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BEWEISBILDER

Über epistemische Funktionen von Bildern

Von Thomas Zingelmann

1.

Einleitung

S. 1

2.

Bild und Episteme

S. 5

2.1.1

Die Zeichenhaftigkeit des Bildes: Bild und Indexikalität

S. 5

a) Grundzüge semiotische r Bildtheorie S. 5, b) Peirce und das indexikalische Zeichen S. 8 ,

c ) Bildtheorien der Indexikalität S. 17

2.1.2

Zeigen mit Bildern: Existenzbeweise

S. 31

2.2.1

Die Sichtbarkeit des Bildes: Sehen statt lesen

S. 41

a) Das Bildobjekt als Phantom S. 43, b) Bloße Sichtbarkeit : Fiedler S.45, c) Prinzip der

Substitution : Gombrich S. 47

2.2.2

Zeigen mit Bildern: piktoriale Augenzeugenschaft

S. 49

3.

Schluss

S. 53

Literaturverzeichnis

Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Ein Bild [

]

zeigt mehr als tausend Worte sagen können.1

Bilder sind aus dem Alltag nicht wegzudenken. Das ist kein Geheimnis und wurde vermehrt auch schon konstatiert 2 . Anders ließen sich Redeweisen, wie von einer „alltäglichen Bilderflut“ 3 , nicht erklären. Von diesem Standpunkt aus ist es daher auch nicht verwunderlich, dass man in gesellschaftlichen Bereichen, in denen es um epistemische Prozesse geht, wie Wissensgenerierung und Beweisführung, vermehrt mit Bildern zutun hat oder zumindest mit Medien, welche gerade wegen ihrer spezifischen Visualität eine besondere Stellung genießen, beispielhaft wären dies Diagramme und Graphen, die aber, wie Lambert Wiesing zeigt, keine Bilder sind 4 . Heßler und Mersch stellen berechtigterweise folgende Frage: „Lassen sich tatsächlich unterschiedliche visuelle Darstellungsformen wie Illustrationen, Veranschaulichungen, Diagramme, Modelle, Karten, Computerbilder oder statistische Tabellen unter dem einheitlichen Begriff des „Bildes“ subsumieren?“ 5 Es lässt sich auf folgende einfache Formel bringen: Alles was bildlich ist sichtbar, aber nicht alles was sichtbar ist, ist ein Bild. Die Visualisierungstendenz in den Wissenschaften bedeutet nicht, dass alles bildlich ist, was dort benutzt wird. „Sie [die Bilder] erklären Abläufe, Entwicklungen und Funktionsmechanismen, sie bilden Beweismittel und Belege, [] vor allem aber dienen sie als Analysewerkzeuge zur Erkenntnisgewinnung.“ 6 Die wohl offensichtlichsten gesellschaftlichen Bereiche, in denen man vermehrt mit Bildern zutun hat sind die Jurisprudenz und die Medizin in ihrer gesamten Breite. Die bildgebenden Verfahren in der Medizin – am prominentesten wohl

1 Gottfried Gabriel, „Der Erkenntniswert der Bilder“, in: Ulrich Nortmann und Christoph Wagner

2 Vgl. Stephan Günzel, „Bildlogik – Phänomenologische Differenzen visueller Medien“, in: Martina Heßler und Dieter Mersch, Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft, Bielefeld 2009, S. 123-138.

3 Roland Barthes, Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie,Frankfurt a.M. 1989, S. 87.

4 Vgl. Lambert Wiesing, „Ornament, Diagramm, Computerbild. Phänomene des Übergangs. Ein Gespräch der Bildwelten des Wissens mit Lambert Wiesing“, in: Horst Bredekamp und Gabriele Werner, Bildwelten des Wissens. Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik. Band 3.1 Diagramme und bildtextile Ordnungen, Berlin 2005, S. 115-129, hier S. 123ff.

5 Martina Heßler und Dieter Mersch, „Bildlogik“, in: Dies., Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft, Bielefeld 2009, S.8-62, hier S. 17

6 Martina Heßler und Dieter Mersch, „Bildlogik“, S. 15.

die Nuklear-, Röntgen- und Ultraschalldiagnostik – sind nicht mehr wegzudenken: „Neuere bildgebende Verfahren in der Medizin (Röntgen, Ultraschall, MRT, PET, SPECT usw.) überwinden das Hindernis der unmittelbaren Sichtbarkeit und enthüllen Projektionen einer dem Auge verborgenen Wirklichkeit.“ 7 Ohne den Einsatz dieser Verfahren würde es vielen Menschen wahrscheinlich sehr schlecht gehen. Ebenso in der Jurisprudenz: Die Aufzeichnungen der Überwachungskameras, die Fotos vom Tatort, wenn nicht sogar der Tat selber, die den Täter womöglich überführen, sind wichtige Bestandteile – wenn vorhanden – in der juristischen Beweisführung. Wie viele Autos wohl als gestohlen gemeldet wären, gäbe es keine Radarfotos? Es gibt unzählige Beispiele, an denen sich die Relevanz von Bildern aufzeigen ließe – und einige werden im Verlauf der vorliegenden Arbeit auch immer wieder als Beispiel dienen. Es lässt sich sehen, dass mit der Verwendung von Bildern oft ein Erkenntnisanspruch einhergeht: Bilder lassen sich epistemisch funktionalisieren, zumindest dem Anspruch nach: Die Jurisprudenz will z.B. Schuld oder Unschuld eines Angeklagten beweisen, die medizinische Diagnostik will die den Symptomen zugrundeliegende Ursache erkennen, in der Politik will man einen Krieg rechtfertigen. Und hierfür werden oftmals Bilder verwendet: Das Foto des Nachbarn, das den Angeklagten des Mordes überführen soll; die MRT-Aufnahme, mit welcher die Bandruptur im Sprunggelenk als Ursache für Schmerzen, Schwellung und Hämatom gezeigt werden kann; die Satellitenfotos, mit welchen die Existenz von vermeintlichen mobilen Fabriken zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen bewiesen werden soll. Die Frage, die sich dabei zwangsläufig auftut – insoweit man ein philosophisches Interesse hat –, ist, welche Gründe gibt es, mit denen behauptet werden kann, dass Bilder epistemische Funktionen erfüllen und dementsprechenden Zwecken eignen. Auch hier ist es ein Gemeinplatz, dass aufgrund einer Digitalisierung 8 der Bildproduktion und der damit einhergehenden Manipulierbarkeit von Bildern

7 Walter Oberschelp, „Bild und Wirklichkeit“, in: Dominik Groß und Stefanie Westermann (Hrsg.):

Vom Bild zur Erkenntnis? Visualisierungskonzepte in den Wissenschaften, Kassel 2007, S. 29-46, hier S. 30. 8 Vgl. Birgit Schneider, „Wissenschaftsbilder zwischen digitaler Transformation und Manipulation“, in: Martina Heßler und Dieter Mersch, Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft, Bielefeld 2009, S. 188-200.

das, was als „pikturale Evidenz“ 9 beschrieben wird, an Glaubwürdigkeit verliert: „Im Zeitalter ihrer digitalen Produzierbarkeit erlischt der Anspruch des Bildes auf visuelle Kronzeugenschaft.“ 10 Diejenigen, die Bilder zu diesen Zwecken verwenden, müssen sich notwendigerweise mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit Bilder ein sicheres Erkenntnismittel sind. Allerdings war diese Frage auch schon aktuell bevor man die Möglichkeit der Bildmanipulation hatte, denn welche Gründe sprechen überhaupt dafür, dass Bilder zu Zwecken des Beweisens, Argumentierens und Rechtfertigens geeignet sind? Man hat es mit einer bemerkenswerten Situation zutun: Im Alltag ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Bilder in epistemischer Hinsicht verwendet werden, nicht umsonst spricht man – und das in bedenklicher Weise oft in Boulevardzeitschriften – von „Beweisbildern“ 11 . Redeweisen in den Medien von „angeblichen Beweisbildern“ 12 sind exemplarisch für die Gesamtsituation: Man nimmt an, dass Bilder epistemischen Zwecken dienlich sind, ohne genaue Gründe angeben zu können – und auch ohne zu müssen –, warum. Viel eher hat man es mit impliziten Annahmen und kurzen Exkursen zutun. Die Forschungsliteratur, welche sich explizit mit dem Verhältnis von Bild und Episteme auseinandersetzt, ist überschaubar. Man hat es mit einer wirren Situation. An diesem Punkt wird angesetzt: Die vorliegende Arbeit soll ein Vorschlag sein, wie der bisherige Forschungsstand systematisiert werden kann. Es soll untersucht werden, welche Argumentationsstrategien es gibt, um die Behauptung, dass man Bilder in epistemischer Hinsicht verwenden kann, begründen zu können. Denn: Wenn man beispielsweise behauptet, dass Bilder beweisen können oder Bilder Beweise sind, dann muss man auch begründen können, wie dies möglich ist. Es wird folgender Vorschlag für eine

9 Ludger Schwarte, Pikturale Evidenz. Zur Wahrheitsfähigkeit der Bilder, Paderborn 2015.

10 Beat Wyss, Vom Bild zum Kunstsystem, Köln 2006, S. 22.

11 Eine Auswahl: „Torlinientechnik entfacht neue Diskussion: Beweisbilder verwirren“, in:

Hamburger Abendblatt, 16.06.2014, abrufbar unter: http://www.abendblatt.de/sport/fussball/wm- 2014/article129118925/Torlinientechnik-entfacht-neue-Diskussion-Beweisbilder-verwirren.html; „ ‚Curiosity’ schickt Beweisbilder: Mars-Landschaft ähnelt der Erde“, in: RP-Online, 9.8.2012, abrufbar unter: http://www.rp-online.de/panorama/wissen/weltraum/mars-landschaft-aehnelt-der-erde- aid-1.2944717; „Rihanna nascht wieder – Neue Beweisbilder“, in: Viply, 29.3.2012, abrufbar unter:

http://www.viply.de/?p=59398. (10.10.15).

12 „MH17-Ermittler und ihre Theorien“, in: Süddeutsche Zeitung, 17.7.2015, abrufbar unter:

http://www.sueddeutsche.de/politik/abschuss-der-mh-viele-ermittler-viele-theorien-1.2569489-2.

(10.10.15)

Systematisierung gemacht: Bilder üben dann epistemische Funktionen aus, wenn man sie auf eine bestimmte Art und Weise verwendet. So kann der bisherige Forschungsstand in zwei Positionen eingeteilt werden:

1. Bilder üben dann epistemische Funktion aus, wenn man sie als

Index verwendet.

2. Bilder üben dann epistemische Funktionen aus, wenn man sie als

Substitut verwendet. Es geht also um die Frage, was man mit einem Bild machen muss, wenn man beispielsweise mit ihm etwas beweisen will. Wie muss ein Mensch ein Bild verwenden, sodass es sich für die jeweiligen epistemischen Zwecke eignet. Es wird hier der Vorschlag eines pragmatistischen Kriteriums gemacht. Das aus einem einfachen Grund: Typische epistemische Funktionen wie Beweisen, Rechtfertigen und Argumentieren sind menschliche Tätigkeiten. Wenn Menschen beweisen, dann machen Menschen etwas auf eine bestimmte Art und Weise. Da Bilder keine Subjekte sind und dementsprechend nicht handeln können, ist es naheliegend die Annahme zu vertreten, dass will man Bilder epistemisch funktionalisieren, man sie auf eine bestimmte Art und Weise benutzen muss. Um dieser Frage und einer Systematisierung möglichst erfolgreich nachzugehen, soll wie folgt vorgegangen werden: Im ersten Abschnitt des 2. Kapitels soll die Position der indexikalischen Verwendungsweise des Bildes hinsichtlich epistemischer Zwecke herausgearbeitet werden. Dafür sollen zuerst die Grundlagen der Zeichentheorie sowie des indexikalischen Zeichens erarbeitet werden. Daran schließt sich eine Rekonstruktion derjenigen Theorien an, welche versuchen das Verhältnis von Bild und Indexikalität zu bestimmen. Die daraus gewonnen Ergebnisse werden die Grundlage für die Systematisierung aktueller Debattenbeiträge hinsichtlich einer indexikalischen Verwendungsweise des Bildes bilden. Im zweiten Abschnitt des 2. Kapitels soll dann die substituierende Verwendungsweise des Bildes hinsichtlich epistemischer Zwecke systematisiert werden. Dafür soll in ähnlicher Weise wie bei der indexikalischen Position vorgegangen werden. Es gilt zuerst die Grundlagen des wahrnehmungstheoretischen oder auch phänomenologischen Ansatzes

in der Bildtheorie zu rekonstruieren sowie Fiedlers besondere Bestimmung des Bildobjekts. Darauffolgend soll der Begriff der Substitution wie er bei Gombrich vorkommt nachgezeichnet werden. Der Grund hierfür liegt darin, dass die Position der substituierenden Verwendungsweise des Bildes eine Verknüpfung des wahrnehmungstheoretischen Ansatzes Fiedlers mit der pragmatistischen Theorie Gombrichs versucht zu vollziehen. Nachdem diese grundlegenden Begrifflichkeiten geklärt worden sind, soll es darum gehen, das Augenzeugenprinzip Gombrichs zu rekonstruieren, um den Aktualisierungsversuch Wiesings aufzeigen zu können, welcher die Grundlage der substituierenden ist. Nachdem diese beiden Positionen herausgearbeitet wurden soll zum Schluss eine kurze Zusammenfassung sowie Einschätzung des Ergebnisses stattfinden.

2. Bild und Episteme

Es handelt sich vorrangig um die Frage, mit welchen Mitteln Bilder – oder generell visuelle

Medien – Bedeutung schaffen und stabilisieren, auf welche Weise sie ‚etwas zu erkennen

Behauptungen aufstellen oder Beweise führen sowie

schließlich, worin die besondere Geltung und die Grenzen einer visuellen Epistemik

bestehen.13

geben’ oder Argumentieren, [

]

2.1.1 Die Zeichenhaftigkeit des Bildes: Bild und Indexikalität

a) Grundzüge semiotischer Bildtheorie

Um verstehen zu können, was ein Index ist, bedarf es vorerst der Klärung des Begriffs des Zeichens. Hat man die Trias aus den Begriffen Bild, Zeichen und eben der Relation beider, ist es unerlässlich diese zu bestimmen. Damit nachvollziehbar ist, auf welcher Grundlage, diejenigen argumentieren, die behaupten, dass Bilder epistemische Funktionen, aufgrund indexikalischer Eigenschaften, erfüllen, ist es notwendig, die Grundannahmen der Zeichentheorie des Bildes zu rekonstruieren. Denn der Behauptung, dass

13 Martina Heßler und Dieter Mersch, „Bildlogik“, in: Martina Heßler und Dieter Mersch (Hrsg.):

Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft, Bielefeld 2009, S. 10.

Bildern indexikalische Eigenschaften zugrunde liegen, geht die Behauptung voraus, dass Bilder Zeichen sind, oder als solche verwendet werden. Es wird hierbei insbesondere um den Zeichenbegriff in seiner Allgemeinheit – aber in Bezug auf Bilder – gehen, eben um die Bedingungen, die für alle Zeichenarten gelten und damit auch für den Index. Wenn man von einem zeichentheoretischen Verständnis des Bildbegriffs spricht, liegt es nahe, dass es auch andere gibt. Lambert Wiesing hat eine hilfreiche Systematisierung der bestehenden bildtheoretischen Ansätze vorgeschlagen: Zeichentheorie, Wahrnehmungstheorie und Anthropologie. Diese Ansätze werden über das genus proximum unterschieden. Für den wahrnehmungstheoretischen Ansatz gilt, dass „alle Bilder zuerst einmal sichtbare Gegenstände sind“ 14 und der anthropologische Ansatz betont, dass „Bilder zuerst einmal Artefakte des Menschen“ 15 sind. Der semiotische Ansatz besagt, dass „Bilder [] zuerst einmal notwendigerweise Zeichen“ 16 sind. Was sind die Grundannahmen dieses Ansatzes? Die Zeichenhaftigkeit des Bildes ist als grundlegende Prämisse, die Voraussetzung für alle weiteren Behauptungen. Innerhalb der analytischen, respektive semiotischen Tradition „sind sich dabei beide Parteien [Vertreter klassischer Positionen und Gegner] in ihrer Antwort auf die Frage ‚Was sind Bilder?’ insoweit [einig], daß Bilder Zeichen sind.“ 17 Deswegen findet Wiesing auch in der Auseinandersetzung mit Nelson Goodman die treffende Formulierung, dass „die Besonderheit des Bildes [] demnach innersemiotischer Art“ 18 ist. Egal, ob es sich um Charles Sanders Peirce, Charles William Morris, Nelson Goodman oder Umberto Eco als semiotische Bildtheoretiker handelt: Die Besonderheit des Bildes ergibt sich nicht daraus, dass es ein Zeichen ist, sondern aus der differentia specifica, um was für eine Art von Zeichen es sich beim Bild handelt. Denn: „Ein Gegenstand, der kein Zeichen ist, kann kein Bild sein.“ 19

14 Lambert Wiesing, Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes, Frankfurt a.M. 2005, S.

18.

15 Ebd., S. 17.

16 Ebd., S. 18.

17 Jakob Steinbrenner, „Bildtheorien der analytischen Tradition“, in: Klaus Sachs-Hombach (Hrsg.):

Bildtheorien. Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn, Frankfurt a.M. 2009,

S. 284-318, hier S. 296.

18 Wiesing, Artifizielle Präsenz, S. 26.

19 Ebd., S. 26.

Der semiotischen Theorie des Bildes liegt die Annahme zugrunde, dass ein Zeichen drei Bestandteile hat, und zwar den Zeichenträger, den Sinn und die Bedeutung. Da diesem Ansatz gemäß alle Bilder Zeichen sind, gilt diese Dreiteilung notwendigerweise für alle Bilder. Nun kommt es nach Wiesing beim semiotischen Ansatz zu einer Gleichsetzung der „triadischen Struktur des Zeichens mit der triadischen Struktur des Bildes“ 20 . Die triadische Struktur des Bildes lässt sich beim anthropologischen und wahrnehmungstheoretischen Ansatz finden, welche Darstellendes/ Bildträger, Darstellung/ Bildsujet und Dargestelltes/ Bildobjekt unterscheiden. Die Gleichsetzung führt unweigerlich zu dem Problem, dass man annehmen muss, dass alle Bilder in einer Hinsicht Sinn und Bedeutung haben, aber „muß man einem Bild einen Inhalt oder eine Bedeutung zuweisen?“ 21 Am Ende dieses Kapitels soll darauf eingegangen werden, was es in den indexikalischen Theorien bedeutet, wenn z.B. gesagt wird, dass Bilder Argumente sind. Denn es besteht, aufgrund der genannten triadischen Struktur des Bildes, dann die berechtigte Frage, was genau mit dem Begriff Bild in dem Fall gemeint ist: Bildträger, Bildsujet oder Bildobjekt? Aus der Annahme, dass Bilder Zeichen sind, folgt, dass Bilder gelesen werden, während der wahrnehmungstheoretische Ansatz besagt, dass sie gesehen werden. 22 Das heißt, dass der Zeichenbegriff ein funktionaler Begriff ist, also etwas zu einem Zeichen wird, aufgrund einer bestimmten Verwendungsweise. Denn: Etwas zu lesen, bedeutet, etwas als Zeichen und dieses dann auf eine bestimmte Weise zu verwenden. 23 Man kann sich gut jemanden vorstellen, der zum ersten Mal in seinem Leben, das Piktogramm eines Straßenverkehrsschilds sieht, die Darstellung aber nicht, wie der Rest aus Gewöhnung und Konvention, lesen kann. Allerdings tritt diese Unterscheidung zwischen Funktions- und Eigenschaftsbegriff unglücklicherweise oft in den Hintergrund und lässt Semiotiker zu dem Schluss verführen, dass Bilder Zeichen sind. Am bekanntesten im deutschsprachigen Raum dürfte dabei Oliver R. Scholz sein, der in seiner

20 Ebd., S. 33.

21 Ebd., S. 29.

22 Ebd., S. 34.

23 Vgl. Ebd., S. 37.

vielbeachteten Monografie Bild, Darstellung, Zeichen von 2004 von der Existenz natürlicher Zeichen ausgeht und folgendes behauptet:

Natürliche Zeichen bedeuten etwas ohne menschliches Hinzutun. Die Relationen,

welche für die Zeichenhaftigkeit von Anzeichen verantwortlich sind, bestehen

unabhängig von den Handlungen, Absichten und Konventionen der Menschen.24

Es ist unverständlich, dass diejenigen, die sich mit verschiedenen Zeichenformen beschäftigen und dementsprechend wissen, dass verschiedene Zeichentypen durch verschiedene Verwendung sich konstituieren (ich kann Gegenstände als dieses oder jenes Zeichen gebrauchen), leider oftmals der Annahme verfallen, dass es natürliche Zeichen gibt. Daher macht Wiesing berechtigterweise darauf aufmerksam, dass der Wechsel zwischen einer funktionalistischen und substantialistischen Sprache bedeutsame Folgen hat. 25 Morris ist hier einer der wenigen Semiotiker, der ganz klar sagt: „Etwas ist nur dann ein Zeichen, wenn es von einem Interpreten als Zeichen von etwas angesehen wird.“ 26 In anderen Worten: Man verwendet etwas als Zeichen. Warum verwendet man etwas als Zeichen? Weil man mit dem Zeichen auf etwas Bezug nehmen will. Dies ist die allgemeine Funktionsweise von Zeichen, welche sich je nach Zeichenart dahingehend unterscheidet, wie auf etwas Bezug genommen wird. 27 Ein Zeichen ist „something which stands to somebody for something in some respect or capacity.“ 28 Da nun die allgemeine Funktion von Zeichen dargelegt wurde, soll im Folgenden die Funktion des Index als besonderes Zeichen rekonstruiert werden, um dann den Übergang zu den Theorien zu vollziehen, welche versuchen das Verhältnis von Bild und Index zu bestimmen und die Besonderheit indexikalischer Bilder erklären.

b) Peirce und das indexikalische Zeichen

24 Oliver R. Scholz, Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildlicher Darstellung, Frankfurt a.M. 2004, S. 98.

