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Strategy

Flexibilität aus der Wolke


Cloud Computing – die zukünftige Form der ICT

Erwin Weber, Dr. Volker Rieger, Christoph Eikmeier

Es braut sich was zusammen im Internet. Immer mehr ICT-Dienste werden nicht mehr inner-
halb des eigenen Unternehmens betrieben, sondern flexibel über das Web bezogen. Ob Kun-
dendatenbank, Rechenpower oder CRM-Software – ein Internetzugang genügt, um Zugriff auf
sämtliche Dienste zu erhalten. Dabei ist alles flexibel skalierbar. Bezahlt wird nur soviel, wie
auch genutzt wird. Wer will, kann schon heute das Gros seiner Unternehmensanwendungen
ins Web verlagern. Wird zukünftig also alles aus der „digitalen Wolke“ kommen?

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Flexibilität aus der Wolke

W as heute schon alles aus der Wolke kommen kann, zeigt ein
Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit. Milliarden von Men-
zwischen Client und den Cloud-Servern, auf denen die Daten
gespeichert sind.
schen wollten dabei sein, als der neue amerikanische Präsident
Barack Obama im Januar sein Amt antrat. Die Veranstaltung Ganz neu ist diese Idee nicht. Vor einigen Jahren kamen bereits
wurde live ins Internet gestreamt und von Hunderttausenden ähnliche Modelle auf, damals unter den Bezeichnungen Appli-
mitverfolgt. Tausende Hobby-Journalisten bloggten mobil via cation Service Providing (ASP) oder Software-on-demand. Weil
Facebook und Twitter ihre Erlebnisse, sozusagen als „Voter ge- die technologische Entwicklung und die Nutzer noch nicht so-
nerated Content“. Unzählige Handynutzer berichteten ihren weit waren, konnten sich die Konzepte allerdings nicht durch-
Verwandten und Freunden von der Veranstaltung. setzen. Dank neuer Webtechnologien wie beispielsweise AJAX
und schnellerer Internetzugänge erfahren heute dieselben Ideen
Für ICT-Verantwortliche stellen Großereignisse wie dieses eine unter neuem Namen eine Renaissance.
enorme Herausforderung dar. So hatte AT&T viele Millionen
Dollar investieren müssen, um für diesen historischen Tag die Cloud Computing-Services können an unterschiedlichen Stel-
Kapazitäten seines Mobilfunknetzes in der Umgebung von len der Wertschöpfungskette von ICT-Dienstleistern ansetzen.
Washington um 80 Prozent zu erhöhen. Wäre es nicht schön, Bisher haben sich hier insgesamt drei Modelle herausgebildet
wenn man Lastspitzen, wie sie durch derartige Großereignisse (siehe Abbildung 1): Infrastructure-as-a-Service (IaaS), Soft-
oder beispielsweise breit angelegte Werbekampagnen entstehen, ware-as-a-Service (SaaS) und Platform-as-a-Service (PaaS).
dadurch abfedern könnte, dass man jegliche dafür nötigen ICT-
Ressourcen nach Bedarf mietet – und natürlich auch nur nut- Dienste, bei denen es um den flexiblen Bezug von Serverleistung
zungsabhängig zahlt? Hier kommt Cloud Computing ins Spiel. oder Speicherplatz über das Internet geht, also Infrastruktur-
Mit Cloud Computing ist es möglich, ICT-Infrastrukturen Leistungen, nennt man Infrastructure-as-a-Service. Beispiele
und Anwendungen auf Zuruf temporär zu mieten und bedarfs- hierfür sind die Webservices Simple Storage Service (S3) und
gerecht abzurechnen. Bei großem Benutzeransturm – wie dem Elastic Compute Cloud (EC2) von Amazon.
Amtsantritt Obamas – werden automatisch mehr Ressourcen
zur Verfügung gestellt und nachher wieder zurückgefahren. Software-as-a-Service wird häufig mit Cloud Computing
gleichgesetzt, ist aber nur ein Teilbereich davon. Die Idee von
Die Wolkendecke lichten – ein Definitionsversuch Software-as-a-Service steht für den Betrieb und die Instandhal-
tung von Computeranwendungen als Service über das Internet.
Doch was genau ist unter Cloud Computing zu verstehen? Gehostet und aktualisiert werden die Anwendungen auf den
Mehrere nebulöse Schlagwörter kursieren in diesem Zusam- Servern des Betreibers. Beispielsweise bietet Google mit seinem
menhang, ohne dass sich deren genaue Bedeutungen und die Webservice „Text & Tabellen“ eine Cloud-basierte Alternative
Abhängigkeiten untereinander sofort erschließen. Daher soll die zu Microsoft Office und mit GMail einen webbasierten E-Mail-
dichte Wolkendecke im Folgenden etwas gelichtet und der Ver- dienst, der auch im Offline-Bereich nutzbar ist.
such einer Begriffsbestimmung unternommen werden.
Das Modell von Platform-as-a-Service richtet sich nicht an
Häufig wird Cloud Computing mit Grid Computing gleich- die Anwender, sondern an Entwickler von Webapplikationen.
gesetzt. Letzteres meint die Zerteilung von rechenintensiven Im PaaS-Modell stellt ein Anbieter Programmierschnittstellen
Aufgaben in kleine Einheiten, die von einem Netz (Grid) mit- (Application Programming Interfaces, APIs) und Entwickler-
einander verbundener Computer parallel ausgeführt werden. tools (Software Development Kits, SDKs) zur Verfügung. Jeder
Cloud Computing ist aber mehr als das, es steht für einen Entwickler kann diese nutzen, um eigene Webapplikationen
Paradigmenwechsel: Verschiedenste Dienste, die bisher von basierend auf der Infrastruktur des Plattform-Anbieters zu
einem lokalen Computer übernommen wurden, wandern in die programmieren, zu testen und zu betreiben. Der SaaS-Pionier
Internet-„Wolke“, zum Beispiel Unternehmenssoftware, Daten, Salesforce bietet mit seiner Website Force.com seit einiger Zeit
Speicherplatz. Der Internetanschluss fungiert als Schnittstelle eine solche Plattform an.

