdem ich mich im Dezember 2007 als ein
an Alzheimer Erkrankter „geoutet“ habe und
im Fernsehen auftrat.
Menschen hielten mich in der Straße
an, um mir zu erzählen, dass ihre Mutter
es hat oder ihr Vater. Manchmal sind es
beide Elternteile. Ich schaue in ihre Augen
und sehe Angst. Ich habe Alzheimer-Patienten getroffen, die darauf hoffen, dass eine
andere Krankheit sie vorher umbringt.
Kleine, alte Damen vertrauen sich mir an
und sagen: „Ich habe meine Pillen für das
Ende aufgespart, mein Lieber.“ Sie kaufen
sich damit das Gefühl, ein wenig Kontrolle
zu haben.

A

us persönlicher Erfahrung glaube ich,
dass die neuesten Umfrageergebnisse
die Meinung der Menschen in diesem
Land widerspiegeln. Sie fürchten nicht den
Tod, sondern das, was davor geschieht.
Ein Leben zu kreieren ist einfach und
billig. Doch die Dinge, die wir hinzufügen –
Stolz, Selbstrespekt und menschliche Würde
–, sind es auch wert, erhalten zu werden. Sie
können jedoch über den Fetisch vom Leben
um jeden Preis verloren gehen.
Ich bin der Überzeugung, dass es denen,
die es wollen, wenn die Last zu schwer wird,
erlaubt sein sollte, dass man ihnen die Tür
zeigt. In meinem Fall hoffe ich, dass es die
Tür zum Garten unter dem englischen
Himmel sein wird. Oder, falls es regnen sollte,
die Tür zur Bibliothek. ●

43

GESELLSCHAFT MEDIEN

Er war einer der brillantesten Publizisten
der Republik. Und im Mai dieses Jahres wäre
er 80 Jahre alt geworden. Einige persönliche
Erinnerungen an Johannes Gross.

S

ein Plädoyer für „Joachim Gauck, den
ich unverdrossen zum Bundespräsidenten vorschlage“ war eigenwillig.
Der damalige Leiter der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen, so schrieb der
Publizist Johannes Gross, „hätte zu allem den
Vorzug, dass einige Leute bei ihm nicht
einmal zum Antrittsbesuch erscheinen
könnten“. Diese Empfehlung war ziemlich
visionär. Denn Gross ließ seinen Gedanken
zur anstehenden Wahl des Bundespräsidenten bereits im September 1993 im Magazin
der FAZ freien Lauf.

44

Nominiert und gewählt wurde im Mai
des folgenden Jahres schließlich Roman
Herzog. Und fast 20 Jahre sollte es dauern,
bis die dringende Empfehlung des Johannes
Gross Realität wurde – und Joachim Gauck
Bundespräsident. Was Gross selbst nicht
mehr erleben konnte. Er verstarb im September 1999 in Köln. Am 6. Mai wäre er
80 Jahre alt geworden.
„Die Idee mit Gauck war typisch für
Johannes Gross. Er war ein begnadeter
Denker ohne jede Barriere, durch und durch
Freigeist, deshalb immer für eine Überra-

Ein Mann der Kontraste
Er wurde zum schillernden Medienstar,
machte sich einen Namen als Publizist,
Aphoristiker, Kommentator und Verlagsmanager. Doch wer oder was war Gross wirklich? „Irgendwie alles zusammen. Aber vor
allem war er ein außergewöhnlich brillanter
politischer Journalist“, weiß Kaiser. „Und er
war Kölner mit Leib und Seele, liebte die
Stadt und ihre urigen Kneipen, wo er besonders gern Sülze mit Bratkartoffeln aß.“
Als Mann der Kontraste schätzte der
bekennende Genussmensch Gross genauso
auch edlen Champagner und Bordeaux.
Dazu lud er sich Gäste nach Hause ein. Seine
besten Freunde waren der Kollege und
Kanzlerberater Rüdiger Altmann, mit dem er
schon 1958 das viel beachtete Buch „Die
neue Gesellschaft“ schrieb, und der Historiker und FAZ-Herausgeber Joachim Fest.
Oder auch der Verleger Wolf Jobst Siedler,
der Börsenguru André Kostolany, der Maler
Horst Janssen und nicht zuletzt Joseph
Beuys, damals das Enfant terrible der deutschen Kunstszene. Freund Janssen nannte
den klein gewachsenen Gross liebevoll
„Obertroll“. Und Joachim Fest beschrieb in
seiner Hommage mit dem Titel „Das Pathos

2.2012 liberal

Fotos: I. von Kruse/Ullstein Bild; Privat

GANZ GROSS

schung gut“, sagt Marianne Kaiser. Kaum
jemand kannte ihn besser als sie, die 1963 als
19-Jährige seine Sekretärin beim Deutschlandfunk wurde. Gross war dort bereits Chef
der Abteilung „Politik und Zeitgeschehen“,
seine zweite berufliche Station nach der
Leitung des politischen Ressorts der Deutschen Zeitung. Eine steile Karriere folgte:
Vom Deutschlandfunk wechselte Gross 1968
als Chefredakteur und stellvertretender
Intendant zur Deutschen Welle, wurde
Leitartikler der FAZ, Moderator der legendären „Bonner Runde“ im ZDF. Immer an
seiner Seite – die Assistentin Kaiser: „Mit ihm
zu arbeiten war für jeden ein Privileg und
für mich die schönste Zeit meines Lebens.“
Johannes Gross war der Sohn eines
Kaufmanns, ein direkter Nachfahre des
Schriftstellers Johann Heinrich Jung-Stilling.
Sein juristisches Studium beendete er nach
dem Ersten Staatsexamen, weil er journalistisch arbeiten wollte.

des Unzeitgemäßen“ den tiefgründigen
politischen Hintersinn der „Späße des Kobolds, in denen er brillierte“.
Seine kölsche Seele spielte 1983 eine
wichtige Rolle, als Gross, mittlerweile Herausgeber des Wirtschaftsmagazins Capital in
Köln, wider Willen in die Schlagzeilen geriet.
Zusammen mit Peter Scholl-Latour sollte er
nach dem Stern-Skandal um die gefälschten
Hitler-Tagebücher Chefredakteur der Hamburger Illustrierten werden. Die Redaktion
meuterte, weil sie unter diesem konservativen Führungsduo einen Rechtsruck fürchtete. 2000 Mitarbeiter und Sympathisanten
protestierten gegen die Personalentscheidung auf der Straße – eine einmalige Aktion
in der deutschen Medienhistorie. Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn, Hauptaktionär
und Aufsichtsratsvorsitzender des Verlagshauses Gruner + Jahr, wollte trotzdem nicht
nachgeben. Doch Johannes Gross verzichtete schließlich auf den Job. Marianne Kaiser
kennt die Gründe: „Er wollte eigentlich gar
nicht zum Stern. Er hat sich nur aus Pflichtgefühl zur Verfügung gestellt, um dem Verlag

in großer Not zu helfen. Es wäre ihm wahnsinnig schwergefallen, Köln zu verlassen und
nach Hamburg zu ziehen.“ Der Umzug blieb
Gross erspart. Zum Dank für sein Engagement wurde er in den Vorstand von Gruner +
Jahr befördert.
„Langeweile hasste er wie die Pest. Und
er hat sich sehr schnell gelangweilt“, erinnert
sich Marianne Kaiser. „Ein Bonmot ging ihm
über alles, selbst wenn er damit vielleicht
jemand auf die Füße trat.“ Das konnte bisweilen passieren, denn Gross redete gern
Tacheles. Kein Wunder also, dass er sich
gleich zweimal an einer Talkshow gleichen
Titels versuchte. Die erste moderierte er 1991
im Wechsel mit Zeit-Herausgeber Theo
Sommer beim gerade gegründeten BezahlTV-Kanal Premiere – leider wenig erfolgreich.
Den zweiten Versuch startete er 1996 bei
seinem Stammsender ZDF. Nach nur sieben
Sendungen wurde Tacheles auch dort
wieder eingestellt – für die Mainzer Anstalt
war das Format einfach zu intellektuell.
Wie Johannes Gross überhaupt ungewöhnlich klug war. Die Öffentlichkeit ließ er

an seinen geistigen Alleingängen und kritischen Beobachtungen zweiwöchentlich in
Form witziger Anekdoten und süffisanter
Aphorismen teilhaben. Insgesamt 310-mal
veröffentlichte er sein Notizbuch im FAZMagazin (siehe Kasten). „Niemand sei vor
dem Tode glücklich zu preisen, nach dem
Tode auch nicht“, schrieb Gross dort im Juli
1999. Dies war sein letztes „Notizbuch“, das
FAZ-Magazin wurde danach eingestellt.
Unvergesslich – wie der streitbare Charakter Gross selbst – ist ein kurzer Disput
zwischen ihm und dem Verlag. Er hatte eine
Flasche Dom Pérignon als Spese abgerechnet. Gäste hatte er allerdings keine bewirtet.
Weil auch sonst jeglicher dienstliche Anlass
fehlte, hakte die Buchhaltung nach. Er lieferte selbstbewusst die launige Begründung:
„Selbstgespräch“. Ganz Gross eben. ●

WILFRIED LÜLSDORF, Chefredakteur
der corps Corporate Publishing
Services GmbH, arbeitete Anfang der
1990er-Jahre für Gross bei der
Talkshow Tacheles. luelsdorf@libmag.de

TACHELES GESPROCHEN
* 1996, Deutsche Verlags-Anstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Ausgewählte Aphorismen von Johannes Gross aus den Notizen 1990–1995*
Es gibt Politiker, die sich aus den
Fellen, die ihnen davonschwimmen,
noch ein Floß knüpfen können.
„Er ist ein Pädobaptist!“ Das kann
einen Ruf ruinieren. Dabei ist er ganz
normal ein Anhänger der Kindertaufe.
Die Effizienz des Marxismus. Honecker
musste 17 Millionen Menschen
unterdrücken, um so leben zu können
wie ein westdeutscher Handwerker, der
siebzehn Leute beschäftigt.
Deutschland ist ein Land, in dem man
einen Abenteuerurlaub mit
Gepäckversicherung buchen kann.
Der Klugscheißer ist verhasst; der
Moralscheißer ist angesehen.

liberal 2.2012

Das Dilemma der sanftmütigen
Revolution: Sie will nur den eigenen
Sieg, nicht die Niederlage des
Feindes. Solche Siege gibt es nicht.

Regel ohne Ausnahme: Ein Text, der
Anführungszeichen für anderes als die
direkte Rede oder als Zitat verwendet,
ist missglückt.

Das Wort Selbstverwaltung hat einen
genauen Sinn. Es bezeichnet, was die
Verwaltung hauptsächlich tut.

„Es gibt Dinge, über die scherzt
man nicht.“ Es gibt Dinge, an denen
man den braven Deutschen erkennt.

Je größer eine Kriegsgefahr, desto
stiller die Friedensbewegung.

„Wir sitzen doch alle in einem Boot!“
ruft meist der, der mehr Platz darin
haben will.

Abiturfeier. Früher glaubte jede neue
Generation, mit ihr fange die Welt an.
Heute glaubt die neue Generation, mit
ihr gehe sie zu Ende.
Eine Regel der deutschen Politik:
Alle tonangebenden Politiker stehen
links von ihrer Wählerschaft.

In einer Wirtschaftsgesellschaft, die
einer nicht-wirtschaftlichen Elite
untersteht, ist nicht Wagen und
Winnen des öffentlichen Ansehens
sicher; nur das Verteilen ist von
unanfechtbarer Moral.

45

GESELLSCHAFT ARGENTINIEN

Viel Krieg
um nichts
Aufgegebenes Kriegsgerät: Helikopter der
Royal British Navy, im
Falklandkrieg zerstört.

D

er 2. April, der Tag der Invasion,
steht in Ushuaia, dem südlichsten
Hafen Argentiniens, jedes Jahr im
Zeichen der Trauer. Dann wird
der 649 argentinischen Opfer und in Port
Stanley auf der größten Falklandinsel auch
der 255 britischen Gefallenen gedacht. Der
Stachel der britischen Verwaltungshoheit
über die Malvinas, wie die Inseln in Argentinien heißen, sitzt dabei noch tiefer als jener
der militärischen Niederlage – denn die
wenigsten waren mit dem Krieg der Militärdiktatur einverstanden.
„Traurig, sehr traurig“ mache es ihn, dass
20-Jährige in den Tod geschickt werden
sollen, sagte der große argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges während des „absurden Konfliktes“, den er mit einem „Streit
zweier Glatzköpfe um einen Kamm“ verglich. Wäre es nach ihm gegangen, so hätte
man die Inseln an Bolivien verschenken
sollen, das dann endlich den lang ersehnten
Zugang zum Meer gehabt hätte.
Die Zwangsrekrutierten waren bis zu
3.000 Kilometer an die raue Südspitze des

46

Der gewaltsame Konflikt um die Falklandinseln vor
30 Jahren war ein Angriff mit Ansage. Heute
ist die Militärdiktatur in Argentinien überwunden,
teils massive Wirtschaftskrisen hat das Land
bewältigt. Doch das Trauma der nationalen Niederlage lebt bis heute fort.

Landes verbracht, schlecht verpflegt und am
Ende des Krieges sich selbst überlassen
worden. Viele wurden wegen der schnellen
Beendigung der Kämpfe gar nicht eingesetzt
und deshalb auch nicht als Soldaten anerkannt. Bis heute demonstrieren kleine Veteranengruppen wöchentlich vor dem Parlament und fordern vergeblich Anerkennung
und eine Rente vom argentinischen Staat.
An der Haltung der Argentinier zur
Falklandfrage hat all das nichts geändert. Für
sie sind die Inseln selbstverständlich Teil
ihres Landes. Seit dessen Unabhängigkeit,
die vor 200 Jahren von den Spaniern verbrieft und besiegelt worden war. Die britische Besiedlung der bis dahin unbewohnten
Inseln wird als unrechtmäßige Landnahme
gesehen, auf die Argentinien international
regelmäßig hinweist, um den Anspruch
aufrechtzuerhalten. Zuweilen klingen dabei
aggressive Töne an. Obschon die Regierung
von Cristina Fernández de Kirchner die
nationalen Gefühle der Argentinier für sich
zu nutzen weiß und rhetorisch äußere
Gegner angreift, um von inneren Problemen

abzulenken, ist mit einer erneuten militärischen Intervention nicht zu rechnen.
Argentinien ist eigentlich ein reiches
Land, hat es aber geschafft, sich selbst in den
Ruin zu treiben. Seit der letzten Krise, in
deren Verlauf sechs Präsidenten verschlissen wurden, schuldet das Land dem Pariser
Club noch immer 9,3 Milliarden US-Dollar.
Ohne die Begleichung der Auslandsschulden
aber erhält Argentiniens Wirtschaft kein
Geld am internationalen Kapitalmarkt.
Größere Investitionen, etwa zur Exploration des weltweit drittgrößten Ölschiefervorkommens, sind so nicht wahrscheinlich. Und
auch nicht unbedingt gewollt. Lieber schottet man sich ab, versucht die heimische Wirtschaft zu steuern und durch verschärfte
Importbestimmungen vor ausländischer
Konkurrenz zu schützen.

Handelsbarrieren treiben die Preise
Die interventionistische Wirtschaftspolitik
treibt zuweilen seltsame Blüten: So standen
2011 Tausende von deutschen Autos im
Zollhafen von Buenos Aires und wurden

2.2012 liberal

Fotos: Wild Country/corbis; imago; Solinger

Macht der Straße: Die
Gewerkschaften und Sozialverbände Argentiniens lassen
gerne ihre Muskeln spielen.

nicht abgefertigt. Neue Regeln forderten,
dass jeder Einfuhr eine Ausfuhr gleichen
Wertes gegenübersteht – und zwar durch
denselben Händler. Importeure von Autos
müssen seitdem Leder, Reis, Wein oder Soja
exportieren und absetzen, um ihre Karossen
einführen zu können.
In den Handelsbarrieren bleiben aber
auch Material und Ersatzteile für die heimische Fertigung hängen; die Preise steigen,
während die Qualität bestenfalls stagniert.
Hohe Inflation, Kapitalflucht und frustrierte
Verbraucher sind das Ergebnis einer Politik,
die nur wenigen, mit der Regierung verbandelten Unternehmen nutzt.
Um den sozialen Frieden nicht zu gefährden und die schmerzhafte, bei über 20 Prozent liegende Inflation wenigstens etwas
abzufedern, kontert die Politik mit massiven
öffentlichen Sozial- und Wirtschaftsprogrammen – hauptsächlich finanziert durch Exportabgaben der Landwirtschaft und kontrolliert
von Vertrauten Máximo Kirchners, des Sohnes der Präsidentin. Ein Dank an jene, die mit
der Mobilisierung der argentinischen Jugend

liberal 2.2012

Fulminante Rednerin:
Cristina Fernández de
Kirchner, Präsidentin
Argentiniens.

in der Organisation „La Cámpora“ erheblich
zum überragenden Wahlsieg der Präsidentin
im Oktober 2011 beigetragen hatten.
Auch die Zentralbank wurde neu aufgestellt. Sie soll künftig bis an die Grenze ihrer
Fähigkeiten und im Rahmen der Regierungsvorgaben Währungsstabilität, Finanzstabilität, aber auch Stellen und „Wirtschaftswachstum mit sozialer Gerechtigkeit“ schaffen. Die
Präsidentin, stellen ihre Gegner frustriert
fest, habe damit die einst unabhängige
Zentralbank zu ihrem Geldtopf gemacht.

Rasende Interventionsmaschinerie
Um der Kapitalflucht Herr zu werden, spüren Hunde an den Grenzen Bargeld auf, wird
der Zugang zu Devisen limitiert. Sprachlich
gibt es zwei Arten des Dollars: „Grüne Dollar“ – limitiert und kontrolliert – zu offiziellen
Wechselkursen; „Blaue Dollar“ zu etwa
einem Fünftel mehr, weil eingepreist ist, dass
sie frei von Kontrolle und Erklärungen zu
haben sind. Aber: Die Präsidentin kann ihr
Modell „K“ aus Subventionen und Interventionen nur so lange sichern, wie eine hocheffi-

ziente Landwirtschaft und Rekordpreise auf
dem Weltmarkt dies befeuern. Diese Interventionsmaschinerie beschleunigt sich
selbst – zwangsläufig. Das geht, nicht minder
zwangsläufig, einher mit mehr und mehr
autoritären Politikelementen.
In liberalen Kreisen fordert man deshalb
eine Besinnung auf den Geist, der das Land
einst prägte und an den ein imposantes
Monument am Ufer des Rio de la Plata
erinnert. „Libertad – Libertad – Libertad!“ gleich dreimal ist Freiheit darauf gemeißelt,
jenes Motto also, unter dem Argentinien in
seinen ersten 100 Jahren zu dem Reichtum
und Glanz gekommen war, von dem heute
noch viele Bauwerke nicht nur in Buenos
Aires zeugen; von dem die meisten Argentinier aber nur noch träumen können. ●
BETTINA SOLINGER war drei Jahre
Projektleiterin der Stiftung für die
Freiheit in Buenos Aires. „Argentinien ist
beispielhaft für die Probleme Lateinamerikas auf dem Weg zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie“, sagt Solinger.
bettina.solinger@freiheit.org

47

GESELLSCHAFT PARLAMENTSSTENOGRAF

Kotzkübel?
Kunstgiebel!
Es dürfte wohl kaum einen anderen Beruf geben, bei dem so schnell die Ablösung
parat steht: Bereits nach fünf Minuten im Plenum hat ein Parlamentsstenograf
jenen Teil seiner Arbeit hinter sich, der öffentlich geleistet wird. Dennoch ist die
Arbeit alles andere als stressfrei und schon gar nicht anspruchslos – das meiste
passiert allerdings im Hintergrund.

V
 

on einer Arbeit als Stenograf im
Parlament träumt kein Jugendlicher. Das gilt auch für Waltraud
Plickert, die seit zehn Jahren Debatten im Hohen Haus zu Papier bringt. „Als
Jugendliche sah ich mich eines Tages als
Sekretärin arbeiten“, sagt sie. Stenografieunterricht in der Schule war seinerzeit noch
verbreitet, oft Mädchen vorbehalten und
nicht selten eine Qual. Nicht so für Waltraud
Plickert, die ihr Können im Stenografenverein erlernte und bei Meisterschaften bewies.
Nach dem Abitur auf dem zweiten Bildungsweg folgte ein Studium der Erziehungswissenschaft und Geschichte – mit dem Gedanken an den Stenografischen Dienst beim
Bundestag im Hinterkopf.
Dort sitzt sie nun, im Referat PD 3, gemeinsam mit ihren Kollegen und macht das,
was schon 1931 in der Fachzeitschrift „Stenographische Praxis“ als „das vornehmste Feld
kurzschriftlicher Arbeit“ bezeichnet wurde:
Parlamentsstenografie. Es ist ein Akademiker-

48

job. Einige im Referat sind promoviert. Und
sie brauchen die wissenschaftliche Vorbildung – am wenigsten in den fünf Minuten im
Plenum, davor und danach sehr wohl.
„Es geht nicht darum, ein Eins-zu-einsProtokoll zu erstellen, denn eine Rede ist
keine Schreibe“, erläutert Plickert. „Das
Protokoll ist die Arbeitsgrundlage für jene,
die damit weiterarbeiten.“ Juristen zum
Beispiel, die den Willen des Gesetzgebers zu
erforschen haben. Deshalb schleifen die
Mitarbeiter am Stil, füllen unvollständige
Sätze auf, korrigieren falsche Jahreszahlen,
recherchieren Zitate und vervollständigen
sie gegebenenfalls. Eingriffe nehmen sie aber
nur bei offensichtlichen Irrtümern vor. Die
Abgeordneten haben anschließend zwei
Stunden Zeit, ihr Korrekturrecht selbst
wahrzunehmen, das der Dienst im Vorfeld
quasi notariell ausgeübt hat. Hört Waltraud
Plickert nichts, gilt dies als Autorisierung.
Inzwischen dienen Tonaufnahmen als
Hilfsmittel. Doch dieser technische Fort-

2.2012 liberal

Fotos: W. Schuering/DBT; B. Eichler

Ablösung naht: Waltraud Plickert auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz im Plenarsaal
des Deutschen Bundestags.

schritt hat nicht viel geändert an der Arbeit.
Die Mikrofone nehmen nur den auf, dem
der Präsident das Rederecht erteilt hat – die
Zwischenrufe aus dem Saal stehen nur in
Plickerts Stenogramm: „Zwei Leuten gleichzeitig vermag ich zuzuhören, bei dreien ist
Schluss!“ Da hilft dann das Band, weil sie sich
während der Debatte auf die Zwischenrufer
konzentrieren kann. Hinzu kommen die
nichtverbalen Äußerungen der Abgeordneten. „Heiterkeit“, wenn sich die Fraktion des
Redners amüsiert, „Lachen“, wenn sich die
Gegenseite bemerkbar macht.
Leichter ist der Job nicht geworden im
Lauf der Wahlperioden. Auch wenn viele
wehmütig an Redeschlachten mit Herbert
Wehner und Franz Josef Strauß zurückdenken. „Früher trugen die Parlamentarier in
der Regel ruhiger vor“, meint Waltraud
Plickert. „Sie zitierten weniger und warfen
nicht mit so vielen Zahlen um sich.“ Deshalb
gab es nicht so viel zu recherchieren. „Andererseits waren die Reden lebendiger, vielleicht weil freier gesprochen wurde.“ Auch
die Themenfelder sind vielfältiger denn je.
Vermeintliche Randthemen beschäftigen
das Parlament oder neue Entwicklungen wie
die Pränataldiagnostik. Das spielt in der
Vorbereitung der Debatten eine große Rolle.
Wenn der erste Abgeordnete ans Pult tritt,

liberal 2.2012

weiß Plickert bereits, welche Fraktion welche Position vertritt. Wichtig: Vorher in die
Drucksachen gucken, Fachbegriffe kennenlernen.
Profi-Stenografen wie Waltraud Plickert
ist Theodor Heuss ein Begriff. Der erste
Bundespräsident und Gründer der Friedrich-Naumann-Stiftung war ein versierter
Anwender der Kurzschrift. Heuss wusste,
dass Stenografen „nicht bloß mechanisch
das Akustische notieren, sondern der Sinngebung folgen“. So schrieb er 1953 dem
Verbandsvorsitzenden der Parlaments- und
Verhandlungsstenographen: das sei das
zugleich „Reizvolle als nervlich Strapaziöse
des Unterfangens“. Einmal habe er höchst
unpräsidial gesagt, manche Leute hielten ihn
für einen „Kotzkübel, in den sie sich von
ihrem schimpfenden Ärger befreien wollen“.
Der „sehr viel feinere Berichterstatter“ habe
aus dem „Kotzkübel“ einen „Kunstgiebel“
gemacht. „Das“, so Heuss, „war zwar ohne
Sinn, aber viel vornehmer und mir soweit
ganz recht.“ ●

„Früher trugen
die Parlamentarier
in der Regel ruhiger
vor, trotzdem
waren die Reden
lebendiger.“

BORIS EICHLER war als Junge
glücklich, Werkunterricht zu haben.
Heute ärgert er sich, weil er Handwerkskünste kaum, Stenografie aber gut
gebrauchen könnte. eichler@libmag.de

49

ZENTRALMOTIV

51

WUTPROBE

1968

Der Schreck mag manchem FDP-Delegierten in
die Glieder gefahren sein: War man im Bundes-

tag als einzige Oppositionskaft gegenüber der
Großen Koalition sowieso schon in der Defensive, so hatte die außerparlamentarische Opposition (APO) der Studenten für den anstehenden
Parteitag eines ihrer berüchtigten „Go-Ins“ angekündigt.
Der bekannte Studentenführer Rudi Dutschke
wollte in Freiburg höchstpersönlich mit der
FDP-Führung diskutieren. Diese wollte sich
aber nicht die Schau stehlen lassen, immerhin
sollte ein Führungs- und zugleich Richtungswechsel vollzogen werden. Deshalb sah man
keinen Raum für eine offizielle Diskussion mit
den Wortführern der neomarxistischen Studentenbewegung.
Die fand dann doch statt, in Anwesenheit mehrerer Tausend meist jugendlicher Zuhörer vor
dem Parteitagsgebäude. Dort stellte sich der
neue intellektuelle Kopf der Liberalen, Ralf Dahrendorf, der Diskussion mit Dutschke auf dem
Dach eines der CDU gehörenden VW-Busses.
Und zeigte sich dabei nach allgemeinem Eindruck argumentativ überlegen.
JÜRGEN FRÖLICH, Archiv des Liberalismus

52

Hier spricht das Volk
Knapp wird „Volkes Stimme“ für die Nachrichten zusammengeschnitten. Frage: „Welche ist die wichtigste Erfindung?“,
„Wer war die beste Schauspielerin seit 1920?“ „Das iPad 6!“
„Blond?“Antworten Sie sofort!

