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DIE TÜRKEI: GEOPOLITISCHE EEI^ANENTE ZÜGE UND

UND MITTLEREN OSTEN

NEUE STRATE GE N IM NAHEN- Stephan Yerasimos und Turgul Artunkal

(Herodote Nr 29-30, 19 83)

In den 70er Jahren erscheinen in der Türkei,"selbst innerhalb von Regierungs- oder regierungsnahen Parteien, Bestrebungen nach einer Außeirpolitik, die die Beziehungen zur westlichen Allianz mehr oder weniger auflockern sollte. Es wurde nach einer Öffnung nach der UdSSR, den Balkanländern und/oder nach den sog. "radikalen" Ländern des Mittleren Osten gesucht.

1978 unter der Ecevit-Regierung kamen diese Bestrebungen deutlich zum Ausdruck. Sie wurden unter dem Begriff der "nationalen Sicherheit" formuliert. Die Anhänger dieses Konzepts sagten, daß "die Gefahren, die mit einer vorbehaltlosen Eingliederung des gesamten Verteidigungs- systems der Türkei im ganzen westlichen Verteidigungsapparat eng verbunden sind, nie ernst geprüft worden sind". Es heißt, "die türkische Außenpolitik war bis jetzt auf statischen Voraussetzungen in einer Welt in Bewegung begründet" (Turan Ilter, "Wither Turkish Foreign Policy?", in "Conflikt", Bd.2, Nr.1, 1980). "Die löglichkeit einer Agression in Europa verliert viel von ihrer Glaubwürdigkeit, je

mehr sich die Kriegsdrohung in Europa entferntj sowohl die europäischen Partner der NATO als auch die USA sind dabei, gegenüber dem sowje- "

tischen Block flexiblere Politiken anzunehmen

zu denken, sich von der NATO zurückzuziehen, setzten sich diese Leute zum Ziel, "Aktivitäten von internationaler Zusammenarbeit voranzu- treiben, die dazu geeignet sind, die politischen Spannungen zu lindern " (eb .) .

(eb.). Ohne daran

Diese Politik wird sich in der Praxis durch Kooperationsabkommen mit der UdSSR und Lybien zeigen. Ecevit sagte in einer Rede anläßlich der Unterzeichnung des "türkisch-sowjetischen Freundschafts- und Koopera- tionsabkommens zu den Prinzipien guter Nachbarschaft": "Ich bin fest überzeugt, daß mit der Befestigung einer solchen Stimmung die Bündnisse und die Systemunterschiede ihren Konfrontationscharakter verlieren werden und daß es in der Zukunft Wege geben wird, um das Gleichgewicht zu stärken, auf dem sich heute der Frieden un die Entspannung stützen".

Westliche Reaktionen.

In den Fachkreisen wurde diese "Wende" in der türkischen Außenpolitik sehr ernst genommen. Die Reaktionen wäre^überall fast identisch:

- USA: "Orbis", Herbst 79: lichael Boll, "Turkey's new national

security concept: What it means for NATO?". Die Zeitschrift Orbis ist vom Forschungsinstitut für Außenpolitik in Verbindung mit der

Cruppe der internationalen Beziehungen der Universität von Pennsyl- vania herausgegeben. Boll ist Professor osteuropäischer Politik und ein Spezialistfür die Sicherheit im östlichen tittelmeer;

- Frankreich: "Defense nationale", August-Sept. 79 : Jacques Vernant:

"La Turquie dans le nouveau Systeme international";

- Großbritannien: "The World Today" ,Sept.79 : Jichael Boll,"Turkey between East and West; the regional alternative". The*World Today ist eine Zeitschrift des königlichen Instituts für internationale Angelegenheiten;

- Italien:"Affari Esteri",Okt.79: Ciro Zoppo, "Turchia e NATO: una

grossa crisi". Zoppo ist Professor von internationalen Beziehungen

in Los Angeles, Berater der Rand Corporation und Mitglied des Internationalen Institutes für Strategische Studien. *