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Cloud Computing im Unternehmen einsetzen Unternehmensgrenzen hinweg. CRM-Lösungen von Sales-


force.com werden beispielsweise häufig von Unternehmen mit
Wie viele ICT-bezogene Entscheidungen müssen Anwender das Franchise- oder Partnervertrieb eingesetzt. Jeder Partner benö-
Thema Cloud Computing aus zwei Perspektiven betrachten: der tigt nicht mehr als einen Internet-Zugang, um die gemeinsame
geschäftlichen und der technisch-betrieblichen. Erstere umfasst CRM-Applikation zu nutzen.
alle auf den Markt hin orientierten Möglichkeiten, die sich aus
der neuen Art, ICT zu nutzen, ergeben. Zweitere fokussiert auf Durch die offenen Vernetzungsmöglichkeiten ist Cloud Com-
internen Verbesserungen und speziell Kosteneinsparungen, die puting ideal geeignet, um die Potenziale moderner Arbeits- und
sich aus der geänderten Erbringung der ICT-Leistungen erge- Organisationsformen auszunutzen. Beispielhaft genannt seien
ben. die Ausbildung von Wertschöpfungsnetzen bis hin zur Virtu-
alisierung von Unternehmen, die Zusammenarbeit in Partner-
Dominante Treiber für die geschäftlichen Möglichkeiten, die schaften und über Firmengrenzen und Standorte hinweg, der
sich aus der Nutzung von Cloud Computing ergeben, sind Einsatz von temporären und mobilen Mitarbeitern und die
die relative Schnelligkeit und vor allem die Offenheit, mit der Flexibilisierung der Arbeitswelten durch die Konvergenz von
sich geschäftliche Anforderungen umsetzen lassen – beides im Privat- und Geschäftsleben. In diesen Anwendungsbereichen
Vergleich zu internen ICT-Lösungen. Applikationen und Platt- steht Cloud Computing häufig in inhaltlicher Überlappung mit
formen, die im Netz bereitstehen, können sehr leicht und sehr Unified Communications* und Web 2.0-Applikationen. Kom-
schnell genutzt und Partnern zugänglich gemacht werden. Sie
eignen sich von daher ideal für Zusammenarbeitsformen über * vgl. dazu den Artikel „Das Ende von Babylon“ in DMR 4/2008