25 Vgl. Wiesing, Artifizielle Präsenz, S. 40.

26 Charles William Morris, Grundlagen der Zeichentheorie. Ästhetik und Zeichentheorie (1938), München 1972, S. 21.

27 Vgl. Wiesing, Artifizielle Präsenz, S. 38.

28 Charles Sanders Peirce, Collected Papers, §2.228, 1897.

Von grundlegender Bedeutung für die semiotische Theorie des Bildes ist Charles Sanders Peirce. Nicht, weil er selbst eine dezidierte Zeichentheorie des Bildes entwickelt hätte, sondern, weil er neben Ferdinand de Saussure Gründungsvater dessen ist, was man heute als Semiotik bezeichnet, eben der Theorie dessen, was ein Zeichen ist. 29 Der Rückgang auf Peirce ist an dieser Stelle in zweifacher Hinsicht wichtig: Zum Einen ist Peirce’ Zeichentheorie die Grundlage für die gegenwärtige semiotische Theorie des Bildes, denn nahezu jeder einschlägige Bildsemiotiker bezieht sich auf seine Theorie. 30 Will man also verstehen, was die Rede von der Zeichenhaftigkeit des Bildes bedeutet, kommt man nicht umher, den Zeichenbegriff von Peirce zu rekonstruieren. Zum Anderen ist der Rückgang auf ihn wichtig, da in diesem Abschnitt der Argumentationszweig systematisiert werden soll, welcher behauptet, dass Bilder epistemische Funktionen genau dann erfüllen können, wenn man Bilder indexikalisch verwendet. Es kann hierbei nun Peirce der Verdienst zuerkannt werden, dass er den Begriff des Index – als spezifischer Zeichentypus unter anderen – systematisiert hat. Daher ist es auch in dieser Hinsicht notwendig auf Peirce zurückzugehen, unter Zuhilfenahme der darauf aufbauenden Forschungen zum Index. Was also ist nach Peirce ein Zeichen? Ein Zeichen ist etwas, dass für jemanden in irgendeiner Hinsicht für etwas steht. Es stiftet eine Relation zwischen Objekt und Gedanken – oder in der Terminologie Peirce’ „Interpretanten“ 31 bei einem Interpreten. 32 Oder anders formuliert: Das Zeichen „[vermittelt] dem Verstand eine Idee von einem Ding.“ 33 Es ist also ersichtlich, dass man es hier mit einem funktionalem Begriff zutun hat.

29 Zeichentheorie ist nahezu so alt, wie die Philosophie selbst. Der Versuch der Beantwortung der Frage, was ein Zeichen ist, findet sich schon bei den Stoikern. Vgl. Winfried Nöth, „Bildsemiotik“, in:

Klaus Sachs-Hombach (Hrsg.): Bildtheorien. Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn, Frankfurt a.M. 2009, S. 235-254, hier S. 238. Jedoch konnte es erst aufgrund der Arbeiten von Peirce und Saussure dazu kommen, dass sich eine Disziplin entwickelt.

30 Die bekannteste Ausnahme dürfte hierbei wohl Nelson Goodman darstellen. Vgl. Nelson Goodman, Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie (1976), Frankfurt a.M. 1995.

31 Charles Sanders Peirce, „Kurze Logik. Kapitel 1“ (1895), in: Semiotische Schriften Band 1, Frankfurt a.M. 2000, S. 202-230, hier S. 204.

32 Vgl. Charles Sanders Peirce, Phänomen und Logik der Zeichen, S. 64. Später als Phänomen abgekürzt.

33 Vgl. Charles Sanders Peirce, „Die Kunst des Räsonierens“ (1893), in: Semiotische Schriften Band 1, Frankfurt 2000, S. 191-202, hier S. 193.

Die allgemeine Funktion aller Zeichen, dass eine Vermittlung stattfindet, wird von Peirce spezifiziert: Peirce unterscheidet drei grundlegende Zeichentypen hinsichtlich ihrer Beziehung zu einem Objekt. 34 Das heißt, er führt eine Unterscheidung ein, auf welche Weise Zeichen vermitteln können. Diese Trias besteht aus dem Ikon, Index und Symbol. 35 Das ikonische Zeichen vermittelt die Idee von einem Objekt, aufgrund einer Ähnlichkeit. Das ist das einer Probe. Das indexikalische Zeichen vermittelt die Idee von einem Objekt, aufgrund einer wirklich existierenden Verbindung zwischen Zeichen und Objekt. Ein naheliegendes Beispiel ist der Rauch eines Feuers. Das symbolische Zeichen vermittelt aufgrund von Konvention oder Gewohnheit. Dem entspricht als Beispiel die Sprache. Jedoch ist diese Einteilung der Zeichen hinsichtlich ihrer Objektrelation als idealtypisch anzusehen, da es bei Zeichen zu Mischverhältnissen kommt, wie sich anhand der Fotografie zeigen wird. Im Folgenden sollen nun die spezifischen Eigenschaften, die nach Peirce ein Index erfüllt, rekonstruiert werden: Die Verwendung eines indexikalischen Zeichens kann nur dann erfolgen, wenn es zwischen Zeichen und Objekt eine wirkliche Verbindung gibt. Man hat es hier mit einem kausalen Verhältnis zutun: der Rauch und das Feuer, die Narbe und die Operation, der Abdruck im Sand und der Fuß. Wie sich sehen lässt, hängt das indexikalische Zeichen mit einem Ursache-Wirkung-Verhältnis zusammen. Das was physikalisch als Wirkung erklärt wird, lässt sich als Index verwenden. Indem man beispielsweise Rauch als Index verwendet, kann man sich damit auf einen Verbrennungsvorgang beziehen. Ist dieser Rauch auch dann noch besonders dunkel, kann man mit ihm darauf aufmerksam machen, dass womöglich ein verstopfter Luftfilter vorliegt. Hieran lässt sich auch sehen, dass man Rauch auch als Index für Luft verwenden könnte. Mit einem Index kann man sich also auf eine der vielen Ursachen für eine Wirkung beziehen. 36 Denn: Es bietet „sich häufig eine reiche Fülle von Möglichkeiten [an], um ihn [den Gegenstand] auf viele Arten ursächlich zu

34 Nach Peirce lassen sich bis zu zehn Zeichenklassen aufstellen. Vgl. Peirce, Phänomen und Logik der Zeichen, S. 128.

35 Vgl. Charles Sanders Peirce, „Neunte Lowell-Vorlesung“ (1866), in: Semiotische Schriften Band 1, Frankfurt a.M. 2000, S. 107-128, hier S. 112.

36 Vgl. Lambert Wiesing, Sehen lassen. Die Praxis des Zeigens, Berlin 2013, S. 216.

erklären.“ 37 Damit hängt zusammen, dass sich Indizes immer nur auf Einzelnes beziehen. 38 Dieses Einzelne muss tatsächlich existieren, denn würde es nicht mehr existieren, verlöre der jeweilige Index seine Eigenschaft ein Zeichen dieser Sache zu sein. Also: Einen Index gibt es nur, wenn sein Objekt existiert. 39 Aber auch der Index muss „als Tatsache oder Ding“ 40 existieren. An dieser Stelle muss ein kurzer Exkurs zum Begriff der Spur gemacht werden, da Peirce ein Fehler unterläuft: Wie gerade rekonstruiert, behauptet Peirce, dass es einen Index nur geben kann, wenn es das jeweilige Objekt gibt, sonst verlöre er seinen Zeichenstatus. Er fügt hinzu, dass der Index diesen Status aber nicht verlieren würde, wenn es keinen Interpretanten gäbe. In der deutschen Sprache ist es üblich synonym von Spur zu sprechen. Es ist wichtig an dieser Stelle eine Unterscheidung zwischen Spur und Wirkung zu machen, die so bei Peirce nicht zu finden ist und ihn zu dem Missverständnis leitet, zu behaupten, dass es ein indexikalisches Zeichen auch ohne Interpretanten geben würde. Eindringlicher formuliert:

Ein Index ist ein Repräsentamen [Zeichen], das die Funktion eines

Repräsentamens aufgrund eines Merkmals erfüllt, das es nicht besitzen könnte,

wenn sein Objekt nicht existierte, das es in gleicher Weise weiterhin besitzen wird,

ob es als Repräsentamen interpretiert wird oder nicht.41

Jedoch: Der Rauch wird immer die Wirkung unteranderem von Feuer sein, aber nicht immer eine Spur. Denn Spuren sind Zeichen und Zeichen gibt es nicht als natürlich vorhandene Entitäten. 42 Zeichen sind funktionale Begriffe:

Jedes Zeichen scheint allein tot. Was gibt ihm Leben? – Im Gebrauch lebt es.“ 43 Man kann dann eindeutig urteilen, dass Peirce jedoch annimmt, dass

37 Sextus Empiricus, Grundriß der pyrrhonischen Skepsis, Frankfurt a.M. 1999, S. 134.

38 Vgl. Charles Sanders Peirce, „Grundbegriffe der Semiotik und formalen Logik“ (1898, 1899, 1901/02), in: Semiotische Schriften 1, S. 336-375, hier S. 351.

39 Vgl. Peirce, „Grundbegriffe der Semiotik und formalen Logik“, S. 375.

40 Charles Sanders Peirce, „Kategoriale Strukturen und graphische Logik (H). Logischer Traktat Nr. 2 und zwei Teile der Dritten Lowell-Vorlesung von 1903“, in: Peirce, SM2, S. 98-166, hier S. 113. „Eine Tatsache ist etwas, was vom Rest des Wirklichen abgetrennt ist, da es soviel ist, wie sich durch eine Aussage ausdrücken lässt.“ Ebd., S. 100.

41 Peirce, „Dritte Vorlesung über den Pragmatismus: Die Verteidigung der Kategorien“ (1903), in:

Semiotische Schriften 1, S. 431-463, hier S. 435.

42 Vgl. Wiesing, Sehen lassen, S. 201f.

43 Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, §432.

es Zeichen als natürliche Entitäten gibt: „Der Index wird zu einem Zeichen aufgrund des Zufalls, daß er so aufgefasst wird, ein Umstand, der die Eigenschaft, die ihn erst zu einem Zeichen macht, nicht berührt.“ 44 Es wäre richtig gewesen, hätte Peirce gesagt, dass die Wirkung zu einem Zeichen wird, aufgrund des Zufalls, dass es so aufgefasst wird. Man kann Peirce also in die Tradition der Semiotiker stellen, die annehmen, dass es natürliche Zeichen gibt, wie z.B. die Stoiker. 45 Die Richtigstellung lautet also wie folgt:

Spuren sind Wirkungen, die als Zeichen verwendet werden. Daher kann es keinen Index ohne Interpretanten geben. Peirce spricht in seinen vielen Zeichentypologien, wenn er auf den Index zu sprechen kommt, oft davon, dass „ein Index für sein Objekt [steht,] kraft einer wirklichen Verbindung mit ihm oder weil es den Geist dazu zwingt, sich mit diesem Objekt zu befassen.“ 46 Er spricht hier von Zwang und anhand anderer Stellen lässt sich sehen, dass damit gemeint ist, dass die Verwendung von Indizes dafür verantwortlich ist, dass Aufmerksamkeit auf etwas generiert wird: „Alles, was irgendwie Aufmerksamkeit nach sich zieht ist, ein Indikator.“ 47 Peirce führt hierbei das überzeugende Beispiel des Donners an: „So indiziert ein fürchterliches Donnern, daß etwas Beachtenswertes geschehen ist, obwohl wir nicht genau wissen, was das für ein Ereignis war.“ 48 Jedes Beispiel für Indexikalität zeigt den Umstand der Aufmerksamkeitslenkung auf: Das allmorgendliche Husten wird die Aufmerksamkeit des Rauchers – im besten Fall – auf seine Gesundheit lenken und zwar dann, wenn er das Husten als Spur seiner ihn schädigenden Gewohnheit verwendet. Mithilfe eines Index’ Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, heißt für Peirce, dass „eine Verbindung von zwei Abschnitten der Erfahrung“ 49 hergestellt wird. Denn für ihn stellt die Lenkung der Aufmerksamkeit nicht anderes als eine Nötigung dar, eine spezifische Erfahrung zu machen. 50 Deswegen ist

44 Peirce, Phänomen , S. 65.

45 Vgl. Winfried Nöth, „Bildsemiotik“, hier S. 238.

46 Peirce, „Kurze Logik. Kapitel I“, S. 206.

47 Peirce, „Die Kunst des Räsonierens“, S. 198. Es wäre diskutabel, inwieweit das nicht für jeden Zeichentypus gelten sollte, da die Funktion des Verweisens notwendigerweise Aufmerksamkeit auf etwas lenken muss, dass außerhalb des Vermittlers liegt.

48 Ebd., S. 198.

49 Ebd.

50 Vgl. Peirce, „Über die Einheit kategorischer und hypothetischer Propositionen“ (1896), in:

Semiotische Schriften 1, S. 230-269, hier S. 244.

der deutsche Ausdruck für Index – Spur – auch so treffend: Der Jäger, der die Abdrücke auf dem Waldboden als Spuren eines Wolfes liest, wird diesem – insofern er die Fährte verfolgt – begegnen. Dementsprechend ist es nicht nur in einem übertragenen Sinne überzeugend, wenn Peirce davon spricht, dass ein Index „zu einem besonderen Objekt oder Anlaß hinführt.“ 51 Umberto Eco hat in seiner Monografie Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte von 1973 die beiden zuletzt genannten Punkte in der treffenden Aufforderung durch den Index, wie folgt formuliert: „Richte deine Aufmerksamkeit auf jenes Wahrnehmungsfeld und bringe dort eine aktuelle Wahrnehmung des Bezugsgegenstandes zustande.“ 52 Ein Zeichen muss zusammenfassend gesagt vier Bedingungen erfüllen, damit es ein Index ist: Erstens besteht zwischen Index und Objekt eine wirkliche Verbindung. Zweitens bezieht sich ein Index immer nur auf ein Individuelles, Einzelnes, welches tatsächlich existieren muss so wie es selbst auch. Drittens lenkt es die Aufmerksamkeit des Interpretierenden auf dieses Ding. Viertens wird der Interpretierende eine Erfahrung dieses Dinges machen. 53 Für den Index gilt hinzukommend, dass es nach Peirce nicht möglich ist, „einen reinen Index oder ein Zeichen zu finden, dem die indexikalische Eigenschaft völlig fehlt.“ 54 Daraus wird ersichtlich, dass man es bei jedem Zeichen immer mit einem Mischzeichen zutun hat. Lambert Wiesing weist in seiner Arbeit Sehen lassen. Die Praxis des Zeigens von 2013 auf die Unterscheidung zwischen genuinem und degeneriertem Index bei Peirce hin. 55 Als erste Bedingung für einen Index wurde hier festgehalten, dass dieser eine wirkliche Verbindung mit seinem Objekt haben muss. Diese Bedingung gilt in einem strengen Sinne nicht für den degenerierten Index, weswegen dieser auch zu seinem Namen kommt:

Wiesing fasst Peirce’ Definition wie folgt zusammen:

51 Vgl. Peirce, „Über die Einheit kategorischer und hypothetischer Propositionen“, S. 244.

52 Umberto Eco, Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte (1973), Frankfurt a.M. 1977, S. 174.

53 Es kann nicht abgestritten werden, dass drittens und viertens notwendigerweise zusammenhängen. Allerdings handelt es sich dennoch um konstitutiv verschiedene Momente, die analytisch getrennt werden können. Denn die Lenkung der Aufmerksamkeit und das Machen einer Erfahrung sind nicht dasselbe.

