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Veröffentlichungen des Institutes für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften

Herausgegeben von Fuat Sezgin

Fuat Sezgin Geschichte des arabischen Schrifttums

M athem atische

Band XIII

Geographie und Kartographie

im Islam und ihr Fortleben im Abendland

Autoren

2007

Institut für G eschichte der Arabisch-Islam ischen W issenschaften an der Johann W olfgang Goethe-Universität Frankfurt am M ain

GESCHICHTE DES ARABISCHEN SCHRIFTTUMS

BAND XIII

MATHEMATISCHE GEOGRAPHIE UND KARTOGRAPHIE IM ISLAM UND IHR FORTLEBEN IM ABENDLAND

Institut für G eschichte

AUTOREN

VON

FU A T SEZGIN

2007

der Arabisch-Islam ischen W issenschaften

an der Johann W olfgang Goethe-Universität

Frankfurt am M ain

ISBN 978-3-8298-0086-0 (Geschichte des arabischen Schrifttums, Bd. XIII)

© 2007 by the aulhor

Publishedby Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften, Frankfurt am Main.

Printed in Germany by Strauss Offsetdruck D-69509 Mörlenbach.

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

XI

I. Einleitung

1

A. Historische Übersicht

3

Mathematisch-astronomische Ortsbestimmung

3

Karten

6

Die ma’münischeWeltiiarte

6

Die

Die

Karte von al-ldrisi

9

Entstehung der sogenannten Portolankarten

10

Die weitere Entwicklung des kartographischen Bildes der Öku­ mene seit dem 8./14. Jahrhundert

24

Rezeption arabisch-islamischer Karten seit Sanson und Olearius

44

Reformationsversuche der Kartographie

46

Anhang: Graduierte Teilkarten von Anatolien aus dem Dail-i Gihännumä von Abü Bakr ‘Abdallah b. Bahräm ad-Dimasqi

107

B. Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch muslimi­ sche Seefahrer vor Kolumbus

119

II. Griechische Quellen

167

Ptolemaios

167

III. Arabisch-islamische Autoren

205

Eine anonyme Tabelle

205

al-Fazäri

209

Ya'qüb b. Täriq

211

Die ma’münische Geographie

212

Diskussion der syrischen Vermittlung

226

Behandlung der Ma’müngeographie im Lichte neu erschlossener Quellen

229

Die

Die

"Hwärizmi'schen Tabellen"

232

Karten der ma’münischen Geographie

234

al-Hwärizml

Habas

237

Ibn Mäsä’alläh

239

al-Fargäni

240

al-Kindi

242

Muhammad b. Müsä al-Munaggim

243

as-Sarahsi

244

245

VI

Inhaltsverzeichnis

Anonymus (3./9. - 4./10. Jh.) Suhräb al-Battäm Abü Nasr al-Munaggim al-Qummi Ihn Yünis Ibn Suräqa al-‘Ämiri Küsyär b Labbän al-Birüni Abü'Aun Ishäq b al-Hasan al-Häzini Dustür al-munaggimin az-Zarqäli IbnFätima al-Idrisi Ibn al-Kammäd K. al-Atwäl wa-l-‘urüd li-l-Furs al-Qiyäs al-Marräkusi al-Abhari Nasiraddin at-Tüsi Ibn Abi s-Suicr al-Magribi Ibn Sa'id Qutbaddin as-Siräzi Ibn ar-Raqqäm Abu 1-Fidä’ Hamdalläh Mustaufi al-Halili Anonymes ZJg-Buch (8./14. Jh.) Anonymes K. al-öugräfiyä 'Abdalhalim b. Sulaimän at-Tüqäti Giyätaddin al-Käsi Häfiz-i Abrü al-Bäkuwi Anonymus im Vatikan (ca. Mitte 9./15. Jh.) Ein gewisser HäggI Ahmad aus Tunis Kartographen der Familie as-Sarafi as-Safäqusi Mustafa b. 'Ali al-Muwaqqit Abu 1-Fadl ‘Allämi 'Abdallah b. Salähaddin (genannt Ibn Dä’ir ) Sädiq-i Isfahäni Zwei Nordasienkarten Abü Bakr b. Bahräm ad-Dimasqi

IV. Arabische und türkische Nautiker IbnMägid

246

248

252

272

273

276

277

279

299

301

304

306

309

312

314

365

369

375

376

381

382

384

388

391

394

398

407

409

411

413

415

417

418

419

422

423

430

432

434

438

439

441

447

451

451

Inhaltsverzeichnis

VII

Sulaimän al-Mahri

461

Sidi ‘A li

465

PirlRe’is

470

Literaturverzeichnis

481

Indices

507

I. Personennamen

509

II. Büchertitel

531

III. Register der Ortsnamen und Sachbegriffe

544

Abbildungsverzeichnis

583

VORWORT

Das Manuskript zum vorliegenden Autorenteil der Bände über mathe­ matische Geographie der Geschichte des arabischen Schrifttums wurde vor etwa fünfzehn Jahren niedergeschrieben. D ie Ideen zur Entwick­ lungsgeschichte des Faches im Islam und seiner Auswirkungen auf das Abendland, die sich bei der Bearbeitung des Manuskriptes ergaben, wurden, quasi als Einführung in den vorliegenden Band, in den im Jahre 2000 erschienenen Bänden X und XI der GAS ausgeführt. Beide Bände konnten anschließend in den Jahren 2005 und 2007 in englischer Übersetzung einem größeren Leserkreis zugänglich gemacht werden. Der Benutzer dieses Bandes wird nun eine weitere, relativ lange Einleitung vorfinden. Im Laufe der sieben Jahre nach dem Erscheinen der Bände X, XI und XII (Kartenband) haben mich die Probleme der

mathematischen Geographie weiter beschäftigt. D ie nachträglich

ge­

wonnenen Erkenntnisse sollten dem Leser nicht vorenthalten bleiben. Dazu gehört die Überzeugung, daß mindestens die östlichen Teile des

nachträglich Amerika genannten Kontinentes spätestens in den Anfän­ gen des 15. Jahrhunderts Navigatoren aus der arabisch-islamischen

kartiert worden sein

müssen. Ihre Karten wurden anschließend von Christoph Kolumbus und den Portugiesen benutzt. Dem Leser der Geschichte des arabischen Schrifttums gegenüber fühle ich mich zu der vorausschauenden Information verpflichtet, daß ich im Anschluß an diesen Band daran gehen werde, die vor etlichen Jahren vorbereiteten Teile über Anthropogeographie, Stadtgeographie, Reisegeographie und geographische Lexika, die ingesamt etwa zwei Bände ausmachen, zu bearbeiten. Gott möge mir helfen, dieses Ziel zu erreichen. Es bleibt mir die angenehme Pflicht, für die mir bei der Verwirklichung der vorliegenden Arbeit zuteil gewordene Unterstützung meinen tiefen Dank zum Ausdruck zu bringen. Es waren Dr. Eckhard Neubauer, Frau Dr. Gesine Yildiz und die Herren Farid Benfeghoul und Daniel Franke, ohne deren Hilfe dieser Band seine jetzige Gestalt nicht erhalten hätte.

W elt bekannt geworden und von diesen auch

X

VORWORT

Auch hier, wie bei allen vorangegangenen Anlässen, sage ich meiner Frau meinen herzlichen Dank für Ihre Unterstützung und Mitwirkung beim Zustandekommen des Bandes.

Frankfurt, den 20. August 2007

Fuat Sezgin

I.

EINLEITUNG

A. HISTORISCHE ÜBERSICHT

A ls ich vor mehr als 20 Jahren daran ging, das Gebiet der Geographie für meine Geschichte des arabischen Schrifttums vorzubereiten, glaubte ich, bei einer den vorangegangenen Bänden entsprechenden Behandlung des Gegenstandes mit einem Band auskommen zu können. Es zeigte sich aber, daß die Fülle des bisher unbeachteten Materials eine sehr viel breitere Darstellung erforderlich machte. So entstanden außer zw ei im Manuskript vorliegenden Bänden über Anthropogeographie, lexikalische Geographie und Reisegeographie die bereits herausge­ gebenen Bände X, XI und XII über M athematische Geographie und K artographie im Islam und ihr Fortleben im Abendland, sowie der hier vorliegende Band XIII, welcher für die bio-bibliographische Erfassung derjenigen Autoren bestimmt ist, deren Leistungen bzw. Werke in den Bänden X-XII im historischen Zusammenhang behan­ delt worden sind. Während der Revision des vor Jahren vorbereiteten Manuskriptes entstand das Bedürfnis, die in den yorangegangenen Bänden entwickelten Grundideen hier bündig zusammenzufassen und einige besonders wichtige Punkte zu vertiefen. Besonders mei­ ne Gedanken zum Problem der sogenannten Portolankarten, über die ich in unterschiedlichen Zusammenhängen in verschiedenen Kapiteln gehandelt habe, möchte ich dem Leser an dieser Stelle nochmals zu­ sammenfassend nahe legen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sind diese Karten des Mittelmeer­ raumes diskutiert und im Laufe der Zeit unter zahlreiche Begriffe subsumiert worden: Seekarten, nautische Karten, Kompaßkarten, Rumbenkarten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts bürgerte sich all­ mählich in der Fachliteratur die recht unglückliche Bezeichnung Portolankarten ein. D iese Karten stehen derart im Zentrum der Karto­ graphiegeschichte, daß Fragen der frühen Entstehungsphase der kar­ tographischen Darstellung von Nord- und Ostasien, des Indischen Ozeans, des Kaspischen Meeres, der seit dem 8./14. Jahrhundert er­ staunliche Fortschritte machenden Erfassung Afrikas und Kleinasiens überhaupt nicht oder höchstens am Rande behandelt werden. Falls aus irgendeinem Anlaß die Kartographiegeschichte eines dieser Gebiete doch zum Gegenstand der Diskussion macht, läßt man außer acht oder

2

EINLEITUNG

Übergeht, daß es sich um Regionen handelt, die Jahrhunderte lang zum arabisch-islamischen Kulturkreis gehörten, wo die W issenschaften in der fraglichen Zeit bereits einen erstaunlich hohen Entwicklungsstand erreicht hatten. Anstatt die Schöpfer von wirklichkeitsgetreuen Karten in dem Kulturkreis zu suchen, dessen Geographie sie darstellen, ist es üblich, sie ohne weitere Umstände abendländischen Personen oder Kreisen zuzuschreiben. D ies führt zwar zu bisweilen bizarren Erscheinungen, w ie der Zuhilfenahme des Reiseberichts von Marco Polo, aus dem europäische Kartographen Daten extrahiert haben sollen, die er keineswegs hergibt. Nur weil man keine anderweitige Erklärung zur Entwicklungsgeschichte der Karte einer Region parat hat, beruft man sich immer wieder auf diesen, w ie etwa im Falle der Frage, aus welcher Quelle Martin Behaim die Darstellung von Madagaskar auf seinem Globus (1492)^ abgeleitet habe. Die Hauptursache für diese Art der Handhabung der Kartographie­ geschichte liegt in der Grundeinstellung der modernen universalen Historiographie der W issenschaften, in der - mit Ausnahme der mus­ tergültigen Introduction to the H istory o f Science von George Sarton (Baltimore 1927-1948) - der große, kreative Beitrag des arabisch-islami­ schen Kulturkreises kaum erkannt bzw. anerkannt wird. Zur Korrektur der konservativen, eurozentrischen Einstellung der Historiographen haben zahlreiche aus der Arabistik kommende W issenschaftshistori­ ker eigentlich seit Beginn des 19. Jahrhunderts enorme Arbeit gelei­ stet. Für den uns hier unmittelbar interessierenden Gegenstand haben sie gezeigt, daß die im arabisch-islamischen Kulturkreis gepflegte Anthropogeographie ziem lich früh ein Niveau erreicht hat, welches wir in Europa erst im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts finden. Die Bedeutung der mathematischen Geographie, die in jenem Kulturkreis jahrhundertelang gepflegt und zu einer selbständigen Disziplin ausge­ baut wurde, haben im 19. Jahrhundert Vater und Sohn Jean-Jacques und Louis-Amelie Sedillot, sowie Joseph Toussaint Reinaud, Joachim Lelewel, Carlo Alfonso Nallino und Carl Schoy sehr weitgehend her­ auskristallisieren können. Allerdings konnten unsere unermüdlichen humanistischen Vorgänger damals noch nicht klären, ob geographi­ sche Koordinaten, die im arabisch-islamischen Kulturkreis ermittelt wurden, Niederschlag in europäischen Karten gefunden haben und in welchem Maße die in Europa entstandenen Karten von in der ara­ bisch-islamischen Welt entstandenen Originalen abhängig waren. Dafür fehlte ihnen vor allem ausreichendes Kartenmaterial. D ie einzi­

s. GAS Bd. XI, S. 409.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

.

3

ge damals bekannte Karte, die man im Zusammenhang mit möglichen arabischen Vorbildern bei der Entstehung der neuen Kartentypen in Europa überhaupt heranziehen konnte, war die des al-Idrisi (548A154), w elche er im Auftrag und mit Unterstützung des normannischen Königs von Sizilien, Roger II., hergestellt hatte. Leider wurde diese Karte völlig zu unrecht von Marie Amand Pascal dAvezac, einem der angesehensten Kartographiehistoriker des 19. Jahrhunderts, als m iß­ lungene Imitation der ptolemaiischen Weltkarte disqualifiziert.^

M athematisch-astronomische Ortsbestimmung

D ie Ansätze der mathematischen Geographie haben im 2./S. bzw. 3./9. Jahrhundert von Persien und Indien aus dem islamischen Kulturkreis erreicht und sich dort besonders unter dem Einfluß der ptolemaiischen Geograp/i/e weiterentwickelt. Nicht nur wegen ihrer günstigen geographischen Lage kannten die Muslime bereits im 3./9. Jahrhundert den größten Teil der bewohnten Erde. Die Küstenlinie des Indischen Ozeans bis nach China war schon im ersten Jahrhundert des Islams bekannt.^ D ie Islamisierung Madagaskars reicht vermut­ lich bis ins frühe 2./8. Jahrhundert zurück.^ Mit der Kenntnis der G eographie des Ptolemaios, in welche die Vorarbeiten und die Karte seines Vorgängers Marinos eingegangen waren, und die mit den Koordinaten von ca. 8000 Orten die Grundlage für eine zu zeichnen­ de Weltkarte gelegt hatte, sowie mit der unmittelbaren Bekanntschaft mit dem Werk und der Karte des Marinos im arabisch-islamischen Kulturkreis begann dort seit dem frühen 3./9. Jahrhundert die ca. 800- jährige Periode der mathematischen Erfassung der Erdoberfläche. Die M uslime haben von ihren griechischen Lehrern nur den Wert einer ein­ zigen Längendifferenz überliefert bekommen, nämlich der zwischen Arbela und Karthago, welche 331 v. Chr. auf Grund der Beobachtung einer Mondfinsternis ermittelt worden war."^ Der K alif al-Ma’mün (reg. 198/813-218/833) beauftragte eine gros- se Gruppe von etwa 70 Gelehrten damit, eine neue Geographie und Weltkarte, selbstverständlich auf der Grundlage der Vorarbeiten von Marinos und Ptolemaios, zu erstellen. Voraussetzung zur Erfüllung die­ ses Auftrages war zunächst, die korrekte Länge eines Meridiangrades zu ermitteln, woraus sich dann auch der Erdumfang ergibt. Dieses

>s. GAS Bd. X, S. 286f.

2 s. ebd. Bd. X, S. 546f.

3 s. ebd. Bd. XI, S. 403.

4 s. ebd. Bd. X, S. 23,25.

4

EINLEITUNG

Problem wurde streng wissenschaftlich angegangen. Das Ergebnis kam dementsprechend mit rund 562/3 arabischen M eilen (ca. 111 km) sehr nah an den heutigen Wert heran.^ Mit der aktiven Anteilnahme des Kalifen al-Ma’mün und seiner Unterstützung begann die Periode der systematischen Erfassung von geographischen Koordinaten und ihrer Verwendung für Kartenwerke. Zahlreiche Verfahren zur Ermittlung von Breitengraden wurden er­ sonnen. Von großer Bedeutung war es in diesem Zusammenhang, daß arabische Nautiker im Indischen Ozean die Unbrauchbarkeit des Astrolabiums zur M essung der Polhöhe auf einem mit der See sich hebenden und senkenden Schiffsdeck frühzeitig erkannten. Mit dem später in Europa Jakobsstab genannten Instrument konnten unver­ gleichlich genauere Breitenmessungen auf See angesteUt werden. Für die Ermittlung der Längengrade behielt das seit der Antike be­ kannte Verfahren des Zeitvergleichs beobachteter Mondfinsternisse noch lange Geltung. Die Genauigkeit der Ergebnisse konnte aber dank der seit der Regierungszeit des Kalifen al-Ma’mün gegründe­ ten Sternwarten mit verbesserten Instrumenten und geschärften Beobachtungsmethoden erheblich gesteigert werden. Die auf Wunsch des Kalifen bestimmte Längendifferenz zw ischen Bagdad und Mekka^ von 3° (der heutige Wert beträgt 4°37') ist ein gutes Beispiel hierfür. In der zweiten Hälfte des 4./10. Jahrhunderts muß im Zusammenhang mit der Revision und Korrektur unzähliger Längengradangaben im westlichen Teil der islamischen Welt eine beträchtliche Aktivität statt­ gefunden haben; wir wissen leider nicht, durch wen und in wessen Auftrag. Die Ergebnisse sind allerdings erstaunlich: Das Mittelmeer, dessen Länge Ptolemaios mit 62-63° und noch die Ma’müngeographen mit 52-53° angegeben hatten, wurde auf ca. 44-45° reduziert. Derartige Korrekturen beschränkten sich nicht auf das Mittelmeer, sondern betrafen auch viele bekannte Orte auf dem Festland zwischen Andalusien und dem Irak. Aufgrund dieser Korrekturen reduzierte sich auch die Ausdehnung der Ökumene auf der Weltkarte drastisch. Die Geographen und Astronomen sahen sich daher veranlaßt, den Nullmeridian um 17°30' von den Kanarischen Inseln und 28°30' von Toledo nach Westen in den Atlantik zu verlegen. Schon Roger Bacon (1214-1292)^ war dieser Umstand bekannt. Der neue Nullmeridian und die an ihm ausgerichteten Längengrade wurden aber in europäischen

>s. GAS Bd. X, S. 94-97.

2 s. ebd. Bd. X, S. 94.

3 s. ebd. Bd. X, S. 217.

HISTORISCHE ÜDERSICHT

Koordinatentabellen noch bis ins 18. Jahrhundert mit solchen, die am alten Nullmeridian auf den Kanaren orientiert waren, vermischt. Im ersten Viertel des 5./11. Jahrhunderts hat al-Birüni (gest. 440/ 1048) die mathematische Geographie zu einer selbständigen Disziplin ausgebaut. In Anwendung des sphärischen Sinussatzes entwickelte er ein neues Verfahren zur Bestimmung von Längendifferenzen. Die von ihm selbst gem essenen Längenpositionen von Orten zwischen' Gazna und Bagdad weichen nur etwa 6-45 Minuten von heute gültigen Werten ab. Eine weiterführende Entwicklung, bei der genaue Bestimmungen von Längendifferenzen durch Fixsternbeobachtung mit allen trigo­

nometrisch-astronomischen Hilfsverfahren

aufgebaut werden, begegnet uns bei Abu 1-Hasan oder Abü ‘A li al- Marräkusi (7./13. Jh.). Ohne hier auf die weitere Entwicklung eingehen zu können, sei zu­ sammenfassend gesagt, daß der Impuls zur mathematischen Erfassung der bekannten Erdoberfläche, welcher in der islamischen Welt schon im 2./8. Jahrhundert entstanden war, bis zum 11./17. Jahrhundert an­ hielt und dabei ein beträchtlicher Teil der drei Kontinente der alten Welt, und mit großer Wahrscheinlichkeit sogar ein Teil der Ostküste Amerikas (s.u.S. 148), kartiert wurde. Im Rahmen dieser sehr knappen Übersicht über die mathematisch­ astronomische Ortsbestimmung im arabisch-islamischen Kulturkreis seien zuletzt die bei den Nautikern des Indischen Ozeans entwik- kelten Verfahren der Distanzmessung auf offener See erwähnt. Aus dem 9./15. und frühen 10./16. Jahrhundert, also am Ende einer langen Entwicklung, liefern uns die Nautiker aus dem Indischen Ozean Werte für hunderte von Distanzen, die von der Wirklichkeit kaum abweichen. Über ihre Verfahren zur Ermittlung von meridionalen Strecken und solchen schräg zu Meridianen sowie parallel zum Äquator sind wir durch die beiden spätesten uns bekannten Vertreter, Ibn Mägid und Sulaimän al-Mahri, informiert. Die große Bedeutung besonders der dritten Art von Distanzmessung, die einer Triangulation auf See ent­ spricht und eine Möglichkeit zur Ermittlung von Längendifferenzen darstellt, kann kaum überschätzt werden, da sie die Vorraussetzung zur M essung transozeanischer Distanzen schuft (s.u.S. 132).

in systematischer Weise

1s. GAS Bd. X, S. 168-173. 2 s. ebd. Bd. XI, S. 205-223.

6

Karten

EINLEITUNG

Etwa dreihundert Jahre, nachdem der große Astronom und Geograph Hipparchos (2. Jh. v. Cifir.) viel Geduld und das Sammeln ausrei­ chend genauer Ortsbestimmungen empfohlen hatte, bis eine mathe­ matische Erfassung der Ökumene eines Tages m öglich werde,^ schuf Marinos in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. die er­ ste, vielleicht einzige im Sinne Hipparch's für die Griechen mögliche Weltkarte. Allem Anschein nach sind in dieses Werk im Laufe von

Generationen gesammelte Breitenbestimmungen und Distanzangaben eingeflossen. Da die Karte nicht erhalten ist, sind wir auf die Angaben von Ptolemaios und des arabischen Geographen al-Mas‘üdi (gest. 345/956) angewiesen. Demnach war sie orthogonal angelegt, die Länge der Ökumene soll 225° betragen haben (was ca. 80° zu viel ist). Ptolemaios hat ihre Koordinaten revidiert und in Tabellenform, ver­ sehen mit kurzen Angaben, unter Beibehaltung des Titels Γεωγραφική ’νφήγησις, unter dem das Werk des Marinos bekannt war, so bearbei­ tet, daß seinen Nachfolgern die Erstellung einer Weltkarte möglich sein sollte; mit großer Wahrscheinlichkeit hat Ptolemaios selbst sei­ nem Werk keine Karten beigegeben. Die älteste erhaltene Karte, die den Namen des Ptolemaios trägt, wurde um die Wende des 7./13. zum

8./14. Jahrhundert von M aximos Planudes auf

Grund der Daten der

ptolemaiischen Geographie rekonstruiert. Die Frage, w ie genau diese Karte mit den Angaben des Ptolemaios übereinstimmt, wurde noch nicht geklärt. Die auf dem linken Rand eingetragene Skala der sieben Klimata ist sicher nicht ptolemaiischen Ursprungs.

D ie ma'münische Weltkarte

Gestützt auf die Werke des Marinos und Ptolemaios haben die Gelehrten des Kalifen al-Ma’mün im ersten Viertel des 3./9. Jahrhunderts die Weltkarte auf eine neue Stufe gebracht. Der eige­ ne Beitrag jener Gelehrten war von den fortschrittlichen, wenn auch aus heutiger Sicht noch beschränkten Bedingungen der Zeit bestimmt.

Daß es eine von den Ma’müngeographen geschaffene Karte gegeben hat, war immer bekannt, ebenfalls einige spärliche ·Angaben über diese. Durch eine erst vor etwa 20 Jahren wiederentdeckte Kopie aus dem Jahre 740/1340 (s.u.S. 138) können w ir uns jetzt eine gew isse

Vorstellung von ihrem Gehalt

den Vergleich mit einer genau nach den Angaben des Ptolemaios noch

machen. D ies ermöglicht uns einerseits

! s. GAS Bd. X, S. 24.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

/

zu zeichnenden und der von M aximos Planudes rekonstruierten Karte (s.u.S. 137), sowie andererseits die Fortschritte zu ermessen, die seit der Antike in der Darstellung der Ökumene erzielt wurden. Diese Möglichkeit war der bisherigen Geographiegeschichte versagt.

D ie wesentlichen Neuerungen der Ma’mün-Karte bestehen darin,

daß Afrika die Gestalt einer Halbinsel annimmt und der Indische

Ozean und der Atlantik nicht länger als Binnenmeere dargestellt

wird nun von einem blauen Ozean "umfaßt"

(al-bahr al-muhlt), der seinerseits von einem "dunklen" Ozean {bahr

a^-iulumät oder al-bahr az-ziftJ) umschlossen wird. Die Länge des

M ittelmeers wird von 62 oder 63° auf 52 oder 53° reduziert und die

Darstellung Zentralasiens verbessert. Es ist eine glückliche Fügung, daß das Koordinatenbuch zu dieser Weltkarte erhaUen ist, welches von einem Abü Ga'far Muhammad b. Müsä al-Hwärizmi - vielleicht einem der von al-Ma’mün beauftragten

G eographen-angefertigt wurde. Esumfaßtmehr als 3000 Koordinaten

von Küstenlinien, Flüssen, Bergen und 539 Städten. Sie sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Originalkoordinaten der ma’münischen Weltkarte, zusammengestellt, um zukünftigen Karto­ graphen als Basis für ihre Arbeit zu dienen.^ Es ist tatsächlich mög­ lich, die gesamte Weltkarte der Ma’müngeographen lückenlos daraus

zu rekonstruieren (s.u.S. 138).^ In der Enzyklopädie des Ibn Fadlalläh al-'Umari (gest. 749/1349) sind neben der oben erwähnten Weltkarte noch Teilkarten der ersten

drei Klimata aus der Ma’müngeographie überliefert.^ Ferner sind die

drei

in der erhaltenen Handschrift des Koordinatenbuches von Abü Ga'far

al-Hwärizml, überliefert."*

werden. D ie Ökumene

Teilkarten des N ils, der "Rubininsel" und des Asowschen Meeres

D ie Weltkarte bildet Ibn Fadlalläh im ersten Band seiner Enzyklo­

pädie ab^ und nennt sie sürat lauh ar-rasm. Diese Bezeichnung findet sich bei Ibn Fadlalläh an zahlreichen Stellen.^ An einer Stelle gebraucht

lauh a d -d ä 'ira . Den oder die Verfasser bezeichnet er

er den B egriff

> s.

2 s. ebd. Bd. XII, Karte Ib, S. 4. 3 s. ebd. Bd. XII, Karte Ic-e, S. 5-7. Ms. Strasbourg, Bibliotheque Nationale et Universitaire, No. 4247, s. ebd.

GAS Bd. X, S. 87f., 91.

Bd. XII, Karte If-h, S. 8-10. ^ Masälik al-absär, Faksimile-Edition, a.a.O., Bd. I, S. 292-293.

' 6 s. GAS Bd. X, S. 89-91. · ^ s. Masälik al-absär, a.a.O. S. 22; GAS Bd. X, S. 89 n. 2.

8

EINLEITUNG

als sähib al-Gugräfiyä. Daß damit die Ma’müngeographie und nicht die des Ptolemaios gemeint ist, ergibt sich unter anderem daraus, daß sämtliche im ersten Band der Enzyklopädie von Ihn Fadlalläh im Zusammenhang mit Gugräfiyä und lauh ar-rasm zitierten Koordinaten und weitere kartographische Einzelheiten auf das oben erwähnte K. Sürat al-ard von Abü Ga'far Muhammad b. Müsä al-Hwärizmi, nicht aber auf die ptolemaiische G eographie zurückgeführt werden können/ Ferner können wir uns auf die, abgesehen von Fehlern durch mehrmaliges Kopieren, auffälligen Übereinstim mungen der Weltkarte bei Ibn Fadlalläh mit der nach den Koordinaten des Abü Ga'far al- Hwärizmi rekonstruierten Karte stützen. D iese Übereinstimmungen betreffen nicht nur die Koordinaten von Städten, sondern auch viele andere markante Punkte. Zum Beispiel beginnt das Mittelmeer im Westen sowohl auf der erhaltenen als auch der rekonstruierten Karte bei ca. L 8°, B 36°. Dementsprechend stimm en auch die Koordinaten der Südwestspitze der Iberischen Halbinsel überein. Der G olf von Guinea beginnt auf beiden Karten bei L 0°, B 1°. D ie westöstliche Ausdehnung des Mittelmeeres beträgt auf beiden Karten etwa 53°. Die große Achse des Schwarzen Meeres beträgt auf beiden Karten 23° und ist damit um 8° zu lang. Sie ist im Koordinatenbuch bei

L 48-71° lokalisiert und auf der erhaltenen Kopie bei L 46-69°

eingezeichnet. Die drei N ilseen im Süden und die Quelle des Blauen Nils haben fast identische Koordinaten. Der Zentralmeridian verläuft auf beiden Karten 1-2° östlich des Persischen Golfes. D ie Breite der graduierten Zone südlich des Äquators beträgt auf beiden Karten 16°.

Die Südspitze Afrikas erstreckt sich ebenfalls auf beiden Karten bis zum 160. östlichen Längengrad. Der südlichste Punkt der später von Geographiehistorikern "Drachenschwanz" genannten Halbinsel im

Südosten des Indischen Ozeans liegt auf beiden Karten bei ca. L 164°,

B 13°30'. Auch die im Südosten dieser großen Halbinsel erscheinende

"Silberinsel" (ßaTJrat al-fiddd) liegt aufbeiden Karten auf den gleichen Koordinaten.

Ferner ist nicht nur in diesem Zusammenhang von sehr großer B e­ deutung, daß auf der erhaltenen Weltkarte der Ma’müngeographen die früheste in der Kartographiegeschichte bekannte globulare Projektion

in Erscheinung tritt. Abü 'Abdallah az-Zuhri, der die Ma’müngeographie

in der ersten Hälfte des 6./12. Jahrhunderts bearbeitet hat, sagt in

seiner Einleitung, daß die von al-Ma’mün beauftragten Gelehrten in

>s. GAS Bd. X, S. 91. 2 s. ebd. Bd. X, S. 303.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

9

ihrer Geographie die Erde auf eine Ebene projiziert haben, so w ie sie (den Himmel) auf dem Astrolab und die Finsternisse (der Sonne und des Mondes) in ihren Büchern planisphärisch dargestellt haben. Mit großer Wahrscheinlichkeit meint az-Zuhri damit eine stereographische Projektion.^ Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, daß auch die Beschreibung des oben erwähnten, die Ökumene umgebenden Ozeans der Ma’müngeographen mit der Darstellung in der erhaltenen Karte übereinstimmt. Um so bedeutender ist der Einwand des Abü ‘Abdallah az-Zuhri gegen die Darstellung beinahe des gesamten Indischen Ozeans als Teil der dunklen, unschiffbaren Meereszone, da zu seinen Lebzeiten, im 6./12. Jh., bereits selbst weit im Süden gelegene Teile des Indischen Ozeans von arabischen Seeleuten befahren würden.^

D ie K arte von al-IdrJsi

Es ist nicht nur für die arabische Kartographiegeschichte ein un­

schätzbarer Glücksfall, daß uns die von al-ldrisl im Jahre 548/1154 geschaffene Weltkarte wenigstens in einigen Kopien erhalten ist.^ Sie dokumentiert bis zu einem bestimmten Grad die Entwicklung der arabischen Kartographie in den ca. 330 Jahren nach Entstehung der Ma’münkarte. Al-Idrisi war selbst nicht als mathematischer Geograph tätig und hat sich in erster Linie an die Ma’müngeographie angelehnt. Er hat aber einige Ergebnisse der zwischenzeitlich in der islamischen Welt fortgesetzten, verbesserten und erweiterten geographischen Erfassung der Welt eingearbeitet und sogar Europa betreffendes Material, das

mit

rücksichtigt. Er ist einen pragmatischen Weg gegangen, indem er die stereographische oder globulare Projektion der Ma’müngeographie durch ihre, allerdings falsch verstandene, äquidistante Klimateilung ersetzte.·^ Trotz dieses Rückschrittes ist der allgemeine Fortschritt bei der Darstellung des Mittelmeeres, Nordeuropas sowie Nord- und Zentralasiens nicht zu übersehen. Abgesehen von der reduzierten ost­ westlichen Ausdehnung der Ökumene fällt vor allem die Bearbeitung der Küstenlinien und Binnengewässer Nord- und Zentralasiens au f Eine Reihe von Flüssen und Seen, die auf der Ma’münkarte noch fehl­ ten, sind jetzt dargestellt. Die Suche nach ihren Namen in den hoch-

H ilfe seines Auftraggebers Roger II.

beschafft worden war, be­

' s. GAS Bd.X, S. 303f. 2 s. ebd. Bd. X, S. 127. 3 s. ebd. Bd. XII, Karten 4-8c, S. 13-29. 4 s. ebd. Bd. X, S. 123f., 286.

