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Gabriele Schmid: Ethnomethodologie

I.

Hierarchien

I.1.

Erkenntnistheorie

I.2.

Wissenschaftstheorie

I.3.

Methodologie

I.4.

Ethnomethodologie

I.5.

Ethnologie

I.6.

Ethnographie

II.

Ethnomethodologie

II.1.

Ethnomethodologische Grundannahmen

II.2.

Ethnomethodologischer Gegenstand

II.3.

Ethnomethodologische Forschungsmethoden

III.

Ethnomethodologie, Ethnologie und Ethnographie:

III.1.

Zum Verhältnis von Theorie und Praxis Ethnologische Praxis als Versuch der 'dichten Beschreibung'

III.2

Kulturelle Handlungen sind Zeichen:

III.4.

der semiotische Kulturbegriff Ethnographie als Deutung:

III.4.1.

die Unvereinbarkeit von Ereignis und Begriff Lebenszusammenhang

III.5.

Ethnographie als Differenz:

III.5.1.

die Aufzeichnung ist nicht das Ereignis Ethnographie und fotografische Medien

III.6.

Allgemeine Relevanz und Ziele ethnologischer Forschung

IV.

Ethnomethodologie und Erziehungswissenschaft

V.

Fazit

VI.

Literatur

1

I.

Hierarchien

Die Umgangssprache ist ein Teil des menschlichen Organismus und nicht weniger kompliziert als dieser. / Es ist menschenunmöglich, die Sprachlogik aus ihr unmittelbar zu entnehmen. / Die Sprache verkleidet den Gedanken. Und zwar so, dass man nach der äußeren Form des Kleides, nicht auf die Form des bekleideten Gedankens schließen kann; weil die äußere Form des Kleides nach ganz anderen Zwecken gebildet ist als danach, die Form des Körpers erkennen zu lassen. / Die stillschweigenden Abmachungen zum Verständnis der Umgangssprache sind enorm kompliziert. Ludwig Wittgenstein

Die Ethnomethodologie ist hervorgegangen aus Erkenntnissen der Ethnologie, die, als 'Kolonialwissenschaft' entstanden, versuchte und versucht, die Gebräuche fremder Völker zu erforschen. Den Blick der Ethnologie auf die Sitten fremder Völker übertrug die Ethnomethodologie auf die eigenen Alltagsgebräuche. Dieser Gegenstand des ethnomethodologischen Forschens besitzt im Sinne eines hierarchischen Systems nicht als letztes Glied die geringste theoretische Relevanz. Die Ethnomethodologie anerkennt alltägliches Handeln gleichberechtigt neben theoretischen Ideen und Methoden als sinnstiftend.

I.1.

Erkenntnistheorie

Die Erkenntnistheorie "versucht die Frage zu beantworten, 'wie menschliche Erkenntnis, gleichgültig ob wissenschaftlich, vorwissenschaftlich oder unwissenschaftlich, überhaupt möglich ist.'" 1

I.2.

Wissenschaftstheorie

Die Wissenschaftstheorie ist ein Spezialfall der Erkenntnistheorie. Sie bietet der Wissenschaft Kriterien an, die Voraussetzung sein sollen für die Sicherung wissenschaftlicher Vorgehensweise. Der Wissenschaftstheorie geht es um die grundsätzliche Legitimation wissenschaftlichen Erkennens. Sie prüft nicht Ergebnisse von Wissenschaften, sondern fragt, wie diese Wissenschaften überhaupt erst möglich werden. Die Wissenschaftstheorie bestimmt, wie wissenschaftliche Erkenntnis zu gewinnen ist.

I.3.

Methodologie

Wie die Wissenschaftstheorie sind Methodologien Metatheorien. Methodologien als Spezialfälle der Wissenschaftstheorie beschäftigen sich mit der Frage, unter

1 Lamnek, Bd. 1, 1995, S. 57.

1

welchen Bedingungen wissenschaftliche Erkenntnis bezogen auf eine bestimmte Disziplin möglich ist. Aus metatheoretischen Entscheidungen leiten sich Methoden und Techniken ab, die der Datengewinnung und -auswertung dienen.

I.4.

Ethnomethodologie

Das Interesse der Ethnomethodologie ist auf die sozialen Strukturen der Alltagshandlungen gerichtet. Ziel der Ethnomethodologie ist es, die Konstruktion von Wirklichkeit sowie die dabei notwendigen Techniken der Sinnproduktion und Sinninterpretation aus der Perspektive der Handelnden heraus zu verstehen. Die Ethnomethodologie vertritt die Position, dass Gesellschaft nur in den Handlungen ihrer Mitglieder existiert. "Gesellschaft konstituiert sich durch die Hervorbringung von Sinnstrukturen durch die Gesellschaftsmitglieder." 2 Personen konstituieren Strukturen, indem sie ihre Sinndeutungen und ihre Handlungen aneinander orientieren. Innerhalb ihrer alltäglichen Situationen agieren Menschen 'wie selbstverständlich'. Diese Selbstverständlichkeiten zu erklären ist Gegenstand der Ethnomethodologie.

I.5.

Ethnologie

Die Ethnologie ist eine Praxis der Ethnomethodologie (Ethnomethodologie wird auch angewendet z.B. im Bereich der Erziehungswissenschaft, andere Anwendungsgebiete sind denkbar.). Von ihrer Tradition her untersucht die Ethnologie das Leben und die Sitten fremder Kulturen. Heute wird Ethnologie nicht mehr hauptsächlich betrieben zur Katalogisierung des Andersartigen, vielmehr wird das Andersartige in Bezug gesetzt zum Vertrauten, um den eigenen Blick zu schärfen für das Erkennen der eigenen Wirklichkeitskonstruktionen.

I.6.

Ethnographie

Ethnographie ist die Praxis der Ethnologie. Der Ethnograph hält seine Beobachtungen und Deutungen in einem bestimmten Medium - meist der Schriftform - fest. Ethnographische Beschreibung ist deutend; das, was sie deutet, ist der Ablauf des sozialen Diskurses; das Deuten besteht darin, das 'Gesagte' in einem Medium festzuhalten. In der heutigen Ethnographie hat eine Reflexion darüber eingesetzt, dass die Niederschrift in einem Medium etwas anderes ist, als das dem Niedergeschriebenen zugrunde liegende.

2 Lamnek, Bd. 1, 1995, S. 52.

2

3

II.

Ethnomethodologie

II.1.

Ethnomethodologische Grundannahmen.

Ethnomethodologie enthält erkenntnistheoretische und gesellschaftstheoretische Grundannahmen.

Erkenntnistheoretische Grundannahmen. Ethnomethodologen betrachten den Erkenntnisvorgang als eine konstruktive, sinnstiftende Tätigkeit. Sie besteht in der Produktion einer Unzahl von Unterscheidungen. Das Subjekt erkennt die Welt, indem es Grenzen zieht. Es trifft eine Auswahl aus dem Horizont unendlicher Möglichkeiten. Bezogen auf den Raum trennt das Subjekt zwischen 'hier' und 'dort'. 'Hier' bezeichnet den Ort, den der Leib des Subjekts einnimmt, den Mittelpunkt seines räumlichen Koordinatensystems. Von diesem Ort aus gliedert und organisiert das Subjekt den Raum in seiner Reichweite. Dieser Raum gewinnt seine Kontur durch die Grenze zu dem, was 'dort', jenseits der Reichweite liegt. Seine Handlungen strukturiert das Subjekt nach 'Weil'- und 'Um-zu-Motiven'. Erstere verweisen auf vergangene Erfahrungen, letztere verweisen auf die Zukunft als Entwurf. Das Subjekt unterscheidet zwischen 'Fiktion' und 'Realität'. Durch diese Unterscheidung wird eine Skala von Wirklichkeiten erzeugt, denen eine je besondere Art der Bewußtseinsspannung entspricht. Durch die Veränderung dieser Bewußtseinsspannung vom Hellwach-Sein bis zum tiefen Traum gelangt das Subjekt von einem Sinnbezirk in den anderen.