54 Peirce, „Grundbegriffe der Semiotik und formalen Logik“, S. 351.

55 Vgl. Wiesing, Sehen lassen, S. 216-230.

Ein degenerierter Index ist für Peirce das Zeichen, bei dem die Kausalbeziehung

des Index entweder durch eine Handlung oder durch eine Maschine künstlich

hergestellt, nachgeahmt oder simuliert wird.56

Das hat zur Folge, dass man es hierbei mit einem „Index-als-ob57 zutun hat, wie Wiesing schreibt. Dieser verminderte Index simuliert die Eigenschaften eines Index’, ohne dass er sie erfüllt. Wiesing macht darauf aufmerksam, dass der degenerierte Index die Beziehung zu seinem Objekt „entweder durch Willen oder durch Simulationstechniken58 herstellt. Die Zeigerichtung meines Fingers ändert sich, weil ich es will, wohingegen sich die Höhe der Flüssigkeit im Thermometer aufgrund einer physikalischen Beziehung ändert. Peirce formuliert es wie folgt, aber ohne explizit vom degenerierten Index zu sprechen: „Einige Indizes sind mehr oder minder detaillierte Anweisungen für das, was der Hörer tun muß, um sich in eine direkte erfahrungsmäßige oder andere Verbindung mit dem gemeinten Ding zu bringen.“ 59 Wie ist das Verhältnis von Index und epistemischen Funktionen bei Peirce gedacht? Ein Beispiel: Peirce spricht davon, dass Bildern , in diesem Fall Gemälden, oftmals ein Namensschild beigefügt ist, oder auch eine Legende, da es „sein Objekt hauptsächlich auf konventionelle Art und Weise [repräsentiert].“ 60 Dies füge dem Bild, welches bei ihm primär als Ikon verstanden wird 61 , eine indexikalische Eigenschaft hinzu. 62 Dieser indexikalische Anteil am Zeichen ist dafür verantwortlich, dass Informationen übermittelt werden können. Generell gilt nach Peirce, dass Propositionen – bei ihm auch Dici- und Dikent-Zeichen genannt 63 einen Index enthalten müssen 64 , weil Indizes die Funktion erfüllen Informationen zu vermitteln. 65 Überhaupt hat der Index die Funktion, den Bezug zu einer Sache herzustellen. Ohne Index würde man keine Aussagen über irgendetwas

56 Ebd., S. 218f.

57 Ebd., S. 218.

58 Ebd., S. 220.

59 Peirce, „Kurze Logik“, S. 209.

60 Peirce, Phänomen , S. 64.

61 Ebd., S. 64.

62 Vgl. Ebd., S. 64.

63 Ebd., S. 125.

64 Ebd., S. 71

65 Ebd., S.132.

treffen können. Dieser Umstand ist nicht zu unterschätzen, wenn es um bildliche, und hier eben fotografische Indexikalität geht. 66 Denn: Die Eigenschaften des Index ändern sich ja nicht mit der Sache, die als Index verwendet wird. Sie gelten ebenso für den Rauch, wie eben auch die Fotografie. Daher ist es wichtig, will man die Beziehung zwischen bildlicher Indexikalität und epistemologischen Funktionen erörtern, dass der Wert dessen, was Peirce über den Index im allgemeinen sagt, auch auf Seiten der Bildtheorie zur Geltung kommt. Die verschiedenen Zeichen übernehmen auch verschiedene Funktionen im Prozess der Wissensgenerierung. Dabei kann zu Beginn aber schon festgestellt werden, dass dem Symbol keine allzu große Rolle zugetan wird. Was aus Peirces Schriften hervor geht, ist, dass der Index und das Ikon an diesem Prozess in besonderer Weise beteiligt sind. Der Index übernimmt die Aufgabe überhaupt auf etwas Bezug zu nehmen. Das Ikon hingegen erfüllt die Funktion, Eigenschaften dieses Dings erkenntlich zu machen. „Die einen [Indizes] halten uns fest mit den Realitäten verbunden, die anderen [Ikons] liefern uns durch ihre schnellen Veränderungen die Nahrung für das Korpus des Denkens.“ 67 Aus der Diskussion über die grundlegenden Eigenschaften des Index, weiß man, dass will ich etwas über die Realität erfahren , bedarf es der Verwendung eines Index. Denn wie klar geworden ist, setzt die Verwendung eines Index den Interpreten in eine erfahrungsmäßige Beziehung mit dem Objekt. Um über dieses etwas wissen zu können, bedarf es wiederum eines Ikons. Eben weil nur dieses es ermöglicht Eigenschaften zu vermitteln. Aber damit ein Schluss gebildet werden kann, bedarf es Symbole. Es ist einsehbar also, dass man es bei der Erkenntnisgenerierung mit einer Mischung von Zeichen zutun hat. 68 Peirce trifft den Punkt, wenn er sagt, dass „die Kunst des Schließens [] die Kunst der Organisation derartiger Zeichen und der Ermittlung der Wahrheit ist.“ 69 Aber das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass man es bei Peirce mit einer Art Hierarchisierung der Zeichen im Prozess der Erkenntnisgenerierung zutun hat: „Während Symbole und Indizes für das Folgern unverzichtbar sind, [sind] es doch nur Ikone, die jede

66 Vgl. Peirce, „Die Kunst des Räsonierens“, S. 195 und Peirce, „Über die Einheit kategorischer und hypothetischer Propositionen“, S. 245f.

67 Peirce, „Die Kunst des Räsonierens“, S. 201.

68 Vgl. Peirce, „Kurze Logik“, S. 219.

69 Vgl. Peirce, „Die Kunst des Räsonierens“, S. 201.

wahre Darstellung des Objekts rational bestimmen.“ 70 Da es im vorliegenden Kapitel um Indexikalität geht, soll hierauf in Bezug zu epistemischen Funktionen eingegangen werden. Genuine wie auch degenerierte Indexikalität eignen in unterschiedlicher Weise epistemischen Funktionen: Das Thermometer als Beispiel genuiner

Indexikalität verschafft ein Tatsachenwissen 71 über die Temperatur und dies ist durch eine physikalische Beziehung möglich. Die Uhr als Beispiel degenerierter Indexikalität 72 eröffnet die Möglichkeit über das Zeigen der Uhrzeit ein Wissen über die Position der Erde zur Sonne zu erlangen, da das Zeigen der Uhrzeit ebenso ein Zeigen der Erdstellung ist. Allerdings muss man es auf Seiten der degenerierten Indexikalität einschränken: Wiesing führt das Beispiel eines Gemäldes des Eiffelturms ein. 73 Wenn man mit diesem den Eiffelturm zeigen will, weiß man dann wie der Eiffelturm aussieht? Bei dieser Verwendungsweise wird so getan, als ob das Gemälde eine Spur des Eiffelturms wäre, was es aber nicht ist. Was man durch diese Verwendung degenerierter Indexikalität wissen kann, ist, wie der Eiffelturm aussehen könnte. Wiesing schließt richtig, dass sich „mit keinem Gemälde

die Existenz von etwas zeigen noch beweisen“ 74 lässt. Das ist eine

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entscheidende Feststellung, die besagt, dass der Medientyp ebenso entscheidend ist, insofern man über den Weg argumentieren will, dass Bilder epistemischen Funktionen eignen, wenn man sie indexikalisch verwendet. Denn: Es ist hierbei ganz entscheidend, welches Bildmedium verwendet wird, will man es in Hinsicht des Beweisens, Argumentierens und Rechtfertigens verwenden. Deswegen ist Wiesings Kursivierung so wichtig:

„Degenerierte Indexikalität ist eine Eigenschaft all jener Handlungen, mit denen etwas gezeigt werden soll.“ 75 Denn: Nur genuine Indexikalität hat eine tatsächliche Verbindung. 76 Dies lässt sich an der Relationsbezeichnung sehen, denn „im Fall der Verwendung eines genuinen Index [] hat man es

70 Peirce, „Prolegomena zu einer Apologie des Pragmatizismus: Entwürfe und Nachträge 1906 und 1908. Gedanken und Denkereignis (H), MS 292, 1. Variante“, in: Peirce, SM3, S. 76-105, hier S. 79.

71 „Keine Tatsache kann behauptet werden, ohne dass ein Zeichen verwendet wird, das als Index dient“, in: Peirce, „Grundbegriffe der Semiotik und formalen Logik“, S. 349.

72 Vgl. Wiesing, Sehen lassen, S.222f.

73 Vgl. Ebd., S. 228f.

74 Wiesing, Artifizielle Präsenz, S. 229.

75 Wiesing, Sehen lassen, S. 222.

76 „Ein Index ist ein Zeichen, dass sein Objekt darstellt, weil es mit dem Objekt wie eine Tatsache verbunden ist“, in: Peirce, „Kategoriale Strukturen und graphische Logik (H). Logischer Traktat Nr. 2 und zwei Teile der Dritten Lowell-Vorlesung von 1903“, S. 105.

mit einer zweistelligen Relation zu tun, die Peirce auch secondness nennt.“ 77 Die Relation bei der degenerierten Indexikalität wird allerdings „entweder durch Willen oder durch Simulationstechniken78 vermittelt. Nur weil ich will, dass etwas die Spur von etwas anderem ist, bedeutet das nicht, dass sie es auch ist. Aus dieser Diskussion über die zwei Formen der Indexikalität ergibt sich die Feststellung, dass sich streng genommen nur diejenigen Bilder für Tatsachenbeweise eignen, die genuin-indexikalisch verwendet werden können: in erster Linie Fotografien. Wiesing betont zwar zurecht, dass die Bezeichnung „degeneriert“ eher etwas über Peirce’ „implizite Wertvorstellungen“ 79 ausdrückt, als dass sie der Sache nach angemessen ist, aber in epistemischer Hinsicht, doch wieder treffend ist, da sie anzeigt, dass die Beziehung zwischen Tatsache und Index hier vermindert sein muss. Und genau darum geht es Peirce in seiner Semiotik, eben zu ergründen, wie der menschliche Geist zu Erkenntnis gelangt und dabei spielt die Zeichenverwendung eine entscheidende Rolle. Nachdem nun geklärt werden ist, was überhaupt ein Index ist und welche Rolle dieser hinsichtlich epistemischer Funktionen spielt, sollen im Folgenden Ansätze semiotischer Bildtheorien besprochen werden, welche den Zusammenhang von Bild und Indexikalität zum Thema machen. Der Grund für dieses Unterkapitel ist, dass diese Theorien – implizit oder explizit – Grundlage für diejenigen bilden, die in dieser Arbeit der indexikalischen Position zugeordnet werden. Daher ist es erforderlich, auf die wichtigsten Argumente derjenigen einzugehen, die über die Indexikalität der Bilder sprechen, insbesondere auch, weil es um fotografische Bilder gehen wird.

c) Bildtheorien der Indexikalität

In diesem Unterkapitel soll anhand ausgewählter Bildtheorien das Verhältnis von Indexikalität und Bild untersucht werden. Insbesondere soll es darum gehen, zu klären, was das Besondere an indexikalischen Bildern ist. Hierfür sollen die Positionen von Peirce, Roland Barthes, Susan Sontag, Philippe

77 Wiesing, Sehen lassen, S. 220.

78 Ebd., S. 220.

79 Ebd., S. 228.

Dubois und Martin Seel zu Wort kommen. Der Gewinn für so eine Betrachtung liegt darin, dass man zum Einen eine bildspezifische Bestimmung der Indexikalität hat und zum Anderen, dass man – ohne dass es das Hauptthema der jeweiligen Arbeiten ist – dem Komplex von Bild und Episteme begegnet, eben begründet durch Indexikalität. Es soll bei den jeweiligen Positionen darauf eingegangen werden, inwieweit Erkenntnisfunktion und –wert bestimmt werden – wenn auch nur implizit. Es lässt sich sagen, dass die Fotografie ein Musterbeispiel für Peirce war, wenn es um das alltägliche Vorkommen von Zeichen ging und nicht nur deren theoretisch-idealtypische Einteilung. Sie ist deswegen ein Musterbeispiel, weil die Fotografie auf besondere Art und Weise die Mischung verschiedener Zeichentypen darstellt. Beleg für diese Auffassung ist ein Zwiespalt im Denken von Peirce, der sich gut nachverfolgen lässt. Im hier schon zitierten Manuskript „Die Kunst des Räsonierens“ von 1893 sagt Peirce, dass „Photographien unter Bedingungen entstehen, die sie physisch dazu zwingen, Punkt für Punkt dem Original zu entsprechen. In dieser Hinsicht gehören sie also zu der zweiten Zeichenklasse, die Zeichen aufgrund ihrer physischen Verbindung sind.“ 80 Das heißt Fotografien sind Indizes. Im Manuskript „Kurze Logik“ aus dem Jahr 1895 heißt es dann aber wiederum: „Eine Photographie ist ein Ikon“ 81 . Die Lösung für dieses Problem sieht Peirce darin, zu sagen, dass das „Foto [] ein Bizeichen-Index ist. Es stellt ein Ikon dar, und gleichzeitig scheint seine physikalische Verbindung mit seinem Objekt die Gewähr für seine Wiedergabetreue zu bieten.“ 82 Bedenkt man aber, wie weiter oben erwähnt, dass es Zeichen nur im Gebrauch gibt, wird klar, dass man es jeweils mit der Betonung eines Aspekts einer komplexen Zeichenzusammensetzung zutun hat. Denn Peirce selbst weist schließlich daraufhin, dass „ein und dasselbe Zeichen gleichzeitig ein Simile [Ikon] und Indikator [Index] sein kann.“ 83 Und dies trifft mustergültig eben auf die Fotografie zu. Dieses Mischverhältnis aus Ikon und Index bedingt für Peirce einen entscheidenden Umstand und zwar, dass „jede Proposition [] durch eine Photographie [] ausgedrückt werden

80 Peirce, „Die Kunst des Räsonierens“, S. 193.

81 Peirce, „Kurze Logik“, S. 205.

82 Peirce, „Kategoriale Strukturen und graphische Logik (H). Logischer Traktat Nr. 2 und zwei Teile der Dritten Lowell-Vorlesung von 1903“, S. 114.

83 Peirce, „Die Kunst des Räsonierens“, S. 197.

kann“ 84 . Und der entscheidende Punkt in Peirce Argumentation ist, dass „eine Proposition [] die Bedeutung eines Zeichens ist, das darstellt, daß ein Ikon auf das anwendbar ist, was ein Index indiziert.“ 85 Und eben genau dieses Verhältnis liegt bei der Fotografie vor. In diesem Sinne kann gefolgert werden, dass die Fotografie für Peirce der Beleg für die Existenz einer Sache, welcher zusätzlich Informationen über diese Sache liefert, aufgrund der, nach Peirce, internen, erzwungenen Verknüpfung von Indexikalität und Ikonizität. Nach Peirce verhält es sich mit der Proposition so, dass diese dann wahr ist, wenn ihr Gegenstand existiert und eine Wirkung auf denjenigen hat, der diese Proposition behauptet, eben weil er sie behauptet. 86 Das ist nun ein entscheidendes Problem. Denn: Fotografien behaupten nichts. Das können nur Menschen. Allerdings können Menschen mit Fotografien etwas behaupten. Man hat es mit einem Vorgang der Semiose zutun, welche aus allen Zeichentypen zusammengesetzt sind, wie Ludwig Jäger anmerkt. 87 Wenn jemand also mit einem Foto etwas behaupten will, dann geschieht dies nicht nur indexikalisch, sondern alle Zeichentypen sind an diesem Prozess beteiligt. Dennoch ist die Pointe von Peirce’ Argumentation von entscheidendem Gewicht für die ganze Debatte über den Erkenntniswert der Bilder: Der Index ist zuallererst dafür verantwortlich, dass überhaupt etwas über Etwas behauptet werden kann. Und das ist beim fotografischen Bild nicht zu unterschätzen. Das Besondere am Verhältnis von Index und Bild ist nach Peirce, dass der Index aufgrund seiner physikalischen Verbundenheit einen Wirklichkeitsbezug zwischen fotografischem Bild und Welt herstellt. Die Erkenntnisfunktion des Index liegt für Peirce darin, dass das, worüber überhaupt eine Aussage gemacht werden kann, erst auffällig wird. Der Index lenkt die Aufmerksamkeit auf etwas. Der Erkenntniswert besteht dann darin, dass dieses Etwas als existierend erkannt werden kann, da es eine Wirkung hat. Für Peirce kann aus einer Fotografie noch mehr erkannt werden als die

84 Peirce, „Dritte Vorlesung über den Pragmatismus. Die Verteidigung der Kategorien“ (1903), S.

414.

85 Ebd.

86 Ebd.

87 Vgl. Ludwig Jäger, „Die Evidenz des Bildes. Einige Anmerkungen zu den semiologischen und

epistemologischen Voraussetzungen der Bildsemantik“, in: Enno Rudolph und Thomas Steinfeld (Hrsg.:), Machtwechsel der Bilder. Bild und Bildverstehen im Wandel, Zürich 2012, S. 95-125, hier S.

117.

Existenz einer Sache, was aber aus oben genannten Gründen eine schwierige Behauptung ist und sich im Folgenden auch als eine schwierig aufrechtzuerhaltende These zeigen wird. Genau dieser Form der Argumentation schließt sich Roland Barthes in seiner Monografie „Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie“ von 1980 an. 88 Während man es bei Peirce in den Abschnitten zur Fotografie stets mit der Betonung der physikalischen Verbundenheit von Index und Referent zutun hat – abgesehen von der Erkenntnisfunktion –, ist für Barthes die Lenkung der Aufmerksamkeit durch den Index, die Bedingung, welche für ihn im Vordergrund steht. Gerade dieser deiktische Moment des Index scheint für ihn eine Schlüsselrolle zu spielen, insbesondere lässt sich dies an den Formulierungen erkennen, die Barthes wählt, um die spezifische Leistung, die der Foto-Index vollbringt, zu bezeichnen: „Die Photographie ist immer nur ein Wechselgesang von Rufen wie ‚Seht mal! Schau! Hier ist’s!’; sie deutet mit dem Finger auf ein bestimmtes Gegenüber und ist an diese reine Hinweis-Sprache gebunden.“ 89 Seine Formulierungen sind deswegen wichtig, weil er selbst auf deiktische Ausdrücke und Gesten zurückgreift, um die Lenkung der Aufmerksamkeit durch den fotografischen Index hervorzuheben. Verfolgt man die Argumentation von Barthes, mag sich dieser Eindruck vorerst nicht einstellen, gewinnt man doch eher den Eindruck einer typischen Argumentation für den physikalischen Konnex zwischen Foto und Referent. Auch er betont berechtigterweise diese physikalische Verbundenheit, da er aber um eine Phänomenologie der Fotografie 90 bemüht ist, ist es nicht verwunderlich, dass er den Aspekt der Erfahrung betonen will. Denn ist es bei Peirce so, dass der Index durch die physikalische Verbundenheit den Beweis der Existenz einer Sache liefert, koppelt Barthes den Beweis an die Erfahrung: „Das Unnachahmliche der Photographie besteht darin, daß jemand den Referenten leibhaftig oder gar in persona gesehen hat“ 91 . Barthes beschreibt die Erfahrung, die er vor einer Photographie macht so, dass das, was er als Bildobjekt wahrnimmt, als real

88 Es muss aber gesagt werden, dass es hier Barthes nicht um eine Semiotik des fotografischen Bildes geht, sondern viel mehr um einer Beschreibung des Erlebens der Betrachtung fotografischer Bilder, also einer Phänomenologie der Fotografie, auch wenn diese Phänomenologie nicht „orthodox“ ist.

