Sie sind auf Seite 1von 69

Ich danke Ihnen sehr herzlich - auch dafür, dass Sie so lange ausgeharrt haben - und für das Vertrauen, das Sie der parteipolitischen Zusammensetzung des Bundesrates und auch mir als einem offiziellen Kandidaten der sozialdemokratischen Fraktion ent gegengebracht haben. Ich danke besonders auch Otto Piller für seine faire Art und Weise, in der er und seine Anhängerinnen und Anhänger mit mir in diese Auseinandersetzung gestiegen sind. Ihr Vertrauen bedeutet eine Verpflichtung und eine grosse Arbeit, die ich mit Freude und sehr gerne machen werde - wissend, dass ich das alleine aber gar nicht kann, sondern dass das Kollegium des Bundesrates, aber auch die Bundesversammlung dazu ihre Hilfe bieten müssen. Denn nur gemein sam können wir die Idee einer Schweiz ohne Graben angehen - ohne Graben zwischen Arbeits losen und solchen, die Arbeit haben, ohne Graben zwischen den Sprachregionen, ohne Graben zwischen Land und Stadt und vor allem ohne Graben zwischen Volk und Politik, denn in unserer Demokratie sind alle Politikerinnen und Politiker. Wir alle, und ich jetzt im besonderen, sind auf gegenseitige Hilfe angewiesen. Im Vertrauen, dass mir diese Hilfe mit der Wahl zugesagt wurde, kann ich hier erklären: Ich nehme die Wahl an.

Bern, 27. September 1995

Inhalt

Eine Rede ist ein Gespräch 9 Die Kunst der richtigen Tempi 13 Die Gesellschaft, von der ich träume 27 «Liebe deine Feinde!» - Ein politisches Programm 37 Tunnel in die Rösti graben! 47 Zu Gast in der Wirtschaft 55 Schweizerische Umweltpolitik aus der Vogelperspektive 59 Die Zeitung ist sich selber verpflichtet 73 Eine sehr amtliche Würdigung 85 Gegen das Diktat der Meinungsumfragen 93 Zur Etymologie der Karikatur 105 Was Galileo Galilei zum Glaubenskrieg in der schweizerischen Energiepolitik sagen würde Im Unterholz des Waldes Wenn ich ein Vöglein wär oder Mobilität als Sinn des Lebens? Wie ich Zeitung lesen möchte Links und Rechts Mitten im Tod sind wir vom Leben umgeben Die Tugend, den Bundesstaat zu gestalten Ein fast gewöhnlicher Auftritt Warum hat das Bundeshaus eine Kuppel? Salauds, Holzköpfe und Egoisten und was sich Wirtschaft und Politik sonst noch zu sagen hätten

Eine Rede ist ein Gespräch

« eine geistreiche, persönliche und witzige Rede. Jedermann rätselt, wer sie ihm wohl

geschrieben hat

diesem Buch abgedruckten Reden.

So wie niemand einem Bundesrat zutraut, allein in ein Flug zeug zu steigen, weswegen die Fluggesellschaften weltweit VIP-Services unterhalten, die sich rührend um Kleinkinder und Regierungsmitglieder kümmern, so wenig traut man offen bar einem Bundesrat zu, eine Rede selber zu schreiben. So sei denn die häufige Frage nach dem Ghostwriter beantwortet: Es gibt keinen.

Und dennoch, ich erarbeite meine Reden nicht allein. Ich entwerfe ein Gedankengerüst mit teilweise ausformulierten, teilweise unausgegorenen Passagen, unterbreite diese je nach Thema meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, interes sierten Freundinnen und Freunden, welche mir ihre Ideen zurückmelden, mich vor Fettnäpfen bewahren und Neues vor schlagen, was ich dann alles wieder verarbeite, ein Prozess, der sich mehrmals wiederholen kann, bis der Gongschlag für den Auftritt weitere Veränderungen verunmöglicht. Ohne das Fall beil des Redetermins wären die hier abgedruckten Gedanken alle logischer, vollständiger, missverständnisfreier, aber sie wären wahrscheinlich alle gar nie geäussert worden.

Die Reden sind also entstanden, indem andere mit mir rede ten, jedoch nicht nur vor, sondern durchaus auch während des Auftrittes: Manch eingeflochtene Anekdote, beschwichtigende Ergänzung oder zurückweisende Klarstellung ist die Reaktion auf eine lächelnde Aufmunterung, auf ein stirnrunzelndes Kopfschütteln oder einen Zwischenruf aus dem Publikum. Der Vortrag einer Rede lebt von der aktiven Präsenz des Publi kums, und er bleibt leblos, wenn dieses apathisch verharrt.

Das Zwiegespräch mit den Zuhörerinnen und Zuhörern stellt sich aber bereits bei der Erarbeitung einer Rede ein: Ich bemühe mich, auf die Grundhaltung des jeweiligen Zuhörer kreises einzugehen, mir mögliche Fragen oder Gegenfragen vorzustellen, sie aufzunehmen, zu diskutieren, zu beant worten, aber auch, sie offenzulassen, wenn ich selber keine Antwort finde. So ist es mir ein Anliegen, mit dem Publikum zu reden, es nicht zu überreden, denn die Sprache haben wir ja, um miteinander im Gespräch zu sein. Eine Rede ist nicht ein Monolog, sondern ein Dialog. Ich lernte in meiner politischen Arbeit, dass es nie einfache und eindeutige Antworten gibt, dass diese immer nur gefunden werden, wenn zu jeder Behaup tung die Gegenfrage gestellt wird, wenn jede These in Zweifel gezogen wird. In einer Rede möchte ich das Publikum an diesem Gedankenprozess beteiligen. Ich versuche damit einer Aufgabe unserer Demokratie nachzukommen, die politische Diskussion zu pflegen. Ich freue mich, dass der Limmat Verlag mir diese Diskussion mit einem grösseren Leserkreis ermög lichen will.

Moritz Leuenberger

»,

lautet ein nicht ganz untypischer Zeitungskommentar zu einer der in

Die Kunst der richtigen Tempi

30. Internationales Management-Symposium an der HSG zum Thema «Die Zeit» St. Gallen, 25. Mai 2000

Meine Damen und Herren

Diese kurze, aber doch demokratische Anrede spart ange sichts der zahlreichen Würdenträger, die eigentlich auch zu begrüssen wären, Zeit, ist also eine Hommage an das Thema Ihrer Veranstaltung. Ich möchte mich ihr, also der Zeit, mit einigen Betrachtungen zur Geschwindigkeit nähern. Schnelligkeit ist ein Traum. Langsamkeit ist ein Traum.

Beide Geschwindigkeiten, die sehr schnelle und die sehr langsame, werden stets wieder von neuem und in anderen For men probiert und propagiert.

Das gilt für Menschen: Sausen durch den Wind, auf dem Snowboard oder dem Töff, ist eine Lebens- und wohl auch Todessucht. In Stille verharren, mit der Natur eins werden, ist manchem ein Lebensziel - und auch dies ist oft verbunden mit transzendentalen Sehnsüchten.

«Die Zeit vergeht bei verschiedenen Menschen verschieden schnell» (William Shakespeare in «Wie es Euch gefällt»). Der Lebensrhythmus variiert je nach Alter, Temperament oder sozialer Umgebung. Ein Exekutivmitglied spricht meist lang samer als ein oppositioneller Jungtürke.

Unterschiedliche Geschwindigkeiten kennen auch ganze Gesellschaften: «Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit!», so reden Sansibaren gelegentlich zu Schweizer Touristen.Der Lebensrhythmus einer Gesellschaft hängt ab von Indu strialisierungsgrad, Klima oder Kulturkreis. Unterschiedliche Geschwindigkeiten gibt es allerdings nicht nur zwischen indu strialisierten und nichtindustrialisierten Ländern oder zwischen östlichen und westlichen Kulturen. Selbst in der kleinen Schweiz gibt es sie, nämlich zwischen Stadt und Land oder zwi schen Bern und Zürich. Da sind verschiedene Tempi festzustel len, in der Sprache, im Bedienungs ablauf in einem Laden, im Stadtverkehr. In Bern bleiben die Tramtüren geöffnet, bis der letzte herangehumpelt ist, in Zürich sind sie schon geschlossen, bevor richtig angehalten wurde, auch wenn der Abgewiesene verzweifelt an die Türe des noch stehenden Trams poltert

Wir prägen die Geschwindigkeit, aber sie prägt auch uns, unseren Charakter, unser Wesen.

Ein Produkt kann je nach Geschwindigkeit, mit welcher es hergestellt wurde, im Resultat ein anderes sein. Eine Beet hoven-Symphonie, dirigiert von Toscanini, ist etwas völlig anderes, als wenn sie von Celibidache dirigiert wird. Dieser schafft durch seine extrem gedehnten Tempi ein anderes Werk als dasjenige, das wir bei der viel schnelleren Orchesterführung von Toscanini hören. Die beiden Tempi führen zu zwei ver schiedenen Symphonien.

Die Geschwindigkeit bestimmt also das Ergebnis eines Pro zesses. Dieses liegt nicht nur früher oder später vor, sondern ist je nach Geschwindigkeit ein anderes, ein «aliud», wie

die Juri sterei sich ausdrückt.

Dazu eine Beobachtung aus der Politik: Die Geschwindig keit der medialen Kommunikation - durch den Wettbewerb und die technischen Möglichkeiten beschleunigt - beeinflusst

das Verhalten der medialen Akteure und somit auch die Politik selber: Politiker nehmen zu Ereignissen sofort Stellung, ohne sich vor Kamera und Mikrofonen die notwendige Zeit zum Überlegen zu nehmen. Dies fuhrt zu einer Ankündigungs politik. Es erscheint derjenige Politiker als der kompetente und sofort handelnde, der nach einem Unfall sofort die Bestrafung der Schuldigen oder andere mutige Massnahmen ankündigt, auch wenn dann nie irgend jemand bestraft wird. Derjenige, der nichts ankündigt, aber nach einer gewissen Zeit tatsächlich handelt, ist kaum mehr von öffentlichem Interesse. Die An kündigung wird so wichtiger als die Tat. Dass wir also in einer Zeit der Ankündigungspolitik leben, ist eine Folge der media len Geschwindigkeit.

Wie verhält sich der Staat zur Geschwindigkeit ? Der Bundesrat führte zu einem parlamentarischen Vorstoss, wonach das Snowboarden zu reglementieren sei, aus: «Die Tat sache, dass die Ursache solcher Unfälle die Suche nach einem ultimativen Kick ist, zeigt, dass Vorschriften keine Lösung die ses Problems darstellen können.» Ebenso lehnt der Bundesrat Initiativen ab, welche - seiner Auffassung nach - im Resultat dazu führen würden, das Mobilitätsbedürfnis als solches zu beschränken (Verkehrshalbierung, vier autofreie Sonntage). Andererseits erlässt der Staat jedoch Tempolimiten, oder er ver bietet ultraleichte Flugzeuge.

Welche Rolle also nimmt er ein? Darf jeder nach seiner eige nen Vitesse selig werden, oder wird er bevormundet?Das Mobilitätsbedürfnis als solches ist kaum zu unter drücken. Verbote von Automobilen (im Kanton Graubünden damals vor allem für Auswärtige erlassen) oder damalige Vor- stösse gegen die Eisenbahnen, deren Geschwindigkeit von 40 km/h krank machen könne, Hessen sich nie durchsetzen. Der Drang nach Beschleunigung und der Druck auf den Staat, ihm die Wege dazu zu ebnen, ist stärker. Nun ist allerdings der Druck auf den Ausbau des Nationalstrassennetzes ungleich grösser als derjenige für Wanderwege oder für Tempo-30- Zonen. Der Grund liegt darin, dass die Geschwindigkeit einen ökonomischen Wert darstellt und die Wettbewerbsfähigkeit erhöht. Das gilt für die Geschwindigkeit bei der Übermittlung von Daten, für die Reisegeschwindigkeit, für den Transport von Gütern, für die Empfangbarkeit von Radio- und Fernseh programmen etc.

Für dieses real existierende Mobilitätsbedürfnis stellt der Staat die nötigen Infrastrukturen zur Verfügung, also Eisen bahnen, Autobahnen, Flughäfen, Antennen für die Telekom

munikation. (

Aber schauen wir uns nicht bloss die Geschwindigkeiten bei der physischen Mobilität an, sondern diejenigen von anderen gesellschaftlichen Prozessen, insbesondere von Wirtschaft und Politik. Dazu eine Vorbemerkung: Nicht alles kann beschleu nigt werden.

Grenzen der Beschleunigung Eine Rosenknospe muss selber erblühen, sie kann nicht auf gebrochen werden, oder:

«Das Gras wächst nicht, wenn du daran ziehst», wie ein afrikanisches Sprichwort sagt.

Um eine Mayonnaise herzustellen, muss das Ol ganz lang sam hinzugeschüttet werden, andernfalls gerinnen die Zutaten.

Eine Zwiebel weichzugaren, damit sie fest bleibt, jedoch süss wird, braucht Stunden bei einer Temperatur von ca. 80°, da nützt kein Dampfkochtopf etwas. Das sind zwei physikalische Prozesse, die nicht beschleunigt werden können.

)

Es gibt chemische Prozesse, die, werden sie zu schnell aus geführt, zu Explosionen führen können.

In der Schule lasen wir aus dem Schatzkästlein von Johann Peter Hebel den Rat des Fussgängers: «Wenn du langsam fährst, kannst du die Stadt vor Einbruch der Dunkelheit er reichen.» Der Fuhrmann fährt schnell, erleidet jedoch auf dem holprigen Weg einen Achsbruch und erreicht sein Ziel nicht mehr.

Auch der Prozess der Erfahrung kann nicht beschleunigt werden. Die Erfahrung einer Beziehungskrise, die Erfahrung des Todes eines nahen Verwandten kann nicht virtuell erlernt werden. Ich hatte einen Freund, der schwor, bei Krebserkran kung auf eine Chemotherapie zu verzichten. Als das Unvor stellbare eintraf, verzichtete er nicht. Er konnte sein späteres Verhalten deswegen nicht im voraus planen, weil die Realität einer tödlichen Krankheit eben nicht vorstellbar, sondern nur erfahrbar ist.

So gibt es auch kulturelle oder gesellschaftliche Prozesse, die nicht oder nicht beliebig zu beschleunigen sind. Wie bildet sich die Geschwindigkeit eines gesellschaftlichen Veränderungs prozesses?

Das Tempo in Wirtschaft und Politik Bei der Vorbereitung dieses Vortrages hat sich mir ein Gedicht von C. F. Meyer aus der Erinnerung gemeldet:

Gesellschaft prägen, ob in Wirtschaft oder Politik. Es ist eine schwierige Aufgabe, ja, es ist eine Kunst: die Kunst der richtigen Tempi.

Die Gesellschaft, von der Ich träume

70. Geburtstag von Hugo Loetscher

Zürich, 13. Januar 2000

Ich träume gelegentlich davon, in einer Gesellschaft zu leben, in der es keine Röstigräben gibt zwischen Kultur, Politik und Intelligenz, davon, dass sich alle für Politik, auch für Tages politik, interessieren, und sich einbringen. Ich träume gelegent lich davon, dass Politik Kultur ist. Ich meine nicht Kultur politik, ich denke nicht an Subventionen, sondern daran, dass ebenso viele Politiker an Lesungen, Theatern und Kon zerten anzutreffen wären wie an Sportveranstaltungen. Ich träume davon, dass sich Philosophen in die Wirtschaft, die Kultur und die Politik einbringen, dass der bekannte Satz: «Ein guter Staatsmann muss ein guter Philosoph sein» nicht als exotische Absurdität aus dem Griechischunterricht belächelt wird.

Ich träume davon, dass sich Kulturschaffende für die Schweiz interessieren und sich nicht in die Welt flüchten, weil die Schweiz ihnen zu eng sei, davon, dass sie die Begeisterung, die sie den Neuentdeckungen und dem anderen entgegen bringen, auch der Schweiz entgegenbringen. Diese Zuneigung müsste auch Kritik bedeuten. Doch ich träume dann auch davon, dass diese Kritik von den Mannen und Frauen dieses Landes nicht allsogleich als Verrat, sondern eben als Liebe begriffen wird.

Ich träume aber auch davon, dass sich Kulturschaffende für die Welt interessieren, die

Welt in die Schweiz holen und sich nicht in eine Innenwelt flüchten. Denn ich träume von einer

2 JSchweiz, welche die Globalisierung nicht als eine Bedrohung empfindet, sondern als kulturelle und als politische Aufgabe begreift, als eine Aufgabe, welche die Entdeckung der Welt und damit Verantwortung für sie bedeutet, die auch wahrgenom men wird. Ich träume davon, dass diese Verantwortung nicht bloss zwinglianisch und calvinistisch gepredigt wird und des wegen zwangsläufig als eine Last empfunden werden muss, sondern dass sie Lebensfreude bedeutet, Genuss. Und ich träume überhaupt davon, dass Freude und Humor Bestandteil all unserer Aktivitäten sind.

Meine persönliche Erfahrung zeigt mir diesen Traum bis jetzt doch eher als Utopie:

Ein Bundesratskandidat aus dem Jura wurde mit dem Argu ment bekämpft, er sei zu schön angezogen und habe über haupt zuviel Lebensfreude (über eine Wahl im Grossmünster wurde ähnliches geschrieben). Als ich die Gentechnologie am Beispiel der Gremlins erläutern wollte, handelte ich mir aus den eigenen politischen Reihen schärfste Rügen ein, es gäbe Themata, wo derlei Ausschweifungen fehl am Platz seien, weil es da einfach nichts zu lachen gebe. Der Versuch, in einer offiziellen Stellungnahme zu den Lawinenschäden 1999 den ersten Teil von Dürrenmatts «Die Panne» zu zitieren, stiess auf den Einwand: «Die Leute wollen Geld und nicht Literatur.»

Ich denke an eine kürzliche UNO-Konferenz über grenz überschreitende, hochgiftige Industrieabfälle in Basel: Stun denlanges Ringen zwischen Drittwelt- und Industrieländern über Abfallexport. Kamerateams aus aller Welt. Erste Frage an der Pressekonferenz: «Wie war Ihre Reise von Bern nach

Basel?» Begründung des Journalisten nach meiner ungehalte nen Reaktion: «Ich interessiere mich eben nicht für Politik.» Der Arme wurde an einen Anlass geschickt, der ihn nicht inter essiert. Seien wir froh, dass lokale Fernsehanstalten ihre Fuss ballreporter noch nicht in die Oper schicken, um diese live zu kommentieren

Wenn ich den Traum einer allseits engagierten Gesellschaft dennoch weiterträume, sind Menschen wie Hugo Loetscher schuld daran. Er hat den Mut, sich heute abend von einem Politiker würdigen zu lassen.

Würdigungen in meiner Berufssparte werden in der Regel in vier Kapitel gegliedert: der Jubilar als Parteimitglied, als Parlamentarier, als Regierungsmitglied und: als Mensch. Wür dige ich also Hugo Loetscher 1. als Schriftsteller, 2. als Journa listen, 3. als Literaturwissenschafter und 4. als Menschen? Kommen da nicht noch andere Disziplinen dazu wie Politiker, Historiker, Städter, Botschafter? Wie viele Kapitel verdient Hugo Loetscher, und in welcher Reihenfolge sind sie zu glie dern? Sie und ich, wir wissen, so werden wir Hugo Loetscher nicht gerecht!

Hugo Loetscher denkt, empfindet und handelt gesamthaft, verflochten. Er ist Allgemeinpraktiker, ein interdisziplinäres Gesamtkunstwerk gewissermassen, und entzieht sich der Atomisierung gesellschaftlichen Denkens. Zwar wird heute dauernd von Vernetzung gesprochen, dennoch schreitet das Spartendenken voran, und das hat nicht nur mit der Speziali sierung in einzelnen Disziplinen etwas zu tun, sondern wohl auch mit einer Art Klassendenken, nämlich der Manie, die Welt in Gut und Böse, in Links und Rechts, in Oben undUnten einzuteilen. Als Politiker werde ich an Parties gefragt:

«What's your program?» oder «Welchen Führungsstil pflegen Sie?», mit der Möglichkeit, zwischen zwei englischen Aus drücken zu wählen, welche ich beide nicht kenne. Es gibt einen trennscharfen Unterschied zwischen E-Musik und U-Musik. Es gibt Leute, die

können erst sagen, ob ihnen ein Musikstück gefallt oder nicht, wenn sie wissen, zu welcher Kategorie es gehört. Eine häufige Frage, die Hugo Loetscher offenbar stets beantworten muss: «Sind Sie nun eigentlich Schriftsteller oder Journalist?» Wo sich andere über diese Sorte Fragen nerven (wie ich, der ich in solchen Situationen sofort ein Gesicht wie auf einer Bundesratsfoto mache), bringt sich Hugo Loetscher fröhlich und analysierend ein, entlarvt die Frage, ohne dies allerdings selber so zu schreiben, aber der Leser kommt zu die sem Schluss - und zählt auch gleich auf, wer weltweit zu den Vertretern gehört, die zwischen Literatur und Journalismus kei nen Unterschied machen wollen.

Doch Hugo Loetscher verbindet nicht nur Journalismus und Literatur. Dass er Grenzen überschreitet und ein Pendler zwischen vielen Welten sei, konnten wir ja in allen Geburts tagsbeiträgen lesen. Hin und her überschreitet er Grenzen, kulturell, professionell, physisch. Das Überschreiten von Grenzen ist seine Lebenslust, seine Lust, im Leben zu stehen beziehungsweise hin- und herzugehen, in der Gesellschaft zu wirken. In einer Zeitschrift las ich, Hugo Loetscher sei ein Pendler zwischen Zürich und der Welt. Erschrocken fragte ich mich: «Gehört denn Zürich nicht zur Welt?» In einem Fernseh beitrag erfuhr ich, dass er sogar Pendler zwischen zwei Stern zeichen, zwischen Schütze und Steinbock, also zwischen

Abenteuer und Ambition, sei. Immer wieder begegnen wir dem Wort «Grenzüberschreitung». Dieses erinnert auffällig an einen Titel von Jean-Rodolphe von Salis, und so ganz abwegig ist der Vergleich ja nicht.

Hugo Loetscher überschreitet durchaus im wörtlichen Sinne Grenzen. Er ist Kosmopolit. Was vielen suspekt ist, dass die Schweiz in der Welt ist und die Welt in der Schweiz, verkörpert er. Die kulturelle Globalisierung nimmt in ihm Gestalt an. Zur Globalisierung herrscht hierzulande ein recht gestörtes Verhältnis. Sie wird als Gefahr empfunden, bewirkt Angst und ist Grund zu Abkapselung und Isolation. Gleichzeitig werden die Vorteile, welche die Öffnung der Welt uns allen bringt, mit aller Selbstverständlichkeit konsumiert.

Aber eine Öffnung der Schweiz? Ein Bundesrat jedenfalls sollte sich das genau überlegen und sich zumindest politisch korrekt ausdrücken: «Präsenz der Schweiz im Ausland» - damit uns die Welt in der Schweiz weiterhin erspart bleibt.

Doch Hugo Loetscher lässt dies kühl. Er geht und kommt, wann er will. Er sitzt auch hier in den Cafes, zeigt uns, dass man nicht nur in New York Stadtneurotiker sein kann, sondern auch in Zürich, schreibt über die Storchengasse und «die Velo- fahrerlnnen mit ihren strafenden abgasfreien Blicken» - und reichert damit das plagiatabhängige Vokabularium des Ver kehrsministers an.

Mit Beiträgen wie demjenigen zur Storchengasse bekennt sich Hugo Loetscher auch zur Stadt als Heimat. Heimat wird hierzulande oft auf Kühe beschränkt, so sehr, dass selbst die Stadt Zürich sich welche aus Plastik holen musste (ich weiss, Herr Stadtpräsident, es war nicht die Politik, es war die Wirt-

3ischaft, die das tat). Heimat wird auf Alphörner, idyllische Landschaften reduziert und entsprechend politisch besetzt. Wir haben die Isolation unseres Landes auch diesem Denken zu verdanken. Ich meine damit nicht einfach die SVP. Auch ökologische

Bewegungen, die Grünen damals ausdrücklich, und Vertreter der Intellektuellen, darunter auch Schriftsteller, wollten in ihrem Welt(verbesserungs)schmerz doch nur die Schweiz gelten lassen und sprachen sich gegen den EWR aus und haben damit zur damaligen Ablehnung beigetragen. Heute gibt es die Vertreter der Alpeninitiative mit der fragwür digen Haltung, dass Alpen und die dort lebenden Menschen «besonders» geschützt werden müssten, als ob in den städti schen Agglomerationen nicht auch Menschen an Strassen wohnen müssten, nur dass sie keine Berge für Tunnel haben, in welchen der Verkehr versteckt werden könnte. Aber wir Städter und Städterinnen haben auch unsere Heimat!

Hugo Loetscher ist für uns eine Identifikationsfigur, die wir um so mehr brauchen, als wir im steten Verdacht stehen, mit unserem Urbanismus schlechtere Schweizer als andere zu sein. Dies widerfährt uns nicht nur deswegen, weil wir gelegentlich ins Ausland reisen, sondern weil die Ideen, die wir nach Hause bringen, die Kritik an den Zuständen, hier oft als Abtrünnig keit aufgefasst werden, statt als das begriffen werden, was sie sind, als Liebe zu unserem Land.

Hugo Loetscher ist nicht ein Intellektueller, der sich um politische Überzeugungen drückt, sondern er bringt sich ein, als aktiver Bürger, der eingreift, die Gesellschaft mitgestaltet mit breitem Engagement, als Citoyen, zugetan unserer schwei zerischen und zürcherischen Gesellschaft, die vom konkreten

Engagement der Bürgerinnen und Bürger lebt und darauf angewiesen ist. Ich denke an seine Vorlesung und den späteren Artikel «Demokratisierung der Demokratie». Ich denke vor allem an seine Vorträge in den USA, die jetzt wieder unter dem Buchtitel «Vom Erzählen erzählen» veröffentlicht wurden, von denen ich als Regierungsmitglied dieses Landes genauso lerne und mich anregen lasse, wie das die Zuhörer in New York taten.

In diesem Sinne ist Hugo Loetscher Botschafter. Er ist Bot schafter für die Schweiz, für ihre Politik und Kultur im Ausland und im eigenen Lande. Ich traf letzte Woche in Dubai einen Walliser, der mir gestand, Zürich als Kulturstadt erst durch eine Begegnung mit Hugo Loetscher in Mexiko entdeckt zu haben. Vorher sei er überzeugt gewesen, in Zürich gäbe es nur Banken, kaum Theater und gar keine Arbeiterviertel.

Er ist Botschafter der Literaturschaffenden aus anderen Kul turkreisen, Portugal, Brasilien, ganz Südamerika, die er uns nahe bringt, Botschafter für das bessere Verständnis anderer politischer Systeme und Gesellschaften. Ich erinnere mich an die Analyse über 10 Jahre Fidel Castro, welche ich sorgsam studiert habe, bevor ich selbst offiziell in Kuba zu Gast war. Hugo Loetscher interpretiert Politik nicht in einem engen Sinn, sondern begreift sie als Alltag, an welchem er mitwirkt. Als Kosmopolit bringt er sich nicht nur in der Schweiz ein, sondern in der Welt. Er gehörte zu den Kritikern des Salazar- Regimes in Portugal und hat dort damals etwas bewirkt für den späteren Umschwung.

Er analysiert die Sprachen, die wir pflegen, als Juristen, als Wissenschafter, als Literaten. Über die politische Sprache

habe ich von ihm noch nichts gelesen, hätte aber etliches bei zusteuern. So hörte ich nach den Orkanschäden davon, dass «der Berg vermehrte Lawinentätigkeit entfaltet und es im Schmelzfall zu Hochwasseraktivitäten» komme.

Er ist Bote und Erklärer der Literatur selber, sogar der eige nen, er hält literaturwissenschaftliche Vorträge. Für Leute wie mich ist der Zugang zur Literatur nicht so einfach. Allein schon das Lesen eines Gedichtes muss gelernt sein. Aber wer lehrt uns das? Der Dichter lässt uns gewöhnlich allein, indem er sich mit dem eigenen Pegasusnüsterndampf umflort, der Literatur wissenschafter schwebt in universitären Wolken. Selten be müht sich einer um uns, um unsere Aufnahmefähigkeiten wie etwa Peter von Matt. Hugo Loetscher übernimmt die Dolmetscherarbeit gleich selbst und damit auch die Interpre tationen seiner Arbeit.

Wenn ich immer wieder sage, Kultur sei die wichtigste Infra struktur einer Gesellschaft, dann meine ich dies, was Hugo Loetscher leistet: Kulturförderung besteht nicht grundsätzlich aus Subventionen, sondern vor allem darin, die Fähigkeit der Interessierten zu fördern und zu schärfen, nämlich zu lernen, Kultur zu erfahren. Dies kann nicht in der Residenz des dichte rischen Olymps bewirkt werden, sondern nur durch den Gang zu uns, durch die Liebe zu uns und mit dem Willen, zu uns zu gehören, mit uns zu sprechen, sich um unsere täglichen Klei nigkeiten ebenfalls zu kümmern, auch sie zu beschreiben, lite rarisch zu fassen, uns auf diese Weise abzuholen und uns damit neue Fenster auf andere Strassen und Gärten des Lebens zu öff nen. Das ist Kulturförderung, das ist die Arbeit in und an einer Gesellschaft, in der jede und jeder mitverantwortlich sein will.Das ist die Gesellschaft, von der ich manchmal träume. Für sie wirkt Hugo Loetscher, denn er geht zu allen, auch zu uns. Danke, dass er auch heute zu uns gekommen ist.

«Liebe deine Feinde!» - Ein politisches Programm

Neujahrsgottesdienst im Berner Münster

Bern, 1. Januar 2000

2000 nach Christus: Wir schauen am heutigen symbolischen Datum auf2000 Jahre Christentum zurück.

Vor 2000 Jahren wurde die Bergpredigt gehalten. Wir haben ihre Ideale nicht erreicht. Es gab stets Kreuzigungen, Folter, Kriege, die grausamsten in diesem Jahrhundert. Im Museum des Roten Kreuzes in Genf sind - eindrücklich und bedrückend - die Kriege auf dieser Erde pro Kalenderjahr mit all ihren Toten aufgeführt. Jedes Jahr hat seine Nische, auch das Jahr 2000: Die Nischen für die kommenden Jahre sind bereits ge baut. Müssen wir nach 2000 Jahren resignieren und den Glau ben an eine friedfertige Welt aufgeben?