10

EINLEITUNG

entwickelten arabischen geographischen Lexika erweist sich indes als vergeblich. Die Toponymie jener Regionen vermittelt den Eindruck, daß eine geographisch-kartographische Quelle kimäk-türkischen Ursprungs zugrunde lag, und führt zu der Annahme, daß diese sehr wahrscheinlich mit einem Buch identisch ist, dessen Verfasser al-Idrisi als Hänäh (Gägän od. Gänäh) b. Häqän al-Kimäki zitiert.^ Das älteste uns bekannte Dokument für die Rezeption dieser er­ sten Entwicklungsperiode der arabisch-islamischen Kartographie in Europa ist die Weltkarte, die Brunetto Latini seinen Livres dou Tresor (um 1260-1266) ohne jede Beziehung beigefügt hat.^ D iese Karte, die eine große Ähnlichkeit mit der Weltkarte der Ma’müngeographen auf­

weist, bietet ihrerseits eine

und

Kleinasiens. Wahrscheinlich ist eine Vorlage benutzt worden, die aus

dem maghrebinisch-spanischen Raum stammte. Latini hat diese ver­ mutlich bei seinem Aufenthalt in Kastilien kennen gelernt.

bessere Darstellung des M ittelmeeres

Die Entstehung der sogenannten Portolankarten

Viele der großen Fortschritte, die arabisch-islamische Astronomen und Geographen seit der Ma’münkarte auf dem Gebiet der mathe­ matischen Geographie erzielt haben, waren al-Idrisi entweder unbe­ kannt oder er vermochte nicht, sie auf seiner Weltkarte zur Geltung zu bringen. Wir wissen nämlich genau, daß schon spätestens um die Wende des 4./10. Jahrhunderts zum 5./11. bei der Bestim m ung der Längengrade im westlich von Bagdad liegenden Raum erstaunliche Korrekturen erzielt wurden. In Koordinatentabellen aus dieser Zeit werden zum Beispiel die Längendifferenzen Toledo/Rom mit 16°50' und Toledo/Konstantinopel mit 31°20' angegeben. D ie modernen Werte betragen 16°30' und 32°57', d.h. der erste Wert ist nur um 20' zu groß und der zweite um 1°37' zu klein.^ Der Prozeß, in dessen Zuge die geographischen Koordinaten weiter korrigiert und das Netz der erfaßten Regionen weiter ausgedehnt wur­ de, hielt in der islamischen Welt bis zum Ende des 10./16. Jahrhunderts bzw. bis ins 11./17. Jahrhundert an. D ie zwar nur spärlichen karto­ graphischen Relikte aus jener Zeit reichen jedoch aus, jedweden Zweifel daran zu beseitigen, daß derartig genaue Koordinaten auch auf zeitgenössischen Karten um gesetzt wurden. Aus den wenigen er­ haltenen Quellen läßt sich auch erahnen, w ie stark die Erweiterung

>s. GAS Bd. X, S. 349.

2 s. ebd. Bd. X, S. 223, 327-330.

3 s. ebd. Bd. X, S. 164.

H ISTO RISCHE ÜBERSICHT

11

und Verbesserung des Koordinatennetzes im Mittelmeerraum, in Nordafrika und Westeuropa (Spanien, Portugal, Südfrankreich) vorangetrieben worden ist.^ Wir können daher ohne Bedenken an­ nehmen, daß auf diesen Grundlagen die Vorlagen der sogenannten Portolankarten entstanden sind. Unter den erhaltenen Exemplaren dieser Gattung von Karten sind einige wenige, die arabisch beschriftet sind;^ sie sind von großer Bedeutung für die Klärung unserer Frage. Hier soll nur auf die älteste unter ihnen eingegangen werden. Sie ist in der Ambrosiana-Bibliothek in Mailand erhalten und wird in der modernen Literatur als maghrebi- nisch bezeichnet, weil sie im entsprechenden kalligraphischen Duktus beschriftet ist und den westlichen Teil des Mittelmeerraums, von der Westküste Siziliens bis Gibrahar, sowie den Westen Europas darstellt. Sie wurde zuerst von Gustavo Uzielli^ bekannt gemacht, der annahm, sie sei Ende des 7./13. Jahrhunderts entstanden. Die ausführlichste Behandlung erfuhr diese Karte bisher in der Sammlung m ittelalter­ licher Welt- und Seekarten italienischen Ursprungs und aus italieni­ schen Bibliotheken und Archiven von Theobald Fischer"*. Er hält die Datierung Uzielli's für unwahrscheinlich und w ill in der Karte einen späteren Versuch sehen "die Muhammedaner von der Bevormundung und Ausbeutung seitens der Seehandel treibenden Christen durch Aneignung der nautischen Kenntnisse derselben zu befreien".^ Die damalige geographiehistorische Denkweise, die sich bis heute nicht wesentlich geändert hat, brachte ihn zu einer solchen Ansicht. Ich habe mich damit in Bd. XI, S. 27-31 auseinander gesetzt. Damals ent­ ging mir der produktive Beitrag von E.-T. Hamy aus dem Jahre 1889.® Sein Thema, der Ursprung der Kartographie in Nordeuropa, führt ihn auch zu der maghrebinischen Karte. Sich auf die von Fischer ange- stellte Analyse der Toponymie und auf eine Untersuchung der Form der Karte stützend, schließt sich Hamy allerdings Uzielli's Datierung an. Er stellt fest, daß diese arabische Karte genauere Angaben über die nordeuropäischen Regionen macht als irgendeine ihm bekannte

' s. GAS Bd. X, S. 165-167.

2 s. ebd. Bd. XI, S. 26.

^ Studi biografici e bibllografici sulla storia della geografia in Italia, 2. Auflage, Bd. 11, Rom 1882, S. 229.

Marburg 1885, Nachdruck Amsterdam 1961, S. 219-225.

5 Ebd. S. 219.

®Les origines de la cartographie de l'Europe septentrionale, Paris 1889 (Nach­

druck in: Acta Cartographica, Bd. XVIII, S. 104-209).

12

EINLEITUNG

zeitgenössische lateinische Karte. Er bemerkt außerdem, daß die ara­ bische Nomenklatur der "maghrebinischen" Karte Ähnlichkeiten mit der später in Katalonien übernommenen aufweist. Es sei ganz logisch anzunehmen, daß wir darin bei der Gestaltung von Küsten und von deren Namensverzeichnissen eine interessante Erbfolge finden. Die Morphologie dieser Karte stehe tatsächlich derjenigen, die in den Karten mallorquinischer und valenzianischer Navigatoren noch viel später belegt ist, sehr nahe. In der maghrebinischen Karte finde man andererseits Spanien in einer bis dato nicht bekannten Genauigkeit dargestellt, während Frankreich an der Biskayaküste zu schräg, die Britischen Inseln zu wuchtig und die Halbinsel der Normandie zu

breit an der Basis ausgefallen sei.^ Die jüngste Stellungnahme zu Hamy's Datierung der maghrebini­ schen Karte stammt meines W issens von Tony Campbell^ und lau­ tet w ie folgt: "There is little modern rapport for the view that the Maghreb chart is the oldest survivor o f all, as suggested by Ernest "

Theodore Hamy

Es wäre wünschenswert, wenn Campbell die

Begründung Hamy's für seine Datierung diskutieren würde, anstatt

M einung in der modernen

die bedauernswerte Tatsache, daß

Forschung keinen großen Anklang fand, als ausschlaggebend anzuse­ hen. In Wirklichkeit ist Hamy, nach meiner Kenntnis, der erste nicht- arabistische Kartographiehistoriker, der aufgrund eigenen Vergleichs des Inhalts einer arabischen Seekarte mit den als früheste angesehe­ nen sogenannten Portolankarten zur Überzeugung gelangt ist, daß die Entstehung der letzteren im europäischen Kulturkreis mit einer arabi­ schen Vulgata in Verbindung stehen muß. Darüber hinaus hat Hamy

deutlich gemacht, daß diese Vulgata nicht nur die kartographische Darstellung des Mittelmeerraumes, sondern ganz Westeuropa von den Britischen Inseln bis zur Elbemündung im Osten umfaßt haben muß, wenn auch die Darstellung der entfernteren Regionen im Norden nicht so gelungen war w ie die des M ittelmeeres und der iberischen Halbinsel. Das zufällig erhaltene Exemplar der "maghrebinischen" Karte, die wahrscheinlich Teil eines Atlasses war, ist sicherlich nicht mit der

dessen

Les origines de la cartographie de l'Europe septentrionale, S. 29 (Nachdruck S. 129).

2Portolan Chartsfrom the Late Thirteenth Century to 1500 in:

The History o f Car-

tography, Bd. I, S. 371-463, bes. 445, n. 533; an einer anderen Stelle (S. 423) zitiert er James E. Kelley {The Oldest Portolan Chart in the New World in: Terrae incognitae:

Annales of the Society for the History of Discoveries 9/1977/22-28, bes. 25), der die

maghrebinische Karte zweieinhalb Jahrhunderte später datieren will!

HISTORISCHE ÜDERSICHT

13

postulierten Vulgata gleichzusetzen, sondern eine der davon abstam­

sie sich in der islamischen Welt verbreiteten und

auch Europa erreichten. Das tatsächliche Alter dieses Exemplars ist kaum festzustellen, aber es ist für unsere Frage gar nicht von großer Bedeutung.

Eine Karte, die im Jahre 816/1413 von einem gewissen Ahmad at- Tangi angefertigt wurde und in der Bibliothek des Topkapi Sarayi zu Istanbul erhalten is t\ vermittelt uns eine Vorstellung, wie dieser Typ kartographischer Darstellung in der islamischen Welt ausgesehen hat. Sie zeigt eine praktisch perfekte Konfiguration des Mittelmeeres, des Schwarzen Meeres und der anatolischen Halbinsel. Der entspre­ chende Teil dieser Karte ist mit der "maghrebinischen" hinsicht­ lich der Küstenlinien fast völlig deckungsgleich. Ein Vergleich der Nomenklatur dieser beiden Karten ist leider bisher nicht vorgenom­ men worden. D ie mittels Computer durchgeführte Projektion der Karten aufeinander ergibt folgendes Bild (s. Abb. 1, S. 14). Vergleicht man die at-Tangi-Karte mit dem modernen Atlas, stellt man fest, daß beide etwa bis zur Westküste Kleinasiens weitgehend kongruent sind. Die west-östliche Achse im Bereich von Kleinasien und dem Schwarzen Meer neigt bei at-Tangi einige Grade nach Norden, was den Eindruck erweckt, daß hier eine separate Teilkarte, die bei der Kompilation dieser Karte oder ihrer Vorlage verwendet wurde, beginnt. Der gleiche Sachverhalt läßt sich auch an der um 1310 (?) ge­ zeichneten Karte des Giovanni Carignano^ beobachten. Der Vergleich der Carignano-Karte mit der von at-Tangi läßt keinen Zweifel, daß sie

auf ein gem einsam es

vor 120 Jahren ganz richtig beobachtet, daß die Gruppe der sogenann­ ten Portolankarten auffällig homogen ist und in 300 Jahren kaum Unterschiede herausgebildet hat (s. Abb. 2-4, S. 15-17). Nach meinen bisherigen Beobachtungen treten bescheidene

Korrekturen an der Darstellung des Mittelmeers und Kleinasiens erst wieder mit den Arbeiten osmanischer Kartographen und Nautiker

Anfang des

Im Zusammenhang mit der Frage nach der Entstehungszeit der so­ genannten Portolankarten sei hier auf den Ursprung des spinnwebar- tigen Netzes aus sich überschneidenden Linien, die schon auf den frü­ hesten bekannten Vertretern der Gattung erscheinen, verwiesen. Die

menden Kopien, w ie

Original zurückgehen müssen. Hamy^ hat schon

10./16. Jahrhunderts au f

>s. GAS Bd. X ll, Karte 36, S. 75. 2 s. ebd. Bd. XII, Karte 68, S. 129. ^ E.T. Hamy, Les origins de la cartographie

a.a.O., S. 31 (Nachdruck, S. 131).

14

EINLEITUNG

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EINLEITUNG

Diskussion über Ursprung und Sinn dieses Liniennetzes ist fast so alt wie die Entstehungsfrage der Karten selbst. Das arabische Schrifttum liefert zu dieser Frage die unzweideutige Erklärung, daß es sich um die Strahlen von Windrosen handelte, die man als H ilfe zur Bestimmung des anzulegenden Kurses über Seekarten gelegt habe. Anfänglich sei­ en sie auf separaten Bogen gezeichnete Schemata, qim bäs genannt, gewesen und seien so den Karten beigegeben worden, um bei Bedarf darübergelegt zu werden. D iese von mir in Band XI, 49-59 ausführlich behandelte Frage hebe ich besonders deshalb nochm als hervor, weil sie einen indirekten Hinweis darauf liefert, daß Seekarten und das damit

zusammenhängende W indrosensystem in der islam ischen Welt

schon

in der ersten Hälfte des 8./14. Jahrhunderts als eine geläufige Sache Erwähnung findet. Der Historiker Ibn Fadlalläh al-'Umari überlieferte 740/1340 die ausführliche und klare Beschreibung des Sachverhaltes von einem damals berühmten Seefahrer namens Abü Muhammad ‘Abdallah b. Abi Nu'aim al-Ansäri aus Cordova.^ Etwa ein halbes Jahrhundert später bestätigt der Historiker Ibn Haldün Ibn Fadlalläh's Terminus qunbäs für das Liniensystem und die Bezeichnung saJüfa für die Seekarten.^

Im Bewußtsein der Tatsache, daß Joachim Lelewel, E.-T. Hamy, Konrad Miller, Johann H. Kramers, Dana B. Durand, Tadeusz Lewicki und Franz Wawrik keinen Erfolg mit ihren Versuchen hatten, die Aufmerksamkeit der Kartographiehistoriker darauf zu lenken, daß die Entstehung der sogenannten Portolankarten mit dem arabisch-is­ lamischen Kulturkreis in Verbindung gebracht werden könnte, unter­ nahm ich selbst einen neuerlichen Versuch auf der Basis neuer, meinen Vorgängern nicht zur Verfügung stehender Argumente. D iese sind in den vorangegangenen Bänden X und XI der GAS ausführlich darge­ legt worden. Vor allem muß festgestellt werden, daß es den mit diesem Thema befaßten Kartographiehistorikern offenbar kaum m öglich ist, die von ihren arabistischen Kollegen erzielten Ergebnisse anzunehmen, da sie leider noch immer in einer vor etwa zweihundert Jahren entstandenen Auffassung von Renaissance verharren, in der es für die etwa achthun­ dert Jahre dauernde kreative Periode, die die W issenschaften im ara­ bisch-islamischen Kulturkreis durchlaufen haben, schlichtweg keinen Platz gibt. Beharrlich müssen wir darauf hinweisen, daß vom 4./10. bis etwa zum 9./15. Jahrhundert dieser Kulturkreis fast ausschließlich

’ s. GAS Bd. XI, S. 52. 2 s. ebd. Bd. XI, S. 58.

HISTO RISCH E ÜBERSICHT

19

der gebende und der christlich-europäische ausschließlich der emp­ fangende Teil war. Wir können heute ziem lich genau verfolgen, wie

auch die mathematische Geographie, die seit dem 3./9. Jahrhundert im

Erfassung der Erdoberfläche

stand und bei der Schaffung und Verbesserung von Karten über mehrere Jahrhunderte wirksam war, ab dem 6./12. Jahrhundert das

außerspanische Europa zu erreichen begann. Das dadurch erweckte Interesse an der Ermittlung von Längen- und Breitengraden hat seine Früchte schon im 6./12. Jahrhundert zu tragen begonnen. Doch haben weder die aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis übernommenen noch von den Europäern selbst ermittelte geographische Koordinaten

- von unbedeutenden Ausnahmen abgesehen - bis zum ausgehenden

17. Jahrhundert in der europäischen Kartographie ihren Niederschlag

gefunden.

der Entstehungsfrage der sogenannten

Portolankarten krankt m. E. daran, daß sie isoliert von der Betrachtung

der kartographischen Darstellung der restlichen Ökumene geführt wurde. Eine umfassendere Betrachtung würde den Portolanforschern zeigen, daß der im 6./12. Jahrhundert einsetzende Prozeß der Übernahme von im arabisch-islamischen Kulturkreis entstandenen Karten in Europa bis ins 12./18. Jahrhundert angehalten hat und die fast perfekten Karten des Mittelmeerraumes, die nun seit etwa 150 Jahren diskutiert werden, als Mosaikstein in einem Ganzen betrachtet werden müssen. Der Erörterung dieser Gesamtentwicklung möchte ich aber noch zw ei unmittelbare Belege für den arabisch-islamischen Ursprung der sogenannten Portolankarten vorangehen lassen. Das eine dieser Zeugnisse liefert uns der Universalgelehrte Qutb- addin as-Siräzi (gest. 710/1311) in seinem im Jahr 684/1285 vollende­ ten astronomischen Werk at-Tuhfa a s-sä h iya . Er behandelt dort die Frage der Darstellung der Ökumene und das Problem, notwendige Einzelheiten in kleinformatigen Karten unterzubringen. Zu diesem Zweck schlägt er eine praktische, äußerst modern anmutende Methode für den Entwurf von schematischen Karten vor, die er anhand einer Kartenskizze des Mittelmeers und des Schwarzen Meeres erläutert.

D iese ist in der Fläche eines Rechtecks dargestellt, das in 1200 kleine

Kästchen quasi aufgerastert ist. Statt Skalen zum Maßstab der Längen-

und Breitengrade haben hier die Kästchen definierte Ausmaße. Land und von Wasser bedeckte Flächen werden anscheinend in un­ terschiedlichen Farben oder Tonwerten ausgefüllt. Man könnte dies

islam ischen Kulturraum im Dienste der

D ie

bisherige

Diskussion

IHandschrift Paris, Bibi. Nat. 2516 {15^-lT).

20

EINLEITUNG

mit dem Pixelraster von digitalen Graphikformaten vergleichen. Der Vorteil besteht hier w ie dort darin, daß die gesam te Information in Tabellenform überliefert werden kann und jederzeit exakte, verlust- freie Kopien hergesteUt werden können. Y. Kamäl^ und die mit ihm zusammenarbeitenden Orientalisten haben aus Qutbaddin's Daten die unten wiedergegebene Kartenskizze extrahiert. Ich bin davon über­ zeugt, daß diese Daten aus einer Vorlage gewonnen wurden, die der arabischen Vulgata der sogenannten Portolankarten sehr nahe stand.^ Welch große Bedeutung Qutbaddin's Kartenschema im Zusam­ menhang mit der Frage nach der Entstehung der sogenannten Portolankarten hat, erhellt aus einem Bericht eines Zeitgenossen, des

Universalgelehrten Rasidaddin Fadlalläh, in dessen

Gäm i' at-taw änh,

demzufolge Qutbaddin dem Mongolenherrscher Argün am 13. Sa'bän 688 (1. September 1289) eine detaillierte Karte des M ittelmeeres vor­ gelegt habe, auf der er dem Herrscher zeigte, welchen Weg der genue­ sische Botschafter Buscarello de Ghisolfi zurückgelegt hatte. In dieser Karte seien die Küsten, Buchten und Städte im Westen und Norden, ja sogar Einzelheiten des byzantinischen Territoriums eingezeich­ net gewesen.^ J. E. K elley hat diesen Bericht und das oben erwähn­ te Kartenschema Qutbaddin's in seinem Aufsatz Non-M editerranean Influences that Shaped the Atlantic an d the Early Portolan Charts herangezogen und durch Projektion auf die früheste bekannte 'Portolan'-Karte, gezeichnet um 700/1300 in Pisa,^ demonstriert, daß beide weitgehend kongruent sind. Aber anstatt daraus zu schließen, daß der Ursprung der europäischen 'Portolan'-Karten in einem Vorbild aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis zu suchen wäre, kam er zu

folgender Erklärung:® "The close fit in all respects suggests the pro- totype o f the Carta Pisane had wide distribution at the time. In fact, when Buscarello de Ghisolfi, the Genuese envoy to Arghun, the II- Khan o f Persia, set out for Europe in 1289, Quotb al-Din used a map to explain the envoy's travels to the Il-Khan — perhaps this same map, and one obtained from the envoy at that." (s. Abb. 5, S. 21) Zu Kelley's Theorie, daß Qutbaddin eine von Buscarello m itge­ brachte Karte benutzt habe, sei nur angemerkt, daß jener sein at-Tuhfa

' s. Monumenta Cartographica Bd. IV, Fase. 1, S. 1141-1143 (Nachdruck V, 121-126).

2 s. GAS Bd. X, S. 313f.

3 s. ebd. Bd. X, S. 312f.

“ in: Imago Mundi 31/1979/18-35, bes. 19-21.

5 s. GAS Bd. XII, Karte 67, S. 128.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

21

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EINLEITUNG

as-sählya (worin er die Daten der schem atischen Karte liefert) im

Jahre 684/1285 vollendet hat, also etwa vier Jahre vor dem Eintreffen

Buscarello's im Iran. Dadurch

für die Entstehung der Karten der 'Portolan'-Gattung. Dabei muß aber noch berücksichtigt werden, daß der Prototyp jener Karten eine gewis­

gew innen w ir einen Terminus ad quem

se Zeit zu seiner Verbreitung gebraucht haben muß, bevor Qutbaddin ihn zur Grundlage seines digitalen Kartenschemas machen konnte. Nebenbei sei bemerkt, daß Qutbaddin's oben erwähnter Zeitgenosse Rasidaddin selbst eine große Weltkarte, deren Koordinaten mit ein­

schlägigen Tabellenwerken verglichen wurden, herausgegeben hat.^ Dieses Werk ist, w ie viele andere seiner Art, leider verschollen. Ein starkes Licht auf unsere Fragestellung wirft die Skizze einer Weltkarte eines weiteren großen Universalgelehrten der Ilkhanzeit, Nasiraddin at-Tüsi (gest. 672/1274). Die von Joseph Needham in einer Handschrift (vielleicht Autograph) der Tadkira f i l-hai’a in Beirut im Jahre 1948 entdeckte Karte ist seither nicht wieder aufgefunden worden. Obwohl es sich nur um eine Skizze handelt, die wiederum nur in der groben

doch ein ziem lich entwickeltes

Bild der Ökumene. Hier finden wir, in einer insulären, vom Ozean umgebenen Ökumene nach Art der M a’münkarte, zum ersten Mal den Baikalsee dargestellt und eine verbesserte, sich von Norden nach Süden erstreckende Form des Kaspischen M eeres. D ie Formen der skandinavischen Halbinsel und der Ostsee kommen ebenfalls besser zur Geltung. Neu und beachtenswert ist außerdem, daß der südliche Teil von Afrika sich nicht mehr so weit nach Osten erstreckt. In die­ sen Hinsichten verrät die Kartenskizze von Nasiraddin beträchtliche Fortschritte gegenüber der Idrisi-Karte. In diesem Zusammenhang sei an einen bisher in der Kartographiegeschichte unbeachtet gebliebenen Bericht erinnert, demzufolge die Übertragung einer Weltkarte auf ei­ nen Globus im Badgad des 7./13. Jahrhunderts keine ungewöhnliche Sache war. Ein Historiker und jüngerer Zeitgenosse von Nasiraddin at- Tüsi in Bagdad berichtet, daß dieser im Jahre 664/1265 einen Ingenieur beauftragt habe, eine Kugel aus Pappmache herzustellen, auf die dann eine Weltkarte gezeichnet wurde.^

Daß Erdgloben im 7./13. Jahrhundert bei arabisch-islamischen Geographen ziem lich verbreitet gew esen sein müssen, belegt ein w ei­ terer, äußerst wichtiger Bericht in den Annalen der Yuan Dynastie

Kopie Needham's vorliegt, verrät sie

' s. GAS Bd. X, S. 314. 2 s. ebd. Bd. X, S. 310. ^s.ebd. Bd.X, S.SlOf.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

23

{Yuän Shi), herausgegeben von Song Liän (1310-1381), über astrono­ m ische Instrumente und M odelle, die im Jahre 666/1267 aus Westasien (zw eifellos Maräga) eingeführt und von einem gew issen Gamäladdln dem Häqän Qubilai Hän präsentiert wurden. Sie werden mit ihren ara­ bisch/persischen Namen genannt und beschrieben. Darunter befand sich ein Erdglobus K ü-lai-yi ä -er-zi (= pers. kura-i arz), von dem ge­ sagt wird, daß er aus H olz bestand, die "sieben Wasser" blaugrün, die drei Erdteile mit ihren Flüssen und Binnengewässern hell (weiß) dargestellt waren und daß ein Kästchenraster (Gitternetz) dergestalt abgetragen war, daß man daraus die Größen der unterschiedlichen Regionen sow ie die Distanzen entlang der Reiserouten bestimmen konnte^ (s. noch u. S. 127). D iese Quelle, welche, w ie die vorangegangenen, in der Absicht angeführt wurde, unsere Überzeugung zu rechtfertigen, daß die durch das Schema Qutbaddin's vermittelte Urform der sogenannten Portolankarten im arabisch-islamischen Kulturkreis entstanden ist, hat noch eine besondere Bedeutung für ein weiteres, hier anzuführendes Argument, das leider von Portolanforschern stets außer acht gelassen worden ist. D ieses Argument liefert uns der chinesische Kulturkreis. Dort traten zu einer Zeit, die als Periode des Niedergangs der chinesi­ schen Kartographie betrachtet wird, Karten in Erscheinung, die große Teile der im arabisch-islamischen Kulturkreis entwickelten kartogra­ phischen Gestaltung der Ökumene, einschließlich des Mittelmeeres, zeigen. Eine in späteren Versionen erhaltene chinesisch-koreanische Weltkarte,^ die ursprünglich auf das frühe 8./14. Jahrhundert, als China unter mongolischer Herrschaft stand, zurückgeht, zeigt Afrika in dreieckiger Form und eine wohl mißverstandene, aber erkennbare Gestalt des M ittelmeeres und des Kaspischen Meeres. Der arabische Ursprung der Karte wird auch durch die Tatsache belegt, daß bisher immerhin 100 Namen von Städten in Europa und 35 in Afrika als ara­ bisch identifiziert werden konnten. W. Fuchs^ und J. Needham"* wollen in dem oben erwähnten Erdglobus, der Qubilai Hän im Jahre 666/1267 überreicht wurde, die Vorlage für jene Karte sehen. Meines Erachtens ist es aber sinnvoller anzunehmen, daß im Zuge des beträchtlichen

1

2

3

50.

s. GAS. Bd. X, S. 312.

s. ebd. Bd. XII, S. 57, Karte 26.

Was South Africa already known in the I3th Century in: Imago Mundi 10/1953/

Science and Civilisation in China, Bd. III, 1959, S. 555f.

24

EINLEITUNG

Wissenstransfers in der M ongolenzeit auch andere Karten aus dem arabisch-islamischen Raum nach China gelangten/

Durch diese und weitere, im Band X der GAS ausführlich behandelte Belege bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß die Entstehung der so­ genannten Portolankarten als eine markante Stufe in der Entwicklung der Kartographie anzusehen ist, die im 3./9. Jahrhundert im arabisch­

der G eographie des

islamischen Kulturkreis mit dem Bekanntwerden

Marinos und des Ptolemaios ihren Anfang nahm und bis zum ausge­ henden 11./17. Jahrhundert fortgedauert hat.

D ie weitere Entwicklung des kartographischen Bildes der Ökumene seit dem 8./14. Jahrhundert

Bei der Diskussion um die Entstehung der sogenannten Portolan­ karten stand bisher immer der Mittelmeerraum und in gewissem Maße auch das Schwarze Meer im Mittelpunkt. Dabei befinden sich auch unter den ältesten Vertretern der Gattung schon Karten, welche die gesamte Ökumene, mit den, in ihrer Zeit weitestgehend möglichen Korrekturen zeigen. Diejenigen nicht nur terrestrischen Regionen, deren Kartierung nicht den (europäischen) Seefahrern, die man als Autoren der Karten ansah, zugeschrieben werden konnten, wurden fast stets übergangen. Es erweckt den Anschein, als ginge man stillschwei­ gend davon aus, daß mit der Entstehung von 'Portolan'-Karten des m e­ diterranen Raums und des Schwarzen M eeres die Voraussetzungen im europäischen Kulturkreis gegeben gew esen wären, auch die üb­ rigen Teile der Ökumene in kürzester Zeit und mit beträchtlicher Genauigkeit darzustellen.^ Marino Sanuto und Petrus Vesconte, die zu den Autoren der ältesten erhaltenen, sogenannten Portolankarten^ gezählt werden, sahen sich um 1320 in der Lage, auch eine Weltkarte"* und eine Palästinakarte mit quadrilinearer Teilung^ anzufertigen. Besonders Sanuto stand gewissermaßen mit einem Bein im Mittleren Osten. Er war von der Idee besessen, daß es notwendig sei, neuerliche Kreuzzüge zu unter­ nehmen und als eine Art Vorbereitung zunächst den wirtschaftlichen Zusammenbruch des Mamlukenreichs herbeizuführen, indem man einen neuen Handelsweg zw ischen Europa und Indien über Syrien,

' s. GAS Bd. X, S. 321-326. 2 s. ebd. Bd. X, S. 336.

3 s. ebd. Bd. XII, S. 130-134, Karte 69 a-i.

'‘ s.ebd.Bd.X II, S. 115,Karte56.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

25

M esopotamien und den Iran statt Aden und Ägypten schaffen sollte.^

D ie Entstehung dieser Weltkarte wurde von mehreren Arabisten und

auch einigen Nichtarabisten mit der des al-Idrisi (548/1154, s.o.S. 10) in Verbindung gebracht. Aber leider sind diese Bemühungen auf die

Kartographiegeschichtsschreibung ohne Wirkung geblieben. Selbst in

the Late Thirteenth

Century^ dem wir eine lehrreiche und sehr ausführliche Behandlung des Themas verdanken, findet sich davon keine Spur. Überhaupt wird die Erklärung der weiteren kartographischen Entwicklung der Erdteile, die in europäischen Kopien und Nach­ ahmungen überliefert sind, bei herrschender Unkenntnis der schon im 3./9. Jahrhundert einsetzenden kreativen Beiträge des arabisch­ islam ischen Kulturkreises für die Kartographiehistoriker nicht eben leicht. A ls Beispiel sei der Erklärungsversuch der weiterentwickelten Halbinselform von Afrika durch Theobald Fischer angeführt. Dieser gibt sich unbegreiflicherweise bei der Rekonstruktion der Entstehung weiterer Teile des kartographischen Bildes der Ökumene mit mög­ licherweise nach Europa gelangten "Berichten und Erkundungen" zufrieden. Wir hören von ihm, freilich zu einer Zeit, in der man von den arabisch-islamischen Leistungen kaum etwas wußte, im Zusammenhang mit der überraschenden Form Afrikas auf der Weltkarte des m ediceischen Atlasses von 1351: "Es fragt sich nun, ob unser Kosmograph dasselbe [d. i. das kartographische Bild Afrikas] auf Grund von eingezogenen und geschickt kombinierten Nachrichten entworfen hat, oder ob es ein zufällig sich der Wahrheit näherndes Phantasiegebilde ist."^

Tony Campbell's Aufsatz Portolan

Charts from

Wir brauchen in dieser Übersicht die ähnlichen Erklärungen Fischer's für die erstaunlich gute Darstellung Kleinasiens, des Kaspischen

M eeres, des Urmiasees und Roten Meeres auf frühen 'Portolan'-

Karten nicht einzeln anzuführen. Es sind weitgehend zeitbedingte Verlegenheitserklärungen. Verhängnisvoll wirkt sich allerdings aus,

der W issenschaften

häufig die Berücksichtigung neu entdeckter Quellen verhindern oder wenigstens längere Zeit blockieren. Anhaltspunkte für entscheiden­ de Korrekturen, etwa bisher unbekannte Karten, werden außer acht gelassen oder unrichtig bewertet. Als besonders krasser Fall sei die

daß derartige ad-hoc-Theorien in der Geschichte

* s. Tadeusz Lewicki, Marino Samdos Mappa mundi (1321) und die runde Weltkarte

von IdrTsl (1154) m: Rocznik Orientalistyczny (Warschau) 38/1976/169-195, bes. 171.

