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Klimawandel heißt gesellschaftlicher Wandel

Julian Kuppe

Um die natürlichen Grundlagen für das menschliche Leben nicht zu gefährden, müssen die
Kohlendioxidemissionen in den Industriestaaten bis 2050 um etwa 80 Prozent gesenkt werden
(Schellnhuber 2008). Eine Reduzierung der Kohlendioxidemissionen in einem derartigen Ausmaß
ist bisher aber kaum begonnen worden. Damit verbunden wäre eine Transformation der derzeitigen
Wirtschaftsform zu einer weitgehend kohlenstoffneutralen Wirtschaft. Jede weitere Verzögerung
dieses Transformationsprozesses vermindert die noch mögliche Emissionsmenge und damit den
gesellschaftlichen Handlungsspielraum und erhöht das Risiko gefährlicher Auswirkungen.
Angesichts der eingetretenen weltwirtschaftlichen Krisensituation werden aber kaum
Anstrengungen zu einem Umbau des wirtschaftlichen Systems unternommen, sondern es wird im
Gegenteil alles versucht, um das bisherige politisch-ökonomische System aufrechtzuerhalten.
Wie aktuelle Untersuchungen feststellen, bringen der Kohlendioxidausstoß sowie die begrenzten
Ressourcenvorräte das gegenwärtige Wirtschafts- und Gesellschaftssystem gleichermaßen in
Bedrängnis. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (2009) stellt in einer aktuellen Studie
fest, dass weniger als ein Viertel der nachgewiesenen Vorkommen fossiler Brennstoffe bis zum Jahr
2050 noch verbrannt werden kann, wenn die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius begrenzt
werden soll. Exner et al. (2008) kommen in Ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die
weltweite Förderung fossiler Energieträger kurz vor ihrem Höhepunkt steht und durch die
zunehmende Erschöpfung der Lagerstätten wahrscheinlich in naher Zukunft zurückgehen wird. Der
globale Verbrauch fossiler Energieträger muss also nicht nur aufgrund des drohenden
Klimawandels, sondern auch wegen der absehbaren Erschöpfung drastisch reduziert werden. Die
rationale Schlussfolgerung daraus wäre, dass die derzeit noch verfügbaren Ressourcen eingesetzt
werden müssen um das gesamte Wirtschaftssystem auf erneuerbare Energien umzustellen und dass
damit sofort begonnen werden muss. Anderenfalls drohen weit dramatischere wirtschaftliche,
ökologische und soziale Krisenerscheinungen als die gegenwärtig bereits stattfindenden. Doch diese
Situation in ihrer gesamten Dramatik zur Kenntnis zu nehmen, davon scheint die Mehrheit der
Gesellschaft gegenwärtig weit entfernt zu sein.

Für eine grundlegende Bewältigung der sozialen und ökologischen Krisenerscheinungen wäre es
notwendig, verschiedene Problemdimensionen zugleich zu bearbeiten, wobei unter anderem
bestimmte Zeithorizonte von Bedeutung sind. Es müsste beispielsweise sehr kurzfristig mit dem
Umbau der Energiesysteme hin zu erneuerbaren Energieträgern begonnen werden. Eine Erneuerung
des bestehenden Energieversorgungssystems mit Großkraftwerken und darauf ausgelegten
Energienetzen, würde dem Ausbau dezentraler, auf erneuerbaren Energieträgern beruhender
Energieversorgungsanlagen und -netze entgegenstehen. In diesem Bereich ist daher in nächster Zeit
eine grundsätzliche Entscheidung für einen solchen Umbau erforderlich, um nicht die bestehenden
Systeme für weitere Jahrzehnte zu konservieren und den ökologischen Umbau damit zu verhindern.
Dieser ist auch hinsichtlich der absehbaren Grenzen der nichterneuerbaren energetischen und
materiellen Ressourcen zwingend, wie Exner et al. (2008) zeigen. Die derzeit noch vorhandenen
Ressourcen müssen für diesen Umbau eingesetzt werden, anderenfalls droht die Gefahr einen Punkt
zu erreichen, an dem die vorhandenen Ressourcen für den Umbau nicht mehr
ausreichen.Gleichzeitig damit muss der Energie- und Ressourcenverbrauch in den fortgeschrittenen
Industrieländern deutlich reduziert werden, um einerseits die globale Erwärmung auf ein Maß zu
begrenzen, welches die Wahrscheinlichkeit katastrophaler Folgen möglichst gering hält, und
andererseits die Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Energieträger und eine global
gerechte Verteilung der Energie- und Ressourcennutzung ermöglicht. Die ökologische
Umgestaltung muss insbesondere im globalen Norden auch deswegen schnell und konsequent
erfolgen, weil hier zum einen der größte Teil der technischen und finanziellen Potentiale
konzentriert sind und weil die gesellschaftlichen Verhältnisse des globalen Nordens andererseits das
Entwicklungsziel vieler Regionen des globalen Südens darstellen. Die Verantwortung für die
ökologischen und sozialen Krisen liegt im globalen Norden und von dort muss auch eine soziale
und ökologische Umgestaltung ausgehen. In Verbindung damit müssen aber, im Sinne des Ziels der
intragenerativen Gerechtigkeit des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung, oder in neueren
Begriffen, der Umwelt- oder Klimagerechtigkeit, massive finanzielle und technologische Transfers
vom Norden in den Süden stattfinden.