Wir leben in einer Realität, in welcher Sätze wie «Liebe deine Feinde!» oder «Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm die linke dar!» als «weltfremd» erscheinen. Gibt es Menschen, die sich tatsächlich so verhalten wollen und können? Im Alltag, in der Familie, im Beruf, in der Poli tik? Können diese Sätze gar für den Staat gelten, wie er sich gegenüber der Mafia verhalten soll? Oder für die Staaten gemeinschaft gegenüber Milosevic oder den Mördern in Ost timor? Das widerspräche ja gerade dem Ziel der Bergpredigt, nämlich einer friedlichen Gesellschaft. Wie waren auch wir hin und her gerissen, als sich unsere Nachbarn in Abwägung solch innerer Konflikte zu einer

Intervention im Kosovo ent schieden.

Es ist offensichtlich: Weder können wir im privaten Leben

vor der Bergpredigt bestehen, noch ist sie ein Manifest, das wir politisch umsetzen könnten.

Bergpredigt heute Aber stellen wir die Gegenfrage: Ist denn eine Politik ohne Bergpredigt denkbar und verantwortbar?

Für unser Leben, für unser Handeln brauchen wir ein Orientierungsziel. Ohne ein solches würden wir uns treiben lassen, durch Mode, durch Umfragen, durch den täglich geschürten Skandalmarkt. Das wäre ziel- und damit verant wortungslos. Fragen wir uns also: Welche Schweiz und welche Welt wollen wir?

Die Schweiz fusst - nicht nur, aber wesentlich - auf der christlichen Kultur. Unsere neue Bundesverfassung tritt heute in Kraft. Sie beginnt mit: «Im Namen Gottes des Allmäch tigen». Und sie fährt fort: «Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich» und «Die Schweiz setzt sich für eine friedliche und gerechte internationale Ordnung ein»: Wir wollen Gerechtig keit. Wir wollen eine Welt ohne Krieg.

Solche Grundsätze und Bekenntnisse allein reichen nicht. Sie müssen umgesetzt werden. Wir müssen uns dazu enga gieren, wir müssen uns einbringen. Den Verzicht auf Verant wortung will unsere Demokratie nicht zulassen, denn wer nicht handelt, der lässt sich bloss behandeln und kann seinem Mitmenschen kein «Nächster» sein. So fordert auch die neue Bundesverfassung: «Jede Person nimmt Verantwortung für sich selber wahr und trägt nach ihren Kräften zur Bewäl tigung der Aufgaben in Staat und Gesellschaft bei.» Gemeint ist nicht bloss wählen und abstimmen. Es geht um Einsatz

überhaupt, in Kultur, in Sozialarbeit, Vereinen, der Feuer wehr.

Was für die Menschen in der Schweiz gilt, gilt für die Schweiz in der Welt: Es leben über sechs Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Die Bevölkerung der Schweiz beträgt davon gerade ein Promille. Doch auch als dieses eine Promille haben wir eine Verpflichtung für die ganze Welt!

Nach welchen Grundsätzen sollen wir handeln? Es gibt keine bequemen Anweisungen, wie wir im Einzelfall handeln sollen, schon gar nicht helfen uns dabei Ausdrücke wie «christlich», «sozialistisch» oder «liberal», denn im Namen all dieser Bekenntnisse sind schon Kriege geführt worden, auf dem Schlachtfeld oder an Börsen und anderen Handels plätzen. Und auch die Freiheit als solche ist noch kein Ziel, denn sie bleibt ohne Inhalt eine Botschaft der Beliebig keit.

Unsere Aufgabe ist vielmehr, das Ziel unserer Freiheit zu bestimmen und uns darauf zu verpflichten, sowohl im Privat leben als auch in der Politik. Nichts entbindet uns davon, unser Handeln in jedem einzelnen Fall im Hinblick auf das Ziel zu überprüfen und dazu unser Gewissen zu Rate zu ziehen. Dabei genügt es nicht, auf die «innere Stimme» zu hören. Es gibt auch «äussere Stimmen» oder Bedingungen zu berücksichtigen.

Wie setzen wir unseren Willen um? Wir leben in einer Welt, die in Konflikte verstrickt ist. Wir leben in Machtstrukturen und Interessengegensätzen, denen wir nicht entrinnen können. Die Vision einer friedlichen und gerechten Gesellschaft muss erstritten, notfalls auch erkämpft werden. Das kann Gewalt bedeuten, doch müssen zuerst Kompromisse

gesucht werden. Der Kompromiss ist ein Element der Demokratie, die Anders denkende integrieren will. Dass mehrere Schritte, ja Umwege gemacht werden müssen, um das Ziel zu erreichen, ist ein Kompromiss mit der menschlichen Realität.

I

Auszug aus dem schweizerischen Pflichtenhefi Strassenverkehr: Unsere Verfassung garantiert das Recht auf Leben. Doch allein der Strassenverkehr fordert jährlich 600 Tote. Im Namen unserer Mobilität laufen wir Gefahr, dies zu verdrängen und damit zu akzeptieren. Unser Ziel muss aber, wenn wir über Alkoholpromille oder das Strassenverkehrs- gesetz entscheiden, null Verkehrstote sein, selbst wenn wir wissen, dass dieses Ziel in einem einzigen Schritt nicht erreich bar ist.

Klima: Wir wollen die Erde allen ihren Bewohnerinnen und Bewohnern, den heutigen und den künftigen, als Lebens grundlage erhalten. Das ist schnell gesagt; die tatsächliche Ent wicklung läuft umgekehrt: Als Folge der Klimaerwärmung verschwinden heute ganze Landstriche, wo die Ärmsten dieser Erde leben. Wenn wir über die Absenkung von Schadstoff- ausstoss, über das C0 2 -Gesetz oder über Abgaben auf nicht erneuerbaren

Energien oder über die ökologische Steuerreform verhandeln, so geht es eben nicht einfach um Steuerpolitik, sondern um Klimapolitik zur Bewahrung der Erde.

Flüchtlingspolitik: Noch vor 150 Jahren verliessen Schwei zerinnen und Schweizer dieses Land als Wirtschaftsflüchtlinge. Die Heimatgemeinden bezahlten ihnen die Reise, um Für sorgegelder zu sparen. Im Osten und Westen wurden dieschweizerischen Flüchtlinge aufgenommen. Übertragen wir den Zeitraum von 2000 Jahren auf einen Tag von 24 Stunden! Weniger als eine halbe Stunde ist das her! Und heute, eine halbe Stunde später: Wie verhalten wir uns heute und jetzt gegenüber den Flüchtlingen, die zu uns kommen? Tun wir diesen Menschen immer das, was wir von anderen Menschen wollen, dass sie es uns tun?

UNO: Wenn wir über die Aufnahme oder die Rückschie- bung von Flüchtlingen entscheiden, so vergessen wir nicht das wirkliche Ziel: Es darf keine Flüchtlinge geben in dieser Welt. Effizient kann sich nur die Staatengemeinschaft gegen Krieg und Hunger und für die Menschenrechte in der Welt einsetzen. Die UNO hat vieles geleistet und manches verhindert. Es gelingt ihr nicht alles und einiges zu spät. Aber wo stünden wir ohne ihr Engagement? Welchen vernünftigen Grund gibt es, der UNO nicht beizutreten?

Integration: Wir tun uns schwer, junge Ausländerinnen und Ausländer der zweiten Generation einzubeziehen, obwohl sie seit Geburt zu uns gehören. Es gibt Kranke, denen versagen wir das Mitleid, weil wir die Krankheit, Aids zum Beispiel, als selbstverschuldet anprangern. Warum bringen wir gegenüber Süchtigen, die sich von ihrer Sucht befreien wollen, nicht dasselbe Verständnis auf wie für andere Kranke? Wie wurde doch auf dem Berg vor 2000 Jahren gepredigt? «Richtet nicht, damit Ihr nicht gerichtet werdet.»

Ist selber schuld, wer arbeitslos ist? Eine OECD-Studie zeigte: Im Vergleich zu Kanada leistet die Schweiz an Arbeits lose grosse finanzielle Sozialhilfe. Aber die tatkräftige Wieder eingliederung in den Arbeitsprozess vernachlässigen wir.

Manchmal macht es den Anschein, Sozialpolitik bestünde in Expertisen, Berechnungen und Prognosen. Soziale Integration erledigt sich nicht mit Geld. Beschränkt sie sich

darauf, wird die Würde der Betroffenen verletzt und der soziale Zusammen halt geschwächt. Wir können nicht alles an den perfekt organi sierten Staat delegieren. Wir wollen ja Geborgenheit, Wärme und Mitgefühl. Das können wir nur geben, wenn wir Mit menschen sind.

Wir wollen in diesem Sinn all jener gedenken, die wegen der Naturkatastrophen dieser Woche Angehörige verloren haben oder um den Schutz bangen, den die zerstörten Wälder nicht mehr bieten können.

Demokratische Kultur: Die Demokratie lebt von Auseinander setzungen zwischen politisch verschiedenen Auffassungen. Ein politischer Inhalt ist auch, wie wir miteinander umgehen. Es gibt politische Gegner. Politische Feinde jedoch darf es nicht geben! Auch der Gegner hat ein Recht auf seinen Standpunkt. Wenn wir versuchen, den Andersdenkenden zu verstehen, dann zum Beispiel sehen, dass er Angst hat, ihn dabei ernst nehmen und ihm helfen, dann entdecken wir die praktische Bedeutung der Aufforderung, die ja noch viel weiter geht: «Liebet Eure Feinde!»

Die Bergpredigt kann Wirklichkeit werden Wir haben ja auch vieles erreicht: Es besteht die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wie viele Menschen wollen für andere sorgen! Viele engagieren sich freiwillig in der Sozial arbeit oder für Katastrophenhilfe! Gerade heute stellen wir dankbar und dankend fest, was nach Orkan und Lawinen inunserem Land an Aufräum- und Wiederherstellungsarbeiten geleistet wird.

Die Menschenrechte haben grosse Fortschritte erfahren. Folter und Todesstrafe sind abgeschafft. Weltweit liegt noch eine grosse Aufgabe vor uns, aber viele Länder liefern den Beweis, dass die Menschenrechte möglich sind.

Wir kennen ein Strafrecht, das die Praxis «Auge um Auge, Zahn um Zahn» überwunden hat.

Friede in Europa ist jetzt möglich, und ich glaube daran, dass er uns gelingt.

Darin liegt die Bedeutung der Bergpredigt: Sie ständig vor Augen zu haben, sie anzustreben als das Ersehnte, das noch nicht Wirklichkeit ist, das aber Wirklichkeit werden kann, wenn wir es nur wollen, als einen Traum, den Martin Luther King träumte, den wir weiterträumen, den Traum einer Welt ohne Krieg, ohne Flucht, ohne Hunger, ohne Häme und Miss gunst, einer Welt, in der sich alle einbringen wollen für Frieden und Gerechtigkeit.

In einer Heimat zu leben, die es uns ermöglicht, an die Ziele der Bergpredigt zu glauben, ist Hoffnung und Verpflichtung zugleich. Dass wir diesen Traum bisher nicht erreichten, ist daher nicht unsere Resignation, sondern unser Ansporn.

Tunnel in die Rösti graben!

Eröffnung der Olma St. Gallen, 7. Oktober 1999

Fünf heilige Messen gibt es in der Schweiz: Die Muba in Basel, den Comptoir in Lausanne, den Automobilsalon in Genf, das Filmfestival in Locarno und natürlich die Olma hier in St. Gallen. Bei diesen fünf ist die Teilnahme eines Mitglieds der Landesregierung ein zwingendes Gebot.

Was haben diese fünf Messen gemeinsam? Die Antwort liefert uns die politische Geografie der Schweiz: Jeder dieser Messeorte liegt - immer von Bundesbern aus gesehen - hinter einem tiefen Graben: dem Läckerligraben, dem Röstigraben, dann auch dem Polentagraben und - wie heute - dem Brat wurstgraben. Da ist klar: Es muss immer auch einer der sieben aus dem Bärengraben kommen.Wir alle sind von der Existenz dieser Gräben felsenfest überzeugt. Vor allem nach Abstim mungssonntagen werden sie regelmässig mit Nachdruck beschworen. Allerdings beschleichen mich als Verkehrsminister manchmal doch Zweifel. Um die Gräben besser überwinden zu können, braucht es ja eigentlich Brücken. Aber was for derten all die betroffenen Regionen gegen diese Gräben? Neue Tunnel: an Hirzel und Zimmerberg, am Gotthard, am Lötsch- berg und auch an Belchen und Wisenberg.

Sind die zahlreichen Gräben, die angeblich unser Land durchfurchen, also nur ein gerngehätscheltes Klischee, um «Bern» möglichst erfolgreich Beine zu machen, wenn es um die Durchsetzung regionaler Interessen geht?

Wir kennen noch weitere Gräben: jene zwischen Arm und

Reich, zwischen Arbeitslosen und solchen, die Arbeit haben, und vor allem den Graben zwischen Stadt und Land. Sie prägen unsere Politlandschaft sehr nachhaltig. Viele Schwei zerinnen und Schweizer sorgen sich gar, die Gräben würden immer breiter und tiefer und zu einem einzigen Grab für unsere nationale Identität.

Aber die stetige Sorge um Gräben in unserem Land hat somit auch ihr Gutes: Sie ist der Stachel im Fleisch unseres schweizerischen Selbstverständnisses und führt dazu, dass sich die verschiedenen Regionen und Bevölkerungsgruppen unseres Landes gegenseitig immer neu und vertieft zu verstehen ver suchen. Sie erinnert uns daran, dass unser Land aus lauter Minderheiten besteht, und verlangt von uns ständig neue Be weise für unseren gemeinsamen Willen, zusammenzugehören und aufeinander Rücksicht zu nehmen.

Zeitungs-Leitartikler beschwören das Auseinanderdriften der Schweiz entlang regionaler Gräben. Kulturschaffende grübeln und wagen die These: «La Suisse n'existe pas». Politiker fordern und beschliessen neue Tunnel: Jeder gräbt eben, wo er steht. Das ist nicht schlecht, denn so spielt er im grossen schweizeri schen Orchestergraben sein eigenes Musikinstrument und trägt so dazu bei, dass die Idee Schweiz zum Klingen kommt.

Was hat das alles mit der Olma zu tun? Nun, ich bin über zeugt: Wir müssen, um das Gemeinsame zu bewahren und um es auch weiterzuentwickeln, eben auch zum

Besonderen, zu dem, was uns unterscheidet, zu den Gräben also, Sorge tragen. Jede Region, jede gesellschaftliche Gruppe ist auf Anlässe und Orte angewiesen, wo sie sich darstellen und über sich nachden ken kann. Das schafft Selbstvertrauen und ist somit

Voraus-

Setzung, um sich auch wieder den grösseren Zusammenhängen zuzuwenden und sich in ihnen zurechtzufinden.

Revolution in der Landwirtschaft Die Olma ist eine Ausstellung der Landwirtschaft. Gerade sie braucht solche Anlässe. Die Bäuerinnen und Bauern erlebten in den vergangenen Jahren grosse Veränderungen, ja eine eigentliche agrarpolitische Revolution. Sie ist immer noch im Gang. Das ist mit Verunsicherung, mit Existenz- und

Zukunfts ängsten verbunden.

Worauf sind diese Veränderungen zurückzufuhren?

Der Friede in Europa und in vielen anderen ehemaligen Rri- sengebieten der Welt hat sich seit dem Fall der Berliner Mauer weiter gefestigt. Das Vertrauen in das gute Funktionieren der Agrarmärkte nimmt deswegen laufend zu. Die Liberalisierung, gerade auch im Agrarsektor, ist schon fast zu einer neuen Welt- Religion geworden. Das Gatt als Halb-Gott.

5000 Kinder sterben täglich an Hunger und Unterernäh rung. Global betrachtet ist deshalb eine weitere Steigerung der Nahrungsmittelproduktion unerlässlich. In Europa und in der Schweiz jedoch wachsen die Bevölkerungen praktisch nicht mehr. Das bedeutet, dass hier die Nachfrage nach Nahrungs mitteln stagniert. Gleichzeitig haben sich die landwirtschaft lichen Anbaumethoden grundlegend verändert. Auf weniger Boden kann immer mehr geerntet werden. Es entsteht eine Überproduktion.

Auch sind die Konsumentinnen und Konsumenten kriti scher geworden. Ihr Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein ist gestiegen, und sie stehen einer zu technisierten Landwirtschaft ablehnend gegenüber. Der Hauptgrund liegt weniger in einem Misstrauen gegen den Bauernstand als in einer ohnmächtigen Haltung gegenüber den undurchsichtigen Wegen der globalen Lebensmittelproduktion. Skandale wie Dioxin in belgischen Poulets, Antibiotika in Koteletts, BSE etc. haben eine Verun sicherung bewirkt, die auch die einheimische Landwirtschaft trifft. Es gab Zeiten, und sie liegen nicht lange zurück, da sahen städtische Konsumenten in der Landwirtschaft nur gerade Umweltverschmutzung und Tierschändung. Das sind im übrigen Attribute, die nicht auf meinem Miststock gewachsen sind, sondern auf dem von Hans Burger, dem Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft.

Eine Neuausrichtung der Landwirtschaftspolitik war und ist also unvermeidlich. Sie lässt sich durch zwei Stichworte kennzeichnen: Marktöffnung und konkurrenzfähigere Land wirtschaftsbetriebe einerseits; Abgeltung gemeinwirtschaft licher Leistungen im Bereich des Umweltschutzes und des Tier schutzes andererseits.

Was das konkret für die einzelne Bäuerin und den einzelnen Bauern und für die nachgelagerten Verarbeitungsbetriebe bedeutet, wie schwierig diese Umstellung ist, wissen Sie alle viel besser als ich.

Ich möchte Ihnen aber sagen, dass in meinem Aufgaben bereich, bei den ehemaligen Bundesbetrieben, genau der gleiche Wandel im Gang ist: Wir haben die Märkte geöffnet; Swisscom, Post und SBB müssen agiler, kundenfreundlicher und effizienter werden und können nicht mehr mit Subven tionen rechnen. Statt dessen erhalten sie, wo es die Grund versorgung erfordert, Beiträge für die gemeinwirtschaftlichenLeistungen, die sie erbringen. Im Strommarkt tut sich ähn liches.

Die Gewerkschaften haben diesen Wandel nicht gerade mit Enthusiasmus aufgenommen. Und als ich ihnen sagte, die Zukunft bringe uns allen keine Ruhe und wer raste, der roste, reagierten sie eher ungehalten, nämlich mit einem Pfeifkon zert. Aber nicht aus Angst vor einem solchen Konzert wieder hole ich hier meinen Rat nicht, sondern deshalb, weil ich weiss, dass Sie sich schon sehr bewegen mussten und dass Sie schon viel erreicht haben.

Erfolg schweizerischer Landwirtschaftsreform Der ökologische Umbau der

Landwirtschaft ist auf guten Wegen. Die Beteiligung an den Ökoprogrammen steigt von Jahr zu Jahr. Der Einsatz von Kunstdünger und Pflanzen schutzmitteln geht zurück, und die ökologischen Ausgleichs flächen nehmen zu. In der NZZ (22. September 1999) konnte man kürzlich lesen: «Solches ist in der Welt einzigartig und wird in der EU mit Verwunderung und Neid registriert.» (Ich habe mir im übrigen versichern lassen: Es war ein Redaktor, der dies geschrieben hat, und nicht ein bezahlter Lobbyist des Bauernverbandes.)

Wenn wir Gesetze über die Gentechnologie bei landwirt schaftlichen Produkten erlassen, dürfen wir nicht unter schätzen, wie wichtig das Vertrauen der Konsumenten in die einheimische Produktion ist. Freilandversuche mit gentech nisch veränderten Pflanzen oder gentechnisch verändertes Saat gut verunsichern die Konsumenten aber und schaden somit dem Absatz landwirtschaftlicher Produkte ganz allgemein.

Dass die EU mit Neid auf unsere Agrarpolitik schielt, hat im übrigen einen verständlichen Grund: Europa steht vor genau den gleichen Herausforderungen wie wir und versucht, diesen mit den gleichen Antworten zu begegnen: nämlich mit der Förderung einer konkurrenzfähigen und ökologischen Landwirtschaft.

Die Schweiz und die EU haben gerade auch in der Agrar politik die gleichen Interessen, und wir nehmen gemeinsam eine klare Gegenposition ein zu den Absichten der Agrar- grossmächte USA oder Australien, die auf einen unbegrenzten weltweiten Freihandel setzen.

Ich weiss natürlich, dass die Bäuerinnen und Bauern vor sieben Jahren mehrheitlich gegen den EWR gestimmt haben. Das war zu Beginn der agrarpolitischen Revolution. Dieser Vertrag ist damals vielen zu rasch gekommen.

Inzwischen aber, und auch daran zweifle ich nicht, hat die Stimmung in der schweizerischen Landwirtschaft umgeschla gen. Die Mehrheit der Bäuerinnen und Bauern ist sich bewusst geworden, dass die gemeinsamen Interessen, die uns mit der EU verbinden, eine vertragliche Grundlage benötigen und dass deshalb die bilateralen Abkommen für sie selbst und für das ganze Land eine grosse Chance sind.

Zwar kann Ihnen niemand versprechen, der Anpassungs druck, dem Sie heute ausgesetzt sind, würde mit diesen Abkommen vollständig wegfallen. Das wäre gelogen. Aller dings wäre es auch trügerisch zu hoffen, ohne Abkommen würde dieser Druck abnehmen.

Der Vorteil des Landwirtschaftsabkommens liegt auf einer anderen Ebene: Es verschafft den Schweizer Bäuerinnen

und Bauern den Zutritt zu einem Markt mit 370 Millionen Menschen. Wir liegen mitten im kaufkräftigsten Gebiet, da wo die Konsumentinnen und Konsumenten am stärksten für Umweltfragen sensibilisiert sind, da wo beim Einkauf besonders auf gesunde Produkte geachtet wird. Das ist Ihre, das ist unsere Chance.

Sie lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen: Die Schweiz hält heute einen Marktanteil von einem Prozent des euro päischen Käsekonsums. Wenn wir ihn schon nur auf zwei Pro zent erhöhen, so könnten 25 Prozent mehr Schweizer Milch produziert und verkauft

werden. (

)

Diese Schweiz wird ihre Rolle in Europa und der Welt nur wahren, wenn sie ihre Identität und Besonderheit bewahrt und pflegt. Das kann sie aber nur, wenn sie sich bewegt, um sich auf die Veränderungen rings um sie herum einzustellen. Für beides - Veränderung und Bewahrung - ist die Olma Symbol. Sie schlägt Brücken zu anderen, Urbanen Kulturen, mit der gewählten Architektur der neuen Halle, mit der heutigen Darbietung des Orchesters, mit den neuen Kommu nikationsmitteln, zum Beispiel ihrer Vertretung auf dem Internet.

Ich danke der Olma für den Beitrag für unser Land und wünsche Ihnen allen eine erfolgreiche Ausstellung.

Zu Gast in der Wirtschaft

Vorwort zu Peter Brunners Kochbuch «Notizen aus Küche und Wirtschaft»

Jeder Besuch einer Gastwirtschaft ist für mich ein kulturelles Erlebnis - eine ebenso hochgestochene wie triviale Behaup tung, denn was umschreiben wir heutzutage schon nicht als Kultur, so dass ich mich erklären will:

Wie präsentiert sich mir ein Restaurant? Gibt es sich als Tempel, als Zelt, ist es Stube, was hängt an den Wänden, gibt's Kerzen, Blumen in Vasen oder Buntstifte in Gläsern, um auf die Papierservietten zu zeichnen? Welche anderen Gäste prägen die Atmosphäre? Sind es in Ergriffenheit flüsternde Pärchen, lachende Familien, natelbewaffnete Prokuristen, die ihre Heldentaten herumposaunen? Wie ist die Speisekarte zusammengesetzt? Huldigt sie unverbindlicher Beliebigkeit mit hundert verschiedenen Speisen, die also notwendigerweise alle tiefgefroren sein müssen, oder zeigt sie Mut zur Beschrän kung? Wohin will sie mich ent- und wie verführen? Widmet sie sich einer bestimmten Region, einem Land, wagt sie Ver bindungen zwischen zwei Kulturen? Kombiniert sie Tradi tionelles mit Neuem? Verschreibt sie sich einer Idee oder einer Ideologie, etwa der neuen Kalorienarmut, herrscht Gross mutterkult, ist sie dem Verkleinerungswahnsinn mit Sössli, Salätli und Wiili erlegen?

Wohlverstanden: Ich bevorzuge nicht immer denselben Typus. Wir sind ja alle derart multigastrokulturell verwöhnt, dass wir einmal gerne dort, das andere Mal da einkehren, so wie wir ja auch ohne weiteres freitags Jazz hören und sonntags eine Oper besuchen. Welche Beziehung stellt sich zwischen den Gästen und dem Bedienungspersonal ein? Finden sie den idealen Abstand der morgensternschen Stachelschweine, nicht zu nah, um sich nicht zu stechen, und nicht zu weit, um sich nicht im Stich zu lassen? In welcher Sequenz wird der Gast genötigt zu bestätigen, dass es «recht» sei? Wird ihm umgekehrt eine Frage beantwortet? Darf ich erfahren, wo die bearbeiteten Produkte ausgesucht wurden, woher der Wein kommt, den ich noch nicht kenne? Macht man mich auf ein frisches Gericht aufmerksam, das den Weg auf die Karte noch gar nicht ge funden hat? Ist die Köchin oder der Koch besonders stolz auf eine eigene Kreation? Sie ist sicher mit Liebe zubereitet. Wird mir solches empfohlen, so gehe ich meist auf den Vorschlag ein, statt mich auf eigene Gelüste zu fixieren. So verhalten wir uns ja auch im Bekanntenkreis: Wir werden eingeladen, um die Ideen und die Arbeit der Gastgeber zu gemessen. Es käme uns ja nicht in den Sinn, bei einem privaten Besuch etwas zu

bestellen.Wird mir ein Rezept erklärt und nicht, wie etwa in Frank reich, einfach als «un secret» eingestuft, wird mir gar noch die Philosophie der Küche dargelegt, dann werde ich ernst genom men, dann fühle ich mich wie bei Freundinnen und Freunden. Ich denke nach über die präsentierte Arbeit, die mich berührt, so wie das etwa ein Bild oder ein Musikstück vermag. Eine Kreation kann zum Beispiel verblüffend einfach sein, aber eben doch so verblüffend, dass sie etwas bewegt in mir. Eine ungewohnte Kombination überrascht mich. Ja, es ist sogar möglich, dass ich ein Gericht als nicht ganz gelungen empfinde und dass es mich gerade deswegen anregt. Vielleicht versuche ich dann zu Hause, etwas Ähnliches zu kreieren. Es bleibt etwas, das sich weiterentwickelt. Solche Gastronomie ist mehr als pure Professionalität, die, oft durch Tests - lächerlich auf Kommastellen genau - benotet wird; sie ist mehr als Haben, sie ist Kreativität. Sie erfordert, um ihre befruchtende Wirkung zu entfalten, ein Zusammenspiel aller, der Lieferanten, der Küche, der Bedienung und - der Gäste. Denn auch ihr Ver halten prägt die Stimmung und beeinflusst so wechselwirkend die Leistungen und das Gesicht eines Restaurants. Seien wir Gäste uns unserer Verantwortung bewusst. Zeigen wir, wenn es uns gefallen hat, und unterdrücken wir umgekehrt allfällige Kritik nicht mit unverbindlichen Lobesplatitüden.

Dieses Zusammenspiel aller, das darin besteht, sich ver stehen und begreifen zu wollen, neugierig zu sein hinter und vor der Theke, sich gegenseitig mitzuteilen, zu geben und zu nehmen, macht sie aus, die Kultur der Gastwirtschaft.

Schweizerische Umweltpolitik aus der Vogelperspektive

75 Jahre Vogelwarte Sempach Bern, 6. Oktober 1999

Anlass zur heutigen Veranstaltung ist das Jubiläum der Vogel warte Sempach, welche diesen Tag der Umwelt widmet. Ich möchte mich für diese Idee bedanken. Bei der Vorbereitung dieser Ansprache habe ich festgestellt, wie oft die Sprache symbolisch auf Vögel Bezug nimmt, und so sei jede Erwäh nung eines Vogels in diesem Referat jeweils ihrerseits ein symbolischer Dank an die Vogelwarte Sempach, was ich mit je einem Schokoladenei O, das ich in diese Glastüte lege, zum Ausdruck bringe.

Warum engagieren wir uns umweltpolitisch? Ist es für die Nachwelt? Für unsere Kinder? Damit nicht sie unsere Kuckuckseier ausbrüten müssen? Ist es selbstloser Einsatz für die schwache Natur, die sich nicht wehren kann? Ist, wer sich für die Umwelt bemüht, ein edlerer Mensch als derjenige, der sich für wirtschaftlichen Fortschritt oder für den sozialen Zusammenhalt einsetzt? Manchmal macht das den Eindruck, wenn etwa eine Velofahrerin einem Autofahrer den Vogel zeigt oder wenn ein Wanderer gegenüber einer Mountain- bikerin dasselbe tut.

Was ist das Motiv, sich für den Erhalt möglichst vieler Vogel arten, für die Artenvielfalt überhaupt oder für reine Luft ein zusetzen? Was ist der Antrieb, gegen Lärm oder gegen die Ver schleuderung der natürlichen Ressourcen zu kämpfen? Liebt der Mensch die Natur so, wie er sich selber liebt?

Ansätze dazu gibt es, zum Beispiel bei Vegetariern oder beim Parlament, das eine Gesetzgebung beschloss mit dem Titel: «Tier keine Sache». Gemeint sind aber eher Haustiere, die bei der Zuteilung der elterlichen Gewalt nach Scheidungen befragt werden sollen, und weniger Raubtiere. Wolf und Luchs bleiben ra vogelfrei. (Auch wenn SF1

eine Soap-Oper über den Luchs im Tierspital plant.)

Die Aufklärung hat gelehrt, andere Menschen in ihrer Frei heit zu respektieren, weil alle Menschen autonom sein sollen und die Fähigkeit haben dürfen, eigene Zwecke zu verfolgen. Diese Fähigkeit und Freiheit verleihe ihnen einen eigenen inneren Wert. Um ihnen diesen Wert auch zu garantieren, sollen Menschen andere Menschen nicht instrumentalisieren und ihnen nicht eigene Zwecke aufzwingen dürfen.

