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2010 ■ ISRAEL & GAZA ■ tagesanzeiger

«Bei der Abfahrt des Schiffes wurde


gesungen: ‹Tod den Juden›»
Interview: Rico Bandle, Die Schweiz hat keine Nazi-Vergangenheit,
Tagesanzeiger.ch/Newsnetz, 3. Juni 2010 trotzdem sind dieselben Phänomene auch
Worum ging es beim Schiffskonvoi nach Gaza? hier festzustellen.
Sicher nicht um die Palästinenser, meint der Autor Ja, da sind natürlich noch all die nützlichen Idioten des
Leon de Winter. Er setzt die Aktion in einen grösse- linken Politspektrums, die glauben, dass die Palästinen-
ren Zusammenhang und sieht neue Gefahren auf- ser die grössten Opfer der Welt sind, dass es nichts
kommen. Schlimmeres gebe, als deren Schicksal. Das ist natürlich
Blödsinn. Niemand verhungert in Gaza, es verhungern
Leute in Darfur, im Kongo und andernorts auf der Welt.
Doch darum geht es diesen Leuten nicht. Fakten spielen
keine Rolle.

Ich kenne Journalisten, die schon in Gaza


waren und ein schreckliches Bild der Le-
bensbedingungen zeichnen.
In gewissen Vierteln von Kairo und anderen arabischen
Städten sind die Lebensbedingungen ebenso schrecklich.
Leider ist dies die normale arabische Armut, so schlimm
dies klingen mag. Aber Gaza ist frei. Das ist doch ein
Im Dienste türkischer Macht-Interessen? Das Schiff mit dem Namen
«Mavi Marmara» am 22. Mai im Hafen von Zypern. schöner Traum für diese Menschen! Und wenn man
mal aufhört, Raketen zu schiessen, sind auch die
Grenzen wieder offen. Aber schon jetzt überqueren
Die ganze Welt ist sich einig: Israel ist böse. täglich Hunderte von Lastwagen die Grenzen mit
Als Verfechter Israels müssen Sie sich ziem- Gütern. Es gibt keinen Mangel an Produkten in Gaza.
lich einsam fühlen.
Nein. Hier in den USA sind die Medien pluralistischer 2006 war der Libanonkrieg, 2008/09 der
als in Europa, da hört man mehr verschiedene Stimmen. Gazakonflikt, jetzt diese Schiffs-Affäre.
Jedes Mal war es für Ansehen Israels eine
In Europa ist das Verständnis für das israe- Katastrophe. Kümmert sich Israel nicht
lische Vorgehen gering. Weshalb? mehr um sein Image, da es ohnehin schon
ramponiert ist?
Es war wieder einmal sehr faszinierend: Als letzten
Seit dem Massaker von Sabra und Schatila (während des
Freitag bei Anschlägen von Islamisten in zwei Mo-
libanesischen Bürgerkriegs 1982, Anm. d. Red), die eine
scheen in Lahore (Pakistan) 93 Menschen getötet
rein innerarabische Angelegenheit war, für die Israel in
wurden, schwieg die ganze Welt. Als dann bei einer
den Medien aber verantwortlich gemacht wurde, ist
von türkischen Extremisten provozierten Aktion vor
Israel in der öffentlichen Wahrnehmung auf der Verlie-
Israel 10 Personen ums Leben kamen, schrien die
rerseite. Israel ist immer schuld. Obwohl der Nahostkon-
Weltmedien auf. Die 93 frommen Menschen in den
flikt vergleichsweise eine winzige Angelegenheit ist. Die
Moscheen sind scheinbar völlig unwichtig. Aber es
Anzahl der Opfer ist verglichen mit anderen Konflikten
geht da nicht um die Opfer, die sind alle gleichwertig.
minim, die Bedeutung für die Welt eigentlich gering.
Es geht um die Täter.
Zurück zu der Flotte mit den Hilfsgütern.
Woher diese Ungleichheit bei der Verurtei-
Was sind die wahren Hintergründe dieser
lung solcher Taten?
Aktion?
Das hat verschiedene Ursprünge. In Europa hat es aber
sicherlich damit zu tun, dass man einen Schlussstrich Die grosse Frage ist: Was wollte die Türkei mit dieser
unter den Zweiten Weltkrieg ziehen möchte. Viele Leute Flotte bezwecken? Ohne die Türkei wäre das Unter-
fangen nicht möglich gewesen. Vor zwei Wochen war
haben das Gefühl, dass sie sich von der Vergangenheit
die Konferenz, bei der sich der türkische Ministerpräsi-
lösen können, wenn sie die Juden als Täter verurteilen.
dent Erdogan hervorragend mit dem iranischen Präsiden-
ten Ahmedinejad verstand. Da konnte man erkennen:

2010 !!!!! Bandle - Bei Abfahrt des Schiffes wurde 'Tod den Juden' gesungen [deu] ta – 3gio10 – 1/2
Hier bildet sich eine neue Achse zwischen Ankara und Ist das realistisch?
Teheran.
Schon jetzt gibt es einen intensiven Kontakt zwischen
Israel, Kairo und Riad wegen der Bedrohung aus Tehe-
Und was hat das mit der Schiffsflotte zu tun?
ran. Jetzt muss man noch die türkische Bedrohung mit
Die Türkei kommt der Hamas zu Hilfe, um Macht zu einbeziehen.
demonstrieren. Die Hilfsflotte hat einen hohen symboli-
schen Charakter: Die Türkei ist das neue Zentrum der Der frühere Zürcher Stadtpräsident rief vor
sunnitischen Welt geworden. Das ist eine schreckliche zwei Wochen dazu auf, israelische Produkte
Erniedrigung für die anderen sunnitischen Länder, vor zu boykottieren, zwei Nationalräte zweifel-
allem für Ägypten. Die herrschenden Klassen in Kairo ten kürzlich das Existenzrecht Israels an. Ist
haben seit Montag nicht mehr geschlafen, schliesslich ist die Hemmschwelle Israel gegenüber gesun-
die Hamas der grosse Feind Ägyptens. Die erstarkte ken?
Türkei in Kooperation mit dem Iran bedeutet eine
Da sind wir wieder bei den nützlichen Idioten. Soll doch
gewaltige geopolitische Verschiebung, die auch für
dieser Stadtpräsident konsequent sein und auch den
Saudi Arabien eine Bedrohung ist. Es ist eine gefährliche
Boykott von iranischem und saudischem Öl fordern, von
Situation entstanden. Um die armen Palästinenser geht es
chinesischen Produkten und so weiter. All diese Leute,
in Wirklichkeit nicht, im Gegenteil. Am Ende werden sie
die sich nun über die 10 Toten auf dem Schiff so un-
wieder die Opfer sein.
glaublich empören!
Sie können doch nicht sagen, Henning Man- Bei der Abfahrt des «humanitären» Schiffes wurde
kell und all die Europäer an Bord handelten an Bord gesungen: «Tod den Juden.» Dass da nun
im Dienste der Türkei? zehn Personen gestorben sind, die so was singen,
bedauere ich nicht. Entschuldigen Sie, aber für solche
Das sind alles nützliche Idioten wie es sie zu Tausenden Leute habe ich kein Mitleid! ■
gibt! Die merken nicht, dass sie Teil eines grossen
strategischen Spiels der Türkei und des Irans sind. Die
Türkei hatte früher nie auch nur das geringste Inter- Leon de Winter, niederländischer
Schriftsteller, gehört zu den erfolg-
esse am Schicksal der Palästinenser gezeigt! reichsten Autoren Europas. Er ist ein
Sohn orthodoxer Juden, die den
Holocaust versteckt bei katholischen
Früher hat die Türkei noch mit Israel ko- Geistlichen überlebt haben. In seinem
operiert… letzten Roman, «Das Recht auf
Rückkehr» (2008), zeichnet er ein
Das ist mit der neuen religiösen Regierung längst vorbei. düsteres Bild Israels im Jahre 2024,
das Land ist auf einen Landstrich an
Die Regierung Erdogan will die Türkei in einen islami- der Küste um Tel Aviv zusammenge-
stischen Staat umwandeln. Der Schulterschluss mit der schmolzen. Seine Bücher erscheinen
Hamas soll nun helfen, die säkulare türkische Armee auf Deutsch im Zürcher Diogenes-
Verlag. (Bild: Reuters )
herumzukriegen. Die neue Stärke der Türkei ist ein
Albtraum für die arabischen Länder, auch wenn sie das
nicht offen sagen. Die Türken streben wieder nach einem
grossen Reich. Zusammen mit dem Iran werden sie ihre URL: http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Bei-der-Abfahrt-des-
Interessen im gesamten arabischen Raum geltend ma- Schiffes-wurde--gesungen-Tod-den-Juden/story/18368521
chen können – erst recht, wenn Iran einmal Atomwaffen
besitzt. Seit letztem Montag hat sich die geopolitische
Lage völlig verändert. Dass da noch zehn Leute auf dem Artikel zum Thema
Schiff gestorben sind, wird in Zukunft nur noch eine
Fussnote sein. ■ Starautor Mankell in israelischen Händen
■ Starautor auf geentertem Gaza-Schiff
Was bedeutet das nun für Israel? In ihrem ■ Aktivisten planen neue Hilfsflotte für Gaza
Roman «Das Recht auf Rückkehr» sind Sie
sehr pessimistisch, dort ist Israel auf die ■ Obama rät Netanyahu zu Untersuchung des Angriffs
Grösse eines Fussballfeldes geschrumpft. ■ «Hitlers Kinder»: Türkische Propagandamaschine
Seitdem ich zu begreifen begann, was es mit dieser auf Hochtouren
Hilfsflotte tatsächlich auf sich hat, bin ich so pessimi-
stisch wie im Buch. Der Roman war erst eine Übung, die
Aufzeichnung eines Albtraums. Die neue Situation
bedeutet, dass der Druck auf Israel schrecklich zuneh-
men wird, die Kurden einmal mehr einen sehr hohen
Preis bezahlen werden, aber auch, dass die Kooperation
zwischen den sunnitischen Arabern und Israel eine
Verteidigungslinie gegen die Achse Ankara-Teheran
entwickeln werden.

2010 !!!!! Bandle - Bei Abfahrt des Schiffes wurde 'Tod den Juden' gesungen [deu] ta – 3gio10 – 2/2