Dies kann im Sinne des Konzepts des radikalen Reformismus auch unter Bezeichnungen wie
»ökologische Modernisierung« oder »Green New Deal« beginnen, wenn klar ist und bleibt, dass
dies nur ein erster Schritt sein kann, dem weitere folgen müssen, um die Zielvorstellungen des
Konzeptes der nachhaltigen Entwicklung verwirklichen zu können. Dies bedeutet, dass neben den
aktuell anstehenden Entscheidungsfragen gleichermassen auch die längerfristig bedeutsamen und
notwendigen strukturellen Veränderungen konsequent verfolgt und immer mit gedacht und
formuliert werden müssen. Worum es dabei nicht gehen kann, ist einerseits die Aufrechterhaltung
und ökologische Modernisierung des kapitalistischen Vergesellschaftungssystems, andererseits aber
auch nicht die Errichtung eines Plansystems, ähnlich den Systemen des sogenannten „realen
Sozialismus“, der tatsächlich eher ein Staatskapitalismus war. Generell ist ein unkritischer Bezug
auf staatliche Regulierung nicht gerechtfertigt, da die staatlichen Institutionen in erster Linie für die
Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung sorgen. Der Staat muss im Gegenteil durch soziale
Bewegungen und gesellschaftliches Handeln immer wieder dazu gebracht werden bestehende
Strukturen überschreiten zu können und das Hervorbringen neuer Strukturen zu ermöglichen.

Um die sozialen und ökologischen Zusammenhänge bewusst gestalten zu können und damit dem
Ziel einer Lösung der sozialen und ökologischen Krisen tatsächlich näher zu kommen wird eine
Abwicklung des Kapitalismus als gesellschaftlichem Vermittlungssystem letztlich unausweichlich
sein. Eine vernünftige Gestaltung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse ist mit dem unbewussten
Ablauf abstrakter Vermittlungsverhältnisse, die auf der Akkumulation von Kapital, also
ökonomischem Wachstum, beruhen, nicht vereinbar. Mittlerweile hat sich die ökologische Situation
so weit verschlechtert, dass das Postulat »Autonomie geht vor Ökologie« nicht mehr sinnvoll
aufrecht zu erhalten ist. Die ökologische Krise bedroht nun sehr direkt und massiv alle
Bestrebungen nach freier selbstbestimmter Gestaltung der Gesellschaft. Daher kann es jetzt nur
noch das Ziel sein, beide Forderungen zugleich umzusetzen, wobei immer die Gefahr der
Vereinnahmung kritischer Potentiale durch bestehende, nichtnachhaltige gesellschaftliche
Strukturen im Auge behalten und vermieden werden muss.

Quellen:

Exner, Andreas/Lauk, Christian/Kulterer, Konstantin (2008): Die Grenzen des Kapitalismus. Wie
wir am Wachstum scheitern.Wien, Ueberreuter.
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (2009): Pressemitteilung: Auf dem Weg zum Einstellen
der Emissionen: 2°C-Ziel erfordert mehr als 50 Prozent Reduzierung bis 2050. Potsdam URL:
http://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/auf-dem-weg-zum-einstellen-der-
emissionen-2b0c-ziel-erfordert-mehr-als-50-prozent-reduzierung-bis-2050 (30.4.2009)
Schellnhuber, Hans Joachim (2008): Statement von Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber ,
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung e.V., Direktor , Medieninformation, Gemeinsame
Mitteilung Technische Universität Berlin , Michael Otto Stiftung , Potsdam-Institut für
Klimafolgenforschung e.V. (PIK) , 8. Juli 2008 , Berlin. URL: http://www.pik-
potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/dateien/Statement-HJS.pdf (5. 5. 2009)

15.10.2009