Eine derartige Moral, wie sie den anderen Menschen gegen über gelten soll, kann nicht auf die Natur übertragen werden. Der Mensch dürfte dann nämlich überhaupt nicht in die Natur eingreifen. Der Mensch gestaltet, kultiviert und manipuliert die Umwelt. Er muss sich das eingestehen.

Dieses Selbstverständnis, dass der Mensch, selber zwar Teil der Natur, sich gegenüber derselben als dominant sieht, kommt bereits im theoretischen Konstrukt der Nachhaltigkeit zum Vorschein: Wirtschaftliche Entwicklung und soziale Kohäsion, zwei «menschliche Bedürfnisse» also, sind der ge samten übrigen Umwelt je ebenbürtig. Dass die menschlichen Ansprüche in der praktischen Güterabwägung sehr oft obsie gen, kommt dazu. Die Gleichwertigkeit von Schutz und Nut zen ist wie die Antwort auf die Frage, welches Bein einer Amsel länger sei: Beide sind gleich lang, besonders das rechte.

Dabei ist der Stellenwert der Umwelt im heutigen Nachhal- tigkeitskonzept bereits ein Fortschritt. Vergessen wir nicht, dass noch in den 60er Jahren Naturschutz einfach Heimatschutz war. Es ging um die Bewahrung der «landschaftlich wie kultu rell so reichen und vielseitigen Heimat», um das «geistige und kulturelle Wohl des Landes» (Botschaft zum Natur- und Hei matschutzartikel).

Wir reden von moderner Umweltpolitik. Wer den Ausdruck «moderne» Umweltpolitik in den Mund nimmt, muss sich sogleich eingestehen, dass «modern» etwas mit Mode zu tun hat. In der Tat unterliegt jede Politik auch Modeströmungen. So wie sich die Sozialpolitik, die Wirtschaftspolitik und die Staatspolitik in einem stetigen Wandel befinden, wandelt sich auch die Umweltpolitik. Bei aller Überzeugung, die wir heute für unsere umweltpolitischen Ziele und Mittel haben, müssen wir uns immer vor Augen halten, dass spätere Generationen die Umweltpolitik neu definieren werden.

Ich erinnere mich, noch in meiner Studienzeit habe ich in der Zentralbibliothek das Wort «Umweltschutz» nur unter dem Stichwort «Freizeitbeschäftigung» gefunden. Wer sich damals mit Umweltschutz befasste, galt als schräger Vogel, später als [23 hnker Vogel, heute als staatstragend.

Denn heute ist Umweltpolitik als Staatszweck in Artikel 2 der neuen Bundesverfassung verankert. Umweltpolitik ist Bestandteil der Gesellschaftspolitik im weiteren Sinne. Sie wird also nicht nur vom Staat selber wahrgenommen, sondern auch durch die Wirtschaft und Private (sowie dies übrigens in der Sozialpolitik und der Wirtschaftspolitik ebenfalls der Fall ist). Auch die Kirche kümmert sich um die Umwelt: In meinem

Kirchenblatt sah ich letzthin den Aufruf zu einer Veranstal tung: «Gemeinsames Kompostieren in Hottingen».

Umweltpolitik ist globale Politik. Die Völkergemeinschaft hat sich auf bestimmte Ziele - C0 2 -Reduktion etc. - und auf das Prinzip der Nachhaltigkeit geeinigt. Diese ist ihrerseits

in der neuen Bundesverfassung festgeschrieben.

Der Umweltschutz muss in jeden Politikbereich integriert und in jedem Entscheidungsprozess von Beginn an berücksich tigt werden, wenn das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung erreicht werden soll. Umgekehrt müssen alle Umweltschutz- massnahmen wirtschaftlich und sozial tragbar sein.

Massnahmen und Zielkonflikte Die Umweltpolitik war in ihren ersten Boomjahren, während der 70er und 80er Jahre, geprägt durch Gebote, Verbote und Subventionen. Dadurch ist ein Gesetzes- und Verordnungs dickicht entstanden, das die Vollzugsbehörden (Kantone) zunehmend überforderte. Und auch der O Pleitegeier, der über den öffentlichen Haushalten kreise, zwang uns zu einem Umdenken. Das UVEK orientiert sich heute bei den Umwelt- schutzmassnahmen an folgenden Prioritäten:

Freiwillige Massnahmen: Zu nennen sind (beispielsweise) die Energieagenturen oder die Branchenvereinbarung zwischen der schweizerischen Zementindustrie und den Standortkantonen zur Reduktion der Stickoxydemissionen.

Marktwirtschaftliche Massnahmen: Beispiele sind Lenkungsab gaben auf flüchtigen organischen Verbindungen (ab 1. Januar 2000) und auf Schwefelgehalt von Heizöl «Extra-Leicht» (seit 1. Juli 1998) und die LSVA.

Die heftigen Diskussionen in der letzten Session um den Ausdruck «von Grenze zu Grenze» im Verlagerungsgesetz - verbunden mit dem unausgesprochenen Wunsch nach Schlag bäumen - und die versuchte ökologisch-nationalkonservative Allianz zu dieser Frage zeigen, dass sowohl das Primat der internationalen Umweltpolitik als auch die Methode der marktwirtschaftlichen Anreize nicht unangefochten sind. Der Wunsch nach einer nationalen (nationalistischen?) Umwelt politik der Schlagbäume ist nach wie vor stark vertreten und wird im Abstimmungskampf um die Bilateralen zweifellos wieder aktiviert werden.

Gebote und Verbote: Nicht in allen Bereichen sind freiwillige und marktwirtschaftliche Massnahmen die geeigneten Mittel der Umweltpolitik. Moore brauchen seit Rothenthurm ihren Schutz, seltene Vögel ihre Rote Liste. Für den Elektrosmog müssen Obergrenzen der Belastbarkeit bestimmt werden, und für Autos gibt es zahlreiche Abgasvorschriften. Solche Grenz werte können nur durch staatliche Regelungen festgelegt werden. Blosse Appelle an die Selbstverantwortung sind nichts anderes als Vogelscheuchen und genügen nicht. Gelegentlich muss auch gesagt werden: «Vogel friss oder stirb!»

Die Nachhaltigkeit ist sowohl ein inhaltliches Programm als auch eine Methodik. Sie will die Umweltpolitik in die gesamte Gesellschaftspolitik integrieren und verpflichtet zu einem rationalen Diskurs darüber, welchen Stellenwert die Umwelt in unserer Politik einnehmen soll. Durch den Wechsel des BUWAL in unser Infrastrukturdepartement wollte der Bundesrat diesen Diskurs fördern und die Integration vonSchutz- und Nutzpolitik vorantreiben. Dieser rationale Diskurs besteht vorab in der Diskussion um Zielkonflikte.

Umwelt-soziale Gerechtigkeit: Die Widerstände gegen eine Ratifizierung der Alpenkonvention erfolgten vor allem aus der Befürchtung, die wirtschaftlich weniger entwickelten Alpen gegenden könnten durch eine zu starke Betonung des Umwelt schutzes benachteiligt werden. Dies gefährde die soziale Kohärenz der Schweiz.

Umgekehrt herrscht in städtischen Agglomerationen, die einem ungleich grösseren Strassenverkehr ausgesetzt sind als Berggebiete, eine gewisse Irritation ob dem Anspruch, die Menschen in den Alpen müssten besonders - also mehr als Städter - vor dem Verkehr geschützt werden.

So beäugen sich denn in dieser Frage Alpler und Städter gegenseitig mit Sperberaugen und bleiben sich miss- trauisch.

Mit welchem Recht wollen wir Drittweltländer davon ab halten, sich zu motorisieren? Gewiss gefährdet dies die Bio sphäre, doch dasselbe Recht nimmt die erste Welt für sich in Anspruch, und ihre Vertreter halten an internationalen Kon gressen zusammen. Da d3 hackt keine Krähe der anderen ein Auge aus.

Lenkungsabgaben sind für den Umweltschutz wirksame Instrumente, doch kann die Internalisierung externer Kosten zu sozialen Ungerechtigkeiten führen. Wenn Flugpreise erhöht werden, ist das umweltgerecht, verunmöglicht aber niederen Einkommensschichten eine gleiche Mobilität, wie sie die Reichen bezahlen können. Doch in diesem Bereich fällt es nicht schwer, die Priorität zu setzen, denn Fliegen ist viel zu

6n

billig. Den £23 Vogel abgeschossen hat ein Inserat von heute: Zürich-New York-Zürich = 475 Franken!

Umwelt- Wirtschaft: Der Flughafen Zürich ist für die wirt schaftliche Prosperität dieses Landes von zentraler Bedeutung. Als Faustregel gilt: Auf eine Million Passagiere kommen je nach Berechnung 1000 bis 2000 Arbeitsplätze. Wenn die Grenzwerte gemäss Lärmschutz-Verordnung eingehalten werden sollen, müsste man die Anzahl Flugbewegungen begrenzen, so wie dies das BUWAL indirekt für die Nacht gefordert hat.

Umwelt-Umwelt: Wo sollen wir Mobilfunkantennen plazie ren? In bebautem oder unbebautem Gebiet? Oder anders gefragt: Was ist uns wichtiger: der Landschaftsschutz oder der Schutz von nichtionisierender Strahlung? (Dass wir Mobil funkantennen brauchen und wollen, hat der Gesetzgeber bereits entschieden und hat somit - einmal mehr - das menschliche Bedürfnis nach virtueller Mobilität höher ge wichtet als den Umweltaspekt.)

Was ist uns wichtiger: die Förderung alternativer Energien wie Sonnen- und Windenergieanlagen oder der Landschafts schutz? Es sind oft Vertreter der Umwelt, die Einsprachen gegen solche Projekte erheben und die Anlagen als hässlich und zu laut empfinden.

Was hat Priorität: C0 2 -freier Atomstrom oder C0 2 -Ener- gien, die dafür keine

Entsorgungsprobleme und geringere Risiken darstellen, aber die Biosphäre gefährden?

Wir dürfen keine Vogel-Strauss-Politik betreiben und müssen uns den Dilemmata stellen. Dilemmata, die zeigen, dass Umweltpolitik zu rationalen Abwägungen verpflichtet

und nicht einfach eine Glaubenssache ist, die mit Drohungen, Ankettungen und Briefaktionen bewältigt werden kann.

Prioritätenordnung Diese Zielkonflikte führen zur Frage: Gibt es Kriterien, um sie zu lösen? Gibt es innerhalb der Umweltpolitik eine Prioritäten ordnung, Orientierungshilfen aus der £22 Vogelperspektive gewissermassen, die uns als generell-abstrakte Leitlinie für die konkrete Entscheidung dient? Oder ist - je nach Stärke der jeweiligen Lobby - einfach einmal die Wirtschaft wichtiger, wenn es zum Beispiel um den Flughafenausbau in Zürich geht, und das andere Mal die Umwelt, nämlich wenn eine Autobahn bei Solothurn untertunnelt wird, damit dänische Zugvögel weiterhin einmal im Jahr zwischenlanden können?

Derartige Kriterien als Entscheidhilfe sind nicht einfach. Denn es sind ja durch unsere zivilisatorische Entwicklung alle Lebensgrundlagen bedroht: Boden, Wasser, Wald, Luft, Klima, biologische und landschaftliche Vielfalt.

Welche Entwicklungen gefährden uns am meisten? Weltweit gesehen ist zum Beispiel die Zerstörung der Wälder, insbe sondere des Tropenwaldes, eine der akutesten Bedrohungen. Unsere Walderhaltungspolitik jedoch ist eine Erfolgsstory. Der Wald nimmt sogar zu, und wir müssen uns Gedanken machen über eine Waldflächenpolitik, die den Zuwachs des Waldes nicht dem Zufall überlässt. Der Gewässerschutz und die Luft reinhaltung gehören ebenfalls zu den Stärken unserer Umwelt politik, auch wenn die Nitratbelastung des Grundwassers teil weise noch zu hoch und die Luft zu wenig sauber ist.

Es gibt drei andere Herausforderungen, die global gesehender Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft Grenzen setzen und die uns verpflichten, entsprechende Prioritäten zu setzen:

Die weltweite Erwärmung des Klimas: Sie droht die Küsten zonen und Wüstenrandgebiete unbewohnbar zu machen und gefährdet den Lebensraum Alpen (Lawinen, Murgänge).

Die drastische Abnahme der biologischen Vielfalt: Sie ge fährdet das Gleichgewicht der ökologischen Systeme und schmälert den genetischen Reichtum unseres Planeten. Uber die Folgen dieses Verlusts tappen wir noch weitgehend im dunkeln.

Die Bedrohung durch zivilisatorische Grossrisiken, wie Kernkraft- und Gentechnologie.

Klima: Der C0 2 -Ausstoss ist eine der Hauptursachen für die Klimaerwärmung. Wir

haben uns völkerrechtlich ver pflichtet, die CQ 2 -Emissionen zu senken. Uber das Ziel

und den Vorrang freiwilliger Massnahmen bestand schon früh Einigkeit. (

Zwischen der Verbrennung fossiler Energien und der C0 2 - Problematik besteht ein

direkter Zusammenhang. Die C0 2 - Emissionen können weder durch Katalysatoren noch

durch andere «end of pipe»-Massnahmen reduziert werden. Es gibt nur eines: den Energieverbrauch drosseln, zum Beispiel im motorisierten Strassenverkehr, der rund 35 Prozent der schwei zerischen C0 2 -Emissionen verursacht.

)

Dabei müssen wir allerdings davon ausgehen, dass das Mo bilitätsbedürfnis der Menschen ungebrochen ist. «Wenn ich ein Vöglein wär, ich flog zu Dir», Jj|j war im Mittelalter Trieb feder und bleibt es heute und morgen! Verbote lassen sich gar nicht

durchsetzen. Versuche dazu hat es bei der Eisenbahn und beim Automobil gegeben; sie

kamen aber langfristig nie zum Tragen. Deswegen lehnt der Bundesrat polizeiliche Mass nahmen ab, wie sie die Sonntagsinitiative und die Verkehrs halbierungsinitiative

zwangsweise zur Folge hätten. (

Das bilaterale Landverkehrsabkommen ist ein Element zur Lösung unserer Verkehrsprobleme, ohne welches uns die Verlagerung nicht gelingen kann. Denn ohne das Land verkehrsabkommen gäbe es keine LSVA, und ohne ratifiziertes Abkommen könnte die LSVA nur schwer umgesetzt werden.

Zunächst wäre sie in der Volksabstimmung nie akzeptiert worden, wenn sie nicht durch die Wirtschaft im Hinblick auf die Einigung mit der EU unterstützt worden wäre. Ohne ratifiziertes bilaterales Abkommen würden jedoch Widerstände gegen die Einführung der Höchstsätze enorm sein, und zwar sowohl innenpolitisch als auch aussenpolitisch.

Die 28-Tonnen-Lastwagenflut würde ungehindert weiter wachsen: von heute 1,2 Millionen alpenquerenden Lastwagen fahrten auf 1,7 Millionen Fahrten im Jahr 2010, wie uns eine Studie aufgezeigt hat.

Wir wären umweltpolitisch ohne Abkommen also schlechter dran. Ganz abgesehen davon, dass ein wahrer Alpenschutz auch die Alpen in Osterreich und Frankreich einbeziehen muss. Und das geht nur mit dem Abkommen.

Unerbittlicher ist das Feilschen um eine Besteuerung der Energie. Zwar zeichnet sich im Parlament eine Mehrheit für die Grundnorm einer staatsquotenneutralen Lenkungsabgabe auf nicht erneuerbaren Energien ab. Die Volksabstimmung ist damit aber noch nicht gewonnen, denn es wird gegen die

SS Abgabe als eine neue Steuerbelastung polemisiert. Überlassen wir diese Vorlage nicht den g|3 Aasgeiern. (

)

)

In unserem Land gelingt selten ein einziger grosser Schritt auf ein Ziel hin, sondern es sind in der Regel zahlreiche kleine Schritte nötig. Viele stehen nach den hohen Erwartungen, die die anfanglichen Beschlüsse des Nationalrates geweckt haben, etwas da mit dem gg| Spatz in der Hand und der Taube auf dem Dach. Aber wir müssen sehen, dass wir den Umbau für eine ökologische Steuerreform jetzt beginnen können, dass die Solarinitiative auch Mängel gegenüber dem jetzigen Kon zept hat, indem sie etwa von den Bergkantonen kaum unter stützt werden dürfte, da sie die Erhaltung und Erneuerung der Wasserkraft nicht berücksichtigt und überhaupt zuwenig flexibel ist.

Biologische Vielfalt: In den letzten gut hundert Jahren sind in der Schweiz rund 90 Prozent der wertvollsten und arten reichsten Lebensräume verlorengegangen. 56 Prozent der in der Schweiz brütenden Vögel sind selten geworden oder bereits verschwunden. Bei anderen Tier- und Pflanzenarten liegt diese Zahl noch höher. Die Prüfung der schweizerischen Umwelt politik durch die OECD hat es ungeschminkt an den Tag gebracht: Die Schweiz nimmt bezüglich Artenverlust einen Spitzenrang ein.

Grundlage, um die biologische und landschaftliche Vielfalt zu fördern, ist das Landschaftskonzept Schweiz. Einige Bei spiele:

Die Landwirte erhalten vom Bund Direktzahlungen, wenn sie Lebensräume erhalten oder neue schaffen. Diese ökologi schen Ausgleichsflächen nehmen jährlich zu und damit auch

verschiedene Vogelarten, die auf natürliche Art Schädlinge an den Kulturen beseitigen. Der Einsatz von Chemie geht zurück, was unserem Trinkwasser zugute kommt.

Das BUWAL arbeitet aktiv auf ein nationales ökologisches Netzwerk hin. Isolierte Tierpopulationen sollen dadurch wie der zueinanderfinden und überlebensfähig werden. Zu diesem Netzwerk tragen die Kantone, mit Unterstützung des Bundes, Wesentliches bei: durch regionale Landschaftsentwicklungs- konzepte und grossräumige Schutzgebiete (zum Beispiel Wald reservate, Biosphärenreservate, regionale Naturpärke).

Die ökologische Aufwertung von Wasserläufen, der Auen schutz und die Aufweitung eingezwängter Flüsse und Bäche sind ebenfalls zentrale Ziele des Landschaftskonzeptes Schweiz. Dieser aktive Hochwasserschutz wird sich land schaftlich und finanziell auszahlen.

Die Förderung der biologischen und landschaftlichen Viel falt ist häufig Kleinarbeit, die nicht im nationalen Rampenlicht verrichtet wird. Dennoch ist sie ein wichtiger Teil der Umwelt politik. Wer gerne als Pfau in der Welt herumstolziert, wird hier sein Rad nicht schlagen.

Zivilisatorische Grossrisiken: Zur Befristung der bestehenden Kernkraftwerke und zur Lagerung radioaktiver Abfälle soll es demnächst eine Vernehmlassung mit Varianten geben, so dass ich mich auf die Gen-Lex beschränke: Der Bundesrat hat sich gegen die Gen-Schutz-Initiative ausgesprochen, weil die For schung, die menschliches Leid verhindern oder auch sozialen Fortschritt bewirken könnte, nicht von vorneherein verboten und verunmöglicht werden sollte.

Wenn es hingegen um die wirtschaftliche Verwendung der

Gentechnologie geht, so muss eine Güterabwägung vor genommen werden, welche den gesellschaftlichen Nutzen der möglichen Beeinträchtigung gegenüberstellt. Das ist nichts weiteres als derselbe rationale Diskurs, den die Nachhaltigkeit ebenfalls erfordert. Gentechnologie soll wie jede Technologie die gesellschaftlichen Risiken minimieren, die Chancen aber optimieren.

Deshalb sollen meines Erachtens gentechnisch veränderte Organismen so lange nicht in die Umwelt ausgebracht werden, als die Risiken nicht abschätzbar sind. Wenn die Risiken jedoch bekannt sind und bewusst in Kauf genommen werden wollen, wie andere Risiken ja auch in Kauf genommen werden, sind die Freisetzungen zu ermöglichen. Ein Moratorium erscheint mir daher nicht als logisch, denn es würde suggerieren, wir könnten heute genau abschätzen, wann uns die Risikominimierung gelungen sein wird, nämlich exakt in 5 oder 10 Jahren. Ein Moratorium mag eine politische Lösung sein, ein Kompromiss wie beispielsweise die Befristung des KKWs Mühleberg, "logisch ist es nicht.

Ich habe mich eingangs gefragt: Warum engagieren wir uns für die Umwelt? Sind wir altruistischer als früher, wo Wälder abgeholzt und Seen verschmutzt wurden? Ist die Liebe zu einem Baum, der nicht gefällt werden soll, nicht vielmehr die Liebe zu uns selber, weil wir diesen Baum gerne ansehen wollen? Ist die Sorge um das Ozonloch nicht einfach eine Sorge um die eigene Gesundheit? Und wie ist es wohl zu er klären, dass im eidgenössischen Parlament bernische National räte gegen das KKW Mühleberg interpellieren, Genfer gegen den Super-Phenix und Aargauer für Leibstadt? Ach,

wennsich doch eine Verstrahlung ebenso strikte an die Wahlkreise hielte!

Und ist Umweltpolitik nicht auch einfach ein Geschäft, das mit Einkommen und Subventionen verbunden ist? Gibt es nicht sogar bei Umweltpolitikern m Galgenvögel?

Selbst wenn dem so wäre: Auch hier dürfen die Behörden nicht bevormunden und moralisch werden. Egoistische Motive können nämlich auch altruistische Resultate haben.

Auch karitative Sozialtätigkeit kann egoistisch motiviert sein. Dennoch braucht es sie. Wer sich für den Umweltschutz einsetzt, ist nicht ein besserer Mensch als andere, aber sein Einsatz ist genauso notwendig wie derjenige aller andern, die auf ihre Art die Gesellschaft prägen. Das ist eine notwendige Politik, zu der ich Sie auch weiterhin ermuntern will, wo immer Sie stehen mögen. Denn jeder gräbt, wo er steht.

Eine Zeitung ist sich selber verpflichtet

100 Jahre SchweizerPresse Zermatt, 17. September 1999

Ich weiss, was von mir erwartet wird: zunächst ein Bekenntnis zur Pressefreiheit, dann die Würdigung der staatspolitischen Bedeutung der Presse für unsere Demokratie, verbunden mit einer Kritik am gegenwärtigen Wind im Blätterwald, denn Kritik gehört heute zu Jubiläumsansprachen - selbst eine 1.-August-Rede ohne Kritik ist heute undenkbar.

Ich will diese Erwartungen nicht enttäuschen und widme mich zunächst der Frage: Ist die Pressefreiheit in Gefahr?

Die Pressefreiheit ist ein gerngesehener Gast an Jubiläums veranstaltungen und Festreden. Und zwischen diesen ist ihre Bedrohung eine ebenso gerngehätschelte Gefahr. Sie liefert Schlagzeilen, wenn Frau Del Ponte ein Leck in der Verwaltung orten will oder wenn die Idee eines Medienrates lanciert wird. Folgerichtig wurde denn auch an der Jahrestagung Ihres Ver bandes (1995 in Interlaken) messerscharf geschlossen, die beste Medienpolitik sei gar keine Medienpolitik. Dies gewährleiste die Pressefreiheit am besten.

• Die Pressefreiheit existiert in vielen Staaten nicht, vorab nicht in den Krisengebieten dieser Erde. Und auch bei uns gingen wir einen langen Weg. Doch: Wann ist hierzulande mit staatlicher Autorität versucht worden, einen Medienbeitrag zu verunmöglichen? Wann sind durch staatliche Intervention die Absichten eines Herausgebers behindert worden? Wann gab es den letzten ernsthaften Gerichtsfall, wo die verfassungs mässig garantierte Pressefreiheit angerufen wurde? Ich selber wurde an diesen Verfassungsartikel zwar wieder erinnert, als es für die SBB darum ging, ob eine Zeitung verteilt werden dürfe, doch hat gegen dieses Unterfangen nicht etwa der Staat, sondern da haben andere Zeitungsverlage protestiert

Ist es nicht so, dass vielmehr das Zeugnisverweigerungsrecht für Journalisten eingeführt wurde, dass der Staat beziehungs weise die Staaten als Kläger und Betroffene im Gegendarstel lungsrecht ausdrücklich ausgenommen wurden?

Eine Staatszensur ist im Ernst nirgends zu erblicken, und daher wären bundesrätliche Bekenntnisse zur Freiheit der Presse gegenüber dem Staat schon fast wieder selbstüberheb lich, gingen sie doch indirekt davon aus, der Bundesrat sei zu einer solchen

Zensur in der Lage. Das ist er aber nicht. Dazu sind die Medien als solche ökonomisch und moralisch eine viel zu starke Macht in unserer Gesellschaft geworden. Das ist auch gut so, denn erst wenn ein Freiheitsrecht nicht mehr gegenüber dem Staat vor Gericht erkämpft werden muss, ist es als solches etabliert.

Freilich: ohne Zeitung keine Pressefreiheit. Ist die Zeitung heute in ihrer Existenz bedroht?

Totgesagt wurde sie jedenfalls schon oft: Als das Radio auf kam (die Bemühungen Ihres Verbandes gegen die Verbreitung des Radios sind in Ihrer Jubiläumszeitung ausführlich geschil dert), als das Fernsehen aufkam, wurde ihr Ende prophezeit. Eingetroffen ist dieses nicht, und es wird auch trotz der Libera lisierung im Bereich der elektronischen Medien und trotz des Internets nicht der Fall sein, selbst wenn dieses heute wieder als Gefahr für die Presse geschildert wird. Sowenig wie das Auto mobil die Eisenbahn, das Flugzeug das Automobil und Video konferenzen das Flugzeug verdrängt haben, obwohl das jedes Mal mit Uberzeugung prophezeit wurde, sowenig werden neue mediale Technologien die Presse liquidieren. Das unterstreicht die in dieser Woche veröffentlichte WEMF-Studie über die Leserzahlen schweizerischer Blätter.

Allerdings: Verändern tun sie die Presse sehr wohl. So wie die neuen Transport- und Mobilitätsformen den Konsum von bisherigen Transportmitteln auch verändert haben. Der Einfluss der elektronischen Medien auf Inhalt und Form der gedruckten Medien ist evident. Ich muss Ihnen dies nicht weiter ausführen.

Sie selber beteiligen sich ja am neuen Markt elektronischer Medien, entwickeln sich von Zeitungsverlegern zu Medien unternehmern, bewirken so auch selber die gegenseitige Abhängigkeit elektronischer und gedruckter Medien und be einflussen die Kulturveränderungen der Zeitungen. Damit garantieren Sie auch das Weiterbestehen der Zeitung.

Aber bohren wir weiter: Ist die Pressefreiheit bedroht? Jede Freiheit definiert sich nicht bloss nach der Abwesenheit von Fesseln, sondern nach ihren Inhalten, ihrer Grundfunktion. Die Freiheit des Menschen ist ein Menschenrecht und nach unserem Recht unveräusserlich. Sie hat ein bestimmtes Menschenbild zum Inhalt. Die Pressefreiheit hat sich im Kampf gegen den absolutistischen Staat entwickelt. Es ging um Freiräume für den aufklärerischen Diskurs. Artikel 7 der Helvetischen Verfassung (1789) lautete: «Die Pressefreiheit ist eine natürliche Folge des Rechtes, das jeder hat, Unterricht zu erhalten.» Die Pressefreiheit hat diesen aufklärerischen Diskurs zum Inhalt. Ohne diesen Inhalt hebt sie sich auf.

ISErlauben Sie mir eine Assoziation: In Robert Walsers «Jakob von Gunten» träumte dieser von der Freiheit, der er mit seiner Lehrerin begegnete: «Sie berührte mit dem kleinen weissen bekannten Herrin-Stab die Mauer, und weg war der garstige Keller, und wir befanden uns auf einer glatten, offenen, schlanken Eis- und Glasbahn. Wir schwebten dahin wie auf wunderbaren Schlittschuhen, und zugleich tanzten wir, denn die Bahn hob und senkte sich unter uns wie eine

«Das ist die Freiheit, sagte die Lehrerin, <

nur momentelang, nicht länger, hält man sich in den Gegenden

der Freiheit

die Freiheit sterben sehen, wenn du die Augen aufmachst.»)

Sieh, wie die wundervolle Bahn, auf der wir schweben, lang sam sich wieder auflöst. Jetzt kannst du

Freiheit definiert sich an einem Inhalt und dieser definiert sich unter anderem an Grenzen. Er überlebt also nur mit Schranken, Schranken, die freilich diejenigen selber setzen müssen, die über die Freiheit verfugen.

Verantwortung

Verpflichtet sich die Presse ihrer Grundfunktion? Wenn sich Journalismus und seine Qualität ausschliesslich nach der Auflage einer Zeitung definieren, hat das allenfalls mit der Handels- und Gewerbefreiheit, jedoch nichts mit der Presse freiheit zu tun. In der NZZ vom 17. August 1999 las ich: «Im Ringen um Aufmerksamkeit wird heute publiziert, was das Spektakel, den Skandal, die Reizspirale am Rotieren hält, und nicht, was für Aufklärung und Demokratie relevant ist. Dies führt zu einer Art Krawalljournalismus, der gar keiner Anlässe mehr bedarf.»

Ich will Ihnen allerdings den Gefallen nicht tun, mit dem Finger auf «die Medien» zu zeigen, sondern nahtlos anfügen, dass diese Tendenz ja keineswegs von allen Medien mitgemacht wird, und ich will auch betonen, dass die Politik ihrerseits diese Reizspirale selbst andreht. Politik wird inszeniert. Eine Bundes ratspartei soll ernsthaft diskutiert haben, Streitgespräche sym bolisch in einem Boxring durchzuführen.

Vor einem Monat erschien im «Sonntagsblick» ein grosser Artikel mit der Uberschrift «Brisante Studie vom Bund igno riert». Untertitel: «Atomstrahlung - SBB-Arbeiter in Angst». Text: «Filz immer noch dick - Gutachten warnt vor Strahlungs risiken» etc., etc. Es gab auf diesen Artikel keine einzige Reak tion, keine Gewerkschaft meldete sich, ja nicht einmal ein parlamentarischer Vorstoss erfolgte, obwohl wir uns vor den Wahlen befinden.

Noch vor fünf Jahren hätte ein ähnlich aufgemachter Artikel mit Sicherheit für helle Aufregung gesorgt. Die Sättigungs grenze, die durch die angetriebene Reizspirale erreicht wird, die Abstumpfung gegenüber Presseäusserungen ist evident. Es gibt nicht nur die Staatsverdrossenheit, es gibt auch eine Medien- verdrossenheit.