Wie fundamental die Unterscheidung in Realität und Fiktion ist, zeigt das Beispiel Don Quichottes, der so ungebrochen in der Welt des Scheins lebt, dass er ihre Grenzen nicht mehr erkennt. Alles, was ihn daran erinnern könnte, dass die Wirklichkeit der Phantasie nicht die Wirklichkeit ist, wird von ihm, noch bevor es in sein Bewußtsein dringen kann, umgedeutet. Das Beispiel Don Quichottes zeigt auch, dass der zeitweilige Wechsel zwischen den Sinnbezirken lebensnotwendig ist. Aufgrund seiner

völligen Abkapselung von der Realität könnte Don Quichotte als reale Figur wohl nicht existieren. 3

Die Aufteilung der Welt in verschiedene Sinnbezirke und die darin jeweils geltenden Raum- und Motivstrukturen sind das Ergebnis einer strukturierenden Tätigkeit des Subjekts. Dem Treffen von Unterscheidungen verdankt seine Wirklichkeit ihren sinnhaften Aufbau.

Gesellschaftstheoretische Grundannahmen. Die strukturierende Tätigkeit ist immer eine gesellschaftliche. Die Voraussetzung für die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit ist ein System intersubjektiv geteilter Bedeutungen. Gemeinsame Interpretationsverfahren und Wissensbestände steuern die soziale Wahrnehmung im

3 Ethnologische Erkenntnisse haben gezeigt, daß die konstruierte Trennung zwischen Realität und Fiktion in anderen Kulturen so grundlegend anders sein kann, daß eine sinnvolle Übertragung dieses Begriffspaars nicht möglich ist. Die Wirklichkeitskonstruktionen anderer können in die eigene Begrifflichkeit nicht übersetzt werden, weil diese für die Erfahrungen der anderen keine Begriffe hat, weil diese Erfahrungen aus der eigenen Wirklichkeitskonstruktion ausgeschlossen und z.B. den Bereichen Schein, Halluzination oder Wahnsinn zugeordnet sind. (Siehe Duerr, 1983.)

3

4

Alltag und bestimmen den Sinn dessen, was geschieht. "Ohne solche Gemeinsamkeiten wäre eine Verständigung zwischen den Subjekten nicht möglich.

Sie müßte zwangsläufig die Form eines 'regressiven Dialogs'

jeder den jeweils anderen immer nur fragt, was er meint." 4 Der in der Realität Handelnde stützt sich wegen der Vieldeutigkeit alltäglicher Situationen auf Rahmenbedingungen, die es gestatten, die Mehrdeutigkeiten so zu reduzieren, dass gegenseitiges Verstehen und Sinndeutungen ermöglicht werden. Minimalbedingungen jeder Art von Interaktion sind:

annehmen, in dem

1. Reziprozität der Perspektiven. Die allen Beteiligten gemeinsame Unterstellung, dass ihre Erfahrungen von der unmittelbar gegebenen Szene dieselben bleiben, wenn sie ihre Plätze tauschen. Alle Beteiligten müssen annehmen, dass jeder die gegebene Situation in einer weitgehend identischen Art interpretiert und ihr nach denselben Prinzipien Bedeutungen zuordnet.

2. Et-cetera-Annahme. Die allen Beteiligten gemeinsame Unterstellung, dass der Gesprächspartner die eigenen notwendig vagen Äußerungen ergänzt und stillschweigend mit Bedeutungen ausfüllt.

3. Die Laß-es-geschehen-Regel, läßt unklare Handlungen zu, solange gemeinsame Ziele nicht gefährdet werden.

4. Die rückschauend-vorschauende Sinnorientierung ermöglicht, bezüglich unklarer Situationen sowohl das Erinnern an vergleichbare Situationen in der Vergangenheit als auch die Hoffnung auf eine Klärung in der Zukunft.

"Beispiel:

begegnet und ihn wieder grüßt, der Gruß jedoch

nicht erwidert wird, könnte man annehmen, man sei diesem Menschen tatsächlich noch nie begegnet. Meist wird man jedoch vermuten, der andere habe die Person oder den Gruß nicht wahrgenommen, sei schlechter Laune oder man selbst habe die Erwiderung des Grußes nicht mitbekommen. Diese Vieldeutigkeit der Situation könnte dadurch einer zukünftigen Klärung zugeführt werden, dass man die nächste Begegnung abwartet, um festzustellen, ob der Bekannte dann zurückgrüßt. Wird der Gruß nicht erwidert, so wird die frühere Situation aufgrund des neuen Mustern interpretiert und gedeutet

werden." 5

Wenn man einem schon oft gegrüßten Bekannten

5. Normalformen: Die allen Beteiligten gemeinsame Unterstellung, dass jeder nach ähnlichen Gesichtspunkten beurteilt, was als normal gilt und was nicht. Situationen werden so (um)gedeutet, dass sie den gewöhnlichen Erwartungen entsprechen. 6

Die Gemeinsamkeiten, die Bedingung sind für die gesellschaftliche Interaktion sind auch deren Resultat, sie sind eine gesellschaftliche Konstruktion. Eine gemeinsame Tätigkeit kommt aber nur dann zustande, wenn das System von Wissen und Methoden geteilt und nicht geteilt wird. "Durch das gemeinsam geteilte System von Bedeutung, Wissensbeständen, Erwartungen und Methoden geht ein

4 Parmentier, 1989, S. 555.

5 Lamnek, Bd. 1, 1995, S. 54.

6 Beispiel dafür sind die Krisen- bzw. Zusammenbruchsexperimente von Harold Garfinkel (einem Vertreter des symbolischen Interaktionismus), in denen er die Interaktionserwartungen der beteiligten Personen enttäuschte und beobachtete, wie sie sich bemühten, wieder eine sinnvolle und für sie befriedigende Situation herzustellen.

4

Bruch." 7 Auf der Basis völliger Übereinstimmung könnte eine gemeinsame Konstruktion von Wirklichkeit nicht stattfinden, da den Individuen keine Chance für Individuation mehr gegeben wäre. Gemeinsamkeit und Verschiedenheit sind in gleicher Weise Bedingung der Möglichkeit gesellschaftlicher Tätigkeit. "Ohne Gemeinsamkeit ist der gesellschaftliche Prozeß nicht möglich, ohne Verschiedenheit nicht nötig. Der gesellschaftliche Prozeß besteht in der Darstellung und Gegenüberstellung individueller Realitätskonstruktionen auf der Basis gemeinsam geteilter und vertrauter Wissens- und Verfahrensbestände.

II.2.

Ethnomethodologischer Gegenstand

Der gesellschaftliche Prozeß, in dem individuelle Realitätskonstruktionen verwendet werden auf der Basis gemeinsamer Deutungsmuster, ist der Gegenstand der Ethnomethodologie. Ethnomethodologen begreifen Wirklichkeit als einen Prozeß, in dem durch das Handeln der Subjekte die soziale Ordnung dauernd sowohl hervorgebracht als auch verändert wird. Die Ethnomethodologie will die Hervorbringung, Verwendung, Veränderung und Zerstörung der Muster von Sinndeutungen und Handlungen erforschen. Diese Handlungen werden Methoden genannt, denn die Handelnden gehen in der Bewältigung von Alltagssituationen methodisch vor. Ethnomethodologen fragen nicht, warum Menschen bestimmte Handlungen durchführen, sondern wie sie sie durchführen. "Ethnomethodologie ist die Lehre von den Methoden, die die Gesellschaftsmitglieder, die Laien wie die Wissenschaftler, bei der Konstruktion von Realität anwenden." 8

II.3.

