Sie sind auf Seite 1von 3

VON DER ASTRONOMIE ZUR ASTROLOGIE DER NAOS DEKADEN

Die als Naos bezeichneten Schreine waren als große Nischen f ur¨ die Statuen von Gottheiten im hinteren, heiligsten Teil der Tempel aufgestellt. Ihre Fassaden waren mit T uren¨ versehen, die der diensttuende Priester offnete,¨ um die t aglichen¨ und der Gottheit besonders geweihten Riten auszuf uhren.¨ Urspr unglich¨ aus Holz, wurden diese Kapellen sp ater¨ aus Stein, in der agyptischen¨ Sp atzeit¨ aus einem monolithischen Block gehauen. Franck Goddios meeresarch aologische¨ Mission in der Bucht von Abukir brachte mehrere Seitenteile eines außergewohnlichen¨ Naos, des Naos der Dekaden , zutage, von dem die Museen in Alexandria und der Louvre in Paris bereits Teile besitzen. Der oberste Teil in Form eines pyramidenformigen¨ Daches wurde in der Gegend von Kanopus an Land gefunden und gelangte bereits 1817 in den Louvre. Ein erheblicher Teil, bestehend aus dem Sockel und der R uckwand,¨ wurde 1940 in der Bucht von Abukir entdeckt und von seinem Finder, F urst¨ Omar Toussoun, dem Griechisch-R omischen¨ Museum von Alexandria geschenkt. Die in j ungster¨ Zeit entdeckten Fragmente steuern einen maßgeblichen Teil der linken sowie ein St uck¨ der rechten seitlichen Fassade bei, wobei von letzterer noch sehr viel fehlt. Der Naos der Dekaden ist ein Monolith aus sehr dunklem Granit, außen und innen prachtvoll dekoriert. Er wurde von Pharao Nektanebos I. (380 – 362 v. Chr.) fur¨ den Gott Schu-Sopd errichtet. Dieser stellt eine besondere Form des Gottes Schu dar, die in

einer Stadt im Osten des Nildeltas verehrt wurde und dem Pharao die ostlichen¨

uberbringt.¨

Atmosph are,¨ die sich der Agypter zwischen

Feinde

¨

Schu verkorpert¨

die gasformige¨

Himmel und Erde vorstellte; oft wird er als stehender Mann abgebildet, die F uße¨ auf der Erde – verkorpert¨ durch seinen Sohn Geb – und die Arme nach oben gestreckt, um den durch seine Tochter Nut dargestellten Himmel zu stutzen.¨ Das Bild des Gottes im Naos zeigt Schu in Form eines sitzenden Lowen.¨

Ein dazugeh origer¨ Text nennt die Maße der eigentlichen Figur (H ohe:¨ 4 Handbrei- ten, etwa 30 cm) und das Material, aus dem sie hergestellt war: Silber, mit Feingold

uberzogen.¨ Zweifelsohne muss dieser eindrucksvoll realistische, goldene L owe¨ beim

¨

Offnen der T ur¨ ein Stocken des Atems hervorgerufen haben, sowohl durch den furcht- erregenden Anblick der Raubkatze als auch durch deren Glanz, der sich stark vorn dunklen Hintergrund der Steins abhob. Dieser Kontrast der Farben war gewollt, denn Schu in Form eines L owen¨ verkorperte¨ die Macht der strahlenden Sonne, w ahrend¨ die dunklen Wande¨ des Schreins die Nacht symbolisierten.

In die Außenseiten des Naos ist ein Kalender gemeißelt, der das agyptische¨ Jahr in Abschnitte von zehn Tagen oder Dekaden teilt. Deren Beginn wird jeweils durch besondere, nacheinander aufgehende Sterne eingeleitet, die man ›Dekan-Sterne‹ nennt. Die gerahmten Felder der Dekaden sind auf die linke, rechte und ruckw¨ artige¨ Fassade der Kapelle verteilt und auf jeder Seite in drei Registern angeordnet. Die Register wiederum werden auf jeder Seite durch B ander¨ von Hieroglyphentexten getrennt. Diese neun B ander¨ liefern einen fortlaufenden Text, der von den Dekan-Sternen handelt.