2 In: History o f Cartography I, 1987, S. 371-463.

26

EINLEITUNG

bizarre Haltung G. Tibbetts' zur neuentdeckten M a’münkarte ange­ führt. Ohne die zahlreichen Hinweise des Ibn Fadlalläh, daß er dem uns erhaltenen Autorenexemplar seiner Enzyklopädie aus dem Jahre 740/1340 die Wehkarte aus der M a’müngeographie beigegeben habe - deren Eigenschaften er seiner Abbildung völlig entsprechend be­ schreibt - zur Kenntnis zu nehmen, hat Tibbetts sich erlaubt zu be­ haupten, daß die Karte selbst in der Zeit Ibn Fadlalläh's entstanden sei und das darüberliegende Gradnetz mit der Projektion von "gradlinigen Breitenparallelen und kreisförmigen Meridianen" erst nachträglich im 16. Jahrhundert hineingezeichnet worden sein müsse.^ A ls ein weiteres Beispiel seien die Karten genannt, die Marco Polo von seinen Reisen in den Orient mitgebracht haben soll. Es sind fünf an der Zahl, und sie sind erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt geworden. Der Kartographiehistoriker Leo Bagrow hat sich mit ihnen beschäftigt. Ohne Kenntnis der großen Fortschritte der mathematischen Geographie und Kartographie im arabisch-islamischen Kulturkreis

urteilte er über die Echtheit der Karten, sie seien spätere Kopien, in die Modifikationen durch Abschreiber eingeflossen seien.^ Nach meiner Kenntnis ist David Woodward bisher der einzige Gelehrte, der, sich

auf die Arbeit von Bagrow stützend, die fü n f erwähnten Karten

tographiehistorisch beurteilt hat: "There is no evidence— i f we ignore the probably apocryphal maps relating to northeastern Asia— that he drew any maps recording his experience."^ Wenn ich dies richtig ver­ stehe, folgt daraus, daß zwar die Karte, welche Teile Nordasiens zeigt, unecht sein soll, aber Marco Polo die vier anderen, echten Karten nicht selbst angefertigt, sondern auf seiner Reise erworben haben muß. Für die Beurteilung dieser Karten und die Datierung der Entstehungszeit ihrer Originale ist es aber natürlich ausschlaggebend, w ie weit man

die zur Zeit der Reisen des Marco Polo schon hochentwickelte ma­

thematische Geographie und Kartographie des arabisch-islamischen

Kulturkreises zur Kenntnis nimmt. Ohne

wiederholen zu wollen, möchte ich die Bewertung der Karten, die ich in Band X, S. 318 vorgenommen habe, hier anfügen. Ich neige dazu, in den Marco Polo-Karten rudimentäre Grundlinien einiger ihm in die Hände gefallener arabisch-persischer Karten zu sehen, die in entwik-

kar-

m eine Begründung hier

’ G.R. Tibbetts in: History o f Cartography II, 1. Teil, S. 138ff; s. GAS Bd. X, S. 137.

2 L. Bagrow, The Maps from the Home Archives

o f the Descendants o f a Friend o f

Marco Polo in: Imago Mundi 5/1948/3-13, bes. 12; GAS Bd. X, S. 316. ^D. Woodward, M edieval Mappaemundi in: H istory o f Cartography I, S. 286-

370, bes. 315.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

27

kelteren Formen und mit größerem Detailreichtum jahrhundertelang immer wieder zu europäischen Kartographen gelangt sind. Ich möchte noch zw ei weitere Karten heranziehen, die meines

Erachtens zu den bedeutendsten erhaltenen Dokumenten der Kartogra­ phiegeschichte zählen. Gemeint sind die beiden Karten von Nord- und Zentralasien, die in einem Buch über die Genealogie der Türken von Abu 1-Gäzi Bahädür Hän (geb. 1012/1603, gest. 1074/1663)^ erhalten sind. Das Buch und die Karten haben durch Philipp Johann Strahlenberg, einen schwedischen Offizier (geb. 1676 im damals schwedischen Stralsund) Europa erreicht. Er war zu Beginn des Jahres 1710 in russische Gefangenschaft geraten und 1711 nach Tobolsk verbannt worden. Dort habe er das Buch bei einem angesehenen tatarisch-muslimischen Geistlichen kennengelernt, der es seinerseits von einer Delegation aus Turkestan erhalten habe. Strahlenberg hat das Buch mit H ilfe des besagten tatarischen Geistlichen und eines

M itgefangenen namens Peter Schönström über das Russische ins

Deutsche übersetzt bzw. übersetzen lassen. Die Arbeit an dem ziemlich umfangreichen Werk soll sich zwischen 1715-1718 hingezogen haben. Das Buch mit seinen beiden Karten hat sich dann auf geheimnisvolle

W eise ziem lich schnell in Europa verbreitet, schon 1726 erschien die

anonyme französische Übersetzung in Leiden. Strahlenberg's Leistung

als Vermittler der Karten ist zweifellos nicht zu unterschätzen, wenn

er auch in seinem 1730 veröffentlichten Buch D as Nord- und Oestliche

Theil von Europa und A sia den Eindruck erweckt, daß er der Urheber

der Karten sei. Es kann aber kein Zweifel daran bestehen, daß die Karten originaler Bestandteil des tschagataischen Buches waren. Die offenbar ältere der beiden Karten wird in der französischen

Übersetzung Carte de l'Asie septentrionale dans l'Estat oü Elle s'est tro u vie du temps de la grande Invasion des Tatares dans l'Asie M iridionale sous la Conduite de Zingis-Chanpour servir ä l'Histoire

gen ialogiqu e des

Carte Nouvelle de lAsie Septentrionale dressee Sur des Observations Authentiques et Toutes Nouvelles. Dementsprechend hätte die erste Karte den Zweck, Nordasien zur Zeit des Gengis Hän zu illustrieren, während die zweite Karte angeblich den damals neuesten Stand der

Tatares genannt. Der Titel der anderen Karte lautet:

* Anon. franz. Übersetzung unter dem Titel: Histoire genealogique des Tatares, 2

Bände, Leiden 1726; neu herausgegeben von Baron Desmaisons, Histoire des Mogols et des Tatares, 2 Bände, St. Petersburg 1871-1874; Nachdruck in: Islamic Geography, Bände 225, 226. 2 s. GAS Bd. X, S. 376, 378f.

28

EINLEITUNG

geographischen Erforschung der Region widerspiegelt. Tatsächlich stellen beide Karten die gesamte ost-westliche Ausdehnung Asiens, mit dem nördlichen Wendekreis als Südgrenze und bis ca. 75° im

Eindruck, daß

die ungemein realitätsnahen Karten das Ergebnis einer auf sehr hohem Niveau arbeitenden mathematischen Geographie vor Ort, die wahrscheinlich Jahrhunderte in Anspruch genom m en hat, sein müssen. Da beide Karten mit einem Gradnetz überzogen sind, fällt es leichter, ihre Herkunft und ihr Alter einzugrenzen. Es handelt sich nämlich um das Gradnetz der Weltkarte der M a’müngeographen,

Norden dar. D ie nähere Betrachtung vermittelt den

dessen Nullmeridian durch die Kanarischen Inseln verläuft. Dementsprechend liegt zum Beispiel Bagdad auf 70°, die Koordinaten vieler weiterer Orte entsprechen denen der M a’münkarte bzw, postma’münischen Karten, die vor dem 8./14. Jahrhundert entstanden sind oder kommen ihnen zum indest sehr nahe.^ D ie Koordinaten der

sibirischen Stadt Tobolsk, auf der älteren Karte Sibir, auf der jüngeren

Tobolskoy genannt, liefern einen unwiderlegbaren

Bew eis für den

arabisch-islamischen Ursprung der beiden Karten. Der Ort ist auf beiden Karten bei L 87°30', B 58°30' eingezeichnet. Beinahe exakt derselbe Wert erscheint in einer Koordinatentabelle ausgewählter Orte des osmanischen Astronomen Mustafa 'Ali ar-Rümi aus dem Jahre 930/1524. Die modernen Koordinaten dieses Ortes, der auf der osmanischen Tabelle als Armayat ar-Rüs bezeichnet wird und an dem 1587 die Kosakenstadt Tobolsk gegründet wurde, beträgt L 68°15', B 58°I5’; wenn man den Nullmeridian von Greenwich um 16° zu den Kanaren verschiebt, beträgt die Abweichung nur 4°.^ Es sind aber nicht nur die Koordinaten und der Nullmeridian, die uns zu der Überzeugung führen, daß es sich bei den uns hier beschäf­ tigenden Karten um Kopien von Originalen aus dem arabisch-isla­ mischen Kulturkreis handelt, sondern auch ihre Toponymie. Diese spricht dafür, die Vorlage der älteren der beiden Karten^ ins 7./13. oder 8./14. Jahrhundert zu datieren, während die jüngere, die vermeintlich den um 1700 aktuellen Stand der Kartographie wiedergibt, aus der

zweiten Hälfte des 10./16. Jahrhunderts stamm en dürfte. Hierbei ist vor allem die Darstellung des Amu-Darja ausschlaggebend, denn die­

ser hat im Laufe der Zeit

Niederschlag in der jew eils zeitgenössischen Kartographie gefunden

mehrfach seinen L auf geändert, was seinen

' s. GAS. Bd. X, S. 386. 2 s. ebd. Bd. X, S. 188,388. ^ s. ebd.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

29

hat. Ziehen wir auch die Läufe und Mündungen des aralo-kaspischen Flußsystems hinzu und vergleichen es ferner mit der Darstellung auf einer später von Strahlenberg gezeichneten Karte, die sich hauptsäch­

lich auf die beiden Karten aus dem Buch des Abu 1-Gäzi Bahädür Hän stützt, läßt sich folgender Sachverhalt feststellen: A u f der älteren der beiden anonymen Karten bei Abu 1-Gäzi fließen der Amu-Darja und sein nördlicher Arm Kezill Fl. (d.h. der Dunkelrote Fluß, heute Kara- Darja, der Schwarze Fluß) als selbständige Ströme in das Kaspische Meer. D ies sollte als Wiedergabe eines historischen Zustandes auf­ gefaßt werden, da die Mongolen nach der Eroberung der Region den Amu-Darja zum Kaspischen Meer umleiten ließen. Daraufhin ergoß sich eine Zeit lang das ganze Wasser des Stroms ins Kaspische Meer, w obei sich dieser in zw ei Arme (Urgentsch, Tangischar) gabelte, wäh­ rend später (nach 740/1340) der Kizil-Darja in Form einer Bifurkation seinen Weg auch zum Aralsee fand.

A u f

der zweiten anonymen Karte und der von Strahlenberg "ver­

faßten" sehen wir genau diesen Zustand dargestellt, in dem der Amu- Darja sich dreifach teilt, der Hauptarm ins Kaspische Meer mündet und ein Seitenarm in den Aralsee fließt. Ab 982/1573 hat sich aber der Flußlauf nochmals geändert und seither mündet der Amu-Darja in den Aralsee.^ Aufgrund der Darstellung des Amu-Darja sowie der korrigierten Längenposition von Kandahar (deren falscher Wert sich in arabisch­ islam ischen Koordinatentabellen seit dem 5./11. Jahrhundert fortge­ schrieben hatte^) datiere ich die Entstehung des Originals der jüngeren der beiden anonymen Karten auf die Mitte des 10./16. Jahrhunderts. Nebenbei sei bemerkt, daß Strahlenberg, der die beiden Karten als Übersetzung in Europa zugänglich gemacht hat, in seiner eigenen Karte von 1730 den allerdings historischen Lauf des Amu-Darja zwar aus der jüngeren, für ihn "aktuellen" Karte übernahm, für die Längenposition von Kandahar aber den älteren falschen Wert ver­

zieht.^ Den beiden Karten aus dem Buch des Abu 1-Gäzi Bahädur Hän wurde in der Kartographiegeschichtsschreibung viel zu wenig Auf­ merksamkeit geschenkt. Solange der bedeutende Beitrag des arabisch­ islam ischen Kulturkreises zu diesem Fach unbekannt war, mußte man sich mit irgendeiner naheliegend erscheinenden Erklärung abfinden.

>s. GAS Bd. X, S. 535f.

2 s. ebd. Bd. X, S. 403-405.

3 s. ebd. Bd. X, S. 387.

30

EINLEITUNG

w ie es etwa der bekannte Kartographiehistoriker Leo Bagrow^ ge­ tan hat. Ohne die über den Karten liegenden Gradnetze (die für die Erfassung der großen Bedeutung jener Karten essentiell sind) zu be­ rücksichtigen, oder die fast perfekte Konfiguration des Schwarzen und des Kaspischen Meeres (die genauen D istanzen zw ischen denselben und ihre ost-westliche Ausdehnung, welche die Fähigkeit zur exakten Ermittelung von Längengraden voraussetzen), die der Wirklichkeit sehr nahe kommenden Positionen von Binnenseen, Läufen und Mündungen der sämtlichen Flüsse in Betracht zu ziehen, geschw eige denn auf die fehlerhafte, anachronistische Längenposition von Kandahar aufmerk­ sam zu werden, hebt Bagrow die Unvollkomm enheiten der beiden Karten bei der Darstellung der nördlichen Regionen hervor und er­ klärt ihre Entstehung und die der späteren Karte Strahlenberg's durch die Benutzung eines "russischen Originals". Dabei war Bagrow aber durchaus bekannt, daß eine mit Längen- und Breitengraden arbeiten­ de Geographie für die Russen bis m indestens 1730 überhaupt nicht in Frage kam. Bei den im 17. Jahrhundert einsetzenden Bemühungen um die kartographische Darstellung von Rußland und Sibirien bediente man sich eines 'Flußnetzsystems', welches selbstverständlich nur eine sehr grobe Vorstellung des kartierten Gebietes vermitteln konnte.^ Es ist mir durchaus bewußt, w ie weit ich mich mit meiner B e­ wertung der beiden Karten als einer Leistung des arabisch-islami­ schen Kulturkreises aus dem 7./13. - 8./14. bzw. 10./16. Jahrhundert von den gängigen, konservativen Vorstellungen der zeitgenössischen Kartographiegeschichte entferne. Jene Einschätzung hat sich nach gründlicher Beschäftigung mit der Materie bei mir gebildet; sie wird von der Kenntnis der größeren historischen Zusammenhänge bestätigt und trägt ihrerseits zu ihrem Verständnis bei. Mit einem großen Sprung über das 8./14. Jahrhundert, in dem die Kartographiegeschichte im arabisch-islamischen Kulturkreis durch das Erscheinen neuer Karten mit verbessertem Gradnetz, in die vie­ le weitgehend korrigierte Längenpositionen von Orten westlich und östlich Bagdads eingeflossen sind, eine neue Stufe erreichte, gehen wir zum 9./15. Jahrhundert über. In dieser Periode, in der sich das kar­ tographische Bild der Ökumene im europäischen Kulturkreis durch die gelegentliche Übernahme von Karten aus der islamischen Welt

' A History o f Russian Cartography iip to 1800, herausgegeben von H. W. Castner, W. Island, Ontario 1975, S. 118. ^ s. L. Bagrow, Semyon Remezov - a Siberian cartographer in: Imago Mundi 11/1954/111-125; GAS Bd. X, 371 f

HISTORISCHE ÜBERSICHT

31

grundlegend veränderte, wurde auch die ptolemaiische Geographie ins Lateinische übersetzt und erlangte eine weitläufige Verbreitung, nach­ dem sie im Jahr 1477 zusammen mit den Karten im Druck erschienen war. D ie in diesem Werk enthaltenen Koordinaten von ca. 8000 Orten w ichen von denen der unzähligen geographischen Tabellen, die seit dem 6./12. Jahrhundert ihren Weg nach Europa gefunden hatten, w e­ sentlich ab. Dieser Umstand sowie die von Ptolemaios nicht vorgese­ hene, aber von dem griechischen Mönch Maximos Planudes um das Jahr 700/1300 rekonstruierte Weltkarte erregten große Verwirrung. Im folgenden dreiviertel Jahrhundert kamen in Europa vorwiegend ptole­ m aiische sow ie ptolemaiisch-arabisch gemischte Karten in Umlauf, bis es im Jahre 1560 zu einem endgültigen Bruch mit den ersteren kam. Maßgeblich war dabei der Kartograph Giacomo Gastaldi, der sich seit

1539 der Herausgabe 'ptolemaiischer' Karten gewidmet hatte. Dann je ­

doch verfertigte er eine Karte Afrikas und Karten der südlichen Teile A siens auf der Basis erweiterter, mathematisch erfaßter Topographie, die sich so stark von der ptolemaiischen Geographie unterschieden, daß sie dem Bruch mit derselben den Weg geebnet haben dürften. Die Quelle für diese neue Darstellung waren allem Anschein nach die mit einem Buch über Afrika des nordafrikanischen Geographen al-Hasan b. Muhammad al-Wazzän nach Italien gelangten Karten. Dieser war im Jahre 926/1520 von italienischen Piraten verschleppt worden und wurde von Papst Leo X. auf den Namen Leo Africanus getauft. Sein Buch wurde, zusammen mit den Karten in italienischer Übersetzung als erster Teil des dreibändigen Werkes Navigationi et viaggi 1550 von Gian Battista Ramusio in Venedig herausgegeben. Das Gradnetz, welches diesen, nach arabischer Art gesüdeten Karten zugrunde liegt, zählt von einem Nullmeridian 28°30' westlich von Toledo. Ohne dies zu w issen und bei der Kompilation mit anderen Karten entsprechend angleichen zu können, kam es bei Übertragungen

in europäische Sprachen zu erheblichen Verzerrungen.^ Sicherlich sind diese ursprünglich arabisch-islamischen Karten von Afrika und A sien mit ihren Längen- und Breitenskalen nicht durch Leo Africanus und Ramusio zum ersten Mal in Europa und namentlich in Italien be­ kannt gemacht geworden. Sie sind dort vielmehr zu einem günstigen Zeitpunkt auf fruchtbaren Boden gefallen und haben so maßgeblich zum Bruch mit der ptolemaiischen Geographie beigetragen.

' GAS Bd. XI, S. 100. 2 Ebd. Bd. XI, S. 101.

32

EINLEITUNG

Die auf der Basis dieser Vorlagen verbesserte Asienkarte von Gastaldi aus dem Jahre 1560 muß für die zeitgenössischen europä­ ischen Kartographen eine Sensation gew esen sein. Abraham Ortelius, einer der berühmtesten Kartographen jener Zeit, machte sie zur Grundlage einer eigenen Redaktion. D ie Fülle von Ortsnamen auf der mit Längen- und Breitengraden versehenen Asienkarte Gastaldi's ver­ blüffte ihn, und er fand dafür keine andere Erklärung, als daß sie der Tradition des arabischen Geographen Abu 1-Fidä’ entstamme. Ortelius hielt es für angezeigt, dies in die untere, rechte Ecke seiner Redaktion der Asienkarte einzutragen.^ D iese Erklärung des Ortelius, Gastaldi habe für seine Karte Karten oder Koordinaten aus der Tradition des Abu I-Fidä’ benutzt, ist zwar falsch, aber von äußerst großer kartographiehistorischer Bedeutung, denn sie zeigt die Hilflosigkeit eines der bedeutendsten Kartographen der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts beim Versuch, sich die völlig neue Qualität der Asienkarte seines Zeitgenossen Gastaldi, die eine neue Phase der europäischen Kartographiegeschichte eröffnete, zu er­ klären. Interessanterweise kommt es für Ortelius gar nicht in Frage, eu­ ropäischen Quellen eine derartige Leistung zuzutrauen, lieber schreibt er sie einem Autor aus dem arabisch-islamischen KuUurkreis zu, des­ sen Werk neuerdings in Teilübersetzung vorlag, ihm allerdings offen­ bar nur vom Hörensagen bekannt war. Man beachte, daß die zugrunde liegende Logik ("Gastaldi hat einen bahnbrechenden Fortschritt er­ zielt - welcher arabische Geograph ist neuerdings übersetzt worden? - Abu 1-Fidä’ - ergo muß es sich um eine Adaptierung von Abu 1-Fidä’ handeln") gewissermaßen eine Antithese zur Argumentation heutiger Kartographiehistoriker darstellt.

auf der Grundlage der Karte von

Gastaldi eine eigene Asienkarte mit globularer Projektion entworfen, ist aber offenbar nicht auf den Gedanken gekomm en zu prüfen, ob die Koordinaten und andere Informationen im Werk des Abu 1-Fidä’ mit denen Gastaldi's kongruieren und ob sie für eine Asienkarte ausrei­ chend sind. Immerhin schien damals die Tatsache, daß Karten entfernter Regionen stets auf Vorlagen basieren müssen, die vor Ort in langw ie­ riger, oft Generationen dauernder Arbeit erstellt wurden, noch bewußt gewesen zu sein. Ob die Vorlagen unmittelbar importierte Teilkarten oder deren Bearbeitungen waren, ist eine andere Frage. Jedenfalls geht die neuere Kartographiegeschichte sicher fehl in der Ansicht, daß zum

Zwar hat Ortelius

seinerseits

' GAS Bd. XI, S. 77, 103.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

33

B eispiel der zu Anfang des 8./14. Jahrhunderts in Genua ansässige

Kartenmacher Carignano (s.o.S.

nes wesentlichen Teils der Erdoberfläche aufgrund von Auskünften einiger europäischer Reisender hätte zeichnen können. Immer w ie­ der hat man versucht, das Erscheinen bisher unkartierter Regionen m it dem Reisebericht von Marco Polo in Verbindung zu bringen. Ein

18 ff.) eine fast perfekte Karte ei­

eifriger Vertreter dieser Richtung war der ungemein fleißige Karto­

graphiehistoriker

Hoffnung, die Entstehung der Gastaldi'schen Asienkarte an Hand des Reiseberichts von Marco Polo erklären zu können, begonnenen Arbeit’^nur w enige der bei Gastaldi sehr zahlreichen Ortsnamen im Reisebericht Polo's wiederfand, war er zwar enttäuscht, aber seine tief verwurzelten Auffassungen führten ihn sogleich zu der Erklärung, Gastaldi m üsse andere, in damaligen italienischen Archiven auf­ bewahrte Reiseberichte als Quelle für seine Karte benutzt ha­ ben.^ "A m ost important and epoch making map"^ soll also durch Zusammenschreiben einiger beiläufiger Notizen von Asienreisenden, die selten eine klare Vorstellung hatten, wo sie gerade waren, an ei­

A. E. Nordenskiöld. A ls er während seiner in der

nem italienischen Schreibtisch entstanden sein. D ie Frage, w ie die Asienkarte Gastaldi's tatsächlich zustande ge­ kom m en ist und w ie genau die Äußerungen von Ortelius zu verstehen sind, wird bis heute noch weiter diskutiert. Meine Erklärung möch­ te ich noch einmal nachdrücklich formulieren: Gastaldi hat aus ihm zugänglich gewordenen Teilkarten, die überwiegend aus dem ara­ bisch-islamischen Kulturkreis stammten, seine Asienkarte zusam­ m engestellt und hat diesen Quellen so großen Wert beigemessen, daß er in K auf nahm, mit der ptolemaiischen Tradition zu brechen. Er hat versucht, ein einheitliches Gradnetz über seine Karte zu zie­ hen. Während die südlichen Teile ziem lich treu das von arabisch-is­

scheint sich

Gastaldi bei der Darstellung des Nordens heterogener Quellen be­ dient zu haben. Das melonenförmig liegende Kaspische Meer ist zum

lam ischen Kartographen geschaffene Bild wiedergeben,

' The Influenae o f the "Travels ofMarco Polo" on Jacobo Gastaldi's Map ofAsia in:

The Geographical Journal (London) 13/1899/396-406 (Nachdruck: Acta Cartographi-

ca, Bd. VII, S. 302-312), s. GAS Bd. XI, S. 104ff.

2 s. GAS Bd. XI, S. 105. ^ Sven Hedin, Tibet and the sources o f the great Indian rivers on ancient maps in:

Southern Tibet, Bd. I, Stockholm 1917, Kapitel XIX-XXI, S. 173-205, hier S. 179.

34

EINLEITUNG

Beispiel ein Relikt der ptolem aiischen Geographie und war bei islami­ schen Kartographen längst überholt/

Ortelius

praktisch unmittelbar kopiert hat, scheint Gerard Mercator kurze Zeit später die Kopie des ersteren zur Grundlage seiner Bearbeitung ge­ nommen und deren Vorlagen mit herangezogen zu haben.^ Unter Verweis auf m eine ausführliche Darstellung dieses Zusam­

Gastaldi

Während es

feststeht,

daß

die A sienkarte

des

menhangs in Band XI (S. 99ff.) m öchte

ich hier einiges zu den Pro­

jektionen, welche den Karten zugrunde liegen, und der Genauigkeit

ihrer Gradnetze sagen. D ie Weltkarte^ des Gastaldi ist, w ie die erhal­ tene Kopie der Ma’mün-Weltkarte, mit globularer Projektion angelegt, während seine drei Teilkarten von A sien eine Graduierung besitzen, die an den vier Rändern der Karte durch Skalen mit 5°-Inkrementen markiert ist. Die Kartographen im arabisch-islamischen Kulturkreis hatten vermieden, auf Teilkarten die Längengrade orthogonal zu den Breitengraden durchzuziehen. Da man es den Kopisten kaum Zutrauen konnte, die für die polwärtige Konvergenz der M eridiane nötige kom­ plizierte Geometrie korrekt anzuwenden, begnügte man sich damit, am nördlichen und südlichen Rand je eine Skala mit m öglichst genau abgetragenen Teilen zu 5° anzubringen (wobei die Grade am Südrand der Karte proportional breiter waren als im Norden). D iese sinnvolle Gepflogenheit, deren Ursprünge sich im Dunkel der Geschichte verlie­ ren, erlaubte, die mathematische Konstruktion der Karte zu erhalten. Ortelius legte seiner Asienkarte eine Globularprojektion zu Grunde, während Mercator für die seinige eine stereographische Projektion verwendete. Der Umstand, daß diese Kartographen für ihre Arbeit weder vor Ort M essungen durchführen konnten - dann hätten sie sich auf einen w inzigen Teil der Erdoberfläche beschränken müssen

- noch auf verläßliche Koordinaten zurückgreifen konnten, zwang sie

dazu, entweder eine für vorzüglich gehaltene Vorlage möglichst ge­ nau zu kopieren, oder aus verschiedenen Teilkarten neue Karten zu kompilieren. Im letzteren Falle stammten die benutzten Teilkarten in der Regel aus unterschiedlichen Zeiten und Quellen, waren teilweise graduiert, teilweise nicht und von sehr ungleicher Qualität. Bei ihrem Versuch, aus jenen heterogenen Versatzstücken eine zusammenhän­ gende Übersichtskarte zu gestalten, mußten sich die Bearbeiter folg-

• s. GAS Bd. XI, S. 99-116. 2 s. ebd. Bd. XI, S. 115.

3 s. ebd. Bd. XII, Karte 96b, S. 163.

^ s. ebd. Bd. X, S. 385.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

35

lieh häufig auf Intuition oder Phantasie verlassen. D ie Asienkarten der großen Kartographen des 10./16. Jahrhunderts Ortelius, Gastaldi und Mercator haben zwar eine neue Ära der Kartographiegeschichte in Europa eingeleitet, sind aber mit den unvermeidlichen Fehlern dieses unsicheren Verfahrens behaftet.

Übersichtskarten aus

W ie

oben

bereits

erwähnt,

wurden

diese

Teilkarten montiert, die aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis eingeführt wurden und unterschiedlichen Perioden entstammten. Die europäischen Kartographen wußten nicht, besser gesagt, konnten

nicht w issen, daß die Längengrade

testens seit dem 8./14. Jahrhundert von einem Nullmeridian gezählt wurden, der 28°30' westlich von Toledo verläuft. D ie Kartographen in Europa gingen daher bis ins 18. Jahrhundert davon aus, daß die Längengrade stets von der Insel Ferro im Westen der Kanaren zu zählen seien. D a den Karten zunächst das Gradnetz neuerer arabisch­ islamischer Geographen unterlegt wurde, welche die ost-westliche Ausdehnung der Ökumene gegenüber der ptolemaiischen Geographie um m indestens 30° und gegenüber der Ma'münkarte um mindestens 20° reduziert hatten, w iesen die in Unkenntnis dieser Tatsache gestal­ teten europäischen Übersichtskarten bis ins 17. Jahrhundert erhebliche Verzerrungen au f Die deutlichste dieser Mißbildungen wurde von ei­ ner noch um 10° zu großen west-östlichen Ausdehnung des nördlichen Teils von Afrika verursacht. Die resultierende Länge des Mittelmeeres von 53°, immerhin 10° weniger als bei Ptolemaios, führte zu einer Streckung der Region zw ischen Ostanatolien und Indien um 5-8° ge­ genüber der Wirklichkeit. D ie noch lange auf Weltkarten beibehal­ tene Darstellung eines sich melonenförmig in die Länge ziehenden Kaspischen M eeres mit einer west-östlichen Ausdehnung von ca. 23° m ag zu dieser Verzerrung beigetragen haben.^ Die Messung dieser Ausdehnung erreichte im arabisch-islamischen Kulturkreis spätestens

arabisch-islamischer Karten spä­

im 7./13. Jahrhundert mit ca. 4°35' im Süden eine starke Näherung an den modernen Wert (6°1Γ), was auch in der oben erwähnten Karte (S. 27 ff.)2 aus dem 7./13 bis 8./14. Jahrhundert seinen Niederschlag gefunden hat, deren Konfiguration des Kaspischen Meeres mit der modernen kartographischen Darstellung fast deckungsgleich ist. Die ost-westliche Ausdehnung jenes Meeres auf den Karten von Ortelius und Gastaldi liegt dagegen mit ca. 20°, und selbst die bei Mercator mit ca. 15° deutlich näher an dem bei ca. 23° angesiedelten Wert der pto­ lem aiischen G eographie. Wir w issen, daß die von Gastaldi benutzte

' s. GAS Bd. XI, S. 100.

2 S. unten S. 134.

36

EINLEITUNG

Vorlage, welche Ramusio durch die Übersetzung in seinem oben er­ wähnten Buch N avigationi et viaggi in Italien zugänglich gemacht hat, im Norden beim 35. Breitengrad endet. Da die persische Südküste des Kaspischen Meeres etwa bei B 36° liegt, wird es in dieser Quelle nicht berücksichtigt. Gastaldi war also gezw ungen, für den nördlichen Teil seiner Karten auf anderes, ihm verfügbares Material zvirückgreifen, etwa Karten von Anatolien und offensichtlich auch die ptolemaiische Geographie}

Einen

weiteren Hinweis

auf die A rbeitsw eise jener drei Karto­

graphen bei der Kompilation der neuen Asienkarte liefert uns die Längenangabe für Kandahar, damals eine Grenzstadt zwischen Iran und Indien. Seit dem 5./Π . Jahrhundert erscheint diese Stadt in arabi­ schen Ortstabellen irrtümlich etwa 7° im Osten von Balh, obwohl die­ ses tatsächlich 1°09' östlich von Kandahar liegt. D ieser Fehler wurde vielleicht erst um die Wende des 9./15. zum 10./16. Jahrhundert oder kurz danach korrigiert.^ D iese Korrektur erreichte Europa durch die Karte von Ramusio.^ D iesem folgten Gastaldi“* und Mercator^ aber bei Ortelius, der sich im A llgem einen an Gastaldi hielt, findet sich wieder die alte Konfiguration mit Kandahar im Osten von Balh. A ls drittes Beispiel führe ich den Breitengrad von D elhi an. A u f dem Indienteil des Atlasses von Ramusio® erscheint diese Stadt als Regno

de D ely bei ca. 22° nördlicher Breite; auf der Karte von Gastaldi^ ist es bei ca. 20° als Regno de D elli eingezeichnet, bei Ortelius® auf ca. 22°

und bei Mercator knapp

oberhalb von 20°. Es ist erstaunlich, w ie der

auf arabisch-islamischen Karten und Tabellen au f 28°15' oder 28°40'

(der letztere Wert entspricht ganz dem modernen) verzeichnete Ort auf den europäischen Karten unbemerkt 6-8° gen Süden rutschen konnte. A ls letztes Beispiel sei der oben (S. 28) schon erwähnte Fall der

Stadt Tobolsk in Erinnerung gerufen. D ieser schon auf der

lich aus dem 7./13. oder 8./14. Jahrhundert stammenden anonymen, ursprünglich arabisch-islamischen Asienkarte unter dem Namen Sibir

vermut­

's. GAS. Bd. XI, S. 116.