M

an braucht nicht einmal eine
Kamera oder ein Mikrofon, um
Meinungen einzuholen. Nach der
Einführung des TED haben allein hierzulande gefühlte Milliarden Menschen ihre Meinung ins Telefon gesagt oder wie von Taranteln gestochen eine Taste für „Ja“ oder „Nein“
gedrückt, manchmal für 49 Cent pro Anruf.
„Ihre Meinung ist gefragt!“ Wirklich?
Vox Pops gaukeln wie die Aufrufe zum
Telefonat universale Mündigkeit vor. Wer
Schreibmaschine schreibt, kann also auch
Klavier spielen. Die Verblödung durch die
Medien geht vom Journalismus aus. Siehe:
Vox Pops.
Absurdes wird für einen Satz erkundet:
„Ist Demokratie wichtig?“ Dabei könnte man
jahrelang darüber diskutieren. Der Passant
sagt: „Ja, weil …“, und wenn er ausholt, dann
bleibt es bei „… ganz gut ist.“ Voilà. Schnippschnapp am Schneidetisch. „Klingt doch
gut!“, meint der Redakteur, und man setzt
den Ostler dagegen: „Das haben wir uns
anders vorgestellt.“ Das Volk denkt in Teilen,
der Journalist im Ganzen für alle. Das Denken versendet sich ja.
Redakteure sind heute eher unfähig als
unwillig, Inhalte mit Kompetenz zu unterfüttern. Wir hören stattdessen die Stimmen von
der Straße, aus den Kategorien „die Dummen“ und „die ganz Dummen“. Und weiter in
der Diskussion mit den Studiogästen, die
versuchen, ihr Grinsen nach dem Einspieler
zu unterdrücken. Man muss doch „die
Menschen draußen“ ernst nehmen! Damit
kann man Programm machen. Das Volk ist
willig, weil es eitel ist. Es antwortet dummerweise. Im Zweifels- und Einzelfall redet es
sich um Kopf und Kragen, wird zum Clown

von etwas, das mit seriöser Demoskopie nie
etwas zu tun hatte. Es wird vorgeführt.
Sehen wir die Verflachung der Programme, dann liegt das am träge gewordenen
Journalismus. Der gewöhnliche Journalist
behauptet, der Zuschauer wünsche sich
dieses Programm. Wenn er dürfte, würde
der Journalist arbeiten wie Egon Erwin
Kisch. Jeder Mensch ist lieber gut als roh,
doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Die
Muse des Journalismus wandelt halt um die
Ecke und gibt mir, was ich will: das Nichts.
Investigative Journalisten alter Schule
jammern längst nicht mehr, sie haben in
dieser Medienwelt aufgegeben, weil der
Anspruch auf die Straße zu den Vox Pops
gesetzt wurde. Darin unterscheiden sich
Private nicht von Öffentlich-Rechtlichen.
Bei Plasberg gibt es sie wie bei Klöppel.
Doof nur, dass uns bei den Qualitätsmedien
der Öffentlich-Rechtlichen dieser nachrichtliche Sparwitz monatlich fast 20 Euro kostet.
Selten so gelacht. ●
SAMIRA EL OUASSIL ist
Kommunikationswissenschaftlerin und
sammelte u. a. beim BR Erfahrungen –
auch auf der Straße.
samira@elouassil.de

2.2012 liberal

Fotos: J.H. Darchinger, Copyright: Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit; Privat; wellphoto/Illustration: E. Merheim

29. Januar

AUTOREN DER FREIHEIT

Die Deutschen
sind ökonomische
Analphabeten
Wenn Pessimismus auf ökonomischen Analphabetismus trifft:
Die Deutschen und die Globalisierung haben ein gestörtes Verhältnis
zueinander, findet Michael Hörl. Mit seinem in der Welt erschienenen
Beitrag wurde der Österreicher auf www.freiheit.org im Februar 2012
zum „Autor der Freiheit“ gewählt. Hier eine gekürzte Fassung.

W
 

as haben Faxgerät, Scanner,
Flachbildschirm, Walkman, Klein
bildkamera, Großcomputer und
Plattenspieler gemeinsam? Sie alle wurden
von Deutschen erfunden, aber woanders zu
Geld gemacht. Und das ist die deutsche
Tragödie. Nur wenige Gesellschaften bringen
ähnlich viele bedeutsame Erfindungen
hervor. Und nur wenige vergeben dann so
viele Chancen, von diesen auch zu profitieren. Es ist diese Mischung aus Alltagspessimismus mit betriebswirtschaftlichem Unvermögen, die von Haus aus deutsche Erfinder
in die USA oder nach Asien gehen lässt. Zwar
gibt es relativ gesehen weniger US-Erfinder,
doch die Mischung aus vitalem Finanzkapitalismus und unbändigem Optimismus zieht
viele an.

Schuld sind immer die Spekulanten
Geht es um Technik, parlieren die Gäste
einer Talkshow noch auf Weltniveau. Wechselt man jedoch zur Wirtschaft, sackt das
Level gegen null. Dann geht es nur mehr um
die angedeutete Verschwörung „derer da
oben gegen uns da unten“, die des „internationalen Kapitals“ und der Konzerne, die nach
der „Weltherrschaft“ streben würden. „Profitgierige Banken“ seien an der Schuldenkrise

liberal 2.2012

schuld, wer hat das nicht alles von sich
gegeben. Dass ausgerechnet aber die marxistische Hinterlassenschaft der DDR die Deutschen (inklusive Zinsen) bislang 2.000
Milliarden Euro kostete und überdies die
größte Steuerlawine des Landes in Friedenszeiten provozierte, wird dabei übersehen.
Spekulanten sind immer schuld. So
ließen „internationale Rohstoffspekulanten“
2008 das Land in kollektive Wut versinken.
Doch vier unabhängige Studien von OECD,
EU, IWF und selbst die deutsche Welthungerhilfe schätzten den Spekulationsanteil auf
15 Prozent. Vierzig Prozent hingegen kamen
aus boomenden Ländern wie China oder
Indien, die sich mittels „hochdosiertem Kapitalismus“ von ihrer marxistischen Vergangenheit erholten.
Deutschlands Bildungssystem entlässt
die Mehrheit der Bürger ohne ein Gefühl für
Wirtschaft hinaus in eine Welt voller Wirtschaft. Entweder kommt Ökonomisches in
Hauptschulen, Gymnasien oder in den
Gesellschaftswissenschaften nicht vor oder
es wird wirtschaftsfeindlich unterrichtet.
Wie (der Philosoph) Karl Marx unterliegen
auch Europas ökonomisch ungebildete
Eliten heute dem Kardinalirrtum, dass der
Gewinn des einen den Verlust des anderen

ZUR PERSON
MICHAEL HÖRL ist
österreichischer
Wirtschaftspublizist.
Sein jüngstes Buch:
„Die Finanzkrise
und die Gier der kleinen
Leute“. Mehr zu den
„Autoren der Freiheit“
unter: autoren.freiheit.org

bedeuten müsse, man also „umverteilen“
müsse, um „Gerechtigkeit“ herzustellen.

Bilanzen lesen gilt als buchhalterisch
Wie Marx ist man der Meinung, dass Menschen sich ursprünglich primär um das
Glück ihrer Gemeinschaft sorgen würden
und dass nur ein teuflischer Kapitalismus
Menschen zum Eigennutz erzogen hätte.
Kein Lehrer erklärt Deutschen, dass es ihre
weltweit einzigartige Sparsamkeit ist, die zur
Bildung von Konzernen zwingt (Stichwort
Kostenvorteil).
Dass Konsumenten, die sich auf der Jagd
nach immer noch mehr Nutzen auch für
ausländische Güter interessieren, nicht weniger umtriebig oder „gierig“ sind als Konzerne, die dies aus denselben Gründen tun. Der
Kapitalismus hätte schuld, wenn studierte
Philosophen nur Praktika bekämen. Dass es
generell keine „Jobs“ für Philosophen gibt,
weil Bürger solche Leistungen einfach nicht
in Anspruch nehmen, wird als Erklärungsansatz abgelehnt. Viel lieber ortet man dann
Marktversagen. Mühevoll Bilanzen lesen
wird als „buchhalterisch“ und spießig abgelehnt, erklärt die Formel „Die Gier der
Großen hätte schuld“ selbst hochkomplexe
Sachverhalte schnell und zuverlässig. ●

53

WIRTSCHAFT EURO-KRISE

54

2.2012 liberal

ES GIBT KEINE

ABKÜRZUNGEN
In zahlreichen Ländern Europas befeuern populistische Politiker die Unlust ihrer Wähler,
in der Staatsschuldenkrise dem Zwang zum Sparen zu folgen. Da Sparzwänge Zwänge
sind, bleibt seriöser Politik nur die Lösung, dies den Bürgern auch offen zu erklären.
Roland Tichy über die nachlassenden Sparbemühungen in Europa.

Illustrationen: E. Merheim

D
 

ie Modezyklen in der Politik
werden immer kürzer. Wir
haben ungefähr ein Jahr der
fundamentalen Wachstumskritik hinter uns; selbst konservative
Denker wie Meinhard Miegel sahen das
Ende der Fahnenstange erreicht.
Neuerdings sind ja alle wieder für
Wachstum – selbst die ärgsten Kritiker
desselben wie Sigmar Gabriel von der
SPD und Jürgen Trittin von den
Grünen. Sie alle reden, als hätten sie
mal in den Kofferraum ihrer Dienstlimousinen geschaut und dort einen
kompletten zweiten Planeten Erde
gefunden, mit allen notwendigen
Wachstumsressourcen.
Die neue Einsicht ist vom Dauerdebakel um den Euro genährt. Die
Wahlen in Frankreich, Griechenland
und in Holland waren auch eine
Volksabstimmung über den Euro. Die

liberal 2.2012

Menschen lieben Europa und den
Euro – immer weniger. Der Grund sind
die sozialen Kosten der gemeinsamen
Währung.
Überall gewinnen derzeit Parteien
und Politiker, die die gemeinsame
Währung ablehnen, die Wiedereinführung von Grenzkontrollen fordern
oder andere Errungenschaften des
gemeinsamen Europas zurückdrehen
wollen. Es ist eine Entwicklung, die
Angst macht. Die Ursache dafür ist
nicht ein irgendwie archaischer Nationalismus, sondern blanke Not: Es sind
die steigenden sozialen Kosten der
gemeinsamen Währung, die Europa
jetzt zu tragen anfängt. Denn wenn ein
Land mit eigener Währung an globaler
Wettbewerbsfähigkeit verliert, kann es
abwerten; seine Produkte werden auf
den Weltmärkten billiger, konkurrierende Importe teurer, selbst dann

noch, wenn die heimischen Löhne
immer weiter steigen. Die Wechselkurse passen an, was Regierungen,
Unternehmen und Gewerkschaften
nicht leisten wollen oder können. Eine
eigene Währung ist ein Schleier, hinter
dem sich verbirgt, was nicht wirklich
funktioniert.
Die gemeinsame Währung aber
reißt den Schleier erbarmungslos weg.
Die Euro-Preise legen gnadenlos offen,
wer von Lissabon bis Lubice, von
Aarhus bis Athen zum billigsten Preis
anbieten kann. Das haben wir alle
genossen, als Touristen und Einkäufer.
Jetzt zahlen diejenigen den Preis, die
bei dieser Preisschlacht nicht mithalten können – es sei denn, sie senken
die Preise. Und das geht, solange nicht
irgendwelche Zaubermethoden der
Effizienzsteigerung gefunden werden,
nur über niedrigere Löhne, niedrigere

55

WIRTSCHAFT EURO-KRISE

Wollen vom Sparen nichts
mehr wissen: Alexis Tsipras,
Führer der griechischen
Linksbewegung „Syriza“,
Frankreichs neuer sozialistischer Staatspräsident
François Hollande, die Indignados („Die Empörten“)
auf der Puerta del Sol in
Madrid.

56

Steuern, weniger Bürokratie, geringere
Sozialleistungen. Verschärft wird diese Krise
in Europa noch dadurch, dass die Staaten
sich für ihren Konsum zu hoch verschuldet
haben und jetzt steigende Zinsen und
Tilgungslasten finanzieren müssen. Oder, wie
in Spanien und Irland, dass sie ihre Banken
retten, die Hunderte von Milliarden verspielt
haben. Das ist ökonomisches Gesetz und
dennoch für die Betroffenen schmerzhaft.
Die Arbeitslosigkeit steigt, die Steuerschraube wird angezogen, Sozialleistungen werden
gekappt – Dynamit für jede Gesellschaft.
Kein Wunder, dass immer mehr Menschen gegen den Euro, das Diktat aus Brüssel
oder die dahinter vermutete Macht aus
Berlin demonstrieren. Und kein Wunder,
dass Politiker verzweifelt den Notausgang
suchen. Gerade Sozialdemokraten wie
Gabriel und Grüne wie Trittin, die uns noch
vor Kurzem gepredigt haben, dass Wachstum unnötig, ja sogar gefährlich sei, fordern
jetzt einen „Wachstumspakt für Europa“. Die
Kampfparole lautet, dass Europa „kaputt
gespart“ werde. Es wird eine höchst gefährliche Analogie gezogen – zu der Brüningschen Sparpolitik der 1930er-Jahre, die direkt
zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten geführt habe. Es ist eine verkürzte
Sicht, die die Geschichte als Steinbruch für
populistische Wahlreden nutzt.
Richtig ist allenfalls, dass mehr Wachstum die Steuern sprudeln lässt und Arbeitsplätze schafft, dass eine wachsende Wirtschaft eher in der Lage sein wird, frühere
Schulden zu bedienen, als eine schrumpfende. Aber woher soll dieses Wachstum
kommen? Unbestritten ist, dass nationale
Regulierungen vielfach wirtschaftliche
Aktivität bremsen. Spanien und Italien
haben daher begonnen, die Arbeitsmärkte

2.2012 liberal

Fotos: G. Panagakis/Demotix/corbis ; F.Dufour/AFP/Getty Images; A. Comas/Reuters

Die Arbeitslosigkeit steigt, die Steuerschraube wird angezogen,
Sozialleistungen werden gekappt – Dynamit für jede Gesellschaft.

zu flexibilisieren und abgeschottete, fast
zünftische Märkte zu öffnen. Das ist sicherlich der richtige Weg, den ja auch Deutschland vorangegangen ist. Aber solche Strukturveränderungen brauchen Zeit. Diese Zeit
aber, fürchten viele, läuft der Politik davon.
Kurzfristige Wachstumsimpulse könnten
sicherlich von nicht genutzten Strukturfondsmitteln ausgehen, von Projektanleihen
für konkrete Vorhaben und generell einer
aktiveren Rolle der Europäischen Investitionsbank. Es ist aber auch klar, dass es sich
um eher überschaubare Volumina handelt,
die nicht ausreichen, den rezessiven Effekt
kurzfristiger Sparaktionen auszugleichen.
Ökonomisch hinnehmbar wäre daher
allenfalls, auf geplante Steuererhöhungen zu
verzichten. Denn klar ist, dass der Entzug
der Kaufkraft durch höhere Steuern die
Nachfrage schwächt; insoweit bestätigen die
aktuellen Entwicklungen in Spanien und
Italien die ökonomische Theorie. Diese
Maßnahme allerdings steht im Widerspruch
zu der Glaubenswelt linker Ökonomen – sie
sehen in der Krise der Staatsfinanzen ja eher
die Chance, den Staatsanteil nachhaltig
auszubauen und Steuern weiter zu erhöhen.
Was bleibt also von der Forderung nach
Wachstum noch bestehen, die trotzdem so
lauthals und im Chor vorgetragen wird?
Wenn man nach Abzug diverser Unmöglichkeiten die verbleibenden Vorschläge genauer anschaut, dann ist es nur das alte, garstige
Lied: Mit noch mehr Schulden sollen zu
hohe Schulden bekämpft werden. Es ist
letztlich die Renaissance eines Vulgär-Keynesianismus, wonach der Staat eine aktive,
handelnde, expansive Konjunkturpolitik
betreiben sollte – die so entstehenden Schulden würden sich über das Wachstum quasi
von selbst abschaffen.

liberal 2.2012

Nun könnte man hier entgegnen, dass
Europa ja gerade daran leidet, dass dieser
Pump-Kapitalismus nicht funktioniert, dass
es schon sehr unwahrscheinlich sein dürfte,
mit einer offenkundig gescheiterten Wirtschaftspolitik durch noch entschlosseneres
Scheitern Erfolge zu erzielen – zumal die
gesamte Weltwirtschaft daran leidet, dass
derzeit die künstlich aufgepumpten Blasen
expansiver Geld- und Fiskalpolitik zurückgefahren werden müssen, auch und gerade
um den Preis schmerzhafter Anpassungsprozesse und ausfallender Nachfrage.

Das Märchen vom dummen Reh
Vor allem aber verkennt diese Forderung
nach Heilung der Schuldenlast durch neue
Schuldenaufnahme, dass viele europäische
Staaten ihre Haushalte weit über die Schuldentragfähigkeit hinaus ausgedehnt haben.
Hier geht es ja nicht um die Einhaltung
formaler Regeln wie in den MaastrichtVerträgen. Es geht schlicht um die Frage, wer
denn diese Schulden finanzieren soll. Da
gibt es vier Möglichkeiten.
Erstens: die internationalen Finanzmärkte. Lange hat man sie geprügelt, jetzt bettelt
man wieder um Kredit, den man schon
heute nicht bedienen kann. Das Kapital mag
ja dumm sein wie ein Reh, aber es ist auch
genauso scheu. In Griechenland ist das
passiert, was man eigentlich für undenkbar
gehalten hat: ein erzwungener Schuldenschnitt, bei dem Investoren bis zu 80 Prozent ihrer Anlagen eingebüßt haben. Aber
auch weiterhin dröhnt durch Deutschland
und Europa eine finanzmarktfeindliche
politische Rhetorik. Das ist keine besonders
vertrauenschaffende Kombination für
Anleger; eine wieder schnell wachsende
Verschuldung in Europa wird daher jeden-

falls über freiwillige Kapitalgeber kaum zu
finanzieren sein.
Zweitens: Andere fordern, dass die
Europäische Zentralbank direkt Bargeld für
die Staaten druckt, die damit Arbeitsbeschaffungsprogramme finanzieren. Das
produziert Inflation und noch mehr Elend.
Drittens: Euro-Bonds, also Milliarden, die
Deutschland auf diesem oder einem anderen Weg zur Verfügung stellen soll. Aber
sehr schnell wäre Deutschland auch nicht
mehr kreditwürdig, wenn es für alle geradestehen soll.
Sigmar Gabriel glaubt an einen vierten
Weg: die Abschaffung der Finanzmärkte und
höhere Steuern für alles Mögliche, insbesondere für Reiche, Erben und Vermögensbesitzer. Aber auch die Folge dieser Politik ist
bekannt – ihr laufen die Steuerzahler davon.
Ohnehin brauchen die Finanzmärkte Herrn
Gabriel weniger dringend als er sie für seine
Politik des Gebens und Schenkens.
Fazit: Wachstum hilft bei der Bewältigung
der Euro- und Staatsschuldenkrise; ohne
Wachstum ist diese Krise nicht zu bewältigen.
Aber es gibt keinen Ausweg und keine
Abkürzung aus einer Phase schmerzhafter
Anpassungsprozesse, so unpopulär diese
auch sein mögen. Sparpolitik war nie populär. Aber es liegt an den politisch Verantwortlichen, dies den Menschen zu erklären.
Populistische Ausreden und unredliche
Hoffnungen helfen dabei nicht. ●

ROLAND TICHY, 56, ist seit 2007
Chefredakteur der WirtschaftsWoche.
Seine wöchentlichen Kolumnen
erscheinen jährlich als Sammelband unter
dem Titel „Tichys Totale“.
redaktion@libmag.de

57

WIRTSCHAFT LEBEN VOM LUXUS

Luxus ist in Deutschland ein meist negativ besetzter
Begriff. Reich zu sein ist zwar völlig in Ordnung.
Es zu zeigen oder gar darüber zu sprechen ein Tabu.
// TEXT // BORIS EICHLER // FOTOS // RUDOLF WIECHERT

Wo bleibt
der Reichtum?

O

skar Lafontaine fordert 75 Prozent Einkommensteuer für
Millionäre, Managergehälter
gehören zu den beliebtesten
Talkshowthemen. „Euer Geld
möchte ich haben!“, wird dann getitelt und
Anne Will präsentiert eine schmuckbehängte Millionärin mit Wohnsitzen in
Monaco und Miami. Doch wer den Reichen
ihr Geld wegnehmen möchte, der muss es
erst einmal finden. „Die berüchtigten Bezieher hoher Managementgehälter legen das
Geld ja nicht in 500-Euro-Noten in ihre
Safes“, bemerkte schon Lord Dahrendorf
und fügte hinzu, dass es von Interesse wäre
zu untersuchen, was die Superreichen mit
ihren Millionen machen. Wo bleibt der
Reichtum?
Wir sind einer Spur gefolgt, die uns
nach Bohmte geführt hat. Dort stellt die
Firma Variomobil maßgeschneiderte Luxuskarossen her – keine Pkw, sondern
gigantische Wohnmobile mit allen Schikanen, für die betuchte Kunden gerne deutlich über eine Million Euro hinblättern.

