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Warum hatte man früher eigentlich Sparstrümpfe zum Sparen?
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LEXEY SWALL / DER SPIEGEL

LEXEY SWALL / DER SPIEGEL Das deutsche Nachrichten-Magazin Das deutsche Nachrichten-Magazin Hausmitteilung Betr.: Trump,

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung

Betr.: Trump, Mali, Moritz

Hausmitteilung Betr.: Trump, Mali, Moritz Oehmke, Edelman in Washington, D.C. G roße Worte sollten

Oehmke, Edelman in Washington, D.C.

G roße Worte sollten mit Bedacht gewählt werden, aber es ist un-

zweifelhaft angemessen, den Beginn der Präsidentschaft von Donald Trump als Zeitenwende zu bezeichnen, als Beginn einer neuen Epoche der inter- nationalen Politik, die unsicherer, über- raschender und womöglich auch gefähr- licher sein wird als viele Präsidentschaf- ten der Vergangenheit. Trump bedeuten erprobte politische Allianzen wenig, er

strebt eine neue Weltordnung an, in de- ren Zentrum eine Person steht: er selbst. Wie genau diese neue Ordnung aussehen wird, welche Konsequenzen sie bringt, damit beschäftigen sich mehrere Texte in dieser Ausgabe. Die Titelgeschichte beleuchtet unter anderem die Auswirkungen

auf die deutsche Politik, in zwei SPIEGEL-Interviews erklären die US-Historikerin Anne Applebaum und der Stanford-Ökonom Nicholas Bloom, warum ein Zeitalter politischer Unsicherheit beginnt und wieso Politik insgesamt weniger demokra- tisch werden dürfte. Ergänzt werden diese Artikel durch ein Porträt des chinesi- schen Staatschefs Xi Jinping, entscheidender Gegenspieler Trumps; durch eine Reportage von Philipp Oehmke und Uwe Buse, die einen Blick ins Weiße Haus werfen, wo David Edelman, Berater von Barack Obama, sein Büro räumt; und durch einen Rückblick des scheidenden US-Korrespondenten Holger Stark, der beschreibt, warum er die USA und die amerikanischen Wähler lange Zeit falsch

eingeschätzt hat.

Seiten 12, 22, 62, 78, 86, 92

A ls Konstantin von Hammerstein in Gao, Mali, aus dem Flugzeug stieg, wartete auf

ihn ein gepanzerter Sattelschlepper mit einem fensterlosen, schuss- und minensicheren Con- tainer, der einem Gefängnisbus glich. Der Con- tainer war Hammersteins Taxi, zur Verfügung gestellt von der Bundeswehr. Der Einsatz in Mali ist eine der bislang gefährlichsten Frie- densmissionen der Uno. Seit April 2013 star- ben 95 Blauhelmsoldaten bei dem Versuch, das westafrikanische Land zu stabilisieren. In

der kommenden Woche soll der Bundestag das deutsche Mandat verlängern und aufstocken. Das deutsche Kontingent soll helfen, die strukturellen Ursachen von Flucht und Vertreibung zu beseitigen. Um beurteilen zu können, ob dies Aussicht auf Erfolg hat, fuhr Hammerstein durch das zerrissene Land, sprach mit malischen Politikern, mit Soldaten, Diplomaten, Entwicklungshelfern. Sein Fazit: „Die Mission verhindert das Schlimmste, aber Mali bleibt ein hoffnungsloser Fall.“ Seite 32

bleibt ein hoffnungsloser Fall.“ S e i t e 3 2 Hammerstein, Tuareg-König in Mali V

Hammerstein, Tuareg-König in Mali

V or fast 50 Jahren berichtete der SPIEGEL zum ersten Mal über den damals 36 Jahre alten Künstler Gerhard Richter, der heute als der berühmteste le-

bende Maler der Welt gilt. Mitte der Neunzigerjahre wurde seine junge Frau Sa- bine Moritz im SPIEGEL erwähnt, sogar abgebildet – als Motiv ihres Mannes. Längst ist aus Moritz, heute 47, selbst eine große Malerin geworden, doch in der erstaunlich altmodischen Kunstwelt wird sie immer noch vor allem als Ehefrau wahrgenommen. Als Malerin ist sie fast eine Unbekannte. Ulrike Knöfel traf Moritz in Köln und Paris, sprach mit ihr über ihr Werk, ihr Leben. „Für die eher zurückhaltende Künstlerin ist das ungewöhnlich“, sagt Knöfel. Seite 118

DER SPIEGEL 4 / 2017 3

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www.dva.de

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J. SCOTT APPLEWHITE / AP

MARK REINSTEIN / ALAMY / MAURITIUS IMAGES

LARRY W. SMITH / EPA / REX / SHUTTERSTOCK

GORDON WELTERS / DER SPIEGEL

Anfang ohne Zauber Weltpolitik Mit der Amtseinführung Donald Trumps entsteht eine neue Weltunordnung: Alte Allianzen
Anfang ohne Zauber
Weltpolitik Mit der Amtseinführung Donald
Trumps entsteht eine neue Weltunordnung: Alte
Allianzen wie die Nato werden infrage gestellt,
Amerika blickt nach innen. Es kommt jetzt auf
Europa an, doch die EU ist zerstritten wie selten
zuvor. Seite 12
an, doch die EU ist zerstritten wie selten zuvor. Seite 12 Popstar der Rechten Zeitgeist Der

Popstar der Rechten

Zeitgeist Der Internetaktivist Milo Yiannopoulos ist schwul, hübsch und überdreht, und er pöbelt gegen Frauen, Political Correctness und etablier- te Medien. Wo Yiannopoulos auftritt, wird protestiert – er selbst sieht sich als Kämpfer für die Redefreiheit. Seite 124

Kämpfer für die Redefreiheit. S e i t e 1 2 4 Aufholjagd Autoindustrie Daimler, Volkswagen

Aufholjagd

Autoindustrie Daimler, Volkswagen & Co. haben den Wandel zum Elektroauto lange verschlafen. Nun kämpft die Branche, von der in Deutschland jeder siebte Arbeits- platz abhängt, ums Überleben. Eine Nah- aufnahme der deutschen Autobauer und ihrer Rettungspläne. Seite 72

Autobauer und ihrer Rettungspläne. S e i t e 7 2 Zurück zum Edelschnaps Genussmittel Junge

Zurück zum Edelschnaps

Genussmittel Junge Alkoholalchimisten versuchen, den Weizenbrand, National- getränk der Deutschen, vom Image des Billigfusels zu befreien. Die Neubrenner experimentieren mit uralten Rezepturen und lagern ihre Spirituosen in Eichen- fässern. Wird Korn wieder cool? Seite 106

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Titel

Weltpolitik Wie sich Deutschland und Europa auf die neue Weltunordnung mit Trump einstellen

12

Die Russlandexpertin Anne Applebaum über Trump, Putin und die Gefahr eines Krieges

22

Deutschland

Leitartikel Der Westen muss seine Werte gegen Trump verteidigen

6

Meinung Kolumne: Im Zweifel links / So gesehen: Die Kunst der Entschuldigung

8

Länder wollen mit Überschüssen Schulden tilgen / Grenzpolizisten falsch verteilt / Türkei kämpft im Bund mit syrischen Terroristen

24

SPD Wie die Nöte des Wahlkampfs Sigmar Gabriel und Hannelore Kraft zusammenschweißen

28

Parteivize Thorsten Schäfer-Gümbel über die Steuerpläne der SPD

30

Netzpolitik Bund und Länder streiten über den richtigen Weg im Kampf gegen Social Bots

31

Sicherheitspolitik Der Bundeswehreinsatz in Mali wird das Land nicht befrieden können 32 Grüne Im SPIEGEL-Gespräch erklärt das neue Spitzenduo Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir, wie es die Grünen zur

Volkspartei formen will

36

Lobbyismus Wie die Apotheker den Versandhandel mit Medikamenten verhindern wollen

39

Terrorismus Warum niemand den Attentäter von Berlin stoppte, obwohl 40 Behörden ihn im Blick hatten

40

Flüchtlinge Vorwürfe gegen ein norddeutsches Heim für Minderjährige

43

Rechtsextremisten Björn Höckes Hetzrede zeigt die Nähe von AfD und NPD

46

Manuela Schwesig warnt davor, die NPD zu unterschätzen

47

Tatverdächtige Sind Ausländer wirklich krimineller als Deutsche?

48

Legenden Die bizarren Auftritte des früheren Geheimagenten Werner Mauss vor Gericht 50

70 SPIEGEL-Jahre

Die Wirkung von Artikeln – Politiker und Nichtpolitiker über die Folgen der Berichterstattung

52

Gesellschaft

Früher war alles schlechter: Rennende Rentner / Dürfen kleine Kinder beim Schlachten zusehen, Herr Trautmann?

60

Eine Meldung und ihre Geschichte Warum ein

Täter eine härtere Strafe für sich forderte

61

Karrieren Die letzten Tage im Büro des Obama-Beraters R. David Edelman

62

Stasi-Debatte Der Fall Andrej Holm zeigt, wie stark alte Feindbilder bis heute fortwirken

66

Homestory Über Teilzeit-Alleinerziehende

68

Wirtschaft

Rekordgeschäfte mit Berliner Luxusimmo-

bilien / Lufthansa-Schlichtung verzögert sich /

Wie Textilien zur Wegwerfware wurden Autoindustrie Elektroantrieb und autonomes Fahren – Daimler, VW und BMW stehen vor dem größten Umbruch ihrer Geschichte

70

72

In diesem Heft

Weltwirtschaft Der Stanford-Ökonom Nicholas Bloom über die Folgen politischer Unsicherheit

78

Onlinehandel Die Tücken beim Versand frischer Lebensmittel

80

Abgaben Finanzminister Wolfgang Schäuble strebt ein einheitliches Unternehmensteuer- recht an – zum Ärger vieler Betroffener

81

Geldwäsche Auf einer schwarzen Liste der EU fehlen einschlägige Steuerparadiese 82

Ausland

Wahlrechtsreform in Polen soll politische Gegner entsorgen / Proteste gegen die Hamas im Gazastreifen

84

USA Wie ein Land seine Identität verlor

86

Frankreich Der überraschende Aufstieg des Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron

90

China Die Supermächtigen – Staatschef Xi Jinping wird Trumps großer Gegenspieler

92

Sport

Wie Valtteri Bottas ins Formel-1-Cockpit von Mercedes kam / Magische Momente:

Skifahrer Franz Klammer über die Helden von Kitzbühel

97

Fernsehen Der Wettbewerb um die Über- tragungsrechte im Sport wird immer härter 98 Fußball SPIEGEL-Gespräch mit Trainer Ralph Hasenhüttl über das schlechte Image

und die großen Erfolge des RB Leipzig

100

Wissenschaft

Bedrohte Primaten / Keimgefahr im Klinikbett / Analyse: Ein gesunder Lebens- stil hilft dem Herzen mehr als gute Gene

104

Genussmittel Wie Meisterdestillateure die hohe Kunst der Schnapsbrennerei wiederentdecken

106

Stadtentwicklung Eine deutsche Soziologin ergründet das Londoner Wohnelend

111

Medizin Warum Gehirnerschütterungen gefährlicher sind als bislang angenommen 112

Kultur

Auf der Suche nach Dokumenten und Tage- büchern: Appell aus Auschwitz / Theater- regisseur Nicolas Stemann über seine

Tschechow-Inszenierung „Der Kirschgarten“ /

Kolumne: Besser weiß ich es nicht

116

Malerei Die Künstlerin Sabine Moritz ist mit Gerhard Richter verheiratet – ein Karrierenachteil

118

Kino „Jackie“ erzählt, wie die Witwe John F. Kennedys den Mythos JFK erfand 122

Zeitgeist Schwul und rechts – der Blogger und Trump-Posterboy Milo Yiannopoulos Fernsehen Verfilmung des Romans „Landgericht“ Kunstkritik Das Potsdamer Museum des SAP-Milliardärs Hasso Plattner

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Bestseller Impressum, Leserservice Nachrufe Personalien Briefe Hohlspiegel/Rückspiegel

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RACHEL WOOLF / GETTY IMAGES

RACHEL WOOLF / GETTY IMAGES Das deutsche Nachrichten-Magazin Leitartikel Front gegen Trump Amerikas Präsident hat nicht

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Front gegen Trump

Amerikas Präsident hat nicht die Macht, die Werte des Westens zu zerstören.

D iese Zeiten fühlen sich so an, wie man sich Serien im Fernsehen wünscht, aber nicht das wirkliche Leben: Hinter jeder nächsten Ecke wartet eine saf-

tige Überraschung, eine jähe Wendung, ein Schock. Chinas Präsident ist nun also der erste Vorkämpfer für den Freihandel, wer hätte das gedacht. Die britische Pre- mierministerin, auch nicht ohne, sucht bei den Brexit-Ver- handlungen keinen Kompromiss, sondern den Bruch. In Frankreich stehen die Rechtspopulisten gefährlich nahe

an der Macht, in den Niederlanden womöglich auch, in Deutschland? Wer weiß. Und Trump? Setzt allem die

Krone auf, in deren extradicke Goldfassung ein extradi- ckes „T“ gestanzt ist. Die Nato? „Obsolet“. Merkel und Putin? Jacke wie Hose. BMW? Kann schon mal für die Strafzölle sparen. Das Iran-

Abkommen? Ein Fetzen Pa- pier. Trump redet wie die Karikatur eines Gebraucht- wagenhändlers, der die Welt als Marktplatz für Donalds tolle Deals missversteht. Darauf hat man sich einzu- stellen: Der mächtigste Mann des Planeten und seine Entou- rage, die vornehmlich aus sa- turierten Milliardären besteht, wird von nun an regelmäßig mit Füßen treten, was die Weltgemeinschaft in jahrzehn- telangen Mühen und mit aller erdenklichen Sorgfalt aus- gehandelt hat. Wer glaubt denn, zum Beispiel, dass sich Trumps Truppe an den Pariser Klimavertrag zur Reduktion der Treibhausgase gebunden fühlen wird? Dass sich im Wei-

ßen Haus künftig noch irgend- wer um den Schutz von Tieren, Meeren oder Wäldern schert? Dass es für Trump eine andere Priorität als die Pro- fitmaximierung geben könnte? Oder glaubt irgendwer, dass er die Kultur fördern wird? Frauenrechte stärkt? Auf Min- derheiten Rücksicht nimmt? Dass er bereit wäre, über die Grenzen des Kapitalismus nachzudenken? Natürlich nicht.

Die USA werden sich, nachdem sie den „Islamischen Staat“ weiter zurückgedrängt haben, als Schutzmacht der Welt möglichst weit zurückziehen. Es gab solche Phasen in der amerikanischen Geschichte immer wieder, Phasen der Einigelung und des Eigennutzes, und so dürfte es auch diesmal sein: Amerika wird die Werte des Westens, deren Bannerträger das Land doch stets war, auch wenn es sich selbst nicht immer an sie gehalten hat, neuerlich in einen Winterschlaf schicken. Aktive Weltpolitik, so ist zu be- fürchten, wird künftig vor allem so aussehen, dass Trump in einsamen Nächten per Twitter ein paar diplomatische

Krisen anzettelt, indem er Chinesen beleidigt, Inder he-

rausfordert, Europäer verspottet. Heiter wird das nicht. Zu konstatieren ist ein neuer amerikanischer Wille, zum primitiven Recht des Stärkeren zurückzukehren, und die USA sind noch stets die Stärke- ren. Trumps Regierung wird nicht globale Kompromisse anstreben, sondern in Verhandlungen mit einzelnen Staa- ten das Beste für sich herauszuschlagen versuchen. Dieser Präsident wird sich nach Kräften darum bemühen, Staa- tenbünde wie die Uno, die EU oder die G20 zu schwächen, um Raum zu bekommen für bilaterale Deals – ganz wie sein Amtskollege im Kreml. Vielleicht wird ihm auf diese Weise ein kleines amerikanisches Wirtschaftswunder ge- lingen, aber viele werden dafür einen Preis zahlen: mehr globale Ungleichheit, ein un-

gebremster Klimawandel und, im eigenen Land, eine noch zerfahrenere Gesellschaft mit abgehängten, ausgebooteten Minderheiten. Wie traurig am Ende alles ausgeht, wird davon abhän- gen, wie schnell sich Gegen- kräfte formieren. Auch ein US-Präsident hat am Ende nur soundso viel Macht. Er ist kein absolutistischer Herr- scher, der niemandem verant- wortlich wäre, und Trump wird die Kraft der Zivilgesell- schaft zu spüren bekommen, die Intelligenz seiner Gegner, den Mut der Bürger. Dieser Präsident wird sich nicht den geringsten justiziablen Fehler leisten dürfen; er müsste be-

fürchten, aus dem Amt gejagt zu werden. Bis dahin muss sich der Rest der Welt an die Arbeit ma- chen, amerikanische Umtriebe gegen international verab- redete Standards einzuhegen, unlautere ökonomische Begehrlichkeiten des amerikanischen Riesen abzuwehren und global geschlossene Verträge zu schützen. Es braucht eine Front gegen Trump. Die Uno wird zeigen müssen, ob sie zivile Gegenmacht sein kann und Anwalt ihrer besonders schutzbedürftigen Mitglieder. Die Europäische Union sollte Trump als neue Existenzbegründung verstehen und das Allerbeste daraus machen. Gut möglich, dass Konstellationen entstehen, die lange als undenkbar galten, dass etwa Europa und China hier und da an einem Strang ziehen. Kann nicht sein? Das haben wir geglaubt. Aber in Trumps Welt, die gerade heraufzieht, geht es weder ums Glauben noch ums Hoffen. Wir sind jetzt gezwungen, unsere Interessen und Prinzi- pien mit Macht zu vertreten. Ullrich Fichtner

Demonstrant mit Trump-Maske in Michigan
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Meinung

Jakob Augstein Im Zweifel links

Gähnend grün!

Meinung Jakob Augstein Im Zweifel links Gähnend grün! Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt – nicht einschlafen!

Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt – nicht einschlafen! – sind das neue Spitzenduo der Grünen. Das ist einerseits sterbens- langweilig, weil Özde- mir und Göring-Eckardt die sterbenslangweiligsten Politiker sind, die es in Deutschland gibt. Andererseits ist das eine Katastrophe. Die Grünen begeben sich auf den Weg in die schwarz-grüne Koalition. Die soziale Spal- tung im Land wird sich vertiefen. Grund zur Freude haben da nur zwei: Angela Merkel und die AfD. Bei der eher halbdemokratischen Wahl – von vier Bewerbern um zwei Posten war eine bereits gesetzt, weil sie eine Frau ist – hat sich der Realo-Flügel so was von durch- gesetzt, realer kann es jetzt nicht mehr werden. Wer Özdemir und Göring-Eckardt kennt, muss kein Prophet sein: Im Bund läuft es jetzt nicht mehr auf Rot-Rot-Grün hinaus. Realo? Das Wort sollte man nicht mehr gebrauchen. Es verschleiert die wah- ren Umstände. Bei den Grünen steht längst nicht mehr die Realpolitik gegen die Utopie. Sondern, wie im Rest des Landes auch, rechts gegen links, oder Klientelwirt- schaft gegen Gesellschaftsinteresse. Für Merkel ist das eine gute Nachricht:

Die grüne Entscheidung hat eine Verlänge- rung ihrer Amtszeit wahrscheinlicher ge- macht. Auch die AfD kann sich freuen. Sie profitiert wie keine andere Partei von der gesellschaftlichen Spaltung. Und Deutsch- land ist ja ein tief gespaltenes Land. Die Wirtschaftsleistung stieg zwischen 1991 und

2013 pro Kopf um 29 Prozent – aber das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen für einen mittleren Haushalt nur um 12 Pro- zent. Die unteren 30 Prozent der Haushalte verdienten netto nicht mehr als 1991. Im gesellschaftlichen Interesse wäre end- lich eine linke Politik. Aber die Wohlha- benden müssen sich vor den Grünen nicht fürchten. Was zwischen Cayenne und Con- do früher grünes Feindbild war, gehört für sie heute zur gesellschaftlichen Mitte, die es zu schützen gilt. Eigentlich liegt die Mitte bei 40000 Euro netto jährlich. So viel hat der durchschnittliche Haushalt. Als die Grünen noch eine linke Partei waren – also bei der letzten Bundestagswahl –, setzten sie darum folgerichtig die Grenze für Bes- serverdienende bei 60000 Euro an und for- derten für diese Leute höhere steuerliche Belastungen. Heute wollen die Grünen nur noch Singlehaushalte höher besteuern, die mehr als 100000 Euro haben. Cem Özdemir hat erklärt: „,Mittelschicht‘ sollten wir nicht am Rechenschieber definieren, es gibt auch eine soziokulturelle Mitte.“ Es ist eben immer eine Frage der eigenen Maßstäbe, was man unter „Mitte“ versteht. Als er sich vor ein paar Jahren mit dem wachsenden Reichtum der herrschenden Klasse befasste, schrieb der Historiker Hans-Ulrich Wehler: „Es bleibt bisher eine offene Frage, weshalb sich nur geringer Wi- derstand gegen die maßlose Einkommens- und Vermögenssteigerung regt.“ Das war vor dem Aufstieg der AfD. Inzwischen ist der Widerstand da. Er kommt von rechts.

An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.

Kittihawk

Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. Kittihawk Falscher Eindruck So gesehen Die hohe Kunst der
Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. Kittihawk Falscher Eindruck So gesehen Die hohe Kunst der

Falscher

Eindruck

So gesehen Die hohe Kunst der journalistischen Entschuldigung

Die „Zeit“ sieht sich als Qua- litätsblatt mit hohem journa- listischem Anspruch. Schum- meleien passen nicht in die- ses Selbstbild. In der vorigen Woche konnten die Leser einen Bericht über das Eröff- nungskonzert der Hambur- ger Elbphilharmonie lesen. Dummerweise war der Arti- kel schon verfügbar, als das Konzert noch gar nicht begonnen hatte. Weil das in Zeiten von Fake News Fra- gen aufwirft, wandten sich die Ressortleiter des „Zeit“- Feuilletons an ihre Leser, nicht im Blatt, sondern auf einem gut versteckten Blog auf Zeit Online. Dort erfuhr man, dass die Kon- zertkritik auf „Vorrecher- chen“ und anderweitig ge- wonnenen Eindrücken beruhe. Der Blog schließt mit den Worten: „Sollte dennoch bei der Lektüre der Eindruck entstanden sein, hier werde vom Eröffnungs- abend berichtet, so bitten wir, das zu entschuldigen.“ Nun fällt bei abermaliger Lektüre der Konzertkritik auf, dass die Autorin tatsäch- lich an keiner Stelle sagt, sie sei beim Eröffnungskon- zert dabei gewesen. Der Text ist aber so komponiert, dass genau dieser Eindruck er- weckt werden soll. Das geht vom Untertitel („Endlich ist die Hamburger Elbphilhar- monie eröffnet worden“) bis zur Beschreibung des „kna- ckig kleinen Schwarzen“ der Moderatorin (es war blau). Sagen wir es so: Sollte bei der Lektüre dieser Kolumne der Eindruck entstanden sein, die „Zeit“ habe ihre Le- ser nicht nur einmal, sondern gleich zweimal verscheißern wollen, so bitten wir das zu entschuldigen. Ralf Neukirch

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„Win-win ist für Pussies“

Weltpolitik Mit dem Amtsantritt Donald Trumps entsteht eine neue internationale Ordnung. Der

Westen löst sich auf; ein

bedroht Deutschlands Wirtschaft und die Europäische Union. Das Brüsseler Bündnis muss

erstarkter Nationalismus

sich neu erfinden – oder es wird: obsolet.

Populist Trump

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HILARY SWIFT / NYT / REDUX / LAIF

TANTUSSI / GETTY IMAGES HILARY SWIFT / NYT / REDUX / LAIF Wenn es um die

Wenn es um die Frage geht, wer was zu sagen hat in Europa, kann man schon mal

den Überblick verlieren. Eu- ropäischer Rat, EU-Kommission, die Mit- gliedstaaten: Selbst Kenner wissen oft nicht, wer in einem Brüsseler Streitfall das letzte Wort hat. Der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger prägte des- halb den legendären Satz: „Wen rufe ich an, wenn ich mit Europa sprechen will?“ An diesem Wochenende zieht ein neuer Präsident ins Weiße Haus – und eines lässt

sich heute schon sagen: Das Telefonieren zwischen Washington und Brüssel ist nicht einfacher geworden. „Ich habe mit dem Chef der Europäischen Union geredet, ein sehr angenehmer Herr rief mich an“, sagte Donald Trump diese Woche der „Bild“- Zeitung. Auf die Frage, ob es sich um Jean- Claude Juncker gehandelt habe, den Chef der EU-Kommission, antwortete er: „Ja, um mir zur Wahl zu gratulieren.“ Nur: Der nette Herr Juncker war nicht der nette Herr Juncker, es war Donald Tusk, der Präsident des Europäischen Rats. Der frühere polnische Ministerpräsident plauderte etwa zehn Minuten mit dem künftig mächtigsten Mann der Welt; doch Trump hat sich seinen Namen offenbar ge- nauso wenig merken können wie seine Ar- gumente: „Im Grunde ist die Europäische Union ein Mittel zum Zweck für Deutsch- land“, befand der neue US-Präsident. „Wenn Sie mich fragen, es werden weitere Länder austreten.“ Mehr als 60 Jahre lang haben die USA die europäische Einigung gefördert. Sie ha- ben den Marshall-Plan aufgelegt, den eu- ropäischen Binnenmarkt unterstützt, die Osterweiterung begrüßt. Doch nun regiert ein Mann im Weißen Haus, der darauf setzt, dass Europa auseinanderfällt. Lieber will er mit jedem Land einzeln verhandeln, da soll für Amerika mehr herausspringen. Ein Bauunternehmer ist jetzt der mäch- tigste Mann der Welt, und wenn nicht alles täuscht, ist Trump entschlossen, sein Amt auch wie ein Bauunternehmer zu führen. Was zählt, ist ein guter Deal; und wer im Wettlauf um den lukrativsten Auftrag nicht mithalten kann, muss sehen, wo er bleibt. Begriffe wie Menschenrechte und Min- derheitenschutz kommen in seinem Wort- schatz nicht vor. Das einzige Ziel ist fort- an der Profit Amerikas, zumal im Welt- handel, den er sich als brutalen Überle- benskampf denkt und nicht als friedlichen Austausch zum Nutzen beider Seiten, wie es in seiner Republikanischen Partei bis- lang üblich war. „Win-win“, so lautet die Parole in seinem Team, „ist für Pussies.“ Schlimmer hätte es für die Kanzlerin nicht kommen können. Die EU muss bald ohne ihre zweitgrößte Wirtschaftsmacht Großbritannien auskommen. Auf dem Kontinent sind die Rechtspopulisten auf

auskommen. Auf dem Kontinent sind die Rechtspopulisten auf Titel dem Vormarsch. Und jetzt auch noch Trump,

Titel

dem Vormarsch. Und jetzt auch noch Trump, der Angela Merkel zum Start zu- ruft, sie habe „katastrophale Fehler“ ge- macht. Giftiger lässt sich eine Kampfansa- ge kaum formulieren. Kann Merkel Europa nun zusammenhal- ten? Kann sie gar Trumps Gegenspielerin werden im heraufziehenden Konflikt um Handelsregeln, internationale Absprachen und jener liberalen Rechts- und Wirt- schaftsordnung, die den Vereinigten Staa- ten sechs Jahrzehnte lang so wichtig war? Was vor Kurzem noch unvorstellbar schien, ist nun zur Gewissheit geworden. An diesem Freitag ist eine neue Epoche angebrochen, in der jahrzehntelang gelten- de Gewissheiten nicht mehr wichtig, nicht mehr unangreifbar sind. Das liegt vor allem daran, dass den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika die Weltordnung, wie sie seit 1945 entstand, schlicht nicht interessiert. Ebenso wenig wie die transatlantische Freundschaft und lange gepflegte Bezie- hungen zu Bündnispartnern im Westen. Trump kennt keine Freunde und Allian- zen, es geht ihm nicht um Moral, nicht um eine Aufteilung der Welt in Gut und Böse, nicht um den uneigennützigen Schutz von Verbündeten, wie die USA ihn jahrzehn- telang mit ihren in Europa stationierten Soldaten gewährten. „America first“, Amerika zuerst, auch mit diesem Slogan hat Trump die Wahlen gewonnen – so, wie die britische Premier- ministerin Theresa May es ihren Wählern versprochen hat: „Britain first.“ Und so, wie es Marine Le Pen im französischen Wahlkampf sagt: „La France d’abord.“ Wie aber wird eine Welt aussehen, in der es keine großen, verbindenden Werte und Ziele mehr gibt, sondern jedes Land nur noch für sich selbst kämpft? Am gefährlichsten scheint Donald Trumps tiefe Ignoranz gegenüber der seit dem Zweiten Weltkrieg gewachsenen Wer- tegemeinschaft des Westens. Geschichte

gewachsenen Wer- tegemeinschaft des Westens. Geschichte Kanzlerin Merkel „Schauen, wie wir ein Übereinkommen

Kanzlerin Merkel „Schauen, wie wir ein Übereinkommen erzielen“

  Geplantes Freihandelsabkommen   RCEP der zehn Asean-Staaten und sechs Russland weiterer Länder,
  Geplantes Freihandelsabkommen   RCEP der zehn Asean-Staaten und sechs Russland weiterer Länder,
  Geplantes Freihandelsabkommen   RCEP der zehn Asean-Staaten und sechs Russland weiterer Länder,
  Geplantes Freihandelsabkommen   RCEP der zehn Asean-Staaten und sechs Russland weiterer Länder,
 

Geplantes Freihandelsabkommen

 

RCEP

der zehn Asean-Staaten und sechs

Russland

weiterer Länder, könnte 2017

in Kraft treten

CHINA

China

Trumps öffentliche Annäherung an Taiwan hat die

chinesische Führung alarmiert. Die Inselrepublik

wird von Peking als abtrünnige Provinz angesehen,

bislang hatten die USA mit Rücksicht auf China

jeden diplomatischen Kontakt vermieden.

Eine

würde China besonders hart treffen.

Daher schmiedet das Land einen eigenen

asiatisch-pazifischen Wirtschaftsraum.

protektionistische Politik der neuen Regierung

Importe und Exporte 2015 in Milliarden $

RUSSLAND

Für Moskau muss ein Präsident Trump wie ein Ge- schenk des Himmels erscheinen. Ohne den Bal- last moralischer Vorhaltungen könnte Russland wieder auf Augenhöhe mit den USA auf der inter- nationalen Bühne agieren. Eine geschwächte Nato und EU könnten Putin dazu verleiten, Russlands Einfluss und Machtbe- reich in Europa auszubauen.

Aus der neuen Welt

Wie sich Trumps Präsidentschaft auf die internationalen Beziehungen auswirken könnte

281

296

die internationalen Beziehungen auswirken könnte 281 296 KANADA ASIEN 458 IMPORT WTO Gegründet: 1994

KANADA

ASIEN 458 IMPORT WTO Gegründet: 1994 Mitglieder: 164 Staaten Kernaufgaben: Koordination der Handels- und Wirt-
ASIEN
458
IMPORT
WTO
Gegründet: 1994
Mitglieder: 164 Staaten
Kernaufgaben: Koordination der Handels- und Wirt-
schaftspolitik der Mitgliedsstaaten, Entscheidung
bei Streitigkeiten zwischen den Mitgliedern
„Die Freihandelsabkommen sind ein
Desaster. Die WTO ist ein Desaster.“
Am 24. Juli 2016 bei „NBC’s Meet the Press“

EXPORT

1007

Mexiko und Nafta

Seit der US-Wahl hat der Peso gegenüber dem Dollar mehr als 16 Prozent seines Werts verloren. Trump will US-Unternehmen bestrafen, die ihre

Produktion nach Mexiko verlagern, und droht mit

hohen Einfuhrzöllen. Damit widerspräche er dem nordamerikanischen Handelsabkommen Nafta, dem auch Kanada angehört.

USA

MEXIKO

116

Nafta, dem auch Kanada angehört. USA MEXIKO 116 belastet ihn nicht. Und so verpflichtet sie ihn
Nafta, dem auch Kanada angehört. USA MEXIKO 116 belastet ihn nicht. Und so verpflichtet sie ihn

belastet ihn nicht. Und so verpflichtet sie ihn auch zu nichts. Die Nato? Obsolet. Die Welthandelsorganisation? „Ein Desaster.“ Den neuen Präsidenten verbindet nichts Sentimentales mit den Bündnissen, die auf den Trümmern des Weltkriegs entstanden sind. Wie kein anderer US-Präsident vor ihm ist er bereit, sie infrage zu stellen und wohl auch abzuräumen. Hinzu kommt:

Trump kennt keine Tabus, im Gegenteil:

er liebt den Tabubruch, die Provokation. Und so steht Europa wohl am Vorabend einer Zeitenwende, wie es sie zuletzt beim Fall der Mauer und dem Kollaps des Ost- blocks gab. Ist dies das Ende des Westens, wie wir ihn kennen – und wie Joschka Fi- scher es schon vor einem Monat prophe- zeite? Auch die US-Historikerin Anne Apple- baum sagt im SPIEGEL-Gespräch (Seite 20) eine Zäsur voraus. „Die existierende Ord- nung, wie wir sie seit dem Ende des Kalten Krieges gewohnt waren, wird sich radikal transformieren.“ Dass die Weltordnung der vergangenen 25 Jahre ins Wanken geraten könnte, zeich- nete sich erstmals 2014 ab, als Russland die Krim annektierte – und die Welt zu-

schaute. Von ein paar Sanktionen abgese- hen, überließ die Regierung von Barack Obama das Problem den Europäern. Ame- rika interessierte sich schon da nicht mehr für Autokraten in Übersee, nicht für Ba- schar al-Assad, nicht für Wladimir Putin. Und so wird der neue Präsident fort- schreiben, was unter seinem Vorgänger be- gann: den Rückzug Amerikas aus der Welt- politik, er wird es nur klarer formulieren

REGIERUNGSBEAMTE SPRE-

CHEN VON EINER ERSTAUNLI-

CHEN MISCHUNG AUS ÜBER-

HEBLICHKEIT UND NAIVITÄT.

als Obama. Trump hat angekündigt, einen unerbittlichen Kampf gegen den „Islami- schen Staat“ zu führen, doch jenseits des- sen bekennt er sich als Isolationist. Er will sich aus den Konflikten anderer Weltre- gionen heraushalten. Im Kampf gegen den Terrorismus setzt der neue Präsident auf ein enges Bündnis mit Russland. Ein schwaches, womöglich

zerfallendes Europa, eingezwängt von den Großmächten USA und Russland, deren Präsidenten sich besser verstehen und mit- einander auskommen könnten als viele ihrer Vorgänger – für die Europäer würde dies die größte außen- und sicherheits- politische Herausforderung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bedeuten. Fast 70 Jahre lang konnte sich Europa darauf verlassen, Amerika an seiner Seite zu wis- sen. Seit Neuestem sind diese Garantien infrage gestellt. Das Machtvakuum, das die USA erzeu- gen, kommt vor allem zwei Staaten entge- gen: China und Russland. Für die Führung in Peking kommt die Auflösung der alten Weltordnung einer göttlichen Fügung gleich: Amerika, der letzte Rivale auf Chi- nas Weg zur Supermacht, zieht sich auf sich selbst zurück. Nie waren die Aussich- ten besser, den „Chinesischen Traum“ zu verwirklichen, den KP-Chef Xi Jinping zum Motto seiner Präsidentschaft machte. Mit einer globalen Mission trat Xi des- halb diese Woche vor die Wirtschafts- und Finanzelite, die sich in Davos versammelt hatte. Die Regeln der internationalen Zu- sammenarbeit müssten geändert werden,

Nato Gegründet: 1949 RUSSLAND Mitglieder: 28 europäische und nordamerikanische Staaten Kernaufgaben:
Nato
Gegründet: 1949
RUSSLAND
Mitglieder: 28 europäische
und nordamerikanische Staaten
Kernaufgaben: Verteidigungsbündnis,
Sorge für weltweite Stabilität
Naher und Mittlerer Osten

„Die Nato hat Probleme. Sie ist obsolet.“

Donald Trump am 16. Januar 2017 in der Londoner „Times“ und „Bild“

EU und Nato

Das transatlantische Bündnis als Eckpfeiler der

europäischen Nachkriegsordnung bröckelt. Trump stellt die Nato infrage, und eine starke EU

ist für ihn keine Herzensangelegenheit.

