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Reprint

1999 Technolust
Sexualität, die Mutter aller Dinge
Medien- sei Kriegstechnologie, heißt es. Doch von der Fotografie über
die Gummivulkanisierung bis zu Telefon, Auto und Personalcomputer:
In der modernen Industriegesellschaft haben sexuelle Interessen neue
Technologien durchgesetzt.

Von Gundolf S. Freyermuth

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Wenn der Krieg der Vater aller Dinge


ist, wie Heraklit meinte, wer ist dann
die Mutter? Wer trägt aus und bringt zur
Welt, was kämpferisch gezeugt wurde?
Für die Gegenwart gefragt: Wenn
technischer Fortschritt unter modernen
Umständen zumeist im Dunstkreis des
militärisch-industriellen Komplexes
seinen Anfang nimmt – welche Kräfte
steuern die anschließende Integration
in den zivilen Alltag, die Entwicklung
der neuen Technologien zur Marktreife,
ihre Anpassung an die Bedürfnisse
des durchschnittlichen Konsumenten?
Zweieinhalbtausend Jahre nach Heraklit
findet sich eine eindeutige Antwort auf
diese Frage im Internet.

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Die üppigste Ausstattung mit leistungsfähigen Servern, die fortgeschrittenste


Software zur Bild- und Tonkomprimierung, die leistungsfähigsten Datenbanken zur
Bild- und Kundenverwaltung, die verbraucherfreundlichsten Verfahren zum Online-
Geldeinzug – das alles prägt nicht die Webauftritte der staatlichen Verwaltungen oder
der etablierten Großkonzerne und erst recht nicht die Sites des Pentagon oder des
Bonner Verteidigungsministeriums. Wer etwa nur über eine durchschnittlich langsame
Internetverbindung verfügt und sich im Internet schnell und unaufwendig ein paar
Bilder oder Videos ansehen möchte, wird – zumindest technisch - am besten bei
Anbietern von Erotika bedient.

„Wir sind an der vordersten Front von allem“, schwärmte ein Designer der Internet
Entertainment Group, dem größten US-Online-Sexunternehmen, mit Recht einem
Reporter vor. Seit das Netz graphisch und damit populär wurde, investierten die
Sexhändler großzügig, entwickelten eigenständig neue Software und holten aus der
bescheidenen Bandbreite heraus, was herauszuholen war. Auf den Wegen, die die
Porno-Pioniere bahnen, folgen andere Anbieter erst mit Abstand. Ob unter- oder
oberhalb der Gürtellinie - derweil dienen Computer wie Internet zunehmend nicht
ernster Arbeit, sondern dem Massenvergnügen.

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Das natürlich war nicht immer so, denn wie die Kunst geht auch die Technik nach
Geld, und bevor Durchschnittskonsumenten ihre Kreditkarten zücken, müssen neue
Technologien erst einen Reifegrad erreichen, der es erlaubt, Massenbedürfnisse
mühelos zu befriedigen. Dementsprechend waren die Anfänge von Computer
und Internet erst einmal keine erotisch-vergnügliche, sondern eine ernste
Angelegenheit. Einzig große hierarchische Organisationen wie Militär, Behörden,
Forschungseinrichtungen und Konzerne verfügten bis in die siebziger Jahre hinein
über das nötige Kapital und wissenschaftliche Knowhow, um Mainframes zu betreiben.
Die Nutzung dieser millionenteuren Geräte war streng nach Effizienzkriterien
reglementiert. Lediglich die wichtigsten Aufgaben durften an ihnen erledigt werden,
und ausschließlich technische Spitzenkräfte hatten direkten Zugang, eine kleine
Elite von hochqualifizierten Mathematik-Mandarinen und Hightech-Hohepriestern in
antiseptisch-weißen Kitteln.

Am Anfang aller Wissenschaft, die uns in die digitale Epoche katapultierte, standen
so zweifelsfrei militärische Interessen, staatliche Förderungsgelder und Initiativen
von Großunternehmen. Am vorläufigen Ende aber dominieren der Markt, das
Massenvergnügen und eine Vielzahl ungeplant aus dem Boden schießender Angebote.

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Im Rückblick hätte die Umfunktionierung der Computertechnik kaum radikaler ausfallen


können: von hierarchischer Kontrolle zu anarchischer Vielfalt, von asketischer Effizienz
zu hedonistischer Verschwendung, vom Werkzeug zum Konsumgegenstand, von einem
Machtmittel im militärischen und ökonomischen Überlebenskampf zu einem Objekt, das
auf vielerlei Art befriedigende soziale Erfahrungen ermöglicht.

Diese Metamorphose geschah jedoch nicht plötzlich, nicht durch gewaltsame


Usurpation, sondern sehr allmählich, durch stete Unterwanderung.

B ereits 1962 erfanden Hacker am Massachussetts Institute of Technology das erste


Computerspiel. Sie ersetzten damit, wie es Alluquere Rosanne Stone, Leiterin des
texanischen Interactive Multimedia Labaratory, in ihrer Studie „The War of Desire and
Technology at the Close of the Mechanical Age“ beschreibt, erstmals im Umgang mit
den Rechnern die Arbeitsethik durch Spielethik, das ökonomische Effizienzprinzip der
kollektiven Organisationen durch das luxurierende Lustprinzip des Individuums.