2 Ebd. Bd. X, S. 387,403, 595f.; XI, 114. 3 Ebd. Bd. XII, Karte 205b, S. 308. ■*Ebd. Bd. XII, Karte 113b, S. 177. 5 Ebd. Bd. XII, Karte 116, S. 184. « Ebd. Bd. XII, Karte 205b, S. 308.

7 Ebd.

«Ebd. Bd. XII,Karte 114, S. 182. 9 Ebd. Bd. XII, Karte 116, S. 184.

Bd. XII, Karte 113d, S. 179.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

37

bei L 87°30', B 58°30' verzeichnete Ort, der auf einer osmanischen Ortstabelle von 930/1524 mit L 87°30', B 58°30' registriert ist, findet sich au f der Asienkarte des Ortelius bei L 100°, B 62° und auf der des Mercator bei L 98°, B 58°. D iese Zahlen belegen, daß die europäischen Kartenmacher, trotz einer weitgehenden Abhängigkeit von ursprüng­ lich arabisch-islamischen Vorlagen, bisweilen sehr auffällige Fehler voneinander übernahmen und Weitergaben, ohne die Angaben ihrer Quellen überprüfen zu können.

17.

D iese

A rt

von

Abweichungen,

die

sich

noch

bis

weit

ins

Jahrhundert fortschreiben, fallen im nördlichen Teil Asiens mehr ins G ewicht als im Süden. Der Grund ist zweifelsfrei, daß den europä­ ischen Kartographen für den Norden Asiens erst später und viel weni­ ger gute Übersichtskarten aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis zugänglich geworden sind. Sie waren daher aufTeilkarten unterschied­

licher Qualität und mit verschiedenen Nullmeridianen angewiesen. Für Süd- und Südostasien, Afrika und im allgemeinen den gesamten Indischen Ozean lag den europäischen Kartographen viel besseres und umfangreicheres Kartenmaterial arabisch-islamischer Provenienz vor.

Karten jener Gebiete erreichten Europa nicht, w ie

wird, zuerst durch die portugiesischen Seefahrer, die erst seit der be­ kannten Expedition des Vasco da Gama im Jahre 1497 solche kennen lernten. Karten, Seekompasse und einige der Navigationsverfahren aus dem Indischen Ozean erreichten Europa viel früher, und die Italiener scheinen nicht nur bei der Vermittlung dieser Dinge eine wesentliche Rolle gespielt zu haben. In diesem Zusammenhang sei an die von Dom Pedro, dem ältesten Sohn des Königs von Portugal im Jahr 1428 auf dem Landweg nach Lissabon mitgebrachte Weltkarte erinnert, auf der bereits das Kap der Guten H offnung und die später Magellanstraße genannte Meerenge eingezeichnet waren.^ Ferner sollte man an die im Jahre 1487 von Pero de Covilhä, der im Auftrag des portugiesischen Königs Joäo auf dem Landweg nach Indien gereist war, nach Lissabon geschickten Karten denken. In seinem Begleitschreiben ermutigt er den König auf das Lebhafteste, die Fahrt um Afrika zu betreiben, welche, nach seiner Versicherung, nur mit geringen Gefahren verbunden sei, da das Kap in Indien gut bekannt sei. Die beigefügte Karte habe er von einem Araber in Indien erhalten, auf ihr sei das Vorgebirge nebst allen rings um das Kap liegenden Küstenorten verzeichnet.^

meist angenommen

1 s. GAS Bd. XI, S. 358-359; s. noch u. [Menzies-Kritik] S. 133f. (vor Anm. 30). 2 R. Hennig, Terrae incognitae IV, S. 419f.; GAS Bd. XI, S. 360f.

38

EINLEITUNG

Ferner sollen die Karten von Afrika und dem Indischen Ozean er­ wähnt werden, die kurz nach der Rückkehr des Vasco da Gama von seiner ersten Expedition durch mehrere Kartenmacher wie Alberto

Cantino, Nicolo di Canerio, Vesconte M aggiolo u.a. in Umlauf ge­

bracht wurden. D ie Frage, ob die Vorlagen dieser

Karten von Vasco

da Gama nach Europa gebracht wurden oder schon vor ihm von ande­

ren eingeführt worden waren, muß dahin gestellt bleiben. Allerdings haben auch hier manche Kartographiehistoriker in Unkenntnis der großen Leistungen des arabisch-islamischen Kulturkreises zur Verlegenheitserklärung gegriffen, daß die fraglichen Karten aufgrund von Vasco da Gama selbst erhobenen Daten gezeichnet worden seien. Wiederum handelt es sich aber um derart hochentwickelte, fast perfek­ te Karten, w ie sie nur unter günstigen Bedingungen vor Ort im Laufe einer langen Zeit und mit Unterstützung mathematisch geschulter Nautiker hergestellt werden können. Die kartographische Erfassung einer derart großen und komplexen Region w ie dem Indischen Ozean kann nicht im Rahmen einer Expedition erfolgt sein. Viele der frühesten Karten, die seit den portugiesischen Expedi­ tionen in Europa in Erscheinung getreten sind, zeugen von einem ursprünglich allen zugrunde liegenden Gradnetz, welches den indi­ schen Subkontinent, Südostasien, teilw eise sogar Korea umfaßt haben muß. Es erstaunt besonders, daß die den Nam en des Italieners Alberto Cantino tragende Karte,^ die als die früheste nach der Rückkehr da Gama's von seiner ersten Expedition gilt, eine der Wirklichkeit derart nahe kommende Darstellung Afrikas bietet. D iese Karte besitzt keine Breitenskala, jedoch Distanzmaßstäbe, eine Äquatorlinie und Linien für die beiden Wendekreise. Der Vergleich mit einer modernen Karte zeigt, daß diese Breitenlinien exakt richtig durch Afrika, die Arabische Halbinsel und Indien gezogen sind. Die west-östliche Ausdehnung Afrikas am Äquator und die Breitendifferenz zw ischen dem Äquator und dem Kap der Guten Hoffnung sind auf der Cantinokarte fast gleich, während die modernen Werte 33°30' und 34°30' betragen. D ie Distanz an der Äquatorlinie zw ischen der Ostküste Afrikas und dem Meridian von Kap Comorin an der Südspitze Indiens beträgt bei Cantino nur etwa ein halbes Grad mehr als der moderne Wert (35°).^ D ie eminent

wichtige

einer Längendifferenz quer über den Indischen Ozean durchgeführt wurde, ist meines W issens bisher von niemandem gestellt, geschwei­

Frage, w ie bzw. von wem diese nahezu korrekte Messung

' s. GAS Bd. XII, Karte 191, S. 270. 2 Ebd. Bd. XI, S. 399.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

39

ge beantwortet worden. Es ist in der Geographiegeschichte eine be­ kannte Tatsache, daß bis Ende des 17. Jahrhunderts in Europa kein auch nur einigermaßen brauchbares Verfahren zur Bestimmung von Längendifferenzen bekannt war. Mit dem Verfahren des Zeitvergleichs bei beobachteten Mondfinsternissen hätte eine derartige Genauigkeit nicht erzielt werden können, außerdem hätte seine Durchführung lan­ ge Zeit und äußerst aufwendige Vorbereitungen erfordert. Zunächst hätten die Breitengrade der beiden Schnittpunkte der Äquatorlinie mit der Küste des Ozeans im Westen und Osten sehr genau bestimmt wer­ den m üssen. Dann hätte man bei einer bevorstehenden Mondfinsternis zw ei Teams an den beiden Meßpunkten organisieren müssen, die mit

genau gehenden Uhren das Zeitintervall zwischen dem Auftreten der Finsternis im Osten und Westen gem essen hätten, woraus die Längendifferenz zu ermitteln gewesen wäre. Die ersten portugiesi­ schen Seefahrer hatten weder die Zeit noch die Ausrüstung, derartige M essungen vorzunehmen. Nach ihren eigenen Angaben haben sie im Indischen Ozean Karten mit Längen- und Breitengraduierung, hoch- entwickelte Kompasse und weitere Navigationsinstrumente vorgefun­ den.^ D ie m uslim ischen Nautiker, die diese Karten und Instrumente all­ täglich benutzten, frappierten die Portugiesen mit ihren Kenntnissen. Dank der ausgereiften Verfahren zur Ermittlung von Distanzen auf

zum Meridian

und parallel zum Äquator (Längendifferenz) war der Indische Ozean zu jener Zeit bereits nahezu vollständig mathematisch kartiert. Dies schließt die exakte Bestimmung von transozeanischen Distanzen zw ischen Ostafrika und Asien ein, wobei besonders Strecken paral­ lel zum Äquator auffallen, die reine Längenbestimmungen sind. Die Entstehung einer Karte w ie der Cantino's, ganz gleich, ob sie vor oder nach der ersten Reise Vasco da Gama's gezeichnet wurde, ist ohne diese Vorbedingungen undenkbar. Wie weit die in ihrer Werkstatt in Europa arbeitenden Kartenmacher sich an die ihnen vorliegenden Originale gehahen haben, ist kaum zu beurteilen. Allem Anschein nach haben sie sich bei der Auswahl und Montage von Teilkarten auf ihre Intuition verlassen. Nur so können Phänomene w ie der völlig mißgestaltete, w eit in den Süden ragende, sogenannte Drachenschwanz Südostasiens au f der Cantinokarte erklärt werden. Das beste Zeugnis für das hohe Niveau der im Laufe von Jahr­ hunderten entwickelten Kartographie im und um den Indischen

See au f meridionalem Kurs (Breitendifferenz), schräg

s. GAS Bd. XI, S. 323-336, 349-403.

40

EINLEITUNG

Ozean bilden die erhaltenen Teilkopien des Javanischen A tlasses/ der den Portugiesen bei der Eroberung von Malakka im Jahr 1511 in die Hände viel. D iese Teile wurden nach eigener unzweideutiger Angabe des Eroberers Alfonso de Albuquerque von dessen Pilot Francisco Rodrigues mit Hilfe eines nicht genannten Javaners ins Portugiesische übersetzt und sodann König Emanuel I. (gest. 1521) geschickt. Diesem exemplarischen Fall wurde in der Kartographiegeschichte meines Erachtens nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Die er­ haltenen Teile des Atlasses zeigen eine fast perfekte Küstenlinie von Afrika und Südasien. D ie Darstellung der Insel Madagaskar hat bis ins 19. Jahrhundert hinein als Vorlage für alle weiteren (wenn auch de­ formierten) Karten gedient. Erst in der zw eiten Hälfte des 19. und im 20. Jahrhundert konnte sie noch in einigen Details verbessert werden. Sehr bedeutsam ist ferner, daß der Javanische Atlas eine Darstellung der Küstenlinie Brasiliens von 6°30' bis 27° südlicher Breite und etwa 15° in der Länge beinhaltet.^ D iese K üstenlinie kommt der Wirk­ lichkeit beachtlich nahe. Besonders die realistische Wiedergabe der Längenverhältnisse erweckt den Eindruck, daß sie aufgrund fach­ männischer M essungen und vor Ort durchgeführter astronomischer Beobachtungen entstanden ist (s.u.S. 148). Sie bezeugt denselben Geist einer ganz selbstverständlich mit Längen- und Breitengraden arbei­ tenden Kartographie, der die anderen Teile des Atlasses geprägt hat. An der Tatsache, daß der Atlas ursprünglich javanisch geschrieben und von den Portugiesen wegen seiner für sie unbekannten kartogra­ phischen Qualität übersetzt und nach Lissabon gesandt wurde, läßt sich nicht rütteln. Allerdings kann nicht völlig ausgeschlossen werden, daß kleinere Teile später, als Ergänzung oder Ersatz verlorengegange­ ner Teile, die von auffällig geringerer Qualität sind, in Portugal hinzu­ gefügt wurden. Das Zeugnis Albuquerque's möchte ich nochmals hier in deutscher Übersetzung anfügen, da ich es für eines der bedeutend­ sten Dokumente der Kartographiegeschichte halte. Er schreibt seinem König: "Ich sende Ihnen auch einen Teil der Kopie einer großen, von einem javanischen Piloten gemachten Karte, die das Kap der Guten Hoffnung darstellt, Portugal, das Land Brasilien, das Rote Meer, das Persische Meer, die Gewürzinseln (Molukken), die Segelrouten mit dem direkten Weg von China und Formosa {gores), dem die Schiffe folgen, nebst dem Inneren [dieser Länder], die aneinander angrenzen.

>GAS Bd. XII, Karte 198 a-z, S. 279ff. 2 Ebd. Bd. XI, S. 327ff. 3 Ebd. Bd. XII, Karte 198z, S. 291; s.u.S. 153, Abb. 49.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

41

Es scheint mir, daß dies das Schönste ist, was ich je gesehen habe. Majestät werden sich sehr freuen, sie zu sehen. Die Ortsnamen sind in javanischem Schriftcharakter, ich habe einen Javaner gehabt, der schreiben und lesen kann. Euer Majestät schicke ich diesen Teil, den Francisco Rodrigues nach der Vorlage kopiert hat, in dem Euer Majestät werden selbst sehen können, woher die Chinesen und die Bewohner von Formosa (gores) kommen, welcher Route Eure Schiffe zu folgen haben, um zu den Inseln der Gewürznelken zu gelangen, wo die Goldminen liegen, die Inseln Java und Banda (bamdam), die Insel der Muskatnüsse und Muskatblüte, das Reich Siam, das Kap der Chinesen, das sie umschiffen müssen, wo sie kehrtmachen und über das sie nicht hinausfahren. Das Original ist mit der Frol de la Mar (beim Schiffbruch) verloren gegangen. Mit dem Piloten und Pero de Alpoim zusammen habe ich den Inhalt dieser Karte diskutiert, um sie Euer Majestät klar darstellen zu können. Diese Karte ist sehr ge­ nau und bekannt, w eil sie bei der Seefahrt benutzt wird. A uf ihr fehlt das Archipel der Inseln, die Selat (celate) genannt werden (zwischen Malakka und Java)."^ Ob dieser Atlas, der den Portugiesen in die Hände fiel, tatsächlich ja­ vanisch beschriftet war oder damit die Herkunft gemeint war, tut nichts zur Sache. D ie Existenz eines solchen Atlasses in einem seit längerer Zeit der islamischen Welt zugehörigen Milieu ist nach dem heutigen Stand unserer Kenntnis über die arabisch-islamische Kartographie, mathematische Geographie und Astronavigation keineswegs überra­ schend. Daß der Atlas, der in portugiesischer Übersetzung erhalten ist und den größten Teil der Ökumene in Form von Seekarten enthält, in javanischer Sprache oder Schrift verfaßt war, ist ein Zufall und bedeu­ tet nicht, daß die zugrunde liegende Kartographie in Java entstanden wäre. Unzweifelhaft repräsentiert dieser Atlas ein relativ fortgeschritte­ nes Stadium der Entwicklung einer weitläufigen, arabisch-islamischen Tradition, die im Laufe von Jahrhunderten entstanden war, ihrerseits basierend auf dem Erbe anderer Kulturen, besonders der griechischen. Daß ein derartiger Atlas praktisch am äußersten Rand der islamischen Welt kursierte, sollte m.E. als Zeichen dafür verstanden werden, daß das Interesse an Karten in dieser Kultur seinerzeit so groß war, daß sie sich öfter in kurzer Zeit in die entferntesten Regionen verbreiteten, insbesondere wenn es sich um Zentren des Handels und der Seefahrt handelte. Leider sind diese Karten, bis auf einen sehr geringen, zufäl­ lig erhaltenen Rest verloren gegangen.

s. GAS Bd. XI, s. 328.

42

EINLEITUNG

A ls letztes Beispiel für eine Dank portugiesischer Redaktion über­ lieferte kartographische Darstellung des Indischen Ozeans aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis sei noch eine Karte angeführt, die den Namen Jorge Reinei trägt und aus den Jahren 1519-1520 stam­ men soll. Die besondere Bedeutung dieser Karte liegt darin, daß sie außer einer Breitenskala eine graduierte Äquatorlinie besitzt, wenn diese auch noch nicht beziffert is t/ A u f dieser Karte beträgt die Längendifferenz zw ischen der Ostküste Afrikas und der Westküste Sumatras auf dem Äquator ca. 57° (der heutige Wert beträgt 56°50'). Eine derart exakte M essung von Längendifferenzen wäre in Europa theoretisch gegen Ende des 17. Jahrhunderts über die Beobachtung von Jupitertrabanten m öglich geworden, ist in der Praxis aber erst im 19. und 20. Jahrhundert ausgeführt worden. Im arabisch-islami­ schen Kulturkreis hingegen wurden Längenm essungen auf See mit­ tels Triangulation^ durchgeführt, die eine entsprechende Genauigkeit erreichten. Daten aus erhaltenen arabischen Nautikbüchern des 9./15. und 10./16. Jahrhunderts erwiesen sich als mit den korrespondieren­ den modernen Werten weitgehend deckungsgleich.^ Im Jahre 1897 hat W ilhelm Tomaschek aufgrund der beschränk­ ten, ihm damals zugänglichen Daten von arabischen Nautikern 15 Teilkarten des Indischen Ozeans skizziert und sie mit einigen durch die Portugiesen überlieferten Karten verglichen und dabei demonstriert, w ie weitgehend sie sich ähneln.'^ Etwa ein dreivier­ tel Jahrhundert nach Tomaschek's Versuch konnte der französische Kapitän H. Grosset-Grange, sich auf in der Zwischenzeit ans Licht geförderte Materialien stützend, in einer breit angelegten Skizze zei­ gen, daß die von den arabisch-islamischen Nautikern ermittelten und beschriebenen Konfigurationen in ihren wesentlichen Dimensionen mit der modernen Karte, von geringfügigen Abweichungen abgese­ hen, konvergieren.^

Vergleichen wir

auf dem

Äquator

die Distanzen zw ischen Ostafrika und Sumatra

auf einer

europäischer

relativ

großen

Auswahl

' GAS Bd. XII, Karte 199b, S. 293. 2 Ebd. Bd. XI, S. 211-219.

3 Ebd. Bd. XI, S. 216.

M. Bittner, W. Tomaschek, Die topographischen Capitel des indischen Seespie­

gels Mohtt

Wien 1897; Nachdruck in: Islamic Geography Bd. XVI, S. 129-254.

GAS Bd. XI, S. 420-426; XII, Karten 209 a-y, S. 319-333. 5 GAS Bd. XI, S. 22If.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

43

Weltkarten aus mehreren Jahrhunderten,^ stellt sich heraus, daß der schon im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts mit Karten aus dem ara- bisch-islamischen Raum übernommene, sehr realistische Wert 57° noch bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein sehr uneinheitlich etwa zw ischen 45°-65° schwankt. Dies deutet daraufhin, daß europäische Kartenmacher sich jahrhundertelang auf beliebige Vorlagen stützten, ohne deren Genauigkeit beurteilen zu können. Seit dem deutlichen Bruch um 1560-61 mit den Karten, die un­ ter dem Namen von Ptolemaios in Um lauf waren, blieb die mit der Weltkarte der geographischen Kommission des Kalifen al-Ma’mün erreichte Längenerstreckung des Mittelmeers von 52° oder 53° bis ge­ gen Ende des 17. Jahrhunderts der meistbeachtete Richtwert für neu herzustellende Karten der alten Welt. Obwohl das stark korrigierte Bild des M ittelmeeres seit der Wende des 7./13. zum 8./14. Jahrhundert in Europa durch die sogenannten Portolankarten weit verbreitet war, scheint die Reduktion seiner großen Achse auf 44°, die inzwischen im arabisch-islamischen Kulturkreis vorgenommen worden war, nicht ins Bewußtsein der europäischen Kartographen gelangt zu sein. In diesem Zusammenhang scheint mir eine Äußerung des berühmten Kartographen W. Janszoon Blaeu in einem Brief an W. Schickard aus dem Jahre 1634 sehr aufschlußreich: "Was du über die Länge zw ischen Alexandria und Rom bemerkt hast, so habe ich nach den Beobachtungen unserer Landsleute beim Seefahren immer gemeint, daß es so sei, daß in der Tat ganz Europa zu lang dargestellt wur­ de "' Auch Johannes Kepler, der selbst im Jahre 1627 eine umfangrei­ che Ortstabelle zusammengestellt hat, kannte nur die erste, von den Ma’müngeographen realisierte Längenkorrektur des Mittelmeeres um 10° gegenüber Ptolemaios. Diese Korrektur hat Kepler von Gian Battista Ramusio (gest. 1557, s.o.S. 33) übernommen, aber irrtüm­ lich nur auf den westlichen Teil des Mittelmeeres bezogen und den östlichen Teil, w ie bei Ptolemaios, um 10° zu lang belassen. Dieses Mißverhältnis erscheint nicht nur auf seiner Ortstabelle, sondern auch in der verzerrten Darstellung des Mittelmeeres auf der den Namen von Kepler tragenden Weltkarte, die sein Freund Philipp Eckebrecht 1630 entworfen hat.“*

>GAS Bd. XI, S. 94-99.

2 Ebd. Bd. XI, S. 129.

3 Ebd. Bd. XI, S. 122.

“ Ebd. Bd. XI, S. 124; Bd. XII, Karte 99, S. 166.

44^

EINLEITUNG

Rezeption arabisch-islam ischer K arten seit Sanson und Olearius

Nachdem Gastaldi, Ortelius und Mercator in ihren Asienkarten mit der ptolemaiischen Tradition gebrochen hatten, hat es - abgesehen von Nordeuropa - bei der Dim ensionierung und der kartographischen Form markanter Teile der alten Welt bis zur M itte des 17. Jahrhunderts keine wesentlichen Fortschritte gegeben. Ein Vergleich von einigen hundert erhaltenen europäischen Weltkarten aus jener Zeit führt uns zu die­ ser Feststellung - die Varianten erschöpfen sich im Dekorativen oder dem planlosen Hin- und Herschieben des Westrandes der Ökumene (da der Nullmeridian der arabisch-islamischen Quellen noch immer unbekannt war) im das Kartenbild einrahmenden äußersten Kreis des Gradnetzes. Erst der französische Hofkartograph N icolas Sanson d'Abbeville (1600-1667) erreichte mit seiner letzten Asienkarte eine qualita­ tiv neue Ebene. Etwa ein Dreivierteljahrhundert nachdem Abraham Ortelius das Geheimnis der verblüffenden neuen Asienkarte seines Kollegen Gastaldi mit der Benutzung von Abu 1-Fidä”s Buch geogra­ phischer Koordinaten zu erklären versucht hatte, präsentierte Nicolas Sanson im Jahre 1654 seine Teilkarte der arabischen Halbinsel unter einer an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassenden Überschrift,

derzufolge sie aus al-Idrisi (der irrtümlich als Nubier bezeichnet wird)

und (anderen)

arabischen Quellen geschöpft sei. D ie Darstellung des

"Tatarenlandes" (Sibirien) verdankt er, eigenen Angaben zufolge, teil­ weise Karten, die nach Reiseberichten und verschiedenen zeitgenössi­ schen arabischen Verfassern hergestellt worden waren. Sanson hatte zunächst in den Jahren 1650, 1651, 1654 verschiedene Versionen von Asienkarten erstellt,^ die noch ganz in der Tradition Gastaldi's ste­ hen und keine nennenswerten Neuerungen enthalten. 1659 (hsg. 1669) legte er jedoch eine Asienkarte^ vor, die - nicht nur im Vergleich mit seinen Vorgängern und Zeitgenossen, sondern auch seinen eigenen, noch wenige Jahre zuvor angefertigten Karten - eine sprunghafte Verbesserung der Darstellung von Asien zeigt. Zwar lagen auch vielen der früheren Karten Gradnetze mit dem von arabischen Geographen definierten Nullmeridian 28°30' westlich von Toledo zugrunde (etwa der Asienkarte Gastaldi's), aber durch die Einarbeitung von Teilkarten, denen andere Nullmeridiane zugrunde lagen, wurde die Konvergenz mit der Hauptquelle häufig wesentlich gestört. Im Gradnetz der neuen

>GAS Bd. XI, S. 117. 2 Ebd. Bd. XII, Karte 118a-b, S. 186-187. 3 Ebd. Bd. XII, Karte I18d, S. 189.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

45

Karte Sanson's jedoch stimmen alle Orte konsequent mit den Angaben der arabischen Vorlagen überein.^ Die Untersuchung der Karte zeigt allerdings, daß sie keineswegs den fortgeschrittensten Stand, der seinerzeit in der arabisch-islamischen Kartographie erreicht worden war, widerspiegelt, sondern die erste beste Darstellung Asiens, die Europa erreicht hat.^ Der Fortschritt besteht also nur darin, daß sich N. Sanson auf untereinander konvergente Vorlagen aus dem islamischen Kulturkreis verlassen hat. Es ist in der Kartographiegeschichtsschreibung nicht gebührend be­ achtet worden, daß ein Zeitgenosse Sanson's, der deutsche Gelehrte Adam Olearius aus Gottorp (1599-1671), fast zur gleichen Zeit, nämlich im Jahr 1655 eine Karte des Iran und Anatoliens in Europa zugänglich gemacht hat. D ie besondere kartographiehistorische Bedeutung liegt hierbei in der unzweideutigen Angabe von Olearius, daß er die besagte Karte aus zw ei originalen Teilkarten übertragen und zusammengefügt habe. Olearius weilte als M itglied einer deutschen Handelsdelegation vom 30. XII. 1636 bis zum 20. III. 1637 in Schamachia (Kaukasus), wo er bei einem aus dem Hedschas stammenden Gebetsrufer namens Halil, der über "etliche Stücke entworffener particular Land-Charten" sowie "die longitudines und latitudines locorum fast über gantz Asiam" ver­ fügte,^ die beiden Teilkarten kennenlernte. Die Untersuchung der Karte ergibt, daß die Längen- und Breitengrade der darin eingezeichneten Orte völlig deckungsgleich sind mit den korrespondierenden Werten in arabisch-islamischen Koordinatentabellen, deren Nullmeridian 28°30' westlich von Toledo liegt, und daß auch hier nicht der damals letzte Stand der kartographischen Erfassung der Region wiederge­ geben ist, sondern Vorlagen benutzt wurden, die vermutlich aus der Zeit zw ischen dem 7./13 und 9./15. Jahrhundert stammten. Das Studium dieser leider vernachlässigten Karte hätte in der Karto­ graphiegeschichtsschreibung viele unergiebige Diskussionen ersparen können. Ferner scheint mir die Reaktion von Olearius' Freunden und Kollegen an der Leipziger Universität sehr beachtenswert zu sein, die ihm verübelten, daß er "wider aller Geographorum bißher gehabte Meynung" verstoße, und die nicht verstehen wollten, "warumb er in Legung der persischen Landtaffel und sonderlich der Caspischen

' GAS Bd. XI, s. 120f.

2 Ebd. Bd. XI, S. 118-121.

3 A. Olearius, Vermehrte Newe Beschreibung der Muscovitischen und Persischen

Reyse

Accounts, Bd. 3-4), S. 434; s.a. GAS Bd. X, S. 400.

2 Bde. Schleszwig 1656 (Nachdruck: The Islamic World in Foreign Travel

46

EINLEITUNG

See von den weltberühmten alten Geographis PtolemiEO, Strabone, Dionysio Alexandrino und ändern abgangen"/ Daß nach 'den Alten' (Griechen) in der Kartographie noch irgendwelche Fortschritte erzielt

worden wären -

- hielt man offenbar nicht für m öglich. Olearius berichtet auch, daß er

und gar noch im

arabisch-islamischen Kulturkreis

gelegentlich die Koordinaten auf den ihm vorliegenden Karten durch eigene Messungen überprüft und für richtig befunden habe.^ Damit können freilich nur Breitenm essungen gem eint sein. Mitte des 17. Jahrhunderts war das Problem der Längenbestim mung in Europa noch längst nicht gelöst. D ie Bearbeitungen europäischer Kartenmacher jener Zeit weisen zwar oft sorgfältige Graduierungen auf, aber der Ursprung der Koordinaten war unbekannt.^

Reformationsversuche der Kartographie

Es dauerte jedoch nurmehr zw ei Jahrzehnte, bis in der Geschichte der europäischen Kartographie endlich der Durchbruch zur Herstellung ei­ ner direkten Verbindung zw ischen Karten und den ihnen zugrundelie­ genden Längenmessungen gelang. Mit Jean Dom inique Cassini (1625- 1712), Leiter der von Ludwig XIV. gegründeten Sternwarte in Paris, wurde ein neues Verfahren zur Ermittlung von Längendifferenzen in der mathematischen Geographie wirksam. D ieses basiert auf der Verfinsterung der Jupitertrabanten, die Galilei im Jahre 1610 mit dem damals neu erfundenen Teleskop entdeckt und deren Bedeutung für das Problem der Längenm essung er auch bereits erkannt hatte. Erst Cassini gelang es allerdings nach jahrelangen Bemühungen, diese Methode mit vollem Erfolg anzuwenden."* Gegen Ende der siebziger Jahre des 17. Jahrhunderts entstand so bei Cassini und seinen Kollegen an der Academie fran9aise die Hoffnung auf eine gelungene Karte Frankreichs, von der ausgehend "durch proportionale Verkürzung oder Änderung der größeren Landmassen die ganze Weltkarte zu kor­ rigieren"^ wäre. Aufgrund des Prinzips der proportionalen Verkürzung zeichneten Cassini und seine Kollegen auf den Boden der Pariser Sternwarte eine monumentale Weltkarte, das Planisphere terrestre, welches in einer

>Olearius, a.a.O., Vorrede S. 8^ GAS Bd. X, S. 398. 2 Ebd. S. 434, S. 401. ^ J. Lelewel, Geographie du moyen äge. Epilogue S. 230; GAS Bd. XI, S. 138. -'s. GAS Bd. XI, S. 139. ^Chr. Sandler, Die Reformation der Kartographie um 1700, München, Berlin 1905, S. 6b.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

47

verkleinerten Version im Jahre 1694 oder 1696 von Cassini's Sohn Jacques unter dem Titel: Planisphere terrestre suivant les nouvelles observations des astronom es publiziert wurde. ^ Zweifellos stellt die von Cassini und seinen Kollegen geschaf­ fene neue Weltkarte einen M eilenstein in der Entwicklung der eu­ ropäischen Kartographie dar. Interessant ist allerdings die von den Kartographiehistorikern bisher übergangene Frage nach dem Verhältnis der neuen, mit dem Verfahren der Jupiterbeobachtung ge­ wonnenen Daten zu den generell wenig beachteten Ortstabellen aus dem arabisch-islamischen Raum bzw. den dazu gehörigen, verloren gegangenen Karten. Selbstverständlich wurden ja nicht sofort sämt­ liche Koordinaten auf der ganzen Welt neu gemessen, sondern aus den in Frankreich und wenigen ausgewählten Orten durchgeführten

M essungen ein Korrekturmaßstab für vorhandene

abgeleitet. D ieser Frage bin ich mittlerweile nachgegangen.^ Nach der Ansicht, die ich dabei gewonnen habe, fanden Cassini und seine Mitarbeiter die Längenangaben der ihnen vorliegenden Karten (die auf ursprüng­ lich im arabisch-islamischen Kulturkreis erarbeiteten Karten basier­ ten) generell etwa 3-5° zu groß im Vergleich mit den neuen, nach der Jupitertrabantenmethode stichprobenartig ermittelten Werten. Dementsprechend verkleinerten sie die übernommenen Werte in W irklichkeit keineswegs proportional (d.h. je weiter im Osten der Ort liegt desto mehr), sondern rückten lediglich sämtliche Längengrade aller Punkte der alten Welt einige Grade nach Westen, was einer Korrektur des Nullmeridians gleichkommt. Ohne es zu ahnen, sind

die französischen Akademiker damit auf eine Tatsache der mathe­ matischen Geographie und Kartographie im arabisch-islamischen

Kulturkreis gestoßen, nämlich daß das Gradnetz der jüngeren Karten

insgesam t in seiner west-östlichen Ausdehnung D ie Distanzen zw ischen den einzelnen Städten

den aber auch nach der neuen Methode weitestgehend bestätigt, so daß eine proportionale Verkürzung sich also erübrigte. Als Beispiel sei der den arabischen Tabellen entnommene Wert von Bagdad (80°) angeführt. Er war um 3°30' zu groß. Die Differenz zur Längenangabe, z.B. für die Stadt Amul, beträgt aber auf den meisten Tabellen seit dem 7./13. Jahrhundert 7°20' und ist also nur 22' größer als der m o­ derne Wert (6°58'). Die Distanz zwischen Bagdad und Bardasir ergibt

Längenpositionen

3-5° zu groß erscheint. und Landmarken wur­

' GAS Bd. XII, Karte 103, S. 168. 2 Ebd. Bd. XI, S. 141-145,

48

EINLEITUNG

12°30', was genau dem modernen Wert entspricht. D ie Distanz zwi­ schen Bagdad und Multan ist m it 27°35' nur 25' größer als der moder­ ne Wert (27°10'). In den im Jahr 2000 erschienenen Bänden X (S. 413-424) und XI (S. 129-156) habe ich versucht, die mir vorschwebende Verbindung der Bestrebungen von Cassini und seiner Arbeitsgruppe - welche in der Geschichte der Geographie als entscheidende Reform der Kartographie betrachtet werden - mit im arabisch-islamischen Kulturkreis längst verwirklichten Leistungen herauszukristallisieren. Unter zahlreichen, in dieser Beziehung sehr aufschlußreichen Dokumenten erschien mir die Persienkarte des französischen H o fkartographen Guillaume Delisle von 1724 eines der interessantesten.^ D ie Koordinaten von etwa 60 Orten aus seiner Karte habe ich m it den korrespondierenden Werten aus arabischen, persischen und türkischen Tabellen, welche seit der Wende des 7./I3. zum 8./14. Jahrhundert sehr weitgehend korrigierte

Längengrade liefern, sowie den heute gültigen Werten verglichen. Da die arabisch-islamischen Tabellen und die Delislekarte unterschiedli­ che Nullmeridiane haben, berücksichtige ich jew eils die Differenz zur Länge Bagdad's - die in den Tabellen mit 80° angegeben wird und bei Delisle 62°20' beträgt. D ie sich ergebenden Längendifferenzen zei­ gen, daß Delisle, in der Tradition der Pariser Sternwarte stehend, das Gradnetz seiner Vorlage blockw eise übernommen hat. D ie weitgehen­ de Übereinstimmung der Längendifferenzen, zusam m en mit weiteren toponymischen und topographischen Anhaltspunkten, hat mich zur Überzeugung gebracht, daß D elisle in seiner Karte eine Vorlage aus

dem arabisch-islamischen Kulturkreis

dergibt, welche die jüngste damals erreichte Entwicklungsstufe der kartographischen Erfassung der Region repräsentierte. Ich möchte an dieser Stelle nur zw ei besonders auffällige Indizien herausgreifen:^ Die ost-westliche Ausdehnung des Kaspischen Meeres zw ischen Derbent und Astarabad beträgt auf Delisle's Redaktion der Persienkarte 4°35'.

