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Montag, 28. Juni 2010 . Nr. 146 !

ntue Jürmtr Jrituug

PERSÖNLICH

Die entspannte Agnostikerin


Reta Caspar kämpft als Geschäftsführerin der Freidenker- Vereinigung für die Trennung von Religion

Mit einer Plakatkampagne haben


die Freidenker Aufmerksamkeit
erregt. Deren Geschäftsführerin
sieht sich aber nicht als
Missionarin für den Atheismus.
Ihre Kinder sind getauft.

Markus Hofmann

Schreibt man über Freidenker, muss


man . mit dem Negativen beginnen.
Denn dies zeichnet sie aus. Sie haben
etwas nicht. Sie gehören keiner Reli-
gionsgemeinschaft an. Doch es lässt sich
auch positiv formulieren. Eine Frei-
denkerin, wie Reta Ca~par eine ist, ist
-fr-eL-Sie-ist S
setzt sich nicht nur für die Freiheit des
Denkens ein, sie kämpft auch für die
Freiheit des Staates von der Kirche.
Wichtigstes Anliegen der Freidenker-
Vereinigung der Schweiz, deren Ge-
schäfte Ca spar seit 2007 leitet, ist die
Laizität. «Die Forderung nach der Tren-
nung von Staat und Religion verbindet
unsere 1600 Mitgliedef» , sagt Caspar in
einem kleinen Büro des Freidenker-
Hauses, einer Liegenschaft in einem
Berner Wohnquartier, die der Vereini-
gung einst als Legat vermacht wurde.
Die Schweizer Vereinigung besteht
seit.1908. Doch lange Zeit war es ruhig «Gegen die religiöse Aufrüstung»: Reta Caspar im Garten des Freidenker-Hauses in Bern.
um sie. Erst die Plakatkampagne - «Da
ist wahrscheinlich kein Gott. Also sorg
dich nicht, geniess das Leben» - , um die 1957 in Thalwil. Sie wächst in einer später kommt ein Zweitstudium in Jus . Auch konfirmieren lies~
vergangenes Jahr an einigen Orten hef- reformierten Familie auf, doch um die hinzu. Als junge Mutter wird sie eher ne; als sie erwachsen sir
tig gestritten wurde, lenkte die Auf- Religion wird kein Aufhebens gemacht. zufällig Redaktorin der Freidenker- der Kirche aus.
merksamkeit auf die Gruppe, .die sich Im Konfirmandenunterricht kommt Zeitschrift. 'Und als die Freidenker nach Caspar bestreitet nie
für die Konfessionslosen einsetzt. Zuvor Caspar in den Kontakt mit evangelika- einer neuen Geschäftsführung suchen, wie Taufe oder Konfir
war ein Ruck durch die Vereinigung ge- len Kreisen. «Wie viele Jugendliche war fällt die .Wahl auf die frischgebackene symbolische Akte deI
gangen. Mit den Terroranschlägen von auch ich am Suchen», sagt sie. Sie liest Juristin, die sich eigentlich im Verwal- sein können. Im GegeJ
2001 sei das Religiöse plötzlich wieder die Bibel, und zwar ganz. Morgens um tungsrecht hätte beweisen wollen. Doch sie, dass sich diese auch
im Foku!!_ &~~t~n~"sagt Caspar: «Als fünf steht sie auf und widmet si<;h wäh- Ca spar bereut ihre Entscheidung nicht. den liessen. Die' Freide
mir Bischof Koch in einer Fernseh- rend zweier Stunden der Lektüre. Sie Die Stelle als Geschäftsführerin lässt ihr tualbegleiturigen' an. G
debatte sagte, dass die Stärke des Islams erkennt das antagonistische Muster von viele Freiheiten. oder "fod werden ohn,
die Schwäche des Christentums sei, Gut und Böse, das sich wie ein roter Freiheit, das grosse Wort fällt immer kenntnis begangen. C
Wusste ich: Es braucht eine Gegen- Faden durch die l3ibel zieht. Und sie be- wieder. Wie Ca spar für die Anerken- solche Rituale. Sie ver
stimme, die diese religiöse Aufrüstung kommt in ihrer Religionsgruppe zu spü- nung der Freiheit des Nichtglaubens als Moderatorin, die di
dämpft.» ren, wie schnell man ausgegrenzt wird, kämpft, so lässt sie den anderen die der Gestaltung der Pt
Caspar ist keine Antireligiöse: «Ich wenn man den Glauben kritisch hinter- Freiheit des Glaubens. Der Vater ihrer Kern ihrer Rituale mi
bin keine Religionsfresserin, wir missio- fragt. Sie verlässt die Gruppe, mit 20 zwei Kinder war reformiert. Trotz ihrer schen selber einbringen
nieren nicht den Atheismus.» Man tritt sie aus der Kirche aus. Kirchenferne willigte Caspar in die Tau- strengend, alles neu eJ
könnte sie als eine entspannte Agno~ti­ Caspar hat zunächst nichts mehr mit fe der Kinder ein: «So schlimm ist das sen? Doch, sagt Caspa
kerin bezeichnen. Geboren ist Ca spar Religion zu tun. Sie studiert Geografie, bisschen Wasser auf der Stirn nicht.» ken, ist keine Hängema

ng von Religion und Staat

Bern. ~O RI AN BAER I NU

Auch konfirmieren liessen sich die Söh-


ne; als sie erwachsen sind, treten sie aus
der Kirche aus.
Caspar bestreitet nicht, dass ~tuale
wie Taufe oder Konfirmation wichtige
symbolische Akte der Gemeinschaft
sein können. Im Gegenteil. Nur findet
sie, dass sich diese auch säkular begrün-
den liessen. Die Freidenker bieten Ri-
tualbegleitungen , an. Geburt, Hochzeit
oder Tod werden ohne religiöses Be-
kenntnis begangen. Caspar begleitet
solche Rituale. Sie versteht sich dabei '
als Moderatorin, die die Menschen bei
der Gestaltung der Feier berät. Den
Kern ihrer Rituale müssen die Men-
schen selber einbringen. Ist es nicht an-
strengend, alles neu erfinden zu müs-
. sen? Doch, sagt Caspar: «Frei zu den-
ken, ist keine Hängematte.»