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Für den entscheidenden Entwicklungssprung sorgten dann wieder Hacker, jene jungen
Männer, die Anfang der siebziger Jahre in den Garagen von Silicon Valley den PC herbei
bastelten, den persönlichen Computer für jedermann.

Bis dahin hatte die Entwicklung der Computertechnik im Prinzip den autokratischen
Vorgaben einzelner Geldgeber gehorcht, die das Wohl und den Gewinn des Staates oder
anderer Großorganisationen im Kopf hatten. Nun folgte die Forschung immer stärker
den Kräften des Marktes, den Interessen individueller Konsumenten. Die Weiter- und
Fortentwicklung der Technik in neue und unerwartete Richtungen begann.

Die überraschendste, von keinem Futurologen vorhergesehene Wende kam mit der
Bevölkerungsexplosion im Cyberspace, die das Internet von einem professionellen
Kommunikationsmittel zum Unterhaltungsmedium werden ließ. Die Marktlücken, die
sich dabei zuerst auftaten, lagen zweifelsfrei in den erogenen Zonen.

Neben Computer- und Fachfragen dominierte im wuchernden E-mail- und Wortwechsel


der BBS- und Usenet-Diskussions¬foren von Anfang an der Flirt und der Austausch über
Sex; wobei zu den Wegbereitern neben generell Pubertätsgeladenen vor allem sexuelle
Minderheiten gehörten, Homosexuelle und Lesben, S/M-Fans und Exhibitionisten, die in
der Anonymität des Datenraums ihre soziale und geographische Isolierung überwinden

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konnten. Das ungeheure Bedürfnis nach High-Tech-Sex erkannte als einer der ersten
Howard Rheingold, nachdem er Anfang der neunziger Jahre eine Notiz über Virtual-
Reality-Sex in der Online-Gemeinschaft Well zur Diskussion gestellt hatte und daraufhin
mit E-mail und Interviewbegehren aus aller Welt überflutet worden war.

Schnell auch wurde das Internet als das wohl effektivste Transportmedium für erotische
Bilder erkannt, das der Homo sapiens entwickelt hatte, seit er die Wände seiner Höhlen
mit pornographischen Szenen verzierte. Die sexuellen Sehnsüchte und Phantasien
brachen sich naturwüchsig Bahn, lange bevor eine kommerzielle Nutzung einsetzte.
Hobbyisten scannten Fotos aus Büchern und Magazinen ein und platzierten sie in
diversen BBS, im Usenet und auf privaten Websites. Die gewerblichen Bilderhändler,
vom häschen-harmlosen Playboy bis zu Hardcore-Lieferanten, zogen behende nach.

Heute birgt das Netz Millionen von erotischen und pornographischen Abbildungen. Der
Zeitpunkt scheint nicht mehr fern, da alle statischen Körperbilder, die die Menschheit
je von sich machte, online abzurufen sind - nicht nur Fotos aus den vergangenen
anderthalb Jahrhunderten, sondern ebenso die erotischen Schätze der Kunstgeschichte.
Damit erfüllt das Internet die Utopie eines universellen „Liebesmuseums“, nach
dem schon Charles Baudelaire begehrte: ein „gewaltiges Gedicht der Liebe“, das
sämtliche körperlichen Leidenschaften der Menschheit im Bild dokumentiert, „von

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der unausgesprochenen Zärtlichkeit der heiligen Therese bis zu den mit Bedacht
betriebenen Ausschweifungen der übersättigten Jahrhunderte“.

D as Internet bewährte sich jedoch nicht nur als gigantischer Speicher und
überlegenes Distributionsmittel für vorhandene Erotika aller Arten. Seit den grauen
ASCII-Vorzeiten der digitalen Kommunikation wurde es zugleich kreativ für lustbetonte
Erfahrungen genutzt, wie sie außerhalb der Netze nicht möglich wären. Bereits in
den MUDs, textbasierten interaktiven Kunstwelten, die Ende der siebziger Jahre
aufkamen und von rein schriftlicher Interaktion lebten, war Sex alltäglich. Die Tendenz
zu erotischer Interaktion verstärkte sich noch, nachdem sich die Spiele 1989 mit
dem „TinyMud“ an der Carnegie Mellon University und mit der Entwicklung von Chat-
Räumen zu virtuellen Gemeinschaften mauserten. Romanzen und Affären, von Netsex
oder Cybersex über virtuelle Eheschließungen bis hin zu nachfolgenden Paarungen im
Meatspace sind längst eine hunderttausendfache Selbstverständlichkeit.

Cybersexler berichten übereinstimmend, wie psychisch packend diese Mischung


aus schriftlichem Telefonsex und interaktiver erotischer Literatur wirkt. „Eine

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Cybersexszene kann genauso erregend sein wie eine wirkliche“, sagt Cleo Odzer,
Autorin des Buchs „Virtual Spaces: Sex and the Cyber Citizen“. „Es kommt zu keinen
körperlichen Berührungen zwischen den Liebhabern, und es gibt keinen Schmerz im
Cybermasochismus; und dennoch rufen Cyberaffairen Gefühle hervor, die nicht weniger
intensiv sind als wirkliche.“

Bezeichnend für die kaum zu unterdrückenden sexuellen Interessen ist der


Einfallsreichtum, mit dem die Teilnehmer selbst Umwelten, die dafür nicht geschaffen
sind, sexualisieren. Dem japanischen „Habitat“ zum Beispiel, entwickelt von einer
Firma des Star-Wars-Regisseurs George Lucas und von Fujitsu betrieben, fehlte der
Code für sexuelle Stellungen. Das Designer-Team hinkte dem Liefertermin Monate
hinterher und hatte nicht die Zeit, Praktiken wie die Missionarsstellung oder die
A-tergo-Position einzuprogrammieren – ein Manko, das die 1,5 Millionen Cyberbürger
von „Habitat“ in praktischer Selbsthilfe bald kompensierten.