2

Der Naos der Dekaden

Gleich den Feldern der Dekaden liest sich dieser Text zuerst auf der linken, dann der

rechten und schließlich der r uckw¨

36 große, senkrechte Felder sind den 36 Dekaden des Jahres gewidmet, also insge-

artigen¨

Fassade.

¨

samt 360 Tagen. Ein 37. Feld ist f ur¨ die f unf¨ Schalttage beigef ugt,¨ die die Agypter an

die 360 Tage anh angten,¨

In jedem dieser 37 Felder erscheinen von oben nach unten die gleichen f unf¨ Figuren:

um das Jahr von 365 Tagen zu vervollstandigen.¨

ein Vogel mit Menschenkopf, eine Sphinx mit Falkenkopf, die einen Bogen schwingt, ein schreitender Widder, eine aufrecht stehende und eine aufgebahrt liegende Mumie.

Zyklus

der Dekan-Sterne – von ihrem Erscheinen (der Vogel mit Menschenkopf) bis zu ihrem Verschwinden (die auf einem Totenbett aufgebahrte Mumie). Eine neue Theorie zur Interpretation dieser Figuren stutzt¨ sich auf ein sehr altes agyptisches¨ Buch, das mindestens acht Jahrhunderte vor Nektanebos I. entstanden ist, das »Buch Nut« oder »Buch des Himmels«. Darin liest man, dass die Anzahl der Dekan-Sterne, die am n achtlichen¨ Himmel zu sehen sind, stets konstant bleibt, da alle zehn Tage einer dieser Sterne im Osten aufgeht und eine anderer am Ende seines Laufs im Westen verschwindet. Das Buch erkl art¨ weiterhin, dass in jeder Nacht acht Sterne am ostlichen¨ Sternhimmel aufsteigen, weitere zw olf¨ »in der Mitte des Himmels« kulminieren, neun im Westen absinken und sieben unsichtbar seien. Nach der neuen Theorie beziehen sich die f unf¨ Gottheiten auf die verschiedenen Teile des Nachthimmels, wie sie w ahrend¨ s amtlicher¨ Dekaden zu beobachten sind: Der Vogel bezieht sich auf den neuen Stern, der die Dekade er offnet,¨ die Sphinx auf die acht im ostlichen¨ Himmel aufsteigenden Sterne, der Widder auf die zw olf¨ Sterne, die w ahrend¨ der Nacht durch den Zenith wandern, die stehende Mumie auf die neun Sterne, die gegen den Westen absinken und die liegende Mumie auf die sieben Sterne, die w ahrend¨ der betreffenden Dekade unsichtbar sind.

jede Gottheit denjenigen Aspekt des Gottes Schu darstellen, der sich

auf einen Teil des Nachthimmels bezieht – w ahrend¨ jeder Dekade w are¨ also der gesamte

nachtliche¨

Vor dem Vogel stehen drei kleine Textkolumnen, die die zehn Tage des Jahres

definieren, welche die Dekade f ullen,¨ und Opfergaben des K onigs¨ erw ahnen,¨ um das

Land vor dem Bosen¨

Diese Figuren beziehen sich auf die verschiedenen Abschnitte im j ahrlichen¨

Somit w urde¨

Himmel dargestellt.

zu schutzen.¨

Drei weitere Kolumnen entlang den vier restlichen Figuren enthalten Historisches:

Kriege, Massaker, Epidemien (wie sie fremde V olker¨ erreichen), Rebellen, Tiere und Pflanzen. Die Krankheiten sind zumeist von Fieber begleitet. Infektionskrankheiten also, die – durch die Luft verbreitete – Keime entstehen. Diese Kalamitaten¨ werden von einem ›Großen Gotte‹ selbst, der mittels s amtlicher¨ Sterne in der Dekade (auch der unsichtbaren) agiert. Um einen Eindruck vorn Inhalt dieser Texte zu vermitteln, sei hier der Kommentar der vierten Dekade wortlich¨ wiedergegeben:

»Der Große Gott, das Erste Mal; er ist es, der den V olkern¨ Asiens Tod bringt, er lasst¨ alle Pflanzen verkummern.¨ Das Aussehen dessen, der seinem krankhaften Atem ausgeliefert ist, ist wie ein Mensch mit Bauchschmerzen; sein Fieber dauert funf¨ Tage. Opfer von Hunden werden dargebracht.«

Der Ausdruck »das Erste Mal« gibt zu verstehen, dass das beschriebene Jahr direkt auf die Erschaffung der Welt folgt, deren großartige Erz ahlung¨ im obersten Teil des

Der Naos der Dekaden 3

unl angst¨ entdeckten Fragments der linken Seite zu finden ist. Dieser Sch opfungstext¨ – von dem wir keine weitere Version besitzen – steht am Anfang und als Einfuhrung¨ zu den Feldern der Dekaden. Er erz ahlt¨ die Erschaffung des Himmels und der Sterne durch den Gott Schu, der Himmel und Erde trennt und, zwischen ihnen stehend, die Atmo- sph are¨ verkorpert.¨ Nachdem der Himmel geschaffen ist, setzt Schu die Dekan-Sterne in Bewegung und wird ihr Herr. Solcherart w are¨ er der ›Große Gott‹ der astrologischen Kommentare, die jede Dekade begleiten, und – zusammen mit den von ihm kontrol- lierten Dekan-Sternen – verantwortlich f ur¨ Krankheit und Tod, vor allem der Feinde Agyptens.

Seit dem Alten Reich oblag dem Gott Schu der Schutz Agyptens vor Eroberern aus dem Osten. Die erneute Gefahr der Perser, derer sich das Land eben erst entledigt hatte, k onnte¨ einer der Gr unde¨ sein, warum Pharao Nektanebos I. diese heilige Statte¨ f ur¨ den Gott erstellen ließ.

Da es astronomische Gegebenheiten in Zehn-Tage-Perioden/Dekaden aufteilt, konn-¨ te das Monument als Urahn der modernen Astrologie erscheinen; auch diese unterteilt

die zw olf¨ Tierkreiszeichen in zehnt agige¨ Abschnitte, die Dekane. Der Tierkreis ist

¨

¨

Ursprungs: Man findet ihn in Agypten erst in ptolemaischer¨

Zeit (330 – 30 v. Chr.). Bei seinem Auftreten im Nilland findet man dann jeweils drei der uralten Dekane in die zwolf¨ Tierkreiszeichen eingegliedert.

Andererseits liegt die alteste¨ Quelle f ur¨ die Vorstellung der Dekane zweifelsohne in Agypten, ¨ da man bereits ab der 9. Dynastie (etwa 2100 v. Chr.) auf den Deckeln von Sarkophagen Listen findet, die die beobachteten Aufgange¨ der Dekan-Sterne aufz ahlen¨ und mit einem Zeitabschnitt von zehn Tagen verbinden. Diese Zeiteinteilung in Deka- den aufgrund astronomischer Beobachtungen der Aufgange¨ der Dekanen-Sterne geht jedoch anscheinend noch sehr viel weiter zur uck¨ und liegt wahrscheinlich der gesamten Zeitaufteilung des gyptischen Kalenders zugrunde. Der Naos der Dekaden stellt ein unsch atzbares¨ Zeugnis f ur¨ die Entwicklung der Ideengeschichte dar, denn er erhellt, wie sich ausgehend von der wissenschaftlichen Beobachtung astronomischer Vorgange¨ die Astrologie und Mythologie entwickelt ha- ben und nicht umgekehrt.

Anne-Sophie von Bomhard

jedoch nicht agyptischen¨