Europaskeptische Populisten bejubeln die neue

Politik. Im transatlantischen Handel könnten

neue Hürden entstehen, den abtrünnigen Briten

hingegen eine privilegierte Partnerschaft ange-

boten werden.

eine privilegierte Partnerschaft ange- boten werden. MITTEL- UND SÜDAMERIKA 153 492 EUROPA 320 EU Als Gegner
eine privilegierte Partnerschaft ange- boten werden. MITTEL- UND SÜDAMERIKA 153 492 EUROPA 320 EU Als Gegner
eine privilegierte Partnerschaft ange- boten werden. MITTEL- UND SÜDAMERIKA 153 492 EUROPA 320 EU Als Gegner
eine privilegierte Partnerschaft ange- boten werden. MITTEL- UND SÜDAMERIKA 153 492 EUROPA 320 EU Als Gegner

MITTEL- UND

SÜDAMERIKA

153

492

EUROPA

320

EU

Als Gegner einer interventionistischen Politik

bezeichnete Trump kürzlich den Einmarsch im Irak 2003 als „eine der schlechtesten Entscheidungen“ der amerikanischen Politik. Augenblicklich steht für ihn der Kampf gegen die Terrormiliz IS ganz oben auf der militä- rischen Agenda. Eine Abkehr vom Atomabkom- men mit Iran und die Verlegung der US-Bot- schaft von Tel Aviv nach Jerusalem könnte zu neuen Spannungen in der Region führen.

könnte zu neuen Spannungen in der Region führen. Vereinte Nationen Gegründet: 1945 Mitglieder: 193

Vereinte Nationen

Gegründet: 1945 Mitglieder: 193 Staaten

Nationen Gegründet: 1945 Mitglieder: 193 Staaten Kernaufgaben: Sicherung des Weltfriedens, Einhaltung des

Kernaufgaben: Sicherung des Weltfriedens, Einhaltung des Völkerrechts, Schutz der Menschen- rechte, Förderung des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts

„Die Vereinten Nationen haben ein groß- artiges Potenzial, aber gerade sind sie nur ein Klub für Leute, die sich treffen, reden und Spaß haben. So traurig!“

Tweet vom 26. Dezember 2016

und Spaß haben. So traurig!“ Tweet vom 26. Dezember 2016 sagte er. Peking stört sich an

sagte er. Peking stört sich an der westlichen Dominanz in Organisationen wie der Uno, dem Internationalen Währungsfonds und

der Weltbank. China mit seinen 1,3 Milliar- den Menschen und seiner Wirtschaftskraft biete da eine Alternative. Peking sei bereit, Verantwortung zu übernehmen: „Die Ge- schichte wird von den Mutigen gemacht.“ Ein autoritärer und effizienter Macht-

staat, in dem Parteikader das Militär und

die Wirtschaft steuern, die

trollieren und das Internet zensieren, als neue globale Ordnungsmacht? Das 21. Jahrhundert als Verwirklichung von Hux- leys „Schöner neuer Welt“ und Orwells „1984“, den großen Dystopien des 20. Jahr- hunderts? Noch klingt das utopisch. Aus Moskauer Sicht hingegen ergeben sich neue Gemeinsamkeiten mit den USA. Donald Trump machte der russischen Füh- rung schon vor seinem Amtsantritt ein gro- ßes Geschenk: Er nannte die Nato obsolet und stellte die Beistandsgarantie des Bünd- nisses infrage, schöner geht es nicht für Moskau. Die Kontrolle über die unmittel- bare Nachbarschaft des Landes ist ein rus- sisches Kerninteresse, die Osterweiterung der Nato ein russisches Trauma. Wladimir

Medien kon-

Putin hat ausgerechnet in Washington einen Verbündeten gefunden in seinem Kampf gegen eine Weltordnung, die er seit Langem als unipolar und ungerecht atta- ckiert. Wie Trump wünscht Putin sich statt- dessen eine Ordnung ohne störendes Mo- ralisierertum; eine Welt, in der der Starke sich sein Recht verschafft. Auch ihre Vorbehalte gegenüber der EU

verbindet die beiden Staatschefs, einen Unterschied aber gibt es: Anders als Trump will Moskau die Vereinten Natio- nen als Stütze der Weltordnung erhalten. Denn die Uno-Zentrale in New York ge- hört zu den wenigen Orten, an denen Russ- land dank seinem ständigen Sitz im Sicher- heitsrat und dem damit einhergehenden Vetorecht auf Augenhöhe mit dem Westen verhandeln und Entscheidungen blockie- ren kann, wie zuletzt im Syrienkonflikt. Über alles Weitere könnte man mit Do- nald Trump gewissermaßen auf dem Markt der Großmächte feilschen, wo von nun an alles mit allem kompatibel ist – von Russ- lands Interessen auf der Krim bis zu Ame- rikas Interessen in Syrien. Dabei geben sich die Russen keinen Illusionen hin:

Trump bestimmt die US-Außenpolitik

nicht allein, er braucht die Zustimmung des Kongresses. Und die Erfahrungen mit seinen zwei Vorgängern George W. Bush und Barack Obama zeigen, wie anfäng- liches Tauwetter im Frost enden kann. Und so rätselt nun die Welt, wie die Macht in der künftigen Trump-Regierung verteilt sein wird. Überlässt er die Außen- politik dem diplomatischen Establishment der Republikanischen Partei? Kann er den Kongress auf seine Seite ziehen? Vor einiger Zeit haben Emissäre der Ber- liner Regierung begonnen, erste Kontakte ins Trump-Team zu knüpfen. Es waren Rei- sen in eine fremde Welt.

P eter Wittig ist einer der erfahrensten deutschen Diplomaten. Seit 35 Jah- ren steht er in den Diensten des Aus-

wärtigen Amtes. Er war Botschafter im Li- banon und in Zypern und hat schon die unterschiedlichsten Verhandlungspartner erlebt. Doch so viel krachendes Selbstbe- wusstsein wie in den vergangenen Mona- ten ist dem erfahrenen Diplomaten selten begegnet. Mehrmals traf er sich vor und nach der Wahl mit Trumps Schwiegersohn Jared

Titel

Kushner. Bei der ersten Begegnung im Frühjahr 2015 war es noch der Deutsche, der mehr über Trumps Pläne erfahren woll- te. Kushner gab sich freundlich und zu- rückhaltend, machte sich Notizen. Doch je öfter sich die beiden trafen, des- to klarer wurden die Ansagen. Immer for- dernder sei der Trump-Schwiegersohn auf- getreten, heißt es unter Berliner Diploma- ten, die Wittigs Drahtberichte gelesen haben. Die letzte Begegnung im Dezem- ber in New York gipfelt in der knappen Frage: „Was könnt ihr für uns tun?“ Von einer „erstaunlichen Mischung aus Überheblichkeit und Naivität“ sprechen Mitglieder der Bundesregierung, wenn sie von ihren Washingtoner Kontakten berich- ten. Kurz vor Weihnachten war Merkels außenpolitischer Berater Christoph Heus- gen zu Gesprächen mit dem künftigen US- Sicherheitsberater Michael Flynn in die USA gereist. Flynn war vor rund einem Jahr bei einer Feier des russischen Propa- gandasenders RT gegen Geld als Redner aufgetreten. Der erste Eindruck Heusgens von seinen neuen Gesprächspartnern war ernüch- ternd. Bei einigen sei „das Verständnis nicht überausgeprägt“, was „gewisse Pro- bleme und Hintergründe in der EU“ ange- he, sagte Heusgen am Mittwoch auf einer Konferenz der CDU/CSU-Bundestagsfrak- tion in Berlin. Im Klartext: Das Team des neuen Präsidenten hat von Europa keine Ahnung. Noch hoffen die Berliner Diplomaten, dass sich in der Außenpolitik besonnene künftige Kabinettsmitglieder wie Verteidi- gungsminister James Mattis und Außen- amtschef Rex Tillerson durchsetzen. Doch dass aus Trump ein glühender Verteidiger des westlichen Bündnisses wird, glaubt nie- mand. Im Wahlkampf hatte der neue US- Präsident noch bekannt, er sei „ein Fan“ der Nato. Doch zugleich machte er deut- lich, dass die europäischen Bündnispartner mehr zahlen müssen. Die globale Nach- kriegsordnung, sagte Trumps Berater An- thony Scaramucci diese Woche auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, werde „den Anforderungen des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht“. Das gilt vor allem in der Handelspolitik, die Trump schon seit Jahrzehnten als Ver- schwörung gegen Amerika sieht. Im Kanz- leramt wird seit Wochen eine Ausgabe des „Playboy“ vom März 1990 herumgereicht. Auf dem Cover hat sich eine langmähnige Brünette in eine schwarze Smokingjacke gehüllt, die ihr ein schlanker Mittvierziger umgelegt hat: Es ist Donald Trump, der in einem langen Interview erläutert, wo er gefährliche Gegner der USA verortet:

nicht in Russland oder Rotchina, sondern zum Beispiel in Japan und Westdeutsch- land. Staaten, die den USA die Selbstach- tung genommen hätten: „Ihre Produkte

sind besser, weil sie so hoch subventioniert werden“, während die USA mit ihrem mil- liardenschweren Verteidigungsbudget da- für sorgen, „dass sie nicht in 15 Minuten von der Erdoberfläche gefegt werden“. Trump: „Unsere sogenannten Alliierten machen Milliarden, indem sie uns ficken.“ So sieht er das auch heute, davon sind Merkels Leute überzeugt. Trumps neu gegründeten „Nationalen Handelsrat“ wird der Ökonom Peter Navarro leiten, ein erklärter Kämpfer gegen Pekings „Wür- gegriff“, den er in seiner TV-Dokumenta- tion mit einem chinesischen Messer ver- sinnbildlicht, das sich in eine amerikani- sche Landkarte bohrt. Robert Lighthizer, Trumps designierter Handelsbeauftragter, ist in Washington seit Langem als glühen- der Protektionist bekannt, der bei jeder Gelegenheit deutlich macht, dass er in den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) „keine religiösen Verpflichtungen“ sieht. Auch Trump-Berater Kushner treibt kein anderes Thema so um wie die Ein-

„WENN TRUMP SICH GEGEN

SANKTIONEN STELLT,

DANN WIRD EUROPA NICHT

ZUSAMMENBLEIBEN.

fuhren in die USA und ihre Folgen für ame- rikanische Jobs. Man habe sich die Statis- tiken angeschaut, welche Länder mehr in die USA exportieren, als sie umgekehrt von dort beziehen, sagte er bei seinem Treffen mit dem deutschen Emissär Wittig. An erster Stelle steht China, dann kommt Japan, gefolgt von Deutschland. Das müs- se sich ändern, so Kushners Botschaft. Und so gehen Merkels Leute inzwischen davon aus, dass sich die Konflikte mit der neuen US-Administration vor allem auf zwei Politikfelder konzentrieren werden:

den Außenhandel und das Verhältnis zu Russland. Die entscheidende Frage lautet:

Kann sich Merkel auf den Rückhalt Europas verlassen?

E s soll eine große Geburtstagsfeier werden, im kommenden März in Rom. Ein Jubiläumsgipfel ist geplant,

eine feierliche Erklärung wird vorbereitet. Mit dem üblichen Pathos will die EU den 60. Geburtstag ihrer Gründungsverträge feiern, der Festakt ist auch als Botschaft an Trump gedacht. Kaum hatte der neue Präsident in dieser Woche deutlich gemacht, dass er Europas Staatenbund für ein Auslaufmodell hält, gaben die Regierenden Durchhalteparolen aus. Europa müsse jetzt „beieinanderste- hen“, sagte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Europa brauche

„keine Ratschläge von außen“, maulte Frankreichs Präsident François Hollande. Und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker fordert Trump auf, den atlanti- schen Schulterschluss nicht aufzukündigen. „Es gilt Klimawandel wie Migration ge- meinsam anzupacken, Terrorismus mit ver- einten Kräften zu bekämpfen sowie die Globalisierung und ihre sozialen Folgen gemeinsam zu meistern“, sagt er. Aller- dings erwarte er, „dass es einige Monate dauern wird, bis der neue amerikanische Präsident die Fülle europäischer Feinhei- ten entdeckt haben wird“. Nicht wenige dagegen prophezeien, dass auf der Party in Rom die letzten Toasts auf den Staatenbund ausgegeben werden könnten. Seitdem klar ist, dass Trump ins Weiße Haus einzieht, ist die Zahl der Skep- tiker noch größer geworden. Der neue US-Präsident hat die EU seit je für ein Bündnis zur wirtschaftlichen Schwächung Amerikas gehalten. Nun sieht er die Chance, den ungeliebten Kon- kurrenten loszuwerden. In Brüssel fürch- ten sie, dass Trumps Außenpolitik nicht zuletzt darauf zielt, die EU zu spalten: in der Umwelt- und Energiepolitik zum Beispiel, vor allem aber im Verhältnis zu Russland. Trump hat klargemacht, dass er die har- te Linie seines Vorgängers gegenüber dem Kreml nicht fortsetzen will. Auch die Sank- tionen, die der Westen im Zuge der Ukrai- nekrise gegen Russland verhängt hatte, stellte er zur Disposition. Er vertraue Mer- kel und Putin gleichermaßen, sagte Trump in der „Bild“-Zeitung, „doch schauen wir mal, wie lange das anhält. Vielleicht hält es überhaupt nicht lange an“. Eine Ungeheuerlichkeit; braucht Merkel doch die Unterstützung Washingtons, um eine klare Linie gegenüber Moskau durch- zuhalten. Schon jetzt gibt es eine Reihe von EU-Ländern, die einen Großteil der Strafmaßnahmen am liebsten wieder auf- heben möchten. Der ungarische Minister- präsident Viktor Orbán hat sich mehrfach als Freund Russlands geoutet – und als Freund des neuen US-Präsidenten. „Was für eine großartige Neuigkeit“, hatte er nach Trumps Wahltriumph erklärt. „Die Demokratie lebt noch.“ Um die Sanktionen zu verlängern, ist Einstimmigkeit erforderlich. Die konnte Merkel bislang auch deshalb herstellen, weil sie die volle Rückendeckung der amerikanischen Regierung hatte. „Wenn Trump sich gegen Sanktionen stellt, dann wird Europa in dieser Frage nicht zusam- menbleiben“, sagt ein Mitglied des Bun- deskabinetts. Schon jetzt fordern einige Hauptstädte eine Lockerung der Strafmaßnahmen, al- len voran Italien, Ungarn und Österreich. Man müsse weg von einem System der Strafe hin zu einem System des „An-

ODD ANDERSEN / AFP

PETRAS MALUKAS / AFP

MICHEL EULER / DPA

ODD ANDERSEN / AFP PETRAS MALUKAS / AFP MICHEL EULER / DPA Trump-Bewunderer Putin: Eine Ordnung

Trump-Bewunderer Putin: Eine Ordnung ohne störendes Moralisierertum

Putin: Eine Ordnung ohne störendes Moralisierertum US-Kampfjets in Litauen: „Was glauben Sie, was wir bald

US-Kampfjets in Litauen: „Was glauben Sie, was wir bald für wundervolle Alliierte haben“

Sie, was wir bald für wundervolle Alliierte haben“ Trump-Gegner Xi: „Die Geschichte wird von den Mutigen

Trump-Gegner Xi: „Die Geschichte wird von den Mutigen geschrieben“

sporns“, hatte kürzlich der österreichische Außenminister Sebastian Kurz gefordert (SPIEGEL 1/2017).