Abbildung 1: Die unterschiedlichen Modelle von Cloud Computing

Infrastructure- Platform- Software-


Cloud as-a-Service as-a-Service as-a-Service
Computing- (IaaS) (PaaS) (SaaS)
Modelle:

Wertschöpfungs- Bereitstellung
Bereitstellung Bereitstellung Bereitstellung Integration
kette von ICT- einer Prozess-
der der der der
Entwickler- integration
Dienstleistern: Infrastruktur Konnektivität Anwendungen Anwendungen
plattform

Hardwareressourcen Datentransport SDK und Entwicklung Anpassen der Verankerung der


(Speicherplatz, über öffentliche APIs für einzelner Dienste an die Dienste in den
Erbrachte
Rechenkapazitäten Kommuni- Drittentwickler webbasierter individuellen Unternehmens-
Leistungen:
etc.) kationsnetze Softwarelösungen Anforderungen prozessen
des Unternehmens

Quelle: T-Systems (modifiziert)

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munikation und Teamarbeit in vielfältigen Netzwerken nehmen men. Dabei orientieren sich die Kostenparameter in der Regel
sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext zu. Da- nach der Applikationsebene: Infrastrukturartige Dienste wie
bei möchten immer mehr Menschen die Dinge, die sie in ihrer zum Beispiel Amazons EC2 und S3 werden nach technischen
privaten Produktivität unterstützen, auch im beruflichen Kon- Parametern wie CPU-Zeit oder Datenvolumen bepreist, wäh-
text nutzen. Auf diesen Trend setzt beispielsweise Google. Die rend Cloud-Anwendungen wie zum Beispiel Googles Apps
Google Docs (dt.: „Text & Tabellen“) bringen bereits in ihrem oder Salesforce.com pro Applikation und Nutzer in Rechnung
Leistungsversprechen „Dokumente und Tabellen online erstel- gestellt werden. Bisherige Praxiserfahrungen zeigen, dass sich
len und zeitgleich mit anderen bearbeiten – überall, jederzeit“ Cloud Computing vor allem und eindeutig für kurzfristig
die Verbindung von Cloud Computing („Arbeit online“) und orientierte Anwendungsfälle rechnet. Erfahrungswerte über
Web 2.0 („gemeinsam mit anderen“) zum Ausdruck. eine Nutzungsdauer von drei bis fünf Jahren hinaus fehlen
noch. Dabei ist die langfristige Vergleichsbetrachtung schwie-
Geschwindigkeitsvorteile bei der Nutzung von Cloud Com- rig, da vielfältige Aufwandspositionen in eine TCO-Sicht (Total
puting ergeben sich vor allem dadurch, dass gebrauchsfertige Cost of Ownership) mit einberechnet werden müssen: angefan-
Infrastrukturen und Applikationen quasi per Mausklick bereit- gen mit der Hardware der Endanwender über die Kosten für
stehen. Dadurch können kurzfristige oder einmalige Projekte Rechenzentren, Server, Stromverbrauch und IT-Personal bis hin
schnell und außerhalb der sonst üblichen – und sicher auch zu Lizenz- und Nutzungsgebühren für die Software. IBM bietet
erforderlichen – unternehmensinternen IT-Prozesse durchge- einen „virtuellen Desktop“ als Ersatz für den klassischen PC-
führt werden. Dies ermöglicht Unternehmen, Innovationen Arbeitsplatz an und behauptet, dass Unternehmen damit in der