Genau dieser Wert wurde spätestens zur Zeit von Nasiraddin at-Tüsi (aktiv um 669/1270) ermittelt und erscheint seither in Ortstabellen ara­ bisch-islamischer Provenienz. Er ist 1°36' kürzer als der heute gültige (6°1Γ);^ die gem einsam e Abweichung von der modernen Karte kann wohl kein Zufall sein.

in französischer Version w ie­

>GAS Bd. XII, Karte 141b, S. 220f.

2 Ebd. Bd. X, S. 420.

3 Ebd. Bd. X, S. 420.

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ÜBERSICHT

49

D as zw eite Indiz liefert uns die korrigierte Position der Stadt Kandahar, die seit Beginn des 5./11. Jahrhunderts bis in die zweite H älfte des 10./16. Jahrhunderts in den Ortstabellen und folglich auch au f den Karten irrtümlich ca. 7° westlich von Balh eingezeichnet wur­ de.^ D ie letztere Stadt erscheint auf der Karte Delisle's (1724) östlich von Kandahar und mit einer Längendifferenz zu Bagdad von 2Γ10', während die Längendifferenz von Kandahar zu Bagdad 20°55' beträgt. D iese Werte verhalten sich zu denen der damals neuesten arabisch-is­ lam ischen Karten (Sädiq-i Isfahäni, 1057/1647) und zu den modernen Koordinaten w ie folgt:^

AL Bagdad — Balh; AL Bagdad — Kandahar;

Sädiq 21°,

Sädiq 20°50',

modern 22°24'

modern 21 ° 21 '.

D iese Vergleiche liefern uns zwei der besten Argumente für die Annahm e, daß D elisle, von gewissen dekorativen Zutaten viel­ leicht abgesehen, nichts weiter getan hat, als seine Vorlagen mitsamt Gradnetz (und gelegentlichen Fehlern) in seine eigene Sprache zu übertragen. Dabei wurden alle Orte östlich von Bagdad en bloc 3°30' nach W esten verschoben, um dem neu festgelegten Nüllmeridian zu entsprechen. Guillaume D elisle, von dem etwa 100 Karten - darunter 15 W^eltkarten - erhalten sind, hielt es anscheinend nicht für nötig, an der im 17. Jahrhundert gängigen Gepflogenheit vieler Kartographen, ihre Vorlagen auf den neu bearbeiteten Karten kenntlich zu machen, festzuhalten. Nur ausnahmsweise, nach meiner Kenntnis im Falle der Karte der Anrainer des Kaspischen Meeres,^ gibt er solche Auskünfte. In einem seiner Aufsätze“*findet sich der Hinweis, daß er sich bei sei­ ner Darstellung des Schwarzen Meeres nach einer handschriftlich vor­ liegenden, in Istanbul hoch geschätzten Karte gerichtet habe, die J.-B. Fabre (gest. 1702) nach Paris gebracht habe.^

Kartograph seiner

Zeit, der es mit der Erwähnung seiner Quellen nicht so genau nahm. W ohlwollender ausgedrückt, folgte er der alten Tradition, daß jeder

A u f jeden

Fall war Delisle

nicht der einzige

>GAS Bd. X, S. 403ff.

2 Ebd. Bd. X, S. 414, 417.

3 Ebd. Bd. XII, Karten 148 a, S. 229; Bd. X, S. 424. G. Delisle, Determination geographique de la Situation et de l'0tendue des diffe­ rentes parties de la terre in: Histoire de l'Academie Royale des Sciences, annee 1720,

Paris 1722, S. 365-384, bes. 381.

5 s. GAS Bd. X, S. 448.

50

EINLEITUNG

Kartenmacher stillschweigend eine der zahlreichen Karten seiner Vor­ gänger oder Zeitgenossen, die er für die geeignetste hielt, zur Vorlage nahm. In seltenen Fällen war diese Vorlage eine neuerdings aus den Ursprungsländern eingetroffene Karte, die auf diese W eise der europä­ ischen Öffentlichkeit in eigener Redaktion zugänglich gemacht wurde. Delisle's jüngste Persienkarte oder die Schwarzmeerkarte dürften z.B. zu den kartographischen Leistungen der letzteren Kategorie gehören. In diesem Zusammenhang finde ich die Klage des Geographiehisto­ rikers Robert de Vaugondy über seinen Zeitgenossen J.-B. d'Anville (1697-1782) aus dem Jahre 1755 sehr aufschlußreich: "Was den asiati­ schen Teil der Türkei und das Persische Reich betrifft, würden wir ger­ ne die Originale kennen, die die von Herrn d'Anville über diese Länder im ersten Teil seiner [Karten von] A sien gebotenen neuen Materialien liefern. Sie enthalten Details, die anders sind als solche, die man von einem Reisebericht erwarten kann. D ie Topographie, die sie darbieten, kann nur Teilkarten entnommen sein, die vor Ort entworfen wurden und deren Kenntnis für uns zw eifellos sehr nützlich wäre."^ Vaugondy spricht hier zwar nur von Teilkarten aus dem arabisch­ islamischen Raum, die in europäische Übersichts- oder Weltkarten eingearbeitet wurden, aber das bedeutet natürlich keineswegs, daß er die unerwähnt gelassenen Vorlagen seiner Zeitgenossen auf Teilkarten eingrenzen wollte. Von den durch d'Anville übernommenen Karten seien hier en passant zw ei Beispiele erwähnt. Zuerst sei auf die ziem­ lich interessante Darstellung des Urm ia-Sees in seinem Atlas antiquus (erschienen 1784) hingewiesen. Es bedarf keiner großen Anstrengung, diese als Kopie aus der Edition des Gihännumä des osmanischen Gelehrten Häggi Halifa von 1145/1732 oder dessen erhaltener osma- nischer Vorlage (s.u.S. 82) zu identifizieren. D'Anville übernimmt hier alle Einzelheiten einschließlich der türkischen Ortsnamen. Ferner hat er das Gihännumä unter den Hauptquellen seines Buches Eclaircissem ens geographiques sur la carte de VInde von 1753 aufge- führt.^ A ls zweites Beispiel sei die Karte des Roten Meeres (1765) ange­ führt.^ Wie d'Anville selbst sagt,"* stand ihm eine türkische Karte der

' R. de Vaugondy, Essai sur l'histoire de la geographie ou sur son origlne, ses pro- gres et son etat actuel, Paris 1755, S. 385; GAS Bd. X, S. 457. 2 s. GAS Bd. X, S. 511-513. 3 Ebd. Bd. XII, Karte 208, S. 317. '' J.-B. B. dAnville, Memolres sur l'Egypte anclenne et moderne sulvis d'une des­

H ISTO RISCH E ÜBERSICHT

51

nördlichen Hälfte dieser Region zur Verfügung. Diese schien ihm of­ fenbar die geeignetste Vorlage, obgleich sie aus dem 10./16. Jahrhundert zu stamm en scheint. Von ihr hat er auch nach eigenen Angaben den (irrtümlich) zweigeteilt dargestellten G olf von Akaba übernommen. Es ist sehr aufschlußreich und bedeutungsvoll, daß Vaugondy die Leistung d'Anville's - dieses großen, vielleicht sogar größten französischen Geographen mit seinen etwa 211 Karten und um­ fangreicher Begleitliteratur - hauptsächlich darin erblickte, daß er zur Identifizierung mehrerer, von "den Alten" erwähnter geogra­ phischer Punkte beigetragen habe.^ Bei der Verwirklichung die­ ses Zieles gab sich d'Anville nicht damit zufrieden, mittels astrono­ m ischer Ortsbestimmungen anhand einiger markanter Punkte die Zuverlässigkeit der bekannten Vorlagen nachzuprüfen und zumindest einige pauschale Korrekturen anzubringen, w ie es sein Vorläufer G. D elisle getan hatte. Er ging darüber hinaus, indem er für die zum arabisch-islamischen Kulturkreis gehörenden Länder - soweit es ihm m öglich war - außer den Teilkarten auch arabische, persische und tür­ kische Texte geographischen und historischen Inhalts heranzog. Sein Vertrauen in arabische Quellen und Ortstabellen - zu deren Gebrauch er auf vorhandene Übersetzungen angewiesen war - war so groß, daß er sie, wenn sie von anderen, ihm zugänglichen Daten abwichen, stets bevorzugte.^

B ei

seiner

Bearbeitung

der

ihm

vorliegenden Asienkarten be­

schränkte sich d'Anville leider auf die Übernahme der Breitengrade aus arabisch-islamischen Ortstabellen (tables orientaux), da er an­ scheinend die Längengrade wegen des dort 28°30' westlich von Toledo situierten Nullmeridians nicht bewerten konnte.^ D ie von d'Anville begonnene Arbeit, die kartographische Dar­ stellung Indiens und benachbarter Regionen anhand verschiedenster Quellen nachzuprüfen und so weit w ie möglich zu verbessern, führte der Engländer James Rennell (1742-1830) einen wesentlichen Schritt weiter. Zur Bewältigung dieser Aufgabe standen Rennell bereits deutlich mehr arabisch-islamische Teilkarten, historische, geogra­ phische Quellen und Ortstabellen zur Verfügung als d'Anville. Das

cription du Golfe Arabique ou de la Mer Rouge

Geographie. Bd. 256), S. 225,239,242f.; GAS Bd. XI, S. 418f.

Paris 1766 (Nachdruck Islamic

1 s. GAS Bd. X, S. 592.

2 Ebd. 595ff.

3 Ebd. 596.

4 Ebd. S. 602-627.

52

EINLEITUNG

inzwischen von Francis Gladwin in englischer Übersetzung vorgeleg­ te A^m-i A kbarl von Abu 1-Fadl 'Allämi^ (gest. 1011/1602) über die Geschichte und Geographie Indiens verschaffte ihm einen beträcht­ lichen Vorteil gegenüber seinem Vorgänger. Vielleicht war es die­ ses Buch mit seinen umfangreichen Ortstabellen, das Rennell davon überzeugte, daß er sich bei der Erfüllung seiner Aufgabe so weit wie möglich auf die darin enthaltenen Koordinaten verlassen könne. Daß auch hier natürlich die Längenangaben mit gew issen Ausnahmen auf den Nullmeridian 28°30' westlich von Toledo bezogen sind, konnte Rennell wohl nicht w issen, aber er löste das Problem, indem er die zu groß erscheinenden Werte nicht absolut übertrug, sondern für die ihn interessierenden Orte jew eils die D ifferenz zu Aleppo bildete oder von einem virtuellen Nullm eridian durch D elhi nach Westen zählte.^ Der gegen Ende des 17. Jahrhunderts einsetzende Prozeß, die Karten der alten Welt aufgrund neuer, mit der Jupitertrabanten- Methode gem essener Werte zu verbessern, nahm im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts eine enorme Intensität an. Unter vielen weiteren Namen fallen in diesem Zusammenhang, neben den oben erwähn­ ten J.-B. B. dA nville und J. Rennell, diejenigen von zw ei Gelehrten besonders auf - es sind ihre Fachkollegen Carsten Niebuhr (geb. 1733 in Lüdingworth, gest. 1815 in Meldorf, Holstein) und Joseph de Beauchamp (p b . 1752 in Vesoul, gest. 1801 in Nizza). Der erstere hat­ te während einer vom dänischen König finanzierten Forschungsreise zwischen 1761 und 1767 Gelegenheit, die Geographie des osmanischen Asien und westlichen Iran zu studieren.^ D ie von ihm gelieferten Beschreibungen, sowie M essungen von Längen- und Breitengraden betreffend Unterägypten, die arabische Halbinsel, Irak und Kleinasien dürfen als der bedeutendste von Europäern geleistete Beitrag des 18. Jahrhunderts zur Geographie jener Regionen gelten. Außer mit seiner Beschreibung von Arabien^ und der dreibändigen Reisebeschreibung

' udT. Ayeen Akbery or The Institutes o f the Emperor Akber, Calcutta 1783-1786; GAS Bd. X, S. 604. 2 GAS Bd. X, S. 608f.

^ s. O. Peschel, Geschichte der Erdkunde S. 546-550; D. Henze, Enzyklopädie der Entdecker und Erforscher der Erde, Bd. III, Graz 1993, S. 602-612 (dort weitere Li­ teratur).

Nachrichten ab-

gefasset. Kopenhagen 1772; Nachdrucke von D. Henze, Graz 1969 sowie Frankfurt, Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften 1995; französische

Übersetzung Kopenhagen 1773, Paris 1779.

^ Aus eigenen Beobachtungen und im Lande selbst gesammleten

HISTORISCHE ÜBERSICHT

53

nach Arabien und ändern umliegenden Ländern machte er seine M essungen von Längen- und Breitengraden der Öffentlichkeit durch Artikel in verschiedenen Fachzeitschriften zugänglich.^ Der zw eite oben erwähnte Gelehrte, Joseph de Beauchamp, begann m it der Durchführung von geographischen Ortsbestimmungen seit seiner Ernennung zum 'General-Vikar von Babylon' am 21. November 1782, seit 1784 als französischer Konsul in Bagdad, wo er 1786 im Auftrag von Ludwig XVI. eine Sternwarte errichten.^ Ein Jahr später bereiste er den Westen des Iran bis Qazwin, bevor er nach Bagdad zurückkehrte. 1789 zwang ihn die Revolution in Frankreich zur Heimkehr. 1795 wurde er zum französischen Konsul in Maskat er­ nannt, welches er auf dem Weg über Istanbul und Trabzon erreichte. Unterwegs versäumte er nicht, eine Reihe von Messungen der Längen- und Breitengrade durchzuführen."^ Bei der geographiegeschichtlichen Bewertung der Leistung dieser europäischen Gelehrten, die im Zuge einer schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts begonnenen, zweifellos verdienstvollen Revision sich erstmals selbst an der mathematischen Erfassung der Regionen des arabisch-islamischen Kulturkreises beteiligten, fällt deren Unkenntnis bzw. falsche Einschätzung des erstaunlich hohen Niveaus, das die geo­ graphische W issenschaft in fast allen ihren Spezies dort bereits längst erreicht hatte, schwer ins Gewicht.

> Band I und II: Kopenhagen 1774, 1778; Band III: Hamburg 1837; Nachdrucke

von D. Henze, Graz 1968 sowie Institut für Gesch. d. Arab.-Islam. Wissenschaften,

Frankfurt 1994; franz. Übers, von Bd. I-II, Amsterdam und Utrecht 1776,1780.

2 Seine zwischen 1801 und 1803 in der Zeitschrift Monatliche Correspondenz zur

Beförderung der Erd- und Himmels-Kunde (Gotha) veröffentlichten Aufsätze wurden vom Inst. f. Gesch. d. Arab.-Islam. Wiss., Frankfurt, gesammelt und in der Reihe Islamic Geography, Bd. 23, S. 137-211 nachgedruckt. Ihre Titel lauten: Beobachtun­ gen zur Bestimmung der Polhöhe von Alexandrien in Aegypten, Beobachtungen zur Bestimmung der Polhöhe von Kahire. Beobachtungen zur Bestimmung der Länge von Alexandrien in Aegypten. Geographische Ortsbestimmungen in Aegypten. Längenbe­ obachtungen aufdem Arabischen Meerbusen. Astronomische Beobachtungen an und auf dem Arabischen Meerbusen. Längenbestimmungen auf und an dem Arabischen Meerbusen. Geographische Ortsbestimmungen in Jemen. Geographische Ortsbe­ stimmungen an und aufdem Arabischen Meerbusen, von Sues bis Bab el Mandeb und

Cap St. Antoni. ^ Fr. von Zach, Nachrichten aus Bagdad in: Monatliche Correspondenz zur Beför­ derung der Erd- und Himmels-Kunde (Gotha) 1/1800/62. '' s. D. Henze, Enzyklopädie der Entdecker und Erforscher der Erde, Bd. I, Graz 1978, S. 208-209.

54

EINLEITUNG

Diejenigen Astronomen-Geographen, die bei ihren Bemühungen um eine "Reformation" des überlieferten geographischen Bildes auf die jüngsten im arabisch-islamischen Kulturkreis publizierten Messungen von Längengraden zurückgreifen konnten, erreichten dadurch eine Verbesserung von 1-5° zw ischen dem Westrand von Afrika und dem Ostrand von Asien. Das sowohl auf geographischen Ortstabellen als auch auf Karten aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis auffal­ lende Ansteigen der Fehlerquote von Längenangaben, je weher der

die

spätestens im 5./11. Jahrhundert im W esten des arabisch-islamischen

korrigierte Längendifferenz zw ischen Toledo

D ie Verkürzung der

führte zu der schon erwähnten Verlagerung des Nullmeridians nach Westen. Danach lag Toledo auf 28°30' und Bagdad auf 80°. Die Längenausdehnung des M ittelm eeres reduzierte sich auf ca. 44° ge­ genüber 62-63° bei Ptolemaios und 52-53° in der M a’müngcographie. Bei klein- und mittelräumigen Regionen zw ischen dem Westrand der islamischen Welt und Indien machte sich die ursprünglich ein paar

betreffende Punkt vom Nullm eridian entfernt ist, wurde durch

Kulturkreises auf 51°30' und Bagdad verursacht.

Achse des Mittelmeeres

Grad zu groß geratene Länge nicht bemerkbar.

Sowohl Niebuhr als Beauchamp haben

sicherlich

einige Koordi­

natentabellen aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis gekannt.

Inwieweit sie von diesen Gebrauch gemacht haben, ist mir zur Zeit unbekannt. Es ist überliefert, daß Beauchamp eine "sehr schöne"

Handschrift der Tabelle des Ulug B eg (aus dem 9./15.

im Jahr" 1788 erworben hat.^ Es besteht für mich kein Zweifel dar­ an, daß Niebuhr, Beauchamp und andere europäische Gelehrte unter ihren Zeitgenossen und Nachfolgern, die sich längere Zeit in der is­ lamischen Welt aufhielten, dort einheim ische Karten kennen lernten oder gar in ihren Besitz brachten, ganz abgesehen von den Karten, die in europäischen Übertragungen und Bearbeitungen Vorlagen, wie zum Beispiel die Karte der nördlichen Hälfte des Roten Meeres in der Edition von d'Anville^ und die Irankarte von Guillaume Delisle^. Um einen Eindruck zu vermitteln, in w ie engen Grenzen die von diesen Gelehrten und ihren Zeitgenossen erbrachten Verbesserungen

Jahrhundert)

des kartographischen Bildes der fraglichen Region sich vollzogen, möchte ich im folgenden einige Beispiele anführen. Zuerst möchte

' F. von Zach, Aus mehreren Briefen des Dr. Burckhardt in: Allgemeine Geographi­ sche Ephemeriden (Weimar) 3/1799/179-187, bes. 179. 2 s. GAS Bd. XII, Karte 208, S. 317. 3 s. ebd. Karte 141b, S. 220f.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

55

ich mich mit der von Carsten Niebuhr angefertigten Karte des Roten

M eeres beschäftigen. Zu den ersten Früchten von Niebuhr's mit er­

staunlichem Fleiß und Zielstrebigkeit betriebenen Arbeiten über

die Geographie der arabischen Länder zählen die Karten des Roten

M eeres und des Jemen, welche in seiner Beschreibung von Arabien

veröffentlicht wurden. Ohne auf die bisherigen Einschätzungen in der

Kartographiegeschichtsschreibung, für die ein eventueller Beitrag des arabisch-islamischen Kulturkreises ja generell kaum denkbar ist, ein­ zugehen, sei zunächst festgestellt, daß Niebuhr sich entweder direkt einer arabischen Vorlage oder indirekt einer nach einer solchen ge­ schaffenen europäischen Bearbeitung bedient haben muß. Wenn man von einer Reihe von Skizzen, Lageplänen von Häfen, Festungen etc. an der westlichen Küste des Roten Meeres absieht, die der Portugiese Joäo de Castro während seines relativ kurzen Aufenthalts im Rahmen seiner drei Reisen im Indischen Ozean zwischen 1538 und 1541 an­ gefertigt hatte,^ ist mir zur Zeit an europäischen Bearbeitungen vor Niebuhr nur die Karte des Roten Meeres von J.-B. B. dAnville be­ kannt.'* D ieser hatte seine Karte aufgrund einer ihm zur Verfügung stehenden osm anischen Vorlage, welche den nördlichen Teil des Roten

M eeres bis nach Dschidda erfaßte, sowie zweier ihm im Jahre 1740

zugänglich gewordener Karten, einer englischen und einer französi­ schen (datiert 1734), hergestellt.^ Aus seinen Äußerungen geht hervor, daß er der osm anischen Karte den Vorzug einräumte und die beiden europäischen Karten nur berücksichtigte, weil jene nicht das ganze

Rote Meer umfaßte. D ie Vermutung d'Anville's, daß der oben erwähn­

te Joäo de Castro dieselbe osmanische Karte benutzt habe, ist nicht

nur deshalb von großer Bedeutung, w eil sie für die Bewertung von de Castro's Skizzen die Voraussetzung schaffen könnte, sondern vor allem, w eil sie einen Terminus ante quem für die letztere im Jahre 1541 liefern würde. Freilich war diese Karte keineswegs die letzte, ge­ schweige denn einzige kartographische Darstellung des Roten Meeres,

die im arabisch-islamischen Kulturkreis entstanden ist. D ie Frage, inwieweit Niebuhr aufgrund selbst ermittelter Daten die ihm vorliegende Karte hätte verbessern können, ist schwer zu beant-

>A.a.O., S. 358, 433. 2 s. GAS Bd. XI, S. 413f. 3 Ebd. S. 414. 4 Ebd. S. 417-419. ^J.-B. B. dAnville, Memoires sur l'Egypte ancienne et moderne (Nachdruck/i/am/c Geographie, Bd. 256); GAS Bd. XI, S. 418.

Vorwort S. llf.,

56

EINLEITUNG

Worten. Jedenfalls konnten die Korrekturen nicht sehr beträchtlich sein. Vor allem muß man die Tatsache im Auge behalten, daß Niebuhr's Messungen und Beobachtungen am Roten Meer ausschließlich auf dessen Ostküste beschränkt waren und er mit der Westküste über­ haupt nicht in Berührung kam. Er kann deshalb auch schwerlich eine Verbesserung hinsichtlich der ost-westlichen Ausdehnung des Meeres erzielt haben, da er neue Längenpositionen allenfalls auf der östlichen Seite ermittelt haben kann. In diesem Zusammenhang ist es äußerst wichtig, daß er sich, w ie berichtet wird,^ bei der Bestimm ung der ost­ westlichen Ausdehnung des Golfes von Akaba auf die Auskunft von Einheimischen verließ, daß sich die Leute dort von Ufer zu Ufer etwas Zurufen könnten. Niebuhr hat wohl an mehreren markanten Punkten der Ostküste Breitenmessungen durchgeführt und die Ergebnisse für seine Karte verwendet. Außerdem hat er einige Küstenstrecken vermessen und ihre Ausrichtung bestimm t, jedoch hielt sich auch der Umfang dieser Arbeiten in bescheidenen Grenzen. Selbst einem so unbeirrbaren und fleißigen Arbeiter w ie Niebuhr kann man wohl

zur Bearbeitung der standen, die ca. 2000

km der Ostküste des Roten Meeres vollständig zu vermessen und auf dieser Basis die vorliegenden Karten grundlegend zu revidieren. Wenn man seine und die moderne Karte im Computer übereinander­ projiziert, ebenso die von dA nville und die moderne Karte, schließ­ lich Niebuhr und dA nville (s. Abb. Nr. 6- 8, S. 57-58), gewinnt man eine Vorstellung von den Ähnlichkeiten und Abweichungen dieser Karten untereinander. Allerdings hat Niebuhr Längengrade bei der Kartierung des Roten Meeres nicht berücksichtigt und seine Karte daher ungraduiert gelassen. D ie Breitengrade von 42 Orten hat er je­ doch auf der linken Seite der Karte tabelliert, diese kommen fast alle der Wirklichkeit sehr nahe. Ohne Niebuhrs Verdienst schmälern zu wollen, muß klargestellt werden, daß das Rote M eer für die arabisch­ islamische Welt nicht gerade eine Terra incognita war. Abgesehen von

schwerlich Zutrauen, in zw ei Jahren, die ihm

gesamten arabischen Region

zur Verfügung

Geographen verkehrten dort jahrhundertelang arabische Navigatoren, die das Gebiet wie ihre Handfläche kannten. Die gelegentlich von die­ sen überlieferten Daten, besonders hinsichtlich Breitengraden, zeigen häufig vollständige Übereinstimmung mit heutigen Werten. Hier seien zur Veranschaulichung die Breitengrade einiger Orte aus der Tabelle Niebuhrs denen gegenübergestellt, die sich in den Büchern der beiden arabischen Nautiker Ibn Mägid und Sulaimän al-Mahri aus dem 9./15

' s. O. Peschel, Geschichte der Erdkunde, a.a.O., S. 519, Anm. 2.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

Abb. 6: Vergleich der Karte Niebuhrs (rot) mit der osma- nischen Karte von d'Anville

Abb. 7: Vergleich der Karte Niebuhrs mit der modernen Karte (rot)

57

58

EINLEITUNG

Abb. 8: Vergleich der osmanischen Karte mit der modernen Karte (rot)

HISTORISCHE ÜBERSICHT

59

und frühen 10./16. Jahrhundert finden/ Rechts stehen zur Kontrolle die modernen Werte.

arab. Naut

Aden

12°51'

Mukha

13°18'

al-Luhaiya

15°25'

Ra’s al-Hadd

22°30'

(Ras el Hatba)

Niebuhr

12°40'

13029.

I5°42'

22°03'

modern

12°47'

13°20'

15°44'

22°3V

Im Jahre 1897 konnte W. Tomaschek bei seiner Untersuchung des ihm damals zur Verfügung stehenden Materials, welches ihm erlaub­ te, nach Angaben arabisch-islamischer Quellen Kartenskizzen für große Teile des Indischen Ozeans zu rekonstruieren, feststelien, daß die Fehler der Breitengrade bei den arabischen Nautikern in den gut bekannten Regionen meist weniger als 30' betragen.^ A ls ein weiteres Beispiel für Art und Umfang der von europäischen Gelehrten im späten 18. Jahrhundert geleisteten Verbesserungen des kartographischen Bildes von Teilen des arabisch-islamischen Kulturkreises möchte ich nun die Beiträge von Joseph de Beauchamp zur Entwicklung der Kartographie des Schwarzen und des Kaspischen Meeres näher betrachten. Wie oben (S. 53) erwähnt, nutzte er die Gelegenheit seiner Reise nach Maskat, wohin er 1795 als ernannter Konsul unterwegs war, Stationen in Istanbul, Trabzon und Erzurum einzulegen und geographische Messungen durchzuführen. A uf dem Hinweg ermittelte er allerdings nur die Längendifferenz von Istanbul zu Trabzon mit 10°41'15"; nach einem Aufenthalt in Trabzon reiste er nochmals nach Istanbul und bestimmte dabei die Längen von zw ölf weiteren Punkten an der südlichen Küste des Schwarzen Meeres.

' s. G. R. Tibbetts, Arab Navigation in the Indian Ocean before the Coming of

the Portuguese

Herstellung eines Seekartogramms anhand der Angaben in den arabischen Nautiker­ texten in; Journal for the History of Arabic Science (Aleppo) 4/1980/23-47, bes. 39f.; GAS Bd. XI, S. 196f. 2 s. GAS Bd. XI, S. 165. 2 (Fr. von Zach), Beauchamp's Reise von Constantinopel nach Trapezunt im Jah­ re 1797 in: Allgemeine Geographische Ephemeriden (Weimar) 12/1803/171-191, bes.

London 1971, S. 413, 421, 440, 444; R. Wieber, Oberlegungen zur

,

173.

60

EINLEITUNG

Breitengrade gibt er allerdings nicht für alle an.^ Im Vergleich sei­ ner Daten mit den korrespondierenden Werten im modernen Atlas zeigt sich, daß sie der Wirklichkeit sehr nahe kommen. Vergleichen wir Beauchamp's Werte mit entsprechenden Koordinaten aus der kleinen geographischen Ortstabelle des osm anischen Astronomen Taqiyaddin Muhammad b. Ma'rüf (gest. 993/1585), wird ersichtlich, daß Beauchamp in einigen Fällen dem ersteren gegenüber gewisse Fortschritte erzielt hat. Der Nullm eridian verläuft bei Taqiyaddin im Atlantik (32° westlich von Greenwich) und bei Beauchamp durch Paris (2°20' östlich von Greenwich).

Ort

Taqiyaddin

 

Länge

Breite

Eregli

63°00'·’

31°00'

41°30’

Bartin

64°00'

32°00’

41°30'

(Partinae)

Sinop

69°30'

37°30'

41°30'

 

***

Trabzon

71°50'

39°50'

40°50

Länge

29°5’

29°54'

32°49'

3701 g,

Beauchamp

L umgcr*

Breite

31°25'

41°52'

32°14’

35°09'

42°02'

39°38'

41°03'

heutiger Wert

Länge

Breite

31°26'

4Γ17'

32°20'

41037.

