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Truppen — ausgenommen symbolische Abteilungen — auf eine solche Unter- nehmung zu schicken. Aber griechische Divisionen befanden sich schlagfertig in nächster Nähe und waren äußerst kampfbegierig. Am 15. Mai landeten trotz ernstlicher Warnungen und Proteste des britischen Auswärtigen und Kriegsamtes 20000 Mann griechischer Truppen gedeckt vom Feuer ihrer Kriegsschiffe in Smyrna ein, töteten eine große Anzahl Türken, bemächtigten sich der Stadt, rückten rasch längs der Eisenbahn Smyrna—Aidin vor, be- standen blutige Gefechte mit türkischen Truppen, Banden und der tür- kischen Bevölkerung von Aidin und hißten ihre Flaggen als Eroberer von Kleinasien.

Ich vermag mich noch recht gut des Schreckens und der Besorgnis zu er- innern, mit denen mich diese fatale Nachricht an einem herrlichen Nachmit- tag in Paris erfüllte. Meine eigene Ansicht war wohl auch durch die Bestür- zung beeinflußt, die sie beim britischen Generalstab hervorrief. Wenn man hierbei auch der turkophilen Einstellung der britischen Militärpsyche Rech- nung tragen mußte, war für die Unklugheit dieses Gewaltaktes keine Ent- schuldigung zu finden, da er zu einem Zeitpunkt zahllose neue Gefahren unsere Hilfsmittel heraufbeschwor, die sich verringerten. Im Kriegsministerium be- kamen wir die Folgen bald zu spüren. In ganz Kleinasien überwachten eng- lische Offiziere zu zweit oder zu dritt die Ablieferung von Waffen und Muni- tion nach den Vorschriften des Waffenstillstandes. Sie ritten frei und unbe- waffnet von Ort zu Ort und bezeichneten mit bloßem Finger was zu ge- schehen habe. Man gehorchte ihnen fast automatisch. Ungeheure Massen von Gewehren, Maschinengewehren, Geschützen und Geschossen wurden unterwürfig angehäuft; die Türkei befand sich unter dem Eindruck der Niederlage, und zwar einer wohlverdienten Niederlage. „Unser alter Freund England soll uns züchtigen." Im Bewußtsein des verlorenen Feldzuges und der unterfertigten Verträge wurden also die Waffen aufgestapelt, die Ge- schütze parkiert und die Geschosse in ordentliche Haufen zusammen- getragen.

Aber von dem Augenblicke an, als die türkische Nation (und obgleich man es in Paris nicht zu wissen schien, g a b es eine türkische Nation) bemerkte, daß es nicht England, Indien und Allenby waren, die sie zu ertragen und denen sie eine Zeitlang zu gehorchen hätten, sondern Griechenland, der ge- haßte und verachtete Feind, von diesem Augenblicke an wurden die Türken unberechenbar. Die mit der Durchführung der Waffenstillstandsbedingungen beschäftigten Offiziere wurden zuerst nicht beachtet, dann beschimpft, dann

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auf

Die WafFenmagazine, in denen sich die Ausrüstung für beträchtliche Armeen angehäuft hatten, gingen innerhalb einer Woche aus britischer in türkische Kontrolle über, und Mustapha Kemal, der Mann des Schicksals, dem wir be- reits im April und im August 1915 auf der Gallipolihalbinsel begegnet sind — damals war er beinahe ein Rebell gegen die türkische Regierung in Konstan- tinopel — wurde mit der Macht eines Kriegsfürsten ausgestattet, wozu er be- reits die Eigenschaften besaß. Wichtiger jedoch als die Wiedereroberung von Waffen und Munition waren die moralischen Vorteile, die seiner Partei zuflössen. Wir haben gesehen, wie kaltblütig und hinterhältig die türkische Politik im Weltkrieg sich gezeigt hatte und wie wohlbegründet die Beschwerden der Alliierten gegen die Tür- ken waren. Über das schaudervolle Schicksal der Armenier wird noch be- richtet werden. Allein die ganze Haltung der Friedenskonferenz gegen die Türkei war zu hart gewesen, so daß das Recht nunmehr zur anderen Partei überging. Justitia, welche die Beratungszimmer der Sieger ewig zu meiden pflegt, hatte sich ins gegnerische Lager begeben. Die Niederlage, dachten die Türken, hat stattgefunden und ihre Folgen müssen getragen werden: aber die griechische Armee auf Kleinasien loszulassen im Augenblicke, da die Türkei entwaffnet wurde, bedeutete Vernichtung und Tod für die türkische Nation sowie deren Unterdrückung und Unterjochung als Rasse 2 ). Am 9. Juni verkündete Mustapha Kemal in der kleinen Stadt Karas bei Amasia öffentlich seine Pläne für die Rettung der Türkei. Alle halber- loschenen Feuer des Großtürkentums begannen wieder emporzuflammen. Daß die Griechen die Türken überwinden sollten, konnte nicht der Rat- schluß des Schicksals sein, den ein Türke jemals anerkennen würde. Mit Tor- heit beladen, von Verbrechen befleckt, durch Mißwirtschaft verfault, in Schlachten geschlagen, in langen unglücklichen Kriegen niedergerungen, blieb der Türke, obzwar sein Reich in Stücke zerfiel, noch immer am Leben.

Leben und Tod verfolgt oder in beschwerliche Gefangenschaft gesetzt 1 ).

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In seiner Brust schlug das Herz einer Rasse, die die ganze Welt herausgefor- dert und sich Jahrhundertc hindurch siegreich gegen alle jene behauptet hatte, die ihr nahetreten wollten. In seiner Hand befand sich wieder einmal die Ausrüstung einer modernen Armee und an seiner Spitze befnnd sich ein Führer, der, nach allem was man von ihm erfahren hatte, mit den vier oder fünf überragenden Gestalten der Weltkatastrophc in eine Reihe zu stellen ist. Jn den gohclingeschmückten, vergoldeten Sälen zu Paris waren die Ge- setzgeber der Welt versammelt, in Konstantinopel waltete unter den SchifTs- geschützen der alliierten Flotten eine türkische Marionettenregierung ihres Amtes, aber inmitten der rauhen Bergwelt Anatoliens, des „türkischen Hei-

matlandes", siedelte jene „Gesellschaft armer Leute,

mungen nicht zulassen wollten"; und bei ihren Lagerfeuern saß in diesem Augenblick, in die Fetzen eines Flüchtlings gehüllt, der erhabene Geist des Fair Play. Ich kann bis zum heutigen Tage nicht begreifen, wie die ausgezeichneten Staatsmänner in Paris, Wilson, Lloyd George, Clemenceau und Venizelos, deren Weisheit, Klugheit und Gewandtheit sie bei den schwierigsten Prü- fungen turmhoch über ihre Genossen stellten, sich zu einem so übereilten und verhängnisvollen Schritt verleiten lassen konnten. Viele werden überrascht sein von der Bedeutung, die ich der Episode der griechischen Besetzung Smyrnas auf Geheiß der Alliierten einräume. Es war in diesen Bänden stets mein Bestreben, die Marksteine des Schicksals aufzu- zeigen. Aus einer unfaßbaren Überfülle gewaltiger und fesselnder Gescheh- nisse, trachtete ich jene hervorzusuchen, die wirklich von Belang waren. Und hier sind wir an einem Wendepunkt in der Geschichte der Völker des mitt- leren Osten angelangt. Die Bedeutung Smyrnas war jedoch damals vor den Augen der Öffentlich- keit verdunkelt. Man hatte so viel zu besprechen, so viel aufregende und wichtige Dinge zu tun, so viele rohe und unerquickliche Ereignisse zu erzäh- len, so viele hohe Ideale zu verfechten, daß die Kleinigkeit von ein paar grie- chischen Divisionen, die man nach Smyma sandte, und das Niederknallen von ein paar Hundert Türken bei ihrer Landung auf die öffentliche Meinung in den bedeutenderen Ententestaaten fast gar keinen Eindruck machte. Die fünfhundert außerordentlich begabten Korrespondenten und Schriftsteller, die im Revier der Konferenz wilderten, lockten allabendlich ihre 80000 Worte heraus und in allen führenden Zeitungen mit den größten Auflagen er- schienen immer eine Menge Uberschriften. Ohne Zweifel fanden unter diesen

die diese Bestim-

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Überschriften

auch

die Worte

„Griechische

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gebrochen"

ihren Platz.

Und

in Smyrna

ge-

am

nächsten

Tag kam wieder etwas anderes. Überschriften müsnen oben täglich ge- bracht werden und flau war weder die Schuld der Zeitungen noch den Publikums. Boido waren mit Sensationsnachrichten überluden und ohgleieli das Publikum Zeitungen las, war man eifrig am Werke, Heim und (irHiliiil' l neu aufzubauen. Man hätte ihnen wohl einen „Urlaul) in dringenden Familien- angelegenheiten" gönnen können.

Wir müssen nun chronologisch einige Begebenheiten aufzählen. Die jung- türkischen Führer, welche die Türkei von «1er Revolution im .Iniire 1 *>10 IHM zum Ende des Weltkriegen regiert hatten, waren zerstreut oder befanden nirli im Exil. Envcr sollte naoh verzweifelten Abenteuern und Krlelininflen in Tur- kestan am Felde der Ehre fallen. Talaat war es bestimmt, in Berlin von einem Armenier erschossen zu werden, der gewiß alle Ursnche für einen Racheakt hatte. Dschawid sollte 1926 vom triumphierenden Mustapha Kemal hinge- richtet werden und bestieg das Schafott, während er „Stanzen aus einem alten türkischen Gedicht aufsagte". Eine neue Gestalt erscheint nunmehr flüchtig aber deutlich erkennbar in der türkischen Politik. Ferid Pascha hatte am

4. März 1919 mit einer opportunistischen Politik und in enger Verbindung

mit dem Sultan sein Amt angetreten. Rund um ihn drohten in Kon-

stantinopel die Schlachtschiffe und Bajonette der Verbündeten. Draußen im kleinasiatischen Gebirgsland stand in düsterer Stimmung und in halb meu- terischer Haltung die überlebende Mannschaft des führerlosen Komitees für Einigkeit und Fortschritt. Zwischen diesen beiden Kraftspeichern hielt sich Ferid mühselig im Gleichgewicht. Er verneigte sich vor den Verbündeten und verhandelte mit ihnen und unterhielt freundschaftliche Verbindung mit den Nationalisten. Als Protest gegen die Besetzung von Smyrna dankte er ab und trat sein Amt am nämlichen Tage wieder an. Am

7. Juni führte er eine Friedensdelegation nach Paris, um für eine nachsich-

tige Behandlung der Türkei zu sprechen. Er erhielt von der Friedenskon- ferenz eine niederschmetternde Antwort. Am 1. Juli ernannte er Mustapha ; Kemal zum Generalinspektor von Nord-Kleinasien. Im August und Sep- j tember berief Mustapha Kemal Kongresse der östlichen Delegierten nach ( Erzerum und Sivas. Am 11. September veröffentlichte der Kongreß zu Sivas ein Manifest über die türkischen Rechte, welches in der Folge den „National- ' pakt" oder feierlichen Bund einer neuen Türkei bildete. Gegen Ende Sep- tember erstreckte sich die Autorität Konstantinopels nicht über die Ufer

23 Churoklll ,

Die Weltkri.»

1916/18.

Bd. V.

353

(los Bosporus und dos Marmaramceros. Sogar Brussa, eine Stunde Eisen- hahnfahrt vom Marmaranfer entfernt, schloß sich der Angoraregierung im Oktober an. Ferid dankte abermals ab, um einer Regierung Platz zu machen, die sich in der Mitte zwischen dem in den Fangen der Alliierten be- findlichen Sultan und Mustapha Kemal mit seinem Nationalpakt in Angora bewegte. Unterdessen verringerten sich unsere Armeebestände mit großer Schnellig- keit. Im Januar 1919 verfügte das Kriegsministerium noch über nahezu 3 Millionen Mann auf dem Kontinent. Jm März waren es zwei und auch diese in rascher Demobilisation begriffen. Jm Hochsommer 1919 besaßen wir außer den Streitkräften am Rhein überhaupt kaum noch Truppen. Die zwangs- weise Dienenden und für den Krieg Eingereihten mußten nach Hause ge- schickt werden; das neue stehende Heer war erst in Bildung begriffen und Frei- willige für Spezialdienste meldeten sich nur zögernd. Ein Jahr nach dem Waffenstillstand rechneten wir mit Bataillonen von 5—600 Mann, wo wir früher über bis ins kleinste Detail ausgerüstete Divisionen von 15 bis 20000 Mann verfügten. Es war unheimlich, die Abnahme unserer Militär- macht zu beobachten, während gleichzeitig die Zunahme an Gefahren und Feindseligkeiten fast überall so deutlich zu erkennen war. Im Dezember 1919 ließ ich im Kabinett ein Memorandum des Generalstabes zirkulieren, worin auf die Abnahme unserer Macht und auf das Mißverhältnis zwischen unserer Politik und unserer Stärke hingewiesen wurde.

§ 3. (I) „Es erscheint kaum notwendig, zu erwähnen, daß sich die Lage seit dem Beginn des türkischen Waffenstillstandes am 31. Oktober 1918 wesentlich ver- ändert hat, sowohl was die bewaffneten Hilfsmittel Seiner Majestät Regierung als auch die politische Lage innerhalb der Vorkriegstürkei anbelangt. Der zur Er- zwingung von Friedensbedingungen, außer in Palästina und Mesopotamien, ver- fügbare militärische Beitrag Großbritanniens setzt sich folgendermaßen zusammen:

Eine Division samt Armeetruppen (einschließlich Garnison von Batum), und zwar britische 13000, indische 18000, zusammen 31000 Kombattanten. Der Aktionsradius dieser Streitkräfte dürfte in der Praxis auf das Eisenbahn- system beschränkt bleiben. Und hier wünscht der Generalstab zu bemerken, daß ohne Aufbringung neuer Truppen durch Zwangsaushebung oder andere Mittel keine britischen Verstärkungen für die Türkei verfügbar sein werden. Der Generalstab fährt fort, die Hoffnung auszusprechen, daß:

Nur solche (Friedens-) Bedingungen von Seiner Majestät Regierung ernstlich erwogen werden, die vernunftgemäß mit den Ressourcen, die vorhanden sind oder die man zu ihrer Inkraftsetzung zu beschaffen beabsichtigt, vereinbar sind. Ohne in Details einzugehen oder die politischen Für und Wider der einzelnen

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Fragen zu untersuchen, wünscht de r GeneralHlabdi e nachstehende Liste jencrMaü- nahmen aufzuzahlen, di e aus verschiedenen Gründen befürworte t werden können; deren Inkraftsetzung könnte jedoeh nach unseren Informationen Verstärkungen d e r Schwärzen Meer-Arme n erfordern, se i es von unseren Verbündeten oder dureli weitere, britische, Aushebungen:

I. Die Schaffung eines größeren Armenien durch den Zusammenschluß Ziliziens mit der Republik Erivan.

II. Die Schaffung eines unabhängigen Kurdistan.

III. Aneignung gewisser Teile des Pontus (sie!) durch Griechenland.

IV. Ständige Besetzung gewisser Teile des Vilajets Aidin durch Griechenland.

V. Ständige Besetzung gewisser Teile von Südanatolien oder Konia durch Ita-

lien; wobei es zweifelhaft ist, ob dies die gleiche Entrüstung bei den Türken hervor- rufen würde, wie eine der obigen Maßnahmen. Als Ergänzung der obigen Maßnahmen, die sofortige Verstärkungen erfordern, würde die Annahme einer der folgenden, die Aufstellung einer ständigen Garnison auf einen Zeitraum nötig machen, den man unmöglich abschätzen kann:

VI. Erwerbung von Ost-Thrazien durch Griechenland.

VII. Verjagung der Türken aus Konstantinopel."

Allein, weit davon entfernt, irgendeinen Entschluß zu fassen, waren die Verbündeten angesichts ihrer Meinungsverschiedenheiten zufrieden, den Din- gen ihren Lauf zu lassen. Während sich die amerikanische Kommission beun- ruhigend im mittleren Osten betätigte, gab man sich den phantastischsten Plänen für eine Aufteilung der Türkei hin. Es sollten keine Annexionen statt- finden, sondern man wollte den Hauptmächten „Mandate" gewähren, die ihnen den nötigen Vorwand zur Ausübung der Herrschaft bieten würden. Frankreich sollte Syrien und Cüicien nehmen; Italien übernahm mit Freuden die Besetzung des ganzen Kaukasus sowie der Provinz Adalia und des Klein- asiatischen Randgebirges; England schien bereit, Mesopotamien und Palä- stina zu übernehmen, welche unsere Armeen bereits besetzt hielten; und man erwartete zuversichtlich, daß die Vereinigten Staaten ein Mandat für Arme- nien übernehmen würden. Im Januar 1920 begann Griechenland, das ja die Hauptlast dieser endlosen finanziellen, militärischen und politischen Un- sicherheiten zu tragen hatte, Zeichen der Abspannung zu zeigen. Mit diesen verführerischen Illusionen verging das Jahr 1919. Langsam, be- dächtig und umständlich wurde über die Zukunft des mittleren Ostens unter vielen Streitigkeiten und erschöpfenden Beweisen in Paris bestimmt und ein Entwurf für den Friedensvertrag mit der Türkei vorbereitet. Ver- schiedene aufregende Fragen harrten noch der Beschlüsse der verschie- denen Regierungen. Dezember 1919 und Januar 1920 fanden das britische

23«

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Kabinett in tiefer Sorg« darüber, ob man dem Sultan, in Heiner Eigenschaft als Kalif unter zahllosen Einschränkungen gestatten solle, in Konstantinopol zu bleiben, oder ob andererseits die Türken mit Sack und Pack aus Europa hinausgeworfen werden sollten. Eine Frage von sekundärer Bedeutung war, ob die Moschee Hagia Sophia wieder als christliche Kirche einzuweihen sei. Bei diesen Fehden bestieg Lord Curzon den Streitwagen des auswärtigen Amtes und stürmte mit seiner Lanze gegen Mr. Edwin Montague, vor dessen Turnierwagen die öffentliche Meinung von Indien, die Empfindlichkeiten der mohammedanischen Welt, die turkophilen Neigungen der konservativen Partei und die umfangreichen Memoranden des Indischen Amtes gespannt waren. Der Kampf wurde hitzig geführt. Mr. Montague zufolge mußte die Ver- jagung der Türken und des Kalifen aus Konstantinopel mit Zustimmung, ja auch nur mit Einverständnis Englands, der ohnehin schon schwindenden Loyalität von zwei bis dreihundert Volksstämmen und religiösen Sekten, welche die Halbinsel Vorderindien bewohnen, den letzten verhängnisvollen Schlag versetzen. Lord Curzon zufolge würden sie sich gar nicht darum küm- mern. Manche würden es ganz gerne sehen; die meisten gleichgültig bleiben; während die Mohammedaner, um die es sich ja allein handelte,ja nicht gezögert hatten, kraftvoll und kühn gegen die Armeen des besagten Kalifen zu kämp- fen. In der Frage der Wiedereinweihung der Hagia Sophia brachte Mr. Mon- tague vor, sie wäre seit 369 Jahren eine mohammedanische Moschee von größ- ter Heiligkeit. Darüber waren wir alle sehr ergriffen bis Lord Curzon zu be- denken gab, sie sei vorher 915 Jahre lang eine christliche Kirche gewesen. Die Beweisführung schien dadurch ganz hübsch ausgeglichen: ein brauchbarer moderner Rechtstitel gegen eine doppelt so lange ursprüngliche Bestimmung! Es war dies eine jener Fragen, deren Recht oder Unrecht von den Universi- tätshörer beinahe eines jeden Landes mit Vorteil erörtert werden könnten.

In der Hauptsache stand betreffend Konstantinopel Mr. Lloyd George mit vollem Herzen auf der Seite Lord Curzons. Ja, er war sogar einer der Haupt- vertreter dieser Ansicht. Das Kriegsministerium trat mit traurigem Brum- men dazwischen, in welches Feldmarschall Wilson und ich einfielen: wir hat- ten keine Soldaten und wie konnte man die Türken ohne Soldaten aus Kon- stantinopel heraustreiben und sich vom Leibe halten? Wir beantragten im Vereine mit dem indischen Amt wiederholt einen wirklichen, endgültigen und vor allem raschen Frieden mit der Türkei. So lange die Dardanellen für die Durchfahrt, besonders für Kriegsschiffe aller Nationen offen blieben, waren wir zufriedengestellt. Doch erforderte dies die ständige Besetzung bei-

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der Seiten der Meerenge durch internationale Slrcilkriifte, für welche in den Grenzen unserer beschränkten Mittel unsere Quote beigestellt werden würde. Eine solche Regelung würde in einigen Jahren den Charakter einer unver- bindlichen Formalität annehmen. Diese Beschlüsse und wie sie im britischen Kabinett ausgefochten wurden, sind bereits soweit als zulässig im „Life of Lord Curzon*)" veröffentlicht wor- den. Es ist überflüssig hier darauf näher einzugehen. Zu Weihnachten 1919 wurde im Auswärtigen Amt zu London eine anglo-französischc Konferenz zur Beilegung mancher dorniger Probleme zwischen den beiden Regierungen betreffend das türkische und arabische Problem abgehalten. Mr. Lloyd George war ein geduldiger und gutgelaunter Chef, hatte aber die Gewohnheit, seine Ministerkollegen zu vorläufigen Besprechungen heranzuziehen, so daß er sich eine brauchbare Majorität jener sammelte, die seinen Ansichten zu- stimmten. Eine Garnitur für den einen Teil der Frage und die andere für den ergänzenden Teil! Es war dies vielleicht eine üble konstitutionelle Gewohn- heit; aber möglicherweise war es in jenen drangvollen Zeiten die einzige Art, die Geschäfte zu Ende zu bringen. Als jedoch das vollständige Werk am 9. Januar dem Kabinett vorgelegt wurde, wobei jeder Minister anwesend sein durfte, entschied seine überwältigende Majorität nach einer bedeutend geistreicheren Debatte als man sie für gewöhnlich im Unterhaus hört, die Türken sollten in Konstantinopel bleiben. Der Premierminister genehmigte den Beschluß seiner Kollegen und verkündete ihn am nächsten Tage in einer Rede von überzeugender Kraft.

Der Vertrag von Sevres schrieb demgemäß vor, Konstantinopel solle die türkische Hauptstadt bleiben. Der Bosporus, das Marmarameer und die Dar- danellen sollten ein offener Wasserweg für alle Schiffe unter internationalem Schutz werden. Außer West-Thrazien und Ost-Thrazien, fast bis zur Tscha- taldschalinie, sollte Griechenland die Gallipolihalbinsel und die Mehrzahl der ägäischen Inseln erhalten und Smyrna mit seinem Hinterland verwalten, bis dort ein Plebiszit stattfinden konnte. Die Türkei mußte die Kapitulationen wieder errichten und ihre Bewaffnung sowie ihre Finanzen einer einschneiden- den Kontrolle der Alliierten unterwerfen. Sie mußte sich zur Durchführung der üblichen Schutzmaßnahmen für völkische und religiöse Minderheiten ver- pflichten. Die Franzosen erhielten Syrien, das sich damals in rasender Auf- wallung befand, England wollte die kostspieligen und mühseligen Mandate von Palästina und Mesopotamien auf sich nehmen, und den Armeniern

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überließ man es, auf die Gnade der Vereinigten Staaten zu warten. Gleichzeitig mit der Unterfertigung des Vertrages von Sevres und vorbehalt- lich seiner Ratifizierung, setzten Großbritannien, Frankreich und Italien ihren Namen unter einen dreiteiligen Vertrag, der ihnen als Einflußsphären jene Gebiete anwies, welche ihnen im Sykes-Picot-Abkommen und bei der Konferenz von St. Jean de Maurienne zugewiesen waren. Während alle diese Dokumente vorderhand unveröffentlicht blieben, müs- sen wir den Gang der Ereignisse verfolgen. Über steinige Pfade, durch die Schluchten rauher, felsenbedeckter Gebirge, durch ockergelbe, sonnendurch- gltihte Wüsten trottete die schwerfällige, verdrießliche Karawane der Ereig- nisse unaufhaltsam dahin. Wir wollen für einen Augenblick zu ihnen zurück- *

kehren.

Am 12. Januar 1920 versammelte sich die neue Kammer der türkischen Deputierten in Konstantinopel. Die Alliierten blieben dem Prinzipe der par- lamentarischen Regierungsform treu; demgemäß hatten die Türken gewählt. Leider hatten sie beinahe alle unrichtig gewählt, denn die neue Kammer war überwiegend nationalistisch oder, wie man auch sagen könnte, kemalistisch. Das war so ärgerlich, daß die Alliierten am 21. Januar, als praktisches Aus- kunftsmittel den Rücktritt des türkischen Kriegsministers und des Chefs des Generalstabs forderten. Am 28. genehmigte die neue Kammer den „Na- tionalpakt" und unterzeichnete ihn. Angesichts einer drohenden Empörung in Konstantinopel und der Möglichkeit eines verabscheuungswürdigen Mas- sakers waren die europäischen Verbündeten zu einheitlichem Vorgehen ge- zwungen. Am 16. März wurde Konstantinopel durch britische, französische und italienische Streitkräfte eingenommen. Ferid wurde abermals veranlaßt, eine noch fadenscheinigere Regierung zusammenzumischen, als er je versucht hatte. Ende April versammelte sich die türkische Nationalversammlung in Angora weit außerhalb des Machtbereiches der verbündeten Truppen und Flotten. Am 13. März — ein übles Datum — veröffentlichte Venizelos in Athen die Bedingungen des Vertrages von Sevres. Im Juni wurden die briti- schen Vorpostenlinien auf der Halbinsel Ismid von Kemalisten angegriffen. Der Angriff war nicht ernst. Unseren Truppen wurde ohne Zögern die Er- öffnung des Feuers empfohlen, die Flotten warfen einige Granaten vom Marmarameer herüber und wir befanden uns wieder einmal, diesmal mit un- zulänglichen Kräften, „dem Feinde gegenüber". Zur gleichen Zeit waren die Franzosen, nachdem sie den Emir Feisal zu Damaskus vom Thron gestürzt hatten, in Zilizien in schwere Kämpfe verwickelt und hielten es (am selben

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Tage, an dem die Bedingungen des Vertrages von Sevres in Athen verkündet wurden) für zweckmäßig, die dortigen Türken um einen Waffenstillstand zu ersuchen. Jetzt stellte sich Venizelos als gute Fee ein. Die griechische Armee eilte zu Hilfe. Zwei Divisionen von den fünf bereits in Smyrna befindlichen schickten eich an, nach Norden zu marschieren, wollten durch schwieriges Terrain (das 6ie jedoch zu kennen erklärten) an die Ostküste des Marmaramccres vorstoßen, sich dort auf die Türken werfen, welche die Ismidhalbinsel bedrohten und 6ic vertreiben. Marschall Foch erklärte in Übereinstimmung mit dem britischen Generalstab, die Operation sei gefahrvoll und werde vermutlich erfolglos bleiben. Lloyd George jedoch nahm den Antrag an, und der griechische Vor- marsch begann am 12. Juni. Er war augenblicklich erfolgreich. Die griechi- schen Kolonnen schoben sich längs der Landstraße vor, passierten glücklich viele gefährliche Stellen, denn bei ihrer Annäherung verschwanden die Türken unter starker und kluger Führung in die Abgeschiedenheit Anatoliens. Anfang Juli zogen die Griechen in Brussa ein. Im selben Monat überrannte eine andere griechische Armee rasch Ostthrazien, warf schwachen türkischen Widerstand nieder und besetzte Adrianopel. Diese bemerkenswerte und gänzlich unerwartete Offenbarung griechischer Macht wurde von den alliierten Staatsmännern freudig begrüßt; die alliierten Generale rieben sich erstaunt die Augen; Mr. Lloyd George war begeistert. Er hatte wieder einmal recht gehabt und die Militärs unrecht, wie schon so oft — siehe Armageddon 1 ). Diese Ereignisse besiegelten den Vertrag von Sevres. Ferid stellte gehorsam ein neues Ministerium aus Marionetten zusammen und am 10. August 1920 wurde mit entsprechender Feierlichkeit der Friedensvertrag mit der Türkei zu Sevres unterfertigt. Dieses Inetrument, zu dessen Errichtung man achtzehn Monate gebraucht hatte, war schon veraltet, bevor es noch fertig war. Die Wirksamkeit aller seiner Hauptbestimmungen stand oder fiel mit einer einzigen Sache: der griechischen Armee. Wenn Venizelos und seine Sol- daten die Lage klären und Mustapha Kemal zu Gesetz und Ordnung ver- halten konnten, war alles gut. Wenn nicht, so mußte für die Friedensbedin-

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gongen eine andere Wortfolge in engerer Anlehnung an die wirklichen Tat- sachen ersonnen werden. Aber endlich war Friede mit der Türkei. Was die großen Alliierten anbelangte, sollte der Krieg freilich per procura ausgefoch- ten werden. Kriege, die auf diese Art von großen Nationen geführt werden, sind aber oft für den Prokuristen voll von Gefahren.

Obgleich sich dieses Kapitel ausschließlich mit türkischen Angelegenheiten befaßt hat, muß es in Beziehung zur allgemeinen europäischen Lage ge- bracht werden. Ich vermag dies nicht besser zu bewerkstelligen als durch den Abdruck eines Briefes, den ich an Mr. Lloyd George während meiner Reise auf einen kurzen Osterurlaub nach Frankreich schrieb.

Mr. Churchill an den Premierminister /?//)

24. März 1929 1

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Ich schreibe dies während ich den Kanal überquere, um Ihnen mitzuteilen, was mir durch den Kopf geht. Seit dem Waffenstillstand wäre meine Politik gewesen „Friede mit dem deutschen Volk, Krieg gegen die Bolschewikentyrannei". Ab- sichtlich oder weil Sie es nicht vermeiden konnten, haben Sie so ziemlich das Gegen- teil befolgt. Ich kenne die Schwierigkeiten und auch Ihre große Tüchtigkeit und persönliche Kraft — sie sind um vieles größer als meine — und will nicht Ihre Politik und Ihre Tätigkeit beurteilen, als ob ich es hätte besser machen können, oder als ob irgendwer es hätte besser machen können. Aber jetzt stehen wir den

( Resultaten gegenüber. Und diese sind fürchterlich. Vielleicht befinden wir uns in ab- sehbarer Distanz von einem allgemeinen Zusammenbruch und voller Anarchie in ganz Europa und Asien. Rußland ist dem Ruin verfallen. Was von ihm übrig- blieb, befindet sich in der Gewalt jener Giftschlangen. Aber Deutschland kann vielleicht noch gerettet werden. Mit großer Erleichterung empfinde ich es, daß wir vielleicht imstande sind, einträchtig über Deutschland nachzudenken und zu handeln: daß Sie geneigt sind, einen Versuch zur Errettung Deutschlands aus sei- nem fürchterlichen Schicksal zu unternehmen — welches, wenn es dieses ereilt, wohl auch andere ereilen könnte. Ist dies der Fall, dann ist die Zeit kurz, und die Aktion muß einfach sein. Sie sollten den Franzosen mitteilen, daß wir mit ihnen

, ein Defensivbündnis gegen Deutschland schließen wollen, falls, aber nur falls, es seine Haltung gegen Deutschland vollkommen ändert und loyal eine Politik der ^ Hilfsbereitschaft und Freundschaft für Deutschland annimmt. Dann sollten Sie einen bedeutenden Mann nach Berlin schicken, der die Antispartakisten und die Gegner Ludendorffs in einem starken linken Zentrumsblock zusammenfaßt. Für diese Aufgabe stehen Ihnen zwei Handhaben zur Verfügung: erstens Lebensmittel und Kredite, die man freigebig gewähren muß, trotz unserer eigenen Schwierig- keiten (die sich sonst verschlimmern); zweitens eine baldige Revision des Friedens- vertrages, zu der Neudeutschland als gleichberechtigter Partner zum Wiederaufbau