58

Dabei sieht Bohmte gar nicht nach Luxus
aus. Das Städtchen unweit von Osnabrück
ist aufgeräumt, die Fassaden sind aus Klinker – in Bohmte beginnt die Norddeutsche
Tiefebene. Ein Hauch von großer weiter
Welt weht höchstens am Tag der offenen
Tür über den örtlichen Sportflugplatz am
Ortsende. In entgegengesetzter Richtung
hat Variomobil sein Firmengelände, direkt
an der B 51. Schon von Weitem sieht man
überdimensionierte Wohnmobile auf dem
Hof stehen. Die größten Modelle haben
eine integrierte Garage für Pkw, die schon
einmal für einen Porsche 911 dimensioniert
wurde. Die meisten Kunden bevorzugen
jedoch einen Mini als Ausflugsfahrzeug.
Es sind nicht die Superreichen nach
dem gängigen Klischee, die sich in Bohmte
ihr Traummobil anfertigen lassen. Die
findet man eher bei Anne Will, zu Ausstellungszwecken. Oder bei den Yacht-Werften,
die mit uns nicht sprechen wollten über die
Frage, wo der Reichtum bleibt. Ein halbes
Dutzend Absagen haben wir uns in deutschen Hafenstädten geholt. „Ich finde Ihren

2.2012 liberal

VA R I O P E R F E C T
1 2 0 0 P L AT I N U M
Die Basis des Platinum
bildet das Omnibuschassis
des Volvo B 12 M. Die vollisolierte selbsttragende
Kunststoffkarosserie mit
drei hydraulisch ausfahrbaren Erkern und einer integrierten Pkw-Garage für
einen Mini unter dem
Schlafraum schafft den
gewünschten großzügigen
Wohnraum für den Einsatz
in unterschiedlichen klimatischen Regionen. Integrierte
Klimaanlagen und Warmwasserfußbodenheizungen
schaffen eine behagliche
Wohnatmosphäre.

59

WIRTSCHAFT LEBEN VOM LUXUS

Ansatz interessant, aber ich gehe mal davon aus, dass
die Geschäftsführung das ablehnen wird“, sagte die
Presseprecherin einer Bremer Spezialwerft, und
genau so kam es dann auch. Über Reichtum spricht
man nicht. Man darf in Deutschland durchaus Geld
ausgeben, aber für anständige Sachen, nicht für Yachten. Und man darf den Reichtum nicht zeigen – und sei
er noch so verdient erworben.

Höhepunkt einer Wohnmobilkarriere

Die Arbeitsplätze sind
recht sicher,
man hat
kaum
Konkurrenz.

60

„Das Wort Luxus ist bei den meisten Deutschen negativ besetzt. Es wird mit Verschwendung und Angeberei
gleichgesetzt“, schrieb Bernd Ziesemer in seinem
Buch „Die Neidfalle“. Ein Auto dürfe ruhig teuer sein,
„aber man soll es möglichst nicht gleich auf den ersten
Blick als Luxuswagen erkennen.
Dann kam der Hinweis auf Bohmte. Reich ist man
jedenfalls, wenn man anderthalb Millionen Euro für
ein Campingmobil übrig hat, das keine Wünsche offen
lässt. Und Luxus ist das auch. Der Kundenkreis unterscheidet sich insofern nicht von denen, die sich eine
Yacht bauen lassen. Aber der typische VariomobilKunde hat eine andere Lebensgeschichte. Ein handgefertigtes Wohnmobil aus Bohmte ist für ihn der vorläufige Höhepunkt einer langen Wohnmobilkarriere. Die
begann typischerweise als Studentenpärchen, Fahrten
durch Frankreich im VW-Bus. Dann wuchs der Wohlstand durch Fleiß, Ideen und Sparsamkeit, als Rechtsanwalt, Immobilienmakler, Bauunternehmer oder
Handwerksmeister. Aus Wohlstand wurde Reichtum,
die Wohnmobile wuchsen mit. Oft sind es Pärchen, die
sich mit Anfang 60 sagen: Die Kinder sind aus dem
Haus, der Betrieb läuft, jetzt nehmen wir uns Zeit und
fahren durch Europa. Mit allem Komfort, den wir von
zu Hause kennen. Aber unabhängig von Hotels und
Airlines, spontanes Verweilen in schönen Gegenden
eingeschlossen. Ein Kunde besitzt sogar ein kleines
Schloss und war dennoch in einem Jahr 170 Tage auf
Achse mit der fahrbaren Variante.
Etwa 60 Mitarbeiter bauen in Bohmte diese rollenden Eigenheime zusammen. Das kann bis zu 7.000
Arbeitsstunden kosten. Alles beginnt mit einem ausführlichen Beratungsgespräch. Maßgeschneidert heißt
maßgeschneidert. Der eine Kunde mag’s dezenter, der
andere pompös. Einige wünschen viel Verkleidung aus
Edelhölzern, andere eine Multimediaausstattung nach

dem neuesten Stand der Technik. Für erhöhten Platzbedarf gibt’s ausfahrbare Erker, denn das Straßenverkehrsrecht limitiert die Breite des Wohnmobils. Von
der Stange ist nur das Chassis. Bei den größeren
Modellen dient als Grundlage ein Lkw oder ein Bus.
Den Rest besorgen die hochspezialisierten Fachkräfte:
Ingenieure für die Planung, Karosseriespengler, Tischler, Elektriker. Fachkräfte sind schwer zu bekommen,
deshalb sucht das Unternehmen schon früh den
Kontakt zum Nachwuchs, in Schulen, auf örtlichen
Messen.

Wo es um Luxus geht, wird zuerst gespart
Die Arbeitsplätze sind recht sicher, man hat kaum
Konkurrenz. Dennoch schlagen Krisen durch. Hier, wo
es um Luxus geht, wird zuerst gespart. Potenzielle
Kunden halten ihr Geld dann lieber zurück, um es
vielleicht in die eigene Firma zu stecken. Bessert sich
die Konjunktur, gehen ganz schnell neue Bestellungen
ein. Alle Schwankungen spürt die Geschäftsleitung
frühzeitig. Das Bohmter Börsenbarometer.
Und auch die Idee mit der Einkommensteuer von
75 Prozent würde sich auswirken. Zuallererst in Unternehmen wie Variomobil und bei seinen Mitarbeitern,
die von den Reichen leben. Dann im Gewerbesteuersäckel der Gemeinde, als Nächstes im Ortskern bei
Lotto Dörfler, TV Stolte, Imbiss Droste und Taxi Oelmeyer, wo die Karosseriespengler und Kfz-Meister ihre
Illustrierten, ihre Fernseher und Currywürste kaufen.
So ist es mit dem ganz normalen Reichtum in Bohmte,
für den sich weder Anne Will noch Oskar Lafontaine
interessieren. ●

BORIS EICHLER hat die eingangs
zitierte Bemerkung Ralf Dahrendorfs
vor vier Jahren bei einer Rede in Bonn
gehört und nicht mehr vergessen.
eichler@libmag.de

2.2012 liberal

Etwa 60 Mitarbeiter
fertigen in Bohmte
fahrbare Eigenheime
der Luxusklasse.

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WIRTSCHAFT KLAMME KOMMUNEN

Mein oder nicht mein?

Erstklassig in Liga 4:
Das neue Stadion in Essen.
Kosten: 31 Millionen Euro.

Deutschlands Kommunen sind
finanziell in der Klemme. Sagt,
wer untertreiben mag – angesichts von 724 Milliarden Euro
Schulden insgesamt Ende 2010.
Jenseits der nackten Zahlen
tritt die Misere der öffentlichen
Kassen auf lokaler Ebene als
Nährboden für Verteilungskämpfe, Neid und Missgunst
zutage. Frei nach dem Motto:
jeder gegen jeden.
// TEXT // AXEL VOM SCHEMM

62

E

ssens Fußballfans fürchten Kopfschmerzen. Böse Zungen spotten,
der mittlerweile gruselige Kick ihres
Lieblingsvereins Rot-Weiss sei
schuld. Sicher ist Regionalliga-Mittelmaß
nichts für Freunde des gepflegten Kurzpasses, aber der wahre Grund ist ein anderer:
Spätestens seit 2008 droht den Besuchern
des nur noch alten und kaum mehr ehrwürdigen Georg-Melches-Stadions an der Hafenstraße akute Gesundheitsgefahr. Ein Betonbrocken hatte sich aus der baufälligen
Tribüne gelöst und war auf die Sitze gekracht. Zum Glück war Sommerpause.
Für die finanzielle Lage Essens war
dieser außergewöhnliche Mauerfall sinnbildlich. Oder besser gesagt für ihre Folgen.
Im städtischen Haushalt knirscht und bröckelt es ebenso mächtig wie im Gebälk der
1926 eröffneten Spielstätte. Der Immobilienbestand der öffentlichen Hand steckt im
Sanierungsstau, der auch am Stadion – in
den 1950er-Jahren Europas erste Arena mit
Flutlichtanlage – vorbeiführt. Essen steht mit

rund drei Milliarden Euro in der Kreide. Gut
zwei Drittel davon entfallen auf die teuren
Kassenkredite, mit denen Kommunen
eigentlich kurzfristige Liquiditätsengpässe
ausgleichen sollen, in ihrer Not damit aber
zunehmend laufende Kosten decken.
Für die Stadtspitze war der Zwischenfall
im wahrsten Wortsinn willkommener Stein
des Anstoßes, um neuen Schwung in den
lang diskutierten Stadionneubau zu bringen.
Mit Erfolg. Neben dem alten Stadion entsteht
seit einigen Monaten in atemberaubender
Geschwindigkeit eine neue, moderne Arena
– wer mag, kann sich via Webcam auf www.
stadion-essen.de vom Baufortschritt überzeugen. Rund 21.000 Besuchern wird das
Stadion Platz bieten, es bekommt 136 Presseplätze, etwa 1.000 Business- und 290 Logensitze. Kostenpunkt: knapp 31 Millionen Euro.
Von denen sind 7,5 Millionen Euro im städtischen Etat veranschlagt. 16,5 Millionen
steuert mit der Grundstücksverwaltung
Stadt Essen GmbH (GVE) eine städtische
Tochter bei, die dafür unter anderem eine

2.2012 liberal

Rendering: GVE/Ralph Rieger; Foto: DOSB

Immobilie am Hauptbahnhof verkaufen will.
Für die restlichen sieben Millionen sollen
Sponsoren aufkommen. Zur Erinnerung:
Essen hat drei Milliarden Euro Schulden,
Rot-Weiss dümpelt in der vierten Liga herum. Braucht man da ein solches Stadion? Mit
Businesssitzen? Logen?
Ja! Meint zumindest Reinhard Paß, seit
2009 sozialdemokratischer Oberbürgermeister in Essen. Hatte sich der SPD-Mann in
seiner früheren Rolle als Ratsfraktionschef in
der Stadiondebatte eher defensiv verhalten,
zog er nach der Amtsübernahme die Schienbeinschoner bald stramm. Seine kritische
Anfangshaltung zum Projekt, mit der er als
neuer OB noch vor dem Baustart eine ebenso
irritierende wie ergebnislose Standortdebatte
losgetreten hatte, wich bald uneingeschränkter Zustimmung. Beim Richtfest soufflierte er
Journalisten warme Worte in die Blöcke:
„Fußball gehört zum Lebensgefühl, zur Identität unserer Stadt.“ Und er argumentiert: „Das
alte Stadion hätten wir uns auf Dauer – auch
aus wirtschaftlichen Gründen – nicht leisten
können. Dafür fließt das Geld jetzt in ein
zukunftsträchtiges Projekt und nicht in
einen Bau, der keine Zukunft mehr hatte.“
Dass die Stadt an der fehlenden Perspektive
ihrer Sportimmobilie eifrig mitgearbeitet
hatte, darüber spricht man im Rathaus lieber
nicht. Selbst in finanziell und sportlich
besseren Zeiten wurde die Arena kaum
gepflegt, die alte Westkurve beispielsweise
musste wegen Baufälligkeit bereits Anfang
der 1990er-Jahre abgerissen werden – und
wurde nicht mehr ersetzt.
Dass die mit etwa 570.000 Einwohnern
achtgrößte Stadt Deutschlands ein repräsentatives Stadion haben sollte, leuchtet ein. Die
Beharrlichkeit, mit der die Stadtspitze den
Neubau seit Jahren vorantreibt, obwohl an
allen Ecken das Geld für Kitas, Schulturnhallen, Schwimmbäder und Spielplätze fehlt,
eher nicht. Viele Male war der Neubau
Thema im Rat, stets fanden sich deutliche
Mehrheiten dafür. Selbst nachdem die
Bezirksregierung – die als Aufsichtsbehörde

liberal 2.2012

WA LT E R S C H N E E L O C H
VIZEPRÄSIDENT
B R E I T E N S P O R T / S P O R TENTWICKLUNG (DOSB)

„Eine Krise
kommunaler
Kassen
ist immer auch
eine Krise des
Breitensports.“
den Essener Haushalt genehmigen muss
und das Projekt zwischenzeitlich gestoppt
hatte – ankündigte, den Kreditrahmen für
die Stadt um den Eigenanteil am Stadion zu
kürzen, ging es munter weiter. So entsteht
der Eindruck, dass es schon lange nicht
mehr um Fußball geht, sondern der Ball auf
dem politischen Spielfeld liegt.

Breitensport versus Spitzensport
„Geld ausgeben ist das Lebenselixier von
Politikern. Und zugleich die Grundlage ihrer
Macht“, sagte der US-amerikanische Ökonom Milton Friedman. Mit anderen Worten:
Bei prestigeträchtigen Projekten wie dem
Stadion geht’s vor allem um Wählerstimmen.
Schon Paß’ Amtsvorgänger, Wolfgang Reiniger (CDU), war Freund des Neubaus. Das
hatte System: Lokalen Medien zufolge gewann er einst die OB-Wahl auch deshalb,
weil er mit einer Initiative für ein neues
Konzerthaus das bürgerliche Lager im
wohlhabenden Essener Süden mobilisieren
konnte. Das neue Stadion im proletarischen

Norden bezeichnete Reiniger gern als „Beitrag zur sozialen Symmetrie der Stadt“. Der
langjährige Stadtdirektor Christian Hülsmann war Reinigers Speerspitze im Kampf
um den Neubau. Hülsmann suchte und fand
immer wieder neue Finanzierungswege.
Inzwischen ist er im Ruhestand – und sitzt
im Aufsichtsrat von Rot-Weiss, dem traditionsreichen und ewig klammen Klub, der
selbst in der zwischenzeitlichen Fünftklassigkeit 7.000 Zuschauer lockte. Und dessen
Lizenz die Stadt per Millionenspritze rettete.
Für den Capital-Autor Andreas Große
Halbuer sind die Geschehnisse in Essen
typisch für das Vorgehen deutscher Kommunalpolitiker. Immer gleich klängen die Klagelieder der Stadtoberen, die angesichts ihres
finanziellen Elends fordernd in Richtung der
Landes- und Bundesregierung zeigten:
Wirtschaftskrise, harter Winter, der teure
Tarifabschluss im öffentlichen Dienst, der
Strukturwandel, zuletzt die Diskussion um
den Solidarpakt II – alles sei schuld an der
Misere. Und das bevölkerungsstärkste Bundesland NRW bietet bestes Anschauungsmaterial. Doch Halbuer sieht darin nur einen
Teil der Wahrheit: „Beharrlich ignoriert der
Chor der Jammernden, dass sich machthungrige Bürgermeister, überforderte Kämmerer und inkompetente Räte über Jahrzehnte an den städtischen Haushalten
versündigt haben.“
Ein paar Zahlen zur These: Von insgesamt knapp 400 Kommunen in NRW schaffen laut Statistischem Landesamt nur noch
acht einen ausgeglichenen Etat. Jede dritte
Stadt oder Gemeinde arbeitet mit einem
Nothaushalt. Städte wie Oberhausen, Duisburg und Hagen haben bereits ihr komplettes Eigenkapital verbraucht, es droht die
Überschuldung.
Angesichts der leeren Kassen bergen
fragwürdige Projekte wie der Stadionneubau
in Essen natürlich jede Menge Zündstoff. Die
Betriebskosten des Neubaus – geschätzte
780.000 Euro pro Jahr – kann Rot-Weiss als
Ankermieter in der vierten Liga nicht erwirt-

63

WIRTSCHAFT KLAMME KOMMUNEN

WOFÜR BONN
SEIN GELD AUSGIBT
Haushaltsplan Bonn 2010/2011
3.946.216 €
zahlt Bonn pro Jahr für
81 Einfachturnhallen
�9 Großturnhallen
�1 Vierfachhalle
�4 Mehrzweckhallen
�2 Schulaulen
�2 Krafträume
20 Gymnastikhallen
53 Freiluftsportplätze
Eine Sportnutzungsgebühr, die im Gespräch
war und 750.000 € bringen sollte, ist vom
Tisch. Vorerst, meint die PSB.
Quelle: www.pro-sportstadt-bonn.de

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Kunst und Kultur
Beethoven Orchester 7.847.736 €
Kunstmuseum
5.787.502 €
Oper/Schauspiel
29.088.998 €
42.704.236 €

Sportstätten
3.946.216 €

schaften. So müsste das Geld aus dem
Sportetat von derzeit 1,5 Millionen Euro
kommen. Doch die Politik will ihre Sportund Bäderbetriebe aus der Schusslinie
nehmen und aller Voraussicht nach eigens
eine Sportstättenbetriebsgesellschaft gründen, um den sowieso unterfinanzierten
Sportetat zu entlasten. Offenbar fürchten die
Stadionbefürworter im Rat nichts mehr, als
die vielen Breitensportvereine Essens gegen
sich aufzubringen.
„Die Diskussion wird längst geführt“, sagt
Gerd Kämpkes, 1. Vorsitzender der Märkischen Turngemeinde (MTG) Horst 1881, mit
mehr als 3.500 Mitgliedern der größte Sportverein der Stadt. „Den Mitgliedern kann man
das Stadionprojekt kaum mehr vermitteln“,
sagt der 70-Jährige. Die Sportstättensituation
sei für die Vereine schlecht, undichte Fenster
in Sporthallen und ausgefallene Heizungen
keine Seltenheit. „Eine Krise kommunaler
Kassen ist immer auch eine Krise des
Breitensports“, sagt dazu Walter Schneeloch,
Vizepräsident Breitensport/Sportentwicklung beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Den Sanierungsstau bei Sportstätten schätzt der DOSB bundesweit auf 42
Milliarden Euro. 2011 waren auch die MTGHandballer betroffen, als ihre Heimathalle
wegen akuter Sicherheitsmängel dichtgemacht wurde und für Monate geschlossen
blieb. „Essen braucht sicher ein Stadion“,
lenkt Kämpkes ein – als 2. Vorsitzender des
Essener Sportbundes muss er die Gemengelage der gesamten Stadt im Blick halten.
Doch auch ihm ist klar: Wenn irgendwo viel
Geld fließt, weckt das Begehrlichkeiten.

Sport versus Kultur
Das ist auch in noch bessergestellten Kommunen nicht anders – siehe Bonn. In der
ehemaligen Bundeshauptstadt ist ein offener
Verteilungskampf zwischen Breitensport
und Hochkultur entbrannt. Die im Januar
dieses Jahres gegründete Initiative Pro
Sportstadt Bonn (PSB) hat es sich als eine
Offensive von Sportvereinen auf die Fahne
geschrieben, bestehende Klubs, das Ehrenamt sowie die Sportanlagen zu erhalten und
zu fördern. Doch das kostet Geld – und das
fließt nach Ansicht der PSB vor allem in

2.2012 liberal

Foto: M. Sondermann/Presseamt Bonn

Äpfel mit Birnen? Allein
der städtische Zuschuss für
das Kunstmuseum ist mit
knapp 5,8 Millionen Euro
höher als der für alle Bonner
Sportstätten zusammen.

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Einrichtungen der Hochkultur. „Alle Bonner
Sportvereine zusammen erhalten pro Jahr
147.000 Euro an Kinder- und Jugendzuschuss. Die Förderung der Kultur in Bonn
liegt bei etwa 122.000 Euro – pro Tag“, kritisiert PSB-Mitgründer Michael Scharf, zugleich ehrenamtlicher Vorsitzender der SSF
Bonn mit etwa 8.000 Mitgliedern. In absoluten Zahlen liest sich das wie folgt: Den Zuschussbedarf für die großen Kultureinrichtungen Oper/Schauspiel, Beethoven
Orchester und Kunstmuseum gibt die Stadt
für 2012 mit 58,2 Millionen Euro an, die
Fördersumme für den organisierten Sport
liegt bei knapp 12 Millionen Euro.
Diese ihrer Ansicht nach offensichtliche
Ungleichbehandlung der im Sinne der
Landesverfassung gleichberechtigten Felder
Sport und Kultur will die PSB nicht mehr
hinnehmen. Zwar will die Initiative keine
Neiddebatte entfachen, ausdrücklich spricht
man sich auch für ein attraktives und vielfältiges Kulturangebot in Bonn aus. Allerdings
soll der Fokus dabei mehr auf populären
Kulturprojekten wie Bonner Sommer, Rheinkultur oder Museumsplatzkonzerten liegen,

SPORTLICH IM KREISLIGASUMPF –
N U N F E H LT AU C H N O C H G E L D
Nicht nur sportlich steht dem Bonner C-Kreisligisten FC Hertha das
Wasser bis zum Hals – Platz 10 nach 24 Spielen. Seit 2010 ist mit
dem F.-A.-Schmidt-Sportplatz die Heimstätte teilgesperrt, nachdem der Boden abgesackt war. Für die Sanierung sind mindestens
30.000 Euro notwendig – Geld, das die Stadt nicht zuschießt. Nun
will der Verein den Platz kaufen und akquiriert Spenden, um die
notwendigen Maßnahmen aus eigener Tasche bezahlen zu können.
Mehr auf www.herthabonn.de

liberal 2.2012

65

Prickelnde Begegnungen, angeregte Gespräche, entspannte
Lebensfreude – und mittendrin Mionetto Prosecco D.O.C. Treviso.
Der Premium-Prosecco überzeugt mit seiner ganz eigenen Leichtigkeit
des Seins: Ein sympathischer Charakter und seine herausragend
schöne Erscheinung machen diesen Spumante Extra Dry zu einem
gern gesehenen Gast. Mionetto Prosecco D.O.C. Treviso begibt sich
mit seiner einzigartigen Eleganz gerne dorthin, wo das Leben spielt.
mionetto.de

WIRTSCHAFT KLAMME KOMMUNEN

WIE VIEL JEDER BÜRGER SCHULDET
Defizite der Länder und Gemeinden
je Einwohner in Euro
Bremen
Berlin
Saarland
Hamburg
Nordrhein-Westfalen
Schleswig-Holstein
Sachsen-Anhalt
Rheinland-Pfalz
Brandenburg
Hessen
Niedersachsen
Thüringen
Mecklenb.-Vorpom.
Baden-Württemberg
Bayern
Sachsen

27.129
17.381
14.644
14.119
12.283
10.843
10.340
10.316
8.788
8.544
8.448
8.401
7.426
6.044
3.451
2.432

Stand: 31. Dezember 2010
Quelle: Statistisches Bundesamt

66

MICHAEL SCHARF
PSB-MITGRÜNDER

„Der frühere Hauptstadtvertrag hat Bonn
auf ein sehr hohes
Niveau der Kulturförderung gesetzt.“
Intendanten aufgeweicht worden, das Zeitfenster für die Einsparung wurde bis 2016
geöffnet. Als i-Tüpfelchen hat die Verwaltung
Sportvereinen mit eigenen Anlagen rückwirkend für 2011 die städtischen Zuschüsse
gestrichen. Mit der Folge, dass einige Klubs
ihre Beiträge deutlich anheben mussten,
berichtet Scharf kopfschüttelnd. Die Zustimmung zur PSB ist groß. Rund 60.000 Mitglieder und 60 Sportvereine machen schon mit.
Nicht dabei ist Udo Bielke, stellvertretender Geschäftsführer der Besucherorganisation „Theatergemeinde Bonn“ mit etwa 8.600
Mitgliedern. „Die Diskussion um den vergleichsweise kleinen Topf der freiwilligen
Leistungen führt am Grundthema der Kommunen vorbei.“ Die vermeintlich unfreiwilligen Leistungen sind nicht so fixiert, wie es
die Verwaltungen immer glauben machen
wollen, meint Bielke. „Man könnte auch die
Frage stellen, ob eine Stadt wie Bonn 4.500
städtische Angestellte braucht.“ Die Debatte
zwischen Sport und Kultur bedauert Bielke,
dessen Herz auch für den Sport schlägt. Seit
einem Jahr ist er ehrenamtlicher Vorstand
des Bonner SC. Aber er kritisiert zugleich,
dass die PSB völlig unterschiedliche Dinge
vergleiche. „Sport ist – soweit er Erwachsene
betrifft – meiner Meinung nach eine Freizeitbeschäftigung. Das ist etwas völlig anderes

als etwa eine Opernaufführung, bei der bis
zu 150 Profis auf der Bühne stehen, die damit
ihren Lebensunterhalt bestreiten.“
Für Bielke ist Kultur ein öffentliches Gut
und keine finanziell zu bemessende Ware.
Von dem Bonn sich aber zu viel leiste, meint
Scharf: „Wir können nicht immer von Metropolregionen reden, während bei der Hochkultur jeder versucht, seinen eigenen Kirchturm durchzubringen.“ Scharf plädiert für
Schwerpunkte, Theater und Oper könnten
beispielsweise in Köln konzentriert werden.“
Geht nicht, entgegnet Bielke. In der Domstadt fehlten mit Blick auf die guten Auslastungszahlen die nötigen Kapazitäten.