35°09'

42°02'

3 9 0 4 3 ,

41°00'

* Diese Spalte gibt die Länge umgerechnet nach dem modernen Nullmeridian durch Greenwich. ·· In der bekannten jüngeren Handschrift Istanbul, Kandilli Rasathanesi 441, S. 73, steht die Zahl 67°, die ich für korrupt halte. ··· In der Handschrift Kandilli 40°30’.

Beauchamp hat mit seinen Koordinaten für relativ lange Zeit gültige Anhaltspunkte gegeben für die Korrektur der südlichen Küstenlinie des Schwarzen Meeres, w ie sie auf den sich der W irklichkeit bereits nähernden Darstellungen aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis etwa seit dem 7./13. Jahrhundert erschien und in der Osmanenzeit eine gew isse weitere Entwicklung durchlaufen hatte. Unter den er­ haltenen Karten aus dem fraglichen Zeitraum sind mir zur Zeit nur wenige bekannt, die graduiert sind und uns dadurch ermöglichen, uns eine Vorstellung zu machen, w ie die jüngste in der islamischen Welt erreichte Stufe der Entwicklung der Karte des Schwarzen Meeres aus­ gesehen haben könnte. Dazu gehört die im Jahre 1137/1725 in Istanbul

' Franz de Paula Triesnecker, Über die Ungewißheit einiger astronomischen Fix­ punkte bei der Entwerfung einer Karte von Persien und der asiatischen Türkey, Prag 1804 (Nachdruck in: Islamic Geography Bd. 23, S. 223-260), S. 27f

HISTORISCHE ÜBERSICHT

61

von Ibrahim Müteferrika gedruckte Karte, deren Vorlage verschollen ist^ (s. Abb. 9, S. 62).

D iese oder eine sehr ähnliche Karte wurde von Jean-Baptiste Fabre (geb. gegen 1650, gest. 1702) nach Paris gebracht. Guillaume Delisle sagt über sie, daß sie in Istanbul sehr geschätzt würde, was offenbar als die höchste Empfehlung angesehen wurde. Daher hat er sie zweifellos als Vorlage für seine eigene Schwarzmeerkarte benutzt. Dabei ist auch

D elisle angibt, die Sumpfgebiete, welche

ans Asow sche Meer grenzen, einer Karte entnommen zu haben, die im Auftrag des russischen Zaren während der Eroberung des Gebietes herausgegeben worden war. Die Gegend liege auf dieser Karte bei 47° nördlicher Breite, also etwa 4°30' südlicher als auf den 'gewöhnlichen'

Karten {Jes cartes ordinaires). Aus diesen Äußerungen kann man schließen, daß die von Fabre nach Paris gebrachte Karte graduiert war und hinsichtlich der Breitengrade mit der modernen Karte praktisch identisch war. Wir können mit Sicherheit davon ausgehen, daß Beauchamp spä­ testens während seines langen Aufenthaltes in Istanbul zur Kenntnis einer osmanischen Karte des Schwarzen Meeres und weiterer im ara­ bisch-islamischen Kulturkreis entstandener Karten gelangt ist. Ver­ gleichen wir die Karte des Schwarzen Meeres, welche im Jahre 1803 in Weimar angeblich "nach den Bestimmungen des Bürgers Beauchamp" herausgegeben wurde (s.u.S. 63, Abb. 10), mit der im Jahre 1137/1725 in Istanbul gedruckten osmanischen Karte (s.u.S. 64, Abb. 12) und dem modernen Atlas (s.u.S. 63, Abb. 11), vergleichen wir außerdem die osmanische Karte mit der modernen (s.u.S. 65, Abb. 13), wird klar, daß der in Weimar erstellten Karte eine osmanische Karte di­ rekt oder indirekt zur Vorlage gedient haben muß, da Beauchamp's M essungen bei weitem nicht ausgereicht hätten, die Südküste des Meeres vollständig kartographisch zu definieren, ganz abgesehen von der Gesamtkonfiguration. Daß eine solche osmanische Karte in den Kreisen der europäischen Kartographen im späten 18. Jahrhundert bekannt gewesen ist, bekräf­ tigt auch das folgende Zitat: "Nach einer türkischen Karte vom schwar­ zen Meere, welche zu Constantinopel im Jahre der Hegira 1137 das ist 1725 nach Chr. Geb. gedruckt wurde, liegt dieser Ort [Trebizonde = Trabzon] über einen halben Grad in der Länge fehlerhaft, und in der

von großem Interesse, daß

s. GAS Bd. X, S. 448, 458ff.; Bd. XII, Karte I55a, S. 234.

62

EIN LEITU N G

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HISTORISCHE ÜBERSICHT

63

Abb. 10: Karte von F. von Zach aus Abhandlungen über die

geographische Lage und wahre Gestalt des Schwarzen Meeres,

Weimar 1803

Abb. 11: Vergleich der Karte von F. von Zach (Weimar 1803)

mit der m odernen

Karte (farbige Linie)

64

EINLEITUNG

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HISTORISCHE ÜBERSICHT

65

6 6

EINLEITUNG

Karte des russischen Reichs im Jahr 1776 von Trescot^ und Schmid^ herausgegeben geht der Fehler gar auf anderthalb Grade. Des Jesuiten P. de Beze Angabe (Mem. de l'Acad. de Paris, 1699 p. 85) ist ganz und gar falsch, und um 7 '/2 Grad zu groß. Hieraus kann man sich einen B egriff von dem Zustande der Geographie in diesen Ländern machen, und dabey die Wichtigkeit und das Verdienst der Bemühungen des Br. Beauchamp um die Erd- und Länderkunde würdigen und schätzen lernen." Dieses Urteil stammt von dem Kartographen F. von Zach^ (1754-1832), der sich selbst um die Korrektur der kartographischen Darstellung des Schwarzen Meeres aufgrund einiger neu gewonne­ ner "astronomisch- geographischer Punkte", und mittels "Reduction, Interpolation und Combination der angezeigten Karten und Quellen"

große Verdienste erworben hat."* Leider muß ich ihm trotzdem ein un­ genügendes Urteilsvermögen bei der historischen Bewertung der von früheren Generationen ererbten Errungenschaften Vorhalten. Anstatt sich zu fragen, wie die osmanischen Kartographen dazu gekommen sind, eine vollständige, graduierte Karte des Schwarzen Meeres zu erstellen, dessen Längenpositionen auf einen halben Grad genau sind, während die europäischen und russischen Karten, mit denen er sie in einen Topf wirft, weit gravierendere Fehler aufweisen, ob­ gleich sie zw eifellos auch von (weniger fortschrittlichen) Karten aus dem arabisch-islamischen Raum abhängig waren, läßt er willkürlich

die

Beauchamp's beginnen. D ie osmanische Karte bzw. ihre verschollene Vorlage, die

sozusagen

ernstzunehmende

Kartographie mit den Messungen

freilich

noch nicht in jedem Punkt die Perfektion der uns bekannten moder­ nen Darstellung erreicht hatte, scheint mir direkt - durch das um 1700 nach Frankreich gebrachte Exemplar - oder indirekt - über dessen eu­ ropäische Bearbeitungen - die Grundlage aller im 18. Jahrhundert in Um lauf gekommener, anspruchsvoller kartographischer Darstellungen des Schwarzen Meeres zu sein. Erst die nach und nach regional durchgeführten Messungen und astronomischen Beobachtungen seit

*gemeint ist Ivan Truskot, s. GAS Bd. X, S. 523. 2 gemeint ist Ja. F. Schmidt, s. GAS Bd. X, S. 468. ^ Geographische Ortsbestimmungen des Bürgers Beauchamp im griechischen Archipelagus und aufder südlich-asiatischen Küste des schwarzen Meeres in; Allge­ meine Geographische Ephemeriden (Weimar) 1/1798/124-126, bes. 126. F. von Zach, Abhandhmgen über die geographische Lage und wahre Gestalt des schwarzen Meeres in: Allgemeine Geographische Ephemeriden (Weimar) 2/1798/24- 35, bes. 25, 32.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

67

der verdienstvollen Unternehmung von Beauchamp im Jahre 1798 brachte gew isse weitere Verfeinerungen. Die Berücksichtigung der von ihm erzielten Korrekturen an Längen- und Breitengraden für die südliche Küste des Schwarzen Meeres, welche sich auf dreizehn Kardinalpunkte bezogen, haben die Darstellung des Küstenverlaufs gegenüber der osmanischen Karte minimal weiter gebracht. Sie haben indes bei einigen zeitgenössischen Kartenmachern sogar Verwirrung ausgelöst und Verzerrungen des Kartenbildes bewirkt, da diese sich bei Entwurf und Montage ihrer Karten, ohne Kriterien dafür, wel­ che der ihnen zur Verfügung stehenden Vorlagen der Wirklichkeit näher kam, ganz auf ihre Intuition verließen. Dieser Sachverhalt sei hier anhand von zw ei Karten, die im Gefolge von Beauchamp bzw. der osm anischen Karten Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden, ver­ anschaulicht. D ie erste ist die oben bereits erwähnte Karte aus dem Jahr 1803, die Fr. von Zach^ nach Beauchamp angefertigt hat (s. Abb.

10, S. 63), die zw eite ist die Karte des Schwarzen Meeres der russi­ schen Akadem ie in St. Petersburg von 1804 (s. Abb. 14, S. 68 ).^ Beide Karten sollen sowohl mit der modernen als auch mit der osmanischen

verglichen werden. A uf diese Weise soll

eine Vorstellung vermittelt werden, wie der Entwicklungsprozeß der kartographischen Darstellung des Schwarzen Meeres zu Beginn der neuen Epoche verlief. D ie in St. Petersburg "aufgrund der neuesten Beschreibungen und astronomischen Bestimmungen" im Jahre 1804 entworfene Karte beur­ teilte ihr Rezensent C. G. Reichard kurz nach ihrem Erscheinen und im Hinblick aufeine die Karte begleitende "Note des Kaiserl. Chartendepöts" w ie folgt: "Vorstehender in ächtwissenschaftlichem Geiste abgefaß­ ter und eine vollkommene Kenntniß der Mappirungskunst vorausset­ zender Aufsatz überzeugt uns gänzlich von dem großen Werthe die­ ses geographischen Werkes, eines Werkes, welches alle bisherigen von dem Schwarzen Meere weit übertrifft. Auch wenn dieser Aufsatz

Karte des Schwarzen

Meeres

’ F. von Zach, Abhandlungen über die geographische Lage und wahre Gestalt des schwarzen Meeres in; Allgemeine Geographische Ephemeriden (Weimar) 2/1798/24-

35, bes. 25, 32. 2 Carte de la Mer Noire, d'Azofet de Marmora, composee et gravee au Depot Im­ perial des Cartes, en 1804. D'apres les descriptions lesplus recentes et les nouvelles determinations astronomiques des Kusses et des Frangais. St. Petersbourg au mois de Juillet 1804, Rez. von G.G. Reichard in: Allgemeine Geographische Ephemeriden (Weimar) 16/1805/205-225.

^ Carte de la Mer Noire, dA zof et de Marmora

S. 209.

6 8

EINLEITUNG

Abb. 14: Karte des Schwarzen und A sow schen M eeres und des Marmarameeres, Petersburg 1804.

nicht zu unserer Wissenschaft gelanget wäre, so würde uns schon der Gedanke diesen Werth erkennen lassen, daß sie ihren Ursprung einem Ausschüsse der vortrefflichsten Männer, mit allen dahin einschlagen­ den Hülfsmitteln durch kaiserliche Freigebigkeit unterstützt, zu verdan­ ken hat." Der Vergleich dieser Karte des Schwarzen Meeres mit der osma- nischen (s. Abb. 15) und der modernen (s. Abb. 16) ergibt indes, daß sie der ersteren gegenüber zwar gew isse Fortschritte, aber auch etli­ che Verschlechterungen aufweist. Man versteht zum Beispiel nicht, aus welchem Grund die russischen Kartographen (mit "allen dahin ausschlagenden Hülfsmitteln" ausgestattet) die Längenausdehnung des Schwarzen Meeres insgesamt um 1° reduziert haben. Es er­

staunt

sische Astronomen und Offiziere seit etwa 70 Jahren astronomische Beobachtungen und geodätische M essungen durchführten, so unge­ nau dargestellt ist und der Darstellung auf der mindestens hundert

besonders, daß das A sow sche Meer, eine Region, in der rus­

HISTORISCHE ÜBERSICHT

69

Abb. 15: Vergleich der russischen Karte (farbige Linie) mit der osmanischen.

Abb. 16: Vergleich der russischen Karte mit der modernen (farbige Linie).

70

EINLEITUNG

Jahre älteren osmanischen Karte in dieser Hinsicht nachsteht. Auch die Darstellung der Halbinsel Krim ist kein Ruhmesblatt (s. Abb. 17-

18).

Abb. 17: Vergleich der Darstellung des A sow schen M eeres auf der

schen Karte von Müteferrika (1137/1725) m it der m odernen (farbige Linie).

osmani­

Abb. 18: Vergleich der Darstellung des A sow schen M eeres auf der russi­ schen Karte (Weimarer Ausgabe 1805) m it der m odernen (farbige Linie).

HISTORISCHE ÜBERSICHT

71

Einen Teil der Südküste auf der Karte des Schwarzen Meeres, die aufgrund der Daten von Beauchamp entworfen worden sein soll (s. u. Abb. 19), kann mit dem korrespondierenden Teil der nordöstlichen K üstenlinie auf der fünfzehnteiligen Karte (s. u. Abb. 20 und Abb. 21, S. 72), die im von Abu Bakr 'Abdallah b. Muhammad b. Bahräm ad-Dim asqi (1102/1691) verfaßten Supplement zum Gihännumä von H äggi Halifa erhalten ist (s.u.S. 107ff.), verglichen werden. Beim Übereinanderlegen im Computer zeigt sich, daß die Darstellung der K üstenlinie in den betreffenden Abschnitten der osmanischen und der den Nam en Beauchamp's tragenden Karte auffallend kongruent sind, während sie beide in ähnlicher Weise von der modernen Karte abwei­ chen.

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Abb. 19: Vergleich eines Teiles der K üstenlinien der Karte von Beauchamp (W eimar 1803) m it der modernen (farbige Linie).

Abb. 20:

Teil der K üstenlinien der osm anischen Karte aus dem Supplement zum Gihännumä von Abü Bakr b. Bahräm ad-Dimasqi.

72

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Abb. 21: Vergleich eines Teiles der K üstenlinien der Karte von Beauchamp mit der K üstenlinie der osm anischen Karte aus dem Supplement zum Gihännumä

Wie oben angekündigt, möchte ich mich nun noch näher mit

Karte des Kaspischen M eeres beschäftigen. Im Jahre

1801 wurden zw ei Karten des Kaspischen Meeres mit Teilen des Iran und Anatoliens unter den Namen von Beauchamp^ und James Rennell (s.u.S. 73, Abb. 22 und S. 74,iAbb. 23), dem oben (S. 51) erwähnten englischen Geographen (1742-1830), publiziert. Der durch von Zach an- gestellte Vergleich der beiden Karten ergab, daß sie weitgehend über­ einstimmen. Die sich erhebende Frage, w ie genau oder ungenau die beiden Karten sind, konnte freilich von der zeitgenössischen Fachwelt nicht beantwortet werden. Gleichfalls war auch eine realistische hi­ storische Einschätzung der Vorgeschichte dieser kartographischen Darstellung, ihre Entstehung aus relativ jungen osmanischen bzw. persischen Karten, hier ebensowenig zu erwarten w ie im Falle aller anderen Karten. Rennell kehrte nach seinem zw ischen 1763 und 1777 bei der britischen Ostindienkompanie versehenen Dienst als Surveyor General, während dessen er viele Kenntnisse, Kartenmaterial, Tabellen

Beauchamp's

’ Fr. von Zach, Über die bey diesem Hefte befindliche Persische Karte in: Monatli­ che Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmelskunde (Gotha) 3/1801/383-

405,508-513,556-581.

2 s. GAS Bd. X, S. 602-627.

^ Fr. von Zach, Über die bey diesem

Hefte befindliche Persische Karte, a.a.O. S.

392,574; Fr. de Paula Triesnecker, Über die Ungewißheit einiger astronomischen Fix­ punkte, a.a.O., S. 38 (Nachdruck, a.a.O., S. 259).

Abb. 22: Das Kaspische Meer auf der Persien-Karte von Beauchamp

und Quellen über Indien und die angrenzenden Regionen gesammelt hat, in seine Heimat zurück. Da er diese Region persönlich nicht ge­ kannt hat, kommen für seine persisch-kaspische Karte Korrekturen

aufgrund eigener M essungen nicht in Betracht. In welcher Weise die­

Geograph und Kartograph mit

Tabellen, Karten, geographischen und historischen Quellen aus dem islam ischen Kulturkreis umzugehen und sie anhand der wenigen, von seinen Zeitgenossen neu ermittelten Längen- und Breitengrade zu kontrollieren und bewerten pflegte, wird aus seiner Arbeit an der

ser gew issenhafte und unermüdliche

74

EINLEITUNG

Abb. 23: Das Kaspische M eer auf der A sien-A frika-K arte

von Rennell.

Indienkarte^ sow ie seinem Treatise on the C om parative G eography o f Western Asia^ ersichtlich. Was Beauchamp betrifft, so w issen wir, daß er während seines kurzen Aufenthaltes in Westpersien im Jahre 1787 die Längen- und Breitengrade von Isfahan und Kaswin (Qazwin) neu ermittelt und dabei sehr gute Ergebnisse erzielt hat.^ Zu seinen frühesten Beobachtungs­ ergebnissen gehören dagegen die Längengrade von Aleppo, Diyarbakir

' s. GAS Bd. X, S. 602ff. ^Accompanied with an Atlas o f Maps, Bd. I, London 1831. ^Fr. de Paula Triesnecker, Über die Ungewißheit einiger astronomischen Fixpimkte, a.a.O., S. 17-21 (Nachdruck, a.a.O., S. 238ff).

HISTO RISCH E ÜBERSICHT

75

und einer Reihe von Orten im Irak, die noch einige Ungenauigkeiten aufweisen. Besondere Kopfschmerzen hat Kartographiehistorikern die von Beauchamp angegebene Länge für Izmir (Smyrna) von 54°48' bereitet^ (der moderne Wert beträgt 27° 10')· Diese beträchtliche Abweichung ist mit großer Wahrscheinlichkeit daraufzurückzuführen, daß Beauchamp den Wert aus den Koordinatentabellen des Nasiraddin at-Tüsi oder Ulug Beg übernommen hat (er beträgt dort 54°45')^ ohne zu berücksichtigen, daß der zugrunde liegende Nullmeridian 28°30' west­ lich von Toledo verläuft. Wenn wir auch Fr. de Paula Triesnecker^ in seiner Geringschätzung der von Beauchamp durchgeführten Längen- und Breitenmessungen nicht ganz folgen und dessen Leistung w e­ sentlich höher schätzen, bleibt es uns doch nicht erspart, uns darüber Gedanken zu machen, welcher Vorlagen er und Rennell sich bei der Erstellung dieser Karten bedient haben. In dem Zeitraum zwischen der letzten von Guillaume Delisle 1724 herausgegebenen Karte des Iran mit dem Kaspischen Meer und den Arbeiten von Beauchamp ist bis­ her kein Versuch bekannt, die Darstellung der betreffenden Regionen aufgrund neuer astronomischer Beobachtungen nachzuprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Nach meiner Vermutung dürften die Vorlagen von Rennell und Beauchamp entweder Übersichts- oder Teilkarten aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis gewesen sein oder deren europäische Bearbeitungen. Daß auch die oben erwähnte

Karte von G. D elisle zu diesen europäischen

persischer Vorlagen zu zählen ist, habe ich in Bd. XI, S. 146-56 zu erklären versucht. In der Tat könnte man im ersten Moment versucht sein anzunehmen, daß Beauchamp und Rennell sich in ihren 1801 ver­ öffentlichten Karten des Iran und des Kaspischen Meeres auf Delisle gestützt hätten. D ie nähere Untersuchung zeigt aber, daß auch eine andere Vorlage im Spiel gewesen sein muß. Besonders die verbes­ serte Darstellung des Kaspischen Meeres, des Van- und Urmia-Sees auf den beiden jüngeren Karten nötigen zu dieser Annahme. Soweit meine Kenntnisse und das mir zur Verfügung stehende Material es erlauben, komme ich zu dem Schluß, daß sowohl Beauchamp als auch Rennell die von ihrem älteren Zeitgenossen J.-B. B. d'Anville (s.o.S. 55) vermittelte kartographische Darstellung benutzt haben. Gemeint

Bearbeitungen arabisch­

' Fr. de Paula Triesnecker, a.a.O., S. 37-38 (Nachdruck S. 258-259).

^ s. E.S. und M.H. Kennedy, Geographical Coordinates, a.a.O., S. 297 (s.v. Samar- na, versehentlich 45°38'35"; Angaben sind zu korrigieren und zu Smyrna, S. 329, zu stellen).

^Fr. de Paula Triesnecker, a.a.O., S. 39 (Nachdruck, a.a.O., S. 260).

76

EINLEITUNG

ist seine im Jahre 1754 publizierte Karte des Kaspischen Meeres (s. Abb. 24, S. 77) sowie die Darstellung der Seen Van und Urmia auf

A tlas antiquus Danvillianus,^

deren hier erreichte Darstellung bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts

maßgeblich blieb. D ie Darstellung dieser Gewässer bei Rennell und Beauchamp ist praktisch deckungsgleich damit. D'Anville veröffent­

lichte die kaspische Karte unter dem Titel E ssai d'une nouvelle carte

Caspienne, ohne zu erwähnen, welche Vorlage(n) er benutzt

hat. Freilich ist damit nicht die Behauptung aufgestellt, er habe die Karte vor Ort oder gar als erster geschaffen. Er folgte vielmehr der al­

ten Tradition der Kartenmacher, bei der es keineswegs um Ursprungs­ und Urheberrechtsfragen ging, sondern darum, eine eigene Redaktion der Öffentlichkeit zu übergeben, deren Motivation oft rein kommer­ zieller Natur war oder die aufgrund eines Auftrags erstellt worden war, manchmal unter dem Namen des Bearbeiters, manchmal ano­ nym. In diesem Zusammenhang möchte ich nochmals an das von R. Vaugondy im Jahre 1755 zum Ausdruck gebrachte Bedauern darüber erinnern, daß auf den Karten seines K ollegen dA nville die verwende­ ten Vorlagen nicht ausgewiesen seien (s.o.S. 50). Im Jahre 1777, etwa 23 Jahre nach ihrer Publikation, kam dAnville schließlich dazu, seine Kollegen von der Akadem ie über seine Arbeit an der Karte des Kaspischen Meeres zu unterrichten, u.d.T. Memoire sur la M er Caspienne.^ Nachdem er die wenigen ihm bekannten Karten des Kaspischen Meeres zur Sprache gebracht und beanstan­ det hat, gibt er an, daß einige handschriftliche Fragmente in einem Portefeuille der königlichen Bibliothek zu Paris (heute Bibliotheque nationale de France) ihn in die Lage versetzt hätten, seine Karte zu­

stande zu bringen.^ Der Grund, weshalb er seine Vorlage als Konvolut handschriftlicher Fragmente ausgibt, liegt m eines Erachtens darin, daß er den Eindruck vermeiden wollte, er habe sich einer der zahlreichen im Um lauf befindlichen gedruckten Karten bedient. Daß unter den

handschriftlichen

Fragmenten nicht geographische

Reisenotizen oder Ähnliches zu verstehen sind, sondern Karten, geht aus den folgenden Ausführungen dAnville's hervor. So ergibt seine Bemerkung, daß auf der Vorlage der süd-östliche Teil des Kaspischen Meeres nicht eckig, sondern abgerundet dargestellt sei w ie auf der

seiner Karte L'Euphrate et le Tigre im

de la m er

Beschreibungen,

' Nürnberg 1784. 2 in: Histoire de l'Academie Royale des Sciences (Paris) 1778, S. 368-381. 3 Ebd. S. 368.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

77

Abb. 24: Karte des Kaspischen M eeres von d'Anville,

Essai d'une nouvelle carte de la mer Caspienne.

78

EIN LEITU N G

Karte des russischen Zaren/ nur einen Sinn, wenn er eine gezeich­ nete Karte vor sich hatte. Ferner sei d'Anville's Anmerkung zu dem sich auf seiner Karte südöstlich des Emba-Golfes (Mertvoi, Ölü Deniz = die Tote See) nach Süden meridional erstreckenden Rüssel zitiert:

"Dem Verfasser [i.e. d'Anville] scheint diese Bucht die alte Mündung des Syr-Darja zu sein". Ein ähnlicher "Rüssel" existiert auch auf mo­ dernen Karten, aber er erstreckt sich nach Osten, nicht nach Süden. Die falsche Darstellung mit dem Verlaufnach Süden erscheint auch auf einigen späteren Karten; es läßt sich zur Zeit nicht genau feststellen, w ie alt sie ist.^ Die Vermutung von dA nville, daß sie wahrscheinlich auf die Darstellung bei Ptolemaios zurückgeht, trifft auf jeden Fall nicht zu; der Syr Darja hat sein Wasser zu keiner Zeit in das Kaspische Meer ergossen. Wir brauchen die Beispiele nicht zu vermehren. Wie aus seinen Äußerungen zu entnehmen ist, standen dA nville zur Beurteilung der Realitätsnähe der neuentdeckten kartographischen Materialien nur folgende bereits bekannte Karten zur Verfügung; Die phantasievolle, dem englischen Asienreisenden Anthony Jenkinson (London 1562) zugeschriebene Rußlandkarte,^ die von Olearius (1637) ins Latein übersetzte persische, die angeblich von den Forschern der zaristischen Akademie geschaffene (1720), diejenige von Guillaume Delisle (1723) sowie die astronomischen Ortstabellen des Nasiraddin at-Tüsi, Ulug Beg und des TaqwTm al-buldän von Abu 1-Fidä\ Von allen diesen Karten ließ d'Anville nur diejenige der russischen Akademie"* und die sich angeblich auf diese stützende von Delisle^ gelten. Beide Karten haben allerdings keine Längen-, sondern nur eine Breitengradskalierung. D elisle gibt aber in der Legende seiner Karte die Länge der Stadt Astracan (Astrakhan an der Wolga, in der Nähe der Nordwestküste des Kaspischen Meeres) mit 67° östlich von Paris an^ (tatsächlich beträgt die Differenz weniger als 46°). Die zahlreichen, aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis stammenden Karten des

' "Les morceaux manuscrits qui m'ont 6te utiles, ainsi que je I'ai annonce au com- mencement de ce Memoire, arrondissent cet angle Sud-Ouest, comme il Test aussi dans la Carte du Czar" (ebd. S. 376). 2 s. GAS Bd. X, S. 533-538. 3 s. GAS Bd. XII, Karte 115, S. 183. '‘ s. ebd. XII,No. 171b, S. 248.

5 s. ebd. XII, No. 172a, S. 249

®s. dazu d'Anville, Mimoire sur la mer Caspienne, S. 373; vgl. GAS Bd. X, S. 503.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

79

Kaspischen Meeres,^ von denen wir aus heutiger Sicht feststellen kön­ nen, daß sie der Wirklichkeit häufig näher kamen als die hier in Frage stehenden europäischen, kannte dAnville nicht. Er beschreibt aber deutlich,^ daß er die neu aufgefundene Karte derjenigen der russischen Akademie und der angeblich von dieser abgeleiteten Karte von Delisle gegenübergestellt habe. Dabei kam er zu dem Urteil, daß die russische Karte nicht mehr als eine Art Skizze sei, ein erster Versuch (un pre-

mier trait hasarde). A u f den ersten Blick falle auf, daß ein beträchtli­

ches Mißverhältnis

Darstellung herrsche. D iese Äußerung muß bei einem sachkundigen Leser allerdings die Frage provozieren: Wie konnte dAnville, dem noch keinerlei Längenmessungen nach der Jupitertrabanten-Methode aus dieser Region Vorlagen (ganz zu schweigen von einer gründli­ chen Kartierung), ein solches Mißverhältnis zwischen den betreffen­ den Längendifferenzen feststellen? Wie konnte er außerdem wissen,

daß die Nord-Südachse des Kaspischen Meeres auf der russischen Karte zw ei Grad zu groß geraten war?^ Eine solche Beurteilung der Treffsicherheit anderer Kartographen bei der Darstellung der geogra­ phischen Dim ensionen des Kaspischen Meeres von einem Schreibtisch in Paris, ohne eigene Kenntnis der Region, kann nur als Ausdruck sei­ nes großen Vertrauens in die Angaben und Karten der ihm bekannten arabisch-islamischen Geographen, Historiker und Astronomen ver­ standen werden. Hier sollte an das Beispiel der von dAnville allen an­ deren Karten vorgezogenen, aber unrichtigen Darstellung des Golfes von Akaba auf einer osmanischen Karte (s.o.S. 55) erinnert werden. Wir erhalten von dA nville keine quantitativen Angaben zur west­ östlichen Ausdehnung des Kaspischen Meeres, welches auf der von ihm präsentierten, ungraduierten Karte einem mit modernen Atlanten vertrauten Betrachter ziem lich schmal vorkommt. Die sich zwischen Derbent (L 68°15') und Astarabad (72°25') ergebende Längendifferenz

von 4° 10' ist im Vergleich mit der

dernen Karte (6°1Γ) etwa um ein Drittel zu kurz. Ein Fehler in dieser Größenordnung kann sicherlich nicht von d'Anville selber herrühren. Er erscheint auch auf seiner Karte der alten Welt von 1771 und auf der

zw ischen den Längen- und Breitengraden in jener

entsprechenden Distanz auf der m o­

' s. GAS Bd. X, S. 468-508; XII, Karten 163-173, S. 242-250. 2 D'Anville, a.a.O., S. 380. 3 Ebd. S. 380. Atlas antiquus Danvillianus conspectus tabularum geographicariim 1784, No. 1.

.Nürnberg

80

EINLEITUNG

Persienkarte von D elisle von 1724^ sow ie dessen Kaukasuskarte von 1723" mit ca. 4°35', mit 4°50' bei Rennell und 4°55' bei Beauchamp. Ich halte es für wahrscheinlich, daß diese zu gering gehaltene Längendifferenz zwischen Derbent und Astarabad ursprünglich auf eine arabisch-islamische Karte zurückgeht, denn die zu kurze Distanz

erscheint auf astronomischen Ortstabellen seit dem 7./13. Jahrhundert. D ie Längendifferenz zw ischen diesen beiden Orten, welche die Längenausdehnung des Kaspischen M eeres bestimm en, scheint seit Nasiraddin at-Tüsi (gest. 672/1274) ein paar Jahrhunderte lang als L 89°35' - 85° = 4°35' ungeprüft und unkorrigiert von anderen Gelehrten, Astronomen und Geographen übernommen worden zu sein. Zu einer uns nicht bekannten Zeit muß die Längenposition von Bäb al-Abwäb (Derbent) von 85° auf 83° korrigiert worden sein"'^ und hat unabhän­ gig von dem alten Wert bei Kartographen des arabisch-islamischen Kulturkreises Geltung erlangt. Im Zuge der jüngeren M essung erfuhr auch der Wert für die Breite eine beachtliche Korrektur auf 42°05' und näherte sich damit dem modernen Wert 42°03' weitestgehend an. Im Jahre 1801 bemerkte Friedrich von Zach,^ daß die Lage des Kaspischen Meeres auf der Karte dAnville's um 2°15' nach Osten ver­ schoben ist. Wir können uns heute die naheliegende Vermutung erlau­ ben, daß dabei die oben erwähnten jüngeren Längenmessungen aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis im Spiel waren. Diesen zufolge beträgt die Längendifferenz zw ischen Paris und Derbent nämlich 83°

- 34°20' = 48°40', auf der Karte dAnville's sind es 68°15' - 20° = 48°15';

der heutige Wert beträgt 45°50'. Dem nach scheint es, daß

dAnville

zwei verschiedene Karten des Kaspischen M eeres aus dem

arabisch­

islamischen Kulturkreis als Vorlage benutzt hat: Von der einen hat er die Konfiguration, von der anderen den Abstand vom Nullmeridian

übernommen. Zu den "handschriftlichen Vorlagen", die dA nville in der Pariser Bibliotheque du Roi entdeckt hatte, gehörte nach meiner Vermutung auch eine Teilkarte der Region von Basra im Irak®, welche er bearbeitete und die später, in den Jahren 1783-1784, in Nürnberg

>s. GAS Bd. X, s. 420.