Ausgerechnet ein Produkt des «Tages-Anzeiger»-Verlages deutete die bekannten Dolder- Meetings um, nämlich in angeb liche Treffen zwischen der Dirne Rita Dolder und dem Finanz minister. Wem schaden solche Verleumdungen?

Der Presse! Sie ist durch ihre eigene Entwicklung bedroht. Wenn nur noch so weit recherchiert wird, dass «die Geschichte nicht stirbt», ist das Resultat die Unwahrheit. Wenn der Presse die Glaubwürdigkeit abhanden kommt, wenn ihr Wahrheits gehalt ganz grundsätzlich bezweifelt wird, wenn ihre Ankündi gungen als lästige Marktschreierei empfunden werden, dann ist dies für die Grundfunktion der Presse und damit für die Presse freiheit die wahre Bedrohung.

Wer trägt dafür die Verantwortung? Wer verantwortet die Zeitung? Die Delegation von Verantwortung bei Zeitungen wird - so wie ich das beobachte - recht undurchsichtig gehand habt. Ein/e Journalist/in übernimmt nicht einmal immer die Verantwortung für den selbstgezeichneten Text. Immer wieder höre ich, ein Absatz sei «einfach weggefallen», den Ingress habe irgend jemand anderes geschrieben. Für die Uberschrift und für die Bildlegenden ist es schon die Regel, dass der Journalist jede Verantwortung ablehnt. Wer kreiert eigentlich die Schlagzeilen - die so heissen, weil sie ihre Opfer er schlagen? Wer entscheidet über den Aushang - der seine Opfer öffentlich hängt? Wer führt sie an den Pranger? Die Kombi nation «Aushang - Überschrift - Ingress - Bildlegende - Artikel » hat eine potenzierte Wirkung, und die Verantwortung dafür kann nicht einfach atomisiert werden. «Es war die Pro duktion», wird entschuldigend erklärt. Die Zuständigkeit ver lagert sich offenbar von der Redaktion zur Produktion. Es ist die Pflicht eines Verlegers, die Organisation des Mediums so zu gestalten, dass die

Verantwortlichkeit zugeordnet werden kann.

Zu dieser Organisationspflicht gehört auch, dass den Jour nalisten Arbeitsbedingungen geboten werden, die ihnen eine Weiterbildung, redaktionsinterne Diskurse, Freiräume für die Erarbeitung eines gewissenhaften Journalismus ermöglichen. Es gehört auch dazu, dass Redaktionsstuben altersmässig

durchmischt sind, damit sich Erfahrung und Neugier kombi nieren.

Ich staune auch, mit welcher Selbstverständlichkeit Verleger ganze Produkte ihrer Imperien, also einzelne Zeitungen, als unbeeinflussbar betrachten, als ob sie auf die Linie des Blattes überhaupt keine Einflussmöglichkeit hätten und ihre Hände in Unschuld waschen dürften. So wie ich nicht für jede Presse mitteilung eines Amtes meines Departements zuständig bin, so ist der Verleger nicht für jeden Artikel in seiner Zeitung verant wortlich. Aber so wie ich sehr wohl für die generelle Politik eines Amtes verantwortlich bin, so muss es der Verleger für die Linie seiner Blätter sein. Die generelle Richtung einer Zeitung muss durch den Verleger bestimmt werden, zum Beispiel ob das Blatt eine liberale Haltung einnimmt, ob es aufgeklärten Boulevard anstrebt, ob es wirtschaftsfreundlich, ob es durch wegs sarkastisch ausgestaltet ist etc. Das bestimmt doch nicht einfach der Marketingleiter. Die Politik meines Departements wird auch nicht vom Pressesprecher bestimmt.

Die Zeitung als Kulturgut Die Zeitung ist ein Kulturgut. Ich will hier gerne mein Be kenntnis dazu ablegen. Ich lese sie täglich, und zwar nicht etwa aus beruflichen Gründen (es ist auch gar nicht der politische Teil, den ich als ersten konsultiere). Die tägliche Zeitungs lektüre formulierte Hegel als das Morgengebet der bürgerlichen Gesellschaft. - Das war allerdings zu Zeiten der Aufklärung. Heute sind es zuweilen eher Stossgebete zum verdüsterten Himmel, die die Zeitungslektüre begleiten, vor allem sonn tags

«Zeitungen wird es geben, solange man mit einem Fernseher keine Wespe erschlagen kann», prophezeite Manfred Rommel, der Oberbürgermeister von Stuttgart. Hinter diesem Satz steckt sehr viel: Zeitungen kann ich mitnehmen, wohin ich will. Ich kann sie lesen, wann ich will und wie ich will. Ich kann Artikel überspringen, im Gegensatz zum Fernsehen, wo ich vor einem Bericht über Osttimor mediale Selbstbeweihräucherungen in der Eigernordwand über mich ergehen lassen muss. Eine Zeitung kann ich nochmals lesen. Ich kann während des Lesens assoziieren, während das Fernsehen durch seine Bebilderungen und die Musik diese Assoziationen selber bevormundend übernimmt.

Die Zeitung ist im Verhältnis zu Radio und Fernsehen ein langsames Medium. Schopenhauer nannte sie noch Sekunden zeiger der Zeitgeschichte, das sind heute die elektronischen Medien. Die Zeitung folgt dem Tag oder der Woche. Dies ist durchaus ein Gewinn: Während die elektronischen Medien innert Minuten mit ihren Schlagzeilen in den Äther gelangen, folgt die Zeitung dem Tagesrhythmus. Diese zeitliche Verzö gerung ermöglicht eine vertiefende Berichterstattung und schafft somit die nötige Distanz für reflektierende Kommen tare. Die Bedingungen, unter welchen eine Zeitung produziert wird, unter welchen sie erscheint und unter welchen sie gelesen wird, tragen schon den Keim kritischen Fragens in sich und machen so die Kultur des Zeitungslesens - im Gegenteil zu derjenigen des Radiohörens und des Fernsehschauens - zu einer Kultur der Reflexion und ermöglichen ein imaginäres Zwiegespräch zwischen Produzent und Konsument, zwischen Redaktor und Leser/in. Das will auch gelernt sein, und es

ist ausdrücklich zu begrüssen, dass Ihr Verband Kurse für Schülerinnen und Schüler im Zeitunglesen anbietet. So wird die Zeitung - soweit sie sich mit der Politik im engeren

Sinne befasst - auch das Medium zwischen Citoyen und politischen Amtsträgern. Es entwickelt sich so eine Demokratie, die eine gewisse Langsamkeit aufweist. Es ist diese Langsamkeit, welche ich als besonderes Qualitätsmerkmal für das Funktionieren unserer Demokratie hervorheben möchte. Politik ist ein Prozess und nicht vor allem ein Resultat. Der Gewinn sind Besonnenheit und erhöhte Legitimation von einmal gefällten Entscheiden. Das zeigt sich in der politischen Praxis etwa darin, dass alle wichtigen Verfassungsentscheide unseres Jahrhunderts in einem mehrmaligen Hin und Her der Anliegen zwischen Bürgern und Bürgerinnen und den politischen Parteien und Behörden zustande gekommen sind. Das gilt für die grossen Sozialwerke, die Gründung des Kantons Jura, die grossen Verkehrsvorlagen und für die wesentlichen Ausgestaltungen

des Steuersystems. (

Die gesellschaftliche Verantwortung jedes Akteurs, also der Politik, der Kultur, der Kirche, der Wirtschaft, der Medien, besteht primär darin, seine eigene Funktion wahrzunehmen, denn die gesellschaftliche Bedeutung besteht vorab in der Funktion selbst. Im Falle der Verleger heisst das zu garantieren, dass es die Presse tatsächlich gibt und dass es sie auch künftig geben wird.

«Verantwortung für die Gesellschaft, die Demokratie, den Staat », das sind zwar jubiläumsgerechte, aber doch gar grosse Worte - so gross, dass sie von der eigentlichen Aufgabe ab lenken. An einen Verleger sind nicht höhere Ansprüche zustellen als an einen anderen Unternehmer. Ich wünsche mir nur das eine: Die Verantwortung für die Zeitung, damit diese nicht bloss als bedrucktes Papier überlebt, sondern ein Kultur gut bleibt. Das ist schon sehr viel.

)

Eine sehr amtliche Würdigung

65. Geburtstag von Adolf Muschg, zusammenfallend mit seinem Emeritieren als ETH- Professor Zürich, 4. September 1999

Es sei Dir, lieber Adolf Muschg, wie Du soeben, etwas beun ruhigt von dem vielen literarischen Lob, welches sich in den bisherigen Ansprachen wie eine rosarote Kumuluswolke über Deinem Haupte auftürmte, gestandest, nicht mehr ganz wohl, wenn das in diesem Stil weitergehen sollte.

Ich kann Dich beruhigen. Ich bin ja schliesslich amtlich da, als Bundesrat, der Dich als Bundesangestellten verabschiedet. Dazu gibt es feste Regeln. Je nach Tätigkeit und Rang des zu Verabschiedenden pflegen wir Bundesräte entweder mündlich, mit Apero oder ohne Apero (je nachdem), oder aber schriftlich, als Departementsvorsteher, als Bundespräsident oder als Gesamtbundesrat die Arbeit der sich in die Pension Zurück ziehenden zu würdigen. Dabei pflegen wir den frischgebacke nen Pensionären vorzulesen, wann sie geboren sind, welche Ausbildung sie genossen haben und wie lange sie schon beim Bund arbeiten, Daten, von denen wir annehmen müssen, dass sie sie in der Regel nicht mehr kennen. Dazu habe ich mir ein paar Muster bestellt. Dabei habe ich jeweilen nur gerade die persönlichen Daten sowie die entsprechenden Ereignisse ausge tauscht, jedoch den Grundtext beibehalten, so wie wir dies jedesmal in solchen Briefen

tun.

Ich verlese Dir zunächst einen Abschiedsbrief des Depar tementsvorstehers. Als Muster diente ein Brief an einen Strasseningenieur, der im Brückenbau tätig war. Dabei wurde

der Ausdruck «Ingenieur» konsequent durch den Ausdruck «Schriftsteller» ersetzt, und «gebaute Kilometer» wurden durch «Seiten» oder «Bücher» ersetzt:

«Sehr geehrter Herr Muschg

Es ist mir ein Bedürfnis, im Zusammenhang mit Ihrem Aus scheiden aus dem Bundesdienst nochmals an Sie zu gelangen. Mit Ihnen scheidet eine prägnante und markante Persönlich keit aus der ETH aus. Sie nehmen ein enormes Fachwissen mit, eine gehörige Prise Pioniergeist und ungezählte Anekdoten und Erinnerungen aus dem gesamten bisherigen Geistesleben. In den dreissig Jahren Ihrer Tätigkeit für die ETH, seit Ihrem Amtsantritt im Jahre 1969 hat sich die Welt insgesamt, ins besondere auch im Geistes- und Kulturleben, sehr stark verändert. Sie haben es verstanden, all diese Wandlungen mit zumachen und mitzuprägen. So wie Sie als modern denkender, junger Schriftsteller zur ETH gekommen sind, verlassen Sie jetzt diese ETH als immer noch modern denkender, erfahrener und verdienter Fachmann.

Ich möchte Ihnen in meiner Eigenschaft als Bundesrat für Ihre Arbeit und Ihre Leistung zum Wohle unseres Staates herz lich danken. Sie dürfen auf Ihr Werk stolz sein, ein Werk von mittlerweile unzähligen Büchern und Publikationen mit einem Volumen von noch viel unzähligeren Seiten. Es wird wohl kaum je wieder einem Schriftsteller in der Schweiz vergönnt sein, in leitender Funktion ein derart umfangreiches und be deutendes Werk zu betreuen und zu gestalten.

Ich möchte Ihnen aber auch persönlich für die gemeinsam erlebte Zeit danken. Ich habe den persönlichen Kontakt mit Ihnen sehr geschätzt. Durch Ihre nicht alltägliche Art, sehrdirekt, durfte ich Sie als sehr interessanten Menschen kennen lernen, temperamentvoll, engagiert und vor allem offen, unkompliziert und ehrlich.

Lieber Herr Muschg, der bevorstehende Ruhestand bedeutet ja alles andere als «Ruhe- Stand». Ich wünsche Ihnen und Ihrer Gattin vor allem eine gute Gesundheit, damit Sie ohne Schreib- und Denkstress während vieler Jahre all das tun können, was Sie als Professor während Ihrer Berufstätigkeit fast zwangsläufig etwas zurückstellen mussten. Ich wünsche Ihnen von Herzen für Ihre Zukunft alles Gute.»

Nimm bitte auch noch einen Abschiedsbrief des Gesamt bundesrates entgegen. Als Muster diente die Verabschiedung eines Botschafters, der sich für internationale Abkommen eingesetzt hat. Der Ausdruck Botschafter wurde durch Pro fessor ersetzt. Gescheiterte Abkommen, die dem Botschafter nicht gelangen, wurden ersetzt mit gescheiterten Volks abstimmungen, erfolgreiche Abkommen mit erfolgreichen Volksabstimmungen:

«Sehr geehrter Herr Professor

Aufgrund Ihrer diversen Schreiben und übrigen Willens äusserungen hat auch der

Bundesrat von Ihrem Rücktritt als Professor der ETH Zürich Kenntnis genommen. Er

bedauert dies sehr. (

In Anbetracht Ihrer vielgestaltigen und fundierten Erfahrun gen im Bereich der Literatur

)

wurde Ihnen im Herbst 1969 der Lehrstuhl für Literaturwissenschaften der ETH Zürich ange boten und gleichzeitig der Titel eines Professors verliehen. Sie traten Ihre neue Aufgabe vor nunmehr 30 Jahren an.Ihre Amtszeit an der ETH war geprägt durch einen bereits 1968 in Gang gesetzten beschleunigten Wandel der geistig intellektuellen Bewegungen in unserem Land und damit auch der politischen Kultur und der Kulturpolitik in der Schweiz. In die Periode Ihres Wirkens fallen bedeutende Entscheide wie zum Beispiel die Ablehnung der 40-Stunden-Woche, die Ablehnung einer Reichtumssteuer, zwei Ablehnungen von Zivildiensten, die Ablehnung der Banken-, der Mitenandinitia- tiven, die Ablehnung des Hochschulförderungsgesetzes, je eine Ablehnung des Beitrittes zu UNO beziehungsweise EWR, 3 Ablehnungen von Kulturartikeln, eine Ablehnung einer Armeeabschaffungsinitiative, die Ablehnung der Aufhebung der Schnüffelpolizei sowie diverse Ablehnungen diverser Atominitiativen.

Im Gegensatz dazu durften Sie allerdings die Annahme des Frauenstimmrechtes, die Gründung des Kantons Jura sowie die Annahme der 1.-August-Initiative, die Annahme der Auf hebung des Pulverregals und die Annahme einer neuen Bundesverfassung erleben. Besonderen Dank erstattet Ihnen der Bundesrat für Ihren Vorschlag der Präambel zur neuen Bundesverfassung. Sie wurde mehr oder weniger nach Ihrem Muster übernommen, wobei der Bundesrat noch den Text «Im Namen Gottes des Allmächtigen!» voransetzte, allerdings nach einer Diskussion darüber, sich auf den Text «Im Namen Gottes» zu beschränken, wovon der Bundesrat jedoch im letzten Moment deswegen absah, weil dieser Text, auf franzö sisch übersetzt, dazu geführt hätte, dass wir weltweit die einzige Verfassung gewesen wären, die mit einem Fluch begonnen hätte.

Sie haben sich in der Regel von diesen Ereignissen nicht ent mutigen lassen. Der grossen Herausforderung der Öffnung der Schweiz zur Welt haben Sie sich in Ihrem Denken und Wirken gestellt und waren damit ein lichtes Beispiel für die jüngere Generation.

Es wäre müssig, Ihr Wirken im Rahmen einer über dreissig- jährigen Tätigkeit im Dienste der Eidgenossenschaft und als Diener an Staat und Gesellschaft im einzelnen würdigen zu wollen. Dank Ihrem ausgeprägten pädagogischen Geschick, Ihrer grossen Erfahrung, Ihrem Sinn für Gesamtzusammen hänge und Ihrem unermüdlichen Einsatz haben Sie sich blei bende Verdienste um die Ausbildung der akademischen Jugend erworben. Wir sprechen Ihnen dafür unseren Dank und unsere Anerkennung aus.

Für den kommenden Ruhestand wünscht der Bundesrat Ihnen und den Ihnen Nahestehenden persönliches Wohl ergehen und gute Gesundheit.»

Nimm, lieber Adolf, sodann einen letzten administrativen Akt, nämlich die Pensionskassenverfügung, entgegen. Sie wird auf administrativer Ebene erlassen, ohne dass ein Bundesrat unterzeichnen möchte, weswegen auch kaum Abänderungen am Originaltext notwendig waren.

«Verfügung

Es wird

in Anwendung von Art. 16 Abs. 2 der Verordnung über die Dozenten der ETH in der Fassung vom 21. Dezember 1994 (AS 95/S. 586)

in Verbindung mit

Art. 18a Abs. 3 AI. 3 der Verordnung über die Pensionskasse des Bundes vom 13. Januar 1993 (AS 93/S. 83)unter Berücksichtigung von

Paragraph 13 Abs. 1 b der Verordnung über die Folge von Berufs- und Nichtberufsunfällen vom 21. Dezember 1994 abzüglich Art. 20 Abs. 1 des Strafgesetzbuches zuzüglich Art. 19 des Gesetzes über die Rechtsschreibung multipliziert mit Art. 1 der Bundesverfassung (Nach Unterzeichnung des Austrittsformulars für Personal [Formular Nr. 111 321 df4.94] bei der Amtsstelle Nr. 108 deponiert.) erkannt:

Der Gesuchsteller wird pensioniert.»

Gegen das Diktat der Meinungsumfragen

Wahlparteitag 1999 der SP Schweiz Basel, 4. September 1999

Dies ist ein Wahlparteitag, Bestandteil unseres Wahlkampfes, mit dem wir Wahlen gewinnen wollen.

Man hat uns vorgeworfen, bis jetzt gar nicht besonders aktiv gewesen zu sein, die Präsidentin sei nirgends, wir hätten die falschen Themen und darauf die falschen

Antworten

diese Wahlen überhaupt gewinnen?

Es gibt in der Tat alarmierende Anzeichen: Es ist uns nicht gelungen, Filippo Leutenegger für diesen Parteitag zu enga gieren. Mit ihm sind noch andere Bildschirmgrössen aus Leutschenbach zuhauf zu den anderen Parteien gepilgert. Zu uns ist nicht einmal ein Wetterfrosch gekommen, wo die doch so beliebt sind, und auch niemand vom Modegeschäft ist da, welches die Wettersendung sponsert. Dabei sind doch gerade das Wetter und die Mode für Wahlen so wichtig:

Pausenlos werden Umfragen in Auftrag gegeben, was die Leute am meisten beschäftigt («weiss ich», «weiss ich nicht» oder «ist mir egal»), welche Gefühle sie dazu haben, ob diese «stark», «mittel» oder «überhaupt nicht» vorhanden seien. Das geschieht, damit wir wissen, woher der Wind weht, aber auch damit wir uns richtig auf ihn einstellen können.

90 Prozent finden, der Schweiz sei bei der Vergabe der Winterolympiade 2006 bezüglich

Sion Unrecht geschehen und unser Vorschlag sei objektiv der beste gewesen. Finden wir das alle auch? Dass der Sport aktiv und passiv verehrt wird,

dass ein grosser Teil der Fernsehgebühren für Sportsendungen verwendet wird, akzeptieren wir ja gerne, aber wenn wir ein paar Fragezeichen wagen, ob es nicht noch andere Werte gebe, sind wir dann schon halbe Verräter und fallen in der Volks gunst? Ich selber halte mich solchen Bedenken zum Trotz an das Matthäusevangelium, wo - wenn ich mich recht erinnere - steht: «Der Mensch lebt nicht vom Sport allein.»

53 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer in der deutschsprachigen Schweiz

finden, die Flüchtlingsfrage sei Thema Nummer 1. Ein Grossteil der Befragten hat Angst

vor illegalen Einwanderern. Haben wir das auch? Wenn nein, müssen wir um unsere Wahlchancen bangen? Wir wissen doch alle ganz genau: Wir wollen Kriegsflüchtlingen

Wir müssen uns daher ganz ehrlich und bang die Frage stellen: Können wir

helfen, bis sie zurückkönnen, und es ist unsere Aufgabe, diese Uber zeugung - gegenteiliger Stimmungsmache zum Trotz - zu verbreiten.

Nur gerade acht Prozent der Schweizerinnen und Schweizer finden die Umweltproblematik ein wichtiges Wahlkampf thema. Für uns aber ist es trotzdem ein Hauptanliegen. Ist das tatsächlich geschickt? Wir können doch nicht von unserer Überzeugung einfach 92 Prozent zurücknehmen, damit wir der Temperatur des Wahlthermometers ent sprechen.

Das Wort Kultur existiert in den Fragestellungen zum Trend barometer überhaupt nicht. Sollen wir daher am besten gar kein Bekenntnis zur ihr, zu Musik-, Film-, Literaturschaffen abgeben, obwohl doch dies wichtigste Grundlage unseres Landes und seines Zusammenhaltes, also die wichtigste Infra struktur überhaupt, ist? Das ist wenigstens meine eigene

Überzeugung als Infrastrukturminister, und ich erlaube mir, sie zu 200 Prozent zu vertreten!

Was soll die Umfrage, welches Gefühl die Leute bezüglich der Sicherheit der AHV und der Pensionskassen haben? Sagt das eruierte Durchschnittsgefühl etwas zur objektiven Tatsache, also zur Sicherheit der AHV-Renten als solcher? Genügt es etwa, die Angst zu schüren, sie dann in einer Umfrage prozen tual festzustellen, worauf auch schon der Gegenstand dieser Angst - die Unsicherheit der Renten - eine bewiesene Tatsache ist? Und was ist die politische Konsequenz?

Gemäss SRG-Wahlbarometer sind AHV-Renten in der italie nischen Schweiz dreimal wichtiger (20%) als in der deutsch sprachigen Schweiz (7%). Da gibt es ja nur eine Lösung: Wir müssen jetzt sprachregionale Renten einführen!

Man gibt uns auch den Rat, bei der Sozialpolitik vorsichtig zu sein, da wir ja die Mutterschaftsversicherung verloren hätten. Ja, sollen wir denn nicht mehr sagen dürfen, dass wir mit diesem Abstimmungsresultat nicht einverstanden sein können? Sollen wir schamvoll verschweigen, dass in unserem Land die Geburt des zweiten und dritten Kindes - und manch mal bereits des ersten - unzählige Familien zum Gang aufs Fürsorgeamt zwingt? Es kommt doch nicht in Frage, dass wir unsere Vorschläge, diesen unwürdigen Zustand zu beenden - mit einer Kinderrente zum Beispiel -, bis nach den Wahlen in den Schubladen ruhen lassen!

Ich bin da anderer Meinung: Erst wenn wir uns gegenüber den Trends unbotmässig verhalten, wenn wir es wagen, uns den Wahlkampfritualen zu entziehen, wenn wir nicht auf jede Gagfrage reagieren wollen, wenn wir nicht all den Wind hunden mit ihren Wendehälsen hinterherhecheln, wenn wir uns den Korsetts der statistisch erfragten Durchschnittsgefühle entwinden können, erst dann werden wir Wahlen gewinnen!

Wer sich seine Hauptsorgen durch Sondagen vorgeben lässt, der lässt sich auch bald die Antworten durch die Umfragen diktieren. Er lässt sich dann also vorschreiben, Angst vor den Flüchtlingen zu haben, Angst vor dem Alter zu haben, Angst um den Service public zu haben, Angst vor der Zukunft zu haben, Angst vor der SVP zu haben. Diktiert Angst die Schweizer Politik?

Angst ist eine gefährliche Ratgeberin. Die Angst lähmt das Herz und den Verstand. Wer aus lauter Angst die Meinung des vermeintlich Starken übernimmt, der verliert nicht nur

die Wahlen, sondern auch die Achtung vor sich selber.

Sich ausrichten nach Mehrheiten, nach Trends und nach Moden, das ist eine Politik der Beliebigkeit. Mindestens so gefährlich wie ein populistischer EU-Gegner sind all diejeni gen, die an ihm Auflage und Einschaltquote steigern wollen, indem sie sich vordergründig ob ihm entrüsten.

Innere Überzeugung statt Finger im Wind Wir sind in diese Partei eingetreten, weil wir an Werte wie Minderheitenschutz, an den rationalen Diskurs, an die Soli darität glauben und weil wir uns dafür einsetzen wollen, auch wenn wir riskieren, damit in der Minderheit zu bleiben. Unsere Politik besteht darin, die öffentliche Meinung zu ver ändern, auch aus einer Minderheitenposition heraus, auch wenn uns das etwas kostet, ich meine nicht Geld, sondern ich meine eine innere Überzeugung, zu der wir auch stehen. Die

Zukunft gestalten wir doch nicht durch Erforschen des Zeit geistes, das heisst durch

Erheben des Fingers in den Wind - sondern durch Handeln. Als ich das Amt antrat, riet mir ein Chefbeamter, die LSVA zurückzuziehen, weil sie keine Erfolgs aussichten habe. Der FinöV gab niemand eine Chance. Aber wir waren aktiv und nicht bloss reaktiv. Das hat sich aus bezahlt. Und die rechtskonservative Opposition in diesem Lande, die unwidersprochen behauptet, keine Gegner zu haben: Sie wurde bei den

Volksabstimmungen zur LSVA und FinöV geschlagen. (

Bei der Abstimmung über LSVA und FinöV wurden die Verbandsfunktionäre von TCS und ACS mit ihrer Neinparole durch die Mitglieder im Stich gelassen und erwiesen sich als nicht repräsentativ. Wenn heute der Sprecher des VCS mit der AUNS herumkaspert, so schiessert er sich ins eigene Bein. Und die Mitglieder sehen schon jetzt, mit wem sie sich bei einem Referendum ins Bett legen.

Denken wir an unsere Rolle in anderen wichtigen Themen der vergangenen vier Jahre.

Sozialpolitik: Vorstösse aus unserer Fraktion haben zum Beschäftigungsprogramm '97 gefuhrt. Tausende von Arbeits plätzen konnten erhalten oder geschaffen werden.

Wir haben die beiden Lehrstellenbeschlüsse initiiert. Zahl reiche Jugendliche haben deswegen einen Ausbildungsplatz gefunden.

Wir haben massgebend eine neue Drogenpolitik gestaltet. Lange hat diese Frage unser Land in zwei unversöhnliche Lager gespalten, die sich gegenseitig blockierten. Heute ist diese Patt situation überwunden.

Am Runden Tisch zur Sanierung des Bundeshaushalts ver traten wir immer die Auffassung, dass die Finanzen nicht auf dem Buckel der AHV- und IV-Bezüger und der Arbeitslosen saniert werden dürfen, sondern dass auch Mehreinnahmen nötig sind. Wir haben uns mit diesem Prinzip durchgesetzt.

Service public: Beim Umbau unserer Bundesbetriebe war es unsere Partei, die dafür sorgte, dass der Service public garan tiert blieb.

Wir wollten keine Liberalisierung um der Liberalisierung willen, sondern um die flächendeckende Grundversorgung effizient sicherzustellen. Dieses Ziel ist erreicht: Wir haben heute mehr und nicht weniger öffentlichen Verkehr. Die Preise für Telefon und Fax sind flächendeckend gesunken. Die Zahl der Poststellen ist praktisch unverändert.

)

Die Meldungen, die Post plane hier einen radikalen Abbau, sind falsch.

Unsere Partei wollte, dass die Konkurrenten von Post, Swisscom und SBB verpflichtet werden, sich an die branchen üblichen Arbeitsbedingungen zu halten. So steht es heute im Gesetz. Wir haben auch durchgesetzt, dass das Personal in den Verwaltungsräten von Post, Swisscom und SBB vertreten ist.

Wir haben dafür gesorgt, dass die drei Bundesunternehmen Gesamtarbeitsverträge abschliessen müssen. Schon heute, bevor der erste GAV ausgehandelt wurde, können wir fest stellen: Die Sozialpartnerschaft funktioniert: SBB und SEV haben sich auf eine beschäftigungswirksame Arbeitszeitver kürzung geeinigt und die 39-Stunden-Woche beschlossen.

Seit der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes hat die Swisscom 1800 Stellen gestrichen. Bei den Konkurren ten der Swisscom sind rund 3000 neue Arbeitsstellen ent standen, und zwar in etwa 200 neuen Unternehmen. Was wir voraussagten, ist eingetroffen: Der Saldo ist also positiv!

Ich will nichts beschönigen: Post, Swisscom und SBB müssen sich restrukturieren, und unsere besondere Aufmerk samkeit muss den Randgebieten gelten. Ein rücksichtsloser Abbau zu Lasten der Regionen gefährdet nicht nur den gesamt schweizerischen Zusammenhalt, sondern würde auch zu öko nomischen Nachteilen führen.

Ganz Europa hat den Service public liberalisiert. Wir kön nen nicht für den Beitritt in die EU sein und uns gleichzeitig von europäischen Entwicklungen abschotten. Aber wir können und müssen dafür sorgen, dass der Umbau von Post, Swisscom und SBB weiterhin sozial- und regionalverträglich vonstatten geht. Dies ist in erster Linie Aufgabe der Unternehmen selbst. Doch auch der Bund hat seine Verantwortung. Ich denke an folgende Idee: Aus den abgelieferten Dividenden und Ge winnen der Unternehmen kann ein Fonds geäufnet werden für Investitionen in den besonders betroffenen Gebieten oder für Umschulungen und Weiterbildung des betroffenen Personals. An unserer politischen Überzeugungskraft liegt es, aus dieser und anderen Ideen tragfahige Konzepte zu machen.

Das ist unser sozialdemokratischer Weg. Nicht eine defen sive Verweigerungsstrategie, sondern eine Reformpolitik, die unseren Zielen, der Chancengleichheit und der Gerechtigkeit und der Solidarität, verpflichtet ist und bleibt.

Gegen die Ökonomisierung unseres Lebens Diese Ziele sind heute wieder in Frage gestellt: Im Parlament wird eine Vorlage diskutiert, welche die hohen Einkommenbei der direkten Bundessteuer um drei Milliarden Franken entlasten will.