B leibt Trump bei seiner Linie, dann könnte Europa nach Ansicht der Kanzlerin Schlimmes drohen. Putin

könnte sich dann ermutigt sehen, auch die baltischen Länder zu destabilisieren. Er hätte keine amerikanische Gegenwehr zu fürchten. „Trumps Botschaften in Sachen Nato könnten dazu führen, dass Putin sich sagt: „Lasst es uns versuchen“, warnt der Brüsseler Außenpolitiker und Merkel-Ver- traute Elmar Brok. Moskau ist der erste von Trumps Trümp- fen, mit denen er Brüssel unter Druck set- zen will. Der zweite heißt: London. Trumps Vorgänger Barack Obama hatte den Briten noch klarzumachen versucht, dass sie sich nach dem Brexit keine Hoff- nung auf ein rasches Freihandelsabkom- men mit den USA machen dürften. Nach- folger Trump dagegen will die Briten beim Aushandeln eines entsprechenden Vertrags offenbar bevorzugt behandeln. Entsprechend selbstbewusst tritt die Londoner Regierung inzwischen auf. Sie strebe gar nicht erst an, im Europäischen Binnenmarkt zu bleiben, sagte Premier- ministerin May bei ihrer Grundsatzrede am Dienstag. Brexit heißt Exit lautet die neue Melodie von jenseits des Kanals. „Die Verhandlungsposition der Briten wird durch Trump gestärkt“, sagt der CSU-Wirt- schaftspolitiker Markus Ferber. „Wäre Clin- ton Präsidentin geworden, wäre es besten- falls zu einem soft Brexit gekommen“, ist sich auch Jo Leinen sicher, der langjährige SPD-Außenpolitiker. Bislang hatten es die 27 EU-Staaten ge- schafft, ihrem abtrünnigen Mitglied gegen- über eine einheitliche Position zu vertre- ten. Mays Ankündigung, kein Modell à la Schweiz oder Norwegen anzustreben, sei eine Reaktion auf die harte Haltung der EU, sagt ein Diplomat des Foreign Office. Zugleich entfernt sich Großbritannien wei- ter von Europa. An diesem Montag woll- ten sich die EU-Außenminister hinter eine neue Nahost-Initiative der Franzosen stel- len. Doch der britische Außenminister Bo- ris Johnson blockierte den Text. Er wusste, dass auch Trump ihn nicht mag. Der neue US-Präsident kann sich darauf verlassen, dass sein Amtsantritt für man- che europäischen Politiker der Anlass ist, den Spaltpilz in die EU zu treiben. Soll der Staatenbund weiter zusammenwach- sen? Was ist die richtige Finanzpolitik? Derzeit gibt es so gut wie keine Frage, über die Europa nicht zerstritten ist. „Zu viele Länder vor allem in Südeuropa tun nicht, was sie versprochen haben“, schimpfte der niederländische Regierungschef Mark Rut- te diese Woche in Davos. „Einzelne Län- der sollten aufhören, anderen Lektionen

MICHEL EULER / AP

Titel

MICHEL EULER / AP Titel Europa-Aussteigerin May: Der Brexit heißt jetzt Exit zu erteilen“, hielt der

Europa-Aussteigerin May: Der Brexit heißt jetzt Exit

zu erteilen“, hielt der ehemalige EU-Par- lamentspräsident Martin Schulz dagegen. In Brüssel kennen sie den Sound, den der neue US-Präsident anschlägt, gut, al- lerdings von ganz anderer Seite. „Trump hat zu lange Kaffee mit Nigel Farage ge- trunken“, sagt der FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff. Der ehema- lige Anführer der Brexit-Partei UKIP hatte Trump schon im Wahlkampf begleitet. Jetzt kann er gar nicht genug über Trump frohlocken, genau wie Europas Rechtspopulisten. Im März könnte die is- lamfeindliche Freiheitspartei von EU-Geg- ner Geert Wilders zur stärksten Kraft in den Niederlanden werden, im Mai könnte Front-National-Chefin Marine Le Pen in die Stichwahl um die französische Präsi- dentschaft kommen. Macht Trump dann Werbung für die Populisten, im Verein mit den Trollen des russischen Geheimdiens- tes? „Putin untergräbt die EU in aller Heimlichkeit“, sagt der sozialdemokrati- sche Europapolitiker Arne Lietz, „Trump macht es per Twitter.“ Der Anti-Brüssel-Feldzug des neuen US- Präsidenten richtet sich nicht nur gegen die Politik. Sein eigentliches Ziel ist Europas Wirtschaft. „Es müsste eine Steu- er geben auf jeden Mercedes-Benz und alle japanischen Produkte, die nach Ame- rika kommen“, forderte er bereits vor 25 Jahren. „Und wir würden wundervolle Al- liierte haben.“

D ie Hansa-Studios am Potsdamer Platz sind einer der glamouröseren Veranstaltungsorte Berlins. Wo Da-

vid Bowie und U2 legendäre Alben einge- spielt haben, drängen sich vor einer Woche

Unternehmer, Manager und Verbandsfunk- tionäre beim Neujahrsempfang des Ost- Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Es gibt Häppchen und Sekt; als Festredner ist Markus Kerber angekündigt, der Haupt- geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Der Mann könnte jetzt über die Erfolge der deutschen Wirtschaft reden, über Ex- portrekorde, volle Auftragsbücher, das Be- schäftigungshoch. Stattdessen warnt er düs- ter vor einem „Zeitenwechsel“ in der „in- ternationalen Politik“. Kerber nennt keine Namen, aber alle wissen, wen er meint:

Trump und jene Antiglobalisierungspoliti- ker, die mit „nationalistischer Industrie- politik“ einen Handelskrieg etwa zwischen den USA und China heraufbeschwören. Kommt es dazu, wären „binnen sehr kur- zer Frist erhebliche Einbrüche wirtschaft- licher Wertschöpfung und Beschäftigung“ zu erwarten, vor allem in Exportnationen wie Deutschland. „Unser Wohlstand steht im Risiko“, mahnt Kerber, „mehr als je zu- vor in den letzten 60 Jahren.“ Dabei feiern sie an der Börse seit Wo- chen den Trump-Boom; schließlich steht der internationale Handel gerade in voller Blüte, nicht zuletzt zwischen Deutschland und Amerika. US-Unternehmen investier- ten mehr denn je in Deutschland, das Volumen stieg 2015 sprunghaft um 113 Pro- zent gegenüber dem Vorjahr. GE, Face- book, IBM: Wichtige Adressen der US- Wirtschaft expandieren hierzulande, der IT-Ausrüster Cisco will eine halbe Milliar- de Dollar investieren. Noch größer allerdings ist das Engage- ment deutscher Firmen in den USA. Mit keinem anderen Land treibt die heimische

Industrie so viel Handel wie mit den Ver- einigten Staaten. Die USA sind seit 2015 das wichtigste Zielland für Exportgüter, Frankreich ist nur noch die Nummer zwei. Begünstigt wird diese Entwicklung von der robusten US-Konjunktur und vom relativ zum Dollar schwächelnden Euro, der deut- sche Waren verbilligt. Was Trump dabei ärgert: Von der bis- lang prächtigen Entwicklung des transat- lantischen Handels profitiert Deutschland weit mehr als die USA. Die heimischen Unternehmen liefern im Jahr 2015 Waren für fast 114 Milliarden Euro über den At- lantik, die Amerikaner aber verkaufen Gü- ter im Wert von nur rund 60 Milliarden Euro nach Deutschland. Auch die Erfolge der US-Digitalwirtschaft machen dieses Missverhältnis nicht wett. Das Defizit im Transatlantik-Handel be- äugte schon die Regierung Obama mit Arg- wohn – die Regierung Trump wird es dabei kaum belassen. Wer in Amerika verkaufen will, muss in Amerika produzieren, lautet das neue Mantra der Washingtoner Wirt- schaftspolitik, sonst drohen Strafzölle oder Sondersteuern. „Donald Trump ist ein Ri- siko für das deutsche Geschäftsmodell“, warnt Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Keine andere Volkswirtschaft ist laut ei- ner McKinsey-Studie von 2014 so global verflochten wie die deutsche – und kaum eine andere Volkswirtschaft so abhängig vom Export. Die Industrie hat 2015 Güter im Wert von 1194 Milliarden Euro in alle Welt ausgeführt, es wurden aber nur 949 Milliarden Euro an Waren importiert. Seit Jahrzehnten schon ist die deutsche Handelsbilanz im Plus. Starke Industrie- konzerne sind dafür verantwortlich, noch mehr aber eine Vielzahl an Hightech-Mit-

„WENN KEINE WELTWEITEN

RAHMENBEDINGUNGEN MEHR

GELTEN, WIRD DAS DEUTSCHE

MODELL SCHEITERN.“

telständlern mit internationaler Ausrich- tung, sie alle sind angewiesen auf offene Märkte – und fürchten nun, dass Trump dem Protektionismus nicht nur das Wort redet, sondern den neuen Kurs auch poli- tisch durchsetzt. Die rechtlichen Möglich- keiten dazu hätte er. Der Präsident verfügt über die „Trade Promotion Authority“, verliehen vom US- Kongress, terminiert zunächst bis 2018. Trump hat damit das Recht, Freihandels- abkommen zu verhandeln – oder den Pro- zess auch zu stoppen. Ein Vorlauf von sechs Monaten genügt, um zum Beispiel das nordamerikanische Abkommen Nafta zu kündigen; es regelt den freien Waren-

Florian Jaenicke

austausch zwischen den USA, Mexiko und Kanada. Ein anderes Instrument ist der „Trade Act of 1974“, er berechtigt den Präsidenten, für bis zu 150 Tage Zölle von maximal 15 Prozent gegenüber Ländern zu verhängen, die einen hohen Leistungsbilanzüber- schuss aufhäufen. Trump müsste nicht lan- ge in der Handelsbilanz blättern, um dabei auf Deutschland zu kommen. Immer wieder wurde in der Vergangen- heit Kritik an der allzu großen Auslands- abhängigkeit der hiesigen Wirtschaft laut. Schließlich exportiert Deutschland nicht nur mehr als es einführt – es stellt auch mehr Kredite zur Verfügung, als es selbst Mittel aufnimmt. Mit diesem Geld werden Konsum und Investitionen jenseits der Grenzen finanziert statt im Inland. Viele internationale Politiker, aber auch Wissenschaftler, fordern die Deutschen auf, die Überschüsse abzubauen – und manche Branchen wie etwa die Auto- industrie haben die Rufe sogar erhört. Statt Fahrzeuge zu exportieren, fertigen sie diese vor Ort. Seit 2010 baut die Bran- che mehr Fahrzeuge im Ausland als im In- land. Mercedes-Benz, BMW und Volkswa- gen errichteten auf den größten Märkten der Welt eigene Fabriken, in China, aber auch in den USA. Sie wollten nicht ab- hängig sein von Exporten aus Deutsch- land, weil Zölle sie ausbremsen und ein sinkender Kurs der Landeswährung ihnen Verluste bescheren könnte. BMW baute seine Produktion in Spar- tanburg aus, Mercedes-Benz in Tuscaloosa und Volkswagen in Chattanooga. Die deut- schen Unternehmen schufen im struktur- schwachen Südosten der USA Tausende Arbeitsplätze und erfreuten sich der Wert- schätzung vieler US-Politiker, auch aus der Republikanischen Partei. Doch dann tappten Daimler und Co. in die Mexiko-Falle. Das Nachbarland im Sü- den lockte mit niedrigen Löhnen und dem freien Zugang zum US-Markt, die der Nafta-Vertrag zusichert. Audi nahm Ende vergangenen Jahres die Fertigung seines Geländewagens Q5 im neu errichteten Werk in San José Chiapa auf, BMW und Daimler haben mit dem Bau einer Fabrik in Mexiko gerade begonnen, und Volks- wagen produziert in Puebla mehr als 450000 Fahrzeuge. Ein Einfuhrzoll in die USA würde die deutschen Hersteller unterschiedlich tref- fen. Besonders stark wären die Einbußen für Volkswagen. Die Marke exportiert den Jetta, den Beetle und den Golf aus seinem mexikanischen Werk in die USA. Mit ei- nem Zollaufschlag von 35 Prozent wären die Modelle kaum mehr abzusetzen. Fest steht: Setzt Trump seine Ankün- digungen um, wären Deutschland und Europa besonders betroffen. Würden in der Welt keine „verlässlichen Rahmen-

DER SPIEGEL 4 / 2017 19

keine „verlässlichen Rahmen- DER SPIEGEL 4 / 2017 19 SPIEGEL-Gespräche live im Thalia Theater – Welt

SPIEGEL-Gespräche live im Thalia Theater – Welt aus den Fugen

Sebastian Meyer
Sebastian Meyer
im Thalia Theater – Welt aus den Fugen Sebastian Meyer Christian O. Bruch/DER SPIEGEL Wie geht
Christian O. Bruch/DER SPIEGEL
Christian O. Bruch/DER SPIEGEL

Wie geht es weiter nach Brexit, Terror, Trump und Aleppo? „Wenn wir schon die Antworten nicht immer haben, müssen wir versuchen, die Fragen präziser zu stellen“, sagt der Schriftsteller Navid Kermani. Zum Auftakt einer Theaterreise durch ganz Deutschland spricht er mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz und der stellvertretenden SPIEGEL-Chefredakteurin Susanne Beyer.

Samstag, 11. Februar 2017, 20 Uhr Thalia Theater, Alstertor, 20095 Hamburg

Karten im Vorverkauf, an der Abendkasse und unter www.thalia-theater.de. Eintritt: 9 bis 18 Euro. Einlass ab 19.30 Uhr. Änderungen vorbehalten. Die Erlöse der Veranstaltung werden gespendet an das Avicenna Hilfswerk. Alle weiteren Termine der Theaterreise finden Sie unter spiegel-live.de.

Die Veranstaltung wird per Live-Stream auf www.spiegel.de übertragen.

Theaterreise fi nden Sie unter spiegel-live.de. Die Veranstaltung wird per Live-Stream auf www.spiegel.de übertragen.

BEN BAKER / REDUX / LAIF

Titel

BEN BAKER / REDUX / LAIF Titel Industriepolitiker Trump: „Eine Steuer auf jeden Mercedes-Benz“ bedingungen“ mehr

Industriepolitiker Trump: „Eine Steuer auf jeden Mercedes-Benz“

bedingungen“ mehr gelten, warnt BDI- Manager Kerber, werde „das deutsche Wohlstandsmodell scheitern“.

A ngela Merkel hat in ihrer Amtszeit schon viele Krisen erlebt. Vor knapp zehn Jahren brach in den USA die

Bank Lehman Brothers zusammen, und die Weltwirtschaft stand vor dem Kollaps. Sie- ben Jahre später brachten Griechenlands Schulden die Europäische Währungsunion an den Rand des Zerfalls. Und in der Flücht- lingskrise drohte die Kanzlerin den Rück- halt der eigenen Partei zu verlieren. In diesem Jahr stellt sie sich den Bun- desbürgern erneut zur Wahl. Und vieles spricht dafür, dass der Amtsantritt Trumps für sie dabei die bislang größte Herausfor- derung wird. Wie soll sie umgehen mit ei- nem Mann, der die Auflösung Europas bil- ligend in Kauf nimmt und der heimischen Exportindustrie noch vor seinem Amtsan- tritt mit Strafzöllen droht? Wie soll sie rea- gieren, wenn der wichtigste Verbündete des Landes die jahrzehntealten Verbindun- gen infrage stellt? Merkel wäre nicht Merkel, wenn sie nicht als erste Parole „Abwarten“ ausgegeben hät- te. Am Mittwoch scharte sie am Rande der Kabinettssitzung ihre Ministerriege um sich; die Runde einigte sich, auf Trumps Provo- kationen mit demonstrativer Zurückhaltung zu reagieren. Anschließend stellte sich Mer- kel mit versteinerter Miene vor die Fernseh- kameras und sagte, es gelte nun mit der neu- en US-Regierung „eine Übereinkunft zu er- zielen“. Es klang, als würde sie Abrüstungs- verhandlungen mit Nordkorea ankündigen. Zugleich hat man im Kanzleramt die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass

Trump zu einem halbwegs gemäßigten Kurs finden könnte. So sieht es auch der Exsicherheitsberater des früheren US-Prä- sidenten George W. Bush, Stephen Hadley, der den neuen Außenminister Rex Tiller- son beraten soll. „Merkel muss so schnell wie möglich nach Washington kommen“, sagte Hadley bei einem Gespräch mit Heus- gen am Mittwoch. „Auf sie wird er hören.“ Aber wird er sie auch schnell empfan- gen? Heusgen hatte Flynn bei seinem Be- such mitgeteilt, dass die Kanzlerin bereit sei, rasch nach Washington zu reisen. Bis- lang jedoch gibt es keine Antwort Trumps. Im Kanzleramt hofft man auf ein persön- liches Gespräch spätestens im Frühjahr. Zudem ist die Zuversicht noch nicht ganz geschwunden, dass das republikani- sche Establishment den Präsidenten ein- hegen wird. Im Kanzleramt hat man alte Kontakte zu Republikanern wie der frü- heren US-Außenministerin Condoleezza Rice reaktiviert. Merkel hofft auf die Skep- sis vieler Republikaner im Kongress gegen- über Russland und auf die alten Freihan- delsreflexe der Partei. Eine erste Möglichkeit, Vertreter der neuen US-Administration kennenzulernen, ergibt sich Mitte Februar bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Neben 20 Senatoren und Kongressabgeordneten hat der desi- gnierte Verteidigungsminister James Mattis seine Teilnahme zugesagt. Möglicherwei- sen werden auch der designierte Außen- minister Rex Tillerson, der am Tag zuvor zum G-20-Außenministertreffen in Bonn erwartet wird, und Vizepräsident Mike Pence in München dabei sein. Fest zuge- sagt hat auch der Unternehmer Peter Thiel, der Trump als einziger namhafter Vertreter

des Silicon Valley im Wahlkampf unter- stützt hatte. Kanzlerin Merkel hat sich noch nicht festgelegt, ob sie teilnehmen wird. „Ich rate zur Gelassenheit“, sagt Heus- gen. Doch klar ist auch: Merkel braucht dringend einen Plan, wie sie auf die ame- rikanische Herausforderung reagieren soll. In Europa darf über Gemeinsamkeit nicht länger nur geredet werden, nötig ist ein Konzept, dass die unumgängliche Vertie- fung in der Außen- und Sicherheitspolitik verbindet mit mehr nationaler Autonomie in anderen Politikfeldern. Die Eurozone benötigt eine gemeinsame Wirtschafts- politik, zum Beispiel durch ein eigenes Budget und einen eigenen Finanzminister. Und Merkel muss auch darüber nachden- ken, wie sie es auf Dauer mit den deut- schen Handelsbilanzüberschüssen halten will. Die Exporterfolge sind Ausweis der deutschen Wirtschaftsstärke, doch sie sind auch ein Ärgernis für Deutschlands Part- ner in Europa und der entscheidende An- knüpfungspunkt für Trumps protektionis- tische Rhetorik. Die Einsicht wird wachsen, dass Deutschland seinen Binnenmarkt stär- ken sollte. Vor allem aber muss Deutschland ver- suchen, im Rahmen seiner Möglichkeiten für jene Werte einzustehen, die Trump of- fen infrage stellt. Hält Merkel in diesen Fragen Kurs, wird es dem neuen starken Mann im Weißen Haus schwerer fallen, sei- ne Angriffe auf die liberale Ordnung zu Hause durchzusetzen. Trump ist das Ende der Welt, wie wir sie kannten – so viel steht fest. Oder, wie es der Londoner „Economist“ kürzlich be- schrieb: „Es könnte ungemütlich werden.“

Christian Esch, Martin Hesse, Alexander Jung, Peter Müller, Ralf Neukirch, Britta Sandberg, Michael Sauga, Christoph Schult, Holger Stark, Bernhard Zand

Lesen Sie weiter zum Thema:

Seite 22: Die US-Historikerin Anne Applebaum über die Welt mit einem Präsidenten Donald Trump Seite 62: Die letzten Arbeitstage des Obama- Beraters David Edelman Seite 78: Der Stanford-Ökonom Nicholas Bloom rechnet mit einem Zeitalter politischer Unsicherheit Seite 86: US-Korrespondent Holger Stark über vier Jahre, in denen Amerika seine Identität verlor Seite 92: Porträt des chinesischen Staatschefs Xi Jinping, des großen Gegenspielers von Donald Trump Seite 124: Milo Yiannopoulos – der Popstar der US-Rechten

124: Milo Yiannopoulos – der Popstar der US-Rechten Animation: Trumps Welt spiegel.de/sp042017trump oder in der

Animation:

Trumps Welt

spiegel.de/sp042017trump

oder in der App DER SPIEGEL

Titel

„Wir sollten uns Sorgen machen“

USA Die Historikerin Anne Applebaum spricht über die Welt mit einem Präsidenten Donald Trump, über Putin und die neue Kriegsgefahr.