explorativ in den Markt einzuführen, ohne dass große, CAPEX- Gesamtrechnung um bis zu 800 US-Dollar pro Jahr gegenüber
intensive Investitionen mit noch nicht absehbarem Return not- der Nutzung eines normalen PCs mit Windows Vista und der
wendig sind. Die New York Times hat beispielweise nach der Microsoft Office Suite einsparen können.
Entscheidung, ihr Archiv öffentlich zugänglich zu machen, elf
Millionen Artikel aus der Zeit von 1851 bis 1980 mit Hilfe Aus technisch-betrieblicher Sicht gibt es heute daher zwei ak-
der Amazon-Dienste EC2 und S3 innerhalb von 24 Stunden in zeptierte Hauptanwendungsfälle von Cloud Computing. Der
PDF-Dokumente konvertiert. Dabei wurden 5,5 Terabyte an erste betrifft den zusätzlichen Einsatz von Cloud-Ressourcen,
Daten auf 100 virtuellen Computern bewegt. Der Aufbau einer um Lastspitzen abzudecken. Hier ergänzt und erweitert die
eigenen Infrastruktur hätte das Projekt ungleich teurer und Cloud die Angebote der internen IT. Damit können sowohl
langsamer gemacht. In gleicher Weise lassen sich experimen- einmalige Anforderungen wie Sonderprojekte als auch wieder-
telle Web-Sites für Kampagnen oder neue Internet-Angebote kehrende Bedarfe wie zum Beispiel der Jahresabschluss oder die
mit wenig Aufwand realisieren. Auch können Start-Ups und Inventur abgedeckt werden. Der zweite betrifft die Nutzung von
kleinere Unternehmen kostengünstig und schnell ihre Ange- Cloud-Ressourcen zur Optimierung der Finanzierungsstruktur
bote entwickeln. Das online Foto- und Video-Archiv Phanfare weg von CAPEX hin zu OPEX. Unabhängig von den Gesamt-
hat über 100 Terabyte an Nutzerdaten bei Amazon S3 gelagert. kosten der Cloud-Lösung können knappe Finanzressourcen –
Im Vergleich zum Aufbau und Betrieb einer eigenen Speicher- etwa bei Start-Ups oder in den aktuellen Zeiten der Krise – für
lösung spart das Unternehmen nach eigenen Angaben mehr als das operative Geschäft geschont werden und müssen nicht in IT
50 Prozent der Kosten. investiert werden. Die Kosten einer Cloud-Lösung passen sich
in der Regel auch viel flexibler dem Geschäftsaufkommen an –
Kosteneinsparungen stehen häufig im Vordergrund, wenn Un- auch dies ein weiterer Vorteil für schnell wachsende Start-Ups
ternehmen über Cloud Computing aus einer rein internen, oder Unternehmen in turbulenten Zeiten.
technisch-betrieblichen Sicht nachdenken. Betriebswirtschaft-
lich gesehen zeigt Cloud Computing viele Parallelen mit Out- Spätestens dann, wenn die geschäftlich orientierten Vorteile des
sourcing oder der Nutzung von Managed Services: Das Un- Cloud Computing mit den technisch-betrieblichen zusammen
ternehmen muss keine Investitionen in eigene IT-Ressourcen treffen, sollte ernsthaft über diesen Weg nachgedacht werden.
vornehmen, sondern zahlt ausschließlich nach Nutzungsvolu- Wenn also sehr schnell ein Sonderprojekt, dessen Erfolg ungewiss