In einem Wirtschaftsmanifest fordert die Kommission für Konjunkturfragen Kürzungen bei der Arbeitslosenversiche rung, höhere Studiengebühren und eine staatliche Förderung der Privatschulen. Unten sparen, oben aufstocken!

Im gleichen Manifest wird auch vorgeschlagen, nur noch das konsumierte Einkommen zu besteuern. Wer mehr verdient und daher mehr sparen kann, soll noch mehr entlastet werden. Auch hier wieder (Matth. 13,12): «Wer hat, dem wird gegeben».

Vor den Wahlen spriessen wieder etliche Steuerabbau- und Steuerstopp-Initiativen. Wie furchtbar originell! Reagan und Thatcher haben das ja alles schon ausprobiert. Wir haben

ge sehen, wohin das führt: zu einer immensen Staatsverschul dung, zu einem wachsenden Graben zwischen Arm und Reich und zu einer Vernachlässigung der Infrastrukturen - und: je zu einem Regierungswechsel!

Unser Weg ist ein anderer: Wir wollen eine materielle Steuer harmonisierung, die auch Steuergerechtigkeit schafft. Wir wollen Abgaben auf nichterneuerbaren Energien und eine ökologische Steuerreform. Sie entlastet die Besteuerung der menschlichen Arbeit und löst beschäftigungswirksame Innovationen aus.

Unsere Haltung ist eine andere: Für uns besteht die Wirtschaft nicht nur aus Unternehmen und ihren Aktionären. Sie besteht auch aus Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Es ist für uns deshalb ein Alarmzeichen, dass in einem der reichsten Länder der Erde die Kaufkraft der Löhne in den letzten Jahren permanent gesunken ist und heute tiefer liegt als in Deutsch land oder Italien. Mit stagnierenden Löhnen floriert keine Wirtschaft.

Unsere Sicht ist eine andere: Wir wollen nicht, dass alles und jedes nur noch durch die Wirtschaftsbrille betrachtet wird. Konkurrenz und Wettbewerb sind nicht die Grundlage für unser ganzes Leben, sonst ist unsere Wirtschaft auf Dauer nicht überlebensfähig. Marktwirtschaft: ja - Marktgesellschaft: nein!

Die Schule hat nicht in erster Linie zur Aufgabe, unsere Kinder besser auf die Wirtschaft vorzubereiten, sondern zu selbständigen, glücklichen und solidarisch denkenden Menschen zu machen. Der Sinn unseres Daseins besteht nicht einzig und allein darin, gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft zu schaffen. Auch sie kann nicht bestehen ohne Kultur und Politik.

Ein Fernsehschaffender sagte mir kürzlich: «Politik interes siert mich nicht. Gutes Fernsehen ist Unterhaltung, nichts anderes.» Wie überheblich! Vom Unterhaltungsolymp aristo kratisch auf all diejenigen Tölpel herabzublicken, die sich um die Lebensgrundlagen aller kümmern, ist Snobismus. Wir sind ja tatsächlich nicht mehr weit davon entfernt, dass nur noch die Unterhaltung zählt, dass jeder Lebensbereich nur noch Unterhaltung ist, dass die Politik selber verstanden wird als öffentliches Theater, als Catch-as-catch-can, als Boxkampf, aber auch als Tribunal, als Hexenjagd, als öffentliche Hinrichtung mit selbsternannten Richtern und Henkern.

Für uns ist Politik etwas anderes. Sie ist nicht die Reaktion auf Meinungsumfragen, die Reaktion auf geschürte Angst, die Reaktion auf mediale Unterhaltungsbedürfnisse oder aufHandlungen der Wirtschaft, nein, sie ist die Aktion, sie ist der aktive Einsatz aufgrund unserer Überzeugung und Vorstellung, wie wir diese Welt bestellen wollen. Politik, wie wir sie ver stehen, bedeutet handeln, bedeutet die Verpflichtung, dieses Land so auszugestalten, dass alle Menschen, alle Regionen die selben Möglichkeiten, sich zu entfalten, haben. Wir dürfen dieses Land nicht denjenigen überlassen, die mit unendlich viel Geld die Umverteilung nach oben noch mehr ausbauen wollen. Wir dürfen es nicht denjenigen überlassen, welche uns von Europa und der Welt isolieren wollen. Wir dürfen dieses Land nicht denjenigen überlassen, die den Diskurs nur noch als Unterhaltungsgeblödel verstehen. Es braucht eine Politik, die sich der blossen Mode und Beliebigkeit widersetzt, sonst sind wichtige Grundsätze dieses Landes in Frage gestellt.

Die Politik prägt uns. Also prägen wir die Politik. Und wenn wir uns also fragen:

«Können wir diese Wahlen gewinnen?», so ist die Antwort: «Wir können diese Wahlen gewinnen, weil wir sie gewinnen müssen.»

ä«S2

Zur Etymologie der Karikatur

Vorwort zum Band mit den gesammelten Karikaturen 2000

von Nico Cadsky

Lange Zeit blieb umstritten, woher das Wort Karikatur eigent lich stammt. Anhängerinnen und Anhänger der Autopartei waren felsenfest überzeugt, der Ausdruck komme von Karosse, ein Irrglaube, den diese Bewegung mit der realen Existenz bezahlen musste. Damit fiel auch die etymologische Antithese der Grünen in sich zusammen, Karikatur käme von Karotte. Zum Teil herrschte auch die Vermutung, Karikatur sei etymo logisch mit der Karies verwandt, lege sie doch den Moder und die Fäulnis unserer Politordnung derart plastisch an den Tag, dass der geneigte Betrachter spontan die Nase rümpfen müsse ob der gezeichneten Wahrheit. Doch auch diese These wurde von Sprachwissenschaftern mit der Zeit verworfen, ebenso wie diejenige, Karikatur stamme von Karriere, weil schon manche solche durch den spitzen Zeichenstift jäh beendet worden sei.

Um den wahren etymologischen Hintergrund der Karikatur ermitteln zu können, muss vielmehr ihr gesellschaftlicher Stellenwert geortet werden. Dabei gilt es, Nicos Karikaturen als redaktionelle Bestandteile einer Tageszeitung einem Glaub- würdigkeits- Benchmarking zu unterziehen: Auf welche Form journalistischer Beiträge können wir uns eigentlich noch ver lassen?

Auf die Fotografie? Im Zeitalter der digitalen Manipula tionen können wir dem Lichtbild in der Zeitung nicht mehr trauen. Wir erinnern uns an den künstlich geröteten Vorder grund des Luxortempels oder an Monica Lewinsky und BillClinton, welche sich angeblich mutterseelenalleine umarmten, wo dies doch beim Bad in der Menge geschah. Alles Fiktion, wie wir heute wissen.

Und die Texte? Geben sie etwa die Wahrheit wieder? Als Betroffener übe ich keine Medienschelte. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn die Antwort kennen alle: Es wird gedruckt wie gelogen.

Wo ist der Fels der Wahrheit in den Wogen der Manipula tion? Wer gibt uns Halt in der Brandung der Lügen?

Die Karikatur! Sie wählt einzelne Ereignisse aus, zeichnet Umrisse und macht sichtbar, worauf es wirklich ankommt. Sie zeigt, was zwar da ist, was wir aber ohne sie nicht sehen. Sie achtet auf das Stumme und Unsichtbare, auf die sozialen und kulturellen Hintergründe einzelner Personen, Parteien oder ganzer Bevölkerungsgruppen, auf wirtschaftliche Interessen im Hintergrund. Sie stellt all das Verborgene zur Schau und ver leiht Ereignissen ein neues Profil, eine neue Kontur und trägt so den wichtigsten

Beitrag zur politischen und gesellschaft lichen Auseinandersetzung bei. Sie allein schafft die res publica. Wahrlich, welche Wohltat, eine Karikatur zu betrach ten und sofort aufgeklärt und im Bild zu sein.

Die heutige Etymologie weiss daher: Karikatur kommt von Karitas und bedeutet Wohltätigkeit, Nächstenliebe - vielleicht weniger zum gezeichneten Objekt, dafür aber gegenüber der orientierungslosen Zeitungsleserin und dem hilflosen Zeitungsleser. Und das sind wir ja alle.

Ich danke dem Karikaturisten Nico für sein karitatives Werk.

Was Galileo Galilei zum Glaubenskrieg in der schweizerischen Energiepolitik sagen würde

Eröffnung der SUN 21 Basel, 28. August 1999

Galileo Galilei hatte recht: Die Sonne ist der Mittelpunkt des Universums. Das zeigt dieses Fest von SUN 21. Das zeigte aber auch die Sonnenfinsternis vom 11. August:

Überall, in Stuttgart, Basel und Bern waren Versammlungen von Sonnen anbetern zu beobachten. Wahrsagerinnen setzten sich aus lauter Angst vor der Sonnenfinsternis ins Ausland ab. Der Bundesrat tagte vorsorglich in der Nähe des Bunkers, um auf jeden Fall weiterregieren zu können, auch wenn die Welt unter gegangen wäre.

Aber Galilei hatte recht: Auf die Sonne können wir uns verlassen, auf die Politik weniger. Galilei schon gar nicht: Von ihr kassierte er lebenslängliche Haft, weil er bewies, was auch dieses Fest beweist: dass sich alles um die Sonne dreht, um die Mutter aller nachhaltigen Energieformen, von der Wasserkraft über die Windenergie bis zur Erdwärme.

Wenn Galilei recht hatte, dann kann auch die SUN 21 nicht falsch liegen. Auch ihr geht es ja um eine Art kopernika- nische Wende, nämlich in der Energiepolitik. Ich kann Ihnen dabei eine erfreuliche Mitteilung im Namen der Regierung machen: Die Organisatoren des heutigen Anlasses kommen im Gegensatz zu Galilei deswegen in keine Folterkeller mit Inquisitoren.Auch hierzulande ist es allerdings nicht lange her, dass Gegner der Kernenergie und Befürworter von Alternativ energien kurzerhand als «Systemveränderer» diskreditiert und in die linke Ecke gestellt wurden. Dank dem Fall der Berliner Mauer fallen solche Schimpfworte heute zwar nicht mehr so häufig. Dennoch dauern die energiepolitischen Grabenkämpfe immer noch an. Trotz unzähligen Energie- und Entsorgungs dialogen haben wir in unserem Land noch nicht zum Energie frieden gefunden.

Warum ist die ideologische Auseinandersetzung in der Ener giepolitik so viel unerbittlicher als in anderen Fragen? Warum sprengt sie traditionelle Parteigrenzen und fuhrt zu heftigen Kontroversen selbst innerhalb ökologischer Gruppierungen?

Ein Grund sind sicher wirtschaftliche Interessen, die mit der Energieproduktion und -Versorgung verbunden sind. Ich denke dabei nicht nur an die mächtigen multinationalen Erdöl oder Elektrizitätsgesellschaften, sondern auch an die Empfän ger von Wasserzinsen oder Subventionen für Solar- und andere Alternativanlagen. Doch derartige Interessen gibt es auch in vielen anderen Fragen - von der Wirtschafts- über die Sozial- bis zur

Verkehrspolitik.

Wichtiger ist deshalb wohl die globale, ja kosmische Dimen sion der Energiefragen. Bei der Verbrennung fossiler Energien entstehen Treibhausgase, welche die Biosphäre schädigen. Die klimatische Erwärmung kann unsere Lebensgrundlagen zer stören. Die Entsorgung nuklearer Abfalle ist nach wie vor ungelöst. Gleichzeitig ist der Vorrat an nichterneuerbaren Ener gien beschränkt. Wie die Verfinsterung der Sonne mahnt uns all dies an die Endlichkeit unserer Zivilisation. Insofern haftet der Energiepolitik etwas Eschatologisches an. Sie wirft Fragen auf, die die «letzten Dinge» betreffen und die allein mit der

10g

menschlichen Vernunft gar nicht zu bewältigen sind. Zum Glaubenskrieg ist es da nicht mehr weit.

Hat die Schweiz ein Energieproblem ? Wir kennen heute keine Versorgungsschwierigkeiten, wie wir noch vor 25 Jahren dachten, als der Club-of-Rome- Bericht erschien und die Ölpreise sprunghaft in die Höhe stiegen. Da mals wurde prognostiziert, dass die Vorräte an Erdöl und Erd gas in 30 bis 40 Jahren ausgehen würden. Inzwischen wissen wir, dass die heute bekannten Vorräte noch für mindestens 60 bis 100 Jahre reichen. Auch Strom produzieren wir im Über- fluss wegen der vor 25 Jahren beschlossenen und teilweise auch gebauten Kernkraftwerke.

Daraus wird heute abgeleitet, wir hätten kein Energie problem mehr. Das ist falsch. Wir haben ein Energieproblem. Nach wie vor ungelöst sind die Folgen der Emissionen. Die Umwandlungsprodukte, die bei der Verbrennung nicht- erneuerbarer Energien entstehen - Treibhausgase, Schadstoffe, radioaktive Abfälle -, belasten die Erde in einem Ausmass, das längerfristig nicht tragbar ist. Wir wollen aber die Erde so weitergeben, wie wir sie antrafen. Unsere Generation hat die Probleme, die sie schuf, zu lösen. Deswegen müssen wir unseren Umgang mit Energie ändern.Richtlinie dafür ist die Nachhaltigkeit, also die Erfüllung ökologischer, ökonomischer und sozialer Anliegen. Aber machen wir uns nichts vor: Dieses Prinzip nimmt uns die Ent scheide nicht ab, welche nun im konkreten Einzelfall die richtigen nachhaltigen Massnahmen sind. Dabei denke ich nicht nur an das spannungsreiche Verhältnis zwischen Ökono mie und Ökologie. Ich denke auch an - gewissermassen - innerökologische Zielkonflikte: Welchem Anliegen ist beim Bau von Windenergieanlagen mehr Gewicht einzuräumen: dem Landschaftsschutz, der eine Verschandelung der Natur befürchtet, oder der umweltfreundlichen Strom produktion?

Es ist offenkundig, dass eine nachhaltige Entwicklung nicht die Aufgabe eines einzigen Landes sein kann, sondern die gesamte Staatengemeinschaft betrifft. Im Grundsatz ist zwar auch dies anerkannt. Bei der Umsetzung konkreter Mass nahmen gehen die Meinungen aber oft auseinander.

Welches ist in der Klimapolitik der richtige Weg? Sollen die Treibhausgas-Emissionen in erster Linie durch Massnahmen in den Industriestaaten reduziert werden? Oder eher durch Klimaschutz-Investitionen in Schwellen- und Entwicklungs ländern?

Einige Industrieländer weigern sich, ihre eigenen Emissio nen zu begrenzen, solange diese Verpflichtung nicht auch für Staaten wie China, Indien oder Brasilien gilt. Sie plädieren daher für den zweiten Weg und haben auch gute Argumente dafür. Denn mit

Investitionen, die in Ländern mit tieferem Preisniveau getätigt werden, kann in der Regel ein sehr hoher Wirkungsgrad erreicht werden.

Aber: Geht es ihnen wirldich um den Klimaschutz, oder verfolgen sie nicht eher eigene wirtschaftliche Interessen, um sich an Massnahmen im Ausland beteiligen zu können und zu Hause am eigenen Verhalten nichts ändern zu müssen?

Und wie steht es bei uns? Wir haben uns verpflichtet, die

Treibhausgas-Emissionen in erster Linie im eigenen Land zu senken. Klimaschutz- Investitionen im Ausland sollen erst an zweiter Stelle folgen. Das scheint die politisch korrekte Position zu sein, frei von Belehrungen gegenüber der dritten Welt und getragen von der Überzeugung, dass man sich von Verantwortung nicht loskaufen kann.

Aber können wir uns deswegen schon auf die Schulter klopfen?

Der steinige Weg zu einerneuen Energiepolitik Wir haben zwar das Übereinkommen von Rio und auch das Protokoll von Kyoto unterzeichnet und zählen uns deswegen zu den «Vorkämpfern der Absenkung des CCVAusstosses». Aber umgesetzt ist diese Politik

noch nicht. (

Wir sprechen über Energieabgaben. Aber nicht nur deren Höhe, auch ihr Grundsatz ist

umstritten. Die Gegner (

Strommarktes. Günstigere Strompreise vor allem für die Wirtschaft, sind zwar willkommen. Aber eine ökologische Steuerreform, die die Nebenkosten der Arbeit senkt und statt dessen den Energie verbrauch belastet und die somit eine nachhaltige Entwicklung zum Ziel hat, bleibt vielen noch suspekt.

Wir diskutieren eine Befristung der bestehenden Kernkraft werke. Diese müssen so oder so aus wirtschaftlichen oder Sicherheitsgründen einmal abgestellt werden, und wir wollen uns energiepolitisch auf die «KKW-lose» Zeit vorbereiten. Doch der «Dialog» darüber hat nichts gebracht. Es wird also noch ein hartes Ringen um einen mehrheitsfähigen Entscheid absetzen. Die Schwierigkeiten zeigen sich gerade hier: Basel ist stolz, eine atomstromfreie Zone zu sein. Tatsächlich bezieht das Elektrizitätswerk Basel direkt keinen Strom aus KKWs. Den noch liegen die Dinge nicht so einfach, denn die Industriellen Werke Basel sind an den Kraftwerken Oberhasli beteiligt. Diese wiederum besitzen Pumpspeicheranlagen, die im Winter zur Stromproduktion geleert und danach im Sommer wieder mit Wasser vollgepumpt werden müssen. Und dazu braucht es natürlich Strom, dessen Herkunft nicht kontrolliert werden kann. Aber mit grösster Wahrscheinlichkeit stammt er min destens zum Teil auch aus Kernkraftwerken. Ich will die Erfolge von Basel nicht schmälern, aber was wir auch sehen müssen: Unsere Infrastrukturen wie Energie, Verkehr oder Kommunikation sind längst grenzüberschreitend. Wir können uns daraus nicht einfach ausldinken. Selbst wenn wir unsere eigenen Kernkraftwerke heute abschalten würden, flösse in unseren Netzen noch lange französischer oder deutscher Atomstrom. Mit dem raschen und einseitigen Ausstieg aus der Kernenergie könnten wir uns deshalb unserer Verantwortung nicht entledigen. Auch an den Folgen eines Unfalls hätten wir ja zu tragen.

Aber wir können mithelfen, diesen Ausstieg vorzubereiten, indem wir unseren Energieverbrauch durch den Einsatz neuer Technologien drosseln und indem wir in erneuerbare Energien investieren. Aber dies hier zu sagen, ist ja nun wirklich Wasser in

)

)

wollen zwar die raschestmögliche Öffnung des

den Rhein getragen

Wir stellen deshalb ein Nachfolgeprogramm Energie 2000 auf die Beine. Auch in Zukunft sind staatliche Impulse zur Steigerung der Energieeffizienz und zur Förderung erneuer barer Energien nötig. Mit diesen Investitionen bleibt die Schweiz bei der Entwicklung von Umwelttechnologien an der Spitze, und gerade in kleinen und mittleren Betrieben können neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Doch die Euphorie ist nicht mehr so gross wie vor zehn Jahren. Denn Energie steht im Überfluss und zu Tiefstpreisen zur Verfügung, und der Umweltschutz rückt in der Sorgen- Hitparade der Bevölkerung immer weiter nach hinten. Aber schauen wir nach Basel: Es gibt auch Feste zur Energiepolitik.

Die Schweiz ist energiepolitisch von vielen Gräben durch furcht und in mehrere Lager gespalten, die sich gegenseitig blockieren. Es gibt deswegen auch resignative Stimmen. Auch ihnen sage ich: Schaut nach Basel!

Hier in Basel ist es gelungen, diese Gräben zu überwinden und in der Energiepolitik neue Wege zu gehen: Schaut nach Basel!

Basel kennt seit 1983 eine Förderabgabe auf Elektrizität (40/o).

Basel hat seit kurzem eine staatsquotenneutrale Lenkungs abgabe auf Elektrizität, die an die Haushalte und Wirtschafts betriebe zurückerstattet wird (17 bzw. 27%).

Basel hat ein Verbot von Elektroheizungen und schreibt für alle Neu- und Altbauten die Verbrauchs abhängige Heizkosten abrechnung zwingend vor.

Basel führt eine Solarstrombörse und investiert kräftig in den Bau neuer Photovoltaik- Anlagen.

Basel will nach Wasser, Wind und Sonne jetzt auch die Erd wärme zur Energiegewinnung nutzen; die Sondierbohrungen für ein Erdwärmekraftwerk sind im Gang.Basel hat den Faktor-4-Club und die SUN 21.

Und wenn Zürcher gelegentlich klagen: Wir haben keinen Energiepapst mehr, so sage ich ihnen: Schaut nach Basel. Dort gibt's ganz viele. Und sie sind inzwischen so zahlreich ge worden, dass auch sie längst nicht mehr alle ein- und derselben Meinung sein können - jedenfalls wenn sie in Bern sind. Aber halten wir es mit Apostel Matthäus, von dem die Aussage über liefert ist: «Die Sonne scheint über Gerechte und Ungerechte.»

Wir haben in der Verkehrspolitik in den vergangenen Jahren einiges erreicht. Die beiden Abstimmungen über die Schwer verkehrsabgabe und die Modernisierung unserer Bahnen waren wichtige umweltpolitische Weichenstellungen. Sie haben uns in ganz Europa Anerkennung eingetragen. In der Energie politik sind wir noch nicht so weit.

Aber schaut nach Basel! Basel hat der ganzen Schweiz vor gemacht, dass es möglich ist, von der ideologischen Ver krampfung wegzukommen und die Energien für eine neue Energiepolitik zusammenzubringen. Die Trägerschaft der SUN 21 reicht vom Gewerbeverband bis zu den Ärzten für den Umweltschutz. Industrie, Wirtschaftsverbände, Umwelt- organisationen und Politik haben sich zusammengerauft und gemeinsam einen Weg gefunden, der die energiepolitische Blockierung überwindet.

Wenn wir Galileo Galilei fragen würden, was er von der Energiepolitik halte, würde er

sagen: «Schaut nur nach Basel! Sie bewegt sich doch!»

Im Unterholz des Waldes

100 Jahre Verband Schweizer Förster

Langnau i.E., 27. August 1999

Ich danke Ihnen für die Einladung an Ihr Jubiläum und gratu liere Ihnen für Ihren langjährigen Einsatz zugunsten des Waldes und des Forstpersonals. Ich spreche zum erstenmal in meiner Amtszeit über den Wald, und es freut mich, dass Sie mich dazu eingeladen haben.

Der VSF wurde vor 100 Jahren gegründet, um die Interessen der Förster ins Forstpolizeigesetz einzubringen. Diese Anstren gungen haben sich gelohnt: Ihre Anliegen wurden im neuen Gesetz in verschiedenen Punkten berücksichtigt und haben bestimmt dazu beigetragen, dass die Ausbildung und Sicher heit des Forstpersonals das heutige hohe Niveau erreicht hat.

Der VSF ist somit ein typisches Kind der schweizerischen direkten Demokratie. Unzählige Verbände und Vereine sind schon gegründet worden, um auf ein anstehendes Gesetz gebungsvorhaben Einfluss zu nehmen oder auch um einer Idee in Bundesrat und Parlament zum Durchbruch zu verhelfen. Viele dieser Organisationen sind Eintagsfliegen geblieben. Der VSF hingegen wirkt seit seiner Gründung erfolgreich mit in der politischen Meinungsbildung über den Wald, und er setzt sich auch tatkräftig für die Interessen der Förster und Försterinnen ein.Und als Ihre Interessen verstehen Sie nicht einfach Ihre eigenen Arbeitsbedingungen oder Ihre Einkommensverhält nisse. Nein, es geht Ihnen in erster Linie um den Wald. Das ist das Besondere und staatspolitisch Bedeutsame an Ihrem Ver band, dass es ihm um übergeordnete Interessen geht, um den Wald und damit auch um die Schweiz.

Aber welches sind sie denn, diese Interessen des Waldes?

Die Vorstellungen darüber gehen derart weit auseinander, dass sie nicht nur für die Umweltpolitik, sondern auch für unsere Gesellschaft geradezu symbolhaft sind: Dem Jäger ist der Wald ein Hort für den Wildbestand; dem Jogger und Biker ist er eine Sportarena; dem Hundehalter ein Revier für den all täglichen Auslauf oder ein Exerzierplatz; dem Wanderer ein Erholungsgebiet; den Umweltfachleuten ein Instrument zur Regulierung von Wasserhaushalt und Klima; für die Holzwirt schaft bedeutet er eine Lebensgrundlage; für den Tourismus ein ästhetisches Element der Landschaft; der Pilzler will im Wald Pilze; der Biologe wünscht sich im Wald Artenvielfalt; den alpinen Siedlungsgebieten bedeutet Wald Schutz vor Schnee- und Geröllawinen und Hochwasser. Für Kinder ist er ein Aben teuerspielplatz oder eine Märchenwelt. Und nicht zuletzt haben auch Philosophen und Literaten ihre eigene Vorstellung vom Wald: Für die Romantiker war der Wald Ort der Träume und der Erotik, für Hölderlin Sinnbild republikanischen Denkens und für Gottfried Keller Beweis, dass die Demokratie eine Ordnung der Natur ist.

Bei so vielen verschiedenen Ansprüchen ist es tatsächlich schwierig, vor lauter Bäumen den Wald noch zu sehen. Und noch schwieriger ist es, eine Waldpolitik zu formulieren,

gerade weil wir all diese Ansprüche an den Wald - kulturelle, soziale, ökologische und ökonomische - anerkennen und berücksich tigen wollen. Das erfordert ein vernetztes und langfristiges Denken. Für Förster sind das nicht nur modische Schlagworte.

Ihr Zeithorizont umfasst gut und gerne 200 Jahre: Sie schlagen Bäume, die lange vor der Gründungszeit Ihres Verbands gepflanzt wurden. Doch Sie forsten Wälder auf, die wiederum für gut 100 Jahre Bestand haben sollen. Davon können wir in der Politik nur träumen: Wir löffeln am Nachmittag aus, was uns die Zeitungen am Vormittag eingebrockt haben, und wir bezweifeln morgen das, wovon wir gestern noch felsenfest überzeugt waren.

Ich selber habe das beim Wald erlebt: Vor 15 Jahren enga gierte ich mich politisch gegen das Waldsterben und lag damit im Trend. Kaum im Bundesrat, liess ich Hodlers Holzfäller in meinem Büro an die Wand hängen, und er schockierte nur wenige meiner Besucher. Das Waldsterben als politisches Thema ist in den Hintergrund gerückt. Der Gesundheits zustand unserer Wälder hat sich viel weniger verschlechtert als damals propagiert.

Die jahrhundertelangen Kreisläufe des Waldes werden durch kurzfristige Zyklen der Politik überlagert. Nachdem das Schreckgespenst einer Schweiz ohne einen einzigen Baum verflogen ist, dominieren heute wieder positive Meldungen, welche Hoffnung wecken: Die Schutzwälder haben im ver gangenen Lawinenwinter ihre Funktion erfüllt. Der Absatz des inländischen Holzes wächst, und die Defizite in der Wald wirtschaft scheinen zurückzugehen.

Wie ist vor diesem Hintergrund die Waldsterbensdebatte zu bewerten?

Die verfrühten Todesmeldungen haben der Glaubwürdigkeit der Umwelt- und Forstpolitik wohl eher geschadet. Das Thema Umwelt ist im Sorgenbarometer der Bevölkerung auf Rang 8abgerutscht. Dabei ist der Wald noch längst nicht über dem Berg. Der Eintrag von Luftschadstoffen ist nach wie vor ein Langzeitrisiko für den Wald. Die Bäume reagieren mit Vitali tätsverlust und verminderter Standfestigkeit. Die Überalterung der Schutzwälder gefährdet ihre Schutzfunktion. Die Arten vielfalt nimmt immer noch ab. Aber heute ist es schwieriger geworden, die Öffentlichkeit für diese Themen zu sensibili sieren, gerade weil damals auch übertrieben wurde.

Andererseits hatten die Waldsterbensdebatte und die Schreckensbilder aus dem Erzgebirge ein neues Bundesgesetz über den Wald, neue Impulse für die Waldforschung zum Ergebnis, und der Katalysator sowie die Luftreinhalteverord- nung wurden auch schneller eingeführt. Wir kennen heute den Wald besser, und wir haben auch bessere Instrumente, um ihn zu pflegen.

Nachhaltige Waldpolitik Die Veränderung der Waldpolitik ist aber noch längst nicht ab geschlossen. Gerade weil sich die Grundsätze der Waldpolitik in so kurzer Zeit geändert haben, muss ich betonen, dass ich auch jetzt nichts Absolutes und ewig Gültiges zum besten gebe, dass unser Suchprozess in der Waldpolitik nie abgeschlossen sein wird.

Ich werfe zuerst einen Blick zurück auf den Transfer des BUWAL ins UVEK, in unser Infrastrukturdepartement. Die an der Waldpolitik interessierten Kreise gelangten damals mit der Forderung an den Bundesrat: der Wald gehöre ins EVD, in das Wirtschaftsdepartement (dies unter dem Aspekt der Wald nutzung). Der Bundesrat ist

dieser Forderung nicht nach gekommen. Wegleitend für den politischen Entscheid war der Grundsatz einer erweiterten Nachhaltigkeit. Unsere Politik soll nicht nur der wirtschaftlichen Effizienz, sondern auch dem Schutz der natürlichen Umwelt und der gesellschaftlichen Solidarität Rechnung tragen. Das gilt für die Verkehrspolitik, für die Energiepolitik und eben auch für die Waldpolitik. Die Fragen des Schutzes und der Nutzung des Waldes hängen viel zu stark miteinander zusammen, als dass sie heute noch auseinanderdividiert werden könnten. Und wir können die Waldpolitik nicht losgelöst von anderen Aspekten der Umwelt politik, wie zum Beispiel Landschaft oder Wasser, betreiben.

Nachhaltigkeit ist ein Grundsatz, auf den sich die inter nationale Gemeinschaft einigen konnte, allerdings nur «im Prinzip». Sie muss denn auch immer und immer wieder erklärt werden, weil ein Begriff, der einen Zielkonflikt beinhaltet, vielen unvertraut ist. Die Umweltschützer oder die Wirtschaft reklamieren Nachhaltigkeit gleichermassen für sich.