Wie viel Kultur ist bezahlbar?
Auch die Autoren Dieter Haselbach, Armin
Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz fordern in ihrem Buch „Der Kulturinfarkt“
Schwerpunkte. Sie denken, Deutschland
solle die Hälfte seiner Kulturbetriebe schließen und mit dem frei werdenden Geld die
verbleibenden Einrichtungen zukunftstauglich machen. Eine These, die für viel Gegenwind bis hin zu offenen Anfeindungen aus
der Kulturszene gesorgt hat. Dabei wollen
die vier nicht weniger Geld für Kultur, sondern Klasse statt Masse. „Wer in Frankfurt
wohnt, hat in einer Autostunde die Wahl
zwischen Opern in Frankfurt, Darmstadt,
Mainz, Wiesbaden, Gießen, Mannheim,
Ludwigshafen und Heidelberg. Vergangenes
Jahr inszenierten drei von ihnen Wagner“,
konstatierte das Handelsblatt jüngst. Und
stellt zwei Fragen: „Brauchen wir das alles?
Und wenn ja: Können wir uns das auch
leisten?“ In Bonn haben sich die Fraktionen
bereits formiert, „an dieser Stelle beginnt der
Glaubenskrieg zwischen Kultur und Sport“,
sagt Udo Bielke. Das gilt für Bonn, anderswo
werden sich andere Gruppen bilden. Der
Widerstand wächst in dem Maß, wie es die
Schuldenberge tun. ●

AXEL VOM SCHEMM, Redakteur bei
corps, hat Germanistik, Literatur- und
Sportwissenschaften studiert und
daher viel Verständnis für beide
Fraktionen. vomschemm@libmag.de

2.2012 liberal

Fotos: Schwimm- und Sportfreunde Bonn 1905 e.V.; Privat

die bereits dem Rotstift zum Opfer gefallen
sind. Auch die „hervorragenden Angebote
der freien Kultur, die sich zum allergrößten
Anteil aus Eintrittserlösen selbst finanzieren“, sind förderungswürdig, sagt die PSB.
Das große Geld fließt aber in die Hochkultur,
ein Relikt aus vergangenen Zeiten, kritisiert
Scharf. „Der frühere Hauptstadtvertrag hat
Bonn auf ein sehr hohes Niveau der Kulturförderung gesetzt. 41 der damals 60 Millionen Euro im Kulturhaushalt kamen als
Zuschuss vom Bund.“ Das ist längst passé –
der Kulturetat aber konstant hoch.
Bonns Kultur- und Sportdezernent
Martin Schumacher versucht zu vermitteln:
„Sport und Kultur sind für eine Stadtgesellschaft unverzichtbar und müssen deshalb –
auch im Sinne der Daseinsvorsorge – eine
auskömmliche Finanzierung erhalten. Diese
beiden Bereiche gegeneinander auszuspielen halte ich für nicht zielführend.“ Genau
das geschieht aber in Bonn, kontert die PSB:
Ein Ratsbeschluss, der vorsieht, dass im
Bereich Oper/Schauspiel im Jahr 2013 rund
3,5 Millionen Euro gespart werden, ist anlässlich der Verpflichtung eines neuen

STEUERN? VERSENKT!
IN JEDER AUSGABE VON LIBERAL BELEUCHTEN WIR GEMEINSAM MIT DEM BUND DER STEUERZAHLER
DEN UMGANG MIT UNSEREN STEUERGELDERN. THEMA DIE SMAL:

FILMFÖRDERUNG

Illustration: Sebastian Iwohn

F

reuen Sie sich auf den Herbst 2012!
Dann gibt es im Bereich Spartenkino einen neuen Film. „Wolkenatlas“ heißt er. Die Produktion ist
deutsch, die Stars sind international: Tom
Hanks, Halle Berry und Hugh Grant werden
zu sehen sein. Die Verfilmung des gleichnamigen Science-Fiction-Romans hat Tom
Tykwer übernommen. Das Produktionsbudget ist mit rund 100 Millionen US-Dollar
so hoch, dass es der teuerste deutsche Film
aller Zeiten wird. Der Etat war den Hollywood-Studios zu hoch. Warner Bros. ist
nur als Verleih im Boot und wird den Film
in Nordamerika vermarkten. Wir alle haben
schon vor Filmstart bezahlt. Die Filmemacher bekommen sechs Millionen Euro
vom Deutschen Filmförderfonds der Bundesregierung.
„Tarzan“. Jeder kennt ihn. Der Roman
ist 100 Jahre alt. Dutzende Verfilmungen hat
es seither gegeben. Zeit für eine weitere
Verfilmung, diesmal auf Steuerzahlerkosten?
Ja, meint die deutsche Filmförderungsbürokratie und schenkt der „Constantin Film
Produktion GmbH“ vier Millionen Euro für
eine 3-D-Verfilmung des Klassikers. Weitere

liberal 2.2012

insgesamt 3,25 Millionen Euro gibt es als
Darlehen von Bayern, Bremen, Niedersachsen und dem Bund obendrauf.
Wer eine passende Musikuntermalung
für seinen Werbespot, seinen Kinofilm oder
sein TV-Programm braucht, dem hilft demnächst der Steuerzahler. Denn das Bundesforschungsministerium unterstützt das
Projekt „SyncGlobal“ mit rund 800.000 Euro.
Beteiligt sind drei Internet- und SoftwareUnternehmen sowie die Fraunhofer-Gesellschaft. Dabei geht es um die Entwicklung
einer Software, die globale Musikbestände
nach dramaturgischen Kriterien durchsucht
und die gefundenen Musikausschnitte
automatisch mit einem Video synchronisiert. Es profitiert die Musikindustrie,
die versucht, rückläufige Einnahmen aus
Verkäufen durch einen verstärkten Rechtehandel zu kompensieren. „Klingt gut. Ist nur
keine Staatsaufgabe“, meint der Bund der
Steuerzahler.
Der Bundestagsverwaltung ist es sehr
wichtig, das Parlament und dessen Abgeordnete stets ins rechte Licht zu rücken. So
initiierte die Verwaltung den Film „Dem
deutschen Volke – Eine parlamentarische

Spurensuche. Vom Reichstag zum Bundestag“, der im Frühherbst vergangenen Jahres
rund zwei Wochen lang allabendlich auf das
große Rundfenster des Marie-ElisabethLüders-Hauses projiziert wurde, umrahmt
von aufwendigen Licht-, Bild- und Toneffekten. Kostenpunkt: 376.544 Euro, also mehr
als 22.000 Euro pro Tag! Derart vom Film
und der Idee angetan, soll das Projekt in
diesem Jahr ausgebaut werden und im
Sommer drei Monate lang vorbeigehende
Touristen und Berliner beglücken. Natürlich
mit besserer technischer Ausgestaltung als
noch 2011, so die Bundestagsverwaltung.
1,4 Millionen Euro sollen die Steuerzahler
hierfür berappen. „Bei Kosten von mehr als
15.000 Euro pro Tag müssen sich die Steuerzahler wie in einem schlechten Film vorkommen“, findet der Steuerzahlerbund. ●
LESEN SIE AUF SEITE 80 EIN INTERVIEW MIT
DEM FILMEMACHER KLAUS LEMKE, DER
ÜBERZEUGT DAVON IST, DASS DIE FÖRDERUNG
DEN DEUTSCHEN FILM KAPUTT MACHT.

Kontakt: info@steuerzahler.de

67

WIRTSCHAFT PORTRÄT PETER THIEL

68

VISIONÄR, LIBERTÄR,
MILLIARDÄR
Der schwerreiche Paypal-Gründer Peter Thiel wettet auf kühne
und abenteuerliche technische Visionen, um die Welt „sicher für den
Kapitalismus zu machen“. // TEXT // STEFFAN HEUER // ILLUSTRATIONEN // MARIO WAGNER

W

er dem sonst medienscheuen
Internetunternehmer, Investoren und Technologiephilosophen Peter Thiel in die Karten
schauen will, ist gut beraten, sich ein Essay
durchzulesen, das er Anfang 2009 für den
konservativen Thinktank Cato Institute
verfasste. „Die Erziehung eines Libertären“
ist der kurze Aufsatz überschrieben, in dem
der in Deutschland geborene Amerikaner
darlegt, wie seine Sicht der Welt und seine
Anlagestrategie zusammenpassen. „Wahrhafte menschliche Freiheit ist die Vorbedingung
für das höchste Gut“, schreibt Thiel. Dieser
Begriff beinhaltet für ihn Widerstand „gegen
enteignungsgleiche Besteuerung, totalitäre
Kollektive und die Ideologie, dass jeder
Mensch unweigerlich sterben muss“.
Die Politik, führt er danach auf drei
knappen Seiten aus, habe versagt, die Verheißungen der freien Märkte und des Kapitalismus in die Wirklichkeit umzusetzen. „Ich
glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind. Ich glaube
nicht mehr, dass die Politik alle möglichen
Zukunftsszenarien unserer Welt beinhaltet.“
Deswegen setzt der 44-jährige Unternehmer
auf Technologie als goldenen Notausgang:
„Ich konzentriere mich auf neue Technologien, die der Freiheit neuen Raum geben
können. Unsere Zukunft mag von einer
einzigen Person abhängen, die jene Maschi-

liberal 2.2012

„Wir wollten
fliegende
Autos.
Stattdessen
bekamen
wir 140
Anschläge.“
PETER THIEL ÜBER TWITTER

nerie der Freiheit baut oder fördert, um die
Welt sicher für den Kapitalismus zu machen.“
Thiel sieht sich als eine dieser raren
Persönlichkeiten und arbeitet nach Kräften
daran, die Einzelteile seiner heilbringenden
Maschinerie zu bauen oder zumindest
maßgeblich zu finanzieren. Da ist einmal der
Founders Fund, eine Wagniskapitalfirma, die
er 2009 gründete und die bislang höchst
erfolgreich in eine ganze Reihe prominenter
Internetfirmen investiert hat. Und da ist
seine Thiel Foundation – eine gemeinnützige

Stiftung, die „bahnbrechende Philanthropie“
betreiben will, um „Technologie, Freiheit
und Gewaltfreiheit“ zu fördern.
Dazu vergab ihr Breakout Labs-Programm im April erstmals je 350.000 Dollar
an ein halbes Dutzend Neugründungen
sowie die Thiel Fellowships, um die Jugend
für radikale Innovation zu begeistern. Die
Stiftung wählt jährlich aus mehr als 400
Bewerbern in aller Welt 20 kluge Köpfe
unter 20 aus, die – jeder mit einem
100.000-Dollar-Stipendium versehen – zwei
Jahre lang ihren Träumen folgen können.
Einzige Bedingung, um sich als „20U20“Unternehmer zu versuchen: Sie müssen
dafür ihr Studium aufgeben oder zumindest
aufschieben.
Alle diese Projekte verbindet der Standort San Francisco und Thiels Vision der
Forschung, die buchstäblich Berge versetzen kann. „Peter macht sich große Sorgen,
dass sich das Tempo des technischen Fortschritts seit den 70er-Jahren verlangsamt hat
oder sogar stagniert“, sagt James O’Neill, der
Thiel seit 15 Jahren kennt und seit bald vier
Jahren für ihn arbeitet – in doppelter Funktion: für seinen Hedge Fonds Clarium Capital
und als Geschäftsführer der Stiftung.
„In den 60er-Jahren, als die USA zum
Mond flogen, hegten wir alle große Erwartungen, was sich bis heute verändert haben
würde. Science-Fiction wies den Weg als

69

WIRTSCHAFT PORTRÄT PETER THIEL

„Wir hoffen,
dass alle
Stipendiaten
ihre
Leidenschaft
für etwas
entdecken,
das ihnen
wichtig ist,
und dass sie
dabeibleiben.“
PETER THIEL ÜBER DIE THIEL FOUNDATION

70

optimistischer Ausblick in die Zukunft. Aber
diese Hoffnungen wurden enttäuscht“, sagt
O’Neill. „Science-Fiction-Literatur ist heute
vor allem pessimistisch, sie betont die negativen Folgen der Technologie, was alles schiefgehen kann. Dabei bleiben viele Ideen in
Bereichen wie Medizin oder Energie auf der
Strecke. Heute glauben nicht mehr viele
Menschen an revolutionäre Erfindungen, die
die Welt vorantreiben. Das will Peter ändern.“
So hat der Unternehmer in Firmen wie
das Raumfahrtunternehmen SpaceX investiert, das Raketen und Raumkapseln für die
Nasa baut und langfristig über die Kolonialisierung des Weltraums nachdenkt, sowie in
Biotechnologie-Startups, die das ewige
Leben und künstliche Intelligenz im Visier
haben – etwa den Plan, sein Gehirn als
intelligente Datei zu speichern, wenn der
Körper den Geist aufgibt. Mit mehreren
Millionen Dollar an Fördermitteln und
Stipendien wollen Thiel und sein CEO James
O’Neill außerdem jungen Tüftlern und
angehenden Forschern einen Ausweg aus
dem etablierten Bildungswesen aufzeigen
und zugleich die Fantasie der Bevölkerung
beflügeln. „Der Wagniskapital-Fonds investiert in Vorhaben, die in drei bis fünf Jahren
etwas Marktreifes vorweisen können. Die
Fördermittel sind für ehrgeizigere Projekte,
die vielleicht erst in 10, 20 oder 30 Jahren
Früchte tragen“, erklärt O’Neill.
Besonders liegt Thiel dabei die Flucht
aus dem nach seiner Sicht eingefahrenen
Bildungswesen der USA am Herzen. Highschools und Colleges führten junge Leute
auf den falschen Pfad. „Unser Bildungswesen
ist dem fortschrittlichen Denken nicht
besonders förderlich. Die Abschlüsse sagen
wenig bis gar nichts über Interesse oder
Fähigkeiten aus. Und es ist so teuer, dass
man sich langfristig verschuldet. Wir wollen
Teenager begeistern, die sonst Akademiker,
Anwälte oder Banker werden“, sagt O’Neill
über die ersten zwei Jahrgänge der 20U20Stipendiaten. Thiel bezeichnet das höhere
Bildungswesen der USA sogar als „die einzige noch bestehende Form der Schuldknechtschaft“. Ironischerweise sind sowohl
O’Neill als auch Thiel Absolventen einschlägiger Eliteuniversitäten.

Thiel mag für seine Prämie für den
Studienabbruch Kritik ernten, die 20 Stipendiaten des ersten Jahrgangs sind von der
Chance zur wohldotierten intellektuellen
Freiheit begeistert. Sie wollen preiswerte
3-D-Druck–er entwickeln, Krankheiten wie
Alzheimer und Parkinson heilen oder eine
Methode finden, um Rohstoffe im Weltraum
abzubauen. Sie haben dabei freie Hand,
wie sie ihre Fördermittel ausgeben: für
Grundlagenforschung, den Aufbau eines
Startups oder einfach nur für Recherchereisen.
Laura Deming gab ihr Studium am
renommierten Massachusetts Institute of
Technology mit 17 auf, um Anti-Aging-Therapien mit einem eigenen WagniskapitalFonds zu fördern. „Es gibt eigentlich keine
Nachteile, für dieses Stipendium sein Studium hinzuschmeißen“, sagt sie. „Wenn das
Stipendium ausläuft, bin ich erst 19 und kann
immer noch studieren.“

Kühne Träume und konträre Ideen
Als Einladung zur Selbstfindung begreift
Christopher Rueth die Thiel Fellowship. Der
17-jährige Kalifornier hatte die Highschool
abgebrochen und sich auf eigene Faust
einen alternativen Abschluss erarbeitet.
Rueth will sich als Denker und Unternehmer
dem Thema Informationsfreiheit widmen.
Wie, das weiß er noch nicht genau. Er nutzt
seine 100.000 Dollar, um die Welt zu bereisen, anstatt sich in seiner Wohnung hinter
dem Computer zu verschanzen. Auch das ist
Stiftungs-Chef O’Neill recht: „Wir hoffen, dass
alle Stipendiaten ihre Leidenschaft für etwas
entdecken, das ihnen wichtig ist, und dass
sie dabeibleiben.“
Sein Chef ist das beste Vorbild, was
herauskommt, wenn man kühne Träume
und konträre Ideen verfolgt. Der Unternehmer ist zwar seit seiner Kindheit bekennender Science-Fiction-Fan, aber er hat sich erst
seit dem Internetboom auf die Technologie
konzentriert. Er sieht in ihr das Vehikel auf
dem Weg zur grenzenlosen Freiheit. Der
Sohn eines Chemikers wurde 1967 in Frankfurt geboren und zog mit seinen Eltern quer
durch die Welt, sodass er sieben Grundschulen auf zwei Erdteilen besuchte, bevor

2.2012 liberal

ÜBER
PETER THIEL

Fotos: Thiel Foundation; Privat

Thiel wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren,
seine Eltern zogen kurz
darauf in die USA. Der
studierte Philosoph und
Jurist erlangte Bekanntheit,
als die von ihm finanzierte
Firma Paypal 2002 für 1,5
Milliarden US-Dollar an
Ebay verkauft wurde. Zwei
Jahre später investierte er
im Tausch gegen 10,2 Prozent der Anteile eine halbe
Million in ein nahezu unbekanntes Startup namens
Facebook. Als Philanthrop
unterstützt er utopische
Unternehmen – und begabte Studienabbrecher.

liberal 2.2012

sich seine Familie im Norden Kaliforniens
niederließ.
Thiel entpuppte sich als begabter Wunderknabe, der zu den besten Schachspielern
der USA unter 13 gekürt wurde und für seine
mathematischen Fähigkeiten Preise gewann.
Er studierte Philosophie und Jura an der
Elite-universität Stanford in Palo Alto, einer
Hochburg für Innovation und Unternehmertum im Herzen des Silicon Valley.
In Stanford entwickelte sich Thiel zu
einem eloquenten Aktivisten. Er gründete
mit Kommilitonen das konservative und
libertär eingestellte Studentenblatt „The
Stanford Review“, um „Orthodoxien auf dem
Campus“ anzuprangern, wie Thiel rückblickend formuliert. Dabei provozierte er den
linksliberalen Unibetrieb oft und gerne – allerdings ohne ein nachhaltiges Umdenken
zu bewirken.
Eine bleibende Inspiration an Stanford
war für den protestantisch erzogenen Thiel
der Kulturanthropologe und Religionsphilosoph René Girard. Der französische Professor
macht alle menschliche Motivation im „mimetischen Begehren“ aus, dem Wunsch, es
anderen gleichzutun. Diese Vorstellung vom
Herdentrieb legte den Grundstein für Thiels
Credo als Querdenker. Seine Erfahrung als
junger Banker in Manhattan bestärkte ihn.
„Je höher der IQ meiner Kollegen war, um so
pessimistischer war ihre Einstellung zum
freien Markt“, erinnert er sich. „Kapitalismus
ist einfach nicht sehr beliebt bei der Masse.“

Währung ohne staatliche Kontrolle
Das änderte sich schlagartig, als Thiel ins
Silicon Valley zurückkehrte und den aus der
Ukraine stammenden Tech-Unternehmer
Max Levchin traf. Die beiden gründeten 1998
die Firma Confinity, deren erste Anwendung
sie Paypal tauften. Die Handy-App wollte sich
zur „neuen Weltwährung“ jenseits der
Kontrolle von Regierungen und Nationalstaaten entwickeln. Die Terroranschläge von
2001 und die anschließenden Sicherheitsmaßnahmen im Finanzsektor machten diese
Vision zunichte, aber Paypal legte einen
erfolgreichen Börsengang hin und wurde
2002 vom Onlinebasar Ebay für anderthalb
Milliarden Dollar gekauft.

