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Typografie

Fahrt ins Weisse


Farben, Schriften, 3D, Unschärfe, Hintergründe, Schräglagen – bei so Der Schlüssel
vielen Möglichkeiten ist es reizvoll, die Tiefe der Trickkiste ganz aus- heisst Weissraum
zuloten. Denn schliesslich soll uns recht sein, was bei mittelalterli- Ich behaupte: der Schlüssel zur Ge-
chen Marktschreiern gang und gäbe war: Lärm zieht Aufmerksam- staltung liegt im Leerraum. Es ist
keit auf sich. Um die Stille zu kosten, braucht es hingegen Mut, Selbst- nicht die Schwärze, nicht die Farbe,
nicht der Lärm; die Aufmerksamkeit
beherrschung und Können.
sollte dem Weissraum gelten. Wir
sollten unser Auge darauf hin trai-
nieren, vermehrt nicht nur aufs Ge-
So nicht Axiom: «Verteile den Text auf die
druckte, sondern auch das Unge-
Nehmen wir an, ein Mailing sei zu ganze Fläche, bis der Weissraum
druckte zu sehen. (Der Papierhan-
gestalten, farbig, im Format A4 soll schön regelmässig verteilt ist.» Wer
del wirds mir danken.) Es besteht
es sein. Der Kunde liefert Text, Bil- sich gar im Axiom vier übt, der soll-
eine Wechselwirkung dazwischen.
der fehlen, die Gestaltung ist frei. te wirklich noch mal über die
Und jetzt kommen wir, ohne iro-
Was tut der unsichere Gestalter? Er Bücher: «Zeichne zur Auflockerung
nisch zu sein, wirklich zu einem Ge-
Visuelle Aufdringlichkeit: hier (oder sie) wendet das erste Todsün- mit dem Layoutprogramm eine
wenigstens zum Thema passend. staltungsgesetz:
den-Axiom an: «Halte ringsum ei- Illustration.» Jetzt sind wir der Sa-
«Man kann nicht etwas hinzufügen,
nen regelmässigen Abstand von ei- che schon ganz nahe – die Gestal-
ohne gleichzeitig etwas wegzuneh-
nem Zentimeter.» Nach dem ersten tung ist gestorben. Ich will nun je-
men.»
Gestaltungsgesetze Axiom folgt: «Hänge die Zeilen doch keine Negativ-Publicity ma-
Das will heissen, wer eine Linie , ei-
links- und rechtsbündig an diesen chen, sondern zeigen, dass Gestal-
erkennen Rand und gestalte dazwischen tung auch spannend aussehen
nen Buchstaben, eine Zeile, eine
Was heisst eigentlich gestalten? Ge- Spalte aufs Papier setzt, nimmt
Mittelachse.» Es kommt das dritte kann.
staltet ein Kind, welches unbehol- gleichzeitig etwas vom Hinter-
fene Striche aufs Blatt kritzelt? Ge- grund weg. Je voller das Papier, des-
staltet ein Desktopper, der eine Um- to schriller, lärmiger, farbiger wirkt
zugsanzeige für einen Kunden zu- es. Das ist nicht nur zum Guten. Ver-
sammenbastelt? Gestaltet ein me- gleichen Sie es mit dem übervollen
dienbeklatschter Guru, der alle Re- Souvenirschaufenster: vor lauter
geln ignoriert? Ja! Es gibt ziemlich Uhren-Ketteli-Bärchen-Schleif-
viele Ausprägungen von Typogra- chen-Edelweisschen-Nippes schaut
fie, alle kamen und gingen: sach- kein Mensch mehr hin.
lich, historisch, mit Linien, 3D-artig,
kalligrafisch, ornamental, imitie- Weissraum braucht Mut. Mut der
rend, figürlich, improvisierend usw. Autoren, die dazu tendieren, alles
Wenn ich hier von Gestaltung rede, Weisse als Nicht-Information zu se-
dann meine ich damit bewusstes hen. Wo ein weisses Loch ist, kann
und gezieltes Gestalten im Sinn ei- man Information anbieten – ist
nes Kundenauftrages, nicht freies Wer mit einem Rand beginnt, ist sogleich rettungslos darin gefangen, doch besser so – bis alles dicht ge-
Gestalten. was im Beispiel rechts der Fall war. packt ist. Lassen Sie sich jedoch noch
Voraussetzung dafür ist das Kennen einen Tipp auf den Weg geben:
der elementaren Gestaltungsgeset- «Es ist nicht wichtig, was auf dem
ze. Was soll das nun wieder sein? Blatt steht, sondern was daraus ge-
Gestaltungsgesetze sind Regeln, lesen wird.»
die sich aus jahrhundertelanger Tra- Und was vollgestopft daherkommt,
dition herausgebildet haben, die macht eher nicht zum Konsumieren
wir alle gleichartig leben und emp- an, es ist zu mühsam.
finden. Unser Geschmack ist zu ei-
nem guten Teil gleichartig kondi- Weissraum braucht Selbstbeherr-
tioniert, wir empfinden eine dicke schung. Die gleichen Viren, die Au-
Schrift als schwer und plump und toren befallen, grassieren eben-
eine dünne als zerbrechlich-leicht. fallls unter Gestalterinnen und
Diese Konditionierung zieht sich Gestaltern. Gedrucktes Fernsehen
vom Kleinen zum Groben. So spre- nennt sich so was. Kein bisschen
chen wir von Mikrotypografie als Zwei schwarze Recht- Spannende Gestaltung besteht aus zusam- Weissraum, alles ist mit Farbe und
ecke in einem weissen? menhängenden bedruckten und unbedruck- Hintergründen, mit Verläufen usw.
dem Detail und von Makrotypogra-
Oder ein negatives E? ten Zonen. belegt. Man operiert mit Schatten-
fie von der ganzheitlichen Sicht ei-
Das Figur-Grund-Gesetz: effekten und Pseudo-3D. Macht ja
ner gestalteten Seite. Dazu gehören
Zufügen heisst gleich- auch Spass, Farbe zu verwenden,
sicher die damit verbundenen Be- zeitig auch etwas weg-
griffe Kontrast, Proportionen und wo diese heute so selbstverständ-
nehmen.
Spannung, die alle mit Weissraum lich zur Verfügung steht. Nur wenn
zu tun haben. das alle tun, sieht sich die Welt ei-