Donald Trump, über Putin und die neue Kriegsgefahr. Applebaum, 52, ist Russland- expertin und hat für

Applebaum, 52, ist Russland- expertin und hat für ihr Buch „Gulag“ den Pulitzerpreis be-

kommen. Die Yale-Absolventin schreibt regelmäßig für „Washington Post“ und „Foreign Policy“ und ist verheiratet mit dem ehemaligen polnischen Außenminister und Parlamentspräsidenten Radosław Sikorski.

SPIEGEL: Frau Applebaum, wird die Welt mit Donald Trump gefährlicher, oder soll- ten wir entspannt bleiben? Applebaum: Die Welt war immer gefährlich. Aber jetzt wird sie auf andere Art unsicher. Die existierende Ordnung, wie wir sie seit dem Ende des Kalten Krieges gewohnt wa- ren, wird sich radikal transformieren. Die Institutionen, die Frieden brachten und Freihandel ermöglichten, werden schwä- cher – die Nato, die EU, die Handelszone zwischen den USA, Mexiko und Kanada. Das Verhältnis zwischen den USA und an- deren Staaten wird sich rasant verändern. SPIEGEL: Was sorgt Sie am meisten? Applebaum: Ich möchte nicht das Elend vor- hersagen. Aber ich mache mir Sorgen um eine neuerliche russische Besetzung von Teilen Osteuropas. Auch um eine neue rus- sische Kampagne, Einfluss auf Deutsch- land und andere Teile des Kontinents zu nehmen, um die Politik weniger demokra- tisch zu machen. Ich mache mir auch Sor- gen darum, dass die USA einen Handels- krieg mit China anzetteln – vielleicht sogar einen militärischen Krieg. SPIEGEL: Glauben Sie, dass diese Folgen kurzfristig eintreten können? Applebaum: Es hängt davon ab, wer sich in- nerhalb der Regierung durchsetzt. Trumps neuer Verteidigungsminister James Mattis hat angekündigt, bedingungslos zur Nato zu stehen. Hätte Barack Obama das vor einem halben Jahr gesagt, wäre das lang- weilig gewesen. So ändern sich die Zeiten. SPIEGEL: Auf Twitter hat sich Trump wie kein anderer Politiker eine eigene Form von Öffentlichkeit geschaffen, während er traditionelle Medien ablehnt. Untergräbt das die Demokratie? Applebaum: Das Problem ist umfassender. Trump hat verstanden, sich in einer Welt zu bewegen, in der Menschen in getrenn- ten Blasen leben und ihre Nachrichten ge- filtert beziehen, etwa über Facebook. In diesen eigenen, voneinander getrennten Blasen nehmen Menschen unterschiedliche Realitäten wahr, Trump hat das genutzt. Er hat sich ganz auf seine Anhänger kon- zentriert. Selbst nach der Wahl hat er nie

zum gesamten amerikanischen Volk ge- sprochen und versucht, eine einigende Sprache zu finden. Er sagt: Danke an mei- ne Wähler – alle anderen sind Loser. SPIEGEL: Sehen Sie keine gemeinsame Basis mehr zwischen Trumps Wählern und sei- nen Gegnern? Applebaum: Nehmen Sie eine relativ banale Sache: den Streit um seine Beleidigungen eines behinderten Reporters, den er auf einer Wahlkampfveranstaltung verun- glimpft hat. Trump sagt, er habe das nie getan. Es gibt aber ein Video, das den Vor- gang klar dokumentiert. Nicht jeder hat dieses Video gesehen oder will es sehen. SPIEGEL: Trump hat viele Wähler aus der Arbeiterschicht für sich gewonnen. Applebaum: Ja, aber es ist ein Fehler zu glau- ben, man könne Trump allein ökonomisch erklären. Den USA geht es relativ gut, die Wirtschaft hat sich seit 2008 erholt. Ich glau- be, bei der Arbeiterschicht war er aus kul- turellen Gründen attraktiv, nach dem Motto:

„Ich bringe euch die Jobs zurück, die eure Väter hatten.“ Er evozierte damit die weiße,

„DIE ZUKUNFT DER NATO

HÄNGT NUN AN DEN

EUROPÄERN. SIND SIE IN DER

LAGE, SICH ZU BEWAFFNEN?“

simple Nachkriegswelt, als die USA noch keine wirtschaftliche Konkurrenz hatten. SPIEGEL: Werden die USA unter Präsident Trump autoritärer? Applebaum: Anders als in vielen europäi- schen Ländern ist die Polizei in den USA dezentral organisiert. Sogar das FBI hat Re- gionalbüros. Die Verfassung zu ändern ist ein langwieriger, ermüdender Prozess. Ich halte es aber für möglich, dass er einzelne Kontrollinstanzen untergraben kann. Die Presse vor allem, aber auch Ethik-Kontroll- organe, die über seine Geschäftsbeziehun- gen befinden, sowie die Beamtenschaft. SPIEGEL: Trump sagt oft, dass er Putin ver- ehre. Entsteht da eine neue Freundschaft? Applebaum: Ich glaube, keiner der beiden hat wirklich Freunde. Aber Trump bewun- dert Wladimir Putin seit Jahren öffentlich, ohne Einschränkungen. Er sieht in Putin eine Art Idol. Aber weder seine neuen Mi- nister noch die Beamten in Pentagon und State Department teilen diese Sicht. Wir wissen einfach nicht, was diese Regierung bringen wird.

SPIEGEL: Trump nennt die Nato „überholt“, gleichzeitig schmeichelt er Putin. Was soll aus dem Verteidigungsbündnis werden? Applebaum: Es ist nicht neu, dass man in den USA denkt, die Nato komme ihren Aufgaben nicht nach und die Europäer be- teiligten sich zu wenig. Aber Trump hat den Niedergang der transatlantischen So- lidarität beschleunigt, indem er seine Ver- achtung für Nato-Verbündete äußerte. Die Zukunft der Nato hängt nun an den Euro- päern. Sind sie in der Lage, künftige Be- drohungen zu erkennen, sich darauf vor- zubereiten und sich zu bewaffnen? SPIEGEL: Was denken Sie? Applebaum: Ich habe Angst davor, dass Europa einfach nichts tut. Besonders Deutschland: Ihr wollt eure Armee am liebsten gar nicht einsetzen, ihr wollt dafür nicht bezahlen, ihr wollt keine Einsätze anführen. Die Sicherheit Europas hängt aber an Deutschland, Frankreich, Großbri- tannien und ein oder zwei anderen Län- dern. Es wäre sinnvoll, jetzt mit den Pla- nungen für die europäische Verteidigung anzufangen, in der Terrorbekämpfung, im Cyberspace und konventionell. SPIEGEL: Europa kämpft mit vielen Krisen gleichzeitig, mit Arbeitslosigkeit, Flücht- lingen, Brexit. Dazu kommen Trump, Pu- tin und rechte Populisten. Wie soll sich der Kontinent in dieser Lage eine neue Vertei- digungspolitik zulegen? Applebaum: Trump, Putin und der Aufstieg von Populisten hängen eng miteinander zusammen. Man muss das als ein großes, übergreifendes Problem sehen. SPIEGEL: Ist das nicht etwas einfach? In Frankreich profitieren Populisten von Ter- roranschlägen, in Deutschland von der Flüchtlingskrise, in den USA spielen par- teipolitische und ökonomische Gründe eine Rolle. Applebaum: Die Sprache der Populisten äh- nelt sich aber. Worin besteht denn der Reiz von Trump? Er appelliert an die Nostalgie der Amerikaner mit seinem Spruch „Make America Great Again“. Er zeichnet das Bild eines „echten“ Amerikas, eines Lan- des vor den Zeiten von Globalisierung, Einwanderung, Feminismus, Bürgerrechts- bewegung und technologischem Wandel – die imaginären Fünfzigerjahre, zu denen wir angeblich zurückkehren können. So sehr unterscheidet sich das nicht von dem, was Marine Le Pen sagt oder Teile der Bre- xit-Bewegung meinen. SPIEGEL: Was kann man dieser Nostalgie entgegensetzen?

ANDREA ARTZ / DER SPIEGEL

ANDREA ARTZ / DER SPIEGEL Autorin Applebaum: „Protest allein genügt nicht“ Applebaum: Bestimmt nicht das Mantra:

Autorin Applebaum: „Protest allein genügt nicht“

Applebaum: Bestimmt nicht das Mantra:

Alles ist gut. Wir müssen die Menschen wieder von den Vorteilen der Gegenwart überzeugen, von den guten Seiten des Fort- schritts. Einige europäische Politiker pro- bieren das gerade. Der sozialliberale Prä- sidentschaftskandidat Emmanuel Macron in Frankreich zum Beispiel, die Partei Ciu- dadanos in Spanien, die Nowoczesna-Par- tei in Polen. Das sind erste Versuche, den Liberalismus neu zu erfinden. SPIEGEL: Werden Parteien überflüssig? Applebaum: Nein, wir haben nur die fal- schen. Der alte Kampf zwischen Christ- demokraten und Sozialdemokraten ist be- deutungslos geworden, weil die Einflüsse der Kirche und der Gewerkschaften ver- blassen. Nationalisten und Populisten ha- ben das früher begriffen. Jetzt muss der Rest der Parteienlandschaft verstehen, dass hier die Herausforderung liegt. SPIEGEL: In London hofft die Regierung, mit Donald Trump einen Partner zu haben – zu Recht?

Applebaum: Leute aus dem Trump-Lager berichten mir, dass der Brexit die einzige außenpolitische Frage ist, die ihn interes- siert. Trump will einen Weg finden, den Briten beim EU-Ausstieg zu helfen. Er sieht im Brexit eines jener Ereignisse, die ihm halfen, an die Macht zu kommen. Er will Großbritannien unterstützen und wohl der EU schaden, indem er ein Freihandels- abkommen in Aussicht stellt. Ich mache mir Sorgen, dass Premierministerin The- resa May in diese Falle tappt, weil sie ver- zweifelt Verbündete braucht und Erfolg beim Brexit – auch wenn das britische Han- delsvolumen mit den USA wesentlich nied- riger ist als mit dem Rest Europas. SPIEGEL: Sind Bündnisse zwischen nationa- listisch geprägten Ländern die Zukunft? Applebaum: Ironischerweise ja. Das ist zu- mindest das, wovon Leute wie Stephen Bannon träumen, der Chefberater von Trump. Er hätte am liebsten eine Achse zwischen Trump, Marine Le Pen, Geert Wilders und Nigel Farage. Die populisti-

sche Internationale sozusagen, ein Bruder- schluss der Rechten. SPIEGEL: Obwohl alle Nationalisten sind. Applebaum: Sie haben viel gemeinsam. Sie hassen die EU, die Nato, sie sind gegen freien Handel und bewundern Russland. Einige werden offen von Putin unterstützt. SPIEGEL: Sind wir Zeugen, wie der Westen auseinanderbricht? Applebaum: Ich habe schon vor anderthalb Jahren über das Ende der liberalen Welt- ordnung geschrieben. Damals dachten alle, ich wäre verrückt. Wir sollten uns definitiv Sorgen machen. SPIEGEL: Ist es möglich, dass wir in einen Krieg hineinstolpern? Applebaum: Es gibt eine ganze Menge von Worst-Case-Szenarien. Trump ist extrem streitlustig, und die Russen reden verdäch- tig oft von ihren Atomwaffen. SPIEGEL: Sie glauben, das Risiko einer ato- maren Konfrontation wächst? Applebaum: In den Siebziger- und Achtzi- gerjahren war die Sowjetunion relativ sta- bil. Putins Russland ist unberechenbarer, komplizierter. Eine kleine Gruppe trifft Entscheidungen, nicht mehr ein großer Ap- parat. Das Risiko, Fehler zu machen, ist wesentlich größer. SPIEGEL: Russland ist eines von vielen Län- dern, die sich um internationale Normen nicht scheren. Auch in China, der Türkei und einigen europäischen Staaten sind au- toritäre Tendenzen zu erkennen. Ist die Demokratie ein Auslaufmodell? Applebaum: Die Demokratie muss und wird überleben. Aber die Euphorie der Neun- zigerjahre ist verschwunden, als wir dach- ten, die Demokratie werde sich unaufhalt- sam über die ganze Welt ausbreiten. Das hat nichts mit Donald Trump zu tun, er ist nur ein Symptom. Teilweise liegt das an der Globalisierung, die Politikern Macht entrissen hat. Teilweise auch am digitalen Zeitalter, in dem viele Menschen frustriert sind von der Langsamkeit demokratischer Prozesse. Vor allem junge Leute fragen sich: Warum dauert alles so lange? Warum kann nicht einfach jemand eine Entschei- dung treffen, und es ist gut? SPIEGEL: Was lässt sich gegen diesen Ver- druss tun? Applebaum: Wir können nicht mit der Hal- tung weitermachen, dass Politik immer nur das ist, was von anderen Leuten gemacht wird, in entfernten Hauptstädten. Auch Protest allein genügt nicht. Wenn diejeni- gen, die sich an Demonstrationen beteili- gen, in der Lokalpolitik aktiv werden oder selbst kandidieren, erreichen sie mehr. Wenn dieser ganze Aufruhr dazu führen sollte, dass sich mehr Leute engagieren, besteht eine kleine Chance, dass unsere Demokratie am Ende lebendiger wird.

Interview: Gordon Repinski, Christoph Scheuermann

Twitter: @GordonRepinski, @chrischeuermann

VOLKER HARTMANN / GETTY IMAGES

DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL

Deutschland

AfD

Luxustrip auf

die Krim

Der AfD-Europaabgeordne- te Marcus Pretzell hat sich während seiner umstrittenen Reise auf die besetzte Krim von seinen russischen Gast- gebern üppig aushalten lassen. Das geht aus Unter- lagen hervor, die der AfD- Spitzenpolitiker dem EU- Parlament zur Verfügung stellen musste. Pretzell nahm im April 2016 am drei- tägigen „Yalta International Economic Forum“ teil. Nun räumt Pretzell ein: Anreise, Übernachtungs- und Aufent- haltskosten ließ er sich vom Veranstalter bezahlen, einer russischen Stiftung, welche die annektierte Krim wirt- schaftlich unterstützen soll. Auf der Konferenz begeister- te Pretzell die Gastgeber mit seinen Forderungen nach einem Ende der EU-Sanktio- nen gegen Russland. Abends konnte er sich gratis im Fünf-Sterne-Hotel Mriya entspannen. Der Slogan des Spa-Resorts: „Die Philoso- phie der perfekten Gast- freundschaft“. Pretzell hatte die Unterlagen auf Druck der Ethikkommission des EU-Parlaments geliefert – ein halbes Jahr zu spät. Nach Veranstalterangaben kostete die Teilnahme zwi- schen circa 1500 und 1800 Euro. Dazu kamen Ausga- ben für die Hin- und Rück- flüge mit Aeroflot. ama, sve

Schäuble beim CDU-Parteitag
Schäuble beim CDU-Parteitag

Haushalt

8,5 Milliarden Euro Überschuss

Bundesländer wollen Schulden abbauen.

Die Länder haben nach einer Aufstellung des Bundesfinanzministeriums im vergangenen Jahr Überschüsse von rund 8,5 Milliarden Euro erwirtschaftet. Diese wollen die meisten Bundesländer nutzen, um Schulden zu tilgen. Damit tun sie mit ihrem unverhofften Geld genau das, was sie dem Bund vorwerfen. Bun- desfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) will mit seinen 6,2 Milliarden Euro an Über- schüssen aus dem Bundeshaushalt ebenfalls

alte Kredite zurückbezahlen. Die Höhe der zusätzlichen Einnahmen der Länder ent- spricht zudem fast den Mitteln, die der Bund vergangenes Jahr an die Länder überwiesen hatte, um deren Kosten für die Betreuung und Unterbringung von Flüchtlingen zu decken. Weil sie die Mittel dafür offensicht- lich aus dem laufenden Etat aufbringen konnten, haben die Länder das Geld des Bundes nun übrig. rei

Affären

Exbundesanwalt im Zwielicht

Im Schweriner Korruptions- prozess um eine Nachrichten- händlerin und einen Beamten des Landeskriminalamts (LKA) Mecklenburg-Vorpom- mern gerät der ehemalige Bundesanwalt Wolf-Dieter Dietrich unter Druck. LKA- Dokumente legen den Ver- dacht nahe, dass Dietrich die zwielichtigen Geschäfte der beiden Angeklagten mit ermöglicht hat. In einem Ver-

merk aus dem Jahr 2008 schil- dert ein LKA-Beamter, wie Dietrich den Angeklagten Heinz-Peter Hahndorf der

Kontrolle seiner Vorgesetzten entzog. Hahndorf leitete da- mals die Ermittlungsgruppe (EG) „Luna“ des LKA, die im

Dietrich, Wilkening
Dietrich, Wilkening

Auftrag der Bundesanwalt- schaft Strukturen des russi- schen Inlandsgeheimdienstes FSB in Mecklenburg-Vorpom- mern ermittelte. In dem Ver- merk heißt es, „Bundesan- walt Dietrich“ solle „nur mündlich unterrichtet wer- den“. Informationen „an andere Personen außer ihn“ hätten zu unterbleiben. Im Schweriner Prozess agiert der Jurist Dietrich als Ver- teidiger der anderen Ange- klagten, der Nachrichten- händlerin Christina Wilke- ning (SPIEGEL 2/2017). gla

KHALIL ASHAWI / REUTERS

Verkehr

Regierung will Maut europaweit

Die Bundesregierung sieht die von Verkehrsminister Ale- xander Dobrindt (CSU) ge- plante Maut mit pauschalen Gebühren offenbar nur als Übergangslösung an. In ei- nem aktuellen Gesetzentwurf zur Änderung der sogenann- ten Infrastrukturabgabe heißt es, Deutschland sei bereit, die EU-Kommission bei ihren Bemühungen für ein einheit- liches europäisches Mautsys- tem zu unterstützen. Weiter schreibt Dobrindt, das Ziel der Bundesregierung sei „ein

gemeinsames, interoperables Mautsystem ohne nationale Barrieren“. Sobald es einen europäischen Rahmen gebe, werde man die geplante Maut überprüfen und bei Bedarf anpassen. Dieses Bekenntnis ist pikant, weil die EU-Kom- mission eine streckenabhängi- ge Maut fordert, wie sie für Lkw in Deutschland bereits existiert: Wer mehr fährt, zahlt entsprechend mehr. Das Versprechen, keinen deut- schen Autofahrer mehr zu be- lasten als heute, wäre dann nicht mehr haltbar. Dobrindt will zunächst nur ein System mit einer pauschalen Gebühr für Pkw installieren. böl

Baden-Württemberg

Aufarbeitung teurer als der Schaden?