89 Barthes, Die helle Kammer, S. 13.

90 Vgl. z.B. „Das Bewußtsein meiner Betroffenheit als Richtschnur zu nehmen.“ Ebd., S. 18.

91 Ebd., S. 89

nimmt, nicht als anwesend, aber als irgendwo dagewesen. Der Gedankengang ist, dass es dieses Foto nur geben kann, weil es irgendwo zu irgendeiner Zeit dieses Bildobjekt real gegeben haben muss. Daher kommt er auch zu dem Schluss, dass die „Referenz, [] das Grundprinzip der Photographie darstellt.“ 92 Denn: Es „läßt sich in der Photographie nicht leugnen, daß die Sache dagewesen ist.“ 93 Den entscheidenden Argumentationsschritt den Barthes vom physikalischen Konnex zur Erfahrung macht, ist, dass

die Wirkung, die sie [die Fotografie] auf mich ausübt, nicht in der Wiederherstellung

des (durch Zeit, durch Entfernung) Aufgehobenen [besteht], sondern in der

Beglaubigung, daß das, was ich sehe, tatsächlich dagewesen ist.94

Zu welcher Erfahrung werde ich durch das Betrachten einer Fotografie nach Barthes gezwungen? Sie veranlasst mich an die Existenz der Sache zu glauben. Die Fotografie konfrontiert den Betrachter notwendigerweise mit der Existenz der Sache, aufgrund der physikalischen Verbundenheit. Natürlich nicht mit der Sache selber, aber die Fotografie bestätigt diese Sache: „Das Wesen der Photographie besteht in der Bestätigung dessen, was sie wiedergibt. [Sie] ist die Bestätigung selbst.“ 95 Daraus wird klar, dass die Fotografie nicht die Sache selbst oder auch eine Kopie der Sache ist. Barthes vertritt hier eine ähnliche Position, wie die Theoretiker der Sichtbarkeit in der Bildtheorie: Argumentieren diese, dass das Bildobjekt, ein Gegenstand ist, der nur sichtbar ist, so lässt sich Barthes ihnen ebenfalls zuordnen: „Ein wahrhaft neues Wesen: etwas Wirkliches, das man nicht mehr berühren.“ 96 Für Barthes ist die Fotografie das, wofür Lambert Wiesing die treffende Formulierung „Artifizielle Präsenz“ 97 gefunden hat: „Jegliche Photographie ist eine Beglaubigung von Präsenz“ 98 . An der Wortwahl Barthes’ lässt sich erkennen, warum dieser in die Auswahl aufgenommen wurde: Barthes spricht von Bestätigung, Beglaubigung und dies verweist auf

92 Ebd., S. 87.

93 Ebd., S. 86.

94 Ebd., S. 92.

95 Ebd., S. 95f.

96 Ebd., S. 97.

97 Wiesing, Artifizielle Präsenz.

98 Barthes, Die helle Kammer, S. 97.

den epistemischen Charakter des Bildes, genauer: der Fotografie. Was für Barthes den Erkenntniswert des Fotos ausmacht, ist, dass die Indexikalität mich veranlasst eine Erfahrung der Existenz des Objekts zu machen, ohne, dass es dabei anwesend ist. Aber beim Wissen einer zumindest vergangenen Existenz bleibt es nach ihm auch notwendigerweise. Epistemisch kann die Fotografie nicht mehr leisten, als die Feststellung einer Existenz zu sein: „Gerade das Photo: es kann nicht sagen, was es zeigt.“ 99 Barthes vertritt einen demütigen Standpunkt, was den epistemischen Wert der Fotografien angeht:

Doch wie lange ich das Bild auch betrachten mag, es teilt mir nichts mit. Genau in

dieser Interpretationssperre liegt die Gewißheit des Photos: auch wenn ich mich

noch so sehr mühe, alles, was ich feststellen kann, ist, daß es so gewesen ist.100

Barthes’ Standpunkt lässt sich insoweit zusammenfassen, dass man prinzipiell eine Zeichentheorie vorliegen hat, weil auch sie die Indexikalität in den Vordergrund stellt. Die Pointe bei Barthes ist dann aber, dass er versucht die Erfahrung, die er aufgrund der Indexikalität macht, zu beschreiben, um so zum Wesen der Photographie zu kommen. Das Besondere an der Indexikalität der Fotografie ist für ihn, dass sie den Betrachter zu einer Erfahrung veranlasst, wenn nicht sogar zwingt, da Barthes wiederholt von Beglaubigung spricht. Der Betrachter wird nach Barthes dazu veranlasst, eine Erfahrung der Existenz der abgelichteten Sache zu machen, obwohl sie nicht präsent ist. Diese Erfahrung drückt Barthes in der Formulierung des so-ist-es-gewesen aus. Ohne dass es Barthes explizit, um das Thema der Erkenntnis durch Bilder geht – auch wenn es hier und da angeschnitten wird –, lassen sich aus seinen Beschreibungen Schlüsse für die vorliegende Arbeit ziehen. Wie bereits schon angesprochen, liefert das Foto den Beweis für die Existenz einer Sache nach Barthes. Von dem was man auf einem Foto sehen kann, weiß man auf jeden Fall, dass es existiert hat. Das ist eine wichtige Feststellung und richtigerweise weist er weitergehende epistemische Vorzüge der Fotografie zurück. Mehr als zu bestätigen, dass eine bestimmte Sache

99 Ebd., S. 111. 100 Ebd., S. 117.

existiert hat, ist nicht möglich. Der Erkenntniswert des fotografischen Bildes liegt also im Existenzbeweis. Die Erkenntnisfunktion besteht wie bei Peirce in der Aufmerksamkeitslenkung. Nahezu zeitgleich – nur drei Jahre früher – veröffentlicht Susan Sontag die Essaysammlung „Über Fotografie“ 1977. Diese Sammlung kann als eine radikalisierte Form der Position Barthes verstanden werden und wird deswegen auch nach Barthes angeführt, zumal man es auch nicht mit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu tun hat und deswegen auch kein stringenter Argumentationsgang vorliegt. Die Position Sontags zur Indexikalität der fotografischen Bilder sst sich als Anschluss an Barthes deswegen verstehen, weil man nahezu dieselben Hervorhebungen findet. Allerdings – und das ist hier der entscheidende Punkt – wird der Erkenntniswert von ihr abgesprochen: „Genau genommen läßt sich aus einem Foto nie etwas verstehen. [] Es ist eine Erkenntnis zu Ausverkaufspreisen – ein Abklatsch der Erkenntnis, ein Abklatsch der Weisheit“ 101 . Sontag kommt zu dieser Bewertung, weil Fotos „von sich aus nichts erklären können“ 102 . Sontag stimmt mit der Position Barthes überein, wenn sie sagt, dass Fotos „unwiderleglicher Beweis“ 103 für die Existenz einer abgelichteten Sache sind. Auch hier findet man den Verweis auf die Indexikalität, wenn Sontag davon spricht, dass Fotos „nicht so sehr Aussagen als viel mehr Bruchstücke der Welt“ 104 , weswegen „Grund zur Annahme [besteht], daß etwas existiert – oder existiert hat –, das dem gleicht, was auf dem Bild zu sehen ist.“ 105 Dementsprechend übernehmen Fotos im gesellschaftlichen Leben wichtige Funktionen, weil sie Aufschluss über das Vorhandensein von Dingen geben. Zurecht verweist Sontag auf die Wichtigkeit der Fotografie „für Spione, Meteorologen, Leichenbeschauer, Archäologen und andere auf Einzelinformationen angewiesene Berufsgruppen“ 106 , da die Fotografie „Beweismaterial“ 107 liefert, wenn es darum geht die Existenz einer Sache zu beweisen. Sontag umschreibt dies treffend, wenn sie sagt, dass man mit Fotografien Aussagen darüber fällen

101 Susan Sontag, Über Fotografie (1977), Frankfurt a.M. 2008, S. 28f.

102 Ebd., S. 28.

103 Ebd., S. 11.

104 Ebd., S. 10.

105 Ebd., S. 11.

106 Ebd., S. 27.

107 Ebd., S. 11.

kann „was vorhanden ist; sie machen Inventur.“ 108 Das ist aber aus Sicht Sontags zugleich ihr Problem, will man den epistemischen Wert der Bilder klären. Über das Wissen um die Existenz einer Sache ist mehr nicht zu gewinnen, denn durch Fotos können keine Zusammenhänge erschlossen und verstanden werden. 109 Sontag ist in ihren Essays darum bemüht, Kritik an einer Inflation an Bildern in den Nachrichten zu üben, weil der Anschein geweckt wird, dass durch Fotografien „ethische oder politische“ 110 Zusammenhänge verstanden werden könnten, was ihrer Meinung nach aber nicht möglich sei. Sontag ist insoweit radikaler als Barthes, als dass sie darum bemüht ist, den Erkenntniswert, der den Bildern zugesprochen wird, zu depotenzieren. Sie weist wie Barthes auf den Existenzbeweis durch Indexikalität hin, kritisiert aber im Gegenteil alle darüber hinausgehenden epistemischen Annahme, wohingegen Barthes nur auf die Unmöglichkeit hinweist, mehr aus einer Fotografie zu erfahren, als die Existenz einer Sache. Einer der ersten Versuche verschiedene Theorien über die Indexikalität von Fotografien zusammenzubringen und weiterzuentwickeln, ist „Der fotografische Akt“ von Philippe Dubois von 1998. Dubois bemüht sich darum aufzuzeigen, dass man es in der Fotografietheorie mit drei Phasen zutun hat:

Zu Beginn der Fotografie glaubte man an die mimetischen Eigenschaften der Fotografie, während es für die zweite Phase entscheidend ist, dass gerade diese Überzeugung kritisiert wird und die trügerischen Fähigkeiten der Fotografie betont werden. Die dritte theoretische Phase, und nach Dubois die aktuelle, betont die indexikalische Eigenschaft der Fotografie. Hier sind es eben auch Peirce und Barthes, die als Hauptvertreter einer indexikalischen Theorie angeführt werden. Konnte bei Peirce festgehalten werden, dass dieser die physikalische Verbundenheit des Index hinsichtlich der Fotografie betont, so ist es bei Barthes die Veranlassung zur Erfahrung der Existenz einer Sache. Dubois nun verschiebt den Fokus auf einen anderen Aspekt des Index und zwar auf die Aufmerksamkeitslenkung durch selbigen und wird dadurch für die vorliegende Arbeit von systematischen Interesse. Neben der Fokussierung auf die Aufmerksamkeitslenkung, sticht ein weiterer Punkt

108 Ebd., S. 27.

109 Vgl. Ebd., S. 26ff.

110 Ebd., S. 29.

in Dubois’ Argumentation heraus: Wie Barthes und Sontag betont auch er, dass eine Fotografie nicht mehr preisgibt, als die Existenz einer Sache. Alle weiteren Behauptungen entspringen der Verwendung der Fotografie in einem spezifischen Kontext: „Als Index besäße das fotografische Bild keine andere Semantik als seine eigene Pragmatik.“ 111 Beide Punkte hängen miteinander eng zusammen, wie sich im Folgenden zeigen wird. Dubois schließt sich der Meinung Barthes’ an, dass das Foto zwar die Existenz einer Sache bestätigt, „aber es sagt uns nichts über den Sinn dieser Repräsentation; es sagt uns nicht das bedeutet dies.“ 112 Das macht die Besonderheit des Index für Dubois aus, dass er „die Unterscheidung zwischen Sinn und Existenz zum Tragen“ 113 bringt. Wie in dieser Arbeit im Kapitel über Peirce’ Index stellt Dubois ebenfalls vier Eigenschaften auf, die ein Index erfüllt: physikalische Verbundenheit, Singularität, Bezeichnung, Beweis. 114 Dubois’ Einteilung unterscheidet sich im letzten Punkt von der hier vorgenommenen Interpretation der Eigenschaften, die nach Peirce ein Index erfüllen muss. Denn mit Bezeichnung meint Dubois nichts anderes, als das was weiter oben mit Aufmerksamkeitslenkung gemeint war. Er bezieht sich auf Peirce, wenn er vom „aufzeigenden und hinweisenden Merkmal“ 115 des Index spricht und darauf hinaus will, dass der Index, den Betrachter dazu veranlasst seine Aufmerksamkeit auf etwas zu richten. Mit Verweis auf Barthes ist es daher auch nicht verwunderlich, dass Dubois das fotografische Bild mit einem Zeigefinger vergleicht. 116 Die Indexikalität des fotografischen Bildes macht es nach Dubois erst möglich, auf etwas aufmerksam zu werden, indem sie bezeichnet. Der entscheidende Punkt dieser hinweisenden Eigenschaft des Index sieht Dubois darin, dass er zwar etwas als etwas kenntlich werden lässt, aber darüber hinaus nichts zu leisten vermag. Wie Dubois selbst sagt, ist „diese Zeigekraft als solche, eine gänzlich inhaltsleere, rein bezeichnende Kraft.“ 117 Hier macht Dubois nun auf einen Umstand aufmerksam, der nicht zu unterschätzen ist: Das

111 Philippe Dubois, Der fotografische Akt. Versuch über ein theoretisches Dispositiv, Dresden und Amsterdam 1998, S. 56.

112 Ebd.

113 Ebd.

114 Vgl. Ebd., S. 68.

115 Ebd., S. 76.

116 Ebd., S. 77.

117 Ebd., S. 78.

fotografische Bild als solches ist bedeutungslos. Erst die Verwendung 118 der Fotografie entscheidet über die Bedeutung. Die Indexikalität verleiht keine Bedeutung, sie ermöglicht aber, dass etwas bedeutsam werden kann. Es ist für Dubois unumgänglich, dass Fotografien in einem Verwendungszusammenhang sein müssen, damit ihnen Bedeutung zukommt, da er von der „absoluten Notwendigkeit einer pragmatischen Dimension, die jeder Konstituierung einer Semantik vorausliegt“ 119 , spricht. Das heißt, dass die Eigenschaft der Bezeichnung des Index nicht bedeutungsstiftend ist, aber einen Existenzbeweis liefert. Dies ist die zweite charakteristische Eigenschaft des Index nach Dubois: der Beweis. „Als Index ist die Fotografie von ihrem Wesen her unwiderlegbarer Beweis der Existenz gewisser Realitäten.“ 120 Wenn die Fotografie auf etwas hinweist, dann beweist sie auch die Existenz dessen, weil sie mit dem Objekt physikalisch verbunden ist. Die sogenannte Zeigekraft des Fotos besteht also nicht nur darin, dass sie die Aufmerksamkeit auf etwas lenkt, sondern ebenso, dass sie die Existenz dessen, worauf sie verweist, beweist. Hinsichtlich des epistemischen Werts der Fotografie lässt sich zusammenfassend sagen, dass die bekannte Position des Existenzbeweis’ auch durch Dubois vertreten wird. Hinsichtlich der Erkenntnisfunktion des Index betont auch Dubois die aufmerksamkeitslenkende Eigenschaft des Index, er spricht hier von Zeigekraft. Das er den Begriff der Kraft einführt, ist ungünstig, da dadurch die pragmatische Dimension, die er ja selber betont, mystifiziert wird. Daher könnte man auch in Anlehnung an Derrida davon reden, dass man es hier mit einem mystischen Grund der Aufmerksamkeit zutun hat. 121 Zugehörig zur Erkenntnisfunktion ist ebenso, dass durch das Zeigen gleichzeitig ein Beweis über die Existenz des Gezeigten erbracht wird. Das ist entscheidend für die Argumentation Dubois’: Die Indexikalität des fotografischen Bildes macht es möglich auf etwas zu verweisen. Mit der Verwendung des fotografischen Bildes als Index geht einher, dass etwas bezeichnet und somit die Existenz dessen bewiesen wird. Aber mehr ist nicht möglich: „Nun muß man sich davor hüten, diese Existenzbehauptung für eine

118 Vgl. Ebd., S. 78.

119 Ebd., S. 83.

120 Ebd., S. 75.

121 Jacques Derrida, Gesetzeskraft. Der mystische Grund der Autorität, Frankfurt a.M. 1991.

Sinnerklärung zu halten.“ 122 Dubois reiht sich mit dieser Position klar in die vorangegangenen Überlegungen ein und betont den deiktischen Charakter des Index, welcher „mit dem da ist gewesen [endet], das er nicht mit einem das besagt ausfüllt.“ 123 Auch wenn Martin Seel in seinem Aufsatz „Fotografien sind wie Namen“ von 1996 nicht wortwörtlich von Indexikalität spricht, so lässt sich durch die Argumentation sehen, dass es aber um diese geht. Seels These ist, dass Fotografien in unterschiedlichen Szenarien gebraucht werden, um auf unterschiedliche Dinge Bezug zu nehmen, jedoch folgert daraus nicht, dass man es mit einer willkürlichen Verwendung zutun hat, sondern es Gründe dafür gibt, warum sich überhaupt mit Fotografien ein „Wirklichkeitsbezug“ 124 herstellen lässt. Es geht Seel darum zu sagen, dass man mit Fotografien nicht willkürlich auf alles verweisen kann, sondern weil Fotografien eine Beziehung zur Wirklichkeit haben, lässt sich dieser Bezug erst herstellen. Man hat es also mit einer Gegenposition zu „einer extremistischen Gebrauchstheorie des fotografischen Bildes“ 125 zutun. Ebenso wie Barthes, Sontag und Dubois betont auch Seel die Funktion des Existenzbeweis’, welchen eine Fotografie übernehmen kann und dies in Anlehnung Barthes: „‚Dies-damals-da’ []: das ist die Geste, die ein Foto beibehält, wie immer es jeweils gebraucht und gedeutet wird.“ 126 Es besteht dann die Frage, wie dies möglich ist, also welche Argumente Seel findet, um sagen zu können, dass Fotografien epistemische Funktionen übernehmen können. Seel arbeitet hierbei ganz offen mit einer Analogie 127 , mit welcher er versucht, das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit zu bestimmen und aus welchem sich dann Rückschlüsse für eine Epistemologie des Bildes ziehen lassen: Seel behauptet, wie dies sein Titel offen zur Schau stellt, dass Fotografien wie Namen sind. Das Ausgangsproblem besteht darin, wie man sich mit Fotografien auf etwas beziehen kann, denn mit einem Foto lässt sich zu vielen Dingen Bezug herstellen. Seel will sich, wie schon erwähnt, von der Position abgrenzen, die besagt, dass man Dinge auf Fotos nur in einer je

122 Dubois, Der fotografische Akt, S. 87.

123 Ebd., S. 88.

124 Martin Seel, „Fotografien sind wie Namen“, in: Ders., Ethisch-Ästhetische Studien, Frankfurt a.M. 1996, S. 82-103, S. 82.

125 Ebd., S. 87.

126 Ebd., S. 94.

127 Ebd.

spezifischen Verwendungsweise erkennt und das, was man erkennt, hängt eben von dieser Verwendungsweise ab. 128 Diese Annahme hat zur Folge, dass der „Wirklichkeitsbezug [] nur Effekt des jeweiligen Gebrauchs“ 129 wäre. Seel geht mit dieser Position nur insoweit mit, dass er zustimmt, dass sich Bedeutung durch Gebrauch konstituiert. 130 Das heißt für ihn im Fall der Fotografie, dass das was man auf einer Fotografie sieht, durch die Verwendung des Fotos in einem spezifischen Kontext geregelt wird. Aber dass etwas gesehen wird, hat nach Seel nichts mit der Verwendungsweise zutun. Dementsprechend sucht er eine Begründung dafür, wie dieser Bezug existieren kann, ohne ihn an die Verwendung zu binden. Die Namensanalogie hat seiner Ansicht nach den Vorzug, dass für den Namen gilt, dass er „denotiert, ohne zu konnotieren.“ 131 Dies soll ebenso beim Foto der Fall sein. Die Analogie besagt, dass das Foto sich auf etwas bezieht, ohne dass es bestimmt, was dieses Etwas ist. Seel hat vollkommen recht, wenn er sagt, dass „das Foto als solches keine Bestimmung der Dinge [gibt], die wir auf ihm erkennen.“ 132 Das, was das Foto leisten kann, beschreibt Seel als Benennung. Das Foto von einer bestimmten Situation ist wie ein Eigenname: Spreche ich über jemandem und nenne seinen Namen, dann beziehe ich mich auf diese Person, ohne mit dem Namen allein schon etwas über diese Person auszusagen. Der Name dient dazu sich überhaupt auf etwas beziehen zu können. Dies gilt nach Seel auch für das Foto: Durch das Foto lässt sich auf vieles Bezug nehmen, aber eine spezifische Aussage über das Denotierte, leistet das Foto nicht:

Das Foto selbst stellt jedoch nichts dar, beschreibt nichts, gibt keine

Charakterisierung; es greift einzig eine Konfiguration von Dingen heraus. Es benennt

diese Konstellation so, daß sie als Gegenstand der Wahrnehmung ansprechbar,

interpretierbar, deutbar wird.133

Hieran wird auch deutlich, warum es gerechtfertigt ist, Seel als Indexikalitäts- Theoretiker heranzuziehen: Schon bei Peirce wird festgestellt, dass

128 Vgl. Ebd., S. 87.

129 Ebd., S. 82.

130 Ebd.

131 Ebd., S. 88.

132 Ebd., S. 87.

133 Ebd., S. 91.

Eigennamen indexikalischen Charakter haben: „Every proper name must be regarded as some type of indexical sign.“ 134 Es gilt für Fotografien das, was auch für Namen gilt: „Sie beziehen sich wie Namen auf das, wovon sie sind.“ 135 Das mag trivial erscheinen, aber durch diese Funktion wird klar, dass es sich der Meinung Seels nach, um Indexikalität handelt. Die Fotografie ist für Seel die Spur „augenblicklicher Konfigurationen von Dingen.“ 136 Es ist daher richtig zu sagen, dass sich mit Fotografien auf diese Konstellationen beziehen lässt, aber Fotografien darüber hinaus nichts leisten, also keine Bedeutung konstituieren: „Als was wir die Gegenstände auf dem Bild dabei wahrnehmen, ist Sache unserer Interpretation des Bildes, nicht Sache des Bildes.“ 137 Problematisch an Seels Argumentationsgang ist, dass er sagt, dass „Fotos Zeichen [sind], mit denen wir uns auf Aspekte der Wirklichkeit beziehen können“ 138 , sich aber von einer Gebrauchstheorie abgrenzen will. Der Widerspruch ist darin begründet, dass, wie eingangs aufgezeigt, es Zeichen nur im Gebrauch gibt. Wenn Fotos „Zeichen von tatsächlichen Dingen“ 139 sind, dann ist das nur möglich, wenn die Fotografie auf diese Weise verwendet wird. Alle Zeichen gibt es nur in der Verwendung als Zeichen und Namen sind Indizes. Wenn Fotografien dann wie Namen sind, dann sind Fotografien Indizes. Sicherlich lassen sich Fotografien auch nicht als Zeichen verwenden, Seel kann sich aber aufgrund seiner Annahme nicht von einer Gebrauchstheorie lösen, vielmehr liegt es nahe, als würde er annehmen, dass Namen – und damit auch Fotografien – so etwas wie natürliche Zeichen sind. Das dies nicht der Fall ist, muss an dieser Stelle klar sein. 140 Auch wenn sich Seel hier widersprechen mag, kann seine Position Aufschluss über die Verwendung von Fotografien in epistemischer Hinsicht geben. Auch durch Seels Argumentationsgang wird klar, dass mit Fotografien auf die Existenz von Dingen Bezug genommen werden kann. Mehr aber können

134 Jeffrey R. DiLeo, „Charles Peirce’s Theory of Proper Names“, in: Nathan Houser, Don D. Roberts und James Van Evra (Hrsg.): Studies in the Logic of Charles Sanders Peirce, Bloomington und Indianapolis 1997, S. 574-594, hier S. 583.