"In der Vergangenheit waren die türkischen Drohungen, was die Über- nahme einer neutraleren Wirtschafts- und außenpolitlk anbelangt, als einen kaum verhüllten Druck zum Zwecke einer besseren Eingliederung

in dem westlichen Bündnis allgemein betrachtet. Aber heut« gibt es deutliche zeichen von einer neuen und festen Entschlossenheit Ankaras, nationale Ziele auch zum Nachteil seiner Verpflichtungen gegenüber der westlichen Sicherheit voranzutreiben." (Boll) "Das spektakulärste Aspekt -und vom Gesichtspunkt der NATO und der USA das bedrohlichste- des neuen Verteidigungskonzepts besteht in der türkischen Entschlossenheit, ihre Beziehungen mit den sowjetischen Streitkräften zu verbessern. Diese Politik, fdlls sie bis zu ihrem logischen Ende verfolgt wird, kann eines Tages den traditionnellen und festverwurzelten Argwohn der Türkei betreffend der sowjetischen Absichten zerstören, wobei sie damit den Hauptgrund für die Teilnahme der Türkei an der Atlantischen Allianz wegschaffen würde." (Boll)

Alle erwähnte Spezialisten befürchteten auch die Folgen der Öffnung der Türkei in Richtung der islamischen Länder. "Eine diplomatische Annähe- rung mit den radikalen arabischen Ländern wäre nicht ohne Folge für die osteuropäische Politik und die Sicherheit im Jittelmeer. Einer der Faktoren, der diese Konvergenz beschleunigen könnte, besteht in der wachsenden Zahl von türkischen Technikern und Arbeitern, die auf arabischem Boden arbeiten. Die lischung von "moslemischer" Politik, von linksgerichteter Ideologie und von Ultranationalismus, die schon in der Innenpolitik am Werk ist, kann die Tendenz zur Entfernung vom Westen nur stärken." (Zoppo). Nur der französische Spezialist Vernant macht eine Ausnahme: "Soll die Konfrontation mit den Entwicklungs- ländern allgemein und mit den Erdöl exportierenden Ländern insbesondere vermieden werden, so kann die Türkei als Schwellenland eine nützliche Vermittlerrolle in der notwendigen Versöhnung spielen".

Eine kaum verhüllte Drohung schließt diese Analysen: "In der Tat unter den Bedingungen der heutigen Krise müssen die türkischen führenden Ei Eliten ihre Außen- und Verteidigungspolitik revidieren, wollen sie mit Realismus den durchdringenden Wirkungen der Krise, die sich in ihre Wirtschaft und Innenpolitik manifestiert, gegenüberstehen." (Zoppo)

Nach dem Stnrz von Ecevit und der Bildung einer Demirel-Regierung kam gleich ein bilaterales Ii Iitärabkommen mit den Vereinigten Staaten zustande (Jan.80). Nicht deshalb verstummten die Kritiken der Fachkreise an der türkischen Außenpolitik. Die Schwächen der neuen Regierung wurden wie folgt -kii Li^-tei 1 1euu f ff** V> \t"; "das zerbrechliche ©eichgewicht der Jinderheitsregierung, die gezwungen ist, um an der ^acht zu bleiben, sich auf die 2 radikalen Rechtsparteien zu stützen, insbesondere auf die JSP, die dem Westen gegenüber offen feindlich eingestellt ist; der Einfluß der radikalen Linke und die feindliche Haltung der CHP". "Die meisten Sektoren, w o sich das private ausländische Kapital inves- tiert, wie die lontageindustrien oder der turismus, sind mit der DISK verbunden, einer linken, militanten und doktrinären Arbeitergewerk-

schaftskonföderation". (Mkerrem Hic,"The question of foreign private capital in Turkey", in "Orienf'Nr.3,Sept.80. Hic ist Wirtschaftsprofessor

in Istanbul).

(vo*** / C(Unt--tH$tit-*t/HA.™l>

Wichtiger unmittelbarer Anlaß des Putsches: die türkische Zivilregierung verhinderte die Rückkehr von Griechenland in die NATO, diese Rückkehr mußte aber dringend durchgeführt werden, bevor die griechischen Sozialisten durch die Wahlen an die Regierung kommen. In der Außenpoli- tik wurde die erste Initiative der Junta die Unterzeichnung eines Abkommens mit Griechenland, das seine Rückkehr in die NATO ermöglichte.