360

Kuropa« eingeladen werden doli 1 ). Gebraucht, man diese Tlnndhnbrn, so müßte es möglich sein, alles, was in der deutschen Nation gut und beständig ist, für ihre eigene Auferstehung und zur Erhaltung Europas zu vereinigen. Ich bete, daß wir dabei nicht „zu spät" kommen. Sicherlich wäre dies eine Angelegenheit, bei der es sich eher verlohnen würde, Ihr politisches Leben dafür einzusetzen, als für unsere heimischen Parteikombina- tionen, so bedeutungsvoll diese auch sein mögen. Sicherlich ist dies auch eine An- gelegenheit, die, sobald sie sich einmal in Bewegung gesetzt hat, die gesamte Welt- lage zu Hause und außerhalb Englands beherrschen würde. Meine Anregung be- dingt eine offene entschlossene Aktion Großbritanniens unter Ihrer Führung und wenn nötig auch eine unabhängige Aktion. Bei einem solchen Lauf der Dinge würde ich mit Freuden politischem Mißgeschick an Ihrer Seite entgegensehen. Aber ich glaube, es würde kein Mißgeschick geben, und daß Britannien noch auf wenige Monate die Geschicke Europas in Händen hält. Als Teilaktion einer solchen Politik wäre ich bereit, zur Beruhigung der all- gemeinen Lage, mit Sowjetrußland zu den bestmöglichen Bedingungen Frieden zu schließen, wobei wir uns davor hüten müssen, von jenen vergiftet zu werden. Ich glaube natürlich nicht, daß zwischen Sowjetrußland und der gegenwärtigen Zivili- sation eine wirkliche Harmonie möglich ist. Aber angesichts der bestehenden Tat- sachen sind die Einstellung der Feindseligkeiten und eine Förderung des wirt- schaftlichen Aufschwunges unerläßlich: dann müssen wir auf gut Glück darauf bauen, daß friedliche Einflüsse das Verschwinden dieser schrecklichen Tyrannei und Gefahr bewirken. Mit Deutschland verglichen ist Bußland nebensächlich; mit Rußland verglichen ist die Türkei verschwindend. Aber ich bin auch sehr besorgt über Ihre Politik gegenüber der Türkei. Mit unseren, vom Kabinett auf ein Minimum reduzierten militärischen Ressourcen verleiten wir die Alliierten zu dem Versuche, der Türkei einen Frieden aufzuzwingen, der große und mächtige Armeen sowie lange und kost- spielige Operationen und Besetzungen erfordern würde. Ich empfinde Furcht da- vor, daß Sie auf diese kampfdurchwühlte Welt die griechischen Armeen loslassen — unser aller wegen, vor allem aber der Griechen wegen. Doch sind diese griechischen Armeen Ihre einzigen schlagfertigen Kampftruppen. Wie werden Sie denn Konstan- tinopel ernähren, wenn die Eisenbahn in Kleinasien abgeschnitten wird und Nach- schübe nicht eintreffen? Wer wird das bezahlen? Von welchen ausgesaugten Märkten werden die Lebensmittel kommen ? Ich fürchte, Sie werden diese große Stadt hilflos am Halse haben, während es ringsumher nur Blockade und Guerilla- krieg geben wird. Auch hier empfehle ich Klugheit und Beruhigung. Trachten Sie, sich eine Regierungsgewalt zu beschaffen, welche die Türkei wirklich vertritt, und sich dann mit ihr zu vergleichen. Nach seiner gegenwärtigen Abfassung bedeutet der türkische Vertrag endlose Gesetzlosigkeit.

') Das bezog sich natürlich auf die wirtschaftlichen und finanziellen Bestimmungen. S. 0.

W .

361

f

nur gezwungenermaßen erwogen wurden, wenn gerade ein Ereignis einge- treten war, und auch dann, ohne daß daraus ein klarer Entschluß ent- standen wäre. Schließlich hatten Konstantin und seine Regierung auf ihre eigene Verantwortung hin gehandelt. Sie waren berechtigt, sich ihre eigene Ansicht über das fallweise Verhalten einer der Großmächte bei ihren Unter- nehmungen zu bilden; nur sie aHein hatten darüber zu entscheiden und in erster Linie trugen sie ihre eigene Haut zu Markte. Der geistige Rückhalt an i einem hervorragenden Manne vermag gewaltigen Mut einzuflößen, bietet aber keinen Ersatz für Verträge, Vereinbarungen und diplomatischen Ver- kehr. Am 11. Juni übernahm König Konstantin persönlich das Kommando in Smyma und im Juli begann der vierte griechische Angriff auf die Türken in Kleinasien.

*

*

*

Ich fühle mich berechtigt, hier meine eigene Ansicht und Tätigkeit zu ver- treten. Ich wurde bei jeder Gelegenheit und in allen Lagern offen als Verfech- ter gewalttätiger Politik dargestellt und habe bisher noch nie den Versuch zu einer detaillierten Aufklärung meiner Handlungsweise unternommen. Der treffliche Biograph Lord Gurzons hat mit vollster Kenntnis der offiziellen Archive und mit viel Freiheit bei deren Gebrauch in unverhüllter Weise darauf hingewiesen, daß die Worte „Feuerbrand" und „Kriegshetzer" in dieser Beziehung auf mich eine richtige Anwendung finden. Ich will daher die Tatsachen klarstellen. Ich muß damit beginnen, den Leser an die vom Generalstab unter meiner Verantwortung im Dezember 1919 dargestellte allgemeine Feststellung der Politik zu erinnern, die im Kapitel XVII resümiert worden ist; zweitens an meinen auf S. 360 abgedruckten Brief an den Premierminister vom März 1920. Es folgen hier die Ansichten, die ich am 22. Februar 1922 zur Zeit der alliierten Konferenz über die Revision des Friedens zu Sevres in einem Be- richt zusammenfaßte und weiter am 11. Juni 1921, bevor die Griechen ihren Vormarsch nach Angora antraten:

Mr.

Churchill an den

Premierminister

22. Februar 1921 Ich möchte meine Beweisführung über Politik von heute Vormittag nicht er- neuern. Sic haben die Macht, die britische Politik zu beschließen, und ich kann nur besorgt die Resultate abwarten. Die Männer, deren Ansicht bei den zu entscheiden- den Fragen für Sie am meisten ins Gewicht fallen sollten, sind: der Vizekönig und

376

die indische Regierung; George Lloyd, der Gouverneur von Bombay; der desig- nierte Vizekönig von Indien Lord Allenby und Sir Pcrcy Cox; die Benmtcn des neuen Departements für den mittleren Osten, Mr. Schuckbnrgh, Colonel Lawrence,

Montague 1 ) mit seiner besonderen Stellung

Major Young; der General Harington;

und Erfahrung; treue und erprobte Freunde Knglanila wie Aga Khnn 2 ). Es ist mir noch nicht gelungen, eine britische offizielle Persönlichkeit zu treffen, die nicht der Ansicht wäre, daß unsere Angelegenheiten im Osten und mittleren Osten durch einen Frieden mit der Türkei ungeheuer erleichtert und gefördert würden. Die Alter- native einer Erneuerung des Krieges erfüllt mich mit höchster Sorge. Ich nehme an, daß die Griechen die türkischen Nationalisten unmittelbar vor ihrer Front ver- treiben und vielleicht auf eine gewisse Tiefe in die Türkei vorrücken können; aber je mehr Land sie besetzen und je länger sie bleiben, um so kostspieliger ist es für sie. Die Rückwirkungen dieser Sachlage betreffen hauptsächlich uns und in geringerem Maße die Franzosen. Und alle sind ungünstig. Die Türken werden den Bolschewiken in die Arme getrieben; Mesopotamien wird im kritischen Augenblick, da wir die dortige Armee verringern, in Unruhe versetzt; es wird wahrscheinlich ganz unmög- lich sein, Mossul und Bagdad ohne gewaltige und kostspielige Armeen zu halten; die allgemeine Entfremdung der Mohammedaner von Großbritannien wird weiter üble Folgen nach jeder Richtung hervorbringen. Die Franzosen und Italiener wer-

> den ihre eigene Fabel auftischen, und wir werden überall als die Hauptgegner des Islam dargestellt werden. Weiteres Unheil wird auch die Armenier treffen. Unter diesen Umständen scheint es mir eine schreckliche Verantwortung, die

, Griechen loszulassen und den Krieg wieder zu eröffnen. Ich bin über diese Aus- sichten tief betrübt; und auch darüber, daß ich gar keine Macht habe, Ihre Ansicht zu beeinflussen, sogar in Dingen, die meinen Pflichtenkreis unmittelbar berühren. Um so mehr bin ich bedrückt, weil ich Ihnen bei den vielen Dingen, in denen wir übereinstimmen, auf jede mir offenstehende Weise zu helfen wünsche, sowie wegen unserer langen Freundschaft und meiner Bewunderung für Ihr Genie und Ihr Werk.

Anfang Juni hielt der Premierminister eine Konferenz in Chequers ab, bei welcher wir uns im Prinzip einigten, auf beide Parteien einen gleichmäßigen Druck auszuüben, damit sie zu einer Vereinbarung kämen.

Mr.

Churchill an den

Premierminister

11. Juni

1921

Ich hatte heute Vormittag eine Unterredung mit Venizelos. Ich setzte ihm die Schlußfolgerungen unserer Konferenz zu Chequers auseinander, und er war damit einverstanden. Ich stimme mit Ihnen darin überein, daß wir zu Konstantin

J ) Staatssekretä r fü r Indien . (D . Übers. ) J ) Ag a Khan , indische r moslemitische r Führer , Präsiden t de r „All-Indi a Mosle m League" , w a r währen d de s Weltkriege s bestrebt , de m englische n Reich e di e Unterstützun g de r indi - sche n Moslem s z u gewinnen , tra t abe r stet s fü r Mild e gegenübe r de r besiegte n Türke i ein ; Nobelpreisträge r fü r 1924 . (D . Übers. )

377

0

TÜRKEI

'0

Maßstab

20

10

in engl. Meilen

MO

30

ChurchiH, Nacn sem Krege. Ar-a r-^a-/erlag

XIX

Ts.chana k

Der griechische

 

Soldat

— Der

stille

Druck

Brititche

Teilnahmslosigkeit:

französische

Gegner-

schaft

Amerika

abwesend

Die

Hilferufe

Gunaris

Ein

erschöpfter

Lloyd

George

J7<IJ

Abkommen

 

mit

Bußland

 

Türkische

Grausamkeiten

Die

griechischen

Absichten

aitf

Konstantinopel

Die

Entscheidungsschlacht:

Afiun

Karahissar

Vernichtung

der

griechi-

schen

Arme*

Eine

ernst«

Lage

Die

Abrechnung

Die

neutrale

Zone

Bestürzung

 

und

Versagen

Die

britische

Flotte

Das

Telegramm

an

die

Dominien

Das

offizielle

Kom-

munique:

16.

September

 

Die

Frage

aufgeklärt

Das

Telegramm

überhob

Antwort

der

Dominien

Französisches

und

italienisches

Zurücksiehen

Militärische

Maßnahmen

Die

Stellung

bei

Tschanak

Strategische

Sicherheiten

Mein

Memorandum

vom

30.

September

Kanals

Alternativen

Mudania

Das

Ende

der

Krise

Der

Vertrag

von

Lausanne

Jetzt beginnt der letzte Akt der griechischen Tragödie. Spieldauer fast ein Jahr. Den Griechen war es nicht gelungen, Angora zu erreichen oder die kemalistische Türkei niederzuwerfen. Auch im September 1921 waren sie am Sakaria erfolglos geblieben, und ihre Armee zog sich zur Deckung der Pro- vinzen Smyrna—Aidin in befestigte Stellungen zurück. Hier hielten sie be- trübt, aber hartnäckig viele Monate stand. Dem griechischen Soldaten, der so oft die Zielscheibe unwissenden Spottes und Vorurteils abgab, muß Ge- rechtigkeit widerfahren. Man stelle sich nur eine Armee von 200000 Mann vor, die, das Produkt eines kleinen, seit zehn Jahren im Kriege oder auf Kriegsfuß befindlichen Staates, einer innerlich gespaltenen Nation, im Zentrum Kleinasiens gestrandet ist—in allen Rangklassen herrscht Parteien- hader, fern von der Heimat entbehrt das Heer jeder politischen Führung und ist sich bewußt, von den europäischen Großmächten und den Vereinigten Staaten aufgegeben zu sein; die Lebensmittel werden knapp, die Ausrüstung nützt sich ab, es gibt keinen Tee, keinen Zucker, keine Zigaretten, keine Hoffnung, ja nicht einmal einen verzweifelten Plan; und vor dieser Armee, hinter ihr, rund um sie liegt ein harter, mitleidloser Feind auf der Lauer, dessen Selbstvertrauen täglich zuinmmt. Die Prüfungen einer Schlacht sind schwer, aber die Armeen aller Nationen haben ihnen standgehalten. Hier jedoch war die langandauemde nagende Qual endlosen Geschwätzes und vieler Entbehrungen, empfindlichen Mangels und absoluter Tatenlosigkeit am Werke.

391

„Am Potomac ist's ganz ruhig heut'

Nacht,

Nur ab und zu wird niedergestreckt Eine Streifpatrouille, die aufzieht zur Wacht, Von einem Schützen im Gebüsche versteckt." 1 )

Allein die Armee am Potomac 2 ) hatte eine mächtige Nation hinter sich, kämpfte für eine reine Sache im Interesse der ganzen Welt, war gut genährt und bekleidet und erhielt Verstärkungen. Die Soldaten wußten weshalb sie gekommen, und waren der Erreichung ihres Zieles sicher. Über der griechi- schen Armee in Kleinasien lastete jedoch ein wachsendes Gefühl der Verein- samung, man wußte die Verbindungslinie gefährdet, die Marinebasis erschüt- tert, das Heimatland in Spaltung und die Welt in Gleichgültigkeit versunken. Dennoch blieb die Armee mehr als neun Monate in kriegerischer Verfassung. Es zeugt in gleichem Maße für die militärischen Qualitäten Mustapha Kemals, daß auch er sich mit dem Zuwarten begnügte und imstande war, andere zum Ausharren zu bewegen. Er wußte, daß die Zeit und die Quäle- reien des Kleinkrieges die Früchte zum Reifen bringen würden, deren Ernte ihm jetzt sicher bevorstand. Neun Monate sind ein langer Zeitraum in unserer raschlebigen Zeit; aber während dieser neun Monate brauchten die Türken nur zu warten, während die Griechen schwer zu leiden hatten. Unterdessen unternahm die britische Regierung häufige Versuche zur Er- reichung eines Übereinkommens mit den Türken und eines Rückzuges der Griechen. Sie wurden aber alle ohne Überzeugung, ohne gesammelte Kraft und Fähigkeit geführt, unwürdig eines Landes, dessen führende Männer im größten aller Kriege geschult waren. Diese Schwäche kann nur in der geistigen Erschöp- fung kriegsmüder Minister, in Gefühlsdifferenzcn und in wachsender Inan- spruchnahme durch die inneren Angelegenheiten ihre Erklärung finden. Von diesen letzteren wird später noch die Rede sein. Der Orient befand sich damals wie in einem Trancezustand, nichts schien sich dort zu ereignen, und da der politische Wind in der Heimat in rauhes Wetter umzuschlagen drohte, empfand man in der Öffentlichkeit darüber Beruhigung, daß es wenigsten» einen Punkt auf der Welt gab, wo die Lage sich nicht verschlechterte. Aber

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2 )

Fluß in Nordamerika,

zwischen Nord- und

an dem

Südstanten

392

auch die Stadt

Washington

liegt; war in den

1862—1876

Schauplatz

häufiger

Gefechte.

