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Kultur

Mittwoch, 8. Februar 2017

Eine kleine Rebellion in Rot

Zug Der nüchternen Strenge gradliniger Architektur Paroli bieten – das soll die auffällige Stahlplastik auf dem Platz vor den Verwaltungsgebäuden am Aabach. Es gelingt ihr ganz gut.

Andreas Faessler andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Die 1991 errichteten Verwal- tungsgebäude an der Aabach- strasse lässt man aus ästhetischer Sicht wohl vornehmlich links lie- gen – zumindest dem Schreiben- den geht das so. Zu farblos sind die streng gegliederten Fassaden

das so. Zu farblos sind die streng gegliederten Fassaden Hingeschaut mit ihrer durchgehend recht- winkligen Struktur

Hingeschaut

mit ihrer durchgehend recht- winkligen Struktur und aus- schliesslich geraden Linien, um explizit Aufmerksamkeit zu erre- gen. Und das alles in allmählich leicht verwittertem Grau. Einla- dend sieht irgendwie anders aus. Seit dem Bau des Quartiers Gra- fenau Nord Ende der 1990er- Jahre bildet das Verwaltungsen- semble immerhin einen archa- isch wirkenden Abschluss der entstandenen Gebäudeflucht.

Und Bestandteil dieses Ab- schlusses ist ein auffälliges Ob- jekt, das sich gegen die architek- tonischen Strukturen hier aufzu- lehnen scheint – in Farbe und Form. Der gebürtige Luzerner Künstler Roland Heini (*1960) hat mit seinem so genannten «Objekt» eine Art Gegenpol zur rundum herrschenden Gradlinig- keit geschaffen und auf den Platz vor dem Eingangsbereich der beiden Gebäude gesetzt – Rot wie die Sünde. Aus Stahlblech gefer- tigt, vereint die Plastik in sich

Aus Stahlblech gefer- tigt, vereint die Plastik in sich Ein Kontrastakzent zur streng gradlinigen Architektur:

Ein Kontrastakzent zur streng gradlinigen Architektur: Roland Heinis tiefrotes «Objekt» bei den Verwaltungsgebäuden am Aabach rückt bei frontaler Betrachtung leicht aus der eigenen Mittelachse hinaus. Bild: Stefan Kaiser (6. Februar 2017)

zwar ebenso eine klare Regel- mässigkeit und Strukturiertheit wie die Architektur der Kulisse, aber einerseits steht ihre zylin- drische Form im kompletten Gegensatz dazu, und anderer- seits durchbricht sie all die Recht- winkligkeit, indem sie leicht, aber deutlich sichtbar von ihrer verti- kalen Achse abrückt, sich gegen rechts neigt. Je nach Standort und

Blickwinkel des Betrachters scheint der Turm demnächst seit- lich wegzukippen – je weiter links man steht, desto schiefer scheint der Zylinder. Bewegt man sich aber Richtung Aabachkreisel, er- scheint er plötzlich wieder ker- zengerade. Sehr raffiniert. Das «Objekt» fusst auf einem Stahl- rohr und gleichzeitig auf einem schlanken Betonmauerstück,

welches die quadratische Platten- verkleidung der umliegenden Fassaden zitiert, allerdings weder im rechten Winkel noch parallel zu Gebäudekanten oder Treppe steht. Apropos: Spannend ist fer- ner, dass die Skulptur nicht ein- fach auf die Ebene des Platzes ge- setzt, sondern auf den oberen Treppenstufen des vorgelagerten Aufgangs platziert ist – neben Far-

be und Form ein weiterer Aspekt, der das Spannungsfeld zwischen der architektonischen Gradlinig- keit und der Beschaffenheit des «Objekts» verstärkt.

Erst auf den zweiten Blick über- dies erkennt der Betrachter, dass die sieben roten Scheiben jeweils auf einem eingerückten Zwi- schenstück liegen. Diese sind

gegen oben hin verjüngend ange- ordnet, sprich, haben einen klei- ner werdenden Durchmesser. So wirkt die Plastik im oberen Be- reich trotz ihrer Schwere luftiger. Stellt man sich direkt unter den Zylinder, erkennt man über- rascht, dass es sich bei diesen Zwi- schenstücken in Tat und Wahrheit um einen gegen oben offenen Kegel handelt, um welchen sich die vermeintlichen Scheiben demzufolge als Ringe schliessen.

Der aus Sursee stammende Ro- land Heini findet seine Inspira- tion in Strukturen, die im Kontext mit der Existenz des Menschen stehen. Seien es architektonische Formen oder Vorlagen aus Indus- trie und Technik – er fasst sie auf, ordnet sie, selektiert, grenzt sie ein oder multipliziert sie. Heini verwendet hauptsächlich indust- riell hergestelltes Material. Im Zuge seiner Arbeit kann sich eine Kontinuität oder ein gegliederter Prozess auch verändern und vom eigentlichen Thema abrücken.

Nach einer Lehre als Chemie- laborant studierte Roland Heini Dreidimensionales Gestalten an der Kunstgewerbeschule Lu- zern. Danach folgte eine Weiter- bildung an der Akademie der Bil- denden Künste in Wien. Heini lebt und arbeitet heute in Zürich. Er führte viele Aufträge für den öffentlichen Raum aus – zahlrei- che davon in seinem Heimatkan- ton Luzern.