2 Ebd. S. 424ff.

^s. E.S. und M.H. Kennedy, Geographical Coordinates S. 44, 52.

4 Ebd. S. 103.

^ Über die bey diesem Hefte befindliche Persische Karte in: Monatliche Correspon- denz zur Beförderung der Erd- und Himmelskunde (Gotha) 3/1801/383-405, 508-513, 556-581, bes. 400. ö GAS Bd. XII, S. 226, No. 143a.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

81

publiziert wurde.’^Das zugrunde liegende Gradnetz, die Toponymie und die kartographische Darstellung erwecken den Eindruck, daß es sich bei den Vorlagen aus dem Pariser Portfeuille um eine osmanische Karte handelte. D ie früheste uns bekannte gute Darstellung der Seen Van und Urmia auf einer europäischen Karte begegnet uns in der von dA nville redigierten Karte. Wie dAnville seine Vorlagen ediert und die ihm zugänglichen Teilkarten zu größeren Übersichtsdarstellungen montiert hat, wird am Beispiel der aus dem Supplement des Abü Bakr b. Bahräm ad-Dim asqi zum Gihännumä des Häggi Halifa übernom­ menen Darstellung des Urm ia-Sees deutlich (s. u. Abb. 25 und 26).

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Abb. 25: D er Vansee aus dem Nachtrag zum Gihännumä von Abü Bakr b. Bahräm ad-Dimasqi

Atlas antiquus Danvilllanus, a.a.O., No. 9. 2 Vgl. GAS Bd. X, S. 513.

82

EINLEITUNG

Abb. 26: Der Urm iasee aus dem Nachtrag zum Gihännumä von Abü Bakr b. Bahräm ad-D im asqi m it L 79° - 82°; B 36° - 39°

Die Beziehung der zum Beleg meiner Überzeugung, daß auch nach

17.zum 18. Jahrhundertmit der Einführung derex-

akteren Methode zur Längenbestimmung m ittels der Jupitertrabanten begonnenen "Reformation der Kartographie" die arabisch-islamischen Karten sich das ganze 18. Jahrhundert hindurch als unverzichtbare Vorlagen behaupten konnten, angeführten Beispiele zu anderen sowie zu ihren Vorlagen läßt sich folgendermaßen präzisieren:

derum die Wende des

D ie beiden Teilkarten d'Anville's vom Kaspischen Meer und von Mesopotamien, die Teilkarte Beauchamp's (mit dem Kaspischen Meer),

H ISTO RISC H E ÜBERSICHT

83

die Darstellung derselben Region aufder Asien-Afrika-Karte Rennell's^ (s.o. Abb. 22, 23) scheinen sich unterschiedlicher Vorlagen bedient zu haben, die aber ursprünglich alle auf ein Original oder Originale zu­ rückgehen dürften, das oder die die jüngste im arabisch-islamischen Kulturkreis erreichte Entwicklungsstufe in der Darstellung der betref­ fenden Gebiete vermittelten. D ie verdienstvollen, von europäischen Forschern vor Ort vorgenommenen astronomischen Beobachtungen

und M essungen, die von Kartographen in

gesetzt wurden, waren naturgemäß bis zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert noch sehr bescheiden. D ie Vollendung dieser Aufgabe blieb den folgenden Generationen im 19. und 20. Jahrhundert Vorbehalten. Europäische Forscher, die im 18. Jahrhundert zum Zwecke astro­ nomisch-geographischer M essungen in die islamischen Länder rei­ sten, w ie Niebuhr und Beauchamp, haben auf ihren Reisen sicher­ lich Karten mitgeführt, die ursprünglich im arabisch-islamischen Kulturkreis entstanden waren. Diesen Forschern, die auf ihren Reisen die Längen und Breiten einiger Orte neu ermittelten und geodätische Daten sammelten und sie europäischen Kartographen direkt oder in­ direkt vermittelten, muß aufgefallen sein, daß ihre mit den damals fortgeschrittensten Methoden gewonnenen Werte von denen der ih­ nen zur Verfügung stehenden Karten kaum abwichen und bisweilen fast identisch mit diesen waren. Aber die Kenntnis der ca. achthundert Jahre währenden Entwicklung, welche diese Karten im arabisch-isla- m ischen Kulturkreis durchlaufen hatten, fehlte damals selbstverständ­ lich sowohl den vor Ort forschenden als auch den das mitgebrach­ te Material bearbeitenden Kartographen in Europa. Den bei mir in diesem Zusammenhang entstandenen Eindruck möchte ich nicht un­ ausgesprochen lassen, daß den Kartographen im 18. Jahrhundert und danach nicht zu Bewußtsein kam, daß sie es bei der Bearbeitung von Karten, welche die arabisch-islamische Welt und ihre Nachbarregionen betrafen, mit einem Teil der Erdoberfläche zu tun hatten, der kartogra­ phisch viel intensiver bearbeitet worden war als Europa. Zwar begeg­ nen w ir bei dem renommierten Geographiehistoriker Oskar Peschel

19. Jahrhunderts der Klage darüber, "daß man um

die Mitte des 18. Jahrhunderts mehr sichere Ortsbestimmungen aus dem Innern Rußlands und Sibiriens als aus dem deutschen Reiche be­ saß"; aber diese äußerst wichtige Beobachtung zog nur die fragwür-

Europa auf Karten um­

gegen Ende des

' u.d.T. The Twenty Satrapies o f Darius Hystaspes in Asia andAfrica with the Two Scythias, London 1830. 2 Geschichte der Erdkunde S. 674.

84

EINLEITUNG

dige Begründung nach sich, jenes Faktum sei der Vernachlässigung der W issenschaften in Deutschland zu verdanken. Dessen Ursache dürfte indes vielm ehr darin zu sehen sein, daß der Prozeß der ma­ thematischen Erfassung Rußlands und Sibiriens schon viel früher, im Rahmen der seit Jahrhunderten vorangetriebenen mathematischen Geographie im arabisch-islamischen Kulturkreis begonnen worden war und bereits einen hohen Stand erreicht hatte, bevor sich im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts "die darstellende Kunst der Chorographen für Europa ihrem Ende näherte".In diesem Zusammenhang möchte ich daran erinnern, daß Olearius im Jahre 1637 während seines kur­ zen Aufenthaltes in Schamachia im Kaukasus von einem astronomie­ kundigen Gebetsrufer (mu^addin) ein Heft gezeigt bekam, in welchem die Koordinaten von fast ganz A sien registriert waren (s.o.S. 45), und ferner daran, daß eine nach meiner Überzeugung aus dem 7./13. oder 8./14 Jahrhundert stammende Karte, deren Vorlage im arabisch-is­ lamischen Kulturkreis entstanden war, bereits eine der Wirklichkeit sehr nahe kommende Darstellung der nördlichen Hälfte Asiens zeigt (s.o.S. 27f.).

D ie Kenntnis von Längen- und Breitengraden hatte ihren Weg nach Europa bereits im 6./12. Jahrhundert im Rahmen der Rezeption der arabisch-islamischen W issenschaften gefunden. D ie in dieser Tradition angelegten Tabellen von geographischen Koordinaten sind allerdings mit seltenen Ausnahmen bis ins 17. Jahrhundert hinein nicht zum Zweck des Entwurfs von Karten zur Verwendung gekom­ men. Nach der ersten Ermittlung einiger Längengrade in Frankreich durch Jean Dominique Cassini, Jean Picard und Philippe de La Hire im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts mußte noch eine Zeitspanne von mehr als einem dreiviertel Jahrhundert vergehen, bis die Periode der auf astronomischen Beobachtungen und geodätischer Triangulation basierenden Kartographie in Europa beginnen konnte. D iese Arbeit der geographischen Erfassung Europas, die in Frankreich ihren Ausgang genommen hatte, schritt dann zügig voran, bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend dem heutigen Stand entsprechen­ de Übersichtskarten aller europäischen Regionen Vorlagen. Dieser Abschnitt der Kartographiegeschichte wird von O. Peschel^, der ei­ nen wesentlichen Teil der Entwicklung selbst miterlebt hat, aus erster Hand und sehr instruktiv geschildert. Zu dieser Ausführung möchte ich hinzufügen, daß es bis 1859 noch keine Karte von Sizilien gab,

' Geschichte der Erdkunde S. 676. 2 Ebd. S. 673-686.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

85

welche "nach einer allgemeinen Triangulation entworfen"^ wäre. Diese Tatsache veranlaßte den berühmten sizilianischen Gelehrten Michele Amari dazu, sich nach einer Kopie der aus dem Jahre 548/1154 stam­ menden Karte des al-Idrisi (s.o.S. 9£ passim) eine Karte der Insel her- zustellen.^ Leider war ihm die viel entwickeltere Karte der Insel, die der osm anische Nautiker und Kartograph Piri Re’is^ uns liefert, nicht bekannt. N ach meinem Versuch, in der vorliegenden Einleitung dem Leser die in den vorangegangenen Bänden X und XI erzielten Ergebnisse in einer

einigen in den seither verflossenen

Jahren dazu gewonnenen Kenntnissen über den Gegenstand zu ver­ m itteln, möchte ich nun die schwierige Aufgabe angehen, nach den Gründen zu suchen, weshalb die Geschichtsschreibung der Kartographie von den Beiträgen des arabisch-islamischen Kulturkreises ein so arm seliges Bild hat, das dem von mir gewonnenen diametral entgegen steht. D ie Grundzüge des Problems, w ie es sich mir darstellt, sind folgende: A u f der Basis der hauptsächlich aus dem griechischen Kulturkreis im frühen 3./9. Jahrhundert übernommenen kartogra­ phischen Darstellung der Ökumene sowie der von Griechen, Indern und Sassaniden gelernten Ansätze der mathematischen Geographie, die um die Wende des 4./10. zum 5./11. Jahrhundert zu einer selbst­ ständigen D isziplin ausgebaut wurde, entwickelten sich im arabisch­ islam ischen Kulturkreis die Voraussetzungen zur mathematischen Erfassung der Erdoberfläche. D ie Erträge der neuen Disziplin nahmen zunächst im eigenen Kulturkreis bis ins 10./16. Jahrhundert immer weiter an Qualität und natürlich Quantität zu. Die kartographische Erschließung umfaßte ganz Asien, den Indischen Ozean, zumindest die Konfiguration Afrikas, das Mittelmeer, Südeuropa, Küstenlinien von Westeuropa bis zum Süden der Britischen Inseln. Zu den jüng­ sten Früchten dieser Aktivität gehörte mit großer Wahrscheinlichkeit die Ostküste des amerikanischen Kontinents, von der Karibik bis zur später nach Magellan benannten Meerenge. Die im arabisch-islami­ schen Kulturkreis - zu dem einige Jahrhunderte lang auch Spanien, Portugal und Sizilien gehörten - entstandenen Karten fanden vom 5./11. oder 6./12. Jahrhundert an ihren Weg ins christlich beherrsch­ te Europa, wo sie bis zum 18. Jahrhundert maßgeblich blieben. Die

kurzen Übersicht, zusammen m it

' M. Amari und A. H. Dufour, Carte comparee de la Sicile moderne avec la Steile au X lle siede d'apres Edrisi et d'aiitres geographes arabes, Paris 1859, S. 11. 2 s. GAS Bd. XI, S. 35. 3 Ebd. Bd. XII, Karte 39r, S. 88.

8 6

EINLEITUNG

in diesem Zeitraum in Europa entstandenen Karten der genannten Erdteile, und zwar auch die der größten Kartographen wie Gastaldi, Ortelius, Mercator, Sanson und D elisle sind Bearbeitungen bzw. Kopien von Vorlagen, die direkt oder indirekt aus dem arabisch-isla­ mischen Kulturkreis stammten. Der kreative Beitrag der europäischen Kartographie zur Erfassung der betreffenden Regionen setzte erst all­ mählich im 18. und 19. Jahrhundert ein. Nach diesem Überblick w ill ich mich nun dem Kern der von mir beabsichtigten Erklärung zuwenden, nämlich w ie die Geschichts­ schreibung der Kartographie eine so unrealistische und gering­ schätzige Vorstellung von den Leistungen des arabisch-islamischen Kulturkreises annehmen konnte. Es ist mir wohl bewußt, daß ich mich mit meiner im Laufe der letzten zwanzig Jahre gewonnenen Einschätzung der Stellung des arabisch­ islamischen Kulturkreises in der Geschichte der Kartographie von den allgemein verbreiteten Vorstellungen, die ich selbst auch seit meiner Schulzeit mitgetragen hatte, sehr weit entfernt habe. Es ist hier nicht nur die auf fast allen Gebieten der Historiographie der Wissenschaften herrschende Grundanschauung einer "Renaissance"r für die verzerr­ te Darstellung der Entwicklungen verantwortlich, sondern auch die Natur des Faches selbst trägt im Bereich der Kartographie weitgehend Schuld daran. Die graphische Wiedergabe eines, gleichviel ob großen oder kleinen Teils der Erdoberfläche wurde von vorne herein in al­ len Kulturkreisen als Gemeingut betrachtet. Der Name des Verfassers und die Herkunft seines Werkes gingen bei neuen Bearbeitungen, Übertragungen in andere Sprachen und Adaptationen in ande­ ren Kulturkreisen fast immer verloren. Nur selten schien es einem Kartographen, der Werke seiner Kollegen und Vorgänger neu heraus­ brachte oder kompilierte, notwendig oder bedeutsam, die Herkunft seiner Quellen auszuweisen. D ie höchste Stufe in der Geschichte der kartographischen Dar­ stellung der Ökumene, die im griechischen Kulturkreis bekannt war, erreichte den arabisch-islamischen Kulturkreis durch die Karte des Marinos (1. Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr.) sow ie die diese bear­ beitende G eographie des Ptolemaios (2. Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr.) im ersten Viertel des 3.19. Jahrhunderts. Sich auf diese ererbte Leistung stützend brachte die vielköpfige K ommission von Gelehrten, welche der K alif al-Ma’mün versammelt hatte, mit eigenen astronomi­ schen Beobachtungen und geodätischen M essungen die Geographie auf eine neue, wesentlich höhere Stufe im Rahmen der Möglichkeiten ihrer Zeit. Der Ertrag dieser neuen Anstrengung auf dem Weg der kartogra­

IIISTORISCHE ÜBERSICHT

87

phischen Darstellung der Ökumene waren ein Buch der Geographie {K. Sürat al-ard), eine Weltkarte {rasm al-m a’^mür) und zahlreiche

Teilkarten. Ein gew isser

hat vielleicht kurz nach Vollendung des Auftrages ein Tabellenwerk hergestellt, in welchem er die Koordinaten der Weltkarte zusammen­ gestellt hat, so daß man daraus auch nach Verlust der Originalkarten eine weitere, lückenlose Kopie zeichnen kann. Die Tabelle umfaßt insgesamt die Längen- und Breitenpositionen von über 3000 Orten, darunter 539 Städte sowie Berge, Flüsse, Inseln und Küstenlinien, bei letzteren mit Hinweisen auf die je zwischen zwei Positionen lie­ genden Buchten, Kaps usw.^ Aus schwer begreiflichem Grund trägt

dieses Werk einen Titel,^ der dem Inhalt durchaus nicht gerecht wird.

Dem nach soll es aus der

den sein. Abgesehen davon, daß das Buch von al-Hwärizmi ganz an­

ders aufgebaut ist, enthält es auch eine große Zahl von Orten, die bei Ptolem aios nicht Vorkommen. Bei den Orten, die in beiden Büchern aufgeführt sind, unterscheiden sich die Koordinaten vielfach, vor al­ lem sind im arabischen Buch alle Längengradangaben zwischen 2° und 25° kleiner. M öglich ist immerhin, in Ptolemaios einen Vorläufer von al-Hwärizmi zu sehen;^ dieser hatte ja seinerseits, wie gesagt, sein Werk auf das Buch und die Karte des Marinos gegründet. Der Grund, weshalb ich an dieser Stelle auf die Frage der Autorschaft eingehe, liegt darin, daß sowohl al-Hwärizmi als auch die Ma’müngeographie selbst in der arabischen geographischen Literatur häufig unter dem Nam en Ptolem aios zitiert wird. Ähnliche Zitate in arabo-andalusi- schen Werken und ihren europäischen Übersetzungen verursachten die irrige Vorstellung, daß die ptolemaiische Geograp/z/e Europa seit dem 5./11. oder 6./12. Jahrhundert durch ihre arabische Übersetzung erreicht habe."^ Selbst der berühmte Geograph al-Idrisi (verf 548/1154) führt den Titel des Buches unter seinen Quellen an und zitiert es im

Koordinaten aus

Text als G eographie des Ptolemaios.^ Ein Teil der

dem Buch von al-Hwärizmi erscheinen um 1130-1140 in der Tabelle des L iber cursuum planetarum eines gew issen Raymundo aus Marseille.

Abu Ga'far Muhammad b. Müsä al-Hwärizmi

G eographie des Ptolemaios extrahiert wor­

>s. GAS Bd. X, S. 119ff.

2 "Buch des Bildes der Erde mit den Städten und Gebirgen und Meeren und Inseln und Flüssen, das Abu öa'far Muhammad b. Müsä al-Hwärizmi aus dem Buch der Geographie, welches Ptolemaios der Klaudier verfaßt hat, ausgezogen hat."

3 vgl. GAS Bd. X, S. 87ff.

4 Ebd. S. 133

^ Ebd. S. 134.

EINLEITUNG

Nach dessen Angaben soll es sich um Auszüge der Geographie des Ptolemaios handeln/ Trotz dieser Zuschreibung hatten aber weder die aus arabischen Ortstabellen übernommenen, noch die in Europa in dieser Tradition entstandenen Koordinaten Auswirkungen auf die kartographische

Entwicklung in Europa. Erst mit der Übersetzung der ptolemaiischen G eographie ins Lateinische im frühen 9./15. Jahrhundert und besonders seit deren Verbreitung einschließlich neu entworfener Karten im Druck

war die allmähliche Erweiterung

und Korrektur des kartographischen Bildes vollständig auf mehr oder weniger zufällig und sporadisch aus der islam ischen Welt eingeführ­ te Karten angewiesen gew esen. Mit der Übertragung der ptolemai­ ischen Geographie und Verbreitung von danach in Europa rekonstru­ ierten Karten erlitt jener, sich seit dem 6./12. Jahrhundert entfaltende Fortschritt für etwa ein halbes bis dreiviertel Jahrhundert einen ernsten Rückschlag, wenn auch nicht alle der in diesem Zeitraum in Europa w ie Pilze aus dem Boden schießenden Teil- und Übersichtskarten das seinen Namen tragende Weltbild Weitergaben. Ein extremes Beispiel unerschütterlichen Glaubens an die Unfehlbarkeit des Ptolemaios liefert uns der Mönch Bernardo Silvano Ebolensis (aus Eboli) mit

seiner

seit

1477 änderte sich das. B is dahin

Edition der G eographie des Ptolem aios, welche er im Jahre

1490 vorbereitet und etwa 20 Jahre später publiziert hat.^ Er stellte beträchtliche Abweichungen der Angaben bei Ptolemaios zu den ihm bekannten neueren Karten fest, welche er in Bausch und Bogen als Werke von Nautikern betrachtete. Dennoch nahm er die Formen jener Karten in seine ptolemaiische G eographie auf. Der Versuch, sie mit dessen Angaben in Einklang zu bringen, führte naturgemäß zu einer Deformation des Kartenbildes.^ D iese vermeintliche Orthodoxie war allerdings nicht der allein ausschlaggebende Umstand, der uns davon überzeugt hat, daß die europäischen Kartographen seit dem Mittelalter,

während der sogenannten Renaissance und noch Jahrhunderte danach über die Entstehungsorte und -Zeiten der ihnen vorliegenden Karten, über die in diesen erreichten Fort- und Rückschritte und überhaupt über die Vorzüge einer Karte gegenüber einer anderen nichts wissen konnten.

> GAS Bd. X, S.210f.

2 Clavdivs Ptolemasvs, Geographia, Venedig 1511; repr. with an introduction by R.

A. Skelton, Amsterdam 1969. ^ Ebd., Silvanos Vorwort; s.a. J. Lelewel, Geographie du moyen äge, Bd. II, S. 151-

156.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

89

Durch die seit Anfang des 16. Jahrhunderts im Zuge der portugie­ sischen Expeditionen nach Europa gelangenden Karten des Indischen Ozeans und Afrikas ergab sich für die europäischen Geographen nicht nur eine neue Herausforderung, sondern auch neuerliche Verwirrung. Es geschah nicht selten, daß in neu erscheinenden Atlanten und Übersichtskarten erst vor kurzem bekannt gewordene Formen mit denjenigen vermischt wurden, die den Namen des Ptolemaios trugen. D ie Geographen waren offenbar dankbar, daß ihnen neues kartogra­ phisches Material quasi ohne eigene Anstrengung zuwuchs, aber die Frage, w ie und von wem es geschaffen worden war, wurde entweder als irrelevant betrachtet oder sie kam niemandem ohne weiteres in den Sinn. D ie mannigfachen Angaben der portugiesischen Seefahrer selbst und ihrer Historiker darüber, w ie und wo sie in den Besitz ih­ rer Karten gelangt sind, sind leider an den Kartographen jener Zeit spurlos vorübergegangen. Das bereits in anderem Zusammenhang oben (s.o.S. 32ff.) erwähnte Erstaunen des Abraham Ortelius über die gänzlich neu erscheinende Darstellung von Asien im Atlas seines Fachkollegen G. Gastaldi aus den Jahren 1560-1561 und seine - aller­ dings nach heutiger Kenntnis unzutreffende - Erklärung, daß diese Asienkarte in der Tradition des arabischen "Kosmographen" Abu 1- Fidä’ entstanden sein müsse,^ ist bedeutungsvoll. Dies ist ein inter­ essantes Beispiel für die Attitüde der damaligen Kartographen: Der erste Kartenmacher (Gastaldi) gibt, bewußt oder aus Nachlässigkeit, überhaupt keine oder keine richtigen Informationen zur Herkunft sei­ ner Vorlagen. Unsererseits mit Erstaunen sehen wir, daß der zweite Kartenmacher (Ortelius) - einer der bedeutendsten Kartographen des 16. Jahrhunderts - es für möglich hält, allein aufgrund der Angaben von Abu 1-Fidä’ (den er selbst nur dem Namen nach kennt) eine der­ art ausführliche Karte mit bis dahin (in Europa) völlig unbekannten Küstenformationen zu zeichnen, sogleich aber eine weitere, sich mit nur geringen Modifikationen auf das Werk des ersten Kartenmachers stützende Asienkarte in Um lauf setzt. D ie im Europa des 16. Jahrhunderts herrschende bizarre Vielfalt hat schließlich auch begonnen, auf die Kartographen der islamischen Welt eine geheim nisvolle, ja faszinierende Anziehung auszuüben. Selbstverständlich konnten diese von der wahren Herkunft jener Werke, die in europäischen Sprachen eine große Verbreitung zu genie­ ßen begannen, nichts ahnen, noch den Grad ihrer Wirklichkeitsnähe beurteilen. Ein sehr instruktives Beispiel liefert uns die Legende auf

' GAS Bd. XI, S. 77, 103.

90

EINLEITUNG

dem erhaltenen Teil der Weltkarte des osmanischen Seefahrers und

Kartographen Piri Re’is aus dem Jahre 919/1513. Er erwähnt darin 20 Vorlagen, die er zur Herstellung seiner Karte verwendet hat, darunter acht Weltkarten von "Alexander dem Großen" (darunter sind sicherlich

Ptolem aios zirkulierenden Karten zu verstehen),

eine arabische Karte von Indien und vier portugiesische Karten des Indischen O zeans/ Ohne im Einzelnen auf diese Quellen einzugehen, sei gesagt, daß die von Piri Re’is seiner Karte hinzugefügten Legenden zeigen, daß er sich nicht nur über den wahren Ursprung und die geographiehi­ storische Bedeutung seines Materials im Unklaren war, sondern auch

bereit war, sich der zu Beginn des 10./16. Jahrhunderts in den Kreisen europäischer Kartographen entstandenen und sich rasch ausbreiten­ den, fiktiven Vorstellung von einer angeblich von Ptolemaios stam­ menden, sich der Wirklichkeit stark nähernden Darstellung der alten Welt unkritisch anzuschließen und gar die vor und nach den portu­ giesischen Expeditionen in U m lauf gelangten Karten des Indischen Ozeans tatsächlich für das Werk der Europäer zu halten. Diese mit den historischen Tatsachen nicht zu vereinbarende, aus dem dama­

ligen kulturellen

heute die Kartographiegeschichte als Consensus omnium.

die unter dem Namen

Klim a erwachsene Vorstellung dominiert leider bis

Das Erstaunen

eines Historikers der arabisch-islamischen W issen­

schaften, der sich eines Tages bei seiner Arbeit in der Lage sehen wird, über die Gegenstandsbereiche der mathematischen Geographie und Kartographie das zu schreiben, was aus seinen Primärquellen und aus den Studien seiner arabistischen bzw. orientalistischen Vorgänger und Zeitgenossen zu schöpfen ist, über die Divergenz wird groß sein. Die Quellen bieten zusammen mit modernen Studien dazu reiches und aus­ gezeichnetes Material, sie vermitteln ein klares Bild der voll ausgebau­ ten mathematischen Geographie im arabisch-islamischen Kulturkreis, das aber bisher in die allgem eine Historiographie keinen Eingang ge­ funden hat, da es den nicht-arabistischen W issenschaftshistorikern unbekannt geblieben ist. Für den mit der Materie Vertrauten beginnt allerdings bei hinrei­ chend fortgeschrittenem Stadium der Arbeit die Tatsache ins Blickfeld zu geraten, daß die erhaltenen Quellen uns bei der Beantwortung ei­ ner der zentralen Fragen - nämlich, in welchem Umfang, wenn über­ haupt, die im arabisch-islamischen Kulturkreis im Anschluß an die Errungenschaften der M a’müngeographen ermittelten Längen- und

s. GAS Bd. XI, S. 329.

HISTO RISCH E ÜBERSICHT

91

Breitengrade in Karten zur Geltung gebracht wurden - uns nicht son­ derlich weiter helfen. D iese Kardinalfrage der arabisch-islamischen Kartographie wurde auch in den modernen arabistischen Studien bis­ her so gut w ie nicht gestellt. Berichte über entworfene Karten sind in den arabisch-islamischen Quellen sehr spärlich, was zur Folge hat, daß in arabistischen Studien zur Geographiegeschichte im Zusammenhang mit einem m öglichen Einfluß arabischer Karten auf die abendländi­ schen nur der Atlas des al-Idrisi im Verhältnis zu den sogenannten Portolankarten untersucht worden ist. Was die weitere Chronologie der Entwicklung des kartographischen Bildes der Welt betrifft, wur­ den die in unserer Zeit herrschenden Vorstellungen übernommen, ohne ihre Berechtigung in Frage zu stellen. Auch ich gehörte zunächst zu diesen Arabisten. Erst etwa im zehnten Jahre meiner Beschäftigung mit der Materie begann in mir die Überzeugung zu reifen, daß die her­ kömmlichen Vorstellungen nicht richtig sein konnten und daß man sie im Zusammenhang mit dem Prozeß der Rezeption und Assimilation der arabisch-islamischen Wissenschaften im Abendland einer gründ­ lichen Revision unterziehen müsse. D ie Überzeugungen, zu denen ich im Laufe meiner Arbeit gelangt bin, habe ich in den Bänden X, XI und XII der Geschichte des arabi­ schen Schrifttums zu dokumentieren und begründen mich bemüht. Mir ist bewußt, daß eine seit Jahrhunderten in der Kartographiegeschichte verwurzelte Vorstellung nicht ohne weiteres ins Wanken zu bringen sein wird, jedenfalls kaum beim ersten Anstoß. Meinen arabistischen Vorgängern fehlte vor allem eine wesentliche Voraussetzung, um den Gedanken einer über den Idrisi-Atlas hinaus­ reichenden Vorbildfunktion der arabischen Kartographie für Europa, ja sogar wahrscheinlich die ganze alte Welt, fassen und entwickeln zu können, nämlich das notwendige Kartenmaterial; selbst die nahelie­ gende Beziehung zw ischen den in arabisch-islamischen Ortstabellen verzeichneten Koordinaten und den meisten seit dem 16. Jahrhundert in Europa entstehenden Karten wurde übersehen, da trotz verdienst­ voller Leistungen von J.T. Reinaud, A. Sedillot, J. Lelewel und C. Schoy die Arbeiten über die jahrhundertelang in der islamischen Welt gepflegte mathematische Geographie nicht ausreichend vorangetrie­ ben worden waren. Deshalb möchte ich im folgenden in Kürze nochmals die wesentli­ chen, in den vorangegangen Bänden und hier behandelten Aspekte zu­ sammenstellen, die geeignet sein dürften, den Kartographiehistoriker dazu zu veranlassen, einige vor Jahrhunderten entstandene und sich bis heute hartnäckig haltende, falsche Vorstellungen über die

92

EINLEITUNG

Entwicklungsgeschichte der uns in nahezu perfekten Formen überlie­ ferten Karten der alten Welt in Frage zu stellen:

1. D ie höchste in der griechischen Geographie erreichte Stufe der kartographischen Darstellung der Ökumene hat durch die Werke ihrer jüngsten bedeutenden Vertreter, Marinos (erste Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr.) und Ptolem aios (zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts), den arabisch-islamischen Kulturkreis am Anfang des 3./9. Jahrhunderts erreicht. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit hat letzterer seinem Buch keine Karten beigegeben, sondern Koordinaten aus den Werken seiner Vorgänger zusam m engestellt, um die spätere Herstellung einer Weltkarte zu ermöglichen. Sich im wesentlichen auf diese beiden Vorleistungen stützend, hat im ersten Drittel des 3./9. Jahrhunderts eine große Kom m ission von Gelehrten im Auftrag des Kalifen al-Ma’mün eine Geographie geschaffen, welche auch eine

Welt- und mehrere Teilkarten umfaßte. D ie Weltkarte galt als verschol­ len, bis vor 20 Jahren eine Kopie in einer Handschrift aus dem Jahre

740/1340

entdeckt wurde. D ieses

Exemplar sow ie eine Weltkarte, die

aufgrund des das Original seinerzeit begleitenden und handschriftlich erhaltenen Koordinatenbuches rekonstruiert wurde (s.o.S. 86ff.), bieten uns die unschätzbare M öglichkeit, die erste Stufe der mathematischen

Erfassung der Erdoberfläche im arabisch-islamischen Kulturkreis auf das frühe 3./9. Jahrhundert zu datieren. W ie bedeutend der durch die gewaltige Anstrengung der Ma’mün-Kommission geleistete Fortschritt zu diesem gemeinsamen Erbe der M enschheit war, ergab sich erst aus dem sorgfältigen Vergleich der erhaltenen Karte mit der rekonstruier­ ten Fassung und einer Karte, die um die Wende des 7./13. zum 8./14. Jahrhundert von dem byzantinischen Gelehrten M axim os Planudes nach der ptolemaiischen Geographie hergestellt worden war (s.u.S. 192ff.). Angeregt von Hinweisen des als Vorbild dienenden Werkes des Ptolemaios wurde im arabisch-islamischen Kulturkreis durch die Arbeit der M a’mün-Geographen der erste Entwurf einer neuen Weltkarte aufgrund einer m öglichst großen Zahl astronomisch ermit­

telter Längengrade überhaupt erst m öglich. Ptolem aios selbst kannte nur eine einzige astronomisch ermittelte Längendifferenz (zwischen Arbela und Karthago, aus dem Jahr 331 vor C hr.)\ die jedoch in seiner Geographie keine Verwendung gefunden hat.

2. Der mit der Ma’mün-Geogra/JÄze im großen Stil begonnene Prozeß

der Ermittlung von Längen- und Breitengraden setzte sich in der is­ lamischen Welt bis ins 11./17. Jahrhundert fort. Abgesehen von zahl­

‘ s. GAS Bd. X, S. 25.