Kämp -

die ganze Zeit hindurch verausgabte ein bankrottes Griechenland eine Viortcl- million Pfund Sterling wöchentlich in Kleinasien allein; die Venizelisten und Monarchisten Griechenlands belauerten einander in tödlicher Rivalität; und eine Armee, so groß wie sie England für den südafrikanischen Krieg entsendet hatte, verdorrte und verbrauchte sich jenseits des Meeres. Es gibt Fälle, in denen scharfe Maßnahmen die einzige Form von Klug- heit und Erbarmen darstellen. Die Macht Englands — sie ist noch immer beträchtlich — kraftvoll anwenden, Griechenland zum Nachgeben und die Türkei zur Duldung zwingen, ihre Köpfe aneinander schlagen, bis sie sich vertrügen. Das war mein Rat. „Ja," sagten sie, „aber wer wird das An- einnnderschlagen besorgen? Wir können keine Truppen entbehren. Wir können uns nicht in fremde Kriege einlassen." Doch daran hätte man auch früher denken können. Und so verrannen die Monate — tropf, tropf, tropf; ganz zwecklos. Unterdessen spielten die politischen Parteien in England lustig Feuer- werk. Die Liberalen sagten: „Wir kommen bald an die Reihe", und die Labourleute „was ist's mit den Arbeitslosen ?", die Konservativen wieder, „wäre es nicht Zeit, die Regierung allein zu übernehmen ?" und jeder sagte, „dort draußen scheint sich alles beizulegen, und überhaupt geht uns die ganze Sache nichts an. Haben wir noch immer nicht genug gehabt ?" Aber die Franzosen waren anderer Ansicht. Als Venizelos einmal Athen verlassen hatte, strichen sie Griechenland aus ihrem Hauptbuch. Nach Ver- lauf einiger Monate befanden sich ihre Sendlmge schon in Angora. Die neue Türkei hatte Frankreich viel zu bieten: sie konnte ihr Frieden in Cilicien gewähren, sie vermochte die Unzufriedenheit in Syrien abzuschwächen, und auch in Anatolien eröffneten sich bedeutende handelspolitische Aussichten. Eine türkische Regierung, die von Angora nach Konstantinopel unter dem Wohlwollen Frankreich s marschierte , konnt e diesem in deT Ta t so manche s antragen. Der zungengewandte, gefällige, eifrige, ehrgeizige Franklin Bouillon befand sieh bereits in Angora und unterfertigte am 20. Oktober 1921 eine für beide Parteien vorteilhafte Vereinbarung zwischen Frankreich und den Natio- nalinten. Mustapha Kemal brauchte Kriegsmaterial — Frankreich besaß solches im Überfluß; es fehlte ihm an Geschützen — wer erzeugt bessere als Creuzot ? Ein paar Aeroplane sind für jede moderne Armee immer von Vor- teil — es wäre jammerschade, wenn sie keine erhalten könnte. Divergenzen in der Politik und persönliche Unzulänglichkeiten hatten zu jener Zeit eine erstaunliche Entfremdung zwischen Frankreich und England hervorgerufen.

393

Diese Zeiten sind vorbei, neue und umfassendere Bindungen wurden mittler- weile vorgenommen; aber hier müssen die Ereignisse berichtet werden. Wo war Amerika ? Auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans. Alle häuslichen Mißhelligkeiten, die in England Politik und Politiker aufwühlten, vervielfältigten sich in den Vereinigten Staaten mit weit größerer Heftigkeit. Die Präsidentschaftswahlen von 1920 hatten Wilson und die demokratische Partei vorläufig vollkommen vom Schauplatz verdrängt. Ihre schlecht be- handelten und wütenden Gegner saßen im Sattel. Deren Politik war, aus- findig zu machen, was Präsident Wilson bezweckt oder versprochen hatte und dann das Gegenteil davon zu tun. Die Regierung der Vereinigten Staaten, die einmal fast mit dem Gedanken gespielt hatte, für Konstantinopel und Armenien ein Mandat zu übernehmen und auch tatsächlich die Grenzen Armeniens festgesetzt hatte, zuckte jetzt mit den Schultern, begann über die Streitigkeiten und Wühlereien eine Moralpredigt und dankte inbrünstig der Vorsehung, daß sie — mit Ausnahme einiger nützlicher Andenken — aus der ganzen Sache heraus und wieder zu Hause war. Diese Darstellung dürfte der Haltung der drei Großmächte, auf deren Wunsch Griechenland ursprünglich in Smyrna eingefallen war, keine be- sondere Ehre erweisen, es wäre aber falsch, einer unter ihnen Schwäche^ Leichtfertigkeit oder Härte zuzuschreiben. Die in modernen Zeiten wirk- samen Kräfte sind so schicksalsschwer und die Führer als Individuen relativ so klein, sie bewegen sich auf so schwankender Grundlage und werden so oft gewechselt, das Leben der menschlichen Gesellschaft drängt so unauf- haltsam vorwärts, daß man bei großen Gemeinwesen nicht auf allzuviel Lebenskraft oder Ausdauer und Zusammenhang in der Politik zählen darf. Es gibt Augenblicke, da sich alle groß und edel erweisen, aber es gibt auch solche, da sie alle einem gefühllosen Stein gleichen. König Konstantin und sein Ministerpräsident Gunaris hätten dies bedenken sollen, bevor sie die Ketten der Verbindlichkeiten lösten.

Unser kurzer Bericht über die militärischen Begebenheiten endete mit dem Mißerfolg der griechischen Armee, Angora zu erreichen, und mit ihrem Rück- zug vom Sakariafluß in Winterstellungen östlich der Linie Eskischehir — Afiun Karahissar. Hier blieben sie nahezu ein Jahr. Inzwischen sauste der unselige Gunaris zwischen Athen und London hin und her und bettelte um Geld und Waffen zur Fortsetzung des Krieges, noch mehr aber um Unter- stützung, ihm aus dem Abenteuer herauszuhelfen. Er wurde von Lord Curzon empfangen, der ihn mit hochtönenden Verweisen abfertigte. Bei diesen Be-

394

sprechungen war das hauptsächliche Bemühen Gunaris darauf gerichtet, das Geschick des röchelnden Griechenland in die Hände Großbritanniens allein zu legen; der Hauptzweck Lord Curzons war, die Übernahme dieser lästigen Verantwortung unter allen Umständen zu vermeiden, gleichzeitig aber Griechenland zur Annahme einer Vermittlung durch die Verbündeten zu bewegen. Im allgemeinen war Lord Curzon erfolgreich. Gunaris erhielt den Eindruck, daß England gar nichts tun würde und daß seine einzige Chance in den guten Diensten aller Alliierten liege. Aber auch diese Chance war schein- bar kläglich, weil Frankreich jetzt eifrig den Türken die Stange hielt, sie mit Waffen versah und weil England nicht die geringste Lust verspürte, sich einer Konstantinischen Griechenland wegen in Schwierigkeiten zu begeben. Auf einer Seite die Hilferufe eines Ertrinkenden, auf der anderen wohlgemeinte Ratschläge eines Herrn, der nicht die Absicht hatte, ins Wasser zn springen. Diese Haltung war bei Lord Curzon berechtigt, der die ganre Zeit hindurch in der Leitung des Auswärtigen Amtes eine unverbindliche, behutsame, laue Rolle gespielt hatte, mit Recht keinerlei Verpflichtungen fühlte und auch nicht den Wunsch empfand, für die Griechen ein persönliches oder nationales Risiko einzugehen. Wie die Biographen Lord Curzons enthüllten, war es seine Schwäche, mit Vorliebe einen Fall auseinanderzusetzen, und sobald er seinen Lippen oder seiner Feder entflohen war, das Interesse daran zu verlieren. Er war sich der verzweifelten Lage Griechenlands Gewußt und beklagte sie, er haßte die Türken und fürchtete ihre wachsende Macht. Er war über die Plötz- lichkeit entrüstet, mit der sich die Franzosen nicht nur ihrer griechischen Verbindlichkeiten entledigt, sondern sich auch werktätig auf die Seite der Türken gestellt hatten; aber er war eben zur Leistung einer wirklichen Aktion in irgendeinem Sinne oft nicht fähig. Bei seinen Taten berührte er kaum die Oberfläche der Ereignisse, doch seine diplomatischen Gespräche waren außerordentlich gut geführt und es mangelte auch nicht an lichtvollen und stilgewandten Staatsdokumenten. Er sagte beispielsweise nicht zu Gunaris:

„Räumen Sie sofort Kleinasien oder die britische Flotte wird den Piräus blockieren." Oder zu den Franzosen: „Beweisen Sie mehr Kameradschaft in dieser Angelegenheit oder wir desinteressieren uns an Europa und ziehen unsere Truppen vom Rhein zurück." Man konnte ihm keinen Vorwurf daraus machen, weil er keinen dieser Wege eingeschlagen oder nicht etwas anderes unternommen hatte und weil es ihm niemals gelungen war, auf der politischen Bühne etwas Gutes oder Schlechtes zu leisten, was den Gang der Ereignisse hätte beeinflussen können.

395

Aber mit dem Premierminister stand die Sache anders. Da er den Erfolg und vielleicht. j»och inniger die Loslösung der Griechen aus ihrem Abenteuer herbeiwünschte und für kühnes und erfolgreiches Handeln selbst als Bei» spiel gelten konnte, überraschte es, daß er nicht, wo er schon soweit gegangen war, bei dieser Gelegenheit sein eigenes Geschick in die Wagschale warf. Hier hätte sich doch die Gelegenheit geboten, die eT so oft von Herzen ersehnt hatte, von der sich langsam verdunkelnden politischen Bühne abzutreten. Die Kräfte, welche die Koalition zusammenhielten, bröckelten ab, er war von den Exponenten der konservativen Organisationen verhöhnt und mit einem Mißtrauensvotum belegt worden, seine eigenen Anhänger waren von den Wurzeln ihrer Partei abgeschnitten und führten ein politisches Leben wie Blumen in einer Vase. Unter dem harten Zwang des Krieges und seiner Folgen hatte er alle Parteien und manche Freundschaften verbraucht. Aber er war noch immer — und niemand konnte ihn seines Ruhmes entkleiden — der „Steuermann", der den Sturm überwand; er war noch immer der große Lloyd George, das bestbekannte menschliche Wesen in jeder Hütte Britan- niens; er war noch immer mit der entscheidenden Macht des Premier- ministers gewappnet und konnte die Lebensdauer seiner Regierung durch Abdanken beenden. Gewiß hätte er sagen können: „Entweder es gibt ein« lebendige Politik in der griechischen und türkischen Frage, oder ich gehe!" Aber er war erschöpft, er hatte zuviel durchgemacht, und was noch schlim- mer war, die täglichen Amtsgeschäfte und die Last der obersten Gewalt nahmen ihn ganz in Anspruch. Gegenwärtig verhandelte er mit den Bolsche- wiken in Genua und wurde von ihnen zum besten gehalten. Es geschah also nichts, und Gunaris, der Venizelos gestürzt hatte, kehrte von seinem letzten Londoner Besuch heim, um zu ernten, was er gesät hatte.

Mr. Churchill an Lord

Curzon

22. April

1926

Gleich Ihnen bin ich über diese Affäre in Genua schwer beunruhigt 1 ). Ich habe 6eit langem die Gefahr kommen sehen und auch in öffentlichen Reden darauf hin- gewiesen, daß Deutschland und Rußland gemeinsame Sache machen. Die Politik, die ich zur Vermeidung oder wenigstens Abschwächung und Verzögerung einer so verderblichen Orientierung am geeignetsten befunden hätte, war, das Vertrauen Frankreichs zu gewinnen und sodann eine dreiteilige Vereinbarung zwischen Eng- land, Frankreich und Deutschland zu gegenseitiger Hilfe und Sicherheit zustande

*) Da s

rassisch-deutsche

Übereinkomme n

war

bei

der

Konferen z

z u

Genua

ebe n

ver-

öffentlicht

worden.

396

su bringen; dadurch hatte man Deutschland Idar gemacht, daß es im Vereine mit England und Frankreich auf eine bessere Zukunft hoffen könne, und daß es dieser Aussichten durch ein einseitiges Verhandeln mit den Sowjets verlustig würde Die Grundlage dieser Politik war immer die Bürgschaft für Frankreich (Hilfe gegen

Angriff), und auf dieser Basis glaubte ich, und glaube noch immer, ist es möglich, ein derartiges Maß französischen Vertrauens zu gewinnen, daß zwischen Deutsch- land und England sowohl wie Frankreich bessere Beziehungen hergestellt werden

können

erklärt werden und durften auch die Richtlinie enthalten, auf welcher wir hätten beruhigt vorgehen können nicht nur seit einem Monat, sondern seit einem Jahr; und nicht nur seit einem Jahr, sondern seit mehreren Jahren.

Es scheint jedoch ein völlig verschiedener Kurs vom Premierminister verfolgt zu werden, bei dem, wie mir dünkt, das Auswärtige Amt nur sehr wenig Gelegen- heit hatte, seine besonderen Fähigkeiten ins Spiel zu bringen. Das große Ziel der Politik des Premierministers war Moskau; Großbritannien sollte die Nation mit den möglichst engen Beziehungen zu den Bolschewiken und vor den Augen Europas ihr Schirmherr und Pate sein. Es war mir versagt, darin ein Interesse Englands,

und sei es noch so flüchtig, zu entdecken

vielen Jahren Früchte tragen könnten. Dennoch sind wir anhaltend auf diesen Weg geführt, gezogen oder geschleift worden. Wir haben uns in unserer Haltung gegen- über Rußland von den beiden großen Demokratien getrennt, mit denen wir innigst verbunden sind, nämlich von Frankreich und den Vereinigten Staaten. In unserm Eifer zur Versöhnung der Bolschewiken haben wir so viel Vertrauen und Wohl- wollen verloren, daß uns wenig Einfluß auf Frankreich bleibt, es von harten Maß- nahmen gegen Deutschland abzuhalten. Wir hätten vielmehr unsere gesamte Kraft für diese höchst bedeutungsvolle Entwicklung aufsparen müssen. Ich bin sicher, daß wir in der Lage gewesen wären, ihr Vorgehen gewaltig zu beeinflussen und abzuändern, wenn wir ihre guten Freunde geblieben wären und uns ihr Wohlwollen bewahrt hätten. Wie die Sachen stehen, werden wir für einen hauptsächlich russi- schen Zweck in eine Haltung gedrängt, die einem vollständigen Bruch mit Frank- reich gefährlich nahe kommt — ein Ausgang, an den ich gar nicht denken mag. Denn ich befürchte, daß die Folgen in jeder Beziehung verderblich wären: Frank- reich und die Kleine Entente werden ihre Position durch harte und drastische Maßnahmen verteidigen; Deutschland und Rußland werden sich eng aneinander schließen, und wir werden als eine Art allgemeiner Störenfried ohne Freunde und ohne Politik dastehen.

Eine andere Reihe von Mißverständnissen ist mit Frankreich über die Türkei entstanden, und ich begreife vollständig Ihre vielen Ursachen zur Beschwerde gegen die Franzosen. Gleichzeitig stand aber die Politik, die uns mit Bezug auf die Türkei aufgezwungen wurde, im Gegensatz nicht nur zu den Interessen Frank- reichs, sondern auch Großbritanniens selbst. Unsere fortgesetzten Stützungs- aktionen für die Griechen und unsere feindselige Haltung gegen die Türken blieb den Franzosen unverständlich, weil sie dahinter keine britischen Interessen ent-

Mttgen diese Erwartungen auch utopisch sein, sie können doch einfach

Handelsvorteile gibt es keine, die vor

397

decken konnten und infolgedessen allerart außergewöhnliche Motive witterten. Die» hat eine lange Kette von Schwierigkeiten zwischen den beiden Landern ge- zeitigt. Ich bewundere sehr Ihre Bemühungen in Paris, eine bereits verhängnis- voll verfahrene Sachlage wieder einzurenken.