U mgekehrt proportional zur starken und in der Regel positiven Bedeutung des
Verschmelzens von Sexualität und Technologie für Zigmillionen von Cyberbürgern

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verhält sich die veröffentlichte Wahrnehmung dieses Phänomens; sowohl in den


Massenmedien wie in der Forschung. Während sich der populäre Journalismus auf
spektakuläre Fälle von Kinderpornographie oder andere Ausnahmeverbrechen an
der extremen Peripherie der Online-Sexwelle kapriziert, blieben wissenschaftliche
Studien zum Verhältnis von digitaler Technik und Sexualität selten. Den Grund dafür
benennt Marcus Boon in seiner Untersuchung zur Telefonsexindustrie: Das Gros der
Forschungsarbeiten wird „von einem exklusiven Humanismus bestimmt, so dass sich
in ihnen bis heute kaum Referenzen zu den technologischen Aspekten der Sexualität
finden“. Und falls doch, wird die Kombination von Sex und Technologie unter dieser
panhumanistischen Perspektive – in der Tradition von Automaten- und Frankenstein-
Ängsten – meist als entseelende Mechanisierung vorverurteilt.

Noch leichter macht es sich die Technikgeschichtsschreibung. Zur Rolle der Sexualität
für die Entwicklung und Durchsetzung neuer Technologien findet sich in ihr kaum etwas.
Von Siegfried Giedions bahnbrechendem Buch „Mechanization Takes Command“ (1948)
bis zu Carroll Pursells „The Machine in America“ (1995) – verschämtes Schweigen. Dabei
stellt die aktuelle Umfunktionierung digitaler Technik zu lustvollen Zwecken keineswegs
eine Ausnahme dar. Spätestens seit der industriellen Revolution und der Ausbildung

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einer Konsumentenökonomie ist der sexuelle Gebrauch vielmehr die Regel, wo immer
eine Technik die Massen ergreift.

„Die Straße entdeckt eigene Wege, die Dinge zu nutzen“, schreibt William Gibson.
Die Unmöglichkeit, den Gebrauch technischer Neuerungen vorherzubestimmen, ist
eine historische Konstante. Welche Basisinnovation des 19. oder 20. Jahrhunderts man
nimmt: praktisch jede wurde, oft gegen den Widerstand selbsternannter Moralapostel,
von den Konsumentenmassen zum sexuellen Vorteil genutzt und erst dadurch zum
großen Geschäft.

E inen guten Anfang machte das Wort. Um 1830 schuf eine Serie von
Einzelerfindungen die technischen Voraussetzungen für den Massendruck. Bücher
und Zeitungen, die bis dahin in tagelanger Handarbeit gesetzt und gedruckt
wurden, konnten nun binnen Stunden entstehen. Für die größten Auflagen sorgte
dreierlei: Selbsthilfe- und Aufklärungsbücher von der Art „Privater Begleiter für
Jungverheiratete“, erotische und pornografische Werke sowie Zeitungen. Deren
Anzeigenteile lebten von medizinisch-erotischen Waren, die in „normalen“ Läden nicht

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erhältlich waren: Verhütungs- und Abtreibungsmittel wie Salben, Spülungen, Kondome


oder Pessare sowie erotische Accessoires, vom Pariser Dessous bis zur britischen
Peitsche. Das Bedürfnis der Durchschnittsbürger an solchen Offerten hielt die neuen
Druckerpressen am Laufen. Die Kleinanzeigenseiten der Publikumszeitschriften wurden
zum ersten internationalen Massenkommunikations-Netzwerk in der Geschichte der
Menschheit.

Einen zentralen Raum in ihrem Warenangebot nahmen ab Mitte des 19. Jahrhunderts
erotische Fotografien ein. 1839 hatte Louis Jacques Mandé Daguerre sein fotografisches
Verfahren vorgestellt. Keine zwei Jahre später erschien das erste Lehrbuch mit
Hinweisen, wie man am besten bei Aktaufnahmen verfuhr. Für den Massenvertrieb
eignete sich die Daguerreotypie nicht, da jedes Bild ein teures Unikat war, für dessen
Herstellung die Modelle fast eine Viertelstunde stillsitzen mussten. Dennoch florierte
die Aktfotografie dank wohlhabender Sammler. Ab Anfang der 1850er Jahre erlaubten
dann billigere fotografische Verfahren das Massengeschäft.