Thiel verwandelte sein Startkapital von
240.000 Dollar in ein Vermögen von 55
Millionen Dollar – die Ausgangsbasis, um
seine libertären Träume endlich in die Tat
umzusetzen. So investierte er 2004 erst in
das auf Wissensarbeiter abzielende Netzwerk LinkedIn und anschließend in ein
zweites, noch unbekanntes Netzwerk namens Facebook. Thiels Investition von einer
halben Million Dollar bei dessen Gründer
Mark Zuckerberg ist heute geschätzte 2,2
Milliarden Dollar wert. Viele seiner Bekannten und Geschäftspartner stammen aus der
Paypal-Ära, in der Branche als „Paypal Mafia“
bezeichnet.
Die Internetwirtschaft hat ihn reich
gemacht, aber dennoch ist Thiel keineswegs
von ihrem Innovationstempo begeistert:
„Das Internet ist unterm Strich ein Plus, aber
kein großes.“ Deswegen hat er das Manifest
seines Founders Fund mit einem Seitenhieb
gegen den Mikroblogging-Dienst Twitter
überschrieben: „Wir wollten fliegende Autos.
Stattdessen bekamen wir 140 Anschläge.“
Wenn er nicht Kandidaten für seine
Technologieförderung interviewt oder
Anlagemöglichkeiten mit ehrgeizigen Gründern auslotet, diskutiert Thiel mit Gleichgesinnten wie O’Neill gern Science-FictionWerke. Eines seiner derzeitigen Favoriten ist
eine eigenwillige Neuinterpretation des
Klassikers „Der Herr der Ringe“ aus der
Feder des russischen Schriftstellers Kirill
Eskov. Dessen Buch „Der letzte Ringträger“
erzählt das Tolkien-Epos um 180 Grad gedreht aus der Sicht des Bösewichts Sauron,
Herr über Mordor, der sich gegen den Kriegstreiber Gandalf wehren muss. „Mordor ist
eine technologische Zivilisation, die auf
Vernunft und Wissenschaft basiert. Um sie
herum dreht sich alles um Mystik und die
Umwelt – und nichts funktioniert“, erklärt
Thiel die Lektüre ganz nach dem Geschmack
der professionellen Querdenkers. ●

STEFFAN HEUER, 45, ist US-Korrespondent von Brand eins. Dass Technologen
esoterische Projekte finanzieren, war ihm
nicht neu. Im Falle Peter Thiels vermutet
er Büronachbar George Lucas als dessen
Inspirationsquelle. redaktion@libmag.de

71

WIRTSCHAFT BANKENKONTROLLE

E S S AY S Z U R B A N K E N A U F S I C H T
S C H Ü T Z T S TÄ R K E R E KO N T R O L L E V O R F I N A N Z K R I S E N ? Z W E I A N T W O R T E N

THORSTEN POLLEIT:

GEDECKTES
GELD
Präsident Nixon war es, der 1971 die Goldbindung des Dollars aufhob. Viele Ökonomen sehen darin
einen finanzpolitischen Sündenfall – und eine der wesentlichen Ursachen für die gegenwärtigen
Turbulenzen auf den Finanzmärkten. Operierten alle Länder ausschließlich mit gedecktem Geld, wäre
der Ruf nach strengeren Bankenkontrollen weitestgehend obsolet.

ass Gold eine besondere Rolle in der
neueren Geldgeschichte einnimmt, lag
wohl auch an Isaac Newton. Als Herr über
die Britische Münze Anfang des 18. Jahrhunderts bestimmte er ein festes Austauschverhältnis zwischen Gold und Silber („Bimetallismus“), das zu einer Überbewertung des
Goldes gegenüber Silber führte – und setzte
so das „Greshamsche Gesetz“ in Gang: Das
überbewertete (schlechte) Geld (Gold)
verdrängte das unterbewertete (gute) Geld
(Silber).
Das Gold stieg, befördert durch die
wirtschaftliche Vormachtstellung Großbritanniens im 18. und 19. Jahrhundert, zum
„Weltgeld“ auf. Die Vereinigten Staaten
gingen praktisch 1834 auf einen Goldstandard über.
Und erst im August 1971 beendete Präsident Richard Nixon die Goldeinlösepflicht
des Dollar. Und weil alle anderen Währungen zu dieser Zeit mit einem festen Kurs an
den Dollar gebunden waren, verloren auch
sie ihre zumindest noch indirekt vorhandene Einlösbarkeit in Gold.
Im Grunde lässt sich der Tauschwert des
Geldes aller wichtigen Währungen – ob nun
Dollar, Euro, Yen oder Pfund – immer noch

72

auf die ehemalige Goldbindung zurückführen. Denn, wie Ludwig von Mises mit seinem
„Regressionstheorem“ im Jahr 1912 zeigte,
konnte das heutige „entmaterialisiertes
Geld“ – in Form von Papier oder Einträgen
auf Computerfestplatten („Bits und Bytes“) –
nur einen Tauschwert annehmen, weil es
zuvor mit einem Sachgut unterlegt war.
Dass Zentralbanken immer noch Gold
halten, ist daher kein Zufall. Die Fed etwa
verfügt über 261,5 Millionen Unzen und die
Europäische Zentralbank über 347,2 Millionen Unzen – wobei allein 109,6 Millionen
Unzen aus Deutschland stammen. Doch weil
die Zentralbanken in den letzten Jahrzehnten die Geldmengen drastisch ausgeweitet
haben, ist das Deckungsverhältnis zwischen
dem umlaufenden Geld und dem offiziellen
Währungsgold natürlich mittlerweile sehr
stark abgesunken.
Anders jedoch handeln die Zentralbanken der aufstrebenden Volkswirtschaften –
allen voran China, Indien, Südkorea und
Russland. Sie erhöhen seit einigen Jahren
das Deckungsverhältnis ihrer Währungen
zum gelben Metall. Sie kaufen Gold, weil sie
sich nicht mehr allein auf Dollar, Euro und
japanischen Yen als „Stabilitätsanker“ für

ihre heimischen Währungen verlassen
wollen: Vermutlich sehen sie in der immer
weiter anwachsenden Verschuldung in
diesen Ländern die Gefahr, dass die Währungen durch Inflation entwertet werden
könnten.
Zudem dürfte die unablässige Serie der
immer schwerer werdenden Finanz- und
Wirtschaftskrisen, für die das unablässige
Vermehren des ungedeckten Geldes sorgt, die
aufstrebenden Volkswirtschaften ermuntern,
nach alternativen Geldordnungen Ausschau
zu halten. Was liegt da näher, als anzuknüpfen
an die lange währungshistorische Normalität
und die Währungen wieder verstärkt mit
Edelmetall oder anderen, nicht beliebig
vermehrbaren Rohstoffen zu decken? ●
Dieser Beitrag basiert auf einer zuvor in der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichten
Fassung.
THORSTEN POLLEIT Der Wirtschaftswissenschaftler
Thorsten Polleit (www.thorsten-polleit.com) ist
Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance &
Management und Chefökonom der Degussa
Goldhandel GmbH. Polleit ist Befürworter des freien
Währungswettbewerbs, also des „Free Banking“ mit
privatisierter Geldproduktion.
thorsten.polleit@degussa-goldhandel.de.

2.2012 liberal

Fotos: Privat

D

DR. OLIVER MARC HARTWICH:

V E R T R AU E N I S T G U T,
KONTROLLE IST BESSER
Die Immobilienkrise, die zur weltweiten Banken- und nun Währungskrise
wurde, begann mit einem staatlichen Programm zur Förderung von Wohneigentum
für einkommensschwache Amerikaner. Doch sie hätte wesentlich weniger
gravierend ausfallen können, wenn die Banken hinreichend reguliert gewesen wären.

V

or einigen Jahren hatte die Deutsche
Bank eine neue Werbekampagne aufgelegt. Neben den üblichen Hochglanzbildern
von glücklichen Bankkunden bestach sie vor
allem durch ihren eindringlichen Slogan:
„Vertrauen ist der Anfang von allem.“
Nun wissen wir seit Lenin, dass Vertrauen zwar gut, Kontrolle aber besser ist. Was
wir in der Weltfinanzkrise zusätzlich gelernt
haben: Der Deutsche-Bank-Slogan gilt leider
auch umgekehrt. Wenn das Vertrauen in die
Banken verloren ist, dann erwartet Anleger,
Aktionäre und Steuerzahler ein böses Ende.
So stellt sich denn die Frage, ob man den
Banken Vertrauen schenken darf, ihre Angelegenheiten in eigener Verantwortung zu
regeln, oder ob es nicht gerade im Bankenbereich der ordnenden Hand des Staates
bedarf.
Nun könnte man es sich als prinzipienfester Liberaler leicht machen und argumentieren, dass für Banken dieselben Prinzipien
wie für alle anderen Unternehmen in einer
freien Marktwirtschaft gelten müssen. Das ist
erst einmal eine sympathische Forderung:
Zur Freiheit des Wettbewerbs gehört immer
die Freiheit des Scheiterns. Wer Gewinne
realisieren will, darf sich auch über Verluste
nicht beklagen.
Im Zweifelsfall hieße das, strauchelnde
Banken untergehen zu lassen. Darüber
dürften sich dann weder Sparer beklagen,
die zuvor mit guter Verzinsung gelockt
worden waren, noch die Aktionäre der Bank,
die im Erfolgsfall ganz selbstverständlich
von sprudelnden Gewinnen profitiert hät-

liberal 2.2012

ten. Doch so einfach liegen die Dinge bei den
Banken nicht. Die disziplinierende Wirkung
der Insolvenzmöglichkeit verpufft schnell,
wenn angestellte Bankmanager mit riskanten Geschäften enorme Boni für sich selbst
erzielen können, selbst wenn ihre Banken
dadurch langfristig Schaden nehmen.
Bedenkt man zudem, wie in repräsentativen Demokratien mit der Insolvenz von
Banken typischerweise umgegangen wird,
dann darf man erst recht nicht auf die Selbstreinigungskräfte des Marktes hoffen. Im
Zweifel wird ihnen nämlich keine Chance
gegeben. Keine Regierung wagt es, Tausende
oder gar Millionen Menschen ihre Ersparnisse verlieren zu lassen. Das gilt selbst dort, wo
keine rechtliche Verpflichtung zur Kompensation besteht
Damit nicht drohende Verluste im Bankensektor regelmäßig auf die Allgemeinheit
abgeschoben werden, braucht es somit für
die Banken eine vorbeugende Regulierung.
Dazu gehört etwa die Trennung von Geschäftsbanken und Investmentbanken. Aber
vor allem strikte Anforderungen an die
Eigenkapitalausstattung sind unabdingbar.
Wo kaum noch Kapital für Risiken einsteht,
steht das Haftungsprinzip letztlich nur noch
auf dem Papier. Je größer eine Bank wird
und je schwerwiegender ihr Scheitern damit
wäre, umso größer sollte ihre risikogewichtete Eigenkapitalquote sein.
In der Praxis könnte man sich das vorstellen wie eine progressive Besteuerung.
Kleinbanken mit geringem systemischem
Risiko müssten eine niedrigere Eigenkapital-

quote aufweisen als Regionalbanken. Großbanken hätten wiederum deutlich mehr
Risikopuffer bereitzustellen als alle anderen
Banken. Die prozentuale Höhe des Pflichteigenkapitals wäre dabei an die Bilanzsumme gekoppelt. So würden nicht nur höhere
Risiken besser abgesichert. Dem ungehemmten Wachstum einzelner Institute
wäre zudem ein Riegel vorgeschoben, denn
mit zunehmender Größe sinken dann auch
die Eigenkapitalrenditen.
Auch die Zentralbanken haben die Pflicht,
ihren Teil dazu beizutragen, finanzielle Schieflagen zu verhindern. Märkte mit billigem
Zentralbankgeld zu überschwemmen – sei es
durch zu niedrige Zinsen, sei es durch kaum
ausreichend abgesicherte Refinanzierungsgeschäfte – trägt sicherlich nicht dazu bei. So
werden nur neue Blasen geschaffen, die über
kurz oder lang zu weiteren Verwerfungen im
Bankensektor führen müssen.
Vertrauen mag der Anfang von allem
sein. Aber die Finanzkrise hat gezeigt, dass
es auch unter ordnungspolitischen Gesichtspunkten am Ende nicht ohne eine intelligente Kontrolle des Bankwesens geht. Bankenzerschlagungen braucht es dazu gleichwohl
nicht, wohl aber eine konsequentere Durchsetzung des Prinzips der Haftung sowohl für
Bankaktionäre als auch für Topbanker. ●
DR. OLIVER MARC HARTWICH leitet die Denkfabrik
„The New Zealand Initiative“. Nach Studium im
Ruhrgebiet und Wirtschaftsforschung in London und
Sydney hat es ihn ins windige Wellington verweht. Eine
südlichere Hauptstadt hat er nicht gefunden.
oliver.m.hartwich@gmail.com

73

KULTUR ARCHITEKTUR

AMERICA’S
CUP GEBÄUDE

74

Konzipiert als eine Terrasse
zum Meer, als ein Ort am
Hafen, um das Schauspiel
des Horizonts zu erleben
– vor allem aber den Zauber des America’s Cup:
Veles e Vents, das Projekt
von David Chipperfield und
dem Büro b720 ist gleich
mit seiner Errichtung zum
Wahrzeichen des Port
America’s Cup geworden.

2.2012 liberal

Die Freiheit,
anders zu sein
Zu einer Zeit, in der das Ringen um architektonische
Innovation, Image und Einzigartigkeit groteske Züge
annahm, konzentrierte sich David Chipperfield auf
sein Kerngeschäft: entwerfen, planen, bauen. Das
sollte ihn zu einem der erfolgreichsten Architekten
der Gegenwart machen. // TEXT // CORNELIA DÖRRIES

Fotos: Miek37; I. von Kruse

I

liberal 2.2012

m Jahr 1996, als in Berlin der Streit über die
Architektur der neuen Hauptstadt allmählich an
Schärfe gewann, wurden in einer der vornehmeren Wohnlagen im alten Westen zwei teure Villen
errichtet, rein zufällig in derselben Straße. Die
eine, entworfen vom ortsansässigen Architekten Hans
Kollhoff, ließ sich selbstbewusst als Erbe Palladios
feiern – mit so viel Mut zur Tradition hatte sich in
Berlin lange kein Neubau mehr präsentiert. Begeistert
berichtete die eingeladene Presse von den klassischen
Proportionen des Hauses, seinen Ecktürmen, einer
sieben Meter hohen Eingangshalle und edlen Stofftapeten, und vergaß auch nicht, auf das riesige
Schwimmbad mit Gartenblick hinzuweisen.
Die andere Villa, ein kubisch-kantiger Ziegelbau
mit einer geschlossenen Straßenfront und seltsam
versetzten Fensterflächen, fand lediglich in Fachpublikationen und einem Architekturführer Beachtung –
und zwar als ein befremdliches, von der klassischen
Moderne inspiriertes Einfamilienhaus, das weder
avantgardistisch noch traditionell genannt werden
könne. Anders als Kollhoff, der zu den prominentesten
Größen im Baugeschehen jener Jahre gehörte, war der
Architekt des Ziegelbaus kaum jemandem bekannt.
David Chipperfield? Musste man den kennen?

DAVID CHIPPERFIELD
absolvierte ein Architekturstudium am Londoner
Kingston Technical Institute,
wechselte später an die
Architectural Association
in London. Seit 1984 ist er
selbstständig und gründete
das Architekturbüro David
Chipperfield Architects. Er
unterhält heute Büros in
London, Berlin (rund 90
Mitarbeiter) und Mailand
sowie eine Repräsentanz in
Shanghai.

Man musste natürlich nicht. Eingeweihten war seine
Villa im Berliner Grunewald zwar ein Begriff, doch auf
viel mehr konnte der britische Architekt hierzulande
noch nicht verweisen. Dabei war er zu diesem Zeitpunkt, von der breiten Öffentlichkeit fast unbemerkt,
schon längst mit den Planungen für den Wiederaufbau des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel beschäftigt, einem Projekt, vor dem ihn seine Frau
Evelyn noch gewarnt hatte. „Sie befürchtete, dass ich
nach einem Haufen Arbeit am Ende nur auf ein altes
Gebäude verweisen könne, das auch vorher schon
dastand“, sagt Chipperfield rückblickend dem britischen Guardian.
Dem Auftrag für die Erarbeitung eines Masterplans für die Museumsinsel und die Wiederherstellung des kriegszerstörten Neuen Museums war eine
zähe, mehrere Jahre währende Auseinandersetzung
vorausgegangen. Den 1993 ausgelobten Wettbewerb
hatte zunächst der italienische Architekt Giorgio
Grassi gewonnen. Doch das Votum war umstritten – in
der Jury hatten sich die Denkmalpfleger gegen den
von den Museumsdirektoren favorisierten Entwurf
des Amerikaners Frank O. Gehry durchgesetzt, der mit
wenig Rücksicht auf die noch vorhandenen historischen Strukturen einen publikumswirksamen Spekta-

75

KULTUR ARCHITEKTUR

76

auf sich warten. Erst sein Wettbewerbsentwurf für den
Neubau des River and Rowing Museum in Henley-onThames erregte die Aufmerksamkeit der einheimischen Fachwelt. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte
Chipperfield, zumindest beruflich, Großbritannien
schon den Rücken gekehrt und bemühte sich um
größere Vorhaben auf dem europäischen Kontinent.

Architekten avancieren zu Luxusmarken
Es war eine Zeit, in der Architektur vor allem in Gestalt
der sogenannten Icon Buildings wahrgenommen und
diskutiert wurde. Frank O. Gehry hatte gerade das
Guggenheim-Museum in Bilbao fertiggestellt, ein
spektakuläres Gebäude, das der verhärmten, von
Deindustrialisierung und Niedergang gezeichneten
Stadt zu einer Wiedergeburt als internationales Tourismusziel verhalf. Architektur wurde als Vehikel für
das moderne Standortmarketing entdeckt, und jede
Metropole, die es sich leisten konnte, gönnte sich
neue, spektakuläre Museen, Opern oder Stadien.
Architekten wie Nouvel, Gehry, Hadid oder Koolhaas
avancierten mit ihren aufsehenerregenden Projekten
zu Luxusmarken; Berühmtheit und ein hoher Wiedererkennungswert wurden zu Leitwährungen im Baugeschehen. David Chipperfield konnte davon nichts
bieten. Seine Projekte ließen eine unverwechselbare
Formensprache ebenso vermissen wie charakteristische Materialien, und er selbst trat auch nicht mit
wegweisenden Manifesten zur Rettung der Welt oder
wenigstens der Baukultur an die Öffentlichkeit.
Im Rückblick sieht es fast so aus, als hätte er sich
zu einer Zeit, in der das Ringen um architektonische
Innovation, Image und Einzigartigkeit allmählich
groteske Züge annahm, in aller Ruhe auf sein Kerngeschäft konzentriert: entwerfen, planen, bauen.
Die Gebäude von David Chipperfield haben keine
augenfälligen Gemeinsamkeiten, jedenfalls nicht auf
den ersten, oberflächlichen Blick. Als Architekt lässt er
sich keiner Schule oder formalen Strömung zuordnen.

2.2012 liberal

Entwurf: David Chipperfield Architects; Fotos: Richard Bryant/arcaidimages.com

kelbau geplant hatte. Die skrupulöse, karge Planung
von Grassi, der nach einer gleichberechtigten Verbindung von Alt und Neu strebte, folgte zwar den gängigen akademischen Denkmalpflegekonzepten, doch
stieß auf den erbitterten Widerstand der Museumsleute. Als sich Grassi nach etlichen Überarbeitungen 1996
entnervt zurückzog, erhielt David Chipperfield den
Auftrag. Mit Blick auf den desaströsen Wettbewerbsverlauf sah es ein bisschen nach Notlösung aus.
Da hatte sich gegen die namhafte internationale
Konkurrenz ein Architekt durchgesetzt, der bis dahin
vor allem sehr kleinteilige Projekte realisiert hatte – Ladeneinrichtungen, Boutiquen, Apartments und Privathäuser – und der bis auf einen Wettbewerbssieg für
den Neubau eines kleinen Ruder-Museums in Südengland keine nennenswerten Erfahrungen mit Millionenbudgets und institutionellen Bauherren vorzuweisen hatte.
Wer weiß, vielleicht schien er genau deshalb der
Richtige für den komplexen und wenig Ruhm versprechenden Reparaturauftrag Museumsinsel zu sein?
Der Bauernsohn David Chipperfield kam 1953 in
London zur Welt und wuchs in der südenglischen
Grafschaft Devon auf. Dort, so will es die Legende, half
er als Jugendlicher seinem Vater, alte Hofgebäude in
Ferienwohnungen umzubauen. Sicher ist jedoch, dass
er am Londoner Kingston Technical Institute ein
Architekturstudium aufnahm und bald darauf an die
renommierte Architectural Association wechselte.
Nach seinem Abschluss begann er in verschiedenen
Architekturbüros zu arbeiten, unter anderem auch für
Norman Foster und Richard Rogers.
1984 gründete Chipperfield sein eigenes Büro. Er
begann, wie viele junge Architekten, mit kleineren
Aufträgen für Renovierungen und Inneneinrichtungen. Nach der Planung für die Boutique des Modedesigners Issey Miyake am prestigeträchtigen Londoner
Sloane Square kamen zunehmend Anfragen aus dem
Ausland, vor allem Japan. Doch der Durchbruch ließ

TURNER
CONTEMPORARY
Der große britische Meister
William Turner ging in
Margate an der Nordküste
Kents zur Schule und hielt
sich ab 1820 bis zu seinem
Tode regelmäßig dort auf.
Turners Faszination für das
Licht und die exponierte
Lage der Kunstgalerie
direkt am Meer waren Ausgangspunkte für den Entwurf David Chipperfields.

liberal 2.2012

77

KULTUR ARCHITEKTUR

NEUES MUSEUM
IN BERLIN
Am 5. März 2009 wurde
das nach den Plänen des
Architekten David Chipperfield wiederhergestellte
Neue Museum an die
Stiftung Preußischer Kulturbesitz übergeben. Chipperfield sah in den Ruinen des
Neuen Museums einen
„Schatz aus Trümmern“.

Und auch wenn er einen Teil seiner Gesellenjahre bei
den Beton- und Hightech-Zuchtmeistern Foster und
Rogers absolviert hatte – ihr Jünger war er nie. Man
bekommt die Architektur Chipperfields am ehesten
über ihre ruhige Präsenz und die Gabe zu fassen, mit
der er so ungeschlachten Materialien wie Beton und
Stahl sublime Feinheit und Präzision abringt, vergleichbar vielleicht mit einem Musiker, der die Goldberg-Variationen auch auf einem E-Bass spielen kann.

Bereitschaft, auf den jeweiligen Ort zu hören
Vor allem spiegeln die Häuser, insbesondere seine
Museumsbauten, die Bereitschaft des Architekten
wider, auf den jeweiligen Ort zu hören und dort nach
Qualitäten zu suchen, die in einem für andere nicht
wahrnehmbaren Frequenzbereich liegen. Davon legt
nicht nur das 2006 fertiggestellte Literaturmuseum in
Marbach Zeugnis ab, das wie ein Parthenon auf einem
Felsen über dem Neckar thront, sondern auch das
2011 eröffnete Turner Contemporary im südenglischen Margate/Kent. So ähnlich wie bei der Museumsinsel kam Chipperfield hier erst zum Zuge, nachdem
sich der siegreiche Wettbewerbsentwurf des norwegischen Büros �Snøhetta�als unrealisierbar erwies – leider zu einem Zeitpunkt, als schon mehrere Millionen
im Sand des Küstenstädtchens versickert waren.

78

Chipperfield musste mit weniger als der Hälfte der
ursprünglich veranschlagten Bausumme auskommen;
der Neubau ist seinen Worten zufolge „eigentlich nicht
mehr als ein Schuppen“. Aber ein Schuppen von
nationaler Bedeutung, ist er doch Englands bedeutendstem Maler William Turner gewidmet, der immer
wieder nach Margate kam und hier einige seiner
schönsten Seestücke malte. Und das, was Turner in
den kleinen Ort zog, bildete auch den Ausgangspunkt
von Chipperfields Planung: the Light of the English
Seaside. Es füllt hier jeden Raum. Dass die Kommune
nach dem unseligen Ausgang des ersten Bauvorhabens überhaupt noch den Mut zu einem zweiten
Versuch aufbrachte, hatte viel mit der Hoffnung zu
tun, die man in dem todgeweihten, von allen guten
Geistern verlassenen Badeort mit dem neuen Museum verknüpfte. Hoffnung auf neue Gäste, aber auch
auf einen neuen Ort, einen Treffpunkt für die Bewohner selbst.
Als Chipperfield der Gemeinde seine Entwürfe
vorstellte, meldete sich ein älterer Mann und fragte, ob
es unbedingt ein Flachdach sein müsse, schließlich
gäbe es in Margate keine Flachdächer. „Das war ein
guter Einwand“, so der Architekt. „Die Form eines
Dachs oder die Silhouette eines Gebäudes sind Teil
seines Charakters. Und deshalb ist es interessant, was

2.2012 liberal

IMPRESSUM

die Leute darüber denken, denn vielleicht weisen sie
auch auf etwas hin, was einem selbst entgangen ist.“ Er
änderte seine Pläne.
Dieses Engagement für den öffentlichen Raum hat
er in seinen Jahren in Deutschland kennen und schätzen gelernt. „Es gibt hier die Vorstellung, dass eine
Stadt durch etwas zusammengehalten werden muss,
es gibt eine Vorstellung davon, wie eine Stadt sein
sollte“, resümierte Chipperfield jüngst in einem Gespräch mit dem britischen Observer. „Und darüber
findet eine öffentliche Debatte statt, in der sich die
Leute das Recht nehmen, ihre Meinung dazu zu sagen.“ Dass solche Diskussionen für den Architekten
auch frustrierend sein können, weiß er nur zu gut.
„Doch wenn Leute sich emotional mit ihrer Stadt
verbunden fühlen, kann man sich als Architekt eigentlich nicht darüber ärgern.“ Er würde seinem Heimatland Großbritannien mehr davon wünschen.