Um wieder zu unserer Erzählung zurückzukehren; es folgte eine Reihe oberflächlicher diplomatischer Schachzüge. Briand war nach der als Golf- match geführten Konferenz zu Cannes im Januar 1922 gestürzt und Poin- care\ damals noch ein widerhaariger Genosse, den man in der gewaltigen Gestalt, zu der er sich entwickelt hat, kaum mehr erkennen würde, übernahm an seiner Stelle die Regierung. Mit wehenden Fahnen kam er von der Oppo- sition und dachte an nichts anderes als an Reparationen, den Rhein und die Ruhr. Konnten die Türken don Franzosen jetzt helfen, desto besser für sie. Ging es dem König Konstantin schlecht, so geschah ihm ganz recht. Hatten die Griechen darunter zu leiden, weil sie König Konstantin erwählten, so war das ihre Sache. „Vous l'avez voulu, George Dandin." Dem Leser sei mit- geteilt, daß das alles in so geziemender Sprache zum Ausdruck kam, daß Bogar der Völkerbund nicht zu erröten brauchte; unsere Fassung wollte nur den folgerichtigen Sinn mitteilen. In recht schwerfälliger Weise machten sich England, Frankreich und Ita- lien an gleichzeitige Verhandlungen mit den Türken und Griechen. Theoretisch nahm der Krieg seinen Fortgang, aber in der Praxis herrschte von Ende März bis Ende Mai (1922) in Kleinasien Waffenruhe. Die alliierte Konferenz, die schließlich in Paris vom 22.—26. März tagte, schlug einen Waffenstillstand mit Friedensbedingungen vor, welche die Räumung Kleinasiens durch Grie- chenland zur Folge gehabt hätten, Griechenland nahm den Waffenstillstand an und erhob gegen die Bedingungen keine Einwendungen. Angora lehnte so- gar den Waffenstillstand ab, wenn ihm der Abzug der Griechen nicht voran- ginge. Die Lage blieb noch eine Weile ungeklärt. Doch im Mai begannen ver- spätete Nachrichten über blutige Ereignisse in Anatolien in den Zeitungen durchzusickern, täglich erschienen Berichte über das Abschlachten der christ- lichen Bevölkerung. Erst jetzt erfuhr man näheres über die von den Türken im Kaukasus während des Winters 1920 verübten Greueltaten, als die 50000 Armenier umkamen, und über schreckliche Deportationen von Griechen aus den Bezirken Trapezunt und Samsun im Herbst 1921. I m Juni 1922 war die methodische Ausrottung der Griechen in Westanatolien in vollem Schwung. Trotz der französischen Bemühungen zur Beschönigung dieser Greuel und zur Belastung der Griechen mit ähnlichen Grausamkeiten in kleinerem Maß-

398

Stabe, wandte sich die ganze öffentliche Meinung, soweit überhaupt eine solche bestand, gegen die Türken. Im Juli spielten Konstantin und sein Ministerpräsident Gunaris einen listigen Streich. Sie verschoben rasch zwei Divisionen aus Kleinasien zur Armee in Thrazien und verlangten von den Verbündeten die Erlaubnis zum Einzug in Konstantinopel. Zweifellos hatten sie die Macht zur Besetzung der Stadt, und diese Drohung allein genügte, als sie bekannt wurde, die Türken in Angora in Bestürzung zu versetzen. Es ist leicht möglich, dnß der Rückzug der griechischen Armeen unter der Deckung einer zeitweiligen griechischen Besetzung Konstantinopels mit Zustimmung der Verbündelen ehrenvoll und verhältnismäßig schmerzlos in Friedensverhandlungen hätte überführt werden können. Nach dem Versagen der griechischen Armee nm Sakariafluß hätte nichts das Schicksal der königlichen Familie und der griechischen Royalisten wenden können, nußer die Besetzung Konstnnti- nopels. Gegen die Alliierten konnte gewiß vorgebracht werden, daß sie die Griechen, wenn sie ihnen schon bei ihren militärischen Operationen nicht behilflich sein wollten, wenigstens nicht behindern dürften; und wenn sie sich schon bemüßigt sahen, ihnen wegen allgemeiner Prinzipien Schwierig- keiten zu machen, mußten sie ihnen wenigstens loyal und werktätig dazu verhelfen, auf ihre Schiffe zu gelangen. Aber auch hier versandete alles in Nichtigkeiten. Mit bewaffneter Hand verwehrten England, Frankreich und Italien den Griechen den Einzug nach Konstantinopel, und das einzig bleibende Ergebnis eines überaus fein ersonnenen Mittels zur Deckung ihres Rückzuges aus Anatolien war eine Schwächung ihrer bedrohten Front. Es war der letzte Schachzug vor der Katastrophe. Der Augenblick, den Mustapha Kemal so zuversichtlich erwartet hatte, war nun gekommen. Er wußte, daß die Griechen jene zwei Divisionen von seiner Front abgezogen und nach Thrazien geworfen hatten und daß durch diese Verschiebung die griechischen und türkischen Kräfte ausgeglichen waren. Er war jetzt, Dank der Unterstützung wenigstens einer Großmacht, ganz gut ausgerüstet und verfügte sogar über ein leichtes Übergewicht an Luftstreitkräften. Seine Operationen waren kompliziert, aber meisterhaft. Durch Bedrohung der Halbinsel Ismid und Brussas zog er griechische Kräfte nach Norden ab, ein Kavallerieraid durch das Meandertal im Osten von Aidin lockte eine weitere griechische Division nach Süden. Dann konzen- trierte er für die Entscheidungsschlacht an seiner Front vor Afiun Karahissar etwa 80000 Feuergewehre und Säbel sowie 180 Geschütze. Die Griechen ver-

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fügten über 70000 Mann mit 350 Geschützen. Am Morgen des 26. August griffen die Türken mit drei Korps auf einer 15 Meilen breiten Front süd- westlich von Afiun Karahissar an. Am Nachmittag des nächsten TageB war die griechische Front vom 1. türkischen Korps entscheidend durchbrochen und ein allgemeiner Rückzug der Griechen setzte ein. Er artete bald in Auf- lösung aus, die griechische Hauptarmee floh nach Smyrna, und am 31. August war ihre Flucht so überstürzt, daß die verfolgenden Türken jede Verbindung mit ihnen verloren hatten. Nur General Trikupis, der letzte Armeeober- kommandant und sein Stab wurden am 2. September gefangengenommen — sie hatten versucht, einen Gegenangriff auszuführen; da ihnen aber niemand nachfolgte, fielen sie einer türkischen Kavallerieeskadron in die Hände. Ob- gleich die türkische Hauptkraft 100 Meilen in drei Tagen zurücklegte, holte sie die Griechen nicht ein, bevor sie Smyrna erreicht hatten. Eine große Anzahl von jFlüchtlingcn und 40000 Mann waren schon eingeschifft, als die Türken in die Stadt eindrangen. Die Türken machten weitere 50000 Ge- fangene.

Das 3. griechische Korps zog sich auf seine Basis an das Marmarameer zurück. Heftig verfolgt näherten sie sich Mudania, als ihnen ein französischer Offizier bekannt gab, sie befänden sich in der neutralen Zone und müßten"» die Waffen niederlegen. Die Kommandanten der beiden Spitzenregi- menter wußten jedoch, daß Mudania nicht in der neutralen Zone lag, ver- weigerten die Übergabe und führten ihre Regimenter erfolgreich über Berg- pfade nach Panderma. Ein Teil der Haupttruppe ergab sich immerhin den Franzosen und wurde den Kemalisten übergeben; dem Rest gelang es nach Zurücklassung der Geschütze, sich in Panderma einzuschiffen. Die griechische Armee, die über Wunsch Englands, der Vereinigten Staaten und Frankreichs nach Anatolien gekommen war, die drei Jahre hindurch als Grundstein der alliierten Politik gegen die Türkei und als Gegenstand für die alliierten Intrigen gedient hatte, wurde innerhalb von 14 Tagen vom 26. August an vernichtet oder in das Meer getrieben. Die Türkei war wieder einmal all- einiger Herr von Kleinasien, und Mustapha Kemals Armee wendete die Spitzen ihrer Kolonnen hoffnungsvoll gegen Konstantinopel und die Meer- engen, nachdem sie ihren Triumph durch die Einäscherung Smyrnas und ein unerhörtes Blutbad unter der christlichen Bevölkerung gefeiert hatte.

Die Katastrophe, von griechischer Sorglosigkeit und alliierter Verschlep- pungstaktik, Spaltung und Intrige seit langem vorbereitet, brach jetzt über Europa herein. Den Signatarmächten des Vertrags von Sevres hatte nur der

400

Schild Griechenlands ihre Welt der Illusionen erhalten können, und dieser Schild war nun zerbrochen. Zwischen dem Wiederaufflammen des Krieges und Europa stand nichts mehr als ein Dutzend zusammenhangsloser briti- scher, französischer und italienischer Bataillone; die Flammen von Smyma und sein abscheuliches Blutbad gaben einen Vorgeschmack dessen, was das Schicksal Konstantinopels sein mochte. Die Folgen einer neuen türkischen Invasion Europas waren unberechenbar. Eine Kampfhandlung der aus den Hilfsmitteln und dem Menschenmatcrial Konstantinopels verstärkten Armeo Kemals mit den Griechen mußte alle Balkangefahren von neuem entfesseln. Das Wiederauftreten der Türken in Europa als ungebändigte und züg«'Ilo«e Eroberer, an deren Händen noch das Blut hilfloser christlicher Völker- schaften klebte, mußte nach allem, was sich im Kriege ereignet hatte, für die Alliierten die ärgste Beschämung bedeuten. Nirgends war ihr Sieg vollstän- diger gewesen als Über die Türkei, nirgends hatte man der Macht der Rieger hochmütiger getrotzt als ebendort. Und nun sollten zum Schlüsse alle Früchte eines erfolgreichen Sieges, alle Lorbeeren, für welche Zehntausende vor Galli- poli, in den Wüsteneien Palästinas und Mesopotamiens, in den Sümpfen der Salonikifront, in den Schiffen, die diese gewältigen Expeditionen alimentier- ten, ihr Leben gelassen hatten — der ganze Aufwand an alliierten Res- sourcen, an Menschen, Waffen und Schätzen —, dies alles sollte in Schande versinken. Die Armeen der Verbündeten hatten einen unbedingten und unbestrittenen Sieg über die Türkei auf den Konferenztisch der Friedens- konferenz gelegt. Vier Jahre waren vergangen und die Schwätzer hatten ihn in eine Niederlage gewandelt. Vier Jahre waren vergangen, ein zweckloses Hinmorden nicht nur auf den Schlachtfeldern, sondern noch mehr von Frauen und Kindern, von Greisen, Schwachen und Wehrlosen hatte sie ver- dunkelt; alle die herrlichen Absichten Europas und der Vereinigten Staaten, die ganze Beredsamkeit ihrer Staatsmänner, alle die emsigen und schnüf- felnden Komitees und Kommissionen hatten die ehemaligen Herren einer überwältigenden Macht zu nichts anderem geführt als zu diesem unrühm- lichen, bitteren Ende.

Doch gewiß war das letzte Wort noch nicht gesprochen, gewiß war noch Zeit, nicht das Unglück ungeschehen zu machen, aber wenigstens einen Frieden zuwege zu bringen, der den Alliierten eine Spur von Respekt be- lassen und Europa vor einer neuen Konflagration bewahren würde. Den Ver- pflichtungen konnte hier ganz bestimmte Gestalt verliehen werden. Das Gebiet um Konstantinopcl von der Tschadaldscha- bis zur Ismidlinie, vom

26 C h u r o h 111, D^V«Ukrl»U

1916/18.

Bd.

V.

401

Schwarzen Meer bis zu den Dardanellen war ala neutrale Zone erklärt worden. Die Kemalisten hatten zugestimmt sie einzuhalten, sie war mit ihren Offi- zieren vereinbart und deutlich bezeichnet. Wir haben gesehen, wie erst vor wenigen Monaten, als die Griechen ihr verzweifeltes Geschick durch einen Einzug in Konstantinopel zu wenden suchten, diese selben Verbündeten die Unantastbarkeit der neutralen Zone verkündeten und britische, französische und italienische Truppen tatsächlich in Schlachtordnung auszogen und ihre Banner zu deren Schutze entfalteten. Wenn es richtig war, den Griechen durch eine einheitliche alliierte Aktion das zu verwehren, was vielleicht das einzige Mittel zur Rettung ihrer Armeen in Kleinasien darstellte, bestand dann nicht die gleiche Pflicht zur Vorhinderung eines türkischen Ein- marsches, der die Vernichtung der verbliebenen griechischen Armeen in Thrazien bezweckte, in dieselbe neutrale Zone? Wenn England, trotz der griechischen Sympathien seines Premierministers mit Frankreich und Italien, für die Einstellung des griechischen Vormarsches auf Konstantinopel einge- treten war, bestand dann nicht die gleiche Verpflichtung für diese Mächte, sich mit uns zur Verteidigung der Grenze, welche sie einträchtlich vorge- schrieben und zu erhalten zugesagt hatten, in eine Reihe zu stellen? Würde man uns wirklich aus Konstantinopel auf unsere Schiffe jagen, 1 , und sollten wir dann den Sultan, seine Minister und jeden, der unsere Aufträge zur Durchführung der Waffenstillstandsbedingungen vollführt hatte, ihrem Schicksal, als Vaterlandsverräter bestraft zu werden, überlassen? Sollten drei große Nationen, denen noch das Wehgeschrei von Smyrna in den Ohren klang, wirklich bei der Annäherung bewaffneter Männer das Hasenpanier ergreifen ? Würden sie die Stadt, von der sie Besitz ergriffen, für die sie direkt die Verantwortung übernommen hatten, einem erbarmungslosen Rache- gericht oder vielleicht gar blinder Anarchie überlassen ? Wenn wir dies aber verhindern wollten, so war etwas mehr vonnöten als Bluff und Gepolter — sollte nicht alles zusammenrasseln, dann mußte einer wenigstens fest bleiben. Von den Italienern war nicht viel zu erwarten. Sie wußten, daß man die Griechen nach Kleinasien geschickt hatte, um dort für die, wie sie glaubten, berechtigten Ansprüche Italiens den Boden vorzubereiten. Jetzt, da die Griechen ins Meer getrieben waren, fiel oder beruhigte sich wenigstens mit den griechischen Träumen auch der italienische Ehrgeiz. Aber Frankreich, die kriegerische Nation, der Anführer der Alliierten bei Armgeddon 1 ), das Frankreich Fochs und Clemenceaus — sollte auch Frankreich abgeneigt sein,

J )

402

Siehe

Fußnote

auf

S.