Die Initialzündung lieferte das Stereobild. Die Aufnahmen von Statuen, Landschaften
und vor allem von schweren Frauen in leichter Kleidung, aufgenommen von einer
doppellinsigen Kamera, schienen ein optisches Wunder: Schaute man durch die Linsen
der stereoskopischen Apparate, so meinte man, die abgebildeten Personen leibhaftig

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vor sich zu sehen, nach ihren schwellenden Körpern greifen zu können. Angesichts
dieses Augenschmauses gerieten die Zeitgenossen schier aus dem Häuschen. Auf dem
Höhepunkt der Stereo-Manie hielten große Händler bis zu 100 000 Stereogramme auf
Lager. Man konnte sie ausleihen wie heute Videokassetten. Kaum eine gutbürgerliche
Wohnung, in der nicht als früher Fernseh- und PC-Ersatz ein Guckkasten herumstand.
„Das Stereoskop”, stellte 1858 eine Werbeanzeige fest, „ist unter allen bekannten
Aufheiterungs- und Zerstreuungsmitteln das schätzbarste.”

Internationales Produktionszentrum war „Photographopolis“, wie der Photopionier


Nadar Paris nannte. Zu Beginn der 1860er Jahre lebten allein in der Welthauptstadt der
Erotik 33 000 Menschen von der Lust an den Bildern. Die härtere Pornographie, deren
Anteil an der Gesamtproduktion in etwa dem in der heutigen Videoindustrie entspricht,
wurde von fliegenden Händlern unter den Seinebrücken und vor den touristischen
Nachtclubs verkauft oder eben durch Kleinanzeigen in der internationalen Presse
abgesetzt.

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E benso boomartig wie das fotografische Geschäft verlief die „Gummirevolution“.


1844 erhielt Charles Goodyear das Patent für sein Verfahren der Vulkanisierung.
Das Datum gilt als eines der wichtigsten Einzelereignisse in der Geschichte der
Industrialisierung. Zuvor musste sich die Menschheit mit tropfenden Schläuchen aus
Leder oder mit wenig schützender Regenkleidung aus geteerter Leinwand behelfen
– und mit Kondomen, die wie zu Zeiten der ägyptischen Pharaonen und römischen
Kaiser aus Tiergedärmen gefertigt wurden, nicht selten in wenig stimulierender
Handarbeit von der Hausfrau selbst. Der Bedarf an angenehmeren Verhütungsmitteln
war entsprechend. Noch bevor sie ihre Produktionsverfahren perfektioniert hatten und
lange, bevor Gummiwaren die industrielle Produktion revolutionierten, befriedigten
die Neuengland-Fabrikanten, die mit der Gummiherstellung begannen, den lukrativen
sexuellen Bedarf. Neben verbesserten Kondomen waren die Bestseller Gummipessare,
Gummikatheder, die Abtreibungen ermöglichten, und – der beliebteste Artikel –
Gummispritzen für verhütende Genitalduschen.

V on Anfang an im einschlägigen Dienste stand auch der Film. Bereits 1890 nutzte

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Thomas Edison die Kamera zur Produktion des ersten erotischen Kurzstreifens: eine
junge Frau, die splitterfasernackt einen Hund fütterte. Ein ebenfalls beliebter Titel
aus dem Katalog von Edisons Black Maria Studios: „How Bridget Served the Salad
Undressed“. Mochten sich die Volkserzieher den Film als lehrreiches Medium vorstellen,
das über Weltwunder unterrichtete oder gutes Theater abfilmte – das zahlende Volk
hatte andere Interessen.

Welche, darüber gibt das Protokoll einer Vorstandssitzung der Biograph Filmgesellschaft
aus den 1910er Jahren Auskunft, bei der die Tageseinnahmen verschiedener Streifen
analysiert wurden. Ein Kriegsschiff auf hoher See brachte 25 Cents, ein Mädchen
hingegen, das auf enthüllende Weise einen Apfelbaum bestieg, das Fünfzehnfache: 3,65
Dollar. Was zu dem verständlichen Beschluss führte - Patriotismus hin und Weltkrieg
her -, die Landesverteidigung fürderhin im laufenden Bild zu vernachlässigen und statt
dessen mehr schöne Mädchen auf hohe Bäume steigen zu lassen.

Die Entscheidung lag im Trend. Noch in diesem Kriegsjahrzehnt sah Amerika nicht
nur den ersten abendfüllenden Stummfilm, sondern auch das erste Blue Movie mit
dem Titel „A Free Ride“. Überdies kam die erste elektrische Erektionshilfe auf den
Markt, und im Katalog des populären Versandhauses Sears fiel der Preis für Vibratoren
auf verführerische sechs Dollar – was dem durchschnittlichen Wochenlohn einer

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berufstätigen Frau entsprach. Eine zeitgenössische Schlagzeile fürchtete, nun schlage


es bald „sex Uhr“. Dabei waren das erst die schüchternen Anfänge vom Ende des
Viktorianismus.

Die nachhaltigste Wirkung zeitigten dabei nicht neue Waren im unmittelbaren


Umfeld menschlicher Sexualität, Büstenhalter etwa oder das erste „gefühlsechte“
Latexkondom, sondern unverdächtigere Gadgets, vom Auto bis zum Telefon. In den
zwanziger Jahren drangen sie in die Mittelschicht.

