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Der Historiker Stelian T`nase Krisenhelfer Gott: Patriarchie

über die Dämonen der empfiehlt Kirchenbau als


Vergangenheit Ausweg aus der Rezession
Nr. 4/06. 2010

politik • wirtschaft • gesellschaft

Generalstreik

Der
totale
Flop!
Foto: Gabriel Petrescu/XINHUA Flux/Agerpres
editorial

Pharisäer am Werk politik • wirtschaft • gesellschaft

impressum

herausgeber:
Punkto Press Service S.R.L.
der Zeitpunkt zum Handeln verpasst geschäftsführender gesellschafter:
wurde. Der mit 150 Euro bezahlten Alex Gröblacher
Krankenschwester, die wegen chroni-
scher Unterbesetzung der Krankenhäu- verlag und abo-service:
punkto@punkto.ro
ser Überstunden machen muss, werden
deshalb 25% vom Gehalt abgezogen. redaktion:
von alex Genauso viel einem politisch in den
zahllosen Regierungsbüros eingesetzten Sabina Fati
gröblacher sabina.f@punkto.ro
Direktor. Der Unterschied ist, dass bei

K
dem Parteifunktionär nach Abzug der Sorin Georgescu
sorin.g@punkto.ro
eine der zahlreichen 25% um die 1000 Euro, in manchen
Alex Gröblacher
Regierungen hat es Fällen sogar viel mehr in der Tasche alex.g@punkto.ro
bis dato gewagt, bleiben. Luxusrentner mit 3.000 Euro
Alex Sterescu
heilige Kühe zu verlieren 15%, genauso aber auch pen- alex.s@punkto.ro
schlachten. Jetzt sionierte Lehrer, die 250 Euro Rente
Anne Warga
wagt es in der Not endlich eine von beziehen. anne.w@punkto.ro
ihnen. Nur sind es teilweise die falschen Inzwischen wird weiterhin munter
Kühe. Die Entscheidung, alle Löhne im an Steuern hinterzogen, was das Zeug Ada Com`nescu
öffentlichen Dienst um 25% und alle hält, werden öffentliche Aufträge für Viorel Ili[oi
Heiner Krems
Renten um 15% zu kürzen, ist ein indi- Summen vergeben, die drei - bis viermal Annett Müller
rektes Eingeständis der Unfähigkeit der über dem Marktpreis liegen. Der Ziga- Camelia Popa
Politik, faire Verhältnisse zu schaffen retten- und Alkoholschmuggel floriert.
und die großen Haushaltslöcher zu Der Staat hält Anteile an Dutzenden korrespondenten:
stopfen. Glaubwürdigkeit, Vertrauen von Unternehmen, die er nicht absto- Alecs Dina (temeswar)
und Legitimität haben dabei alle ver- ßen will. Ruxandra St`nescu (hermannstadt)
spielt. Die liberale Regierung hatte Auch die Gewerkschaften haben
anzeigen:
2007–2008 allen Forderungen nach- ihren Teil der Verantwortung zu tragen.
gegeben, um sich bis zum bitteren Jahrelang haben sie Lohnsteigerungen anzeigenleitung:
Ende an der Macht zu halten. Liberal- gefordert und akzeptiert, obwohl sie Mariana Epure
demokraten und Sozialdemokraten wussten, dass die Steigerungen weit Tel.: (004) 0734 722 050
koalierten 2009 und riskierten vor den über dem Produktivitätsgewinn lagen. maria.e@punkto.ro
Präsidentenwahlen keinen falschen Der Überbesetzung in der Verwaltung key account manager:
Schritt. Die Regierung unter Emil Boc haben sie anstandslos zugesehen. Ar- Florian Coman
verschanzt sich nun hinter den Fehlern beitslose wurden zu Frührentnern − Tel.: (004) 0763 638 855
florian.coman@punkto.ro
der Vorgänger; der Staatspräsident ver- Hauptsache, die Arbeitslosenstatistik
steckt sich hinter dem Argument des stimmt.
art director: Alex Baciu
Zeitdrucks durch den IWF. Es sei zu Wer unter diesen Umständen als
spät, um Renten und Gehälter differen- Politiker an Solidarität in der Krise ap- druck: Master Print Super Offset
ziert zu kürzen. Die Suppe der 20jähri- pelliert, ist ein Pharisäer. Und wer sich
gen Handlungsunfähigkeit dürfen folglich nicht offen zu den Fehlern von gestern vertrieb: Premiere Consulting Press
die Ärmsten der Armen auslöffeln, weil bekennt, auch. premierepress@yahoo.com

Nr. 4 | JUNI 2010 3


inhalt

3. Editorial
Pharisäer am Werk Der totale Flop: Angedrohter Generalstreik
endet für Gewerkschaften in einer Riesen-
6. Premierminister: „Ohne Sparpaket blüht Defizitexplosion“ blamage
7. Schlaraffenland ist abgebrannt Mittlerweile ist für alle
Staatschef schwört Bevölkerung auf drastischen
klar: Im Vergleich zur
Sparkurs ein
Zeitspanne 1997−1999
sind die rumänischen
8. „Musste eingreifen, weil ihr gescheitert seid“
Gewerkschaften nur
9. Der totale Flop! noch ein blasser Schat-
ten ihrer selbst. Und
12. Altpräsident Iliescu: Lustration ist „Stuss“ das hat seine Gründe. seite 9

13. Der Kommentar „Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die


Kleines Handbuch der rumänischen Lustration Notwendigkeit von Strukturreformen in
14. „Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Notwendigkeit Rumänien verschärft“
von Strukturreformen in Rumänien verschärft“ Abschiedsinterview mit Dr. Martin Eichtinger, Botschafter
der Republik Österreich in Rumänien
18. Elena Udrea prangert Parteifilz an: „Entweder Politik oder
Geschäfte“ seite 14

19. Misstrauensantrag
Opposition will Emil Bocs Kopf, nicht auch sein Amt

20. Operation erfolgreich, Patient tot

21. Aufgewärmte Politsuppe


Opposition liebäugelt mit neuerlichem
Amtsenthebungsverfahren des Präsidenten „Ohne Sparpaket riskiert Rumänien
22. Kein Rezessionsende in Sicht: Wirtschaft im 1. Quartal um eine W-förmige Rezession“
2,5% geschrumpft
IWF-Unterhändler Jeffrey Franks
mahnt drastische Sparmaßnahmen
23. „Ohne Sparpaket riskiert Rumänien eine
W-förmige Rezession“
an, ansonsten riskiert Rumänien
eine W-förmige Rezession. Die Krise
24. Defizitmisere habe das Land stärker als erwartet
Notenbankchef Is`rescu: „Auf Monatssicht hat der Staat getroffen, deshalb gehe der IWF
gerade mal Geld für 20 Tage“ für 2010 von einem 0,5%-igen
Minuswachstum der Wirtschaft oder
25. Der Kommentar bestenfalls einem Nullwachstum
Lumpige zwei Milliarden aus, so Franks.
seite 23

4 Nr. 4 | JUNI 2010


inhalt

26. Staat stößt Beteiligung an Krivoy Rog ab


Gastgewerbe: Zwischen Krise
27. Rumänien – attraktiver Outsourcing-Standort
und Chance
28. Gastgewerbe: Zwischen Krise und Chance
Das rumänische Hotel-
und Gaststättengewerbe 35. Bankindustrie: Endlich wieder Lichtblicke
stöhnt weiterhin unter der
Finanzkrise – die Rezession 36. „Wir wollen eine starke Stimme für die rumänischen
legte ehrgeizige Geschäfts- Mitglieder sein“
projekte lahm und fegte
38. Bunte Steuervielfalt: Regierung schröpft an allen Ecken
weniger gefestigte
und Enden
Kleinunternehmer und
Neufirmen unbarmherzig
seite 28 39. Voestalpine startet mit Bau ihres Stahlteile-Werks in
vom Markt.
Giurgiu

Die Stadt auf dem Papier 40. Erste Bank setzt auf „Social Business“

Ein Abfallkorb an einem Strommast deutet als einziger 41. Videanu: „Könnten Beteiligung am AKW Cernavod` auf
Fingerzeig auf die Stadtkultur von Ulmoasa − einem der 20% reduzieren“
7 Stadtteile von Tăuții Măgherăuș im Landeskreis Mara-
42. Westrumänien: Deutscher Investor errichtet Großmühle
mureș. „Keine Ahnung, wann
über die Umwandlung in eine
43. Milliardär Patriciu steigt ins Sportwetten-Geschäft ein
Stadt abgestimmt wurde. Plötz-
lich stand da am Strommast 44. „Die Länderstrategie ist wichtig“
dieser Abfallkorb und dann
mussten neue Personalausweise 46. Schmiergeld-Skandal: AC/DC auf der „Highway to Hell“
seite 48 her“, sagen die Dorfbewohner.
47. Meinungsumfrage: Kaum Vertrauen
zu Regierungsmaßnahmen
„Ich spüre große Frustration“
48. Die Stadt auf dem Papier
Der Historiker und Fernsehmoderator Stelian T`nase
über die Dämonen der Vergangenheit 50. Der Spion, der aus den Büchern kam

seite 51 51. „Ich spüre große Frustration“

53. Naive Erinnerungen aus der roten Zeit

54. Krieg der Zwerge

56. Krisenhelfer Gott

58. Zahl des Monats

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in punkto politik

Premierminister: „Ohne Sparpaket

Foto: Mircea Moiră


blüht Defizitexplosion“

O
hne Sparmaßnahmen würde schnellt − 2007 hatten sie noch bei 33,7
das Staatsdefizit Rumäniens Mrd. Lei gelegen. Das sei für den Staat
in 2012 bereits auf 62% des nicht mehr tragbar, so Boc. Sollte das
BIP geklettert sein – zur- Sparpaket nicht schnellstens umgesetzt
zeit liegt es nach Angaben des Minister- werden, sei die Anhebung der Mehr-
präsidenten gemessen am BIP noch bei wertsteuer und Flat Tax unumgänglich.
rund 30%. „Wenn wir nicht drastisch Finanzminister Sebastian Vl`descu
sparen, riskieren wir einen explosiven teilte seinerseits mit, dass das Staatsede-
Anstieg unserer Verschuldung“, warnte fizit bis Ende 2010 bei 36−37% des BIP
„Trete zurück, Emil Boc.
Dem Regierungschef zufolge sind
und bis Ende 2011 bei 40% des BIP
liegen wird − ohne Sparmaßnahmen
wenn ich diese die Lohnausgaben des Staates im letz- würde es bereits 50% des BIP ausma-
Schlacht verliere“ ten Jahr auf 45,6 Mrd. Lei hochge- chen. Und selbst angesichts des mit dem
IWF für 2010 vereinbarten Defizitziels
Foto: Mircea Moiră

Zu den Auflagen des IWF gehört von 6,8% könne der Staat nicht umhin,
u.a. die zügige Verbesserung der weitere rund 7,5 bis 8 Mrd. Euro zu
Steuereinnahmen, deren Anteil am leihen.
BIP derzeit bei rund 30% liegt. Fi- Laut Statistikamt ist Rumänien,
nanzminister Vl`descu hat den gemessen an seiner Bevölkerungszahl,
Steuerhinterziehern und Schmugg- das EU-Land mit den meisten Staatsbe-
lern dementsprechend den Kampf diensteten − knapp 1,4 Millionen. Mit
angesagt − sollte er diese Schlacht anderen Worten steht hierzulande jeder
nicht binnen 6 Monaten gewinnen, dritte Arbeitnehmer im Dienst des
so werde er seinen Hut nehmen, Staates. Im Vergleich dazu hat das be-
kündigte Vl`descu an. „Die Behör- nachbarte Bulgarien 11 mal weniger
den gehen ihrer Pflicht ungenügend Beamte, sogar das vom Staatsbankrott
nach. Den Abmachungen zwischen bedrohte Griechenland weist viermal
Steuerfahndern und -sündern muss weniger Staatsbedienstete auf.
ein Ende bereitet werden“, sagte
der Minister.
Im Finanz- und auch im Innen- „Haben heuer 10 Mrd. Euro Schulden abzustottern“
ressort werde sich fortan das Blatt
wenden − Schmuggel, einschließlich Rumänien hat im laufenden Jahr das Staatsoberhaupt. Der Staat habe
Mittäterschaft, sollen künftig härter Schulden in Höhe von 10,007 Mrd. sich in 2007, 2008 und 2009 übernom-
bestraft werden, an den entsprechen- Euro zu tilgen, davon machen allein die men und beständig Schulden gemacht,
den gesetzlichen Regelungen werde Zinsen rund 1,6 Mrd. Euro aus − etwa um seine Haushaltslöcher zu stopfen,
bereits gearbeitet. „Wenn innerhalb das Doppelte der Ende Juni erwarteten anstatt das Übel an der Wurzel zu pa-
von 6 Monaten keine Besserung ein- 5. Teilzahlung des Notkredits, eröffnete cken. Sollte künftig „besonnen und kor-
tritt, liegt auf der Hand, dass ich ver- Präsident B`sescu. Es sei dies „die Rech- rekt“ vorgegangen werden, so könne
sagt habe. Und Versager müssen ge- nung für all das, was wir konsumiert das Land noch einmal mit einem blauen
hen“, so Vl`descu. haben, ohne zu produzieren“, mahnte Auge davonkommen, so B`sescu.

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politik

Schlaraffenland ist abgebrannt

Staatschef schwört Bevölkerung auf


drastischen Sparkurs ein

N
icht der Regierungs-, sondern der Staatschef hat’s verkündet: in Krisenzeiten fast 11 Mio. Bürger, die
Rumänien sagt seiner größtenteils hausgemachten Krise den irgendeine Form der sozialen Beihilfe
Kampf an, ab Juni soll nunmehr ein drastischer Sparkurs gefah- beziehen, leisten.
ren werden: Sämtliche Löhne der Staatbediensteten werden um Um die Bürger auf die anbrechenden
25%, Renten und Sozialhilfen um 15% gekürzt, sonstige Beihilfen gestrichen, schweren Zeiten einzuschwören, griffen
die landwirtschaftlichen Subventionen überdacht und neue Abgaben eingeführt, Präsidentschaft und Regierung allerdings
verlautbarte der Staatspräsident Anfang Mai. „Ansonsten blüht Rumänien eine zu fiesen Tricks: Vor der Ankündigung
Vergriechisierung“, so B`sescu wörtlich. Nach Gesprächen mit der Regierung, des Sparkurses erfolgte eine tagelange,
der IWF-Mission und Notenbankchef Mugur Is`rescu sei man zum Schluss gezielte Desinformation − die Behörden
gekommen, dass dies der einzig richtige Weg sei, um das Staatsdefizit zu senken. ließen über „der Regierung nahestehen-
de Quellen“ durchsickern, dass kein Weg
Es dürfe nicht sein, dass der überdi- mehr an der Anhebung der Mehrwert-
Foto: Vadim Ghirda/AP Flux/Agerpres

mensionierte Staatsapparat weiterhin auf steuer und/oder der Flat Tax vorbeiführe.
Kosten der Realwirtschaft aufrecht erhal- Die Angst vor einer 24–25%igen Mehr-
ten werde − diese habe in Krisenzeiten wertsteuer oder einer 20%igen Flat Tax
richtig gehandelt und ihre Personalkosten sollte bei der Bevölkerung das Gefühl
zurückgeschraubt, der Staat habe dies erwecken, letzten Endes durch die Kür-
nicht getan, sagte B`sescu. Eine Steuer- zung der Beamtenlöhne und Renten
anhebung würde die Realwirtschaft bis noch einmal billig davon gekommen zu
ins Mark treffen und jede Chance auf sein. Auch während der Verhandlungen
einen Wirtschaftsaufschwung zunichte mit der IWF-Mission waren die rumäni-
machen. Der Staatschef erläuterte zudem, schen Behörden ständig bemüht, den
dass die Lohn- und Rentenkürzungen Schwarzen Peter möglichst der interna-
nur den ersten Schritt des Sparprogramms tionalen Delegation zuzuschieben −
darstellen: Bis Januar 2011 stehen mas- stets hieß es, der IWF fordere die eine
sive Entlassungen im öffentlichen Dienst oder andere unpopuläre Maßnahme.
an. B`sescu zufolge wurden bislang 28% Der IWF reagierte schließlich gereizt
des Haushalts für Beamtenlöhne und wei- und verlautbarte aus Washington, dass
tere 35% für Sozialausgaben, einschließ- er nur Benchmarks festlege und Buka-
lich Renten, aufgewendet − der Staats- gime geerbt und 20 Jahre lang mehr oder rest selbst die hierfür notwendigen Maß-
apparat sei derart überdimensioniert, minder unverändert beibehalten wurde, nahmen beschließe. Zwar mag der Spar-
dass ihn das Land einfach nicht mehr ist damit abgebrannt. Der Beschluss des kurs-Beschluss der Behörden durchaus
tragen könne und sich deshalb im letz- Staatsoberhaupts, die Ratschläge des Na- couragiert sein − mit Ruhm bekleckert
ten Frühjahr zur Aufnahme des 20 Mrd. tionalbankchefs zu beherzigen, ist mutig, haben sich angesichts ihrer billigen
Euro-Notdarlehens gezwungen sah. dürfte jedoch weniger aus Überzeugung, Imagepflege-Tricks allerdings weder der
Schlaraffenland Sozialstaat Rumäni- denn aus Not erfolgt sein − kein Staat, Staatschef, noch die Regierung.
en, so wie er vom kommunistischen Re- und sei er noch so finanzstark, kann sich anne warga

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politik

„Musste eingreifen, weil


Foto: Mircea Moiră
ihr gescheitert seid“

H
inter geschlossen Türen hat Staatschef B`sescu der Regierung
und auch der liberaldemokratischen Fraktion wenige Tage nach
der Ankündigung des höchst unpopulären Sparpakets tüchtig die
Leviten gelesen: „Ich musste eingreifen, weil ihr gescheitert seid;
euer angeblicher Krisenplan ist fehlgeschlagen“, berichtete die rumänische Presse
unter Berufung auf bei der Sitzung anwesende Quellen.

Emil Boc vor dem

Foto: S. Lupşa/Präsidentschaft
Abgang?
Trotz eines halbherzigen Demen-
tis des Präsidenten halten die Ge-
rüchte über einen baldigen Abgang
des Regierungschefs hartnäckig an –
angeblich soll er von Mihai T`n`se-
Staatschef Băsescu: „Ihr könnt das Land aus der Krise führen oder begraben!“
scu (Foto), dem Vertreter Rumäniens
beim IWF, abgelöst werden, kolpor- „Ihr könnt Rumänien aus der Krise Präsidenten „über Defizite und Maßnah-
tiert die Presse seit Wochen. führen oder das Land mit eurer Klien- men sprechen zu lassen“, so Stolojan.
Den Spekulationen zufolge soll telwirtschaft begraben und euch für Klartext sprach schließlich auch Präsi-
Emil Bocs Abgang im Zuge der immer kompromittieren“, so die ein- dialberater Sebastian L`z`roiu: Sollte das
Verschärfung der Straßenproteste deutige Mahnung des Präsidenten. B`- Sparpaket der Regierung scheitern, habe
erfolgen, so die Medien unter Beru- sescu verwies auch darauf, dass „die der Ministerpräsident abzudanken. Die
fung auf Quellen aus der Regierungs- Regierungspartei ihre Glaubwürdigkeit angekündigten Sparmaßnahmen würden
partei PDL. Boc soll seinen Rücktritt längst verspielt“ habe. „Wo ist euer sich zwar gut „auf dem Papier“ machen,
bereits wenige Tage nach der Abreise gesunder Menschenverstand? Jeder Pos- jedoch im Falle einer zögerlich vorgehen-
der IWF-Mission angeboten haben, ten im öffentlichen Dienst muss aufgrund den Exekutive keineswegs auch greifen.
doch habe der Staatschef ihn ersucht, eines Wettbewerbs besetzt werden. Was „Wir werden sehen, was bis Jahresende
mit der Ankündigung bis zur Zu- hat ein Musikant an der Spitze der Ge- läuft. Wenn die Regierung nicht liefert,
spitzung der sozialen Spannungen sundheitsbehörde des Kreises Dolj zu hat sie sich dafür zu verantworten“, sagte
zu warten, damit sie einen Katharsis- suchen?“, fragte der Präsident in die be- L`z`roiu. Dem Präsidialberater zufolge
ähnlichen Effekt bewirke. Als Anwär- tretene Ministerrunde. sei die Vorgehensweise des Kabinetts zu-
ter auf das Amt des Premierministers PDL-Vize Theodor Stolojan äußerte dem „allzu oft eine politisch sowie kom-
gelten auch die „Dauerkandidaten“ seinerseits gegenüber der Presse, dass das munikationsmäßig linkische“ gewesen.
Mugur Is`rescu, Gouverneur der Sparpaket eigentlich gar nicht vom Staats- Vorgezogene Neuwahlen im Falle eines
Nationalbank, Theodor Stolojan, chef hätte angekündigt werden müssen. Rückzugs des Kabinetts schloss L`z`roiu
Ex-Regierungschef und derzeitiger Doch seien „sowohl der Finanzminister allerdings aus − die Chancen dafür seien
Europaabgeordneter, sowie Lucian als auch der Gouverneur der National- praktisch gleich Null.
Croitoru, Berater des Notenbankchefs. bank höchst erleichtert“ gewesen, den heiner krems

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coverstory

Der totale Flop


Angedrohter Generalstreik endet für Gewerkschaften in einer Riesenblamage
von alex gröblacher
Foto: Mircea Moiră

G
enerelle Lohn- und Rentenkürzungen verlangten die Regierenden, gestaffelte Kürzungen und zusätzliche
Maßnahmen zur Reduzierung der Verwaltungskosten die Gewerkschaften. Die einen wollten ihre Ideen
unbedingt aufdrängen und setzten dabei auf die Taktik der Scheinverhandlungen, die anderen die Durchset-
zung ihrer Forderungen im Notfall erstreiken. Mehr aus politischen Überlegungen denn infolge gewerk-
schaftlichen Drucks hat die Regierung dahingehend eingelenkt, dass Mindestlohn und Mindestrente unangetastet bleiben
– zumindest vorerst. Was darüber liegt, wird gekürzt. Doch reichte das den Gewerkschaften nicht. Die Vertretungen der
Arbeitnehmer aus dem öffentlichen Dienst und die Rentnerverbände wollten zum totalen Krieg gegen die Regierung
rüsten. Es wurde wenig daraus, und das hat gute Gründe.

Der wahre Test für die Gewerkschaf- ten, Ordnungshüter, Lokführer, Zöllner, mit Ausschreitungen.
ten kam mit der Großdemonstration auf Mütter, Rentner. Und viele andere. Es sollte zu keinen kommen. Das
dem Bukarester Siegesplatz vor dem Re- Spannung lag dick in der Luft, es roch einzige Opfer war Marcel Hoar`, Staats-
gierungssitz am 19. Mai. Die Gewerk- nach Gewalt. Wenige Tage davor hatten sekretär im Wirtschaftsministerium. Hoa-
schaften kündigten rund 60.000 Teil- Rentner auf einer Demo das Bild des r` hatte es gewagt, ein auf dem Sieges-
nehmer an. Alles, was im Staatsdienst Staatspräsidenten angezündet und die platz improvisiertes TV-Studio aufzusu-
kreucht und fleucht, sollte demonstrie- Augen auf dessen Wahlplakaten aus- chen und wurde von der Menge ange-
ren: Lehrer, Krankenschwestern, Juris- gestochen. Die Gendarmerie rechnete pöbelt. Journalisten und Techniker

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coverstory

ten können allem Anschein nach eine


derart komplizierte Aktion nicht mehr
managen. Am 31. Mai sollten beispiels-
weise die Angestellten aus dem Bil-
dungssystem in einen unbefristeten
Generalstreik treten, doch an den meis-
ten Schulen herrschte normaler Alltag,
Foto: Vadim Ghirda/ AP Flux/Agerpres

die Abiturprüfungen liefen planmäßig


an. Die Gewerkschaften begehrten auf –
das Ministerium habe Streikbrecher
eingesetzt und Nicht-Lehrer als Auf-
passer bei den Prüfungen zugelassen,
streikwilligen Lehrern sei hingegen mit
Entlassung gedroht worden. Am glei-
chen Montag streikten dafür die Beam-
nahmen ihn in Schutz, er kam mit richtsklagen hatten sie ja auch ein an- ten aus der Verwaltung, Teilgewerk-
einem blauen Auge davon und wurde deres As im Ärmel: den Generalstreik, schaften aus dem Gesundheitswesen, das
anschließend von Lokalpolizisten in den Totalangriff, der das Land lahmlegt. Personal der Justizvollzugsanstalten und
Sicherheit gebracht. Ansonsten verlief Bereits vor der Verabschiedung der Ab- auch die Schauspieler an staatlichen The-
die Demonstration friedlich. Für den sichtserklärung gegenüber dem IWF, in atern. Krankenwagen bedienten nur Not-
Geschmack der Gewerkschafter sogar der sich die Regierung für die beschlos- fälle, viele Schalter der Verwaltung blie-
zu friedlich. Auf jeden Fall so friedlich, senen Maßnahmen verbürgt, drohten ben geschlossen. Für Dienstag schwante
dass man sich fragen muss, ob die Ge- die großen Dachverbände mit dem Ge- den Gewerkschaften dann das perfekte
werkschaften im Vergleich zu 1997−1999 neralstreik. Ihre Drohung machten sie Hauptstadtchaos vor: durch einen ge-
inzwischen nicht nur noch ein blasser ab dem 31. Mai wahr – doch auch das meinsamen Streik bei der Metro und
Schatten ihrer selbst sind. Nur 30.000 nur sporadisch, denn die Gewerkschaf- dem Nahverkehrsbetrieb RATB sollten
Menschen folgten ihrem Aufruf, viele
Foto: Grigore Popescu /Agerpres

der mit dem Buss nach Bukarest gekarr-


ten Demonstranten empfanden den
Protest eher als Ausflug ins Grüne. Sie
lachten, tanzten den gerade populären
Pinguintanz, rappten zu Hip-Hop-Rhyth-
men und ließen sich von Kollegen vor
dem Kitsch-Palast des Fußballmagnaten
George Becali in einer nahegelegenen
Straße per Handy abknipsen − ein be-
liebtes Souvenir aus Bukarest.
Die große Demonstration war zur
verkappten Loveparade verkommen.
Eine peinliche Blamage für die Gewerk-
schaften. Kein Wunder, dass sich die Re-
gierung mehr oder minder sicher fühlte
und bei den Verhandlungen in nur we-
nigen Punkten nachgab. Doch die Ge-
werkschaften drohten mit schwererem
Geschütz. Neben Protesten und Ge- Zur Loveparade verkommen: Rapper Cerebel trat selbst mit Gipsbein auf

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coverstory

Foto: Mircea Moiră


Hunderttausende Menschen zu Fuß ins
Büro marschieren müssen, die Autos sich
zu Zigtausenden stauen und der Verkehr
völlig zusammenbrechen. Auch diese
Protestaktion endete in einem Flop, weil
die RATB normal arbeitete und die U-
Bahn-Bediensteten nur bis 12.00 Uhr
streikten. Das Verkehrschaos hielt sich
in für Bukarest normalen Grenzen.
Durch die Gewerkschaftsreihen geht
inzwischen ein ängstliches Raunen –
sollten sie tatsächlich nicht mehr als ein
paar mickrige Streiks schaffen? Offenbar damit passiert, bestimmt die Basis. Und dürfte letzten Endes vielen mulmig zu
nicht. Die Gründe sind vielfältig. Die in nicht wenigen Fällen glaubte man sich Mute geworden sein. Denn die Regie-
großen Dachverbände haben ihren Ver- so sicher vor Entlassungen und Gehalts- rung hat sich ein gefährliches Hinter-
trauensbonus bei den eigenen Mitglie- kürzungen, dass die Gewerkschaftsmit- türchen offen gelassen: Die gesetzliche
dern längst verspielt, ihre Bosse gelten glieder in der Urabstimmung nicht für Grundlage für die Eilverordnung, die
als ebenso korrupt wie die Politiker, ge- die Einrichtung eines Streikfonds ent- das Sparpaket schnürt, ist Artikel 53 des
gen die sie jetzt antreten. Auch ist noch schieden, sondern das Geld auf Weih- Grundgesetzes. Und der sieht vor, dass
recht unklar, wer genau von den ange- nachtsgeschenke für die Kinder der Arbeit- der Staat bestimmte Rechte und Freihei-
kündigten Gehaltskürzungen betroffen nehmer oder auf Betriebsfeste verprass- ten einschränken kann, wenn es öffent-
wird. So warfen die Lokführer ein, dass sie ten. Wer jetzt streikt, tut es also sozusa- liche Ordnung und Landessicherheit er-
nicht streiken würden, da ihre Gehälter gen auf eigene Kosten. fordern. Und das könnte im Notfall auch
unangetastet bleiben. Sollte sich das än- Angesichts der Behördendrohungen das sakrosankte Streikrecht betreffen.
dern, könne man immer noch umden-
ken. Drittens sind die Gewerkschaften –
anders als z. B. in Deutschland – nicht
überbetrieblich organisiert, sondern auf
Betriebsebene. Deshalb ist eine Koor-
dinierung viel schwieriger, die Dachver-
bände wissen nicht, welcher Betrieb aus-
schlaggebend für eine Branche ist, so
dass gezielt gestreikt werden könnte
und durch den Arbeitsausfall von nur
wenigen Arbeitnehmern trotzdem eine
gesamte Industrie gelähmt wird. Durch
diese Strukturierung wurden die Ge-
werkschaften zu einer Art Mischung aus
Gewerkschaft und Betriebsrat. So ge-
nannte Yellow Unions − die dem Mana-
gement in die Hand spielen und sich
eher streikunwillig verhalten – sind des-
Foto: Mircea Moiră

halb nicht selten in der rumänischen Ge-


werkschaftslandschaft. Viertens geht es
um Geld – zwar sammelt jede Gewerk-
schaft Mitgliederbeiträge ein, aber was

Nr. 4 | JUNI 2010 11


politik

„Haben gelogen
wie gedruckt“
Altpräsident Iliescu:
Der liberaldemokratische Vize
Valeriu Stoica hat jüngst ein bemer-
Lustration ist „Stuss“
kenswertes Eingeständnis gemacht:
Seit der Wende werde den Bürgern Iliescu kündete zudem
Foto: Mircea Moiră
konstant eine „Riesenlüge“ aufge- an, dass die Sozialdemokra-
tischt. Egal, ob Vertreter der Linken ten das Lustrationsgesetz
oder der Rechten − sämtliche Poli- beim Verfassungsgericht an-
tiker hätten in allen Wahlkämpfen fechten werden. Es sei falsch,
der letzten 20 Jahre „gelogen wie „ganze Menschenkategorien
gedruckt“, wohlwissend, dass ihre aus dem öffentlichen Leben
Wahlversprechen aus ökonomischer auszuschließen“, solche
Sicht utopisch seien. „Wir wussten, Maßnahmen seien totalitären
dass wir Lügenmärchen verzapfen, Regimes eigen. „Das gehört
wussten, dass sie wirtschaftlich nicht zum faschistischen oder stali-
tragbar sind“, bekannte Stoica. „Wir nistischen Gedankengut“, so
haben das Land anormal aufgebaut. Iliescu.
Alle Regierungen versprachen aus- Tatsächlich trifft die Ver-
nahmslos höhere Löhne und Renten. abschiedung des Lustrations-
Nun müssen wir zurück auf den har- gesetzes die PSD am härtes-
ten Boden der Realität, was uns hart- Sooft er auf das Lustrationsgesetz ten, errechnete die Nachrichtenagentur
näckigen Lügnern natürlich missfällt. angesprochen wird, gerät Altpräsident Mediafax, da bis zu 40% ihrer Lokalbe-
Und auch der Bevölkerung, die sich Ion Iliescu in Rage: Ein derartiges Ge- rater abdanken müssten. Mediafax zu-
an unsere Lügenmärchen gewöhnt setz sei „Stuss“, wetterte der 80-Jährige folge sind die Sozis auch über potenzielle
hat und die Wahrheit nun nicht mehr nach der Verabschiedung der Vorlage Auswirkungen des Gesetzes auf ihre
hören will“, so der PDL-Spitzenpoli- durch die Abgeordnetenkammer, es Parteiführung besorgt.
tiker. Um Wohlstand zu generieren, mache 20 Jahre nach den Wendeereig- Das Gesetz sieht vor, dass ehemalige
müsse das Land produzieren, harte nissen keinen Sinn. „Wir sind doch EU- führende Mitglieder der zentralen und
Arbeit und Ehrlichkeit seien der Weg Mitglied, haben eine gefestigte Demo- lokalen kommunistischen Parteistruktu-
zur wirtschaftlichen Genesung. Das kratie, das Grundgesetz ist demokratisch, ren, der Securitate, Miliz, des kommu-
Sparpaket der Regierung sei ein erster seit 2 Jahrzehnten gibt es freie Wahlen nistischen Rechtssystems u.a. 5 Jahre
Schritt in diese Richtung, weitere − weshalb auf Maßnahmen zurückgrei- lang keine politischen Ämter (Staatschef,
Trugbilder würden in den Ruin führen fen, die der Vergangenheit Rechnung Regierungschef, Abgeordnete, Sena-
− das sehe man am Beispiel Griechen- tragen?“, so der Altkommunist. Das toren, Führungsämter in der Lokalver-
lands, so Stoica. Gesetz stelle die „geistige Zurückge- waltung, Verfassungsrichter, Mitglieder
bliebenheit“ seiner Autoren unter Be- des hohen Richterstandes, Staatsanwalt-
Foto: V. Lazarescu/Agerpres

weis, Rumänien werde sich damit zum schaft u.a.) mehr bekleiden können.
Gespött der Welt machen, beteuerte Ili- Hingegen dürfen sie infolge einer von
escu. Er selbst fühle sich heute „wie im den Liberaldemokraten durchgesetzten
Kommunismus“ − vor der Wende sei er Änderung durchaus Führungsämter in-
„von Ceau[escus Securitate verfolgt“ nerhalb der Regierungsagenturen oder
worden, nun würden ihn „B`sescus Ministerien innehaben.
Kläffer anknurren“. anne warga

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politik

Der Kommentar geordneten Adrian Severin dürfte das


Lustrationsgesetz wenig schaden. Als

Kleines Handbuch der


ehemaliger Chef des Landesrates für
Kultur der kommunistischen Studenten
müsste sein Abgang von der Politbühne

rumänischen Lustration zwar ein sicherer sein, doch gelten der-


lei ethische Richtlinien nun einmal nicht
im EU-Parlament. Lustriert könnte nun
auch Altkommunist Ion Iliescu werden
zur Erforschung der Securitate-Archive − doch ist in seinem Fall der Schaden
(CNSAS) zu funktionieren begann, wur- ebenfalls längst angerichtet: 10 Jahre
den zunächst prominente Vertreter der lang konnte er ungehindert das höchste
historischen Parteien als Spitzel geoutet, Amt im Staat bekleiden und sämtliche
um diese Parteien zu diskreditieren. politischen, wirtschaftlichen und mora-
Die Wendekommunisten, die die Se- lischen Reformen im postkommunisti-
curitate-Archive lange Zeit kontrollierten, schen Rumänien erfolgreich abblocken.
von sabina fati
kamen hingegen größtenteils ungescho- Laut Gesetz fallen Parteifunktionäre,

E
ren davon. Erst 2006 gelang es Präsident mit Führungsämtern betraute Mitglie-
rstmals seit der Wende B`sescu, besagte Archive unter die Auf- der der kommunistischen Verwaltung,
zeigten sich die Machtin- sicht des CNSAS zu stellen. Als der Rat Mitglieder des Propaganda-Apparats,
haber in Bukarest gewillt, sodann begann, Parteichefs und hohe die Mitarbeiter sämtlicher Repressions-
ein Lustrationsgesetz zu Geistliche der Rumänisch-Orthodoxen strukturen der kommunistischen Dik-
verabschieden − wohl deshalb, weil es Kirche als IM zu entlarven, schlugen die tatur, des Weiteren die informellen Mit-
nach 20 Jahren nicht mehr viel zu lus- Spitzel zurück: So rief der Ex-Parteichef arbeiter der Securitate, sämtliche Magis-
trieren gibt, da die Zahl der ehemaligen der Konservativen und ihr derzeitiger traten in Führungspositionen vor 1989,
Mitglieder der Nomenklatura und sons- Ehrenvorsitzender, Dan Voiculescu, das die Leiter der ausländischen diplomati-
tigen Mitarbeiter der kommunistischen Verfassungsgericht an, das schließlich schen Missionen vor 1989 u.a. unter die
Diktatur längst auf natürliche Weise zu- sowohl die Einsicht in die eigene Securi- Lustrationsregelung − sie dürfen fortan
rückgegangen ist. Noch vor 15 Jahren, tate-Akte als auch die Enthüllungen des fünf Jahre lang keine hohen politischen
als die Neokommunisten erstmals abge- CNSAS für verfassungswidrig erklärte. Ämter mehr bekleiden.
wählt wurden, war die siegreiche Mitte- Das Bukarester Appelationsgericht Unklar ist, ob nicht auch Staatspräsi-
Rechts-Koalition, zu der auch Traian bestätigte zwar zu Beginn dieses Jahres dent Traian B`sescu vom Lustrationsge-
B`sescus heutige PD-L zählte, der Mei- Voiculescus Spitzel-Tätigkeit, doch ist setz betroffen wäre: Als ehemaliger Leiter
nung, dass die Prioritäten des Landes das Urteil noch nicht endgültig rechts- der Staatsrederei NAVROM fiele er zwar
andere seien und man zukunfts- und nicht kräftig. Voiculescu, der seine Spitzel-Be- nicht darunter, doch konnte bekanntlich
vergangenheitsorientiert zu handeln habe. richte unter dem Decknamen „Felix“ vor 1989 niemand einer im westlichen
Auch die restlichen demokratischen schrieb, war vor der Wende für die Au- Ausland funktionierenden Behörde vor-
Parteien waren von der Idee eines Lus- ßenhandelsfirmen der Securitate tätig, stehen, der nicht auch mit dem kommu-
trationsgesetzes ebensowenig begeistert nach 1989 konnte er binnen weniger nistischen System und dessen Geheim-
− die meisten Spitzenpolitiker der Libe- Jahre ein machtvolles Medienimperium dienst paktiert hatte.
ralen und der Christdemokratischen aufbauen. Selbst wenn er nun morgen
Bauernpartei hatten vor der Wende jah- lustriert würde, bliebe sein Einfluss dank Die Journalistin und Politologin Sabina
relang in kommunistischen Kerkern ge- seines über die Jahre bestens gefestigten Fati ist Stellvertretende Chefredakteurin der
sessen und unter Druck Verpflichtungs- Netzwerks an Beziehungen zu Politik Tageszeitung „România liberă“ und langjäh-
erklärungen zur Securitate-Mitarbeit und Wirtschaft ungebrochen. rige Mitarbeiterin des Senders „Radio Freies
unterzeichnet. Als schließlich der Rat Auch dem sozialistischen Europaab- Europa“

Nr. 4 | JUNI 2010 13


interview

„Die Wirtschafts- und Finanzkrise


hat die Notwendigkeit von Struktur-
reformen in Rumänien verschärft“
Abschiedsinterview mit Dr. Martin Eichtinger, Botschafter der Republik
Österreich in Rumänien

Exzellenz, Sie verlassen Bukarest gekommen und wurde nicht enttäuscht. zulande − wie schwer haben sie unter
Mitte Juni, um in Wien das Amt des Sehr viel hat mir geholfen, dass ich mich fehlenden Maßnahmen zur Stützung der
Sektionsleiters der Auslandskultur zu intensiv mit der Sprache beschäftigen Wirtschaft gelitten?
übernehmen. Abschiede bedeuten fast konnte: Ich glaube, dass man nur dann Die Wirtschaftssituation war tatsäch-
immer ein lachendes und ein weinendes einen Blick in die Herzen der Rumänin- lich eine gänzlich andere, als ich im
Auge – worauf freuen Sie sich? nen und Rumänen werfen kann, wenn September 2007 nach Rumänien kam.
Die neue Aufgabe ist eine sehr span- man ihre Sprache zumindest ein wenig Ich erinnere mich an die Prognosen zu
nende. Österreich sieht sich als Kultur- spricht. Dies erlaubt auch eine andere Beginn des Jahres 2008, die Rumänien
nation und wird als solche auch in der Auseinandersetzung mit der Geschichte bis 2015 ein durchschnittliches Wachs-
Welt geschätzt. In vielen Ländern der des Landes und vor allem seiner Kultur, tum von zumindest 6-8% vorhersagten.
Welt sind es vor allem die kulturellen deren Bedeutung in Europa noch viel Die Krise hat Rumänien leider beson-
Leistungen, mit denen Österreich asso- zu wenig gewürdigt wird − wohl weil sie ders hart und inmitten eines rasanten
ziiert wird und die unser Image prägen. noch zu wenig bekannt ist. Aufholprozesses mit Europa getroffen.
Ich bin glücklich, dass ich mithelfen Ja, ich werde Rumänien und seine Die bestmögliche Unterstützung der
kann, das moderne Österreich mit den landschaftlichen und kulturellen Schätze österreichischen Wirtschaft war und ist
Mitteln des kulturellen Ausdrucks im vermissen, aber ich habe vor, des Öfteren eines meiner wichtigsten Anliegen und
Ausland zu präsentieren. Dass ich zu- zurückzukehren − uns trennen ja nur et- ich glaube sagen zu können, dass die
dem auch für die wissenschaftlichen Ko- was über eine Stunde Flugzeit. österreichischen Unternehmen anerkannt
operationen mit dem Ausland und den haben, dass ich jederzeit für sie da war,
Dialog der Kulturen zuständig sein werde, Als Sie vor drei Jahren nach Bukarest wenn sie mich brauchten oder meinten,
freut mich ganz besonders. kamen, boomte die rumänische Wirt- dass ich ihnen helfen könnte.
schaft. Sie sagten mir damals in einem Ich weiß, dass ich einen Gemeinplatz
Um auch das weinende Auge Interview, es sei Ihr besonderes Anlie- verwende, wenn ich sage, dass jede Krise
anzusprechen: Inwiefern werden Sie gen, die österreichischen Unternehmen auch eine Chance ist. Aber die österrei-
Rumänien vermissen? „bestmöglichst zu unterstützen“. Ein chischen Unternehmen – und in vielen
Ich habe mich in Rumänien vom ers- Jahr später hielt die internationale Fällen stehen ja rumänische Manager an
ten Augenblick an wohlgefühlt. Das Wirtschafts- und Finanzkrise auch in ihrer Spitze – haben ihre Feuertaufe be-
hängt sicher damit zusammen, dass es Rumänien Einzug, hinzu gesellte sich standen und ein großartiges Krisenma-
meine erste Wahl bei meiner Bewerbung sodann die eigene, hausgemachte. nagement gezeigt. Manche von ihnen
um einen Botschafterposten war. Ich bin Welches sind Ihre Feedbacks zur gegen- haben in der Krise sogar Marktanteile
mit einer positiven und optimistischen, wärtigen Lage und den Problemen der dazu gewonnen, weil sie, im Unterschied
nicht aber naiven Haltung in das Land österreichischen Niederlassungen hier- zu Mitbewerbern, rasch die richtigen

14 Nr. 4 | JUNI 2010


interview

Foto: Mircea Moiră


Maßnahmen ergriffen. tionsvolumen von einer Milliarde Euro
Jedenfalls freue ich mich sagen zu bereits um das Fünffache übertroffen.
können, dass sich, soweit uns bekannt Für 2010 sind weitere 1,2−1,5 Mrd.
ist, kein wichtiges österreichisches Un- Euro. an Investitionen vorgesehen.
ternehmen – und es sind mittlerweile Für Rumänien ist es wichtig, neben
5.700 österreichische Firmen in Rumä- den bestehenden Unternehmen neue
nien aktiv – vom rumänischen Markt Investoren anzuziehen. Dazu bedarf es
zurückgezogen hat. Dass die rumänische vor allem in Zeiten der Krise einer Ver-
Regierung nur in sehr eingeschränktem besserung der wirtschaftlichen Rahmen-
Maße konjunkturstützende Maßnahmen bedingungen, durch die Reform des
umsetzen konnte, ist angesichts der Justizwesens für eine Verbesserung der
Budgetsituation nicht verwunderlich. Rechtssicherheit und eine Beschleuni-
Die von Staatspräsident B`sescu ange- gung von Verfahren, durch größere
kündigten Budgetmaßnahmen werden Transparenz bei Ausschreibungen und
der Regierung künftig mehr Spielraum eine entschlossene Bekämpfung der Kor-
für notwendige und auch konjunktur- ruption. Österreichische Unternehmen
fördernde Investitionen geben. wünschen sich zudem eine Verbesserung
der Transportinfrastruktur und einen
Wie hoch oder gering ist derzeit noch Bürokratieabbau. Die rumänische Regie-
das Interesse österreichischer Investo- rung ist sich der Tatsache sehr wohl be-
ren gegenüber dem krisengebeutelten wusst, dass nur so die Attraktivität des Staats- und Regierungschefs haben eine
Rumänien? rumänischen Marktes für Neuinvestoren klare Entscheidung für die Zukunft Eu-
Auch im letzten Jahr und heuer hat erhöht werden kann. ropas getroffen. Davon haben auch die
es eine erstaunlich rege Investitionstä- Banken der Region profitiert, die sich
tigkeit österreichischer Unternehmen Österreichs Banken beobachten die nach einem sehr schwierigen letzten
gegeben: Ob es das größte Shopping- Lage in Rumänien, Bulgarien und Ser- Jahr wieder sehr gut positioniert haben,
Center Rumäniens war, das im Februar bien zurzeit besonders genau aufgrund über eine gute Kapitalisierung verfügen
2010 als österreichische Investition mit des starken Engagements der Auslands- und mit entsprechenden Rückstellun-
einem Investitionsvolumen von 200 Mio. töchter griechischer Banken vor Ort. Als gen vorgesorgt haben.
Euro seine Tore geöffnet hat (mit dem wie groß schätzen Sie die Gefahr, dass
ersten Baumax-Markt in Bukarest), oder sich die Griechenland-Krise auch auf die Welche sind zurzeit die Schwer-
die neue Spanplattenfabrik der Firma osteuropäischen Märkte ausweiten punkte im Rahmen der österreichisch-
Kronospan, eine 200-Mio.-Euro-Inves- könnte? Von einem Flächenbrand, vor rumänischen Beziehungen? Und ich
tition in Kronstadt, oder, vor wenigen dem jüngst der österreichische Finanz- meine damit nicht nur die Wirtschafts-
Wochen, die Eröffnung der Baumit-Fab- minister Josef Pröll warnte, wären ja beziehungen, sondern auch darüber
rik in Bolintin Deal, die österreichische schließlich auch die Wiener Großbanken hinaus ...
Wirtschaft hat auch in der Krise klare betroffen ... Die Beziehungen zwischen Rumänien
Zeichen des Vertrauens in den rumäni- Die Europäische Union hat in den und Österreich haben sich insbesondere
schen Markt gesetzt. Vergessen wir dabei letzten Tagen sehr wichtige und − ange- seit dem EU-Beitritt Rumäniens stark in-
nicht die Folgeinvestitionen der großen sichts der Budgetnöte aller Staaten der tensiviert. Österreich ist der größte aus-
mehrheitlich österreichischen Unter- Union − schwierige Entscheidungen ländische Investor in Rumänien und
nehmen: so hat z.B. die Petrom – auch getroffen, die die Situation in Griechen- damit stehen oftmals die Wirtschafts-
mit Krediten ihrer Mutter OMV – allein land entschärft haben. Die Situation hatte beziehungen im Vordergrund. Darüber
letztes Jahr eine Milliarde Euro in Ru- durchaus das Potenzial, das historische hinaus gibt es aber ein sehr dichtes Be-
mänien investiert. Damit hat die OMV Projekt Europäische Union mit ihrer ziehungsgeflecht auf allen Ebenen.
das im Kaufvertrag vorgesehene Investi- Währungsunion zu gefährden. Die EU- Lassen Sie mich nur ein paar Bei-

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venka, sind wir in den letzten Jahren in
ganz Rumänien sehr präsent gewesen.
Höhepunkte waren das erste Europäi-
sche Klezmer Festival in Bukarest, das
auf ihre Initiative zustande kam, aber
auch viele Ausstellungs-, Film, Jazz- und

Foto: Mircea Moiră


klassische Konzertprojekte. Besonders
habe ich mich über die Eröffnung der
neuen Österreich-Bibliothek in Ia[i ge-
freut, der vierten in Rumänien nach
spiele nennen: Das wohl bedeu- Besondere Bedeutung hat unsere Bukarest, Klausenburg und Temeswar.
tendste gemeinsame Projekt der Diplo- Zusammenarbeit im Bereich des Touris- Praktisch alle rumänischen Univer-
matie unserer beiden Länder, die Euro- mus und des Wintersports: Viele öster- sitäten haben Partnerschaften mit öster-
päische Strategie für die Donauregion, reichische Tourismusfirmen und -experten reichischen Hochschulen. Das österrei-
die aus einer rumänisch-österreichischen sind in Rumänien tätig, nicht zuletzt chische Wissenschaftsministerium ko-
Initiative hervorgegangen ist, befindet bei der Vorbereitung des olympischen operiert sehr eng mit dem rumänischen
sich in einem weit fortgeschrittenen Sta- Winterjugendfestivals in der Valea Pra- Bildungsministerium, so auch bei der
dium ihrer Ausarbeitung durch die EU- hovei, das im Jahre 2013 stattfinden Vorbereitung der Ministerkonferenz des
Kommission. Rumänien wird dabei wird. Österreich ist zur wichtigsten Tou- Bologna-Prozesses, zu der Rumänien im
Gastgeber von zwei wichtigen Großver- rismusdestination der Rumänen gewor- April 2012 einladen wird.
anstaltungen sein: eine Konferenz zur den: 90% aller Rumänen, die ihren Winter- Sie sehen, dass es angesichts der Dichte
Donauraumstrategie im Juni in Con- urlaub im Ausland verbringen, reisen der Kooperation für einen österreichi-
stan]a und Tulcea und ein Donaugipfel nach Österreich. Das freut uns sehr, schen Botschafter ein weites Betätigungs-
im November des Jahres in Bukarest. verpflichtet uns aber auch, unser Rumä- feld gibt.
Die Donauraumstrategie wird dann im nien-spezifisches Angebot stets weiter
Dezember beim Europäischen Rat auszubauen. Wie werten Sie den Stand der Inte-
vorgestellt und voraussichtlich unter Am 10. Mai wurde anlässlich einer gration Rumäniens in das europäische
dem ungarischen EU-Vorsitz im nächs- Sitzung unserer bilateralen Tourismus- Gefüge drei Jahre nach dessen EU-
ten Jahr beschlossen werden. Sie wird arbeitsgruppe die Schaffung einer Vier- Beitritt? Würden Sie von Fortschritten
einen großen Entwicklungsschub für länder-Arbeitsgruppe (Österreich− Un- oder von Rückschritten sprechen?
den Donauraum bringen. garn−Slowakei−Rumänien) zur Errich- Rumänien hatte sich – so wie alle
Unsere bilaterale Zusammenarbeit tung eines ökumenischen Pilgerweges Neumitglieder in der EU, so auch Ös-
erstreckt sich aber auch auf die Bereiche zwischen dem österreichischen Marien- terreich im Jahre 1995 – zunächst in den
Inneres (die polizeiliche Kooperation heiligtum Mariazell und den Moldau- EU-Institutionen zu etablieren. Das hat
zwischen Rumänien und Österreich ist klöstern in der Bukowina beschlossen. zu einer spürbaren Professionalisierung
vorbildhaft), IT und Kommunikation Es ist dies eines meiner Lieblingsprojek- des mit EU-Agenden befassten Beamten-
(Aufbau eines eGovernment-Systems in te, das ich gemeinsam mit dem Präsiden- apparates geführt. Ich verstehe, dass
Rumänien mit österreichischen Experten), ten der Bukowina, Gheorghe Flutur, Rumänien als siebtgrößtes Land der EU
Arbeitsmarkt (Erfahrungsaustausch und entwickelt habe. Es wird vor allem für das Gefühl hat, noch kein seiner Größe
Einrichtung des rumänischen Arbeits- eine kulturelle und spirituelle Verbin- adäquates politisches Gewicht in der
marktdatensystems), Landwirtschaft dung zwischen unseren Ländern sorgen. Union zu haben. Dies ist ein Prozess, bei
(große österreichische Investitionstätig- Im Kultur- und Wissenschaftsbereich, dem die Zeit für Rumänien spielt. Ru-
keit im Bereich Land- und Forstwirtschaft; meinem künftigen Aufgabengebiet, gibt mänien hat eine Reihe von Anliegen in
Erfahrungsaustausch und breite bilate- es eine breite Palette der Zusammenar- der EU umsetzen können und geschickt
rale Kooperation zwischen den Land- beit. Dank einer sehr aktiven österreichi- strategische Partnerschaften genutzt.
wirtschaftsuniversitäten). schen Kulturforumsleiterin, Karin Cer- Auch die Besetzung des EU-Schlüssel-

16 Nr. 4 | JUNI 2010


interview

ressorts Landwirtschaft mit dem ehemali- Rumänien noch Österreich für die Zwi- Union betreffenden Fragen − hier habe
gen rumänischen Landwirtschaftsminister schenrunde qualifizieren konnten. Ein ich mit den Mitarbeitern im rumäni-
Dacian Ciolo[ ist ein großer Erfolg der Match Rumänien−Österreich, noch dazu schen Außenministerium eine besonders
rumänischen Europapolitik. dann auf österreichischem Boden, wäre intensive und positive Zusammenarbeit
bei jedem Ausgang ein Höhepunkt ge- gehabt. Mir war es aber auch wichtig,
In welchen Bereichen würden Sie eine worden. die Fülle an kleinen und mittleren Ko-
Verstärkung der Kooperation begrüßen? operationsprojekten zwischen unseren
Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat Zu guter Letzt will ich Sie um einen Bevölkerungen voranzutreiben: eine
die Notwendigkeit von Strukturrefor- kurzen Rückblick auf Ihr Mandat sowie Zusammenarbeit zwischen Bergrettun-
men in Rumänien verschärft. Die Um- um ein diesbezügliches Fazit bitten: Was gen, ein Schüler- oder Studentenaus-
setzung der von Präsident B`sescu an- kann ein Diplomat in bzw. trotz Krisen- tausch, alles Projekte, die unsere Bevöl-
gekündigten Budgetmaßnahmen wird zeiten bewirken? kerungen einander näherbringen. Und
eine große Herausforderung für das Gerade in der Zeit der sich ständig ich habe privat und beruflich viele Be-
Land darstellen. Präsident B`sescu wird intensivierenden Globalisierung haben suche im jeweils anderen Land angeregt
dabei auch die oben erwähnten Verbes- die Diplomaten eine wichtige Rolle, weil und organisiert.
serungen der Rahmenbedingungen für sie durch ihre Kenntnis des Gastlandes
die Wirtschaft vorantreiben. Die Regie- viel zum gegenseitigen Verständnis Abschließend: Inwiefern ermöglicht
rung hat auch eine rasche Umsetzung zwischen zwei Ländern beitragen kön- Ihnen Ihr neues Amt als Leiter der Aus-
der Benchmarks des Kooperations- und nen. Ein Botschafter ist so etwas wie ein landskultur auch weiterhin regelmäßige
Verifikationsmechanismus betreffend Pfadfinder für die politischen, wirtschaft- Kontakte zu Rumänien?
Justizrefom und Korruptionsbekämp- lichen und kulturellen Kontakte eines Dieser Aspekt meiner neuen Posi-
fung zugesichert. Die Budgetmaßnah- Landes in einem anderen Staat. Dazu tion freut mich ganz besonders: Ich
men sollten keinen Grund für ein Nach- kommt in Ländern der EU die ständige werde auf vielfältige Weise mit Rumä-
lassen in diesen Bemühungen sein. Abstimmung der Positionen in allen die nien verbunden bleiben. Wir haben ja
auch eine Reihe von Projekten in aller-
Foto: Mircea Moiră

Herr Botschafter, welches war Ihr nächster Zukunft, in die ich involviert
schönstes Erlebnis in Rumänien? sein werde, wie z.B. die Eröffnung der
Ohne Zweifel die Ersteigung des großen Dracula-Ausstellung des Kunst-
Moldoveanu. Mit einer rumänisch-öster- historischen Museums am 8. Juli im
reichischen Gruppe habe ich im Juni 2009 Nationalen Kunstmuseum in Bukarest
von Bâlea Lac aus den Moldoveanu er- oder die Ausstellung der Rumänien-Fo-
stiegen. Geführt hatte uns der erste Ru- tos der berühmten österreichischen Fo-
mäne, der den Mount Everest bezwun- tografin Inge Morath, die ab 2. September
gen hatte, Fane Tulpan, der sich leider erstmals zu sehen sein werden. Auch
vor kurzem bei einem Unfall schwer ver- haben wir im Präsidenten des Rumäni-
letzt hat. Die Wanderung durch die mit schen Kulturinstituts, Horia-Roman Pa-
Rhododendron rot eingefärbte Berg- tapievici, einen großen Freund Öster-
landschaft mit ihren Gämsenrudeln und reichs, mit dem wir schon in der Ver-
Murmeltieren wird mir immer in wun- gangenheit viele erfolgreiche Projekte
derbarer Erinnerung bleiben. organisiert haben. Vielleicht kann ich
auch im Oktober nach Hermannstadt
Und Ihr schlimmstes Erlebnis? kommen, wenn dort das österreichische
Die wohl größte Enttäuschung war Honorarkonsulat eröffnet wird, das mir
die Tatsache, dass sich bei der Fußball- ebenso ein Anliegen war wie jenes, das
Europameisterschaft 2008, die in Öster- wir in Klausenburg eröffnen werden.
reich und der Schweiz stattfand, weder die fragen stellte anne warga.

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politik

Blamage für den Elena Udrea prangert Parteifilz an:


Präsidenten „Entweder Politik oder Geschäfte“

D
Staatspräsident Traian B`sescu
musste letzten Monat eine peinliche ie liberaldemokratische die Kollegen nicht freiweillig ihre mit
Blamage hinnehmen: Nach gehöri- Ministerin für Tourismus dem Staat eingegangenen Verträge auf-
ger Medienkritik sah sich das Staats- und Regionalentwicklung, kündigen, so werde ich es selbst tun“,
oberhaupt genötigt, einen bereits Elena Udrea, so Udrea.

Foto: Mircea Moiră


verliehenen hohen Militärorden schlug jüngst harte Töne Die Standpauke der
zurückzunehmen. Der Ausgezeich- gegenüber ihren Parteikol- Ministerin erfolgte nach
nete entpuppte sich nämlich als der legen an: PDL-Mitglieder mehrtägigem Wirbel um
ehemalige kommunistische Innen- in öffentlichen Ämtern die 2002 gegründete Na-
minister George Ioan Homo[tean, sollten gefälligst darauf tionale Gesellschaft für In-
auf dessen Konto die Verfolgung verzichten, mittels ihrer vestitionen, die dem Mi-
mehrerer Dissidenten geht. Das Firmen beim Staat durch nisterium für Regionalent-
Presseamt des Präsidenten verlaut- lukrative Verträge abzusah- wicklung unterstellt ist
barte schließlich, dass der Vorschlag nen. Entweder Politik oder und Bauprojekte der öf-
zur Auszeichnung Homo[teans von Geschäfte, monierte Udrea, fentlichen Hand vergibt.
einem Veteranenverein unterbreitet die als inoffizielles Sprach- Im letzten Monat hatte
worden war, das Präsidialamt selbst rohr des Staatschefs gilt. die Presse Enthüllungen
führe keine Akten über die gewür- Die Ministerin, deren Ehe- über eine Vielzahl von
digten Personen. mann zahllose einträgliche Geschäfte Bauprojekten gebracht, die allesamt von
mit dem Staat nachgesagt werden, teilte Firmen liberaldemokratischer Politiker
Foto: Mircea Moiră

zudem mit, die Regierung um die Auf- oder derer Verwandschaft zu völlig
lösung der Nationalen Gesellschaft für überhöhten Investitionskosten hochge-
Investitionen ersuchen zu wollen. „Wenn zogen werden.

Seehofer verspricht Hilfe bei Schengen-Beitritt


Bayerns Ministerpräsident Horst See- seine Außengrenzen ausreichend zu
hofer (CSU), der Ende Mai auf Einla- kontrollieren.
dung von Regierungschef Emil Boc einen Mit Regierungschef Boc erörterte
zweitägigen Rumänien-Besuch unternahm, die bayerische Delegation den Ausbau
hat anläßlich seiner politischen Gespräche der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen
Hilfe mit Hinblick auf die Erfüllung der − insbesondere in den Bereichen Struk-
Kriterien für den Schengen-Beitritt des turpolitik, Energie, Bildung und Tou-
Landes versprochen. „Wir werden die rismus wollen der Freistaat und Rumä-
Rumänen unterstützen, wenn es darum nien künftig enger zusammenarbeiten.
geht, das Schengen-Abkommen auch Seehofers Besuch klang mit einem
Die Blamage erwies sich als umso für Rumänien anwendbar zu machen. Kurzbesuch in Hermannstadt aus; be-
peinlicher, da Traian B`sescu als ers- Das wird angestrebt für den März 2011“, gleitet wurde er auf seiner Reise von
ter rumänischer Präsident überhaupt so Seehofer nach Gesprächen mit Präsi- Bayerns Europaministerin Emilia Müller
den Kommunismus im Dezember dent B`sescu. Dem bayerischen Minister- (CSU) sowie dem Vorsitzenden der
2006 offiziell in einer Rede vor dem präsidenten zufolge dürfte es das Land Siebenbürger Sachsen in Deutschland,
Parlament verurteilt hatte. in den kommenden Monaten schaffen, Bernd Fabritius.

18 Nr. 4 | JUNI 2010


Foto: Mircea Moiră
politik

Misstrauensantrag

Opposition will Emil Bocs Kopf,


nicht auch sein Amt

Z
umindest eines stand vor gebildete Regierung Boc an der Macht,
dem Misstrauensantrag der so muss nicht nur an deren Fähigkeit, das
Opposition fest: Die oppo- eigene Sparpaket durchzuziehen, sondern
sitionellen Sozialisten und auch an ihrer allgemeinen Reformwillig-
Liberalen haben zurzeit offenbar kaum keit gezweifelt werden. Denn der liberal-
Bock auf die Macht. Eigentlich verständ- demokratische Regierungschef beliebte
lich − wer ist schließlich so hirnverbrannt, zwar, zwei separate Vertrauensfragen zu
in derart schwierigen Zeiten, in denen Renten- und Lohnkürzungen, nicht
ausschließlich unpopuläre Maßnahmen aber auch zu weiteren Strukturreformen
getroffen werden müssen, die Regierungs- zu stellen − mit anderen Worten bliebe
geschäfte zu übernehmen? Die Opposi- ansonsten alles beim alten, einschließlich
tion will folglich Emil Bocs Kopf, nicht Filz und Korruption.
auch dessen Amt. Präsidialberater Sebas- Die einzige – zugegeben magere −
tian L`z`roiu schloss nicht aus, dass Mit- Chance auf einen Wechsel liegt folglich
glieder der Opposition sogar gegen den wieder einmal bei Traian B`sescu. Der
eigenen Misstrauensantrag stimmen wür- Sturz des Kabinetts käme diesmal auch
den, bloß um der Regierungsverantwor- ihm gelegen, spekulierte jüngst Ex-Re-
tung zu entgehen. gierungschef Adrian N`stase. Dem PSD-
Dennoch stellt sich die Frage, wer bzw. Politiker zufolge überlegt der Staatschef
was auf das zweifelsfrei höchst unbeliebte nach wie vor die Ernennung des Finanz-
und imkompetente Kabinett unter Emil experten Lucian Croitoru, Berater des
Boc folgen könnte? Eine Regierung der Notenbankchefs, zum Ministerpräsiden-
Nationalen Einheit wohl kaum − dazu ten − es sei dies die einzige Möglichkeit,
wäre politisches Verantwortungsbewusst- die Regierungspartei vor einem totalen
sein vonnöten, eine Eigenschaft, die den Absturz in der Wählergunst zu bewahren.
einheimischen Politikern völlig fremd ist. Das Argument ist nicht von der Hand zu
Ein „Technokraten“-Kabinett mag zwar weisen − der PDL wäre damit eine Gna-
von vielen heimlich erwünscht sein, jedoch denfrist eingeräumt, Emil Boc und die
hat bislang noch keine Partei angedeutet, restliche Parteiführung könnten bis 2012
eine derartige Lösung gegebenenfalls un- von jüngeren, weniger in Verruf gerate-
terstützen zu wollen. Bleibt hingegen nen Politikern ersetzt werden.
eine ungestürzte, mehr oder minder um- anne warga

Nr. 4 | JUNI 2010 19


politik

nunmehr offen sein, der Rest der Erklä-


rung wird geschlossen aufbewahrt. Zwei-
te Novelle: Die Abgeordneten hatten in
der Unterkammer vorgeschlagen, Ver-
mögensprüfungsausschüsse an den 15
Oberlandesgerichten zu bilden. Diese
aus Richtern und Staatsanwälten beste-
henden Gremien hätten der ANI bei
der Kontrolle der Vermögen im Zuge
eines beschleunigten Verfahrens helfen
sollen – allerdings gleichfalls in einer

Operation erfolgreich, harmlosen Form, ohne dass es dabei zu


Sicherstellungen gekommen wäre. In
der vom Senat verabschiedeten Variante

Patient tot sind diese Ausschüsse jedoch praktisch


verschwunden. Geändert wurde auch
die Vorschrift, derzufolge Kandidaten

D
vor der Wahl ihre Vermögen offenlegen
ie Oberkammer des Parlaments hat Mitte Mai das neue Gesetz müssen – das wird nunmehr erst dann
über die Nationale Integritätsbehörde ANI mit fast einstimmiger notwendig, wenn der Kandidat bereits
Mehrheit (nur eine Gegenstimme und eine Stimmenthaltung) gewählt ist. Der Kontrolle durch die
verabschiedet und sich so einer Entscheidung des Verfassungsge- ANI entkommen auch die Gewerk-
richts gebeugt – mit dem Ergebnis, dass die Behörde, die die Vermögen der schaftsbosse − Gewerkschaften seien
Amtsträger aller Art kontrollieren sollte, zum reinen Papierlager wird. Einrichtungen der Zivilgesellschaft,
nicht des Staates, so das Argument der
Die Integritätsbehörde war Politi- ohne Bedeutung − denn wer heute am Rechtsetzer. Einen letzten Zahn werden
kern und Würdenträgern aller Fronten Steuer sitzt, kann morgen die Opposi- die Senatoren mit besonderem Genuss
schon immer ein Dorn im Auge. Die tionsbank drücken. Ein anderer belieb- gezogen haben – wer sein Vermögen
ANI galt zwar in Europa als einzigartig ter Kritikpunkt war, dass man sich, falsch deklariert, ist nicht mehr straf-
(ein immer gern vorgebrachtes Argu- anders als bei einem ordentlichen Straf- rechtlich verantwortlich. Was die ANI
ment), aber die Korruption in der verfahren, gegen die ANI nicht wehren jetzt eigentlich noch darf, ist, die Steu-
rumänischen Politik eben auch − daher konnte. Solche Ideen scheint sich auch erbehörden oder die Staatsanwaltschaft
die Notwendigkeit einer Agentur, das das Verfassungsgericht angeeignet zu anzurufen. Das würde zwar reichen,
die Vermögenserklärungen aufmerksam haben; das Ergebnis der Verfassungs- wenn dort notwendige Zuständigkeiten
unter die Lupe nimmt und mit der tat- klage eines von der ANI beschuldigten entstünden − was allerdings wohl noch
sächlichen Wirklichkeit abgleicht. Nach Ex-Politikers aus den Reihen der Sozial- ein geraumes Weilchen dauern dürfte.
Auffassung des Verfassungsgerichts – demokraten war, dass das gesamte ge- Der Ball ist jetzt bei Präsident B`ses-
und vieler anderer potenzieller Opfer – setzliche Gefüge der ANI vefassungs- cu, er muss das Gesetz gegenzeichnen,
gingen aber die Kontrollvollmachten widrig war und überarbeitet werden damit es in Kraft tritt. Mehrere Think-
der Behörde zu weit. Die Opposition musste. tanks forderten den Staatschef bereits
bemängelte zudem in einem fort, dass Das war Balsam für die Politikersee- auf, es dem Parlament zurückzusenden.
die ANI als Waffe im politischen Macht- len im Oberhaus, die sich mit kaum ver- Was er Anfang Juni auch tat. Das darf
kampf missbraucht würde: Sie widme steckter Freude an die Operation Ent- er nämlich, aber nur einmal. Landet es
sich mehr den Politikern der Opposi- schärfung machten. Eine erste Ände- danach unverändert wieder bei ihm,
tion als jenen der Regierungspartei. Der rung gab es in der Form der Vermö- muss er es durchwinken.
Vorwurf war für die Machtinhaber nicht genserklärungen – nur ein Teil soll alex gröblacher

20 Nr. 4 | JUNI 2010


politik

Aufgewärmte Politsuppe

Opposition liebäugelt mit neuerlichem


Amtsenthebungsverfahren des Präsidenten
te der Parteivize, dass ein derartiges Ver-
fahren nicht „über Nacht“ eingeleitet
werden könne. Antonescu sagte seiner-
seits, dass man sich erst „auf den Miss-
trauensantrag“ der Sozialdemokraten
konzentrieren wolle, der „prioritär“, sei,
danach werde man weitersehen. „Am
besten wären jedoch zweifelsfrei vorge-
zogene Neuwahlen“, fügte Vosganian
hinzu, „die aktuelle Parlamentsmehrheit
beruht auf Verrätern, deshalb ist ihre
Legitimität mit Bezug auf die Unter-
stützung eines Kabinetts gleich Null.“
Mehr Lehren aus dem gescheiterten
Vorstoß vor drei Jahren zur Amtsenthe-
Foto: PNL

bung des Staatschefs scheint hingegen


Sozi-Guru Ion Iliescu gezogen zu haben.
Weiß genau, woher „das Böse kommt“ – Liberalen-Chef Antonescu „Ich bin überzeugt, dass die Bürger ihre
beim letzten Präsidialrennen getroffene

D
er Vorsitzende der National-Liberalen Partei, Crin Antonescu, Wahl längst bereuen. Doch reicht das
hat eine Universallösung für die Probleme des Landes: Staats- nicht, um ein Amtsenthebungsverfahren
chef B`sescu müsse zurücktreten − das sei der ausschlaggeben- einzuleiten. B`sescu kann seines Amtes
de Schritt, um Rumänien aus der „Gruft“ zu befreien, in die es nicht enthoben werden, da es eine Parla-
versenkt worden sei. Er appelliere deshalb an alle, die verstün- mentsmehrheit gibt, die dagegen stim-
den, wie unverantwortlich das Land geführt werde, „mit ihren Protesten das men würde“, so die Kalkulation des Eh-
richtige Ziel“ anzuvisieren, ließ Antonescu Ende Mai wissen. renvorsitzenden der PSD.
Mit Bezug auf Antonescus Hoffnun-
„Wir als Partei haben nachvollzogen, bedauere ehrlich, dass das Thema nicht gen auf einen freiwilligen Rücktritt des
woher das Böse kommt. Leider gibt es schon zur Debatte steht. Denn sollte Präsidenten äußerte Iliescu, dass die
in diesem Fall offenbar keinen goldenen das Parlament eine weitere Amtsenthe- Idee des Liberalen „unrealistisch“ sei.
Mittelweg“, so Antonescu. Der Vizevor- bung billigen, so würde Traian B`sescu B`sescu selbst habe in den letzten Wo-
sitzende der Liberalen, Ex-Wirtschafts- im Falle eines eventuellen Referendums chen ein „nicht nur vernunft-, sondern
minister Varujan Vosganian, legte noch- diesmal auf keinerlei Verständnis in den sogar verfassungswidriges Verhalten“ an
mal eins drauf und bedauerte öffentlich, Reihen der Wählerschaft stoßen“, erklär- den Tag gelegt, er sei „ganz einfach ein
dass nicht bereits ernsthaft über ein neu- te Vosganian. Auf die Frage der Presse, Stümper, der keine Grenzen mehr kennt“,
erliches Amtsenthebungsverfahren des ob die Liberalen etwa eine neue Amts- wetterte der Altpräsident.
Staatsoberhauptes diskutiert werde. „Ich enthebung anzuregen gedenken, äußer- anne warga

Nr. 4 | JUNI 2010 21


in punkto wirtschaft

Dritthöchste
Inflation in der EU

D
ie rumänischen Ver-
braucherpreise sind auf
Jahressicht im April erst-
mals im diesem Jahr gestiegen,

Foto: sxc.hu
teilte die nationale Statistikbehörde
letzten Monat mit. Die Jahres-
teuerungsrate kletterte auf 4,28%,
während sie im März noch bei
4,20% gelegen hatte. Laut Eurostat Kein Rezessionsende in Sicht: Wirtschaft
haben sich die Verbraucherpreise
hierzulande sogar um 4,3% erhöht im 1. Quartal um 2,5% geschrumpft

D
− es sei dies nach Ungarn (5,7%)
und Griechenland (4,7%) die dritt- ie rumänische Wirt- ihrerseits größtenteils mit einer Stagna-
höchste Teuerungsrate innerhalb schaft ist im 1. Quartal tion der heimischen Wirtschaft − ihre
der EU, so das EU-Statistikamt. 2010 real um 0,3% im Prognosen schwanken zwischen einem
Vergleich zum 4. Quar- Minuswachstum von 1% und einem
tal 2009 geschrumpft, Wachstum des BIP um gleichfalls 1%.
auf Jahressicht ging die Wirtschaftsleistung In der EU27 und auch im Euroraum
saisonbereinigt um 2,5% zurück, teilte das ist die Wirtschaftsleistung hingegen im
Nationale Statistikamt Mitte Mai mit. 1. Quartal gegenüber dem Vorquartal
Davor hatte der Internationale Wäh- gestiegen − um 0,5% in der EU27 und
rungsfonds bereits verlautbart, seine Er- um 0,31% in der Eurozone, gab die eu-
wartungen bezüglich der rumänischen ropäische Statistikbehörde Eurostat be-
Wirtschaftsleistung nach unten zu kor- kannt. Innerhalb der EU erwies sich das
rigieren und dementsprechend für 2010 rumänische Wirtschaftsminus als das
von einem Minus von 0,5% auszugehen. dritthöchste − nach Lettland (-5,1%)
Die rumänischen Analysten rechnen und Litauen (-2,8%).
Als Inflationstreiber erwiesen
sich die Non-Food-Güter, deren
Preise um 0,55% anzogen, die Euro-Krise: EBRD sieht Gefahrenpotenzial für Osteuropa
Dienstleistungen (0,47%) und die
Lebensmittel (0,02%). Analysten Die Europäische Bank für Wiederauf- Einsparungen in Westeuropa werden
befürchten eine stetige Steigerung bau und Entwicklung (EBRD) rechnet die Nachfrage beeinflussen. Wegen der
der Verbraucherpreise bis Jahres- nicht mit einem baldigen Aufschwung Exportabhängigkeit Osteuropas wird
ende und rechnen bis Dezember der rumänischen Volkswirtschaft: Letz- das starke Auswirkungen haben. Eine
mit einer Jahresteuerungsrate von ten Monat revidierte sie ihre ursprüng- neue Rezession im Osten ist nicht unser
rund 5%. liche Prognose von 1,3% Wachstum nach Hauptszenario, aber wir machen uns
Die rumänische Notenbank unten und erwartet inzwischen besten- Sorgen“, erklärte EBRD-Chefvolkswirt
hatte ihrerseits Anfang Mai in ihrem falls eine Stagnation. Erik Berglöf gegenüber dem österrei-
Quartalsbericht das Inflationsziel Zudem befürchtet das Finanzinstitut chischen Standard. Für Südosteuropa
für 2010 von 3,5% auf 3,7% leicht ein Überschwappen der Krise in der Eu- erwartet die EBRD dementsprechend
nach oben korrigiert. rozone auf Osteuropa: „Die erheblichen nur noch ein Wachstum von 0,3%.

22 Nr. 4 | JUNI 2010


wirtschaft

„Ohne Sparpaket riskiert Rumänien eine


W-förmige Rezession“
Defizitziel auf 6,8% nach unten korrigiert; Minuswachstum erwartet

D
as Sparpaket der rumänis- habe das Land stärker als erwartet getrof-

Foto: Lucian Tudose/Agerpres


chen Behörden ist ge- fen, deshalb gehe der IWF inzwischen
schnürt − nunmehr gilt, es für 2010 von einem 0,5%-igen Minus-
auch zügig umzusetzen. wachstum der Wirtschaft oder besten-
Denn die 5. Teilzahlung des Notdar- falls einem Nullwachstum aus. Aller-
lehens wird erst nach der Umsetzung dings könne für 2011 unter Vorausset-
der angekündigten Sparmaßnahmen aus- zung weiterer Strukturreformen und
gezahlt, teilte IWF-Unterhändler Jeffrey Sparmaßnahmen mit einem 3,6%-igen
Franks zum Abschluss der jüngsten in- Wachstum gerechnet werden. Das De-
ternationalen Überprü- fizitziel für 2010 sei
fungsmission mit. Sollte von 5,9% auf 6,8% BIP-
Bukarest die angekün- Prozent nach unten kor-
digten Lohn- und rigiert worden, in 2011
Rentensenkungen bis müsse es jedoch auf
Ende Juni durchziehen, „Unter Voraussetzung 4,4% sinken, warnte der
so stünde einer Aus- IWF-Missionschef. Des
zahlung der Tranche weiterer Strukturre- Weiteren erwarte der IWF-Unterhändler Jeffrey Franks
über knapp 900 Mio. formen und Sparmaß- Währungsfonds, dass
bis spätestens Anfang angesichts der Haus- Sparmaßnahmen:
Juli nichts im Wege, so nahmen kann haltseinnahmen bei – Kürzung der Beamtenlöhne um 25%
Franks. Sollte sich die Rumänien 2011 mit knapp 30% des BIP die – Kürzung der Renten und Sozialhilfen
Regierung jedoch nicht Steuern schnellstmög-
einem 3,6%-igen um 15%
an ihr Sparpaket halten, lich besser eingetrieben – Eliminierung des 13. Monatslohns bei
so sei eine Erhöhung Wachstum rechnen“ würden. Sollte sich die allen Staatsbediensteten
der Mehrwertsteuer, Regierung nicht an ihr – Kürzung der Transferleistungen an die
Flat Tax und weiterer Abgaben unver- Sparpaket halten, so sei eine Erhöhung Lokalbehörden
meidbar. der Mehrwertsteuer, Flat Tax und wei- – Kürzung der Heizzuschüsse
Die IWF- und EU-Experten sowie terer Abgaben unvermeidbar. – Kürzung des Kindergeldes
die rumänischen Behörden hätten die Ihrerseits mahnte auch die EU-Ver- – Einfrieren der vorgezogenen Pensio-
Schritte zur Krisenbekämpfung gemein- treterin Fabienne Ilkovitz weitere Struk- nierung
sam festgelegt, Rumänien müsse sich turreformen an, zudem müsse Rumänien – Ausweitung der Steuerbasis auf Kapi-
nun eisern daran halten, ansonsten ris- die EU-Fonds endlich effizienter abru- talgewinne, Lebensmittelbezugs-
kiere das Land ein W-förmige Krise. fen − Ilkovitz zufolge sind bislang gerade scheine u.a. Bereiche
Ohne drastische Sparmaßnahmen würde mal 6% der insgesamt 30 Mrd. Euro – Claw-back-Besteuerung der Phar-
der Fehlbetrag im Haushalt bis Jahres- Strukturfonds, die Rumänien bis 2013 maindustrie
ende bei 9,1% liegen, was völlig untrag- zur Verfügung stehen, abgerufen worden. – Schließung von rund 150 maroden
bar wäre, fügte Franks hinzu. Die Krise anne warga Krankenhäusern

Nr. 4 | JUNI 2010 23


wirtschaft

Defizitmisere

Notenbankchef Is`rescu: „Auf Monatssicht hat


der Staat gerade mal Geld für 20 Tage“

N
ach Angaben von Notenbankchef Mugur Is`rescu ist Rumä- glaube nicht, dass Bulgarien ein reiche-
nien auf dem besten Wege, bis Jahresende ein 9- bis 10%-iges res Land als Rumänien ist“, so der Gou-
Defizit einzufahren − „das käme mit anderen Worten, rund verneur der BNR.
30% der Ausgaben der öffentlichen Hand gleich. Lassen Sie Als größtes Manko des einheimischen
mich es so erklären: Auf Monatssicht hat der Staat gerade mal Steuerrechts bezeichnete Is`rescu die
Geld für 20 Tage, mehr ist im Haushalt eben nicht drin. In den restlichen 10 zahllosen Ausnahmen. Das Steuersystem
Tagen des Monats wird folglich auf Pump gelebt“, erläuterte der Gouverneur sei von Sonderfällen und Ausnahmerege-
der Nationalbank die gegenwärtige Defizitmisere. Und selbst wenn das ausge- lungen „durchlöchert“ wie ein Schwei-
uferte Defizit etwas gesenkt werde, „wächst es trotzdem weiter. Hoffen wir, zer Käse, was die Haushaltseinnahmen
dass es nicht auf 13% hochschnellt“. reduziere. Hinzu kämen natürlich auch
der florierende Schwarzhandel und die
Zwar seien so manche Stimmen der Mei- massive Steuerhinterziehung. Auch in
Foto: Lucian Tudose/Agerpres

nung, dass Rumänien durchaus höhere punkto Landwirtschaft machte der No-
Defizite riskieren solle, um aus der Re- tenbankchef Angaben: Rund ein Viertel
zession herauszukommen. Mit derlei der Volkswirtschaft Rumäniens sei zur-
„guten Ratschlägen“ würde der Staat je- zeit nicht besteuert, genauer gesagt die
doch erst recht in die Krise schlittern, Landwirtschaft − obwohl sie bei der
während die Finanzierung der Defizite Kalkulation des BIP stets miteinbezogen
immer schwieriger wäre. „Haben die werde. „Auch die unbesteuerte ländliche
Märkte einmal ihr Vertrauen verloren, Zone genießt die Dienstleistungen des
so ist es aus mit den Finanzierungsflüssen. Staates, sie lebt ja schließlich nicht hin-
Und dann stehen wirklich dramatische term Mond. Auch hier gibt es Polizei,
Korrekturen an“, erklärte Is`rescu. Ru- Armee, Bildungs- und Gesundheitswe-
mänien müsse folglich „wie ein Löwe um sen“, doch sei sie aus wahltaktischen
das Vertrauen der Auslandsinvestoren Gründen bislang von der Besteuerung
Isărescu: „Wie ein Löwe um das Vertrauen der kämpfen“. größtenteils ausgenommen worden. „Ich
ausländischen Investoren kämpfen“ Is`rescu verwies zudem darauf, dass erinnere mich an das Jahr 2000, als ich
Angesichts der von der Regierung die nichtsfiskalischen Haushaltseinnah- eine Landsteuer vorgeschlug. Damals
beschlossenen schmerzlichen Einschnitte men noch äußerst gering sind: „Sie sind sagte man mir: «Unmöglich. Wir haben
erinnerte Is`rescu an seine Warnungen zweifelsfrei bescheiden gemessen an den doch Wahljahr»“, erläuterte der Zentral-
der letzten Jahre: „Seit 4 Jahren sind die Vermögen, die wir in Rumänien sehen. bankchef.
Löhne der Staatsbediensteten und die Nichtsfiskalische Einnahmen − etwa aus Is`rescu zufolge stellt das Sparpaket
Renten stetig und ungerechtfertigt ge- Dividenden, Einnahmen des Staatseigen- der Regierung „das bei weitem kleinere
stiegen. Die Nationalbank hat immer tums, Monopolen u.a. − sind hierzulande Übel“ dar − eine Anhebung der Steuer-
wieder gemahnt, dass die Stunde der schwindend gering. Sie liegen bei rund sätze hätte bedeutet, „die Wirtschaft zu
Korrekturen irgendwann kommen wird. 1% des BIP, während sie sich sogar in erwürgen“.
Nun ist sie da“, sagte der Notenbankchef. Bulgarien auf 2−3% belaufen. Und ich heiner krems

24 Nr. 4 | JUNI 2010


wirtschaft

Boc und Staatschef Traian B`sescu –


Der Kommentar der Rentenetat sogar im Falle der um
15% gekappten Pensionen in diesem Jahr

Lumpige zwei Milliarden dennoch um 1,7 Milliarden Euro ange-


hoben werden muss, um die gesetzlichen
Leistungen auszahlen zu können. Im
erschütternden Klartext heißt das: Die
reicht. In seiner Jagd nach Geld bürdete Einsparungen aus den Gehaltskürzun-
der Staat dem Mittelstand immer mehr gen reichen nicht einmal aus, um die
Steuern auf, während Großschuldner Mehrausgaben des Rentenetats zu de-
und „smarte Jungs“ weiterhin am Tropf cken. Dass die Arbeitslosenhilfe um 15%
der Staatsmittel hängen durften. Die fa- sinkt, bringt auch nicht viel, während
von ada tale Kombination zwis- die Streichung der Sub-
com`nescu chen der Hinterlas- ventionen für Heizener-

E
senschaft einer ver- gie kaum 250 Millionen
in Jahr lang musste sie schwenderischen libe- Vonnöten wäre eine zügige einbringt, da vorerst ja
ohnmächtig mit ansehen, ralen Regierung zwi- Reform der Gesellschaft, nur die Wintermonate
wie die Machthaber in schen 2005 und 2008, für 2010 unter dieses
einschließlich der Politik –
Bukarest sie immer wie- der Weltwirtschaftskrise Kapitel fallen.
der mit leeren Verspre- und der Unfähigkeit der und die kann uns der IWF Unterm Strich blei-
chungen narrte, ihr das Geld abknöpfte neuen Regierung führte leider nicht verschreiben. ben dem Staat also lum-
und letztlich das Vereinbarte dann doch alsbald in die aktuelle pige zwei Milliarden Eu-
nicht umsetzte – nun durfte sie endlich Sackgasse: um die öffentlichen Ausga- ro übrig. Dafür stehen dem Land in den
kontern. Die Überprüfungsmission des ben finanzieren zu können, braucht Ru- kommenden Wochen und vielleicht so-
Internationalen Währungsfonds und der mänien immer mehr Geld vom IWF. Das gar Monaten Proteste und Streiks ins
EU hat Rumänien eine harte Reformkur Haushaltsdefizit driftet außer Kontrolle, Haus, die lediglich die Produktion zu-
verschrieben. Hält sich Rumänien nicht wenn nicht nominell, dann zumindest am sätzlich drosseln, aber kaum an der
dran, fließt kein Geld mehr. BIP gemessen. Oberfläche der tatsächlichen Struktur-
Ein Jahr lang konnte die Regierung Die einzige Lösung wäre, wieder in probleme Rumäniens kratzen werden.
in Bukarest die tatsächliche Reform des unseren Möglichkeiten entsprechenden Alles was sie bewirken dürften, ist ein
öffentlichen Dienstes auf die lange Bank Verhältnissen und nicht mehr auf Pump steigender Druck auf eine Regierung,
schieben − die längst überfälligen Ent- zu leben – weit schlechter folglich als in die im letzten Jahr aus wahlpolitischen
lassungen wurden nur vorgetäuscht. Das der Zeitspanne 2005−2008. Unklar ist Gründen nicht den Mumm hatte, die
Rentensystem uferte weiterhin ungehin- derzeit leider, ob dieses Opfer überhaupt einzig richtigen Maßnahmen zeitge-
dert aus: Um der Arbeitslosigkeit zu ent- noch ausreicht. recht zu treffen. Oder vielleicht gar
gehen, entschieden sich Staatsbedienstete Was der Premierminister an Zahlen nicht wusste, was zu tun ist, bis es ihr
vermehrt für eine lukrative Frührente. lieferte, lässt keinen Zweifel übrig am der IWF nicht löffelweise eingab. Eine
Dort, wo es tatsächlich zu Entlassungen Ernst der Lage. Der Gehaltsbestand im schnellstmögliche Reform der gesamten
kam – besonders im Bildungs- und im öffentlichen Dienst wurde 2009 auf um- Gesellschaft ist dringend vonnöten,
Gesundheitswesen – wurden sie absurd gerechnet 11 Milliarden Euro gedeckelt. auch der Politik generell – und die kann
vorangetrieben, da es in besagten Berei- Wird die 25%-ige Gehaltskürzung zwis- uns der IWF leider nicht verschreiben,
chen bereits Defizite gab. Und ebenfalls chen Juni und Dezember umgesetzt, während die Massen sie offensichtlich
dort wurden viele lebensnotwendige In- können 1,6 Milliarden Euro eingespart auch nicht durchsetzen können.
vestitionen gestrichen. Die restliche werden. Durch die Kürzung der Renten
Schocktherapie wurde größtenteils dem um 15% wird andererseits rein gar nichts Ada Comănescu ist Analystin der rumänischen
Privatsektor, der Realwirtschaft, verab- gespart, da – so Ministerpräsident Emil Wirtschaftspresse.

Nr. 4 | JUNI 2010 25


wirtschaft

Aggressives Staat stößt Beteiligung an Krivoy


Privatisierungsprogramm
Rog ab
D
as in den letzten Jahren
auf Eis gelegte Privati-
sierungsprogramm soll
nun wieder „aggressiv“ aufgenom-
men werden, heißt es in der Ab-
sichtserklärung der rumänischen
Regierung gegenüber dem IWF.
Als erstes soll die staatliche Gü-
terbahn CFR Marf` privatisiert wer-
den − offenbar bis April 2011. Der
Strom- und Wärmeproduzent Termo-
electrica wird bis Juli 2011 teilweise
liquidiert − nach Herauslösung sei-
ner existenzfähigen Bestände. „Im
Foto: original-okerland

Fall Termoelectrica lohnt es sich nicht,


manche Wärmekraftwerke zu moder-
nisieren. Hierzu werden wir eine
genaue Analyse vornehmen müs-
sen“, sagte Tudor {erban, Staatsse-

A
kretär im Wirtschaftsministerium.
Des Weiteren beabsichtigt die ngesichts seiner standsaufnahme nach Krivoy Rog ent-
Privatisierungsbehörde AVAS, Min- leeren Staatskassen sandt. Wir müssen schnell handeln,
derheitsbeteiligungen des Staates an ist der rumänische denn dort verfällt inzwischen alles oder
weiteren rund 150 Unternehmen Staat entschlossen, wird geklaut“, sagte Videanu. Die Ver-
aus den Bereichen Industrie, Ener- seine Beteiligungen handlungen mit ArcelorMittal würden
gie, Transport und Tourismus zu an in- und ausländischen Unterneh- dementsprechend zügig fortgesetzt.
veräußern. men schnellstmöglich zu Geld zu Zum genauen Wert der von Rumä-
machen. So verlautbarte Wirtschafts- nien gehaltenen Anteile wollte der Res-
minister Adriean Videanu jüngst, sortminister keine Angaben machen, es
dass Rumänien seine 27%-ige Betei- sei einfach noch verfrüht. Rumänien hatte
ligung am ukrainischen Hüttenwerk sich 1983 am Bau des früheren sowje-
Krivoy Rog an den transnationalen tischen Kombinats und danach auch an
Stahlkonzern ArcelorMittal veräu- dessen Entwicklung beteiligt, die Inves-
ßern werde, der bereits die Mehr- tition belief sich auf insgesamt etwa 800
heit an besagtem Stahlwerk hält. Millionen Dollar. Nach dem Zerfall der
Sowjetunion wurde die Anteile am Kom-
Der Verkauf werde Geld in die Staats- binat zwischen der Ukraine (55%), Ru-
kasse spülen und auch für die Entwick- mänien (27%) und der Slowakei (18%)
lung des heimischen ArcelorMittal-Stahl- aufgeteilt. 2005 privatisierte Kiew das
werks in Gala]i förderlich sein, so der Werk, für seine Mehrheitsbeteiligung
Wirtschaftsminister. „Das Kontrollkorps zahlte ArcelorMittal damals 4,8 Milliar-
der Regierung wurde bereits zwecks Be- den Dollar.

26 Nr. 4 | JUNI 2010


Advertorial management consulting

Rumänien – attraktiver
Outsourcing-Standort
aber beim Beschaffen von Produkten
und Dienstleistungen mit hohem Mehr-
wert zu einem äusserst attraktiven Preis-
Leistungsverhältnis.
Das beste Beispiel dafür ist die ru-
mänische Produktion von Teilen für die
von barbu mih`escu Automobilindustrie im Wert von jähr-
lich rund einer Milliarde Euro. Global

D
as Ende der Rezession Players wie Siemens, Continental oder
bedeutet nicht das En- Renault bauen in Rumänien gar eigene
de der Wirtschaftskrise Ingenieur- und Entwicklungszentren.
oder gar Erholung. Im Sie knüpfen zudem starke regionale Führende Konzerne der Automobilindustrie
Gegenteil, die gesamte Netzwerke, die auf internationalen Nor- haben Rumänien als Standort für die Herstel-
Wertschöpfungskette muss nun im men basieren und hiesige Lieferanten lung qualitativ hochstehender Produkte zu
Kontext der ständigen Veränderung nach eigenen Standards ausbilden. Ge- einem attraktiven Preis-Leistungsverhältnis
schon längst entdeckt.
und im Spannungsfeld zwischen rade solche und ähnliche Netze sind für
Globalisierung und Regionalisierung die Entwicklung der rumänischen KMU fahrung, das Know-how und die ent-
überdacht werden. In diesem Zusam- von grösster Bedeutung. Doch um Klum- sprechenden Kontakte, um Unterneh-
menhang können Outsourcing und penrisiken zu vermeiden, sind sie sehr men bei Auslagerungsprojekten in
Produktionsverlagerung nach Ru- an weiteren Zusammenarbeiten interes- Rumänien wirkungsvoll, interdisziplinär
mänien zu zentralen Erfolgsfaktoren siert. und erfolgreich zu unterstützen. Die
werden. Allerdings ist die Suche nach neuen umfassenden Mattig-Dienstleistungspa-
Partnern nicht immer einfach, denn oft lette enthält auch integrierte Angebote
Im aktuellen «Global Services Loca- fehlen relevante Informationen über die in den Bereichen Finanz- und Rech-
tion Index» (GSLI) rangiert Rumänien kulturellen und geschäftlichen Spezifika nungswesen, Wirtschaftsprüfung, Wirt-
weltweit unter den Top 20 der attrak- Rumäniens. Zudem müssen die kom- schaftsberatung und -mediation, Steuer-
tivsten Auslagerungszentren. Dies ver- plementären Stärken des potenziellen und Rechtsberatung sowie IT-gestützte
wundert nicht − verfügt Rumänien doch Partners und die eigenen Unternehmen- Riskmanagement-Tools und Unterstüt-
über starke Argumente: Zugang zu qua- sziele in Einklang gebracht werden. Es zung in Finanzierungsfragen.
lifizierten, günstigen Arbeitskräften so- bedarf darum individueller Lösungen,
wie zu EU-Finanzierungen, zuverlässige die mit der Suche nach dem passenden kontakt
lokale Partner, eine stabile gesetzliche Partner beginnen und zu guter Letzt
und politische Lage sowie regionale Nähe. der Komplexität der Aufgabe gerecht
Trotzdem: In Sachen Beschaffung werden.
gilt Rumänien nach wie vor als Lieferant Dank 50-jähriger Tradition im Barbu Mih`escu
von Produkten und Dienstleistungen deutschsprachigen Raum und fünfjäh- Managing Director
mit niedrigem Mehrwert. Die größten riger Erfahrung in Südosteuropa verfügt barbu.mihaescu@mattig-management.ro
unternehmerischen Chancen bieten sich die Mattig-Gruppe über die nötige Er- www.mattig-management.ro

Nr. 4 | JUNI 2010 27


schwerpunkt

Gastgewerbe: Zwischen
Krise und Chance
von camelia popa

D
Das rumänische Als einen „einzigen Albtraum“ be- rumänischen Hotel letztes Jahr um 14%
Hotel- und Gast- zeichnen die Hoteliers das vergangene gegenüber dem Vorjahr sank. Die Durch-
stättengewerbe Jahr, das sowohl einen erheblichen schnittsdauer der Hotelaufenthalte be-
(der sogenannte Rückgang des Nachfragevolumens als trug dabei zumeist unter drei Tagen.
HoReCA-Sektor) auch der direkten Ausgaben der Touris- Die Krise traf auch die Hotels der
stöhnt weiterhin unter der Finanzkrise ten mit sich brachte. Trotz großzügiger Hauptstadt Bukarest, die bislang göß-
– große Investitionsprojekte bleiben Sonderangebote – zum Teil reduzierten tenteils von dem Geschäftstourismus
nach wie vor auf Eis. Darüber hin- die Hotelbesitzer die Zimmerpreise in lebten (ca. 80% der Einnahmen). Die
aus scheinen die Aussichten auf eine den Vier- und Fünfsterne-Hotels auf Anzahl der Business-Kunden und -Meet-
baldige Wiederaufnahme der Projek- Dreisterne-Niveau (38−40 Euro) – nahm ings nahm drastisch ab. Wie schon in
te eher mau. Die Rezession legte der Auslastungsgrad der Hotels von den letzten Jahren stammten die meis-
ehrgeizige Geschäftsprojekte lahm und 63,86% (2008) auf 54,61% (2009) ab. ten Touristen aus den Nachbarländern
fegte weniger gefestigte Kleinunter- Die Einnahmen pro Zimmer purzelten Ungarn (25%) und Bulgarien (12%).
nehmer und Neufirmen, die auf von 102,66 Euro (2008) auf 72,7 Euro, Deren Anzahl reduzierte sich allerdings
keine stabilen Kundenportfolios zu- während die Anzahl der Touristen mit gegenüber 2008 um 4% bzw. 20%. Die
rückgreifen konnten, vom Markt. mindestens einer Übernachtung in einem größten Einbrüche der Touristenzahlen

28 Nr. 4 | JUNI 2010


schwerpunkt

Register gelöscht worden als im Ver-


gleichszeitraum 2008 (13), darunter 43
Bars, 18 Restaurants und 7 Hotels aus
Bukarest, Oradea, Constan]a, Ia[i und
Râmnicu Vâlcea. Indes sank die Zahl
der Firmenregistrierungen im genannten
Zeitraum um 26 auf 2108 Einheiten,
davon 1123 Bars, 869 Restaurants und
116 Hotels. Die attraktivsten Standorte
für Investionen im HoReCa-Sektor blei-
ben weiterhin Großstädte wie Bukarest,
Constan]a, Cluj-Napoca und Oradea.
2009 gab es in Rumänien insgesamt
34.233 Gaststätten, davon 38% Restau-
rants, 25% Bars und Klubs und 17% Ca-
tering-Firmen, hinzu kamen weitere
1.700 Fast-Food Einheiten und über
35.000 Cafés. Der Umsatz der Gaststät-
ten belief sich im ersten Halbjahr 2009
auf 958,8 Millionen Euro − um 26%
weniger als im Vergleichszeitraum 2008,
bezeigt die Studie Trend Hospitality.
In der Hotel-Branche waren hierzu-
Businesstourismus drastisch gesunken
lande im letzten Jahr rund 1.104 Einhei-
wurden bei den Gästen aus Deutschland dass der Zeitpunkt günstig für den Er- ten in Betrieb. Laut Angaben des Natio-
(-15%) und Italien (-14%) verzeichnet, werb von krisengebeutelten Einheiten nalen Statistikamts (INS) sind im Hotel-
so die Statistiken der Arbeitgeberver- sei, da die Preise natürlich erheblich unter und Gaststättengewerbe zurzeit etwa
bände aus der Tourismus-Branche. dem Marktwert liegen. Außerdem lohne 137.000 Mitarbeiter beschäftigt, davon
Nichtsdestotrotz sollen in Zukunft es sich, in neue Hotels zu investieren, da haben 92% ein Abitur. Ende letzten Jah-
einige bedeutende Investitionen in die die Grundstücke an Wert verloren und die res verdiente ein Angestellter des HoRe-
Hotelbranche die landesweite Bettenka- Baumaterialien billiger geworden sind. Ca-Sektors laut Statitikamt einen durch-
pazität mittelfristig um 6000 Plätze er- Die Gebrechen des einheimischen schnittlichen Stundenlohn von rund 1,15
höhen. Laut einer Studie des Beratungs- Gastgewerbes sind jedoch nicht nur viele, Euro − und damit einen der niedrigsten
unternehmens Kohl & Partner werden sondern bereits chronische – das belegen Löhne hierzulande (und vergleichsweise
in den kommenden 2 bis 3 Jahren etwa sowohl die Statistiken der einschlägigen um zehnmal weniger als ein Arbeitskol-
40 neue Hotels ihre Tore öffnen. Der Arbeitgeberverbände als auch die Daten lege in Italien oder Spanien).
Gesamtwert der Investitionen dürfte sich des Handelsregisters. Im ersten Quartal
dabei auf über 580 Millionen Euro be- 2010 wurden bereits 629 Firmen aus dem
laufen. Die Hotelkette Louvre etwa will Register gelöscht − das sind 28% mehr
aufgrund einer Partnerschaft mit Golden Firmenlöschungen als im Vergleichszeit-
Tulip auf den rumänischen Markt ex- raum des Vorjahres. Auch die Insolvenz-
pandieren: Bis 2014 will Louvre mehr fälle häuften sich um 23% − ein Trend,
als 20 Zwei- und Dreisternehotels aus der sich bereits im vergangenen Jahr ab-
dem niedrigen Preissegment übernehmen. zeichnete. 2009 waren im ersten Jahres-
Das Immobilienunternehmen Colliers quartal im HoReCa-Sektor mehr als fünf-
fand aufgrund einer Marktstudie heraus, mal so viele Unternehmen (68) aus dem

Nr. 4 | JUNI 2010 29


schwerpunkt

Schockwelle schwappt auf Die Bierhersteller erklären sich die


Nachbarbranchen über eigenen Verluste zum Teil ebenfalls durch
Die brutalen Einbrüche des Hotel- das notleidende Gastgewerbe. Der nie-
und Gaststättengewerbes in 2009 und derländische Konzern Heineken zum
auch im ersten Quartal laufenden Jahres Beispiel machte 2009 erheblich weniger
wirkten sich horizontal auf weitere wich- Umsatz als im Vorjahr. In einem Unter-
tige Wirtschaftszweige aus. Betroffen nehmensbericht heißt es, dass „der Bier-
sind u.a. die Lebensmittelindustrie, der markt um 11,3% geschrumpft ist, vor
Markt für alkoholische und Erfrischungs- allem im HoReCa-Bereich, der von der
getränke, die Möbelindustrie, das Bauwe- schwindenden Kaufkraft der Menschen
sen und die Reinigungsindustrie. Zulie- und der verebbten Geldflüsse der im Aus-
ferer des Gastgewerbes sind aktuell etwa land arbeitenden Rumänen betroffen
1000 Unternehmen, deren Umsatz 2009 ist. Die Verkaufszahlen sind bei Heine-
um etwa ein Fünftel eingebrochen ist, ken entsprechend der Markttendenz
behauptet Iolanda Chioaru, Projektma- gesunken“. Der Arbeitgeberverband der
nagerin des Lieferanten-Ratgebers für Unabhängigen Bierhersteller in Rumänien folge der Schließung von Bars und Res-
Hotels und Restaurants. Ursachen für schätzt, dass der Bierkonsum im letzten taurants und der zurückgegangenen
die Rezession der benachbarten Branchen Jahr sogar um 15%, von 20,5 auf 17,5 Zahl von Neueröffnungen und schließ-
sind, so die Expertin, sowohl der zurück- Hektoliter, zurückgegangen ist. Der Ab- lich auch des gedrosselten Konsums in
gegangene Auslastungsgrad der Hotels wärtstrend soll auch in diesem Jahr an- den Cafés, Bars und Restaurants erheb-
als auch der stetig schrumpfende Cater- halten. Laut Angaben des Beratungsun- lich abflaute.
ing-Markt. ternehmens AC Nielsen haben die Laut Schätzungen von Cramele Re-
Der Markt für professionelle Hygie- HoReCa-Vertriebskanäle und der Ein- ca[, einem der wichtigen einheimischen
neerzeugnisse (Reinigungsmittel und zelhandel 2009 ihre Anteile am Bierab- Weinproduzenten, dürften auch im lau-
Geräte) verzeichnete einen Umsatzein- satz allerdings einigermaßen halten können: fenden Jahr um 4 bis 5% weniger Wein
bruch um 30−40%, der teils auf die nied- Wie schon 2008 nimmt der HoReCa- an Hotels, Restaurants und Cafés gelie-
rigen Investitionen im HoReCa-Sektor, Sektor 31% des verkauften Bieres für fert werden. Schuld daran sei allerdings
teils auf die Kündigung zahlloser Miet- sich in Anspruch, während der Einzel- weniger die von der Branche vielzitierte
verträge in den Bürogebäuden zurück- handel 69% beansprucht. Wirtschaftskrise selbst, sondern die In-
zuführen ist. Die Kaffee-Importeure, Weinherstel- effizienz des Gastgewerbes bei der Kun-
ler und Lebensmittel- denwerbung sowie das oftmals schlecht
Foto: Tony Harris

unternehmen bekamen ausgebildete Personal. Nach eigenen An-


die Folgen der Krise im gaben setzt das Weinunternehmen Reca[
Gastgewerbe vermehrt rund 45% seiner Weine im HoReCa-Sek-
ab der zweiten Jahres- tor ab.
hälfte 2009 zu spüren − Unter dem dahinsiechenden Gast-
obwohl das angeblich gewerbe leidet natürlich auch der Ab-
ungenügend entwickel- satz der professionellen Kücheneinrich-
te Marktsegment ihnen tungen für Catering-Firmen und Restau-
eigentlich zufriedenstel- rants: Großküchengeräte, Kochgeräte
lende Gewinne bringen und Kühlschränke, Edelstahl-Möbel
sollte. Vertreter des Kaf- und sonstiges professionelles Küchenzu-
feeimporteurs illy zeig- behör. „Der HoReCA-Sektor ist eng an
ten auf, dass der Absatz die Entwicklung mehrerer Wirtschafts-
der eigenenen Produkte branchen (Bau, Dienstleistungen usw.)
im HoReCa-Sektor in- gebunden. 2009 bescherte uns einen er-

30 Nr. 4 | JUNI 2010


schwerpunkt

schreckenden Markteinbruch; eine Viel- zu dämpfen. „Die aktuelle Lage, die von in der Nähe von Handelszentren −,
zahl von Großprojekten wurde, abhängig unseren Prognosen für 2009−2010 ab- überlebten mehr schlecht denn recht.
von der jeweiligen Bauetappe, entweder weicht, zwingt uns, einen anderen Weg Den härtesten Schlag für die rumäni-
auf Eis gelegt oder ganz eingestellt. Zu- einzuschlagen. Wir haben unsere Be- sche Catering-Industrie stellte die mas-
dem sind die kleineren Projekte so gut mühungen in punkto Marktanalyse in- sive Streichung von Essensgutscheinen
wie völlig verschwunden. Vor diesem tensiviert, in diesem Sinne ist die Vorbe- für die Angestellten dar, da viele Arbeit-
Hintergrund sind die Verkaufszahlen reitungsphase vor der Unterzeichnung nehmer ihr warmes Mittagessen damit
bei den Einrichtungen gemäß der allge- eines Vertrags mit den Kunden jetzt beglichen. Laut rumänischem Gesetz
meinen Tendenz gesunken“, erklärt länger geworden. Das ist eine der «Vor- dürfen nur Unternehmen, die einen Pro-
Daniel Mocanu, Geschäftsführer von sichtsmaßnahmen», die wir uns überlegt fit erzielen, derlei Gutscheine an ihre
DAAS România, einem der hierzulande haben, um die direkten Folgen der Krise Mitarbeiter verteilen. Der damit entstan-
führenden Branchen-Zulieferer. zu umgehen, wie etwa das Risiko unbe- dene Kostenaufwand wird sodann bei
Mocanu zufolge ziehen es die Firmen glichener Rechnungen oder sogar das der Berechnung der Gewinnsteuer wie-
aus dem HoReCa-Sektor vor, sich in Insolvenzrisiko potenzieller Kunden“, so der abgezogen. Da der Profit der Firmen
wirtschaftlichen Flautezeiten abwartend Mocanu. sich während der Krise jedoch spürbar
zu verhalten – anstatt aggressiv um neue reduziert oder gar völlig in Luft aufge-
Verträge zu werben, werde eher darauf Catering: Nur die Starken löst hat, mussten die Arbeitgeber zumeist
abgezielt, bereits bestehende Kunden überleben auf ihre Essensgutscheine verzichten.
zu halten. Das Unternehmen DAAS Ro- Im Sog der Rezession steckt auch Auf die Gutscheine verzichten müssen,
mânia, das eine flexible Geschäftsschiene der heimische Catering-Markt. Die laut Sparpaket der Regierung, ab sofort
fährt, versucht zurzeit, die Schockwelle Branche war im Zeitraum 1998−2000 auch entlassene Mitarbeiter sowie alle
und die damit einhergehenden Negativ- zunächst explosionsartig gewachsen, er- Staatsbediensteten. Hatten Anfang 2009
folgen mithilfe einer eigenen Strategie fuhr später eine Auffächerung der Dienst- noch ca. 3,3 Millionen Arbeitnehmer
leistungen, um dann ab 2008 eine Lei- Anspruch auf Essensgutscheine, so ist
densperiode zu erleben. Als Ursachen für deren Anzahl inzwischen fast um die
den Abwärtstrend gelten die reduzierte Hälfte zurückgegangen, klagen die Ver-
Kaufkraft der Kunden und, als direkte treter der Catering-Industrie. Auch sind
Folgeerscheinung, die immer seltener die Arbeitnehmer immer seltener bereit,
organisierten Events der Unternehmen fü Mahlzeiten im Büro Geld springen
und Privatkunden. zu lassen − die meisten ziehen es vor,
Die Stützpfeiler des Catering-Mark- entweder einen Snack von zuhause mit-
tes – die Bürogebäude mit Hunderten zubringen oder das Mittagmahl einfach
von Angestellten, die intensive Wirt- zu streichen.
schaftstätigkeit (mit zahlreichen Geschäfts- Dennoch bietet der rumänische Ca-
events der Firmen) und die Essensgut- tering-Markt nach wie vor Geschäfts-
scheine für die Arbeitnehmer – bleiben möglichkeiten. Die Unternehmer set-
wohl auch im laufenden Jahr von der zen ihre Hoffnungen derzeit nicht nur
Krise getroffen, die Branchenunterneh- in einen neuen Wachstumsschub und
men beklagen weiterhin eine miserable somit in eine Besserung der finanziellen
Auftragslage. Lage der Menschen und Firmen, sondern
Die Konjunkturflaute trieb in den auch in die sogenannten sozialen Food-
letzten beiden Jahren etliche kleinere Dienstleistungen. Diese Projekte werden
Caterer in den Konkurs, die größeren, von der EU mitfinanziert und kommen
DAAS-Chef Daniel Mocanu: „Einheimische
die sich auf feste Verträge verlassen konn- den Schulen, Kindergärten und Heimen
HoReCa-Branche muss den weltweiten Ten- ten − etwa Restaurants mit Catering- für benachteiligte Bevölkerungsschichten
denzen Rechnung tragen“ Service oder die Inhaber von Kantinen zugute.

Nr. 4 | JUNI 2010 31


schwerpunkt

Die gewichtigsten Akteure auf dem


einheimischen Catering-Markt sind je-
doch die großen Restaurants mit ihrer
hauseigenen Küche, die Kantinen von
Unternehmen oder Bildungseinrichtun-
gen sowie die Großunternehmen, die
Verträge mit Krankenhäusern, der Ar-
mee, den Strafvollzugsanstalten usw.
abgeschlossen haben. Hinzu gesellen
sich auch einige kleine und mittlere Fir-
men, die warme Mahlzeiten für Ange-
stellte anbieten. Bei einer kleinen Cate-

Foto: sxc.hu
ring-Firma beträgt das Startkapital etwa
40.000−50.000 Euro − mit anderen
Worten handelt es sich dabei um keine
Die sogenannten „Afterschool-Zen- Comercial` Român`/Erste, Banca Ro- exorbitanten Summen. Jedoch erweist
tren“ gibt es nicht nur in Großstädten, mân` de Dezvoltare/Société Générale es sich als sehr kostenaufwendig, wenn
sondern auch in isolierten Ortschaften – oder Banca Transilvania), Hotels oder die von der Nationalen Sanitär-Veterinär-
sie bieten u. a. auch Mahlzeiten an und kleineren Investoren. Laut einer Studie Aufsicht und dem Verbraucherschutz
finanzieren sich entweder über die Bei- der Firma Visionwise Consulting bleiben geforderte Ausstattung und Räumlich-
träge der Eltern und Sponsoren oder die Cafés „Geschäftsmodelle mit hohen keiten autorisiert werden sollen. Für den
durch Sozialschutz-Programme. Die Betriebsmargen, jedenfalls mit höheren Unternehmer wird ab dem Zeitpunkt
Krankenhäuser, die Einrichtungen der Margen als die eines durchschnittlichen der Zulassung das Überleben sodann
Armee und die Strafvollzugsanstalten Restaurants“. immer schwieriger, da die Werbekosten
stellen weitere mehr oder minder lukra-
tive Marktnischen dar. An den Aus-
schreibungen, die von diesen Institutio-
nen organisiert werden, beteiligen sich
allerdings nur große Firmen, die lang-
fristige Verträge garantieren und warme
Mahlzeiten für Tausende von Personen
liefern können.
Zu den übrigen Marktnischen, die in
Krisenzeiten überleben, zählen die Bars
und Cafés. Im Gastgewerbe gelten sie als
die profitabelsten Unternehmen dank ih-
rer beachtlichen Profitmargen und des
konstanten Kundenstroms. Die Anzahl
der Cafés nahm bis 2009 jährlich um
rund 35% zu: Ende vergangenen Jahres
gab es in Rumänien mehr als 35.000
Einheiten − viele davon gehören interna-
tional bekannten Ketten (Starbucks,
Gloria Jeans’ Coffees, Hard Rock Café,
Aroma, Parmas, Coffee Heaven, Coffee
Republic, Costa Café), Banken (Banca

32 Nr. 4 | JUNI 2010


schwerpunkt

inzwischen vermehrt verlangt.


Der Erfolg einer Catering-Firma
hängt von der Positionierung auf dem
fokussierten Marktsegment, von der per-
sonalmäßig richtigen Größenordnung
und von der Spezialisierung der eigenen
Küche ab, die sich vom Angebot der
Konkurrenz abzuheben und vom Fast-
Food-Segment möglichst zu distanzieren
hat. In den Großstädten ist der Wettbe-
werb zwischen den Caterern beinhart,
es überleben nur jene, die ihre Kunden
zufriedenstellen und damit auch halten
können.
Die Zutaten für das Erfolgsrezept in
dieser Branche sind auch bei den Her-
stellern von professionellen Küchenge-
räten nur allzu wohl bekannt. „Ich bin
zuversichtlich, dass der rumänische
hoch und die Profitmargen wegen der spruchsvoll und bei der Qualität kom- HoReCa-Sektor gezwungen sein wird,
teuren Grundnahrungsmittel eher nied- promisslos, sie wollen gesund essen und die weltweiten Tendenzen zu überneh-
rig sind, zusätzlich erschwert der zäh- möglichst jene Gerichte, die sie zu Hause men. Eine dieser Tendenzen lautet, das
flüssige Verkehr in den Großstädten die in der Familie vorgesetzt bekommen Verhältnis zwischen Einfachheit und
Fahrt zum Kunden. Etwa 40% der Ge- würden“, sagt Mihai Ciorcan, Besitzer Qualität zu überdenken − und das auf
samtausgaben eines Restaurants dienen einer Bukarester Catering-Firma. Bei allen Ebenen: von der Wahl der Menüs,
dem Erwerb von Lebensmitteln, die Ge- Empfängen sind hingegen die italieni- grundsätzlich auf den authentischen
hälter beanspruchen 20%, die restlichen schen, türkischen und französischen Ge- Geschmack und die Frische der Zutaten
Kosten entsprechen der Miete, den Ne- richte der Renner, erklärt der Unterneh- ausgerichtet, bis hin zu den Dienstleis-
benkosten (Strom, Wasser, Gas) und mer. Doch auch in diesem Segment tungen. Es dürfte allen klar sein, dass
dem verbrauchten Treibstoff. wird die traditionelle rumänische Küche die Küchengeräte, die derartigen Stan-
In der Regel sind die rumänischen dards gerecht werden, die beste Qualität
Caterer in mehreren Bereichen tätig: Sie aufweisen. Und hier sind wir im Vorteil:
bereiten Mittagessen für Firmenangestellte Unser Produktportfolio zielt genau auf
vor, aber auch Festessen für Geburtsta- diese Bedürfnisse ab“, erklärt Daniel
ge, Familienereignisse (Hochzeiten, Tau- Mocanu, Geschäftsführer von DAAS
fen, Parties bei Volljährigkeit oder be- România.
standenen Prüfungen, Begräbnisse,
Gedenkfeiern), Empfänge, Grillparties, Perspektiven
Firmenevents oder Festessen an Feierta- Obwohl die Finanzkrise viele Inves-
gen (Ostern, Weihnachten, Silvester). titionen im Gastgewerbe und dessen ver-
„Beim Mittagessen-Catering sind die wandten Branchen gestoppt hat, sind
traditionellen rumänischen Gerichte be- die mittelfristigen Perspektiven der In-
gehrt – Schweinefleisch mit Sauerkraut, dustrie weiterhin gut. Zum einen deuten
Haxe mit Bohnen, Hühnchen mit Pilzen die volkswirtschaftlichen Indikatoren auf
und Rahm, Schnitzel mit Kartoffelbrei ein Ende der Rezession in bestimmten
und dazu Salat. Die Kunden sind an- Branchen wie etwa dem Bauwesen

Nr. 4 | JUNI 2010 33


schwerpunkt

nung der Sommersaison an der Schwarz-


meerküste – dort stehen etwa ein Drit-
tel aller rumänischen Hotels. Außerdem
erholt sich die Wirtschaftslage in vielen
Herkunftsländern der Touristen bereits,
Urlaub auf Balkonien dürfte deshalb
heuer weniger gefragt, die Zahl der
Reisewilligen dementsprechend im An-
stieg begriffen sein. Gemäß einer Markt-
studie des Immobilienberaters Colliers
könnte die Nachfrage im Hotelbereich
aufgrund des leichten Wirtschaftswachs-
tums in etlichen westeuropäischen Län-
dern, aus denen die meisten Touristen
stammen, heuer steigen. Gleichzeitig
schätzt Colliers jedoch, dass die Hotels
ihre Verluste auch in diesem Jahr durch
wenig bis gar keine Investitionen auszu-
bügeln gedenken. Potenzial auf dem
einheimischen Hotelmarkt gibt es jedoch
nach wie vor − zumindest aus Sicht der
internationalen Hotelketten, die hierzu-
und der Industrie hin. Zum anderen mit „mäßigem“ Optimismus entgegen- lande weiterhin eher schlecht vertreten
sind in Rumänien bedeutende Projekte zublicken, obwohl sich diese Industrie sind. Last but not least weist der rumä-
zur regionalen Entwicklung in Vorberei- zweifelsfrei „Bereichen widmet, die in nische Markt im Preissegment erhebliche
tung (z.B. neue Ferienorte in benachtei- unserem Land noch ein sehr hohes Ent- Gleichgewichtsstörungen auf − mehr als
ligten Regionen) – im Zuge dieser Pro- wicklungspotenzial aufweisen“. die Hälfte der Hotels sind Viersterneho-
jekte soll massiv in die Infrastruktur in- Die Hotelbesitzer verbinden unter- tels. Auch hier gibt es folglich erhebli-
vestiert werden, erläutern die HoReCa- dessen ihre Hoffnungen mit der Eröff- chen Nachholbedarf.
Vertreter hoffnungsvoll. Außerdem
werde der verbissene Wettbewerb mit
den Kollegen aus dem benachbarten
Ausland letzten Endes zur längst über-
fälligen Modernisierung der heimischen
Branche führen.
Erste zarte Ansätze seien in diesem
Zusammenhang bereits zu erkennen,
behaupten die Zulieferer. „Wir sehen
zurzeit eine leichte Neubelebung − die
Anzahl der Veranstaltungen ist wieder
leicht gestiegen, zudem sind wichtige
Projekte sowohl im Zwei- und Dreister-
ne- als auch im Luxussegment angekün-
digt worden“, sagt DAAS-Chef Daniel
Mocanu. Dennoch räumt der Manager
ein, der Zukunft des Gastgewerbes noch

34 Nr. 4 | JUNI 2010


wirtschaft

Bankindustrie: Endlich
wieder Lichtblicke

D
er krisengebeutelte Ban-
kensektor liegt wieder im Foto: sxc.hu
schwarzen Bereich. Das
Geschäft stabilisierte sich
− für das 1. Quartal 2010 weist die Sta-
tistik der Zentralbank einen branchen-
spezifischen Gewinn von über 100 Mio.
Euro aus, mit anderen Worten über die
Hälfte des Gesamtgewinns des Jahres
2009. Das scheint auf den ersten Blick
keineswegs selbstverständlich, da die
Wirtschaft in einer tiefen Rezession steckt. Normalisierung: Die Gewinne in der
Seit Monaten befinden sich die Kredite Branche seien das Zeichen, dass „die
für Unternehmen und Privatkonsumen- Banken zu ihrem Kerngeschäft zurück-
ten im freien Fall, die Gewinne der Ban- gefunden haben“. Diesem Umstand sei
ken sind hauptsächlich auf die dem Staat es im Endeffekt zu verdanken, dass sie
gewährten Darlehen zurückzuführen. auch die Risikorückstellungen zurück-
Zurzeit erwirtschaften die Banken ihre schrauben konnten – obwohl die Sum-
Gewinne durch höhere Margen: Kredit- me der Rückstellungen branchenweit
zinsen sinken zwar, was theoretisch sig- signifikant bleibt. Die Rentabilität konn-
nalisieren würde, dass die Finanzinstitute te sich somit von 2,73% auf 5,93% ver-
das Kreditgeschäft nun wieder ankurbeln bessern.
wollen. Konkret aber sinken die Kredit- Von den 42 Banken sind jedoch nicht
viel langsamer als die Sparzinsen. Wie alle glücklich − besonders die kleineren
die Fachzeitung Ziarul Financiar kom- sowie lokalen Finanzinstitute schnitten
mentierte, nutzen die Banker die ausrei- weit schlechter ab: Während die Bran-
chende Liquidität; sie stünden eben chengrößten BCR, BRD und UniCredit
nicht unter dem Druck, für das Geld einen Reingewinn von rund 57 Mio. Euro,
der Kunden zu kämpfen. Die maue Wett- 49 Mio. Euro bzw. 16 Mio. Euro aus-
bewerbslage ist ihrerseits auf die Rezes- wiesen – was zusammen knapp 123 Mio.
sion zurückführen. Weil der Immobilien- Euro ausmacht −, kam die etwas klei-
markt am Boden und die Joblage für vie- nere Banca Transilvania auf lediglich
le Kunden unsicher geworden ist, muss- knapp 4 Mio. Euro. Da die Statistik für
ten Kreditkonditionen derart verschärft die Bankindustrie aber nur allgemein
werden, dass sich Privatpersonen und von einem Profit von 100 Mio. Euro
Firmen kaum mehr für einen Kredit eig- spricht, ist klar, dass der Rest der Geld-
nen. Der Leiter der Bankenaufsicht bei häuser keinen besonders guten Jahres-
der Notenbank, Nicolae Cintez`, spricht start erwischt haben dürfte.
in diesem Kontext hingegen von einer alex gröblacher

Nr. 4 | JUNI 2010 35


wirtschaft

„Wir wollen eine starke Stimme für


die rumänischen Mitglieder sein“
Interview mit Adina Utes, Rumänien-Beauftragte des Bundesverbandes für die
mittelständische Wirtschaft

für die mittelständische Wirtschaft wer- viel ein Inserat, ein PR-Interview in ei-
den − und nicht etwa in einer rumäni- ner Fachzeitschrift oder eine Zeitungs-
schen Zwischenvertretung. annonce kosten, ist das nicht viel, weil
die Firmen durch die Mitgliedschaft im
Wie soll das tatsächlich funktionieren? BVMW ja etwas für ihre Beiträge gebo-
100%ig nach deutschem Modell. Die ten bekommen. Wie bei jeder Investi-
rumänischen Unternehmen füllen ein tion stellt sich auch hier die Frage nach
Beitrittsformular aus, sie treten direkt dem Nutzen.
dem BVMW bei, sie bezahlen die glei-
chen, nach Zahl der Mitarbeiter ge- Welchen Nutzen haben die Firmen
staffelten monatlichen Mitgliederbei- von einer Mitgliedschaft im BVMW?
träge (zwischen 50 und 185 Euro mo- Die Überschrift könnte Betreuung
natlich) und die gleiche, einmalige, Bei- durch aktives Networking heißen. Das
trittsgebühr von 300 Euro. im Konkreten zu organisieren ist Auf-
gabe der jeweiligen Geschäftsführer,
Frau Utes, die erste Frage bietet sich Kein Nachlass also für rumänische dazu sind sie vertraglich verpflichtet.
praktisch von selbst an: Wie will, ganz Firmen? Das wollen wir auch in Rumänien so
konkret, der BVMW sein Rumänien-Pro- Nein. Das war mir übrigens von Be- halten: Wir haben vor, Begegnungen
jekt gestalten? ginn an ein absolutes Kernanliegen. Es zwischen Firmen zu veranstalten, das
Was wir jetzt in Rumänien leisten, schien und scheint mir wichtig, dass ru- beginnt auf lokalem Level und reicht bis
ist sozusagen Pionierarbeit. Wir sind mänische Mitgliederunternehmen den zu nationalen Firmenkongressen. Ein
zwar als Bundesverband in mehreren deutschen Mitgliedern gegenüber abso- Wunsch, den wir immer wieder von ru-
Ländern vertreten, aber eben nicht auf lut gleichberechtigt sind. Es ist eine Frage mänischer wie deutscher Seite hören, ist,
der Ebene, die wir in Rumänien anstre- des Stellenwerts, den andere einem bei- Kontakte zwischen Firmen aus Rumäni-
ben. Wir wickeln hier ein Pilotprojekt messen und den man sich auch selbst en und Deutschland zu vermitteln. Das
ab, durch das wir die Struktur des BVMW beimisst. Es geht um das Selbstverständ- tun wir auch, wenn eine rumänische Fir-
– mit Regional-, Länder- und Kreisge- nis eines Vollmitglieds im BVMW. Ru- ma einen Partner sucht oder eine deutsche
schäftsführern – auf Rumänien übertra- mänische Mitglieder müssen die gleichen Firma Hilfe beim Markteinstieg in Ru-
gen wollen. Das Ziel ist, rumänische Ansprüche an den Verband stellen kön- mänien braucht.
KMU als Mitglieder für den BVMW zu nen wie die deutschen. Die Einmalge-
gewinnen. Wichtig ist dabei zu verste- bühr und die Monatsbeiträge sind, selbst Welche Erfahrungen haben Sie bis-
hen, dass die rumänischen kleinen und zusammengenommen, allerdings auch lang gemacht – positive wie negative?
mittelgroßen Unternehmen unmittelbar nicht unbedingt so hoch. Es ist ja eine Die Signale, die wir bisher bekamen
Mitglieder im deutschen Bundesverband Investition. Wenn Sie bedenken, wie und die ich selbstverständlich an unsere

36 Nr. 4 | JUNI 2010


wirtschaft

Zentrale in Berlin weitergegeben habe, Kontakt nicht wirklich wünscht, dass Es sollte doch genug Berührungs-
waren im Schnitt so positiv, dass man man denkt, „wir packen es ja auch allein“. punkte zwischen dem BVMW und den
jetzt sogar ernsthaft überlegt, eine solche Aber mit der Zeit merkt man natürlich, rumänischen Arbeitgeberverbänden
Initiative auch für die Schweiz anzustre- dass Bukarest eine wahnsinnige Rolle geben ...
ben. Offiziell sind wir aber nach wie vor spielt im wirtschaftlichen und politischen Richtig. Zum Beispiel auch in der
das Pilotprojekt des BVMW. Dabei müs- Leben Rumäniens. Man muss einfach Lobbyarbeit. Wir sammeln hier Erkennt-
sen Sie bedenken, dass wir erst in der da sein. Deshalb also die Idee, das zen- nisse, die wir der Zentrale in Berlin mit-
Aufbauphase stecken. Langsam kommt trale Office jetzt nach Bukarest zu ver- teilen, so dass wir dann eine starke Stim-
nun alles in Fahrt, wir wollen die bereits legen. Wir sind im Moment dabei, einen me für unsere rumänischen Mitglieder
intensiven Kontakte zu rumänischen Fir- geeigneten Sitz zu suchen, das dauert auch im Verhältnis zur rumänischen Re-
men weiterhin ausbauen und ihnen die eben etwas Zeit. Im Gebiet bleiben die gierung sind – wie es der BVMW ja auch
Vorteile einer Mitgliedschaft im BVMW Regionalbüros bestehen, die Idee ist, dass in Deutschland ist.
nahelegen. Wir haben schon zwei Re- mit der Zeit dann auch in den Landeskrei- Dafür müssen wir aber eine kritische
gionalgeschäftsführer eingesetzt, einen sen Geschäftsführer eingesetzt werden. Mitgliedermasse erreichen – das Ziel ist
für Bukarest, einen für Siebenbürgen,
hinzu kommt das Rumänien-Büro in
Râmnicu Vâlcea. Auf der positiven Seite
der Erfahrungen würde ich den Enthu-
siasmus der rumänischen Firmen gegen-
über einer Mitgliedschaft im BVMW
erwähnen. Die Kehrseite der Medaille
ist, dass die Krise diesen Enthusiasmus
gedämpft hat. Die Unternehmen sind
zwar nach wie vor an uns interessiert,
überlegen sich aber jeden Schritt viel
länger und gehen gerade finanzielle Ver-
pflichtungen schwerer ein. Es gibt unter
den rumänischen Firmen eine gewisse
Deprimierung, das Leben ist für sie er- Vielleicht hat die Zurückhaltung ja 100 Mitglieder bis Oktober.
heblich schwerer geworden. auch damit zu tun, dass Sie anfangs als Wir haben aber auch den hohen
Konkurrenz zu den bestehenden rumä- Nachholbedarf hierzulande bemerkt
Hätte sich in einem zentralistisch nischen Vereinen und Verbänden wahr- und wollen dagegen steuern. Zum Bei-
geprägten Land wie Rumänien für die genommen wurden? spiel durch Schulungsprogramme, Aus-
Hauptgeschäftsstelle nicht Bukarest Das mag vielleicht so stimmen. Viele und Fortbildung, gerade für Handwerks-
besser als Râmnicu Vâlcea geeignet? Arbeitgeberverbände haben zu Beginn berufe. Oder durch Unterstützung von
Das wollen wir jetzt auch ändern, des Projekts gedacht, dass wir Wettbe- Start-Ups, vielleicht nach dem deut-
wir sind nämlich dabei, die Geschäfts- werber sind. Wir sind aber keine Konkur- schen Modell, bei dem Arbeitslose für
stelle nach Bukarest zu verlegen. Der renten, sondern Partner. Die rumäni- eine Existenzgründung fit gemacht
Grund, weshalb wir den Auftakt dort schen Unternehmen werden ja unmittel- werden.
gemacht haben, war die totale Öffnung bar im deutschen BVMW Mitglied, und Das Büro in Bukarest kann die Rolle
der Partner in Râmnicu Vâlcea. Für mich das ist ein einzigartiges Angebot. In- eines Transferzentrums für Know-how
war bei der Standortsuche diese Öffnung zwischen hat sich die aber Stimmung aus Deutschland spielen, auch mit even-
sehr wichtig, denn mit Halbherzigkeit geändert. Mehrere Arbeitgeberverbände tuellem Beitrag deutscher Unternehmen.
ist niemandem gedient. Ehrlich gesagt haben bereits Kooperationsbereitschaft Davon profitiert auch der rumänische
habe ich zuweilen in anderen Regionen signalisiert, und wir streben Koopera- Mittelstand generell.
den Eindruck gehabt, dass man sich den tionsvereinbarungen an. die fragen stellte alex gröblacher.

Nr. 4 | JUNI 2010 37


wirtschaft

Bunte Steuervielfalt: Regierung


schröpft an allen Ecken und Enden
Landwirtschaft und Luxusgüter eröffnen den Steuerreigen

A
pelbesteuerung bis Ende 2011 ausgesetzt
ngesichts des Regierungsversprechens über erheblich verbesserte werden. So sollen sowohl Landwirte als
Steuereinnahmen scheinen die Ministerien zurzeit weniger nach auch Bauunternehmen die Mehrwert-
effizienten Maßnahmen zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung, steuer bei jedem Geschäft − gleichgül-
sondern eher nach neuen Besteuerungsfeldern zu suchen. Als erstes tig, ob es sich dabei um Import- oder
kündigte das Agrarministerium an, weitere 2,7 Mio. Hektar landwirtschaftlicher Exportgeschäfte handelt − zu entrichten
Flächen besteuern zu wollen: „Zu den 7,2 Mio. Hektar Landwirtschaftsflächen, haben, was hieße, dass auch die auslän-
die zurzeit besteuert werden, kommen weitere 2,7 Mio. Hektar hinzu“, teilte dischen Handelspartner betroffen wä-
Adrian R`dulescu, Staatssekretär im Agrarministerium, mit. ren, die die Mehrwertsteuer wohl oder
übel sowohl daheim als auch in Rumä-
Zudem müssen sich die Landwirte nien abzuführen hätten.
autorisieren lassen − wer dies unterläßt, Foto: sxc.hu Die Mehrwertsteuer soll auch bei
kann sich seine Agrarsubventionen zu- dem binnengemeinschaftlichen Erwerb
künftig abschminken. „Damit dürften von Getreide, Gemüse, Früchten, Fleisch,
etwa 7 Mio. Tonnen Getreide künftig Fisch, Blumen, Zucker und Baumateri-
mit Rechnung in Umlauf gesetzt werden“, alien fällig werden, während im Fall von
erklärte der Staatssekretär. Es gebe zur- Brotprodukten die Einführung der um-
zeit viele Farmen, die recht ansehnliche gekehrten Steuer überlegt wird. Nach
Landwirtschaftsflächen von bis zu 500 Vorstellungen der Behörden sollen zu-
Hektar bearbeiten, ohne über eine Au- dem auch die Wohlbetuchten bluten −
torisation zu verfügen. Auch sollen die im Falle von Yachten, Parfums, Schmuck,
bislang auf Grünflächen kassierten Zu- Pelzwaren, Jagdwaffen u.a. wird näm-
schüsse gestrichen werden − eine Maß- lich, den Regierungsplänen zufolge, eine
nahme, die die Behörden schon seit Luxussteuer erhoben − ein Beschluss,
Jahresbeginn ins Auge gefasst hatten. der von der EU-Kommission ebenfalls
Nach Angaben des Staatssekretärs gibt geahndet werden könnte, da er das EU-
es bislang zwar keinerlei Berechnungen Recht verletzt. Analysten bezeichneten
über die Gesamtzahl der unbearbeiteten insbesondere letztes Vorhaben als „kin-
landwirtschaftlichen Flächen, doch sind disch“ − die einheimische Schickeria kaufe
− so R`dulescu − die Inspekteure der ihre Yachten in Monte Carlo oder Ham-
Agentur für Zahlungen und Interven- burg und ihre Designer-Klamotten, Pelze
tion in der Landwirtschaft (APIA) be- In punkto Steuerhinterziehungsbe- sowie Parfums längst in Italien und
reits angewiesen worden, im Zuge ihrer kämpfung ließen die Behörden bislang Frankreich, deshalb sei die Maßnahme
Kontrollen auch diesbezügliche Sondie- noch wenig Konkretes verlautbaren, doch schlicht „lächerlich“, sie werde keinen
rungen und Bestandsaufnahmen vorzu- soll in deren Namen offenbar sogar die müden Leu in die Staatskassen spülen.
nehmen. EU-Regelung zur Vermeidung der Dop- heiner krems

38 Nr. 4 | JUNI 2010


wirtschaft

Voestalpine startet mit Bau Das Projekt des Stahl Service Cen-
ters war von Konzernchef Wolfgang

ihres Stahlteile-Werks in Giurgiu


Eder bereits vor über zwei Jahren an-
gekündigt, im Zuge der Wirtschaftskrise
jedoch vertagt worden. „Mit dem rumä-

D
nischen Ort Giurgiu, rund 60 km süd-
ie österreichische voest- lich von Bukarest, wurde ein Standort
alpine legt mit dem gefunden, der direkt an der Donau liegt
Bau ihres Stahl Service und somit von Linz aus logistisch ideal
Centers in Giurgiu los, und kostengünstig erreichbar ist“, so
berichtete die Nach- Eder in 2008, der die Investition damals
richtenagentur Agerpres Mitte Mai. auf 18. Mio. Euro veranschlagt hatte.
„Die Bauarbeiten sollen noch dieser Der Stadtvater von Giurgiu sprach
Tage losgehen und binnen 12 Monaten nun von einem 19 Mio. Euro-Projekt,
abgeschlossen werden, Ende Mai 2011 dessen Entwicklung auch der rumänische
dürfte sodann die Einweihung der Stahl- krise und Liquiditätsmangel einigerma- Staat mit 5 Mio. Euro kofinanzieren wol-
teile-Fabrik erfolgen. Dank des Indus- ßen heil überstehen“, gab Lucian Iliescu, le. Die Produktion – im Wesentlichen der
trieprojekts der österreichischen Inves- Bürgermeister der Stadt Giurgiu, an- Zuschnitt von Feinblechen – dürfte vor-
toren konnte unsere Stadt Wirtschafts- lässlich einer Pressekonferenz bekannt. aussichtlich Mitte 2011 beginnen.
wirtschaft

Erste Bank setzt auf „Social


Business“

D
ie friedensnobelpreisge- ten einsetzen. Erste Group-Chef Andreas
krönte Idee Muhammad Treichl kündigte Mitte Mai an, dass die
Yunus’ zur Bekämpfung Erste Stiftung, Erste Group und deren
der Armut will nun auch Social-Banking-Tochter good.bee das
die österreichische Erste Bank in ihren Modell der „Zweite Sparkasse“ auf alle
zentral- und osteuropäischen Kernmärk- Länder auszuweiten gedenke, in denen
die Großbank bereits präsent ist, berich-
Leoni übernimmt

Foto: Andi Bruckner/Erste Group


tete die APA. Die „Zweite Sparkasse“
AEES-Werk in Beiu[ wurde vor wenigen Jahren auf Initiative
und mit Mitteln der Erste Stiftung ge-
Die Nürnberger Leoni AG, Her- gründet, sie zielt auf „banking the un-
steller von Kabeln und Kabelsystemen, banked“ ab – wobei es dafür laut Treichl
hat im Zuge eines Großauftrags zur in Zentral- und Osteuropa besonders
Belieferung von Nutzfahrzeugen hohen Bedarf gibt, da viele Menschen
eine Produktionsanlage der AEES noch keinen Zugang zu Bankdienstleis-
Power Systems Group in Beiu[ tungen haben.
übernommen. Von der Übernahme Auch wolle die Erste einen Kredit-
verspricht sich der fränkische Auto- rahmen von 10 Mio. Euro für soziale
mobilzulieferer ein zusätzliches Ge- Unternehmer in der Region zur Verfü-
schäftsvolumen über einen einstelligen gung stellen. „Man könnte denken, dass
Millionen-Euro-Betrag pro Jahr. 10 Mio. Euro nicht viel ist, aber ein
Das Werk in Beiu[ wurde von 10.000-Euro-Kredit z.B. in Rumänien
der AEES Power Systems Group er- ist ein Haufen Geld, mit dem man sehr
worben, die Anfang 2010 ihre eu- viel bewegen kann“, zitierte die APA
ropäischen Aktivitäten restrukturiert Erste-Chef Andreas Treichl den Erste-Chef.
und dabei Leoni angeboten hatte,
die Belieferung zweier Lkw-Hersteller
mit Kabelsätzen für Chassis und Bat- Romgaz und Energiekolosse an die Börse
terien fortzuführen. Leoni erwarb
die Produktionsanlage und übernahm Die Regierung scheint auf ihre Pläne kontrollierten Energieunternehmen
auch die 375 Mitarbeiter, so dass aus dem Jahr 2006 zurückzugreifen und sollen 2011 dann auch Anteilspakete
weder Produktion noch Belieferung nun doch die Börsennotierung einer der beiden neuen Energiekolosse an der
der Kunden unterbrochen werden Minderheitsbeteiligung am staatlichen Bukarester Börse geführt werden. Jedoch
mussten. Leoni zufolge wird das neu Gasversorger Romgaz ins Auge zu fas- sei kein Verkauf von Mehrheitsanteilen
erworbene Werk den Marktanteil sen: „Wir wollen schon bald mit einer an Romgaz oder den beiden „Energie-
des Zulieferers bei Kabelsätzen für Evaluierung beginnen und binnen 9 champs“ an strategische Investoren ge-
den Nutzfahrzeugbereich vergrößern, Monaten etwa 10-15% der Romgaz- plant, so Videanu − man wolle „das neue
zumal sich letzterer nach dem ver- Anteile an die Börse bringen“, gab Wirt- Kapital über die Börse gewinnen, da dies
heerenden Einbruch vom letzten schaftsminister Adriean Videanu bekannt. auch den Handelsplatz Bukarest stärkt“,
Jahr langsam zu erholen beginnt. Nach der Umstrukturierung der staatlich erläuterte der Minister.

40 Nr. 4 | JUNI 2010


wirtschaft

Videanu: „Könnten Beteiligung am AKW


Cernavod` auf 20% reduzieren“

Angesichts seiner Defizitmisere kann gung reduzieren. Der Staat soll schließ- 2015−2016 geplant ist, beteiligen sich
der Staat sein 51%-iges Beteiligungspa- lich zur Entwicklung des Projekts bei- die staatliche EnergoNuclear − derzeit
ket an der Projektgesellschaft, die die tragen und kein Hemmschuh sein“, noch mit 51% −, die Energiekonzerne
Blöcke 3 und 4 des Kernkraftwerks Cer- erklärte Wirtschaftsminister Videanu CEZ (Tschechien), Enel (Italien), RWE
navod` bauen soll, offenbar nicht finan- Mitte Mai. Der Minister äußerte jedoch Power (Deutschland) und GDF Suez
zieren. Deshalb überlegen die Behörden, die Hoffnung, dass eine geringere Be- (Frankreich) mit jeweils 9,15%, des Wei-
die staatliche Beteiligung am Energie- teiligung des Staates den „Wettbewerb teren ArcelorMittal Romania und Iber-
projekt zurückzufahren − auf 34% oder im Energiebereich fördern“ werde. drola (Spanien) mit jeweils 6,2%. Die
sogar 20%. „Wir müssen den Tatsachen Am Bau der Reaktoren 3 und 4 des Projektkosten wurden 2009 auf 4 bis 5
in die Augen sehen und unsere Beteili- AKW Cernavod`, deren Fertigstellung Mrd. Euro geschätzt.

Staat verkauft 11,84% an Petrom Wettbewerbsfähigkeit:


Schlusslicht in der EU
Foto: OMV Petrom S.A.

Die Wettbewerbsfähigkeit der ru-


mänischen Volkswirtschaft ist nach
wie vor katastrophal − laut jüngstem
Ranking des Weltwirtschaftsforums
liegt Rumänien unter den 27 EU-
Ländern auf Rang 26, lediglich Bulga-
rien steht auf Platz 27 noch schlechter
Das Wirtschaftsministerium hat den Damit würde die Beteiligung des da. Ranking-Erster ist Schweden, es
Verkauf eines 11,84%-igen Anteilpakets Staates an der Petrom auf 8,8% folgen Finnland, Dänemark, die Nie-
an der OMV-Tochter Petrom über die schrumpfen, davon sollen, laut Behör- derlande, Luxemburg und Deutsch-
Bukarester Börse beschlossen. Man könne denplänen, 8% den Mitarbeitern des land. Von den neuen EU-Ländern
sich eine Beteiligung von 20,63% auf- Unternehmens zum Kauf angeboten konnten sich Estland, Slowenien und
grund „fehlender Liquidität“ für die werden. Vonseiten des österreichischen Tschechien im Mittelfeld und damit
Aufstockung des Sozialkapitals des Mi- Mutterkonzerns verlautbarte bislang vor einigen der alten EU-Länder po-
neralölkonzerns „nicht leisten“, hieß es stets, dass die OMV mit 51% der An- sitionieren. Auch die EU-Beitritts-
zur Begründung. Der Verkaufserlös teile die Führung der Petrom bereits in- kandidaten Kroatien und Montenegro
könnte bei rund 2,4 Mrd. Lei (etwa 575 nehabe und keine Notwendigkeit zu schneiden besser ab als die Schluss-
Mio. Euro) liegen. einer Aufstockung sehe. lichter Bulgarien und Rumänien.

Nr. 4 | JUNI 2010 41


wirtschaft

Westrumänien: Deutscher Investor


errichtet Großmühle

11
tigen Bereich wie dem Lebensmittelsek-
Millionen Euro hat die Firma ATON Transilvania in die Errich- tor getätigt wurde, dass es vom erheb-
tung einer Großmühle in der Ortschaft Mercydorf/Carani inves- lichen Ausmaß ist und trotz Zeiten der
tiert. Mit ihrer 500-Tonnen-Kapazität per 24 Stunden ist sie die Wirtschaftskrise zustande kam. Deshalb
größte Mühle in Rumänien und gehört landesweit zum Top Five erstaunte es ihn vor allem, dass das Land-
der Mehlproduzenten. Die Mühle in der Ortschaft bei Temeswar/Timi[oara wirtschaftsministerium sich nicht inten-
funktioniert in einem integrierten System – von Getreidebau über Ernten, Lage- siver dafür zu interessieren schien und
rung in Getreidespeichern bis hin zur Lieferung von Fertigprodukten. keinen Vertreter zur Eröffnung geschickt
hatte. Insgesamt 260 Millionen Euro
hat die deutsche ATON GmbH in ihre
Rumänien-Niederlassung investiert und
550 Arbeitsplätze geschaffen.
Die technische Betreuung der Mühle
schaffen in ihrem 24-Stunden-Ablauf
21 Mann. Einen Monat nach der Inbe-
triebnahme kann die Mühle voll ausge-
lastet werden. ATON Transilvania tätigt
Investitionen im Bereich Landwirtschaft,
Metallbauten, elektrische Energie, Wasser-
und Abwasserbewirtschaftung in Stein-
brüchen und Kiesgruben, aber auch in
„Diese Mühle ist zwar die größte in einen Industriepark.
Rumänien, doch wir haben damit nicht ATON Transilvania hatte im Jahr 2006
die größte Mahlkapazität“, sagt CEO die vier Mühlen der Firma Vital&Heyl
Paul Milata über die Dimension der neu- gekauft. Diese, 1993 gegründet, hatten
en Anlage. Hinzu kommt zudem noch zum Transaktionsdatum eine Gesamtka-
eine weitere Mühle des Unternehmens, pazität von 260 Tonnen/Tag. Die ver-
die 120 Tonnen pro Tag aufnehmen altete Technologie veranlasste den neuen
kann. „Durch die neue Mühle zeigen Investor jedoch, drei der vier Mühlen
wir, dass wir langfristig planen und uns stillzulegen. Derzeit wickelt ATON in
als strategischer Investor in Rumänien Rumänien die Hälfte ihrer Geschäfte in
verstehen“, setzt Milata fort. Deutsch- der Landwirtschaft ab, bearbeitet 20.000
lands Konsul in Temeswar, Klaus Bren- Hektar Ackerland und hat eine Kapazi-
necke, sieht diese Investition als klaren Industrie- und Handelskammer in Bu- tät von 250.000 Tonnen Getreide in
Beweis, dass „das Vertrauen in den Stand- karest, Marko Walde, sind „Firmenein- adäquaten Speichern. Diese Speicherka-
ort Westrumänien trotz stürmischer Kri- weihungen beruflich mit Abstand das pazität soll bis zum kommenden Jahr
senzeiten nicht verloren gegangen ist“. Beste, was mir passieren kann“. Er wies um weitere 210.000 Tonnen aufgestockt
Für den ebenfalls anwesenden Ge- daraufhin, dass das ATON-Projekt und werden.
schäftsführer der Deutsch-Rumänischen die Investition gerade in einem so wich- alecs dina

42 Nr. 4 | JUNI 2010


wirtschaft

Milliardär Patriciu steigt ins


Sportwetten-Geschäft ein
Der ehemalige Erdölmagnat und ren, weitere Standorte wurden in Bra-
derzeitige Medienzar Dinu Patriciu, der [ov, Turnu Severin, Târgu Mure[, Pi-
reichste Mann Rumäniens, steigt ins te[ti, Buz`u und Râmnicu Vâlcea eröffnet.
Sportwetten-Geschäft Die Geschäftsstrategie
ein: In den letzten des Öl- und Medien-
Wochen haben seine Multis ist simpel:
beiden neugegründe- Mic.ro-Läden und
ten Unternehmen Wettbüros werden ent-
Mic.ro (Einzelhandels- weder in den gleichen
Ford Craiova will
kette) und Bet Arena Geschäftsräumen oder Kleinwagen-Produktion
Café (Wettbüros) unmittelbar nebenein- vertagen
Dutzende Laden- ander untergebracht −

F
flächen gemietet − offenbar lautet die Ge- ord Craiova will den Start
sowohl in der Haupt- schäftsidee: Iss und ... seiner Kleinwagen-Produk-
Foto: Mircea Moiră

stadt als auch in etli- wette. tion in Craiova offenbar


chen anderen Groß- Der einheimische vertagen. Aufgrund der allgemeinen
städten des Landes, be- Sportwetten-Markt Misere am Automarkt und der ins
richtete die Wirtschafts- wird von Branchenin- Bodenlose gesunkenen Umsätze will
presse. sidern zurzeit auf rund 100 Mio. Euro der US-Autobauer nun einige Klau-
In Bukarest scheint sich der Ex- im Jahr geschätzt, die wichtigsten Player seln des mit dem rumänischen Staat
Rompetrol-Inhaber auf den Stadtkern sind Stanleybet, Public Bet und Casa eingegangenen Vertrags neu aushan-
sowie einige Randviertel zu konzentrie- Pariurilor. deln. Regierungsquellen zufolge
visieren die Verhandlungen den Pro-
duktionsstart des neuen Kleinwagens,
Erste Shopping Mall unterm Hammer den Ford ab diesem Sommer in Cra-
iova herstellen wollte. Ford verlaut-
Tiago Oradea, die erste insolvente barte bislang lediglich, „an den ein-
Shopping Mall hierzulande, kommt An- gegangenen Verpflichtungen festhal-
fang Juni unter den Hammer. Bei der ten“ und „weder bei neuen Arbeits-
Zwangsversteigerung des Objekts wird, plätzen, noch bei der Höhe der In-
nach Angaben des Insolvenzverwalters, vestition oder der Produktionskapa-
von einem Startpreis von 35,5 Mio. Euro zität“ Abstriche machen zu wollen.
ausgegangen − dies stelle die Hälfte der Rumänien hatte Ende letzten Jahres
Gesamtinvestition in Höhe von 65. Mio. Staatsgarantien für ein 600-Mio.-
Euro dar, die über ein Darlehen der Euro-Darlehen der Europäischen In-
UniCredit Austria und der UniCredit vestitionsbank an Ford gegeben, das
}iriac Bank finanziert worden war. Mangels ausreichender Mieter und ins- größtenteils für die Entwicklung ei-
Im Zuge der schweren Rezession, in besondere der Kundschaft mussten be- nes Motors mit geringem CO2-Aus-
der Rumänien zurzeit steckt, ist das reits zwei ähnliche Großprojekte in stoß und dessen Fertigung in Craiova
Schicksal vieler Einkaufstempel ungewiss: Br`ila und Sibiu fürs erste schließen. gedacht war.

Nr. 4 | JUNI 2010 43


wirtschaft

„Die Länderstrategie ist wichtig“


Deutscher Wirtschaftsclub Siebenbürgen schlägt 2010 „ein neues Kapitel“ auf

T
homas Gerlach, Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland merzahl bei den im Abstand von 6 Wo-
in Hermannstadt, wurde Ende letzten Jahres zum Vorsitzenden chen stattfindenden Mitgliederversamm-
des Deutschen Wirtschaftsclubs Siebenbürgen (DWS) gewählt, lungen hat sich in den letzen Monaten
zum neuen Geschäftsführer bestimmten die Clubmitglieder Jörg verdreifacht, mittlerweile kommen fast
Prohaszka. Inzwischen wird beim DWS längst an einer Vielzahl von Vorhaben 100 Unternehmensvertreter zu den Ve-
gefeilt − darunter auch das „Kaffeetrinken zum guten Zweck“ , das Ende Mai ranstaltungen. Da im alten Vereinssitz
im Hof der Brukenthalschule von den „besseren Hälften“ der DWS-Leiter or- die Kapazität nicht mehr ausreichte, zog
ganisiert wurde. der Wirtschaftsclub in das Hotel Golden
Tulip Ana Tower um, in dem vor eini-
gen Wochen auch die DWS-Geschäfts-
stelle ihre Tätigkeit aufgenommen hat.
Nicht nur die Mitglieder, auch die
„besseren Hälften“ der Unternehmens-
repräsentanten kommen beim DWS auf
ihre Kosten. Eine neue Initiative des
Was hat sich in den letzten Monaten hin nachzuweisen. Das DWS-Business- Clubs wurde von meiner Frau, Manuela
beim DWS geändert? Partner-Programm beinhaltet eine Gerlach, ins Leben gerufen. In regelmä-
Thomas Gerlach: Die letzten Monate Gruppentarif-Offensive für viele Geschäfte, ßigen Abständen treffen sich die weib-
standen unter dem Motto „2010 − ein Restaurants und Hotels in Hermann- lichen Lebenspartner der DWS- Mitglieder,
neues Kapitel“. Unser Geschäftsführer, stadt und Umgebung. Das Programm Ziel der Treffen sind nette Gespräche in
Jörg Prohaszka, strukturierte den Wirt- richtet sich auch an Dienstleister, wie gemütlicher Atmosphäre, Planung und
schaftsclub in vielen Bereichen um. Neue Banken und Telekommunikationsanbie- Durchführung gemeinsamer Aktivitäten
„Produkte“ und Mitgliederanreize wur- ter, die den DWS-Mitgliedern attraktive in verschiedenen Freizeitbereichen − zum
den eingeführt. Einen Schwerpunkt des Preisnachlässe gewähren. Beispiel Sport, Reisen und Wohltätig-
neuen Kapitels nahm die Informations- Der DWS kümmert sich mittlerweile keitsarbeit.
politik des Clubs ein. Die Kommunika- auch um langfristige Projekte mit direk-
tion unter den Mitgliedern wurde durch tem Bezug zu wirtschaftlichen Themen, Welche sind die kurz- und langfristi-
einen neu gestalteten Internetauftritt so wurde ein Ausbildungsprojekt für 3 gen Pläne des Clubs? Was wird in den
verstärkt. In einem internen Bereich der metallverarbeitende Berufe begonnen. nächsten Monaten fokussiert?
Internetseiten stehen den Mitgliedern Demnächst wird die erste Publikation des Jörg Prohaszka: Kurzfristig versucht
zahlreiche Kommunikationsplattformen DWS veröffentlicht. Es handelt sich um der Club Kontinuität in seine Aktivitä-
wie Diskussionsforen, Profilseiten, Ko- ein umfassendes Kompendium mit dem ten zu bekommen. Das laufende Ge-
operationsbörsen usw. zur Verfügung. Titel „Rumänisches Wirtschaftsrecht“. schäftsjahr wird dazu genutzt, die Er-
Seit Anfang des Jahres gibt der Club Für Mitgliedsunternehmen wurde wartungen der Mitglieder zu analysie-
auch Mitgliedsausweise aus. Diese sollen ein kostenloses Seminarprogramm ge- ren und darauf entsprechend mit Servi-
vor allem in dem groß angelegten DWS- schaffen, das ganzjährig Themen wie ceprodukten und interessanten Themen
Business-Partner-Programm dazu die- Projektmanagement, Recht und Quali- zu reagieren. Die Aktivitäten des Clubs
nen, die DWS-Mitgliedschaft nach außen tätsmanagement anbietet. Die Teilneh- sollen neues Interesse wecken und Mit-

44 Nr. 4 | JUNI 2010


wirtschaft

gliedsunternehmen dazu motivieren, sich


aktiv an der Clubarbeit zu beteiligen.
Langfristig wird sich der Deutsche
Wirtschaftsclub als eine stabile Plattform
für die deutschsprachige Wirtschaft in
Siebenbürgen entwickeln. Der DWS
wird die Arbeit vieler Institutionen un-
terstützen und mit seiner Kompetenz
ergänzen. Beispiele hierfür wären: Mit-
arbeit bei der Erstellung von Curricula
an den Universitäten, Beratung bei der
Einführung internationaler Standards,
Mithilfe bei der Berufsausbildung, etc.
Zu den übrigen deutschsprachigen
Wirtschaftsclubs in Rumänien pflegen
wir die Kontakte, wie auch zur Deutsch-
Rumänischen AHK in Bukarest. Wo
immer sinnvoll, werden wir die Zusam-
menarbeit suchen, um durch Synergie-
effekte die Belange der Wirtschaft nach-
haltig zu fördern. Jörg Prohaszka: Im Mittelpunkt der bieten wir eine Anlaufstelle sowohl für
Tätigkeit des DWS steht der Erfahrungs- neue Investoren als auch für Alteinge-
Wie kann der Club die Hermannstädter austausch zwischen den Mitgliedsunter- sessene.
Wirtschaft konkret unterstützen? nehmen, die Informationsvermittlung
Jörg Prohaszka: Als Anlaufstelle für für die Mitgliedsunternehmen und die Wie schlagen sich die Clubmitglieder
Unternehmen aus dem deutschsprachi- Pflege eines konstruktiven Dialogs mit bzw. Unternehmer in diesen Rezessions-
gen Raum leistet der DWS einen aktiven den Vertretern der Politik und der öf- zeiten?
Beitrag zur Entwicklung der Wirtschafts- fentlichen Verwaltung. Wenn es um wich- Thomas Gerlach: Das lässt sich nicht
beziehungen zwischen den Herkunfts- tige Themen geht, die unsere Mitglieder in einem Satz pauschal beantworten. Es
ländern und Rumänien. Gleichzeitig betreffen, betreibt der Club selbstver- ist zunächst branchenabhängig. Bera-
nimmt der DWS seine Aufgabe als In- ständlich auch Lobbyarbeit, um auf Op- tungsagenturen, die Fördergelder aus
teressensvertreter dieser Unternehmen timierungsmöglichkeiten hinzuweisen. EU-Fonds beantragen, erleben derzeit
vor Ort wahr. einen Boom, für andere Wirtschaftszwei-
Zahlreiche Zulieferbetriebe und Welches wäre, aus Ihrer Sicht, das A ge ist noch kein Ende der Krise abzuse-
Dienstleister unserer Mitglieder kommen und O eines erfolgreichen Geschäfts in hen. Viele unserer Mitglieder expandie-
aus Hermannstadt. Der DWS nimmt hier- Rumänien? ren in diesem Jahr und bauen gerade
bei die Funktion als Vermittler zwischen Jörg Prohaszka: Für ausländische In- neue Produktionshallen, andere kämpfen
Anbietern und Nachfragern wahr. Inter- vestoren ist es wichtig, eine eigene Län- ums Überleben.
essierte Unternehmen können sich bei derstrategie für Rumänien zu entwickeln. Insgesamt gesehen kann davon aus-
den DWS-Treffen vorstellen und ihre Viele Investitionsvorhaben sind wegen gegangen werden, dass die Krise zwar
Leistungen direkt den Entscheidern prä- mangelnder Vorbereitung oder unzurei- noch nicht überstanden ist, jedoch die
sentieren. chender Informationen gescheitert. Das Richtung klar talaufwärts zeigt. Dies
A und O eines guten Geschäfts ist für belegen auch die langsam ansteigenden
Kann der Club bei der Lokalverwaltung neue Unternehmen sicherlich eine realis- Zahlen der Neueinstellungen in unserer
Lobbyarbeit für verschiedene Themen tische Beurteilung der Rahmenbedin- Region.
betreiben? gungen vor Ort. Als Wirtschaftsclub die fragen stellte ruxandra st`nescu.

Nr. 4 | JUNI 2010 45


in punkto gesellschaft

Schmiergeld-Skandal: AC/DC
auf der „Highway to Hell“

D
er Vorfall sorgte für weltweite Schlagzeilen: Bei der Nationalen
Gesellschaft für Autobahnen und Nationalstraßen (CNADR) ist
Brigitte Bardot jüngst eine Beschwerde des AC/DC-Crew eingegangen, die
prangert rumänische nach dem Bukarest-Konzert der Kult-Rockband beim Verlassen

„Grausamkeit“ an des Landes am Grenzübergang N`dlag Schmiergeld zahlen musste, um mit


ihren Trucks in Richtung Ungarn weiterreisen zu können, teilte CNADR-Di-
Der Bukarester Präfekt Mihai rektorin Dorina Tiron mit.
At`n`soaie und sein Gesetzentwurf
zur Einschläferung der herrenlosen Die 28 bis 29 mit Bühnen-, Licht- eine fristlose Entlassung, versicherte die
Hunde, die nicht binnen 7 Tagen und Soundtechnik beladenen Lkw der Generaldirektorin. Der Presse gegenüber
adoptiert werden, sorgt weiterhin AC/DC-Eventtechniker seien am west- gab sich die CNADR-Chefin völlig zer-
für Wirbel − sowohl im In- als auch rumänischen Grenzübergang N`dlac knirscht: „Glauben Sie etwa, ich würde
im Ausland. So wandte sich die ehe- von Beamten der Autobahn- und Stra- mich ob des Vorfalls freuen? Meinen
malige Filmschauspielerin und kom- ßengesellschaft aufgefordert worden, ihre Sie, dass ich mich nicht auch in Grund
promisslose Tierschützerin Brigitte „gültigen Autobahnvignetten“ vorzu- und Boden schäme? Wir werden dem
Bardot in einem offenen Brief an den zeigen, so Tiron. Die Fahrer hätten Pa- Vorfall nachgehen, die Schuldigen die
Parlamentsausschuss für öffentliche piere samt Autobahnvignetten vorge- Konsequenzen zu ziehen haben.“
Verwaltung und ökologisches Gleich- wiesen, seien daraufhin aber nach ande- Die australische Kult-Rockband
gewicht − sie „flehe“ die rumäni- ren, „während des gesamten Rumänien- hatte am 16. Mai in Bukarest vor rund
schen Abgeordneten an, derartig Aufenthalts gültigen Straßennutzungs- 60.000 Zuschauern konzertiert.
„drastische und zudem illusorische gebühren“ befragt worden − eine natür- heiner krems
Lösungen“ zu verpönen. „Rumäni- lich völlig abwegige und regel-
en kann sich nicht weiterentwickeln, widrige Forderung, fügte die
solange es Grausamkeiten gegenüber CNADR-Direktorin hinzu.
sensiblen Geschöpfen überlegt“, Danach sei es zu „Verhandlun-
schrieb die 76-Jährige. „Die ver- gen“ zwischen der AC/DC-
wahrlosten herrenlose Tiere wider- Crew und den rumänischen
spiegeln die Wirren eines Landes, Beamten gekommen, die of-
das unfähig ist, seine Zukunft auf- fenbar in einer Zahlung von
grund der Prinzipien der freiwilli- 50 Euro pro Brummi endeten.
gen Verantwortung aufzubauen“, Da das AC/DC-Tourteam je-
sie fordere die Verantwortlichen des doch keine Empfangsbeschei-
Landes deshalb zu einer engeren nigung erhielt, legte es dement-
Kooperation mit den lokalen und sprechend Beschwerde ein, er-
internationen Tierschutzvereinen läuterte Tiron. Ihre Behörde
auf, „so wie es in den meisten EU- prüfe zurzeit, welche Beamten
Ländern längst gang und gäbe ist“, am verhängnisvollen Abend
monierte die Französin in ihrem Dienst am Grenzübergang
Schreiben von Mitte Mai. N`dlag hatten − ihnen droht AC/DC-Sänger Brian Johnson und Frontman Angus Young

46 Nr. 4 | JUNI 2010


gesellschaft

erachteten, dass sie unweigerlich zu einer


wachsenden Schattenwirtschaft führen.
Knapp 20% (19,97%) der Befragten zeig-
ten sich zudem überzeugt, dass das
Sparpaket eine galoppierende Arbeitslo-
sigkeit bewirken wird.
Foto: sxc.hu

Am skeptischsten (unter 1%) gegen-


über den jüngsten Regierungsmaßnah-
men zeigten sich die über 40-Jährigen,

Meinungsumfrage: Kaum Vertrauen


am optimistischsten erwiesen sich mit
9% die 20- bis 30-Jährigen. Aus regio-
naler Sicht äußerten sich die Bukarester,
zu Regierungsmaßnahmen Hermannstädter, Klausenburger und Te-
meswarer am zuversichtlichsten mit Be-
Kaum 3% der Rumänen (2,89%) des Jobportals Myjob auf. 50,55% der zug auf eine Besserung der Wirtschafts-
glauben, dass das Sparpaket der Regie- insgesamt 2000 Befragten waren der lage in 2011, am mutlosesten erwiesen
rung zu einer Bewältigung der Krise ab Meinung, dass die Sparmaßnahmen le- sich die Einwohner der Moldau-Region
2011 führen könnte, zeigt eine Ende diglich eine allgemeine Verarmung zur bzw. der Landeskreise Bac`u, Vaslui
Mai durchgeführte Meinungsumfrage Folge haben können, während 24,1% und Ia[i.

Bukarest erhält „Armen-Mall“ „McTax“ vertagt


Im ersten hauptstädtischen Bezirk hen, die Preise der Waren (gespendete Die Einführung der „Junk Food-
soll laut Behördenangaben demnächst Lebensmittel und Bekleidung) sollen Steuer“, mit der Gesundheitsminis-
ein erster Sozialmarkt entstehen − nach um 30 bis 50% unter jenen der üblichen ter Cseke Attila zu Jahresbeginn für
westlichem Vorbild sei man bestrebt, an- Supermärkte und Textilläden liegen. Die Wirbel gesorgt hatte, wird vorerst
gesichts der heimischen Wirtschaftskrise Kunden dürfen allerdings ausschließlich vertagt. „Wir haben die Idee keines-
armen Familien sowie Senioren mit klei- anhand eines „Sonderausweises“ einkau- wegs aufgegeben, sondern ange-
nen Renten unter die Arme zu greifen. fen, der vom Bürgermeisteramt ausge- sichts der gegenwärtigen Konjunktur
Die „Armen-Mall“ soll im Altstadt- stellt wird. Als potenzielle Kunden gelten vertagt. Heuer wird sie jedenfalls
kern bzw. in der „Pia]a Matache“ entste- Bedürftige − Arbeitslose, Rentner, arme nicht mehr eingeführt“, verlautbarte
Familien mit mehreren Kindern usw. −, das Ressortministerium jüngst auf
Foto: sxc.hu

deren Monatseinkommen unter 500 Lei Presseanfrage. Anfang des Jahres


liegt. Das Sozialprojekt, das mit Unter- hatte Cseke überlegt, Hersteller von
stützung der österreichischen Botschaft Fast Food-Burgern, Chips, Snacks,
entsteht und von Vertretern der Wiener Süßigkeiten und Erfrischungsgeträn-
„Katharina Turnauer“-Stiftung gemanagt ken, die besonders viel Fett, Salz
werden soll, stieß bei den hauptstädti- oder Zucker enthalten, mit einer Son-
schen Bedürftigen auf breiten Anklang: dersteuer zu belegen.
„Für mich wäre ein derartiger Sozialmarkt
eine Riesenhilfe. In Supermärkten ein-
kaufen kann ich aus meinem Arbeitslo-
sengeld längst nicht mehr“, erklärte Maria,
eine joblose Mutter von 5 Kindern, ge-
genüber den Medien.

Nr. 4 | JUNI 2010 47


gesellschaft

Die Stadt auf dem Papier


von viorel ili[oi

E
in Abfallkorb an einem Strommast deutet als einziger Fingerzeig „84th Avenue“, Hausnummer 32. Diese
auf die Stadtkultur von Ulmoasa − einem der insgesamt sieben 32 ist auch brandneu, früher war es die
Stadtteile von T`u]ii M`gher`u[ im Landeskreis Maramure[. Ein 49. „Und künftig soll es die 70 sein“,
Junge, seine Axt auf der Schulter, hält inne vor dem Kuriosum fügt die Frau hinzu. Jede Änderung von
und tritt seine Zigarette mit dem Stiefel aus. Es überrascht ihn, dass die Stadt- Straße oder Hausnummer erfordert neue
herren die seltsame Vorrichtung gerade für solchen Abfall aufgestellt haben. Ausweise. An sich kein Problem, weil
Noch überraschter ist er, als er erfährt, dass er in einer Stadt lebt. Auf seinem die fast nichts kosten, allerdings reine
Ausweis steht: Silviu Opoleciuc, wohnhaft in der Stadt T`u]ii M`gher`u[. Das Zeitverschwendung seien, sagt sie. Die
war dem Jungen bislang noch gar nicht aufgefallen. Neugierig beäugt er den Änderungen verwirren die Bevölkerung
leeren Müllkorb, froh, dass nicht nur er, sondern das ganze Dorf den Gegen- wie ein Umtrunk mit dem örtlichen
stand ignoriert. Stadt? Dorf? Amtlich gesehen ist Ulmoasa seit sechs Jahren kein Hochprozentigen, und der hat es mit
Dorf mehr. 70 Grad wirklich in sich.
Frau Vasculs Nachbarin Zamfira
Lup[a schnürt sich einen Korb auf den
Rücken, sie muss in den Wald, Feuerholz
schlagen. Ulmoasa mag meinetwegen
zwar nun Stadt heißen, ist und bleibt aber
ein Dorf, sagt die Alte. 70 Häuser, man-
che ohne Strom, säumen die einzige
Hauptstraße in diesem Stadtteil. Einen
Kiosk gibt es, eine Schule nicht. Die
Kinder gehen durch den Wald, bis sie
aus dem Stadtviertel sind, dort wartet
der Schulbus auf sie. Zamfiras Haus
2004. Das sozialdemokratische Ka- „Ich habe keine Ahnung, wann über steht weiterhin in der alten Schieflage,
binett unter Adrian Nastase treibt die die Umwandlung in eine Stadt abge- das Plumpsklo liegt immer noch am Ufer
Vorbereitungen für den EU-Beitritt stimmt wurde. Plötzlich stand da am des Baches Ulmoasa, der bei Regenfällen
Rumäniens zügig voran. Weil nach Brüs- Strommast vor dem Haus dieser Abfall- oder Schneeschmelze für eine natürliche
seler Geschmack zu viele Leute auf dem korb und dann mussten neue Personal- Klospülung sorgt. Die frischen Städter
Land leben, muss es mehr Stadtbevöl- ausweise her“, erinnert sich Rodica Vascul. beheizen ihre verfallenen Häuser immer
kerung geben. Also werden über Nacht Das mit den Ausweisen wiederholte sich: noch mit Holz aus dem Wald, dort sam-
rund 200 Dorfgemeinden per Ukas zu Neue Ausweise gab’s nämlich auch dann, meln sie auch Pilze. Ein Bus verbindet
Städten. Zu ihnen gehörte T`u]ii M`ghe- als die Straßen Namen bekamen. Die den Stadtteil Ulmoasa mit dem Stadt-
r`u[, dessen 7 Dörfer zu Stadtvierteln Namen können sich sehen lassen – damit zentrum von T`u]ii M`gher`u[, Down-
wurden. Die Leute haben mittlerweile es schnell geht und kein Streit entsteht, town TM würden New Yorker vielleicht
das Stadtdasein satt. Sie wollen eine Ab- heißen sie Erste, Zweite, Dritte. Bis zur dazu sagen. Er kommt zweimal am Tag,
stimmung, um wieder zur Dorfgemeinde 161sten. Das ist wie in New York. Rodi- die Haltestelle liegt 2 Kilometer von
zu werden. ca Vascul wohnt zum Beispiel auf der Ulmoasa auf der befahrbaren National-

48 Nr. 4 | JUNI 2010


gesellschaft

mittelbar nach der Wende. Damals wollte


T`u]ii M`gher`u[ zum Stadtteil von
Baia Mare werden, weil die Gemeinde
direkt am Rand der Großstadt liegt. Doch
die Großstadt wollte das nicht. Für die
dortige Verwaltung wäre es zu teuer ge-
wesen, Kanalisation und Wasserleitungen
zu verlegen und eine Buslinie einzurich-
ten. Schließlich zeigte es die Gemeinde
der bösen Großstadt und wurde selbst
zur Stadt. Aber das gilt eben nur für die
Ortschaft T`u]ii M`gher`u[, die sowieso
von der Urbanisierungswelle aus Baia
Mare erfasst wurde und jetzt Flughafen,
Warenhäuser, Betriebe, Villen, Autos
und Straßenhunde hat. Die 7 Dörfer,
die früher zur Dorfgemeinde gehören,
spüren von dieser Welle nichts. Oder?
„Als Städter haben sie mir zweimal
die Hausnummer geändert und die Kom-
straße. In der Stadt gibt es Arztpraxen, langsam ab, wenn es weiterhin als Stadt munalsteuern verfünffacht“, klagt Ioan
jeweils eine in den Stadtteilen T`u]ii behandelt werde − so wie ein Hund ver- T`ma[, der im Stadtteil − dem ehemali-
M`gher`u[, B`i]a und Nistru, teilt die reckt, den man wie ein Schaf füttert. gen Dorf – Bu[ag wohnt. „Ach so − ja,
Rauthaus-Website stolz mit. Die Men- T`u]ii M`gher`u[ hatte bei seiner ich habe jetzt fließendes Wasser, aber es
schen in Ulmoasa wissen das nicht: Weil Wiedergeburt als Stadt nicht einmal ein ist teurer als in der Großstadt.“ Er sieht
sich weniger als 20 Abnehmer einfanden, Rathausgebäude. Technisch gesehen Bu[ag weiter als Dorf und sich selbst als
gibt es in Ulmoasa keinen Internetan- gibt es auch heute keines. Alle Einrich- Bauer. Nur hat ein Stadtbauer nicht die
schluss. tungen sind zusammengepfercht im Kul- gleichen Rechte wie ein Dorfbauer. Ioan
Anton Ardelean, Sozialdemokrat und turheim. Der Bürgermeister und die 4 T`ma[ hat z. B. 6 Zuchtrinder, für die
Bürgermeister, ist stolz auf die neuen Abgeordneten der PSD, die für die Ver- es keine Subvention gibt, weil er jetzt
Verhältnisse − M`gher`u[ sei Vollblut- wandlung Lobby betrieben, waren Sta- administrativ gesehen in einer Stadt lebt.
stadt. Er war auch damals, 2004, Bür- tistikzauberer: 81% der Wohnungen hat- Für ländliche Entwicklung stellt die EU
germeister. In der damaligen Dorfge- ten fließendes Wasser, 63% eine Innen- mehrere Millionen Euro zu Verfügung.
meinde gab es kein Krankenhaus, aber toilette, 52% der Straßen waren asphaltiert Die 7 früheren Dörfer gehen hingegen
egal, es gab eines in der nahegelegenen – alles weit über den Mindestanforderun- leer aus. Die Stadtbauern haben wegen
Großstadt Baia Mare. „Die dort hätten gen für eine Stadt. In den letzten Jahren der Subventionskürzung zunehmend
nach dieser Logik auch keines gebraucht, gab es dann offenbar eine Trendwende: die Tierzucht aufgegeben, viele suchten
es gibt ja eines in Cluj“, witzelt Stadtrat Viele Menschen verzichteten auf die in Baia Mare Arbeit. Jetzt, wo die Krise
Pompiliu Isp`[oiu von der PD-L. Isp`- Trinkwasserversorgung, legten ihre Toi- eingeschlagen hat, stehen sie blöd da.
[oiu ist die Opposition, er wollte selber letten wieder außer Haus an, zerkleiner- T`u]ii M`gher`u[ ist nicht einmal in
Bürgermeister werden, verlor aber um ten den Asphalt wieder zu Kies. Arde- amtlichen Unterlagen zu 100% Stadt.
Haaresbreite. Jetzt hat er Unterschrif- lean steht auch heute hinter seinem Ent- Kafkaesk erfährt man aus dem Ausweis
ten gesammelt, um die Stadt wieder zur schluss: „Wären wir nicht zur Stadt ge- von Ioan T`ma[, dass er wohnhaft ist in
Dorfgemeinde zu machen, und gleich- worden, so wäre die Gemeinde in vier „Stadt T`u]ii M`gher`u[, Dorf Bu[ag“.
zeitig per Volksabstimmung Ardelean winzige Gemeinden zerfallen.“ Stadt, Dorf, Dorf, Stadt, welcome to
abzusetzen. Isp`[oiu sagt, das Dorf sterbe Stadtträume gab es zwar schon un- Absurdistan.

Nr. 4 | JUNI 2010 49


gesellschaft

Der Spion, der aus den


zelt haben. Im Vordergrund stehen ru-
mäniendeutsche Autoren, die Spitzel
und/oder Bespitzelte waren. Die Verleih-

Büchern kam ung des Literaturnobelpreises an Herta


Müller gab auch in Deutschland den
Kick, warf auch dort die Debatte an.
Intellektuelle im Netz kommunistischer Geheimdienste Die Schatten der Vergangenheit holen
jetzt, mehr als 20 Jahre nach der Wende,
die IM der Securitate und deren Opfer
Stelian T`nase im wieder ein. Viele rumäniendeutsche
Foto: Stefan Rohner, St. Gallen

folgenden Interview Schriftsteller hatten geglaubt, nach ihrer


mit Annett Müller Aussiedlung endlich sicher vor der Se-
einen „Fetischismus curitate zu sein. Eine falsche Annahme,
zur Macht“ beschei- wie sich nach und nach herausstellt. Die
nigt, schlagen jetzt ARD entlarvte in ihrem Report Mainz
zurück: Marino sei den früheren Schriftsteller und Journa-
ein Zyniker und Iko- listen Franz Thomas Schleich als Securi-
noklast gewesen − tate-IM Voicu. Und letzten Dezember
einer, der selbst für outete sich Werner Söllner vor einem
die Securitate ge- breiten Publikum in München auf der
spitzelt habe. Ge- Tagung Deutsche Literatur in Rumäni-
spitzelt und nicht en im Spiegel und Zerrspiegel der Secu-
bloß das − er habe ritate-Akten als IM Walter. Er erhob
im Auftrag des kom- sich einfach und sprach aus, was so
munistischen Geheim- manche längst wussten oder zumindest
Albert Oehlen − „Auge im Auge“, Öl, Max Hetzler-Galerie Berlin dienstes prominente ahnten. Aber der Fall Söllner lehrt auch

5
Auslandsrumänen im etwas anderes: Es gab auch für die Se-
Jahre nach seinem Tod rech- Sinne des Regimes zu beeinflussen ver- curitate keine endgültig Regimetreuen
net der rumänische Literatur- sucht, so etwa den Religionswissen- und schon gar keine endgültigen Kriti-
wissenschaftler Adrian Marino schaftler und Philosophen Mircea Eliade. ker. Der gemeinsame Nenner war das
(1921 – 2005) mit der Kul- Das stellen nunmehr Akten aus dem Se- Misstrauen der Offiziere, deshalb waren
turszene seines Landes ab – seine 2010 curitate-Archiv unter Beweis. In Tages- Opfer Spitzel und Spitzel Opfer. Die
im Verlag Polirom erschienene posthu- zeitungen und auf Blogs im Internet Teilöffnung der Geheimdienstsarchive
me Autobiographie lässt an vielen Kol- tobt mittlerweile ein Kampf zwischen offenbarte in der Tat, dass es kaum ei-
legen kein gutes Haar. Marino rüttelt Anhängern und Gegnern, zwischen An- nen IM aus der Kultur- und Literatur-
an eingebürgerten Bildern und Selbst- hängern seiner Gegner und Gegner sei- szene gab, der nicht selbst ausspioniert
bildern, stellt prominente Denker und ner Anhänger. Alle postulieren absolute wurde. Man wird den Eindruck nicht
Literaten als beruflich und geistig un- Wahrheiten, doch die einzig absolute los, dass kein Dissident dagegen gefeit
fähig, boshaft, eitel und sogar korrupt Wahrheit ist, dass es keine absoluten war, umgestimmt zu werden. Führungs-
dar. Einem Pakt mit der Staatsmacht Wahrheiten gibt – die Redundanz der offiziere der Securitate köderten und er-
seien die meisten nicht abgeneigt gewe- Begriffe ist beabsichtigt. pressten ... und waren damit in der Re-
sen, ganz im Gegenteil – für gewisse Vor- Was in Rumänien an breitester Front gel erfolgreich. Nur: In wie vielen Fäl-
teile suchten sie sogar aktiv den Kom- ausgetragen wird, war bis unlängst in len? Solange nicht 100% der Unterlagen
promiss. Nicht alle leben noch, einige Deutschland nur Eingeweihten vorbe- offengelegt und ausgewertet werden,
aber schon. Viele Intellektuelle, denen halten: Schriftsteller, die nicht für die wissen wir es nicht.
auch der Historiker und Schriftsteller Stasi, sondern für die Securitate gespit- alex gröblacher

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gesellschaft

„Ich spüre große Frustration“


Der Historiker und Fernsehmoderator Stelian T`nase über die Dämonen
der Vergangenheit

Herr Tănase, im Sommer 1988 hatte


Foto: Paul Buciuta/Agerpres

die freie Gewerkschaft Solidarność zu


einer Menschenrechtskonferenz im pol-
nischen Krakau auch die zum damaligen
Zeitpunkt aktiven rumänischen Dissi-
denten eingeladen. Die Liste bestand
gerade einmal aus zehn Namen. Warum
war die Widerstandsszene so klein in
Rumänien?
Der rumänische Kommunismus hat
uns erfolgreich manipuliert. In den 60er
Jahren hatte sich Nicolae Ceau[escu aus
politischen Gründen von Moskau eman-
zipiert. Das Volk, die Intellektuellen, die
Autoren − sie alle waren zunächst von
diesem Kurs beeindruckt, denn es gab
starke antisowjetische Gefühle. Ceau[escu
besetzte damit gleichzeitig den Diskurs
des Patriotismus. In Polen hingegen
hatten diesen Diskurs die Dissidenten
inne, die sich erfolgreich und mit großen
Sympathien im Volk gegen die moskau-
treue, kommunistische Regierung in
Warschau auflehnten. Uns fehlte hinge- Der heute 58-jährige Stelian Tănase gehört zu den prominentesten Wendefiguren Rumäniens.
gen jegliche Botschaft: Ceau[escu hatte
diese Themen längst okkupiert. Die Securitate hat mir eine Oppositions- Wenn ich gewusst hätte, was ich
rolle zugewiesen, indem sie mich bespit- dort finde, hätte ich es möglicherweise
Auf der Liste der zehn Dissidenten zelt hat, sieben Jahre lang rund um die nicht getan. Die Wahrheit war hässli-
standen Sie nicht. Sie wurden in den Uhr. cher, als ich gedacht hatte. Die Securi-
80er Jahren vom rumänischen Geheim- tate hat unser gesamtes Privatleben auf-
dienst bespitzelt, auch durften Sie zwei Der bekannte Schriftsteller Mircea gerollt, sie ist selbst in unsere Betten ge-
Bücher nicht veröffentlichen. Als was Cărtărescu hat vor Jahren gesagt, er krochen. Sie hat alle Banalitäten notiert,
sehen Sie sich damit heute? wolle seine Securitate-Akten lieber nicht welche Tasche wir getragen, welche Mu-
Ich habe Schwierigkeiten mit dem einsehen, weil er sich davor fürchte, was sik wir gehört, welchen Film wir gesehen
Wort ,Dissident‘. Wie definieren wir darin stehen könnte. Wieso haben Sie hatten. Der polnische Publizist Adam
ihn? Bis wohin geht er, bis wohin nicht? Akteneinsicht verlangt? Michnik, eine sehr prominente Stim-

Nr. 4 | JUNI 2010 51


gesellschaft

me in Osteuropa, hat die Durch- Tat von einer Erpressung sprechen. Doch Hat sich einer der Spitzel oder Offiziere,
leuchtung kritisiert, weil sie die Dämo- es gab viele, die durch die Mitarbeit die Sie verfolgt haben, entschuldigt?
nen der Intrigen freigesetzt habe. Das Karriere machen, im Beruf aufsteigen Nein und ich habe es auch nicht er-
stimmt, die Securitate manipuliert und wollten. Sie wurden Spitzel, um Bücher wartet. Den Securisten geht es in Rumä-
dämonisiert uns selbst 20 Jahren nach der zu publizieren, einen Job zu bekommen nien heute vorzüglich. Sie sitzen im
Wende noch mit diesen. Doch ich wollte oder einen Pass fürs Ausland. Die Secu- Parlament, in den Chefetagen von Me-
sie lesen, die Büchse der Pandora öffnen. ritate war eine Mafia, die einem gewisse dienunternehmen, Banken, Versiche-
Privilegien sicherte. Als ich die Akten rungsgesellschaften. Rumänien ist voller
Sie haben Ihre Akten 2002 in einem gelesen habe, war ich überrascht, wie Überbleibsel der Securitate. Genau des-
Buch veröffentlicht. Wollten Sie damit viele Informanten es gegeben hat − mehr halb geht es im Land nur so zögerlich
Konsequenzen für die Securitate-Offizie- als ich mir vorgestellt hatte. voran. Nachdem sie uns zwangsweise
re und Informanten bewirken, die Sie den Kommunismus in den Rachen ge-
bespitzelt hatten? stopft haben, nehmen sie jetzt stattdes-
Nein, ich wollte mit einem Mythos sen den Kapitalismus.
aufräumen. Die Leute haben nach der Den Securisten geht
Wende gedacht, dass wir Märchen erzäh- es in Rumänien heute Und das stört Sie nicht?
len. Dass wir über die Securitate-Be- Ich spüre eine große Frustration, wenn
spitzelung reden, nur um interessant zu
vorzüglich. Sie sitzen ich Leute von damals in öffentlichen
erscheinen. Ich wollte zeigen, dass es im Parlament, in den Entscheidungspositionen sehe. Es ist,
niederträchtiger war, als wir uns alle vor- Chefetagen von als ob es im Leben keine Bedeutung
gestellt hatten. Das Buch hat Diskussio- hat, ob man moralisch ist oder nicht, ob
nen ausgelöst, danach ist alles im Sande
Medienunternehmen, man korrekt ist oder nicht, ob man lügt
verlaufen. Es gibt ein rumänisches Sprich- Banken, Versicherungs- oder nicht. Wichtig sind Erfolg, Geld,
wort, das besagt: Wunder dauern drei gesellschaften. Macht, ganz gleich, mit welchen Mit-
Tage, dann werden sie vergessen. Und teln man sie erreicht und damit bin ich
das ist äußerst gefährlich. Die Gesell- Bekannte Autoren der Aktionsgruppe nicht einverstanden.
schaft will durch Vergessen genesen, sie Banat haben ihre ersten Securitate-
hat die Angst vor der Securitate verdrängt. Akten erst im vorigen Jahr erhalten. Sie Die Literaturnobelpreisträgerin Herta
Die Leute haben selbst das Gefühl der selbst haben sie hingegen schon vor Müller hat in einem Interview kritisiert,
Angst vergessen. Tut mir leid, ich kann Jahren einsehen können. Woran lag das? dass die rumänische Intelligenz nicht
das nicht. Hier mag der Zufall eine Rolle ge- sonderlich an der Aufarbeitung der Dik-
spielt haben. Auch hat bei dem CNSAS tatur interessiert sei. Stimmt das?
Viele Spitzel sagen heute, sie seien niemand vermutet, dass ich die Akten Es gibt leider nur wenige, die das
zur Securitate-Mitarbeit gezwungen veröffentlichen würde. Ich hatte zunächst Thema beschäftigt. Der rumänische In-
worden. Ist das ein glaubhaftes Argu- nur ein Sechstel erhalten, man hat das tellektuelle verkauft sich in der Regel an
ment für Sie? aus den laufenden Seitenzahlen schließen die Macht, das war in allen Epochen so.
Nein. Ich habe die Akten von meh- können. Dass viele Akten bis heute geheim Er will einen Job beim Staat haben, ob
reren Hundert Informanten gelesen, um gehalten werden oder als verschwunden als Botschafter, Minister, Parlamentarier
den Mechanismus der Repression auf- gelten, liegt daran, dass der neue Geheim- oder Institutschef. Erstens, weil er sich
zuzeigen, er muss demaskiert werden. dienst nach der Wende nicht nur einen als unabhängiger Intellektueller unsi-
Ich habe in den Dokumenten zwei Großteil der Offiziere, sondern auch der cher fühlt, zweitens wollen sie zum eli-
Hauptgründe gefunden, warum man Informanten übernommen hat. Wer nicht tären Kreis der Entscheidungsträger ge-
zum Informanten wurde. Politische weiter mitmachen wollte, riskierte, de- hören. Unter den rumänischen Intel-
Häftlinge unterschrieben, damit sie im maskiert zu werden. Der Preis dafür, bis lektuellen existiert ein Fetischismus zur
Gegenzug freigelassen oder ihre Haftzeit heute nicht enthüllt zu werden, war da- Macht.
verkürzt wurde. Hier kann man in der beizubleiben. die fragen stellte annett müller.

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gesellschaft

die Einträge klar in Kategorien unter-


teilt, es gibt unter anderen Erinnerun-
Foto: www.amintiridinepocadeaur.ro

gen aus den Bereichen „Lebensmittel“,


„Schule“, „Literarisches“ oder „Radio
und Fernsehen“. Wie in einem echten
Museum lägen auch hier Gegenstände
vor, die gewöhnliche Menschen beisteu-
erten, sagt der Historiker und Museologe
Adrian Majuru. Wer auf der Suche nach
historischen Dokumenten aus der kom-
Die Nostalgo-Industrie boomt: Szene aus Cristian Mungius Spielfilm „Erinnerungen aus munistischen Zeit ist, kann auf dem
der goldenen Ära“ Blog latrecut.ro durchaus fündig werden.
Neben Photos von den ersten Unifor-

Naive Erinnerungen
men der Pioniere oder dem ersten Dacia-
Pkw sind auch historische Fernsehaufnah-
men hochgeladen − darunter der Amts-

aus der roten Zeit


eid von Nicolae Ceau[escu oder aber
die Einweihung der ersten U-Bahn-Sta-
tion in Bukarest 1979.
Der Blog mit Souvenirs aus dem
Kommunismus bietet zu jedem Beitrag
Die Erinnerung ist das einzige Para- designer Cristian Vasile 2006 auf seinem auch eine Kommentarfunktion. Beacht-
dies, aus dem wir nicht vertrieben wer- Blog die Rubrik „latrecut“ eingeführt – lich ist dabei, dass hier weniger erbitter-
den können, sagte ein deutscher Schrift- zu deutsch „aus vergangenen Zeiten“. te Debatten entstehen wie in den meisten
steller des 18. Jahrhunderts. Was aber, Er habe irgendwann festgestellt, dass rumänischen Internetforen. Die latre-
wenn die Erinnerung aus einer Zeit seine Generation nach der Wende lang- cut-Besucher ziehen eher die Nostalgie
stammt, die für die meisten Bürger eines sam die Dinge vergaß, die sie während der Erinnerungen vor. Nur wenn hin
Landes alles andere als paradiesisch war? der Kindheit geprägt hatten. Ursprüng- und wieder jemand allzu nostalgisch
Wie etwa die Erinnerungen an den Kom- lich wollte der Werbedesigner eine wird und behauptet, dass früher „alles
munismus...In den meisten ex-kommu- kleine Rubrik einrichten, mit den eige- besser“ gewesen sei, erhitzen sich die
nistischen Ländern hat man Historiker nen sowie den Erinnerungen der Kinder Gemüter. Ansonsten ist gute Laune an-
und Wissenschaftler an der Aufarbeitung aus der Nachbarschaft. Doch dann kam gesagt, nicht zuletzt dank des typisch
der kommunistischen Vergangenheit jeder Besucher mit eigenen Andenken rumänischen Humors. „Was gab’s zu-
teilhaben lassen, Rumänien tut sich hin- aus der kommunistischen Zeit. Es sind erst, die Henne oder das Ei? Am Anfang
gegen damit immer noch schwer. In Photos von irgendwelchen uralten Brett- gab’s alles!“ − so lautet ein Witz zum
Bukarest gibt es auch 20 Jahre nach der spielen oder Getränkemarken, verges- Thema der damaligen Lebensmittel-
Wende noch kein Kommunismus-Mu- sene Songs oder etwa ganz einfache knappheit. Denn auf dem Blog gibt’s
seum − immerhin wurde in einem ehe- Geschichten über die Menschenschlan- selbstverständlich auch die Rubrik „Witze“.
maligen Gefängnis im nordrumänischen gen vor den leeren Lebensmittelgeschäf- Reingucken lohnt sich auch für in der
Sighet zumindest eine Gedenkstätte des ten. Manche der Einträge auf seinem rumänischen Sprache weniger Bewan-
Widerstands eingerichtet. Und dann gibt Blog wecken in ihn keine Erinnerungen, derte allemal − der Blog bietet einen
es im Internet auch einen rumänischen sagt der 31jährige Vasile. Schließlich sei seltenen Einblick in die jüngste Ge-
Blogger, der seit 2006 Erinnerungen er zu jung dafür. Nachdem die Samm- schichte Rumäniens, so wie sie bislang
aus der kommunistischen Zeit sammelt. lung durch die Beiträge von außen stark zumeist nur den eigenen Landesbürgern
Unter dem Motto „naive Erinnerun- gewachsen war, musste die Aufmachung bekannt ist.
gen aus der roten Zeit“ hat der Werbe- mehr Struktur bekommen. Heute sind alex sterescu

Nr. 4 | JUNI 2010 53


gesellschaft

Krieg der Zwerge


liche Stadt Nessebar, die zum UNESCO-
Weltkulturerbe gehört, und die Land-
schaft ist auch oft schöner, weil das
Stara-Planina-Gebirge fast bis zum Meer
reicht. Die Felsformation des Kaps Kali-
von alex gröblacher akra schottet die bulgarische Küste zu-
dem von kalten Strömungen ab − da

R
Bulgarien weiter südlich liegt, sind Luft
umänien. Bulgarien. verbringen, wo ihnen so etwas nicht wi- und Wasser eben etwas wärmer als an
Zwei Akteure, zwei derfahren wäre“. Die bulgarischen Ho- der nördlicheren Schwarzmeerküste Ru-
Rivalen. Die Ärmsten teliers lehnten die Verantwortung für den mäniens. Das sind alles handfeste Argu-
der Armen in der EU Zwischenfall ab, es sei für Touristen in mente, die Touristen bei der Urlaubs-
liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Ren- vier Sprachen – inklusive Rumänisch – planung berücksichtigen.
nen und buhlen um Touristen am deutlich ausgeschildert, dass die Hotels Verständlich also, dass Rumänien im
Schwarzen Meer. für Autos außerhalb des eigenen Park- Tourismus-Krieg bislang der Unterlegene
platzes keine Verantwortung überneh- war. Denn außer der höheren Sicherheit
Die Gemeinde Clejani ist in Rumäni- men. Inzwischen klagen besagte Hote- gibt es wenige Wettbewerbsvorteile, aus
en bekannt wie kaum eine andere – die liers über eine Hetzkampagne der Ru- denen die rumänische Hotellerie und Ga-
dort lebenden Roma gelten als musika- mänen gegen den bulgarischen Touris- stronomie am Schwarzen Meer schöpfen
lisch hochbegabt, ihre Fanfaren treten in mus, der Zwischenfall soll − ihren Be- könnten. Die Straßen sind schlecht, an
ganz Europa auf. Steuern für die Auftrit- hauptungen zufolge − sogar auf das Konto
te kassiert der rumänische Staat wenig rumänischer Banden gehen.
bis gar nicht. Als dem dortigen Bürger- Die Unsicherheit auf bulgarischen
meister Florin Nidelea jüngst der schicke Straßen ist notorisch – das Risiko, von
BMW geklaut wurde, horchten deshalb falschen Polizisten aufgehalten und aus-
alle auf. Der Clou: Das Auto war in Bul- geraubt zu werden, ist bei allen Maßnah-
garien gestohlen worden, wo der Stadt- men der überforderten bulgarischen
herr Anfang Mai gerade auf Kurzurlaub Ordnungskräfte nach wie vor relativ hoch.
war. Geschieht ihm Recht, sagten viele Auch Autoklaus sind an der Tagesord-
Rumänen, denen der verschwenderische nung. Die Preise im Nachbarland kön-
Auftritt eines Menschen mit unklaren nen noch so niedrig sein und die Hotels
Einkommensverhältnissen am Steuer ei- noch so komfortabel – der Standortnach- Das unter Denkmalschutz stehende Nessebar
nes Luxuswagens ein Dorn im Auge ist. teil Kriminalität ist nicht wegzureden. in der Bucht von Burgas
Andere konzentrierten sich allerdings Ansonsten sind aber die bulgarischen
auf einen anderen Aspekt: die Erzrivali- Schwarzmeerorte auch bei Rumänen
tät zwischen Bulgarien und Rumänien, sehr beliebt, besonders bei Urlaubern,
die besonders heftig durchschlägt, wenn die ungern fliegen und eher die 4−5
es um die Schwarzmeer-Touristen geht. Stunden Autofahrt in Kauf nehmen
Foto: Jeff Warder/Google Earth

So äußerte die rumänische Tourimus- wollen. Der Service ist mehr als OK, die
ministerin Elena Udrea spöttisch gegen- Bulgaren sind anständig und freundlich,
über dem Fernsehsender Realitatea TV, die Preise sind durch All-Inclusive-Ange-
dass sie den Vorfall „bedauere“ − der bote zumeist bis zur Hälfte niedriger als
bürgermeisterliche Unglücksrabe sei die rumänischen, die Straßen sind besser
selbst schuld, sie habe den rumänischen – wenn auch, wie gesagt, unsicher. Auch
Touristen schließlich empfohlen, „ihre bietet die bulgarische Riviera mehr an
Ferien an der rumänischen Riviera zu Sehenswürdigkeiten, wie die mittelalter- Nächtlicher Blick auf Eforie Sud

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gesellschaft

der Autobahn Bukarest−Constanta wird methoden der Privatwirtschaft jonglier- 760 Euro, für Bulgarien hingegen fast
seit Jahren gearbeitet, die Zugfahrt dau- te, setzte Bulgarien auf einen Kahlschlag. 4.400 Euro. Pro Einwohner ergibt das
ert mehr als zu Zeiten der Dampflok. Alles wurde verkauft, westliche Unter- ein Verhältnis von 8 zu knapp 55 Euro.
Der Service ist schlechter − wer seine nehmer griffen zu und investierten mas- Die niedrigen Kosten, mit denen die bul-
Ruhe haben will, kann sich vor überlauten siv. Zum Ende des Jahres 2008 erreich- garischen Reiseveranstalter Touristen
Disco-Klängen oder Turbopop kaum ten die Investitionen in der rumänischen ködern, sind auch auch die Mehrwert-
retten. Essen ist teuer, Freizeitangebote Touristikbranche gerade 181 Mio. Euro steuerverhältnisse zurückzuführen: 10%
gibt es kaum. Eine ähnliche Entwick- – das entspricht etwa 0,5% der Gesamt- in Bulgarien, 19% in Rumänien.
lung zeichnet sich mittlerweile auch im investitionen von ausländischem Kapital Die beiden Länder fahren deshalb
Wintersport-Tourismus ab. Immer mehr in die heimische Wirtschaft. In Bulgari- auch völlig unterschiedliche Ergebnisse
rumänische Schifahrer und Snowboarder en hingegen kamen die ausländischen ein: Während im Außenhandel der Nach-
entscheiden sich für die bulgarischen Investitionen in die Reiseindustrie mit barn die Tourismusbilanz zwischen 2007
Rhodopen, aus den gleichen Gründen 487 Mio. Euro auf weit mehr als das und 2009 ein Plus von 4 Mrd. Euro auf-
wie der Sommerurlauber: über den Dau- Doppelte − damit flossen 2,5% der Ge- weist, liegt die rumänische mit 238 Mio.
men gepeilt ist das Preis-Leistungsver- samtinvestitionen in den Tourismus. Euro im Minus (die Tourismusbilanz
hältnis der Nachbarn einfach besser. Wenn man die Zahlen auf die Gesamt- wird aus der Differenz zwischen dem,
Der bulgarische Erfolg kommt nicht fläche der beiden Länder hochrechnet, was die Bewohner des Landes X im
von ungefähr. Während Rumänien sei- fällt der Unterschied noch eklatanter Ausland ausgeben, und dem, was Aus-
nen Hotelbestand nicht verkaufen wollte aus: auf jeden Quadratkilometer entfallen länder im Land X ausgeben, berechnet).
und mit äußerst seltsamen Beteiligungs- für Rumänien Touristikinvestitionen von Umso mehr freuten sich die rumänischen
Reiseveranstalter, dass sie in diesem Krieg
jetzt eine Schlacht gewonnen haben:
Nachdem zu Ostern über 20.000 Ru-
mänen nach Bulgarien fuhren, konnten
die rumänischen Hotels an der Riviera
und in den Karpaten für die Kurzferien
anlässlich des 1.Mai rund 80.000 Tou-
risten überzeugen, wobei es nur etwa
10.000 Menschen ins Ausland zog, da-
von etwa 9.000 nach Bulgarien.
Doch trügt die momentane Sieges-
freude über eine Tatsache hinweg: Es
dürfte wohl hauptsächlich an der Kürze
der Mai-Ferien gelegen haben, dass
diesmal mehr Rumänen im eigenen
Land blieben. Die bulgarischen Hote-
liers waren trotzdem glücklich: Sie hat-
ten volles Haus, die meisten Touristen
kamen wieder einmal aus Rumänien.
Und die Saison beginnt ja erst. Happy
ist im Übrigen inzwischen auch Bürger-
meister Nidelea − der mit dem geklau-
ten BMW. Die bulgarische Polizei hatte
seinen Schlitten nach nur wenigen Tagen
ausfindig machen können. Die Täter
Viel teurer als beim Nachbarn – die rumänische Schwarzmeerküste waren Bulgaren.

Nr. 4 | JUNI 2010 55


gesellsschaft

Krisenhelfer Gott
tari überragen. Seit November 2007
wird daran gebaut, satte 7 Mio. Euro
soll sie kosten, aber „kein Opfer ist zu
groß für Gott“, sagt Bürgermeister Flo-
rentin Costel Pandele, der die Summe
Rumänisch-Orthodoxe Kirche empfiehlt Kirchenbau im kommunalen Haushalt festgemacht
hat. Aufopfern müssen sich natürlich
als Ausweg aus der Rezession die Bürger der Stadt, die wie jede ande-
re in Rumänien weit davon entfernt ist,
von alex gröblacher perfekt zu sein: noch gibt es nicht über-
all Kanalisation oder Gasleitung oder
Straßenbeleuchtung. Egal. Kirche hat
Foto: S. Lupsa/Präsidentschaft

Vorfahrt. Das sehen auch viele rumäni-


sche Orthodoxe so. Sie stellen mit 87%
die größte Glaubensgemeinschaft im
Land.
In Bukarest ist der Rumänisch-Or-
thodoxen Kirche indes ein Projekt pha-
raonischer Ausmaße ans Herz gewach-
sen, die die Kathedrale in Voluntari bei
weitem in den Schatten stellt: Die Haupt-
stadt erhält eine Kathedrale der Volks-
läuterung. 110 Meter hoch soll sie sein,
12 Aufzüge haben, eine Untergrundga-
rage, 2 Hotels, ein Restaurant und Lä-
den. Die Nutzfläche beträgt laut Bau-
plan 38.000 Quadratmeter, insgesamt
sind aber 11 Hektar Grundstück für das
Gotteshaus samt Dependancen vorgese-
hen, 5000 Pilger sollen darin Platz ha-
ben und, so Gott will, rund 125.000
Menschen die Messe auf Riesenbild-
In Begleitung des Patriarchen bleibt sogar Staatschef Băsescu einen halben Schritt zurück schirmen mitverfolgen können: Seel-

D
sorge der Superlative eben.
ie Stadt Voluntari grenzt zu malen − nämlich Heiligenbilder für Seit Jahrzehnten kämpft die Kirche
direkt an Bukarest, ist die neue Kirche der Stadt. Nein, keine für das Projekt, schon seit dem Unab-
aber eigenständige Kom- Kirche soll sie werden, Kirchen sind klein hängigkeitskrieg 1877 wollten die ortho-
mune. Mehr als die Hälf- und außerdem gibt es derer schon 8 in doxen Kirchenoberhäupter eine Kathe-
te der Einwohner will, dass Voluntari der Stadt mit, so die amtliche Statistik, drale errichten, die dem Stellenwert der
zum 7. Bezirk der Hauptstadt wird. 33.000 Seelen: 5 orthodoxe plus eine Kirche entspricht. Im Kommunismus
Während einige Kilometer weiter in den römisch-katholische, eine pentikostale war das Thema tabu, umso eifriger lob-
Fernsehstudios der wichtigsten Sender und eine der Adventisten. Nein, eine Ka- byierte der Klerus nach der Wende für
Politiker und Gewerkschaften den Teufel thedrale soll hier entstehen auf über 2.000 den Bau. Der demokratische Rechtsstaat
an die Wand malen, sind Handwerker Quadratmeter, die Kathedrale des Ein- schien ein fruchtbarer Boden für die
und Meister in Voluntari dabei, sozusa- zugs des Herrn in Jerusalem − mit rund Bauambitionen der Oberpriester zu sein,
gen genau das Gegenteil an die Wand 50 Meter Höhe soll sie fast alles in Volun- zumal sich immer mehr Menschen nach

56 Nr. 4 | JUNI 2010


gesellsschaft

5 Jahrzehnten Enthaltsamkeit nun offen ten Abgeordnete aller Parteien Zusatzan- allen voran Patriarch Daniel. Verständ-
zu ihrem Glauben bekannten. Allein, es träge für den Haushalt ein, die den Bau lich also, dass die Patriarchie mit einer
wollte einfach nicht klappen. Das Grund- von sage und schreibe über 800 Kirchen solchen Rückendeckung Sturm bläst ge-
stück ist so groß, dass kein Bürgermeis- finanzieren sollten. Erst vor einigen Wo- gen jede Kritik und jeden Kritiker, egal
ter und kein Minister sich richtig traute, chen wollten Senator Gheorghe David ob Architekt, Öko-Aktivist oder Theolo-
das Baugelände zu stiften und die Ge- und der Abgeordnete Mircea Lubanovici ge − sie stellt sie als Lästerer, Ungläubige,
nehmigungen auszustellen. Als die Kirche (beide von der Regierungspartei PDL) als bösen Kräften Verschriebene an den
versuchte, das Monstrum in einem Park einen nationalen Gebetstag einführen – Pranger der Öffentlichkeit.
in der Bukarester Stadtmitte aufzustel- die Rumänen würden einen dienstfreien In der jetzigen Defizitkrise aber, in
len, gelang es Protestlern aus der der die Regierung durch die Bank
Foto: Patriarhia Română

Zivilgesellschaft das Projekt zeitwei- bei Staatsbediensteten 25% der


lig zu stoppen. Fieberhaft suchte die Einkommen und bei Rentnern 15%
Patriarchie nach Alternativlösungen. einsparen will, stößt das Mammut-
Schließlich stellte der Staat der Projekt vermehrt auf Unverständnis.
Kirche per Gesetz ein Baugelände Auf der Internet-Plattform Facebook
zur Verfügung, im August dieses haben sich über 17.000 Rumänen zu
Jahres sollen die Bauarbeiten an- einer Gruppe zusammengefunden,
laufen. die gegen den Bau der Läuterungs-
Die Kosten des Gesamtprojektes kathedrale protestiert. Der grüne
belaufen sich auf über 400 Mio. Euro. Jungpolitiker Florin Cernea setzt
Dafür soll von der Baufirma ein 200 sich für eine Modernisierung des
Mio. Euro-Kredit aufgenommen Unterrichts durch die Berücksichti-
werden, für den die Kirche mit ih- gung des Evolutionismus und für
rem Vermögen garantiert. Viele eine stärkere Säkularisierung des
Bürger befürchten jedoch, dass größ- Staates ein. Stimmen, die generell
tenteils die Gläubigen oder gar die die Privilegien der Priesterkaste in
Steuerzahler bluten müssen. Die Pa- Modell der „Läuterungskathedrale“ Frage stellen, werden immer lauter.
triarchie verlautbarte in diesem Sinne Doch die Kirche lässt nicht locker:
bereits, alle Pfarreien angewiesen zu Tag benötigen, um sich dem Dialog mit In einer Presseaussendung verlautbarte
haben, möglichst um Spenden der Gläu- Gott widmen zu können. So stark war die Patriarchie, dass der Bau von Kir-
bigen zu ersuchen. die Kirchenlobby, dass ab 2007 die Evo- chen die Solidarität der Gläubigen stärke.
Die landeseigene orthodoxe Kirche hat lutionstheorie aus der Bildungscurricula Die gegenwärtige Finanz- und Wirt-
es in den letzten 20 Jahren zu riesigem ganz verschwand – dafür wird im Fach schaftskrise sei das Ergebnis einer tiefen
Reichtum gebracht: Das Wirtschaftsblatt Religion der Kreationismus gepredigt. geistigen und moralischen Krise und
Business Standard schätzte ihr Vermögen Noch wichtiger – niemand scheint zu könne nur durch mehr Glauben bewäl-
bereits 2007 auf mehr als 3 Mrd. Euro. wissen, wie hoch das Einkommen der tigt werden. Ganz am Ende erinnert die
Dazu gehören Wälder, Ländereien, Klos- Kirche ist. Priester kassieren für alles: Patriarchie daran, dass die meisten Kir-
ter-Hotels, sogar an einem eigenen Fern- Taufen, Hochzeiten, Begräbnisse, Messen. chen und Klöster, von denen viele zum
seh- und Radiosender fehlt es der rumä- Quittungen gibt es nur auf Nachfrage, nationalen und internationalen Kultur-
nisch-orthodoxen Kirche nicht. Im glei- und auch dann nur ungern. gut der UNESCO gehören, in schwieri-
chen Jahr 2007 kosteten allein die Ge- Grundlage für diese Macht ist der enor- gen Zeiten der Geschichte gebaut wur-
hälter von 22.000 Priestern den Staat 42 me Einfluss der Kirche in den Reihen der den, als „Symbol des Sieges des Guten
Mio. Euro. Aber nicht nur über Reich- Wählerschaft, vor allem auf dem Dorf. über das Böse“.
tümer, sondern auch über extrem hohe Wenige Politiker wagen es, sich mit Got- Vielleicht war es damals jedoch leich-
Macht verfügt die Kirche. Als 2009 alle tes Heer auf Erden anzulegen. Bei fast ter als heute, zwischen Gut und Böse zu
Welt bereits vom Sparen sprach, brach- allen Staatsanlässen sind Priester dabei, unterscheiden.

Nr. 4 | JUNI 2010 57


zahl des monats

Milliarde

lautet der Horrorbetrag, um den das Etatdefizit Rumäniens pro Monat wächst. Nach den
ersten 4 Monaten laufenden Jahres beträgt das Haushaltsdefizit bereits 12,1 Mrd. Lei bzw. 2,2%
des BIP – vergleichsweise hatte es in der Vorjahresperiode noch bei 9,35 Mrd. Lei bzw. 1,8% des
BIP gelegen, gab das Finanzministerium Ende Mai bekannt.
Bei den Einnahmen (52,6 Mrd. Lei) sei ein weiterer Rückgang um 1,2% gegenüber dem
Vorjahreszeitraum registriert worden, während die Ausgaben (64,7 Mrd. Lei) gemessen
an der Vorjahresperiode um 3,4% gestiegen sind.

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