Sie sind auf Seite 1von 31
 
technolustvol. 2010.07 info 1/31
Reprint 
199
Medien- sei Kriegstechnologie
,
 heißt es. Doch von der Fotograe über die Gummivulkanisierung bis zu Telefon, Auto und Personalcomputer: In der modernen Industriegesellschaft haben sexuelle Interessen neue Technologien durchgesetzt.
Von Gundolf S. Freyermuth
Technolust
Sexualität, die Mutter aller Dinge
 
freyermuth
.com
vol. 2010.07 info 2/31technolust
Wenn der Krieg der Vater aller Dinge
ist, wie Heraklit meinte, wer ist dann die Mutter? Wer trägt aus und bringt zur Welt, was kämpferisch gezeugt wurde? Für die Gegenwart gefragt: Wenn
technischer Fortschritt unter modernen
Umständen zumeist im Dunstkreis des militärisch-industriellen Komplexes seinen Anfang nimmt – welche Kräfte
steuern die anschließende Integration
in den zivilen Alltag, die Entwicklung der neuen Technologien zur Marktreife, ihre Anpassung an die Bedürfnisse
des durchschnittlichen Konsumenten?
Zweieinhalbtausend Jahre nach Heraklit ndet sich eine eindeutige Antwort auf
diese Frage im Internet.
 
freyermuth
.com
vol. 2010.07 info 3/31technolust
Die üppigste Ausstattung mit leistungsfähigen Servern, die fortgeschrittenste Software zur Bild- und Tonkomprimierung, die leistungsfähigsten Datenbanken zur Bild- und Kundenverwaltung, die verbraucherfreundlichsten Verfahren zum Online-Geldeinzug – das alles prägt nicht die Webauftritte der staatlichen Verwaltungen oder der etablierten Großkonzerne und erst recht nicht die Sites des Pentagon oder des Bonner Verteidigungsministeriums. Wer etwa nur über eine durchschnittlich langsame Internetverbindung verfügt und sich im Internet schnell und unaufwendig ein paar Bilder oder Videos ansehen möchte, wird – zumindest technisch - am besten bei Anbietern von Erotika bedient.„Wir sind an der vordersten Front von allem“, schwärmte ein Designer der Internet Entertainment Group, dem größten US-Online-Sexunternehmen, mit Recht einem Reporter vor. Seit das Netz graphisch und damit populär wurde, investierten die Sexhändler großzügig, entwickelten eigenständig neue Software und holten aus der bescheidenen Bandbreite heraus, was herauszuholen war. Auf den Wegen, die die Porno-Pioniere bahnen, folgen andere Anbieter erst mit Abstand. Ob unter- oder oberhalb der Gürtellinie - derweil dienen Computer wie Internet zunehmend nicht ernster Arbeit, sondern dem Massenvergnügen.

Bewerten

576648e32a3d8b82ca71961b7a986505