HISTO RISCH E ÜBERSICHT

93

reichen neu erfundenen Methoden zur Ermittlung von Breitengraden, haben die Geographen des arabisch-islamischen Kulturkreises die Ungenauigkeit des von Griechen, Indern und Sassaniden überliefer­ ten Verfahrens der Bestimmung von Längendifferenzen durch die Beobachtung von Mondfinsternissen frühzeitig erkannt und haben daher zu diesem Zweck einige neue Verfahren entwickelt, welche auf der vergleichsweise exakten Bestimmung der Ortszeit mittels Fixsternbeobachtung^ beruhten, auf kontinentaler sphärischer Trian­ gulation, eingeführt von al-Birüni,^ sowie auf der Messung der Höhe des Mondes im Ortsmeridian.^ Von den Navigatoren im Indischen Ozean wurde ferner ein Verfahren der ozeanischen Triangulation

entwickelt.·^ Durch die im frühen 5./11. Jahrhundert neu ermittel­ ten Längenpositionen im westlich von Bagdad gelegenen Teil der islam ischen Welt konnte man die Darstellung der langen Achse des Mittelmeers beträchtlich verbessern. Hatte sie bei Ptolemaios 62-63° betragen und bei den Ma’mün-Geographen immerhin noch 52-53°, so reduzierte sie sich jetzt auf ca. 44° und kam damit bis auf etwa 2° an die W irklichkeit heran. Auch die zur gleichen Zeit östlich von Bagdad durchgeführten Korrekturen der Längenpositionen bewirkten eine er­ staunliche Annäherung an die Realität (s.o.S. 5). Die von den durchgeführten Korrekturen bewirkte Verkürzung der Längenausdehnung des Mittelmeerraums wurde kompensiert, indem der Nullmeridian, welcher bisher durch die Kanarischen Inseln ver­ laufen war, um der Stauchung entsprechende 17°30' nach Westen in den Atlantik verlegt wurde, so daß Toledo fortan nicht mehr bei einer Länge von 11°, sondern bei 28°30' verzeichnet wurde. Wie oben mehr­ fach erwähnt, verraten europäische Welt- und Übersichtskarten vom 16. bis ins 18. Jahrhundert ihre Vorlagen dadurch, daß ihr Gradnetz entweder auf die Ma’mün-Geographie mit ihren von den Kanaren zäh­ lenden Längengraden, oder auf spätere arabische Karten, die von dem neuen Nullmeridian 28°30' westlich von Toledo ausgehen, zurückge­ führt werden kann - bzw. nicht selten auch eine Verquickung von bei­ den Systemen konstatiert werden muß.

3. D ie intensive Bem ühung um die exakte

Erfassung der Erdober­

fläche führte zu Beginn des 5./11. Jahrhunderts zur Begründung der

' s. GAS Bd.X , S. 168-171.

2s.ebd. Bd. X ,S . 156.

3 al-Birüni, TahdJd nihäyät al-amäkin S. 201f., engl. Übers. S. 166f.; E. S. Kenne­ dy, A Commentary, a.a.O. S. 124f.; GAS Bd. X, S. 155. GAS Bd. XI, S. 208ff.

94

EINLEITUNG

mathematischen Geographie als selbständiger wissenschaftlicher Disziplin. Es war der Universalgelehrte Abu r-Raihän al-Birüni, der, nachdem er einzelne Themen in zahlreichen Monographien behan­ delt hatte, in seinem Hauptwerk TahdTd nihäyät al-am äkin - dessen Wiederentdeckung und Untersuchung leider sehr spät erfolgte - das erste umfassende Kompendium des neuen Faches vorlegte.

4.

Der nach

den

Errungenschaften

der M a’mün-Geographie

auf dem W ege zur mathematischen Erfassung der

Ökumene war in den folgenden zw ei bis drei Jahrhunderten groß genug, um eine neue Bearbeitung der Weltkarte durch einen staat­ lichen Auftrag zu veranlassen. Ein derartiger Auftrag erging aber

diesmal nicht von einer m uslim ischen Zentralregierung, sondern von dem mit vergleichsweise bescheidenen M itteln ausgestatteten christ­ lichen Herrscher von Sizilien, König Roger II., Sohn des normanni­

großer Bewunderer muslim ischer Kultur. Den

Auftrag erhielt der vielseitige Gelehrte Muhammad as-Sarif al-ldrisi, ein Adliger aus dem Maghreb, der als Gast an Rogers H of weilte. Der Auftrag bestand darin, eine neue Weltkarte und ein geographisches Kompendium zu verfassen. Al-Idrisi war zwar ein hochgebildeter Mann, aber kein Fachmann, und an mathematischer Geographie lag ihm offenbar wenig. Daher hielt er bei seiner 548/1154 fertiggestellten

reichte Fortschritt

schen Eroberers und

er­

Karte ein Gradnetz für entbehrlich. Es ist heute leicht festzustellen, daß er sich bei seiner Arbeit hauptsächlich auf die Weltkarte der Ma’mün- Geographen gestützt hat. Dennoch dokumentiert diese Weltkarte ei­ nige nicht unwesentliche Fortschritte, die in den seither verflossenen drei Jahrhunderten in der Kartographie des Mittelmeeres, Europas, Nord- und Zentralasiens gemacht worden waren. Beide Weltkarten, die der Ma’mün-Geographen und die des al-Idrisi, liefern uns zusam­ men zw ei unschätzbare Dokumente zur Beurteilung der in der islami­ schen Welt im Laufe einiger Jahrhunderte bei der kartographischen Erfassung der Welt zurückgelegten Entwicklung.

5. Etwa ein Jahrhundert nach Vollendung der Weltkarte und Geo­

graphie des al-Idrisi trat eine weitere Entwicklungsstufe der karto­ graphischen Darstellung in Erscheinung, in der in erster Linie das Mittelmeer, dann die Anrainerregionen, darunter das Schwarze Meer, eine verbesserte Form erhielten. Mit einer einzigen bisher bekannten Ausnahme eines arabischen Originals aus dieser frühen Periode ist jener Kartentyp nur in europäischen Nachbildungen erhalten (sog. Portolankarten). D ie frühesten Exemplare stammen vermutlich aus der Wende des 7./13. zum 8./14. Jahrhundert. Da diese Karten außer­ ordentlich genau sind, setzt ihre Entstehung Vorlagen voraus, welche

HISTORISCHE ÜBERSICHT

95

nur in einem Kulturkreis entstanden sein können, in dem der Prozeß der mathematischen Erfassung der Erdoberfläche entsprechend weit vorangetrieben worden war. Nicht nur damals, sondern bis Ende des

lL/17. Jahrhunderts war der arabisch-islamische Kulturkreis der einzi­ ge, in dem Längenpositionen ermittelt werden konnten und tatsächlich

in großer Zahl ermittelt wurden, die dem Grad der Wirklichkeitsnähe,

der auf den besagten Karten erreicht wurde, entspricht (s.o.S. lOf.). Zu der seit ca. 150 Jahren geführten Diskussion um die Herkunftjener Karten sei noch zu bedenken gegeben, daß eine ähnliche Darstellung

des

der Ansicht einiger Sinologen, wonach die in späteren chinesischen

Versionen überlieferte Darstellung des Mittelmeers, Europas, Afrikas und W estasiens auf einen graduierten Globus zurückgehen soll, der 1267 zusammen mit sechs weiteren astronomischen Instrumenten von

W estasien nach China gelangte, wo er von einem Gelehrten namens

Gamäladdin dem Großkhan Qubilai in Dadu (dem späteren Beijing) überreicht wurde,^ bin ich der Ansicht, daß den besagten chinesischen Karten weitere Vorlagen aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis

zugrunde gelegen haben dürften. Es sei noch hinzugefügt, daß der besagte Erdglobus, der aus der

islam ischen Welt nach China geschickt wurde, in den

Yuän-Dynastie {Yuän Shi, 8./14. Jahrhundert) erwähnt und deutlich beschrieben wird. Demnach war seine Oberfläche in Kästchen aufge­ teilt, die so abgetragen waren, daß man die Größen von Regionen und Distanzen in allen Himmelsrichtungen ablesen konnte.^ Dies kann kaum anders zu verstehen sein, als daß der Globus nach Längen und Breiten graduiert war. D ieses Exemplar, das sicherlich als Folge des be­ reits von Hülägü Hän, dem mongolischen Herrscher des Ilkhanreichs, gegebenen Auftrages von seiner Sternwarte in Maräga an seinen Bruder Qubilai geschickt wurde, war schwerlich das erste seiner Art

Annalen der

M ittelmeeres fast gleichzeitig China erreicht hat. Abweichend von

und muß in einer gew issen Tradition gestanden haben. Als ein inter­ essanter Hinweis auf die Existenz einer solchen Tradition sei erwähnt, daß Nasiraddln at-Tüsi, der Leiter der Sternwarte von Maräga, noch während seines Aufenthaltes in Bagdad einen Erdglobus anfertigen ließ.' Außer diesen Anhaltspunkten zur Entstehungsfrage der soge­ nannten Portolankarten, die hier schon mehrfach in verschiedenen

' s. GAS Bd. X, S. 321 ff.

2 Ebd. Bd. X, S. 312.

3 Ebd. Bd. X, S. 311.

96

EINLEITUNG

Zusammenhängen (s.o.S. lOf.) angesprochen wurden, sei auch noch­ mals an die W eltkartenskizze des Nasiraddin at-Tüsi^ und das äußerst modern anmutende, 'digitale' Schema zur geographischen Darstellung des Mittelmeerraums mit einem Teil Europas und dem Schwarzen Meer von Qutbaddin as-Siräzi aus dem Jahre 684/1285^ erinnert. Dazu kommt noch eine andere, äußerst wichtige Karte, die nicht nur bei der Diskussion der Entstehungsfrage der sogenann­ ten Portolankarten in Betracht gezogen werden sollte. D ie Rede ist von einer der beiden Karten, welche der schwedische Offizier Ph. J. Strahlenberg während seiner russischen Gefangenschaft zwischen

1711 und 1715 in Tobolsk als Teil des tschagataischen Buchs über die

Genealogie der Türken von Abu 1-Gäzi Bahädur Hän (gest. 1074/1663) bei einem muslimischen Geistlichen kennengelernt (s.o.S. 27ff.) und später in europäischen Sprachen zugänglich gemacht hat. Die ältere

der beiden Karten soll, ihrem Kolophon zufolge, A sien zur Zeit der mongolischen Eroberung zeigen. D ie kartographische Darstellung läßt darauf schließen, daß die Karte selbst auf ein Original aus dem 7./13. oder eher 8./14. Jahrhundert zurückgeht, während die zweite Karte einem Vorbild aus dem 10./16 Jahrhundert zu folgen scheint. Schon die erste Karte liefert uns eine außerordentlich genaue Darstellung des Schwarzen und des Kaspischen Meeres und eine ziemlich gute Gestalt von Nord- und Zentralasien.^ Ein weiteres Indiz für eine frühe Ausbildung der kartographischen Darstellung Nordasiens im arabisch­ islamischen Kulturkreis ist die der Wirklichkeit einigermaßen nahe kommende Gestalt dieser Region auf europäischen Karten seit 1507, w ie der Weltkarte des Martin Waldseemüller,"* die ohne eine vorange­ gangene, generationenlange Entwicklung vor Ort nicht erklärbar ist.

6. Auch der Prozeß der Korrektur der kartographischen Darstellung

der nördlichen Küsten des Indischen Ozeans, darunter der Indischen Halbinsel, aufgrund neu ermittelter, verbesserter Koordinaten, scheint,

wenn nicht im 7./13. Jahrhundert, so spätestens im 8./14. Jahrhundert eingesetzt zu haben. Der deutlichste erhaltene Beleg dafür ist die orthogonal graduierte Karte des persischen Historikers Hamdalläh Mustaufi (gest. nach 740/1340).^

> GAS Bd. X, S. 310; Bd. XII, Karte 15, S. 36. 2 s.o.S. 24f. 3 s. GAS Bd. X, S. 376-396. s.u.S. 132f.; GAS Bd. XII, Karte 87a, S. 155. 5 Ebd. Bd. X, 199f.; Bd. XII, Karte 16a, S. 38.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

97

A ls Folge der sich kontinuierlich fortsetzenden Entwicklung scheint schon im 9./15. Jahrhundert fast die gesamte Region des Indischen Ozeans eine sich der Wirklichkeit erstaunlich annähernde kartogra­

nach den

phische Gestalt gewonnen zu haben. D ie Skizzen, welche

Koordinaten und Distanzangaben aus erhaltenen arabisch-islamischen

Nautikbüchern entworfen wurden, sowie die von Portugiesen nach Europa gebrachten Karten zeugen unzweideutig von dieser kartogra­ phiehistorischen Tatsache.

7.

D ie

im

arabisch-islamischen

Kulturkreis

seit

der

Arbeit

der

Ma’mün-Geographen tradierte Weltkarte, die um die Wende des 5./11. zum 6./12. Jahrhundert auch in Europa bekannt geworden zu sein scheint (das beste uns bekannte Beispiel ist die von Brunetto Latini^

vermittelte Weltkarte aus der Zeit um 1265), behauptete ihre Dominanz noch bei der Entwicklung europäischer Karten mit Graduierung seit

dem 16. Jahrhundert. D iese lassen zunächst ausschließlich

des ma’münischen Gradnetzes erkennen, später überwog, speziell auf Asienkarten, eine Graduierung, deren Nullmeridian 28°30' westlich von Toledo verläuft. D ie wesentlichen Zeugnisse für diese Phase legen die seit 1560 erscheinenden Asienkarten von G. Gastaldi, A. Ortelius und G. Mercator ab. Dabei verlief die Übernahme dieser unterschied­ lichen Graduationssysteme keineswegs systematisch oder durchdacht, sondern eher intuitiv und zufällig. Die Karten wurden nicht nach vor­ liegenden Koordinaten entworfen, sondern entweder mitsamt dem Gradnetz abgemalt oder aber nachträglich mit einem solchen überzo­ gen. Die sich aus diesen Verfahren ergebenden auffälligen Divergenzen zw ischen den Gradnetzen und den darin verzeichneten Konfigurationen der alten Welt auf den seit Beginn des 16. Jahrhunderts wie Pilze aus dem Boden schießenden europäischen Karten veranlaßten den vielsei­ tigen deutschen Gelehrten W ilhelm Schickard um die Jahre 1629-1634 zu dem Versuch, hauptsächlich auf das Koordinatenbuch des arabi­ schen Gelehrten Abu 1-Fidä’ (gest. 732/1331)^ gestützt, den Grundstein zu einer mathematischen Erfassung eines großen Teils der Ökumene zu legen.^ Daß die von Abu l-Eldä’ registrierten Koordinaten, beson­ ders die Längenpositionen, im arabisch-islamischen Kulturkreis mitt­ lerweile überholt waren und daß dort längst Karten erschienen waren, die den neueren Entwicklungen Rechnung trugen und für Schickard's

das Vorbild

>GAS Bd. X, S. 223, 327ff.; XII, Karte 55, S. 114.

2 s. ebd. Bd. XI, S. 75ff.

3 Ebd. S. 81-84.

98

EINLEITUNG

verständlicherweise

nicht. Nicht lange nach dem von A nfang an zum Scheitern verurteilten Unterfangen von Schickard sind schließlich auch Bearbeitungen neue­ rer Karten aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis in europäischen Sprachen, mit genauen Angaben ihrer Quellen, publiziert worden. Eine aus mehreren Teilkarten kompilierte Karte von Ostanatolien, dem Irak und Westiran wurde von dem Iranreisenden Adam Olearius während seines kurzen Aufenthaltes in Schamachia (vom 30.12.1636 bis zum 20.3.1637) mit lateinischer Beschriftung hergestellt. Seinen eigenen Angaben zufolge gehörten diese Karten zu zahlreichen ande­ ren, die er dort kenngelernt hat.^ Seine Bearbeitung läßt auf ziemlich hochentwickelte Vorlagen - wenn auch wahrscheinlich nicht auf dem letzten Stand der zeitgenössischen arabisch-islamischen Kartographie - schließen, mit einem Gradnetz, dessen Nullmeridian 28°30' westlich von Toledo liegt. Es stellte in der europäischen Kartographiegeschichte eine Neuerung dar, als der französische Hofkartograph Nicolas Sanson dAbbeville (1600-1667), etwa gleichzeitig mit dem Erscheinen der im Jahre 1655 von Olearius vermittelten anatolisch-persischen Karte, damit begann, Teilkarten der islamischen Welt zu publizieren, mit dem Hinweis, daß er sich dabei aufal-Idrisi und weitere (arabische) Autoren gestützt habe. Es läßt sich heute tatsächlich feststellen, daß seine Übersichtskarte von Asien auf diese Weise die beste bis dahin erschienene, vollständi­ ge Darstellung des Kontinents bietet.^ In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und im ersten Viertel des 18. brachte eine ganze Reihe von französischen Gelehrten Karten aus der islamischen Welt nach Paris, darunter Jean Chardin, Melchisedec Thevenot, Jean-Baptiste Tavernier, Fran9ois Petis de la Croix und sein gleichnamiger Sohn, Fran9ois Bernier und Jean-Baptiste Fabre. Der niederländische Orientalist Adrian Reland brachte 1705 eine Persienkarte heraus, die nach eigener Auskunft nach den "Werken der bedeutendsten arabischen und persischen Geographen verfertigt" war.^ Damit hatte eine Periode begonnen, in der Karten aus dem arabisch­ islamischen Kulturkreis nicht mehr, w ie früher, gelegentlich und eher zufällig durch Reisende, Händler, Seefahrer, Botschafter und Krieger

wären,

Zwecke

geeigneter

gew esen

wußte

er

' GAS Bd. X, S. 398-403. ^Ebd.Bd. XI, S. 118; Bd. XII, Karte 118d, S. 189. 3 Ebd. Bd. X, S. 406ff„ 493f., 542f.; XII, Karte 139a, S. 214.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

99

nach Europa gelangten, sondern ziem lich planmäßig und gezielt von Fachleuten zusammengetragen wurden. Im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts begann die Auswertung des auf diese Weise zugänglich gewordenen Kartenmaterials. Bis dahin verfügten die europäischen Kartographen über keinerlei Kriterien, um zu beurteilen, wie weit die sie erreichenden Karten weit entfernter Länder und Meere der Wirklichkeit entsprachen und welche der zahlreichen voneinander ab­ weichenden Darstellungen derselben Erdteile jeweils die bessere war. Erst Ende des 17. Jahrhunderts begannen französische Gelehrte mit der M ethode der Beobachtung der Jupitertrabanten zuverlässige und ge­ naue Längenpositionen zu ermitteln und auf diese Weise den Grad der Genauigkeit vorliegender Karten hinsichtlich der Längenpositionen zu überprüfen. Bei dieser Arbeit mußten sich die europäischen Kartographen des 18. Jahrhunderts allerdings mit wenigen, von Astronomen mit H ilfe von Teleskopen bestimmten Längenpositionen

einiger markanter und zugänglicher Punkte auf dein Erdball zufrie­ den geben. Daher war man bestrebt, so viel Kartenmaterial der al­ ten Welt zu sammeln w ie nur möglich, um nach stichprobenartigen Überprüfungen aus den besten Vorlagen neue Karten zu kompilie­ ren. Dabei stellte sich heraus, daß die meisten aus dem islamischen Kulturkreis stammenden Karten (der jüngsten Entwicklungsstufe) etwas zu lang ausgefallen zu sein schienen, und zwar in der west-öst- lichen Ausdehnung des Mittelmeers um ca. 2°, auf der Strecke zw i­ schen Paris und Bagdad um 3°30', und Paris-Delhi 4°-5°. Die ersten Vertreter der neuen Methode, deren bekanntester der französische Hofkartograph Guillaume D elisle war, konnten Längenpositionen, die

zw ischen zw ei der neu ermittelten Punkte lagen,

prüfen und mußten daher ganze Regionen en bloc aus den vorliegenden Karten (ohne proportionale Verkürzung) übernehmen und möglichst geschickt zw ischen die wenigen Orte mit überprüften Koordinaten ein- passen.^ Seit Mitte des 18. Jahrhunderts kam ein neues, konstruktives Element ins Spiel, indem Jean-Baptiste Bourguignon dAnville (gest. 1782)^ und James Rennell (1742-1830)^ historische und geographische Quellen sowie Ortstabellen aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis

bei der Bearbeitung des Kartenmaterials mit hinzuzogen. D ie Reformbewegung verbreiterte ihre Basis, seit einige europä­ ische Zeitgenossen der beiden Letztgenannten sich bei gelegentlichen

natürlich nicht nach­

>s. GAS Bd. X, S. 413-422, XI, S. 146-156.

2 Ebd. Bd. X, S. 592-602.

3 Ebd. S. 602-627.

100

EINLEITUNG

oder systematischen Aufenthalten vor Ort bemühten, einige Teile der islamischen Welt ganz neu mathematisch zu erfassen. Die von diesen Gelehrten aufgrund astronomischer Beobachtungen und geodätischer Messungen erhobenen Daten wurden von europäischen Kartographen in Frankreich, England, Österreich und Deutschland in die neueste Generation von Karten eingearbeitet. In relativ beschränkten Räumen, w ie z.B. der west-östlichen Ausdehnung des Schwarzen Meeres oder Anatoliens, brachten diese M essungen eine Verbesserung um etwa einen halben bis ganzen Grad. Um aber einen größeren geographi­ schen Raum abzudecken, reichten diese Bemühungen bei weitem nicht hin und konnten auch naturgemäß im Laufe der Lebensarbeit weniger Forscher aus einer Generation nicht sehr weit führen. Den Kartographen, welche im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts mit den neuen Daten arbeiteten, fehlte zudem der Sinn für die Bedeutung und Qualität der ererbten Leistungen. Sie besaßen keine Kriterien, um das Vorgefundene Material w issenschaftshistorisch zu bewerten und so eine realistische Perspektive auf den neuerdings erzielten Fortschritt zu gewinnen. In völliger Ignoranz oder Verkennung des im ara­ bisch-islamischen Kulturkreis geleisteten Beitrags waren die von den Kartographen jener Zeit bearbeiteten Karten durchaus nicht in jedem Punkt den jüngsten Vertretern jener Tradition überlegen. Bis dahin sollte noch über ein Jahrhundert vergehen.

8. A ls die europäischen Kartographen in der ersten Hälfte des 19.

Ökumene mit

den neuen Mitteln und M öglichkeiten ihrer Zeit zu revidieren, stellte sich heraus, daß die traditionelle Kartographie in den von arabisch­ islamischen Vorgängern bearbeiteten Teilen wesentlich weiter fortge­ schritten war als in anderen Regionen. Speziell in Mittel-, Nord- und Nordwesteuropa war die mathematische Erfassung der geographischen Verhältnisse erst rudimentär entwickelt. Im Eifer der Verbesserung der ererbten Karten m it H ilfe von vor Ort durch astronomische und geodätische Verfahren, ermittelten neuen Daten zeigten jene fleißigen Kartographen beim Umgang mit überliefertem Material kaum Interesse an der Vorgeschichte der arabisch-islamischen Quellen. Aus diesem Grunde fanden auch die oben erwähnten aufschlußreichen Hinweise

von

und Rennell auf die arabische Herkunft ihrer Vorlagen bei der neuen Generation von Kartographen keinerlei Beachtung.

Jahrhunderts daran gingen,

die Erfassung

der alten

früheren europäischen Gelehrten w ie Olearius, Sanson, dAnville

9. D ie um die Mitte des

19. Jahrhunderts einsetzende kartogra­

der

Entstehung der sogenannten Portolankarten. D ie weitere kartographi-

phiehistorische

Forschung

beschäftigte

sich

hauptsächlich

m it

m ST O R ISC H E ÜBERSICHT

101

sehe Entwicklung der alten Ökumene seit dem 16. Jahrhundert wur­ de hauptsächlich als Folge der Bekanntschaft mit der ptolemaiischen G eographie und, was die südlichen Regionen betrifft, als Leistung der portugiesischen Nautiker und Kartographen betrachtet. Daran hat sich bis heute grundsätzlich nichts geändert. Es ist eine der Merkwürdigkeiten der Kartographiegeschichte, daß die Osmanen, welche im 10./16. Jahrhundert zur Verbesserung der Darstellung des Mittelmeers und insbesondere seiner Inseln so­ w ie des Schwarzen Meeres und der von ihnen beherrschten Regionen des Festlandes einen derzeit oder vielleicht niemals genau zu er­ m essenden Beitrag geleistet haben, von den sie aus Europa seit der 'Wiederentdeckung' der ptolemaiischen G eographie überflutenden Karten anscheinend geblendet wurden. Angesichts des Unvermögens der Geschichte der Kartographie, die ererbten Leistungen der Vergangenheit gewissermaßen chronologisch richtig anzuordnen und zu bewerten, sollten wir uns nicht wundern, w enn w ir gerade im Ergänzungsband des Abü Bakr 'Abdallah b. Bahräm ad-Dimasqi, dem Übersetzer des Atlas Major, zum Gihän- numä^, mit vierzehn Teilkarten Anatoliens konfrontiert werden, die vom Fortleben der mathematischen Erfassung der Erdoberfläche im Osmanischen Reich auf einem hohen Niveau, vielleicht noch im 17. Jahrhundert, zeugen. D ie z.T. oben (S. 71, 81, 82) und im Anschluß an diese Einleitung wiedergegebenen Karten zeigen, daß sogar die Positionen von kleineren Orten, Seen und Flüssen mathematisch erfaßt worden sind, indem die Längengrade vom 28°30' westlich von Toledo verlaufenden Nullmeridian (s.u.S. 107-117) aus gezählt werden. D ie alte Tradition der kontinuierlichen Verbesserung geographi­ scher Koordinaten und ihre Anwendung in Karten setzte sich noch in der zweiten Hälfte des 10./16. Jahrhunderts im Osmanischen Reich, dem safawidischen Iran und dem indischen Moghul-Reich mit vol­ ler Intensität fort. D ie Ursprünge und Entstehungsgeschichte der Karten waren allerdings in Vergessenheit geraten. Man übernahm daher die von den Europäern verbreitete Vorstellung, daß die rele­ vante Darstellung der alten Ökumene hauptsächlich den europäischen Kartographen und Geographen zu verdanken sei. Dies spiegelt sich sehr deutlich darin wider, daß der osmanische Sultan Muräd IV. (reg. 1031/1632-1038/1640) den holländischen Orientalisten Jacobus Golius (1596-1667) darum bat, eine neue Karte des osmanischen Reichs an­ zufertigen. D ieser hat den Auftrag allerdings nicht annehmen kön-

' Hds. in London, Br. Library, Or. 1038.

102

EINLEITUNG

n e n / Freilich war es nicht allein dem Sultan nicht bewußt, daß das kar^ tographische Bild des von den Osmanen beherrschten Territoriums als Werk von Generationen so gut w ie bis dahin nur möglich bereits vorlag und eine weitere Verbesserung wiederum die Arbeit von Generationen vor Ort und in mehreren Stufen erfordert hätte. In der zweiten Hälfte des 11./17. Jahrhunderts, als sich im arabisch- islamischen Kulturkreis entstandene Karten durch Übersetzungen, Adaptationen und Kompilationen im großen Stil in Europa einer grös­ seren Verbreitung erfreuten denn je, überreichte der niederländische Gesandte dem osmanischen Sultan M ehmed IV. im Jahre 1668 die

elfbändige lateinische Ausgabe des A tlas

M ajor, welcher von W. J.

Blaeu (gest. 1638) und dessen Sohn Joan (gest. 1673) gestaltet wor­ den war. Daß die türkische Übersetzung dieses umfangreichen, mit ausführlichen Beschreibungen versehenen Atlasses schon zehn Jahre später abgeschlossen war,^ zeigt, w ie groß die Hoffnung des Sultans war, seine Untertanen mit etwas vermeintlich ganz Neuem anzuregen. Daß dieser Atlas sich hauptsächlich auf die Karten stützte, die bereits Ortelius und Mercator entworfen hatten und die, zumindest was die

Darstellung der alten Welt angeht, auf Vorlagen aus der islamischen Welt zurück gingen, konnten ironischerweise weder der Suhan noch seine Gelehrten ahnen. In diesem Kontext sei noch ein besonders kurioser Fall erwähnt, nämlich die Karte von Persien und Anatolien des Kartographen J.B. Homann (gest. 1724), die er, eigenen Angaben zufolge, nach den Schriften (Karten) von A. Olearius, J.B. Tavernier, A. Reland und unter Berücksichtigung neuerer Autoren angefertigt haben will. Abgesehen davon, daß sämtliche genannten Gelehrten ihre Karten bzw. Koordinaten nach eigenem Bekunden aus arabisch-islamischen Vorlagen übernommen haben, läßt sich zeigen, daß Homanns Karte von Persien und Anatolien eine unglückliche Kompilation ist, die ver­ altete Vorlagen und neuere, auf den weit verbesserten Gradnetzen jün­ gerer arabisch-islamischer Kartographen basierende Teile miteinander verquickt. Ausgerechnet diese Kompilation aus dem Jahre 1716 hat

sich aber anscheinend rasch eines derart guten Rufes erfreut, daß sie im Jahre 1141/1729 in einer türkischen Übersetzung (ohne Angabe der

Quelle) in Istanbul

gedruckt wurde.^ D ies führte wiederum dazu, daß

' s. J.H. Kramers, Diughrafiya in: EI', Ergänzungsband, Leiden 1938, Sp. 72b. ^ Franz Taeschner, Das Hauptwerk der geographischen Literatur der Osmanen, Katib Celebi's öihannumä in: Imago Mundi 1/1935/44-47. 3 s. GAS Bd. X, S. 407-412; XII, Karten 140 a und b, S. 216f.

HISTORISCHE ÜBERSICHT

103

die letztere Version bis heute als vermeintliche Originalkarte aus der islam ischen Welt angesehen wird und als solche von den bekannten britischen Kartographen Emmanuel Bowen (1739)^ und James Rennell (1793)^ mit Vorzug behandelt wurde. Aber auch andere Karten von Asien und Afrika, die europäische Kartographen w ie Mercator, Ortelius, Sanson aufgrund von Vorlagen aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis kompiliert hatten, wurden von Ibrahim Müteferrika ohne Angaben zu ihrer Herkunft und ver­ m ischt mit Karten, die ohne Zweifel wirklich osmanischen Ursprungs waren, seiner Edition des Gihännumä von Kätib Celebi aus dem Jahre 1145/1732 beigegeben. Daß jene Karten, welche die Namen be­ rühmter europäischer Kartographen trugen^ und ziemlich früh in das Osmanische Reich und weitere Teile der islamischen Welt eingedrun­ gen waren, ursprünglich aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis stammten, war zu diesem Zeitpunkt weder dem europäischen noch dem osmanischen Publikum bewußt. D ieses Phänomen führt uns auf eines der grundlegenden Charakte­ ristika der Kartographiegeschichte, und zwar, daß die meist durch öffentliche Aufträge und gelegentlich von einzelnen Personen er­ zielten Fortschritte auf dem Wege zu einer wahrheitsgetreuen kar­ tographischen Erfassung von Teilen oder der ganzen Erdoberfläche, mit w enigen Ausnahmen, sehr bald in der Anonymität einer als Gemeingut angesehenen Tradition weiter gereicht werden. So war es in der Frühgeschichte, bei den Griechen, ebenso in der etwa acht Jahrhunderte lang vom arabisch-islamischen Kulturkreis getragenen

kreativen Periode

der W issenschaften, und selbst noch in neuester

Zeit, die Begriffe w ie geistiges Eigentum und Urheberrecht geprägt hat. D ie Erwähnung der Urheber ihrer Vorlagen wurde von den Bearbeitern neuer Karten fast immer als irrelevant betrachtet; die Karten schienen mehr w ie ein Gebrauchsgegenstand, dessen man sich ohne viel Aufhebens im täglichen Leben bediente. Aus vergänglichem Material bestehend, überlebten sie diesen Alltag in der Regel eben­ so kurz w ie andere Gebrauchsgegenstände. Selbst Bücher hatten nur dann eine Chance, wenn sie als Schätze gehütet und häufig abgeschrie­ ben wurden. Daher verdanken wir auch die Erhaltung der wenigen alten Karten aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis dem Zufall,

>GAS Bd. X, S. 455.

2 Ebd. S. 618.

3 s. ebd. Bd. XI, S. 85-121.