359.

seiner Verpflichtung nachzukommen ? Hierbei müssen die mannigfachen Ver-

fehlungen, deren Triebfeder Franklin Bouillon darstellt, berücksichtigt wer-

Lloyd George und Poincare - war ein vollständiger Bruch, im

Fühlen sowohl wie im Verstehen, eingetreten. Jede Art gegenseitigen Wider- willens war zwischen den beiden am Werke. Die Politik Lloyd Georges zum Aufbau eines großgriechischen Reiches hatte mit den Interessen Frankreichs wenig zu schaffen, und ein ständiger Zwist mit den Türken setzte Frankreich besonderen Schwierigkeiten in den syrischen Gebieten aus, die es sich erst kürzlich mit Gewalt angeeignet hatte. Diese Politik wurde ja auch von maß- gebenden britischen Kreisen als den britischen Interessen auf die DaucT zu- widerlaufend eTaehtet. Ks war eine rein persönliche Politik und wurde über- dies von ihrem Schöpfer nur mit begrenzter Verantwortung betrieben. Die Franzosen konnten nicht verstehen, was die Engländer eigentlich bezweck- ten. Auch waren andere Unstimmigkeiten über Reparationen und den Frie- densvertrag entstanden, und ein französischer Einfall ins Ruhrgebiet hing als drohende Wolke über dem gebrechlichen Wiederaufbau Europas. Di« anglo-französi8chen Beziehungen w*aren schlechter als je. Man konnte es kaum glauben, daß zwei Völker, die gemeinsam so vieles durchgemacht, sc vieles erreicht und so viele Tote begraben hatten, die ihre Seelen aus dei höllischen Esse in guter Kameradschaft errettet hatten, so rasch von- einander abfallen konnten. Aber schließlich hatten sich bisher nur oberfläch- liehe Schwierigkeiten ergeben, wie schlechte Manieren unter guten Freunden Plötzlich sah man sich aber einer schrecklichen Situation gegenüber, grund legende Streitfragen erhoben sich wie Granitblöcke aus schlammigen Niedc rungen.

den. Zwischen

Wir hatten das Recht, zu erwarten, daß Frankreich seine Verpflichtungei zur Erhaltung der neutralen Zone einhalten würde, und es ist mir immer eim angenehme Erinnerung, daß der spontane Naturtrieb des französischen Ober kommandos in Konstantinopel ebenso handelte. Am 11. September verstän digten die Oberkommissare der drei Mächte Mustapha Kemal, er dürfe di neutrale Zone nicht überschreiten. Die spärlichen britischen Streitkräfte, di auf der Halbinsel Ismid und bei Tschanak am asiatischen Ufer der Darda nellen eine dünne Front bildeten, erhielten Verstärkung von französische:

und italienischen Abteilungen. Sollte das Abfeuern eines einzigen Schusse vermieden werden, so brauchten die drei Großmächte nur zusammen zuwirken und dadurch Mustapha Kemal zu überzeugen, daß er einen an nehmbaren Frieden erhalten könne, wenn er jenseits der Grenzlinie ha]

machte; während er nach deren Verletzung unbegrenzten Machtmitteln gegenüberstand. Wenn aber ein jeder die Verantwortung abwälzen und den anderen vorschieben wollte, dann würde Blut fließen und Feuer brennen, und niemand konnte sagen, wie der Friede wieder herzustellen war. Wenn in einem Streite zwischen Menschen die eine Partei ihre vollständige Unfähig- keit, etwas zu wollen oder zu tun, einbekennt, dann gibt es für die daraus entstehenden Übel keine Grenzen. Ich kehre hier wieder zum persönlichen Faden zurück, der sich durch diese Erzählung bedeutender Ereignisse hinzieht. Der Leser ist vielleicht überzeugt davon, daß ich mein möglichstes zur Verhütung dieser scheußlichen Lage unternommen habe. Doch jetzt war sie eingetreten. Der auferstandene Türke marschierte gegen die Dardanellen und Konstantinopel und darüber hinaus gegen Europa. Ich dachte, man müsse ihn aufhalten. Wenn er unglücklicher- weise wirklich Europa wieder betrat, so müsse dies durch einen Vertrag, nicht durch Gewalt geschehen. Niederlage ist ein ekelhafter Trank, und daß die Sieger im größten aller Kriege ihn hinunterwürgen müßten, konnte nicht ohne weiteres angenommen werden. Wenn man wußte, daß ein einfacher Wink ihnen die volle Herrschaft über die Ereignisse wiedergeben konnte, so war es gewiß der Mühe wert, sich ein wenig anzustrengen. Da ich also drei Jahre lang mein Möglichstes zur Erreichung eines freundschaftlichen Friedens mit Mustapha Kemal und zur Zurückziehung der Griechen aus Kleinasien getan und ununterbrochen meinem Freunde, dem Premierminister, in dieser Frage opponiert hatte, fand ich mich jetzt mit vollem Herzen an seiner Seite, um den Folgen jener Politik entgegenzuarbeiten, die ich immer verworfen hatte. Jn meiner Gesellschaft befand sich bei dieser Angelegenheit ein kleiner Kreis entschlossener Männer: der Premierminister Lord Balfour, Mr. Austen Chamberlain, Lord Birkenhead, Sir Lansing Worthington und die drei Stabs- chefs: Beatty, Cavan und Trenchard. Wir machten gemeinsame Sache. Die Regierung mag stürzen und wir sind unserer Last ledig. Vielleicht mag die Nation uns fallen lassen — dann soll sie andere Ratgeber finden. Die Zei- tungen mochten heulen, die Alliierten toben. Wir beabsichtigten die Türkei zu einem Verhandlungsfrieden zu zwingen, bevor sie in Europa Fuß gefaßt hatte. Das Ziel war bescheiden, aber die Kräfte gering; und die Angelegenheit war in den letzten drei Jahren so schlecht geführt worden, daß die öffent- liche Meinung daheim und im ganzen Reiche kaum auf die notwendigen ge- ringfügigen, aber derben Maßnahmen vorbereitet, ja geradezu gegen sie vor- eingenommen war.

404

Wie halten wir den Türken auf und wie bringen wir ihn, falls er aufgchaltci ist, zu Verhandlungen ? Das war das Problem. Die Tage vergingen, die lange Kolonnen zerlumpten, tapferen ottomanischen Kriegsvolkes ergossen sie nach Norden gegen Konstantinopel und die Dardanellen; wollte man iln Grausamkeiten vergessen, so konnte man ihnen doch nicht die Achtun versagen, wie sie jenen zukommt, die an ihrem Vaterlande nicht vcrzwcifeli Würden sie aber bei der neutralen Zone halt machen ? Manche Leute, die plötzlich erwachten und sjch einer aufregiingsvollr Krise gegenüber sahen, glaubten, wir hätten keine Mittel zum Widerstan« Mustapha Kemal, erzählte man uns, besaß 150000 wohlbewaffnete Leut. in so viele Divisionen eingeteilt, daß sie im Weltkriege eine Million Man hätten aufnehmen können. Hinter diesen standen weitere 150000 Mann ur dann, weiter im Etappenraum, alle Moslems der Welt. Sowohl Frankreich a Italien hatten ihnen Waffen verkauft und um ihre Gunst gebuhlt, von dio«< Mächten war also kaum viel Hilfe zu erwarten. Man hoffte aber immerhi; sie würden den Anstand wahren. Wenn es jedoch England allein überlassf blieb, die Türken an ihrem Eindringen nach Europa zu verhindern, war < dann eine Aufgabe, die im Bereiche seiner Macht lag 1 Hier verlohnt es sich, die besonders günstige strategische Position zu übe prüfen, die wir dank unserem Stützpunkt auf der Gallipolihalbinsel un unserer unbestrittenen Seebeherrschung einnahmen. Die britische Mitte meer flotte lag im Marmarameer und ihre Flottillen strichen in den Dardanelle und im Bosporus auf und ab. Keine Armee konnte von Asien nach Euroj übersetzen außer in kleinen Abteilungen und heimlich bei Nacht. Aber d Türken, sagte man, werden an das asiatische Ufer beider Meerengen G schütze schaffen und die Flottillen und Verpflegschiffe beschießen. Worai wir erwiderten: Was für Geschütze? Es stellte sich heraus, daß sie keii Geschütze besaßen, die auch nur kleine Kriegsschiffe beschädigen konnte] und unsere waren große. Vielleicht würden sie sie doch beschießen, abi Beatty sagte, die Flotte würde damit schon fertig werden und man könne j auch zurückschießen. Solange die britische Flotte diese Tiefwasserlinie zw sehen Europa und Asien beherrschte, konnte der Krieg nicht nach Thraz« getragen werden.

Am 15. September versammelte sich das britische Kabinett zu länger Sitzung. Sir Charles Harington führte das Kommando über die Alliierten Konstantinopel. Lord Plumer, sein alter Chef aus den Tagen der Zweitf Armee, war dort zu Besuch eingetroffen. Er hatte in einem Telegramm sein

Überzeugung Ausdruck verlieben, daß die Verfügungen General Haringtons richtig un<l verläßlich wären. Die Lage war' seiner Ansicht nach ernst und erforderte ohne Verzug festes und entscheidendes Handeln. Es war ihm voll- kommen klar, daß die Kcmalisten versuchen würden, den Alliierten ihre Be- dingungen aufzuzwingen, wenn es ging, mit angedrohter Gewalt, und sollte dies nicht zum Erfolg führen, mit tätiger Gewalt. Wollte man den Dingen weiter ihren Lauf lassen, so würden wir sicherlich militärisch und politisch in die Enge gedrängt. Das war seine Ansicht. Auf diese und alle anderen Informationen hin kam das Kabinett, wenn auch nicht einstimmig, zu ernsten Entschlüssen. Ich erhielt den schriftlichen Auftrag, für den Premierminister ein Telegramm an die Dominien zu entwerfen, worin sie von der kritischen Lage Mitteilung erhielten und zur Hilfeleistung eingeladen wurden. Ich be- reitete dementsprechend eine Note vor, aus der zu entnehmen war, das Kabi- nett hätte beschlossen, einen Angriff der Türken auf Europa abzuwehren, eine Vertreibung der Alliierten aus Konstantinopel durch Mustapha Kemal mit allen Mitteln zu verhüten, vor allem aber die Freiheit der Meerengen zu wahren. Von der französischen Regierung hatten wir die Mitteilung erhalten, daß sie mit uns übereinstimme, Mustapha Kemal zu benachrichtigen, er dürfe die Konstantinopel und die Meerengen schützende neutrale Zone nicht ver- letzen. Die Italiener handelten gleichfalls mit uns im Einverständnis. Wir hofften die militärische Teilnahme Griechenlands, Rumäniens und Serbiens an der Verteidigung der Tiefwasserlinie zwischen Europa und Asien zu er- halten und wandten uns demgemäß auch an sie. Wir benachrichtigten alle Mächte von unserer Absicht, etwas zu unternehmen, und eine britische Division erhielt Befehl, zur Verstärkung der Truppen unter dem Ober- kommandanten der Alliierten, Sir Charles Harington, abzugehen. Die Flotte sollte bis zum vollsten nötigen Ausmaß mitwirken.

Der Zweck dieser Maßnahmen, fuhr die Note fort, war eine Rückversiche- rung während jenes Zeitintervalls, das bis zum Abschlüsse eines ständigen Friedens mit der Türkei verstreichen mußte. Wir schlugen vor, zu diesem Zweck eine Konferenz wahrscheinlich in Venedig oder möglicherweise in Paris abzuhalten. Inzwischen war es wichtig, entsprechende Streitkräfte zu konzentrieren, damit wir unsere Stellungen um die Meerengen und Konstanti- nopel halten könnten. Es schien sehr unwahrscheinlich, daß Mustapha Kemal angreifen würde, wenn eine größere Anzahl von Mächten eine kräftige Front aufstellte. Die Botschaft des Premierministers lautete: „Diese Armeen, die bisher bei den entmutigten Griechen kaum ernsthaften Widerstand begeg-

406

neten, werden auf 60000—70000 Mann geschützt, doch sind zcitgcrcclite Vor- sichtsmaßregeln unbedingt nötig. Bedenkliche Folgen könnten aus einer Niederlage oder aus einem beschämenden Abzug der Alliierten von Konstanti- nopel in Indien oder bei anderen mohammedanischen Völkerschaften, für die

Es würde mich freuen zu hören,

ob die Regierung (von den verschiedenen Dominien) bereit ist, sich unserer

Aktion anzuschließen und ob sie durch ein Kontingent vertreten zu sein

der Bereitwilligkeit aller oder auch nur einer

der Dominien zur Entsendung eines Kontingents, auch von bescheidenem Umfang, würde zweifellos an sich schon einen höchst vorteilhaften Einfluß auf die Lage ausüben."

Am nächsten Morgen (Samstag) entwarf ich auch, auf Wunsch des Premier- ministers und seiner maßgebenden Kollegen (außer Lord Curzon, der sich auf seinem Landsitz aufhielt) ein Kommunique zur Veröffentlichung. Wir dach- ten, daß die Öffentlichkeit nicht länger in Unkenntnis der Lage und ihres Ernstes bleiben sollte. Diese Darlegung wurde wegen ihrer alarmierenden und provokativen Fassung angegriffen und in maßgebenden Kreisen recht ungünstig aufgenommen. Ich freue mich, sie hier wiedergeben zu können, so daß sie nachträglich beurteilt werden kann.

Der Anmarsch der kemalistischen Streitkräfte auf Konstantinopel und die

be-

deuten, wenn man ihnen zustimmt, nichts anderes als die Preisgabe aller Früchte des Sieges über die Türkei im letzten Kriege. Die Tiefwasserrinne, die Europa von Asien trennt und die das Mittelländische mit dem Schwarzen Meer verbindet, be- rührt die gewaltigsten Interessen der Welt, Europas und Großbritanniens. Die britische Regierung erachtet die effektive und andauernde Freiheit der Meer- engen als Lebensnotwendigkeit und ist bereit, für diesen Zweck bis zum äußersten zu gehen. Sie hat mit großer Befriedigung zur Kenntnis genommen, daß ihre An- sichten von Frankreich und Italien, den beiden anderen hauptsächlich interessierten Großmächten, geteilt werden. Die Frage Konstantinopels liegt etwas anders. Seit mehr als zwei Jahren ist es beschlossene Sache, daß die Türken Konstantinopel nicht verlieren sollen, und im Januar des vergangenen Jahres hat man auf der Konferenz zu London den Ver- tretern der türkischen Regierungen zu Konstantinopel und Angora die Absicht der Alliierten zur Rückerstattung Konstantinopels an die Türken mitgeteilt unter der Voraussetzung, daß andere Angelegenheiten in befriedigender Weise geregelt werden. Es ist der Wunsch des britischen Kabinetts, sobald als möglich an einem den übrigen interessierten Mächten genehmen Orte eine Konferenz abzuhalten, bei der ein entschlossener und kräftiger Versuch zur Errichtung eines dauerhaften Friedens

wir die Verantwortung tragen, entstehen

wünscht

Die Bekanntgabe

Dardanellen sowie die von der Angoraregierung vorgebrachten Wünsche

407

*mil der Türkei unternommen werden soll. Eine solche Konferenz kann sich jedoch nicht im die Arbeit machen, noch weniger ihre Aufgabe mit der geringsten Aussicht auf Erfolg durchführen, solange es noch in Frage steht, ob die kemalistischen Truppen die neutrale Zone zum Schutze Konstantinopels, des Bosporus und der Dardanellen angreifen. Die britische und die französische Regierung haben ihre Oberkommissäre in Konstantinopel angewiesen, Mustapha Kemal und der Angoraregierung bekannt- zugeben, daß diese unter der Flagge der drei Großmächte errichtete neutrale Zone respektiert werden müsse. Es wäre jedoch in Anbetracht der aufgeregten Stimmung und der übertriebenen Forderungen der Kemalisten unwirksam und gefährlich, sich auf diplomatische Schritte zu verlassen. Entsprechende Streitkräfte müssen zum Schutze der Meer- engen und zur Verteidigung der Tiefwasserlinie zwischen Europa und Asien gegen einen gewaltsamen und feindseligen Angriff der Türken bereitgestellt werden. Die Vertreibung der Alliierten aus Konstantinopel durch die Truppen Mustapha Kemals wäre ein Ereignis unheilvollster Art und würde zweifellos weitreichende Rückwirkungen in allen moslemitischen Ländern hervorrufen; und nicht nur in allen moslemitischen Ländern, sondern auch in allen während des letzten Krieges niedergerungenen Ländern, die beim Anblick solcher ungeahnter Erfolge durch verhältnismäßig schwache türkische Streitkräfte wesentlich ermutigt würden.

Überdies würde das Wiederauftreten der siegreichen Türken auf dem europä- ischen Ufer am ganzen Balkan eine überaus ernste Situation schaffen und höchst- wahrscheinlich in jenen bereits grausam verwüsteten Gebieten neuerliches aus- giebiges Blutvergießen mit sich bringen. Es ist die Pflicht der Verbündeten aus dem letzten Kriege, dieser großen Gefahr zu begegnen sowie in und um die Meer- engen geordnete, friedliche Bedingungen sicherzustellen, damit eine Konferenz in- stand gesetzt werde, ihre Verfügungen mit Würde und Kraft durchzusetzen und dadurch allein zu dauerhaften Zuständen zu gelangen. Seiner Majestät Regierung ist bereit das ihrige beizutragen und alle möglichen Bemühungen zu einer befriedigenden Lösung zu unternehmen. Sie hat sich in diesem Sinne an die übrigen Großmächte gewendet, mit denen sie verbunden war und die im Verein mit ihr bei der Verteidigung Konstantinopels und der neutralen Zone verbunden sind. Es ist jedoch klar, daß die anderen Verbündeten der Balkanhalbinsel gleichfalls hierdurch aufs äußerste in Mitleidenschaft gezogen sind. Rumänien ist während des Weltkrieges durch die Drosselung der Meerengen zugrunde gerichtet worden. Die Vereinigung der Türkei mit Bulgarien würde für Serbien im besonderen und für Jugoslawien als Ganzes vernichtende Folgen nach sich ziehen. Auch der ganze ins Schwarze Meer abfließende Donauhandel wäre gedrosselt, wenn die Meerengen Kosperrt sind. Die Einbeziehung griechischer Interessen in diese Frage versteht sich

von

selbst.