135 Seel, „Fotografien sind wie Namen“, S. 89.

136 Ebd., S. 90.

137 Ebd., S. 91.

138 Ebd., S. 92.

139 Ebd.

140 Vgl. Wiesing, Sehen lassen, S. 198ff für eine weiterführende Diskussion über diese Problematik bei Seel.

Fotografien epistemisch nicht leisten. Das Besondere an der Indexikalität des Bildes ist nach Seel aber, dass eine Aufmerksamkeitslenkung durch Bezeichnung stattfindet: „Es benennt diese Konstellation so, daß sie als Gegenstand der Wahrnehmung ansprechbar [] wird.“ 141 Es lässt sich also sagen, dass der Erkenntniswert des Index im Existenzbeweis besteht. Die Erkenntnisfunktion des Index liegt in der Aufmerksamkeitslenkung. Von Charles Sanders Peirce bis Martin Seel findet man eine erstaunliche Übereinstimmung darüber, was die Besonderheit des indexikalischen Bildes, seiner Erkenntnisfunktion sowie –werts ist. Die Unterschiede bestehen nur in Nuancen, die die Einheitlichkeit der Argumentation nicht unterbrechen. Man hat es eher mit Verschiebungen zutun als mit Unterschieden. Es wurden vier verschiedene Eigenschaften des Index aufgezeigt und hinsichtlich dieser Eigenschaften fällt die Gewichtung und Betonung unterschiedlich aus. Peirce betonte die physikalische Verbundenheit des Index, Barthes den Zwang zur Erfahrung, Dubois und Seel die aufmerksamkeitslenkende Eigenschaft. Es ist nicht so, dass die jeweils anderen Eigenschaften nicht vorkommen würden, sie stehen bloß jeweils nicht im Fokus. Einigkeit herrscht allerdings über Erkenntnisfunktion und –wert des indexikalischen Bildes: Alle exemplarischen Theorien sind sich darüber einig, dass indexikalischen Bildern aufgrund ihres aufmerksamkeitslenkenden Charakters eine Erkenntnisfunktion zugeschrieben werden kann. Der Erkenntnisgewinn, der sich daraus ergibt, besteht im Beweis, oder in der Vergewisserung der Existenz einer Sache. Ebenso, das kann hier zusammenfassend gesagt werden, ist vom Bildobjekt die Rede, wenn der der Begriff des Bildes in Bezug zur Indexikalität auftaucht. Im Verlauf wurde bisher rekonstruiert, was ein Index ist und welche Eigenschaften ihm zukommen. Davon ausgehend wurde eine Auswahl an Theorien getroffen, welche versuchen, das Verhältnis von Bild und Index zu bestimmen. Im Folgenden sollen aktuelle Beiträge zum Verhältnis von Bild und Episteme gesichtet werden, um anhand dieser eine Position zu systematisieren, welche versucht zu argumentieren, dass Bilder dann epistemische Funktionen übernehmen können, wenn man sie indexikalisch verwendet. In den bisher angeführten Theorien ging es nur implizit um dieses

141 Seel, „Fotografien sind wie Namen“, S. 91.

Verhältnis und vielmehr um die Besonderheit indexikalischer Bilder. Nun wird es darum gehen zu zeigen, was diese Besonderheit für die Erkenntnis bedeutet.

2.1.2 Zeigen mit Bildern: Existenzbeweise

Dieter Mersch bezieht in seinem Artikel „Das Bild als Argument. Visualisierungen in den Naturwissenschaften“ stellvertretend Position für alle, die für eine indexikalische Verwendungsweise des Bildes hinsichtlich ihres epistemischen Wertes argumentieren:

Unerlässlich wird dagegen ein Rekurs auf Bildlichkeit – oder genauer auf

Wahrnehmungsevidenzen, die auch anders als bildlich erzeugt sein können – für

Existenzbeweise. Denn diese können nicht das Ergebnis einer logischen Ableitung

sein, sondern an entscheidender Stelle treten Visualisierungen in ihre

Begründungslücken und machen vorstellbar, was durch begriffliche Konstruktion

alleine weder demonstrierbar noch zu sichern ist. Bleibt daher die logische Kette

überall im Fiktionalen, weil ihr als Konstruktionen der Existenzindex fehlt, vermag sie

das Bild oder irgend ein anderer Nachweis durch die Wahrnehmung an die

Erfahrung von Wirklichkeit anzuschließen. Gerade in diagnostischer Hinsicht

besitzen hier Bilder ihre außerordentliche Relevanz.142

Das Argument Merschs hinsichtlich der epistemischen Bedeutung der Bilder, zielt darauf, dass Bilder Evidenz aufzeigen – hier auf fotografische Bildmedien bezogen –, welche durch Logik nicht eingeholt werden könne. In seinem Aufsatz „Visuelle Argumente“ spricht er auch von einer „Gleichwertigkeit im Prozess der Wissensgenerierung“ 143 zwischen Schrift und Visualisierung. Die These Merschs besagt, dass Bilder, die Existenz einer Sache evident machen. Das sei möglich, aufgrund der kausalen Verknüpfung des Bildes mit der Sache. Daher auch der Begriff des „Existenzindex“ bei Mersch. Es ist aber ebenso klar, dass es sich hierbei um fotografische Bildmedien handelt, insbesondere weil Mersch im Zitat von diagnostischer Relevanz spricht. Denn es wäre wohl fahrlässig, würden Ärzte

142 Mersch, „Das Bild als Argument. Visualisierungen in den Naturwissenschaften“, in: Ikonologie des Performativen, Christoph Wulf und Jörg Zirfas (Hrsg.), München 2005, S. 322-344, hier S. 328f. 143 Mersch, „Visuelle Argumente. Zur Rolle der Bilder in den Naturwissenschaften“, in: Maasen, Sabine u.a. (Hrsg.): Bilder als Diskurse – Bilddiskurse, Weilerswist 2006, S. 95-116, hier S. 96.

anatomische Studien Leonardo da Vincis für die Diagnose verwenden. Die Gewissheit der Existenz einer Sache wird durch die kausale Verknüpfung des Bildes mit der Sache eingeholt. Das Bild ist dann Teil eines Beweises. Denn: Wie man aus dem diagnostischem Verfahren weiß, ist das Feststellen einer Tatsache, also einer Krankheit, weitaus komplexer, als lediglich bildgebende Verfahren einzusetzen. Im Grunde besteht die Diagnostik nämlich aus der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und dann erst, wenn nötig, dem Einsatz von apparativen Untersuchungsmethoden. Wird die apparative Diagnostik notwendig, und hier von Interesse die bildgebenden Verfahren, dann sind diese dienlich, so Merschs Auffassung, weil durch die indexikalische Verwendung der Bildlichkeit die Existenz einer Sache indiziert werden kann, so z.B. die Bandruptur durch ein MRT. Mersch bestätigt diesen Einwand selbst, wenn er schreibt,

dass wir es mit einem Netz von Bildern und Diskursen zu tun haben, die nirgends

erlaubten, ein Bild anzuhalten und es für sich selbst zu betrachten. Die Entdeckung

eines Schattens auf einer Mammografie reicht nicht aus; er erfordert anderer

Analysen, anderer Verbildlichungsverfahren und deren theoretische Untermauerung,

um den Verdacht zu erhärten oder auszuräumen.144

Der Radiologe Norbert Hosten hat darauf aufmerksam gemacht, wie Mersch ja auch andeutet, dass das Sehen einer Sache noch nicht bedeutet, dass man diese auch versteht, ganz im Gegenteil bedarf es einer spezifischen Ausbildung, um verstehen zu können, was man da auf dem Röntgenbild sieht. 145 Man hat es bei den indexikalischen Theorien mit der Betonung zutun, dass der epistemische Wert der Bilder – und hier muss man ganz klar sagen, dass es sich um fotografische Bilder handelt – darin liegt, dass sich durch eine indexikalische Verwendung die Existenz einer Sache indizieren lässt. Daher ist Merschs Auffassung prototypisch für diese Schlagrichtung innerhalb der Debatte vom Erkenntniswert der Bilder. Im folgenden soll diese Position beispielhaft durch Mersch verdeutlicht werden Der Zweck hierbei ist, dass

144 Mersch, „Das Bild als Argument“, S. 335. 145 Norbert Hosten, „Denken in Röntgenbildern“, in: Ulrich Nortmann und Christoph Wagner (Hrsg.):

In Bildern denken. Kognitive Potentiale von Visualisierungen in Kunst und Wissenschaft, München 2010, S. 141-146, hier S. 142f.

ein Großteil der Beiträge, durch eine exemplarische Auswahl, innerhalb der Debatte um Episteme und Bild systematisiert wird. Mersch unterscheidet zwei grundlegende Typen bildlicher Erkenntnisgenerierung: zum Einen indexikalische Bilder und zum Anderen graphische oder diagrammatische Bilder. Seinem Verständnis nach sind erstere Bilder, die die Existenz von etwas als Spur bezeugen, belegen und beweisen. Die anderen hingegen sind Anordnungen von Daten, die in Beziehung zueinander gesetzt werden, woraus dann Erkenntnisse geschöpft werden. 146 Diese Einteilung ist problematisch: Sie mag für Visualisierungen gelten, aber nicht für Bilder. Denn: Graphen und Diagramme fallen aus Gründen nicht unter einen engeren Bildbegriff. 147 Es sei soviel dazu gesagt:

In erster Linie besteht das Problem, dass Mersch einen weiten Bildbegriff hat und die Begriffe „Bild“ und „Visualisierung“ synonym verwendet. Er könnte sich Probleme sparen, wenn er sagen würde, dass eben nicht alle Visualisierungen Bilder sind. Denn: Während Graphen und Diagramme keine Bildphänomene sind, sind sie aber Visualisierungen. Merschs Problem besteht nun darin, dass ihm vollkommen zurecht auffällt, dass man es bei diesen visuellen Phänomenen mit Hybriden aus Schrift und Visualität zutun hat. 148 Daher sind diese Visualisierungen auch nicht sonderlich geeignet, will man der Frage nachgehen, inwieweit Bilder epistemischen Funktionen eignen: Zum Einen, weil die Erkenntnisgenerierung eben nicht nur über das Visuelle oder vermeintlich Bildliche vonstatten geht, sondern auch notwendigerweise über das Schriftliche und zum Anderen, weil sie überhaupt keine Bilder sind. Es ist aber nicht verwunderlich, dass Mersch schließt, dass diese Visualisierungen „ergiebiger für den Forschungsprozess“ 149 sind. Durch letztere können Aufschlüsse über „räumliche Verteilungen, Anordnungen oder verborgene Symmetrien“ 150 erbracht werden. Schaut man sich nun aber an, welche Art von Visualisierungen für Mersch alles zu diesen Visualisierungen zählen, sieht man schnell ein, dass es sich dabei letztlich nicht um Bilder handeln kann, wie weiter oben schon erörtert wurde, und

146 Mersch, „Visuelle Argumente“, S. 97. Martina Heßler und Dieter Mersch kommen ebenso zu dieser Einteilung: Vgl. hierzu Martina Heßler und Dieter Mersch, „Bildlogik“, S. 12.

147 Lambert Wiesing, „Ornament, Diagramm, Computerbild. Phänomene des Übergangs. Ein Gespräch der Bildwelten des Wissens mit Lambert Wiesing“, S. 123ff.

148 Vgl. Mersch, „Das Bild als Argument“, S. 337.

149 Ebd., S. 338.

150 Ebd.

daher für die vorliegende Arbeit keine Rolle spielen: „Verlaufskurven, statistische Tabellen oder topologische Flächen und ähnliches.“ 151 Es ist daher auch nicht überzeugend, wenn Martina Heßler und Dieter Mersch sagen, dass „„deren [unterschiedliche Visualisierungsformen] Unterschiedlichkeit den Bildbegriff überhaupt instabil werden lassen.“ 152 Denn: Die Visualisierungsformen lassen „den“ Bildbegriff nicht instabil werden, sondern man muss sich dann eher Frage stellen, ob der eigene Bildbegriff sinnvoll ist, insbesondere wenn man versucht jegliche Visualisierungsformen darunter zu fassen. Man muss es klar sagen: Die von Mersch vorgenommene Einteilung ist nur insoweit sinnvoll, wenn man den Bildbegriff als Oberbegriff fallen lässt und stattdessen konsequent von Visualisierungen spricht. Diese Formen von Visualisierungen, insbesondere Diagramme, lassen sich sicherlich gut als Beispiel für eine allgemeine

indexikalische Verwendungsweise verwenden 153 , aber wie jetzt deutlich sein sollte, eben nicht, wenn es um Bilder geht. Aufgrund dieser Problematik ist es sinnvoll die Fokussierung auf Merschs Argumentation über indexikalische Bilder zu legen. Die Grundthese Merschs auf die Frage nach der Erkenntnisgenerierung durch Bilder besagt, dass Evidenz über Existenz durch Indexikalität

hergestellt wird. Diese These fußt auf der Annahme, dass „Bilder [

ihre

epistemologische Funktion so [entfalten], dass das, was immer sie auszudrücken oder zu symbolisieren suchen, sie im Modus eines Zeigens und Sichzeigens zu erkennen geben.“ 154 Hierbei ist es angebracht nochmals auf Peirce zu verweisen, dessen Auffassung sich hier mit Mersch klar deckt und aus welcher ersichtlich wird, auf welchen Prämissen Merschs Argumentation fußt. Die Formulierung ist dabei entscheidend: Es gibt „Indikatoren oder Indizes, die etwas über Dinge zeigen, weil sie physisch mit ihnen verbunden sind.“ 155 Problematisch an Merschs Annahme ist, dass ihr einer kategorialer Fehler zugrunde liegt, und zwar, dass sie Bilder als Subjekte annimmt, die handeln. Was nochmal besonders deutlich wird, wenn

]

151 Ebd., S. 338.

152 Martina Heßler und Dieter Mersch, „Bildlogik“, S. 18.

153 Peirce, „Dritte Vorlesung über den Pragmatismus: Die Verteidigung der Kategorien“, S. 449. Aber auch hier könnte man die Ikonizität des Diagramms betonen: Vgl. Peirce, „Kurze Logik“, S. 205.

154 Mersch, „Das Bild als Argument“, S. 325.

155 Peirce, „Die Kunst des Räsonierens“, S. 193. Meine Kursivierung.

er behauptet, dass „das Bild etwas bewusst abzuweisen, zu denunzieren oder zu verstecken trachtet.“ 156 Diese Fehleinschätzung muss hier angemerkt werden auch aus dem Grund, weil man es hier mit einem weitverbreiteten Irrtum in der Bildtheorie zutun hat: Die Attitüde Bilder als Subjekte zu behandeln, scheint ein unausgesprochener Gemeinplatz in bildtheoretischen Diskussionen zu sein. Das ist dahingehend verwunderlich, wenn man die Annahme teilt, dass es der Philosophie immanent ist – was sich auch anhand der Geschichte der Philosophie zeigen lässt – Mythologisierungen entgegen zu treten. Aber auch anerkannte Bildtheoretiker wie Gottfried Boehm vollziehen diesen kategorialen Fehler:

„Man weiss, dass Bilder eine eigene Kraft und einen eigenen Sinn haben.“ 157 Abseits dieser Problematik liegt diesem Argumentationsschritt ein wesentlicher Punkt zugrunde: Damit Bilder epistemologische Funktionen erfüllen können, müssen sie auf eine bestimmte Weise verwendet werden. Diese bestimmte Verwendungsweise ist in erster Linie eine Zeigehandlung. Diese Zeigehandlung ist dann so modifiziert, dass das jeweilige Bild indexikalisch verwendet wird, will man es in epistemischer Hinsicht nutzen. Das ist ein nicht zu unterschätzender Punkt, diesen Umstand offengelegt zu haben, dass hier eine spezifische Pragmatik zugrunde liegt. Auch wenn Mersch und viele andere, wie oben erläutert, nicht die Konsequenz daraus ziehen und einen kategorialen Fehler begehen, kann es nicht darüber täuschen, dass, will man das Verhältnis von Bild und Episteme bestimmen, man die Verwendungsweise in den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellen muss. Nachvollziehbar scheint dies auch durch den alltäglichen Umgang mit Bildern, ob im Gerichtssaal oder bei der ärztlichen Visite: Man zeigt jemandem mit einem Bild etwas, um diesen von einer Sache zu überzeugen. Und dies soll gelingen, weil man das Bild indexikalisch verwendet. Es also als verknüpft mit der zu beweisenden Sache zeigt. Auch wenn es in der Jurisprudenz nicht so unproblematisch abläuft 158 wie es Bernhard Langer im folgenden behaupten wird, ist die Bedeutung des Bildmediums aufgrund

156 Mersch, „Das Bild als Argument“, S. 326.

157 Gottfried Boehm, „Jenseits der Sprache? Anmerkungen zur Logik der Bilder“, in: Ders., Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens, Berlin 2010, S. 34-53, hier S. 34. Siehe auch bzgl. einer Bildmythologie: Wiesing, Sehen lassen, S. 78-108.