In den strategischen Analysen vom Jahre 1981 (nach dem Putsch) wird die wachsende militärische Bedeutung der Türkei hervorgehoben:

"In der Nach-Afghanistan-Stimmung wird es immer offensichtlicher, daß die südliche Front der NATO eine zweite Front rechts ist" (Lawrence

-3-

Whetten: "Turkey and NATO's second front", in "Strategie Review",Bd.9,

Nr.3, Sommer 81) . Der Text unterstreicht die Rolle der Türkei

als

Brückenkopf und Drehscheibe zwischen Europa und dem littleren Osten:

- Ägypten hätte nicht die Rolle übernommen, die sie jetzt hat, wenn

die Türkei nicht auf der vordersten Front zwischen ihm und der UdSSR stände f

- die Türkei erfüllt eine Abschreckungsrolle gegen jeden Versuch der

UdSSR, in den Iran zu intervenieren (durch die Androhung der Sperrung der Meerengen für die sowjetischen Schiffe);

- die Türkei ist ein* Wall zwischen der UdSSR und dem littleren Osten. "Aus all diesen Gründen steht die Türkei loskau gegenüber wie ein regionales Abschreckungselement ohne jegliches Verhältnis mit der eigenen wirklichen Kraft" (Whetten). Eine Frage kam in den Vordergrund: die Stationierung der RDF. "In dieser komplexen Situation kann man sich Entwicklungen, die eine lilitärintervention des Westens im littleren Osten erfordern würden, durchaus vorstellen. In einer solchen Situation wäre die Türkei als

Basis für diese Aktion schwer zu ersetzen. Die jüngsten Entwicklungen haben bewiesen, daß der Kampf zwischen Osten und Westen nicht mehr allein an Europa oder an den von der NATO bestimmten Konfliktgebieten

begrenzt ist

mit der Notwendigkeit konfrontiert sehen, in die Arena auf die eine oder die andere seite runterzugehen". (Udo Steinbach, "Basic orientation of turkish Foreign Policy" , in " Vierte ljahresb er ich teü86_,_Dez. 81. Steinbach ist der Direktor des Orient-Instituts von Hamburg. f*£\fj{i*&>¥t£uy

De r Berich t vo m 16, Jun i 81

Die Türkei wird sich in einer nicht zu langen Zeit

de r

Versammlun g de r

Europäische n Einhei t

(parlamentarische Institution der NATO) sagte: "Die Türkei bringt einen wichtigen und kostbaren Beitrag zu der Alliertenverteidigung in der Region des östlichen littelmeers, aber sie wird eine langwierige bila- terale Hilfe gebrauchen, um einen großen Teil ihrer militärischen Ausrüstung zu modernisieren".

15.Nov.81: "Cumhurriyet" erwähnt unter Berufung auf die "Zeitung der

Streitkräfte"

von Washingto n zum ersten lai ausdrücklich eine eventuelle

Niederlassung der RDF in der Türkei. In der selben Zeit wird ein Programm der lodernisierung von 15 türkischen Flughäfen verkündet.

5.Dez.81: ein "türkisch-amerikanischer Rat der gemeinsamen Verteidigung" wird gebildet.

19.Dez.81: "Tercüman" verkündet, daß spanische Truppen in Ostanatolien ausgebildet werden sollen.

27T28.April 82: erste Versammlung des Rates der gemeinsamen Verteidigung.

17.-18 . lai 82 : de r linisterialrat

de r NAT O

verkündet , da ß "litgliede r

der NATO gewisse laßnahmen treffen können, um die Verteidigung des Gebietes außerhalb der Zone der NATO zu sichern".

10.Juni 82: der NATO-Gipfel in Bonn erklärt: "Das gemeinsame Interesse an der Sicherheit, der Stabilität und der suveränen Unabhängigkeit der Länder außerhalb dem Gebiet der NATO und das Bemühen der litglieder der Allianz, um sie direkt oder indirekt zu sichern".

14.

lai 82 : der "New Statesman " verkündet , da ß "die RD F neu e Erleich -

terungen für die Errichtung von Basen und Generalstäben in die Ost-

türkei benutzen wird".

Nov.82: die RDF nimmt den NATO-lanövern in Thrakien teil. Jan.83: "lilliyet" verkündet, daß alles bereit ist, außer der Zustimmung der Türkei, weil diese verlangt, daß alle Länder der NATO sich bereit erklären, die RDF aufzunehmen.