Wer sich aber, wie Sie, mit dem Wald befasst, ist mit dem Umgang der drei Elemente der Nachhaltigkeit, also der Sozial verträglichkeit, der Wirtschaftlichkeit und der Umweltverträg lichkeit, sehr wohl vertraut. Der Begriff Nachhaltigkeit ent stammt ja der Forstwirtschaft. Unser Erbe so weitergeben, wie wir es angetreten haben, war Hauptinhalt des Forstpolizeige setzes von 1902, eines der ältesten Waldgesetze der Welt. Dieses generationenübergreifende Denken zeigt sich in Martin Luthers Satz: «Und wenn die Welt morgen untergeht, so pflanze ich heute noch einen Baum.» Welch nachhaltiges Denken verglichen mit dem Egoismus vor der Französischen Revolution: «Apres nous le deluge». Aber auch dass der Wald für alle da ist, selbst wenn er in Privatbesitz ist, das soziale Ele ment also, gehört zum Wald und zu seinen Pflegern und hat sich tief ins öffentliche Bewusstsein eingeprägt. Und wenn auch alles und jedes privatisiert wird: Der Zugang zum Wald bleibt öffentlich!

Das Prinzip der Nachhaltigkeit allein ergibt aber noch keine Waldpolitik. Gerade weil es so umfassend angelegt ist, be inhaltet es Zielkonflikte und kann daher für sich allein nie anwendbare Richtlinie sein. Schon auf der theoretisch abstrakten Ebene gibt es Auseinandersetzungen: Haben alle drei Elemente der Nachhaltigkeit immer und überall das gleiche Gewicht? Muss einem der Vorrang eingeräumt werden? Wenn ja, welchem? Müsste zum Beispiel der Schutz der Bio sphäre, wohl unsere wichtigste Lebensgrundlage, das oberste Ziel sein? Erst recht geht dieser Streit los, wenn sich bei konkret anstehenden Entscheidungen die Frage stellt, welche Mass nahme nun wirklich als nachhaltig anzusehen sei. Dabei sind solche Streite leider oft ideologisch geprägt. Umweltschutzmassnahmen können sehr wohl ökonomisch fruchtbare Folgen haben. So hat die Luftreinhalteverordnung einen Innovationsschub bei Holzfeuerungen ausgelöst. Das hat wieder zu energetisch und wirtschaftlich sinnvoller Holz nutzung durch Holzschnitzelanlagen geführt.

Zielkonflikte und Lösungsansätze Beim Wald sind diese Zielkonflikte besonders augenfällig, und Sie als Förster stehen täglich mittendrin. Welche Antworten und Hilfen können Sie von der Politik erwarten?

Waldfläcbenpolitik: In den letzten 100 Jahren war eine strikte

Walderhaltungspolitik unabdingbar. Heute wachsen immer mehr nichtbewirtschaftete Alpen ein, das heisst sie werden zu Wald. Dieser Prozess beschleunigt sich wegen des

Strukturwan dels in der Landwirtschaft. Eine weitere Vermehrung des Wal des ist aber nicht a priori erwünscht. Für die Freunde von Luchs und Wolf mag sie erfreulich sein, aber es gibt noch andere Blickwinkel.

Teile der Tourismusbranche fürchten, dass ihre Gäste vor lauter Wald andere Schönheiten der Landschaft nicht mehr sehen können, und Biologen warnen vor einem Rückgang der Artenvielfalt. Die Walderhaltungspolitik muss deshalb zu einer ganzheitlichen Landschaftspolitik erweitert werden, welche sich mit der erwünschten Menge und Verteilung des Waldes befasst. Das BUWAL macht sich Gedanken über einen «Wald- Richtplan», ein Instrument also, das wir beispielsweise für den Kiesabbau oder für Verkehrsinfrastrukturen kennen. Entspre chend wäre ein solches Instrument das Gemeinschaftswerk aller interessierten Kreise.

Holznutzung: Der Wald wird älter und vorratsreicher. Es gibt viele gute Gründe, auch ökologische und naturschützerische, warum heute in unseren Wäldern mehr Holz genutzt werden sollte. Das ist aber erst möglich, wenn die Holznutzung weni ger defizitär ist. Deswegen muss die Effizienz bei der Waldbe wirtschaftung und bei den Forstbetrieben erhöht werden. Dazu kann die Ausgestaltung der Subventionen einen wichtigen Bei trag leisten, doch sind Subventionen kein Allerweltsmittel und vertragen sich mit der Idee der Nachhaltigkeit eher schlecht.

Viel wichtiger ist die ideelle Wiederentdeckung von Holz als Baumaterial oder für Gegenstände des täglichen Gebrauchs.

Die Zeichen stehen gut. In Deutschland wird ein Eisenbahnzug mit Schweizer Holz ausgestaltet (welch Stolz für den schweize rischen Verkehrs- und Waldminister!). Eine Nummer der Kul turzeitschrift «DU» ist dem Holz gewidmet, es gibt in der Elfe- nau in Bern eine Ausstellung zu Holz und Kunst. Architektur in Holz erlebt einen wahren Boom. Soeben wurde wieder ein ästhetisch faszinierendes Schulhaus in Biel eröffnet. Doch mus- ste diese Entwicklung erst durch die Gebäudeversicherungen ermöglicht werden, und das war ein langer Prozess mit vielen aufklärenden Vorträgen. Solche Aufklärung muss weitergeführt werden. Holz lebt nicht nur einmal. Auch wenn es geschlagen ist, lebt es weiter. Wir müssen zeigen, welche Vorteile es gegen über Beton und Eisen hat, denn das sind nicht nur ästhetische, sondern auch solche der Statik und des Brandschutzes. Ein hölzerner Kochlöffel im Risotto kann stets angefasst werden, während wir uns an einem metallenen die Hände verbrennen. Holz kann überlebensfähiger sein als ein Stahl-gerüst:

Im Traum heute Nacht Sah ich einen grossen Sturm. Ins Baugerüst griff er Den Bauschragen riss er Den eisernen, abwärts. Doch was da aus Holz war Bog sich und blieb. (Bertolt Brecht)

Ich erlaube mir auch einen Hinweis als Energieminister: Mit dem Programm Energie 2000 förderten wir Holz als erneuer bare Energie und strebten eine Verdoppelung der Energieholz menge in einem Jahrzehnt an. Die Trendwende ist gelungen: 2,6 Mio

m 3 /Jahr. Das ersetzt 0,5 Mio Tonnen Heizöl! Mit dem Nachfolgeprogramm soll übrigens diese Entwicklung nochmals gesteigert werden.

Unser Holz hat grosse Chancen. Mit unternehmerischem Denken in Forst- und Holzwirtschaft können wir Holz ver mehrt propagieren und so den Holz- und Brückenbau

fördern. Dazu plant der Bund ein Folgeprogramm von Holz 2000. Durch eine verbesserte Produktionskette Holz würden zu den 8000 Arbeitsplätzen im Wald bis zu zehnmal soviel Arbeits plätze in der Holzverarbeitung ermöglicht. Diese müssten ver mehrt im Inland angesiedelt werden.

Schutzwald: Der Bundesrat hat vorgestern einen Zwischen bericht über die Schäden der Lawinen dieses Frühlings verab schiedet. Haupterkenntnis: Die Schutzwälder haben uns vor einer Katastrophe bewahrt, wie sie sich die Wahrsagerinnen zur Sonnenfinsternis wohl gewünscht hätten. Deswegen können wir von einer Sonderbotschaft absehen.

Entwarnung ist dennoch nicht angesagt. 40 Prozent der Lawinenschutzwälder erfüllen ihre Funktion nicht optimal und brauchen regelmässig Pflege. Auch nach einer Neuordnung des Finanzausgleichs zwischen Bund und Kantonen muss also das Geld dafür noch vorhanden sein.

Die Artenvielfalt: Naturnaher Waldbau, Vernetzung ökolo gischer Flächen und Waldreservate fördern die Artenvielfalt. Strukturreiche Waldränder im Übergangsbereich zum Land wirtschaftsgebiet beherbergen viele Pflanzen und Tiere, darunter viele Nützlinge.

Der VSF hat Bedenken gegenüber Grossreservaten im

produktiven Mittelland geäussert. Wir wollen diese Bedenken diskutieren und uns fragen, ob der Nachhaltigkeit nicht auch gedient ist, wenn wir möglichst gute Rahmenbedingungen für eine effiziente Holznutzung schaffen und damit die Einfuhr ausländischer Hölzer begrenzen können. Ich sage das nicht, um unsere Holzwirtschaft unter Heimatschutz zu stellen, sondern als Verkehrsminister, der an die langen Transportwege denkt.

Grundsätzlich soll die Waldreservatspolitik für die ganze Waldfläche der Schweiz gelten. Auch im Mittelland gibt es Wälder, die sich wegen ihrer Lage, des Bodens oder unge nügender Erschliessung nicht für die Holznutzung eignen. Die Frage Schutz oder Nutzen muss in jedem einzelnen Fall entschieden werden.

Die Waldpolitik hat sich immer bewegt, und sie bewegt sich auch heute und morgen. Als ich vor etwa 6 bis 7 Jahren im Zürcher Regierungsrat einem Waldreservat im Sihlwald nicht abgeneigt war, wurde ich sofort in die ordnende Kollegialität genommen. Heute darf man aber doch schon laut daran den ken, sogar als Mitglied einer Regierung. Der Schweizerische Forstverein ist ja heute Mitglied im Stiftungsrat für die Natur landschaft Sihlwald. Und sicher will bald jede grössere Stadt in der Schweiz einen Naturwald in ihrer Nähe. Der Dialog über den Wald geht also weiter.

Ich habe übrigens Hodlers Holzfäller vorgestern durch ein anderes Bild ersetzt. Es handelt sich um eine Riesenwaldameise von Martin Disler. Das hat keinerlei symbolische Bedeutung für die Waldpolitik, ausser die: Nichts steht still, alles bewegt sich.Bringen auch Sie sich als Verband in diese Diskussion aktiv ein! Diese staatsbürgerliche Aufgabe haben Sie ja selbst über nommen. Ich beglückwünsche Sie dazu und möchte Sie ermuntern, sich auch in den nächsten hundert Jahren für den Wald und die Förster und Försterinnen einzusetzen. Es ist gleichzeitig ein Einsatz für dieses Land und diese Erde.

Wenn ich ein Vöglein wär oder Mobilität als Sinn des Lebens ?

20 Jahre Verkehrs-Club der Schweiz VCS Basel, 12. Juni 1999

Das soeben gespielte «Take five» lässt mich überleiten: In meinem fünften (Kalenderjahr als Bundesrat nehme ich heute zum fünften Mal an der Delegierten- oder Jubiläums versammlung eines grossen Verkehrsverbandes teil.

Jeder Auftritt erfolgte in einem denkbar heiklen Zeitpunkt: 100 Jahre TCS, als der Bundesrat für die neue FinöV-Vorlage einen «Benzin-Zehner» vorgeschlagen hatte; Delegierten versammlung ASTAG, während im Parlament die LS VA beraten wurde; Delegiertenversammlung VöV, nachdem der «runde Tisch» Kürzungen im öffentlichen Regionalverkehr beschlossen hatte; 100 Jahre ACS wenige Tage vor der LSVA- Abstimmung.

Und heute 20 Jahre VCS, während die flankierenden Mass nahmen zum bilateralen Abkommen im Parlament bereinigt werden. Vertreter des VCS haben diese verlangt und stets auch gleich mit einem Referendum und damit mit der Nein-Parole zu den Bilateralen gedroht.

Immer also stand ich vor der gleichen Frage: Soll ich die politischen Differenzen ansprechen oder der harmonierenden Feststimmung zuliebe beiseite lassen?

Beim ASTAG sagte ich: «Unsere Ansichten gehen in Frieden auseinander», was neutralisierend wirkte. Beim ACS vereinbar ten wir ein Gentlemen-Agreement: Der Präsident sagte nicht, was er von der schweizerischen Verkehrspolitik hält, und ich nichts zur LSVA. So konnte eine Saalschlacht vermieden werden. Heute geht der gutgemeinte Rat, ich solle der tages politischen Aktualität ausweichen, von Ihnen aus, indem Sie mir als Hintergrund meiner Rede ein Bild von Caroline Elsässer vorgeschlagen und freundlicherweise auch gleich eine mehrseitige Interpretation mitgeliefert haben.

Darin lese ich: «Wirkliche Mobilität, als Einheit von Mensch, Technik und Ökologie, muss im Kopf beginnen». Als ich das Bild zum ersten Mal sah, waren meine Gedanken allerdings um einiges weniger politisch, sondern eher per sönlich, ja schon fast intim. Mir kam spontan das Gedicht in den Sinn:

Wenn ich ein Vöglein wär', Und auch zwei Flüglein hätt', Flog ich zu Dir; Weil's aber nicht kann sein, Bleib ich allhier.

(Ein Volkslied aus dem 18. Jahrhundert, aufgezeichnet von Johann Gottfried Herder)

Mobilität

Mobilität, so empfinde ich, beginnt also nicht erst im Kopf, dort wo die Mittel zur Fortbewegung erfunden werden oder wo eine Reise geplant und beschlossen wird, sondern sie nimmt bereits im Herzen ihren Anfang. Dort wo die Sehn sucht, das Fem- und das Heimweh und vor allem die Liebe zu Hause sind. Sie, in all ihren Facetten und Ausprägungen, ist die - im wörtlichen Sinn - treibende Kraft unseres Lebens. Sie

stachelt den Menschen an, zu erforschen, zu erkunden, zu ent decken und sich zu diesem Zweck unentwegt fortzubewegen.

Unser Drang nach Mobilität ist tatsächlich gewaltig, und wir tun alles, um diesen Drang ausleben zu können. Das äussert sich auch in Volksabstimmungen: Ja zum Flughafenausbau Zürich, Ja zum Ausbau der Nationalstrassen, Ja zum Ausbau der

NEAT, und die EU will 200 Milliarden Euro in den Ausbau der transeuropäischen Verkehrsnetze investieren

Verkehrsprognosen sind rückblickend gesehen in aller Regel falsch gewesen. Immer nämlich ist die Zunahme der Mobilität unterschätzt worden. Der Gotthard- Eisenbahntunnel hat ab Tag der Eröffnung viermal mehr Verkehr zu bewältigen gehabt, als prognostiziert war. Seit Eröffnung des Gotthard-Strassen- tunnels im Jahre 1980 hat sich die beförderte Gütermenge mehr als verfünffacht.

Güter aus anderen Ländern und Erdteilen kaufen zu können, sei es früher Seide, Gewürze oder sei es heute Elektro nik, entspricht einem Drang des Menschen. «Güter» sind mit «gut», «gütig» verwandt, also mit positiv besetzten Emotionen besetzt.

Es geht aber um mehr als nur um Personen- und Güter verkehr. Wir zappen in wenigen Sekunden durch heute fünfzig, morgen fünfhundert Fernsehprogramme. Dank dem Handy sind wir jederzeit und überall erreichbar. Dank dem Internet sind wir in der ganzen Welt omnipräsent. Es sei, so habe ich letzthin gelesen, sogar gelungen, die Licht geschwindigkeit zu überwinden, und theoretisch sei es nun möglich, in die Vergangenheit zu reisen.

Was ist der Sinn solcher Mobilität? Wer im Osterstau in den

Autokolonnen sitzt, könnte sich Gedanken darüber machen, doch tut er dies offensichtlich nicht, denn sonst würde sich dieses Naturereignis nicht alljährlich wiederholen.

Macht es Sinn, Kartoffeln ungewaschen von Deutschland nach Italien zu karren, dort zu waschen und dann wieder zurückzutransportieren? Macht es Sinn, Schnittblumen aus Ecuador nach Europa zu fliegen? Macht es Sinn, einen Tunnel für Milliarden zu bauen, um eine Stunde schneller in Mailand zu sein?

Ich staunte nicht schlecht, als ich im Etymologieduden das Wort «Sinn» näher anschauen wollte. Seine Wurzel ist «sent» und heisst nichts anderes als gehen, reisen, fahren oder auch eine Richtung nehmen, eine Fährte suchen. Der Mensch sieht also seine Mobilität als den Sinn seines Lebens an. Brecht bringt, das uralte Gedicht «Mich wundert, dass ich so fröhlich bin» abwandelnd, dies auch zum Ausdruck:

Ich sitze am Strassenrand

Der Fahrer wechselt das Rad.

Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.

Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.

Warum sehe ich den Radwechsel

Mit Ungeduld?

Natürlich gibt es Gegenbeispiele: Ich denke an Nadolnys «Die Entdeckung der Langsamkeit». Oder an die Warnung der Amme in Shakespeares «Romeo und Julia»:

«Wer eilig läuft, der fallt.» Natürlich gibt es auch Mahnungen, dass wir von den beiden Begriffen, welche Zeit bedeuten, nicht bloss den Chronos, nur noch die formale Abmessung verstehen sollten,

sondern den anderen Teil, den Kairos, den richtigen Augen blick, das inhaltliche Element also, wieder erfahren sollten. Natürlich gibt es «Slow food», aber die Beizen dieser

Gegen bewegung sind in Italien - und dorthin muss man zuerst fahren. (

Wir stehen heute an der Schwelle zu einer neuen Form von Mobilität. Datenautobahnen oder Videokonferenzen zeigen völlig neue Dimensionen auf. Und es gibt die Hoffnung, die digitale Mobilität von Informationen trete an die Stelle der physischen Mobilität von Menschen und Gütern. Ich glaube nicht an diese Entwicklung.

Wenn wir die Geschichte der Verkehrsträger ansehen, so ist es nicht so, dass das Auto die Bahn verdrängt hätte, und es ist nicht so, dass das Flugzeug das Auto oder die Bahn ersetzt hätte. Neue Verkehrsträger haben vielmehr immer neue Be dürfnisse geweckt und damit die Mobilität insgesamt erhöht.

Nichts anderes ist von der digitalen Revolution zu erwarten. Stundenlanges Surfen im Internet ermöglicht uns, neue Welten kennenzulernen. Diese wollen wir dann auch physisch erleben. Trotz - oder eben gerade wegen - Fernsehen und Internet gibt es Tausende, die in eine andere Stadt reisen, um Michael Jackson oder Luciano Pavarotti «persönlich» zu sehen, und sei es auch nur für ein paar Sekunden, wenn diese dem Hinter eingang eines Theaters enteilen.

Mobilität als Möglichkeit, in der Welt allgegenwärtig zu sein, ist eben mehr als ein Wirtschaftsfaktor. Sie ist ein Urbe- dürfnis. Charles Baudelaire («Poemes en prose») umschrieb es so: «Cette vie est un höpital oü tous les malades sont possedes du desir de changer de lit.»

Politische Grenzen gegen die Mobilität? Damit liegt auch der Schluss auf der Hand, dass es bei allen Formen der Mobilität - sei es im Internet, am Natel oder auf Strasse, Schiene und in der Luft - neben sinnigen auch viele unsinnige, «kranke», Beispiele gibt. Sie führen zur Frage: Ist es Aufgabe der Politik, den Drang nach Mobilität zu zügeln?

Versuche dazu gab es immer wieder. Beim Aufkommen der Eisenbahn wurde deren Verbot verlangt, weil die atem beraubende Geschwindigkeit von 30 km/h zu Krankheiten fuhren könnte. Als das Automobil aufkam, wurde es in einigen Schweizer Kantonen verboten, im Kanton Graubünden nur für Einheimische zugelassen etc. Doch der Drang nach Mobilität liess sich nie und lässt sich auch heute nicht unterdrücken.

Nicht dass deswegen die Politik vor diesem Thema zu kapi tulieren hätte, im Gegenteil. Sinn und Unsinn der Mobilität müssen sehr wohl auch von politischer Seite angegangen und namentlich auf einer metagesetzlichen, also moralischen Ebene diskutiert werden. Die eigenen Wertvorstellungen aber durch Verbote umsetzen zu wollen, käme einer Bevormundung gleich, der wir uns, die wir nicht mehr im aufgeklärten Absolu tismus leben, entsagen wollen.

Denn der menschliche Erfindungsgeist ist stärker als alle ideologischen oder religiösen Barrieren. Der berühmte Schneider von Ulm, der wie viele andere vor und nach ihm den uralten menschlichen Traum vom Fliegen wahr machen wollte, ist mit seinem Flugdrachen noch abgestürzt.

Bertolt Brecht liess in einem seiner Kinderlieder den kirch lichen Antipoden des Schneiders triumphieren, und das Ge dicht endet:

)

Seine Flügel sind zerpeilet

Und er liegt zerschellet

Auf dem harten, harten Kirchenplatz

Die Glocken sollen läuten Es waren nichts als Lügen Der Mensch ist kein Vogel Es wird nie ein Mensch fliegen Sagte der Bischof den Leuten.

Das Gedicht handelt im Jahr 1811. Doch der Leser unseres Jahrhunderts merkt: Es gäbe eine weitere Strophe, die der Bischof nicht kannte und welche Brecht listig auslässt: 80 Jahre später gelangen Otto Lilienthal die ersten Segelflüge. Die menschliche Mobilität war endgültig in die dritte Dimen sion vorgedrungen und damit das bischöfliche Dogma wider legt.

Wie jedes menschliche Handeln, wie jede neue menschliche Erkenntnis birgt auch jedes neue Verkehrsmittel Chancen und Risiken. Aufgabe der Politik ist es, die Chancen zu optimieren und die Risiken zu minimieren.

Richtlinie dafür muss die Nachhaltigkeit sein. Sie umfasst die drei Begriffe «wirtschaftliche Entwicklung», «gesellschaft liche Solidarität» und «Umweltverträglichkeit». Verkehrspolitik (wie jede andere Infrastrukturpolitik) hat diesen drei Anfor derungen zu genügen.

Der wirtschaftliche Aspekt einer nachhaltigen Verkehrs politik besteht darin, gute Verkehrsverbindungen im Inland und ins Ausland zu haben. Wir wollen deshalb zum Beispiel

direkten Anschluss an die transeuropäischen Verkehrsnetze. Wir haben aber gleichzeitig dafür zu sorgen, dass unser Ver kehrssystem finanzierbar bleibt.

Die Verkehrsinfrastruktur kann also nicht unbegrenzt ausge baut werden. Hingegen müssen wir die Vorteile der einzelnen Verkehrsträger besser miteinander kombinieren:

Für die Reise von Zürich nach Basel ist das Flugzeug nicht unbedingt die beste Wahl. Schwere Güter gehören so weit wie möglich auf die Schiene. Den Einkauf im Stadtzentrum besorgt man am besten mit Fahrrad, Tram oder Bus - und nicht mit dem Auto. Aber nicht jedes Bergtal können wir mit einer Bahn erschliessen.

Der Aspekt der gesellschaftlichen Solidarität besteht darin, dass - im Sinne des Service public - alle Bevölkerungsgruppen und alle Regionen Anrecht auf ein funktionierendes Verkehrs infrastruktursystem haben. Mobilität darf kein Vorrecht sein, von dem ältere oder behinderte Menschen ausgeschlossen wären. Gleichberechtigung gilt auch hier. Sie trägt zur Stabili sierung einer Gesellschaft bei und dient dem Frieden in einem Land oder auf einem Kontinent und letztlich auf der ganzen Erde.

Der dritte Aspekt einer nachhaltigen Verkehrspolitik ist ihre Umweltverträglichkeit. Es wäre Wasser in den Rhein getragen, darüber in Ihrem Kreis zu viele Worte zu verlieren. Einen Ansatz will ich dennoch nennen: die Internalisierung der externen Kosten, konkretisiert beispielsweise im LSVA-Gesetz, im C0 2 -Gesetz oder in den

Energievorlagen, welche das Parla ment derzeit berät.

Kostenwahrheit muss der Grundsatz einer ökologischen Verkehrspolitik sein, und er darf nur durchbrochen werden, wenn schwerwiegende wirtschaftliche oder soziale Gründe

dies rechtfertigen. Solche könnten etwa dann gelten, wenn die Anlastung der externen Kosten auf die Schweiz beschränkt bliebe und wir uns deswegen Wettbewerbsnachteile einhandeln würden. Wr müssen heute im Strassen- und Schienenverkehr also

europäische, im Luftverkehr gar globale Regelungen an streben. (

Eine Schweiz, die sich verkehrspolitisch einigelt, müsste die Verantwortung dafür übernehmen, dass die Schiene im euro päischen Güterverkehr weiterhin Marktanteile verliert und der Umwegverkehr auf der Strasse noch zunimmt. Wir, die wir uns rühmen, zu den Vorreitern der Umweltpolitik zu gehören, müssten uns vorwerfen lassen, aus purem Egoismus gegen Sinn und Wortlaut der internationalen Klimakonventionen zu Ver stössen. Wenn eine Sparte der Politik global ist, dann zualler erst die Umweltpolitik! ( )

Das Gedicht «Wenn ich ein Vöglein wär», das mir bei Ihrem Bild in den Sinn kam, hat nämlich noch eine zweite Strophe:

Bin ich gleich weit von dir, Bin doch im Schlaf bei dir, Und red' mit dir; Wenn ich erwachen tu, bin ich allein.

Und das wäre das Schlimmste für uns, denn allein können wir eine nachhaltige Verkehrs- und Umweltpolitik nicht umsetzen.

)

Wie ich Zeitung lesen möchte

Stiftung Zürcher Journalistenpreis Zürich, 6. Mai 1999

Ich bin Zeitungsleser, hoffentlich auch, sonst könnte ich nicht Politiker sein. Es gibt gelegentlich Politikerinnen und Politiker, die von sich behaupten, keine Zeitung zu lesen. Dass dies nicht stimmt, wissen alle, auch die Journalisten, welche je- weilen auf derlei Thesenpolitik willig eingehen.

Es gibt unendlich viele Versuche, Qualität im Journalismus zu umschreiben, zu definieren, einzelfallweise zur Diskussion zu stellen. Ombudsleute, Preisgerichte, Stiftungen schiessen wie Pilze aus dem Boden.

Ich selber hüte mich deswegen vor einer Qualitätsdefinition, mit Ihnen wissend, dass Subjektivität ja doch nicht zu überwin den ist. Ich lege Ihnen meine sehr persönlichen Empfindungen als Zeitungsleser und - das kann ich wohl kaum verleugnen - als gelegentlich Betroffener dar.

Ich erhalte täglich einen Pressespiegel mit den Themata, die mich gemäss Pressedienst zu interessieren haben, doch will ich es nicht missen, eine oder zwei ganze Zeitungen vollständig von hinten bis vorne - teilweise auch umgekehrt - durchzu sehen. So erlebe ich die Gewichtung - den täglichen Stellen wert einzelner Themata durch die Zeitungsmacher. Ich lese nicht alle Zeitungen. Einzelne lese ich überhaupt nie - auch nicht Auszüge im Pressespiegel. Desgleichen meide ich Beiträge einzelner Journalisten, welche ich nicht ganz ernst nehmen kann und durch deren Ergüsse ich mir das Verhältnis zu ande ren Medien nicht verderben lassen will.

Neben dieser Grobselektion gibt es eine feinere. Sie richtet sich nach formalen und inhaltlichen Kriterien. Diese sind zwar nicht immer voneinander zu trennen (Form

follows function!, wobei es die gegenteilige These gibt, wir kennen die Diskussion aus der Architektur; sie kann durchaus auf den Journalismus übertragen werden), aber einmal hievon abgesehen: Diskus sionswürdige Gedankengänge, die in unverständlicher Sprache präsentiert werden, finden bei mir als Leser zwangsläufig keine Resonanz, auch sprachlich einwandfreie Beiträge nicht, die keinerlei Inhalt aufweisen. Die «Sonntags- Zeitung» betitelte ein grosses Interview mit Martina Hingis mit: «Dann brachte er einen

Cappuccino und ich Lappi leerte Milch hinein - dabei warBaileys drin

»

Wie werde ich angesprochen f Titel, Zwischentitel, Bildlegende: Vor der Lektüre eines Sach buches - nicht eines Romanes, von dem ich mich überraschen und in den ich eintauchen will - überschaue ich zuerst das Dispositiv beziehungsweise das Inhaltsverzeichnis, um die Gedankengänge, den Aufbau des Werkes zu begreifen. Ebenso lese ich bei Zeitungsartikeln die Überschrift, den Lead, die Zwischentitel und die Bildlegende, bevor ich mich an den Artikel selbst mache. Eine ganze Zeitungsseite ohne Zwischen titel lege ich, weil der Inhalt offenbar dermassen seriös ist, auf die Seite, um ihn in ruhigeren Zeiten zu lesen. Ein Jahr später landet sie in der Regel ungelesen im Altpapier.Der Titel eines Artikels muss mehr als schrille Reklame sein. Er soll mir Inhalt, aber auch Stil des Artikels anzeigen. Ich weiss, dass die Titelgebung und erst recht die Bildlegende oft ohne den Autor des Artikels erfolgt. Ich erachte dies als einen Fehler. Der Autor muss sich um die Präsentation seines Artikels selber kümmern. Das mag im Team erfolgen, jedoch muss der Autor daran beteiligt sein.

Die Grundregeln der Sprache: Zur geschriebenen Sprache ge hören Syntax und Grammatik, Grundregeln also, über die selbst der Bundesrat im Zusammenhang mit der neuen Recht schreibung entschieden hat, wenn auch seine Mitglieder eisern entschlossen sind, diese Regeln selbst nicht anzuwenden. Herr Cotti schreibt Spaghetti auch weiterhin mit «gh», zu Recht, ich schreibe «Sie» oder «Du» in einem Brief immer noch gross und bleibe dabei. (Immerhin: Dass der Plural von Kater «Katers» sei, wie in einem Interview mit Franz Steinegger nach dem SVP-Sieg verwendet, steht nicht einmal im neuen Duden. Aber die «Tunnels» haben schon derart um sich gegriffen, dass sie wohl bald legalisiert sind.)

Wer in einer Zeitung schreibt, muss die Grundregeln der deutschen Sprache beherrschen, jedoch nicht immer anwen den, denn es ist gewiss möglich, diese Regeln zu verlassen, um sich künstlerisch auszudrücken oder um beim Leser und bei der Leserin Assoziationen zu wecken. So wie aber einem Ama teurkoch, der nicht weiss, wie ein klassischer Risotto milanese hergestellt wird, kein guter Erdbeerrisotto gelingt, sowenig wie derjenige Free Jazz spielen kann, der nicht die Grundregeln des Blues kennt, so gelingt keinem eine innovative künstlerische Sprache, der nicht deren Grundlagen beherrscht. Markus Kutter, der in meiner Jugend für Aufsehen sorgte, als er Sätze ohne Prädikativ verfasste, was zu hitzigen Diskussionen im humanistisch geprägten Akademikermilieu von Basel mit beinah vollzogener Exkommunikation des späteren GGK- Gründers geführt hatte, kannte als Absolvent des Humanisti schen Gymnasiums die Grundregeln der Syntax sehr genau, und gerade daher gelang es ihm, durch seine gekonnte Provo kation Aufmerksamkeit zu erreichen.