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ist und das in Zusammenarbeit mit Partnern gestemmt werden Klassische Softwarehersteller haben es lange Zeit vermieden,
soll, durchgeführt werden muss, sollten Fach- und IT-Seite die auch eine webbasierte Variante ihrer Anwendungen zu entwi-
neuen Möglichkeiten in Erwägung ziehen. ckeln. Auslöser war die Angst vor Kannibalisierungseffekten
mit dem Verkauf von lokaler Software. Erst seit kurzem erken-
Eine Goldgrube für ICT-Unternehmen? nen Softwareunternehmen die neuen Chancen, die sich ihnen
durch die Bereitstellung webbasierter Anwendungen bieten.
Die vielfältigen Möglichkeiten für Anwender, von Cloud Com- Unternehmen wie Microsoft oder Adobe entwickeln derzeit
puting-Anwendungen zu profitieren, haben eine Vielzahl von unter Hochdruck Cloud-Varianten ihrer Anwendungen. Das
Anbietern auf den Plan gerufen. Mittlerweile tummeln sich Büropaket „Microsoft Office“ liegt zwar nach wie vor nur in
neben spezialisierten Cloud Computing-Unternehmen auch einer lokalen Version vor, aber das Unternehmen hat bereits an-
klassische Software- und Hardwarehersteller auf dem Markt. gekündigt, bald auch eine Web-Version anbieten zu wollen. Die
Anbieter von ICT-Dienstleistungen drängen ebenfalls in den Entwicklerplattform „Windows Azure“ (dt. „himmelblau“), die
noch jungen Markt der webbasierten On-Demand-Dienste Ende 2008 vorgestellt wurde, unterstreicht den Strategiewechsel
(siehe Abbildung 2). Doch welche Chancen bieten sich für diese von Microsoft.
unterschiedlichen Anbietertypen durch Cloud Computing?
In jüngster Zeit machen sich auch Hardware-Hersteller den
Offensichtlichster Nutznießer einer erhöhten Aufmerksamkeit Cloud Computing-Trend zunutze. So bietet Asus für sein Net-
gegenüber Cloud Computing sind spezialisierte Anbieter von book eeePC, das nur einen wenige Gigabyte kleinen Festplatten-
Cloud-Anwendungen. Das 1999 gegründete Unternehmen speicher besitzt, einen zusätzlichen zwei Gigabyte großen On-
Salesforce.com nimmt in diesem Bereich eine Vorreiterrolle ein linespeicher, der sich nahtlos in das Betriebssystem integriert.
und positioniert seine webbasierte Unternehmenssoftware, zum
Beispiel CRM-Tools, seit mehreren Jahren erfolgreich im Wett- Anbieter von Telekommunikationsdienstleistungen können in
bewerb zu Anbietern lokaler Softwarelösungen. zweierlei Hinsicht vom Trend Cloud Computing profitieren.

Abbildung 2: Die Einordnung der Anbieter von Cloud Computing-Diensten

Anwendungen
(SaaS)

Cloud
Computing
Infrastruktur Plattform
(IaaS) (PaaS)