Fotos: U. Zscharnt/SMB; Privat

Allein der Erfolg des Einzelnen zählte
David Chipperfield, der mit Preisen überhäufte, international erfolgreiche Architekt, betreibt mittlerweile
Büros in London, Berlin, Mailand und Shanghai, baut
auf der ganzen Welt und ist außerdem Direktor der
diesjährigen Architekturbiennale in Venedig. Dass
man ausgerechnet ihm diesen Posten antrug, scheint
ihn immer noch ein wenig zu verwundern. Nach
seinen Plänen für die Leistungsschau der internationalen Baukunst befragt, gab er in einem Interview mit
der Zeit zu Protokoll: „Viele meinen, die Biennale sollte
immer das Allerneueste und Allerheißeste präsentieren und der Gegenwart den Puls fühlen. Für diese Art
von Biennale hätten sie wirklich keinen Schlechteren
als mich finden können, das gebe ich zu. Ich habe
keine Ahnung, was man heute so macht.“
Denn was ihn wirklich interessiert, ist die Frage,
wie Architektur dazu beitragen kann, der Gesellschaft
zu dem zu verhelfen, was mit „common ground“ nur
unzureichend beschrieben ist. „Es liegt eine lange
Phase hinter uns, in der die Gesellschaft und auch die
Architekten vor allem vom Individualismus geprägt
waren. Alles, was zählte, war der Erfolg des Einzelnen.
Es ging darum, sich möglichst prägnant abzuheben
von den anderen. Mich interessieren aber nicht die
Unterschiede, mich interessiert, was wir gemeinsam
haben.“ ●
CORNELIA DÖRRIES, 42, ist froh, dass
Chipperfields Architektur keinen theoretischen
Überbau benötigt. Die freie Autorin aus Berlin
musste jedenfalls noch nie erklären, warum
seine Bauten schön sind. doerries@libmag.de

liberal 2.2012

liberal • Debatten zur Freiheit. Vierteljahresheft der
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
Reinhardtstraße 12, 10117 Berlin
Begründet von Karl-Hermann Flach und Hans Wolfgang Rubin
Herausgegeben von Dr. Wolfgang Gerhardt, Dr. Wolf-Dieter Zumpfort,
Axel Hoffmann, Manfred Richter, Dr. Peter Röhlinger, Dr. Irmgard Schwaetzer
und Rolf Berndt.
Gesamtleitung: Kirstin Balke
Redaktion Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit: David Harnasch
(Chefredakteur, V.i.S.d.P.), Boris Eichler (Chef vom Dienst)
Redaktion corps: Wilfried Lülsdorf (Chefredakteur), Mirko Hackmann
und Axel vom Schemm (Redaktionsleitung), Cornelia Dörries, Dorothee
Vogt-Christiansen, Christine Weißenborn
Autoren dieser Ausgabe: Marc Etzold, Philip Fabian, Jürgen Frölich, Joachim
Gauck, Oliver Marc Hartwich, Jan-Philip Hein, Steffan Heuer, Michael Hörl,
Christine Mattauch, Michael Miersch, Samira El Ouassil, Karl-Heinz Paqué,
Volker Panzer, Terry Pratchett, Jennifer Nathalie Pyka, Bettina Solinger,
Hannes Stein, Roland Tichy, Wolfram Weimer
Art-Direktion: Ernst Merheim, Silke Schlösser (corps)
Bildredaktion: Achim Meissner (corps)
Titelfoto: Goetz Schleser / imagetrust
Gesamtherstellung:
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ein Unternehmen der Verlagsgruppe Handelsblatt
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Jeweils inklusive Porto und Verpackung; Kündigungsfrist: spätestens vier
Wochen vor Ablauf eines Bezugsjahres.
Die Abonnementrechnung ist jeweils am Ende des ersten Quartals
zur Zahlung fällig. Die nächste Ausgabe erscheint im September 2012.
Kontakt: leserbriefe@libmag.de; abo@libmag.de, redaktion@libmag.de
liberal im Abonnement: siehe Seite 99

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KULTUR KLAUS LEMKE

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Der Regisseur Kla
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und den Niederga
deutschen Films

// TEXT UND INTERVIEW // BORIS EICHLER

„Freiheit ist vor allem auch mal die Freiheit vor der eigenen
Meinung – zumindest für zwei Stunden im Kino. Sonst wird alles
stur“, meint der Filmemacher Klaus Lemke. Solche Erlebnisse
allerdings könne das deutsche Kino nicht mehr bieten, und
verantwortlich dafür sei die Filmförderung. Gegen sie kämpft
Lemke mit seinem „Hamburger Manifest“, das viel Staub aufgewirbelt hat. Es ist dezidiert, provokant und – wenn man
so will – auch ein Stück wütende Freiheitsprosa. liberal hat
sich mit Klaus Lemke in Berlin getroffen und nachgefragt.

Herr Lemke, das „Hamburger Manifest“ ist ja richtig Politik …
… das ist pure Politik. Aber nicht, weil ich mich mit etwas
auseinandersetze. Ich stelle fest, was wirklich ist, und das ist
schlimm genug.
Was ist denn so schlimm?
Ich beobachte das seit ungefähr 40 Jahren und seit 40 Jahren
treffe ich junge Regisseure. Und genauso lange versuche ich den
Leuten zu erklären, dass jede Form von Subventionen aus Steuermitteln für Film ein Tritt in die eigene Kreativität ist. Das ist aber
etwas, was in Deutschland überhaupt nicht verstanden wird. In
anderen Ländern würde man sich kranklachen, es würde in
Amerika einen Aufstand geben, wenn dort der Staat Steuermittel
ins Filmbusiness investieren würde.

80

Was kann man dagegen tun?
Gar nichts. Die Sache ist gelaufen.
Man könnte die Filmförderung kürzen.
Wenn das Mikro nicht mitläuft, dann sagen dir drei von vier an
dem Apparat Beteiligte, dass Filmförderung vollkommen ineffizient ist, dass das System nur klappt, weil die Fördermittel praktisch jedes Jahr verdoppelt werden und immer mehr Leute
davon profitieren. Ins Kino geht allerdings niemand mehr. Nobody. All diese Filme, „Anonymus“, „Zettl“ – Filme, die mit Millionen
gefördert sind –, da geht überhaupt niemand mehr rein. Weil die
Leute den Unsinn längst schon riechen. Das ist die Situation in
Deutschland.
Noch mal. Filmförderung kürzen?
Nein. Würde nicht funktionieren. Man müsste das ganze System
abschaffen, über Nacht. So wie das die Engländer gemacht haben.

2.2012 liberal

HAMBURGER MANIFEST

ICH FORDERE INNOVATION STATT SUBVENTION.
ICH FORDERE DAS ENDE JEDWEDER
FILMFÖRDERUNG AUS STEUERMITTELN.
DER STAAT SOLL SEINE GRIFFEL AUS DEM FILM
ENDLICH WIEDER RAUSNEHMEN.
13 JAHRE STAATSKINO UNTER ADOLF UND DIE
LETZTEN 40 JAHRE STAATLICHER FILMFÖRDERUNG
HABEN DAZU GEFÜHRT, DASS DER DEUTSCHE
FILM SCHON IN DEN SIEBZIGERJAHREN AUF
KLASSENFAHRT IN DER TOSKANA HÄNGENBLIEB; DASS
AUS REGISSEUREN SOFT-SKILLS-KASTRATEN UND AUS
PRODUZENTEN VEREDELUNGSJUNKIES WURDEN.
WIR BAUEN DIE SCHÖNSTEN AUTOS.
WIR HABEN DIE SCHÖNSTEN FRAUEN.
ABER UNSERE FILME SIND WIE GRABSTEINE.
BRAV. BANAL. BEGÜTIGEND. GOETHE-INSTITUT.
ABER FILM IST KEINE AUSSTERBENDE TIERART.
FILM IST AUCH KEIN INTELLIGENZBESCHLEUNIGER.
FILM MUSS NOCH NICHT MAL GUT SEIN.
FILM MUSS NUR WIRKEN.
DAS TUT DER DEUTSCHE FILM SCHON
LANGE NICHT MEHR.
RETTUNG KANN ALLEIN VON OMAS HÄUSCHEN KOMMEN, DAS MAN HEIMLICH BEI DER BANK BELEIHT. DENN
NUR FÜR DAS EIGENE GELD LOHNT ES SICH NACHZUDENKEN – WENN ES IN GEFAHR IST. UND GELD BEIM
FILM IST IMMER IN GEFAHR. OHNE DAS WIRD‘S NICHTS.

Und innerhalb von zwei Jahren wäre dieses fantastische Land,
das die schönsten Autos baut und die geilsten Frauen hat, in der
Lage, modernes Kino zu machen, das die Welt interessiert. Das
haben wir uns verbaut. Wir sind die Top-Langweiler weltweit.
Deutscher Film hat im Ausland eine so unglaubliche Null-Wirkung. Die Leute entschuldigen sich dann immer im Ausland und
sagen: „Ja, aber Fassbinder …“ Im Ausland weiß man nichts über
unseren Film und es lohnt sich auch nicht, darüber etwas zu
wissen. Wir machen keinen Film, wir machen Subventionsscheiße. Wir haben nichts mit dem modernen Kino zu tun.
Wie ist denn die Entwicklung in England gewesen nach der
Subventionskürzung?
England hat im letzten Herbst komplett aufgehört damit. Die
haben gemerkt: Die Filme, die gegangen sind, wären auch ohne
Förderung gegangen. Und die Filme, die gefördert wurden, liefen
nicht – die Leute wollen keine geförderte Unterhaltung sehen. Die

liberal 2.2012

81

GELD VOM STAAT IST IMMER EIN TRITT GEGEN DIE
EIGENE KREATIVITÄT. VOR EIN PAAR WOCHEN
WURDE KLAMMHEIMLICH DIE ENGLISCHE
FILMFÖRDERUNG EINGESTELLT – DIE EINZIG
ERFOLGREICHE IN EUROPA. ABER EBEN AUCH VOLLKOMMEN UNNÖTIG. DER FÖRDERWAHN FÜHRTE DEN
ENGLISCHEN FILM INS NIRVANA. ACH DIESE ENGLÄNDER! ES GIBT NOCH HELDEN. BEI UNS NUR
EINEN: DOMINIK GRAF. WÜRDE MAN JEDE
FILMFÖRDERUNG AUS STEUERMITTELN ÜBER NACHT
EINSTELLEN – WIR WÄREN IN ZWEI JAHREN DAS
KREATIVSTE FILMLAND IN EUROPA UND EINE ECHTE
KONKURRENZ ZU HOLLYWOOD. WEITER SO WIE JETZT
BLEIBEN WIR DIE TOPLANGWEILER
WELTWEIT. DER DEUTSCHE FILM GEHÖRT ENDLICH
BEFREIT AUS DEN GEFÄNGNISSEN DER FFA.
NO PAIN. NO SPAIN. LEMKE.

KULTUR KLAUS LEMKE

Film mehr zu machen, dann würde der
deutsche Film nicht mehr da sein. Aber das
kann man ihm auch nicht zumuten.

Engländer sind auch so klug, nicht mal
ihr Theater zu fördern. Und trotzdem
gibt’s das moderne Theater in New York
und in London. Bei uns gibt’s gar nichts.
Bei uns gibt’s ’ne große Fresse.
Warum das Manifest, wenn sowieso
nichts zu ändern ist?
Das sind ja alles Gesetze, die werden
nicht mehr abgeschafft.

ischen
Die Generation zw
t
20 und 35 hat jetz
ze voll
schon die Schnau
d
von Staatskino un
Staatsfernsehen.

Na ja, die Kohlesubventionen laufen
immerhin aus …
Gut, es kann schon was passieren –
wenn zum Beispiel niemand mehr ins
Kino geht. Die Generation zwischen 20
und 35 hat jetzt schon die Schnauze voll
von Staatskino und Staatsfernsehen. Die
haben auch die Fresse voll von diesen „Lolas“ und diesen Filmpreisen. Die Filme werden gemacht von ihren Steuergeldern und
die Preise auch. Auch die Amerikaner haben inzwischen kapiert,
wie das bei uns funktioniert.

Inwiefern?
Jack Valenti, Lobbyist der Filmindustrie und ein langjähriger
Präsident der Motion Picture Association of America, hat vor
zehn Jahren, als die Filmförderung hier einen Höhepunkt erreichte, damit gedroht, Cruise Missiles auf die europäischen
Filmförderanstalten abzuschießen – weil er dachte, staatliche
Filmförderung würde den Markt vollkommen einseitig beeinflussen. Die amerikanischen Filme werden ja nicht gefördert. Der
dachte, das wäre ein Nachteil für die US-Filmindustrie, bis er
eingesehen hat, dass der Anteil europäischer Filme in den USA
gerade wegen der Filmförderung sinkt und sinkt. Jetzt schweigt
man in Amerika und sieht zu, wie sich der europäische Film
selbst zerstört.
Die deutsche Filmindustrie kann sich schon vorstellen, ihre
Marktanteile – zumindest hierzulande – deutlich zu erhöhen;
gerade durch den Einsatz von Fördermitteln.
Welcher deutsche Film eigentlich? Aber das kann ja gar nicht
passieren, weil die Zahlen jedes Jahr um zwei Prozent abnehmen.
Nur ein Einziger ist der deutsche Film: Til Schweiger. Wenn’s Til
Schweiger nicht gäbe, gäbe es keinen deutschen Film mehr. Man
müsste nur Til Schweiger davon überzeugen, drei Jahre keinen

82

Til Schweigers Filme sind doch sicher
auch gefördert …
Der nimmt das mit. Der bräuchte aber nicht
einen Pfennig davon. Aber warum soll er
sich sein Steuergeld nicht mitnehmen?

Wie haben eigentlich Ihre Kollegen auf
das Manifest reagiert? „Halt die Klappe!“?
Das trauen die sich gar nicht mehr. Meine
Kollegen sind durch die Subventionen
totgemacht. Das ist so wie Hamlet. Hamlet
ist gelähmt durch das untergründige
Einverständnis mit seinem Vater. Und hier
ist es das untergründige Einverständnis,
dass ein Staat etwas so Kapitalistisches, Urkapitalistisches wie
Film, wie Entertainment fördert. Wenn man einmal damit einverstanden ist, kann man sich auch umbringen, was Film angeht.
Und einen hoch kriegen die auch nicht mehr.

Gab’s Rückendeckung? Was hat Dominik Graf gesagt?
Dominik Graf ist der Einzige, dem dieses System nicht schadet.
Wenn jemand so schön Rundfunkgebühren verspielt wie
Dominik Graf, dann verzeih’ ich natürlich alles. Dominik Graf
macht, was er will. Er ist der Einzige, der das Gift des Systems
schluckt, ohne daran Schaden zu nehmen. Er hat noch ein Herz
für Kino, der Rest hat nur ein Herz für das Eigenheim.
Wie finanziert man denn Filme ohne Förderung?
Ich habe zu Anfang die ersten großen Filme wie „48 Stunden bis
Acapulco“ ohne jede Förderung gedreht. Ich bin um die Ecke in
die Bar gegangen und habe den Besitzer mit einer hübschen
Blondine im Arm überzeugt: „Wir machen da ’nen Film, Sie
spielen auch mit …“
Gibt es überhaupt noch gute deutsche Filme?
Aber klar. „Die Kriegerin“. Dominik Grafs Filme. „Gespenster“ von
Petzold. Aber diese Filme kann man an einer Hand abzählen.
90 Prozent aller deutschen Filme floppen am ersten Tag – und sie
haben auch nichts anderes verdient. Sie kriegen nicht einmal mehr
gute Kritiken, weil die Kritiker auch schon genug davon haben. Die
merken auch, dass seit 30 Jahren nichts mehr passiert ist.

2.2012 liberal

BEVOR DER FILM BEGINNT
VON JACOB SAGER WEINSTEIN
AUS DER KOLUMMNE „SHOUTS & MURMURS“ IM MAGAZIN NEW YORKER

Und was macht einen guten Film aus?
Man ist für anderthalb Stunden in den Köpfen der Leute, die
haben sich für diese Zeit vergessen. Wenn der Film dann zu
Ende ist, geht man wirklich etwas spielerischer mit seinem
Leben um. Zumindest für eine halbe Stunde. Dann kommt
das Leben zurück. Das ist der ganze Sinn des Kinos. Das ist
die Aufgabe der Unterhaltung und das hat nichts mit Feuilleton zu tun, sondern mit Voodoo und Zauber. Es ist ein
Drama: Erst haben wir die guten jüdischen Filmemacher
vertrieben und dann den Nachwuchs kaputt gefördert. ●

Klaus Lemke (71) gelang der große Durchbruch als Regisseur in den
Siebzigern mit „Rocker“, einem Film über den Hamburger Kiez. „Amore“
begründete 1978 die Schwabinger Milieukomödie und erhielt 1979 den
Adolf-Grimme-Preis. Im Frühjahr kam „Berlin für Helden“ in die Kinos.
Klaus Lemkes nächster Film „Berlin – Texas“ wird ebenso in Berlin spielen
und sich mit dem Verhältnis der Ost- und der West-Berliner beschäftigen.
Vielleicht wird der Film nicht gut – dann, so Klaus Lemke, wird er ihn
wegwerfen. Was er sich leisten kann, da er ihn selbst finanziert hat.

BITTE BEACHTEN SIE, dass der Gebrauch von Aufnahmegeräten zum Aufzeichnen dieses Films ausdrücklich verboten ist. Dies gilt auch für die Aufzeichnung mittels: Camcorders, Kameras, Handys, Kohle, Tinte, Farbe (auf Öl- und
Wasserbasis) und des menschlichen Gehirns. Beim Verlassen des Kinosaals
werden Sie von knüppelschwingenden Platzanweisern überfallen, die so lange
auf Sie einschlagen, bis Sie das soeben Gesehene vergessen.
JEGLICHE VERBLIEBENEN ERINNERUNGEN DÜRFEN SIE BEHALTEN und
genießen – vorausgesetzt, dass Sie diese niemandem mündlich mitteilen oder
über das menschliche kollektive Unterbewusstsein zugänglich machen. Darüber hinaus dürfen Sie Ihre Erfahrungen mit diesem Film in keiner Weise verarbeiten. Träume, in welchen Charaktere dieses Films auftauchen, müssen sich
strikt an die ursprüngliche Handlung und Laufzeit des Films halten und den
urheberrechtlichen Bestimmungen des jeweiligen Staats entsprechen. Sexuelle
Fantasien, die auf dem Film basieren, dürfen die FSK-Regelungen des Films
nicht überschreiten.
DIESER FILM IST NUR FÜR ÖFFENTLICHE VORFÜHRUNGEN IN KINOS
LIZENZIERT und nicht zur Ausstrahlung in Schulen, auf Ölplattformen oder in
Gefängnissen zugelassen. Falls Sie diesen Film in einer Schule, auf einer Ölplattform oder in einem Gefängnis sehen sollten, müssen Sie sofort die Schule abbrechen, sich von der Plattform stürzen und ans sichere Ufer schwimmen oder
einen ausgeklügelten Fluchtplan mithilfe einer Gruppe charmanter Gefängnisinsassen, welche natürlich alle fälschlicherweise angeklagt wurden und von
denen jeder Einzelne ein produktives Mitglied der Gesellschaft werden will,
schmieden. Die Rechte an der Geschichte Ihres Ausbruchs gehen unverzüglich
auf die Macher dieses Filmes über. Dies gilt für alle bereits bestehenden Ausdrucksformen, und auch für jene, welche erst auf dem Erdball, im gesamten
Universum, und auch – um Unsicherheiten auszuschließen – drei Meter darüber
hinaus, erfunden werden sollten.
Sollten Sie einer der oben genannten Bedingungen nicht zustimmen, müssen
Sie jetzt zur Leinwand gehen und eines oder mehrere der folgenden Kästchen
mit einem wasserfesten schwarzen Filzstift ankreuzen:
INDEM ICH DAS UNTEN STEHENDE KÄSTCHEN ANKREUZE, aber nicht
dieses Kästchen, lehne ich die bereits genannten Bedingungen ab.

Fotos: Presse; ddp images

Grosse Freiheit auf zwei Rädern:
Mit seinem Film „Rocker“ gelang Lemke 1972
der Durchbruch. Alle Darsteller waren Laien.

INDEM SIE DAS OBEN STEHENDE KÄSTCHEN ANKREUZEN, aber nicht
dieses Kästchen, stimme ich den Bedingungen und Konditionen zu, es sei denn,
ich habe auch das untere Kästchen angekreuzt. In diesem Fall stimme ich den
Bedingungen und Konditionen nicht zu, es sei denn, ich habe insgesamt drei
oder mehr Kästchen angekreuzt. In letzterem Fall habe ich die Phasen des
Nicht-Wahrhaben-Wollens, der Wut, des Verhandelns und der Depression
überwunden und befinde mich nun in der Phase der Akzeptanz.
ICH STIMME ZU, dass für den Zweck des Ankreuzens eines Kästchens „oben“
als „unten” und „unten” als „oben“ zu definieren ist. Dies gilt nicht, wenn das
untere Kästchen angekreuzt ist.
CECI N’EST PAS UN KÄSTCHEN.
DER HAUPTFILM BEGINNT IN ZEHN SEKUNDEN. Bitte nutzen Sie diese
Gelegenheit, um die Augenbinden und Ohrstöpsel anzulegen, die zur Ihrer
Sicherheit und für Ihren Komfort bereitgelegt wurden. ●

liberal 2.2012

83

KULTUR ÖKOFIMMEL

„Es kann einfach nicht
ewig fünf vor zwölf sein“
Energiesparbirnen enden als Sondermüll. Ausgespülte Joghurtbecher werden nicht
recycelt, sondern verfeuert. Und aus Gullys stinkt es, weil alle Wasser sparen. In
seinem Buch „Ökofimmel“ zeigt Alexander Neubacher, wie hysterisch die deutsche
Umweltpolitik geworden ist. Im Gespräch prangert der Autor die Irrationalität an,
die sich in Politik, Medien und Schulen breit gemacht hat. // INTERVIEW // BORIS EICHLER

Herr Neubacher, nach der Lektüre Ihres Buchs
„Ökofimmel“ könnte man meinen, die Umweltund Klimapolitik der vergangenen beiden Jahrzehnte hätte man sich auch sparen können. Und
damit viel Geld. Elektroautos, Biosprit, Wassersparen – alles Unsinn. Fast ein Wunder, dass Sie bei
den Buchvorstellungen bis jetzt noch nicht gelyncht wurden.
Bei den Lesungen sind die Gäste meistens an den
Alltagsdingen interessiert: an der Energiesparlampe, die nach der Verwendung Sondermüll wird,
am Biosprit, der keinen ökologischen Vorteil
verspricht. Journalisten fragen mehr nach der
politischen Ebene des Themas, also danach, wieso
ausgerechnet die Umweltpolitik, die sich moralisch so überlegen wähnt, am Ende so viel Mist
fabriziert. Insgesamt sind die Reaktionen positiv,
was überrascht, weil ich ja auch Schuldige benenne, namentlich. Erstaunlich, wie zahm alle sind.
Bei einer Ihrer Lesungen meinte die Moderatorin,
sie sei Journalistin und lese Zeitung – aber all das,
was sie bei Ihnen gelesen habe, sei ihr völlig neu.
Dabei ist Ihr Buch eine hervorragende Zusammenfassung des Sachstands, genau genommen
aber nichts Neues, wenn Sie verzeihen. In Blogs

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werden diese Dinge schon lange thematisiert,
sozusagen im publizistischen Untergrund.
Ganz klar, es besteht ein Unterschied zwischen
den Mainstream-Medien und dem, was man schon
längst lesen konnte, wenn man sich in Spezialforen tummelt. Die meisten – und da ging es mir
nicht anders – glauben, es sei gut, wenn man die
Stopptaste an der Toilette benutzt und dass es
eine fundamentale Herausforderung sei, jeden
Tropfen Wasser einzusparen. Dass es sich dabei
um ökologischen Schwachsinn handelt, ist für die
meisten dann eben überraschend.
Wasser sparen und auch der flächendeckende
Einsatz von Solarpanels im Norden Europas,
eigentlich alle Beispiele in Ihrem Buch, haben
etwas gemeinsam: Sie können nicht wirklich gut
funktionieren. Wie soll ein Elektroauto Energie
sparen, das eine Hunderte Kilo schwere Batterie
transportieren muss? Da fällt einem Kant ein:
,Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu
bedienen.‘
Hier kommen mehrere Dinge zusammen. Zum
einen wollen viele das alles gar nicht so genau
wissen, weil es nicht um Verstand und Vernunft
geht, sondern um Gefühl. Wenn ich glaube, dass

Wenn ich
glaube, dass
ich Gutes für
die Umwelt tue,
und mich damit
gut fühle, ist
mein Interesse,
diesen Irrtum
aufzuklären,
nicht sehr groß.