Der Stil der Sprache: Sprache ist das Design der Gedanken. Wer keine kreativen oder eigenen Gedanken hat, flüchtet sich in Platitüden. Lese ich in einer Gastro-Kritik Sätze wie: «Die Sauce vermochte unsere Gaumen zu kitzeln», blende ich aus: Der Autor

versteht von seinem Metier offensichtlich nichts. Wenn eine Reportage über Holocaust- Opfer mit dem Satz beginnt: «Wehmütig lächelt X in die krausen Wellen des lieb lichen Lake Y», so denke ich: Wie kann es ihm um den Inhalt gehen, würde er nicht besser Arztromane schreiben und sich Hedwig Courts-Mahler widmen.

Der Inhalt: Es interessiert mich, wie eine Oper, eine Theater aufführung, eine politische Veranstaltung, die ich selber besucht habe, in der Zeitung beschrieben wird. Es interessiert mich, wie eine politische Vorlage in einem Artikel dargestellt wird. Oft lese ich mit Interesse in der Zeitung, was wir im Bundesrat tags zuvor beschlossen haben. Entsprechende Zu sammenfassungen haben mir schon oft mühsame Gedanken arbeit abgenommen.

Verändertes Konsumverhalten Nun bin ich ja nicht nur Zeitungsleser, sondern geprägt von unserer Gesellschaft, das heisst, ich bin auch Radiohörer und Fernsehzuschauer. Ich zappe durch verschiedene Fernseh programme, mein Konsumverhalten hat sich beschleunigt, ich habe mich an die zunehmende Bebilderung von Zeitungen oder Magazinen längst gewöhnt.

Deswegen ist für mich Boulevardjournalismus nichts Schlechtes, er gehört zu dieser Gesellschaft. Es ist sogar sehr schwierig, in wenigen Zeilen einen komplexen Sachverhalt oder eine differenzierte Meinungsäusserung zum Ausdruck zu bringen. Sehr gutes Beispiel: Im «Blick» letzter Woche von Georges Wüthrich: «Dossier Verkehr kann alles zu Fall bringen» oder auch die Zusammenfassung der Zürcher Wahlen im selben Blatt. Guter Boulevardjournalismus ist eine Kunst für sich, eine schwierige Aufgabe, die zu verleugnen elitär und überheblich ist.

Aus den Preisen ergibt sich, dass der Zürcher Journalisten preis für recherchierte, längere Beiträge, die sich vorzugsweise in Wochenzeitungen oder Beilagen von grösseren Tageszei tungen unterbringen lassen, vergeben wird. Hüten wir uns aber davor, nur diesen Journalismus als Qualitätsjournalismus anzu erkennen. Das wäre realitätsfremd und konservativ zugleich.

Ein Qualitätsmerkmal für einen Artikel muss sein, dass er durch die Leserschaft aufgenommen und verstanden wird.

Hängt Boulevardjournalismus mit unserem Konsumver halten zusammen, so hängen Thesen- und Investigations- journalismus mit der Rolle der Medien in unserer Gesellschaft zusammen.

Medien sind ein gesellschaftlicher Machtfaktor. Es wird heute nicht mehr Hofberichterstattung betrieben. Das ist gut so. Von daher ist Investigations- oder Thesenjournalismus als solcher ebenfalls nicht schlecht, sondern eine Notwendigkeit in unserer Demokratie.

Thesenjournalismus: Es gibt keine Definition des Thesenjour nalismus. Aber zweifelsohne ist das Wort negativ besetzt. Den noch kann ich mir einen Thesenjournalismus vorstellen, der wichtig ist und seriös.

Wenn Thesenjournalismus in der Weise betrieben würde, dass sich der Arbeitende eine These vornimmt, diese dann verifiziert, indem er - wie ein Wissenschafter - die notwen digen Gegenfragen stellt, damit der Beweis auch niet- und nagelfest ist, also dialektisch, mit einer Antithese arbeitet, wäre Thesenjournalismus durchaus seriös. Er ist es aber dann

nicht, wenn die anfängliche These nach dem Motto «Gring abe u seckle» einfach aufrechterhalten wird. Wenn Ergebnisse, welche die These ins Wanken oder zu Fall bringen, nicht ein mal erwähnt, sondern einfach weggelassen werden, um die ursprüngliche These nicht zu gefährden, weil sie sonst in sich zusammenfiele und sich die Vorarbeit als überflüssig heraus stellen würde, so ist das dem Leser gegenüber manipulativ.

Provokationsjournalismus: Zum Teil werden durchaus disku table Themen derart einseitig zugespitzt, dass meine Lust, mich mit einer neuen These gedanklich zu befassen, erlischt. Ich werde dann den Verdacht nicht los, dass es eher um Provo kation und Aufmerksamkeit für das Medium selbst statt um eine Diskussion geht.

Investigationsjournalismus: Recherchen und Untersuchungen sind legitime und anerkannte journalistische Aufgaben. Damit jedoch die Investigation nicht zur Inquisition wird, muss sie fair sein. Wenn in einem Interview also keine Fangfragen ge stellt werden (vgl. dagegen Frage 1998 an Bundesrat Arnold Koller: «Ist das Flüchtlingsdossier, das Sie nächstes Jahr ab geben, das schwierigere Dossier als die Bundespolizei?» mit der Folge, dass der Befragte die unterschobene These des Rücktritts nicht realisierte, sie also unwissentlich bejahte, indem er nur auf die Bundespolizei einging und so am nächsten Tag den Titel über seinen Rücktritt lesen konnte), wenn in der Wieder gabe des Interviews die Fragen nicht nachträglich ausgetauscht oder die Antworten entstellt werden, wenn keine Suggestiv fragen gestellt werden etc., wenn der Befragte nicht durch irgendwelche Tricks eingeschüchtert wird, wenn also zumindest die Regeln befolgt werden, die im Strafprozess vorgeschrieben sind, ist Investigationsjournalismus fair.

Ich lese Artikel nicht weiter, sobald ich merke, dass da jemand fertiggemacht wird, auch wenn es mein politischer Gegner ist.

Journalismus muss das Gesetz, ich denke vorab an das Persönlichkeitsrecht, beachten. Das mag selbstverständlich tönen, ist es aber nicht. Die Tatsache, dass heute das Gegen darstellungsrecht und das Strafrecht im grossen und ganzen versagen, weil die Betroffenen keinen Richter anzurufen wagen, in der Angst, bis zu einem Urteil erst recht öffentlich erniedrigt zu werden, und die Tatsache, dass auf diese Angst gebaut wird, dass also Persönlichkeitsrechte bewusst verletzt werden, heisst nicht, dass derlei um sich greifende Tendenzen je akzeptabel wären. Als Leser verweigere ich mich solchem Journalismus jedenfalls.

Ausfluss der normierten Persönlichkeitsrechte ist die Men schenwürde als Anerkennung der menschlichen Individualität. Jedes Individuum hat Anspruch auf gesellschaftliche Achtung und Anerkennung als Subjekt und darf nicht leichtfertig und

Ufffür kurzweilige und amüsante Unterhaltung zum Objekt voyeuristischer Neigungen und Vermarktung oder Verspottung entwürdigt werden. Das ist Rechtsprechung zu unserem Ge setz, nicht etwa moralisches Wunschdenken!

Nicht alle geben dieses Rechtsgut preis wie offensichtlich Nella Martinetti. Viele möchten das nicht, wie wahrscheinlich jetzt Patty Schnyder, deren Schicksal die ganze Nation ver folgt. Doch sie hat früher ihre Einwilligung für die eigene Ver marktung gegeben. Darf sie den Pakt in ungünstigen Zeiten künden? Rechtlich gesehen verfügt sie über die eigene Intim sphäre und darf ihre Einwilligung jederzeit zurücknehmen. Doch die Medien interpretieren das öffentliche Interesse und die einmal erbrachte Einwilligung anders. Dieser Konflikt kann jedoch kaum je rechtlich geklärt werden. Um so wichtiger

ist eine ethische Diskussion darüber.

Ethik

So notwendig es ist, an das Gesetz zu erinnern, so wenig ge nügt dies. Das Bemühen um Fairness, Wahrheit und Unabhän gigkeit sind Grundvoraussetzungen für Qualitätsjournalismus. So wie wir von der Wirtschaft, von der Politik, von Strafver teidigern etc. verlangen, dass sie sich auch an übergeordnete Normen und nicht nur an das Gesetz halten, so muss sich auch der Journalismus diesen stellen.

Doch hier versagen generell-abstrakte Umschreibungen rasch einmal. Allgemeingültige Thesen werden der Ethik nie gerecht. Verantwortung heisst, nach den Regeln des Gesetzes oder des erlernten Handwerkes, das Gewissen benutzend, zu arbeiten.

Ich denke zum Beispiel an Fragen wie: Muss Journalismus nach seiner Wirkung fragen? Also etwa danach, ob durch Ver öffentlichung einer Neuigkeit eine Geisel gefährdet wird oder ob die Stellung der Schweiz in Vertragsverhandlungen ent scheidend geschwächt wird. Eine Antwort ist: «Nein, wir haben uns an die Fakten zu halten.» Ich bin anderer Meinung: Auch journalistische Ethik muss Verantwortungsethik sein.

Um einen ethischen Diskurs über journalistische Qualität in Gang zu bringen, habe ich die Idee eines Medienrates lanciert. Die Vorstellung ist, dass er keinerlei zensurierende oder andere Aufsichtsfunktionen hätte, sondern dass er mora lische Integrität, welche die Diskussion vorantreibt, verkörpern würde. Er könnte - Ihrem Beispiel folgend - Preise verteilen, auf gesamtschweizerischer Ebene. Denken wir an die grosse Bedeutung eines Pulitzerpreises. Dazu dürfte er natürlich nicht ausschliesslich mit Journalistinnen und Journalisten besetzt sein. Die Preise dürften auch nicht

nach Verlagshäusern oder regionalpolitischen Kriterien verteilt werden. (

unsere Gesellschaft zugleich. Der grosse Teil politischer Auseinandersetzung erfolgt in den Zeitungen. Ich denke nicht nur an Wahlen und Abstim mungen, sondern an den politischen Diskurs, an die Art und Weise, wie mit Minderheiten oder einem politischen Gegner umgegangen wird. In der demokratischen Auseinandersetzung darf es keine Feinde, sondern höchstens Gegner geben. In einem Klima der Anrempelei, des Hasses, des Zynismus kann eine erspriessliche demokratische Diskussion nicht stattfinden. Die Presse, deren Hauptaufgabe ja gerade die Kritik und die intellektuelle Auseinandersetzung mit nicht Gleichgesinnten ist, hat hier eine besondere Aufgabe, die Vorbildcharakter hat, nämlich eine Mitverantwortung für das politische Klima in diesem Land. Ich hoffe, Sie ermessen, welch grosse Hoffnung in die Presse hinter einem solchen Satz steht.

)Journalismus

beobachtet und beeinflusst

Links und Rechts

Beitrag zu einem linken Volksfest

Zürich, Volkshaus, 20. März 1999

Linke Politik ist das Motto dieses Festes. Links oder Rechts, je nachdem, ist auch Motto aller Wahlen, ja der politischen Motivation überhaupt.

Das Links-rechts-Schema ist sogar eine exakte Wissenschaft. Es gibt eine wissenschaftliche Studie der Uni Freiburg mit einer Skala über den genauen Links- rechts-Standort einzelner Politiker/innen. Die Mitte ist null. Links ist minus. Rechts ist plus. (Schon das sagt viel!) Rechts ist Christoph Blocher mit +9,2 positioniert. Genau in der Mitte ist Brigitta Gadient mit exakt +0 (nicht 0, sondern +0, wie die Studie ent larvend festhält. Sie ist also nicht eine Null, sondern die Dia gnose ist gewissermassen «null positiv»), Links ist Joseph Deiss mit -0,6, und den Linksaussenrekord hält Stefanie Baumann mit -10. Frau Metzler ist von der Studie nicht erfasst, weil die wissenschaftlich seriöse Arbeit länger als 34 Jahre gedauert hat.

Auch die Bundesratswahlen standen unter dem Zeichen der Links-rechts-Ideologie:

Vorher erteilte Etiketten über rechts und weniger rechts wurden zum Glücksbringer oder eben zum Verhängnis. Steinegger hat die Skala angegeben, und die SP hat ihm geglaubt. Es gibt immer wieder Bemühungen, dieses Links-rechts-Denken zu überwinden:

Es gibt einen Kult um die politische Mitte, zelebriert vor allem vom Landesring, der bisher in der Mitte war, jetzt aber noch mehr in die Mitte möchte und demnächst vielleicht

so exakt in der Mitte ist, dass sich links und rechts direkt be rühren.

Schon Franz-Josef Strauss wollte immer in der Mitte sein, berühmt ist seine Rede: «Wir sind nicht die linke Mitte, wir sind nicht die rechte Mitte, wir sind die Mitte.» Und es gab den Satz: «Der moderne Mensch steht weder links noch rechts. Er geht.»

Auch Franz Steinegger wollte das Links-rechts-Schema, Anthony Giddens gelesen habend, überwinden, nämlich am letztjährigen Parteitag der freisinnigen Partei. Am selben Tag sprach ich ebenfalls an unserem SP-Parteitag davon, dass mir die Unterscheidung bürgerlich-sozialistisch heute kaum mehr Sinn mache.

Doch beide, Franz Steinegger und ich, sind wir rückfällig geworden: ich sofort, indem ich nämlich in derselben Rede ein fach von einem anderen, meines Erachtens entscheidenden Graben sprach, nämlich zwischen denjenigen, die Verantwor tung wahrnehmen, und denen auf der anderen Seite, die zu allem nur höhnend und spottend nein sagen und gegen die «classe politique» wettern, eine Meinung, die auch die Antwort des Volkshauses an das Albisgüetli ist, was gleichzeitig zeigt: nicht jeder Graben ist zu überwinden. Steinegger wurde etwas später, jedoch viel nachhaltiger rückfällig, indem er für die Bundesratswahlen Kandidaten «rechts der Mitte» verlangte.

Ist eine Überwindung des Schemas überhaupt möglich? Die Menschen brauchen für ihre eigene Identifikation ein Gegenüber, eine Abgrenzung. Die Gesellschaft ist von Dualis men geprägt. Ein eigentliches Vakuum entstand beim Fall der Berliner Mauer. Ein ideologisch und geografisch klar definier enbarer Feind jenseits des Eisernen Vorhanges ist gefallen. Neue Feindbilder sind gesucht, und in der Zwischenzeit unterhalten uns Monica Lewinsky und «Facts».

Es gehört zur Identitätsfindung des Menschen, sich an einem Gegenüber zu formen. Wir erleben das bei kleinen Kindern, die als erstes Wort nicht etwa «Ja», sondern «Nein» aussprechen können. Dieses kindliche Stadium bleibt bei einigen Leuten bestehen, und wir können selbst eine Partei beobachten, die über das frühinfantile Neinsagen nicht hinaus kommt.

Hat links und rechts etwas mit Macht und Opposition zu tun? Ist die Opposition links, die Macht rechts? Ist, wer sich in der Exekutive beteiligt, durch diese Funktion auch schon rechts?

Vordergründig ja: Es haftet ja dem Rechts-Links-Schema nicht nur der Dualismus des Gegensätzlichen an, sondern auch derjenige, dass rechts die Macht ist und links die Opposition. Das hat nicht nur mit der Sitzordnung im Parlament zu tun, sondern instinktiv wird rechts auch mit recht, richtig, und zum Teil links mit linkisch, aber auch lebendig, phantasievoll, gleichgesetzt. Instinktiv findet man also, rechts sei die Macht, links die Opposition. Ist es also möglich, sowohl links zu sein und sich gleichzeitig an der

Macht zu beteiligen?

Unsere Partei hat sich mit dieser Fragestellung immer wieder befasst, zum Beispiel am Austrittsparteitag nach der Nichtwahl von Lilian Uchtenhagen mit der stark vertretenen These, lieber in eine reine (linke) Opposition, statt sich an der mehrheitlich rechten Regierung zu beteiligen.

Die Frage links und rechts ist nicht eine blosse Standort frage, sondern sie hat etwas mit politischen Inhalten zu tun. Eine linke Politik war immer diejenige der Freiheit, der Auf klärung, der Solidarität, der Chancengleichheit und der Menschenrechte. Der Kampf für eine Demokratie statt Gottes- gnadentum, für Chancengleichheit statt Erbadel war in diesem Sinne ein linker Kampf, obwohl es eine Sozialdemokratie damals nicht gab. Diese linken Inhalte muss man in einer Exekutive nicht nur vertreten, sondern auch verteidigen.

Wir gestalten gegenwärtig mit unseren Inhalten die Politik (LSVA, Europapolitik), und zwar in der Regierung und im Par lament mit Hilfe der direkten Demokratie. Die Opposition steht rechts.

Es genügt nicht, Ziele und Grundsätze zu formulieren. Wir müssen sie auch umsetzen - sonst flüchten wir uns in Verant wortungslosigkeit. Wie billig ist es, sich die Finger nicht mit dem Schmutz der Macht zu beflecken, aber dann empört und selbstgerecht auf Fehlentwicklungen zu zeigen. Es gehört zu den linken Kinderkrankheiten, Macht als verwerflich zu betrachten. Das hat Lenin gesagt. Es ist eine Pubertätskrank heit, wenn die Macht als blosse Taktik statt als Verantwortung verstanden, ein wenig ausprobiert und je nach Lust und Frust wieder an den Nagel gehängt wird, geschehe dies in Saar brücken oder in Brig.

In 50 Jahren fragt niemand danach, was für Thesenpapiere und Wahlmanifeste da waren, sondern was tatsächlich geschah. Wir können daher nicht heute das Verhalten der vergangenen Generation kritisieren, gleichzeitig aber wegschauen vor dem, was heute geschieht. Wir können nicht gleichzeitig mit den Fingern auf das frühere Verhältnis zum Apartheidsystem in

Südafrika zeigen, uns aber in der Kurdenfrage mit Bewachungs fragen von Botschaften begnügen.

Denn in 50 Jahren wird niemand nach dem Grundsatz fragen und ob wir schöne Reden zum Frieden auf dieser Welt hielten, sondern man wird fragen: Was haben sie tatsächlich für Kurdistan getan? Wurden mit der Exportrisikogarantie auch die Menschenrechte garantiert?

In 50 Jahren wird niemand fragen: Welches waren die drei Dogmen der Aussenpolitik der Schweiz?, sondern man wird fragen: Wurde die dritte Welt durch Steuerflucht ausgeblutet oder nicht?

In 50 Jahren wird kaum gefragt: Betrug die erste Energie abgabe 0,2 oder 0,4 Rappen?, sondern: Wurde eine ökolo gische Steuerreform eingeleitet?

In 50 Jahren wird niemand fragen: War die SP eher für staatliche Monopole oder für die Liberalisierung?, sondern man wird fragen: Hat die SP Arbeitsplätze geschaffen?

In 50 Jahren wird unsere Partei manches mit anderen Augen sehen, uns kritisieren und manches anders machen. Aber sie wird die Grundsätze von Freiheit, Chancengleichheit,

Menschenrechten immer noch hochhalten, sie als eigene Ziele und Werte, nicht als Mittel für andere Zwecke, brauchen, sonst wäre es nicht mehr die SP.

Und die späteren Genossinnen und Genossen werden auf der Grundlage, die wir vorbereiten, ihre Zukunft gestalten. Unsere Vorgänger und Vorgängerinnen schufen Sozialwerke, von denen sie selber nicht mehr profitieren konnten. Sie er rangen das Frauenstimmrecht, obwohl sie selber nichts mehr davon hatten. Das ist auch linke Politik:

Bäume zu pflanzen,deren Früchte nach uns geerntet werden. Möglichst viele Bäume und Bäuminnen wollen wir nächsten Wahlherbst wieder pflanzen.

Ich habe selber erlebt, wie wertvoll eine grosse Fraktion ist. Die Ratschläge, die ich für die Energiepolitik oder auch für die Departementszuteilung erhielt, sind dermassen vielfältig, dass ich wirklich entscheiden konnte, was richtig war. Damit diese Entscheide noch richtiger werden können, freue ich mich auf eine noch grössere Fraktion.

Mitten im Tod sind wir vom Leben umgeben

Trauerfeier zum Absturz der SR 111

Zürich, 11. September 1998

Wir trauern um Opfer eines Unglückes, das nicht voraus zusehen war. Eines Unglückes, dessen Ursache wir heute nicht kennen. Und auch wenn wir sie dereinst kennen sollten, werden wir nie begreifen, dass es dieses Flugzeug, diese Flug gesellschaft, diese Insassen getroffen hat, dass unsere Ange hörigen aus dem Leben, aus unserem Leben gerissen wurden.

Dieses Unglück kennt keine Schuldigen. Es gibt keine Vor würfe, keine Wut, die von der Trauer ablenken könnte. Um so verständnisloser stehen wir alle da.

Wir Menschen gestalten unsere Lebensbedingungen zum grossen Teil selber. Der technische Fortschritt ist Bestandteil und Ziel unserer Gesellschaft. Wir arbeiten daran, mit Krea tivität und Vernunft. Wir investieren in die Sicherheit, optimieren sie, und wir minimieren die Risiken. Das ist unsere Pflicht.

Dazu gehört aber die Bescheidenheit zu wissen, dass es absolute Sicherheit nie geben wird, in keiner Technologie, bei keinem Verkehrsträger, weder auf dem Wasser, der Strasse, der Schiene noch in der Luft.

Nun hat das Risiko Gestalt angenommen, in Form des Todes. Das Risiko gehört zum Leben, der Tod gehört zum Leben.

Dieser Unfall konfrontiert unsere Risikogesellschaft mit ihrer Realität. Sie zeigt uns unsere begrenzte Macht, die Ohn macht der Menschen gegenüber dem Tod.

■m

Aber stärker als dieses Wissen sind jetzt für uns alle, vor allem für die Angehörigen, die Gefühle, der Schmerz über den Verlust. Deswegen sind wir alle auf Solidarität und Teilnahme an unserer Trauer angewiesen.

Der Bundesrat spricht den Angehörigen der Passagiere und der Besatzung seine

persönliche Betroffenheit und sein Beileid aus. Er tut dies im Namen aller Einwohnerinnen und Ein wohner dieses Landes. Wir haben sehr viele Zeichen der Anteilnahme und Hilfe aus der ganzen Welt erhalten, von Staatspräsidenten, Verkehrsministern und -ministerinnen, aber auch von vielen, vielen Einzelpersonen. Alle trauern mit Ihnen. Diese Zeichen der Menschlichkeit geben uns Trost und die Gewissheit:

Mitten im Tod sind wir vom Leben umgeben.

Die Tugend, den Bundesstaat zu gestalten

150 Jahre Bundesstaat Münsterhof Zürich, 5. September 1998

Wenn man unsere heutige Politik anschaut, möchte man es zunächst kaum glauben. Doch 1848, inmitten einer euro päischen Staatenwelt, die auf aufflammende Revolten nur restaurative Antworten hatte, gelang der Schweiz damals eine echte Revolution. Und was ebenso erstaunlich ist: Ihre Errungenschaften haben bis heute Bestand.

Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit blieben nicht nur unangetastet. Sie wurden im Laufe der Zeit ausgebaut. Durch unzählige Reformen und Modernisierungen hat unser Land ein Europa überdauert, das im gleichen Zeitraum immer wieder zerrissen wurde durch Revolutionen, Bürgerkriege, zwei Weltkriege. Nie erlag unser Bundesstaat in seiner Struktur autoritären und totalitären Versuchungen. Das ist die wahrhaft historische Leistung der Generationen vor uns.

Zu den Grundpfeilern unseres Bundesstaates gehört der Wille und die Kraft, ihn zu gestalten. Der persönliche und direkte Einsatz der Bürgerinnen und Bürger ist eine Tugend, welche die Erfolgsgeschichte dieses Bundesstaates prägt. Auf allen Ebenen, auf allen Sachgebieten opfern seit Generationen unzählige Menschen freiwillig und gratis Zeit für die politische Arbeit an Staat und Gesellschaft - das geht von der Feuerwehr kommission bis zum Universitätsrat, von der Schulpflege über die Parteiarbeit bis zu den Chören, die den heutigen Abend gestalten. Denn nicht nur durch politische, sondern vor allem durch kulturelle Arbeit lebt unsere Gemeinschaft. Unser ganzes Land ist vernetzt durch Vereine, Gremien und Institu tionen, die der öffentlichen Sache dienen. Dieses vernetzte Engagement Zehntausender ist unser demokratisches Sicher heitsnetz. Nie liessen sich Schweizerinnen und Schweizer diese Arbeit fürs gemeinsame Ganze nehmen, durch keine Macht und durch keinen Oppositionsführer.

Zu diesem Engagement gehört auch die Auseinanderset zung. Die Schweiz ist politisch sehr streitfreudig: vor jeder Abstimmung, vor jeder Wahl. Die Kultur des ständigen poli tischen Streitens besteht darin, dass der politische Gegner nicht zum Feind gemacht wird, dass wir wissen, bei aller Diffe renz in der Sache zusammenzugehören.

Dazu kommt ein weiteres: Unserem Bundesstaat ist so lange Erfolg beschieden, als soziale Gerechtigkeit herrscht. Zu grosse Unterschiede zwischen Arm und Reich zerstören eine Gesell schaft. Der Generalstreik 1918 war die Geburtsstunde der sozialen, gerechten Schweiz, also der wahrhaft freien Schweiz, denn soziale Ungerechtigkeit verhindert die wirkliche Freiheit der Bürgerinnen und Bürger.

Dazu gehört auch die Sensibilität für Minderheiten, vor allem für sprachkulturelle Minderheiten. Es gibt nicht wichti gere und weniger wichtige Sprachkulturen, ich will

das hier in Zürich, das in jeder Beziehung zur Mehrheit gehört, betonen.

Die nie endenden politischen Aufgaben kosten uns viel Zeit und Geld und Kreativität und vor allem die grosse Bereitschaft, diesen Staat als unseren Staat anzunehmen, nicht unkritisch, nicht vorbehaltlos, denn wir wollen ihn ja gestalten. Die Frage ist aber:

Werden wir diesen Anforderungen noch gerecht?

Zeiten des Umbruchs Unser Bundesstaat wurde vor 150 Jahren in einer Zeit grosser gesellschaftlicher und technologischer Veränderungen geschaffen. Die Industrialisierung veränderte die Arbeitswelt, die Staaten um uns waren in Unruhe. Auch in unserem eigenen Land sind dem erfolgreichen Bundesstaat kriegerische Ausein andersetzungen vorangegangen.

Wir befinden uns auch heute wieder in Zeiten grosser Um brüche. Der technologische Fortschritt der Kommunikation lässt Kapital und Know-how innert kürzester Zeit Landes grenzen überspringen und macht nationale Sonderlösungen oft illusorisch.

Aber auch das Verhältnis mancher Schweizerinnen und Schweizer zu unserem Bundesstaat hat sich radikal verändert. Freiheiten, die dieser Bundesstaat garantiert, werden in An spruch genommen, ohne an ihr Gegenstück, die Verpflich tungen für die Gemeinschaft, auch nur zu denken. Einige melden sich ab, indem sie sich nur noch um den eigenen Erfolg kümmern, sei dies nun Gewinnmaximierung, Auflage steigerung oder der Eintritt in eine Sekte.

Die Bereitschaft, politische Ämter zu bekleiden, ist geringer geworden. Wirtschaftsführer belehren den Staat von ihrem globalisierten Hochsitz herab. Es gibt einige Medien, die über schütten mit zynischer Häme diejenigen, die für komplexe Probleme konsensfähige Lösungen suchen.

Populisten machen sich lustig über eine sogenannte politi sche Klasse und wiegeln verunsicherte Menschen mit dem Ziel auf, die eigene Macht mit Geld ausserhalb der demokratischen Institutionen auszubauen.

Sie alle vergessen, dass unser Bundesstaat die politische Mit arbeit aller Schichten braucht, wenn uns an der Fortsetzung seiner Erfolgsgeschichte gelegen ist.

Die Schweiz ist nicht einfach ein Wirtschaftsstandort. Sie ist auch ein Wirtschaftsstandort. Aber das ist sie mit Erfolg nur, wenn sie eine funktionierende politische Gemeinschaft ist, eine gelebte und soziale Demokratie. In Asien hat auch unsere Wirtschaft erlebt, wie rasch wirtschaftlicher Erfolg verfliegt, wenn ihm kein gesellschaftlicher Erfolg entspricht, wie brüchig der Aufbau ist ohne ein soziales Netz.

Und wer unsere freundeidgenössische Streitkultur verlässt, um im politischen Gegner einen Feind zu sehen, der hat aus der europäischen Geschichte nicht gelernt, dass die Herab setzung und Diffamierung der sogenannten «politischen Klasse» die Demokratie beschädigt.

Wir wollen die Freiheiten, die damals errungen wurden, erhalten und weiter ausbauen, wir wollen die damaligen Werte entwickeln. Deshalb müssen wir heute die Strukturen des Bundesstaates ändern. Die Strukturen dienen dazu, die Inhalte zu garantieren. Dieser Bundesstaat auferlegt uns die Tugend der politischen Reform. Das betrifft Institutionen, aber es betrifft auch unsere Einstellung, unser Denken.

Föderalismus: Föderalismus garantiert die Rechte von Min derheiten und gewährt Kantonen und Gemeinden Selbst bestimmung. Föderalismus wurde nicht entwickelt, um Wege zur Steuerflucht zu ebnern. Es entspricht auch nicht dem ursprünglichen Gedanken des Föderalismus, wenn Halb kantone mit wenigen tausend Einwohnerinnen und Ein wohnern in der eidgenössischen Politik viel stärker vertreten

sind als städtische Agglomerationen wie Schwamendingen und Oerlikon mit mehreren hunderttausend Einwohnerinnen und Einwohnern.

Die föderalistische Idee selber zwingt uns also zu struktu rellen Änderungen des Föderalismus.

UNO und EU: Die Demokratie ist unsere Staatsform - und wir glauben deswegen an sie weil wir so unseren Staat und damit unsere Lebensbedingungen autonom und souverän gestalten können. Ist es souverän, Entscheidungen, die in Brüssel, New York oder Washington gefällt werden, bloss hinterher nachzuvollziehen?