158 Werner Leitner, „Bilder zu Beweiszwecken im Strafprozess“, in: Joly, Vismann, Weitin (Hrsg.):

Bildregime des Rechts, Stuttgart 2007, S. 171-179.

einer Beweiskraft für die Existenz einer Sache, in der Verwendungsweise nicht zu unterschätzen:

Zu Indizes zählen auch jene Zeichen, die bemüht werden, um einen strittigen

Sachverhalt aufzuklären und vor Gericht als Evidenz zu dienen: Ihr Bezug zur

Tatsächlichkeit des Sachverhalts ist untrügerisch.159

Problematisch ist diese Ansicht dahingehend, dass ein Bild, soll es als Beweisbild dienen, verschiedentliche Prüfungsverfahren durchlaufen muss, damit es überhaupt für den jeweiligen Prozess zugelassen wird und selbst dann ist der Bildbeweis der entscheidende Teil der Beweisführung, der alles entscheiden wird. 160 Daher ist es eher trügerisch vom „Untrügerischen“ des Bildbeweises zu sprechen. Die kausale Verknüpfung des Index mit seinem Objekt ist der Grund für die „Erwartung einer besonders gesteigerten Wahrhaftigkeit“ 161 . Die Praxis der Jurisprudenz ist selbst aber ein guter Indikator für die Verknüpfung von Zeigehandlung und Bild: Der sogenannte Bildbeweis wird zu den demonstrativen Beweisen gezählt. 162 Das lateinische demonstrare bedeutet eben zeigen. Dieser etymologische Hinweis ist insoweit wichtig, dass durch ihn ersichtlich wird in welchen Handlungen Bilder involviert sind. Aus dieser menschlichen Praxis lässt sich auch verstehen, warum für Mersch der Aspekt der Zeigehandlung im Vordergrund steht:

Keineswegs ist nämlich per se schon die Wahrheitsfähigkeit des Bildes

ausgeschlossen, wie der unsinnige analytische Streit um die Existenz

nichtpropositionaler Gedanken nahe legte, der im übrigen die Apriorität sprachlicher

Diskursivität von Anfang an schon in Anschlag gebracht und die Stellung des

Zeigens der des Sagens untergeordnet hat, vielmehr beruht sie auf dem

spezifischen ‚Wahrheitsformat’ des Zeigens, dem demonstrare, illustrare oder

performare, welche allerdings nicht der Logik der Begründung entstammen, sondern

der Struktur der Evidenz. Und Evidenz ist nicht das Resultat von Differenzbildungen

159 Bernhard Langer, „Entleerte Bilder. Indexikalität und Buchstäblichkeit“, in: Der Architekt, Nr. 5 2007, S. 63-69, hier S. 63.

160 Vgl. Tal Galon, „Sichtbarkeit und Macht: Maschinen als Augenzeugen“, in: Peter Geimer (Hrsg.):

Ordnungen der Sichtbarkeit. Fotografie in Wissenschaft, Kunst und Technologie, Frankfurt a.M.2002, S. 171-210.

161 Langer, „Entleerte Bilder“, S. 2.

162 Vgl. Tal Galon, „Sichtbarkeit und Macht: Maschinen als Augenzeugen“, S. 210.

oder der Rückführung von Sätzen auf Geltungsgründe im Sinne einer ratio iudicandi,

sondern bestenfalls deren Effekt, wie ebenfalls die Etymologie des Wortes bekundet,

denn eine evidentia meint nicht nur das ‚Einleuchtende’, sondern vor allem auch

das, was – videre – ‚sichtbar in die Augen springt’. Das Bild, indem es etwas zu

sehen gibt, gibt daher nicht Gründe, sondern sichtbare Einsichten.163

Zeigen mit Bildern ist also aus der Sicht Merschs, ein Produzieren von Evidenz. Er ist an dieser Stelle leider ungenau und beantwortet nicht, warum dem Zeigen diese Wahrheitsfähigkeit zugrunde liegt, sondern referiert nur auf die Etymologie des Begriffs der Evidenz. Damit wäre dann nur bestimmt, dass Zeigen der Akt des Herstellens von „sichtbaren Einsichten“ wäre. Heßler und Mersch verweisen auch selbst darauf, dass Zeigen „instabil auf Evidenz verwiesen“ 164 bleibt. Dieses Problem lässt sich aber dadurch lösen, indem wie weiter oben schon geschehen, die Zeigehandlung mit Bildern weiter spezifiziert wird und zwar dahingehend, dass diese Evidenz durch eine indexikalische Zeigehandlung hergestellt wird, eben ein „Existenzbeweis“ 165 erbracht wird. Langer fasst die Funktion der Zeigehandlung mit indexikalischen Bildern vollkommen richtig zusammen, wenn er sagt, dass diese dazu dient „physikalische Präsenz zu dokumentieren, authentifizieren und damit Bedeutung zu fixieren.“ 166 Mersch hat auf einen gewichtigen Punkt aufmerksam gemacht, wenn es um den Erkenntniswert indexikalischer Bilder geht: Eingangs wurde erwähnt, dass viele Bilder, von denen man sich einen Erkenntnisgewinn erhofft, nicht ohne Vorwissen verstanden werden können oder verschiedene Prüfungsinstanzen durchlaufen müssen, um Täuschung und Manipulation zu entgehen. Es ist daher notwendig sich die Frage zu stellen, welchen Status dann die vermeintliche Erkenntnis hat, welche man mithilfe der Verwendung von Bildern gewinnen will. Und wichtiger noch: Welchen Status haben die Bilder im Prozess der Wissensgenerierung dann, wenn in vielen Fällen ein Vorwissen benötigt wird? Mersch bemerkt vollkommen richtig, dass viele Bilder

163 Mersch, „Das Bild als Argument“, S. 326f.

164 Martina Heßler und Dieter Mersch, „Bildlogik“, S. 21.

165 Mersch, „Das Bild als Argument“, S. 338.

166 Langer, „Entleerte Bilder“, S. 64.

lediglich ein „Dass“ anzeigen, nicht schon ein „Was“, wie man der

Magnetspintomographie oder Ultraschallbildern in der medizinischen Diagnostik

entnehmen kann: Eine auffällige Verformung kann alles Mögliche bedeuten, weshalb

die Bilder der Interpretation bedürfen, die wiederum am konkreten Anschauungsbild

erprobt und gelehrt werden müssen. Sie treffen keine Aussagen über das, was sie

zeigen, höchstens geben sie Hinweise auf die Richtung genauerer Analysen.167

Sicherlich muss man, um einen kategorialen Fehler zu vermeiden, den Mersch hier wieder begeht, davon sprechen, dass ein Subjekt mit diesen Bildern ein „Dass“ anzeigen kann, aber eben nicht schon ein „Was“. Dafür müsste sich das zeigende Subjekt auf Vorwissen berufen, wie beim Beispiel der Röntgenbilder. Allein durch das Bild ist dies nicht möglich. Allerdings gibt diese alltägliche Praxis einen guten Hinweis darüber, welchen Status Bilder überhaupt bei der Erkenntnisgenerierung haben können: Bilder sind Indizien und somit Teil der Beweisführung und nicht selbst schon Beweise. Man kann daher Günter Abel nur zustimmen, wenn er sagt, dass Bilder „konstitutive Bestandteile von Argumenten und Beweisen“ 168 sind, aber sie selbst nicht Beweise oder Argumente sind. Mit der indexikalischen Verwendungsweise von Bildern lässt sich Gewissheit über die Existenz von Sachen gewinnen, aber eben nicht mehr. Diese Auffassung entspricht genau der Funktion, welche Peirce dem Index zuschreibt: „The index asserts nothing; it only says ‚There’!“ 169 Die Verwendung eines Index ermöglicht die Bezugnahme auf eine Sache und aufgrund der physikalischen Abhängigkeit beim genuinen Index, kann sich auf die Existenz einer Sache bezogen werden. Die Verwendung von fotografischen Bildern soll den Beweis der Existenz einer Sache liefern. Gottfried Gabriel hat in seinem Aufsatz „Der Erkenntniswert der Bilder“ überzeugend angeführt, dass

Photos in einer Dokumentation, sogar mit dem Anspruch auftreten [können], dass

das, was sie abbilden, der Fall, also eine Tatsache ist. Allerdings können sie diesen

affirmativen Gestus nur in der globalen Form vertreten ‚So (wie auf diesen Photos)

167 Mersch, „Das Bild als Argument“, S. 338.

168 Günter Abel, „Zeichen- und Interpretationsphilosophie der Bilder“, in: Stefan Majetschak (Hrsg.):

Bild-Zeichen. Perspektiven einer Wissenschaft vom Bild, München 2005, S. 13-30, hier S. 23. Meine Kursivierung.

169 Charles Sanders Peirce, „On the Algebra of Logic: A Contribution to the Philosophy of Notation“, American Journal of Mathematics, Vol. 7, No. 2 (Jan., 1885), pp. 180-196, hier p. 181.

ist es’. Sie sagen aber nicht aus, dass es so-und-so ist, das heißt, sie heben nicht

bestimmte Sachverhalte als bestehend hervor, sie ‚sagen’ nicht, was Sache ist, wie

sich die Sachen verhalten. Bilder machen uns mit Sachen und Sachverhalten

bekannt, ohne diese prädikativ zu beschreiben. Sie vermitteln ‚knowledge by

aquaintance’, aber nicht ‚knowledge by description’. Bilder zeigen etwas, ohne zu

sagen, ‚was’ sie zeigen. Bilder sind wesentlich nicht-propositional.170

Auch hier sind es die Menschen und nicht die Bilder, die handeln. Gabriel gibt Aufschluss darüber, dass der Erkenntniswert der Bilder darin besteht, Dingen durch Vermittlung zu begegnen. Man ist nicht mit der Sache selbst konfrontiert, da sie nur sichtbar anwesend ist, aber man weiß von der Existenz der Sache. Es ist eben dieser gewichtige Punkt auf den auch schon Peirce aufmerksam gemacht hat und der in der Diskussion leider oftmals vergessen wird: „Indizes behaupten nichts.“ 171 Um auf Merschs epistemologische Einteilung der beiden Bildtypen zurückzukommen: Mersch bewertet diese von ihm vorgenommene Einteilung auch, denn seiner Meinung nach „verweist die Spur lediglich auf eine Indexikalität“ 172 . Diese Wertung, dass der Existenzbeweis in spezifischer Hinsicht nicht sonderlich wertvoll sei, hat ein internes Problem: Intern ist sie problematisch, weil Mersch ja selber behauptet, dass „Existenzen [sich] diskursiv nicht aufweisen [lassen], sondern erfordern ein Sehen und Zeigen.“ 173 Es ist unverständlich, warum Mersch zuerst Bildern Beweiskraft zuspricht, um diese dann zu depotenzieren. Mersch hat allerdings noch einen allgemeineren Kritikpunkt, wenn es um das Verhältnis von Bild und Episteme geht und dieser betrifft die digitalen Bilder:

Im Zuge der Digitalisierung wissenschaftlicher Bilder vollziehe sich die „Modellierung einer Virtualität“ 174 . Er ist der Auffassung, dass diese neueren Formen des Bildlichen für Existenzbeweise keine Rolle mehr spielen, da Ihnen das indexikalische Moment fehlt:

Folglich werden uns nicht Bilder im gewöhnlichen Sinne vorgeführt, die sich ins

perzeptuelle Schema einfügen und dem Auge erschließen, sondern Graphen im

170 Gottfried Gabriel, „Der Erkenntniswert der Bilder“, S. 23f.

171 Peirce, „Kurze Logik“, S. 211.

172 Mersch, „Das Bild als Argument“, S. 388.

173 Ebd., S. 339.

174 Ebd., S. 340.

Sinne der mathematischen Graphentheorie. Weder fungieren sie als Abbilder oder

Repräsentationen von etwas, noch als Spuren oder Protokolle, sondern sie erweisen

sich als Hybride zwischen Schrift und Bild.175

Es sei nicht nur so, dass der Betrachter nichts Wirkliches sieht, er werde sogar getäuscht. 176 Diese mathematischen Bilder sind nach Mersch ein neues Bildphänomen, für welche besonders ist, dass sie nicht mehr wie „einstmals Darstellungen sichtbarer Phänomene“ 177 sind. Das Sichtbare ist eine räumliche Verteilung von Daten, so wie weiter oben schon angemerkt wurde, eben eine Visualisierung. Diese Probleme bei Mersch sind, wie auch weiter oben schon angesprochen, vermeidbar, wenn der Bildbegriff enger ist. Jedoch streift Mersch einen diskutablen Punkt, und zwar inwiefern, man bei diesen digitalen Bildern noch von indexikalischen Bildern sprechen kann:

Lässt man die in den Computer eingetragenen Daten als Spuren gelten? Dies wäre eine weiterführende Frage, die an dieser Stelle nicht geklärt werden kann. Merschs Antwort ist hierbei eindeutig: „Der Existenzindex, der ihm [dem Bild] beigefügt ist, [wird] ebenso getilgt wie medial aufrecht erhalten.“ 178 Die indexikalische Eigenschaft verschwindet, aber der Betrachter wird dennoch über die Wirklichkeit getäuscht, da der Sichtbarkeit zugrunde liegt, dass sie die „Evidenz einer Wirklichkeit“ 179 suggeriert. Merschs Position lässt sich wie folgt zusammenfassen: Bilder eignen der Erkenntnisgewinnung dann, wenn man sie auf eine bestimmte Weise verwendet und zwar innerhalb einer Zeigehandlung. Diese Zeigehandlung spezifiziert sich dahin, dass Bilder indexikalisch verwendet werden, d.h. mit Ihnen die Wirkung einer Ursache gezeigt wird und somit diese Ursache bewiesen werden kann, so z.B. der Knochenbruch auf der Röntgenaufnahme. Bilder eignen sich für Existenzbeweise. Mit Bild meint diese Position stets das Bildobjekt. Diese Evidenz verschwindet nach Mersch aber, sobald man es mit digitalen Bildern, in diesem Fall mathematisch- konstruierten, zutun hat. Das indexikalische Verwenden von Bildern ist eine Zeigehandlung, welche nach Mersch Evidenz entstehen lässt: Bilder „setzen

175 Ebd., S. 337.

176 Vgl. Ebd.

177 Mersch, „Das Bild als Argument“, S. 342. Vgl. auch Mersch, „Visuelle Argumente“, S. 101f.

178 Mersch, „Das Bild als Argument“, S. 341.

179 Ebd.

zeigend ein Faktum.“ 180 Gabriel beschreibt den Umstand treffend, auf welchen Mersch hinaus will:

Die üblicherweise ‚Satzfrage’ genannte propositionale Frage ‚Haben sich Herr

Meier und Herr Müller getroffen?’ kann dadurch bejaht werden, dass ein Photo von

einem solchen Treffen vorgelegt wird. Ein solcher ‚Beleg’ für eine propositionale

Erkenntnis ist damit aber noch nicht selbst propositional.181

2.2.1 Die Sichtbarkeit des Bildes: Sehen statt lesen

Die Leitfrage für diesen Abschnitt lautet: Was kann man mit und durch Bilder wissen, wenn sie keine Zeichen sind und man sie auch nicht als solche verwendet? Es werden hier Theorien diskutiert, die die Annahme teilen, dass Bilder in erster Linie „sichtbare Gegenstände sind“ 182 . Dementsprechend erweitert sich die Ausgangsfrage dahingehend, dass gefragt werden muss:

Wie muss man diese sichtbaren Gegenstände verwenden, um mit und durch sie etwas wissen zu können? Ernst Gombrich war es, der die Begriffe des Augenzeugen und des Substituts in der Bild- und Kunsttheorie entscheidend prägte. Es soll hier im Verlauf der Vorschlag gemacht und die Interpretation nahegelegt werden, dass man mit diesem Begriffspaar eine weitere Position in der Debatte um Bild und Episteme hat. Es soll eine Verbindung zwischen dem wahrnehmungstheoretischen Ansatz der Bildtheorie und dem pragmatistischen Ansatz Gombrichs geschlagen werden. Die These dieser Theoretiker würde dann lauten, dass Bilder genau dann epistemische Funktionen erfüllen, wenn man sie als Augenzeugen und Substitute verwendet. Die Literaturlage hinsichtlich dieses Strangs der Debatte ist deutlich überschaubarer, da man es hierbei mit einer Position zutun hat, von der aus noch kein dezidierter Versuch unternommen wurde, das angesprochene Verhältnis von Bild und Episteme zu begründen. Deswegen ist es ausreichend, dass im Folgenden die grundsätzlichen Theoretiker einer Wahrnehmungstheorie des Bildes zu Wort kommen und deren

180 Martina Heßler und Dieter Mersch, „Bildlogik“, S. 23.

181 Gabriel, „Der Erkenntniswert der Bilder“, S. 23.

182 Wiesing, Artifizielle Präsenz, S. 18.

Ausarbeitungen dahingehend rekonstruiert und überprüft werden, inwieweit man mit ihnen dieses Verhältnis denken kann. Es ließe sich vermuten, dass man hiermit einen Gegenentwurf zu der im vorherigen Kapitel erarbeiteten Position der Indexikalität vorliegen hat. Ja, es könnte sogar der Eindruck entstehen, dass man es hier mit der klassischen Gegenüberstellung von Zeichen- und Wahrnehmungstheorie hat. Dem muss vehement widersprochen werden: Aufgrund des hier gewählten Kriteriums zur Unterscheidung der beiden Ansätze, und zwar der Verwendungsweise des Bildes – also ein pragmatistisches Kriterium –, schließen sich beide Positionen nicht aus. Man hat es also nicht mit einer „Gegenposition“ 183 unter diesem Aspekt zutun. Im Gegenteil sind beide Optionen möglich, da sich diese Verwendungsweisen nicht ausschließen. Wie Menschen Dinge in ihren Alltag integrieren und damit umgehen, um damit die verschiedensten Zwecke zu verfolgen und Ziele zu erfüllen, ist offen. Es soll dafür argumentiert werden, dass man Bilder ohne Problem auf beide Weisen verwenden kann. Allerdings – und das sollte im vorherigen Abschnitt klar geworden sein – eignen sich nicht alle Bilder für jede Verwendungsweise. Man wird ein Gemälde nicht dazu verwenden können, um eine innere Blutung bei jemandem nachzuweisen. Das hat zur Folge, dass nicht jedes Bild für jede Verwendungsweise geeignet ist. Die medialen Unterschiede zwischen Bildern – eben beispielsweise Fotografien und Gemälde – bestimmen darüber, wie diese verwendet werden können. Die Art der Verwendungsweise bestimmt auch darüber, welche epistemische Funktion und damit welcher Erkenntniswert erbracht werden kann. Die Behauptung, man könne mit einem Einhorn-Gemälde die Existenz von Einhörnern beweisen, ist wagemutig wie unhaltbar. Damit kündigt sich schon ein wichtiger Punkt an: Die unterschiedliche Verwendungsweise von Bildern eignet unterschiedlichen Erkenntniswerten und epistemischen Funktionen, bedingt durch die medialen Unterschiede verschiedener Bildformen.