2.2012 liberal

ich Gutes für die Umwelt tue, und mich damit gut
fühle, ist mein Interesse, diesen Irrtum aufzuklären, nicht sehr groß. Das Projekt ,Selbstveredelung‘
stünde dann ja vor dem Scheitern. So drücken wir
uns selber davor, die Wahrheit herauszufinden.
Punkt zwei: In Debatten ist derjenige, der sagt ,Das
stimmt doch alles gar nicht!‘, wenn es um die
Umwelt geht, automatisch moralisch im Nachteil.
Mit wem hat man es zu tun? Mit Leuten, die sagen,
sie wollten die Welt retten. Wer sich moralisch im
Recht wähnt, kann daraus die Berechtigung ableiten, anderen die Ehre abzuschneiden und anderen zum Beispiel zu unterstellen, sie seien Umweltferkel. Moralisch ist man von vornherein im Dispo,
wenn man die Umweltbewegung kritisiert. Drittens: Es gibt starke ökonomische Interessen. Wir
haben inzwischen eine Solarbranche, die von den
Subventionen fantastisch gut gelebt hat und die
üblichen Mechanismen kennt, wie man die Öffentlichkeit informiert und auch desinformiert.
Und dann ist da noch die Rolle der Medien.
Ja, das muss ich auch selbstkritisch sagen. Kollegen, die sich zum Beispiel mit Rentenpolitik befassen, stehen nicht automatisch dem deutschen
Rentensystem positiv gegenüber. Journalisten aber,
die über Umweltpolitik berichten, kommen in den
allermeisten Fällen aus der Umweltbewegung. Da
ist eine Kontrollfunktion außer Kraft, die in anderen journalistischen Bereichen noch funktioniert.

Foto: Agentur Ostkreuz

Warum ist das so?
Vielleicht, weil das Themenfeld – anders als die
Rentenpolitik – emotional berührt und so Redakteure anzieht, die mit Herz und aus dem Bauch
heraus arbeiten. Sie registrieren zwar, wenn Umweltpolitik nicht funktioniert, befürchten aber, den
falschen Leuten in die Hände zu spielen, sobald sie
solche Probleme thematisieren. Da sagen sie lieber
gar nichts. Das ist unjournalistisch und letztlich
Propaganda sowie Selbstzensur. Aber: Diese Redakteure sind im Namen eines höheren Auftrags
unterwegs, das rechtfertigt ihr Handeln. Dennoch
bin ich optimistisch: Auf Dauer setzt sich die
Aufklärung durch.
Glauben Sie? Sogar in Schulen ist das Thema, wie
Sie beschreiben, fest verankert – weniger im
aufklärenden Sinne, sondern eher doktrinär.
Die Neigung, Kinder zwangszupädagogisieren, ist
nicht neu, wenn es um eine gute Sache geht. Ich

liberal 2.2012

ALEXANDER NEUBACHER, geboren 1968 in Krefeld, hat
Volkswirtschaftslehre an der Universität Köln studiert und ist
Absolvent der Kölner Journalistenschule. Er war Redakteur bei
der „Wochenpost“, bei „Bizz Capital“ und arbeitet seit 1999 als
Wirtschaftsredakteur im Hauptstadtbüro des SPIEGEL in Berlin.
Für seine Arbeit wurde er unter anderem mit dem
Helmut-Schmidt-Journalistenpreis und dem Medienpreis der
deutschen Kinder- und Jugendärzte ausgezeichnet.

85

KULTUR ÖKOFIMMEL

habe hier ein Buch von Claus Leggewie und Harald
Welzer liegen: ,Das Ende der Welt, wie wir sie
kannten‘. Das Ding hat etwa 270 Seiten und etwa
ebenso viele fundamentale Fehler. ,Das Ende der
Ressourcen‘ – das ist die alte 70er-Jahre-Platte, die
uns vorspielt, warum unsere Welt ihrem Ende
entgegengeht. Ich würde sagen, das ist ein sektiererisches, letztlich sogar demokratieskeptisches
Werk. Wer hat es herausgegeben? Die Bundeszentrale für politische Bildung. Man ist fassungslos,
welchen Unsinn sie publiziert. Ich glaube aber
auch: Das hält unsere Gesellschaft aus. Wir können
ja auch die Gegenposition vertreten, und in der
Debatte setzt sich am Ende das bessere Argument
durch.
Vielleicht versuchen deshalb einige Protagonisten, in der Umwelt- und Klimadiskussion so etwas
wie einen ,point of no return‘ zu erreichen. Auch
der Name Hans Joachim Schellnhuber fällt in
Ihrem Buch. Der Klimaforscher ist Vorsitzender
des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) und
Mitglied des Weltklimarates (IPCC) und fordert
eine ,große Transformation‘. Das bedeutet in
wenigen Worten: demokratische Entscheidungsprozesse ja – aber nur, wenn die Ergebnisse nicht
mit den klimapolitischen Vorstellungen der Ex-

perten kollidieren. Weg mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Was denken Sie? Ist
dies vielleicht schon fast ein Fall für den Verfassungsschutz?
Das ist ja eine listige Argumentation: Wir sind für
die Demokratie, müssen sie nur ein bisschen
optimieren. Niemand wird sagen, er möchte die
Ökodiktatur einführen. Wenn man das Konzept
der ,großen Transformation‘ liest, stellt man fest,
dass darin etwas Diktatorisches steckt.
Dieses Konzept trägt fast schon hysterische Züge,
oder nicht?
Mit jedem kalten Winter, den wir erleben, haben
sich die Klimaprognostiker ein Stück lächerlicher
gemacht. Es kann nicht ewig fünf vor zwölf sein.
Die Klimahysterie hat sich abgenutzt. Jetzt können
zwei Dinge passieren: Man fängt an, klug zu reagieren, also die Risiken richtig zu bewerten. Das wäre
der sinnvolle Weg. Was auch passieren kann: Man
glaubt den Klimaforschern gar nichts mehr, hält
sie für Spinner und verabschiedet sich aus der
Debatte. Das wäre falsch, da wir auch nicht ausschließen können, dass der Klimawandel eine
ernsthafte Bedrohung ist. Wir müssen einfach den
Verstand wieder einschalten.

Wir sind für die
Demokratie,
müssen sie nur
ein bisschen
optimieren.
Niemand wird
sagen, er
möchte die
Ökodiktatur
einführen.

Danke für das Gespräch.

GUT GEDACHT – SCHLECHT GEMACHT:

Fünf Irrtümer der Umweltpolitik

ALEXANDER NEUBACHER
Ökofimmel: Wie wir
versuchen, die Welt zu
retten - und was wir damit
anrichten
Deutsche Verlags-Anstalt
272 Seiten, 19,99 Euro

86

Regional einkaufen: Importäpfel
beispielsweise sind besser als ihr Ruf.
Ihre Energiebilanz ist besser als jene
von in Kühlhäusern gelagerten Äpfeln
aus der Region. Bei den gigantischen
Mengen, die in einem einzigen Con-

tainer transportiert werden, fällt die
lange Reise kaum noch ins Gewicht.
Elektroautos: Sie stoßen zwar keine
Abgase aus, doch der Strom für ihren
Antrieb stammt zu einem großen Teil
aus Kohle- oder Gaskraftwerken. Dazu
kommt: Die Produktion der Batterien
verschlingt Unmengen Energie – so
viel, wie in 10.000 Litern Benzin
steckt. Das vertankt ein Mittelklassewagen in einem durchschnittlichen
Autoleben.
Ökostrom: Wer von Braunkohle auf
Wasserkraft umsteigt, sorgt für einen

geringeren Schadstoffausstoß – nur
scheinbar. Denn das Braunkohlekraftwerk wird seine nicht mehr benötigten
Verschmutzungsrechte (Stichwort
„Emissionshandel“) weiterverkaufen.
Jedes Gramm eingespartes CO2 wird
also an anderer Stelle in die Luft
gepustet.
Jute statt Plastik: Eine Plastiktüte ist
für den Ausstoß von 120 Gramm CO2
verantwortlich, ein Baumwollbeutel
für 1.700 Gramm. Der ist also nur von
Vorteil, wenn man ihn deutlich mehr
als zehnmal so häufig nutzt wie eine
Plastiktüte.

2.2012 liberal

Foto: Agentur Ostkreuz

Wasser sparen: In unseren Breiten
haben wir mehr als genug Wasser.
Weil wegen der Sparsamkeit zu wenig
durch die Rohre rauscht, verstopft die
Kanalisation. Konsequenz: Die
Wasserwerke müssen mit
Frischwasser nachspülen, um gegen
Gestank und giftige Ablagerungen
vorzugehen.

BELESEN
DIE LIBERAL-REDAKTION EMPFIEHLT

RAHIM TAGHIZADEGAN
Wirtschaft wirklich
verstehen. Einführung in
die Österreichische
Schule der Ökonomie
FinanzBuch Verlag,
288 Seiten

Illustration: Sebastian Iwohn

W
 

er mit Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek „per Du“ ist,
wird auf diesen 288 Seiten wenig
Neues lernen. Aber der interessierte Laie
erhält genau, was der Titel verspricht. Taghizadegan, Wirtschaftsphilosoph und Gründer
des unabhängigen Instituts für Wertewirtschaft in Wien, vermeidet ökonomisches
Fachchinesisch und ellenlange Formeln, verwendet stattdessen Beispiele, die dem Leser
aus dem eigenen Leben – und seit der letzten
Krisenkaskade auch von den Titelseiten – bekannt sind. Dabei ist er nicht angetreten, um
die „Österreicher“ kritisch zu beleuchten, hier
schreibt offensichtlich ein überzeugter Missionar. Den unvoreingenommenen Leser mag
der gelegentlich überhebliche Tonfall abschrecken. Sollten deshalb die Ideen der konkurrierenden ökonomischen Schulen gelesen
werden, ist das umso besser: Man darf gespannt sein, wann Keynesianer oder Chicagoer Neoklassiker ein ähnlich leicht verständliches Werk vorlegen. Ein schöner Stolperstein
auf dem Weg zur Knechtschaft, als solider Sachwert auch vorzüglich als Geschenk geeignet.

liberal 2.2012

OLE REISSMANN,
CHRISTIAN STÖCKER
UND KONRAD LISCHKA
We are Anonymous.
Die Maske des Protests.
Wer sie sind, was sie
antreibt, was sie wollen
Goldmann Verlag,
256 Seiten

D

rohvideos im Internet, die weltweit
Beachtung finden, stammen entweder von Al-Kaida oder Anonymous.
Doch während schon unzählige Bücher über
die islamische Terrororganisation erschienen
sind, wurden die Leute mit den Guy-FawkesMasken bislang von den Verlagen übersehen.
Nun erschien „We are Anonymous“, das in Bezug auf die Internetaktivisten zeigen möchte,
„wer sie sind, was sie antreibt, was sie wollen“
– aber leider beantwortet das Werk der drei
Redakteure von Spiegel Online keine dieser
Fragen befriedigend. Dabei wäre es durchaus
von Interesse, ob hinter der totalitären Rhetorik, in der diese Szene gerne schwelgt, ein
ebensolches Weltbild steckt oder ob es sich
dabei lediglich um harmlose Kraftprotzerei
handelt. Wie würde nach den Vorstellungen
von Anonymous eine ideale Gesellschaft aussehen? Ist Anonymous politisch irgendwie
einzuordnen? Gibt es moralische Mindeststandards, auf die sich alle Maskenträger einigen können? Zu all dem hat dieses Buch nichts
mitzuteilen. Die 250 Seiten lesen sich weitestgehend wie das Werk faszinierter Zaungäste.
Dementsprechend ist es mehr eine flott geschriebene Bestandsaufnahme bisheriger
Aktivitäten von Anonymous als ein aufklärerisches Buch über eine sehr undurchsichtige
Szene.

EUGENE ROGAN
Die Araber. Eine
Geschichte von
Unterdrückung
und Aufbruch
Propyläen Verlag,
736 Seiten

I

m englischen Original von 2009 hieß Eugene Rogans Werk über die Neuzeit in den
Gebieten, die wir heute als Arabien bezeichnen, noch schlicht „The Arabs. A History“.
Der Propyläen Verlag erweiterte den Untertitel nach den Rebellionen 2011 zu „Eine Geschichte von Unterdrückung und Aufbruch“.
Entsprechend wartet die deutsche Ausgabe
auch mit einer Ergänzung auf, in der die Ereignisse des Arabischen Frühlings eingeordnet
werden. Der Autor räumt hier mit allzu naiven
Hoffnungen auf. Wessen Wissensdurst durch
diese Entwicklung geweckt wurde, der wird
auch die vorhergehenden 700 Seiten mit großem Gewinn verschlingen und anschließend
praktisch alle Nachrichtenmeldungen aus der
arabischen Welt besser beurteilen können.
Lediglich, dass die fesselnde Geschichtsschilderung erst 1517 beim Beginn der Osmanenherrschaft einsetzt, erscheint willkürlich gewählt. Die Genese des Nahostkonflikts um
Israel wird konzise, und – dem Titel angemessen – primär aus arabischer Perspektive geschildert. Wer hier tieferes Verständnis erlangen will, benötigt ergänzende Literatur.
Insgesamt ein kundiges, spannend geschriebenes und dringend aktuelles Buch.

87

KULTUR MENSCHENRECHTE

88

2.2012 liberal

Nordkoreas
vergessener Gulag
Wer an die Hölle glaubt, der findet ihr weltliches Pendant am
ehesten in den Arbeitslagern Nordkoreas. Exekutionen, Hunger,
Krankheit und Zwangsarbeit gehören zum Standardprogramm
der Häftlinge.

Fotos: Polaris/laif; Presse; DigitalGlobe/Getty Images

G

Sie sind unter uns: Die
Satellitenbilder zeigen Gulags
in Nordkorea. Schätzungsweise bis zu 200.000 Menschen vegetieren derzeit in
abgeriegelten Arbeitslagern
und Haftanstalten.

liberal 2.2012

lück hat, wer irgendwann ausgemergelt und
verstümmelt entlassen wird. Pech hingegen
haben jene, die sich unbefristet zu Tode arbeiten oder hungern. Brutale Abtreibungen und sadistische Folterorgien gehören zum festen Repertoire der
Wärter, die das Grauen penibel überwachen. Unüberwindbarer Stacheldraht sowie der sichere Tod bei
Fehlversuchen erschweren jegliches Fluchtvorhaben.
Umso wichtiger sind die Aussagen derer, die dennoch
entkamen. Solche Zeugnisse der Repression hat der
US-amerikanische Menschenrechtsaktivist David
Hawk in seinem Bericht „The Hidden Gulag“ zusammengefasst. Kombiniert mit Satellitenaufnahmen
verdeutlicht die Studie die Grausamkeiten im Gulag
selbst, wie auch dessen Aufbau und Organisation. Bis
zu 200.000 Menschen vegetieren derzeit in abgeriegelten Arbeitslagern und Haftanstalten. Darunter
fallen etliche Straftäter, deren Vergehen zum Beispiel
im Besitz einer südkoreanischen Zeitung bestand.
Lebenslange Zwangsarbeit hingegen droht politischen
Dissidenten und deren Angehörigen – auch ohne
rechtskräftige Verurteilung.
Einer von ihnen ist Kim Yong, der für seine Familie
in Sippenhaft genommen wurde. Nach ausgiebiger
Folter mittels eiskaltem Wasser, Handschellen und
Holzpflöcken landete er in einem der etlichen Lager.
Die Tage verbrachte er in der Kohlemine, die Nächte
zusammengepfercht mit 50 Häftlingen in einer engen
Baracke. Dabei sah er jenen, die durch Mangelernäh-

rung und Erschöpfung systematisch ausgelaugt
wurden, beim Sterben zu. Zudem berichtet Kim von
einem ausgehungerten Mithäftling, der wegen unerlaubten Sammelns von Haselnüssen exekutiert wurde.
Zwei Lager und drei Jahre später gelang ihm, versteckt
auf einem Kohletransporter, die Flucht nach Südkorea,
wo er seitdem lebt und 2003 seine Memoiren veröffentlichte.
Dies wohl zum Leidwesen der Führung Nordkoreas, die all das beharrlich leugnet. Daher ist der
Gulag zugleich die Achillesferse der Volksrepublik.
Denn wo autoritäre Regime auf Lügen basieren, da
geraten sie auch durch Transparenz ins Wanken. „The
Hidden Gulag“ hat großes Potenzial, ein Sandkorn im
Getriebe der nordkoreanischen Terrormaschinerie zu
werden.
Das in Washington ansässige „Committee for
Human Rights in North Korea“ (HRNK) stellt die Studie
über das Lagersystem Nordkoreas gratis zum Download bereit unter:
http://hrnk.org/wp-content/uploads/
April10_Agenda1.pdf

JENNIFER NATHALIE PYKA, Politikwissenschaftlerin, unterhält eine Kolumne auf „The European“,
schreibt für die „Achse des Guten“ und sah bei der
Lektüre ihre schlimmsten Befürchtungen über
Kim-Jong Uns Hungerreich übertroffen.
j.pyka@gmx.de

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KULTUR KUNSTMARKT

90

Cindy Sherman: Untitled #137
Chromogenic color print, 1984
Philadelphia Museum of Art

2.2012 liberal

H

underte Besucher stehen sich an diesem sonnigen Märznachmittag bis zur Ecke
des nächsten Blocks die Beine in den Bauch. Sie sind gekommen, um die expressiven Arbeiten der Fotokünstlerin Cindy Sherman zu bestaunen. Das New Yorker
Museum of Modern Art lockt – wieder einmal – mit einer Exposition der Superlative. Der Eintritt kostet 25 Dollar. Wer aber, wie das Gros der Besucher, für 75 Dollar
pro Jahr Mitglied im Förderverein ist, bekommt Prozente, auch im hypermodernen Kunstshop und in der Cafeteria. Das Versprechen: Wer fördert, wird Fan der Marke MoMa. Sie
funktioniert wie die Künstlerin Sherman, wie der moderne Kunstmarkt auch: nach den Gesetzen der Marktwirtschaft. Angebot trifft Nachfrage. Marketing paktiert mit Hochkultur. Kunst
ist Ökonomie, ist „Teil der Warenwelt“ geworden, fasst Kasper König, scheidender Kurator des
Kölner Museums Ludwig, zusammen. Das hat zur Folge, dass sie immer extremer wird. Die
Werke der Künstlerin Sherman etwa, auf denen sie sich in wiederkehrender Beständigkeit
selbst ablichtet, gehören zu den erfolgreichsten überhaupt. Ihr Selbstporträt von 1981 brachte
im vergangenen Jahr knapp 3,9 Millionen Dollar und gilt damit als teuerstes Foto in der Geschichte der Kunstauktionen. Für das gleiche Bild, vermuten Kunstexperten, hätte sich drei
Jahre zuvor noch kein Käufer gefunden. Begründung: zu teuer. Zu konservativ. Heute sind
dem Preis nach oben keine Grenzen mehr gesetzt.
Gleichzeitig boomt der Kunstmarkt am unteren Ende der Preisskala. „Kunst demokratisieren“ nennt das etwa Stefanie Harig, Gründerin und Geschäftsführerin der Galeriekette Lumas.
Ihr Unternehmen reproduziert Bilder von Fotografen in begrenzter Zahl und in hochwertiger
Technik für Kunden, die sich keine Einzelstücke leisten können oder wollen – aber auch
IKEA-Poster verschmähen. Zwischen 75 und 150 Stück umfasst eine Auflage in der Regel, die
Preise bewegen sich zwischen 350 und 700 Euro. Die durchschnittliche Wertsteigerung bei
Auktionen hat nach Angaben von Lumas zuletzt 333 Prozent betragen. Das „Mittelmaß“ bricht
aber weg. Werke bis 300.000 Euro verkaufen sich schlecht bis gar nicht. Kunst des 18. Jahrhunderts, deutsche Möbel, deutsches Silber, deutsches Porzellan – es läuft nicht mehr. Immer
mehr kleine Museen, Galerien und Auktionshäuser müssen schließen. Was der Kunde von
heute sucht, ist Kunst, die polarisiert und seinem Portfolio renditestarken Glanz verleiht.

Foto: a retrospective, exhibition Museum of Modern Art,new York © 2012 Cindy Sherman

Kalkül regiert den Kunstmarkt
Denn der Geschmack hat sich und den Markt verschoben. Von alt nach neu, von impressionistischen Seerosen hin zu Fotografie und moderner, junger Kunst, die von West nach Ost
wandert, weil dort immer mehr zahlungskräftige Sammler investieren. Die Bedeutung von
Museen nimmt tendenziell ab, während die von Privatsammlungen wächst. Noch nie sind so
viele Werke großer Meister für so viel Geld unter den Hammer gekommen. 2011 war nach
Erhebungen der Kunstpreisdatenbank Artprice das beste Auktionsjahr der Geschichte – trotz
oder gerade wegen Eurokrise, Inflationsangst und schwankenden Aktienkursen. Das ist die
größte Veränderung: Kunst ist nicht mehr nur Kultur-, sondern auch alternatives Anlagegut.
So heißt es in der Wochenzeitung Die Zeit, Kunst müsse als Anlageklasse in einer Reihe
mit Devisen oder Industrieanleihen genannt werden. Der Käufer orientiere sich dabei nicht
mehr an seinen Gefühlen, sondern an Indizes wie dem Mei-Moses-Index. Dieser bietet eine
Übersicht, wie sich ein Kunstobjekt entwickelt und vergleicht die Preise, die es bei der ersten
und jüngsten Auktion erspielt hat. Die Londoner Beratungsgesellschaft Fine Art Wealth
schreibt, Kunst als Anlageklasse sei Teil einer neuen Diversifizierungsstrategie. Und Johannes
Faber, der eine Galerie für Fotografie der Klassischen Moderne betreibt und vor Jahren einen
Fonds (Art Photography Fund) aufgelegt hat, erklärt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:
„Längerfristig sollte Kunst vergleichbar viel wie Aktien bringen, also zehn bis 14 Prozent“.
Was aber trotz aller Indizes und Analysen niemand voraussagen kann, ist, welches Werk
tatsächlich das Zeug zum „Blue Chip“ hat. Auch ist selbst unter Experten völlig unklar, wie
lange ein Trend hält, ob ein Künstler heiß bleibt oder sein Ruhm verblasst und damit auch
der Wert seiner Schöpfungen. Das Sammeln von Kunst erscheint deshalb auf den ersten,

liberal 2.2012

Profit
ist gut,
Leidenschaft
besser
Der Kunstmarkt boomt wie nie.
In Zeiten von Euro-Krise und
Inflationsangst lockt er mit satten
Renditen vor allem Anleger aus
Fernost. Doch wer sein Geld in
Gemälde, Grafiken oder Fotografien steckt, muss emotional
denken – mit rein strategischer
Kauflust alleine lässt sich kein
Mehrwert erzielen.
// TEXT // CHRISTINE WEISSENBORN

91

KULTUR KUNSTMARKT

ökonomischen Blick reichlich irrational. Der Markt gilt global gesehen als einer der letzten, der nicht reguliert wird. Bei kaum einem
anderen Gut sind die Unterschiede zwischen Gebrauchs- und
Tauschwert so groß. Zudem gehen Qualität und Preis oft auseinander. Die „Goldene Adele“ etwa sei schwülstig und kitschig, monierten
Kunstexperten. Trotzdem erzielte das Werk Millionen.
Rational erklären Ökonomen dieses Phänomen mit dem Ansatz
des „heterogenen Gutes“. Ein solches hat einen jeweils einzigartigen
Wert, der dementsprechend schwer zu bestimmen ist. Ihm gegenüber stehen „homogene Güter“ wie Zement, Süßrahmbutter oder
Superbenzin. Produkte also, die in ihrer
Qualität gleichförmig sind und deshalb auch
einen gleichförmigen Wert haben. Deshalb
können für sie tagesaktuell Preise ermittelt
werden. In der Kunst entstehen die Preise
während der Auktion, schwindelerregende
Versteigerungen treiben den Markt – bisweilen an den Rand des Wahnsinns. Aber: „Ein
ANDY WARHOL
Werk, das fasziniert, ist jeden Preis wert“, hat
der Künstler Jörg Immendorff einmal gesagt.
Das ist die emotionale Seite beim Kunstkauf. Ein Künstler, der an
seine Sache glaubt, ein Galerist, der ihn fördert, und ein Sammler, der
ihn entdeckt, reichen deshalb schon lange nicht mehr, um ein Kunstwerk groß zu machen. „Kunst wird durch Geld erst schön“, pflegte
Andy Warhol zu sagen. Diesen Entwicklungsprozess vom einfachen
Bild zum „Blue Chip“ im Auktionssaal befeuern gigantische Expositionen, wie sie das MoMa in New York, das Rijksmuseum in Amsterdam oder die Neue Nationalgalerie in Berlin veranstalten. Eine Ausstellung, die keinen Eventcharakter besitze, werde kaum noch
geschätzt, sagt Kurator König. Die Kunden verlangten Kirchner,
Mondrian, Warhol – oder eben Sherman.