P honograph und Radio, erfunden für Geschäftsdiktate und zur obrigkeitsstaatlichen


Verkündung von Nachrichten, erlaubten es zum ersten Mal in der Geschichte der
Menschheit auch Nicht-Königen und Nicht-Millionären, sich zur Musik zu lieben – und
wurden zu genau diesem Zweck gekauft. Die großen Hits der Ära waren samt und
sonders Liebeslieder, deren Stil zeitgenössische Kritiker an die Balzrufe von Vögeln
und anderen brünstigen und läufigen Tieren erinnerte. Von Erotik und Sex lebten nicht
minder die Mode-, Männer-, Frauen- und Fotomagazine, die damals entstanden; wobei
nicht nur in den Anzeigen Lust und Technik enge Verbindungen eingingen. „Jeder, der

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sich die Zeit nimmt, die Techniken der Bildreportage in der populären Presse und in den
Magazinen zu studieren“, erkannte Marshall McLuhan, „wird mit Leichtigkeit auf ein
dominantes Muster aus Sex und Technologie stoßen.“

Autos spielten dabei eine Hauptrolle, entsprechend der Bedeutung, die sie für
die moderne Minne im Alltag gewannen. In den zwanziger Jahren rollten Amerikas
Mittelschichts-Teenager dank Fords Fließband im billigen Familienmobil zum sozialen
Ereignis des Jahrzehnts, dem „Date“ - erstmals außerhalb des Elternhauses und befreit
von der bis dahin üblichen Aufsicht durch Erwachsene. An diesem Umstand, dass die
überwiegende Mehrzahl der Amerikaner ihre ersten erotischen Erfahrungen im Auto
macht, hat sich bis heute wenig geändert.

Das vielleicht schönste Beispiel für die sexuelle Adaptation von Techniken, die zu
anderen Zwecken geschaffen wurden, bietet das Telefon. Von den Behörden, die seine
Installation ursprünglich genehmigten und besorgten, war es für Geschäftstelefonate
und die Übermittlung wichtiger Nachrichten geplant, nicht für privaten Klatsch, Tratsch
oder gar Sexgeflüster. Bald hatte es sich jedoch weitgehend diesem Ursprungszweck
entfremdet. Ganze Benimm-Kolumnen widmeten sich den Gefahren der akustischen
Intimität: War es schicklich, mit einem Mann zu flirten, während man selbst im Bett lag
oder nicht vollständig bekleidet war?

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Das Telefon veränderte so nicht


nur die Strukturen der Städte
und ermöglichte das Entstehen
nationaler und internationaler
Konzerne, es veränderte auch die
sexuellen Sitten nachhaltig. Bis
allerdings Telefonsex im eigentlichen
Sinne möglich wurde, vergingen
Jahrzehnte. Eine Voraussetzung
war die Selbstwählanlage, die
das mithörende Fräulein vom Amt
beseitigte. Eine andere die Aufhebung
der staatlichen Monopole, die derlei
Lustgeschäfte nicht zuließen. Eine
dritte die Entwicklung digitaler
Technik für selbsttätiges Hin- und
Herschalten, Konferenzgespräche,
Blockieren von Anrufen und

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automatische Abrechnungssysteme. Die ersten kommerziellen, noch auf Vorkasse


und Rückruf basierenden Angebote tauchten Anfang der achtziger Jahre in New
York auf. Den letzten Stand stellen heute interaktive „Telefonwelten“ dar, die
mit computergesteuerten Anlagen operieren und in denen die Kunden sowohl mit
professionellen Partnern wie untereinander dem Telefonverkehr huldigen können.

M aschinen, Männer, Frauen – wir sind alle Teil des gewaltigen technischen
Entwicklungsprozesses, den wir Realität nennen“, sagt Sadie Plant, Autorin von
Zeroes and Ones: The Matrix of Women and Machines. Und diese Realität gehorcht
mit zunehmendem Wohlstand immer unverhohlener dem Lustprinzip. 75 Prozent
der bespielten Kassetten, die Ende der siebziger Jahre verkauft wurden, als
Videorecorder die Haushalte zu erobern begannen, waren sexuellen Inhalts. Ohne
Pornographie, erkannten die Experten post festum, hätte sich das Medium genauso
wenig durchgesetzt wie später die Laserplatte, für die es auf Beschluss von Sony und
Philips, den beiden Unterhaltungskonzernen, die die Technologie kontrollierten, eben
keine erregende Software gab. Sony scheint daraus gelernt zu haben und arbeitet für
das neue interaktive DVD-Format eng mit der Pornoindustrie zusammen, berichtet

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Frank Rose in Wired: „Das sollten sie auch besser tun, da niemand sonst bislang einen
überzeugenden Verwendungszweck für multiple Kameraperspektiven gefunden hat.“

Der lukrative Zusammenhang zwischen der kommerziellen Durchsetzung innovativer


Technologien und sexuellen Bedürfnissen ist selbstverständlich niemandem vertrauter
als den Sex-Unternehmern selbst. „Neue Technologien werden immer von dem Interesse
an Sex vorangetrieben“, sagt Bob Guccione, Herausgeber von Penthouse. „Das ist ganz
natürlich.”

Charles Darwin hätte ihm vermutlich zugestimmt. Denn er wusste, dass die natürliche
Selektion, das Überleben des Stärkeren, mit dem sein Name unwiderruflich verbunden
wird, den Prozess der Evolution nur zum Teil erklärt.