183 Ebd., S. 30.

a) Das Bildobjekt als Phantom

Im vorherigen Abschnitt war es erforderlich die Grundzüge der semiotischen Theorie des Bildes zu rekonstruieren, sodass klar werden konnte, auf welcher Grundlage sich die Theorie des Index bezieht. Dementsprechend ist es für diesen Abschnitt erforderlich die Charakteristika einer wahrnehmungstheoretisch fundierten Bildtheorie aufzuzeigen, damit verstanden werden kann, vor welchem Hintergrund sich die Begriffe des Augenzeugen und des Substituts entwickeln. Es geht also auch hier wieder darum zu klären, welche Bedingungen ein Gegenstand erfüllen muss, damit dieser, nach der Wahrnehmungstheorie des Bildes, ein Bild ist. Wie in der Auseinandersetzung mit der Zeichentheorie des Bildes geschehen, ist es auch hier hilfreich, sich auf die Ausarbeitungen Wiesings zu beziehen. Das Besondere der Wahrnehmungstheorie des Bildes ist, dass diese versucht zu beschreiben, mit was für eine Art von Gegenstand man es beim Bild zutun hat, bevor man dieses als Zeichen verwendet und liest. Der Versuch besteht darin, den ontologischen Status des Bildes auf ein Neues zu klären, da der funktionale Begriff des Zeichens dieses Problem nicht lösen kann. Die Annahme ist folglich also die, dass Bilder zwar als Zeichen verwendet werden können, sie aber keine sind. Daher besteht die Frage, was Bilder denn sind. Die Antwort, die Wiesing aus den Arbeiten Edmund Husserls und Konrad Fiedlers extrahiert, ist, dass man es mit einem Gegenstand „reiner Sichtbarkeit“ 184 zutun hat, einem Gegenstand, der nicht real 185 ist. Das typische am Bild ist, nach Wiesing und Husserl, dass man ein „Bildobjekt“ 186 wahrnimmt. Das meint, das auf dem Bildträger – beispielsweise der Leinwand mitsamt dem anderen Material – ein Gegenstand wahrnehmbar wird, der nicht wirklich existiert. Was heißt „nicht wirklich existiert“? Das Bildobjekt ist ein Gegenstand, der keinen Naturgesetzen unterliegt. Das, was auf einem Bild sichtbar ist, wird nicht älter, es fällt nicht auf den Boden. Ebenso verändert sich das von mir wahrgenommene Bildobjekt nicht, egal ob ich mich hin und her bewege oder

184 Ebd., S. 31.

185 Vgl. Ebd., S. 30.

186 Ebd.

das Bild 187 : Ich werde niemals die Männer auf der Fotografie Courses à Auteuil von Sabine Weiss von vorne sehen können. Dieser merkwürdige Gegenstand, der als präsent erscheint, es aber doch nicht zu sein scheint, hat nur sichtbare Eigenschaften. Schaut man sich Fishermen at Sea von William Turner an, dann wird man nicht, das Meer riechen können, man wird nicht den Wind fühlen können und man wird nicht das Rauschen des Meeres hören können. Aber man kann Wolken, Wellen und Wasser und noch mehr sehen. Das Bildobjekt ist „auf eine einzige sinnliche Eigenschaft reduziert“ 188 . Solange man hinschaut, wird auf dem Bildträger ein Bildobjekt sein, weil dieses ein „intentionales Objekt [], ein Objekt der Wahrnehmung“ 189 ist. Das Besondere an diesem Bildobjekt ist, dass es eine besondere Präsenz hat, wie Wiesing treffend formuliert, eine „artifizielle Präsenz“ 190 . Der Begriff der artifiziellen Präsenz weist auf den Umstand hin, dass man es mit einer Anwesenheit zutun hat, die nicht substantiell ist, eben artifiziell. Denn das was auf einem Bildträger sichtbar ist, ist in Wiesings Worten „ausschließlich sichtbar“ 191 . Genau dies macht den besonderen Status des Bildobjektes aus: Man hat es mit einem „ontologisch einzigartigem“ 192 Objekt der Wahrnehmung zutun. Das, was auf einem Bild sichtbar ist, könnte überhaupt nicht sichtbar sein, wenn es nicht auf einem Bildträger wäre. Das Bildobjekt ist ein Gegenstand, der sonst nicht in der Welt vorkommen kann. 193 Man hat es, wie Wiesing mit Anlehnung an Günther Anders sagt, mit einem Phantom zu tun, eben mit etwas was präsent ist, aber nur sichtbar. 194 Wie in der Auseinandersetzung mit der Zeichentheorie des Bildes schon angesprochen wurde, ist die Rezeptionshaltung gegenüber dem Bild eine andere: Im Gegensatz zur Zeichentheorie wird das Bildobjekt nicht gelesen, sondern es wird gesehen, denn es ist ein Wahrnehmungsobjekt. Daran schließt sich die Annahme an, dass Bilder nicht notwendigerweise auf etwas Bezug nehmen

187 Vgl. Wiesing, Sehen lassen, S. 71.

188 Wiesing, Das Mich der Wahrnehmung, S. 202.

189 Wiesing, Artifizielle Präsenz, S. 31.

190 Ebd., S. 32.

191 Ebd.

192 Wiesing, Das Mich der Wahrnehmung, S. 201.

193 Vgl. Ebd.

194 Wiesing, Sehen lassen, S. 67ff.

müssen, sondern sie „besitzen nämlich [] sichtbare Eigenschaften, welche nicht in Sinn, Bedeutung oder Text transformiert werden können“ 195 . Im folgenden ist es erforderlich, dass auf die Besonderheit der reinen Sichtbarkeit eingegangen wird und die Grundlage, welche durch Konrad Fiedler erarbeitet wurde, rekonstruiert wird, um verstehen zu können, welchen besonderen Status das Bildobjekt, auch hinsichtlich einer Epistemologie, hat.

b) Bloße Sichtbarkeit: Fiedler

Die Rede von der reinen Sichtbarkeit des Bildobjekts hat seinen Ursprung bei Konrad Fiedler, welcher von „bloßer Sichtbarkeit“ 196 spricht. Fiedler ist in seinem berühmten Aufsatz „Über den Ursprung der künstlerischen Tätigkeit“ von 1887 der Frage nachgegangen, welche Bedeutung man der menschlichen Praxis des Bilder-Machens beimessen kann. Innerhalb dieser Abhandlung positioniert sich Fiedler gegen Theorien, die dieser Praxis einen im Menschen verankerten Trieb annehmen. 197 Vielmehr geht es ihm darum, diese Tätigkeit als eine der Wissenschaften gleichberechtigte Tätigkeit auszuweisen. 198 Die „bildnerische Tätigkeit“ 199 als eine von einem „Spieltrieb“ 200 verschuldete Tätigkeit anzunehmen, werde ihr nicht gerecht. Ganz im Gegenteil wird der Künstler – man müsste richtigerweise sagen der Bildner – als ein Forscher dargestellt. Was macht aus Fiedlers Perspektive diese Art von Forscher? Das Wesen der bildnerischen Tätigkeit besteht darin, die Sichtbarkeit zu „isolieren“ 201 . Dafür versetzt sich der Künstler hierfür in ein neues Verhältnis zur Natur. 202 Er isoliert die Sichtbarkeit der Natur, die ihr als solche nur Akzidentielles ist. Der Zweck dieser Isolierung liegt darin, dass der Künstler sie erforschen will. Das ist der Ansicht Fiedlers nach sonst nicht möglich, weil die Sichtbarkeit mit anderen Qualitäten zusammenhängt und nicht isoliert

195 Wiesing, Artifizielle Präsenz, S. 35.

196 Konrad Fiedler, „Über den Ursprung der künstlerischen Tätigkeit“ (1887), in: Ders., Schriften Band I, München 1991, S. 111-220, hier S. 186.

197 Fiedler, „Über den Ursprung der künstlerischen Tätigkeit“, S. 160.

198 Vgl. Ebd., S. 179f.

199 Ebd., S. 166.

200 Ebd., S. 160.

201 Ebd., S. 157.

202 Vgl. Ebd., S. 188.

betrachtet werden kann. Erst diese bildnerische Tätigkeit ermöglicht das „wahre Erfassen der sichtbaren Erscheinungen“ 203 . Denn das, was der Künstler schafft, ist nicht bloß eine Nachahmung – gegen diese Position wehrt sich Fiedler ebenfalls 204 –, sondern „etwas Neues, etwas anderes“ 205 . Das vom Künstler Geschaffene ist ein „freies selbstständiges [] Sichtbarkeitsgebilde“ 206 . Es ist wie eingangs erwähnt eine Isolation ein der Natur Akzidentielles. Der Künstler erschafft nach Fiedler damit eine „Form des Seins“ 207 , eben etwas das nur sichtbar und losgelöst ist aus der substantiellen, Gesetzen unterworfenen Welt. Das ist gleichsam das Wertvolle und durch keine andere Tätigkeit ersetzbare an der Produktion von Bildern aus Fiedlers Sicht: Der Künstler erschafft etwas, was auf andere Art nicht möglich ist und das, was er erschafft, eignet sich hervorragend, um etwas über die Welt zu erkennen. Man kann Fiedlers Position dahin zuspitzen, dass er sagen könnte, dass, will man wissen, wie die Welt aussieht, ist es besser ein Bild zu betrachten. Es muss an dieser Stelle klar gesagt werden, dass die bildnerische Tätigkeit nach Fiedler, keine kulturelle Tätigkeit in dem Sinne ist, dass es beispielsweise darum ginge besonders schöne Dinge zu malen oder Techniken entwickelt, welche eine möglichst getreue Wiedergabe der Natur ermöglichen. Ganz im Gegenteil steht die bildnerische Tätigkeit schon immer im Dienst der Wissenschaft: „Kunst und Wissenschaft sind keine Opposition, sondern eine gegenseitige Ergänzung, weil sie beide bei der Erforschung der sichtbaren Wirklichkeit Anspruch auf Wahrheit erheben“ 208 . Im Anschluss an Fiedler bedarf es nun der Rekonstruktion der Argumentationen Ernst Gombrichs zum Prinzip der Substitution, da sich hieran die Position einer epistemischen Verwendungsweise des Bildes anschließen wird.

203 Ebd.,S. 179.

204 Vgl. Ebd., S. 166.

205 Ebd., S. 162.

206 Ebd., S. 192.

207 Ebd., S. 191.

208 Wiesing, Die Sichtbarkeit des Bildes, S. 199.

c) Prinzip der Substitution: Gombrich

Wiesing macht einen überzeugenden Vorschlag, wie Gombrichs Bildtheorie einzuordnen ist: Gombrichs Analysen legen nahe ihn als einen pragmatistischen Bildtheoretiker 209 einzuordnen, für den die übliche Kluft zwischen semiotischer Bildtheorie und dem wahrnehmungstheoretischen Ansatz keine Rolle spielt. Wiesing weist daraufhin, dass es durch die Schriften Gombrichs klar wird, dass dieser Bilder als „Werkzeuge“ 210 sieht. Deswegen soll nun geklärt werden in welchem Sinne Bilder Werkzeuge sind. Gombrich sieht in der Geschichte der Bildproduktion den Zweck, dass das Bild eine reale Sache ersetzen, also sie substituieren soll: „Alles Bild-Machen hat seine Wurzeln in der Substitution.“ 211 Substitution als grundlegendes Prinzip der Bildproduktion meint für Gombrich, dass dem Bild die Funktion zugrunde liegt, für etwas anderes stehen zu sollen. Er verweist hierbei unteranderem auf das Idol. Hierbei ist es egal, ob es genau so aussieht, wie die zu ersetzende Gottheit. Weitaus wichtiger ist, ob es den ihr zugedachten Zweck erfüllen kann, nämlich als anbetungswürdiger Ersatz für den jeweiligen Gott. 212 Diesem Hinweis folgend kann man Wiesing nur zustimmen, wenn er sagt, dass Gombrich Vertreter einer Auffassung wie „form follows function213 ist. Folgt man Gombrich darin, wie er die Geschichte der Bildproduktion interpretiert, ist dies vollkommen nachvollziehbar: In erster Linie hat man mit Bildern versucht verschiedene Zwecke zu erfüllen – so erklärt Gombrich im übrigen auch das Aufkommen und die Entwicklung verschiedener Stile in der Geschichte der Kunst. 214 Gombrich versucht diesen Gegensatz von Substitution und Nachahmung auch begrifflich zu fassen: Er macht hierfür eine Unterscheidung zwischen den Begriffen Bild und Abbild. Den Begriff des Bildes, wie ja auch aus dem bisher Gesagten klar geworden sein sollte, bindet er an einen Begriff der

209 Vgl. Wiesing, Sehen lassen, S. 158.

210 Ebd.

211 Ernst H. Gombrich, „Meditationen über ein Steckenpferd oder Die Wurzel der bildnerischen Phantasie“ (1951), in: Ders., Meditationen über ein Steckenpferd. Von den Wurzeln und Grenzen der Kunst, Wien 1973, S. 17-33, hier S. 27. Im Folgenden als Meditationen abgekürzt

212 Ebd., S. 20.

213 Wiesing, Sehen lassen, S. 158.

214 Vgl. Wiesing, Sehen lassen, S. 159.

Darstellung, welcher meint, dass Bilder etwas ersetzen. 215 Abbild hingegen meint all dasjenige, was auf eine nachahmende Funktion bedacht ist, eben jene Bilder, die sich ihrem Vorbild versuchen anzugleichen. 216 Aber diese Abbild-Funktion ist für Gombrich eine später einsetzende: „Bild kommt vor Abbild, und bilden ist ursprünglicher als mitteilen.“ 217 Nun entwickelt sich für Gombrich die Geschichte der Bildproduktion so, dass die Substitute immer besser werden sollen oder wie Wiesing sagt: „funktionsgerechter“ 218 . Hierfür können bei Gombrich drei Formen der Verwendung von Substituten unterschieden werden: Als erste Form hat man die Identität von Darstellung und Substitut, wie Gombrich am daumenlutschenden Kind versucht aufzuzeigen. 219 Daran schließt sich die Entwicklung von Substituten, die künstlich hergestellt werden, wie das titelgebende Steckenpferd, an. Als dritte Phase hat man es dann mit Bildern im engeren Sinn zutun. Dies sind für Gombrich Substitute, die nicht nur die ihnen zugedachte Funktion erfüllen, „sondern denen man auch ansehen kann, wofür sie Substitute sein können oder sollen.“ 220 Daher ist es überzeugend, dass Gombrich die Motivation des Malers so interpretiert, dass er versucht den „Eindruck einer Äquivalenz“ 221 herzustellen. Um das Prinzip der Substitution festzuhalten:

Gombrich ist der Auffassung, dass Bilder Werkzeuge sind, mit denen der Mensch versucht verschiedene Zwecke zu erfüllen, weswegen Bildstile sich auch verändern, da verschiedene Bilder für verschiedene Zwecke besser geeignet sind. Das Bild ersetzt dabei etwas anderes, erfüllt die Funktion dessen und sieht ihm ähnlich in irgendeiner Art und Weise. Wiesing versucht hieran anzuknüpfen und einen Teil der Argumentation Gombrichs zu korrigieren. Und zwar sieht Gombrich mit dem Aufkommen der Zentralperspektive einen Bruch in der Entwicklung von Substituten. Wie Wiesing konstatiert, interpretiert Gombrich diesen entscheidenden Schritt in der Kunstgeschichte so, dass die Zentralperspektive nicht mehr dazu dient eine Funktion zu erfüllen, indem Sinne, dass sie etwas ersetzt, sondern das

215 Vgl. Gombrich, Meditationen, S. 17.

216 Vgl. Ebd., S. 18.

217 Ebd., S. 22.

218 Wiesing, Sehen lassen, S. 159.

219 Vgl. Gombrich, Meditationen, S. 21.

220 Wiesing, Sehen lassen, S. 163.

221 Ernst H. Gombrich, „Vom Experiment in der Kunst“ (1980), in: Ders., Bild und Auge. Neue Studien zur Psychologie der bildlichen Darstellung (1982), Stuttgart 1984, S. 212-239, hier S. 224.

Aussehen von etwas zu zeigen. In der Theorie Gombrichs bedeutet dies, dass das Bild, welches zentralperspektivisch organisiert ist, ein illusionistisches Bild ist. 222 Wiesing setzt hier nun an und macht deutlich, dass Gombrich hier einem Irrtum auferliegt. Er möchte die Position vertreten, dass in der Verwendung des Bildes als Zeigen die Funktion der Substitution erhalten bleibt und dies insbesondere beim zentralperspektivischen Bild. 223 Auf diese Position soll im folgenden Kapitel eingegangen werden. Denn:

Wiesing bereitet in der Auseinandersetzung mit Gombrich eine Möglichkeit vor, wie sich die Verwendung von Bildern hinsichtlich epistemischer Zwecke eignet, abseits der bereits ausgearbeiteten indexikalischen Möglichkeit. Wie schon angekündigt, besteht der Versuch darin, den phänomenologischen Ansatz in der Bildtheorie mit dem pragmatistischen Gombrichs zu verbinden. Wiesing ebnet hierfür den Weg. Es wird im folgenden darum gehen, anhand der Argumentation Wiesings, herauszuarbeiten, was eine epistemisch orientierte Zeigepraxis mit Bildern sein kann. Im vorherigen Kapitel wurde schon darauf aufmerksam gemacht, dass auch für Mersch die Praxis des Zeigens ein besonderen Stellenwert hat, wenn man klären will, inwieweit Bilder epistemische Funktionen erfüllen können: Kann man aus Bildern etwas wissen, wenn man sie nicht als Zeichen liest? Während man es bei der Position Merschs mit einem indexikalischen Zeigen zutun hat, wird es im nächsten Kapitel um den Gedanken gehen, dass die Verwendung des Bildes als Substitut ebenso erkenntnisbringend ist.