„ KUNST IST
GEIST
IN FORM
GEGOSSEN“
Christian Boros, weltweit renommierter
Kunstsammler und ausgewiesener
Kenner der Szene, über die jüngsten
Umwälzungen auf dem internationalen
Kunstmarkt, seine Annäherung an
asiatische Kunst und das Bedürfnis,
seine Kunstleidenschaft zu teilen.

„Kunst wird
durch Geld
erst schön.“

// INTERVIEW // DOROTHEE VOGT

Zu diesen Kunden gehören vor allem die neuen Profiteure an den
Finanzmärkten. Sie kommen aus Schwellenländern, aus Russland,
Asien, den Golfstaaten sowie Lateinamerika und haben, weil sie
Inflation und steigende Preise fürchten, ein kaum zu stillendes Interesse an teuren Kunstwerken. Es gebe ein wachsendes Publikum aus
aller Welt, das den Kunstmarkt auf jedem Niveau und in jeder Sammelkategorie stärke, sagt Steven Murphy, Chef des Auktionshauses
Christie’s, im Onlineauftritt der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. In unsicheren Zeiten gelte Kunst als sichere Währung. Die
neuen Reichen investieren aber auch, weil sich mithilfe der schönen
Künste der erlangte Status demonstrieren lässt. Der Besitz von Kunst
verspreche ein unvergleichliches Prestige, schreibt der Soziologe
Olav Velthuis in seinem Buch „Talking Prices“. Sie sei noch nutzloser
als Yachten und Juwelen und der Inbegriff von absolutem Luxus.

92

Foto: NOSHE

Ein wachsendes Publikum aus aller Welt

2.2012 liberal

Herr Boros, kaufen Sie Kunst nach Bauchgefühl
oder entscheidet Ihr Kopf?
Es geht um eine Balance zwischen beidem. Jede
Begegnung mit einem Kunstwerk spricht mich
emotional an. Doch nur intuitiv zu kaufen würde
bedeuten, Kunst einfach nur anzusammeln, statt
sie zu sammeln. Vor jedem Kauf muss ich mir die
Frage stellen: Brauche ich das elfte Werk dieses
Künstlers wirklich?
Welche Rolle spielt für Sie die Idee der Kunst als
Investment?
Gar keine. Mich stören steigende Preise, denn dann
kann ich weniger kaufen. Ich bin kein Kunsthändler, sondern Kunstsammler. Das heißt: Ich bewahre,
pflege, vermehre Kunst – und trenne mich nicht
wieder von ihr.
Rund 700 Werke gehören Ihnen heute. Wieso
verkaufen Sie nicht, was Ihnen nicht mehr zusagt?
Alle Werke sind Teil meiner Biografie und haben
mir einmal viel bedeutet. Oft hole ich Arbeiten
wieder aus der Sammlung, wenn Sie mir neue
Erkenntnisse bieten. Das funktioniert wie in einer
Beziehung: Es gibt euphorische Zeiten und schwierigere.
Wie bewusst ist Ihnen, dass Sie als Sammler die
Preise und damit den Markt mitbestimmen?
Natürlich bin ich Teil des Systems. Doch ich agiere
nicht gezielt oder spiele mit Kunst als Anlage. Ich
sammle seit 30 Jahren. Erst in den vergangenen
sieben, acht Jahren ist die Zahl der Akteure am
Markt, die Kunst spekulativ betrachten, rasant
gestiegen.

CHRISTIAN BOROS, 48, ist
Inhaber einer großen
Werbeagentur und einer der
bedeutendsten internationalen
Kunstsammler. Mit 18 kaufte er
sein erstes Kunstwerk, ein Bild
von Beuys. Heute gehören ihm
rund 700 Werke, rund 100
präsentiert er dem Publikum
in einem umgebauten Bunker
in Berlin-Mitte.

liberal 2.2012

Ihre Sammlung generiert sich in erster Linie aus
Werken zeitgenössischer europäischer Künstler.
Welchen Bezug haben Sie zur derzeit boomenden
asiatischen Kunst?
Ich bin ein Ur-Europäer, geprägt vom Freiheitsgedanken und der Idee des selbstbestimmten Künstlers, der die größtmögliche schöpferische Freiheit
haben muss, um Kunst erschaffen zu können. Mit
der asiatischen Kultur habe ich lange gefremdelt.
Erst Ai Weiwei, der lange in New York gelebt hat
und eine Brücke schlägt zwischen der asiatischen

und der westlichen Welt, hat mir einen Zugang
ermöglicht. Dafür bin ich ihm dankbar.
2011 hat China die USA als führende Kunsthandelsnation überholt. Wie schätzen Sie die rasante
Entwicklung auf dem asiatischen Kunstmarkt ein?
Noch vor Kurzem war der asiatische Markt ein
Closed Shop, bestimmt vom neuen Wohlstand der
Chinesen, die in erster Linie asiatische Kunst
kauften. Schnell waren diese Werke Millionen
wert, ohne dass man im Westen auch nur die
Namen der Künstler kannte. Diese Welle ist nun
abgeflaut. Derzeit bricht der asiatische Markt auf:
Vor allem die Chinesen nehmen an der internationalen Kunstdiskussion teil, kaufen Andy Warhol
oder Gerhard Richter. Sie platzen vor Energie, sind
wissenshungrig und wollen weg vom stillosen
Anhäufen von Besitz. Vor allem die jüngere Generation begeistert sich auch für komplizierte, weniger repräsentative Kunst.
Wann wird Ihrer Einschätzung nach der Preiszenit der westlichen Kunst erreicht sein?
Das ist nicht abzusehen. Es kommen besonders
aus China Millionen von Menschen nach, die zu
Wohlstand gekommen sind. Sie wollen in geistige
Werte investieren – und Kunst ist Geist in Form
gegossen.
Sie zeigen der Öffentlichkeit in Ihrem Ausstellungsbunker einen großen Teil Ihrer Sammlung.
Haben Sie Sendungsbewusstsein?
Irgendjemand hat mich einmal als „Zwangsbeglücker“ bezeichnet, was ich als großes Kompliment
empfand. Ich bin von dem missionarischen Eifer
getrieben, Kunst, die mich bewegt, weiterbringt,
beglückt, anderen zu vermitteln. Kunstsammeln ist
kein reines Privatvergnügen, sondern immer auch
eine gesellschaftliche Aufgabe.
Was zeichnet eine Arbeit aus, die es vermag, Sie zu
begeistern?
Ich kaufe ausschließlich Arbeiten, die mich zunächst verstören und die ich nicht verstehe, denn
nur diese haben das Potenzial, mich über meine
eigenen Grenzen hinauszubringen. Zeitgenössische
Kunst verstößt gegen Regeln: Sie muss wehtun.

93

KULTUR KUNSTMARKT

Gerhard Richter: Betty
Öl auf Leinwand, 1988
Ausstellung Panorama
in der Neuen Nationalgalerie

Gerade erst hat sich so China zum größten nationalen Kunstmarkt
der Welt aufgeschwungen. Erstmals wurde dort im vergangenen Jahr
mit einem Marktanteil von 30 Prozent mehr erzielt als in Amerika.
Gleichzeitig steige die Bedeutung chinesischer Kunst, meinen renommierte Kunstsammler, darunter auch Christian Boros. Noch vor
Kurzem sei der asiatische Markt ein Closed Shop gewesen, bestimmt
vom reichen Chinesen, die in erster Linie asiatische Kunst kauften,
verrät Boros. Derzeit aber breche der asiatische Markt auf und vor
allem Jüngere begeisterten sich für weniger repräsentative Kunst,
erklärt Boros im liberal-Interview (lesen Sie mehr auf Seite 92). Galt
bislang unangefochten Picasso als bestverkaufter Künstler aller
Zeiten, macht ihm inzwischen ein Chinese Konkurrenz: Qi Baishi. Im
Westen kennt ihn kaum jemand. Für eines seiner Werke aus den
40er-Jahren aber wurde vor ein paar Monaten bei einer Auktion in
Peking die Rekordsumme von umgerechnet 65 Millionen Dollar
gezahlt. Prompt erwarb daraufhin die Art Basel die Mehrheitsanteile
an der Kunstmesse Hongkong Art Fair. Dieser Wandel der Kunst vom

94

einfachen ästhetischen hin
zu einem Investitions- und
Spekulationsobjekt verteuert
sie allerdings auch für staatlich subventionierte Museen,
die sich die Werke deshalb
JÖRG IMMENDORFF
häufig nicht mehr leisten
können. Immer öfter bestimmen stattdessen private
Sammler als Leihgeber oder Stifter von ganzen Sammlungen, was in
den Museen zu sehen ist, und, wenn man so will, mit ihren Millionendeals und ein paar Galeristen das Bild der Branche. Gleichzeitig
mischen neue, potente Museen am Kunstmarkt mit, vor allem im
arabischen Raum. Bei Auktionen bis zum Schluss im Rennen ist
inzwischen oft das katarische Museum Mathaf in Doha. Auch das
Guggenheim Abu Dhabi, das 2013 eröffnen soll und elfmal so groß ist
wie das New Yorker Guggenheim, hortet schon fleißig. Bis zur Eröffnung ist zwar noch Zeit, das Ziel lautet aber, bis dahin jeden Tag ein
wichtiges Stück Kunst zu kaufen.
Nicht umsonst haben deshalb kürzlich vier Kulturexperten für
Deutschland gefordert, die Hälfte aller Kultureinrichtungen zu schließen, frei werdendes Fördergeld auf einige wenige ausgewählte Häuser zu verteilen, um diesen zu ermöglichen, im internationalen
Wettbewerb zu bestehen und die Bundesrepublik so vor einem
Kulturinfarkt zu bewahren. Begründung: Masse töte Klasse. Staatsgeld kille Erfolg. Und tatsächlich: Museen wie das MoMa zeigen, dass
es Subventionen nicht einmal braucht, um Besucher zu locken. Das
Haus kooperiert erfolgreich mit Konzernen wie VW. Es demonstriert,
dass wer transparent wirtschaftet, Angebot und Nachfrage im Blick
behält und auf sein Publikum eingeht, mit Erfolg rechnen kann.
Die Kunstwelt befindet sich im Wandel. Ihr immanent bleiben
wird, dass sie unberechenbaren Moden unterworfen ist. Die Gemälde des teuersten lebenden Künstlers Gerhard Richter etwa bringen
zweistellige Millionenbeträge. Er selbst findet diese Preise „unverständlich, albern und unangenehm“. Auch viele Experten halten den
Boom für eine Blase, die früher oder später platzen wird. Hinzu
kommt, dass die Märkte immer globaler werden – und digitaler.
Das Internet ermöglicht es Sammlern, viel leichter Zugang zu
Kunstinformationen und Bildern zu bekommen und an Auktionen in
aller Welt teilzunehmen. Katja Liese vom Vermögensverwalter Feri
empfiehlt in der Berliner Zeitung, bei aller Kauflust stets auch die
„emotionale Rendite“ im Blick zu behalten. Man solle, so ihr Rat, nur
erwerben, was auch gefalle, was „fasziniere“, wie Immendorff es
nennt. So käme zum Gewinn auch der Genuss – und ein Verlust lasse
sich notfalls verschmerzen. Egal, wie teuer das Kunstobjekt war. ●

CHRISTINE WEISSENBORN ist
Redakteurin bei corps und diplomierte
Kulturwirtin. So war sie froh, endlich
über Kultur und Wirtschaft schreiben
zu dürfen. weissenborn@libmag.de

2.2012 liberal

Fotos: Panorama, Ausstellung Neue Nationalgalerie Berlin © 2012 Gerhard Richter; Privat

„Ein Werk, das
fasziniert, ist
jeden Preis wert.“

WOLFGANG GERHARDT TRIFFT …

… D I E S M A L : M I C H A I L K A S S JA N OW
WOLFGANG GERHARDT, Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die
Freiheit, hat sich in seinem Berliner Büro mit dem russischen Oppositionspolitiker MICHAIL
KASSJANOW unterhalten. Im Mai 2000, wenige Tage nach der Vereidigung Putins als
Präsident, wurde Kassjanow zum russischen Ministerpräsidenten ernannt. Sein Verhältnis zur
Staatsmacht verschlechterte sich trotz erfolgreicher Wirtschaftsreformen, nachdem er 2003 die
Festnahme Platon Lebedews, der zusammen mit dem zuvor ebenfalls inhaftierten Michail
Chodorkowski einer der Vorstandsmitglieder des Ölkonzerns Jukos war, als „überzogen“
kritisierte. Im Februar 2004, wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen, wurde Kassjanow
mitsamt seinem Kabinett auf Erlass Putins entlassen. Kassjanow ist – als Vertreter für den von
ihm geleiteten Russischen Volksdemokratischen Bund (RNDS) – Mitgründer und Vorsitzender
// FOTOS // REGINA SABLOTNY
der sich im Aufbau befindenden Partei der Volksfreiheit.

liberal 2.2012

95

IM GESPRÄCH

GERHARDT: Lieber Herr Kassjanow, das
ist unser zweites Treffen, in Ihrem Land
beginnt sozusagen die zweite Amtszeit
von Präsident Putin. Russland hat die
Charta der Vereinten Nationen unterzeichnet, die Schlussakte von Helsinki.
Putin hat die Ideale von Freiheit, Menschenrechten und Demokratie als Russlands bestimmende Werte bezeichnet.
Entscheidet sich der Präsident jetzt
glaubwürdig und entschieden für diesen
Weg?
KASSJANOW: Es gibt zurzeit sehr interessante Entwicklungen, allerdings im Bereich
der Gesellschaft – nicht des Staates. Die
staatlichen Institutionen sind weiter ihren
Dogmen verhaftet, von dort kommen keine
Reformansätze. Natürlich haben die großen
Demonstrationen im Dezember 2011 etwas
erreicht – allerdings weniger, als wir erwartet
haben. Putin zum Beispiel hat nicht reagiert.
In jedem normalen Land hätte ein Regierungschef Konsequenzen gezogen, den
Protest zumindest als Fingerzeig gewertet
und den Dialog gesucht – nicht so Putin.
Dadurch ist der Graben zwischen Regierung
und Bevölkerung eher größer als kleiner
geworden. Putin wird jetzt vor allem im
Westen Partner suchen und um Anerkennung werben und er wird das mit liberaler
Rhetorik tun. Er wird die Rechtsstaatlichkeit
Russlands betonen und die Sicherheit für
Investoren hervorheben. Solche Beteuerungen wird er vor allem Deutschland gegenüber abgeben, aber die gehen Putin leicht
von der Zunge.

96

»REFORME N
BEDEUTE N RISIKO–
UND PUTIN IST
N I C H T B E R E I T,
RISIKE N
EINZUGEHEN.«
MICHAIL KASSJANOW

Die Reden des Präsidenten haben schon
in seiner ersten Amtszeit die Notwendigkeit kompletter Modernisierung in Staat,
Wirtschaft und Gesellschaft erkennen
lassen. Putin erscheint als politisches
Schwergewicht. Wer hindert ihn an
bahnbrechenden Taten? Seine Umgebung, auf die er seine Macht stützt
und die bei Veränderungen verlieren
könnte?
Nicht nur sein Umfeld, auch er selbst. Er ist
vor allem selbst nicht reif dafür, sich dem
Wettbewerb zu stellen. Das Kernproblem ist:
Reformen bedeuten Risiko – und Putin ist
nicht bereit, Risiken einzugehen. Deshalb
wird er keine echten Reformen durchsetzen,
sondern nur Imitationen davon. In der
Realität wird er nichts liefern. Auf diese
Weise kann er die Bevölkerung für ein oder
zwei Jahre beruhigen, dann geht das Spiel
von Neuem los. Nichts als schöne Worte.

Russland umfasst annähernd neun Zeitzonen der Erde. Veränderungen brauchen sicher Zeit. Demonstrationen in
Moskau sind sichtbar. Gibt es erkennbare
gesellschaftliche Bewegungen auch
anderswo und wie chancenreich sind sie?
Neben Moskau gab es auch nennenswerte
Demonstrationen in St. Petersburg, Nischni
Nowgorod und Jekaterinburg. Dazu kommen
noch einige andere Städte, aber in der Tat:
Die Proteste fanden nur in großen Städten
statt. Und getragen wurden sie von der
Mittelschicht. Leute, die eine freiheitliche
Gesinnung haben und sich über das Internet
unabhängig informieren. Leute, die recht
erfolgreich sind, sich eine Existenz mit einem
kleinen Geschäft aufgebaut haben. Oder die
für ausländische Unternehmen arbeiten. Da
sind auch viele dabei, die schon gereist sind
und wissen, wie die Menschen in Polen, in
Tschechien oder in Deutschland leben.

2.2012 liberal

Fotos: Regina Sablotny

Russland hat mutige Journalistinnen
und Journalisten. Sie werden oft bedrängt und behindert, sogar bedroht.
Eine offene Medienlandschaft ist
in einer Demokratie unverzichtbar.
Es gibt ein paar Gruppierungen, die das
leisten. Zum Beispiel der Moskauer Fernsehsender Doschd. Die sind unabhängig und
haben ausführlich über die Proteste berichtet. Sehr zum Unwillen der Behörden. Dann
gibt es eine Handvoll Radiostationen, die
unabhängig berichten. Also, es sieht bei uns
nicht aus wie in Weißrussland. Putin hat
seine Anhänger dort, wo man sich nicht
übers Internet informiert. Sei es aus technischen oder aus Altersgründen. Dort schlägt
eine Rhetorik ein, die behauptet, die Liberalen würden das Vaterland an den Westen
verkaufen wollen. Dennoch: Ich schätze den
Anteil der grund<sätzlich oppositionell
eingestellten Menschen in Russland auf 50
Prozent. Die andere Hälfte unterstützt das
System – weil sie es für alternativlos hält.
In den Medien wird das so aber nicht abgebildet, da haben wir Oppositionelle eben
praktisch keinen Zugang.
Sie waren Ministerpräsident Russlands,
jetzt gehen Sie einen mühevollen Weg
sozusagen an der Basis eines großen
Landes. Was unternehmen Sie gegenwärtig konkret?
Wir Liberale konzentrieren uns jetzt auf die
kommenden lokalen Wahlen. Dabei bauen
wir auf ein Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes, nachdem die
Auflösung der Republikanischen Partei
unzulässig war. Über diese Wahlen wollen
wir unser Wahlbündnis konsolidieren.
Höhepunkt wird die Moskauer Regionalwahl
im Herbst 2014 sein. Die hat Symbolwirkung,
nicht nur, weil dort zehn Prozent der Wahl-

liberal 2.2012

berechtigten leben, sondern weil das ganze
Land dorthin schaut.
Hatten Sie überhaupt Hoffnung,
zur vergangenen Wahl zugelassen
zu werden?
Hoffnungen hatten wir schon. Aber die
haben sich zerschlagen, Putin wollte dieses
Risiko nicht eingehen. Jetzt, mit dem Urteil
des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes im Rücken, kämpfen wir uns Stück für
Stück zurück. Entscheidend wird aber der

Veränderungswille der Gesellschaft sein.
Wenn sich die Regierung auch nicht ändern
will – die Gesellschaft will es.
Das bleibt zu hoffen. Ein demokratisches
und weltoffenes Russland wird
gebraucht. Es ist wichtig zu signalisieren,
dass die Türen offen sind und dass die
Entscheidung bei den Menschen in Russland liegt, welchen Weg sie gehen wollen.
Ich freue mich auf unsere nächste Begegnung in der Liberal International. ●

»EIN DEMOKRAT I S C H ES U N D
W E LT O F F E N E S
RUSSLAND WIRD
G EB R A U C H T. «
WOLFGANG GERHARDT

97

ZITATE DER FREIHEIT

„ JE MEHR SICH POLITISCHE
UND WIRTSCHAFTLICHE
FREIHEIT VERRINGERN, DESTO MEHR PFLEGT
DIE SEXUELLE FREIHEIT SICH
KOMPENSATORISCH AUSZUWEITEN.“
ALDOUS HUXLEY, „SCHÖNE NEUE WELT“ (1946), VORWORT

98

und in Erinnerung an seinen Roman „Schöne neue
Welt“ von 1932, versteht man, was er gemeint hat. Da
bekommt die sexuelle Freiheit nämlich eine gänzlich
andere, von der Biologie losgelöste Funktion, sie wird
zum Genussmittel, zum Tranquilizer, zur Glücksdroge
und Konsumgut schlechthin. Vielleicht hat er ja geahnt,
was die Genforscher erst später herausgefunden haben,
dass das Glückshormon Oxcytocin, das bei jedem Orgasmus den Körper überschwemmt, zufrieden, friedlich
und behaglich macht. Sex als kostenlose Droge, als Sedativum. Aha! Und dann fällt einem die „ehemalige“
DDR ein. Da ging es im Gegensatz zur „ehemaligen“ BRD
zu wie in Sodom und Gomorra. Man sollte mal Feldforschung in Nordkorea betreiben. ●

Illustration: E. Merheim; Foto: ZDF

B

eim ersten Lesen stutzt man. Politisch-wirtschaftliche Freiheit und sexuelle Freiheit wie
zwei kommunizierende Röhren: Erhöht man
den Druck auf den Einzelnen politisch, befreit
er sich sexuell? Seltsam. Beim zweiten Lesen begreift
man, was Huxley gemeint haben könnte. Sexualität ist
immer ein Ventil. Anders als Politik und Wirtschaft ist
sie dem Säugetier Mensch evolutionär eingeschrieben.
Nur bedingt lässt sie sich kontrollieren. Erst im Prozess
der Zivilisation, so wie ihn Nobert Elias beschrieben hat,
ist die Naturkraft Sex mehr oder weniger eingehegt worden. Die Triebe in mir selbst unter Kontrolle halten, das
war der Schlüssel für die wahre schöne neue Welt, die
wir heute Moderne nennen. Und in Max Webers protestantischer Ethik war Sexualität allenfalls als dynastischer
Gründungsakt frei wirtschaftender Kaufmannsfamilien
gedacht. Bis hierher könnte also der Umkehrsatz, gegen
Huxley formuliert, gelten: Wo natürliche Sexualität unterdrückt wird, entsteht erst Politik als Garant eigenverantwortlichen Wirtschaftens. Beim dritten Lesen nun,

Mehr Freiheitszitate: www.freiheit.org/zitate
VOLKER PANZER ist Fernsehjournalist
und seit 1997 Leiter und Moderator des
ZDF-Nachtstudios.
panzer@libmag.de

2.2012 liberal

„ DIE PRESSE IST
DIE ARTILLERIE
DER FREIHEIT.“
HANS-DIETRICH GENSCHER

Wer liberal regelmäßig liest,
nimmt teil an der lebhaften Debatte
über Ziele freiheitlicher Politik für
das nächste Jahrzehnt.
Und: liberal zeigt, welche Bedeutung
Freiheit für jeden Einzelnen und die
Gesellschaft hat - als Freiheit vom
Zwang ebenso wie als Freiheit zur
Gestaltung des eigenen und gesellschaftlichen Lebens.
liberal ist eine unabhängige Insel
freiheitlichen Diskurses.
Wer liberal gelesen hat, weiß mehr und
kann besser urteilen.

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