Die Regierung Seiner Majestät wendet sich deshalb an diese drei Balkanmächtc m der Annahme, daß sie an einer wirksamen Verteidigung der neutralen Zone tcil-

108

nehmen werden. Die Regierung Seiner Majestät hat sieh auch mit den Dominien in Verbindung gesetzt, sie mit den Tatsachen bekanntgemacht und sie eingeladen, sich bei der Verteidigung von Interessen, für die sie schon ungeheure Opfer ge- bracht haben und eines Fleckes Erde, der durch unsterbliche Erinnerungen an die Anzacs 1 ) geweiht ist, durch Kontingente vertreten zu lassen. Es ist die Absicht Seiner Majestät Regierung, die zur Verfügung des alliierten Oberkommandanten in Konstantinopel, Sir Charles Harington, stehenden Truppen sofort und wenn nötig in beträchtlichem Maße zu verstärken; auch ist an die britische Mittelmeerflotte der Befehl erlassen worden, einer Verletzung der neu- tralen Zone oder jedem Versuche zur Überschiffung auf das europäische Ufer seitens der Türken mit allen Mitteln Widerstand zu leisten."

Der Premierminister genehmigte das Telegramm an die Dominien am 15. September vor 7 Uhr abends, es wurde chiffriert und um 11,30 nachts aufgegeben. Dann mußte es befördert, dechiffriert und den verschiedenen Regierungen zugestellt werden. Dieser Vorgang war erst am Nachmittag des 16. vollendet. Zu dieser Zeit hatte die Presse das Communique bereits in claris in die ganze Welt gefunkt und es war bei den Zeitungsredaktionen Kanadas und Australiens eingetroffen, bevor die verantwortlichen Minister die Regierungsdepesche in Händen hielten. Diese Minister sahen sich mithin von besorgten Fragestellern und sogar von ungestümen Freiwilligen belagert, bevor sie noch eine offizielle Verständigung erhalten hatten, was für alle Be- teiligten ärgerlich war. Keiner der britischen Minister hatte vorausgesehen, daß ein 17 Stunden früher genehmigtes und mit einem Vorsprung von 12 Stunden aufgegebenes Telegramm von den Zeitungsagenturen überholt werden könnte. Überdies war ja die Bekanntmachung des Communiques eine gesonderte Verfügung, die infolge des zunehmenden Ernstes der Situa- tion und der Pflicht der Regierung zur Warnung der Öffentlichkeit getroffen wurde.

Die Minister der Dominien waren aber dadurch in eine falsche Lage ge- bracht und natürlich entrüstet. Sie protestierten kräftig gegen den Vorgang. Die im Mutterlande empfundenen Zweifel und die allgemeine Ablehnung der gräcophilen Politik Lloyd Georges sowie die Unzufriedenheit über die inter- allierte Behandlung des Orientproblems übertrugen sich auf die Regierungen und Völker Kanadas und Australiens. Auch sie waren sich gleich der öffent- lichen Meinung in England, des schützenden Einflusses der griechischen

Sammelname

für die Freiwilligcntruppen der selbstverwaltcnden Dominien: Australia, New Zealand, Africa, Canada. (D. Übers.)

*) Anzac,

ein

während

der

Dardanellenbelagerung

1915

aufgekommener

409

Armeen nicht bewußt, unter dem wir alle in friedlichem Gleichmut drei Jahre dahinleben durften. Gleich der britischen öffentlichen Meinung waren sie nicht imstande, die große Veränderung wahrzunehmen, die unsere eigenen Angelegenheiten durch die Vernichtung dieser Armeen erlitten hatten. Den- noch leisteten alle Dominien dem Aufrufe Folge und erklärten ihre Bereit- willigkeit, im Notfalle ihren Teil beizutragen, natürlich nur mit Zustimmung ihrer Parlamente. Am Abend des 16. September telegraphierte die Regierung von Neuseeland, „sie wünsche sich der bevorstehenden Aktion anzuschließen und werde ein Kontingent schicken"; und am 20. „das Abgeordnetenhaus hat einstimmig den Vorgong der Regierung gebilligt und über 5000 Frei- willige haben bereits ihren Namen in die Liste für aktive Dienstleistung ein- tragen lassen". In wenigen Tagen war diese Zahl bereits auf 12000 ange- wachsen aus einer Gemeinschaft von 1400000, deren männhehe Jugend schon im großen Kriege dezimiert worden war. Ähnliche Kundgebungen fanden in Kanada und Australien statt, und beide Regierungen wurden noch lange nach Abflauen der damaligen Krise von ehemaligen Soldaten bedrängt, die dem Rufe Folge leisten wollten. Wir legten natürlich den Antworten Australiens und Neuseelands besondere Bedeutung bei wegen der Erfah- rungen, die dje Türken und vor allem Mustapha Kemal während des Welt-

i krieges mit den Anzacs gemacht hatten. Es konnte gegen eine Gewaltat I der Türken kein besseres Abschreckungsmittel geben, als die Aussicht auf 5 einen neuerlichen Zusammenstoß mit den schrecklichen Freiwilligenscharen

« von den Antipoden. Es steht außer Zweifel, daß dieser Umstand, dessen Be-

| kanntwerden wir uns angelegen sein ließen, bei der schließlichen Vermeidung j des Krieges eine große Rolle spielte,

i Inzwischen hatten die Meinungsverschiedenheiten zwischen England und

Frankreich zu 1 einer kläglichen Episode geführt. Am 18. September verfügten aus Paris eingetroffene Befehle den Abtransport der französischen Abteilungen von der Seite ihrer britischen Kameraden bei Tschanak und auf der Ismid- halbinsel. Die Italiener begleiteten die Franzosen bei ihrem Abzug, und das britische Reich war gezwungen, sich dem Vormarsch der türkischen Armeen allein entgegenzustellen. Die Bekanntmachung über den Abzug der Truppen dieser beiden | Großmächte mußte natürlich die wildesten Ambitionen der Türken entflammen. Was konnte denn, mußten sie sich fragen, England, das selbst damals noch keineswegs über den Ausgang der Affäre im klaren war, was konnte das kriegsmüde, verarmte, demobüisierte England allein voll- bringen ? Die Türken wußten also, daß ihnen von nun an nur eine Macht

entgegentrat. Glücklicherweise befand sich an ihrer Spitze ein Führer, der so manches verstand. Wir übergehen hier mit Absicht die skandalösen gegenseitigen Beschuldi- gungen, die anläßlich der Anwesenheit Lord Curzons in Paris vorgebracht wurden. Es waren die Ärgsten Jahre in den anglo-französischen Beziehungen des 20. Jahrhunderts mit all seinem Ungestüm, und es war der allerschlcch- teste Augenblick. Wir sind durch dieses stürmische Wetter zu besseren Tagen gelangt. Es genügt zusammenfassend zu erwähnen, daß die Franzosen er- klärten: „Wir werden die Türken mittels unserer Diplomatie zum Stehen bringen." Worauf die Engländer erwiderten: „Eure Diplomatie wäre gar nichts wert ohne unsere Bajonette. Diese sind aufgepflanzt." Unterdessen war die Angelegenheit auf eine Weile ins militärische Fahr- wasser geraten. Die Beherrschung der verhängnisvollen Meerengen war offen- bar durch die beiderseitige Besetzung der Dardanellen mit unseren Truppen erleichtert. Das Festhalten von Tschanak am asiatischen Ufer war also wünschenswert; ein wertvolles, obschon meiner Ansicht nach nicht unent- behrliches Außenfort. Ursprünglich hatte das Kriegsministerium ein Fest- halten Tschanaks nicht ins Auge gefaßt und am 11. dem General Harington mitgeteilt, es bleibe ihm überlassen, den Platz zu räumen. Er erhob jedoch gegen diesen Beschluß in Anbetracht der Wichtigkeit dieses vorge- schobenen Stützpunktes für die Verteidigung der Halbinsel Gallipoli Ein- wendungen und erhielt dann die Weisung, den Platz als eine Art Nachhut zu halten. General Harington bediente sich dieser Ermächtigung und sandte am 19. an Generalmajor Marden, den Kommandanten von Tschanak, folgenden Be- fehl: „Sie müssen Tschanak mit den mir zur Verfügung stehenden Kräften solange als mögHch halten. Ich übermittle diesen Beschluß an die Regierung. Meiner Ansicht nach wird Kemal angesichts des französischen Abzugs von Tschanak die britische Politik dort herausfordern. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er aber halt machen und nachdenken, wenn Sie ihm dort mit Unterstützung der Flotte entgegentreten. Ihr dortiger Widerstand dürfte weitere Ungelegenheiten verhüten."

Am 20. telegraphierte er an das Kriegsministerium: „Wenn wir fest bei unserem Entschluß bleiben, glaube ich, daß die Engländer die Aufgabe auch ohne sie (d. s. die Franzosen und Italiener) durchführen können, so daß Sie meiner Ansicht nach wegen ihrer Handlungsweise nicht beunruhigt zu sein brauchen. Meinen Nachrichten zufolge werden seine (Kemals) Minister mor-

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gen zu einer Konferenz nach Smyrna einberufen. Offenbar soll dort be- schlossen werden, ob er es mit England und seinen Dominien aufnimmt. Meine eigene Ansicht ist, daß er es nicht wagen wird." Am selben Tage (20. September) beschäftigte sich das Kabinett mit der durch den Abzug der Franzosen und Italiener geschaffenen Situation, wobei die Stabschefs über die militärischen Aussichten berichteten und kräftige Entschlüsse gefaßt wurden. General Harington erhielt die Weisung, die Ver- teidigung von Tschanak sei seine erste Pflicht; die Verteidigung von Kon- stantinopel komme an zweiter Stelle und die Verteidigung der Halbinsel Ismid sei nebensächlich. Am 22. September verständigte General Harington Mustapha Kemal durch die kemalistischen Vertreter in Konstantinopel, er hätte Befehl, die neutrale Zone zu verteidigen. Am 23. drang türkische Kavallerie in der Stärke von 1100 Mann in die neutrale Zone ein und bewegte sich gegen Eren-Koi. Der britische General in Tschanak erinnert« den tür- kischen Kommandanten daran, er hätte durch Überschreiten der Zone eine kriegerische Handlung begangen, und man wäre gezwungen, auf ihn das Feuer zu eröffnen, wenn er sich nicht zurückzöge. Die Haltung des türkischen Offiziers war korrekt und vernünftig, und die türkische Kavallerie zog sich am Morgen des 24. jenseits der neutralen Zone zurück. Am 25. kehrte sie in der Stärke von 2000 Mann mit Maschinengewehren nach Eren-Köi zurück. Hier blieben sie jetzt, halsstarrig und anmaßend, aber voll Höflichkeit und Lust zum Parlamentieren — und in unzweifelhafter Verletzung der neutralen Zone.

Beide Parteien hatten ein Interesse daran, Zeit zu gewinnen; denn die Türken besaßen nur Berittene ohne Artillerie, und wir verschoben eiligst Ver- stärkungen, Artillerie und Luftstreitkräfte auf den Schauplatz, so schnell als Schiffe oie nur tragen konnten. Anfänglich war Tschanak auf einer vier Meilen breiten Front nur durch 3 1 / 2 Bataillone und 2 Feldbatterien verteidigt, wozu natürlich die Unterstützung der nahezu unberechenbaren Geschützkraft der Flotte kam. Das Feuer ans Schiffsgeschützen gegen Landbefestigungen hatte seit 1915 bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Die mächtigsten Schlacht- schiffe der Flotte lagen auf dem Wasser und waren von zahllosen Kreuzern und Flottillen begleitet. Alle Scbußelemente waren ermittelt und das Feuer konnte durch ungehinderte Fliegerbeobachtung reguliert werden. Unsere Infanterie war demnach durchwegs vom Feuer einer Artillerie gedeckt, die der eines ganzen Armeekorps gleich und möglicherweise weit überlegen war. Am 28. war Tschanak bereits von 6 Bataillonen verteidigt und auf der Galli-

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polihalbinsel gelangten 3 neue Haubitzbatterien zur Aufstellung. 36 Ge- schütze mittleren Kalibers befanden sich unterwegs; 16—20-cm-Haubitzen wurden verladen. Auch die Luftstreitkräfte nahmen gewaltig zu. Zum „P«gasu$" mit seinen 5 Hydroplanen stieß am 27. der „Argus" mit 6 Hydro- phanen und 4 Kampfflugzeugen; am 29. trafen 13 Apparate des 209. Flug- geschwaders ein. 3 weitere Geschwader mit 36 Apparaten waren zwischen 9. und 10. Oktober fällig. Der Premierminister ersuchte mich, den Vorsitz über ein Kabinettskomitee für das richtige Zusammenwirken der Marine-, Militär- und Luftstreitkräfte zu übernehmen. Die Woche vom 20. bis zum 28. war sorgenreich. Die Nach- richten über die Türken blieben verschleiert. Bisher war nichts erschienen als Kavallerie, völlig unfähig, Grabenstellungen anzugreifen. Wir blieben aber im unklaren darüber, wo sich die Spitzen der von Smyrna nach Kon- stantinopel marschierenden Infanteriekolonnen befanden; oder ob sie zum Angriff auf Tschanak abbiegen würden und welche Artillerie und Munition ihnen zur Verfügung stand. Wir wußten nur, daß wir eine zwar bescheidene, aber mit Draht gut befestigte Grabenstellung, leichte Überlegenheit der Luft- streitkräfte und große Artillerieüberlegenheit besaßen; auch daß die Türken weder Tanks noch Giftgas mit sich führten. Das war schon allerhand. Aber vom 28. an, als unsere Luftüberlegenheit stieg und die Haubitzen vor Galli- poli in Stellung gebracht waren, mußte man mit Gewißheit annehmen, daß die britischen Streitkräfte nur durch eine bedeutende kriegerische Operation verdrängt werden konnten. Gewiß hätte in den Jahren 1917—1918 an der Westfront niemand den Versuch unternommen, eine solche Stellung anzu- greifen, wenn er nicht mindestens gleichwertige Artillerie und Luftstreit- kräfte in der Operationszone sowie eine Feuerüberlegenheit von zwei oder drei zu einem Gewehr im Gefechtsfeld entwickeln konnte. Alle Erfahrungen zeigen, daß das einfache Vortreiben von Infanteriemassen gegen Maschinen- gewehre und gutgeschulte Schützen hinter Stacheldraht nur ein um so größe- res Gemetzel bedeutet, je länger es fortgesetzt wird; es sei denn, die Angriffs- artillerie hatte die gegnerincho niedergekämpft und die Infanteriestellungen zermürbt. Und selbst wenn die Angriffsartillerie die Verteidigung nieder- gekämpft hat, ist es hunderte Male in großem Maßstab blutig erwiesen wor- den, daß ohne Tanks und Gas die Aussichten eines Angriffs zweifelhaft sind. Ich erinnerte mich besonders an den zurückgeschlagenen Angriff der Türken durch die Anzacs am 19. Mai 1915 nach der ersten Landung auf der Halbinsel Gallipoli. Damals hatten die Anzacs mit weitaus unbedeutenderer

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Artillerie und fast ohne Luftstreitkräfte den bestgesehulten Truppen der türkischen regulären Armee im Verhältnis von 1: 3 gegenübergestanden. Aber die Türken, die mit äußerster Tapferkeit angriffen, schmolzen im Feuer zusammen und ließen so viele Tausende von Leichen zwischen den Linien, daß die einzige Waffenruhe des Gallipolifeldzuges aus sanitären Rücksichten im beiderseitigen Einverständnis vereinbart werden mußte. Nach dem 28. September bestand also kein Grund zur Beunruhigung über die taktische Lage bei Tschanak.