Hinweis Mit «Hingeschaut!» gehen wir De­ tails mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach. Frühere Beiträge finden Sie online unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut.

Ein Leben auf der Schneide von Gestern und Heute

Zug Mit «Desde que el Mundo es Mundo» zeigt der Fliz Filmclub eine gefühlvolle Dokumentation über das einfache Leben einer kastilischen Bauernfamilie.

Überalterung, Arbeitslosigkeit, Monotonie des Alltags: Die Gründe für die Landflucht der jungen Generation ähneln sich rund um den Globus. Sie ist vie- ler Dörfer langsamer Tod. Dass der österreichische Filme- macher Günter Schwaiger seine Doku «Seit die Welt Welt ist» ausgerechnet im kleinen kastili- schen Dorf Vadocondes, welches ebendieses schleichende Schick- sal ereilt, dreht, geht auf die zufällige Begegnung mit dem Bauern Gonzalo zurück. Dessen im Spanischen Bür- gerkrieg ermordeter Onkel war vor Ort in einem Massengrab verscharrt worden. Bei der Ex- humierung der Grabstätten lern- te Schwaiger den 55-jährigen Landwirt kennen, worauf dieser den Filmemacher in sein Leben Einblick nehmen liess. Daraus hervorgegangen ist ein auf- schlussreiches, einfühlsames, liebevolles und auch sinnliches Porträt – eines Mannes, einer Familie, eines Dorfes. Gonzalo, seine Frau Rosa und seine drei Söhne Luis, Rodrigo und Guillermo gehören zu den 300 verbliebenen Einwohnern der im Dämmerschlaf liegenden

Gemeinde, in der kein Verstorbe- ner «ersetzt wird». Ihnen war es noch nie gut gegangen, aber seit es durch die Wirtschaftskrise fast dem gesamten Mittelstand in Spanien gleich schlecht geht, ist dieser Umstand mit einer gewis- sen Genugtuung zu ertragen. Das einfache Bauernleben ist hart. Gonzalo und seine Söhne, von denen wohl nur Luis als Nachfolger des Vaters im Dorf bleiben wird, stellen den Betrieb sicher und versorgen die fünf- köpfige Familie so weit wie mög- lich selbst. Aber zum Leben wirft der Betrieb angesichts der schwierigen Lage im Land trotz- dem nicht genug Geld ab – ein Glück, dass Gonzalos Frau in der Stadt eine Anstellung als Kran- kenschwester hat.

Lichtblicke im ständigen Existenzkampf

Günter Schwaiger agiert vor- nehmlich als unsichtbarer Beob- achtender, hält wohlgewählte Szenen des Alltags der Familie und auch der Dorfbewohner fest, die in der Summe dem Betrachter ein Gefühl für das hiesige Leben mit all den grossen und kleinen Sorgen gibt. Das Hauptproblem –

den grossen und kleinen Sorgen gibt. Das Hauptproblem – Bauer Gonzalo und sein ältester Sohn Luis

Bauer Gonzalo und sein ältester Sohn Luis leben im kleinen Dorf Vadocondes in Kastilien.

Bild: PD

der wirtschaftliche und auch so- ziale Niedergang der Landbevöl- kerung – ist nicht allgegenwärtig in der Dokumentation, bleibt aber die heimliche Kulisse. Der Zuschauer wird wiederholt Zeu- ge von allerlei Ungemach, wel- ches wohl jedem Landwirt auf der Welt in irgendeiner Form wider- fährt. Sei es eine erfrorene Zu- ckerrübenernte, randalierende

Wildschweine im Maisfeld oder durch Fremde darin illegal ange- bautes Marihuana. Und doch ste- hen diesem ständigen Existenz- kampf viele schöne Momente gegenüber. Nicht nur der Wein verspricht Lichtblicke im Leben der Protagonisten, es sind die Lie- be zur Heimat, die Erinnerungen an Vergangenes, die Verbunden- heit mit den Tieren und auch der

Zusammenhalt der anderen Be- wohner, die ja schliesslich doch alle im selben Boot sitzen, was das Leben der Mitwirkenden lebenswert macht. Dieses Leben findet auf der Schneide von Gestern und Heute statt. Traditionsverbundenheit und der stetige Blick auf Gegen- wart und Zukunft schaffen ein Spannungsfeld, welches während

der gesamten Filmlänge und da- rüber hinaus Bestand hat. So kommt der Dokumentarfilm mit einem spärlichen Einsatz von Hintergrundmusik aus, welche lediglich vereinzelte Stimmungs- bilder untermalt. Von diesem gibt es im Film zahlreiche – die meis- ten wirken gerade durch die ih- nen innewohnende Stille.

Der Regisseur ist in Zug anwesend

Schwaigers Film erhielt den Cine Verde Award für den besten Dokumentarfilm auf dem World Premiers Film Festival auf den Philippinen sowie den Mención de Honor am Festival Internacio- nal del Cine Verde in Kolumbien. Der Fliz Filmclub Zug zeigt «Desde que el Mundo es Mundo – Seit die Welt Welt ist» aus dem Jahr 2016 am kommenden Mon- tagabend im Kino Gotthard. Re- gisseur Günter Schwaiger ist Saalgast.

Andreas Faessler andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Hinweis Vorführung am Montag, 13. Febru­ ar, 20 Uhr im Kino Gotthard, Zug.