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Nichts

fällt
Doppelseite aus einer A5-Broschüre. Der Weiss-
ner Nicht-Farbe beraubt: Weiss. Es raum bildet die Voraussetzung für den Kontrast
braucht Selbstkasteiung, weniger auf der Seite.
ist mehr, Reduktion auf das Nötige,
weniger Mogelpackungen, mehr so
Ehrlichkeit in der Gestaltung. Weiss
wird wieder kommen, denn Weiss
fällt im taumelbunten Umfeld
plötzlich wieder auf. Wenig Text auf
viel Weissraum wirkt glaubwürdi-
ger, weniger boulevardartig, weni- auf
ger marktschreierisch:
«Um heute aufzufallen, benutze
man den Weissraum; Weiss ist tren- Imagebroschüre 21 × 21 cm. Weissraum als Basis
dig.» für die Satzanordnung. Weiss bringt den Text zur
wie Geltung.
Weiss braucht Können. Spannung
und Kontrast zu erzeugen ist
schwieriger, als Text und Bild übe-
rall zu verteilen. Eine Regel, die be-
ste Voraussetzungen für Weissraum
das
schafft, ist die:
«Fasse alle Zeilen und Absätze so
kompakt wie möglich zusammen,
vermeide Leerzeilen.»
Haben Sie keine Angst vor Leer-
raum. Weiss erzeugt auf der Seite Nichts.
Spannung. Es sieht besser aus, alle
Zeilen auf der Seite an einen Ort zu
konzentrieren, als sie darüber zu Wochenendbeilage einer Tageszeitung. Starke
verteilen. Formen und starke Kontraste brauchen Weiss.
«Konzentriere den Weissraum auf
zusammenhängende Flächen, statt
ihn giesskannenartig zu verteilen.»

Kontrast und Spannung


Es ist ganz gleich, ob Bilder oder
Texte eingesetzt werden, Dramatik
entsteht immer durch Weissraum.
Weisses Papier schafft zusammen
mit schwarzer Farbe den grösst-
möglichen Helligkeitskontrast. Far-
bige Papiere und Hintergründe mil-
dern diesen immer. Die nebenste- Wochenendbeilage einer Tageszeitung. Bei mehr
henden Beispiele zeigen, wie mit Weissraum kommen die Bilder besser zur Geltung.
Weissraum effektvoll gearbeitet Was ist hier wichtiger: lesen oder betrachten?
werden kann, ohne dabei einen
Photoshopfilter zu bemühen. Darf
ich den Bogen wieder zum eingangs
erwähnten Gestalten schlagen? Ge-
stalten heisst eben mehr als intuiti-
ves Spielen und Pröbeln – es heisst
vor allem Empfinden. Dafür gibt es
den Fachbegriff «Empathie»: sich in
andere hineinfühlen können, die
Gefühlslage anderer erkennen und
verstehen können. Solcherart aus-
gerüstet, kann denn zwischen erup-
tiver Hölle und himmlischem Frie-
den der gestalterische Ausdruck ge-
funden werden. Spannend, nicht? Doppelseite Werbung in der Tagespresse. Wo
Ralf Turtschi sonst mit Schwärze gebuhlt wird, fällt Weiss auf.

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