Ethnomethodologische Forschungsmethoden

In Alltag und Wissenschaft werden die Wirklichkeit und das Wissen von ihr erzeugt durch ein System von Unterscheidungen. Alltag und Wissenschaft unterscheiden sich durch den jeweils vorausgesetzten Wissens- und Verfahrensvorrat. Dieser Wissens- und Verfahrensvorrat ist ein Resultat bisheriger Strukturierungsleistungen. Die Strukturierungsleistungen sind zur Einheit eines kognitiven Instruments verknüpft. Es legt fest, was als wahr hingenommen werden kann und welche Prozeduren zur Ermittlung und Überprüfung von Erkenntnissen angewendet werden dürfen. Unter Bezug auf die Metaebene 'Wissenschaftstheorie' gehören zum Vorrat der Wissenschaft "all jene Methoden, durch die wissenschaftlich zuverlässige 'Daten' hervorgebracht werden." 9

Um die Regeln der alltäglichen Sinnproduktion ermitteln zu können, muss der Ethnomethodologe aus der natürlichen Einstellung des im Alltag Handelnden heraustreten. Er muss das Geschehen mit den Augen eines Fremden betrachten. In der

7 Parmentier, 1989, S. 556.

8 Parmentier, 1989, S. 557.

9 Parmentier, 1989, S. 554.

5

Distanz, entlastet vom Handlungsdruck, darf er hoffen, die von den Beteiligten selbst nicht realisierte Logik ihrer Aktionen zu verstehen. Die Distanz darf aber nicht total sein. Der ethnomethodologische Forscher muss - entsprechend den gesellschaftstheoretischen Grundannahmen der Ethnomethodologie - auch über ein System von Bedeutungen verfügen, die er mit dem Handelnden teilt. "Was er von (den Alltagssubjekten) versteht, versteht er nur als Teilnehmer an ihrer Lebenswelt." 10 Daraus ergibt sich das Problem, dass der Forscher, sobald er zum Teilnehmer einer Alltagsszene wird, deren Gesetzen unterliegt. Als Teilnehmer am Alltagsgeschehen beeinflusst der Forscher mit seiner subjektiven Sicht von Wirklichkeit die Wirklichkeit. Die Vorstellung, ein Wissenschaftler würde die Wirklichkeit nicht beeinflussen, erweist sich als nicht haltbar, da er die zu untersuchende Wirklichkeit zwangsläufig mit konstituiert. Wenn der Forscher "den kommunikativen Auswirkungen seines Verhaltens gegenüber blind bleibt, wird es ihm so ergehen wie jenem Feldforscher, der, ohne es zu ahnen, den Eingeborenen als ein sehr gelehrter Mann erschien und dem sie deshalb auch nur das präsentierten, was sie seiner Gelehrsamkeit für würdig befanden." 11

Reflexivität. Wenn der Ethnomethodologe Teil des Alltags ist, den er untersucht, so ist seine Untersuchung immer auch eine Untersuchung des eigenen Alltags. "Seine Analyse ist ein reflexives Unternehmen." 12 Indem er seine Interaktionspartner besser versteht, versteht er sich selbst besser, indem er sich selbst besser versteht, versteht er auch die anderen besser. Nichts ermächtigt ihn dazu, "zwischen Selbsterkenntnis und Erkenntnis des Anderen eine Wesensdifferenz aufzurichten." 13 Der zentrale Begriff der Reflexivität "markiert eine Position, die darauf besteht, dass jede Untersuchung der Prozesse des Verstehens und Herstellens von Sinn selbst wieder ein zu analysierender Vorgang eines solchen Prozesses ist." 14 Auch das Forschungshandeln kann zu einem Forschungsobjekt werden.

Die Verfahrensweise der Ethnomethodologie ist eine 'dokumentarische Methode der Interpretation'. Zu dem gesuchten Sinnzusammenhang gelangt der Interpret nur durch ein experimentelles Verfahren. Im Experiment werden die vorgefundenen Dokumente so lange hin und her gruppiert, "bis ihre verborgene Konfiguration zutage tritt und jede Einzelheit ihre Beliebigkeit verliert durch den Stellenwert, den sie erhält." 15 Das Ergebnis ist vorläufig, da mit jedem neu gefundenen Detail der gefundene Zusammenhang wieder einstürzen kann. Interpretationen sind prinzipiell unabgeschlossen. Im Prozess der Interpretation wird Sinn nicht nur ermittelt, sondern auch produziert. Die Analyse von Realitätskonstruktionen ist selbst nur als Konstruktion denkbar. Die gebildeten Begriffe sind "Konstruktionen von Konstruktionen". 16

10 Parmentier, 1989, S. 562. Damit sind auch die Grenzen ethnomethodologischen Forschens markiert.

11 Parmentier, 1989, S. 563.

12 Parmentier, 1989, S. 563.

13 Bourdieu zit. nach: Parmentier, 1989, S. 563.

14 Weingarten/Sack zit. in: Lamnek, Bd. 1, 1995, S. 55.

15 Parmentier, 1989, S. 563.

16 Schütz, zit. in: Parmentier, 1989, S. 564.

6

Die Wirklichkeitsentwürfe von professionellen Methodologen stehen gleichberechtigt neben denen der Laien. Die Ethnomethodologie beurteilt nicht, ob die alltäglichen Methoden der Realitätskonstruktion richtig oder falsch sind. Gegenüber normativen Problemen behaupten die Ethnomethodologen ihre Indifferenz. 17 Die Ethnomethodologen verfolgen in ihrer Praxis das Prinzip der idealen Verständigungsgemeinschaft. Der Ethnomethodologe behandelt die Realitätskonstruktionen der Laien so, wie er die professionellen seiner Kollegen behandelt: "als eine Möglichkeit neben anderen. Er anerkennt damit die Sinnstiftungen im Alltag als prinzipiell gleichberechtigt mit denen der Wissenschaft." 18

III. Ethnomethodologie, Ethnologie und Ethnographie:

Zum Verhältnis von Theorie und Praxis.

Die Ethnomethodologie erweist sich als sinnvoll, wenn alltägliche Situationen oder intuitiv verständliche Äußerungen analytisch aufgelöst werden sollen. Die Normalität fremder Kulturen zu erforschen ist ein Ziel der Ethnologie. Ihre Verfahrensweise ist in Clifford Geertz' 19 Verständnis hermeneutisch. Er versteht Kultur - entsprechend den Grundannahmen der Ethnomethodologie - als ein vom Menschen selbst gesponnenes Bedeutungsgewebe. "Ihre Untersuchung ist daher keine experimentelle Wissenschaft, die nach Gesetzen sucht, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen sucht." 20 Es geht um das Deuten gesellschaftlicher Ausdrucksformen.

III.1.

Ethnologische Praxis als Versuch der 'dichten Beschreibung'

Will man eine Wissenschaft verstehen, meint Clifford Geertz, so sollte man nicht in erster Linie ihre Theorien ansehen, sondern das, was ihre Praktiker tun. In der Ethnologie ist Ethnographie das, was die Praktiker tun. Mit dem Verständnis dessen, was es heißt, ethnographisch zu arbeiten, hat man schon Einblick in die ethnologische Analyse als Form des Wissens gewonnen. Entscheidend ist nicht die Technik, mit deren Hilfe Daten gewonnen werden. Entscheidend ist die geistige Anstrengung, "das komplizierte intellektuelle Wagnis der 'dichten Beschreibung'" (thick description). 21 'Thinking and Reflekting' und 'Thinking of Thoughts' könnte man das Verfahren der 'dichten Beschreibung' - einen Ausdruck, den Geertz von Gilbert Ryle übernommen hat - überschreiben. Geertz verwendet zur Illustration des Gedankens der 'dichten Beschreibung' ein Beispiel Ryles:

17 Auch die Ethnologen sprechen aus diesem Grund nicht mehr vom Gegensatz von 'wilden' und 'zivilisierten' Kulturen, sondern von prinzipiell gleichberechtigten, verschiedenen Lebensformen.

18 Parmentier, 1989, S. 566.

19 Clifford Geertz: Dichte Beschreibung.

20 Geertz, 1973, S. 9.

21 Geertz, 1973, S. 10.

7

"Stellen wir uns

ist es ein ungewolltes Zucken, beim anderen ein heimliches Zeichen an seinen Freund. Als

Bewegungen sind die beiden Bewegungen identisch; vom Standpunkt einer photographischen Wahrnehmung, die nur sie sieht, ist nicht auszumachen, was Zucken und was Zwinkern war oder ob nicht gar beide gezuckt oder gezwinkert haben. Obgleich man ihn nicht photographisch festhalten

Der Zwinkerer

teilt etwas mit, und zwar auf ganz präzise und besondere Weise: (1) er richtet sich absichtlich (2) an jemand Bestimmten, (3) um eine bestimmte Nachricht zu übermitteln, (4) und zwar nach einem gesellschaftlich festgelegten Code und (5) ohne dass die übrigen Anwesenden eingeweiht sind. Es ist

nicht etwa so

, dass derjenige, der zwinkert, zwei Dinge tut - sein Augenlid bewegt und zwinkert -,

kann, besteht jedoch ein gewichtiger Unterschied zwischen Zucken und Zwinkern

zwei Knaben vor, die blitzschnell das Lid des rechten Auges bewegen. Beim einen

während derjenige, der zuckt, nur sein Augenlid bewegt. Sobald es einen öffentlichen Code gibt, demzufolge das absichtliche Bewegen des Augenlids als geheimes Zeichen gilt, so ist das eben Zwinkern."

"Das aber ist nur der Anfang. Angenommen

das Zucken

des ersten Knaben auf amateurhafte, unbeholfene, auffällige oder andere Weise parodiert. Er macht das natürlich genauso wie der zweite Knabe, der zwinkert, und der erste Knabe, der zuckt: er bewegt das rechte Augenlid. Nur dass dieser Knabe weder zwinkert noch zuckt, sondern den seiner Meinung

nach lächerlichen Versuch eines anderen zu zwinkern parodiert. Auch hier liegt ein gesellschaftlich

festgelegter Code (er 'zwinkert' bemüht, zu offensichtlich

) sowie eine Nachricht vor. Es geht jetzt

jedoch nicht um eine geheime Verständigung, sondern um ein Lächerlichmachen. Sollten die anderen

meinen, er zwinkere tatsächlich, so ist

sein ganzes Vorhaben ebenso fehlgeschlagen, wie wenn sie

meinten, er zucke. Man kann noch weiter gehen: seiner mimischen Fähigkeiten nicht sicher, übt der Möchtegern-Satiriker vielleicht zu Hause vor dem Spiegel. Was er dort macht ist weder Zucken noch

wie bei den anderen

Knaben, nur eine schnelle Bewegung des rechten Augenlids festhalten würde. Weitere

Komplizierungen sind möglich

Der ursprüngliche Zwinkerer könnte z.B. nur so getan haben, als ob

er zwinkerte, um Außenstehenden eine geheime Abmachung vorzutäuschen, die gar nicht vorlag. In

einem solchen Fall würde sich unsere Beschreibung davon

Zwinkern und auch nicht Parodieren, sondern Proben, obwohl eine Kamera

es gäbe noch einen dritten Knaben, der

entsprechend verändern." 22

In einer Hierarchie bedeutungsvoller Strukturen werden Zucken, Zwinkern, Scheinzwinkern, Parodien und geprobte Parodien produziert, verstanden und interpretiert. Entscheidend ist der Unterschied zwischen dünner und dichter Beschreibung. Die dünne Beschreibung registriert die schnelle Bewegung des Augenlids. Die dichte Beschreibung sucht nach der Bedeutung des Zwinkerns: einen Freund parodieren, so tun, als ob man zwinkerte, etc. Das, was als Daten bezeichnet wird, ist also in Wirklichkeit deren Auslegung. In den fertigen Texten der ethnologischen Literatur tritt dieser Sachverhalt nicht mehr zutage, weil das meiste dessen, was wir zum Verständnis eines bestimmten Ereignisses brauchen, sich als Hintergrundinformation einschleicht, bevor die Sache selbst untersucht wird. 23 Es entsteht der Eindruck, als sei die ethnologische Forschung eine Sache der Beobachtung, während sie in Wirklichkeit eine der Interpretation ist. Schon auf der Ebene der Fakten erklären wir, "schlimmer noch: erklären wir Erklärungen. Zwinkern über Zwinkern." 24 Geertz beschreibt zusammenfassend vier Kennzeichen ethnographischer Beschreibung.

22 Geertz, 1973, S. 10f.

23 Wenn ich in einem bestimmten Kontext - beispielsweise in einem Kunstmuseum - auf einen Gegenstand treffe, werde ich ihn von vornherein als Kunstwerk interpretieren (und solcher Deutung können auch Besen zum Opfer fallen).

24 Geertz, 1973, S. 14.

8

1.

Sie ist deutend;

2. das, was sie deutet, ist der Ablauf des sozialen Diskurses;

3. das Deuten besteht darin, das 'Gesagte' dem vergänglichen Augenblick zu entreißen;

4. die Beschreibungen sind (in Geertz' Verständnis) mikroskopisch.

Womit der Ethnograph es tatsächlich zu tun hat, ist eine Vielfalt komplexer Strukturen, die fremdartig und ungeordnet sind. "Ethnographie betreiben gleicht dem

Versuch, ein Manuskript zu lesen

Widersprüchen

vergänglichen Beispielen geformten Verhaltens geschrieben ist." 25 Entscheidend ist, inwieweit eine ethnographische Erklärung zu erhellen vermag, was sich an entlegenen Orten ereignet. Wenn man einen guten von einem schlechten Bericht unterscheiden will, so lautet die entscheidende Frage, ob Zwinkern von Zucken und wirkliches Zwinkern von parodiertem Zwinkern unterschieden wird. Ob

das fremdartig, verblasst, unvollständig, voll von

ist, aber nicht in den konventionellen Lautzeichen, sondern in

es sich also um eine dünne oder dichte Beschreibung handelt. Nicht die Anzahl uninterpretierter Daten ist entscheidend, sondern "inwieweit ihre wissenschaftliche Imagination uns mit dem Leben von Fremden in Berührung zu bringen vermag. Es

lohnt nicht

um die ganze Welt zu reisen, bloß um die Katzen auf Sansibar zu

zählen." 26

III.2

Kulturelle Handlungen sind Zeichen:

der semiotische Kulturbegriff

Menschliches Verhalten begreift Geertz als symbolisches Handeln, "das heißt als

Handeln,

stellt, ist nicht

die nach (seinem) ontologischen Status." Der Status ist derselbe wie der von Felsen oder Träumen: "sie sind Dinge dieser Welt. Es ist nach ihrer Bedeutung zu fragen. 27 Ein semiotischer Kulturbegriff scheint Geertz besonders geeignet, um kulturelle Äußerungen zu erfassen. Semiotisch betrachtet besteht Kultur aus ineinandergreifenden Systemen auslegbarer Zeichen. In diesem Kontext sind gesellschaftliche Ereignisse und Verhaltensweisen verständlich - nämlich dicht - beschreibbar. Ethnologische Interpretation bedeutet, zu versuchen, die Symbolsysteme anderer Völker aus der Sicht der Handelnden darzustellen. So müssen Beschreibungen der französischen Kultur unter Zuhilfenahme jener Deutungen vorgenommen werden, die unserer Vorstellung nach [die notwendigerweise unvollständig, vielleicht sogar falsch ist] die Franzosen ihrem Leben geben. Solche Beschreibung muss nicht selbst französisch sein. Der Angelpunkt des semiotischen Ansatzes liegt für Geertz darin,

oder der Klang in der Musik eine

Bedeutung hat." "Die Frage, die sich bei einem parodierten Zwinkern

das wie das Pigment in der Malerei

25 Geertz, 1973, S. 15.

26 Geertz, 1973, S. 24.

27 Geertz, 1973, S. 16.

9

dass er einen Zugang zur Gedankenwelt der untersuchten Subjekte erschließen kann, so dass wir ein Gespräch mit ihnen führen können. Geertz beschreibt seine eigene Position als Versuch, die Erforschung der symbolischen Formen so eng wie möglich anhand konkreter sozialer Ereignisse durchzuführen, "und zwar so, dass der Zusammenhang zwischen theoretischen Formulierungen und deskriptiven Interpretationen nicht von den Verlockungen eines wissenschaftlichen Obskurantismus überschattet würde. Mich hat das Argument, dass man - da vollständige Objektivität in diesen Dingen ohnehin unmöglich sei (was natürlich zutrifft) - genausogut seinen Gefühlen freien Lauf lassen könne, nie überzeugt." 28 "Nichts kann einen semiotischen Kulturansatz schneller diskreditieren, als wenn man ihm gestattet, in eine Mischung aus Intuitionalismus und Alchimie abzugleiten." 29

III.4.

Ethnographie als Deutung:

die Unvereinbarkeit von Ereignis und Begriff

Die Theorie in der Ethnographie soll ein Vokabular bereitstellen, in dem das Wissen, das das symbolische Handeln über sich selbst hat (also die alltäglichen Selbstverständlichkeiten), ausgedrückt werden kann. Ein Hauptproblem deutender Ansätze ist, dass es ihnen an begrifflicher Präzision fehlt. Geertz begründet den Mangel an präzisen Begriffen in der Ethnographie damit, dass die Theorie näher am Boden der Tatsachen bleiben muss, als das in anderen Wissenschaftsgebieten der Fall ist. Längere Ausflüge ins Reich des Begriffsdenkens führen in der Ethnologie schnell zu akademischen Gedankenspielen. Da die Kulturtheorie von den unmittelbaren Momenten der dichten Beschreibung nicht zu

trennen ist, bleibt ihre Möglichkeit, sich nach Maßgabe einer inneren Logik zu formen,

verdankt sich der Genauigkeit ihrer

Einzelbeschreibungen, nicht dem Höhenflug der Abstraktion." 30 Der Fortschritt in der Ethnologie gleicht demzufolge nicht einer ansteigenden Kurve, sondern zerfällt in eine Abfolge einzelner und dennoch zusammenhängender Untersuchungen. Die Bewegung führt nicht von bereits bewiesenen Theoremen zu neuen. "Eine Untersuchung stellt einen Fortschritt dar, wenn sie tiefer eindringt - was immer das heißen mag - als die ihr vorhergehenden." 31 Die wichtigeren theoretischen Beiträge finden sich in ganz spezifischen Untersuchungen und lassen sich nur schwer von diesen Untersuchungen abstrahieren und in etwas, was als 'reine Kulturtheorie' zu bezeichnen wäre integrieren. Man kann, sagt Geertz, keine allgemeine Theorie der Kultur schreiben, "weil die Hauptaufgabe der Theoriebildung in der Ethnologie nicht darin besteht, abstrakte Regelmäßigkeiten festzuschreiben, sondern darin, 'dichte Beschreibung' zu ermöglichen. Es werden

beschränkt. "Die Allgemeinheit

28 Geertz, 1973, S. 42.

29 Geertz, 1973, S. 43. Ob Alchimie und Intuitionalismus als wissenschaftliche Kriterien zugelassen sind oder nicht, ist allerdings wieder eine Frage wissenschaftlicher Konventionen; d.h. eine Frage, die auf der Ebene der Wissenschaftstheorie entschieden wird.

30 Geertz, 1973, S. 35.

31 Geertz, 1973, S. 36.

10

keine allgemeinen Aussagen angestrebt, die sich auf verschiedene Fälle beziehen, sondern nur Generalisierungen im Rahmen eines Einzelfalls." 32 Deshalb sieht Geertz den Essay als das natürliche Genre für die Präsentation kultureller Interpretationen und der ihnen zugrunde liegenden Theorien an.

Trotz ihres unmittelbaren Praxisbezugs müssen sich Kulturtheorien auch gegenüber kommenden Realitäten behaupten. Der theoretische Begriffsrahmen muss in der Lage sein, haltbare Interpretationen auch beim Auftauchen neuer sozialer Phänomene bereitzustellen. Theoretische Ideen entstehen nicht in jeder Studie völlig neu. Sie werden von verwandten Untersuchungen übernommen und auf neue Interpretationsprobleme angewendet. Theoretische Ideen entstehen umgekehrt nicht nur als Generalisierungen von Einzelfällen, sondern sie können auch Anstoß sein für praktische Untersuchungen. Die Verquickung von Interpretation und Theorie der Interpretation reicht bis hinunter auf die Ebene der unmittelbarsten Beobachtung.

Dem Interesse am Zwinkern liegen in Wirklichkeit sehr allgemeine Ideen zugrunde. 33

III.4.1.

Lebenszusammenhang

Werden allgemeine Ideen aber zu formalen Ordnungen zusammengefügt, geht die

Verbindung zur gelebten Wirklichkeit verloren. Geertz kritisiert einen hermetischen Ansatz in der Kulturwissenschaft, der postuliert, dass es am ergiebigsten sei, Kultur als rein symbolisches System zu behandeln, indem man ihre Elemente isoliert, die innere Beziehung zwischen diesen Elementen bestimmt und dann das gesamte System auf allgemeine Weise charakterisiert. In diesem Abstraktionsverfahren liegt die Gefahr, die Erforschung von Kultur von ihrem eigentlichen Gegenstand, dem tatsächlichen Leben, abzuschneiden. Die Symbolsysteme können empirisch erst erfasst werden, "wenn wir Ereignisse untersuchen, und nicht, indem wir abstrahierte

zur

Entitäten zu einheitlichen Mustern

Diskreditierung von Kulturanalysen beigetragen als die Erstellung einwandfreier

Abbildungen von formalen Ordnungen, an deren Existenz niemand so recht glauben kann." 34 "Wenn man Bedeutungskristalle herausarbeitet, denen nichts mehr von der Komplexität der Materie anhaftet, aus der sie stammen, und ihre Existenz dann auf

autogene Ordnungsprinzipien

zurückführt, so spiegelt man eine Wissenschaft vor,

die es nicht gibt, und entwirft eine Wirklichkeit, die nicht vorhanden ist. Die

, Vermutungen über Bedeutungen

Untersuchung von Kultur besteht darin

anzustellen, diese Vermutungen zu bewerten und aus den besseren Vermutungen

erklärende Schlüsse zu ziehen; nicht aber darin, den Kontinent Bedeutung zu entdecken." 35

Nichts

hat

mehr

32 Geertz, 1973, S. 37.

33 In diesem Fall die Idee der 'Sprachverwirrung'. Soziale Konflikte treten nicht dann ein, wenn kulturelle Formen zu funktionieren aufhören, weil sie überholt worden wären, sondern dann, wenn - wie beim parodierten Zwinkern - diese Formen durch ungewöhnliche Intentionen auf ungewöhnliche Weise funktionieren.

34 Geertz, 1973, S. 26.

35 Geertz, 1973, S. 29f.

11

Versucht man letzteres, so birgt sich darin die Gefahr, dass die Analyse der Kultur auf der Suche nach den 'letzten Dingen' die Verbindung zur Oberfläche des Lebens verliert, zu den Realitäten von Politik und Ökonomie und zu den biologischen Notwendigkeiten, auf denen diese Oberfläche ruht. Der einzige Schutz davor ist es, eine derartige Untersuchung hauptsächlich auf jene Realitäten zu richten.

III.5.

Ethnographie als Differenz:

die Aufzeichnung ist nicht das Ereignis.

Der Versuch, kulturelles Handeln unter Begriffe zu subsumieren, führt zur

Funktionalisierung von Verhaltensweisen. Geertz kritisiert ein funktionalistisches Verständnis der Ethnowissenschaft, das davon ausgeht, dass Kultur sich aus Strukturen zusammensetzt, mit deren Hilfe Gruppen von Menschen ihr Verhalten

in dem, was

man wissen oder glauben muss, um in einer von den Mitgliedern dieser Gesellschaft akzeptierten Weise zu funktionieren." 36 Kultur zu beschreiben hieße dann: ein System

von Regeln aufzustellen, das es jedem möglich macht, so zu funktionieren, dass er als Eingeborener gelten kann. Um solches Funktionieren zu gewährleisten, müsste ethnographische Beschreibung in einem 1:1 Verhältnis stehen zu dem, was sie beschreibt. Die funktionalistische Auffassung zog deshalb die Diskussion nach sich,

das reflektieren, was die Eingeborenen 'wirklich' denken, oder aber dem Wesen nach verschiedene Simulationen ihres Denkens

sind." 37 Den Unterschied zwischen dem skizzierten Ansatz und seinem eigenen erläutert Geertz anhand eines Beethoven-Quartetts: niemand, meint er, würde auf die Idee

kommen, ein Beethoven-Quartett mit seiner Partitur gleichzusetzen, ebenso wenig mit

ein

mit einem Wort

, ist eine

Aussage, der die meisten Leute nach einigem Nachdenken wahrscheinlich zustimmen werden." Zwar kann man nicht Zwinkern "ohne zu wissen, was man unter Zwinkern versteht", 38 aber daraus den Schluss zu ziehen, dass zu wissen wie man zwinkert Zwinkern sei, hieße Zwinkern mit der Bewegung des Augenlids zu verwechseln. Unter Bezug auf Wittgenstein unterscheidet Geertz zwischen dem Ereignis und dessen Niederschrift. Das Schreiben hält nicht das Ereignis des Sprechens fest, sondern das beim Sprechen 'Gesagte'. Niedergeschrieben wird die Bedeutung des Sprechereignisses, nicht das Ereignis als Ereignis. Ethnologische Schriften sind Interpretationen, und obendrein solche zweiter und dritter Ordnung. Nur ein Eingeborener kann Informationen erster Ordnung liefern. Ethnologische Schriften sind Fiktionen in dem Sinne, dass sie 'etwas Gemachtes' sind. Von 'erfundenen' Geschichten unterscheiden sie sich durch den Zweck und die Bedingungen ihrer Entstehung. In der Untersuchung von Kultur ist es nach Geertz

Musik ist und nicht irgend jemandes Wissen oder Glauben an irgend etwas

Beethoven-Quartett ein zeitlich verlaufendes tonales Gebilde,

den Fähigkeiten und dem Wissen, die dazu nötig sind, um es zu spielen. "Dass

"ob Einzelanalysen ob sie nur kluge,

lenken. In diesem Verständnis bestünde "die Kultur einer Gesellschaft

36 Ward Goodenough, zit. in: Geertz, 1973, S. 17.

37 Geertz, 1973, S. 17.

38 Geertz, 1973, S. 18.

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ebenso wenig möglich wie in der Malerei, eine Grenze zu ziehen zwischen Darstellungsweise und zugrunde liegendem Inhalt, so dass der Inhalt, zöge man die Darstellungsweise von der Darstellung ab, unverfälscht zu Tage träte.

hat in der Ethnologie sehr gefehlt." 39

"Die Ethnologen waren sich nicht immer mit der wünschenswerten Deutlichkeit darüber im Klaren, dass es Kultur zwar auf den Schafweiden gibt, Ethnologie dagegen nur in Büchern, Artikeln, Vorlesungen, in Museumsausstellungen oder heute auch manchmal in Filmen." 40

"Eine Reflexion über die Darstellungsweisen

III.5.1.

Ethnographie und fotografische Medien

Vor allem bei der Verwendung bildgebender Medien zeigt sich die in den Kultur- und Geisteswissenschaften mangelnde Reflexion über die Differenz von Darstellung und Dargestelltem. Die Sichtweise, die Fotografie und Film als Aufzeichnungs- oder Messinstrumente begreift, meint Taureg 41 , berücksichtigt sie nicht als eigenständige Form der Darstellung. Vor allem in den Sozial- und Humanwissenschaften werden filmische und fotografische Dokumente bis heute als bloße Kopie eines Stückes Wirklichkeit missverstanden. Im Bereich des wissenschaftlichen Films gibt es immer noch Anweisungen, was dessen Autoren zu tun hätten, um die 'Wirklichkeit' möglichst unverfälscht einzufangen. Diese Regelwerke sollen "die möglichst unverzerrte, 'wahre' oder wirklichkeitsgetreue Wiedergabe der ethnographischen Realität sicherstellen, um deren Untersuchung und Interpretation auch zu Hause weiterführen zu können." 42 Gütesiegel für die Wissenschaftlichkeit im ethnographischen Dokumentarfilm wurde der Begriff des 'Wirklichkeitsgehaltes'. 43 Für Filmtheoretiker und -praktiker ist es nichts Neues, Film als ein Medium zu begreifen, mit dem man Aussagen machen kann. Für die sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen dagegen schon. Deren Verständnis fußt in der Frühgeschichte des Films und der Fotografie. In der frühen Phase des Kinos war das simple Abfilmen der Wirklichkeit ein aufregender Akt. 44 Geblieben bis heute, meint Taureg, ist der Reiz des Authentischen,

39 Geertz, 1973, S. 28, Anm. 3.

40 Geertz, 1973, S. 23f.

41 Michael Taureg: Ist Wirklichkeit konservierbar? Zum Verhältnis von Realität und Repräsentation im ethnographischen Film.

42 Taureg, 1990, S. 215. Bei dieser Verwendung bildgebender Medien taucht das Problem der Vergleichbarkeit auf. Durch die mediale Nivellierung von Unterschieden (z.B. der Größe) besteht die Gefahr, daß Dinge verglichen werden, die an sich nicht vergleichbar sind - wie es auch in der kunsthistorischen Praxis geschieht.

43 Der Annahme, daß in irgend einem Medium ein Stück Wirklichkeit enthalten sein könnte, widerspricht schon Ludwig Wittgenstein: Das sinnlich wahrnehmbare Zeichen, sagt Wittgenstein, benützen wir als Projektion einer Sachlage. Zu diesen Zeichen aber "gehört alles, was zur Projektion gehört; aber nicht das Projizierte." (Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico- philosophicus. Frankfurt am Main, 1963, S. 20. Niederschrift 1918.)

44 Wie beeindruckend die abgefilmte Wirklichkeit gewesen zu sein scheint, zeigt die Anekdote, die erzählt, daß beim Zeigen von Lumière "L' arrivé d'un train" die Zuschauer beim Nahen der Lokomotive entsetzt von ihren Stühlen aufgesprungen sein sollen.

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"die Verheißung des 'Dabeiseins', der Teilnahme an realen Ereignissen." 45 Die Aura des Authentischen führte dazu, dass die Ethnologen zu den ersten Forschern gehörten, die, trotz schwierigster Bedingungen, Fotografie und Film schon kurz nach ihrem Bekanntwerden für wissenschaftliche Zwecke nutzen. Die Völkerkunde übernahm den naturwissenschaftlichen Ansatz, Bewegungen mit Hilfe der Filmkamera für spätere Studien und Vergleiche konservieren zu wollen. 46

Die Begeisterung für das Medium Fotografie wäre nicht denkbar ohne den grundlegenden Wandel in der Naturbetrachtung im 19. Jahrhundert, die Taureg als

'empirische Wende' bezeichnet. In der Detailtreue, die man der Fotografie zuschrieb, sah man ein wesentliches Korrektiv zur subjektiven Einflussnahme des Künstlers. Mit der Fotografie schien erstmals ein Medium gegeben, das sich jeder menschlichen Einflussnahme entzog. Der Apparat, nicht der Fotograf wurde als Schöpfer der

Aufnahme betrachtet. "Die Tatsache, dass ein Apparat als 'kreatives' Medium fungiert, suggeriert, dass die Realität sich durch sich selbst darstellt." 47 Die Realität, die im Film vorgefunden wird, ist aber immer eine filmische Realität, die den Gesetzen des Mediums unterliegt. 48 Der Versuch, durch das Medium einen direkten Zugriff auf die reale Welt zu gewinnen, ist - wie bei allen anderen Medien auch - illusorisch.

Film und Fotografie in anderer Weise als bisher zu verwenden, begründet Taureg mit der veränderten Zielsetzung in der heutigen Ethnologie. Ethnographische Untersuchungen müssen nicht mehr den Nachweis erbringen, dass auf dieser Erde Menschen mit verschiedenen Kulturen und verschiedenem Aussehen existieren. Ziel ist vielmehr, die Lebensweise dieser Menschen und ihre kulturellen Äußerungen in Relation zu unserer eigenen Kultur zu interpretieren. (Dazu später mehr.) Das verlangt nach einem anderen Umgang mit Bildern in der Wissenschaft. "Auf die Frage, warum er filme, sagte der französische Ethnologe und Filmemacher Jean Rouch

: Film ist die einzige Methode, die ich habe, um einem anderen zu zeigen, wie ich ihn sehe." 49 Bezeichnenderweise haben "diejenigen, die traditionellerweise zu den 'Objekten'

ethnographischer Filmarbeit gehörten,

für die filmische Umsetzung ihrer Realität

zu entwickeln. So können wir heute

inzwischen begonnen, ihre eigenen Regeln

erleben, dass indianische Filme- oder Videomacher aus Nordamerika bei der

filmischen Umsetzung ihrer Geschichte und ihrer Mythen sich modernster

elektronischer Techniken der Bildverfremdung bedienen scheinen nicht unbedingt ihre Maxime zu sein." 50

'Lebenswahre Aufnahmen'

45 Taureg, 1990, S. 214.

46 Siehe die Bewegungsstudien von Marey und Muybridge.

47 Keith Trieb, zit. in: Taureg, 1990, S. 218.

48 Das zeigt vor allem die Montage. Pudowkin führte Montage-Experimente durch, die zeigten, daß sich die Bedeutung ein und desselben Bildes je nach seiner Zuordnung zu anderen, verschiedenen Bildern änderte.

49 Jean Rouch, zit. in: Taureg, 1990, S. 222.

50 Taureg, 1990, S. 216.

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In letzter Zeit hat sich eine Reihe von filmenden Ethnologen darum bemüht, die Scheinneutralität des Mediums zu überwinden und ihre eigene Position auch filmisch transparent zu machen. Darin liegt nicht nur die Chance, das Stadium kolonialen Bilder-Sammelns zu verlassen. Darin liegt auch die Chance, visuelle Medien als Form der Darstellung ernst zu nehmen, und ihnen einen eigenständigen Platz im künftigen Diskurs der Wissenschaften vom Menschen einzuräumen, statt sie wie bisher nur als schmückende Illustration oder Hilfsmittel zu begreifen. "Denn die filmische Offenlegung der eigenen Voraussetzungen ist ja nichts anderes als das, was als Kriterium der Wissenschaftlichkeit von den Verfassern wissenschaftlicher Bücher und Aufsätze schon seit langem gefordert wird, um ihre Arbeit für andere nachvollziehbar und überprüfbar, und damit der weiteren Forschung zugänglich zu machen." 51 Versteht man ethnologische Interpretation mit Geertz als erstellte Lesart dessen, was geschieht, so führte auch die ganze schöne Objektivität fotografischer Bilder - wenn es sie denn gäbe - nicht zu dem, was Geertz 'dichte Beschreibung' nennt. Zwischen Zwinkern und Zucken kann die Kamera nicht unterscheiden. Der gezielte Einsatz deutender ('verfremdender') Bilder aber kann zu einer Lesart führen, die - mit den Worten von Geertz - 'tiefer eindringen' kann. Auf der anderen, der Rezipientenseite, kann die als tendenziös verschriene Deutung viel eher als der um - ohnehin nur scheinbare - Objektivität bemühte Film, dem Betrachter das Geschehen näher bringen.

III.6.

Allgemeine Relevanz und Ziele ethnologischer Forschung

Im Zusammenhang mit der Differenz von Darstellung und Dargestelltem und

mehr noch der Unvereinbarkeit von Begriff und Ereignis steht das Problem der - auf der wissenschaftstheoretischen Ebene geforderten - Verallgemeinerung ethnographischer Forschungsergebnisse. Trotz aller methodischen Schwierigkeiten bleibt es Ziel ethnologischer Forschung,

Tatsachen weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen und vermöge

einer präzisen Charakterisierung dieser Tatsachen in ihrem jeweiligen Kontext zu generellen Einschätzungen der Rolle von Kultur im Gefüge des kollektiven Lebens zu gelangen." 52 Allgemeine Relevanz meint ethnographische Forschung nur dann beanspruchen zu können, wenn aus Einzelanalysen auf umfassendere Zusammenhänge geschlossen werden kann. Das Problem, wie man von einer Sammlung ethnographischer Miniaturen zu wandfüllenden Kulturgemälden kommt, ist ein methodologisches Hauptproblem der Ethnologie. Die Ethnologen haben selbst Modelle erarbeitet, um den Schritt von räumlich begrenzten Wahrheiten zu allgemeinen Einsichten zu rechtfertigen. Die beiden wichtigsten Modelle waren das mikroskopische Modell (Jonesville-ist-die-USA) und das natürliche Modell (Die-Osterinsel-ist-ein-Testfall).

"aus einzelnen

51 Taureg, 1990, S. 223.

52 Geertz, 1973, S. 40.

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Das mikroskopische Modell geht davon aus, man könne das Wesen nationaler

Gesellschaften in zusammengefasster Form in so genannten 'typischen Dörfern' antreffen. Geertz wendet dagegen ein, dass der Ort der Untersuchung nicht gleichgesetzt werden kann mit dem Gegenstand. "Ethnologen untersuchen nicht

Dörfer

Die Vorstellung vom 'natürlichen Laboratorium' führte zu der Vorstellung, die aus ethnographischen Untersuchungen herrührenden Daten seien reiner, grundlegender oder elementarer als die anderer Arten von Sozialforschung. Der Grund aber, weshalb langwierige Untersuchungen an entlegenen Orten eine allgemeine Relevanz haben ist der, dass sie dem soziologischen Begriffsapparat handfestes Material liefern.

Das methodologische Problem, meint Geertz, das die mikroskopische Beschaffenheit der Ethnographie stellt, kann nicht dadurch gelöst werden, dass man einen entlegenen Ort als Miniaturwelt oder als das soziologische Gegenstück zu einem

werden, wenn man sich

physikalischen Laboratorium ansieht. "Es kann gelöst

verdeutlicht, dass soziale Handlungen mehr als nur sich selbst kommentieren

Geringfügige Tatsachen können ungeahnte Folgen haben - ein Zwinkern evoziert die

Wissenschaftstheorie

- weil eines mit dem anderen zusammenhängt." 54 Doch scheint

mir, dass das Methodenproblem auf der methodologischen Ebene nicht gelöst werden kann, eben weil Geertz den Untersuchungsgegenstand nicht vorgefasster Begrifflichkeit unterwerfen will.

, sie untersuchen in Dörfern." 53

Ein anderes Ziel der Ethnologie ist es, ein reflexives Verhältnis herzustellen zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Die Ethnologie begriff sich von ihrer Geschichte her vorwiegend als 'Kunde von fremden Völkern'. Doch stand hinter dem Interesse an fremder Lebenswirklichkeit immer auch der Wunsch, auf diesem Umweg mehr über die eigene Kultur zu erfahren. "Charakteristisch für die Ethnologie ist das ständige Wechselspiel von Ferne und Nähe, von Fremdheit und Vertrautheit." 55 Das ethnologische Interesse am Exotischen ist "im Grunde ein Ersatz für die abstumpfende Wahrnehmung des Vertrauten, durch die das Rätselhafte unserer Fähigkeit, uns perzeptiv aufeinander zu beziehen, verdeckt wird." 56 "Die eigentliche Aufgabe der deutenden Ethnologie ist es nicht, unsere tiefsten Fragen zu beantworten, sondern uns mit anderen Antworten vertraut zu machen, die

andere Menschen

gefunden haben und diese Antworten in das jedermann

zugängliche Archiv menschlicher Äußerungen aufzunehmen." 57 "So betrachtet ist das Ziel der Ethnologie die Erweiterung des menschlichen Diskursuniversums." 58

IV. Ethnomethodologie in der Erziehungswissenschaft

53 Geertz, 1973, S. 32.

54 Geertz, 1983, S. 34.

55 Taureg, 1990, Anm. 8, S. 224.

56 Geertz, 1973, S. 21.

57 Geertz, 1973, S. 43.

58 Geertz, 1973, S. 20.

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Die Erziehungswissenschaft ist an der Ethnomethodologie interessiert, weil der ethnomethodologische Ansatz die pädagogische Annahme unterstützt, dass auch Heranwachsende schon sinnstiftende, an der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit beteiligte Subjekte sind. Das Erziehungsgeschehen muss deshalb als eine Form der Verständigung mit ihnen betrachtet werden. In der Schulforschung nähert sich der ethnomethodologischen Perspektive der Vorschlag, die Bedeutungen, die unter den offiziell in der Schule gelehrten und durchgesetzten Bedeutungen verborgen liegen oder die als belanglos diffamierten 'inoffiziellen Weltversionen' der Schüler aufzudecken und als Bestandteil des Unterrichts anzuerkennen. "Die ethnomethodologische Forschung respektiert den Laien, den sie untersucht, als virtuellen Partner. Auch das macht sie für die Erziehungswissenschaft so interessant." 59 Die Absicht, aus der Perspektive der Jugendlichen und Kinder deren 'gedeutete Welt' zu erschließen, hatte in der Pädagogik schon vor dem Auftritt der Ethnomethodologie eine lange Tradition. Sie manifestiert sich in dem Interesse der Erziehungswissenschaft an autobiographischem Material. Autobiographische Äußerungen sind für die Erziehungswissenschaft interessant, weil sie zugleich Ergebnis von Bildungsprozessen und deren Interpretation sind. "Als Interpretation der Lerngeschichte aber ist die Autobiographie ein Konstrukt, sie kann wie jede andere Deutung eines Sachverhalts wahr oder falsch sein." 60 Autobiographische Quellen weisen einen charakteristischen Mangel auf. Die Autobiographie enthält immer nur das, was sich im nachhinein im Medium der Sprache objektiviert. "Über die nichtsprachliche Realität des Bildungsvorgangs, seinen aktuellen empirischen Vollzug, gibt sie keinen Aufschluss." 61 Hier aber entscheidet sich, wie das Kind die Voraussetzungen seiner Wirklichkeitskonstruktion in der Auseinandersetzung mit der vorgefundenen Welt erwirbt. Das Interesse der Ethnomethodologie gilt nicht nur den alltäglichen Wissens- und Verfahrensbeständen selbst, sondern auch den Prozessen ihrer Aneignung, ihr Interesse gilt der Erforschung von Bildungsprozessen.

V.

Fazit

Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) / Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig. / Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Ludwig Wittgenstein

Der ethnomethodologische Ansatz scheint mir besonders geeignet, auch auf andere Wissenschaftsbereiche als den der Ethnologie angewendet zu werden. Aufgrund des besonderen Verhältnisses von Theorie und Praxis, das weniger als in anderen Ansätzen hierarchisch aufgebaut ist, besteht die Chance, kulturelle

59 Parmentier, 1989, S. 566.

60 Parmentier, 1989, S. 561.

61 Parmentier, 1989, S. 561.

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Äußerungen (im weitesten Sinne) als gleichberechtigt neben theoretischen Gedankengebäuden anzuerkennen. Die Gefahr, die untersuchten Gegenstände einem Begriffssystem zu unterwerfen und damit ihre Einzigartigkeit zu eliminieren besteht weniger, wenn jenes theoretische Begriffssystem eng an den Untersuchungsgegenstand gebunden ist. Aufgrund der notwendig subjektiven Haltung des Forschers kann darauf verzichtet werden, aus der Untersuchung Allgemeingültigkeiten abzuleiten, die in letzter Konsequenz zu Weltbildern oder Ideologien führen würden, die mit dem Untersuchungsgegenstand nichts oder doch sehr wenig zu tun haben. Ziel solcher Untersuchungen könnte eine Form der Übersetzungsarbeit sein, die fremdartig erscheinende Äußerungen lesbar macht. Entscheidend ist, dass es sich um eine Lesart handelt. Da - nicht nur kulturelle - Symbolsysteme außerordentlich verschieden voneinander sein können, ist es möglich, dass die Schnittmenge geteilter Bedeutungen so gering ist, dass das eine System in das andere nicht übersetzt werden kann. Dieser Differenz auf der Erfahrungs- und Bedeutungsebene entspricht die mediale Differenz auf der Aufzeichnungsebene. Durch die vorausgesetzte und kenntlich gemachte Differenz zwischen Ereignis und Darstellung wird die Subjektivität der Lesart deutlich. Die Untersuchung von Kultur, sagt Clifford Geertz, ist ihrem Wesen nach unvollständig. Je tiefer sie geht, desto unvollständiger wird sie. Der Versuch, mit dem vorhandenen Material tiefer zu gelangen führt nur dazu, dass der Verdacht, man habe es nicht recht im Griff, immer stärker wird. Die deutende Ethnologie ist [wie jede deutende Wissenschaft] eine Wissenschaft, deren Fortschritt sich weniger in einem immer größeren Konsens als in immer ausgefeilteren Debatten zeigt. "Was sich entwickelt, ist die Präzision, mit der wir einander ärgern." 62 Die ethnologische

Forschung in Geertz' Verständnis versucht, dem unvollständigen und offenen Wesen der Dinge gerecht zu werden, und innerhalb der Darstellungsweise diesem Wesen zu entsprechen. Problematisch bleibt, dass trotz der methodischen Schwierigkeiten, die aus der Verwobenheit von Untersuchungsgegenstand und Begriffsrahmen herrühren, der theoretische Rahmen eine gewisse Stabilität bekunden muss, um wissenschaftliche Gültigkeit beanspruchen zu können. (Wenn das denn für den Forscher relevant ist. Es gibt Wege abseits der 'scientific correctness', um 'tiefer einzudringen'.)

62 Geertz, 1973, S. 42.

18

Gabriele Schmid, Berlin 1996

VI.

Literatur:

Duerr, Hans Peter:

1984 Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation. Frankfurt am Main, 1984. EA 1978.

Geertz, Clifford:

1973 Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt a.M. 1995. Erstveröffentlichung: New York, 1973.

Husmann, Rolf (Hrsg.):

1987 Mit der Kamera in fremden Kulturen. Aspekte des Films in Ethnologie

und Volkskunde. Emsdetten, 1987.

Lamnek, Siegfried:

1993 Qualitative Sozialforschung. Band 1, Methodologie. 3. korr. Auflage, 1995, S. 51-56.

Parmentier, Michael:

1989 Ethnomethodologie. In: Lenzen, Dieter (Hrsg.) Pädagogische Grundbegriffe. S. 550-568.

Taureg, Michael:

1990 Ist Wirklichkeit konservierbar? Zum Verhältnis von Realität und Repräsentation im ethnographischen Film. In: Blümlinger, Christa (Hrsg.):

Sprung im Spiegel. Filmisches Wahrnehmen zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Wien, 1990.

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