Die gründliche Untersuchung einer Besoldungsaffäre kommt die Steuerzahler im Südwesten teuer zu stehen. Es geht um Zulagen, die der Rektor der Verwaltungshoch- schule Ludwigsburg 13 Profes- sorinnen und Professoren ab dem Jahr 2011 gewährte. Die Lehrkräfte wechselten da- mals im Rahmen einer Besol- dungsreform von der alten Gruppe C2 in die neue Grup- pe W2. Da die W-Besoldung ein niedrigeres Grundgehalt vorsieht, wurden den Profes- soren Zuschläge „aus Anlass von Berufungs- und Bleibe- verhandlungen“ ausgezahlt, obwohl es solche Verhandlun- gen gar nicht gegeben hatte. Den Gesamtschaden beziffert die Staatsanwaltschaft Stutt- gart in ihrer Anfang Januar verfassten Anklage auf

411211,08 Euro, sie zog dafür Berechnungen des Landeskri- minalamts heran. Die Staats- anwaltschaft hält eine Einstel- lung des Verfahrens für mög- lich, falls die Beamten die Differenzsummen zurückzah- len. Dennoch wollen die Fraktionen von SPD und FDP im Stuttgarter Landtag einen Untersuchungsaus- schuss einrichten, der mögli- che Pflichtverletzungen von Wissenschaftsministerin The- resia Bauer (Grüne) prüfen soll. Noch in diesem Jahr sol- len sich zwölf Abgeordnete mit dem Fall befassen. Da der Landtag dafür Personal einstellen muss, können sich die Kosten nach Auskunft der Initiatoren auf mehr als 100000 Euro belaufen. Der jüngste U-Ausschuss im Länd- le kostete mehr als 1,1 Mil- lionen Euro. Er untersuchte den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter durch den NSU. fri

Türkische Militärfahrzeuge auf dem Weg nach al-Bab
Türkische Militärfahrzeuge auf dem Weg nach al-Bab

Syrien

Türkei kämpft im Bund mit Terroristen

Der Bundesregierung liegen Informationen vor, dass die türkische Armee in ihrer Of- fensive in Syrien zusammen mit der als Terrororganisation gelisteten Vereinigung Ahrar al-Scham kämpft. Das erklär- te die Regierung in einer als geheim eingestuften Antwort auf eine Anfrage der Fraktion der Linken im Bundestag. In Deutschland ist die Mitglied- schaft in dieser Organisation strafbar, die Justizbehörden führen mehrere Gerichtsver-

fahren gegen Mitglieder von al-Scham. Bei der türkischen Offensive auf die vom „Isla- mischen Staat“ (IS) besetzte nordsyrische Stadt al-Bab kommen auch „Leopard“- Panzer aus deutscher Produk- tion zum Einsatz, mindestens zehn davon sind von Kämp- fern des IS in den Kriegshand- lungen zerstört worden. Im vergangenen halben Jahr hat die Bundesregierung der Lie- ferung von Ersatzteilen für ge- panzerte Fahrzeuge im Wert von rund einer halben Million Euro an die Türkei zuge- stimmt, darunter auch für Kampfpanzer. gt

Spionageverdacht

„Von Ankara lösen“

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoğuz (SPD), fordert Kon- sequenzen aus der Spionage- affäre im islamisch-türki- schen Dachverband Ditib. „Die Spitzelvorwürfe gegen Ditib sind gravierend“, sagte sie. „Es ist gut, dass der Ge- neralbundesanwalt jetzt Er- mittlungen aufgenommen hat.“ Ditib hatte kürzlich ein- geräumt, dass Imame des Verbands Informationen über Anhänger des Predigers Fethullah Gülen nach Ankara geschickt hatten. Gülen gilt

in der Türkei als Staatsfeind. „Fälschlicherweise“ seien ein- zelne Imame einer entspre- chenden Aufforderung der türkischen Religionsbehörde gefolgt, verteidigte sich Ditib. Die Bundesanwaltschaft hat inzwischen Ermittlungen gegen Unbekannt aufgenom- men, wegen des Verdachts auf „geheimdienstliche Agen- tentätigkeit“. Özoğuz fordert, dass sich Ditib „glaubhaft von Ankara löst“. Sie sagt:

„Ein erster zwingender Schritt muss die Änderung der Satzung sein, die die enge Verbindung zur türki- schen Religionsbehörde Diyanet festschreibt.“ wow

Bundespolizei

Lücken im Westen

Beamte der Bundespolizei kritisieren eine falsche Vertei- lung der Einsatzkräfte an den deutschen Außengrenzen. So seien etwa 700 Bundespolizis- ten aus ganz Deutschland an die deutsch-österreichische Grenze nach Südbayern abge-

ordnet worden. Mittlerweile kämen dort jedoch wenige Flüchtlinge an. „Alles fokus- siert sich auf einige Standorte in Bayern, damit man hier Stärke demonstriert“, sagt Andreas Roßkopf von der Ge- werkschaft der Polizei (GdP) in Bayern. Die Beamten wür- den vor allem im Westen dringend gebraucht: Rund

150 Beamte seien aus der für Nordrhein-Westfalen zustän- digen Bundespolizeidirektion Sankt Augustin abgezogen worden, heißt es in Polizei- kreisen. Bei der Inspektion Aachen mit mehr als 200 Ki- lometer Grenzverlauf zu Bel- gien und den Niederlanden fehle gut die Hälfte des vorge- sehenen Personals, beklagt

Arnd Krummen von der GdP:

„Oft haben wir hier nur einen einzigen Streifenwagen zur Verfügung, um die gesamte Grenze und das Hinterland zu kontrollieren.“ Ohne Kon- trollen könne niemand wis- sen, wie viele Flüchtlinge nach Schließung der Balkan- route über diese Grenzen

kämen. mab, cnm

ANDREW PARSONS / REX / SHUTTERSTOCK / ACTION PRESS

DPA

Deutschland

Flüchtlingskind an der türkisch-syrischen Grenze
Flüchtlingskind an der türkisch-syrischen Grenze

Migration

Familiennachzug

überschaubar

Zwischen Januar und Sep- tember 2016 erhielten ledig- lich 39605 Angehörige aner- kannter syrischer Flüchtlinge ein sogenanntes Familienzu- sammenführungsvisum. Das geht aus der Antwort des Auswärtigen Amtes auf eine Schriftliche Frage der Grü- nen hervor. Der größte Teil der Visa, fast 13000, wurde in Istanbul erteilt, auch die Auslandsvertretung in Beirut beschied rund 9000 Anträge

positiv, heißt es in dem Schreiben. „Die Zahlen zei- gen, dass die Familienzusam- menführungen von Syrern viel niedriger sind, als uns manche Demagogen öffent- lich weismachen wollen“, sagt der grüne Abgeordnete Özcan Mutlu, der die Anfra- ge an das Auswärtige Amt gestellt hat. Flüchtlingsfeind- liche Populisten sprechen häufig davon, dass jeder allein einreisende Flüchtling vier bis fünf Familienmitglie- der nachholen wolle. Nun gebe es „Fakten statt Hetze“, sagt Mutlu. akm

Ausländerrecht

Mangelnder Vollzug

Dass es im Ausländerrecht womöglich gar nicht an Ge- setzen fehlt, wohl aber an ih- rem Vollzug durch deutsche Behörden, gehört zu den Erkenntnissen seit dem An- schlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt. Das gilt nun auch für einen weiteren Paragrafen, wie ein Schrei- ben der Bundespolizei zeigt. Dabei geht es um die Vor- schrift aus dem Aufenthalts- gesetz, dass Polizei oder Staatsanwaltschaft „unver- züglich“ die zuständige Aus- länderbehörde informieren müssen, wenn ein Ermitt- lungsverfahren gegen einen Ausländer eingeleitet wird. Die tatsächliche Ausführung von Straftaten sei von „er- heblicher Bedeutung für die

Beurteilung von aufenthalts- rechtlichen Maßnahmen“. Nach einer Erhebung des Bundespolizeipräsidiums würden solche Hinweise je- doch oft zu spät an die Aus- länderbehörden gelangen. So heißt es in dem Schreiben der Bundespolizeiinspektion Rostock vom 15. Dezember:

„Da in zahlreichen Fällen erst nach Abschluss der Er- mittlungen und mit Weiter- leitung an die Staatsanwalt- schaft die Information an die zuständige Ausländer- behörde erfolgt, kann es zu mehreren Monaten Verzug kommen, bis die Ausländer- behörde über mögliche Aus- weisungsgründe Kenntnis erlangt.“ In Zukunft, so die Anweisung der Polizeiin- spektion Rostock, solle die Vorschrift einheitlich umge- setzt werden. amp, aul

Hamburg

CDU-Chef hilft AKP

Roland Heintze, Landesvor- sitzender der Hamburger CDU, ist als Geschäftsführer und Miteigentümer einer PR- Agentur in Propagandaakti- vitäten des Erdoğan-Regimes verstrickt. Im Herbst vergan- genen Jahres half Heintzes Firma Faktenkontor unter dem Motto „Türkei: Wirt- schaft mit Zukunft“, eine Journalistenreise zu organi- sieren. Angesichts der „nega- tiven Meldungen in der inter- nationalen Presse“ sollten sich die Teilnehmer der Rei- se ein Bild darüber machen, wie „die Lage nach dem Putschversuch im Juli wirk- lich“ aussehe, wie ein Jour- nalist in der Wochenzeitung „Freitag“ berichtete. Auftrag- geber von Heintzes Agentur war die Investment Support and Promotion Agency of Turkey (Ispat), die direkt

dem Premierminister unter- steht. Vor Ort wurden die deutschen Journalisten von Bülent Güven betreut, dem Vorsitzenden der Union Eu- ropäisch-Türkischer Demo- kraten (UETD), einer Lobby- organisation der Regierungs- partei AKP. Das Programm war entsprechend: Bei einem Termin mit dem Leiter der Istanbuler Börse mussten sich die Deutschen nach Angaben von Teilnehmern „Hasstiraden auf den Wes- ten“ anhören. Can Dündar, den nach Deutschland geflo- henen ehemaligen Chefre- dakteur der Zeitung „Cum- huriyet“, verglich der Bör- senchef mit Osama bin La- den. Vom SPIEGEL mit den Vorwürfen konfrontiert, er- klärte Heintze, für das Pro- gramm vor Ort sei die Ispat verantwortlich. „Wäre ich bei dem Termin dabei gewe- sen, hätte ich sicher klar da- gegengehalten.“ gla

Zeitgeschichte

Mitterrand lobte Hitlers Vize

Frankreichs Präsident Fran- çois Mitterrand (1916 bis 1996) scheint Hitlers Stellver- treter Rudolf Heß (1894 bis 1987) bewundert zu haben. Das legt der Vermerk eines Gesprächs zwischen Mitter- rand und Kanzler Helmut Kohl am 26. August 1986

Heß 1934
Heß 1934

nahe, den nun das Auswärti- ge Amt veröffentlicht (Verlag De Gruyter). Heß saß damals im Alliierten Militärgefäng- nis in Berlin-Spandau ein; die Alliierten hatten ihn in Nürnberg 1946 zu lebenslan- ger Freiheitsstrafe verurteilt. Laut Vermerk bedauerte Mitterrand ausdrücklich das Schicksal des Nazis und ver- wies auf dessen Englandflug 1941. Der einstige Sekretär Hitlers war wohl auf eigene Faust auf die Insel geflogen, um London für einen Unter- werfungsfrieden zu gewin- nen. Die Briten sperrten ihn ein. Mitterrand fand trotz- dem, Heß habe „eine außer- ordentliche Tat mit einem großen Risiko vollbracht“. Der Sozialist Mitterrand hat- te sich als junger Mann Frankreichs Rechtsextremis- ten angeschlossen. Später kämpfte er in der Résistance gegen die deutschen Beset- zer Frankreichs. Wie er Kohl erzählte, hatte Mitterrand Heß im Nürnberger Prozess erlebt. Mitterrand hatte das Gerichtsverfahren als Jour- nalist verfolgt. klw

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MD17-512

OPPENHEIM-SKANDAL

Das süße Leben der Bruch-Banker

TRUMPONOMICS

Die animalischen Instinkte sind zurück

MD17-512 OPPENHEIM-SKANDAL Das süße Leben der Bruch-Banker TRUMPONOMICS Die animalischen Instinkte sind zurück

Die Schicksalsgemeinschaft

SPD Sigmar Gabriel ist im Wahlkampf auf eine Genossin angewiesen, die lange seine Widersacherin war. Zugleich droht sein Zeitplan für die Kandidatenkür zu platzen.

E s kommt nicht alle Tage vor, dass Sigmar Gabriel sich lobend über an- dere Spitzengenossen äußert. Doch

in letzter Zeit findet er auffällig oft freund- liche Worte für Nordrhein-Westfalens Mi- nisterpräsidentin Hannelore Kraft. „Sie ist die Verkörperung der Marke Sozialdemo- kratie“, schwärmte er kürzlich bei seinem Auftritt vor den SPD-Landtagsabgeordne- ten in Düsseldorf. Seine Stellvertreterin freute sich still. Die Abgeordneten dankten es mit anhaltendem Applaus. Solche Schmeicheleien aus dem Mund des Parteivorsitzenden sind kein Zufall:

Gabriel braucht Kraft, im Jahr der Bun- destagswahl ist er auf sie angewiesen wie nie zuvor. Sollte er sich wie erwartet zum Kanzlerkandidaten der Sozialdemokraten ausrufen, wird sein politisches Schicksal untrennbar mit dem der einstigen Wider- sacherin verbunden sein. Denn wenn Kraft bei der Landtagswahl am 14. Mai abge-

wählt würde, wäre das ein Menetekel für die Bundestagswahl am 24. September. Scheitert Kraft, wäre der Wahlkampf für Gabriel, dem die Partei ohnehin eher wi- derwillig als mit Frohlocken folgt, noch schwieriger. Der Zustand der Partei im größten deutschen Bundesland ist für die SPD seit je überlebenswichtig. Nach der Niederlage im Mai 2005 und dem Sieg von CDU-Spitzenmann Jürgen Rüttgers kün- digte Gerhard Schröder noch am selben Abend Neuwahlen im Bund an. Es war der Anfang vom Ende des letzten sozial- demokratischen Kanzlers. Umgekehrt hat auch Kraft ihr Schicksal mit Sigmar Gabriel verbunden. Schon vor Monaten legte sie sich darauf fest, ihn als Kanzlerkandidaten zu unterstüt- zen. Allen Anfragen der Gabriel-Gegner, sich angesichts der desolaten Umfragewerte an einer Demontage des Parteichefs zu be- teiligen, erteilte sie eine energische Absage.

Ihr Mantra lautet: „Ich bin überzeugt, dass Sigmar Gabriel ein guter Kanzler wäre.“ So viel Harmonie war nicht immer. Lan- ge galt Hannelore Kraft als ärgste Gegnerin des Parteivorsitzenden. Und als Anführe- rin der Sigmar-Gabriel-Kritiker. „So kann es nicht weitergehen“, hatte sie Gabriel am Tag der Bundestagswahl 2013 entge- gengeschleudert. Damals war sie eine ent- schiedene Gegnerin der Großen Koalition. Doch sie unterlag. Nun haben sich der Parteichef und seine wichtigste Ministerpräsidentin unterge- hakt. Denn auch die Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen können sich nicht vom Bundestrend abkoppeln. Wenn die SPD im Bund weiter bei Umfragewerten von 20 Prozent vor sich hin dümpelt, sin- ken die Chancen rapide, bei der Landtags- wahl deutlich mehr als 30 Prozent zu er- zielen. Nur selten lag die NRW-SPD mehr als zehn Prozent über dem Bundestrend.