Quelle: Detecon

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Erstens wird die Wichtigkeit des Internets für Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Netzbetreibern
steigen, wodurch sich Netzbetreibern neue Hebel für den Ver- gewinnen. Auch hier übernimmt BT eine Vorreiterrolle: Mitte
trieb breitbandiger Internetanschlüsse bieten. Zweitens ermög- 2008 sicherte sich das Unternehmen mit dem Kauf des Silicon
licht das Bereitstellen eigener Cloud-Computing-Dienste völlig Valley-Startups Ribbit eine Technologie, mittels derer Sprach-
neue Geschäftsmodelle für Netzbetreiber. kommunikation nahtlos in beliebige Websites integriert werden
kann. Die „Ribbit Developer-Platform“ gibt Entwicklern die
Ersteres leuchtet schnell ein: Wenn immer mehr Unternehmens- nötigen Tools in die Hand, um eigene Dienste auf Basis der BT-
prozesse und -anwendungen aus dem World Wide Web kom- Infrastruktur aufzusetzen.
men, wird die Internetverbindung zunehmend erfolgskritisch.
Selbst kurze Ausfälle können schnell geschäftsschädigend wer- Empfehlungen für potenzielle Anwender
den, wenn dadurch wichtige Teile des Unternehmens lahmge-
legt werden. Es gilt, sowohl eine gute Verbindungsqualität als Anwender sehen Cloud Computing heute häufig noch skep-
auch eine ausreichende Geschwindigkeit bereitzustellen, um tisch. Insbesondere Großunternehmen fürchten um die Verläss-
Leistungsspitzen abfedern zu können. So kann es gelingen, auch lichkeit der Angebote. Bevor Cloud Computing als vollwertiger
Unternehmen in bislang weniger IT-affinen Branchen von der Ersatz für etablierte und geschäftsrelevante Applikationen an-
Notwendigkeit breitbandiger Internetanschlüsse zu überzeugen. gesehen werden kann, müssen das Vertrauen in die langfristige
Um diesen Effekt zu verstärken, sollten Netzbetreiber und ICT- Positionierung der Anbieter reifen, rechtliche Probleme im Be-
Dienstleister aktiv die Verbreitung von Cloud Computing un- reich länderübergreifender Datenspeicherung geklärt und die
terstützen. So offeriert beispielsweise die British Telecom (BT) uneingeschränkte Verfügbarkeit des Internets für alle Marktteil-
kleinen und mittleren Unternehmen direkt neben den reinen nehmer sichergestellt werden.
Internetzugängen auch Cloud-Anwendungen, zum Beispiel von
Salesforce.com. Für Anwendungen außerhalb der Kernapplikationen und für
junge und kleinere Unternehmen bieten sich jedoch bereits
Eine zweite Möglichkeit für Netzbetreiber, vom Trend webba- heute interessante Einsatzpotenziale. Ob sich der Einsatz von
sierter Dienste zu profitieren, eröffnet sich durch das Bereit- Cloud Computing im Unternehmen lohnt, hängt dabei von
stellen eigener Cloud Computing-Lösungen. Dafür müssen gewissen organisatorischen und prozessualen Voraussetzungen
klassische Telekommunikationsprodukte, etwa Telefonate, Fax- ab. Je mehr unterschiedliche Standorte und Geschäftspart-
dienste und Voicemails, virtualisiert, also in einer webbasierten ner ein Unternehmen hat, desto mehr können die offenen
Variante angeboten werden. Vorteil für den Anwender: Er be- Vernetzungsmöglichkeiten, die Cloud Computing bietet, aus-
nötigt nur einen Internetzugang und hat sofort Zugang zu allen gespielt werden. Die Einführung flexibler Arbeitszeit- und
Kommunikationsmitteln. Arbeitsplatzregelungen im Unternehmen kann ebenfalls den
Wechsel zu Cloud-basierten Infrastrukturen und Applikationen
Diese Services können vom Netzbetreiber selbst vertrieben sinnvoll machen.
werden. Weitaus interessanter ist jedoch eine andere Variante,
nämlich Drittanbietern (Independent Software Vendors = ISVs) Stark wachsende und sehr junge Unternehmen profitieren von
Programmierschnittstellen (APIs) zur Verfügung zu stellen, da- der Skalierbarkeit webbasierter Cloud-Dienste. Der Einsatz
mit diese ihre eigenen Cloud-Anwendungen auf Basis der vir- von Cloud Computing ist hier sehr empfehlenswert, weil diese
tuellen Telekommunikationsprodukte entwickeln können. Lösungen auch im Fall eines sprunghaften Mitarbeiteranstiegs
Ein Online-Marktplatz dient als Vertriebsplattform, um diese mitwachsen. Bei größeren, langsamer wachsenden Unterneh-
Dienste beliebigen Kunden anzubieten. Ein Teil der Nutzungs- men kann die Projektmentalität des Unternehmens entschei-
gebühren wird dabei vom Anbieter als Entgelt einbehalten. Wer dend sein: Werden häufig große Projekte im Unternehmen
eine große Entwicklergemeinde hinter sich scharen kann, kann durchgeführt, zum Beispiel bei Produkteinführungen oder

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Unternehmenszusammenschlüssen, bieten Cloud-Dienste die Dienste zum Einsatz, ist die Chance groß, dass Unternehmen
nötige Flexibilität, um Infrastrukturen und Applikationen be- schon heute von den zahlreichen Vorteilen, die Cloud Compu-
darfsgerecht bereit zu stellen. ting bietet, profitieren.

Auch aus technisch-betrieblicher Sicht ist eine der wichtigsten Empfehlungen für Cloud-Anbieter
Fragen die nach der Datensicherheit. Eine ausreichende Ver-
schlüsselung der gespeicherten Daten, redundante Datenhal- Die geänderten Anforderungen auf Seiten der Anwender wie
tung und ein regelmäßiges Backup sollten sichergestellt werden. höhere Dynamik, steigender Kostendruck, aber vor allem die
Es sollte im Vorfeld mit dem Anbieter geklärt werden, wer ver- neuartigen technologischen Möglichkeiten in Form einer zu-
antwortlich ist, wenn wichtige Daten verloren gehen und wie nehmenden Virtualisierung, so wie sie sich durch Cloud Com-
rechtliche Probleme bei länderübergreifender Datenspeicherung puting ergeben, erlauben es Cloud-Anbietern, neue Zielgrup-
umgangen werden können. pen zu adressieren beziehungsweise vorhandene Zielgruppen
besser zu bedienen.
Sind beim Unternehmen Kosteneinsparungen das Haupt-
argument für die Einführung von Cloud Computing, spielen So können neue Zielgruppen wie Kleinstunternehmen und
Kompatibilitätsaspekte in zweierlei Hinsicht eine große Rolle: Start-Ups, denen die einmaligen Anschaffungskosten einer Soft-
Zum einen muss das Zusammenspiel des Cloud-Dienstes mit ware oder einer Serverinfrastruktur bisher zu hoch waren, durch
der bestehenden ICT-Infrastruktur des Unternehmens geprüft die flexiblen, bedarfsgerechten Abrechnungsmodalitäten von
werden. Zum anderen sollte man beim Einsatz mehrerer Cloud- Cloud Computing als neue Kunden gewonnen werden. Aus
Dienste von unterschiedlichen Anbietern auch die Interkom- Sicht spezialisierter Cloud-Anbieter bietet sich dabei die Mög-
patibilität der Dienste untereinander auf den Prüfstand stellen. lichkeit, bei der Bereitstellung ihrer Dienstleistungen Skalen-
Denn nur bei der Gesamtsicht auf die Anwendungsarchitektur effekte zu erzielen. Besonders lukrativ wird das Geschäftsmodell,
kann das Zusammenspiel der einzelnen Teile und damit eine wenn es sich dabei wie im Beispiel der Amazon-Dienste EC2
kosteneffiziente Implementierung sichergestellt werden. und S3 um Ressourcen handelt, die ohnehin für die eigenen
Geschäftszwecke vorgehalten werden müssen. So kann durch
Je mehr Dienste im Unternehmen aus der Cloud kommen, Cloud Computing eine verbesserte Auslastung der eigenen In-
desto höher ist die Abhängigkeit vom Cloud-Anbieter und frastruktur erreicht werden.
desto genauer sollte dieser im Vorfeld unter die Lupe genom-
men werden. Viele Anbieter von Cloud Computing offerieren Nutzer von Cloud-Angeboten werden im ersten Schritt vor-
mehrwöchige Testphasen, in denen die Dienste kostenlos aus- nehmlich Anwendungen (Soft-ware-as-a-Service) aus der Wol-
probiert werden können. Anwender sollten diese Phase nutzen, ke nutzen, welche keine tiefe Integration in die eigenen Unter-
um nicht nur die technische Kompatibilität, sondern auch die nehmensprozesse, Datenbanken und IT-Umgebung erfordern.
Bedienung der Systeme zu vergleichen: Je ähnlicher sich lokale Dennoch werden sie auch für diese Anwendungen garantierte
und Cloud-Variante sind, desto leichter fällt den betroffenen Servicelevel sowie Compliance-Erklärungen hinsichtlich des
Mitarbeitern der Umstieg. Weitere Bewertungskriterien sind Umgangs mit Unternehmensdaten erwarten.
Reputation und Zuverlässigkeit des Cloud-Anbieters. Insbeson-
dere Cloud-Dienste, die mit dem Label „Beta-Version“ betitelt In einem zweiten Schritt wird es für Cloud-Anbieter darum
sind, sind häufig noch nicht für den professionellen Einsatz im gehen, den eigenen „Share of wallet“ zu vergrößern. Diese
Unternehmen geeignet. Kommen dagegen ausgereifte Cloud- Möglichkeit wird sich für solche Anbieter ergeben, die es ver-

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Flexibilität aus der Wolke

stehen, ihr Angebotsportfolio zu erweitern und auch komplexe Erwin Weber ist Experte für Innovationsmanagement für ICT Communi-
Integrationen in die Unternehmensarchitektur ihrer Kunden cation Services und Value Added Services. Er leitet die Gruppe ICT Product
Innovationund berät nationale und internationale Unternehmen bei der
zu leisten. Auf den unterschiedlichen Ebenen der Wertschöp- Qualifizierungund Markteinführung neuer Dienste, insbesondere an der Naht-
fungskette werden sich dabei zunehmend spezialisierte Anbieter stelle zwischen Markterfordernissen und Technologie.
herausbilden, die ebenso wie ihre Kunden bei der Erstellung
ihrer Dienstleistungen vor der Entscheidung des „build, buy Erwin.Weber@detecon.com
or partner“ stehen. Das heißt, für die Anbieter „höherwertiger“ Dr. Volker Rieger ist Partner und leitet die Gruppe Technology Portfolio Strategy
Dienstleistungen ist es erfolgskritisch, das eigene Angebotsport- und das Detecon Center of Excellence on Global Technology Intellligence. Mit
folio attraktiv und die Kostenstrukturen optimal zu gestalten. über zehn Jahren Berufserfahrung in ICT-Märkten liegen die Schwerpunkte
Erfolgreiches Partnermanagement ist dabei sicher eine der zen- seiner Beratungstätigkeit auf innovativen Geschäfts- und Technologiestrategien.
Bevor er zu Detecon kam, war er Produktmanager im Geschäftsbereich Mobile
tralen Schlüsselqualifikationen. Communications bei Bosch.

Die Gesetzmäßigkeiten, die zuvor vornehmlich für IT-Dienst- Volker.Rieger@detecon.com


leistungen dargestellt wurden, haben auch direkt Relevanz für
Christoph Eikmeier ist in der Gruppe ICT Product Innovation tätig. Hier berät
die Betreiber von Kommunikationsnetzen. Aus Sicht der Netz- er nationale und internationale Unternehmen bei der strategischen Gestaltung
betreiber besteht die Herausforderung darin, zum einen ihr ihres Leistungsportfolios und der Konzeption innovativer Geschäftsmodelle.
Angebot um Cloud-basierte Dienstleistungen anzureichern. Herr Eikmeier hat mehrjährige Erfahrungen im IT- und Medienbereich.
Darüber hinaus zeichnet sich auch bei der Entwicklung von
Christoph.Eikmeier@detecon.com
Telekommunikationsdienstleistungen ein Trend zur zuneh-
menden Konvergenz und Virtualisierung von Telekommunika-
tionsdienstleistungen ab.

Spätestens zu den nächsten amerikanischen Präsidentschafts-


wahlen im Jahr 2012 werden sich Cloud Computing-Lösungen
voraussichtlich als gleichwertige Alternative zu innerbetrieb-
lichen ICT-Diensten am Markt etabliert haben. Die Antwort
auf die Frage „Wird zukünftig alles aus der Wolke kommen?“
lautet also: Nicht alles, aber viel mehr, als wir uns vielleicht heu-
te vorstellen können.

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