Physische Stärke, der Sieg im Kampf gegen die Bedrohung durch die Umwelt und
äußere Feinde, reichte nie aus, um die Verbreitung der eigenen Gene zu sichern.
Wenn einzig die Stärkeren überleben, warum gibt es dann voluminöse Pfauenschweife,
die ihre Träger zu einfachen Opfern ihrer natürlichen Gegner machen? Und warum
gibt es die menschliche Nacktheit, die nur Nachteile im Überlebenskampf bot? Die
Evolution schuf eine Vielzahl von Charakteristika, die im direkten Widerspruch zur
natürlichen Selektion stehen. Um sie zu erklären, ergänzte Darwin 1871 in The Descent

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of Man, and Selection in Relation to Sex sein Diktum von der natürlichen Selektion,
vom kämpferischen „survival of the fittest“, durch ein zweites, allemal so mächtiges
Prinzip: die sexuelle Selektion.

Sie besagt, dass im Binnenverhältnis sozialer Gruppen Attraktivität allemal so wichtig


ist wie Stärke. Pfauen mit großen Schweifen zum Beispiel pflanzen sich trotz ihrer
Schwächen im Überlebenskampf hervorragend fort, weil Pfauenweibchen bunte
Schweife mögen und ihre Träger gegenüber Männchen mit weniger spektakulären
Schweifen bevorzugen. Ähnliche Präferenzen, nahm Darwin an, beförderten den
Verlust des menschlichen Fells. In seiner Prehistory of Sex beschreibt Timothy Taylor
den evolutionären Vorteil der Nacktheit als Zuwachs an „sexueller Haut“, die bei den
Primaten auf wenige Quadratzentimeter beschränkt ist. Zunehmende Haarlosigkeit,
zunächst um die primären Geschlechtsmerkmale, erhöhte demzufolge die Attraktivität
der Hominiden beiderlei Geschlechts.

E ntscheidend aber wird die sexuelle Selektion für die Evolution des
Menschengeschlechts mit dem aufrechten Gang. Er gab vor 1,6 Millionen Jahren die

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Hände frei für Werkzeug und Waffenproduktion, und er schaffte in Brustkorb und Lunge
die physischen Voraussetzungen für kompliziertere Lautfolgen, für die Entwicklung von
Sprache.

Der physischen Attraktivität gesellte sich nun die kulturelle hinzu. Technik und
Handwerk begannen, die schiere Natur zu korrigieren. Kleidung und Kosmetika, die
primäre Geschlechtsmerkmale teils verführerisch verhüllten, teils demonstrativ
hervorhoben, rechnet Taylor zu den ersten Produkten. Mit ihnen begann, was bis
heute die Durchsetzung von PCs und Internet bestimmt: Technologien, künstliche
Ausweitungen der körperlichen Möglichkeiten, gehen mit der Sexualität des Homo
sapiens eine symbiotische Beziehung ein.

Wer intelligent und geschickt ist, ob er nun gut jagen oder wertvolle Gegenstände
basteln kann, ob rechnen, musizieren oder Geschichten erzählen, hat bessere
Fortpflanzungschancen. Den kulturellen Kriterien der sexuellen Selektion entsprechend,
wuchs in den ersten 1,4 Millionen Jahren, die Hominiden aufrecht verbrachten, das
Gehirn kontinuierlich, bis es vor 150 000 Jahren die gegenwärtige Maximalgröße
erreichte.

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Mag der Krieg so der Vater der Technik sein, die Sexualität ist ihre Mutter. Sobald
nämlich der Umgang mit innovativen Technologien nicht mehr hierarchisch kontrolliert
oder zensiert wird, setzt sich sexueller Gebrauch zügig durch. Die Konsumentenmassen
erwerben käuflich, was über Hunderttausende von Jahren evolutionäre Vorteile
verschaffte, allem voran Innovationen, die wie Telefon, Auto oder Internet die
kommunikative Mobilität und damit die Zahl der möglichen Sexualkontakte erhöhen.

Ein Einwand gegen die These, die sexuelle Selektion beziehungsweise der Wunsch, in
ihr die eigenen Chancen zu verbessern, stecke hinter der Durchsetzung von Technik,
liegt auf der Hand: Ein Großteil der Verfahren und Waren dient nicht der Fortpflanzung,
weder der Attraktivität noch der Präsenz auf dem sexuellen Markt. Das stimmt für
Kontrazeptionsmittel wie für pornographische „Onanievorlagen“.

Der Einwand jedoch übersieht die Besonderheit menschlicher Sexualität: den „Sex for
Fun“, wie der Evolutionsbiologe Jared Diamond formuliert. Neben dem aufrechten
Gang und der Gehirngröße unterscheidet uns vom Rest der Säugetiere nämlich der
Umstand, dass wir allzeit bereit sind. Der durchschnittliche Sex unserer Spezies dient
nicht der Reproduktion, sondern einzig und allein dem Vergnügen. Und auch das hat
seinen evolutionären Sinn.

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Die wachsende Größe menschlicher Gehirne erforderte die Frühgeburt des


Nachwuchses, der erst außerhalb des Mutterleibs zur Lebenstüchtigkeit reift. Bei
Jägern und Sammlern lag die Stilldauer bei vier Jahren – eine lange Zeit, in der es für
Männer, die an der Verbreitung ihrer Gene interessiert waren, wenig Sinn machte, bei
Frau und Nachwuchs auszuharren. Der in der Tierwelt einzigartige „Sex for Fun“ war
das verführerische Lockmittel, das die Unterstützung des Mannes bei der Aufzucht des
Nachwuchses sicherte.