HENNING SCHACHT

HENNING SCHACHT Deshalb dürfte es Kraft gar nicht gefal- len, dass Gabriels sorgsam ausgetüftelter Zeitplan für

Deshalb dürfte es Kraft gar nicht gefal- len, dass Gabriels sorgsam ausgetüftelter Zeitplan für die Verkündigung seiner Kan- didatur gerade ins Wanken gerät. Sollte Gabriel erst, wie geplant, am 29. Januar an die Öffentlichkeit gehen, wäre es zu spät, um Martin Schulz, den wahrschein- lichen Nachfolger von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, möglichst schnell nach dessen Rücktritt im Bundestag zu vereidigen. Deutschland wäre mindestens zwei Wochen ohne Außenminister. Die Wartezeit, die Gabriel der Partei aufgezwungen hat, um eine überhastete Kandidatenkür wie 2013 zu verhindern, droht zur Falle zu werden. Monatelang hat er die Partei auf seine Agenda eingeschwo- ren. Nun, kurz vor Schluss, scheint der Plan nicht mehr aufzugehen. Dabei hatte sich Hannelore Kraft in der Frage der Kanzlerkandidatur demonstrativ gegen Martin Schulz auf die Seite Gabriels

Deutschland

Parteikollegen Gabriel, Kraft mit Spitzengenossen* Der Parteichef gibt sich besondere Mühe

geschlagen. Schulz wurde von zahlreichen Genossen als Kandidaten-Alternative zum Parteivorsitzenden ins Gespräch gebracht. Es fehlt ihm nicht an Selbstbewusstsein, er ist überzeugt, dass er ein besserer Kan- didat wäre als sein Freund Gabriel. Hannelore Kraft sieht das anders. Sie traut dem Mann aus Brüssel nicht zu, dass er als Kanzlerkandidat in Berlin besteht. Die Hauptstadt ist für sie ein Gelände vol- ler Stolperfallen, ihre Abneigung gegen den Berliner Politbetrieb ist weithin be- kannt. Nur wer in diesem Stahlbad abge- härtet wurde, so glaubt sie, hat eine Chan- ce, politisch zu überleben. Und ihr missfiel die überaus selbstbe- wusste Art, mit der Schulz im Spätherbst seine Kreise zog. Der Europapolitiker ließ sich bei öffentlichen Auftritten bejubeln und zog viel Aufmerksamkeit auf sich. Es schien, als wolle er sich für das Amt des Spitzenkandidaten bewerben. In einem Gespräch unter vier Augen soll die Ministerpräsidentin klargemacht ha- ben, was sie von seiner Selbstvermarktung hält: nichts. Öffentlich und hinter ver- schlossenen Türen bekannte sie sich zu Gabriel. Für Kraft sind Machtfragen immer auch Stilfragen: Ein potenzieller Kandidat, der sich ohne Rücksprache mit der NRW- Landesvorsitzenden als Konkurrent zum Parteivorsitzenden aufbaut, ist für eine Hannelore Kraft nicht akzeptabel. Ihre Solidarität zum Vizekanzler und Wirtschaftsminister hat aber noch einen anderen, viel profaneren Grund. Von ihm kann sie geldwerte Unterstützung erwar- ten. Bares fürs Land ist eine Währung, die zählt im Wahlkampf. Seit Monaten schon gibt sich der Parteichef alle Mühe, um den Freunden an Rhein und Ruhr unauffällig unter die Arme zu greifen. Er hat das kom- munale Investitionsprogramm vorangetrie- ben, von dem kein Bundesland mehr pro- fitiert als Nordrhein-Westfalen: Mit über 1,1 Milliarden Euro. Demnächst wird Ost- europäern der Sozialhilfebezug erschwert werden, worauf vor allem die Ministerprä- sidentin Kraft gedrängt hatte. In Kürze wird der Bund schließlich helfen, sogenannte Schrottimmobilien niederzurei- ßen, die insbesondere im Ruhrgebiet ganze Straßenzüge verelenden lassen. Gabriel wollte unter anderem Nordrhein-Westfalen auch bei den Netzentgelten für die Strom- trassen entlasten – bis die Bundesländer im Osten empört Widerspruch anmeldeten und der Minister seinen Plan wieder kassierte. Auch an anderer Stelle kam Gabriel sei- ner Stellvertreterin entgegen: Weil Kraft intervenierte, wurde die angekündigte Be- fragung aller SPD-Mitglieder zu den wich- tigsten Wahlkampfthemen auf die Zeit nach der Landtagswahl verlegt und in den Juni verschoben. Nun wird eine Farce

* Anlässlich der Landtagswahlen im März 2016.

daraus: Ende Mai soll ein Sonderparteitag den Kandidaten bestätigen und das Pro- gramm verabschieden. Die Mitglieder wür- den dann erst im Nachhinein über das be- reits beschlossene Programm befragt. Schon Ende dieses Monats will Gabriel zeitgleich mit der Kür des Kanzlerkandi- daten die „inhaltliche Ausrichtung“ der Partei liefern. Bisher gibt es dafür nur ein 65-seitiges „Impulspapier“, von einem grif- figen Wahlprogramm ist die Stoffsamm- lung noch weit entfernt. Für Nordrhein-Westfalen ist soziale Ge- rechtigkeit traditionell ein entscheidendes Thema im Wahlkampf. Gerecht geht es im Land nach Ansicht vieler SPD-Wähler al- lerdings nicht zu, wie die Hamburger Wahl- kampfagentur KNSK der Parteispitze kürz- lich bei ihrer Klausur in Düsseldorf vor- hielt. Gerechtigkeit und Glaubwürdigkeit müssten Kernaspekte des Wahlkampfs sein. Auf beiden Feldern müsse die Partei unbedingt nachlegen. Immerhin, so besagen interne Umfragen, halten 45 Prozent der potenziellen SPD- Wähler die Gerechtigkeit für das wichtigs- te Zukunftsthema Deutschlands. Doch das Vertrauen in die Kompetenz der Genossen, die traditionell bei diesem Thema vorn la- gen, sinkt. Dem tief sitzenden Gefühl einer wachsenden Ungerechtigkeit haben auch die SPD-Vorzeigeprojekte der vergange- nen Jahre, Mindestlohn und Elterngeld plus, Rente mit 63 und Mietpreisbremse, nicht abhelfen können. Doch es sind nicht die inhaltlichen Fra- gen, die Sigmar Gabriel in diesen Tagen Kopfzerbrechen bereiten. Er ringt mit dem Terminplan seiner Partei. Er will unbedingt Herr des Verfahrens und des Zeitplans blei- ben, wenn die SPD ihren Kanzlerkandida- ten kürt. Schließlich hatte er sich alles so schön zurechtgelegt. Mühsam hatte er die Parteispitze aufs Stillhalten eingeschworen, bis er am über- nächsten Sonntag, dem 29. Januar, im Wil- ly-Brandt-Haus den Spitzenmann der Par- tei ausruft und zugleich den Nachfolger Steinmeiers benennt. Es soll eine Inszenie- rung der besonderen Art werden. Eine Krönungsmesse – ganz anders als der Stol- perstart von Peer Steinbrück, der unvor- bereitet und über Nacht zur SPD-Kanzler- hoffnung ausgerufen werden musste. Drei Stunden sieht allein der Tagesord- nungspunkt „Nominierungsveranstaltung im Willy-Brandt-Haus“ vor. Der Kandidat soll eine Rede halten, um ihn herum soll sich ein Team bilden, besetzt mit den der- zeitigen Größen der Sozialdemokratie. Kritik an der sich zäh dahinschleppen- den Entscheidungsfindung gibt es seit Wo- chen. Die Partei grummelt. Doch bisher fügten sich alle in sein Terminkorsett. Selbstgewiss verkündete der Vorsitzende Anfang Januar im SPIEGEL: „Ich bin sehr stolz auf meine Partei, dass wir unseren

THOMAS LOHNES / DDP

„Keine Vermögensteuer“

Finanzen Parteivize Thorsten Schäfer-Gümbel über das SPD- Steuerkonzept und den Nachfolger von Wolfgang Schäuble

SPIEGEL: Herr Schäfer-Gümbel, die SPD hat bei der Wahl 2013 auch deshalb schlechter als erhofft abge- schnitten, weil sie Steuererhöhungen ankündigte. Was droht dieses Mal? Schäfer-Gümbel: Die SPD tritt für mehr Steuergerechtigkeit ein. Internatio- nale Konzerne wie Amazon müssen ordentlich Steuern zahlen. Wenn uns das nicht gelingt, haben die Menschen kein Verständnis dafür, dass ihre Steuererklärung hart geprüft wird. SPIEGEL: Fordern Sie trotz der Milliar- denüberschüsse im Haushalt noch im- mer Steuererhöhungen? Schäfer-Gümbel: Uns geht es darum, die Finanzierung des Staates gerech- ter zu gestalten. Deshalb wollen wir gezielt kleine und mittlere Einkom- men um rund zehn Milliarden Euro pro Jahr entlasten. SPIEGEL: Was heißt das konkret?

Schäfer-Gümbel: Neun

von zehn Menschen würden profitieren:

Alleinverdiener, die bis zu 53000 Euro im Jahr verdienen, und Verhei- ratete, bei denen es ma- ximal das Doppelte ist. SPIEGEL: Und alle ande- ren sollen CDU oder FDP wählen?

Schäfer-Gümbel: Nein.

Auch gut verdienende Menschen wollen gute Schulen und Unis und ordentliche Straßen.

Deshalb wollen wir den Spitzensteuersatz maßvoll anheben, allerdings soll er für höhere Ein- kommen gelten als derzeit. Vor allem Topverdiener müssen einen größeren Beitrag leisten. Wer als Alleinver- diener mehr als rund 240000 Euro zu versteuerndes Einkommen hat, zahlt dann die Reichensteuer von 48 Prozent. SPIEGEL: Spürbare Senkungen bei niedrigen Einkommen kosten mehr, als Erhöhungen bei hohen Einkommen einbringen. Wollen Sie das gegenfinanzieren? Schäfer-Gümbel: Ja. Es gibt in Deutsch- land 1,2 Millionen Vermögensmillio- näre, das bedeutet Platz drei hinter den USA und Japan. Wir brauchen ein starkes Instrument zur Vermö- gensbesteuerung. SPIEGEL: Sie meinen die Vermögen- steuer, den SPD-Dauerbrenner?

Schäfer-Gümbel: Ich empfehle meiner Partei, keine Forderung nach einer Vermögensteuer ins Programm zu nehmen. Wir haben das intensiv geprüft. Stattdessen wollen wir eine bessere Erbschaftsteuer. SPIEGEL: Sie selbst haben die Ver- mögensteuer lange befürwortet. Wie kommt es zu dem Sinnes- wandel? Schäfer-Gümbel: Die SPD sollte nichts fordern, was nicht umsetzbar ist. Die Vermögensteuer ist verfassungs- rechtlich machbar und bürokratisch überschaubar. Aber Firmen in wirt- schaftlicher Schieflage können durch die Vermögensteuer existenziell belastet werden. SPIEGEL: Haben Sie dafür keine prag- matische Lösung gefunden? Schäfer-Gümbel: Es gibt derzeit kein Rezept, das nicht erhebliche Risiken birgt. Der Königsweg zur

Wiederherstellung von mehr Gerechtigkeit bei den Vermögen ist die Besteuerung großer Erb- schaften. SPIEGEL: Der Charme der Vermögensteuer besteht darin, dass sich kaum jemand für ver- mögend hält. Allerdings rechnen viele Menschen damit, dass sie erben werden. Entsprechend groß ist die Sorge.

Schäfer-Gümbel
Schäfer-Gümbel

Schäfer-Gümbel: Jeder

möchte seinen Kindern etwas vererben. Wir legen so hohe Freibeträge fest, dass Omas Häuschen nicht betroffen ist. Wer aber ohne ei- gene Leistung die Millionenvilla samt Limousine erbt, kann mehr zu guten Straßen und Schulen beitragen. SPIEGEL: Grüne und Linkspartei for- dern noch eine Vermögensteuer. Ist das sozialdemokratische Nein dazu auch eine Absage an Rot-Rot-Grün?

Schäfer-Gümbel: Wir machen einen

praktikablen Vorschlag, wie sich mehr Gerechtigkeit schaffen lässt. SPIEGEL: Vieles von Ihrem Konzept könnten Sie mit der CDU umsetzen. Ist Wolfgang Schäuble schon eingeweiht? Schäfer-Gümbel: Echte Steuergerechtig- keit ist mit Herrn Schäuble nicht zu machen. Weil das Thema für uns wichtig ist, müssen wir den nächsten Finanzminister stellen.

Interview: Sven Böll, Florian Gathmann

Fahrplan so konsequent eingehalten ha- ben.“ Aus Sicht des Vorsitzenden ist der Terminplan zu einer Frage seiner Autorität geworden. Doch nun ist diese Selbstgewissheit be- droht. Kurz vor Ablauf der verordneten Frist gerät Sand ins Getriebe. Gabriel hat bei seinen Planungen offenbar vergessen, dass Steinmeiers Nachfolger an der Spitze des Auswärtigen Amtes, also wahrschein- lich Ex-EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, vor dem Bundestag den Eid leisten muss. Erst dann darf er die Amtsgeschäfte aufnehmen. Beharrt Gabriel auf dem 29. Januar, wäre da ein Problem: Danach folgen zwei sitzungsfreie Wochen, eine Sondersitzung müsste einberufen werden. Doch dass sich auch Bundestagspräsident Norbert Lam- mert nach Gabriels Terminplänen richtet, ist eher unwahrscheinlich. „Bis jetzt gibt es keine Hinweise oder Indizien, dass es zu einer Sondersitzung des Bundestags kommt“, so Lammerts Sprecher. Gabriel könnte also gezwungen sein, Steinmeiers Nachfolger bereits Anfang kommender Woche zu benennen. Er droht die Herrschaft über das Verfahren zu ver- lieren. Hinzu kommen Gerüchte, Gabriel könnte als Wirtschaftsminister zurücktre- ten, wenn er sich zur Kanzlerkandidatur entscheidet. Parteisprecher Tobias Dünow demen- tiert alle Spekulationen: Es sei „völlig aus- geschlossen“, dass vor dem 29. Januar über den Außenminister entschieden werde und Gabriel als Wirtschaftsminister zurücktre- te. Trotzdem nahmen Druck und Ge- sprächsbedarf gegen Ende dieser Woche in der Parteispitze erverkennbar zu. Ein Führungsgenosse sagt: „Der 29. Januar geht nicht auf. Die Entscheidungen müssen vorher fallen.“ Selbst wenn Gabriel seine Agenda trotz aller Widrigkeiten durchhält: Es gibt noch einen Terminplan, der für den Vorsitzen- den ein maximales Risiko birgt. Gerade einmal zwei Wochen nach der Schicksals- wahl in Nordrhein-Westfalen soll der He- rausforderer von Angela Merkel auf einem Sonderparteitag offiziell gekürt werden. Natürlich gilt das Ergebnis für den Kandi- daten als Gradmesser für seinen Rückhalt in der Partei, sämtliche SPD-Kanzlerkan- didaten der letzten 35 Jahre wurden mit mehr als 93 Prozent ins Rennen geschickt. Nach einer verlorenen Wahl im bevöl- kerungsreichsten Bundesland und einem Machtverlust seiner Fürsprecherin Kraft wären 90 Prozent für einen Kanzlerkan- didaten Gabriel undenkbar. Es ist erst ein gutes Jahr her, dass der Vorsitzende bei seiner Wiederwahl auf dem Parteitag gerade einmal 74,3 Prozent erhielt.

Sven Böll, Horand Knaup, Barbara Schmid, Severin Weiland

Deutschland

Verleumdungen und Hassbotschaften ge- meldet werden können. Wenn die Unter- nehmen nicht schnell reagieren, sollen ih- nen hohe Bußgelder drohen. Zufrieden sieht SPD-Fraktionschef Tho- mas Oppermann, wie Facebook eine Ko- operation mit dem Recherchezentrum Cor- rectiv eingegangen ist, um gegen Fake News vorzugehen. „Offensichtlich reagie- ren die darauf, dass wir hier Druck ge- macht haben“, sagt er. „Es ist ein wichtiger Schritt, aber er reicht nicht aus.“ Das sehen auch einige Bundesländer so und preschen nun mit einem Vorschlag vor, der sich gegen die Meinungsroboter richtet. Die Justizminister aus Hessen, Sachsen-An- halt und Bayern, alle drei Union, wollen ei- nen neuen Straftatbestand zum „Digitalen Hausfriedensbruch“ einführen – damit soll es ihrer Auffassung nach strafbar sein,

wenig greifbare Ergebnisse. „Der Bundes- justizminister muss endlich damit aufhö- ren, auch im Strafrecht im digitalen Stein- zeitalter zu verharren.“ Er hält das gezielte Vorgehen gegen Meinungsroboter für ei- nen wirksamen Hebel, die Verbreitung von Fake News einzudämmen. Bausback und seine beiden Länderkolle- ginnen bedienen sich dabei eines Gesetzes- antrags, den Hessen bereits im Sommer auf den Weg gebracht hatte. Dieser richtete sich im Kern gegen die Betreiber von Botnetz- werken, die durch automatisierte Anfragen Websites von Konzernen und Behörden lahmlegen. Damals blockierte die Bundes- regierung. Nun wollen die Länder einen neuen Anlauf nehmen und mit dem Ent- wurf, den der Bundesrat bereits beschlossen hatte, zugleich auch eine Handhabe gegen die Meinungsroboter schaffen. Die Bundes-SPD und das

von Heiko Maas geführte Justizministerium allerdings halten nichts von der Idee. „Es ist nicht im Ansatz über- zeugend, diesen Entwurf jetzt einfach auf Social Bots zu übertragen“, kritisiert Fraktionschef Oppermann. Es sei die Aufgabe der sozia- len Netzwerke, gegen Mei- nungsroboter vorzugehen. Aber werden die das auch tun? Einerseits leidet ihr Ansehen unter der De- batte. Andererseits täuschen Social Bots höhere Mitglie- derzahlen vor und sorgen für mehr Traffic – was gut für die Geschäfte ist. Skeptisch gibt sich auch das Büro für Technikfolgen- Abschätzung beim Bundes- tag in einem Thesenpapier. Demnach würden Social Bots genutzt, um Diskussio- nen zu verzerren und Perso- nen zu diskreditieren. Sie trügen zu einer Veränderung der Debattenkultur bei: „So- cial Bots bergen das Poten- zial, das Vertrauen in die De-

mokratie zu unterlaufen.“ Zu diesen Zwischenbefunden kam das Büro unter anderem aufgrund von In- terviews mit 25 Experten wie Simon Hegelich, in der kommenden Woche folgt ein Fachgespräch im Bundestag. Facebook & Co. hätten sich bislang unko- operativ gezeigt, kritisieren die Autoren in ihrer Vorbemerkung: „Vertreter von sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter konnten trotz intensiver Bemühungen nicht für ein Interview ge- wonnen werden.“

Melanie Amann, Horand Knaup, Marcel Rosenbach, Gerald Traufetter

Digitales Gift

Netzpolitik Meinungsroboter ver- breiten Fake News millionenfach im Netz. Drei Unionsländer preschen nun mit einem Gesetz gegen Social Bots vor.