Es bleibt das ökonomische Problem, diesen Alptraum der Strateoen^ Auf Crund der finanziellen und wirtschaftlichen Krise in der westlicnen

-4-

Allianz wird der Versuch unternommen, die arabischen Erdölländer i n die wirtschaftliche Gesundung der Türkei einzubeziehen. Protektionis-

tische Jaßnahmen bleiben bestehen, sowohl gegen die türkischen Texti-

lien als auch gegen die Arbeitskräftewanderung.

"Wird die Türkei a m

Westen gebunden bleiben, so wird dennoch ihre Gesundung wahrscheinlich immer mehr von den Zuschüssen aus orientalischen oder anderen Quellen abhängen" (Whetten) .

In diesem Konzept bringen die Europäer, insb. die deutschen, ihre

eigene Note:

ohne mit dem Brandmal der Unterwerfung einem Pakt markiert zu werden,

"Gerade der Versuch, i n der Region eine Rolle

z u spielen,

kann

die

Türkei als westlichen Vorposten interessanter machen, al s

wenn

sie

nur eine Politik i m Namen

der westlichen lachte verfolgen

würde, was die Spannung auf diesem Gebiet nur verschärfen könnte" (Steinbach) . HKICKX

Unter diesem Gesichtspunkt

erscheint die Ausnutzung der

Türkei al s

trojanisches Pferd für die Bindung der östlichen >ärkte a n den Westen

aussichtsreicher als die der EG. Es wir d auf eine

problematische Einbeziehung der Türkei i n

freie Handelszone i m l'ittleren

Osten gedacht

(Middle East Free Trade Area: 1EFTA): die Türkei könnte die Initiative

ergreifen, indem sie bilaterale Handelsabkommen mit jedem einzelnen

Land unterzeichnet. Erfolgreiche Versuche bestehen seit 7 8 mit Iran

und Irak De* - »Rtws/em * koihs^A e Ck*r>-K

19 81 wird allgemein von den amerikanischen und deutschen Spezialisten angenommen, die Türkei i n Richtung littleren Osten z u lenken. Di e ersten mit zahlreichen Vorbehalten: wird die islamische Ansteckung die pro-westliche Orientierung der Türkei auf längere Zeit nicht in Frage stellen? Den Schutz gegen diese Gefahr soll der Kemalismus bieten, der als Speerspitze des bedingungslosen Occidentalismus funktionniert (deshalb die Wichtigkeit der unzähligen internationalen Seminaren über Atatürk 19 81) .

Diese ökonomische Umorientierung wird mit einer intensiven diplomati« sehen Tätigkeit begleitet:

- Reisen von

Frühling 82; i n Indonesien, China und Südkorea i m Dez,82;

- Reise des Premierministers Ulusu i m Irak, i n Syrien und Jordanien;

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Vortui

Evren i n Bulgarien, RumänieÄn, Yugoslawien und Kuweit i m

A - Reise von özal i m Iran;

^ - Besuch

des

ägyptischen Außenministers i n Ankara;

-

Besuch

von

Türkmen i n loskau.

Ergebnisse: 19 82 werden Irak und Iran die 2 größten Handelspartner der

Türkei (vor der BRD) . Dennoch werden die Probleme dadurch nur verlagert:

westliche Stimmen geben schon z u verstehen, daß die türkische

Konkur-

renz auf die lärkte des littleren Osten anfängt, lästig zu werden. Der GATT kritisiert die Subventionierung der Exportprodukte durch den türkischen Staat.

Schlußfolgerung. Die Schlüsselstellung der Türkei verwandelt sig>i n einen gordischen % Knoten von vielfältigen Interessen, in ein Objekt von unzähligen

Filitär- und Wirtschaftsstrategien, die sich nicht selten widersprechen

oder wenigstens schwer z u vereinbaren sind:

der NATO gegen die UdSSR, als Öendarm gegen einen eventuellen Wegfall

des westlichen Eindringens au f

die lärkte des HHahen und littleren Osten, als Verteidiger dieser

Interventionen in der Staaten der Region

Region, als Vermittler

Das Ganze wird nur mit kurzfristigen Notmitteln zusammengekittet und

die Türkei als 2. Front

Griechenlands, als trojanisches Pferd

westlichen Interessen, al s lilitärbasis für

zwischen feindlichen

bringt in sich die Gefahr, beim ersten Sturm zusammenzubrechen.