Insofern standen und stehen auch jene Techniken im Kontext der sexuellen Selektion,
die nicht direkt der Fortpflanzung dienen, aber das sexuelle Zusammenleben
stabilisieren - ob nun Kondome oder die Pille, ob Brustimplantate, Dildos, Vibratoren
oder Penisstimulatoren, ob lasergesteuerte vaginale Verjüngungstherapien,
gefühlsechte Hightech-Silikon-Sexpuppen wie Realdoll, „der Rolls Royce unter den Sex
Toys“, oder eben das Internet, diese Mischung aus globalem Balzplatz und Supermarkt
sexueller Spezialitäten.

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D ie Berichte von Ehepaaren, die sich in Chatrooms kennen- und liebenlernten,


gehören daher derweil genauso zur Cyberfolklore wie die Erfolgsgeschichten der
Sex-Selfmade-Millionäre. Neben Tausenden von „normalen“ Internethändlern, die
wesentlich von der Liebe leben – Blumenläden, Grußkartenversender, Juweliere- ,
haben sich erotische Dienstleister en Gros etabliert. Es gibt Super-Dating-Services
wie match.com mit 1,3 Millionen zahlenden Mitgliedern, und es gibt Krauter wie
Jens Rosenthal, der Gehemmten die Qual des Liebesbriefes abnimmt. Es gibt
Hochzeitsausstatter wie theknot.com, und es gibt vor allem die Anbieter von
pornographischen Bildern und Videos.

Mit dieser Billigware werden in den Netzen die drittgrößten Umsätze erzielt, nach
Online-Trading und E-Handel, der ja Computer, Unterhaltungselektronik und andere
hochwertige Wirtschaftsgüter umfasst. Populäre Sites wie „Hard Drive“ der Ex-
Stripperin Danni Ashes verzeichnen drei Millionen und mehr Hits pro Woche.

„Der Videorecorder veränderte die Porno-Industrie so radikal, wie es niemand


vorhersehen konnte, indem er ein gewaltiges Bedürfnis für ein ganz neues Produkt
kreierte. Das Web ist dabei, genau dasselbe zu tun“, sagt Christophe Pettus, Präsident
des Eroscan Index, einer Suchmaschine, die gerne das Yahoo der Sexindustrie

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werden möchte. Vielversprechende Anfänge sind gemacht. Allein die kalifornische


Pornoindustrie erwirtschaftete 1998 über fünf Milliarden Dollar, davon 875 Millionen
Dollar bereits online.

„Die Popularität der Internet-Pornographie“, sagt Mark Kernes, ein Porno-Aktivist,


der gegen gesetzliche Einschränkungen streitet, „sorgt ganz wesentlich dafür, dass
bestimmte Technologien so weit wie möglich entwickelt werden, zum Beispiel Live-
Video.“

Mit seiner positiven Sicht spricht er einer klaren Mehrheit der Online-Bevölkerung
aus dem heißen Herzen. Denn MSNBC-Umfragen ergaben, dass nicht nur die meisten
männlichen Cybernauten, sondern ebenso die gute Hälfte aller Frauen, die online
sind, regelmäßig Sexsites besuchen. Dieselbe Umfrage verrät allerdings auch, dass 75
Prozent aller Surfer dazu neigen, ihre Sexsuche vor Freunden, Kollegen und Verwandten
geheim zu halten. Das zeugt von schlechtem Gewissen, ändert aber nichts an den
ökonomischen Konsequenzen.

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W enn die kommerzielle Geschichte des Internet geschrieben wird, welche Namen
werden zu jenen zählen, die als Haupt-Katalysatoren wirkten?“ fragte das Wall Street
Journal diesen April. Und gab eine überraschende Antwort: „Neben Cybervisionären wie
Steve Case, dem Gründer von America Online, lassen sich hervorragende Argumente
dafür beibringen, dass zu diesem Kreis die Schauspielerin Pamela Lee Anderson gehört,
bekannt von den Doppelseiten der Männermagazine und Star des Streifens, der heute
wohl das bekannteste Home-Movie der Welt ist.“

Ihr Name findet sich auf 145 000 Websites, beobachtete das Finanzmagazin, von denen
ein Großteil dazu einlade, „Pam und Tommy bei einer Reihe von Dingen zu beobachten,
die in dieser Zeitung nicht druckbar sind“. Andersons Anteil am Gesamtnetz sei „das
Äquivalent zu einem Besuch der New York Public Library, bei dem man dort 13 300
Bücher über sie allein fände“. Das Pornoreich, dessen Königin Pam Lee Anderson ist,
soll ein geschätztes Bruttosozialprodukt von 77 Millionen Dollar pro Jahr erwirtschaften
– auch wenn sie selbst wenig davon sieht. Das Gros kassieren die Piraten unter den
Pornoanbietern. Genauso aber profitiert eine Vielzahl „sauberer“ Unternehmer, etwa
die Suchmaschinen. Allein Alta Vista wird 3,3 Millionen mal im Jahr nach Pamela
befragt und fährt damit einen geschätzten Werbegewinn von rund 200 000 Dollar ein.