Wenn wir den Einfluss auf unsere eigene Politik nach wie vor geltend machen wollen, müssen wir auch Einfluss auf die Politik der Völkergemeinschaft und von Europa ausüben und damit die gegenseitige Abhängigkeit selber gestalten. Das sind wir unserer eigenen Souveränität und dem Gedanken der Demokratie schuldig.

Demokratische Kultur Jede Freiheit, die unsere Bundesverfassung gewährt und im Laufe der Jahre ausgebaut hat, dient nicht bloss sich selbst und der individuellen Bereicherung, sondern sie soll den Fort bestand aller anderen Freiheiten in diesem Land gewähren. Deswegen bedeutet jede Freiheit auch eine Verpflichtung.

Das Recht in der direkten Demokratie, über komplizierte Vorlagen abzustimmen, verpflichtet, sich mit Zusammen hängen zu befassen und nicht nur aus dem Bauch heraus zu entscheiden. Und schon gar nicht besteht Demokratie darin, immer nur nein zu sagen.

Zu Recht fordert die Wirtschaft vom Staat Handelsfreiheit. Aber sie braucht dazu auch Infrastrukturen wie Schulen, Justiz organe und Verkehrsverbindungen. Dem Staat sind die Mittel hierzu zu geben. Sonst erstickt die Handels- und Gewerbe freiheit in Korruption, Immobilität und Ellbogengesellschaft.

Die Demokratie benötigt die kritische und kreative Mit arbeit aller Kreise und Schichten, auch die Kritik der Medien. Beschränkt sich aber die Medienfreiheit auf Missachtung des Privaten, auf verbale Gewalt und Einschüchterung, versinkt diese Demokratie in Desinformation und Zynismus.

Dieser liberale Bundesstaat war immer mehr als eine blosse liberalistische Ordnung. Wir alle wollen mehr als perfekte Organisation mit Gesetzen und Verordnungen. Wir wollen ja auch Geborgenheit und uns daheim fühlen.

Ohne eine soziale Gemeinschaft, ohne künstlerische Krea tivität könnte dieser Staat weder funktionieren noch sich reformieren. Ohne die wichtigste Infrastruktur, die es gibt, ohne die Kultur nämlich, würden wir uns in ihm nicht zu Hause fühlen und uns nicht wiedererkennen. Die kulturelle Grundlage wird nicht durch Institutionen erschaffen, sondern durch die Einwohnerinnen und Einwohner dieses Landes.

Deswegen soll das heutige Jubiläum zu 150 Jahren Bundes staat im Zeichen der Kultur, vor allem der Musik stehen. Sie wird zum grossen Teil dargebracht durch Amateure, die

insge samt Tausende von Stunden aufgebracht haben, um den heuti gen Geburtstag zu feiern. Diese Musikreise führt uns nicht nur in die vergangenen 150 Jahre, sondern symbolisiert die Art und Weise, wie wir zukünftig zueinander stehen.

Ich wünsche uns einen harmonischen Abend.

Ein fast gewöhnlicher Auftritt

Delegiertenversammlung des Schweizerischen Israelitischen

Gemeindebundes (SIG)

Endingen, 20. Mai 1998

Meine Anwesenheit bei Ihnen hat neben einer Einladung der Gemeinde Endingen zu einem Aperitif, neben einer Mit wirkung an einem Filmprojekt, einem angedrohten Statement für das Schweizer Fernsehen vor der Synagoge auch zu zwei Zeitungsinterviews geführt. In beiden wurde ich recht kritisch gefragt, warum sich denn der Bundesrat hier vertreten lasse. Warum nur?

Wir feiern zahlreiche Jubiläen dieses Jahr: 1200 Jahre Endingen, 200 Jahre Helvetik, 150Jahre Bundesstaat, 50Jahre Staat Israel, 25 Jahre Verbannung des Schächtverbotes aus der Verfassung, und - auch das ein Jubiläum - ich befinde mich zum allerersten Mal in Endingen. Ist es eines dieser Jubiläen? Kaum, denn jedes lässt sich je nach Standpunkt, je nach Geschichtsverständnis verschieden deuten und bedeutet für Sie nicht ausschliesslich Grund zum Jubeln.

1200 Jahre Endingen heisst erwiesenermassen nicht 1200 Jahre jüdische Gemeinde Endingen. Denn erst im 17. Jahr hundert wohnten jüdische Familien hier als «fremde Schutz genossen».

200 Jahre Helvetik hat zwar den Juden die Befreiung von allen Sonderabgaben gebracht und vorübergehend erweiterte Rechte bezüglich Niederlassungsfreiheit, des freien Handels verkehrs und des Grundstückerwerbes. Doch wurde diese Ord nung uns Schweizern von aussen aufgezwungen.

150 Jahre Bundesstaat hat die Grundlage für eine wirklich liberale Verfassung gebracht, doch waren die Juden vor 150 Jahren sehr enttäuscht, weil ihnen die Niederlassungsfreiheit nicht garantiert wurde.

50 Jahre Staat Israel ist eine Selbstverständlichkeit. Sein Jubiläum ist besonders gefeiert worden, zu welchem sich der Bundesrat ebenfalls durch ein Mitglied vertreten liess.

25 Jahre Verschiebung des Schächtverbotes in das Tier schutzgesetz ist auch nicht unbedingt eine Feier wert, ist es doch fast unvorstellbar, dass dieser Schritt erst dermassen spät und zudem nicht sehr konsequent getan wurde.

Dass ich selber das erste Mal in Endingen bin, verdient meines Erachtens zwar tatsächlich eine kleine Feier (doch hätten Sie deswegen nicht alle hierher kommen

müssen

).

Immerhin ist dieses Ereignis schon ein Zeichen dafür, dass sich meine

Generation zuwenig mit der Vergangenheit dieses Landes auseinandergesetzt hat und deswegen nicht genügend darüber aufgeklärt war, worauf unsere heutige Kultur - aber auch unser heutiger Wohlstand - fusst.

Noch einmal: Wenn ich gefragt werde: «Warum ein Bundes rat an dieser Versammlung?», muss ich zurückfragen: «Warum denn nicht?»

Ich gestehe Ihnen gerne, eigentlich möchte ich, dass meine Anwesenheit hier gar nichts Besonderes sei. Jüdinnen und Juden sind eine Minderheit in der Schweiz. Die Schweiz besteht ja praktisch nur aus Minderheiten. Jede dieser Minder heiten ist ein Bestandteil der Schweiz, ohne den die Schweiz selber undenkbar wäre. Deswegen besteht ja unsere Politik darin, die verschiedenen Interessen all dieser Minderheiten zu vertreten und allfällige Interessengegensätze auszutarieren. Das macht unsere Schweiz aus, und von daher sollte sich meine heutige Präsenz nicht wesentlich von anderen Auftritten unterscheiden.

Nun darf ich allerdings auch nicht allzu blauäugig tun. Leider ist es nicht ganz so einfach. So wie mich zuweilen ein anonymer antisemitischer Brief wieder aus meiner Illusion weckt, wonach wir ein von vollkommener gegenseitiger Ach tung geprägtes, multikulturelles und multireligiöses Land seien, so muss ich mir sagen: Einen ganz gewöhnlichen Besuch statte ich heute auch nicht ab. Unser Land ist aufgewühlt von den Auseinandersetzungen um unsere Vergangenheit. Wir arbeiten unsere Geschichte auf, und mein erstmaliger Besuch in Endingen hängt auch damit zusammen.

Wir sind mit Vorwürfen - berechtigten, aber auch unberech tigten - konfrontiert, mit Forderungen - berechtigten und unberechtigten. Da spielt das Verhältnis der Schweiz zu den Jüdinnen und Juden die entscheidende Rolle, und deswegen ist die Erforschung unseres eigenen Gewissens sicherlich auch ein Antrieb für eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber jüdischen Anliegen und Anfragen. Dies ist gut so, denn diese Aufmerk samkeit sollte doch eigentlich permanent da sein, als Zeichen einer gewissenhaften Politik im Interesse aller Schweizerinnen und Schweizer, aber auch aller Einwohnerinnen und Einwoh ner der Schweiz.

Diese erhöhte Aufmerksamkeit hat aber auch eine Kehrseite, die Gefahr nämlich, dass sich ein Moment der Distanz ein stellt, dass wir zwar höflich, vielmals beinahe diplomatisch miteinander sind, schrecklich aufpassend, alles richtig zu

machen, und darob vergessend, dass wir zueinander gehören, dass wir Freunde sind und nicht Politpartner.

Dass sich diese Gefahr nicht verwirklicht hat, ist vor allem auch auf Sie zurückzuführen.

Der SIG hatte in den Diskussionen der letzten paar Monate - und Tage - keinen leichten Stand. Schweizer und Jude zu sein: wieviel einfacher wäre es doch gewesen, gar nichts zu sagen, zu schweigen. Aber das haben Sie nicht getan: Sie exponieren sich, Herr Bloch, Herr Kohn, Herr Feigel: Ihre Stimmen haben Gewicht. Sie tun es der Gerechtigkeit und der Fairness zuliebe. Ihr Präsident hat sich dazu auch bereit erklärt, das Präsidium des Holocaust-Fonds der Schweizer Banken zu übernehmen: dass dies mit mehr Mühe als Ehre verbunden sein würde, war auch ihm klar und auch, dass sich dieser Sitz exakt zwischen Stuhl und Bank befinden würde.

Der SIG wehrt sich für die Unabhängigkeit der Bergier- Kommission, sie lässt sich nicht

zum Spielball machen. So unmissverständlich Sie für die Rechte und die Würde der jüdischen Bevölkerung in der Schweiz einstehen und dafür, dass den Opfern Gerechtigkeit widerfahre und dass dieses dunkle Kapitel in der Geschichte unseres Landes beleuchtet werde, so unmissverständlich wehren Sie sich gegen unfaire Anwürfe an die Schweiz. - Und doch ist es wichtig, dass Sie und wir auch diese Vorwürfe zur Kenntnis nehmen. Denn würde sich auch nur ein einziger als berechtigt erweisen, wir hätten dereinst schlecht daran getan, sie zu ignorieren.

Ich weiss, Ihr Einsatz ist gewaltig. Durch diese, Ihre Arbeit zugunsten unseres Landes leisten Sie einen wesentlichen Bei trag zu dessen Zusammenhalt.Wieso ich nach Endingen gekommen bin? Um Ihnen dies sagen zu dürfen und um Ihnen dafür zu danken!

Warum hat das Bundeshaus eine Kuppel?

Vorwort zum Programmheft des Zirkus Knie 1999

«Warum hat das Bundeshaus eine Kuppel?» Das wird praktisch jeder gefragt, der in die eidgenössische Politik einzieht. Doch die Antwort kennt er meist schon: «Es gibt doch keinen Zirkus mit Flachdach!»

Der Spruch ist vermutlich älter als Bundeshaus und Zirkus Knie zusammen - und dennoch erzählt ihn jede Polit- generation der nächsten weiter. Wir von der Politik vergleichen uns eben ganz gern mit dem Zirkus. Aus verschiedenen Gründen:

In der Politik wie im Zirkus gibt es Seiltänzer und Clowns, Dompteure und Taschenspieler, Bluffer und Könner, Schall und Rauch. Hier wie dort werden Sicherheitsnetze gespannt, stehen Menschen in der Arena und löst das Zuckerbrot die Peitsche ab und umgekehrt.

1999 ist die Ähnlichkeit besonders auffallend: Karls kühne Gassenschau überprüft die Europatauglichkeit unseres Natio nalzirkus! Eine Arbeit, die mit derjenigen unter der Bundes hauskuppel durchaus zu vergleichen ist, nur muss man dort weniger lachen.

Weitere Parallelen gab es aber schon bisher: Was wir ver suchen, macht der Zirkus Knie schon lange: Er bringt die schweren Güter auf die Bahn. Seine Elefanten fahren längst mit der SBB! Ihr Beispiel macht Schule: Viele grosse Tiere aus Wirtschaft und Politik benutzen ebenfalls den Zug (zum Teil mit leisem, oft aber auch mit lautem Rüssel!). Auch der Zirkus pflegt sowohl eine Aussen- wie eine Innenpolitik. Knie präsen tiert neben einem internationalen weltoffenen Programm mit Artisten aus aller Welt auch die einheimische Kleinkunst: In der Manege von Knie wurden Namen wie Emil, Dimitri, das Duo Fischbach und Karls kühne Gassenschau noch berühmter, als sie es zuvor schon waren. Dies ist wohl auch der Grund, dass es viele aus unserer Zunft ebenfalls in die Arena drängt, welche denn auch eigens für sie jeden Freitag am Bildschirm durchgeführt wird.

All diese Ähnlichkeiten der Arbeit unter der Kuppel des Bundeshauses und unter derjenigen des Kniezeltes haben wohl dazu geführt, dass wir von «unserem Nationalzirkus» sprechen, dass wir auf ihn stolz sind, ihn gern haben und - Hand aufs Herz - manchmal davon träumen, unter seiner Kuppel sitzen zu dürfen statt unter derjenigen des Bundeshauses …

Salauds, Holzköpfe und Egoisten und was sich Wirtschaft und Politik

sonst noch zu sagen hätten

Mustermesse Basel 1998

Basel, 13. März 1998

An der Eröffnung der Mustermesse Basel redet, solange ich mich zurückerinnern kann, stets auch ein Mitglied des Bundes rates. Als unmittelbar Betroffener frage ich mich natürlich: weshalb?

Ist es schiere Höflichkeit der Muba? Oder ist es eine Art ethnologisches Interesse am Fremden, am Exotischen? Die Muba ist ja eine Demonstration der Dynamik und Modernität von Wirtschaft und Technik. Der Politiker hingegen, jedenfalls der schweizerische, vertritt Institutionen und Ideale, die im letzten Jahrhundert entstanden sind. Er setzt sich hier also unweigerlich der Gefahr eines Kulturschocks aus. Dasselbe gilt allerdings auch für Sie.

Blosse Tradition, einfach etwas historisch Gewachsenes, bedeutet die Bundesratspräsenz hingegen für die Muba kaum. Denn eine Wirtschaftsmesse pflegt ja den Fortschritt und nicht Traditionen.

Bleibt als letzte Vermutung, dass es der Muba darum geht, der Politik auf die Sprünge zu helfen, sie mit den Usanzen der Wirtschaft vertraut zu machen. Eine sanfte Form von Nach iii Ifeunterricht also, für den ich Ihnen jetzt schon meinen Dank ausspreche.

Tatsächlich war die Harmonie zwischen Wirtschaft und Poli- l i k auch schon grösser als heute. Ihre

Orientierungshorizonte II.IIHMI sich auseinandergeschoben. Die Manager von grossen

Konzernen räumen der Politik

gar keinen Kredit mehr ein. Deren Rating sinkt: Sie gilt als zu langsam, zu ineffizient, zu kompromissbereit, zu zögerlich.

Und auch in der Politik macht sich Unmut breit. Die Glo balisierung der Wirtschaft engt ihre Handlungsspielräume ein. Bei Megafusionen, Firmenschliessungen und Entlassungen fühlt sie sich in den Zuschauerraum verbannt. Sie realisiert, dass sie jeweils nur noch unverbindliche Appelle an die soziale Verantwortung der Wirtschaftsführer richten darf. Ähnlich wie im Mittelalter die Kirche durch die Machtverschiebung zugunsten des Staates «bloss» noch zur moralischen Instanz wurde, und ähnlich wie sie sich in der Folge vorwiegend sozia len Aufgaben zuwandte, wird auch die Politik mehr und mehr zu einer Reparaturwerkstätte wirtschaftlichen Schaltens und Waltens.

Trotzdem werden Politik und Staat für jede gesellschaftliche Fehlentwicklung verantwortlich gemacht und zur Krisen bewältigung aufgefordert. Bei der Gestaltung der Gesellschaft hingegen verliert die Politik an Einfluss. Längerfristig kann das zur Auflösung des Nationalstaates als ernstzunehmendem Machtfaktor führen - so wie auch die Kirche an realem Einfluss verlor.

Viele in der Politik reiben sich ob dieser Entwicklung irritiert die Augen. Sie wollen nicht wahrhaben, was sie sehen, und verlieren darob ihre Contenance: Bundesratskandidat Frey bezeichnete Martin Ebner als «Salaud», und dieser revanchierte sich, indem er Kaspar Villiger als «Holzkopf» titulierte. Brigadier Crippa gibt es den Verkehrsministern der EU

gleich schriftlich: Die Schweizer Regierung ist egoistisch!

Das heisst: Den Gewinnern der Wirtschaftsfreiheit fällt es leichter, für ihr Kapital rentable und häufig steuerfreie Investi tionsmöglichkeiten zu finden. Die Verlierer hingegen sammeln sich im sozialen Netz der Nationalstaaten und stellen die gesellschaftliche Solidarität auf eine harte Probe.

Der Markt allein löst die gravierenden sozialen Probleme nicht. Erlauben Sie mir ein Zitat: «<Weniger Staat> oder totale neoliberale Deregulierung führen zu sozialer Desintegration, zu einer sich verschärfenden Spaltung in Arm und Reich, in Integrierte einerseits und Ausgeschlossene - auch politisch Marginalisierte - andererseits. Achtzehn Jahre Thatcherismus haben zu einer boomenden Wirtschaft, aber auch zu einer neuen Unterklasse und einer sich bedroht fühlenden Mittel schicht geführt.»

Nein, mir ist nicht das Manuskript der 1.-Mai-Rede dazwi schengekommen, sondern ich habe Ihnen - wie es sich hier gehört - die Analyse eines Unternehmers, Thomas W. Bechtler, zitiert.

Die Freiheit der globalisierten Wirtschaft kann also nicht unbegrenzt sein. Das liegt in ihrem ureigenen Interesse. Denn grenzenlose Freiheit trägt immer den Kern ihrer eigenen Zerstörung in sich. Wer aber setzt die notwendigen Grenzen?

Dies ist zunächst Aufgabe der Wirtschaft selbst. Sie kann dafür auf ein einfaches ethisches Prinzip zurückgreifen - den kategorischen Imperativ von Kant: «Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer all gemeinen Gesetzgebung dienen könne.»

Es ist wohl kein Zufall, dass uns dieses Wort in den vergan genen Monaten so häufig in Erinnerung gerufen worden ist. Diese Grundlage aller Gesellschaften, die überlebensfähig bleiben wollen, erscheint offenbar als bedroht.

Der Ruf nach politisch gesetzter Regulierung ertönt daher wieder lauter als auch schon, und zwar als Reaktion auf Ent scheide der Wirtschaft (Kapitalsteuer, Vereinheitlichung Steuer recht als Antwort auf Steuerflucht usw.). Dabei wird klar, dass die Politik mehr sein muss als bloss eine Beschafferin von guten Rahmenbedingungen für die Wirtschaft.

Ihre Hauptaufgabe ist die Bewahrung des <Contrat sociak Ihre Pflicht ist, für den sozialen Ausgleich und den gesell schaftlichen Zusammenhalt Partei zu ergreifen. Und das kann sie nur, wenn es neben der Freiheit der Wirtschaft auch eine Freiheit der Politik und eine in der Demokratie be gründete Autorität des Staates gibt. Sie braucht diese, um Widersprüche auszutarieren, tragfähige Kompromisse auszuhandeln, zwischen Minderheiten zu vermitteln. Eine Gesellschaft - erst recht die schweizerische - besteht ja nur aus Minderheiten.

Diese Aufgaben der Politik prägen auch ihren Stil und ihre Methoden. Einen Staat kann man nicht wie eine private Holding führen. Unsere Shareholder sind nicht anonyme Geldgeber, sondern die Gesamtheit der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger und auch der Einwohner ohne Stimmrecht. Diese können bei Problemen nicht einfach ausgetauscht oder entlassen werden. Es ist uns in der Politik auch nicht möglich, uns nur auf

gewinnbringende Aktivitäten oder selbstgewählte Kernkompetenzen zu konzentrieren. Dazu sind die Probleme, die wir lösen müssen, zu komplex.Daher gibt es auch keine Alternative zur politischen Konkordanz, zur Notwendigkeit, mehrheitsfähige Lösungen zu finden. Was immer bei den anstehenden und nötigen Reformen des Regierungssystems oder des Föderalismus herauskommen wird:

Konsensfindungsprozesse, die auf wendig und zeitraubend sind, werden wir uns nie ersparen können.

Gegenseitige Abhängigkeit von Wirtschaft und Politik Die Uhren von Wirtschaft und Politik ticken also anders. Dass sie nicht gleich schnell laufen, ist nur eine der Differen zen. Auch die Funktionen, die sie zu erfüllen haben, sind unterschiedlich. Dennoch sind Wirtschaft und Politik auf einander angewiesen.

Die Wirtschaft braucht eine funktionierende Rechtsord nung. Der Aufbau der Marktwirtschaft in den osteuropäischen Ländern ist unmöglich ohne funktionierende Gemeinde verwaltungen. Diese staatliche Infrastruktur musste als erste Reform bereitgestellt werden.

Ein fairer Markt kann sich nicht neben der Mafia ent wickeln. Die Wirtschaft braucht eine rechtsstaatliche Ordnung. Wie entschieden - und wie berechtigt! - hat die Wirtschaft nach der Auflösung der offenen Drogenszene auf dem Platz spitz gerufen!

Die Wirtschaft ist darauf angewiesen, dass die Politik für international harmonisierte Normen sorgt - nicht nur im technischen, sondern auch im sozialen Bereich. Wenn in Indien Kinder zur Arbeit gezwungen werden, wachsen bei uns die Rationalisierungskosten. Wenn die Börse in Ostasien ein bricht, werden in Wiler bei Utzenstorf 100 Menschen ihre Arbeit verlieren.

Die Wirtschaft fordert leistungsfähige öffentliche Infra strukturen. Sie will gutausgebildete Jugendliche. Herr Vasella (Novartis) will, dass die Schweiz das beste Ausbildungszentrum der Welt haben müsse (Interview im «Bund»).

Sie hat ein Interesse an ausreichenden öffentlichen Sozial leistungen, damit ihre Arbeitskräfte nicht noch einem Zweit oder Drittverdienst nachgehen müssen.

Sie profitiert von politischer Stabilität - (dafür muss sie in Kauf nehmen, dass Bundesratswahlen halt nicht so spannend sind).

Umgekehrt erwartet die Politik von der Wirtschaft, dass sie dafür einen Beitrag leistet, dass auch sie für eine ausgeglichene Einkommensverteilung sorgt, dass sie wenigstens das Prinzip von Steuern akzeptiert, die in den Infrastrukturausbau, in die soziale Sicherheit, in die Bildung reinvestiert werden können. Die Politik erwartet, dass auch die Wirtschaft Arbeitsplätze schafft (vgl. Stellungnahme Ospel nach Fusion).

Wir sind darauf angewiesen, dass die Wirtschaft nicht nur an ihre Umsätze denkt, sondern auch eine allgemeine Verantwor tung wahrnimmt und sich ihrer eigenen politischen Bedeutung bewusst ist. Die Wunden um Wachmann Meili sind noch nicht vernarbt, und so darf ich schon festhalten: Ein wenig mehr politisches Bewusstsein im Umgang mit Worten hätte unserem Lande manches erspart. Je politischer die Wirtschaft denkt und handelt, desto wirtschaftlicher kann sich die Politik ver halten.Gemeinsame Interessen von Wirtschaft und Politik «Holzköpfe» hin, «Salauds» her: Wirtschaft und Politik sind nicht nur aufeinander angewiesen, sie können auch vonein ander lernen.

Private und öffentliche Arbeit stehen ja nicht in einem Gegensatz!

Reform des Service public: Margret Thatcher sagte: «Alles Private ist gut und alles Öffentliche schlecht.» Das ist - wie die gegenteilige Position auch - reine Ideologie. Tony Blair sagt: «Ob öffentlich oder privat, interessiert mich nicht, mich interessiert, ob es funktioniert.» Auch wir haben bei der Reform des Service public die ideologischen Grabenkämpfe überwunden und uns die entideologisierte Sichtweise zu eigen gemacht.

Service public und Wettbewerb galten lange als Wider sprüche. Jetzt aber öffnen wir PTT und andere staatliche Monopole dem Markt, gerade weil wir den Service public - die flächendeckende Grundversorgung aller Regionen und aller Bevölkerungsschichten - effizienter und konsumentenfreund licher erbringen wollen.

Globalisierung der Politik: Wir alle wissen: Unsere Wirtschaft denkt und handelt heute in globalen Dimensionen. Die schweizerische Politik hingegen ist nach wie vor in nationalen Grenzen gefangen. Nur langsam wächst die Einsicht, dass die globale Wirtschaft auch einen globalen staatlichen Partner braucht, dass die Politik nur dann wirksam Partei für die Inter essen der Gesellschaft ergreifen kann, wenn sie sich ebenfalls international organisiert. Wir machen mit bei WTO, IWF, Weltbank und «partnership for peace». Die Diskussion über einen Beitritt zur UNO kommt wieder in Gang. Mit der

CVP hat sich eine zweite Bundesratspartei für einen Beitritt zur EU ausgesprochen. (Die europäischen Bewegungen der Schweiz haben sich zu einer «Europakoalition» zusammen gefunden.)

Ein anderes Beispiel: die Umweltpolitik. Noch vor zehn Jahren war sie das Anliegen von ein paar Öko-Fundis und galt a priori als wirtschaftsfeindlich. Sie operierte vorwiegend mit Geboten und Verboten - den klassischen Instrumenten der Politik. In zwischen haben sich Wirtschaft und Politik in der Umweltfrage aufeinander zubewegt. Einer der Auslöser dafür liegt hier in Basel: der Brand von Schweizerhalle. Die Wirtschaft weiss, dass es nur eine nachhaltige Entwicklung gibt - oder überhaupt keine.

Die Politik hat ebenfalls hinzugelernt. Sie schafft Anreize, die Eigenverantwortung wahrzunehmen, etwa beim CO2- Gesetz. Und sie erweitert das umweltpolitische Instrumen tarium um marktwirtschaftliche Lenkungsabgaben.

Vertreter aus Politik und Wirtschaft sitzen zusammen im Rat für nachhaltige Entwicklung. Wir diskutieren gemeinsam über eine ökologische Steuerreform, ohne dass wir rote Köpfe kriegen.

Bilaterale Verhandlungen/Verkehrspolitik: Streifen wir auch kurz die bilateralen Verhandlungen. Noch 1991 setzte sich die Wirtschaft nur halbherzig für den EWR ein. Die Folge ist, dass wir mit der EU seit beinahe vier Jahren über einen bilateralen Vertrag verhandeln.

In der Zwischenzeit haben wir alle erfahren, welche wirtschaftlichen Nachteile uns aus dem Abseitsstehen erwachsen. Die Wirtschaft will deshalb diesen Vertrag. Und siehilft auch mit, dafür die innenpolitischen Voraussetzungen zu schaffen. Von einzelnen Exponenten einmal abgesehen sagt sie in der Verkehrspolitik Ja zur Verlagerung des Schwerverkehrs auf die Schiene, sie sagt Ja zur leistungsabhängigen Schwer verkehrsabgabe - obschon das ja eine Art Steuer ist und sie sagt Ja zur Modernisierung der Bahninfrastruktur.

Sie spricht bei diesen Vorhaben nicht nur von den Kosten. Sie weiss, dass es Investitionen in die Zukunft unseres Landes sind.

Jenseits von Wirtschaft und Politik Unsere Gesellschaft wird nicht nur von Wirtschaft und Politik, sondern von vielen Kräften geformt: von Medien, von Forschung, Technik und Wissenschaft und von der Kultur. Die Politik muss auch diesen Kräften ihren Stellenwert und Freiraum geben.

Sind es nicht Anzeichen einer engherzigen Gesellschaft, wenn alles und jedes nur noch durch eine ökonomische Brille betrachtet wird? Es beelendet mich, andauernd und überall Klagen über zu hohe Steuern anhören zu müssen.

Meine Versicherung schrieb mir vor wenigen Wochen: «Lieber Herr Leuenberger, der Steuervogt schlägt zu! Retten Sie sich mit einer Einmalprämie!»

Ich frage mich, ob es wirklich nötig ist, den Wert einer jeden Leistung und Aufgabe, seit neuestem auch noch die Erziehung eines Kindes, in Franken und Rappen auszudrücken.

Unter dem Titel «Sozialhilfe» gibt eine Zeitung Tips, wie «möglichst viel Geld beim Staat abgeholt werden kann».

Diese Ökonomisierung aller Lebensbereiche führt zu kultu- reiler und sozialer Verarmung. Sie ist eine Bedrohung für unseren Zusammenhalt, denn je intensiver der persönliche Vorteil verfolgt wird, desto geringer ist der Wille zu Zusam mengehörigkeit.

Nach dem Attentat in Luxor versicherte ich den Hinter bliebenen: «Die Schweiz ist solidarisch mit Euch. Wir lassen Euch nicht allein!» Heute wird dieser Satz immer wieder als Beispiel eines leeren Versprechens zitiert, denn die Hinter bliebenen würden durch Versicherungen und Amtsstellen nur schleppend entschädigt. Aber ich habe damals an viel mehr gedacht als an Geld; ich glaubte, im Namen des ganzen Landes Anteilnahme und Mitgefühl auszudrücken.

Wir wollen doch nicht nur eine Schweiz, die wohlorganisiert ist, wo die Kompetenzen klar abgegrenzt sind und wo jeder nur noch für sich schaut. Wir wollen doch eine Schweiz, in der sich alle daheim fühlen. Wir wollen einem Land angehören, das Wärme und Geborgenheit bietet, in welchem wir uns wiederer kennen können, mit dem wir übereinstimmen und dessen Ide ale wir übernehmen und weiterentwickeln wollen, dessen Sor gen und Nöte wir lindern wollen.

Auch das ist eine Aufgabe der Politik.

Der Wohlfahrts- und Leistungsstaat genügt nicht. Wir wollen mehr, einen «Etat visionnaire», der uns eine Zukunft aufzeigt, der uns Hoffnung gibt.Und so hoffe ich denn, die Einladung eines Bundesrates an die Muba sei ein Bekenntnis der Wirtschaft zu unserem Land mit all seinen Minderheiten, dass wir diesen allen ver pflichtet bleiben und dass es dafür auch eine starke Politik braucht, eine Politik, die sich in aller Freiheit ihrem Kern geschäft zuwenden kann: der Solidarität und dem sozialen Zusammenhalt unseres Landes.

Für dieses Bekenntnis danke ich Ihnen.