Die verläßlichste Beruhigung verlieh aber die strategische Situation. Warum «olltc ein tüchtiger und erfahrener Soldat und fähiger Mann wie Mustapha Kemal von seinem Marsch auf Konstantinopel abzweigen und seine ermüdete und schworgeprüfto Armee gegen befestigte Stellungen der Engländer anführen. Was waren seine taktischen Gewinne durch die Ver- schwendung seiner Mannschaft und spärlichen Munition auf einen solchen Art liehen Hahnenkampf ? Was konnt e er für strategische Gewinne durch die Verzögerung seines Eintreffens auf der Ismidhalbinfiel und der Verbindung mit seinen Anhängern in Konstantinopel erzielen? Jeder Tag, um den er später vor Konstantinopel eintraf, bedeutete für ihn eine Gefahr. Er wußte, daß sich in Thrazien eine seiner eigenen nahezu gleichwertige griechische Armee befand. Eine Militärrevolution war in Athen den Katastrophen von Kleinasien gefolgt. Konstantin war abermals davongejagt worden, und die griechischen Militärbehörden hatten ihren Entschluß zur Verteidigung Ost- thraziens kundgemacht. Jeder Tag, den sie für die Retablierung ihrer Streit- kräfte und für das Beziehen vorgeschobener Stellungen vor der Tschatal- dschalinie gewinnen konnten, war für Kemal nachteilig. Und während der ganzen Zeit lockte Konstantinopel voll von Anhängern Kemals und ohne besondere Vertcidigungsmittel, ausgenommen die Höflichkeiten und Ent- schuldigungen M. Franklin-Bouillons. Tatsächlich wich Mustapha Kemal niemals einen Meter von seinem Wege ab. Wie ein kluger Mensch eilte er so schnell er konnte dem großen und leichten Ziel entgegen und verwendete nur die Kavallerie seiner Seitenhut dazu, sieh den Anschein der Stärke und An- griffslust gegen die Engländer bei Tschanak zu geben. Seine Kavallerieoffi- ziere hatten die bindendsten Befehle, jeden Zusammenstoß zu vermeiden und vor allem in freundliches Parlamentieren einzugehen. Ihre unverschämt gute Laune erwies sich gegen den strengsten und förmlichsten Unwillen gefeit. Sie versuchten um jeden Preis zu fraternisieren und brachten sogar Bitten um Lagerausrüstung und kleinere Annehmlichkeiten des Soldatenlebens vor. Die

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j

britischen Streitkräfte in Tschanak hatten sich tatsächlich niemals in Gefa' befunden. Die Drohung -war nur gegen Konstantinopel gerichtet; aber d Verteidigung Konstantinopels in Abwesenheit der anderen Großmächte w nicht in erster Linie eine britische Verantwortung. Ich verfaßte für ein kleines Komitee am 30. September eine Note, di soweit sie Wesentliches enthält, hier abgedruckt werden kann.

Tschanak

30. September

192.

bisher unser e Stellung in Tschanak so beurteilt , al s «i

wir dort voraussichtlich dem Angriff der ganzen kcmalistischen Armee aitHgcsct:

wären. Es scheint

befinden sich mit Griechenland im Kriegszustand; ihr wichtigstes Zie l ist , nu r

Thrazien zu gelangen und dort die griechische Armee zu vernichten. Es hätte keine Sinn, wenn sie versuchten, über die DnTdnnelle n oder das Mnrmnrnmeer z u setze t

Ih r einzi g gangbarer Weg nach

F.nropa fuhr t (iiie r den Bosporus oder mögliche:

jedoch nich t wahrscheinlich, daß die s zutrifft . Die Kcmnlinl c

Wir habe n klugerweise

weise über das Schwarze Meer. Wahrscheinlich dirigieren sie jetzt und üherhnu p seit dem Fall von Smyrna die Streitkräfte ihrer Armee nur gegen die Ismidhnll Insel, mit der Absicht, den Bosporus zu übersetzen; nach Tschanak haben sie wnh i scheinlich nur Kavallerie und unbedeutende Streitkräfte abdisponiert, um die Enf

länder dort festzuhalten und eine Anzahl von Geschützen an dem unbesetzte Dardanellenufer aufzustellen. Jedenfalls wird sich Kemal entscheiden müssen, ob er übor den Bosporus nae Thrazien marschieren und dort mit der griechischen Armee zusammenstoßen, ode ob er den Versuch unternehmen will, die Engländer bei Tschanak niederzuringer Er würde durch Anwendung halber Maßnahmen, nämlich schwacher Angriffe gege; die Engländer bei Tschanak und unzureichender Streitkräfte zur Bezwingtwg de griechischen Armee in Thrazien, sicher einen großen Fehler begehen. Wir wollet diese beiden Möglichkeiten nacheinander untersuchen und die weniger wnhrsehein liehe zuerst vornehmen. Wenn Kemal mit der Hauptkraft seiner Armee, seiner Artillerie und begrenzte:

Munition Tschanak »ngreift, so wird den Griechen zur Rctablicrung und Verstür kung ihrer Armee reichlichst Zeit gelassen Wenn er sich aber, wie es wahrscheinlich der Fall ist, für die zweite Alternative

entscheidet, so könnte er i n etwa drei Wochen jenseit s der TsehntnldRchnlini e mit

den Grieche n in Berührung sein. In diese m Falle würde er zweifello s

gctillgcnd t

Streitkräfte zurücklassen, um uns festzuhalten, würde abe r keine n ernsthaften un d kostspieligen Angriff unternehmen. Auch würde er sein e Munition kaum zur Be - schießung von Schiffen in den Meerengen vom asiatischen Ufer der Dardanellen

aus verschwenden. Von Ende

engagiert sein. Wenn wir vom Augenblick des Beginns der Feindseligkeiten die richtigen Maßnahmen getroffen haben, so wird unsere Stellung dann überaus stark sein. Die Beherrschung des Marmarameeres und unsere maritime Stärke werden

Oktober a n

wird e r

bereits i n

Thrazie n

schwe r

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uns instand setzen, unsere Streitkräfte mit der größten Geschwindigkeit in ver« schiedene Richtungen zu verschieben. Man kann eich kein prächtigeres System innerer Linien und Wasserkommunikationen vorstellen als jeneB, das uns zur Ver»

fügung stehen wird

gierten türkischen Armee, deren Etappenlinie sich längs der Halbinsel Ismid hin- zieht, während eine geschlossene britische Armee in Gallipoli und Tschanak bereit steht, mit Hilfe der Flotte diese Etappenlinie zu unterbinden — eine derartige Lage wäre in der Tat eine verlorene Je länger man die Lage betrachtet, um so mehT werden die strategischen Vor- teile der britischen Stellung bei Tschanak und Gallipoli offenbar. Kemal wird eich in einem überaus peinlichen Dilemma befinden. Kr muß »ich entweder bei den Eng- ländern in Tschanak die Zähne ausbeißen, während die griechische Armee taglich stärket wird, oder er muß »ich beeilen, nach Thrnr.len zu gelungen, wo et taUttch- lieh in eine Todesfälle gerät Es bleibt, wie beinahe immer, noch eine dritte Annahme, nämlich, daß Kemal sowohl die Zwccklosigkeit längerer und ernstlicher Angriffe gegen die Engländer bei Tschanak als auch die Gefahr erkennt, in Thrazien engagiert zu sein, während die Engländer seine Verbindungslinien bedrohen, und daß er vor beiden Operations- plänen zurückschreckt. In dienern Falle werden wir unser gegenwärtiges Ziel ohne ernstliche Feindseligkeiten erreicht haben. Man wird die Verhandlungen wieder aufnehmen, doch in einer wesentlich anderen Atmosphäre, als sich jene in Paris abspielten. Gestattet man den Türken im Verlaufe dieser Verhandlungen die" Rück- kehr nach Konstantinopel und Thrazien, so braucht dies nur unter solchen Be- dingungen zu geschehen, die wir als Bürgschaften für einen andauernden Frieden erachten. Ich hoffe, wir werden die Stärke unserer Position erkennen, bevor wir Schritte unternehmen, die sie zunichte machen.

Die Lage der mit den Griechen in Thrazien schwer enga-

Der Höhepunkt von Tschanak war am 28. September erreicht, als General Harington berichtete, daß die Türken namhafte Kräfte um die britischen Stellungen versammelten, „durch den Stacheldraht grinsten", daß sie offen- bar auf Befehl handelten,, daß alles Mögbxhe geschehen war, um einen Zu- sammenstoß zu vermeiden, daß aber die Situation unhaltbar werde. Er be- richtete auch, die britischen Stellungen wären „stark, gut verdrahtet und gut situiert". Das Kabinett erteilte daraufhin dem General die Weisung, in einem kurzbefristeten Ultimatum den Türken nahezulegen, sie sollten die neutrale Zone verlassen und sich von Tschanak davonscheren; auch wurde er ermäch- tigt, nach Ablauf der Frist, alle ihm zur Verfügung stehenden Streitkräfte auszunützen. Der General brachte es jedoch zuwege, alle bestehenden Schwie- rigkeiten zu überwinden, ohne sich der ihm übertragenen gewaltigen Voll- macht zu bedienen. Takt, kühles Abwägen und Geduld General Haringtons waren beispielgebend. Es traf sich glücklich, daß unmittelbar nach der Ab-

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Sendung der grimmigen Kabinettsorder die türkischen Provokationen, die jene hervorgerufen hatten, nachließen. Am 30. berichtete der Kommandant • bei Tschanak, General Marden, es gebe keine Anzeichen für einen türkischen Artillerie- oder Infanterieangriff gegen ihn; seine Truppen befänden sich nicht in Gefahr. Und da die britische Stellung mit jedem Tage an Starke gewann, hielt es General Harington nicht für notig, ein Ultimatum abzusenden; auch ereigneten sich keine Zwischenfälle, die eine Eröffnung des Feuers erfordert hätten. Das Kabinett fühlte sich von dieser günstigen Entwicklung der Dinge sehr erleichtert und billigte am 1. Oktober das maßvolle Verhalten des Kommandanten.

Inzwischen hatte man nach schwierigen Verhandlungen mit den Fran- zosen am 23. September an Mustapha Kemal eine gemeinsame Einladung zu einer Konferenz am Ufer des Marmarameeres in Mudania gelangen las- sen. Die Einladung enthielt weitgehende Angebote, hanptnttchlieh auf Konten der Griechen. Die drei verbündeten Regierungen versprachen der Türkei die Rückerstattung Thraziens bis zur Maritza und Adrianopels, ferner ihren Abzug aus Konstantinopel nach Friedensschluß, schließlich die Zu- lassung der Türkei zum Völkerbund. Mustapha nahm die Einladung an und setzte den 3. Oktober fest. Nach Mudania begab sich aber leider auch der uncpialifizierbare M. Franklin-Bouillon, dessen Bemühungen darauf gerichtet waren, die Türken zu Hoffnungen zu verleiten, die sie von den Engländern niemals erlangen konnten, und ihnen den Glauben beizubringen, daß die Engländer letzten Endes abgeneigt oder unfähig wären, zu kämpfen. Haupt- sächlich als Ergebnis seiner Tätigkeit war eine Sackgasse bald erreicht und die Vertreter der Alliierten kehrten am 5. Oktober nach Konstantinopel zurück. Von der Aussicht auf Krieg erschüttert, rieten der französische und der italienische Oberkommissar zu bedingungsloser Unterwerfung. Sir Horace Rumbold blieb jedoch unerschütterlich bei den Vorschlägen vom 23. Sep- tember, und General Harington erhielt aus London die Weisung, keine weite- ren Zugeständnisse zu machen. Die Nachricht von einem bevorstehenden Ultimatum wurde den Türken aus französischen und italienischen Quellen bekannt. Das unausgesetzte Eintreffen von britischen Truppen, Artillerie und Aeroplanen in den Dardanellen war deutlich wahrnehmbar. Als die Konferenz zu Mudania wieder aufgenommen -Wurde, erklärten sich die Türken nach längeren Unterhandlungen bereit, einen Waffenstillstand zu unterferti- gen. Dieser schrieb den Rückzug der Griechen hinter die Maritza und den Abzug griechischer Zivilbehörden aus Ostthrazien vor; andererseits verpflich-

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ChuTohill ,

Di« W-ltkriiU

1916/18.

Bd.

V.

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toten sich die Türken, die neutrale Zone anzuerkennen und bis zur Rati- fizierung des Vertrages in Ostthrazien keine Armee aufzustellen. Die Geschichte von Tschanak ist in verschiedener Beziehung belehrend. ' Sie erhöht das Ansehen General Haringtons, der den Wert und die Bedeu- tung der Stellung von Tschanak hervorhob, hartnackig an ihr festhielt und kühle, taktvolle Diplomatie mit militärischer Festigkeit zu verbinden wußte. Es besteht kein Zweifel, daß die Haltung der britischen Regierung und der Dominien, besonders Australiens und Neuseelands, eine Erneuerung des Krieges in Europa verhinderte und den Verbündeten gestattete, ohne äußerste Beschämung den Folgen ihrer jämmerlichen, zwiespältigen Politik zu ent» rinnen. In Anbetracht der begrenzten Ressourcen, der allgemeinen Erschlaf- fung, der unsicheren Stellung der Regierung und ihrer abnehmenden Autori- tät in der Heimat und Übersee war die Erreichung eines „ehrenvollen Friedens" bemerkenswert. Sie schuf die Grundlage, auf der ein Friede mit gegenseitiger Achtung später in Lausanne mit den Türken verhandelt werden konnte. Die kräftige Haltung Englands hat uns keineswegs die dauernde Feindschaft der Türken zugezogen, sondern vielmehr bei ihnen ein Gefühl der Bewunderung, sogar des Wohlwollens hervorgerufen und wird unsere künftigen Beziehungen mit der modernen Türkei eher erleichtern als er- schweren.

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Der Vertrag von Lausanne erfolgte nach entsprechender Zeit. Er stand in überraschendem Gegensatz zum Vertrag von Sevres. Die Großmächte, die in so großartiger Weise den Türken Bedingungen diktiert hatten, nicht nur für einen Frieden, sondern geradezu für ihre nationale Ausrottung, sahen sich nunmehr zu Verhandlungen auf einer wesentlich reduzierten Basis ge- zwungen. Der Türke wurde in Konstantinopel wieder eingesetzt und erhielt große Teile Ostthraziens zurück. Jede Art von ausländischer Herrschaft oder Bevormundung wurde hinweggefegt. Die Kapitulationen, die viele Jahr- hunderte hindurch Kaufleute und Untertanen abendländischer Nationen in der Türkei gegen orientalische Mißwirtschaft oder Rechtlosigkeit geschützt hatten, wurden abgeschafft. Die Herrschaft über die verhängnisvollen Meer- engen kehrte nahezu unverhüllt wieder an die Türkei zurück. Mustapha Kemal überließ klugerweise die arabischen Provinzen des Ottomanischen Reiches den verschiedenen Mandatarmächten; das Schicksal von Mossul stellte er dem Völkerbunde anheim. Durch eine Reihe von außerordentlichen Maßnahmen wurden alle griechischen Einwohner in der Türkei, ebenso wie

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eine noch immer beträchtliche, aber geringere Anzahl türkischer Einwohner in Griechenland, gegenseitig ausgetauscht und ihrem nationalen Herrschafts- bereich einverleibt. Die Türkei verlor dadurch eine große Menge von Unter- tanen, die jahrhundertelang im wirtschaftlichen Leben eines jeden türkischen Dorfes, einer jeden Stadt wichtige Rollen gespielt hatten. Das verarmte und niedergeschlagene Griechenland erhielt einen Zuwachs von 1250000 Flücht- lingen, die sich unter dem Druck des Unglücks und der Entbehrungen bereits zu einem neuen nationalen Element zu entwickeln beginnen. Sogar diese Be- dingungen sind von Großbritannien, Frankreich und Italien nicht ohne hart- näckige Verhandlungen erreicht worden. Sie wären überhaupt nicht erreicht worden, wenn Lord Curzon nicht das von Großbritannien während seiner standhaften Haltung in Tschanak erworbene Prestige in meisterhafter und beharrlicher Weise auszunützen verstanden hätte.

Der unselige Gunaris und einige geschlagene Feldherm wurden als Opfer der bitteren Enttäuschungen Griechenlands über die Folgen der Wahlen von 1921 in Athen erschossen.

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