2.2.2 Zeigen mit Bildern: piktoriale Augenzeugenschaft

Wiesing vertritt im Gegensatz zu Gombrich die Position, dass das Zeigen mit zentralperspektivischen Bildern kein Bruch mit der substituierenden Verwendungsweise ist, sondern im Gegenteil deren konsequente Weiterführung. Wiesing spricht im Anschluss an Gombrich vom zentralperspektivischen Bild als „Spezialwerkzeug“ 224 . Ganz generell eignen sich Bilder hervorragend für eine substituierende Verwendungsweise. Denn:

Mit Bildern kann man nicht nur eine Funktion substituieren, sondern auch

222 Vgl. Wiesing, Sehen lassen, S. 166f.

223 Vgl. Ebd., S. 167.

224 Ebd., S. 168.

das Aussehen, nämlich „um an dem virtuellen Substitut das Aussehen des realen Substituierten zu beschreiben.“ 225 Wie ist das möglich? Wiesing vollzieht nun den Schritt den wahrnehmungstheoretischen Ansatz der Bildtheorie mit dem pragmatistischen Ansatz Gombrichs zu verknüpfen:

Bilder können deshalb als Substitut des Aussehens einer Sache verwendet werden, weil das Bildobjekt „partiell identische Eigenschaften“ 226 mit dem Substituierten hat. Das ist ein entscheidender Argumentationsschritt: Das Bild eignet sich seinem Wesen nach schon für eine substituierende Verwendung. Denn: Wie weiter oben herausgestellt wurde, ist das Bildobjekt ein Gegenstand, der anwesend ist, aber nicht substantiell, lediglich ein Gegenstand reiner Sichtbarkeit. Aufgrund dieses Umstands eignet sich das Bild, um mit ihm das Aussehen einer Sache zu substituieren. Man kann mit Bildern „Dinge in ihrem Aussehen beschreiben, die selbst nicht anwesend sind.“ 227 Es ist diese partielle Identität, die Bilder zu einem ausgezeichnetem Werkzeug machen, um mit ihnen das Aussehen einer Sache zu zeigen. Mit Wiesing lässt sich sagen, das genau dies auch das Wesen des Zeigens mit Bildern ist: „Es wird in dem Moment mit einem Bild gezeigt, wenn Menschen es als ein Wahrnehmungs- oder Betrachtungssubstitut verwenden.“ 228 Der entscheidende Begriff, den Wiesing wählt, um diese Verwendungsweise von Bildern zu beschreiben, ist der der „Simulationstechnik“ 229 . Wiesing weist, mit Blick auf Gombrich, vollkommen zurecht daraufhin, dass derjenige, der sich ein Bild anschaut, keine Illusion oder Imitat, sondern eben „einen Ersatz für die Wahrnehmung des gezeigten Dinges“ 230 sieht. Dementsprechend kann Wiesing den drei Substitutsformen Gombrichs noch eine vierte hinzufügen:

„Substitut für die Betrachtung eines echten oder vorgestellten Gegenstandes.“ 231 Wiesing geht soweit zu sagen, dass „der Ursprung der bildlichen Zeigepraxis die Verwendung des Bildes als Simulation der Wahrnehmung [ist].“ 232 Das ist hinsichtlich einer möglichen epistemischen Verwendung von Bildern ein nicht zu unterschätzender

225 Ebd., S. 167.

226 Ebd., S. 169.

227 Ebd., S. 168.

228 Ebd., S. 169.

229 Ebd.

230 Ebd.

231 Ebd., S. 170.

232 Ebd., S. 170.

Argumentationsschritt. Dies wird insbesondere an Wiesings Versuch der Aktualisierung von Gombrichs Konzept des „Augenzeugenprinzips“ 233 . Es ist in der Auseinandersetzung mit Wiesings Position schon die Bemerkung gefallen, dass das zentralperspektivische Bild eine Sonderstellung hat. Auch hier ist Gombrich der Bezugspunkt: Gombrich geht der Frage nach, ob sich ein „absolut rationales Kriterium der Wirklichkeitstreue“ 234 finden ließe. Seinen Ausarbeitungen zufolge entwickelte sich in der Bildgeschichte das schon sogenannte Augenzeugenprinzip. Gombrich bezieht dieses Prinzip auf das, was üblicherweise Mimesis oder Naturnachahmung genannt wird. Allerdings grenzt sich seine Position von nicht zu überschätzender Weise von dem, was üblicherweise darunter verstanden wird. Gombrich meint nicht, dass es in der Bildproduktion darum geht, dass versucht wird den Gegenstand quasi zu kopieren. Gombrich meint, dass die bildnerische Tätigkeit von einer „negativen Regel“ 235 geleitet wird. Diese besagt, dass „der Künstler nichts in sein Bild aufnehmen darf, was der Augenzeuge in einem bestimmten Augenblick von einem bestimmten Punkt aus nicht hätte sehen können.“ 236 Das Bild soll nach Gombrich also eine Gewährleistung liefern. Man muss es anders formulieren: Das, was das Bild für den Betrachter leistet, ist eine Vergewisserung darüber, was er hätte sehen können. Der Künstler ist nach Gombrich darum bemüht, all das aus dem Bild zu verbannen, was ein Augenzeuge nicht hätte sehen können. 237 Genau das meint auch die Rede von der Sichtbarkeit des Bildes: Sichtbarkeit heißt, das etwas potentiell gesehen werden kann, es aber nicht gesehen werden muss. Die Potentialität ist aber entscheidend. Wäre man an der Stelle von der aus Jan Vermeer seine berühmte Ansicht von Delft gemalt hat, dann könnte man all das sehen und nicht mehr. Wiesing sagt es ganz treffend: Ein „Augenzeuge berichtet nur das, was er selbst gesehen hat.“ 238 Dies soll im Besonderen für die Zentralperspektive gelten: Denn die Zentralperspektive kann den Betrachter

233 Ernst H. Gombrich, „Kriterien der Wirklichkeitstreue: Der fixierte und der schweifende Blick“ (1980), in: Ders., Bild und Auge. Neue Studien zur Psychologie der bildlichen Darstellung (1982), Stuttgart 1984, S. 240-273, hier S. 248.

234 Ebd., S. 248.

235 Ebd.

236 Ebd., S. 248f.

237 Ebd., S. 259.

238 Wiesing, Sehen lassen, S. 172.

darüber versichern, dass er von einem räumlichen Punkt aus, die Sache hätte so sehen können. Als dieses Werkzeug ist sie gedacht. 239 Wiesing zieht einen wichtigen Schluss aus dieser Argumentation, der in epistemischer Hinsicht sehr wichtig ist: Mit zentralperspektivischen Bildern lassen sich „Aussagen über das Aussehen von abwesenden oder fiktiven Dingen formulieren, die nicht falsch sind.“ 240 Man darf es nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum zu sagen, dass Bilder Aussagen machen würden, das wäre abwegig. Denn ganz richtig bemerkt Gabriel: „Insofern bergen Bilder ein Sachverhalts-‚Potential’, entfalten können sie dieses allerdings nur in Verbindung mit Sätzen (Aussagen, Behauptungen), die konkrete Sachverhalte aus der Mannigfaltigkeit des im Bilde Gegebenen hervorheben.“ 241 Aber man kann mit Bildern – in diesem Fall zentralperspektivische – etwas sehen lassen, über dessen Aussehen keine falsche Aussagen gemacht werden können. Das ist in epistemologischer Hinsicht erstaunlich. Denn man hat es mit der Evidenzerfahrung einer Sache zutun, die selbst nicht anwesend ist, sondern substituiert ist. Das hat zur Folge, dass die Praxis des Zeigens mit Bildern, hinsichtlich der Vergewisserung über das Aussehen einer Sache, einen nicht zu überschätzenden epistemologischen Wert hat: Man kann durch Bilder wissen, wie etwas aussieht. Ohne, dass es bei Wiesing explizit um eine epistemologische Fragestellung hinsichtlich der Bilder geht, lässt sich aus seiner Position folgendes extrahieren: Zentralperspektivische Bilder eignen sich dann zur Erfüllung von epistemischen Funktionen, wenn man mit ihnen das Aussehen einer Sache zeigen will. Ohne dass ich jemals die World Trade Center als reale Gebäude gesehen habe, kann ich dennoch sagen, dass ich weiß wie sie ausgesehen haben. Aus dem einfachen Grund, dass man mir Bilder von ihnen gezeigt hat. Die Bildobjekte wurden dazu verwendet, das WTC zu substituieren und mir das Aussehen dieses Gebäudes zu zeigen. Wiesing selbst fasst die Sache wie folgt zusammen:

239 Vgl. Ebd.

240 Ebd., S. 174.

241 Gabriel, „Der Erkenntniswert der Bilder“, S. 24.

Die Verwendung des zentralperspektivischen Bildes zum Zeigen einer Sache lässt

sich somit als die fehlerfrei funktionierende Verwendung des Bildes als Substitut für

die stellvertretende Betrachtung dieser Sache selbst bestimmen242 .

Wiesing schließt damit an das an, was bei Fiedler herausgearbeitet wurde:

Wer etwas über das Aussehen der Welt wissen will, sollte sich ein Bild anschauen.

3. Schluss

Mirjam Wittmann weist in ihrem Aufsatz „Die Logik des Wetterhahns. Kurzer Kommentar zur Debatte um fotografische Indexikalität“ auf einen sehr bezeichnenden Fall hinsichtlich des Verhältnisses von Fotografie und Simulation hin: Der Informatiker Hany Farid hat sich darum bemüht ein Programm zu entwickeln, mit welchem er feststellen kann, ob ein Foto gefälscht ist oder nicht. Dafür entwarf er eine bildliche Simulation am Computer, um unteranderem überprüfen zu können, ob die Lichtverhältnisse auf dem Foto gefälscht sind oder nicht. 243 Dieses Beispiel ist insoweit bemerkenswert, dass man in der Debatte über den epistemischen Wert von Bildern ein starkes Ungleichgewicht zwischen den hier aufgeführten Positionen hat, was sich zum Einen an der Anzahl der aufgeführten Theoretiker niederschlägt und zum Anderen auch an der Länge der jeweiligen Kapitel. Dennoch: Das Beispiel zeigt, dass es wohl berechtigt ist, der Position der substituierenden Verwendungsweise des Bildes mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Denn: So beliebt und bequem es ist für eine indexikalische Verwendungsweise zu argumentieren, so unsicher sind fotografische Medien dennoch auch. Hier hat das zentralperspektivische Bild einen Vorteil: Man kann eine Zentralperspektive nicht fälschen. Wenn man das versucht, hat man keine Zentralperspektive mehr. Deswegen ist eine Simulation in diesem Sinne ein epistemologischer Gewinn. Man könnte die Frage stellen welcher Erkenntniswert höher einzuordnen ist: der des Existenzbeweises oder der des Aussehens einer Sache? Die Alltagspraxis

242 Wiesing, Sehen lassen, S. 157. 243 Mirjam Wittmann, „Die Logik des Wetterhahns. Kurzer Kommentar zur Debatte um fotografische Indexikalität“, in: kunsttexte.de, Nr. 1 2010, S. 1, www.kunsttexte.de (überprüft am 10.10.15).

würde vielleicht auch zeigen, dass die Verwendung von Bildern hinsichtlich epistemischer Funktionen, tendenziell eher in Richtung indexikalischer Verwendungsweise neigt, also um die Existenz von Sachen zu beweisen. Aber ob man ein sinnvolles Kriterium finden kann, um diese Frage zu lösen, soll dahingestellt sein. Es sollen auch hier nicht beide Positionen gegeneinander ausgespielt werden, wie schon erwähnt. Ganz im Gegenteil sollte aufgezeigt worden sein, dass sich Bilder auf mindestens zwei Arten verwenden lassen, um mit ihnen epistemische Funktionen zu erfüllen. Im ersten Unterkapitel des zweiten Abschnitts Kapitel wurde der Versuch unternommen eine Position aus der Debatte um Bild und Episteme heraus zu präparieren, welche als dominierend bezeichnet werden kann. Diese Position ist der Auffassung, dass Bilder dann in epistemischer Hinsicht genutzt werden können, wenn sie sich dazu eignen indexikalisch verwendet zu werden. Der Wert dieser Gebrauchsweise des Bildes liegt darin, dass so Beweise über die Existenz einer Sache erbracht werden können. Hierfür wurden zuerst die Grundzüge einer semiotisch fundierten Zeichentheorie rekonstruiert, um die Grundlage für die Erarbeitung des indexikalischen Zeichens zu schaffen. Charles Sanders Peirce war es der die nachhaltige Definition dessen, was ein indexikalisches Zeichen ist, geprägt hat, weswegen selbiger auch Hauptquelle für die Rekonstruktion war. Im Anschluss daran wurden die Charakteristika der Verbindung von Bild und Index zusammengeführt. Dies geschah anhand der Theorien von Peirce, Roland Barthes, Philippe Dubois und Martin Seel. Der Verweis auf diese Theorien war deswegen von Notwendigkeit, weil erst auf der Grundlage der Bestimmung des Verhältnisses von Bild und Index, eine Erörterung der Frage um die epistemische Funktion des Index im Bildkontext vollzogen werden konnte. Diese Frage wurde im nächsten Unterkapitel beantwortet:

Die Position Merschs sollte als Musterbeispiel für all diejenigen dienen, welche behaupten, dass Bilder dann epistemische Funktionen erfüllen, wenn das Bild – genauer: das Bildobjekt – als indexikalisches Zeichen verwendet wird. Mersch wurde deswegen als Hauptvertreter gewählt, da seine Position eine der aktuellsten sowie durchdachtesten ist. Viele der Argumentationsschritte, die man bei Mersch findet, findet man auch bei anderen Vertretern. Aber bei Mersch sammeln sich diese Argumente eben.

Merschs Position wurde durch viele kleinere Argumentationsschritte anderer Theoretiker ergänzt. Was sich zusammenfassend über diese Position sagen lies, ist, dass der dieser Position und der damit einhergehenden Verwendungsweise immanente Erkenntniswert ist, ist der Existenzbeweis. Die Behauptung ist, dass, insofern möglich, sich durch eine indexikalische Verwendungsweise des Bildes sich die Existenz verschiedener Dinge beweisen lässt. Es lässt sich also mit dem Bild etwas Beweisen. Allerdings wurden ebenso zwei wichtige Punkte in dieser Auseinandersetzung klar:

Zum Einen hat man es nicht mit Bildern als Beweisen, sondern mit Bildern in Beweisen zu tun. Denn mit einem indexikalisch verwendetem Bild lässt sich nichts anderes als die Existenz einer Sache beweisen. Wie Beispiele der Verwendungsweise indexikalischer Bilder aber gezeigt haben, sind die Dinge, für die ein Beweis erfordert wird, oftmals aber komplexer als die Frage nach der Existenz einer Sache. Aber mehr als das vermag das indexikalisch verwendete Bild nicht zu leisten. Zum Anderen hat man es bei dieser Schlagrichtung der Diskussion um ein sehr eingeschränktes Feld von Bildern zutun: Und zwar gilt diese Argumentation bloß für den Typus fotografischer Bilder. Im zweiten Unterkapitel des zweiten Abschnitts wurde der Versuch gemacht eine Position einerseits zu systematisieren, andererseits aber auch erst überhaupt in den Fokus zu rücken. Denn wie schon erwähnt dominiert diejenige Position, welche über das Verhältnis indexikalischer Bilder und Episteme forscht. Man kann darüber nur spekulieren, warum die Debatte so einseitig verläuft. Womöglich liegt es an der Tatsache, dass sehr viele Menschen ohne Aufwand eine immense Anzahl an Fotografie und Videos tagtäglich produzieren kann. Dementsprechend wurde also versucht eine zweite Position zu systematisieren. Diese Position lässt sich in der Behauptung zusammenfassen, dass Bilder dann epistemische Funktionen erfüllen, wenn sie als Substitute für das Aussehen der zu substituierenden Sache benutzt werden. Das heißt, dass man mit Bilder jemanden etwas sehen lässt, was der Betrachter so hätte sehen können. Grundlage dieser Position ist der phänomenologische oder auch wahrnehmungstheoretische Ansatz in der Bildtheorie. Dessen Grundzüge wurden daher kurz herausgearbeitet. Daran anschließend wurden zwei Gedanken dieser

Grundlagen vertieft und zwar: die Idee der bloßen Sichtbarkeit bei Konrad Fiedler und der Gedanke des Substituts bei Ernst H. Gombrich. Anhand dieser Grundlage und Zusammenführung eines phänomenologischen und eines pragmatistischen Ansatzes, wurde im darauffolgenden Titel der Versuch unternommen Lambert Wiesings Position innerhalb der Zeigeforschung für die Diskussion um Bild und Episteme fruchtbar zu machen. Wiesing selbst lieferte hierfür schon grundlegende Ansätze, welche hier in der Weise interpretiert wurde, dass sich mit seiner Position zum Verhältnis von Bild und Episteme arbeiten lässt. Die grundlegende These seiner Arbeit lautet, dass das Zeigen mit Bildern eine substituierende Verwendung in der Hinsicht ist, dass man so jemandem das Aussehen von etwas sehen lassen kann. Dies hat, wie herausgearbeitet zutun, dass Wiesing in der Bildtheorie einen dezidiert phänomenologischen Ansatz verfolgt, welcher besagt, dass das Bildobjekt ein Gegenstand reiner Sichtbarkeit ist. Wiesing führt diese These insoweit aus, dass er sagt, dass man mit der Zentralperspektive ein bildnerisches Werkzeug hat, dass sich im besonderen Maße dafür eignet, jemandem das Aussehen von etwas zu zeigen. Denn: Die Zentralperspektive folgt dem Augenzeugenprinzip. Der Betrachter eines Bildes kann beim Anschauen eines Bildes darüber Gewissheit haben, dass würde er an dieser spezifischen räumlichen Stelle stehen, von der aus das Bild gemalt ist, könnte er das Bildobjekt genau so sehen. In epistemischer Hinsicht spitzt Wiesing die These dahingehend zu, dass er sagt, dass sich mit zentralperspektivisch-organisierten Bildern keine Aussagen über das Aussehen einer Sache machen lassen, die falsch wären. Zusammenfassend lies sich über diese Position sagen, dass man es hier hinsichtlich der epistemischen Funktion mit dem Bild als Beweis zutun hat. Denn: Die substituierende Verwendung eines Bildes ist gleichsam das Erlangen von Gewissheit über das Aussehen einer Sache. Günter Abel spricht treffenderweise von Bildern als „Gewißheits-Garanten“ 244 . Mehr kann man durch diese Verwendungsweise nicht erfahren, weil der Gegenstand den man als Substitut benutzt, lediglich ein Gegenstand reiner Sichtbarkeit ist. Deswegen ist der epistemische Nutzen dieser Verwendungsweise eingeschränkt, was aber nicht wertend zu verstehen ist.

244 Günter Abel, „Zeichen- und Interpretationsphilosophie der Bilder“, S. 23.

Es ist mit dieser Systematisierung bei weitem noch nicht alles zu diesem Thema gesagt. Insbesondere hat man bei der vorliegenden Arbeit mit dem Problem zutun, dass es keinen ausgearbeiteten Begriff von Episteme gibt. Man musste sich auf das einlassen, was die gewählten Autoren vorgaben und da gibt es gravierende Unterschiede. Nichtsdestotrotz stehen nun zwei Begründungsversuche im Raum, mit welchen man das Verhältnis von Bild und Episteme denken kann. Beiden ist der Gedanke gemeinsam, und das war auch der Ausgangspunkt und die Idee der vorliegenden Arbeit, von der Verwendungsweise des Bildes auszugehen. Wie die Ausarbeitungen gezeigt haben, hat man es hier mit sehr unterschiedlichen Positionen zutun. Was aber dennoch beiden gemeinsam ist und an dieser Stelle in aller Deutlichkeit nochmal gesagt werden soll: Es ist ersichtlich geworden, dass das Zeigen mit Bildern als menschliche Praxis, die notwendige Bedingung dafür ist, dass man Bilder in epistemischer Hinsicht nutzen kann. Das sollte in beiden Ansätzen klar geworden sein. Auch wenn man der Zuordnung des Subjekts im folgenden nicht zustimmen kann, so ist doch, wie die vorliegende Arbeit gezeigt die Intention richtig:

„Bilder zeigen und zeigen sich im Zeigen []. Selbst dort, wo sie – wie in wissenschaftlichen Visualisierungen – etwas zu sagen oder zu beweisen vorgeben, sagen sie dies im Format des Zeigens und bringen ihr Zeigen zugleich zur Erscheinung.“ 245

Wie gezeigt wird, hat damit zutun, was für einen epistemischen Zweck man verfolgt. Hinzu kommt aber auch die Erkenntnis, dass nicht jedes Bild für jede epistemische Funktion geeignet ist: Ein Gemälde einer Gottheit wird nicht die Existenz selbiger beweisen können. Genauso wenig wie ein Eiffelturm-Gemälde Delaunays darüber Gewissheit geben kann, was man von einem bestimmten Punkt aus hätte sehen können. 246 Die Medialität des Bildtyps sowie die Organisation des Bildobjekts – hier im spezifischen die Zentralperspektive – sind nicht zu unterschätzende Faktoren, will man klären, inwieweit Bilder sich dazu eignen epistemische Funktionen zu erfüllen.

245 Martina Heßler und Dieter Mersch, „Bildlogik“, S. 23. 246 Vgl. Wiesing, Sehen lassen, S. 171.

Die Frage des Verhältnisses beider Positionen zueinander lässt sich aber auch womöglich anders denken, denn als lediglich koexistierend: Im Abschnitt über das indexikalische Zeichen wurde auf eine Differenzierung aufmerksam gemacht, welche zwischen genuinem und degeneriertem Index unterscheidet. Für den degenerierten Index galt, dass dieser die für den Index notwendige wirkliche Beziehung zu einem Objekt simuliert. Womöglich hat man es hier mit einer Schnittstelle zutun, welche die Möglichkeit bieten könnte, die beiden genannten Ansätze gegenseitig zu ergänzen und ineinander zu arbeiten. Vielleicht hat man es auch mit einer ganz anderen Art des Zeigens mit Bildern in epistemischer Hinsicht zutun oder der degenerierte Index ist ein anderer Terminus für Substitut.

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