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Die Langsamkeit der realexistierenden Verbindungen und die ihr geschuldete


Zuckeligkeit der nicht lupenreinen, sondern lupenkleinen Videos legt nahe, dass es
kaum die technische Qualität des Internetangebots ist, die es so populär macht.
Neben der relativen Anonymität des Zugangs und der einmaligen Rund-um-die-Uhr-
Verfügbarkeit besteht der zentrale Reiz in der Möglichkeit zur Interaktion – glauben
jedenfalls die Gurus der Branche. Ihr Ziel ist folgerichtig eine Steigerung der
Bandbreite bis zu einem Punkt, der die Übertragung der Fotos und Videos in Echtzeit
und in TV-Qualität erlaubt und gleichzeitig das Potential zur Interaktion erhöht.

Schon heute können bei Live-Shows die Kunden mit den strippenden oder kopulierenden
Personen kommunizieren, via Chatsoftware oder Telefon. Wer zahlt, hat dabei das
Sagen, welche Hüllen fallen und welche Körperteile in Großaufnahme gezeigt werden.
In naher Zukunft soll darüber hinaus telematisch und in Echtzeit möglich sein, was
bislang nur Sex-CD-Roms und DVDs wie etwa die mehrsprachigen FantaSaveVR-Discs von
Digital Playground bieten: die Freiheit der Kunden, Kameraperspektiven und Positionen
zu kontrollieren, die Möglichkeit also, sich je nach Lust das befriedigendste Erlebnis
zusammenzumontieren.

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D ie Objekte solcher Cyberbegierden können professionelle Pornodarsteller sein


oder Amateure und Gleichgesinnte, die sich über audiovisuelle Verbindungen an
entsprechenden Treffpunkten versammeln. Dass diese exhibitionistische Sehnsucht
weltweit besteht, dafür lieferte vergangenes Jahr ausgerechnet Microsoft den Beweis.
Um den Marktanteil seiner Netmeeting Videokonferenzsoftware zu erhöhen, verteilten
Gates’ Marketender reichlich Gratiskopien und stellten auf den firmeneigenen Servern
Treffpunkte zur Verfügung. Das Ergebnis war jedoch keineswegs eine Flut virtueller
Geschäftskonferenzen, sondern „eine vierundzwanzigstündige internationale Sexorgie,
deren Gastgeber Microsoft ist“, wie Andrew Leonard seine Erfahrungen in Salon
beschrieb.

Dass Microsoft augenscheinlich die radikale Umfunktionierung der neuen Technik für
sexuelle Zwecke nicht erwartet hatte, zeugt von Blauäugigkeit. Schon Tim Dorcey,
einer der Programmierer der frühen CU-SeeMe-Software, klagte: „Die Herausforderung,
der wir uns gegenübersehen, besteht darin, dass die enthusiastischsten Erstanwender
dieser Sorte von Technologie primär an sexuellen Inhalten interessiert sind.“ Und
John Becker, Ex-Student der Cornell Universität, in deren Labors CU-SeeMe entwickelt
wurde, erinnert sich gut an jene Nacht 1994, als plötzlich ein japanisches Paar

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einloggte und sich zur Verblüffung der versammelten Wissenschaftler zu entkleiden und
zu lieben begann.

So intim der Jahrtausende alte Zusammenhang von Sexualität und Technologie


allerdings ist, er stellt keine Einbahnstraße in Richtung Unterleib dar. Diese Erfahrung,
berichtet Wired, mußte Lisa machen, eine Stripperin im Club Love des Internet-
Pornokönigs Seth Warshavsky. Während sie sich nach den Wünschen eines Dutzend
Online- und Telefon-Kunden darbot, bekam einer der Männer ein dringendes Problem.
Es hatte nicht mit Sex, sondern mit seinem Modem zu tun. Ein anderer Kunde
versuchte, ihm zu helfen, und binnen Sekunden hatte die Gruppe Lisas nackte Reize
vergessen und diskutierte Fragen der Datenfernübertragung und wer das schnellere
System besaß.

Keine andere Berufserfahrung zerrte je so an den Nerven der Stripperin. Denn die
Männer waren allesamt fanatische PC-Anhänger, und sie musste dabei freundlich
bleiben obwohl sie doch Mac-Fan ist.

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nem Creative Commons
Namensnennung-Keine Druckgeschichte
kommerzielle Nutzung- Technolust. In: C’T - MAGAZIN FÜR COMPUTERTECHNIK, 10.
Keine Bearbeitung 2.0 Mai 1999, S. 86-90.
Deutschland Lizenzver- Auszugsweiser Vorabdruck unter dem Titel: Die Mutter aller
trag lizenziert. Um die Dinge. In: NZZ FOLIO, Januar 1999, S. 32-36.
Lizenz anzusehen, ge-
Auszugsweiser Nachdruck unter dem Titel: Die Welt geht nach
hen Sie bitte zu http://
Sex. In: LITERARISCHE WELT / WELT, 15. Mai 1999, S. 1 und S. 6.
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Auszugsweiser Nachdruck unter dem Titel: Technolust. In: TELEPOLIS Online, 4. Juli 1999.
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einen Brief an Creative Kultur im Großraum Nürnberg (Hrgs.), Log.buch. Materialien zu log.in netz|kunst|werke|, Nürnberg
Commons, 171 Second 2001, S. 78-91.
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am 1. Juli 2010 auf www.freyermuth.com unter der Creative Commons License veröffentlicht (siehe Kasten
links). Version: 1.0.

Über den Autor


Gundolf S. Freyermuth ist Professor für Angewandte Medienwissenschaften an der ifs Internationale Filmschule
Köln (www.filmschule.de). Weitere Angaben finden sich auf www.freyermuth.com.

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