H at sich nicht einer der späteren Brüsseler Selbstmordattentäter auf einem Selfie mit Angela Merkel ab-

gelichtet? Und was fällt der Bundeskanz- lerin ein, Kinderbräuten aus Syrien Blu- mensträuße zu überreichen? Wer im Netz stöbert, stößt schnell auf derlei „Nachrichten“, nur: Sie sind frei er-

funden. Die Fake-News-Pro- duzenten bereiten sich schon auf den Bundestagswahl- kampf vor, fabrizieren im- mer neue, bewusst irrefüh- rende und emotionalisieren- de Meldungen – so beobach- tet es Simon Hegelich, der an der Technischen Univer- sität München Politische Da- tenwissenschaft lehrt. Insbe- sondere in Internetforen wie „4chan“ würden immer neue Geschichten erfunden, die dann über Meinungsroboter auf Twitter und Instagram weiterverbreitet werden. Es spreche vieles dafür, dass sich die Produzenten auf die Kanzlerin einschös- sen, ganz ähnlich, wie sie es im US-Wahlkampf mit Hillary Clinton taten. Social Bots, die Donald Trump ge- holfen hätten, würden nun Stimmung gegen die Bun- deskanzlerin machen, sagt Hegelich. Einen ersten Hö- hepunkt beobachtete er in den Tagen nach dem An- schlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt. Ein ma-

nipuliertes Foto etwa, das Merkel mit Blut an ihren Händen zeigt, wurde tausendfach geteilt. Hegelich ist mit seinen Einsichten in die Welt von Social Bots und Falschnachrichten gerade ein gefragter Mann. Für die Konrad- Adenauer-Stiftung hat er das Phänomen analysiert und seine Ergebnisse auch der Kanzlerin bei einer CDU-Bundesvorstands- sitzung vorgetragen. Die Frage ist nun, wie die Politik auf Fake News reagieren soll. Die Große Koa- lition will soziale Netzwerke unter ande-

rem dazu verpflichten, leicht zugängliche Beschwerdestellen einzurichten, bei denen

zugängliche Beschwerdestellen einzurichten, bei denen Merkel-Bild mit irreführendem Begleittext*: Im Visier der
zugängliche Beschwerdestellen einzurichten, bei denen Merkel-Bild mit irreführendem Begleittext*: Im Visier der

Merkel-Bild mit irreführendem Begleittext*: Im Visier der Fälscher

Social Bots zu betreiben, wenn diese gegen die Geschäftsbedingungen der sozialen Netzwerke verstoßen. Laut Hessens Jus- tizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) könne man so verhindern, dass das Inter- net zu „einer hochwirksamen und antide- mokratischen Lügenschleuder“ wird. Ihr bayerischer Amtskollege Winfried Bausback wirft Berlin vor, bislang viele Vorschläge produziert zu haben, aber zu

* Das Bild zeigt Angela Merkel im April 2016 beim Be- such eines Flüchtlingscamps in der Türkei mit syrischen Mädchen in traditioneller Kleidung.

Deutschland

Ethnologen in Uniform

Sicherheitspolitik Die Bundesregierung weitet den Bundeswehreinsatz im westafrikanischen Mali noch einmal aus, um, wie sie sagt, das bitterarme Land in eine „friedliche Zukunft zu führen“. Kann das gelingen? Von Konstantin von Hammerstein

B evor Benjamin Fröbisch nach Mali fährt, zieht er sich die schwere Schutzweste über den Kopf. Er

prüft, ob seine Pistole und das Sturmge- wehr in Ordnung sind. Dann steigt er mit seinem Helm zu seinem Fahrer in den ge- panzerten Geländewagen. Mali ist nur ein paar Hundert Meter entfernt und doch un- endlich weit weg, wenn man im Camp Castor in Gao lebt. Bevor Fröbisch Mali betritt, fährt er an meterhohen Schutzwällen vorbei, an Stacheldrahtrollen, Panzersperren, spa- nischen Reitern, Wachtürmen, Sandsä- cken, Maschinengewehrstellungen, Über- wachungskameras. Soldaten der Luftwaf- fensicherung checken seine Papiere, öffnen die rot-weiße Schranke, der schwere Ge- ländewagen kurvt langsam im Slalom um Betonklötze. Er fährt ein paar Hundert Meter auf einer geteerten Straße, passiert einen letz- ten Checkpoint. Ein malischer Soldat sitzt dort unter einem Sonnendach und winkt freundlich. Dann ist Fröbisch in Afrika. Draußen, hinter den dicken Panzer- scheiben, ziehen die Zelte der Nomaden an ihm vorbei. Manchmal liegt ein Kamel zwischen den Bungalows aus braunen Lehmziegeln. Der deutsche Major sieht die Frauen in ihren bunten Gewändern, die riesige Körbe auf dem Kopf tragen. Jedes Mal, wenn er anhalten lässt, macht Fröbisch den „Null-Fünfer“. Er steigt aus, schließt die Tür, läuft in fünf Meter Ent- fernung um das Auto und prüft, ob jemand unbemerkt während der Fahrt eine Haft- bombe angebracht hat. Er geht in die Ho- cke und sieht unter den Wagen. Erst dann dürfen die anderen aussteigen. Der Offizier aus Lüneburg weiß, wie prekär die Situation im Norden Malis ist. Die Regierung in Bamako hat große Teile des Landes nicht unter Kontrolle. Und die Uno-Einheiten, darunter mehr als 500 Bundeswehrsoldaten, können die fehlende Staatlichkeit nicht ersetzen. Wegen der vielen Angriffe kommen die Blauhelmein- heiten kaum noch dazu, ihre eigentliche Aufgabe zu erfüllen und den labilen Frie- densprozess zu überwachen. Sie sind in- zwischen vor allem damit beschäftigt, sich selbst zu schützen. Die Mission steht auf der Kippe. Wenn es nicht gelingt, Mali zu stabilisieren, hätte das für Europa schlimme Folgen. Das west- afrikanische Land ist mehr als dreimal so groß wie Deutschland und grenzt an die

labilen Staaten Nordafrikas. Mali als Rück- zugsort für islamistische Terrorgruppen könnte die ganze Region in Unruhe stür- zen. Chaos und neue Flüchtlingsströme wären die Folge. Der Migrationsdruck nach Europa ist ohnehin schon hoch. Und er wird noch steigen. Bleibt die Geburtenrate so wie sie ist, wird sich die Bevölkerung Malis in gut 20 Jahren verdoppeln. Anders als Franzosen, Spanier und Ita- liener haben die Deutschen lange ge- braucht, die strategische Bedeutung Afri- kas für Europa zu begreifen. Dafür sind sie jetzt, wie viele Konvertiten, besonders eifrig. Im vergangenen Jahr flogen nicht nur der Außenminister und seine Kollegin aus dem Verteidigungsressort nach Mali, auch der Bundespräsident und die Kanz- lerin reisten an. Afrika ist inzwischen Chefsache. Die Bundesregierung will das militäri- sche Engagement in dem Krisenstaat aus-

Die Blauhelmsoldaten sind vor allem damit beschäftigt, sich selbst zu schützen.

weiten. Deutschland beteiligt sich bisher mit bis zu 650 Soldaten an der Blauhelm- mission. In der kommenden Woche soll der Bundestag das Mandat verlängern, auf dann 1000 Soldaten – mehr als in Afgha- nistan. Zusätzlich ist die Bundeswehr mit 129 Männern und Frauen an der EU-Aus- bildungsmission für die malischen Streit- kräfte in Koulikoro im Süden des Landes beteiligt. „Die Stabilisierung Malis ist ein Schwer- punkt des deutschen Engagements in der Sahel-Region und ein wichtiges Ziel der Afrikapolitik der Bundesregierung“, heißt es in der Begründung für das neue Bun- deswehrmandat. Es gehe darum, „Mali in eine friedliche Zukunft führen zu helfen und die strukturellen Ursachen von Flucht und Vertreibung zu beseitigen“. Mehr Optimismus geht kaum. Dabei ha- ben die internationalen Militärinterven- tionen auf dem Balkan, im Irak und in Af- ghanistan gezeigt, wie schwer es ist, ein fremdes Land von außen positiv zu ver- ändern. Warum sollte das ausgerechnet in Mali gelingen?

Mali besteht faktisch aus zwei Teilen. Über 90 Prozent der Bevölkerung leben im Süden. Die Nomadenstämme im Nor- den aber fühlen sich von der Zentralregie- rung in Bamako vernachlässigt. Nach der westlichen Intervention in Libyen kehrten Anfang 2012 bewaffnete Tuareg-Rebellen, die in Gaddafis Armee gedient hatten, nach Mali zurück. Sie überrannten den Norden, wurden kurz darauf aber von islamistischen Ter- rorgruppen verdrängt. Im Süden putschten junge Offiziere, der Staat kollabierte. Erst eine erfolgreiche französische Militär- intervention schaffte die Voraussetzung für das Friedensabkommen von Algier, mit dem der Bürgerkrieg zwischen mehreren Rebellengruppen und der malischen Re- gierung beigelegt werden soll. Bis zu 13000 Blauhelmsoldaten sollen nun dabei helfen, die Bevölkerung zu schützen und das Friedensabkommen um- zusetzen. Major Fröbisch aus Lüneburg ist einer von ihnen. Als Nachrichtenoffizier des deutschen Kontingents in Camp Castor soll er erkunden, was außerhalb des Lagers vor sich geht. Fröbisch ist eine Art Ethnologe in Uni- form. Auf seinem Schreibtisch in dem ge- schützten und klimatisierten Bürocon- tainer liegen zwischen den letzten Süßig- keiten aus den vielen Weihnachtspaketen Listen mit Buchstabenkombinationen:

HCUA, MNLA, MAA-S, CMFPR-3, MAA- SM, CJA, MSA. Was aussieht wie die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, ist eine Über- sicht über die zahllosen Rebellengruppen, die im Norden Malis operieren. Die einen sind gegen die Regierung und für das Frie- densabkommen, die anderen für die Re- gierung und gegen die anderen Milizen. Fröbisch weiß manchmal nicht, wo ihm der Kopf steht. Geht es um eine politische Auseinandersetzung, wenn sich in der Tua- reg-Hochburg Kidal zwei Milizen heftige Gefechte liefern? Streiten sie sich um einen Lkw mit Drogen? Oder hat womöglich der eine Kommandeur dem anderen die Frau ausgespannt? Die Deutschen haben für die Uno-Mis- sion „Minusma“ im Ostsektor rund um Gao die Aufklärung übernommen. Mitglie- der deutscher Patrouillen befragen die Menschen in den Dörfern, deutsche Auf- klärungsdrohnen vom Typ „Heron“ krei- sen stundenlang über der Wüste. Ihre In- frarotkameras registrieren auch noch die

ANDY SPYRA

ANDY SPYRA

ANDY SPYRA ANDY SPYRA Deutsche Uno-Soldaten in Mali: Afrika ist inzwischen Chefsache DER SPIEGEL 4 /

Deutsche Uno-Soldaten in Mali: Afrika ist inzwischen Chefsache

ANDY SPYRA ANDY SPYRA Deutsche Uno-Soldaten in Mali: Afrika ist inzwischen Chefsache DER SPIEGEL 4 /

Deutschland

winzigsten Temperaturunterschiede von 0,3 Grad. So können sie erkennen, ob je- mand vor Kurzem die Straße aufgegraben hat, um einen Sprengsatz zu verstecken. Sie sehen auch den etwas kühleren Fleck auf dem Boden, den der Schatten des Pick- ups verursachte, der hier vor einer Stunde geparkt hat. Fröbisch versucht, aus all die- sen Erkenntnissen ein Lagebild zu erstellen.

Die Deutschen sind beliebt in Mali. Sie haben das Land nach der Unabhängigkeit 1960 als Erste diplomatisch anerkannt. Das öffnet immer noch Türen. Mitte Januar ist Fröbisch verhalten op- timistisch. Der Friedensprozess scheint vo- ranzugehen, extrem langsam und mühsam zwar, aber immerhin. In Gao haben die ersten Milizen ihre Waffen registrieren las- sen und sind in ein Lager der malischen Armee eingerückt. Bald soll es gemeinsa- me Patrouillen geben. Doch am Mittwoch, morgens um neun, dringt ein Selbstmord-

attentäter mit seinem Auto in die- ses Lager ein und sprengt sich in die Luft. Mindestens 77 Men- schen sterben, Dutzende werden schwer verletzt. Im Weltsicher- heitsrat in New York verurteilt der Chef der Uno-Friedensmis- sionen den Anschlag und malt ein düsteres Bild von der Lage in Mali. Mehr als 18 Monate nach Unterzeichnung des Friedensab- kommens habe man „kaum sig- nifikante Fortschritte bei der Um- setzung“ gemacht.

Wer in Gao ankommt, steigt in einen fensterlosen, schuss- und minensicheren Container, der von einem gepanzerten Sat- telschlepper die wenigen Hundert Meter ins Lager gebracht wird, begleitet von zwei weiteren geschützten und bewaffneten Fahrzeugen. Der Sicherheitsaufwand, den gerade die Deutschen in Mali betreiben, ist enorm. Noch immer sitzt das Trauma tief, das 2003 ein Anschlag auf zwei unge- schützte Busse in Kabul hinterlassen hat. Damals starben 4 deutsche Soldaten, 29 wurden zum Teil schwer verletzt. Es ist gerade zwei Monate her, dass sich am Flughafen von Gao ein Selbstmord- attentäter mit einem als weißes Uno-Fahr- zeug getarnten Auto in die Luft jagte. Fünf Hubschrauber und ein Flugzeug der Uno wurden beschädigt. „Minusma“ ist eine der gefährlichsten Friedensmissionen der Uno. Seit ihrer Auf-

gen kombinieren“. Der häufige Einsatz im- provisierter Sprengsätze auf den „Haupt- verbindungslinien im Norden Malis (Tim- buktu, Gao, Kidal) hat die Nachschubwege

der Mission signifikant behindert und un- ter anderem den Bau von Camps verzögert und die Fähigkeit beeinträchtigt, die Camps im Norden effektiv zu versorgen“. Allein in den vier Militärlagern in Gao sind mehrere Tausend Soldaten unterge- bracht. Es sind kleine Städte, die die Mili- tärs in die Wüste gebaut haben. Autark, mit eigenen Brunnen, Generatoren, Klär- anlagen. Der Nachschub wird eingeflogen oder mit Lkw gebracht. Zwei bis vier Tage brauchen die Konvois für die 1200 Kilome- ter von Bamako nach Gao. Im vierten Jahr der Uno-Mission wan- dert der Konflikt immer weiter südlich. Dort, im Zentrum des Landes, attackierten die Extremistengruppen nicht nur die Si- cherheitsorgane der malischen Re- gierung, heißt es in der Einschät- zung der „Minusma“-Führung,

sondern zunehmend die Bevölke- rung: „Die wachsende Unsicher- heit in der Region durch verstärk- te Aktivitäten gewalttätiger Extre- mistengruppen hat signifikant die Fähigkeit der Mission beeinträch- tigt, ihr Mandat zu erfüllen.“ Im vergangenen Juli weitete der Weltsicherheitsrat die Mis- sion noch einmal deutlich aus. Theoretisch können jetzt mehr als 13000 Blauhelme eingesetzt werden. Tatsächlich aber, klagt

der Kommandeur in seinem ver-

traulichen Dezember-Bericht, sei die Zahl auf knapp 10 700 gesun- ken: „Während das neue Mandat eine wachsende Stärke zulässt, verliert die Truppe Monat für Monat Manpower.“

Das Uno-Hauptquartier in New York hat Mühe, genügend Truppensteller zu finden. Wenn ein Land schließlich zusagt, dauert es im Schnitt sechs Monate bis zu einem Jahr, bevor die Einheit wirklich vor Ort ist. Und dann be- schränken oft nationale Vorgaben die Ein- satzmöglichkeiten. So sollen deutsche Transport- und Kampfhubschrauber in den nächsten Wo-

chen die niederländischen Helikopterein- heiten in Gao ablösen. „Wir erwarten die Bestätigung, dass Deutschlands Stationierung auch dazu bei- trägt, die allgemeinen Operationen zu un- terstützen“, schreibt der „Minusma“-Kom- mandeur in seinem Dezember-Bericht, „und nicht auf Einsätze für medizinische Evakuierung und die Unterstützung der deutschen Aufklärungseinheit beschränkt wird.“ Die Aussage ist eindeutig: Geht es nach der „Minusma“-Militärführung, sollen die

unter der Sahelzone Armuts- rund 50% Karten- ausschnitt grenze der Bevölkerung AFRIKA Analpha- 67% beten-
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der über 14-Jährigen
Geburten
6,2
pro Frau
2014
Kidal
Timbuktu
MAURETANIEN
Gao
Ménaka
NIGER
SENEGAL
Koulikoro
Bamako
BURKINA
Standorte der
FASO
Bundeswehr
GUINEA
300 km
Tuareg-Staat
„Azawad“
2012 bis 2013
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stellung im April 2013 starben 95 Blauhelm- soldaten, 72 davon fielen im Einsatz. Es traf bisher ausschließlich Soldaten aus Ent- wicklungsländern. Sie stellen die beson- ders gefährdeten Infanterieeinheiten und sind schlechter ausgerüstet als die Soldaten aus dem reichen Norden. Die vertraulichen Lageberichte der „Mi- nusma“-Militärführung sind düster. Man operiere „in einer zunehmend feindlichen und dynamisch asymmetrischen Gefähr- dungsumgebung“, heißt es in einer inter- nen Einschätzung vom 30. November: